Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Cooper, John S. – fünfte Flugzeug, Das

An einem Tag im September des Jahres 2001 ändert sich innerhalb von Stunden die ganze Welt. „Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann nicht ermessen, was hier passiert ist.“ So oder ähnlich äußert sich jeder, der am „Ground Zero“ war, dem Einsturzort des World Trade Centers. Wir alle erinnern uns an die Fernsehbilder, an die Reportagen und später auch an den authentischen Funkverkehr innerhalb der Flugzeuge, die entführt wurden. Wir alle sehen noch immer die fassungslosen New Yorker Bürger vor uns, die nur wenige Häuserblöcke vom World Trade Center stehen, die vielleicht auf den Südturm schauen, das höchsten Bauwerk ihrer Stadt, sehen, wie er einem Kartenhaus gleich ins sich zusammenstürzt. Es ist Dienstag, der 11. September 2001, der Tag, als Terroristen Amerika attackieren – im Wahn, damit den Willen Allahs zu tun.

Innerhalb der Zwillingstürme breitet sich das Grauen aus. Verzweifelt springen die ersten von Feuer und Explosionen bedrohten Menschen aus den Fenstern des World Trade Centers. Es werde noch weitere Dutzend folgen. Sie wählen diesen Ausweg, um nicht qualvoll im Inferno des Feuers umzukommen. In hilflosem Entsetzen verfolgen Passanten auf der Straße die fürchterlichen Szenen.

Jetzt, sechs Jahre später, verfolgt uns das Grauen jenen Attentates noch immer. Die Folgen, die Angst und der Zorn begleiten jeden von uns, gleich welcher Religion, welcher Glaubensgemeinschaft oder welchem Staat er angehört. Die Täter, alles relativ junge Männer, sind identifiziert, scheinbar gehören sie dem Terrornetzwerk Osama bin Ladens an. Die islamische Terrorszene spricht nicht von Mord oder Selbstmord, sondern von „Opfertod für Allah“ – ein Martyrium.

Doch wer gab diesen jungen Menschen den Befehl, in den sicheren Tod zu gehen und tausende mitzunehmen? Was wussten die amerikanischen, aber auch ausländischen Geheimdienste von diesem geplanten Terroranschlag? Wer hat sich dieses so komplexe Attentat ausgedacht? Im Internet gibt es unzählige Verschwörungstheorien, nicht wenige davon kommen selbst aus den USA. Seit Area 51, der Ermordung J. F. Kennedys und auch dem 11. September wird stets eine Verschwörung von dunklen Hintermännern vermutet, welche die wahre Macht besitzen. In vielen Foren finden sich unzählige und immer waghalsigere Theorien über von Radarschirmen verschwundene Flugzeuge, Kursabweichungen und Aussagen von Militärs, die an diesem Tag geheimnisvolle Befehle erhalten haben sollen.

Auch der amerikanische Autor John S. Cooper hat eine Theorie für seinen Debütroman „Das fünfte Flugzeug“ aufzubieten.

_Die Story_

Der frühere Top-Journalist und Pulitzer-Preisträger Max Fuller, dessen erfolgreicher Karriere und Plänen durch persönliche Schwächen wie Alkohol u. ä. ein Ende gesetzt wurde, fristet beim Sender CBS nur noch ein geduldetes Dasein. Sein täglich Brot verdient er mit Klatschgeschichten über die Prominenz Hollywoods. Den tragischen 11. September 2001 erlebte er unter medikamentöser Behandlung in einer Entziehungsklinik.

Eine ihm angebotene Enthüllungsstory über das Attentat klingt daher für ihn nur nach einer weiteren völlig unsinnigen Verschwörungstheorie. Ein mysteriöser Anwalt bietet ihm diese wahre Geschichte an, aus der Sicht eines der Piloten des Flugzeuges erzählt, das über die Radarschirme der US-Luftabwehr irrte.

Fuller glaubt nicht wirklich an diese Geschichte, doch seine Neugierde verleitet ihn dazu, sich mit dem Anwalt zu treffen. Doch diesem Treffen wird durch professionelle Killer ein schnelles Ende bereitet, der Mittelsmann wird vor seinen Augen kaltblütig erschossen und Fuller muss fliehen, wenn er überleben möchte.

Die Flucht nach vorne scheint für ihn der einzige Ausweg zu sein, und so findet er auch tatsächlich den besagten Piloten, der ebenfalls auf der Flucht vor den Killern ist. Einzig und allein die Wahrheit, eine Reportage vor den Augen und Ohren aller Welt, kann ihn retten, doch kurz vor dem Treffen mit Fuller wird dieser Opfer eines merkwürdigen Unfalls. Fuller ahnt, dass er der nächste in dieser Reihe ist, denn sein Nachbar wurde mit ihm verwechselt und ebenfalls getötet.

Zusammen mit der Tochter des Piloten, die ein Päckchen mit Beweisen erhalten hat, sowie dem Hacker und Konspirologen Nick und seinem Freund Jake Williams, der über exzellente Kontakte verfügt, recherchiert er weiter, um die Wahrheit über den 11. September 2001 ans Licht zu bringen. Konzentriert versucht das Quartett trotz aller Anschläge auf ihr Leben, die Wahrheit zu ermitteln, doch die Hintermänner des größten Verbrechens sind mächtiger als gedacht und die Wahrheit findet sich scheinbar, geschützt durch die Regierung, in den höchsten Kreisen …

_Kritik_

Der Autor John S. Cooper schreibt mit hohem Tempo und viel Ironie. Sicherlich ist diese Verschwörungstheorie eines Flugzeuges, welches auf geheimnisvoller Art und Weise von den Radarschirmen verschwand, nichts Neues, doch Cooper wirft gekonnt die eine oder andere Priese an Zutaten in den Gerüchtetopf.

Wie viele Thriller ist auch dieser „Das fünfte Flugzeug“ ein spannendes Road Movie mit vielen Verfolgungsjagden, die Handlungsträger sind ständig auf der Flucht vor den finsteren Hintermännern, die eventuell der Regierung selbst angehören. Die Flucht nach vorne bzw. die Fertigstellung eines Dokumentarfilmes, der an die Öffentlichkeit gebracht wird, kann das Überleben vielleicht garantieren.

Der Roman ist ironisch und sehr temporeich aufgebaut. Es gibt zwar jede Menge Spannung, dies aber ohne wirklichen Tiefgang, und leider wirken auch die Charaktere blass und farblos wie in vielen Thrillern dieses Genres. Interessant dagegen ist der Charakter des Konspirologen und Interntfreaks Nick, der überlegen und sehr geistreich die eine oder andere Idee einbringt und viele Theorien einfach zusammenführt. Die Geschichte als solche ist zwar haarsträubend und starker Tobak, doch versteht es John S. Cooper, daraus einen spannenden Roman zu stricken.

Wer allerdings den Roman kauft, um mehr über die Hintergründe der Anschläge auf das World Trade Center zu erfahren, dem sei wirklich abgeraten. Coopers Verschwörungstheorie ist zwar nicht unbekannt, aber es gibt kaum Indizien dazu und sicherlich nichts Beweisbares. Die Theorie bildet leider nur das Grundgerüst und nicht viel mehr für diesen Roman. Alles andere wird nur angerissen und kaum erklärt; alles in allem geht es nur um wilde Verfolgungsjagden, bei denen die Botschaft des Romans leider auf der Strecke bleibt.

Fragwürdig finde ich es leider, dass im Fahrwasser dieses Anschlags, bei dem etwa 3700 Menschen ihr Leben ließen, mit derartigen Romanen Geld verdient wird. Einen Vorwurf allerdings kann man dem Autor kaum machen. Seit jeher werden diese Geschichten ausgeschlachtet und zu Geld gemacht.

Als großen Kritikpunkt empfinde ich deswegen in diesem Roman die außerordentliche Komik, die der Autor atmosphärisch auf den Leser wirken lässt. Für einen Thriller mit derartigen Hintergrund ist der Tonfall allerdings eher unpassend und fehl am Platze. Der Autor hätte sich klarer entscheiden müssen, in welchem Genre und mit welcher Wirkung auf die Leser er denn nun schreiben möchte.

_Fazit_

Ich kann diesem Roman nur bedingt empfehlen. Meine Erwartungshaltung war hoch angesetzt und wurde durch die bereits erwähnte Ignoranz der eigentlich Theorie unterschritten. Bei einem solchen Roman hätte ich mehr Authentizität und Ernsthaftigkeit erwartet. Sicherlich ist „Das fünfte Flugzeug“ spannend und temporeich, aber um welchen Preis? In Anbetracht der Opfern und des Krieges gegen den Terror wirkt der Thriller nicht ausfüllend, eher wie ein spannendes Action-Drehbuch ohne Tiefgang. Was übrig bleibt, ist ein Roman, der zwar Spannung garantiert, aber weder das Motiv der Tat grundlegend zu erklären noch Folgefragen aufzuwerfen vermag.

_Der Autor_

John S. Cooper ist Historiker und Archivar und lebt in Vermont (USA). „Das fünfte Flugzeug“ („The Fifth Plane“) ist sein erster Roman.

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Browne, Robert Gregory – Devil\\\’s Kiss. Dir bleiben 48 Stunden

Mit einem größenwahnsinnigen Psychopathen sollte man sich besser nicht anlegen. Doch Jack Donovan, Spezialagent beim Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms & Explosives (AFT), nimmt die Jagd auf Alexander Gunderson, den charismatischen Führer der paramilitärisch-terroristischen „Socialist Amerikan Reconstruction Army“ nach langen Monaten längst persönlich. Stets ist ihm Gunderson, der das Spiel mit den Medien perfekt beherrscht und sich geschickt zum Volkshelden stilisiert, durch die Finger geschlüpft. Viel Blut hat die S.A.R.A. – die sogar über eine eigene Website verfügt – inzwischen vergossen, und zwischen Politik und Öffentlichkeit ist das AFT unter Druck geraten.

Endlich scheint Gunderson in der Falle zu sitzen. Mit einigen ‚Kampfgefährten“ sowie seiner hochschwangeren Gattin Sara hat er eine Bank überfallen. Die Gruppe ist umzingelt, doch das hat der Bandenchef vorausgesehen. Man sprengt sich den Weg zum Fluchtwagen frei. Donovan nimmt die Verfolgung auf und kann das Vehikel von der Straße drängen. Wieder entkommt Gunderson, doch Sara bleibt tot auf der Strecke. Der rasende Witwer schwört Donovan schreckliche Rache.

Wochen später ist Gunderson immer noch frei. Donovan nutzt die Kampfpause, um seine ihm seit der Scheidung entfremdete Tochter Jessie besser kennen zu lernen. Der Teeny ist seine einzige Schwachstelle – und genau hier setzt Gunderson an. Er kidnappt Jessie und sperrt sie in ein Erdgrab, das von außen mit Sauerstoff versorgt wird. Anschließend informiert er den Vater und weidet sich an dessen hilfloser Wut. Gunderson stellt keine Lösegeldforderung – er will Donovan quälen. Der Cop setzt Himmel und Hölle in Bewegung. Es gelingt tatsächlich, Gundersons geheimes Versteck zu finden und ihn zu stellen. Die Verhaftung endet als Desaster – Gunderson fängt sich eine Kugel ein und stirbt, ohne zu verraten, wo er Jessie begraben hat.

Knapp 48 Stunden reicht der Sauerstoff, der Jessie am Leben hält. Verzweifelt sichten Donovan und seine Kollegen die wenigen Hinweise, die auf das Erdgrab deuten. Spur für Spur verläuft im Nichts, während die Zeit erbarmungslos abläuft …

Tempo ist sicherlich das Wort, mit dem sich „Devil’s Kiss“ am besten charakterisieren lässt. Es beginnt mit einem furios geschilderten Bankraub und einer spektakulären Flucht mit katastrophalem Ende – und damit geht die Geschichte erst los. 48 Stunden Zeit zur Rettung des hilflosen Opfers, auf das der Autor zur Förderung des leserlichen Nägelbeißens immer wieder ‚umschaltet‘, und keine Hinweise, die dem ermittelnden Beamten – der auch noch der Vater besagten Opfers ist; Browne schreckt vor keinem Klischee zurück, wenn es der Spannung dienlich ist – auf die richtige Spur bringen können.

Natürlich gibt es doch einige Hinweise, die mit manchmal schwer nachvollziehbarer Logik entdeckt und ausgewertet werden. Verbrecher sind keine Supermänner, so Brownes Prämisse, und in diesem Punkt weiß er zu überzeugen, verknüpft die Professionalität der Polizei mit der Tücke des Objekts, die den Vorteil des Kriminellen, der sich an keine Vorschriften halten muss, negieren kann.

Geschwindigkeit ist für Browne auch deshalb wichtig, weil sie den Leser über diverse und oft gewaltige Plotlücken trägt; es bleibt kaum die Chance, diese zu registrieren, denn sofort geht es turbulent weiter. Das ist nur gut so, denn weicht der Verfasser von seinem Patentrezept ab, stellen sich Stirnrunzeln und Langeweile ein. Leider traut sich Browne nicht, Rasanz zum Programm zu erheben. Zwischendurch lässt er es ‚menscheln‘, lässt die komplizierte Vater-Tochter-Beziehung zwischen Donovan und Jessie Revue passieren und stellt damit vor allem unter Beweis, dass er solchen emotionalen Verwicklungen nicht gewachsen ist. Stattdessen schlägt er Opernseife auf TV-Niveau und lässt des Lesers Auge schnell zum nächsten aufregenden Zwischenfall springen, der glücklicherweise garantiert folgt.

Eine echte Überraschung erlebt der Leser nach dem ersten Drittel: Gerade hatte man sich auf ein erbittertes Duell zwischen Donovan und Gunderson eingestellt, da trifft Letzteren eine tödliche Kugel. Damit stirbt die wichtigste und womöglich einzige Spur zur irgendwo begrabenen Jessie. Der verzweifelte Vater muss den Fall völlig neu organisieren und sich auf die Jagd nach Gundersons Komplizen begeben.

Leider verlässt sich Browne nicht auf die Spannung, die aus der Suche nach dem sprichwörtlichen Strohhalm erwächst. Stattdessen schiebt er ein bizarres Kapitel ein, das Donovan nach einem Verkehrsunfall in ein fegefeuerähnliches Reich zwischen Leben und Tod führt. Dort trifft er zunächst einen verstorbenen Cop-Kumpel, der ihm bedeutet, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist, und dann Gunderson, der vermutlich auf sein Shuttle gen Hölle wartet; jedenfalls hat er die Gestalt eines Dämons angenommen. Bis ihn der Teufel endgültig holt, kündigt der geisterhafte Terrorist die Fortsetzung seiner Rache an. Als Donovan in die Realität zurückkehrt, hat er das Zweite Gesicht und sieht immer wieder Gunderson teuflisch aus dunklen Ecken grinsen: Der Finsterling hat sich als Geist in seinem Hirn eingenistet! Dieser Weg, die Handlung auf neue Geleise zu bringen, ist zugegebenermaßen extraordinär, doch es kommt ihr nicht zugute. Im Finale geht’s zurück ins kitschige Fantasy-Fegefeuer, wo Donovan buchstäblich mit seinem Dämonen ringt und der Leser um seine Fassung, denn jetzt wird es endgültig lächerlich. Da überrascht es nicht, dass Browne sein krudes Opus mit einem langbärtigen Schlussgag krönt, der zudem eine Fortsetzung androht.

Diese Welt ist schlecht, und wer sie bevölkert, hat allemal Dreck am Stecken. „Gut“ und „Böse“ gibt es nicht, die Menschen bewegen sich juristisch oft und moralisch immer in einer Grauzone. Das ist kein Grund zum Jammern, sondern die Realität, die man gefälligst zu akzeptieren hat. Lässt man sich darauf ein, stellt sich der Alltag als Dasein dar, das weniger Gesetzen als Regeln folgt: Willkommen in Brownes sehr modernem Universum, das elegant die Klischees einer ungemütlichen Gegenwart in den Dienst möglichst spannender Unterhaltung stellt. Politiker sind stets verlogen und sorgen sich ausschließlich um ihre Macht sowie ihren Einfluss, aber keine Sorge: Konzerne oder die Medien denken und handeln ebenso, und das Volk ist so dumm, dass es völlig zu Recht belogen und betrogen wird.

Idealisten werden zu Zynikern, um nicht emotional vor die Hunde zu gehen. Spuren hinterlässt die moralische Camouflage dennoch: Jack Donovan ist als Ehemann und als Vater privat gescheitert. Als ihm die Tochter entführt wird, reagiert er eher manisch als sich auf jene Fähigkeiten zu stützen, die ihn zu einem guten Cop machen. Wie ein wütender Stier walzt er durch die Stadt und hinterlässt eine Schneise der Verwüstung. Will er auf diese Weise wettmachen, was er als Vater versaubeutelt hat? Browne scheint der Ansicht zu sein, dies steigere den emotionalen Druck in dem Kessel namens „Kiss Her Goodbye“. Stattdessen wirkt Donovans Hyperaktivität lächerlich und übertrieben.

Aber Realismus ist Brownes Anliegen ohnehin nicht. Jeder Figur hat er aus bewährten Klischees sorgfältig eine stromlinienförmige Persönlichkeit konstruiert – ein Vorgehen, das er während seiner Tätigkeit als Drehbuchautor in Hollywood erlernt und perfektioniert hat. Also treten weiterhin auf: karrieregeile Schlipsträger, treue Kumpel, eine still vor sich hin schmachtende Donovan-Verehrerin, die pubertierende Tochter von einem fremden Planeten – und natürlich Lumpen, die es offenbar ausschließlich um des Effekts willen finster treiben. Alex Gunderson könnte sich als Schurke für einen „Stirb langsam“-Streifen casten lassen, denn er spielt das kriminelle Superhirn mit Wonne, ohne sich echte Gedanken über den Sinn seiner Streiche zu machen. An seiner Seite stehen Schießbudenfiguren, die aus Leibeskräften so ‚böse‘ sind, dass es die reine Wonne ist, sie unschöne, aber detailfreudig beschriebene Tode sterben zu ’sehen‘.

Lässt man sich auf die ebenso dreisten wie offensichtlichen Manipulationen eines Verfassers ein, der sich seinen Job möglichst einfach macht, indem er den Faktor Originalität vollständig ausklammert, macht die Lektüre freilich auf einer anderen Ebene Spaß. „Devil’s Kiss“ ist Trash der gut gemachten Art. Brownes Stil ist simpel, sein Wortschatz begrenzt. Gleichzeitig verfügt er über einen manchmal zynischen, in der Regel aber trockenen Witz und ein Gespür für die Inszenierung absurder Zwischenfälle. (Obwohl die deutsche Übersetzung offenbar unter Zeitdruck entstand – gleich zwei Übersetzer brachten das Werk ins Deutsche -, liest sie sich flüssig und weiß den leichten Ton zu wahren.) Ohne Brownes Willen zum buchstäblich außerirdischen Plotknaller wäre „Devil’s Kiss“ feines Lesefutter für müde Leserhirne. So reicht der Spaß nur bis zum Hirnriss.

Bevor Robert Gregory Browne (geb. 1955 in Baltimore) sich als ‚richtiger‘ Schriftsteller versuchte, verbrachte er einige Jahre in Hollywood. Ein Stipendium der „Academy of Motion Picture Arts & Sciences“ sicherte ihm den Start in eine verheißungsvolle Zukunft als Drehbuchautor.

Die Wirklichkeit sah anders aus. Brownes Drehbücher wurden ausgiebig durch die Mahlwerke der Hollywood-Maschine gedreht und in der berüchtigten „development hell“ geröstet, ohne dass sie je zur filmischen Umsetzung kamen. Was schließlich nach seinen Büchern gedreht wurde, waren diverse Folgen der TV-Zeichentrickserien „Diabolik“ und „Spider-Man Unlimited“ – für den ehrgeizigen Browne kein Ausgleich für viele Jahre der Frustration.

Browne kehrte der Filmmetropole schließlich den Rücken und setzte sein Wissen um den Aufbau einer vor allem spannenden und rasant erzählten Geschichte in seinem ersten Roman „Kiss Her Goodbye“ um, der vom Verlag |St. Martin’s Press| angekauft und veröffentlicht wurde. Dieser wurde umgehend so erfolgreich, dass Browne sogleich einen weiteren Buchvertrag erhielt.

Robert Gregory Browne hat eine Website (www.robertgregorybrowne.com). Auf http://murderati.typepad.com/murderati/paul__guyot/index.html („Murderati – Mysteries, Murder and Marketing“) führt er (neben vielen anderen Krimi-Kollegen) einen Blog, in dem er sich informativ und humorvoll über Gott & die Welt und seine noch junge Schriftstellerkarriere (sowie ihre Tücken) äußert.

http://www.knaur.de/

|Siehe ergänzend dazu die [Rezension 4083 von Maren Strauß zum Buch.|

Kalla, Daniel – Pandemie

In der chinesischen Provinz Gansu entwickelt sich eine neue Supergrippe, die sich womöglich als Pandemie über die ganze Welt ausbreiten wird. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schickt Dr. Noah Haldane, Spezialist für Infektionskrankheiten, und weitere Spezialisten als medizinische Verstärkung in den Osten, welche dies in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden verhindern sollen und können.

Doch inzwischen haben sich islamische Terroristen in China reichlich mit virenverseuchtem Rotz eingedeckt. Vom fanatischen Scheich Hassan angestachelt, organisiert der ägyptische Zeitungszar Hazzir Al Kabaal im Auftrag der „Bruderschaft der einen Nation“ eine biologische Attacke gegen die verhassten Ungläubigen aus dem Westen. In Somalia haben er und seine skrupellosen Schergen, unter denen sich der irre Mörder-Major Abdul Sabri besonders unrühmlich hervortut, ihre Attentatszentrale und Virenfabrik eingerichtet. Von dort aus schicken sie absichtlich infizierte ‚Märtyrer‘ in ausgewählte europäische und nordamerikanische Großstädte, wo sie sich als Virenschleudern tummeln und brave Bürger anstecken, die planmäßig wie die Fliegen umfallen und für Massenpanik sorgen.

Als die Lumpen ihre schmutzigen Klauen auch gen USA ausstrecken, wird der stets wachsame Geheimdienst CIA aufmerksam. Letzte Klarheit schafft ein Ultimatum der „Bruderschaft“, die einen vollständigen Rückzug der westlichen Truppen aus dem arabischen Raum fordert. Natürlich gedenkt sich die letzte Supermacht auf Erden nicht von dreisten Schurkenstaaten auf der Nase herumtanzen zu lassen. In Zusammenarbeit mit der Bioterrorismus-Abwehr in der Abteilung für Zivilschutz denkt man über einen Militärschlag in Somalia nach. Mit von der Partie ist wiederum Dr. Haldane, der vor Ort nach Hinweisen auf das weitere Vorgehen der Terroristen fahnden soll, was nur gut ist, denn inzwischen hat der endgültig übergeschnappte Major Sabri die Macht übernommen. Seine Virenschmiede haben einen neuen Erreger gebastelt, der noch wesentlich gefährlich ist als der Vorgänger. Mit diesem Virus will die „Bruderschaft“ den Westen endgültig in die Knie zwingen …

Spannender Thriller vor realistischer Kulisse und lachhafte Spukgeschichte auf Privatfernsehniveau – „Pandemie“ ist beides und in dieser Kombination ein Idealbeispiel für jene Instant-Bestseller, die heutzutage als leicht verdauliches Lesefutter palettenweise in die Filialen der Buchhandelsketten geschoben werden. Zur Abwechslung geht es nicht um den heiligen Gral, die Tempelritter oder vatikanische Munkeleien, sondern um das ebenfalls aktuelle Thema Vogelgrippe. Wenn man den Medien Glauben schenken möchte, sitzt diese als moderne Weltpest in den Startlöchern und ist schon längst überfällig. Daniel Kalla gehört zu denjenigen medizinischen Spezialisten, die ebenfalls dieser Meinung sind. Außerdem hat er offensichtlich bemerkt, dass viele unterbeschäftigte und/oder schlecht bezahlte Wissenschaftler und Journalisten sich ein hübsches Zubrot damit verdienen, ihr Fachwissen in Romanform einem zahlenden Publikum zu vermitteln.

Für den schriftstellernden Anfänger ergibt sich das Problem, dass ein Roman etwas ganz anderes als ein Sachbuch oder Aufsatz für eine Fachpublikation ist. Kalla, der hier sein Debütwerk vorlegt, muss erst noch lernen, seinen Hang zum Dozieren in den Griff zu bekommen bzw. in den Dienst der Handlung zu stellen. Es ist lobenswert, dass er an den medizinischen Laien denkt und die Mechanismen einer Epidemie allgemeinverständlich darlegt. Wer viel weiß, dem wohnt freilich in der Regel auch der Drang inne, seine Mitmenschen zu belehren – und es dabei zu übertreiben. (Wer sich ohne literarische Klimmzüge über Epidemien und Pandemien informieren möchte, greife zum modernen Seuchen-Sachbuchklassiker [„Influenza. Die Jagd nach dem Virus“ 2594 von Gina Kollata, erschienen im |Fischer|-Taschenbuchverlag; es ist übrigens das besser geschriebene Buch.)

Mit mehr Hirnschmalz hätte Kalla die eigentliche Story schmieren sollen. Statt eines Plots erdachte er sich eine Plotte. Auch hier gibt die Unerfahrenheit des Verfassers den Ausschlag für diese Negativkritik. Sogar die guten Thriller glänzen selten durch Originalität, die Kreuzung von Katastrophen- und Terroristenmär war schon oft da, sie wird auch noch oft zurückkehren, da sie eingängig und aktuell ist und wohl auch bleiben wird. Ein bisschen Logik darf trotzdem sein. Wie schaffen es beispielsweise Al Kabaals Virenschmuggler, zum richtigen Zeitpunkt exakt dort zu sein, wo die Gansu-Grippe entsteht? Halten sich Terroristen überall bereit, wo eine pandemietaugliche Krankheit auftauchen könnte? Außerdem scheint sich die „Bruderschaft“ über die Bedeutung des Wortes Pandemie nicht klar zu sein: Eine weltweit wütende Seuche würde natürlich auch die islamischen Länder nicht aussparen, was kaum im Sinn der Glaubenskrieger sein dürfte.

So gelingt Kalla nur ein Szenario auf Kasperletheater-Niveau. Die Welt des internationalen Terrors schildert er so, wie sie von der US-Regierung Bush gesehen wird: als Verschwörung menschenverachtender Schurkengruppen, deren Mitglieder entweder Fanatiker oder Irre oder beides sind. Zwar bemüht er sich sichtlich um Objektivität, doch letztlich läuft alles auf ein finales Simpelduell zwischen Gut & Böse hinaus.

Ständig arbeitet Kalla mit billigen Tricks. Der Haupthandlung fügt er einen Nebenstrang ein, der die Recherchen eines ägyptischen Polizisten gegen die Terroristen schildert. Diese Geschichte ist ohne Belang, Kalla erzählt sie, weil er unbedingt zeigen möchte, dass es in der muslimischen Welt neben verrückten Fundamental-Islamisten auch ’normale‘ Menschen gibt. Deshalb muss der arme Sergeant Achmed Eleish im Namen der guten Indianer – halt: Araber sind es hier ja – dem schäumenden Terror-Scheich Hassan eine flammende Anklage ob seiner kriminellen Aktivitäten in die zahnfaulige Fratze schleudern, bevor er, der seinen Dienst damit getan hat, von einem weiteren Burnus-Unhold dramatisch zu Tode gebracht wird.

Ziemlich aufdringlich sind ebenfalls die Anbiederungen an ein möglichst großes US-Publikum. Kalla ist Kanadier, wünscht sich für seinen Erstling jedoch verständlicherweise zahlreiche Käufer. Also schildert er einen Einsatz von US-Rangern in Somalia, der so abläuft, wie es Dabbeljuh Bush sicherlich gern seinen Enkeln als Gute-Nacht-Geschichte erzählen würde: Schneidig hinein geht’s in den Schurkenstaat, das Terrornest wird besetzt und ausgehoben, mit chirurgischer Präzision der Feind ausgeschaltet und ansonsten kein Grashalm gekrümmt. Damit noch der Dümmste begreift, was diese absurde, zudem unbeholfen in Szene gesetzte Episode (bei deren Lektüre sich ein Tom Clancy wahrscheinlich vor Lachen gekrümmt hat) bewirken soll, setzt Kalla auf Seite 406 noch eins drauf:

|“‚Mr. President‘, sagte Gwen, die auf halber Höhe des Tisches saß, und alle Köpfe drehten sich nach ihr um, „Ich habe einem Kameraden der Gefallenen versprochen, Ihnen zu sagen, dass die US-Ranger, die in Somalia gestorben sind, große Amerikaner waren. Jeder Einzelne von ihnen.‘ Er starrte sie mehrere Augenblicke an, bevor ein väterliches Lächeln auf seinem Gesicht erschien. ‚Und ich verspreche Ihnen, dass ich sie als solche ehren werde. Jeden Einzelnen von ihnen.'“| (Im Film hier weihevolle Musik inklusive Trommelwirbel einspielen!)

Dem holzschnittartigen Handlungsverlauf entspricht die Figurenzeichnung. Da haben wir beispielsweise Dr. Haldane, Ende 30, aber immer noch „jungenhaft aussehend“; ein Idealist und Vollblutmediziner, der in Sachen Gesundheit unermüdlich um den Globus jettet und in seiner knappen Freizeit Ehefrau und Töchterlein vergöttert. Aber, ach, die Gattin versteht das nicht, fordert Vollzeit-Balz, betrügt ihn gar – und das auch noch mit einer Frau! Wie gut, dass es Kollegin Gwen Savard gibt, die ebenso idealistisch und gleichaltrig ist, sich jedoch sogar noch besser gehalten hat. Seite an Seite jagt man Viren und Terroristen und kommt sich stetig näher dabei, bis die Neu-Geliebte im Finale klischeegerecht dem Ober-Unhold in die würgenden Hände fällt und vom plötzlich zum Nahkämpfer mutierenden Haldane gerettet werden muss.

Wenn man die Schar der Bösewichte mustert, so scheint Kalla ursprünglich eine gewisse Ausgewogenheit im Sinn gehabt zu haben. Sein Hazzir Al Kabaal ist kein Bin-Laden-Double, sondern wirkt durchaus hin- und hergerissen zwischen tiefer Frömmigkeit und weltlichen Genüssen, zwischen Terrorismus und Schrecken, da Gewalt – so begreift Al Kabaal schließlich – nie die gewünschten Paradiesfrüchte eines Gottesstaats auf Erden hervorbringen wird. Gleichzeitig bleibt er ein Weißkragen-Terrorist, der den Schrecken nur befiehlt und gar nicht wissen will, was er damit in Gang setzt.

Bald beschleicht Kalla Furcht vor der eigenen Courage. Ein Terrorist mit Selbstzweifeln? Das könnte sein Publikum ihm übelnehmen! Also rückt Major Abdul Sabri an die Spitze der Virenschurken. Er ist endlich von jener glasklaren Bösartigkeit, die von den braven Zeitgenossen verstanden wird, welche einfache Freund-Feindbilder favorisieren und sich vor den Fremden aus Nahost fürchten, denen ein grausames Schicksal die ertragreichsten Ölquellen zugespielt hat. Sabri ist nicht nur ein Mörder, sondern – viel schlimmer – ein Heuchler und als solcher eine Schande für seine abscheuliche Zunft: Er terrorisiert nicht, um den Glauben zu verteidigen, sondern weil man ihn einst nicht befördern wollte. Schnöde Rache und andere niedere Beweggründe treiben ihn folglich um. Übergeschnappt ist er außerdem, so dass es völlig legitim ist, ihn wie einen tollen Hund abzuknallen.

Ähnlich gepolte Handlager wuseln um die beiden Zentralschurken herum. Auch sie entgehen ihrem gerechten Urteil nicht. Bis es so weit ist, ergehen sie sich in Hasstiraden gegen die unmoralischen Christenhunde, lassen sich zum Wohl ihrer Sache jede Scheußlichkeit antun, fiebern einem Ende als Märtyrer entgegen und treiben auch sonst viel von jenem stereotypen Unfug, für den der islamische Modellfanatiker in Funk & Fernsehen, Weißem Haus & Hollywood bekannt ist.

Über solche Simplifizierungen und Unterstellungen könnte man lachen oder sie als unvermeidbar für ein Stück Remmidemmi-Literatur wie „Pandemie“ hinnehmen, würde nicht so offenbar, dass es Verfasser Kalla ernst meint. Das ist schade, denn unter allen Dämlichkeiten geht fast verloren, dass ihm eines zu vermitteln gelingt: Eine Seuche wird heute schneller denn je zur Pandemie, weil es auf dieser Welt keine Grenzen mehr gibt, die einem Virus Einhalt gebieten könnten. Prinzipiell jeder Punkt des Erdballs ist per Flugzeug erreichbar, der interkontinentale Fernverkehr längst so intensiv geworden, dass sich die Ausbreitung von Epidemien auf diesem Weg womöglich nicht mehr kontrollieren lässt. Es gibt keine Inseln oder anderen Orte mehr, auf oder an denen man sich in Sicherheit wiegen kann.

Solche Passagen versöhnen zwischenzeitlich mit einem Roman, der ansonsten herzlich wenig bzw. meist das Falsche aus seiner Ausgangsidee macht. Da braucht es keine Terroristen, doch leider traut Kalla seinem eigenen Stoff nicht wirklich. (Haftbar machen sollte man übrigens die zum Teil recht prominenten Schützenhelfer, die „Pandemie“ auf den Umschlagseiten allen Ernstes zum Meisterwerk hochstilisieren; sie sind entweder skrupellos und wurden für ihre Lobhudeleien gut bezahlt oder haben dieses Buch nie gelesen.)

_Autor_

Viel ist nicht über Daniel Kalla bekannt; es lohnt nach der Lektüre von „Pandemie“ ehrlich gesagt auch nicht, im Internet nach Informationsbrocken zu sieben. Also beschränken wir uns auf die kargen Angaben des Verlags. Kalla wurde demnach 1966 geboren und arbeitet als Notarzt im kanadischen Vancouver. Als dort 2003 eine SARS-Epidemie drohte, gehörte er zum Team der Mediziner, die vor Ort für eine Eindämmung der Krankheit sorgen sollten. Die gewonnenen Erfahrungen setzte Kalla 2005 in seinem Romanerstling „Pandemic“ um.

http://www.heyne.de

Katzenbach, John – Fotograf, Der

John Katzenbach hat sich mit Thrillern wie „Die Anstalt“, „Das Opfer“ oder „Der Patient“ in letzter Zeit zum Bestsellerautor gemausert. Dabei schreibt er nicht erst seit gestern. Deshalb veröffentlicht Knaur jetzt einen Roman wieder, der unter dem Titel „Das Auge“ bereits vor zwanzig Jahren veröffentlicht wurde. Das Buch wurde völlig neu bearbeitet und heißt jetzt „Der Fotograf“.

Der Fotograf ist in diesem Fall Douglas Jeffens, der nach einer unschönen Kindheit zum Mörder wurde. Eins seiner Opfer ist Susan, die Nichte von Detective Mercedes Barren. Obwohl man jemanden fand, der zur gleichen Zeit weitere Mädchen in Miami umgebracht hat, glaubt Mercedes nicht daran, dass dieser Täter auch Susan auf dem Gewissen hat. Es muss noch einen Mörder geben. Sie macht sich auf die Suche und stößt dabei auf Martin Jeffers, Douglas‘ Bruder, der nichts von Douglas‘ Geheimnis weiß beziehungsweise wissen will. Er hat es zwar schon immer geahnt, doch nie wahrhaben wollen.

Gemeinsam mit Mercedes macht er sich auf die Suche nach Douglas, der auf „Erinnerungsreise“ gegangen ist. Er hat kein gutes Gefühl dabei und ist sich auch nicht sicher, ob er Mercedes wirklich vertrauen kann. Gleichzeitig fährt Douglas durch ganz Amerika, auf dem Beifahrersitz die junge Literaturstudentin Anne, die den Auftrag hat, das mitzuschreiben, was Douglas zu erzählen hat – und was er tut. Douglas ist schließlich immer noch ein gefährlicher Serienmörder und Anne ist sich dessen ständig bewusst …

Auch wenn man den Namen Katzenbach stets in allen möglichen Bestsellerlisten findet, bedeutet das noch nicht, dass auch alles von ihm gut sein muss. „Der Fotograf“ hat sicherlich seine Vorzüge, aber auch einige bedeutsame Schwächen. Dazu zählt vor allem die Handlung. Das Buch hat weit über 600 Seiten, doch es kommt nur selten Spannung auf. Mercedes‘ Jagd auf Douglas ist recht spannungsarm, da dem Leser – im Gegensatz zum Detective – von Anfang an bekannt ist, wer Susan ermordet hat. Dadurch ist die einzige Frage, die man sich während der Lektüre stellt, wann sie Douglas denn endlich hat. Katzenbach konzentriert sich dabei nicht auf eine einzige Hauptperson, sondern auf mehrere. Dadurch wird der Leser mehr oder weniger allwissend, was auch nicht unbedingt einen positiven Effekt auf die Spannung hat. Zudem wird das Buch stellenweise sehr lang, da zu wenig passiert. Viele Dinge sind außerdem vorhersehbar oder werden nicht besonders spannend dargestellt.

Was auf der Habenseite steht, ist der Schreibstil. Katzenbach schreibt sehr akkurat und versucht, wirklich alles wiederzugeben. Dass er sich dabei nicht in Unwichtiges verstrickt, ist ihm hoch anzurechnen. Sein Wortschatz ist groß, sein Stil eher nüchtern. Er stellt Gefühle zwar dar, aber trotzdem bleibt stets eine gewisse Distanz zwischen Personen und Leser.

Die Personen sind gute Handarbeit, kommen durch diese Distanz aber nicht immer völlig zur Geltung. An einigen Stellen wirkt das Buch wie mit Handbremse geschrieben. Dabei gefallen die Charaktere eigentlich durch ihre ansprechende Ausgestaltung. Jede bzw. jeder hat eine Vergangenheit und ist sehr menschlich. Es gibt Ecken und Kanten und Katzenbach hält sich von Klischees fern. Mercedes erinnert beispielsweise anfangs an die taffe, etwas burschikose Polizistin, doch sehr bald muss man als Leser überrascht feststellen, dass sie durchaus auch sehr weiblich sein kann. Anders als manche Autorin schlachtet Katzenbach diese Tatsache aber nicht aus. Es ist sehr erfrischend, dass es keine obligatorische Romanze in „Der Fotograf“ gibt.

Der einzige Charakter, der etwas klischeehaft wirkt, ist ausgerechnet Douglas Jeffers, der Mörder. Seine Geschichte – schlechte Kindheit et cetera – ist wirklich schon oft dagewesen. Katzenbach hat dazu den Gegenpol in Form von Martin Jeffers geschaffen, der trotz ähnlicher Erlebnisse eben nicht kriminell geworden ist. Das ist geschickt gemacht, aber der Autor scheint das Potenzial dieses Gegensatzes nicht völlig auszuschöpfen. Zu wenig kommt der Konflikt zwischen den Brüdern zum Tragen.

„Der Fotograf“ ist ein Thriller, der nicht unbedingt spannend ist, aber immerhin gut geschrieben. Er hat viele Längen und kann selten mitreißen, Katzenbach schafft es aber, die Erlebnisse der einzelnen Charaktere in gute, dichte Worte zu fassen und anschaulich darzustellen.

http://www.john-katzenbach.de/
http://www.knaur.de

_John Katzenbach auf |Buchwurm.info|:_
[„Das Opfer“ 3414
[„Der Patient“ 2994
[„Die Anstalt“ 2688

Martin Edwards – Tote schlafen nicht

In einem kleinen englischen Dorf zweifelt ein Historiker an der Schuld eines ortsansässigen Mörders. Er stellt Fragen und versucht sich ungeschickt als Detektiv, was den wahren Täter so nervös werden lässt, dass er den lästigen Schnüffler (mund-) tot machen möchte … – Sehr britischer Krimi, der hinter einer idyllischen Szenerie menschliche Abgründe offenlegt. Die Handlung bietet weder inhaltlich noch formal Neues, hebt sich aber wohltuend von den Seifenoper-Krimis ab, die andere Autoren bzw. Autorinnen in ähnlichen Kulissen verbrechen.
Martin Edwards – Tote schlafen nicht weiterlesen

Daschkowa, Polina – falsche Engel, Der

Polina Daschkowa gehört zu den bekanntesten russischen Autorinnen. Ihr neuestes Buch „Der falsche Engel“ ist typisch Daschkowa – und doch wieder nicht. Auf der einen Seite hat man wie gehabt eine verwobene Handlung, viele Personen, deren ungewohnte Namen man sich nur schwer einprägen kann, und ein nicht besonders positiv dargestelltes Russland. Auf der anderen Seite hat man zugleich eines der besten Bücher der Russin in Händen.

Der verwöhnte Unternehmersohn Stas, der einfach nicht erwachsen werden will, wird aus seinem Luxusleben aufgeschreckt, als er eines Tages beobachtet, wie vermummte Männer sein Auto in die Luft zu sprengen versuchen. Es scheint, als ob jemand hinter ihm her ist. Nur wer? Er kann sich das nicht erklären und dann wird auch noch sein Chauffeur erschossen. Seine Eltern haben Angst um ihn und da sein Vater Wladimir nur wenig von der Miliz hält, beauftragt er seinen Freund Raiski, sich um seinen Sohn zu kümmern.

Er kann natürlich nicht ahnen, dass Raiski auf zwei Hochzeiten tanzt: Er beschützt nicht nur Stas, sondern benutzt ihn auch oder zumindest sein Gesicht. Raiski lässt Major Sergej Longinow mittels plastischer Chirurgie zu einem Ebenbild von Stas operieren. Sergej soll für eine Weile Stas‘ Leben führen, um einen persönlichen Rachefeldzug für Raiski zu führen, während der echte Stas im „Urlaub“ ist. Doch worauf zielt Raiski ab? Und an wem will er sich rächen?

„Der falsche Engel“ verbindet viele verschiedene Handlungsstränge, die schließlich in einem gewaltigen Knoten enden. Irgendwie hängt alles zusammen, jede Person hat eine Aufgabe in der Geschichte. Das sorgt, vor allem dank Daschkowas spannender und erdiger Erzählweise, für eine Menge Spannung. Die Handlung an und für sich ist zwar an einigen Stellen etwas zu verworren, schlägt sich aber in Anbetracht der Masse von Ereignissen erstaunlich gut. Die russische Autorin schafft es tatsächlich, aus einer Menge loser Enden, die anfangs unabhängig voneinander scheinen, ein dicht gewebtes Netz von Geschichten zu spinnen. Dabei schlägt sie ein flottes, aber nicht rasantes Erzähltempo an und hält sich nicht an Kleinigkeiten auf. Sie sorgt vielleicht nicht von der ersten bis zur letzten Seite für Hochspannung, aber eine gewisse unterschwellige Spannung ist stets vorhanden und macht das Buch lesenswert.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen, wie so oft bei Polina Daschkowa, Kriminelle, unbescholtene Bürger, die plötzlich mit dem Verbrechen in Berührung kommen, und vor allem Menschen, die alle eine dunkle Seite haben. Was an „Der falsche Engel“ besonders gefällt, ist die Tatsache, dass die Autorin, anders als in beispielsweise [„Keiner wird weinen“, 4224 völlig darauf verzichtet, ihre Figuren beinahe lächerlich überzeichnet darzustellen. Stas ist zwar ein Muttersöhnchen, wie es im Buche steht, aber dieses Mal gibt es keine dickliche, unverheiratete und deshalb frustrierte Russin. Vielmehr setzt Daschkowa auf ernste, tiefgründige Charaktere. Das tut dem Buch sehr gut. Es steigert die Spannung und den Nervenkitzel, der nicht durch witzige Zwischenspiele aufgelockert wird. Die Charaktere sind dabei wie gewohnt gut ausgearbeitet und anschaulich dargestellt. Das Einfließen von vergangenen Erlebnissen und Gedanken sorgt dafür, dass das Buch nicht zu handlungslastig wird, sondern den Fokus auch auf die Personen legt.

Einziger Wermutstropfen bei der Lektüre ist der Schreibstil. Nicht, dass er nicht gut wäre. Daschkowa schreibt auf den Punkt genau. Sie verliert nicht viele Worte, sondern schildert in klarer, beobachtender Sprache, was um die einzelnen Perspektiven herum passiert. Der Stil erinnert dabei weniger an einen Krimi als an einen guten Roman, denn sie schreibt sehr literarisch. Sie verzichtet auf wertende Emotionen innerhalb des Textes, sondern beschreibt beinahe stur, was passiert. Manchmal ist sie dabei aber etwas unaufmerksam. Sätze, die Zusammenhänge zwischen Absätzen erklärt hätten, scheinen an einigen Stellen zu fehlen. Dadurch hat man als Leser das Gefühl, als ob ein Sprung in der Geschichte vorkäme. Da dies nicht nur einmal passiert, sondern öfter, wird die Lektüre ab und an etwas kompliziert.

Allerdings ist dies nur ein kleines Manko. Da es sich zumeist nicht um handlungsrelevante Dinge handelt, die vorschnell abgehandelt werden, kann man darüber wegsehen. Immerhin hat „Der falsche Engel“ genug Positives zu bieten. Die Handlung ist flott, spannend und unglaublich gut ausgedacht, der Schreibstil gefällt durch seine nüchterne Betrachtungsweise und die Personen sind toll ausgearbeitet. Wer von Polina Daschkowa trotz ihrer zahlreichen, deutschen Veröffentlichungen noch nichts gehört hat, der sollte zu „Der falsche Engel“ greifen. Bei diesem Buch handelt es sich nämlich ohne Frage um eines der besten der Russin.

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|Polina Daschkowa auf Buchwurm.info:|
[„Für Nikita“ 807
[„Keiner wird weinen“ 4224

Koontz, Dean – Trauma

_Handlung_

Kurz vor Jimmy Tocks Geburt liegt sein Großvater im Sterben und sagt die genaue Größe und das Gewicht des zu erwartenden Kindes voraus. Aber nicht nur das, denn er prophezeit seinem Enkel noch fünf furchtbare Tage in seinem zukünftigen Leben, samt der genauen Daten. Und gleich bei seiner Geburt scheinen sich die bösen Omen zu verdichten, denn ein wahnsinniger Clown läuft im Krankenhaus Amok und richtet ein Blutbad an. Kurz vor der Flucht verspricht der wahnsinnige Mörder Jimmy Tocks Vater, dass er ein Auge auf dessen Familie werfen wird …
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Louis, Duane – Blondes Gift

Brünette, rothaarige und schwarzhaarige Frauen haben es doch schon immer irgendwie gewusst: Blondinen sind nicht nur nervige Konkurrenz, wenn es um die männliche Gunst geht, sondern auch sonst nicht ganz koscher. Der Amerikaner Duane Louis bestätigt in seinem Buch „Blondes Gift“ beide Thesen. Die blonde Frau, die sich Kelly White nennt, ist nicht nur unglaublich gutaussehend, sondern auch unglaublich gefährlich, für einige sogar tödlich.

Der Journalist Jack ist nach Philadelphia gereist, um mit dem Scheidungsanwalt seiner Frau zu sprechen. Am Flughafen genehmigt er sich einen Drink und sieht sich plötzlich einer gut bestückten Blondine gegenüber, die standhaft behauptet, sein Bier vergiftet zu haben. Er würde in zwölf Stunden sterben, wenn er nicht bei ihr bleibt, denn nur sie hat das Gegengift. Jack glaubt an einen dummen Scherz, doch als er sein Hotelzimmer erreicht, wird ihm schwindlig und er muss sich heftig übergeben. Anscheinend war doch etwas dran an der Story der blonden Frau. Er kehrt zurück zum Flughafen, um sie aufzutreiben und sie um das Gegengift anzubetteln. Doch das war ein Fehler. Kelly White kettet ihn mit Handschellen an sich und behauptet, keine drei Sekunden alleine in einem Raum verbringen zu können, weil ihr sonst der Kopf explodiert. Angeblich stammt sie aus Irland und hat in einem zwielichtigen Labor gearbeitet, das ihr Nanobausteine ins Blut geschleust hat, die der Überwachung dienen. Diese intelligenten Biester nehmen wahr, wenn kein menschliches Wesen mehr in ihrer Nähe ist und bringen sie dann um. Ohne Frage ist Kellys Geschichte mehr als haarsträubend, doch Jack muss in der schlimmsten Nacht seines Lebens feststellen, dass selbst die haarsträubendsten Geschichten wahr sein können…

„Blondes Gift“ ist eines dieser rasanten, frischen Bücher, die in einer coolen, amerikanischen Stadt – in diesem Fall Philadelphia – spielen und jede Menge skurrile Gestalten beinhalten. Das ist vermutlich der größte Vorwurf, den man Duane Louis machen kann: Wirklich originell ist seine Idee nicht mehr, aber dafür hat er sie gut umgesetzt. Die Handlung ist zwar teilweise etwas grenzwertig, da unrealistisch anmutend, aber sie ist spannend. Man weiß nicht, was als nächstes passiert, geht aber erstmal vom Witzigsten aus, denn Louis strapaziert gerne mal die Lachmuskeln seiner Leser.

Dafür sorgen schon die verschiedenen Hauptpersonen. Während Jack ein etwas stoffeliger Mensch ist, ist der Geheimagent Mike Kowalski das genaue Gegenteil von ihm. Mit scharfem Verstand und in ständiger Bereitschaft zu töten geht er blind den Befehlen nach, die er von seiner Verbindungsoffizierin bekommt. Diese Befehle bestehen in dieser Nacht vor allem darin, die Köpfe von bestimmten Toten einzusammeln oder Kelly White zu jagen. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht und Kowalski wünscht sich nichts mehr, als den Kopf des dicken Ed, den er in einer Sporttasche mit sich herumträgt, abliefern zu können und weiterhin Jagd auf versprenkelten Mafiosi zu machen, die seine Verlobte auf dem Gewissen haben.

Louis ist es gelungen, einen Haufen kranker, bizarrer Gestalten in einem Buch zu vereinen. Jede der wichtigen Personen hat dabei nicht nur eine eigene Erzählperspektive, sondern auch eine eigene Persönlichkeit, Geschichten aus der Vergangenheit und Sorgen und Probleme. Kurz gesagt: Jack und Co. können sich sehen lassen. Sie sind gut ausgearbeitet und mittels des offenen, an den Gedanken des jeweiligen Erzählers orientierten Schreibstils kann der Leser sich mit ihnen identifizieren.

In diesem Zusammenhang ist der Humor des Autors sehr wichtig. Er lässt keine Gelegenheit aus, um seinen Charakteren entweder einen schlagfertigen Dialog oder sarkastische Gedanken in den ‚Mund‘ zu legen. Besonders die Gedankenspiele überzeugen, da sie zumeist ein hohes Maß an Selbstironie beinhalten oder die momentane, alles andere als witzige Situation aufs Korn nehmen. Ansonsten verliert Louis keine unnötigen Worte. „Blondes Gift“ legt ein hohes Erzähltempo vor und punktet vor allem durch seinen alltagssprachlichen Humor.

Die Handlung selbst ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Manche werden bekritteln, dass sie stellenweise zu abgedreht ist. Alleine schon die Tatsache, dass von Nanobausteinen im Blut die Rede ist, die den Kopf zum Explodieren bringen, sobald man alleine ist, ist sicherlich nicht nur technisch fragwürdig. Außerdem ist „Blondes Gift“ ein Buch, das einen Haufen Geschwisterchen hat, die ähnlicher Machart sind. Dadurch kommt es vor, dass manche Ereignisse zwar nicht unbedingt abgekupfert, aber im Kontext banal wirken. Dass Jack sich auf seiner Flucht in einen zwielichtigen Sexclub begibt, bei dem Anfassen verboten ist und man stattdessen gemeinsam masturbiert, ist beispielsweise nicht sonderlich überraschend. Sex, Drugs and Crime sind schließlich die Hauptzutaten solcher Bücher.

Wer allerdings kein Problem damit hat, sich auf einen vielleicht nicht ganz glaubwürdigen, dafür aber unglaublich amüsanten Roman einzulassen, der wird seine wahre Freude an Duane Louis‘ Buch haben. Der Autor hat viele (wahn-)witzige Ideen verarbeitet, mit entsprechendem Humor gewürzt und mit originellen Charakteren versehen. „Blondes Gift“ ist eine schwarze Hollywoodactionkomödie für das Kino im Kopf.

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Paulus Schotte – Ein Mann verfolgt sich selbst

schotte-mann-cover-kleinEin Mann ist tot, sein eifersüchtiger Nebenbuhler kann sich nicht an die vergangene Nacht erinnern: Hat er einen Mord begangen? Karl Jeß beginnt voller Angst gegen sich selbst zu ermitteln und bringt nicht nur sich, sondern auch eine hilfsbereite Medizinstudentin in Lebensgefahr … – Arg angejahrter deutscher Kriminalroman, was durch den untypischen Plot sowie die Kulisse deutschen Alltags in den frühen 1930er Jahren zum Teil aufgewogen wird: Krimistoff für literaturhistorisch interessierte Leser.
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Olsberg, Karl – System, Das

_Der Profi und sein Fachgebiet._

Karl Olsberg ist einer jener Autoren, die der Kunst des Schreibens „nur“ parallel frönen, die ihre Ideen aus dem abschöpfen, was ihre berufliche Identität ausmacht. Dementsprechend strotzt das Roman-Debüt des Unternehmensberaters und promovierten IT-Profis nur so von Fachwissen um Computertechnologie und um die „New-Economy“. Auch Hamburg, Wohnsitz Olsbergs, spielt eine ständige Rolle in „Das System“.

_Von Morden und verrücktspielenden Computern._

Eigentlich ist Mark Helius sehr zuversichtlich. Seine Firma D. I. ist kurz davor, eine bahnbrechende Software anzubieten: DINA, eine künstliche Intelligenz, mit der man via Sprache kommunizieren kann. Leider scheitert DINA ausgerechnet am Tag ihrer Präsentation und sämtliche Geldgeber springen von dem Projekt ab. Als ob das nicht schon genug des Übels wäre, findet man den D. I. Chefprogrammierer ermordet auf und alle Indizien deuten auf Mark Helius. Dessen gesamtes Leben bricht zusammen, seine Frau verlässt ihn, seine Firma geht den Bach runter und er muss untertauchen, weil ihm die Polizei auf die Pelle rückt.

Letzteres fällt ihm aber nicht so einfach, wie er sich erhofft hatte, es scheint, als bekäme die Polizei von einem unsichtbaren Dritten ständig Hinweise auf den Aufenthaltsort von Helius, Hinweise, über die eigentlich niemand verfügen dürfte. Derweilen entwickeln auf der gesamten Welt Softwareprogramme ungewöhnliche Eigenarten, in Japan klingeln Handys gleichzeitig, KIs aus Online-Rollenspielen entwickeln beunruhigende Superkräfte, und die Software in der internationalen Raumstation ISS leidet unter Systemabstürzen, die es nicht geben dürfte und deswegen das Bordklima mit Sabotagevorwürfen und Paranoia vergiften.

Helius indes wird damit konfrontiert, dass der Mord an seinem Chefprogrammierer nur die Spitze eines Eisbergs war, an dem die gesamte Menschheit zerschellen könnte, er aber steht alleine da, die Polizei auf seinen Fersen, ein bösartiger Cyberterrorist ebenfalls, während die einzige Frau, die ihm helfen könnte, sich lieber den Arm abhacken würde, als das zu tun …

_Cyberthrill Made In Germany._

Seit einer gewissen Enttäuschung aus den Hallen des |Gmeiner|-Verlages bin ich etwas skeptisch geworden, was Computerthriller aus deutscher Feder angeht, und umso mehr erfreut mich die Tatsache, das Karl Olsberg hier einen echten Pageturner gezaubert hat!

Deswegen will ich das Gemecker auch als Erstes loswerden: Die Figuren haben manchmal etwas Schablonenhaftes an sich. In der Raumstation gibt es den paranoiden Russen, der überall nur unpatriotische Saboteure und Feiglinge wittert, es gibt die blonde Luxusschnepfe, die beleidigt zu Mamma und Papa stöckelt, weil ihre schlechtere Hälfte den Job verloren hat, die psychisch Kranke, die schweigend in ihrer Gummizelle hockt, um das Zimmer mit dunklen Wasserfarben-Fratzen zu tapezieren, und den fiesen Antagonisten in schwärzestem Schwarz, unsympathisch, gewalttätig, ehrlos, Frauen vergewaltigend und ohne eine einzige gute Eigenschaft.

Aber erstens tut das der spannenden Story keinen Abbruch und zweitens gibt es auch eine Menge Figuren, die von der ersten Sekunde an lebendig und dreidimensional sind: Protagonist Mark Helius zum Beispiel, die IT-Spezialistin Lisa Hogert oder auch Kommisar Unger, dessen Kollegen ihm seine Unschuldsvermutungen nicht abnehmen, weil sie ihn wegen der vergangenen Verhaftung eines Unschuldigen für vorbelastet halten. Auch manche Nebenfiguren sind toll getroffen, wie der philosophische Dr. Weisenberg zum Beispiel oder der nervige Nerd Dr. Christian Tobler – zwar wieder ein picklig bebrilltes Stereotyp reinsten Wassers, aber dennoch unterhaltsam und lebendig in Szene gesetzt.

Die Story selbst ist überaus kompakt und spannend, man kann nicht aufhören, weil der Spannungsbogen den Leser von Szene zu Szene zerrt, mit toll getimten Cliffhangern und Informationshäppchen, die gerade groß genug sind, damit man weiterliest, die aber nie den Hunger nach mehr stillen. Dazu kommt, dass Olsberg nicht nur ganze Register fachlichen Computer-Wissens gezogen hat, um sein „System“ bedrohlich aufzubauen, er hat es auch meisterlich geschafft, den Computerlaien in die fremdartige Welt der Cracker einzuführen, der Source Codes, Kernel-Server, oder in die Praxis von Anti-Viren-Firmen. Dementsprechend spielt sich „Das System“ auf hohem technischen Niveau ab, ohne den Leser jemals zu überfordern – nachdem man dieses Buch gelesen hat, ist man also nicht nur um ein hochspannendes Erlebnis reicher, sondern auch um eine Menge Wissen!

Auch sonst hat Olsberg handwerklich alles richtig gemacht, seine Actionszenen sind spannend, er verbeugt sich via Erwähnung vor Inspirationsquellen ([„Der Schwarm“ 731 von Schätzing zum Beispiel) und auch seine Bilder sind manchmal überaus gelungen, sodass eine Wohnung schon mal „sauber wie ein neu gekaufter Kühlschrank“ sein kann.

Nicht zu vergessen die philosophischen Streifzüge. So gibt es eine Stelle, an der sich Mark Helius mit Professor Weisenberg über das mathematische Prinzip der Evolution unterhält, über den erschreckenden Mangel an individuellen Einflussmöglichkeiten auf die Entwicklung unserer Gesellschaft – brrr, da krieg ich jetzt schon wieder Gänsehaut, wenn ich nur daran denke! Nebenbei sind diese Streifzüge ein sehr effektives Mittel, um die Spannung weiter anzustacheln und „Resonanz“ mit dem Leser zu erzeugen, der seinen Rechner nach diesem Buch definitiv mit anderen Augen sehen wird …

Was uns zum Finale bringt, über das ich hier natürlich nichts Entscheidendes verraten werde. Nur so viel: Es ist spitze. Klar gibt es diverse romantische Unausweichlichkeiten, aber alles andere sitzt auf dem Punkt, hat einen Nachhall, der im Leser ordentlich weiterarbeitet, obwohl die Buchdeckel schon längst wieder zugeklappt sind. Auch wenn Olsbergs System meine persönlichen Cyberthrill-Lieblinge nicht vom Olymp jagen kann („Mailstorm“ und „Intrigenspiel“ von Per Helge Sorenson), befindet es sich bei ihnen doch in sehr guter Gesellschaft. „Das System“ ist dabei kein Buch nur für Computerfreaks, sondern sei hiermit jedem Freund gepflegter Hochspannung ans Herz gelegt! Nur Paranoiker und Technophobe sollten die Finger von dieser kitzligen Abfahrt lassen, es sei denn, man möchte sich für eine ordentliche Weile um den Schlaf bringen lassen.

Ich denke, man liest es schon zwischen den Zeilen, aber trotzdem noch einmal explizit: Kaufen!

Ach ja, es gibt ein Interview mit Karl Olsberg als [Audio-File]http://www.earpaper.de/loudblog/index.php?id=549 und es gibt eine Website zum Buch:
http://www.system-dasbuch.de.

Beides ist allerdings ein Alptraum für Analog-Modem-Dinosaurier wie mich …

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Johansen, Iris – Netz des Todes

Frauen und Leichen scheinen ein unschlagbares Team zu sein. Man denke nur an Tempe Brennan (Kathy Reichs) oder Kay Scarpetta (Patricia Cornwell), die schon seit Jahren munter die Bestsellerlisten bevölkern. Die amerikanische Schriftstellerin Iris Johansen schickt mit Eve Duncan ihre eigene Heldin ins Rennen. „Netz des Todes“ ist dabei das sechste Abenteuer mit der Frau, die die Schädel von Toten remodelliert.

Das Leben hat es lange Zeit nicht gut gemeint mit der Schädelexpertin Eve. Eine harte Jugend, ihre erste Tochter wurde entführt, ohne dass man jemals Leiche oder Entführer fand – die junge Frau musste einiges mitmachen, doch sie hat sich aufgerappelt. Nun lebt sie glücklich mit dem FBI-Agenten Joe zusammen und hat eine bereits erwachsene Adoptivtochter. Ihre Arbeit, bei der sie die Schädel von gefundenen Leichen rekonstruiert, damit diese mit Fotos verglichen werden können, nimmt sie sehr ernst. Besonders, wenn es sich um den Schädel eines Kindes handelt, denn schließlich hat sie selbst ein Kind verloren. Sie redet sogar davon, die Schädel „nach Hause zu bringen“, als ob es sich dabei um lebendige Menschen handelt, denen sie sich verpflichtet fühlt.

Doch trotzdem übernimmt Eve nicht jeden Job. Als der kolumbianische Waffenhändler Montalvo sie kontaktiert, damit er ihr den mutmaßlichen Schädel seiner Frau rekonstruiert, die von seinem Erzfeind, dem Drogenbaron Diaz, umgebracht wurde, lehnt sie sofort ab. Mit einem Verbrecher möchte sie nichts zu tun haben. Doch Montalvo hat seine Mittel und Wege, um sie zu zwingen: Er droht damit, einen Menschen umzubringen, der dem CIA Informationen über Montalvos Unternehmungen geliefert hat, wenn Eve sein Jobangebot nicht annimmt. Zähneknirschend lässt Eve sich darauf ein, obwohl Joe dagegen ist. Ohne seine Zustimmung reist sie nach Kolumbien, doch er folgt ihr natürlich. Das führt zu einigen Verwicklungen, die mit der Zeit richtig gefährlich werden. Denn Diaz, der den Schädel von Montalvos Frau hütet, lässt sich nicht gerne in die Karten gucken und kennt keine Gnade mit Leuten, die für seinen Feind arbeiten oder deren Angehörige …

Iris Johansens Heldin reiht sich willig hinter ihren Kolleginnen ein. Sie hat eine schwere Vergangenheit hinter sich und die große Liebe gefunden, die sie aufgrund ihres Berufs und ihrer Prinzipien immer wieder aufs Spiel setzt. Eve Duncan ist dadurch nicht wirklich originell, auch wenn sie relativ realistisch dargestellt wird. Johansen schafft es, Eve durch ihren lebendigen, nüchternen Schreibstil Leben einzuhauchen. Sie wirkt weniger oberflächlich als beispielsweise Tempe Brennan, was dem Buch immerhin einen Pluspunkt beschert.

Einen weiteren verspielt die seichte Handlung dummerweise. Das beginnt damit, dass der „Thriller“ nicht in Gang kommt. Johansen zieht die Entscheidung, ob Eve Montalvo hilft oder nicht, seitenlang hin. Erst ist sie dagegen, dann wird sie unter Druck gesetzt, ist immer noch dagegen, will zum Schein darauf eingehen, geht schließlich darauf ein. Abgesehen davon, dass ihre Reaktion vorhersehbar ist, weil das Buch ansonsten keinen Erzählstoff gehabt hätte, wäre hier eine etwas straffere Handlung gut gewesen. Im weiteren Verlauf geht es zwar etwas flotter zur Sache, aber trotzdem möchte keine Spannung aufkommen. Dafür gibt es zu wenig Überraschendes. Die Geschichte bleibt bis zum Ende vorhersehbar.

Was dabei tröstet, ist der sichere Schreibstil. Johansen verliert nicht viele Worte, sie kommt auf den Punkt und lässt dabei gerne den einen oder anderen Schlagabtausch einfließen. Zumeist wird aus Eves Perspektive erzählt, wobei die Autorin sehr nahe an der Person bleibt. Das hat zur Folge, dass Beschreibungen von Situationen und Umständen recht knapp sind. Es wäre zum Beispiel sehr interessant gewesen, als Leser etwas über den exotischen Schauplatz des Romans zu erfahren. Leider geht Johansen auf die Besonderheiten Kolumbiens oder das Aussehen des Urwalds oder Montalvos Festung nur sehr wenig ein. Im Endeffekt kommt man dadurch den Personen selbst zwar sehr nahe und amüsiert sich an der einen oder anderen Stelle über die schlagfertige Eve, aber den Schauplatz des Romans kann man sich nur schwer vorstellen.

„Netz des Todes“ ist ein auf weiten Strecken vorhersehbarer, nicht wirklich spannender Thriller, der immerhin teilweise mit dem Schreibstil und der Hauptperson punkten kann. Hätte die Autorin diese guten Ansätze konsequent in eine anschauliche Kulisse und eine Handlung, die den Titel „Thriller“ verdient, eingebettet, hätte die Geschichte um die Schädelexpertin Eve Duncan sicherlich eine interessante Angelegenheit werden können. So jedoch hat Iris Johansen leider einige Sympathien verschenkt.

http://www.ullsteinbuchverlage.de/listhc/

|Weitere Rezensionen zu Iris Johansen auf Buchwurm.info:|
[„Und dann der Tod“ 606
[„Das verlorene Gesicht“ 667

Gerber, Rip – Pharma

Im brasilianischen Regenwald werden zwei Touristinnen von einer riesigen Venusfliegenfalle angegriffen und beinahe getötet. Auch die Forscherin Susan Plotkin muss sich einer höchst aggressiven Aya-Ranke erwehren, die sie nur dadurch vernichten kann, indem sie den Jeep, in welchem sie die Pflanze transportierte, in die Luft jagt. Susan und ihr Kollege Ben Maxwell sehen in der Entdeckung die unglaubliche Chance, die Schließung ihres Labors im Regenwald zu verhindern.

Ursprünglich sollte die Einrichtung, welche die Firma ChemGen finanziert, der Entdeckung eines Medikaments gegen Progerie dienen. Doch diverse Experimente schlugen fehl, und als ein Indianermädchen, an dem das Arzneimittel getestet wurde, starb, wurde das Projekt beendet. Nun stehen die Arbeitsplätze der Wissenschaftler auf dem Spiel. Doch das ist nur das geringste Problem von Susan und ihren Mitarbeitern, denn der fanatische und stinkreiche Urwaldschützer Hopkins hat Wind von den killenden Riesenpflanzen bekommen und schickt sich an, das Geheimnis des Gigantismus zu ergründen, notfalls auch mit Gewalt durch hiesige Söldner …

Rip Gerbers Debütroman wird direkt mit folgendem Werbeslogan angepriesen: „Ein rasanter Wissenschafts-Thriller von erschreckender Aktualität“. So oder ähnlich werden allerdings zahllose Romane dieses Genres beschrieben, aber im Gegensatz zu vielen anderen Werken beschäftigt sich das vorliegende Buch nicht mit Viren oder mutierten Tieren, sondern rückt erstmals die Welt der Pflanzen in den Mittelpunkt des Geschehens. Dass dabei riesige Venusfliegenfallen Menschen angreifen, hört sich im ersten Moment sehr plakativ und trashig an – und ist es letztendlich auch. In erster Linie interessiert den Autor mit Sicherheit der Unterhaltungswert seines Buches und weniger die Glaubwürdigkeit oder Authentizität. Auch wenn auf der sehr anschaulich gestalteten [Internet-Seite]http://www.pharmathriller.de einige interessante Fakten zu den Pflanzen des Regenwaldes und den genetischen Versuchen, die mit ihnen gemacht werden, stehen, so ist der größte Teil der Geschichte reine Fiktion.

Bei den Charakteren bedient sich Gerber kräftig bei den üblichen Klischees und kreiert nicht nur die taffe, attraktive Forscherin Susan, sondern auch den etwas heruntergekommenen, aber dafür umso brillanteren Wissenschaftler Ben Maxwell, der neben dem ganzen Trubel um Firmenverschwörung und Killerpflanzen auch noch sein verkorkstes Familienleben auf Vordermann bringt. Leider ließ es sich der Schriftsteller auch nicht nehmen, ebenfalls einen dieser klugscheißenden und über die Maßen hinaus mutigen Jugendlichen in den Roman einzubauen, der dank seiner genialen Computerkenntnisse selbstverständlich einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Falles leistet. Als der knapp 14-jährige Bengel aber dann auch noch einen Hubschrauber steuert, dessen Handhabung er allenfalls aus diversen Computersimulationen her kennt, verlässt der Autor endgültig die Ebene der Glaubwürdigkeit. Der habgierige Geschäftsmann Hopkins weist zunächst noch überraschend differenzierte Charakterzüge auf, wird aber zum Ende hin ein genauso wahnsinniger wie bösartiger Gegenpart zu den oben erwähnten Gutmenschen, wie man ihn aus unzähligen Geschichten solcherlei Art her kennt.

So hervorragend Gerber in Sachen Botanik und Chemie recherchiert haben mag, was an sonstigen Fakten dem Leser geboten wird, ist gelinde gesagt haarsträubend für einen Wissenschaftsthriller. Susan Plotkin jagt ihren Jeep nebst Monsterpflanze allein dadurch in die Luft, dass sie eine Kugel in den Tank schießt. Ein Motorrad, welches aus einigen Metern zu Boden stürzt, fängt ebenfalls sofort Feuer, und als Vater und Sohn den Urwald erkunden, finden sie zufällig eine zehn Meter lange Anakonda im Wipfel eines Baumes, wo die Riesenschlange einen Hirsch (!) verschlingt und blitzschnell die Flucht ergreift, als der Junge einen Stein nach ihr wirft. Abgesehen davon, dass man Anakondas auch im Regenwald Amazoniens nicht an jeder Ecke sieht, ist ein Exemplar von zehn Metern Länge eine echte Seltenheit. Eine Schlange von diesen Ausmaßen ist aber auch derart schwer, dass sie meistens im Wasser jagt und kaum in der Lage ist, einen Baum zu erklimmen, schon gar nicht mit einem Hirsch in den Fängen. Hinzu kommt, dass eine Riesenschlange beim Fressen und anschließend beim Verdauen kaum in der Lage ist, irgendwohin zu kriechen bzw. die Flucht zu ergreifen. Hier hat sich der Autor sein Wissen wohl in schlechten Filmen angeeignet.

Der Storyaufbau ist allerdings wirklich rasant und der Schreibstil sehr flüssig, so dass man das Buch recht zügig durchlesen kann, zumal die einzelnen Kapitel auch nicht sonderlich lang sind. Der Spannungsbogen wird trotz aller Mängel konstant gehalten. Wer es mit den Fakten nicht so genau nimmt und sich einfach für ein paar Stunden unbeschwert unterhalten möchte, der kann bei diesem Schmöker getrost zugreifen.

Die Aufmachung des Romans ist ebenso schlicht wie wirkungsvoll. Der Titel wurde in erhaben blutroten Lettern auf den Einband gedruckt und der schwarze Hintergrund mit dem grünen Fangblatt einer Venusfliegenfalle macht dem potenziellen Leser sofort klar, worum es in dem Buch geht. Für die Innenseiten des Bandes hat sich der Verlag auch eine originellere Lösung als die langweilige weiße Pappe einfallen lassen. Wenn man das Buch aufklappt, sieht man unter der vergrößerten Abbildung des Fangblattes vom Cover ein Foto des Autors. Auf der Innenseite des Klappentextes hat der Verlag die Chance für ein wenig Eigenwerbung ergriffen und präsentiert aktuelle Wissenschafts-Thriller in farbigen Abbildungen.

Fazit: Ein flüssig geschriebener Thriller über die Abgründe moderner Pharmazeutikunternehmen. Wer auf anspruchsvolle Unterhaltung hofft, wird bei diesem Buch sicherlich enttäuscht werden. Wer sich allerdings nur die Zeit mit einer kleinen Horror-Story à la Hollywood vertreiben will und nicht viel Wert auf Charakterzeichnung legt, der kann sich den Roman bedenkenlos zulegen.

http://www.pharmathriller.de
http://www.heyne.de

_Florian Hilleberg_

Guillou, Jan – Madame Terror. Sonderauftrag für Hamilton

Schon seit vielen Jahren versuchen die Palästinenser ihren anerkannten Anspruch auf ein eigenes Staatsgebiet durchzusetzen – bislang ohne Erfolg. Der schwedische Schriftsteller Jan Guillou entwirft in seinem Roman „Madame Terror“ ein Szenario, wie die Palästinenser ihrem Ziel ein Stückchen näher kommen könnten.

Eine tragende Rolle spielt dabei Mouna al-Husseini, eine einflussreiche Agentin der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Sie ist diejenige, die den wahnwitzigen Plan entworfen hat, mit einem U-Boot die israelische Flotte unschädlich zu machen, um der Forderung nach einem rein palästinensischen Gaza-Streifen Nachdruck zu verleihen. Aus diesem Grund lässt sie mit der Hilfe von Russlands Präsident Putin ein bis dato unerreichtes Wunderwerk von U-Boot bauen und wirbt russische und arabische Männer an, die ihr im Kampf zur Seite stehen sollen. Doch bei der ersten Testfahrt geht einiges schief. Die Russen und die Palästinenser geraten sich in die Haare, was unter anderen Umständen das Ende von Mounas Mission bedeutet hätte.

Kurz und gut: Es muss ein Mann her, der nicht nur ein U-Boot befehligen kann, sondern auch Russisch, Englisch und Arabisch spricht, der Charisma hat und ihr Anliegen versteht. Da kann es selbstverständlich nur einen geben: Carl Hamilton alias Coq Rouge, der Held aus Guillous früheren Büchern. Hamilton sitzt eigentlich in der Falle. Wegen Mordes müsste er in Schweden eine lebenslängliche Haftstrafe abbüßen, aber ihm gelang die Flucht, und nun lebt er im Zeugenschutzprogramm des FBI mit neuer Identität in Kalifornien. Als eines Abends seine alte Freundin Mouna auftaucht und ihn um Hilfe bittet, ziert er sich nicht lange: Er hat es satt, in Kalifornien festzusitzen. Gemeinsam mit der Agentin arbeitet er einen Plan aus, wie man eine möglichst kompetente U-Boot-Mannschaft zusammenstellt und den Krieg gegen Israel am geschicktesten führt. Hamilton stellt sich als Glücksgriff heraus, den Mouna auch bitter nötig hat. Der Anschlag auf den israelischen Marinestützpunkt in Haifa verläuft zwar mehr oder weniger nach Plan, doch ehe die U-Boot-Mannschaft sich versehen hat, wird sie von der ganzen Welt gejagt. Von der ganzen Welt? Nein, eigentlich gibt es nur einen, der glaubt, das U-Boot unbedingt versenken zu müssen, und das ist der amerikanische Präsident …

… und der amerikanische Präsident ist, wie wir wissen, momentan George W. Bush. Jan Guillou nimmt in „Madame Terror“ kein Blatt vor den Mund. Viele politische Figuren in dem Buch existieren auch im realen Leben, darunter Donald Rumsfeld, Condoleezza Rice, Tony Blair, Wladimir Putin oder der palästinensische Präsident Mahmud Abbas. Doch der Schwede baut diese Personen nicht nur in seine Geschichte ein, er schreibt sogar aus ihrer Perspektive. Dabei lässt er es sich nicht nehmen, einige Politiker als eher einfältig und dumm darzustellen, ohne den Bogen aber wirklich zu überspannen.

Er geht dabei sehr selbstverständlich mit den Personen um und führt jede neue erst einmal mit ihrer Biografie und der Darstellung ihres momentanen Gefühlszustandes ein. Dadurch schweift er gelegentlich etwas ab, was aber letztendlich für gut ausgearbeitete Charaktere sorgt. Dabei liegt sein Fokus nicht wirklich auf einer einzigen Person. Vielmehr hat man das Gefühl, dass jede vorkommende Perspektive des Romans gleichberechtigt ist. Das ist natürlich sehr gewagt. Viele Personen sorgen oft dafür, dass ein Buch zerfasert und inkonsistent wird. Nicht in diesem Fall. Guillou schafft es, die Geschichte zusammenzuhalten, und verleiht ihr durch die Vielzahl von Charakteren unterschiedlichster Nationalität und Aufgabe eine bemerkenswerte Tiefe.

Die Handlung unterstreicht diese Tiefe. Sie ist bis ins kleinste Detail ausgefeilt. „Madame Terror“ ist einer dieser Polit-Thriller, die Konzentration erfordern, weil sie so detailreich sind. Widmet man dem Roman diese Konzentration, wird man mehr als entlohnt. Das Buch ist spannend, der Autor scheint zu wissen, worüber er schreibt. Gerät der Anfang noch etwas zäh, kommt das Buch später wie ein schweres U-Boot in Fahrt und gewinnt an Spannung, die man aufgrund des eher trockenen Sujets nicht erwartet hätte. Die politischen Verwicklungen sind an der einen oder anderen Stellen für Leser, die sich auf diesem Gebiet nicht so gut auskennen, etwas verworren, aber im Gesamtkontext sind diese Stellen trotzdem verständlich und mindern die Spannung nicht. Selbige wird im Übrigen auch durch das handwerkliche Geschick des Autors erzeugt. Er weiß mit Perspektivenwechseln zu spielen. Sobald ein großes Ereignis naht, setzt er einen Schnitt, um dann während oder nach dem Ereignis wieder einzusetzen. Meistens tut er dies aus der Sicht einer außenstehenden Person, wie zum Beispiel der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice, die des Öfteren zu Worte kommt.

Gestützt wird das gut recherchierte und realistisch wirkende Material durch einen gestochen scharfen und intelligenten Schreibstil. Guillou gelingt es dabei, Abwechslung in die Geschichte zu bringen, indem er unterschiedliche Stimmlagen verwendet. Kommen beispielsweise die Amerikaner zum Zuge, wird die Sprache oft etwas ordinärer, so, wie man sich einen – leicht überspitzten – George W. Bush eben vorstellt. Ansonsten lässt sich das Buch wunderbar flüssig lesen. Guillou greift auf einen großen Wortschatz zurück, und obwohl er auf einem hohen technischen Niveau schreibt, vermisst man weder Leben noch Gefühl, auch wenn darauf sicherlich nicht sein Hauptfokus liegt.

In der Summe ist dem Schweden mit „Madame Terror“ ein sehr ausgefeiltes, technisch gut geschriebenes und vor allem spannendes und realistisch dargestelltes Schreckensszenario gelungen, wie es hoffentlich nie passieren wird. Was das Buch für viele sicherlich besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass die Amerikaner und ihre Kriegspolitik nicht besonders gut wegkommen. Das hebt die Geschichte auch positiv ab von vielen amerikanischen Thrillern, die sich mit dieser Thematik befassen. Dennoch begeht Guillou nicht den Fehler, die Vereinigten Staaten zu einseitig darzustellen. Im Gegenteil schafft er mit der des Öfteren eingesetzten Perspektive von Condoleezza Rice ein angenehmes, unaufdringliches Gegengewicht, das sehr gefällt.

http://www.piper-verlag.de/nordiska/

Sabine Thiesler – Hexenkind

In einem einsamen Waldhäuschen wird Sarah Simonetti brutal ermordet. Ihre Kehle ist so tief durchgeschnitten, dass ihr Kopf fast abgetrennt wurde. Ihr Ehemann Romano ist erschüttert – wer könnte seine Frau ermordet haben? Schnell tauchen aber die ersten Verdachtsmomente auf, denn Sarah hatte einen jüngeren Liebhaber. Als dann die Polizei auch noch bemerkt, dass in der Küche der Trattoria, die die Familie Simonetti betreibt, das größte Messer fehlt, ist für den Chefermittler Donato Neri klar, dass Romano die Tat begangen hat. Kurzerhand nimmt er den Familienvater fest, der seinen behinderten Sohn Edi in der Obhut seiner Großeltern lassen muss und sich fortan in einer winzigen Zelle befindet, die von drei weiteren mutmaßlichen Mördern bewohnt wird.

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Laymon, Richard – Nacht

Eigentlich wollte Alice nur das luxuriöse Haus ihrer Freunde nahe dem Wald hüten, solange seine Bewohner verreist sind. Als kurz nach Mitternacht ein Fremder aus dem Wald kommt, sie beobachtet und provoziert, beginnt für Alice allerdings ein mörderischer Albtraum. Ein junger, hilfsbereiter Mann, der sich verwählt hat und Alice vor dem sonderbaren Fremden retten will, endet mit einem Säbel im Schädel. Nun muss die junge Frau die Konsequenzen aus ihrer folgenschweren Verwechslung ziehen. Die Polizei zu verständigen, kommt für Alice mit ihrer bewegten Vergangenheit schon mal gar nicht in Frage, und so will sie den Toten spurlos und sicher entsorgen. Dazu muss sie aber nicht nur die Leiche loswerden, sondern auch das Telefon des toten Mannes finden, auf dem ihre Nummer mit Hilfe der Wahlwiederholung einwandfrei festzustellen ist. Und damit kommt eine Lawine ins Rollen, in welcher Alice nicht nur ihre eigenen Kaltblütigkeit bis an die Grenzen belasten, sondern sich darüber hinaus auch eines Kannibalen und eines Psychopathen erwehren muss …

Seit Kurzem wird Richard Laymon als neuer Stern am Horror-Himmel gefeiert und seine Bücher werden in der Reihe |Heyne Hardcore| auch dem deutschen Publikum zugänglich gemacht. |“Es wäre ein Fehler, Richard Laymon nicht zu lesen!“|, meint beispielsweise Stephen King, und Dean Koontz behauptet angeblich sogar: |“Richard Laymon hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. So schreiben kann niemand!“| Der vorliegende Roman ist zweifelsohne ganz gut geschrieben worden. Solcherlei Lobhudeleien sind allerdings weit von der Wahrheit entfernt und übertreiben maßlos.

Häufig werden die Romane Laymons als Horror-Geschichten eingeordnet. Tatsächlich sind es eher Psycho-Thriller, die vornehmlich durch exzessive Beschreibungen von Gewalt und Sex die Leserschaft zu schocken versuchen. Im vorliegenden Roman erzählt eine junge Frau namens Alice von zwei Nächten voller absonderlicher, ja geradezu grotesker Erlebnisse, die sonst keinem Menschen widerfahren würden.

Der Stil ist dabei locker, flüssig und beinahe schon satirisch zu nennen. Mit viel Witz und Ironie, bisweilen auch ein wenig Zynismus, berichtet Alice von einem unabsichtlichen Mord und ihrem Versuch, diesen zu vertuschen. Die Originalität des Romans basiert vor allem auf der Tatsache, dass Alice selbst eine völlig skrupellose und kaltschnäuzige Psychopathin ist. Kleine Nebensätze und Berichte aus ihrer Vergangenheit sollen dem Leser unmissverständlich klarmachen, dass die Protagonistin aber im Gegensatz zu ihrem Gegenspieler, einem Spaßkiller, ein Opfer der Gesellschaft ist, beziehungsweise dasjenige einiger echt kranker Individuen.

Die Veröffentlichung innerhalb der Reihe |Heyne Hardcore| sagt es bereits aus, dass diese Lektüre nicht für Leser unter 18 Jahren geeignet ist; einige Beschreibungen von Sex und Gewalt sind wirklich schwere Kost, wenngleich nicht ganz so pervers wie in [„American Psycho“. 764 Ob man allerdings gewillt ist, sich mit Alice zu identifizieren, muss jeder für sich entscheiden. Erstaunlich ist jedenfalls, mit welcher Zufälligkeit die Heldin des Romans innerhalb von 48 Stunden von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt und nur auf Menschen trifft, welche es mit geradezu stoischer Ruhe hinnehmen, wenn in ihrer Nähe jemand ermordet oder aufgefressen wird, wenn sie nicht gerade selbst die Mörder sind.

Die Glaubwürdigkeit des Romans bleibt also zunächst dahingestellt und nach dem „Genuss“ dieser Geschichte kann man leicht dem Irrglauben erliegen, die Welt bestünde nur aus total irren Lustmördern und Kannibalen. Selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo auch die Schattenseiten der menschlichen Natur ihre Existenzberechtigung haben, steckt nicht jeder einsam gelegene Wald voller pervers veranlagter Killer.

Ein wenig irreführend ist allerdings der Klappentext, der beschreibt, dass Alice von einem mysteriösen Anrufer terrorisiert wird. Der arme Tony bietet ihr aber nur seine Hilfe an, als er bemerkt, dass er sich verwählt hat. Der Terror geht eindeutig von dem seltsamen Fremden aus, der mitten in der Nacht nackt im Swiming Pool planscht, um sich anschließend vor Alice‘ Augen an der Terrassentür zu verlustieren. Die Aufmachung des Buches ist ansonsten schlicht und dennoch ansprechend. Titel und |Heyne-Hardcore|-Logo sind leicht erhaben auf den Umschlag gedruckt worden und verleihen dem Taschenbuch eine edle Note.

_Fazit:_ Gut lesbarer, manchmal etwas überzogener und dadurch schon satirisch angehauchter Horror-Trip, der zum Teil jenseits des guten Geschmacks liegt. Potenzielle Käufer sollten eine hohe Toleranzschwelle besitzen und dürfen nicht gerade zimperlich sein. Aber in Zeiten, in denen Folterungen à la „Saw“ und „Hostel“ in brutalen Einzelheiten im Kino vorgeführt werden, ist das, was der Leser in diesem Buch geboten bekommt, geradezu unerheblich.

http://www.heyne-hardcore.de/
http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm

_Richard Laymon auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Spiel“ 3491
[„Die Insel“ 2720
[„Rache“ 2507
[„Vampirjäger“ 1138

_Florian Hilleberg_

Mignon G. Eberhart – Der dunkle Garten

Im alten Haus stirbt eine ungeliebte Zeitgenossin, bevor sie einem dreisten Erbschleicher die Maske vom Gesicht reißen konnte. Eine verdächtige Frau erkennt fast zu spät, dass sie als Bauernopfer für ein geschickt eingefädeltes Komplott dienen soll … – Mit altmodischen Grusel-Effekten versehener, klassischer „Whodunit“-Krimi, in dem nicht der Ermittler, sondern die Hauptverdächtige die Hauptrolle spielt. Das übliche Katz-und-Maus-Spiel wird zum spannenden Wettlauf mit dem Mörder, bis in letzter Sekunde die Gerechtigkeit obsiegt: nostalgisches Lesevergnügen der gediegenen Art.
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Satterthwait, Walter – Miss Lizzie kehrt zurück

Band 1: [„Miss Lizzie“ 4269

New York, 1924: Drei Jahre sind vergangen, seit Amanda Burtons Stiefmutter mit einem Beil ermordet wurde und das Mädchen mit Hilfe ihrer Nachbarin Miss Lizzie den Fall klärte. Amanda ist inzwischen sechzehn Jahre alt. Während ihr Vater mit seiner neuen Frau Susan eine Tibetreise unternimmt und ihr Bruder William in Boston bleibt, darf Amanda den Sommer über in New York bei ihrem Onkel verbringen. Onkel John, den sie bisher nicht kannte, ist der jüngere Bruder ihres Vaters, erst Anfang dreißig, Börsenmakler, sehr attraktiv und sympathisch.

Nach ihrer Ankunft verlebt Amanda eine wunderschöne Woche im aufregenden New York. Tagsüber erkundet sie alleine die Metropole, abends taucht sie mit John ins Nachtleben ein. Am Freitagabend scheint John irgendetwas zu verstimmen, doch er spricht nicht darüber. Am nächsten Morgen findet Amanda ihn tot in der Bibliothek – erschlagen mit einem Beil.

Die geschockte Amanda ruft die Polizei. Leider gerät sie wegen der Vorgeschichte mit ihrer Stiefmutter selbst unter Verdacht. Nach quälenden Verhören holt sie endlich ein Anwalt heraus – und führt sie zu ihrer Überraschung zu ihrer alten Freundin Miss Lizzie, die extra angereist ist, um Amanda zu helfen. Nach und nach stellt sich heraus, dass John Burton kriminelle Beziehungen zur Halbwelt unterhielt. Welche Rolle spielen der Nachtclubbesitzer McFay, der Unterweltkönig Arnold Rothstein und Johns Ex-Geliebte Daphne Dale? Gemeinsam mit Miss Lizzie, dem Privatdetektiv Mr. Leibowitz, dem cleveren Anwald Mr. Lipkind, seinem farbigen Chauffeur Robert, dem mysteriösen Mr. Cutter und der Schriftstellerin Mrs. Parker sucht Amanda nach dem Mörder …

„Miss Lizzie“ war der erste Streich, in dem die berühmte Lizzie Borden, die Ende des 19. Jahrhunderts im dringenden Verdacht stand, ihre Eltern mit dem Beil erschlagen zu haben, als axtschwingende Miss Marple ermittelte. Diesem furiosen Roman folgte alsbald eine Fortsetzung, die immer noch gut unterhält, aber leider nicht an die Klasse des Vorgängers heranreicht.

_Bunte Charaktervielfalt_

Miss Lizzie ist die alte geblieben, sieht man davon ab, dass sie mittlerweile einen Stock als Gehilfe benötigt und der Kneifer mehr als modisches Accessoire geworden ist. Ansonsten ist sie so souverän und humorvoll wie eh und je. Amanda, die einst süße, naive Dreizehnjährige mit der ehrlich-offenen Art, ist zu einer jungen Dame herangewachsen, die aber immer noch recht kindlich denkt, leicht errötet und die Welt um sich herum mit Staunen betrachtet.

Auch bei den Nebenfiguren sind dem Autor einige Sympathieträger gelungen. Mr. Lipkind ist ein cleverer Anwalt, der Amanda sofort ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Mr. Leibowitz, äußerlich sehr auffällig, da er als Kind infolge einer Krankheit sämtliche Haare verlor, ist ein fähiger Ermittler und der gut aussehde Mr. Cutter, einst beim Militär beschäftigt, ist eine wunderbar mysteriös-faszinierende Gestalt. Um den ermordeten John Burton trauert man beinah ebenso wie Amanda, denn nur zu gerne hätte man noch mehr darüber gelesen, wie sie ihren Onkel bewundert und mit Herzklopfen von ihm in New Yorks Lokale ausgeführt und von allen anwesenden Frauen beneidet wird.

Natürlich hat Satterthwait neben Miss Lizzie auch wieder eine Reihe realer Personen aus den Roaring Twenties eingebracht. Dazu gehört etwa die Schriftstellerin und Kritikerin Dorothy Parker, die für ihre spitze Zunge bekannt war und heute nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch die Verfilmung „Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis“ immer noch populär ist. Den legendären „Cotton Club“ samt seinem Gangster-Besitzer Owney Madden, auch den gefährlichen Arnold Rothstein hat es wirklich gegeben, und in einer amüsanten Szene begegnen wir dem Hollywoodstar Mae West. Üppig und blond, lasziv und schnodderig plaudert sie mit Dorothy Parker, ehe sie mit wiegenden Hüften davonwackelt, ganz so, wie man die Ikone in Erinnerung hat.

_Vergnügliche Spannung_

Es gibt eine Menge Leute, die als Täter für den Mord an John in Frage kommen, und der Leser darf gemeinsam mit Amanda, Miss Lizzie und den anderen Rätsel raten. Die kriminalistische Handlung steht allerdings nicht so sehr im Vordergrund, die Auflösung ist nicht besonders überraschend, und zumindest wer den Mord in Auftrag gegeben hat, errät man recht bald. Interessanter sind die verwegenen Schauplätze im lasterhaften New York der Prohibitionszeit und die brenzligen Situationen, aus denen sich die findigen Ermittler hinausmanövrieren müssen.

Noch häufiger als im ersten Band fallen außerdem Andeutungen seitens Amandas über ihr späteres, sehr bewegtes Leben, sodass man sich wünscht, dass Walter Satterthwait die Reihe vielleicht ohne Miss Lizzie, die bald darauf verstarb, fortsetzt – denn Amandas Leben bietet augenscheinlich auch für die Jahrzehnte danach noch eine Fülle an Stoff.

_Schwächer als der Vorgänger_

Wie leider zu befürchten, kann dieser Roman allerdings nicht an „Miss Lizzie“ heranreichen. Zum einen fehlt die Atmosphäre aus dem ersten Band, die aus dem Kennenlernen von Miss Lizzie und Amanda erwuchs. Während die alte Dame hier eine gute Freundin ist, stand Miss Lizzie damals immerhin selber unter Mordverdacht und Amanda grübelte mehrmals darüber nach, ob sie seinerzeit wohl die Tat begangen hatte oder nicht. Dieser Zwiespalt Amandas, die Miss Lizzie einerseits vertraute und andererseits immer wieder Momente des Zweifelns erlebte, fehlt im Nachfolger; die Rollen sind zu statisch festgelegt.

Zum anderen ist der Roman mit Nebenfiguren ein wenig überladen. Während im ersten Band die Beziehung zwischen Amanda und Miss Lizzie im Vordergrund stand, mischen hier mit Dorothy Parker, Mr. Leibowitz, Mr. Cutter und dem ermordeten John Burton einige Mitspieler zu viel hinein. Dorothy Parker lebt mehr von ihrem tatsächlichen Ruf als von ihrer eher blassen Darstellung in diesem Fall, Leibowitz, Cutter und der verstorbene John allerdings sind sehr interessante Gestalten – gerade dies lenkt aber vom Verhältnis zwischen Amanda und Miss Lizzie ab, das nunmehr zu selbstverständlich wirkt. Ohne Kenntnis des Vorgängers sollte man sich ohnehin nicht an die Lektüre begeben, da der Zauber von „Miss Lizzie“ einen großen Teil dazu beiträgt, dass man so gierig auf weitere Informationen aus dem Leben der beiden verschiedenen Freundinnen lauert.

_Als Fazit_ bleibt ein unterhaltsamer und humorvoller Krimi aus dem New York der Goldenen Zwanziger, der drei Jahre nach dem Vorgänger „Miss Lizzie“ spielt. Allerdings kann der Roman nicht die Klasse des ersten Bandes erreichen, vor allem, da die Beziehung zwischen Amanda und Miss Lizzie hier nicht so sehr im Vordergrund steht. Trotzdem auf jeden Fall lesenswert.

_Der Autor_ Walter Satterthwait wurde 1946 in Philadelphia geboren und bereiste im Lauf der Jahre alle möglichen Länder. Die meiste Zeit über lebt und schreibt er in Santa Fe (New Mexico). Er schreibt vorwiegend Kriminalromane, die in den zwanziger Jahren spielen. Weitere Werke sind u. a.: „Miss Lizzie“, [„Eskapaden“, 1843 „Oscar Wilde im Wilden Westen“ und „Wand aus Glas“.

http://www.dtv.de

Clark, Mary Higgins – Und hinter dir die Finsternis

Die Grande Dame der Kriminalliteratur meldet sich mit einem neuen packenden Roman zurück und zeigt, dass sie auch im hohen Alter noch nichts von ihrer Fähigkeit verlernt hat, ihre Leser mitzureißen und vor allem zu überraschen.

_Mord in der High Society_

Kay Lansing ist Bibliothekarin und auf der Suche nach der richtigen Location für eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Sofort kommt ihr der Gedanke an das Anwesen der sagenumwobenen Familie Carrington. Die Carringtons sind nämlich nicht einfach nur steinreich, sondern die Familie umgibt auch viele Geheimnisse. Vor 22 Jahren ist nach der Party bei den Carringtons ein junges Mädchen spurlos verschwunden und Peter Carrington, der Sohn des Hauses, der inzwischen zum Herren über das Anwesen aufgestiegen ist, haftet immer noch der Verdacht an, für dieses Verschwinden verantwortlich zu sein. Aber auch seine erste Frau Grace ist auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen, und es konnte nie geklärt werden, ob sie Selbstmord begangen hat, verunglückt ist oder gar ermordet wurde.

Als Kay Lansing zum ersten Mal Peter Carrington in natura trifft, um ihn wegen der Wohltätigkeitsveranstaltung zu fragen, verliebt sie sich trotz aller Gerüchte, die seine Person umgeben, auf den ersten Blick in ihn. Und diese Gefühle beruhen auf Gegenseitigkeit. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre und heiraten kurz darauf. Klingt alles nach einem Happy-End, doch bald holt Peters Vergangenheit ihn ein, als Gladys Althorp, die Mutter des verschwundenen Mädchens, einen Privatdetektiv engagiert, der endlich das Geheimnis um das Verschwinden ihrer Tochter Susan aufklären soll. Und tatsächlich, Nicholas Greco findet schnell eine Zeugin, die ihre Aussage von damals, die Peter Carrington entlastet hat, zurücknimmt. Als ein weiteres Beweisfitzelchen auftaucht, das Peter belastet, wird er festgenommen.

Nun beginnt auch Kay auf eigene Faust, den Familiengeheimnissen auf die Spur zu kommen, weil sie immer noch felsenfest an die Unschuld ihres Mannes glaubt, obwohl doch alles gegen ihn spricht. Auch Kays Großmutter, die seit dem frühen Tod ihrer Mutter und dem Selbstmord ihres Vaters vor 22 Jahren immer wie eine Mutter für Kay war, misstraut Peter Carrington und macht sich Sorgen um ihre Enkelin. Als diese entdeckt, dass sie schwanger ist, könnte sie eigentlich glücklich sein, doch ihr Mann sitzt derweil in Untersuchungshaft und muss sich immer schwereren Vorwürfen aussetzen. Langsam kommen auch Kay Zweifel, denn sie erinnert sich an eine Nacht kurz nach der Hochzeit, als sie ihren Mann beim Schlafwandeln am Pool gesehen hat, wie er versucht hat, etwas (oder jemanden?) unter Wasser zu drücken. Hat er womöglich die Morde im Schlaf begangen? Die Polizei ermittelt und findet kurze Zeit später zwei Leichen auf dem Anwesen der Carringtons …

_In dubio pro reo?_

In gewohnter Manier führt uns Mary Higgins Clark durch ihren Kriminalroman, und wieder einmal sind mysteriöse Morde aufzuklären, deren Täter fast schon festzustehen scheint. Doch wie nicht anders zu erwarten war, ist bei Mary Higgins Clark nie etwas so, wie es scheint. Gemeinsam mit Kay Lansing begeben wir uns auf Spurensuche und finden zunächst immer mehr erdrückende Hinweise, die für die Schuld Peter Carringtons sprechen. Alle Menschen sind von Peters Unschuld überzeugt und als er von Kay erfährt, dass er immer noch schlafwandelt und dabei die Morde „nachstellt“, glaubt er fast schon selbst an seine Schuld. Das Problem ist nur, dass in den USA Menschen auch für Morde verurteilt werden können, die sie ohne ihr Wissen im Schlaf begangen haben. Trotzdem will Peter ein Zeichen setzen, begibt sich in ein Schlaflabor, um endlich zu beweisen, dass er sich nicht an das erinnern kann, was er im Schlaf tut.

Nach und nach entdecken wir immer mehr Spuren, die auch den Selbstmord von Kays Vater in einem ganz neuen Licht zeigen. Seine Leiche konnte nämlich nie gefunden werden und auch ein Abschiedsbrief fehlte. Es gab also immer wieder Gerüchte, ob Kays Vater nicht verschwunden ist, weil er womöglich mit Susan Althorps Verschwinden zu tun hat. Doch Kay mag an diese Theorie nicht glauben, wird aber bald eines Besseren belehrt. Langsam kehrt auch eine Erinnerung zurück an die Nacht von Susans Verschwinden: Ihr Vater arbeitete damals nämlich als Gärtner für die Carringtons. In besagter Nacht musste er Kay mitnehmen zum Anwesen, um vor der Party noch etwas zu klären. Aus Neugierde schlich Kay damals in die Kapelle des Anwesens und wurde Zeugin eines Streites zwischen einem Mann und einer Frau. Die Frau wollte damals Geld haben, doch der Mann wies sie ab. Kay hat diesem Ereignis nie viel Bedeutung beigemessen, doch irgendwann beginnt sie sich zu fragen, ob sie nicht Peter und Susan belauscht hat und damit das Motiv für Peters Tat kennt.

Die Ermittlungen sind packend, spannend und verwirrend. Als Fan der Romane Mary Higgins Clarks war ich mir von Anfang an sicher, dass die Grande Dame mich wieder auf eine falsche Spur führen will, doch auch dieses Mal gelingt ihr dies voller Überzeugung, denn man kann sich bald gar nicht mehr vorstellen, wie Peter überhaupt unschuldig hätte sein können; doch wenn die große Krimiautorin eines kann, dann schier hoffnungslose Situationen überraschend aufklären. Und so hat Mary Higgins Clark auch hier wieder die eine oder andere Überraschung parat, mit der man ganz sicher nicht gerechnet hat. Nach und nach fügen sich alle Teilchen zu einem schlüssigen Ganzen zusammen, doch erst ganz spät kann man erahnen, wer womöglich noch ein Motiv für die Taten hätte haben können. Allerdings muss ich gestehen, dass ich immer jemand anderen im Blick hatte.

_Ein Leben wie im Märchen_

Große Teile des Romans sind aus der Ich-Perspektive Kays erzählt. Kay erzählt ihre Geschichte, offenbart uns ihre Gedanken und Ängste. Doch gleichzeitig gibt es auch immer wieder Passagen, die aus Sicht eines neutralen Beobachters geschrieben sind und dafür sorgen, dass wir nichts verpassen, sondern immer dort dabei sind, wo etwas Wichtiges passiert. Mary Higgins Clark eröffnet hier viele Schauplätze; so lernen wir die beiden Hausangestellten der Carringtons kennen, die schon viele Jahre dort arbeiten und die guten Seelen des Hauses zu sein scheinen. Doch natürlich haben auch diese beiden etwas zu verbergen. Wir treffen Peters Stiefmutter und ihren Sohn Richard Walker, die immer noch auf dem Anwesen leben, obwohl Peters Vater längst verstorben ist. Peters Verhältnis zu den beiden ist gut, doch Kay misstraut ihnen bald. Richard Walker betreut eine Kunstgalerie, die allerdings mehr schlecht als recht läuft, außerdem macht er beim Pferdewetten immer mehr Schulden, sodass seine Mutter ihm immer häufiger aus der Patsche helfen muss.

Den größten Raum im Buch erhält Kay Lansing, die die Liebe ihres Lebens gefunden hat, um diese aber gleich wieder zu verlieren. Verzweifelt sucht sie nach Hinweisen, die ihren geliebten Mann entlasten könnten. In unerschütterlicher Weise glaubt sie weiterhin an seine Unschuld, obwohl doch alles gegen ihn spricht. Teilweise konnte ich ihren festen Glauben nicht mehr nachvollziehen, aber Liebe macht ja bekanntlich blind.

Eine weitere wichtige Figur ist der Privatermittler Nicholas Greco, der zunächst für Susan Althorps Mutter arbeitet, der seine Dienste aber später auch für die Gegenseite verkauft. Greco ist stets auf der Suche nach der Wahrheit, doch hat man manchmal das Gefühl, dass er sich zu früh eine eigene Meinung bildet und dabei wichtige Hinweise übersieht. Doch am Ende wendet sich alles zum Guten und er findet gemeinsam mit Kay die Wahrheit heraus.

Durch das Auftreten zahlreicher Figuren gewinnen nur wenige genügend Profil, dennoch überzeugt die Charakterzeichnung über weite Strecken.

_Wettlauf mit der Zeit_

„Und hinter dir die Finsternis“ packt von der ersten Seite an und reißt den Leser mit, da man unbedingt wissen muss, was im Keller der Familie Carrington für Leichen begraben sind. Mary Higgins Clark inszeniert ein rasantes Katz-und-Maus-Spiel gegen die Zeit, denn sollte Peter wirklich unschuldig sein (und alles andere wäre nun wirklich zu simpel), dürfte der wahre Mörder sich in Kays unmittelbarer Nähe befinden und es sollte ihm viel daran gelegen sein, Peter für diese Taten im Gefängnis zu wissen. Wie man es von Mary Higgins Clark gewöhnt ist, hebt sie sich ihr großes Überraschungsmoment so lange auf, bis sie nicht mehr länger warten kann, und so erwartet den Leser auch hier ein Finale, das sich gewaschen hat. Was ich der Autorin hier hoch anrechnen möchte: Sie dreht nicht im letzten Moment alles um, was sie vorher aufgebaut hatte, nur um den größten Effekt zu erreichen, nein, sie löst ihre Geschichte überzeugend auf, erklärt die Motive und präsentiert uns den wahren Täter. Zwar ist das Auffinden dieses Täters vom einen oder anderen Zufall begleitet, was die Glaubwürdigkeit der Geschichte ein wenig leiden lässt, aber die Auflösung ist absolut stimmig und überzeugt auf ganzer Linie. So bleibt nur zu hoffen, dass die Großmeisterin der Kriminalliteratur uns noch viele weitere ähnlich spannende Krimis bescheren wird.

|Originaltitel: I Heard That Song Before
Originalverlag: Simon & Schuster
Aus dem Amerikanischen von Andreas Gressmann
Gebundenes Buch, 400 Seiten, 13,5 x 21,5 cm|
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Pearson, Ridley – einsamste Stunde, Die

Sechs Jahre ist es her, dass Roland Larson, zu diesem Zeitpunkt noch US-Marshall im Dienst des Zeugenschutzprogramms der Staatsanwaltschaft, die Zeugin Hope Stevens bewachte – und sich in sie verliebte. Die junge Frau arbeitete als Beraterin bei einer Untersuchung betrügerischer Versicherungspraktiken im Pflegewesen und hatte festgestellt, dass diese von der Mafia-Familie Romero gesteuert wurden. Auch Auftragsmorde waren im Angebot, wie Hope aufdecken konnte. Die dünne Indizienlage erforderte ihre Aussage vor Gericht, was die Romeros sehr wohl wussten. Sie schickten Paolo, ihren besten Killer, der mit seinem geliebten Rasiermesser ein Blutbad unter Hopes Beschützern anrichtete, von Larson aber vertrieben werden konnte, bevor er sein Opfer erwischte.

Heute arbeitet Larson als Deputy Marshall für die eine Sondereinheit, die überall in den USA nach flüchtigen Kriminellen fahndet. ‚Nebenbei‘ sucht Larson verzweifelt nach Hope, die nach dem missglückten Mordanschlag ins Zeugenschutzprogramm gegangen und später untergetaucht ist, ohne je ihre Aussage zu machen. Sein aktueller Fall führt ihn zurück in die Vergangenheit: Das Justizministerium fordert ihn an, nachdem der Computerspezialist Leopold Markowitz entführt und sein Assistent ermordet zurückgelassen wurde. An dessen Hals finden sich die typischen Rasiermesserwunden des Romero-Killers. Markowitz ist der Autor einer geheimen Datenbank, in der die Hauptzeugen gelistet sind, denen das Justizministerium eine neue Identität verschaffte. Offenbar soll Markowitz diese Datenbank entschlüsseln, für die das organisierte Verbrechen viel Geld zahlen würde.

Auch Hope Stevens steht auf dieser Liste, und tatsächlich ist ihr Paolo schon wieder auf den Fersen. Bisher hat Hope ihre Spuren gut verwischen können. Ihre Achillesferse ist Penny, die fünfjährige Tochter, die Paolo findet und entführt. Das Wiedersehen zwischen Larson und Hope geht daher nahtlos in ein Psychoduell zwischen dem Marshall, der Mutter und dem Mörder über. Wie kann Larson Penny retten, ohne dafür Hope zu opfern? Trickreich umkreist man einander, doch die Vorteile scheinen auf Paolos Seite zu liegen, der ohne Skrupel foltert und tötet, um seinen Auftrag zu erfüllen. Unterschätzt hat er freilich die Entschlossenheit einer Mutter sowie den Trickreichtum eines erfahrenen Marshalls, was die Handlung in den thrillertypischen Final-Showdown münden lässt …

Psychoduelle und wilde Verfolgungsjagden, sauber recherchierte und anschaulich dargestellte Methoden der modernen Verbrechensbekämpfung, Kompetenzrangeleien und Einsatzschwierigkeiten aufgrund gesetzlicher Einschränkungen, im Kontrast dazu das selbstsichere Auftreten des organisierten Verbrechens, das wie ein globalisierter Großkonzern agiert, dazwischen der normale Bürger, der lernen muss, wie dünn die Barriere zwischen Alltag und Chaos ist: Nicht nur Ridley Pearson bedient sich dieser für den Thriller zum Standard gewordenen Elemente, aber er gehört zu den wenigen Autoren, die aus Stroh Gold zu spinnen verstehen.

Auch „Die einsamste Stunde“ – was soll uns dieser völlig sinnfreie deutsche Titel bloß sagen? – ist die Variation des üblichen Pearson-Garns und dennoch ein Pageturner der durchweg gelungenen Art. Der Verfasser startet sofort durch und wirft uns in ein Geschehen, das rasant und brutal ist, ohne sich mit detailfreudig beschriebenen Scheußlichkeiten aufzuhalten. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt fällt ein Faktor ins Gewicht, der die Handlung noch oft in unerwartete Richtungen treiben wird: Murphy’s Law ist integraler Bestandteil des Alltags. Jeder Plan kann und wird scheitern, denn die Tücke des Objekts entzieht sich auch dem Profi – und das gilt für Kriminale und Kriminelle gleichermaßen.

Diese Abwesenheit von Perfektion sorgt für ein besonderes Element der Spannung. Stets darf sich der Leser auf eine Überraschung freuen. Helden und Schurken sind ständig zur Improvisation gezwungen, was die Schere zwischen Theorie und Praxis natürlich noch weiter auseinanderklaffen lässt – nicht selten mit spektakulären Folgen.

Um wenigstens den Anschein von Originalität zu erwecken, sind dieses Mal nicht die üblichen Kriminalpolizisten oder FBIler auf Gangsterjagd. Der Titel „Deputy Marshall“ hat seinen Klang aus der Zeit des Wilden Westens in die Neuzeit gerettet. Es gibt dieses Amt in der Tat noch, und Pearson sorgt dafür, dass die Assoziationen noch deutlicher werden, indem er Larson und seine Leute wie einst durch die Lande reiten bzw. reisen lässt, bis das ins Auge gefasste ‚Wild‘ gefunden und gestellt ist.

Deputy Marshall Roland Larson ist der ideale Held für einen Highspeed-Thriller der hier zelebrierten Art. Er wirkt als harter, professionellen Umgang mit dem Verbrechen gewohnter Mann ebenso überzeugend wie als unglücklich Liebender und zu allem entschlossener Vater. Zwischen diesen drei Zuständen lässt ihn der Autor ausgiebig pendeln, was ebenso für Spannung wie für seifenoperliche Menschlichkeit sorgt, wobei Pearson Profi genug ist, für den notwendigen Ausgleich zwischen den Ebenen zu sorgen.

Natürlich muss er mit dem üblichen Problem kämpfen: Wie junge Hunde reißen Kinder die Aufmerksamkeit des Lesers unwillkürlich an sich. Sogar unter Pearsons kundiger Feder macht sich Penny selbstständig und sorgt für zunehmendes Stirnrunzeln, wenn sie dem angeblich perfekten, gefühlskalten, unbarmherzigen Killer Paolo immer wieder Paroli bietet. Letztlich wirkt Penny wie ein Instrument – das „Kind in Not“, mit dem die Spannung billig zusätzlich gesteigert werden soll.

Für Hope Stevens bleibt die undankbare Rolle des meist tränenüberströmten Muttertiers, das nichtsdestotrotz unbeirrt die Rettung der verschleppten Tochter vorantreibt und dafür zu allen Schandtaten bereit ist. Mehrfach hat sie Paolo fast schon am Schlafittchen, aber dann wirft sich wieder ein treuer Kumpel von Marshall Larson in die Schusslinie (bzw. in die Bahn seines sausenden Rasiermessers), und die Jagd kann weitergehen. Zwischendurch darf Hope ihr computerliches Fachwissen ausmotten, was Larson auf die Spur der grauen Schurken-Eminenz im Hintergrund bringt, denn Paolo ist längst nicht der einzige Unhold, der sich auf Hopes Spur gesetzt hat.

Paolo, der Profi-Killer mit dem Rasiermesser, gehört zu den kunstvollen, aber völlig unrealistischen Mordgestalten, die eigentlich nur in Hollywood und im Thriller ihr Unwesen treiben, während sie in der Realität aufgrund ihres theatralischen Auftretens und ihrer alltagsuntauglichen Angewohnheiten rasch Schiffbruch erleiden würden. Einerseits ist Paolo ein wahrer Übermensch, der sich nach Belieben durch die Maschen des Gesetzes windet, ohne dass ihm dessen Vertreter Einhalt gebieten können. Andererseits hat er einen gewaltigen Riss in der Hirnwaffel, pflegt ein ungesund intimes Verhältnis zu seiner bevorzugtem Mordwaffe – dem Rasiermesser -, mit dem er nicht nur seine Opfer umbringt, sondern sich auch selbst verstümmelt. Das eine passt nicht zum anderen, aber es macht Paolo zu einer Figur, die unberechenbar bleibt, Schrecken verbreitet und den Helden mit einem (scheinbar) ebenbürtigen Gegner konfrontiert.

Die wie gestanzt wirkende Figurenzeichnung erinnert uns daran, dass Ridley Pearson mit allem ihm zur Verfügung stehenden Talent und allen Mitteln primär den Zweck verfolgt, uns, seine Leser, zu unterhalten. Dabei geht er ökonomisch vor, d. h. er gibt niemals vor, das Rad neu zu erfinden, sondern bedient sich der bekannten Plots und Figuren des Thrillers. Sein Geschick besteht darin, das eigentlich Bekannte so gut & spannend zu variieren, dass wir ihm, dessen Tricks wir durchaus durchschauen, dennoch freiwillig und gern auf den Leim gehen. Silber vergeht, Leder besteht – Ridley Pearson stellt abermals auf höchst unterhaltsame Art klar, wie wahr dieses alte Sprichwort ist.

Ridley Pearson (geb. 1953 und aufgewachsen in Riverside, US-Staat Connecticut) gehört zur nicht gerade kopfstarken Gruppe der Kriminal-Schriftsteller, die den Zuspruch des Publikums ebenso wie das Wohlwollen der Kritik für sich in Anspruch nehmen können. Im Vordergrund steht die Krimiserie um das Polizistenduo Lou Boldt und Daphne Matthews, die seit vielen Jahren ihr hohes Niveau halten kann.

Dabei hat Pearson eigentlich recht lärmend mit rasanten Spionage- („Never Look Back“, 1985, „Blood of the Albatross“, 1986) und Katastrophen-Thrillern wie „The Seizing of Yankee Green Mall“ (1987, dt. „Ultimatum“) begonnen. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden seine Fähigkeiten auf dem Gebiet des Unterhaltungsromans deutlich: Gründliche Recherche, Ideenreichtum und glaubhafte Figuren verbinden sich bei ihm mit einem schnellen, spannenden, ‚filmisch‘ anmutenden Handlungsablauf zu selten origineller, aber stets kurzweiliger Unterhaltung.

Das wurde sogar im fernen England zur Kenntnis genommen, wo Pearson 1991 als erster US-Amerikaner überhaupt ein „Raymond Chandler Fulbright“-Stipendium an der Universität zu Oxford erhielt; zwei „Lou Boldt / Daphne Matthews“-Romane entstanden hier.

Pearson ist ein talentierter Musiker, dessen Repertoire von Folk Rock bis Filmmusik reicht. Bekannt ist er als Bassgitarrist der Band „Rock Bottom Remainders“, in der hauptsächlich Schriftsteller spielen, darunter Stephen King, Dave Barry, Amy Tan und Mitch Albom.

http://www.bastei-luebbe.de

|Siehe ergänzend dazu auch unsere Rezension zu [„Die letzte Lüge“. 1602 |

Becka, Elizabeth – Engelsgleich

Den perfekten Mord gibt es vielleicht nicht, doch das perfekte Todesarrangement, das präsentiert uns Elizabeth Becka, und zwar gleich in dreifacher Ausführung …

_Ein Kunstwerk_

Die schwerreiche Grace Markham wird ermordet in ihrer teuer eingerichteten Wohnung aufgefunden. Eigentlich ist die Wohnung eine Festung: Nur mit einem bestimmten Code, den nur Grace, ihr Mann und ihr Zugehmädchen kennen, kann man den Aufzug überhaupt dazu bewegen, in der richtigen Etage zu halten, und doch hat es ihr Mörder bis in diese Festung hineingeschafft und Graces Leiche kunstvoll arrangiert. Mit Gurten befestigt, sitzt sie auf einem Stuhl, die Hände auf den Tisch gelegt. Ein teures Collier schmückt ihren Hals, doch gerade dieses hätte dem Mörder im Weg sein müssen, denn Grace Markham wurde erwürgt. Bleibt nur eine Lösung: Das Collier gehört ebenfalls zum Arrangement und wurde ihr nach der Tat angelegt. Wer würde so etwas tun?

Bevor die Forensik-Expertin Evelyn James darauf eine Antwort findet, wird auch ihre Kollegin und Freundin Marissa in genau dem gleichen Haus angegriffen, doch glücklicherweise kann sie dem Angreifer entkommen, bevor er auch sie ermorden kann. Marissa liegt schwer verletzt im Krankenhaus und wird künstlich beatmet. Hat sie den Angreifer gesehen und vielleicht erkannt? Diese Fragen kann Marissa nicht beantworten, und vielleicht wird sie es auch nie können, denn der Mörder folgt ihr ins Krankenhaus und versucht dort, seine schreckliche Tat zu vollenden.

Evelyn tappt im Dunkeln. Zwar konnte die DNA des Täters an Grace Markhams Leiche sichergestellt werden, da sie post mortem vergewaltigt wurde, doch nutzt das wenig ohne eine einzige Spur auf den Mörder. Nur einige Farbspuren auf Graces Kleidung und ein merkwürdiges Wachsmalbild am Kühlschrank scheinen nicht in die ansonsten perfekte Wohnung zu passen. Gehört beides zur Visitenkarte des Täters? Evelyn vermutet es und versucht, die Spuren zu analysieren. Doch wie kommt eine Kinderzeichnung aus Wachsmalstiften in Grace Markhams Wohnung, die doch keinerlei Kontakte zu Kindern hatte?

Bald wird eine zweite Leiche gefunden, die noch vor Grace Markham den Tod gefunden hat, allerdings erst entdeckt wurde, als bereits die Verwesung eingesetzt hat. Frances Duarte ist auf die gleiche Weise ums Leben gekommen wie Grace Markham, und auch hier finden sich kaum verwertbare Spuren, bis auf die gleichen Farbspuren, merkwürdige Fettflecken und ein ähnliches Kinderbild. Wo liegt die Verbindung zwischen den beiden Frauen? Oder hat der Mörder sie zufällig ausgewählt? An diese Theorie mag Evelyn nicht denken, denn sie entdeckt ein Beuteschema, das sie nach langer Ermittlungsarbeit schließlich auch auf eine heiße Spur führen wird, doch wird sie den Mörder rechtzeitig finden oder fällt sie ihm womöglich selbst zum Opfer?

_Katz- und Maus-Spiel_

Elizabeth Becka lässt sich nicht viel Zeit; gleich auf den ersten Seiten begleiten wir Evelyn James bei ihrer grausigen Arbeit am Tatort. Sie sammelt Spuren ein, wo sie keine vermutet, und grübelt über ein mögliches Tatmotiv. Doch die drängendste Frage ist wohl die, wie der Täter in eine so perfekt gesicherte Wohnung eindringen konnte. Genau hier verbirgt sich jedoch die Lösung, aber Becka verpackt diese so geschickt, dass man sie einfach nicht bemerken will.

Die Spurenauswertung verläuft träge, Evelyn findet nicht die richtigen Wachsmaler und weiß einfach nicht, wie eine Kinderzeichnung in die Wohnung zweier reicher Frauen kommen kann, die gar keine Kinder haben. Auch eine Verbindung zwischen den Opfern findet sich zunächst nicht. Doch Evelyns Ehrgeiz ist geweckt. Es ist nicht nur die Neugier, die sie umtreibt, es ist auch die Angst um ihre Freundin Marissa, die hilflos im Krankenhaus und damit auf dem Präsentierteller für den Mörder liegt. Dem möchte Evelyn allerdings zuvorkommen. Hartnäckig und auch jenseits ihrer Kompetenzen ermittelt sie auf eigene Faust, gibt sich als Ärztin aus, um an mehr Informationen heranzukommen, und bringt sich dabei sogar selbst in tödliche Gefahr.

Die Polizei dagegen scheint machtlos, sie findet keine heiße Spur und auch keine Zeugen. Die Gebäude, in denen die Opfer gewohnt haben, sind zwar videoüberwacht, dennoch findet sich keine Aufnahme von dem Mörder; es scheint, als müsse man ein Phantom jagen. Doch dass dieses Phantom aus Fleisch und Blut ist, wird spätestens Evelyn am eigenen Leib spüren müssen.

Die Jagd nach dem Mörder, die kleinschrittige Spurensuche und die Frage nach der Verbindung zwischen den Opfern treiben nicht nur Evelyn und die Polizei an, sondern auch den Leser. Elizabeth Becka streut nur wenige Indizien ein, lässt den Fall lange vor sich hinplätschern, ohne dabei aber den Spannungsbogen leiden zu lassen, denn immer fühlt man sich vom unbekannten Mörder bedroht und spürt die nahende Gefahr. Im Nu hat man das Buch durchgelesen, weil man es einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Der Fall ist packend und rasant geschrieben; Becka inszeniert einen nahezu perfekten Spannungsbogen, der zwischendurch nicht einmal abbricht – bravo!

_Einsame Heldin_

Im Mittelpunkt des Buches steht Evelyn James, die zwar nicht die Ermittlungen leitet, aber ihre eigenen Motive hat, die sie antreiben und auf eigene Faust ermitteln lassen. Des Nachts wird Evelyn aus dem Bett geklingelt, um an den nächsten Tatort zu eilen, doch begibt sie sich auch freiwillig mitten in der Nacht in ihr Labor, um die drängendsten Fragen aufklären zu können. Während die Polizei auf der Stelle tritt, findet sie ein Indiz nach dem anderen und kombiniert diese schlau, bis das Bild des Täters immer klarer wird.

Dabei hat Evelyn James auch genügend eigene Probleme; ihre Tochter ist unglücklich verliebt und ihr Freund (oder doch Ex-Freund?) steht unter genauer Beobachtung durch Evelyn, die ihre Tochter vor allem Übel der Welt beschützen will. Doch das ist natürlich nicht so einfach bei einer Tochter, die flügge wird. Gleichzeitig befindet sich ihre Liebelei mit dem Polizisten David Riley in der Krise; der möchte nämlich endlich bei Evelyn einziehen, sie denkt allerdings noch mit Schrecken an ihre Scheidung zurück und möchte sich lieber noch nicht zu eng binden, außerdem fragt sie sich immer wieder, ob sie aus den richtigen Motiven mit David zusammen ist oder nur deswegen, weil sie ihn gerade braucht.

Je länger wir Evelyn bei ihrer Arbeit begleiten, umso besser lernen wir sie kennen. Während sie dem Mörder auf die Spur kommen will, verblasst die gesamte Polizeiarbeit nebenbei und erhält deswegen auch nur wenig Raum im Buch. David Riley und seinen Kollegen stellt Elizabeth Becka aber trotzdem vor, damit Evelyn das Buch nicht ganz alleine bestreiten muss. Beckas Charaktere sind sympathisch, menschlich und vor allem herrlich „unperfekt“. Genau diese allzu menschlichen Fehler sind es, welche die Distanz zwischen Leser und Romanfigur überbrücken und einen in jeder Situation mit Evelyn fühlen lassen. Ich bin schon jetzt neugierig auf die Fortsetzung, weil ich einfach wissen muss, wie es mit Evelyn James weitergeht.

_Teuflisch gut_

Mit ihrem zweiten Thriller um die Figur Evelyn James hat Elizabeth Becka genau ins Schwarze getroffen. Das Buch ist spannend von der ersten Seite an und lässt den Leser bis zur letzten Seite nicht mehr los. Die Charaktere sind gelungen und auch die Auflösung weiß zu überzeugen – was will man mehr?

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