Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

McGee, James – Totensammler, Die

Die „Bow Street Runners“ sind Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten ‚richtigen‘ Polizisten auf den Straßen von London. Zwar steckt die kriminalistische Arbeit noch in ihren Kinderschuhen, doch Männer wie der ehemalige Soldat und nun Sonderermittler Matthew Hawkwood kennen immerhin schon den Wert von Indizien und wissen, wie man sie deutet.

In diesem Winter des Jahres 1811 führt sein aktueller Fall Hawkwood zum alten Friedhof Cripplegate. Gehenkt und gekreuzigt fand man dort den Körper des Fleischträgers Edward Doyle. Der junge Mann verdiente sich offenbar ein Zubrot als Leichendieb und war dabei Konkurrenten in die Hände gefallen, die nicht lange fackelten. Leichen sind eine begehrte und gut bezahlte, weil immer knappe Ware für angehende Ärzte, die sezieren müssen, um den menschlichen Körper zu verstehen. Deshalb werden Londons Friedhöfe des Nachts von „Auferstehungsmännern“ heimgesucht, die möglichst frische Leichen stehlen.

Ein zweiter Fall führt zur Verzögerung der Ermittlungen. Im „Bethlehem Royal Hospital“, genannt „Bedlam“, dem uralten Irrenhaus der Stadt, hat ein Insasse, der ehemalige Feldchirurg Colonel Titus Hyde, einen Gast, den Reverend Tombs, nicht nur getötet, sondern sein Gesicht gehäutet, bevor er die Flucht ergriff. Nach Auskunft des behandelnden Arztes stellt Hyde eine große Gefahr für die Allgemeinheit dar. Der auf den Schlachtfeldern des englisch-französischen Krieges wahnsinnig gewordene, aber überaus intelligente Mann will in Freiheit ein groteskes ‚Projekt‘ verwirklichen, für das er diverse Frauenkörper benötigt.

Die soll ihm der skrupellose Rufus Sawney beschaffen, der zusammen mit seinem Partner Abel Maggett und den beiden Ragg-Brüdern stets liefern kann. Wie der Zufall (gelenkt durch Verfasser McGee) spielt, steckt Sawneys Bande hinter dem Mord an Doyle, was Matthew Hawkwood auf den Plan ruft. Sawneys Schergen kann er leicht abwehren, doch Hydes Attacken sind ungleich hinterlistiger, zumal der irre Schlächter protegiert wird. Als Hyde damit beginnt, noch lebendigen Frauen nachzustellen, ist der Zeitpunkt gekommen, das Gesetz zu vergessen und zur Gegenattacke anzusetzen …

Die Vergangenheit hat in der Unterhaltungsliteratur viele Gesichter. Bei James McGee sind sie gleichermaßen schmutzig wie blutig. Selten gab es einen Historienroman wie diesen, der sich in Moder, Verwesung und Körperflüssigkeiten aller Art förmlich suhlt. McGees Geschichte spielt nicht im Bauch von London, sondern noch mindestens eine Etage tiefer.

Die hygienischen Probleme Londons im frühen 19. Jahrhunderts beruhen auf Tatsachen. Zwar wuchs die Stadt bereits dem Industriellen Zeitalter entgegen, doch die Infrastrukturen stammten quasi noch aus dem Mittelalter und waren der anschwellenden Einwohnerzahl nicht gewachsen. Niemand fühlte sich zuständig, was auch damit zusammenhing – McGee führt es uns immer wieder vor Augen -, dass dies eine Zeit ohne soziales Netz war. Wer es nicht schaffte, sich einen Platz an der Sonne zu erobern, hatte Pech gehabt und verdiente ein jämmerliches Dasein in den Slums oder gar ein Ende, das durchaus Tod durch Verhungern bedeuten konnte.

In die Sanierung der Armenviertel oder gar in grundsätzliche Maßnahmen zur Besserung des ungeheuren Elends wollten diejenigen, die sich nicht betroffen fühlten, keinen Penny investieren. Armut, Krankheit, Gewalt und Wahnsinn wurden in Bezirke abgedrängt, die zu gewaltigen Ghettos verkamen, in die sich die ohnehin zahlenschwachen und kaum ausgebildeten Stadtwachen nicht trauten.

In dieser Welt, die McGee anschaulich als Hölle auf Erden schildert, ist ein ‚Beruf‘ wie der des professionellen Leichendiebs normal. Wie Rufus Sawney es in klare Worte fasst, ist dieser Job immer noch besser als Sickergruben zu leeren. Drakonische Strafen schrecken nicht, denn permanente Entbehrung und Gewalt stumpfen ab. Das zu verdeutlichen, ist wichtig, denn nur auf diese Weise gewinnt die Handlung ihre Überzeugungskraft: Die von McGee geschilderten Verbrechen können nur im London von 1811 geschehen.

Außerhalb des historischen Umfelds rollt die Geschichte vom psychopathischen, aber genialen Serienkiller ab. Die kennen wir Krimileser zur Genüge (oder bis zum Überdruss), aber im gewählten Rahmen kann McGee den abgegriffenen Plot plausibel aufpolieren: Das Phänomen des Serienmords liegt jenseits des Verständnisses der Zeitgenossen. Den Wissensstand fasst ein ‚Fachmann‘ aus dem Bedlam-Irrenhaus zusammen, und er ist kärglich und steckt voller Trugschlüsse. So kann sich Colonel Hyde schwungvoll ans grausige Werk machen, denn es fehlt das geistige Rüstzeug, ihm in die Parade zu fahren.

Bei nüchterner Betrachtung fällt „Die Totensammler“ nicht durch inhaltliche Originalität auf. Im Grunde weiß der erfahrene Leser, in welche Richtung die Handlung laufen wird. Auch das Finale ist primär grässlich, aber nicht wirklich überraschend. Irgendwann brechen die Ermittlungsarbeiten ab, Hawkwood ruft wie weiland „El Mariachi“ seine bizarren und hochprofessionellen Kameraden zusammen, und dann bestimmt brutale Gewalt die Szene.

Das Zusammenspiel zwischen Krimi und Historienroman ergibt die eigentliche Faszination, wobei McGee sich atmosphärisch ausgiebig beim Horror-Genre bedient. Dunkelheit, huschende Schatten, stinkende Grüfte, bizarre Unterwelten, Splatter, grandiose Bluttaten – die Liste ist lang, und um sie abzukürzen, sei an Filme wie „From Hell“ (2001) oder „The Elephant Man“ (1980, dt. „Der Elefantenmensch“) erinnert, die diese morbide Stimmung in entsprechende Bilder fassen. (Ist übrigens die auf dem deutschen Cover als Matthew Hawkwood abgebildete Person nicht die halbe Silhouette von Johnny Depp in der Titelrolle des ebenfalls im historischen England spielenden Mord-Musicals „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“? Vielleicht fallen ja einige Leser = Käufer darauf herein …)

Wie konstruiere ich eine serientaugliche Figur? James McGee zeigt es uns vielleicht ein wenig zu deutlich. Matthew Hawkwood – schon der Name suggeriert Gewicht oder besser Wichtigkeit – ist wie jeder gute (Serien-)Held vor allem einem persönlichen Kodex unterworfen. Zwar arbeitet er gut als „Bow Street Runner“, ohne sich der Institution wirklich verpflichtet zu fühlen. Dem stehen traumatische Erlebnisse im Krieg (gemeint ist der Feldzug Napoleón Bonapartes auf der iberischen Halbinsel 1807-1814, in dem auch englische Truppen den französischen Kaiser bekämpften) entgegen, die Hawkwood an einem System zweifeln lassen, das seine Soldaten auf den Schlachtfeldern verbluten ließ. Auch an der ‚Heimatfront‘ muss er Ungerechtigkeiten schlucken. Definitiv schuldige Männer schlüpfen dem Gesetz durch die Finger, weil sie von hoher Stellung sind. Nur den einfachen Mann und die einfache Frau trifft die Härte der Justiz.

Hinzu kommt eine mysteriöse Vergangenheit, die nur Stück für Stück enthüllt wird und die noch für einige Bände gut sein dürfte. Der wahre Held ist stets auch Außenseiter. So geht Hawkwood immer wieder auf Konfrontationskurs und schont die Reichen und Privilegierten nicht. Glücklicherweise kann er sich auf die Fürsprache seines Vorgesetzten, des Richters James Reed, verlassen, der auf geheimnisvolle Weise das System manchmal unterlaufen kann und seine schützende Hand über Hawkwood hält, der bei aller Ernüchterung ein guter Polizist ist.

Realität ist James McGees Sache nur bedingt. In einem Nachwort klärt er über die realen Hintergründe seiner grotesken Schauermär auf. Leichendiebe, die nicht nur Tote stahlen, sondern sie sogar zu Seife verkochten, wenn sie allzu ‚reif‘ wurden, sind demnach nicht auf seinem geistigen Mist gewachsen. Dennoch ist die Häufung absonderlicher Persönlichkeiten natürlich dem Faktor Unterhaltung geschuldet. Im Grunde tritt kein ’normaler‘ Mensch auf. Alle haben sie – gelinde ausgedrückt – ihre Macken. ‚Frankenstein‘ Hyde ist nicht einmal ihr König. Mit Rufus Sawney und seinen Kumpanen ist McGee ein wahres Höllengezücht gelungen. Die Schauerlichkeit ihrer Taten wird geschickt durch die gemütliche Selbstverständlichkeit konterkariert, mit der sie ihrer Tätigkeit nachgehen. Maggett klagt über arbeitsbedingte Rückenschmerzen, und den armen Sawney möchte man manchmal bedauern, wenn er mit tropfigen Leichen durch London irrt und unter der ausgeprägten Dämlichkeit seiner Spießgesellen leiden muss.

Überhaupt schreibt McGee den Humor größer, als man meinen möchte. Das Schwelgen im Unappetitlichen ist dermaßen übertrieben, dass es nur bedingt ernst genommen werden kann. Zwar kippt die Stimmung gern ins wirklich Bitterböse, doch zwischenzeitlich geht es vor allem derb zu. Geistliche sind garantiert Betrüger und noch geiler als der übelste Leichendieb; an Dünkel und Heuchlerei werden sie nur von Politikern und anderen selbst ernannten Stützen der Gesellschaft übertroffen, und Adel verpflichtet zu rein gar nichts.

So bereiten „Die Totensammler“ viel politisch unkorrekten Lesespaß, was immer für ein Sonderlob gut ist. McGee schreibt flott und trotzdem dicht, die deutsche Übersetzung kann Schritt halten, auch wenn die Zahl der durch die Endredaktion – falls es so etwas heute noch gibt – gerutschten Flüchtigkeits- und Rechtschreibfehler unerquicklich hoch ist. Auf ein Neues also – die Reihe wird fortgesetzt, was zur Abwechslung einmal eine gute Nachricht ist.

James McGee wurde als Glen Moy 1950 in eine Soldatenfamilie geboren. Sein Vater war u. a. in Gibraltar, Deutschland und Nordirland stationiert, sodass ständige Umzüge zur Glens Kindheit und Jugend gehörten und eine lebenslange Reiselust weckten. Unstet war auch McGees beruflicher Werdegang. Er arbeitete als Bänker, Journalist und 13 Jahre in der Luftfahrtindustrie. Außerdem schrieb er Buchrezensionen für verschiedene Radiosender.

In den 1980er Jahren schrieb McGee drei Romane, die dem Genre Militär-Thriller zuzuordnen sind. Nach längerer Pause entschied er sich dann für eine Geschichte, die in der Zeit der Napoleonischen Kriege spielte; für diese Epoche hatte er sich seit jeher interessiert. 2006 erschien „Ratcatcher“ (dt. „Der Rattenfänger“), der erste Band einer Serie um den „Bow Street Runner“ Matthew Hawkwood, die Geschichte, Krimi und Horror geschickt mischt.

McGee, über dessen Privatleben wenig bekannt ist, lebt und arbeit in Tenterden in der englischen Grafschaft Kent, wo er einen Buchladen, aber keine Website besitzt.

Die Matthew-Hawkwood-Reihe erscheint in Deutschland im |Wilhelm Heyne Verlag|:

(2006) Ratcatcher (dt. „Der Rattenfänger“) – TB Nr. 47026
(2007) Resurrectionist (dt. „Die Totensammler“)
(2008) Rapscallion (noch kein dt. Titel)

http://www.heyne.de

Rubenfeld, Jed – Morddeutung

New York, 1909: Der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud trifft per Schiff zu seiner Amerikareise ein. Geplant ist eine Reihe von Vorträgen an der Clark University. Begleitet wird er von zwei Kollegen, dem ernsten Züricher Carl Jung und dem herzlichen Ungarn Sándor Ferenczi. Sie werden von dem amerikanischen Psychoanalytiker Stratham Younger empfangen, einem jungen Mediziner, der bemüht ist, Freuds bahnbrechende Theorien in den USA zu verbreiten.

Zur gleichen Zeit wird in einem Luxusappartement eine junge Frau grausam ermordet. Ihr Körper hängt an einem Kronleuchter und sie wurde ausgepeitscht, ehe der Mörder sie erwürgte. Kurz darauf wird die junge, aristokratische Miss Nora Acton auf ähnliche Weise misshandelt, kann jedoch rechtzeitig gerettet werden, während der Täter flieht. Miss Acton hat jedoch jede Erinnerung an den Mörder und die Geschehnisse verloren und verweigert zunächst sogar die Sprache.

Die Polizei setzt große Hoffnungen in die einzige Zeugin. Stratham Younger wird beauftragt, mit Freuds Unterstützung das Trauma aufzuarbeiten, damit Miss Actons verdrängte Erinnerungen endlich wieder in ihr Bewusstsein zurückkehren. Die Arbeit kommt nur mühsam voran, da sich Miss Acton zunächst gegen die ungewöhnliche Therapie sperrt. Bald darauf deutet sich an, dass die Suche nach dem Mörder in die höchsten Kreise der New Yorker Gesellschaft führt. Die Zeit drängt, denn es besteht die Gefahr, dass der Täter erneut zuschlägt – oder Miss Acton als Zeugin ausschalten wird. Allerdings wird der Fall auch zunehmend verwirrender, und Younger weiß bald kaum noch, wem er trauen darf …

Schon die Amerikareise von Sigmund Freund und Carl Gustav Jung alleine böte genug Stoff für einen historischen Roman, die Verquickung mit einer Thriller-Handlung sorgt jedoch für einen besonderen Reiz.

|Tätersuche mit Tücken|

Der Fall wirft gleich zu Beginn viele Fragen auf, die nur ganz allmählich beantwortet werden und bis kurz vor Schluss eher stets neue Überraschungen mit sich bringen. Eine Leiche und ein versuchter Mord gehen auf das Konto des Täters; die bizarren Umstände, eine Fesselung und Auspeitschung der Opfer, sorgen für zusätzliches Entsetzen. Nora Acton erweist sich als schwierige Patientin, deren Erinnerungen unzuverlässig erscheinen und die sich gegen die ungewohnte und damals revolutionäre Vorgehensweise der Psychoanalyse wehrt. Dr. Younger wiederum hat mit doppelter Verunsicherung zu kämpfen; zum einen sieht er sich gezwungen, unter den Augen des von ihm bewunderten Sigmund Freud eine überzeugende Leistung abzuliefern, und zum anderen entwickelt er recht schnell tiefere Gefühle für Nora, auch wenn er diese als Resultat der Behandlung zu erklären versucht.

Bis zum Schluss ergeben sich einige unvorhersehbare Wendungen, denn viele ist anders, als es auf den ersten Blick erscheint, und bis zu diesem turbulenten Finale, in dem die Masken fallen, muss der Leser um weitere mögliche Opfer bangen, erst recht um die Sicherheit von Nora Acton, die als Zeugin auch ohne zuverlässige Erinnerung in Gefahr schwebt.

|Verquickung von Realität und Fiktion|

Auch wenn Sigmund Freud nicht die zentrale Gestalt des Romans ist (denn diese Aufgabe kommt Stratham Younger zu), wird er als interessanter Charakter eingeführt; eine Autoritätsperson mit zugleich väterlicher Gutmütigkeit, scharfsinnig und zurückhaltend in einem. Stratham Younger ist ein ganz eindeutiger Sympathieträger, ein junger Arzt, der unter dem Selbstmord seines Vaters leidet und trotz seiner Intelligenz nicht frei von Unsicherheiten ist.

Zwielichtig in Szene gesetzt wird dagegen Carl Gustav Jung. Von seiner Ankunft in Amerika an distanziert er sich von seinen Kollegen und deutet vermehrt eine kritische Haltung gegenüber Freuds Theorien an. Der einstige Schüler entwickelte sich später zu einem Gegner des Vaters der Psychoanalyse, und erste Anzeichen für diesen Bruch werden hier in die Handlung mit eingewoben.

Zunächst gewöhnungsbedürftig sind die verschiedenen Perspektiven, da einmal aus der Ich-Perspektive Youngers und dann wieder aus der Sicht eines unbeteiligten Erzählers gesprochen wird, der wiederum abwechselnd die Handlungsstränge um Younger und Freud sowie um die Ermittler Coroner Hugel und Detective Littlemore verfolgt. Der knurrige, erfahrene Coroner Hugel wählt ausgerechnet den Neuling Littlemore zum Assistenten, der sich mit Feuereifer auf seinen ersten Mordfall stürzt und, zum Amüsement des Lesers, voller Begeisterung wilde Theorien entwickelt. Allerdings entwickelt sich der überaus sympathische Littlemore von einer Humorfigur nach und nach zu einem fähigen Ermittler, der sich immer näher an die Wahrheit heranarbeitet. Eine nette Einbettung in die Handlung ist auch seine Romanze mit dem Dienstmädchen Betty, das ursprünglich als Zeugin für den Mord fungierte.

Der Aufhänger für den Roman ist Freuds bis heute nicht ganz geklärte Abneigung gegen die USA nach seiner Vortragsreise. Die Verwicklung in einen mysteriösen Mordfall ist eine gelungene, phantasievolle Begründung für Freuds Verhalten. Zudem wurden zahlreiche verbürgte Zitate von Freud und Jung in ihre Dialoge eingebaut, sodass Kenner der Psychoanalyse ihren Spaß daran haben werden, die biographisch korrekten Elemente herauszufiltern. Auch Historienfreunde kommen auf ihre Kosten, denn das New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildet einen bunten Schauplatz, der gerade im Begriff ist, sich zur Modernität aufzuschwingen und in dem zahlreiche neue Erfindungen auf dem Vormarsch sind. Es ist eine Zeit, in der die Automobile allmählich die Droschken auf den Straßen verdrängen, in der sich die Architekten mit den höchsten Gebäuden gegenseitig zu übertreffen anstreben und in der aristokratische Dynastien wie die Vanderbilts und die Astors den Ton der Gesellschaft angeben.

|Nur geringe Schwächen|

Auch den von der Psychoanalyse Überzeugten werden Freuds Analysen teilweise zu hellseherisch erscheinen. Dank seiner Theorien gelingen ihm auf Gesellschaften Erkenntnisse über das Leben fremder Leute, die nicht mehr realistisch sind. Des Weiteren müssen Historienfreunde hinnehmen, dass der Autor einige Fakten zugunsten seiner Geschichte abwandelt oder zeitlich versetzt. So wurde beispielsweise das Leichenschauhaus in einen anderen Stadtteil versetzt, der Baufortschritt der Manhattan Bridge verändert und ein Streik ein paar Monate früher angesetzt. Zudem fällt Noras Charakter gegenüber den anderen Figuren ab; sie wird recht klischeehaft gestaltet, was sich vor allem in der Auflösung aller Zusammenhänge offenbart.

_Als Fazit_ bleibt eine gelungene Mischung aus Historienroman und Thriller, in dem Sigmund Freud eine wichtige Rolle spielt. Die verschachtelte Handlung kann mit einigen überraschenden Wendungen aufwarten und die Hauptfiguren überzeugen. Kleine Abstriche gibt es für ein paar konstruierte Elemente und eine klischeehafte Nebenfigur. Ansonsten ist „Morddeutung“ sehr lesenswert, auch ohne Vorkenntnisse in der Psychoanalyse.

_Der Autor_ Jed Rubenfeld, Jahrgang 1959, ist Professor an der Yale-Universität und Experte für Verfassungsrecht. „Morddeutung“ ist sein erster Roman und setzte sich direkt an die Spitze der Bestsellerlisten. Die Filmrechte wurden bereits verkauft. Rubenfeld arbeitet an seinem zweiten Roman.

http://www.interpretationofmurder.com/
http://www.heyne.de

http://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund__Freud
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl__Gustav__Jung
http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A1ndor__Ferenczi

Kornbichler, Sabine – Gefährliche Täuschung

Die eher trockene Volkswirtschaftslehre und die Belletristik haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Sabine Kornbichler verbindet die beiden Ungleichen allerdings, denn die studierte Volkswirtin arbeitet mittlerweile als Autorin. Dabei geht es alles andere als wirtschaftlich zu: „Gefährliche Täuschung“ ist ein Thriller im Chiemgau, der von Kornbichlers Studium nicht weiter entfernt sein könnte.

Die Kinderbuchillustratorin Emma wird während einer Fahrradtour von einem Unbekannten niedergeschlagen und entführt. Fünf Tage hält er sie in einer Hütte im Wald fest und behauptet, dass Laurenz, Emmas Mann, die Geldübergabe herauszögern und Emma nicht wirklich lieben würde. Als er sie endlich freilässt, haben die bangen Stunden selbstverständlich Spuren hinterlassen. Emma ist schreckhaft und anfangs sehr misstrauisch gegenüber ihrem Mann. Sie sieht überall Gespenster und ist dem Entführer, der ihr nur maskiert gegenübergetreten war, so dankbar, dass er sie freigelassen hat, dass sie ihn noch nicht mal anzeigen möchte.

Doch dieses Verhalten wird ihr zum Verhängnis, denn auf einmal wird sie nicht mehr als Zeugin, sondern als Beschuldigte vernommen. Mit ihrer Kreditkarte ist ein Flug gebucht und ein Auto gemietet worden und Zeugen haben geschildert, dass die Person, die dies tat, Emma war. Emma ist verzweifelt. Wie soll sie entführt in einer Holzhütte liegen und gleichzeitig ein Auto mieten? Es muss eine Person geben, die ihr ähnlich sieht. Emma macht sich selbst auf die Suche, doch diese erweist sich als nicht besonders einfach …

„Gefährliche Täuschung“ erinnert stark an die Romane von Petra Hammesfahr. Im Mittelpunkt steht eine starke, aber gleichzeitig verletzliche Frau, der Unrecht angetan wird und die dagegen ankämpft. In diesem Fall heißt sie Emma. Leider unterscheidet sie sich nicht merklich von anderen derartigen Frauenfiguren. Sie versteht sich gut mit ihren Eltern, führt eine funktionierende Ehe und hat in Verena eine beste Freundin gefunden. Ihre Charakterzüge weisen nur wenig Originelles auf. Allerdings kann man Kornbichler nicht vorhalten, sie hätte ihre Figuren nicht gut gezeichnet. Alle Personen sind gut ausgearbeitet und wirken wie Menschen, die jeder in seinem Freundeskreis hat. Sie passen in die Geschichte, aber sie tragen nur wenig Interessantes dazu bei. Dafür wirken sie einfach zu normal.

Ähnliches gilt für die Handlung, die solide Spannung aufbaut, mehr aber leider auch nicht. Kornbichlers Geschichte ist sauber konstruiert und hat die eine oder andere überraschende Wendung zu bieten. Dennoch bleibt sie in der Spur und begibt sich nur selten in wirklich reißerische Gefilde. So widersprüchlich es klingt, aber „Gefährliche Täuschung“ lässt sich tatsächlich als ruhiger Thriller etikettieren. Es passiert nichts Außerordentliches, nichts Gefährliches, aber trotzdem ist die Geschichte stimmig und regt zum Nachdenken an. Der Leser stellt nämlich genau wie Emma fest, wie ambivalent ihre Situation doch ist. Was sie als Indiz für ihre Entführung ansieht, wird durch die Kripo ganz einfach umgedreht und gegen sie verwendet. Es ist erschreckend, wie dem Kriminalfall, der für den Leser, der Emma während der Entführung begleitet hat, klar zu sein scheint, die Basis so einfach entzogen werden kann.

Mit dem Schreibstil verhält es sich ähnlich wie mit Personen und Handlungen: Auch er ragt nicht durch besondere rhetorische Stilmittel oder wiederkehrende Eigenschaften heraus. Kornbichler erzählt flüssig und dicht. Es gibt kaum unnötige Sätze, alles ist zweckmäßig darauf ausgerichtet, die Handlung zu transportieren. Die Autorin schafft es außerdem, die Ich-Erzählerin Emma vor dem Auge des Lesers lebendig werden zu lassen, auch wenn sie wegen der Figurenzeichnung etwas eindimensional wirkt.

Wägt man das Positive gegen das Negative ab, ist „Gefährliche Täuschung“ ein recht solider Thriller, der vor allem Leute anspricht, denen eine Frauenfigur als Hauptperson wichtiger ist als eine hochspannende Handlung. Mit Letzterem kann Kornbichlers Roman nämlich nicht unbedingt dienen. Es geht sehr ruhig zu in dem Buch, auch wenn Emmas Suche ihre Höhepunkte hat. Das wird dem einen gefallen, dem anderen vielleicht nicht. „Gefährliche Täuschung“ ist demnach Geschmackssache.

http://www.knaur.de
http://www.sabine-kornbichler.de

_Sabine Kornbichler bei |Buchwurm.info|:_
[„Annas Entscheidung“ 2549
[„Im Angesicht der Schuld“ 2561
[„Der gestohlene Engel“ 4680

Ellery Queen – Der verschwundene Revolver

Queen Revolver Cover kleinDer alternde Star einer Western-Show wird vor 20.000 Fans niedergeschossen. Unter den Zuschauern: Ellery Queen, Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv. Es gibt kein Motiv und keine Mordwaffe, aber viele Verdächtige und bald die nächste Leiche … – Skurriler Großstadt-Krimi im Western-Milieu, besetzt mit den üblichen scheinbar Unschuldigen, auf die man als Leser besonders scharf achten sollte; die Lösung ist trotzdem kaum zu erraten und reichlich bizarr.
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Mischke, Susanne – Tote vom Maschsee, Der

Neue Krimis sprießen fast schon wie Unkraut aus dem Boden, und besonders beliebt sind Lokalkrimis, bei denen Krimihelden im eigenen Heimatort ermitteln. Doch leider war die schöne niedersächsische Hauptstadt bei Krimiautoren bislang offensichtlich nicht sonderlich beliebt. So haben wir zwar eine sehr gute Tatortkommissarin, die in Niedersachsen ermittelt, aber zu lesen gab es krimitechnisch über Hannover nicht sehr viel – das hat sich nun glücklicherweise dank Susanne Mischke geändert!

_Auf Haarmanns Spuren_

Dr. Martin Offermann, ein bekannter Psychologe, hält im Courtyard Marriott Hotel am Hannoveraner Maschsee einen Vortrag über die Typologie von Sexualstraftätern – noch nichts Böses ahnend, denn es wird nicht lange dauern, bis seine Zunge am Denkmal für Haarmanns Opfer auf dem Stöckener Friedhof gefunden wird und der Rest von Offermann tot im Maschsee.

Die Hannoveraner Kriminalpolizei ist sofort vor Ort, um Spuren zu sichern und Zeugen zu vernehmen. Jule Wedekin, die gerade ihren ersten Tag bei der Kripo verlebt und sich gleich mit den Vorurteilen ihrer neuen Kollegen konfrontiert sieht, bekommt keine Schonzeit zugestanden; sogleich gehört sie zur Ermittlungstruppe, die herausfinden soll, ob jemand Offermann zum Schweigen bringen wollte. Hat die herausgeschnittene Zunge ‚etwas zu sagen‘? Da der bekannte Psychologe oftmals als Gutachter für das Gericht gearbeitet hat, wühlt sich die Kripo durch Berge von Akten und zieht Erkundigungen ein zu laufenden Fällen. Auch Offermanns schöne Kollegin Liliane Fender rückt schnell ins Kreuzfeuer der Polizei, denn sie gibt immer nur so viele Informationen preis wie notwendig, außerdem verschweigt sie der Kripo, dass sie sich demnächst als Partnerin in der Praxis einkaufen wollte – für stolze 140.000 Euro, die sie nun dank Offermanns plötzlichem Ableben gespart hat. Klingt nach einem handfesten Motiv.

Doch die Polizei verfolgt zahlreiche weitere Spuren, denn der jüngste Fall, in welchem Offermann als Gutachter tätig war, erscheint ebenfalls vielversprechend. Es geht um einen Sexualstraftäter, der nun nach 15 Jahren Gefängnis entlassen werden soll – ohne Sicherheitsverwahrung, denn das Gericht hatte 15 Jahre zuvor versäumt, eine solche anzuberaumen. So müssen neue Informationen her, um den Straftäter weiter hinter Schloss und Riegel zu halten. Hat Offermanns Tod mit diesem Fall zu tun? Das bleibt abzuwarten …

_Gestörte Idylle am Maschsee_

Hannover als ehemalige Heimat des bekannten Massenmörders [Fritz Haarmann]http://de.wikipedia.org/wiki/Fritz__Haarmann bietet sich eigentlich an für einen Lokalkrimi, doch „Der Tote vom Maschsee“ war nun der erste von mir gelesene Krimi, der in meiner langjährigen Wahlheimat spielt. So war ich natürlich gespannt wie ein Flitzebogen auf lokale Begebenheiten, die ich selbst aus eigener Erfahrung kenne, und da enttäuschte mich Susanne Mischke nicht. Gleich zu Beginn findet sich eine abgeschnittene Zunge auf dem Stöckener Friedhof, kurz darauf geht es zum Leichenfund an den wunderschönen Maschsee, der damals in der Zeit des Nationalsozialismus künstlich angelegt wurde. Mischke geizt aber auch nicht mit Stadtteilbeschreibungen aus der Südstadt, Linden und auch der List. Stets nimmt sie den Leser an die Hand, leitet ihn über Hannovers Straßen und lädt ihn ein in Kneipen der Stadt. Wer Hannover nicht kennt, mag etwas überfordert sein, doch wer die Niedersächsische Hauptstadt kennt, wird begeistert allen Schritten folgen und sich gerne an die jeweiligen Stadtteile und Örtlichkeiten erinnern.

Doch Susanne Mischke hat noch mehr zu bieten, und zwar grandiose Charaktere. Allen voran wäre da beispielsweise Hauptkommissar Völxen zu nennen, der zu faul zum Rasenmähen ist und es deshalb für praktisch erachtet hat, sich stattdessen vier Schafe anzuschaffen, die das Rasenstutzen für ihn übernehmen. Was er allerdings nicht bedacht hat, war die Tatsache, dass leider auch die Schafe in regelmäßigen Abständen geschoren werden müssen, und so hat Völxen sich das geeignete Werkzeug gekauft und macht sich unter tatkräftiger Unterstützung seiner pubertierenden Tochter ans Werk. Doch bevor er seine Schafe fertig frisiert hat, ereilt ihn ein Anruf seiner Kollegen, die ihn zu einem neuen Tatort rufen, und so eilt er davon und überlässt seiner Tochter und dem nicht gerade gern gesehenen Freund das Feld. Grandios ist die Szene, als Völxen am Tag darauf seine Schafe beguckt und feststellen muss, dass seine Tochter besonders kreativ gewesen ist:

|“Nichts Gutes ahnend, stapft Völxen ums Haus herum und nimmt Kurs auf die Schafweide. Dort angekommen, schnappt er nach Luft, und an seiner Schläfe treten zwei Adern hervor. […] Völxen deutet stumm und anklagend auf das Schaf Angelina. Das Tier ist ordentlich geschoren, bis auf einen Streifen entlang der Wirbelsäule. Damit nicht genug, hat irgendein Blödian diese Irokesenbürste pink eingefärbt.“|

Völxen gibt auch an anderen Stellen genügend Anlass zum Schmunzeln; so ist er etwas beleibt und wird von seiner nicht mehr ganz so geliebten Ehefrau zum Diäten angehalten. Während er zähneknirschend zu Hause das Bier ausspart (glücklicherweise hält sein Nachbar immer ein gutes Herri – für den Nicht-Hannoveraner auch „Herrenhäuser“ genannt – bereit) und den Gemüsefraß herunterquält, gönnt er sich an anderer Stelle natürlich genügend Kalorienbomben, doch seine Frau hat noch bessere Pläne für ihn – nämlich Nordic Walking!

|“Fettverbrennung, schon wieder so ein Unwort. Hat etwa diese Übungsleiterin – „Ich bin Helga“ – dabei ihn angesehen? Dabei ist er hier längst nicht der Dickste. Schon eher diese Dame fortgeschrittenen Alters in den pinkfarbenen Leggins. Überhaupt – wären die Stöcke nicht, man könnte meinen, dies sei ein Treffen der Weight-Watchers. Er kommt sich albern vor in diesen Klamotten, die Sabine für ihn bei ihrem Lieblingskaffeeröster erstanden hat. Zum Glück sieht ihn hier niemand, der ihn kennt. Er hat sich extra bei der Volkshochschule der nahe gelegenen Kleinstadt Gehrden zum Anfängerkurs angemeldet…“|

Hauptkommissar Völxen ist allerdings nicht der einzige Charakter, der richtig Profil gewinnt und dem Leser höchst sympathisch wird. Auch die neue Kommissarin aus gutem Hause – Jule Wedekin -, die sich endlich von ihren Eltern abnabeln will und deswegen in eine kleine Wohnung in der List zieht, erlebt Kurioses: Als sie eines Abends nämlich zu ihrem Nachbarn geht, um das geeignete Equipment auszuleihen, um ihre Küchenlampe aufzuhängen, sieht sie mit Kennerblick sofort die kleine Hanfplantage auf der Fensterbank ihres Nachbarn und stellt sich ihm vorsorglich nicht als Polizistin vor. Thomas, so heißt der Hobby-Hanfzüchter, bietet sich sogleich an, die Küchenlampe eigenhändig aufzuhängen und begleitet Jule in ihre Wohnung, als auch schon ihr Kollege Fernando – ehemals bei der Drogenfahndung – vor der Tür steht und Thomas weismacht, dass er Fußpfleger wäre. Nachdem die zweite Flasche Wein geleert ist und eine Tüte kreist, klingelt auch noch die nächste Kollegin an Jules Tür – Oda, die sich gleich fröhlich zu der angeheiterten Runde gesellt und sich die Tüte schnappt. Genau so stellt man sich die deutsche Kriminalpolizei vor, zumal Oda sich ganz uneigennützig anbietet, den angeheiterten Hanfzüchter spätabends in seine Wohnung begleitet, um sich dort seine Pflanzensammlung zeigen zu lassen – und nicht nur das …

All diese Beschreibungen machen die handelnden Figuren sympathisch und fast schon zu guten Freunden. Susanne Mischke lädt uns ein, ihre Romanfiguren kennenzulernen und sie auf Schritt und Tritt zu begleiten. Derart herrliche Beschreibungen voller Situationskomik findet man leider selten, insbesondere im Krimigenre.

_Und was ist mit der Spannung?_

Neben der wunderbaren Charakterzeichnung vergisst Susanne Mischke selbstverständlich nicht ihren Kriminalfall, den es aufzuklären gilt. Und hier zeigt sie, dass sie die wesentlichen Elemente eines guten Kriminalromans kennt; sie legt verschiedene Spuren aus, die teilweise natürlich in die Irre führen, sie lässt verschiedene Menschen auf den Plan treten, die alle Stückchen für Stückchen zur Lösung des Falles beitragen oder vielleicht auch Hinweise geben, die in die falsche Richtung führen. So fiebert man beständig mit, will wissen, was mit Offermann geschehen ist, ob seine schöne Kollegin Fender Dreck am Stecken und warum man ihn zum Schweigen verurteilt hat.

Die Lösung des Falles überzeugt auf ganzer Linie, auch wenn sie wohl nicht vollkommen überraschend kommt. Schon ein wenig vorher deutet sich an, dass praktisch nur noch diese eine Auflösung möglich ist, doch glücklicherweise erlag Mischke nicht dem Wahn, ihrem Buch zum Schluss noch eine hanebüchene Wendung hinzufügen zu müssen, die an den Haaren herbeigezogen gewesen wäre.

Kriminaltechnisch gesehen geht „Der Tote vom Maschsee“ als gehobener Durchschnitt durch, doch als Gesamtkunstwerk betrachtet, das sich mit Sicherheit eher an die Bevölkerung Hannovers wendet, kann ich nur die Höchstnote zücken. Susanne Mischke streut genügend Lokalkolorit ein, um Hannoveraner bei Laune zu halten, verirrt sich aber nicht so sehr in Straßennamen und anderem Insiderwissen, dass andere Leser vollkommen ausgeschlossen wären. Insbesondere mit ihren sympathischen und authentischen Charakteren, ihrer Situationskomik und ihrem Wortwitz punktet Susanne Mischke und sorgt dafür, dass ich schon jetzt dem nächsten Fall entgegenfiebere, den Völxen und sein Ermittlungsteam lösen müssen.

http://www.piper-verlag.de

Stefan Melneczuk – Marterpfahl. Sommer der Indianer

Ein Auto kommt von der Straße ab und stürzt einen Abhang hinunter. Als die Rettungskräfte das Fahrzeug erreichen, finden sie eine schwerverletzte Frau zusammengesunken hinter dem Steuer. Sie stirbt in den Armen eines Feuerwehrmannes, doch zuvor flüstert sie ihm noch etwas ins Ohr. Er behält ihre letzten Worte für sich und auch das, was er in diesem Moment gesehen hat – etwas, das ihm niemand glauben würde …

Tausende Meilen weiter, an der kanadischen Küste, tobt ein schwerer Sturm. Doch er kann dem Haus der Familie Bauer nichts anhaben. Die Bewohner haben alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Die Fenster sind mit Holzlatten vernagelt, das Haus gesichert. Doch die Nachricht, die David Bauer in dieser Nacht erhält, trifft ihn härter als jede Sturmböe. Es ist eine Mail aus Deutschland und ihre Betreffzeile lautet: „Indianer kennen keinen Schmerz.“ David wird nicht schlafen in dieser Nacht und auch nicht in den folgenden. Er muss zurückkehren, zurück in die Vergangenheit …

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Harris, Charlaine – Grabesstimmen (Harper Connelly 1)

_Harper Connelly_ ist eine ziemlich außergewöhnliche junge Frau, denn als junges Mädchen wurde sie vom Blitz getroffen. Sie überlebte nur mit Glück, kann seither jedoch die Anwesenheit von Toten spüren und deren letzte Minuten nachempfinden. Zusammen mit ihrem Bruder Tolliver hat sie diese Gabe zur Geschäftsidee entwickelt, und so tingeln die zwei durch die Vereinigten Staaten, um ihre Dienste feilzubieten.

Zu Beginn von Charlaine Harris‘ neuem Roman „Grabesstimmen“ verschlägt es Harper und Tolliver ins verschlafene Städtchen Sarne. Dort wurden sie von der einflussreichen Sybil Teague engagiert, um die Leiche der jungen Teenie zu finden. Diese war vor einiger Zeit zusammen mit ihrem Freund Dell, pikanterweise Sybils Sohn, verschwunden. Dells Überreste wurden gefunden, Teenies nicht – und so geht die Polizei davon aus, dass Dell Teenie ermordet hat, nur um sich danach selbst zu töten.

Tatsächlich findet Harper Teenies Leiche ohne Probleme, doch verkompliziert sich der Einsatz, als immer klarer wird, dass sowohl Teenie als auch Dell ermordet worden sind. Als dann ein weiterer Mord geschieht, finden sich Harper und Tolliver plötzlich in der sprichwörtlichen Schusslinie wieder und sehen sich also gezwungen, Licht in die ganze Geschichte zu bringen.

_Charlaine Harris‘ Romane_ haben leider reichlich spät die Reise über den großen Teich angetreten: Ihr erstes Buch veröffentlichte sie bereits 1981, doch erst 2004 wurde der erste Roman ihrer Serie um die Kellnerin Sookie Stackhouse ins Deutsche übersetzt. Es scheint so, dass ihre unterhaltsame Mischung als Mystery, Krimi und Humor, gewürzt mit einer ordentlichen Prise Erotik, auch hierzulande eine treue Fangemeinde gefunden hat. Zumindest legt der Entschluss ihres Verlages |dtv| (zuvor bei |Feder & Schwert|), eine weitere ihrer Romanserien zu herauszubringen, diesen Schluss nahe. Und auch „Grabesstimmen“ wird zweifellos eine wohlwollende Leserschaft finden, denn Harris schafft es, sich selbst treu zu bleiben, ohne sich zu wiederholen. So kann man die Autorin der Sookie-Bücher problemlos in „Grabesstimmen“ wiedererkennen, und doch hat sie keinen billigen Abklatsch ihrer Vampirserie geschrieben.

Das Verhältnis Mystery/Krimi ist hier im Gegensatz zu den Sookie-Romanen spiegelverkehrt. Abgesehen von der Tatsache, dass Harper Leichen aufspüren und auf geheimnisvolle Weise deren letzte Momente nachempfinden kann, bleibt Harris konsequent in der „realen Welt“. Harpers Fähigkeit ist nur etwas mehr als der übliche Spleen eines jeden Detektivs – der eine züchtet Rosen und der nächste raucht Schaumpfeife. Heutzutage muss man sich also Autor schließlich schon etwas Besonderes für seinen Protagonisten ausdenken! „Grabesstimmen“ kommt also als straff durchkomponierter Krimi mit Mystery-Einschlag daher und bietet den Fans beider Genres genug, um sie durchgehend zu unterhalten.

Harris’ Spezialität ist die Beschreibung hinterwäldlerischer Südstaatennester, und auch in „Grabesstimmen“ hat sie mit Sarne wieder ein solch verqueres Stück Provinz beschrieben. Der Ort lebt im Sommer von Touristen, und die Einwohner sind sich nicht zu schade, sich in rüschige Kostüme zu werfen und in Touristenfallen Kuchen und sinnlose Souvenirs zu verkaufen. In den Wintermonaten werden die Bürgersteige jedoch hochgeklappt und Sarne präsentiert sich als das, was es in Wahrheit ist: ein ziemlich gottverlassenes Provinznest, bewohnt von Landeiern, die glauben, am Nabel der Welt zu leben. Und so wundert es kaum, dass die seltsame Harper zunächst auf Unverständnis, dann auf Ablehnung und schließlich auf offene Feindschaft stößt. Es fällt den Einwohnern leicht, sie als Außenseiterin zu brandmarken, und schlussendlich würden sie am liebsten ihr und ihrem Bruder die Mordserie in die Schuhe schieben. Wie auch schon in ihren Sookie-Romanen, legt Harris den Finger in die Wunde und zeigt Kleingeistigkeit und Provinzialität in all ihrer Härte.

Dabei kommt ihr auch ihre große Begabung zupass: überzeugende und lebensechte Charaktere zu erfinden. Das zeigt sich vor allem in Harper und Tolliver. Die beiden sind Halbgeschwister, deren Eltern sich ins Nirwana getrunken haben. Die harte Kindheit hat beide zusammengeschweißt, und diese ungewöhnliche Geschwisterliebe blitzt in jeder ihrer Szenen durch. Harris schafft es, ihre Beziehung glaubwürdig und trotzdem nicht kitschig wirken zu lassen. Der Leser erfährt einiges über Harpers und Tollivers Vergangenheit, und die Tatsache, dass diese Einschübe mitunter etwas gekünstelt und forciert wirken, ist das einzige Manko des Romans.

Harris‘ Begabung für Charakterstudien zeigt sich auch in diversen Nebenfiguren. Sie hat offensichtlich ein Faible dafür, nervtötende und (fast) überzeichnete Figuren zu erfinden, die nicht nur den Protagonisten, sondern auch dem Leser auf den Wecker fallen – unterhaltsam auf den Wecker fallen, wohlgemerkt. Einer dieser Charaktere ist die junge Mary Nell, ein Teenager im anstrengendsten Alter, die sich sofort unsterblich in Tolliver verliebt und gleichzeitig in Harper eine Konkurrentin um Tollivers Gunst sieht. Mary Nell biedert sich bei Tolliver an und fährt bei Harper die Krallen aus – ein Verhalten, das durchaus seine komischen Momente hat, auch wenn man Mary Nell hauptsächlich am Kragen packen und kräftig schütteln möchte.

_“Grabesstimmen“_ ist ein überaus kurzweiliger und spannender Krimi mit Mystery-Elementen und einem Protagonisten-Paar, das mit Charme, Witz und Charakterstärke schnell die Sympathien der Leser gewinnen wird. Dazu kommt ein Krimiplot um eine steigende Anzahl von Leichen, der sich zwar lange nicht mit den Größen des Genres messen kann, aber doch ein unterhaltsames Rätselspiel für zwei oder drei vergnügliche Leseabende bietet.

Eine Warnung am Schluss: Schwangere sollten sich von dem Roman unbedingt fernhalten. Harris hat für ihre Charaktere fast durchgehend Namen an der Schwelle der Erträglichkeit gewählt. Alle, die auf der Suche nach Babynamen sind, sollten also einen Bogen um „Grabesstimmen“ machen. Denn wer will schon sein Kind Harper, Tolliver, Teenie, Dell, Vernon oder Hollis nennen …

http://www.dtv.de

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_Charlaine Harris auf |Buchwurm.info|:_

|Sookie Stackhouse|

1. „Dead Until Dark“ ([„Vorübergehend tot“, 788 2006, ISBN 3937255141
2. „Living Dead in Dallas“ ([„Untot in Dallas“, 939 2006, ISBN 393725515X)
3. „Club Dead“ ([„Club Dead“, 1238 2005, ISBN 3937255168)
4. Dead to the World ([„Der Vampir, der mich liebte“, 2033 2005, ISBN 3423244747)
5. „Dead as a Doornail“ ([„Vampire bevorzugt“, 3157 2006 ISBN 342324545X)
6. „Definitely Dead“ („Ball der Vampire“, 2007 ISBN 3423209879)
7. „All Together Dead“ („Vampire schlafen fest“, 2008)
8. „From Dead to Worse“

Die Sookie-Stackhouse-Reihe wird momentan als TV-Serie unter dem Titel „True Blood“ von HBO verfilmt. Regie führt Alan Ball (Six Feet Under). Sookie Stackhouse wird von Anna Paquin („Das Piano“, ‚Rogue‘ in „X-Men“ 1-3) gespielt, Bill von Stephen Moyer („Land of the Blind“, „88 Minuten“).

Dunne, Patrick – Pestglocke, Die

Der schwarze Tod, die Strafe Gottes: die Pest, die im Mittelalter ein Drittel der Bevölkerung Europas tötete. Ein Leichentuch, das vor keinem Land haltmachte und etwa 20 bis 25 Millionen Menschen grausam dahinraffte. Gegen diese bakterielle, hochgradig ansteckende Krankheit waren die meisten Mediziner dieser Epoche machtlos, und die wenigen, die richtig vermuteten, woher diese tödliche Krankheit kam, wurden milde belächelt.

Die Inkubationszeit konnte bei wenigen Stunden liegen, genauso gerne aber auch bis zu sieben Tage betragen. Immer wieder aufkehrende Symptome sind hohes sich schnell entwickelndes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Wenig später kommt es zu Bewusstseinsstörungen. Der Ausdruck ‚Beulenpest‘ stammt von den stark geschwollenen Beulen am Hals bzw. Achselhöhlen und Leisten. Die Lymphgefäße und -knoten werden befallen. Diese oftmals eitrigen Beulen können dabei einen Durchmesser von etwa zehn Zentimetern erreichen.

Ein Autor aus der Zeit des Mittelalters schildert die verheerenden Auswirkungen der Pest folgendermaßen: |“So konnte, wer – zumal am Morgen – durch die Stadt gegangen wäre, unzählige Leichen liegen sehen. Dann ließen sie Bahren kommen oder legten, wenn es an diesen fehlte, ihre Toten auf ein bloßes Brett. Auch geschah es, dass auf einer Bahre zwei oder drei davongetragen wurden, und nicht einmal, sondern viele Male hätte man zählen können, wo dieselbe Bahre die Leichen des Mannes und der Frau oder zweier und dreier Brüder und des Vaters und seines Kindes trug.“|

Die Ärzte, deren Ausbildung zum Teil viel mit der Astrologie zu tun hatte, gaben die Schuld an der Pest den Sternbildern und besonders religiöse Medizi bezeichneten in ihrem Aberglauben und ihrer Gottesfurcht die Krankheit immer wieder als Strafe Gottes für die sündigen Menschen. Später suchte man sich als Sündenbock die jüdische Bevölkerung, die immer schon mit Argwohn und Neid gemieden und verachtet wurde. Trotz aller Vorurteile, aller Ängste und des Aberglaubens konnte die Pest von einigen Ärzten, die ihrer Zeit voraus waren, mit einem System von Sauberkeit und Vorsorge erfolgreich bekämpft werden.

Zweifelsfrei hatte die Krankheit, so makaber es klingen mag, auch für die wirtschaftliche und kulturelle sowie medizinische Entwicklung viel beigetragen. Die Bevölkerung in den Städten wurde sauberer und sich ihrer Verantwortung bewusster, Kanalisation und Abfallorte wurden geschaffen, zugleich entstanden neue Berufe, die Mediziner taten einen gewaltigen Sprung nach vorn und fingen an, die Leichen von Pestopfern systematisch zu untersuchen. Für die damalige Forschung und Entwicklung war all dies ein großer Schritt.

Patrick Dunne hat diese Krankheit in seinem neuen Roman „Die Pestglocke“ als Nebenfigur auftreten lassen.

_Die Story_

Bei einer Ausgrabung findet die Archäologin Illaun Bowe zwei Bleisärge. Alles spricht dafür, dass sich hier im Mittelalter ein Pestfriedhof befunden haben muss. Vorsichtig und bedächtig wird versucht, diese Särge von ihrem nassen Grab zu befreien, um sie und den Inhalt später wissenschaftlich untersuchen zu können.

Während der Bergung geschieht jedoch ein Unfall und überschüttet den Arbeiter Terry, der Illaun bei ihrer archäologischen Arbeit behilflich ist, mit dem Inhalt des Sarges. Diese ‚Leichensuppe‘ aus geronnenem, verwesendem Körperfett ergießt sich über Terry. Illaun, die weiß, dass ein Pesttoter immer noch hochgradig ansteckend sein kann, schickt Terry auf schnellstem Wege ins benachbarte Krankenhaus, um sich dort auf mögliche Infekte untersuchen zu lassen.

Beim Öffnen des zweiten Sarges finden die Wissenschaftler zwischen den Knochen eine wunderschöne aus Holz geschnitzte Madonna. Warum wurde dieses fantastische Kunstwerk zusammen mit einem Pesttoten in einem Bleisarg vergraben? Illaun soll die Madonna dem Nationalmuseum übergeben, das die Heilige Jungfrau untersuchen und später ausstellen will, doch an einem Freitag ist dort niemand mehr, um das Kunstwerk entgegennehmen zu können, und so lagert sie die Madonna in einem ungenutzten Raum der Bibliothek ein.

Bei einer abendlichen Veranstaltung trifft sich Illaun mit ihrem Verlobten Finian und einem Polizisten. Finians Vater ist bei einem Spaziergang auf die Leiche einer Frau gestoßen, die offensichtlich stark verstümmelt wurde. Die Frau war afrikanischer Abstammung, und ihre Verletzungen deuten auf einen Ritualmord hin, da der Leiche der Kopf, die Brüste und die Genitalien ab- und herausgeschnitten wurden. An den Ermittlungen soll ein Sonderermittler aus Kapstadt teilnehmen, der mit solchen Ritualmorden schon Erfahrungen sammeln konnte.

Etwas später am Abend bringen sie Terry, den wissenschaftlichen Mitarbeiter der von der Leichensuppe überschüttet wurde, wieder ins Krankenhaus, da er fiebert und ständig sein Bewusstsein verliert. Wenig später verschlechtert sich sein Zustand rapide, die Körperfunktionen versagen ihren Dienst und kurz darauf stirbt er.

Die Todesursache ist für die Mediziner zunächst unklar, aber es steht außer Zweifel fest, dass bei ihm innerhalb kürzester Zeit eitrige Geschwüre aufgetreten sind, sowie eine Lungenentzündung und Blutvergiftung. Überraschend wurde bei ihm auch AIDS diagnostiziert, das sein Immunsystem geschwächt hat, so dass eine endgültige Diagnose zunächst schwerfällt.

Wenig später schlagen die Gesundheitsbehörden Alarm und ein kleiner Junge wird ins Krankenhaus eingeliefert, der exakt die gleichen Symptome hat wie der verstorbene Terry. Aber wie oder wodurch ist der Junge infiziert worden? Ist er mit der Ausgrabungsstelle in Verbindung zu bringen? Man ist beunruhigt, und schließlich, um die mysteriöse Krankheit gar nicht erst ausbrechen zu lassen, wird die gesamte Stadt unter Quarantäne gestellt, doch die Krankheit und die ganze Situation beginnen zu eskalieren …

_Kritik_

Der Klappentext und die inhaltliche Zusammenfassung klingen ja zunächst wirklich nach einer dramatischen und spannenden Geschichte. Aber die Erwartung konnte Patrick Dunne mit seiner „Pestglocke“ überhaupt nicht erfüllen. So seicht und emotionslos, wie er die Geschichte und ihre einzelnen Handlungsstränge beschreibt, bleibt dem Leser kaum etwas anderes übrig, als sich gelangweilt zu fühlen.

Anstatt die Grundstory mit Leben zu füllen und sie spannend zu entwickeln, stellen sich einzelnen Passagen wie Tagebucheinträge der Hauptfigur Illaun dar. Ihr derzeitiger Tagesablauf spielt eine viel zu große Rolle und trägt überhaupt nicht dazu bei, dass sich die Geschichte entwickeln kann. Der Basisplot klingt ja wirklich verheißungsvoll und spannend, aber nach wenigen Seiten lässt sich ernüchtert feststellen, was auf den folgenden gut 300 Seiten auf den Leser zukommen wird.

In „Die Pestglocke“ wurden zudem Details eingearbeitet, die absolut unnütz sind und die man nach der Lektüre sowieso gedanklich beiseite schieben kann. Der Autor hat es fabelhaft verstanden, den Leser mit einer Vielzahl von Informationen zu füttern, die einfach unglaublich überflüssig sind.

Die Protagonisten sind nur sehr blass dargestellt, und verzweifelt sucht man nach einem ‚Leitwolf‘, der die Geschichte vorantreibt, der Schwächen und Stärken miteinander vereinbart und für den Leser nachvollziehbar handelt. Illaun denkt alle paar Seiten darüber nach, ob sie ihren Freund wirklich liebt und glücklich ist, Finian ist von der ersten Begegnung an ein unsympathischer Charakter, und die Annäherungsversuche von Groot, der Illaun den Hof macht, beweisen wahre Kindergartenmentalität.

Da bringt selbst die eigentliche Geschichte dem Leser nicht das erwartete Lesevergnügen, denn auch diese wird völlig emotions- und lieblos zwischen die vielen unzähligen Nebengeschichten gebettet.

_Fazit_

Es bleibt letztlich nur eine langatmige und langweilige Geschichte übrig. Patrick Dunne sollte sich bei seinem nächsten Romanprojekt darauf konzentrieren, die Geschichte und ihre handelnden Figuren bildhafter darzustellen, und sich dafür entscheiden, die eigentliche Grundgeschichte stringenter voranzutreiben.

Man hätte viel mehr aus dieser Idee machen können, aber Patrick Dunne macht es sich mit diesem eher missratenen sprachlichen und inhaltlichen Stil eindeutig schwer, eine zufriedene Leserschaft aufzubauen. Wer einen spannenden und unterhaltsamen Roman erwartet, dem sei von der „Pestglocke“ ganz klar abzuraten.

http://www.limes-verlag.de

_Patrick Dunne auf |Buchwurm.info|:_
[„Die Keltennadel“ 257
[„Das Maya-Ritual“ 1576

Child, Lee – Abschussliste, Die

Im Stützpunkt Fort Bird, North Carolina, hat Jack Reacher, Ermittler der Militärpolizei, in der Silvesternacht des Jahres 1989 Bereitschaftsdienst, als ihn sein Chef in ein nahe gelegenes Motel schickt. Dort liegt auf einem schäbigen Bett Zwei-Sterne-General Kenneth Kramer, den beim außerehelichen Sex ein Herzschlag fällte. Da Kramer als Kommandeur der US-Panzertruppe in Europa ein prominenter Mann und außerdem verheiratet war, gilt es, sein peinliche Ende zu vertuschen.

Reacher ist durchaus dazu bereit, doch ihn stört das offensichtliche Fehlen von Kramers Aktentasche. Der General war unterwegs zu einer Tagung und machte offenbar wegen seines Tête-à-têtes eigens einen Zwischenstopp: Er traf sich mit einer in Fort Bird stationierten Offizierin!

Was war in der Aktentasche? Kramers Stabsoffiziere Vassell und Coomer streiten ab, dass womöglich geheime Dokumente verschwunden sind. Als Reacher und seine Kollegin Summer die Witwe des Generals informieren wollen, finden sie diese erschlagen in ihrem Haus vor – ein Einbrecher hat sie getötet, aber nichts gestohlen.

Reacher und Summer halten den beinahe zeitgleichen Tod der Ehefrau nicht für einen Zufall. Vor allem Reacher nimmt an, dass der Inhalt der Aktentasche Anlass dieses Verbrechens war. Sein Verdacht wächst, als ihm der Fall nicht nur entzogen wird, sondern ein plötzlich neu eingesetzter Vorgesetzter offen mit Haft und Schande droht, sollte Reacher nicht Ruhe geben, was diesen freilich erst recht anstachelt.

Ein Komplott beginnt sich abzuzeichnen, und die Spur führt in die obersten Ränge der Militärhierarchie. Das nahe Ende des Kalten Kriegs und der damit einhergehende Truppenabbau werden viele Soldaten und Offiziere ihren Job kosten. Damit wollen sich offensichtlich einige Karrieristen nicht abfinden und die Weichen für eine Militärstruktur stellen, die auf sie nicht verzichten kann.

Für Reacher und Summer beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Ihr ‚Ungehorsam‘ bleibt den Verschwörern nicht verborgen. Sie missbrauchen ihre Macht, um die lästigen Militärpolizisten auszuschalten, haben die Rechnung aber ohne Reacher gemacht, der die Mechanismen des Militärs genau kennt. Immer in Bewegung bleiben, lautet die Devise, und so beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, das Jäger und Gejagte kreuz und quer durch die USA, nach Deutschland und wieder zurück führt, bis es in der Einsamkeit der Mojavewüste zur bizarren Finalabrechnung kommt …

Wenn eine Serie sieben Bände umfasst, fällt es ihrem Verfasser zunehmend schwieriger, sie nicht nur am Leben zu erhalten, sondern ihr neue Impulse zu geben. Vertrackterweise verlangen dies die Leser zwar, während sie es gleichzeitig hassen, wenn lieb gewonnene Gewohnheiten über Bord geworfen werden.

Sieben Romane füllte Lee Child mit den Abenteuern des Ex-Soldaten Jack Reacher, der ruhelos durch die Vereinigten Staaten reist und dabei immer wieder in die Rolle des einsamen Retters schlüpfen muss. Über seine Vergangenheit erfuhren wir dabei nur wenig, was aber in Ordnung ging, da uns sein Privatleben – seien wir ehrlich – weniger interessierte als Reachers bemerkenswerter Einfallsreichtum im nie zimperlichen Kampf gegen finstere Gestalten.

Nun zeigt uns Child, dass er die ausgefahrenen Geleise verlassen kann, ohne dieses Vergnügen zu schmälern. „Die Abschussliste“ ist ein ‚Prequel‘, das einige Jahre vor „Größenwahn“ (1997), dem ersten Band der Reacher-Reihe, spielt. Reacher ist noch Militärpolizist; wir erleben ihn also zum ersten Mal als ‚ordentlichen‘ Ermittler, was natürlich als relative Einschätzung zu betrachten ist, da der wahre Held zumindest in der Fiktion stets ein Querdenker im Dienst der wirklich guten Sache ist.

Die Abweichung von der üblichen Storyline bekommt Reacher gut. Child versetzt ihn in eine ungewohnte Umgebung, ohne dabei die eigentlichen Meriten der Serie zu vernachlässigen. „Die Abschussliste“ verfügt über einen ausgezeichneten Plot, der sich nur langsam zu erkennen gibt, während die Story sich krümmt und windet, immer neue Richtungen einschlägt und stets für Überraschungen gut ist.

Child beweist, wie erstaunlich gut der Action-Thriller mit dem „Whodunit?“ harmoniert. „Die Abschussliste“ ist eine intensive Lektion in Deduktion. Der Verfasser arbeitet ohne Tricks und doppelten Boden. Immer wieder halten Reacher und Summer ein und listen den Stand der Dinge auf: Der Leser teilt jederzeit ihren Wissensstand. Genau dann, wenn die Theorie zu langweilen droht, geht es in den Außeneinsatz.

Immer in Bewegung bleiben – das ist Reachers Motto. Sein Status als Soldat lässt ihn die ganze Welt wie selbstverständlich als Spielfeld betrachten. „Die Abschussliste“ macht glänzenden Gebrauch von seiner Kulisse. Das Militär der USA stellt einen separaten, buchstäblich uniformen Kosmos dar, der parallel zur ‚zivilen‘ Welt existiert. Eigene Gesetze, Regeln, Traditionen und Eigentümlichkeiten bestimmen ihn, die Child uns nicht nur nahebringt, sondern in den Dienst seiner Geschichte stellt, die nur innerhalb des US-Militärs spielen kann.

Einen wichtigen Aspekt des Plots bildet der Zeitpunkt der Ereignisse. Sie benötigen das Jahr 1990, um der Ungeheuerlichkeit der Verschwörung die richtige Dimension zu verleihen. Child versteht es, das an sich erfreuliche Ende des Kalten Kriegs zwischen den Supermächten USA und UdSSR als Schock darzustellen – für jene nämlich, die den drohenden Krieg nicht als Gefahr für die Welt, sondern als Motor ihrer Karrieren betrachten. Entfällt die Drohung, gibt es keinen Grund mehr für ihre kostspielige Existenz. Das muss sich in unserer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts zwar jeder Arbeitnehmer gefallen lassen – Child selbst spricht (s. u.) aus eigener Erfahrung -, doch gilt das auch für diejenigen, die an den Schalthebeln der echten Macht sitzen? Der Verfasser entwirft ein Szenario, in dem sich die ‚Verlierer‘ der Geschichte nicht mit ihrem Schicksal abfinden, sondern es abzuwenden suchen. Dass sie sich dabei krimineller Methoden bedienen, ist ihnen einerlei, denn so wie sie es sehen, verdienen sie ihre Privilegien.

Jack Reachers Vergangenheit als Militärpolizist spielt eine große Rolle für die Serie, denn sie erklärt seine kämpferischen Fähigkeiten und die Selbstverständlichkeit, mit der er sie einsetzt. Als Begründung für sein Ausscheiden aus dem Militärdienst wurde bisher die Umstrukturierung der Streitkräfte nach dem Kalten Krieg genannt – Reacher gehörte zu denen, die auf die Straße gesetzt wurden. Dank der „Abschussliste“ wissen wir jetzt, dass er wohl auch deshalb gegangen ist, weil er den Glauben an das Militär verlor, das bis zu den Ereignissen vom Januar 1990 nicht nur sein Arbeitsplatz, sondern seine Welt gewesen war.

Denn Reacher ist nur in seiner Dreifaltigkeit als zur Gewalt bereiter, intelligenter und idealistischer Mann zu begreifen. Die Erfahrung hat ihn zum Realisten gemacht, aber nicht zum Zyniker werden lassen. Sein Sinn für Gerechtigkeit ist stärker als die Angst vor dem Ärger, den wir ’normalen‘ Menschen allzu oft schlucken. Reacher lässt sich nicht beirren. Dafür schätzen wir ihn, und deshalb akzeptieren wir seine dunklen Seiten, denn er trifft diejenigen, die es ‚verdienen‘; so viel Bauchfreude gönnt sich auch der Kopfmensch, der sein schlechtes Gewissen über solche politisch unkorrekten Anwandlungen erstaunlich leicht in Schach halten kann, wenn er so gut unterhalten wird wie von Lee Child.

Wie viel ‚Menschlichkeit‘ verträgt die Figur? Child zeigt es uns unfreiwillig, indem er in diesem Punkt den Bogen überspannt. Während die quasi beiläufige Liebesaffäre zwischen Reacher und Summer ausgezeichnet zu seinem Wesen passt, wirkt der Nebenstrang, der Reachers Abschied von seiner Mutter und das Verhältnis zu seinem Bruder beschreibt, auffällig überflüssig. Jack Reacher benötigt keine Heldenmutter, um als Figur glaubhaft zu sein. Ein Zuviel an privater Information ist wie schon gesagt eher schädlich.

Hätte Child auf die Beziehung zwischen Reacher und Summer verzichten sollen? Sie scheint vor allem ein Klischee zu sein, das ein ‚gemischtes‘ Hauptdarstellerduo erfüllen muss. Bei näherer Betrachtung weicht Child geschickt vom Schema F ab. Reacher und Summer sind ‚Kinder‘ der Armee. Sie kennen nur diese Welt und wurden von ihr geprägt. Beide sind sie unsentimental oder – auch diese Interpretation ist möglich – seelisch abgestumpft. Ihre Affäre ist beiläufig, die Gefühle sind nicht intensiv genug, um das Ende dieses Abenteuers überleben zu können. Das sagt viel über Reacher aus, ohne dass Child es in Worte fassen müsste. Für den weitgehenden Verzicht auf seifenoperliches Beiwerk, das heute allzu viele Thriller wie durch Blähungen anschwellen lässt, ist man ihm unendlich dankbar.

Bis Major Jack Reacher 1997 ausgemustert wird, bleiben nach 1990 noch einige Jahre, in denen er als Militärpolizist ermitteln könnte. „Die Abschussliste“ beweist das Potenzial für eine ‚Sub-Serie‘. Mit „One Shot“ (dt. „Sniper“) kehrt Child aber erst einmal in die Gegenwart zurück.

Lee Child wurde 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thrillerserien wie „Prime Suspect“/“Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/“Ein Fall für Fitz“) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‚freigestellt‘.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Child nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“) aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor; zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei Null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Childs Website: http://www.leechild.com.

Die Jack-Reacher-Romane erscheinen in Deutschland im |Heyne|- und im |Blanvalet|-Verlag:

1. Killing Floor (1997, dt. „Größenwahn“)
2. Die Trying (1998, dt. [„Ausgeliefert“) 905
3. Tripwire (1999; dt. [„Sein wahres Gesicht“) 2984
4. Running Blind (aka „The Visitor“, 2000; dt. [„Zeit der Rache“) 906
5. Echo Burning (2001; dt. [„In letzter Sekunde“) 830
6. Without Fail (2002, dt. „Tödliche Absicht“)
7. Persuader (2003, dt. [„Der Janusmann“) 3496
8. The Enemy (2004, dt. „Die Abschussliste“)
9. One Shot (2005; dt. „Sniper“)
10. The Hard Way (2006; noch kein dt. Titel)
11. Bad Luck and Trouble (2007; noch kein dt. Titel)
12. Nothing to Lose (2008; noch kein dt. Titel)

|Anmerkung:|

Eine lobende Erwähnung verdient das Layout der Taschenbuchausgabe. Anscheinend nähert sich die Ära der billigen, lieblos aus Bildstöcken gekramten ‚Titelbilder‘ endlich ihrem längst überfälligen Ende. Der Kartoneinband des Covers weist ein rund ausgestanzter Loch auf, durch das der Blick auf eine separate Fotoseite fällt. Das daraus entstehende Motivensemble ist keineswegs originell, doch es steckt eine Idee dahinter, deren Umsetzung einigen Aufwand erforderte. Er wurde geleistet, was „Die Abschlussliste“ zu einem Buch macht, das man nicht nur gern liest, sondern auch anschaut.

http://www.blanvalet-verlag.de

Marcus Sakey – Der Blutzeuge

Das geschieht:

Danny Carter und Evan McGann sind im irischen Viertel der US-Stadt Chicago in Armut aufgewachsen. Dort wurden sie die besten Freunde, dort haben sie gemeinsam manches krumme Ding gedreht. Als sie ein Pfandhaus überfielen und vom Eigentümer überrascht wurden, schoss Evan diesen zum Krüppel. Danny floh entsetzt und entkam, Evan wurde geschnappt und zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Dass Danny sein Partner war, verschwieg er vor Gericht.

Während Evan im Gefängnis endgültig verrohte und jegliches Gefühl für Gesetz und Moral verlor, begann Danny mit seiner Lebenspartnerin Karen, ein neues Leben und schuf sich eine Existenz als Leiter eines kleinen Bauunternehmens. Richard O’Donnell, sein Chef, verlässt sich auf Danny, die Arbeiter achten ihn. Danny und Karen denken an die Gründung einer Familie. Marcus Sakey – Der Blutzeuge weiterlesen

Kornbichler, Sabine – gestohlene Engel, Der

Sophie, Ariane und Judith, alle Ende dreißig, sind seit der Schulzeit enge Freundinnen. Die drei teilen alle Probleme miteinander, so auch Sophies aktuelle Trennung von ihrem Mann Peer nach seinem Seitensprung und damals Arianes Scheidung von ihrem ebenfalls untreuen Ehemann Lucas. Diesmal jedoch übertrifft Arianes Kummer alles bisher Gewesene. Sie gesteht den Freundinnen, dass sie unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist. Für eine Operation ist es zu spät, die Chemotherapie wird vermutlich nur aufschiebende Wirkung haben.

Ariane möchte, dass die achtjährige Tochter Svenja nicht bei ihrem Ex-Mann Lucas aufwächst. Nachdem Ariane ihn an ihre Rivalin verloren hat, soll diese Frau nicht auch noch Svenjas Stiefmutter werden. Sie wünscht sich, dass Judith als Patin das Mädchen aufnimmt. Als Anwältin Sophie fürchtet, dass die Gesetze dem Vater den Vorzug vor der Patin geben werden, überrascht Ariane die Freundinnen mit dem Geständnis, dass Lucas nicht Svenjas leiblicher Vater ist. Tatsächlich erlebte Ariane während einer Ehekrise auf Sylt einen One-Night-Stand mit einem Unbekannten, von dem sie schwanger wurde, was ihr in der Ehe versagt geblieben war.

Alles, was Ariane über ihre Affäre weiß, ist sein Vorname. Außerdem besitzt sie einen Anhänger in Form eines goldenen Engels, der ihm am Strand aus der Tasche gefallen sein muss. Sophie macht sich auf die Suche nach Svenjas biologischem Vater und findet auch bald einen Anhaltspunkt. Doch nicht nur, dass ihr der Anhänger plötzlich gestohlen wird, auch Judith besteht vehement darauf, die Nachforschungen einzustellen. Sophie gibt nicht auf und stößt auf ein dunkles Geheimnis. Offenbar haben ihre Freundinnen ihr in einigen Punkten nicht die Wahrheit gesagt …

Sabine Kornbichlers Spezialität sind sanfte Spannungsromane, die das Schicksal von Frauen in den Mittelpunkt stellen.

|Spannende Suche nach der Vergangenheit|

Zum einen stellt sich für den Leser wie auch für Sophie die zentrale Frage, was hinter der Affäre zwischen Ariane und dem mysteriösen Andreas steckt. Sophie fühlt sich dazu berufen, den Besitzer des Engels zu finden und der kleinen Svenja für die Zukunft die Option zu bieten, dass sie ihren leiblichen Vater kennenlernen kann. Da sie kaum Anhaltspunkte besitzt, liegt eine schwierige Suche vor ihr, auf der sie aber nie ans Aufgeben denkt. Für zusätzliche Verwirrung sorgt die Auskunft, dass Frau Larsson, eine Geschäftsfrau Ende fünfzig, den Engel vor rund vierundzwanzig Jahren anfertigen ließ. Sophie will nicht daran glauben, dass der Anhänger rein zufällig in Arianes Besitz kam, sondern dass es eine Verbindung geben muss, die sie sich allerdings lange Zeit absolut nicht erklären kann.

Auffallend ist die Entwicklung des Verhaltens von Ariane und vor allem Judith, die plötzlich beide vehement dafür plädieren, dass Sophie ihre Suche einstellt. Immer stärker drängt sich der Freundin der Verdacht auf, dass ihr eine wichtige Sache verschwiegen wurde, dass Judith mit Ariane ein Geheimnis teilt und mehr über die Herkunft des Engels weiß – und vor allem einen guten Grund besitzt, dass Sophie den Besitzer nicht finden soll. Die Auflösung ist verblüffend, wird nicht zu früh angedeutet und fügt sich dennoch gut in das Muster ein, auch wenn die doppelte Pointe, die noch mal für eine letzte Überraschung sorgt, nachdem scheinbar alle Fragen geklärt sind, nicht notwendig gewesen wäre. Sophie stößt bei ihren Nachforschungen in ein Wespennest, sie gerät an eine wohlhabende Familie, die einiges zu verbergen hat, und kann lange Zeit ebenso wenig wie der Leser einschätzen, welche Verbindung es zu Ariane gibt.

|Dramatische Schicksale|

Als Ich-Erzählerin steht Sophie unweigerlich im Zentrum der Handlung, aber natürlich dreht sich ein großer Teil auch um die schwer kranke Ariane. Parallel zu der Suche nach dem Engel-Besitzer verfolgt man ihren Leidensweg. Ihre körperlichen Beschwerden nehmen zu, die Krankheit wird stärker, die Medikamente schlagen immer weniger an. Verzweifelt müssen die Freundinnen Judith und Sophie beobachten, wie Ariane sich langsam auf den Tod vorbereitet und sich vor allem um ihre Tochter sorgt. Während Judith als Hebamme den Umgang mit Kranken gewohnt ist, ist Sophie zeitweise überfordert, passiv mitzuerleben, wie Ariane immer schwächer wird. Dazu kommen die schwelenden Konflikte der drei, da Sophie sich weigert, ihre Forschungen einzustellen, auch wenn sie von Judith gar als besessen bezeichnet wird.

Schließlich spielt auch noch Sophies Beziehung zu ihrem Exfreund Peer eine große Rolle. Mitten in diesen Umwälzungen, die sich aus Arianes Erkrankung und der komplizierten Suche nach „Andreas“ ergeben, muss sie sich auch noch mit dem Aus ihrer Beziehung befassen. Peer hat sie betrogen, weil er sich vernachlässigt fühlte, wünscht sich jedoch einen Neuanfang und lässt nichts unversucht, um Sophie davon zu überzeugen, ihm noch eine Chance zu geben. Die prinzipientreue Anwältin Sophie will dagegen nicht von ihren eisernen Grundsätzen abweichen, auch wenn sie die ungewohnte Einsamkeit schmerzt und Ariane ihr dazu rät, sich mit Peer wieder zu versöhnen.

|Ein paar Schwächen|

Schade ist der etwas konstruierte Verlauf, der Sophie auf die Spur der Engels-Herkunft bringt. Zu ihrem Glück handelt es sich um ein Unikat, das eine freundliche Antiquitätenhändlerin sofort dem richtigen Goldschmied zuordnen kann, der wiederum genau weiß, dass er niemals eine weitere derartige Arbeit angefertigt hat, und der in seinen Unterlagen noch den Namen der Auftraggeberin hat. Sowohl mit der hilfreichen Antiquitätenhändlerin als auch mit der Frau des durch einen Schlaganfall geschwächten Goldschmieds kommt Sophie sehr schnell in guten Kontakt und erhält regelmäßig detaillierte Auskünfte, was in der Realität nicht so wahrscheinlich wäre. Die doppelte Pointe ist auch mehr ein unnötiger Überraschungseffekt; die Auflösung hätte keine Steigerung gebraucht.

Sieht man zudem von den überraschenden Wendungen der Handlung ab, verhalten sich die Charaktere selbst eher schematisch. Es fallen viele Gemeinplätze in den Gesprächen, sowohl bei den drei Freundinnen als auch zwischen dem getrennten Ehepaar Sophie und Peer. Gerade diesen Dialogen fehlt das individuelle Element, das sich von den schon allzu oft in sehr ähnlicher Form gelesenen Szenen abhebt.

_Als Fazit_ bleibt ein unterhaltsamer und spannender Frauenroman, der aber nicht deutlich über den Durchschnitt herausragt. Dank der überraschenden Wendungen bleibt man bis zum Schluss gefesselt, allerdings vermisst man vor allem in den Dialogen Abweichungen von Klischees. Empfehlenswert als leichte Lektüre, die mit ein wenig Krimi und Psychologie gewürzt wird.

_Die Autorin_ Sabine Kornbichler wurde 1957 in Wiesbaden geboren. Sie studierte zunächst VWL und arbeitete als Texterin und PR-Beraterin. Seit 1998 lebt sie als freie Autorin in Düsseldorf. Ihr Werk umfasst Romane und Kurzgeschichten. Weitere Bücher von ihr sind: „Majas Buch“, „Klaras Haus“, „Steine und Rosen“, „Vergleichsweise wundervoll“, „Annas Entscheidung“ und [„Im Angesicht der Schuld“. 2561

http://www.sabine-kornbichler.de/
http://www.knaur.de/

Scholten, Daniel – falsche Tote, Die

Mit seinem Debütroman „Der zweite Tod“ hat Daniel Scholten sprunghaft die Bestsellerlisten erobert, das Buch verkaufte sich wie geschnitten Brot. Nun legt Scholten mit seinem zweiten Krimi „Die falsche Tote“ nach (der kurioserweise zeitlich vor dem ersten Krimi spielt) und möchte sicherlich an seinen früheren Erfolg anknüpfen, allerdings scheint er beim zweiten Anlauf wohl in den Startlöchern steckengeblieben zu sein …

_Wo ist Josefin?_

Josefin Rosenfeldt ist die Tochter des schwedischen Justizkanzlers, doch nun liegt sie tot vor ihrer Wohnung – ein Sturz daraus hat sie das Leben gekostet. Kommissar Cederström und sein Team rücken zu den Ermittlungen an und versuchen, die Sensation vor der Presse geheimzuhalten. Doch als der Justizkanzler die Tote identifizieren soll, stellt sich heraus, dass es sich bei der Leiche gar nicht um seine Tochter handelt, sondern um ein dunkelhaariges Mädchen, das Josefin lediglich ähnlich sieht.

Die Unbekannte hatte in Josefins Wohnung gelebt, doch wo steckt die echte Josefin? Seit sie verfrüht aus ihrem Frankreichurlaub zurückgekehrt ist, verliert sich ihre Spur, und auch ihr Bruder ist zeitweise verschwunden. So steht die Reichspolizei vor vielen Rätseln: Hat sich das Mädchen selbst auf die Straße gestürzt oder war es doch Mord? Und galt der Anschlag ihr oder doch Josefin?

Die Polizei tappt lange Zeit im Dunkeln. Der erste Anhaltspunkt sind kleine mysteriöse Briefchen, die sich offenbar zwei Liebende geschrieben haben. Doch wer sind Hesperia und Aisakos? Mysteriös sind allerdings nicht nur die Briefe, sondern auch die vielen Geldabhebungen, die von Josefins Konto innerhalb kürzester Zeit abgehen, obwohl Josefin höchst sparsam ist und stets nur kleinste Beträge abgeholt hat. Doch nun hat sie ihr gesamtes Konto geräumt und den Dispokredit vollkommen ausgeschöpft. Wofür braucht sie das Geld?

Während ihr Vater Kjell Cederström und seine Kollegen ihren Nachforschungen nachgehen, begibt sich Kjells Tochter Linda mit pochendem Herzen zu einem Zeichenkurs, an dem sie aufgrund ihres großen Talents und trotz ihres jungen Alters teilnehmen darf. Doch ihr Einstieg dort fällt schwer, denn der Dozent ist schwierig und sie hat zunächst eine Blockade und bekommt kein vernünftiges Bild aufs Papier. Da hilft es ihr sehr, dass sie schnell Freundschaft zu Amelie schließt, die ebenfalls an besagtem Zeichenkurs teilnimmt. Aber dann verschwindet Amelie spurlos und Linda begibt sich selbst auf Spurensuche. Hat Amelies Verschwinden etwas mit Josefin zu tun? Denn bei beiden Mädchen hängt das gleiche Poster in der Wohnung.

_Zerfasertes_

Zunächst beginnt „Die falsche Tote“ mit einem Prolog, in welchem wir Josefin auf ihrem Urlaub in Frankreich begegnen, wo sie sich mit ihrem Liebhaber an einer unheimlichen Stelle trifft und darüber nachdenkt, was es mit dem dunkelhaarigen Mädchen auf sich hat, doch in der nächsten Szene beschreibt Daniel Scholten bereits ihren Tod durch den Sturz aus der Wohnung. Der Prolog steht somit in keinerlei Zusammenhang mit dem weiteren Verlauf des Buches, was sich leider auch nie ändern wird, denn ihre französische Urlaubsliebe wird nie wieder thematisiert und auch die Ereignisse in Frankreich spielen später keine Rolle mehr. Doch das ist nur der erste Punkt, der störend auffällt.

Anschließend widmet sich Daniel Scholten den Ermittlungen der Polizei, die lange Zeit auf der Stelle treten. Lediglich die geheimnisvollen Briefe sind ein Anhaltspunkt, doch deren Ursprung und deren Sinn bleiben im Dunkeln. Als dann der Justizkanzler allerdings eröffnet, dass es sich bei der Toten gar nicht um seine Tochter handelt, nimmt das Buch vermeintlich Tempo auf, denn nun steht die Polizei vor der Aufgabe, die Unbekannte zu identifizieren, was sich natürlich als sehr schwierig erweist. Handelt es sich bei der Toten überhaupt um eine Schwedin? Und wie konnte sie sich in Josefins Wohnung und in ihr Leben einschleichen? Die Polizei und auch der Leser wissen es nicht.

Cederström und seine Kollegen ermitteln an vielen Enden, doch keines passt so richtig zum nächsten. Einige Zufälle spielen der Polizei in die Hand und führen sie mal in die eine, mal in die andere Richtung, doch nie ist klar, welche jetzt eine vielversprechende Spur ist und welche nicht. Der Leser tappt somit noch mehr im Dunkeln als Cederström und man verliert sich in einer wirren Handlung, der man gar nicht so recht folgen kann. Eine Spur führt die Polizei nach Deutschland zu einer geheimen Organisation, die dort am Werke ist. Aber auch hier ist unklar, was die Organisation überhaupt treibt und was dies mit dem Todesfall in Schweden zu tun hat.

Da scheint es wiederum vielversprechend, als Lindas neue Freundin Amelie verschwindet und man in ihrer Wohnung das gleiche Poster findet, das der Polizei auch bei Josefin schon Rätsel aufgegeben hat. Handelt es sich dabei um das Poster einer geheimen Schwesternschaft? Doch was hat es mit dem Poster und der Schwesternschaft auf sich? Wir wissen es nicht und erfahren es auch erst spät.

Störend fällt auf, dass zu viele Zufälle im Spiel sind, welche die Polizei voranbringen. Da tritt Linda Cederström auf, die weitschweifig beschrieben wird und sich mit Mühe und Not zu ihrem Kunstkurs schleppt, aber eigentlich hat das nichts mit dem Fall zu tun. Als sich schließlich eine Verbindung zwischen der verschwundenen Amelie und der ebenfalls untergetauchten Josefin auftut, fand ich das sehr verschroben.

_Personelle Schwächen_

Ein weiteres Manko des Buches ist die Vielzahl an auftauchenden Figuren. Einmal ermitteln verschiedene Beamte in der Reichspolizei am Fall „Josefin“, da sind neben Kjell auch noch Henning, Barbro und Sofi, die wir allerdings gar nicht näher kennenlernen. Von Barbro wusste ich bis zum Schluss nichts, von Henning erfährt man nur, dass er unglücklich verheiratet war, von Sofi weiß man, dass sie während der Handlungszeit befördert wurde und sehr ehrgeizig ist, und bei Kjell konnte man sich im Laufe der Zeit zusammenreimen, dass Linda seine Tochter sein muss. Doch familiäre Hintergründe, Hobbys, Eigenarten oder Sonstiges, das den Figuren etwas Format hätte geben können, fehlen völlig im vorliegenden Krimi.

Darüber hinaus werden zahllose Personen interviewt, es tauchen praktisch in jedem Kapitel neue Personen auf, die größtenteils überhaupt keine Rolle spielen und oft genug auch zu einer falschen Spur gehören. Ich kann mich daher an den Großteil der Namen schon jetzt nicht mehr erinnern, weil die Personen nur auftauchten, um ein paar Seiten später wieder in der Versenkung zu verschwinden.

Der rote Faden fehlt dem Buch daher völlig, ebenso wie eine Charakterzeichnung, die praktisch nicht stattfindet. Ich habe selten ein Buch gelesen, in welchem die handelnden Figuren so wenig Raum erhalten und so wenig Profil gewonnen haben. Ich hatte das Gefühl, dass Daniel Scholten ziemlich lieblos seine Ideen zu Papier gebracht und sich nicht darum geschert hat, seine Leser an die Hand zu nehmen, um sie durch das Gewirr an Ideen zu geleiten.

Hinzu kommen zahllose unnötige Handlungsstränge, die sich im Nichts verlaufen. Da forscht die Polizei beispielsweise nach, welche Personen das Buch ausgeliehen haben, in welchem sich die Sprüche finden, die in den geheimnisvollen Briefen stehen, welche sich Hesperia und Aisakos geschrieben haben. Dabei macht die Polizei mitunter erstaunliche Entdeckungen, die leider ebenfalls null mit dem eigentlichen Kriminalfall zu tun haben.

_Ärgernisse_

So liest man sich lustlos durch das Buch, verliert zwischendurch den Überblick und auch den Anschluss. Zwischendurch musste ich immer wieder zurückblättern, um zu erfahren, wie die Polizei eigentlich zu der jetzigen Spur gekommen ist und wie alles im Zusammenhang steht. Daher verpufft auch Scholtens Auflösung am Ende völlig; es gibt kein Aha-Erlebnis, sondern nur Erleichterung, dass die Lektürequal endlich ein Ende hat.

Insgesamt bleibt daher ein enttäuschender Eindruck zurück. Daniel Scholten mag sich viel vorgenommen haben für sein Buch, doch leider fanden hier zu viele Ideen Eingang, sodass man völlig den Überblick verliert. Damit einher geht natürlich, dass auch keine Spannung aufgebaut wird, weil es ja keinen roten Faden gibt, an dem man sich durch das Buch hätte hangeln können. Die fehlende Charakterzeichnung tut ihr Übriges und fügt sich irgendwie auch wieder stimmig in das Konzept ein, denn hier fehlt es einfach an allen Ecken und Enden, sodass die Frage bleibt, ob das Buch überhaupt lektoriert wurde. Denn dabei hätte spätestens auffallen müssen, dass „Die falsche Tote“ handwerklich sehr viel vermissen lässt. Wenn Daniel Scholten irgendwann einmal einen Henning Mankell beerben möchte, muss er doch noch viel lernen …

http://www.goldmann-verlag.de
http://www.danielscholten.com/

James Powlik – Tod aus der Tiefe

In der Tiefsee mutiert eine Lebensform heran, die jegliches Leben grässlich beenden kann. Mutige Wissenschaftler warnen, doch feige Politiker und gierige Geschäftsleute sorgen dafür, dass sich der Unterwasser-Schrecken pandemisch ausbreiten kann … – Katastrophen-Thriller der Mittelklasse; sämtliche Klischees werden abgearbeitet, in Sachen Originalität bleibt das Garn steril: Lesefutter auch für schläfrige Augen.
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Clauß, Martin – Atem des Rippers, Der

London im Jahr 1903: Der sterbende Priester Henry Ouston gesteht auf dem Totenbett der Krankenschwester Ellen, dass er die Identität des legendären Jack the Ripper kennt, der das ganze Land vor fünfzehn Jahren mit seinen grauenvollen Frauenmorden im Stadtteil Whitechapel in Angst versetzte. Kurz darauf stößt der Kunstmaler Walter Sickert in London auf ein Tagebuch, das offenbar von Jack the Ripper verfasst wurde. Hin- und hergerissen zwischen Grauen und Faszination liest er in seiner Herberge die Geständnisse des berühmten Mörders, die im Jahr 1888 beginnen.

Im Jahr 1881 reist der englische Assistenzchirurg Alan Spareborne durch Norditalien. In Padua trifft er am Namenstag des Heiligen Antonius einen Geistlichen und kommt mit ihm ins Gespräch. In lateinischer Sprache unterhalten sie sich über ihre Lieblingsthemen, Reliquien und Chirurgie. Der Geistliche bittet ihn, die Echtheit eines konservierten Organs zu überprüfen, bei dem es sich um die Leber des Heiligen Antonius handeln soll. In Gegenwart des angereisten Papstes entlarvt Spareborne das Organ als Fälschung und ergreift im anschließenden Tumult die Flucht.

Von nun an erfährt Sparebornes Lebens eine radikale Wende. Er betrachtet sein Erlebnis als göttliches Zeichen, tritt zum Katholizismus über, studiert Theologie und wird Priester. Sein besonderer Schwerpunkt ist die Erforschung von Reliquien – und vor allem ihre Beschaffung. Eine Serie von Frauenmorden nimmt ihren Anfang …

Nach wie vor ist der unbekannte Mörder, den man „Jack the Ripper“ genannt hat, eine dankbare Inspirationsquelle für mediale Verarbeitungen aller Art, und allen an dieser legendären Gestalt Interessierten bietet der Kurzroman von Martin Clauß eine spannende und lohnenswerte Schilderung, die versucht, einen etwas unkonventionellen Weg einzuschlagen.

|Verwobene Handlungsstränge|

In den nur knapp über 100 Seiten, die das Büchlein umfasst, steckt ein Komplex aus mehreren Handlungsebenen, die eng miteinander verknüpft sind. Die Geschichte beginnt im Jahr 1903 mit dem schockierenden Geständnis eines Mannes, der weiß, wer sich hinter Jack the Ripper verbirgt und wo dieser sich heute befindet. Unmittelbar nach diesem Paukenschlag schwenkt die Handlung um auf Mandalay, die Hauptstadt Burmas, in die sich der Ripper zurückgezogen hat.

Ein weiterer Handlungsstrang konzentriert sich auf den Kunstmaler Walter Sickert, der im Mai 1903 wieder in England einkehrt und das Tagebuch eines gewissen Geistlichen namens Alan Spareborne findet, dessen Einträge von 1888 bis 1902 reichen. Den größten Teil der Erzählung nehmen schließlich die Tagebucheinträge selbst ein. Gemeinsam mit Walter Sickert verfolgt der Leser den Werdegang von Jack the Ripper, dessen Leben ganz gewöhnlich beginnt, ehe er sich erleuchtet fühlt und ihn ein immer wieder ausbrechendes Fiebergefühl zu den grausamen Morden zwingt.

Interessant ist an dieser Konstellation vor allem, dass dieser Jack the Ripper weit davon entfernt ist, ein Frauen- oder Prostituiertenhasser zu sein, wie man es in der Forschung allgemein annimmt. Folglich fühlt sich Spareborne von der Presse missverstanden, denn niemand ahnt etwas von der religiösen Motivation für seine Taten. Die Suche nach dem Täter konzentriert sich auf Männer, die eine krankhafte Abscheu gegenüber Frauen haben, und nicht auf einen katholischen Geistlichen. Spannend für den Leser ist vor allem die Frage, welches Schicksal Alan Spareborne in der Gegenwart von 1903 widerfährt, nachdem der sterbende Henry Ouston seine Identität preisgegeben hat, und wie Walter Sickert mit den Erkenntnissen aus dem Tagebuch umgeht.

|Sorgfältige Fakteneinbindung|

Auch wenn Tagebuch und Gestalt des Alan Spareborne als Ripper fiktiv sind, finden sich viele historische Fakten im Roman wieder. Die Tagebuchaufzeichnungen bestätigen die allgemein meistvertretene Theorie der „kanonischen Fünf“, die Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddows und Mary Jane Kelly zu den Opfern zählt. Auch Martha Tabram, die nicht wenige Experten als sechstes Opfer hinzuzählen, findet Erwähnung, wird aber von jemand anderem getötet. Sehr schön gelungen sind die Bedeutung, die den Todestagen zugewiesen wird, sowie die Erklärung für das Entwenden der Organe, über das noch heute gern gerätselt wird.

Eine besondere Stellung nimmt Tagebuch-Finder Walter Sickert ein, ein berühmter Kunstmaler zwischen Impressionismus und Moderne, der wegen seiner gewaltdarstellenden Gemälde und seiner Bekanntschaft mit der später ermordeten Mary Jane Kelly in wenig beachteten Theorien als Tatverdächtiger genannt wurde, zuletzt von Kriminalautorin Patricia Cornwall in [„Wer war Jack the Ripper?“. 957 Mit dem Okkultisten Robert Donston Stephenson und dem Quacksalber Francis Tumblety treten zudem noch zwei weitere Verdächtige auf und natürlich die legendären Ripper-Briefe, die an die Polizei geschickt wurden und über deren Authentizität noch heute diskutiert wird. Es gelingt dem Autor, die Handlung glaubwürdig mit dem historischen Kontext zu verschmelzen. Fakten und Fiktion ergeben vermischt ein ansprechendes Gebilde, das dem bewährten Jack-the-Ripper-Thema eine durchaus originelle Seite abgewinnt.

|Nur kleine Schwächen|

Angesichts der Komplexität, bedingt durch die verschiedenen Handlungsstränge, ist es schade, dass das Werk so knapp ausfällt. Gerne würde man die Ereignisse noch etwas detaillierter auf hundert bis zweihundert weiteren Seiten verfolgen, denn verdient hätte dies die Handlung auf jeden Fall. Ein bisschen Einlesearbeit erfordert zudem der umständliche, gestelzte Stil der Tagebucheinträge, im Gegensatz zu den sehr flüssig geschilderten anderen Handlungsebenen. Letztes kleines Manko ist ein fehlendes Glossar. Verfügt der Leser nämlich über keine Hintergrundkenntnisse zum Fall „Jack the Ripper“, entgehen ihm sicher manche der historischen Gestalten, die eingearbeitet werden.

_Als Fazit_ bleibt eine gelungene und sehr lesenswerte Variante zum immer noch beliebten Jack-the-Ripper-Thema, das trotz seines geringen Umfangs eine verschachtelte Handlung mit mehreren Ebenen aufweist. Historische Fakten werden gekonnt mit Fiktion verwoben, der Hauptcharakter glaubwürdig dargestellt. Abgesehen von sehr geringen Schwächen eine empfehlenswerte Lektüre für alle Kriminalfans.

_Der Autor_ Martin Clauß, Jahrgang 1967, studierte Japanologie in Tübingen und unterrichtet seit 1998 an der Volkshochschule Esslingen am Neckar. 2005 veröffentliche er bei |BoD| „Das große Anime-Lösungsbuch“, 2007 „Das Schloss der Geister“, den ersten Band der Serie „Falkengrund“, und Anfang 2008 erschien der phantastische historische Asien-Roman [„Die Saat der Yôkai“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3800054000/powermetalde-21 in Zusammenarbeit mit Maho Clauß bei |Ueberreuter|.

http://www.atlantis-verlag.de/
http://martinclauss.blogspot.com/

Tucker Coe (= Donald E. Westlake) – Der Wachsapfel

coe wachsapfel cover 1987 kleinDas geschieht:

Ex-Cop Mitchell Tobin, der sich seinen Unterhalt aufgrund widriger Umstände nunmehr als privater Ermittler verdienen muss, checkt für seinen aktuellen Auftrag ins Midway-Sanatorium ein. Hier erholen sich 22 gesundende, aber psychisch weiterhin labile Ex-Geisteskranke, bevor sie endgültig ins Alltagsleben zurückkehren. Dr. Frederick Cameron, Gründer und Leiter der Einrichtung, muss seit einiger Zeit um die notwendige Ruhe der Patienten fürchten: Ein Unbekannter stellt ihnen Fallen. Noch blieb es bei leichten Verletzungen, aber die Unruhe steigt.

Tobin soll den Täter fassen. Er hat gerade seinen Koffer abgestellt und will das ihm zugewiesene Zimmer verlassen, da stolpert er über einen Draht und poltert eine Treppe hinunter, wobei ihm ein Arm bricht: Der Fallensteller hat ihn offensichtlich schon erwartet; anonym lässt er ihm ein Fläschchen Bourbon und ein Entschuldigungsschreiben zukommen. Tucker Coe (= Donald E. Westlake) – Der Wachsapfel weiterlesen

Gardner, Lisa – Lauf, wenn du kannst

Der Aufbau-Verlag preist „Lauf, wenn du kannst“ der amerikanischen Autorin Lisa Gardner mit den Worten „Nie war Spannung weiblicher“ an. Doch was ist bitteschön „weibliche Spannung“? Es fällt schwer, sich etwas unter diesem Begriff vorzustellen. Allerdings ist das auch nicht unbedingt notwendig – viel interessanter ist doch erst mal die Frage, ob das Buch überhaupt spannend ist oder nicht.

Bobby Dodge ist Polizist und gehört außerdem einer Elitetruppe von Scharfschützen an, die zu Einsätzen mit Geiselnahmen gerufen wird. Eine solche findet Bobby vor, als er eines Abends zum Haus von Catherine und Jimmy Gagnon gerufen wird. Er, besoffen, bedroht seine Frau und den gemeinsamen vierjährigen Sohn mit einer Pistole. Alles weist darauf hin, dass er bereit ist abzudrücken. Doch bevor er dies tun kann, erschießt Bobby ihn. Es ist sein erster Toter, und er hat härter daran zu knabbern, als er glaubt.

Dankbar nimmt er daher die Hilfe einer Psychologin in Anspruch, denn der Fall verfolgt ihn – im wortwörtlichen Sinne. Während seine Kollegen ihn beglückwünschen und sagen, er hätte genau richtig gehandelt, will ihn der Vater des Verstorbenen dazu zwingen auszusagen, dass Catherine Jimmys Tod inszeniert hat. Gleichzeitig bekommt er einen Anruf von Catherine, die ihn um Hilfe bittet. Sie fühlt sich verfolgt, denn Jimmys Vater, ein einflussreicher Richter, versucht alles, um seinen Enkelsohn Nathan zu bekommen. Er streut sogar Gerüchte, dass Catherine diesen misshandeln würde. Dass der Junge an einer mysteriösen, schweren Krankheit leidet, unterstützt seine Behauptung nur noch. Bald weiß Bobby nicht mehr, was wahr und was gelogen ist – und ob er wirklich berechtigt geschossen hat.

Bobbys Verwirrung überträgt sich auch auf den Leser – im positiven Sinne. Gardner erzählt eine spannende Geschichte, die sich allmählich steigert und keine Längen aufweist. Sie verzichtet dabei auf blutige Gewalttaten und fesselt stattdessen mit psychologischen Spielereien und doppelbödigen Charakteren. Immer mehr Details, die sowohl für oder gegen Catherine und Bobby sprechen, kommen zum Vorschein. Zusätzlich haben beide Hauptfiguren eine dunkle Vergangenheit und scheinen mit etwas hinter dem Berg zu halten. Wie viel darf man ihnen also glauben? Was ist Wahrheit, was Intrige?

Gardner sorgt dafür, dass sich diese Frage erst ganz zum Schluss beantworten lässt. Sie baut während ihrer Erzählung nicht ab, sondern steigert sich immer mehr ohne dabei zu sehr ins Fantasieren zu geraten. Im Gegenteil ist die Geschichte stichhaltig und weist eine gewisse psychologische Spannung auf, der es gelingt, auf der eine Seite durchaus fachlich zu wirken, aber auf der anderen nie zu abgehoben zu werden. Die Autorin meistert diesen Spagat auf wunderbare Weise und verleiht ihrer Geschichte damit einen glaubwürdigen Anstrich.

Sie verteilt ihre Geschichte auf wenige Perspektiven. Neben Bobby und Catherine kommen außerdem ein Killer und die Psychologin, die Bobby nach dem Todesschuss auf Wunsch seines Vorgesetzten konsultiert, zum Einsatz. Gerade Letztgenannte ist ein feiner Schachzug, da sie dem Leser die Möglichkeit gibt, Bobbys Psyche näher kennenzulernen. Bobby und Catherine stehen allerdings im Vordergrund des Geschehens und erweisen sich als dieses Platzes würdig. Sie sind vielschichtig und interessant dargestellt und wunderbar ausgearbeitet. Sie vermitteln dem Leser viele Gedanken und Gefühle, so dass er direkten Zugang zu ihrem Inneren erhält. Dadurch bekommt der Thriller stellenweise eine geradezu beklemmende Stimmung, die der Spannung sehr zuträglich ist.

Im Gegensatz zu der unterschwelligen Spannung steht der eher nüchtern gehaltene Schreibstil, der aus der dritten Person geschrieben ist und selbst Gedanken und Gefühle sehr sachlich schildert. Trotzdem entsteht dadurch kein Widerspruch. Vielmehr unterstreicht dieser routinierte Stil die Spannungsentwicklung. Lisa Gardner schreibt zwar nüchtern, schafft es aber dennoch, genügend Informationen einfließen zu lassen, um einen sehr dichten und vor allem fesselnden Thriller zu entwerfen.

Um noch einmal auf die Einleitung zurückzukommen, konnte nicht geklärt werden, was denn nun „weibliche Spannung“ sein soll. Was allerdings geklärt werden konnte, ist die Tatsache, dass es sich bei „Lauf, wenn du kannst“ um einen spannenden, unblutigen (vielleicht ist das mit „weiblich“ gemeint) und bodenständig erzählten Thriller von seltener Qualität handelt.

http://www.aufbau-verlagsgruppe.de

_Lisa Gardner auf |Buchwurm.info|:_
[„Der Schattenmörder“ 875

Remin, Nicolas – Masken von San Marco, Die

Elisabeth, die Kaiserin von Österreich, war beileibe nicht die verklärt romantische Figur, wie sie in den bekannten Sissi-Filmen präsentiert wird. Und Nicolas Remin traut sich in seinem neuesten Roman „Die Masken von San Marco“ wieder einmal, Elisabeth als diejenige Person hinzustellen, die sie (vermutlich) wirklich gewesen ist, nämlich als die Ehefrau, der die ehelichen Pflichten zuwider waren und die ihren Göttergatten Franz Joseph längst nicht so angehimmelt hat wie er sie. Elisabeth war eine eigensinnige Frau, welcher der höfische Pomp lästig war, die nicht gerne in der Menschenmasse stand und die sich tagtäglich an ihren Turngeräten in der Hofburg gequält hat, um ihre göttlich schlanke Taille zu bewahren. Und genau in dieser Rolle treffen sie nun wieder.

_Tod dem Kaiser_

Die österreichische Monarchie ist den Einwohnern Venedigs ein Dorn im Auge, das Ansehen des österreichischen Kaisers ist schlecht und es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich Franz Joseph aus Venedig zurückziehen muss. Doch Franz Joseph hat bereits einen Plan, um sein Ansehen wieder zu steigern: So plant er einen Venedig-Aufenthalt, zu dem ihn auch Ehefrau Elisabeth begleiten soll. Während einer Ansprache auf dem Markusplatz schließlich soll ein vermeintlicher Attentäter mit Platzpatronen auf Franz Joseph schießen, der als Einziger die Ruhe bewahren wird – da er ja weiß, dass es kein echter Anschlag ist – und dessen Ansehen dadurch rapide steigen wird.

So beauftragt er Oberst Hölzl und Graf Crenneville damit, alles Erforderliche in die Wege zu leiten. Die beiden haben jedoch schon Informationen darüber, dass ein echtes Attentat geplant ist. Sie wissen aber auch, mit welchem Zug der Attentäter nach Venedig einreisen wird und wie er verkleidet ist, damit seine Auftraggeber ihn erkennen. Also beschließen sie, einen eigenen Mann einzuschleusen, der den Attentäter ersetzt und die Strippenzieher rechtzeitig ans Messer liefert.

Von all dem ahnt Commissario Tron noch nichts, als er vom Polizeipräsidenten von Spaur erfährt, dass die venezianische Polizei nicht zum Schutz des Kaisers und der Kaiserin beitragen soll. Das soll das Militär übernehmen. So erfährt Tron auch nichts von den genauen Reiseplänen des Kaiserpaars. Als jedoch eine Leiche aus dem Ponte dei Mendicanti gezogen wird, sind Tron und sein Kollege Bossi gefordert. Die Obduktion ergibt schließlich, dass ein Profikiller am Werke gewesen ist, der seinen Widersacher mit einem gezielten Genickbruch in den Tod befördert und ihn aus dem Zug ins Wasser geworfen hat. Schnell erfahren Tron und Bossi, dass der Killer den Ermordeten ersetzt hat. Dieser war mit einem Zinksarg nach Venedig eingereist, dem Tron und Bossi derweil nachforschen. Eine Exhumierung fördert dann zutage, was der unbekannte Tote tatsächlich nach Venedig befördert hat, nämlich lediglich einen Sandsack und einen Haufen Sprengpulver, von dem noch einige Reste im Sarg verblieben sind. Plant tatsächlich jemand ein Attentat auf das Kaiserpaar?

Eberhard von Königsegg, der sich bereits im Palazzo Reale befindet und auf die Ankunft des Kaisers wartet, plagen derweil ganz andere Sorgen, nämlich seine horrenden Spielschulden. Doch hat Königsegg sich eine Lösung parat gelegt; er weiß von einer kostbaren Goldkette, die der Kaiser als Geschenk für seine geliebte Elisabeth im Tresor des Palazzo aufbewahrt. Da der Geburtstag des Kaisers der Schlüssel zum Tresor ist, entwendet Königsegg kurzerhand das kostbare Geschmeide und begibt sich damit zu einem dubiosen |professore|, der das teure Schmuckstück mithilfe von Quecksilber verdoppeln will. Anhand eines Rings hat er Königsegg bereits bewiesen, dass seine Apparatur hervorragend funktioniert, sodass Königsegg hier die Lösung für seine Spielschulden sieht. Als der |professore| das Schmuckstück allerdings in seine Apparatur getan hat, öffnet sich die Tür zum Labor und zwei bewaffnete Polizisten stürmen das Zimmer, welche die beiden Herren kurzerhand festnehmen.

Königsegg ist verzweifelt; wie soll er erklären, wer er ist und wie er in den Besitz des kaiserlichen Geschmeides gekommen ist? Als sich ihm dann die Gelegenheit zur Flucht eröffnet, nutzt er diese, auch wenn er das Schmuckstück zurücklassen muss. Darum will er sich später kümmern. Also wendet er sich kurz darauf an Commissario Tron, der allerdings zu berichten weiß, dass es in der fraglichen Nacht gar keinen Polizeieinsatz gegeben hat. Königsegg wurde reingelegt und steht nun mit Schulden, aber ohne Kette da. Was nun?

Zeitgleich schleust der Profikiller sich in die Gruppe Männer ein, die das Sprengpulver nach Venedig geschmuggelt hat. Der kaiserliche Besuch rückt näher, aber Tron ist den Attentätern immer noch nicht auf die Spur gekommen; die Zeit drängt …

_Schauplatz Venedig_

In Commissario Trons vierten Fall überschlagen sich erneut die Ereignisse: Der österreichische Kaiser Franz Joseph plant zur Aufpolierung seines eigenen Ansehens ein gestelltes Attentat auf sich und die Kaiserin, aber es scheint auch irgendeine Gruppe zu geben, die tatsächlich Sprengpulver nach Venedig schmuggelt, um dort den Kaiser anzugreifen. Doch das sind nicht die einzigen Probleme, die Tron quälen, denn die Renovierungsarbeiten im Palazzo Tron gehen langsam voran, was die Laune seiner geliebten Mutter trübt und sie stets alte Brötchen kaufen lässt, aber auch seine Verlobte hat Sorgen, denn ihr Pressglas verkauft sich so hervorragend ins Ausland, dass Österreich plant, Einfuhrsteuern zu erheben, die das gesamte Geschäft kaputtmachen würden. So bittet die Principessa Tron, das Attentat auf den Kaiser zu verhindern, um sich Elisabeths Gunst zu sichern und sie zu überreden, die Einfuhrsteuer abzuwenden. Kein einfacher Plan, da die venezianische Polizei eigentlich von den Ermittlungen ausgeschlossen ist und auch die Zeit arg knapp wird, um die Attentäter noch rechtzeitig aufzuspüren.

Die Handlung spielt sich an verschiedenen Schauplätzen ab. So treffen wir Franz Joseph, der frohen Mutes ist, weil er sich in Sicherheit wähnt und seine Reaktion auf das vermeintliche Attentat probt. Elisabeth dagegen plant ihren Venedig-Aufenthalt etwas anders; sie packt unauffällige Kleider ein, um erneut in Person der Gräfin Hohenembs die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Ein weiterer Handlungsstrang dreht sich um Eberhard von Königsegg, dessen Sorgen immer größer werden, denn nun hat er nicht nur Spielschulden, sondern muss auch noch das Verschwinden der teuren Kette erklären. Doch wie der Zufall es will, hat er die Schulden bei einem guten Freund Trons gemacht.

Und natürlich hängen die einzelnen Handlungsstränge zusammen, denn Trons Ermittlungen in Sachen Königsegg führen ihn in ein gewisses Casino, in welchem auch einer der nun Toten gearbeitet hat, dessen Ableben Tron aufklären will. Die Ermittlungen nehmen schließlich richtig Fahrt auf, als sich zumindest dem Leser die wahren Zusammenhänge erschließen, denn wir haben den Vorteil, dass wir nicht nur die Drahtzieher des geplanten Attentats kennen, sondern auch den Profikiller, der auf dem Weg nach Venedig einen Mitreisenden mit gebrochenem Genick aus dem Zug befördert hat. So sind wir Tron immer mindestens einen Schritt voraus, sodass wir nur hoffen können, dass er rechtzeitig die richtigen Schlussfolgerungen ziehen wird, um am Ende alle Fälle erfolgreich aufklären zu können.

_Italienische Beschaulichkeit_

Nicolas Remins Kriminalromane rund um Commissario Tron strahlen eine gewisse Ruhe aus, daher ist Ehrgeiz etwas, das Tron völlig zu fehlen scheint. Lieber liest er auf der Arbeit in seinem geliebten Blatt |Emporio della Poesia|, das er selbst herausgibt. Auch schickt er immer wieder Bossi los, um die unangenehmen Nachforschungen zu erledigen. Als es schließlich an die Exhumierung geht, ist Tron es, der die Laterne hält, während Bossi sich mit der Schaufel abplagt und dann auch den Sarg öffnen darf. Doch natürlich ist das Schicksal auf Trons Seite, denn immer wieder fügt sich für ihn alles geschickt zusammen, sodass er als der strahlende Held dasteht.

In diesem vierten Fall des Commissario Tron haben wir diesen und seine Kollegen bereits bestens kennengelernt. Tron ist ein Genießer, der zum Frühstück gerne ein halbes Dutzend süße Teilchen nascht anstelle der alten Brötchen, die ihm seine Mutter immer wieder vorsetzt – natürlich nur aus Geiz, denn Geld hat sie eigentlich genügend, seit die Pressglasproduktion so gut läuft. Für die Geschäfte und das Finanzielle hat Tron seine Verlobte, die ihn aber auch gerne immer wieder darauf hinweist, wie teuer die Speise ist, die Tron gerade unüberlegt verdrückt. Doch ihn lässt das recht kalt, er bleibt gelassen, lächelt und genießt. Das macht Tron immer wieder überaus sympathisch, auch wenn er ohne Hilfe seiner Principessa kein so gediegenes Leben führen könnte.

Auch die anderen Figuren gefallen ausgesprochen gut, beispielsweise Eberhard von Königsegg, mit dem wir eigentlich nur Mitleid haben können, da er vom Pech verfolgt ist. Denn kaum hat er endlich einen Ausweg aus der Schuldenfalle gefunden, lässt er sich von einer fingierten Polizeikontrolle hereinlegen und verliert nun auch noch die kostbare Kette. So ein Pech! Doch gibt er nicht auf und stellt dann seine eigenen Nachforschungen an, aber ohne Trons Hilfe wäre er vermutlich nicht weit gekommen.

_Atmosphärisch und sympathisch_

Nicolas Remin verzaubert uns regelrecht mit seiner Lektüre, versetzt uns ins 19. Jahrhundert und nimmt uns in diesem Buch mit nach Wien an die Hofburg und auch wieder mit ins alte Venedig, wo die berühmten Demel-Pralinen allerdings nicht weniger beliebt sind als in Wien. Er beschreibt in wunderbaren Worten die bezaubernden Schauplätze und seine Figuren, sodass man direkt in die Situationen hineinversetzt wird. Natürlich leidet darunter ein wenig der Spannungsbogen, da das gesamte Buch vermutlich dank Tron eine gewisse Beschaulichkeit ausstrahlt, die einen packenden Spannungsbogen irgendwie verhindert. Doch stört dies hier gar nicht, ganz im Gegenteil, Nicolas Remins Kriminalromane sind sympathisch und einfach angenehm geschrieben. In wunderbaren Worten findet hier jedes Detail Erwähnung, wie zum Beispiel die Fliege, die sich in Trons Frühstücksmarmelade verirrt hat, oder die zu feste Konsistenz des Brötchens:

|Nach dem Frühstück – denn das musste er noch hinter sich bringen. Und so wie es aussah, war das nicht ganz einfach. Das Brötchen, in das er biss, nachdem es ihm gelungen war, das Tier aus der Konfitüre zu entfernen, war uralt. So alt, dass seine Zähne nicht einmal einen Fingerbreit eindrangen. Er drehte es um und probierte sein Glück auf der anderen Seite – ohne Erfolg. Tron ließ entnervt das Brötchen sinken und stellte fest, dass ihn die Contesa bereits stirnrunzelnd beobachtete. […] „Weißt du, was dir völlig abgeht, Alvise?“ Nein, das wusste er nicht. Biberzähne für die Brötchen? Geschmack an toten Fliegen?|

Insgesamt gefiel mir das vorliegende Buch ausgesprochen gut. Natürlich muss man in punkto Spannung ein paar Abstriche machen, dafür zaubert Nicolas Remin dem Leser mit seinem herrlichen Schreibstil immer wieder ein Lächeln ins Gesicht, zumal er wunderbar sympathische Figuren zeichnet. Der zu lösende Kriminalfall ist sicherlich nicht der ausgefeilteste, aber die Idee fand ich sehr unterhaltsam, da sie doch die Intrigen, die am kaiserlichen Hof geschmiedet wurden, wunderbar auf die Schippe nimmt. „Die Masken von San Marco“ ist ein Krimi für Liebhaber exotischer, netter und beschaulicher Literatur, eigentlich genau die richtige Lektüre für einen lauen Frühlingsabend.

http://www.kindler-verlag.de/

_Nicolas Remin auf |Buchwurm.info|:_
[„Schnee in Venedig“ 1987
[„Venezianische Verlobung“ 2326

Benson, Ann – Schreckenskammer, Die

_Die Story:_

|Nordfrankreich, Mitte des 15. Jahrhunderts:|

Die Äbtissin Guillemette la Drapière ahnt Böses, als eine Frau in das Kloster kommt und dem Bischof von Nantes berichtet, dass ihr Sohn verschwunden ist. Obwohl sich der Bischof dagegen ausspricht, kann er es nicht verhindern, dass sie Ermittlungen aufnimmt. Dabei erfährt sie, dass in der näheren Umgebung von Nantes unzählige Kinder, überwiegend Jungs, verschwunden sind. Daraufhin übernimmt der Bischof im Auftrag des Herzogs die Ermittlungen, die auf einen Verdächtigen hinweisen: Auf Gilles de Rais, Ritter, Baron der Bretagne, Marshall von Frankreich – ein mächtiger Adliger und zudem fast ein Sohn von Guillemette, die seine Amme war und ihn zusammen mit ihren zwei Söhnen aufgezogen hatte.

Die Äbtissin wehrt sich dagegen, dass der ihr so vertraute Adlige diese Kinder entführt und gefoltert haben soll, doch die Zeugenaussagen, die sich plötzlich häufen, lassen kaum Zweifel zu, und verschwand nicht ihr ältester Sohn, als er mit Gilles zu einem Jagdausflug unterwegs war? Die Unwissenheit über das Schicksal ihres Sohnes hatte sie jahrelang gequält, doch nun kann sie die Wahrheit herausfinden, indem sie die vermissten Kinder aufspürt und Gilles‘ finstere Machenschaften aufdeckt …

|Los Angeles, Gegenwart:|

Die Polizistin Lany Dunbar erhält einen Anruf von einer Mutter, die ihren Sohn vermisst. Eine Zeugin will gesehen haben, wie der Junge morgens in das Auto seiner Mutter eingestiegen ist, doch diese war zu der Zeit bei der Arbeit gewesen. Ihr Vorgesetzter gibt ihr daraufhin die Fälle eines Kollegen, die sich ebenfalls um vermisste Jungs drehen, die angeblich von einem Verwandten oder Bekannten entführt wurden. Doch auch hier hatten die Verdächtigen ein unwiderlegbares Alibi.

Nachdem weitere Kinder verschwinden und Lany ältere ungelöste Fälle hervorholt, ergibt sich ein schrecklicher Verdacht: Da die Opfer sich alle sehr ähnlich sehen und die Umstände der Entführungen ähnliche Muster zeigen, sieht Lany in ihrem Verdächtigen einen Serientäter. Diese Spur führt sie nach New York, wo sich ähnliche Fälle zugetragen haben, und damit zu einem möglichen Täter, der in beiden Städten zur passenden Zeit verweilte: Wilbur Durand, reich, introvertiert, Special-Effect-Macher für Horrorfilme. Sie findet endlich Beweise, um ihn verhaften zu lassen, als der beste Freund ihres Sohnes in die Klauen des Monsters gerät …

_Meine Meinung:_

Die Inhaltsangabe auf der Rückseite des Buches gibt vom Inhalt nicht viel preis, aber eine Äbtissin im Mittelalter und eine Polizistin in der Gegenwart, die jeweils das gleiche Verbrechen aufklären, das klingt für den Anfang schon mal richtig gut.

Das erste Kapitel entführt den Leser ins Frankreich des 15. Jahrhunderts, doch kaum dort heimisch geworden, reißt ihn das zweite Kapitel ins Los Angeles der Gegenwart, um beim dritten Kapitel wieder ins Mittelalter zurückzukehren. So wechselt die Autorin mit jedem Kapitel den Schauplatz, die Zeit und die Hauptfigur. Das stört am Anfang noch nicht so sehr, da die beiden Geschichten ja erst entwickelt werden, doch je mehr der Roman fortschreitet und je mehr der Leser in die beiden Geschichten eintaucht, desto mehr irritiert der immense Sprung, denn wie so gerne praktiziert, erfolgt an fast jedem Kapitelende ein Leckerchen, das den Leser gebannt festhält und zum Weiterlesen zwingt. Und das bei beiden Geschichten!

Ist die Äbtissin gerade noch dabei, Gilles nachzuspionieren, bekommt die Polizistin auf einmal ein neues Indiz, während die Äbtissin an der Gerichtsverhandlung teilnimmt. Das ist verwirrend, aber auch wahnsinnig spannend. Obwohl es schwerfällt, ist man zwischendurch immer wieder gezwungen, den Roman zur Seite zu legen und das gerade gelesene Kapitel zu resümieren, um dann die andere Zeitebene ins Gedächtnis zu holen. Zwei Romane in einem sind halt nicht einfach so hintereinander wegzulesen, aber genau hat durchaus seinen Reiz, denn von Langeweile ist auf diesen 570 Seiten nichts zu finden. Ein Ereignis jagt das nächste, eine neue Entdeckung ist schauriger als die folgende.

Dabei sind sich die zwei ermittelnden Frauen sehr ähnlich in ihrer Art und Weise: Beide verfügen über Lebenserfahrungen; die Äbtissin durch ihr fortgeschrittenes Alter und den frühen Verlust ihres jüngsten Sohnes, und die Polizistin durch ihre Arbeit und die daraus resultierende Konfrontation mit Verbrechen und Gewalt. Während sich die Äbtissin durch ihre enge Beziehung zu dem Täter in einem seelischen Konflikt befindet, muss die Polizistin miterleben, dass der Freund ihres Sohnes in die Hände des Täters fällt. Beide befinden sich somit in einer brisanten Lage, die trotz allem dem festen Willen nach der Ergreifung und Bestrafung des Täters nichts anhaben kann.

An ihrer jeweiligen Seiten glänzen ein Bischof und ein Psychologe, die ebenfalls Parallelen aufweisen. Beide unterstützen die jeweilige Frau nach Kräften, jeder auf seine Art. Der Bischof übernimmt die offiziellen Ermittlungen, der Psychologe die Profilerstellung. Beide nehmen Beschützerstellungen ein, beide werden zum Vertrauten.

Das dritte Zwillingspaar sind natürlich die beiden Täter. Der hochrangige Adlige Milord Gilles de Rais, der so tapfer an der Seite der Jungfrau Jeanne d’Arc gegen die Engländer gekämpft hatte, und der im Filmgeschäft erfolgreiche Wilbur Durand – zwei mächtige und einflussreiche Männer, deren Überführung alles andere als leicht ist. Die Autorin zeichnet einen ähnlichen Hintergrund für die beiden Männer, das typische Bild eines Serientäters: eine schlechte, grausame Kindheit, die aus unschuldigen Kindern solche Monster macht. Was man ihnen antat, geben sie nun weiter. Was ihr säet, das erntet ihr, sagt immerhin schon die Bibel. Und die muss es ja wissen. Was immer man davon hält, Ann Benson hat es zumindest sehr überzeugend dargestellt.

Ebenso überzeugend kommt der gesamte Roman daher. Die amerikanische Autorin Ann Benson verwendet für ihre beiden Ermittlerinnen die Ich-Perspektive, deren Vorteil unbestreitbar das Identifikationspotenzial ist, das dadurch im Leser geweckt wird, zumal die Gefühle der beiden Frauen deutlicher und plastischer dargestellt werden können als in der Erzähl-Perspektive des Allwissenden. Dazu kommen ein ausgewogenes Tempo – die Handlung wird immer stetig vorangetrieben – und gut dosierte Detailbeschreibungen. Die Dialoge sind lebendig, die Figuren entstehen dem Leser vor dem inneren Auge, der Leser sieht, fühlt, riecht und schmeckt. Unterhaltsam und spannend geschrieben!

Zu der historischen Figur Gilles de Rais (Gilles de Montmorency-Laval, Baron de Rais): Ann Benson hat sehr genau recherchiert, um das Leben und vor allem die Taten des Adligen im historischen Teil zum Hauptthema machen zu können. Insofern ist die Lektüre geschichtlich natürlich sehr lehrreich (auch wenn dies ein sehr dunkles Kapitel daraus ist). Da sich die Prozessakten über die Verhandlungen gegen de Rais bis heute erhalten haben und in der Nationalbibliothek von Paris und Nantes aufbewahrt werden, ist der Fall auch gut rekonstruierbar. Die Amme des Adligen hieß tatsächlich Guillemette la Drapière, der Bischof von Nantes (Jean II. de Châteaugiron von Nantes, Jean de Malestroit) hatte den Prozess als Bischof und als Kanzler geführt. De Rais hatte unter Androhung von Foltern die Verbrechen gegen die Kinder, Hexerei und Ketzerei gestanden. Mehr als 400 Kinder sollen auf sein Konto gehen, verurteilt wurde er in 140 Fällen.

Für den Grund seiner Taten habe ich während der Recherche zwei mögliche Gründe gefunden: Zum einen soll sein Großvater, der ihn aufgezogen hatte, ihn sexuell missbraucht haben, daraus soll Gilles de Rais schließlich selbst Lust entwickelt haben, die er später schließlich an Kindern aus der Umgebung, die hauptsächlich zwei seiner Diener ihm zuführten, ausgelassen hat. Andere Quellen geben an, er hätte ein Buch des römischen Historikers Suetonius gelesen, in welchen der römische Kaiser beim Missbrauch von Kindern dargestellt wurde. Während seines Prozesses soll er gesagt haben: „Das Buch war mit Abbildungen versehen, auf denen das Treiben heidnischer Kaiser dargestellt war; und in diesem feinen Buche, wie es Tibenus und Caracalla und andere Kaiser mit Kindern trieben, und es ihnen besonderes Vergnügen bereitete, sie zu quälen. Das erweckte in mir Wunsch, sie nachzuahmen, und noch am gleichen Abend tat ich das, was mir auf den Abbildungen vorgemacht wurde.“ Was es auch immer gewesen sein mag, er missbrauchte die Kinder und tötete sie danach auf grausame Art und Weise.

Ann Benson beschreibt keinen Missbrauch direkt, aber das Grauen und die Gewaltbereitschaft sind beständig zugegen. Das Buch durchziehen diese Gräueltaten, und wenn auch keine davon szenisch dargestellt wird, so reichten mir bereits die erzählten Einzelheiten, um Abscheu zu wecken. Und trotzdem weiß die Autorin, dass solche Abscheulichkeit auch fasziniert. Die Menschen sind sensationslüstern, und in einem Roman darf man dies ausleben. Wie viele Menschen bleiben bei einem Unfall stehen, um zu gaffen? Zu viele, aber Schreckliches ist eben auch anziehend, und ein Mensch, der Schreckliches tut, ist ebenso anziehend. Somit ist de Rais auch eine schillernde, mächtige Präsenz in diesem Roman und seine Taten sind grausam interessant. Wie kann ein Mensch solche Taten begehen, fragt sich der Leser, und taucht immer tiefer in einen – ja! menschlichen – Abgrund hinein, dem er sich morbiderweise nicht entziehen kann. Dass der Täter der Neuzeit nur ein Abklatsch einer so schillernden, mächtigen Figur sein kann, versteht sich von selbst, allerdings haben seine Taten den gleichen entsetzlich faszinierenden Untergrund. Wie kann ein Mensch solche Taten begehen? Und dann auch noch an Kindern?

Zartbesaitete oder auch gerade Mütter mit kleineren Kindern sollten dieses Buch nicht zur Hand nehmen, alle anderen, die makabere Lektüre goutieren oder die Faszination des Bösen fühlen möchten, sollten direkt in die Buchhandlung eilen, um das Buch abzugreifen. Es gibt fürs Geld 570 sehr spannende Seiten, die sogar noch historisches Wissen vermitteln. Ich jedenfalls habe diesen Roman regelrecht verschlungen.

|Originaltitel: Thiefs of Souls
Originalverlag: Delacorte 2002
Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr
Taschenbuch, 576 Seiten|
http://www.blanvalet-verlag.de

Weitere Romane der Autorin:
[„Die siebte Geißel“ 18 (1997)
„Die brennende Gasse“ (1998)
„Der Fluch des Medicus“ (2006)

Katzenbach, John – Rätsel, Das

Die USA in naher Zukunft: Die Gewalt hat überhand genommen und jeder Bürger verlässt nur noch bewaffnet das Haus. Um einen Gegenpol zu der täglichen Kriminalität zu erschaffen, wurde der 51. Bundesstaat, „New Washington“, geplant, der demnächst offiziell anerkannt werden soll. In diesem Territorium leben ausgewählte reiche Bürger in völliger Sicherheit, ständig bewacht von der „State Security“. Der Preis ist ein eingeschränktes Privatleben, dafür können die Bürger ohne Waffen, Alarmanlagen und verschlossene Türen leben.

Der junge Jeffrey Clayton ist Professor für kriminelle Verhaltensstörungen an der Universität Massachusetts. Mehrfach schon war er der Polizei als Profiler für Serienmörder behilflich. Diesmal tritt Agent Martin an ihn heran und bittet ihn um Unterstützung in einem ganz besonderen Fall. Ausgerechnet im geplanten 51. Bundesstaat wurde eine junge Frau ermordet. Der Mord wird vertuscht und als Unfall dargestellt, um die Bürger nicht zu beunruhigen. Doch nicht nur, dass ein Mord in diesem streng überwachten Gebiet ein Skandal ist – Agent Martin ist davon überzeugt, dass es sich bei dem Mörder um Jeffreys Vater handelt.

Vor 25 Jahren verließ seine Mutter mit Sohn und Tochter ihren Mann und nahm eine neue Identität an. Damals geschah ein Mädchenmord, der stark an diesen Fall erinnert und bei dem Jeffreys Vater als Verdächtiger galt. Inzwischen ist er offiziell verstorben, doch die Polizei hat Zweifel. Kurz darauf geschieht ein neuer Mord und Jeffrey findet Hinweise, dass auch frühere Unfälle in das Muster passen. Zur gleichen Zeit nimmt ein Unbekannter durch verschlüsselte Botschaften Kontakt zu Jeffreys Schwester und Mutter auf …

Thrillerspezialist John Katzenbach inszeniert in diesem Roman ein Katz-und-Maus-Spiel der besonderen Art, das allen Freunden von Werken über Serienkiller willkommen sein dürfte.

|Spannung und Dramatik|

Es ist nicht der erste Mord, zu dem Professor Clayton hinzugerufen wird, aber bei weitem der pikanteste, denn im Territorium des geplanten neuen Bundesstaates sind Gewaltverbrechen dank einer orwellschen Überwachungstechnik schier ausgestorben. Der Killer, der in solch einem Gebiet ein junges Mädchen ermorden kann, muss demnach äußerst intelligent und gewieft sein und stellt für Jeffrey Clayton eine besondere Herausforderung dar.

Lange Zeit bleibt für Jeffrey und seine Familie wie auch für Ermittler und nicht zuletzt den Leser unklar, ob wirklich Jeffreys Vater für die Morde verantwortlich ist, wie viele tote junge Mädchen und Frauen auf sein Konto gehen und wie sich womöglich weitere Morde rechtzeitig verhindern lassen. Susan und ihre Mutter müssen bestürzt feststellen, dass der Unbekannte, der die rätselhaften Botschaften an Susan schickt, sich sogar Zutritt zu ihrem Haus verschaffen kann. Der Mörder ist wie ein Phantom, das sich unsichtbar auf dem überwachten Terrain bewegt und immer einen Schritt voraus zu sein scheint. Es bedeutet eine mühselige und langwierige Arbeit, herauszufinden, was Clayton senior in den letzten 25 Jahren getrieben hat und ob er wirklich gestorben ist.

Bis zum Schluss muss man um die drei Hauptprotagonisten bangen, denn sowohl Jeffrey als auch seine Schwester Susan und seine Mutter Diane schweben fast beständig in tödlicher Gefahr. Fraglich ist auch für lange Zeit die Bedeutung von Agent Martin, zu dem Jeffrey stets eine gewisse Distanz bewahrt und auch seiner Schwester rät, ihm nicht vollständig zu vertrauen. Nach dem großen Finale gibt es im Epilog noch einmal eine kleine Wende, die unter Umständen sogar Raum für eine Fortsetzung lässt, zumindest aber einen letzten Hauch wirkungsvolles Unwohlsein beim Leser hinterlässt.

Interessant ist auch der subtile Science-Fiction-Hintergrund. Die Handlung spielt etwa um 2030, die allgegenwärtige Gewalt liegt wie ein Schatten über dem Land und der utopische Neu-Staat „New Washington“ spaltet die Meinungen. Auf der einen Seite garantiert er scheinbar ein harmonisches Leben, auf der anderen Seite führen seine Bewohner ein gläsernes Leben und opfern einen Großteil ihrer Privatsphäre für die gelobte Sicherheit. Um die Morde zu vertuschen, sind die Politiker und Beamten der Staatssicherheit zu fast jedem Mittel bereit. Der Schein muss aufrechterhalten werden, koste es, was es wolle, auch wenn dies bedeutet, eine Mordserie zu verleugnen und an Eingeweihte Schweigegelder zu bezahlen …

|Interessante Charaktere|

Der Roman verbindet seinen Thriller-Charakter mit Elementen eines Familiendramas. Ausgerechnet der Verdacht auf Clayton sr. als Serienmörder sorgt dafür, dass sich die drei verbliebenen Familienmitglieder wieder näher kommen. Während Susan in Florida die krebskranke Mutter versorgt, lebt Jeffrey im weit entfernten Massachusetts und hat keine rechte Vorstellung davon, wie schlecht es um Diane mittlerweile wirklich steht. Diane wiederum ist eine angesichts ihrer aussichtslosen Lage sehr tapfere Frau, die um nichts in der Welt zulassen will, dass sie stirbt, bevor nicht endgültig geklärt ist, ob ihr Ex-Mann für diese Morde verantwortlich ist.

Zudem werden den beiden Kindern endlich einige Fragen zu ihrem Vater beantwortet, denn seit Diane vor 25 Jahren ihren Mann verließt, wurde vermieden, ihn überhaupt wieder zu erwähnen. Vor allem für Jeffrey ist die Suche nach dem Mörder und seinem Vater auch eine Reise zu sich selbst. Er will kein Instrument, kein Lockvogel der Special Agents sein, sondern in erster Linie seinem Vater persönlich gegenüberstehen und aus eigenem Mund erfahren, ob er wirklich der berüchtigte Mörder ist. Er traut Agent Martin, der ihn auf Schritt und Tritt überwachen soll, nicht gänzlich über den Weg und findet immer wieder Möglichkeiten, um gegen den Willen der State Security zu agieren und seinen eigenen Kopf durchzusetzen. Vatersuche, Vergangenheitsbewältigung und langsamer Abschied von der krebskranken Mutter sind zwar nicht die Hauptkomponenten des Romans, spielen aber deutlich in die Thrillerebene mit hinein.

|Kleine Schwächen|

Wie üblich bei John Katzenbach, ist der Roman an vielen Stellen zu ausführlich geraten. Gespräche und Beschreibungen verlieren sich oft in Details, die nichts Wesentliches zum Fortschreiten der Handlung beitragen, und ein paar Kürzungen hätte das Werk durchaus vertragen. Außerdem gibt es ein paar Stellen, bei denen Jeffrey der Zufall stark zu Hilfe kommt. Auf der Suche nach Hinweisen gerät er an einen ehemaligen Professoren-Kollegen seines Vaters, der, obwohl er Clayton sr. nur flüchtig kannte, mit einer Reihe pikanter Auskünfte dienen kann, die Jeffrey eine Menge Arbeit ersparen.

Bei der guten Grundidee des orwellschen Überwachungsstaates und der alltäglichen Gewalt, der man nicht Herr wird, stört, dass die Handlung wohl gerade mal zwanzig Jahre in der Zukunft spielt und es schwer vorstellbar ist, dass sich innerhalb dieser Zeit die Zustände so verschlimmert haben, dass jeder Bürger in ständiger Angst liegt, jeden Moment erschossen zu werden. Hier bleibt der Autor zu schwammig und gibt zu wenig preis über die Entstehung und Entwicklung dieser futuristischen Gegenwart.

_Als Fazit_ bleibt ein über weite Strecken spannender Thriller über einen perfiden Serienmörder in einem futuristischen Überwachungsstaat. Trotz kleiner Schwächen, die etwa in den teilweise langatmigen Details liegen, ist der Roman unterhaltsam zu lesen, vor allem dank der interessanten Grundidee und der psychologischen Elemente des brisanten Vater-Sohn-Verhältnisses.

_Der Autor_ John Katzenbach war vor seiner Schriftsteller-Karriere als Gerichtsreporter für die „Miami News“ und den „Miami Herald“ aktiv. 1982 erschien seiner erster Roman, „In the Heat of the Summer“, für den er eine Edgar-Award-Nominierung erhielt. Es folgten mehrere Bestseller, unter anderem „Der Sumpf“, „Die Rache“, „Der Patient“, „Das Opfer“ und „Der Fotograf“.

http://www.john-katzenbach.de/
http://www.knaur.de

_John Katzenbach auf Buchwurm.info|:_
[„Der Fotograf“ 4360
[„Das Opfer“ 3414
[„Der Patient“ 2994
[„Die Anstalt“ 2688

Michael Collins – Freak [Dan Fortune 11]

Die Suche nach einem untergetauchten Ehepaar führt den einarmigen Privatdetektiv Dan Fortune mehrfach in die Irre, wird von diversen Morden begleitet und endet in einem Bordell wie aus dem Wilden Westen, das einem psychopatischen Gangsterboss als Hauptquartier dient … – Trotz des absurd anmutenden Plots ist dies ein klassischer, sehr atmosphärischer „private-eye“-Krimi mit Spannung, nie gefühlsduseliger Melancholie und deutlicher Gesellschaftskritik.
Michael Collins – Freak [Dan Fortune 11] weiterlesen