Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Kusnezow, Sergej – Hülle des Schmetterlings, Die

Bereits die Widmung von Sergej Kusnezows Buch „Die Hülle des Schmetterlings“ macht neugierig: |“Dieses Buch wollte ich zwei Freunden widmen. Beide haben sich geweigert es zu lesen und darauf bestanden, in keiner Weise damit in Verbindung gebracht zu werden.“| Was für ein Buch muss das sein, wenn Leute nicht damit in Verbindung gebracht werden? Der Verlag selbst sieht es als |“Das russische Gegenstück zu Thomas Harris‘ ‚Schweigen der Lämmer'“|, und damit hat er gar nicht mal so unrecht.

Ein Serienkiller hält die russische Hauptstadt Moskau in Atem. Schon seit Monaten foltert und tötet er Frauen zwischen 15 und 40, und die Polizei hat keine einzige Spur. Xenia, die junge Chefredakteurin einer mäßig erfolgreichen Internetseite, hat eine zündende Idee. Zusammen mit ihrem Kollegen Alexej und ihrer besten Freundin Olga ruft sie eine Website ins Leben, auf der alle Informationen zu dem Serienkiller zusammengetragen werden. Daneben werden Expertenmeinungen veröffentlicht und in einem Forum können die Besucher der Seite über die Morde diskutieren.

Ihr Plan geht auf. Die kontroverse Internetseite erlangt schnell Ruhm und Xenia wird zu einer kleinen Berühmtheit. Eines Tages meldet sich ein Fremder, der sich „alien“ nennt, über ICQ bei ihr. Xenia geht auf seine Gespräche ein und hört auch nicht auf, als der Fremde sie „kleine Schwester“ nennt und zu selbstverletzenden Aktionen zwingt. Ehe sie es sich versehen hat, steckt sie tief in einem Strudel aus roher Gewalt und blindem Gehorsam …

Sergej Kusnezow hat mit großer erzählerischer Beweglichkeit ein sehr düsteres Buch über die Abgründe im Menschen geschrieben. Diese Menschen arbeitet Kusnezow als originellen Charaktere sehr gut aus und versieht sie mit ganz eigenen Charakterzügen und einer detailreichen Vergangenheit. Auffällig ist, dass er auf positive Emotionen beinahe gänzlich verzichtet. So gut wie alle Protagonisten, allen voran natürlich der Serienkiller, zeigen nur ihre dunkle Seite, was dem Buch eine besondere Stimmung verleiht. An dieser Stelle sei besonders die Andersartigkeit der Charaktere betont. Xenia ist zum Beispiel Fan von BDSM-Spielchen, was ja nicht gerade alltäglich ist. Dadurch wird das Buch zusätzlich interessant und erlaubt einen Blick in Welten, die der normale Leser so nicht kennt.

Dieser Blick wird durch die unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht. Der russische Autor legt hierbei eine große Kreativität an den Tag. Der Serienkiller berichtet sehr anschaulich, ohne zu viel von sich preiszugeben, aus der Ich-Perspektive. Neben Erinnerungen und aktuellen Ereignissen flicht er außerdem sehr poetische Kapitel ein. In einem schildert er zum Beispiel ausführlich, wieso jede Jahreszeit eine gute Jahreszeit zum Töten ist und greift dabei auf viele bildhafte Beschreibungen zurück. In anderen berichtet er in Form eines reimlosen Gedichtes davon, wie er seine einzelnen Opfer umgebracht hat. Kusnezow schafft es dabei, auf geniale Art und Weise die brutalen Details mit einer blumigen Sprache und der Liebe des Tötens, die der Killer verspürt, zu verbinden.

Die anderen Perspektiven wechseln dagegen munter durch. Zumeist schreibt er aus der dritten Person, manchmal aber auch aus der ersten, was die Gedanken und Gefühle des jeweiligen Ich-Erzählers besonders intensiv und oft beklemmend wirken lässt. Oft greift er aber auch auf eine völlig andere, unbekannte Art von Perspektive zurück, die „Du-Perspektive“. Eine Du-Perspektive setzt natürlich voraus, dass es einen Ich-Erzähler gibt, der das Du anspricht. Der Ich-Erzähler ist in diesem Fall der Serienkiller, auch wenn er sich in den Kapiteln mit der Du-Anrede, die zumeist an Xenia gerichtet ist, zurückhält. Er erzählt den Tagesablauf der Protagonisten so, als ob er sie gerade dabei beobachtet und sehr genau über ihre Gepflogenheiten Bescheid weiß. Das sorgt für Gänsehaut. Der teils verspielte, teils gruselige Ton, den Kuszenow dabei anschlägt, gibt dem Leser das Gefühl, dass der Serienkiller Macht über alle Personen in dieser Geschichte hat.

Auch wenn der Autor sich sehr stark auf seine Personen konzentriert – viele Kapitel handeln einzig von deren Gedanken und Gefühlen -, vernachlässigt er nicht die Handlung. Er schweift zwar oft ab und bietet dem Leser eine große Fülle an Informationen, aber diese lenken nicht unangenehm ab, sondern sorgen für eine hohe Erzähldichte. Die Handlung kommt zwar langsam in Gang, aber sie schreitet zügig fort und findet ihren Höhepunkt in einem überraschenden, offenen Ende. Oft gehen solche Experimente schief, doch Kusnezow gelingt es, seinen originellen Abschluss sauber über die Bühne zu bringen.

Was „Die Hülle des Schmetterlings“ neben den scharf gezeichneten Personen und dem Spiel mit den Perspektiven auszeichnet, ist der Schreibstil. Dieser ist rhetorisch bemerkenswert geschickt. Kusnezow benutzt viele Reihungen und Metaphern, Bilder und Vergleiche. Manche davon ziehen sich durch das ganze Buch; die Erwähnung eines schwarzen Kokons, zum Beispiel, auf den auch der deutsche Titel des Buchs anspielt. Der Autor hält mit diesem vielfältigen Schreibstil das ganze Buch zusammen und hebt sich wohltuend von anderen Thriller-Autoren ab.

„Die Hülle des Schmetterlings“ von Sergej Kusnezow ist ein selten guter Thriller. Eine spannende Handlung und tolle, düstere Charaktere verbunden mit einem virtuosen Schreibstil – und das in einem Genre, das nicht unbedingt für seine literarische Qualität bekannt ist. Der Vergleich mit Thomas Harris hinkt trotzdem. Aber es ist Harris, der gegen Kusnezows Kreativität nicht ankommt.

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Paprotta, Astrid – Feuertod

Die in Frankfurt lebende Autorin Astrid Paprotta ist bislang vor allem durch ihre Krimis mit der Kommissarin Ina Henkel bekannt geworden. In ihrem neuen Buch „Feuertod“ führt sie zwei neue Ermittler ein: Hauptkommissar Niklas und den ihm zugeteilten LKA-Beamten Potofski.

Bei ihrem ersten gemeinsamen Fall müssen sie die grausame Ermordung von vier Menschen aufklären. Die Anwältin Ellen Rupp verbrennt zusammen mit ihrem jungen Liebhaber in ihrer Wohnung. Das Gleiche gilt für Michael Brecht. Auch er wird in seiner ausgebrannten Wohnung entdeckt. Der Einzige, der die Verbindung zwischen Rupp und Brecht herstellen kann, ist Moritz Blume.

Er arbeitete als eine Art Privatdetektiv für Ellen Rupp, die eine raubeinige Wirtschaftsanwältin war. Nebenbei engagierte sich die Frau für die Bürgerinitiative „Sichere Stadt“, was ihr einen Platz im Stadtparlament verschaffte. Gegenden wie die, in der Blume wohnt, waren ihr ein Dorn im Auge, weil dort die Armen und Arbeitslosen wohnen und das Stadtbild verschandeln. Blume ermittelt auf eigene Faust, doch als er zu viel herausfindet, stirbt auch er – bei einem Wohnungsbrand.

Blume war der Polizei einige Schritte voraus, doch Niklas und Potofski, beide ein bisschen behäbig, kommen allmählich einer Geschichte auf die Spur, die schon viele Jahre zurückliegt. Doch kann sie wirklich der Grund für die Morde sein?

Was Paprotta von anderen Kriminalautoren abhebt, sind ihr bemerkenswerter Schreibstil und ihre originellen Personen. Diese beiden Dinge stehen beinahe mehr im Vordergrund als der eigentliche Kriminalfall. Anders als erwartet, führt das aber nicht zu Problemen, sondern zu einem auffällig guten Krimi.

Neben den Ermittlern Niklas und Potofski stehen mehrere andere Perspektiven im Vordergrund, die von den Morden betroffen sind. Neben Blume sind dies das Paar Westheim und der Friseur Czerny. Czerny hat seinen Salon in der Stoltzestraße, die einen schlechten Ruf hat, und Blume ist sein Nachbar und so etwas wie ein Freund. Dadurch erfährt er vieles über die Morde und bewertet die Frisuren der einzelnen Toten mit Kennerblick.

Paprottas Perspektiven sind wunderbar gestaltet. Es gibt nur wenige objektive Beschreibungen. Zumeist scheinen die gedruckten Worte direkt aus den Köpfen der Perspektiven zu kommen. Das hängt mit dem Schreibstil zusammen, der sehr alltäglich gehalten ist. Paprotta benutzt Alltagssprache, die sich auch im Satzbau widerspiegelt. Oft verbindet sie mehrere Hauptsätze mit Kommas, anstatt Nebensätze zu bilden. Trotzdem liest sich das Resultat frisch und flüssig und erinnert an einigen Stellen an den so genannten „stream of consciousness“. Diese Erzählweise definiert sich dadurch, dass sie ungefiltert aus dem Kopf der Person erzählt, was diese gerade sieht, erlebt und denkt. Dadurch entsteht ein rundes, kompaktes Bild der Situationen mit einer sehr subjektiven Färbung. Der beiläufige, trockene Humor, den die Autorin einwebt, und die sarkastischen Bemerkungen von Niklas, bevorzugt über seinen neuen Kollegen, sorgen dafür, dass eine angenehme Frische in den flüssigen Schreibstil einzieht.

Wer so sehr aus dem Kopf seiner Personen berichtet, muss diese auch dementsprechend ausarbeiten. Das gelingt der studierten Psychologin geradezu perfekt. Ihre Charaktere sind sehr eigen, haben gut ausgearbeitete Wesenszüge und einen Haufen interessanter Gedanken. Letztere sind sehr authentisch, genau wie die Dialoge, die stark von Alltagssprache gefärbt sind.

Insgesamt schafft es die Autorin, eine ganz eigene Erzählmagie zu entwickeln. Perspektiven wie die von Czerny, der mit den Morden nicht wirklich etwas zu tun hat, lassen die Handlung an manchen Stellen abschweifen. Trotzdem kehrt die Autorin immer wieder dorthin zurück. Es ist erwähnenswert, dass die beiden Ermittler Niklas und Potofski gar nicht so sehr im Vordergrund stehen. Ihre Aufgabe ist es, den Schuldigen zu finden, und nicht, ihre Gedankenwelt dem Leser zu präsentieren. Das ist auf der einen Seite geschickt, weil dadurch keine Trockenheit aufgrund zäher Polizeiarbeit entstehen kann. Auf der anderen Seite werden Fans des eher klassischen Kriminalromans ein Problem mit „Feuertod“ haben.

Wer allerdings nicht davor zurückschreckt, einen Kriminalroman mit einem kräftigen Schuss Belletristik zu lesen, der ist mit „Feuertod“ gut beraten. Astrid Paprotta schafft es, dem Genre Kriminalroman ein paar ganz eigene Töne zu entlocken. Das Buch ist interessant, abwechslungsreich und wird von einem sehr guten Schreibstil und originellen Charakteren erfolgreich getragen.

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Patricia Cornwell – Brandherd [Kay Scarpetta 9]

Ein Brandstifter entfacht wahre Höllenfeuer. In der Asche finden sich Leichen, die nur die geniale Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta identifizieren kann. Sie erkennt, dass hier eine Serienmörderin, mit der sie vor Jahren schon einmal zu tun hatte, wieder aktiv geworden ist, erkennt deren perfiden Racheplan aber beinahe zu spät … – Der 9. Band der erfolgreichen Scarpetta-Serie bietet erneut spannende Thriller-Unterhaltung mit bizarren Morden und Forensik-Exotik, leidet aber unter allzu dick aufgetragenen, predigtähnlich die Handlung ins Stocken bringenden Seifenoper-Elementen. Patricia Cornwell – Brandherd [Kay Scarpetta 9] weiterlesen

Frost, Scott – Risk. Du sollst mich fürchten

Scott Frost ist bislang eher für seine Drehbücher für Serien wie „Akte X“ oder „Twin Peaks“ bekannt gewesen. Mit „Risk. Du sollst mich fürchten“ soll sich das ändern. Der Psychothriller ist Frosts erstes Buch und wurde sogar für den |Edgar Award| als bestes Thrillerdebüt nominiert.

Der Fall, mit dem Lieutenant Alex Delillo sich beschäftigt, beginnt recht harmlos mit dem Mord an einem Blumenhändler. Als sie einen vorbestraften Mitarbeiter des Geschäfts überprüfen wollen, fliegt dessen Haus in die Luft und Alex‘ Partner Dave Traver wird lebensgefährlich verletzt.

Schon bald zeigt sich, dass der Täter zu noch weit grausameren Taten fähig ist. Immer wieder greift er auf selbst gebastelte Bomben zurück und schon bald kristallisiert sich sein Ziel heraus: Er möchte eine Bombe auf der jährlichen Rosenparade in Pasadena zünden. Für Alex und ihren neuen Kollegen Dylan Harrison, Experte für Sprengstoffe, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Alex ist davon ganz besonders betroffen, denn der Täter hat ihre Tochter Lacy entführt und droht damit, sie umzubringen, wenn nicht alles nach seinem Plan läuft …

Die Handlung, die Frost in seinem Buch anbietet, ist nicht unbedingt das Nonplusultra. Der Bombenleger, der sich inszeniert und die Welt in die Luft sprengen möchte, ist ein bisschen abgeschmackt. Trotzdem schafft der Autor es, immer wieder unkonventionelle Ereignisse in seinen Plot einzubinden. Er verfolgt also nicht immer das übliche Schema, kann uns aber auch nicht völlig vom Gefühl des bereits Dagewesenen befreien.

Auch wenn das Thema nicht neu ist, so kann man sich über den Aufbau des Buches nicht beklagen. Man merkt Frost seine Vergangenheit als Drehbuchautor an. Schlag auf Schlag passieren die Morde und werden meist actionreich dargestellt. Für Ausschweifungen bleibt wenig Platz. Einzig Alex gönnt sich ab und an ein paar Zeilen, um über das schwierige Verhältnis zu ihrer Tochter zu philosophieren oder ihre eigene Vergangenheit zu beleuchten.

Diese Passagen tragen dazu bei, dass der Thriller trotz seiner actionreichen und teilweise hightechlastigen Handlung viel menschliche Wärme in sich trägt. Die Ich-Perspektive, aus der Alex erzählt, ist dem Autor sehr gut gelungen. Alex ist eine schlagfertige, im Beruf kompetente Frau, die an ihrer Unfähigkeit als Mutter zu knabbern hat. Das Verhältnis zu ihrer Tochter Lacy ist sehr schlecht. Sie weiß nur wenig über deren Leben und wird mit dieser Tatsache immer wieder konfrontiert. Frost schafft es, Alex‘ Verzweiflung, Reue und Angst im Verlauf des Buches sehr gut darzustellen. Dabei vernachlässigt er nicht, die Geschichte mit sarkastischen, teils selbstironischen Bemerkungen aufzulockern.

Auch die anderen Charaktere sind sehr vielschichtig gezeichnet, wenn auch nicht immer so interessant wie Alex. Frost setzt weniger auf wirkliche Originalität als auf gute Handarbeit. Seine Personen sind dementsprechend gut ausgearbeitet, wirken aber alltäglich.

Alex‘ Ich-Perspektive bestimmt das Buch weitgehend. Sie wird von einem klaren, sauberen Schreibstil gestützt, der bis auf die humorvollen Bemerkungen kaum Besonderheiten in Form von rhetorischen Stilmitteln besitzt. Da Frost aber sehr dicht und flüssig schreibt, ist das nicht weiter negativ. Weiterer positiver Nebeneffekt der Wahl der Ich-Perspektive ist die Homogenität in der Handlung. Scott Frost verzichtet auf weitere Perspektiven. Alles wird aus der Sicht von Alex Delillo erzählt. Dadurch gibt es nur einen Erzählstrang in der Geschichte und keine unnötigen Nebenhandlungen, die vom Kriminalfall ablenken. Eintönigkeit kommt trotzdem nicht auf. Alex Delillo ist aufgrund ihres Berufs und ihrer Sorge um ihre Tochter immer nah am Hauptgeschehen. Und auch, wenn die Handlung nicht immer zieht, so ist sie doch gut dargestellt und wird von einer sympathischen Protagonistin erzählt.

Scott Frost ist nicht der hellste Stern am Thrillerhimmel, aber er muss sich mit seinem Debüt „Risk“ auch nicht in einem schwarzen Loch verstecken. Der souveräne Thriller kann vielleicht nicht unbedingt mit dem schon oft durchgekauten, aufmerksamkeitsüchtigen Serienkiller punkten, aber dafür ist Protagonistin Alex Delillo eine sehr sympathische Frau. Der Aufbau des Buches ist spannend und die Ereignisse passieren Schlag auf Schlag. Insgesamt ist Scott Frost ein lesenswertes Buch gelungen.

http://www.knaur.de
http://www.droemer-knaur.de/trailer/risk__trailer.html
http://www.droemer.de/thriller/risk-test/

Tandefelt, Henrik – Lauf, Helin, lauf!

„Nicht noch ein skandinavischer Krimiautor!“ möchte man zunächst stöhnen, wenn man den Namen des in Helsinki geborenen Henrik Tandefelt liest. Obwohl in Finnland geboren, spielt sein Krimi „Lauf, Helin, lauf!“ in Schweden, genauer gesagt in Småland. Der Fotograf Josef Friedmann und das Ehepaar Lindström befinden sich gerade dort, weil das Ehepaar ein Ferienhaus gekauft hat, das renoviert werden muss.

Eines Tages findet man im Kanal der Kleinstadt Ekemåla eine stark verweste Leiche in einem Abwasserkanal. Zur gleichen Zeit meldet der Lehrer und Bekannte der Lindströms, Arvid Lönnholm, dass eine seiner Schülerinnen verschwunden ist. Die Kurdin Helin ist seit dem Türkeiurlaub mit ihrer Mutter weder in der Schule noch in ihrer Wohnung gesehen worden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Leiche im Kanal und Helin?

Lindström, der sich für die Renovierungsarbeiten Urlaub genommen hat, wird von seinem Chef gebeten, der örtlichen Polizei zur Seite zu stehen. Bereits kurze Zeit später meldet sich ein Albaner, der behauptet, der Mörder der unidentifizierbaren Toten zu sein. Angeblich handelt es sich dabei um die Jahrmarktswahrsagerin Serafina, die der Albaner in den Kanal geschubst haben möchte, weil sie seinen Heiratsantrag nicht angenommen hat.

Die örtliche Polizei glaubt, dass der Mann der Täter ist, auch wenn er bei einem Unfall stirbt, bevor er ordentlich verhört worden ist. Die Ermittlungen werden eingestellt, doch Lindström, seine Frau Ingbritt und Josef Friedmann wollen das nicht glauben. Auf eigene Faust gehen sie der Sache nach …

Die Handlung an und für sich ist weder wirklich aufregend noch wirklich neu. Doch die Art und Weise, wie die vielen verschiedenen Erzählstränge verflochten sind, ist geradezu faszinierend.

Tandefelt legt der Geschichte eine hohe Erzähldichte zugrunde, die mit detaillierten, aber nicht ausschweifenden Situationsbeschreibungen und Dialogen aufwartet. Der Finne schreibt bildhaft, meist mit wenig Emotionen, dafür aber mit einem guten Auge für kleine Besonderheiten. Der dezent eingesetzte trockene Humor sorgt immer wieder für Glanzpunkte in der sehr authentischen Erzählung mit einer starken Konzentration auf Dialoge beziehungsweise innere Monologe.

Josef Friedmanns ist die einzige Perspektive, die in der ersten Person erzählt. Er gefällt durch seine sehr persönliche Art, seine Selbstironie und die Neigung, sich selbst nicht immer ganz ernst zu nehmen. Die anderen erzählen in der dritten Person. Dass Tandefelt die Perspektiven zumeist ohne Absätze ineinanderfließen lässt, ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Gleiches gilt für die verkürzten Sätze, die Josef benutzt und die manchmal etwas holprig klingen. Die Wahl des Präsens als Erzähltempo ist auch nicht immer ganz unkompliziert, doch aufgrund Tandefelts Selbstsicherheit, seiner cleveren Wortwahl und der atmosphärischen Dichte kann man darüber hinwegschauen.

Worüber man keineswegs hinwegsehen sollte, ist die Handlung. Die unterschiedlichen Fälle sind gut miteinander vereinbart und laufen am Ende alle zusammen. Die Zusammenführung funktioniert reibungslos und sorgt für ordentlich Spannung. Der Leser, der die unterschiedlichen Perspektiven kennt, weiß mehr als die Figuren. Er durchblickt dadurch viel schneller das Geflecht aus Zufällen und Geheimnissen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Helins Perspektive. Sie verläuft gegenläufig zum Rest des Buches und erzeugt durch das abweichende Erzähltempus – die Vergangenheit – starke Spannung. Wieso erzählt Helin im Perfekt? Ist ihr etwas passiert? Tandefelt lässt den Leser lange im Ungewissen über die wahren Umstände, und das gefällt.

Am Schluss bleibt noch eine Frage: Gibt es für Henrik Tandefelt eine Möglichkeit, dem „Nicht noch ein skandinavischer Krimiautor!“-Ausruf zu entkommen? Ja, die gibt es, denn „Lauf, Helin, lauf!“ hat bis auf die Kulisse und die hohe Qualität nicht besonders viel mit dem üblichen Schwedenklischee zu tun. Das, was die |Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln| in einer Kritik als „ironisch-amüsanten Stil“ beschreibt, sorgt für wohltuende Frische. Von der gängigen skandinavischen Schwermut merkt man wenig in Tandefelts Krimi. Stattdessen verlässt er sich auf eine atmosphärische Erzähldichte, die kunstvolle Anordnung der verschiedenen Handlungsstränge und das geschickte Erzeugen von Spannung.

http://www.dtv.de

Remes, Ilkka – Blutglocke

Der finnische Bestsellerautor Ilkka Remes hat sich mit seinen rasanten Thrillern einen Namen als Meister der Spannung gemacht, sodass auch sein aktuelles Werk „Blutglocke“ von seinen Fans heiß erwartet wurde. Schauen wir uns an, ob sich das sehnsüchtige Warten denn auch gelohnt hat.

_Kling, Glöckchen, kling_

Zu Beginn des Buches werden wir Zeuge, wie der sechzehnjährige Sohn des deutschen Innenministers Klein beim Baden entführt wird. Schnell schaltet Remes zur finnischen Kommissarin Johanna Vahtera, der beim Zahnarzt gerade eine kleinere Tortur bevorsteht, vor der sie ein wichtiger Anruf allerdings vorerst rettet. Vahtera wird als Profilerin nämlich hinzugerufen, als die Entführung Sebastian Kleins bekannt wird. Doch die Entführer locken den Innenminister ohne polizeiliche Unterstützung zum vereinbarten Übergabeort. Dort lassen sie den Sohn fast unverletzt zurück, doch der Vater hat es nicht so gut getroffen: Klein ist nicht nur ermordet, sondern ausgeblutet worden. Was um Himmels Willen will der Mörder mit Kleins Blut, fragt sich nicht nur Vahtera, doch dauert es noch lange, bis sie des Rätsels Lösung finden wird.

Der Leser hat es hier besser, denn er lernt den Strippenzieher hinter der Entführung schnell kennen. Dabei handelt es sich um Rem Granow, der jüngst seine Mutter verloren hat und dessen Vater – ein berühmt-berüchtigter russischer Mafiaboss – nun ebenfalls im Sterben liegt. Er möchte eine Blutglocke anfertigen, also eine Glocke, in die Kleins Blut eingearbeitet ist, um sie zur Beerdigung seiner Mutter besonders hell erklingen zu lassen. Doch das ist nicht Granows einziger Plan, denn seine ausgefeilte Racheaktion ist bereits angelaufen. Bei einer Polizeiaktion, angeordnet vom deutschen Innenminister Klein, die eigentlich Rems Vater treffen sollte, stirbt durch einen dummen Zufall Rems Mutter. Rem sinnt auf blutige Rache, die die ganze deutsche Politikerriege treffen soll.

Dazu heuert er die unterschiedlichsten Handlanger an, die ihn mit Bakterienstämmen und diversem technischen Material versorgen, die für Rems teuflischen Plan gebraucht werden. Auch der deutsche Umweltminister Beck spielt eine tragende Rolle in Rems Plan, denn er ist es, der künftiger Bundeskanzler werden soll, wenn der bisherige Rems Anschlag zum Opfer gefallen ist. Johanna Vahtera kommt früh auf Rems Spur, doch traut sie zeitweise ihrer eigenen Intuition nicht und lässt sich von einigen Internetbekanntschaften ablenken, die nicht immer das sind, was sie zu sein vorgeben …

_Wie Bauern auf einem Schachbrett_

Ilkka Remes‘ Plot in „Blutglocke“ ist vielschichtig und spaltet sich in zahlreiche Handlungsfäden auf, in denen wir die beteiligten Personen (mehr oder weniger) kennen lernen. Rem Gramows Vorhaben ist dermaßen ausgefeilt, dass er unzählige Helfer benötigt, um seine Pläne in die Tat umzusetzen. Lange braucht es, damit wir überhaupt erahnen können, was Rem beabsichtigt und welche Rolle den einzelnen Figuren dabei zufällt. Kaum bilden wir uns ein, nun alle wichtigen Personen zu kennen, bringt Remes weitere (Schach-)figuren auf sein literarisches Spielbrett, die oftmals unwissend Teil von Rem Gramows Plan werden, was sie meistens mit dem Leben bezahlen müssen. Denn eins ist klar: Gramow geht rücksichtslos über Leichen und tut alles, um seine Eltern zu rächen, die seiner Meinung nach dem deutschen Innenminister zum Opfer gefallen sind.

Aufgrund der zahlreichen Figuren lässt die Charakterzeichnung leider an manchen Stellen zu wünschen übrig. Nur wenige Charaktere sind es, die Profil erhalten und uns im Gedächtnis bleiben werden. Zum einen wäre das auf jeden Fall Johanna Vahtera, die von Anfang an daran glaubt, dass Rem Gramow hinter der Ermordung des deutschen Innenministers steckt. Doch sie ist unsicher, weil sie keine Beweise findet, die ihr Gefühl untermauern könnten. Und wenn sie ehrlich ist, so spricht objektiv gesehen vieles gegen Gramow. Auch privat ist Vahtera nicht gerade vom Glück verfolgt; mit Männern hat sie einfach kein Glück und auch ihre Internetbekanntschaften sind nicht mehr als ein verzweifelter Hoffnungsschimmer für ihre einsamen Abende und Wochenenden. Unverhofft taucht jedoch ihr Exfreund Craig wieder in ihrem Leben auf, der inzwischen allerdings mit einer neuen Frau zusammenlebt. Doch scheint Johanna vielleicht trotzdem eine zweite Chance zu bekommen.

Eine weitere Hauptfigur ist sicherlich Rem Gramow selbst, der erst kaltblütig den Innenminister ermordet hat und nun weitere Morde plant, die wohl noch schwerer wiegen dürften, denn eines seiner Opfer soll der Bundeskanzler werden. Gramow ist auf der einen Seite eine tragische Figur, hat er doch gerade beide Elternteile kurz hintereinander verloren, auf der anderen Seite kann er aufgrund seiner Kaltblütigkeit trotzdem keine Sympathiepunkte sammeln, obwohl wir einen größeren Teil der Handlung an seiner Seite verbringen.

Anders ist es bei Nick Boyd, der sich einen Namen als Werbefilmregisseur gemacht hat und nun in die Geschichte hineinstolpert, weil er für Gramows Propaganda benötigt wird. Zunächst läuft Boyd unwissend in sein Unglück, doch bald beginnt er zu ahnen, dass nicht nur sein Leben in Gefahr ist, sondern auch das seiner Frau und seiner Tochter. Verzweifelt versucht Boyd im weiteren Verlauf der Geschichte, sich und seine Familie zu retten, doch leider wurde er in ein kleines Dörfchen in Russland verschleppt, wo niemand seine Sprache spricht. Die Zeichen stehen also schlecht für ihn.

Dies sind zwar noch lange nicht alle wichtigen Figuren, aber doch alle, die uns Ilkka Remes etwas näher vorstellt. Die meisten anderen auftauchenden Personen werden zu Randfiguren degradiert, auch wenn sie in Gramows teuflischem Plan eine entscheidende Rolle spielen. Viele Menschen müssen dabei ihr Leben lassen, doch da Remes kaum Zeit darauf verwendet, seine Figuren alle entsprechend vorzustellen, war es mir irgendwann auch ziemlich gleichgültig, wenn mal wieder eine seiner Schachfiguren zum Bauernopfer wurde. Trauer habe ich keine empfunden, da man im Verlauf der Lektüre höchstens zu Johanna Vahtera und Nick Boyd eine „Beziehung“ aufbauen kann.

_Ausgefranst_

Die vielen einzelnen Handlungsstränge führen zwar dazu, dass Ilkka Remes‘ Erzählung ein hohes Tempo aufnimmt, doch leider ist es schwierig, sich in dem Gewühl verschiedener Schauplätze und in der Masse von Menschen zurechtzufinden. Ich hatte teilweise tatsächlich Probleme, Namen und Biografien richtig zuzuordnen, und musste mich auch dabei ertappen, dass ich überrascht war, eine Person in Deutschland anzutreffen, obwohl ich sie in der Geschichte eigentlich in Russland vermutet hatte. Denn Ilkka Remes begnügt sich nicht damit, seinen Thriller klassisch in seiner Heimat Finnland spielen zu lassen. Von dort „flüchtet“ bald sogar Johanna Vahtera, um den Ereignissen näherzukommen. Die Hauptgeschichte spielt in Deutschland, und zwar genauer in Berlin und Umgebung, doch die Hintergründe sind fast sämtlich in Russland zu suchen. So reisen wir gemeinsam mit den handelnden Personen kreuz und quer durch die Gegend, sodass es fast schon verständlich ist, dass man zwischendurch den Überblick verlieren kann.

Ilkka Remes‘ vorliegender Thriller ist leider schwer durchschaubar; es ist nicht nur schwierig, alle Figuren richtig zuzuordnen, sondern auch deren Handlungen und Funktion im Gesamtgeschehen. Erst spät erhalten wir so viele Erklärungen, dass wir in etwa abschätzen können, was Rem Gramow ausgeheckt hat. Doch sein Racheplan ist so verworren, dass er nicht all sein Gräuel entfachen konnte, weil die Lektüre den Leser zu sehr verwirrt, um wirklich schockiert sein zu können. Ein roter Faden hätte der Handlung sicher sehr gut getan und vielleicht hätte auch die Hälfte der Handlungsfäden ausgereicht. Manchmal habe ich mich gefühlt wie in einem Labyrinth, aus dem nur schwer herauszufinden ist und bei dem auch nicht klar ist, was einen am Ausgang erwarten wird. Zudem kamen mir einige der Handlungsstränge völlig überflüssig vor, da sie weder für Gramows Rache notwendig erschienen noch die Geschichte vorangebracht haben.

Kiefer Sutherland und Jon Cassar hätten aus der verworrenen Story vielleicht eine spannende Staffel [„24“ 3118 gestalten können, aber diese wäre auch getragen gewesen von einem überragenden Kiefer Sutherland, für den alleine man immer wieder einschalten würde. Doch Remes hat leider keine Helden wie Cassar, die auch einen völlig überkonstruierten Plot retten und über hanebüchene Wendungen hinwegtrösten können.

_Klingelingeling_

Am Ende war ich doch etwas enttäuscht von Ilkka Remes‘ neuestem Thriller, der meines Erachtens inhaltlich völlig überfrachtet war, sodass man schnell im Personen- und Handlungsgewirr unterzugehen droht. Zu viele Figuren treten auf den Plan, als dass Remes Zeit gehabt hätte, sie alle entsprechend zu würdigen, aber auch viele Szenen kamen mir so überflüssig vor, dass ich mir wünschte, Remes hätte sich mehr auf das Wesentliche konzentriert. „Blutglocke“ ist sicherlich kein absoluter Fehlgriff gewesen, die Geschichte hatte durchaus ihren Reiz und entwickelte eine gewisse Spannung, aber Remes hat viel Potenzial verspielt, das dieser Virenthriller mit politischem Hintergrund in sich hat. Ich hatte den Eindruck, dass Remes zu viel wollte und jede seiner (Schnaps-)Ideen Einzug in das Buch gefunden hat. Der Killer hätte sicherlich nicht einen Privatjet mit Sauna fliegen müssen, Vahtera hätte auch nicht unbedingt den Clarice-Starling-Touch benötigt und auch das ziemlich überzogene Ende war vielleicht doch etwas zu viel des Guten.

Insgesamt ist „Blutglocke“ eher etwas für Leser, die sich gerne durch einen Wust an Handlungssträngen kämpfen und bereit sind, sich mindestens zwei Dutzend fremdländische Namen zu merken, auch wenn die Personen keine wirklich tragende Rolle spielen. So bleibt zu hoffen, dass Ilkka Remes mit diesem Buch seine Durststrecke überwunden hat und mit dem nächsten Thriller wieder mehr zu überzeugen weiß.

|Siehe ergänzend dazu auch:|

[„Ewige Nacht“ 2039
[„Das Hiroshima-Tor“ 2619

http://www.ilkka-remes.de/
http://www.dtv.de

Gruber, Andreas / Hornung, Kathrin / Jordan, Michael / Schubarsky, Susanne / u. a. – Tod aus der Teekiste, Der … und 30 andere abgedrehte Geschichten

_Autoren:_

Christoph Aistleitner
Dirk-Uwe Becker
Katharina Bendixen
Verena Blecher
Philipp Bobrowski
Nadine Boos
Carsten Burfeind
Stefan Fischer
Annegret Glock
Claudia Göpel
Anne Grießer
Andreas Gruber
Katja Hille
Kathrin Hornung
Bernhard Horwatitsch
Katharina Joanowitsch
Michael Jordan
Marc Lehmann
Barbara Lehner
Monique Lhoir
Regina Lindemann
Sabine Ludwigs
Karl-Heinz Manier
Eva Markert
Sascha Mrowka
Stephanie Pappon
Hendrik Peeters
Moni Schreckenberg
Susanne Schubarsky
Andrea Tillmanns
Marc Wiswede

Eine zum Leben erwachte Jesus-Figur, eine Badematte als Haustier, eine Teekiste voller skurriler Monster, die ins Rampenlicht streben, und ein kleiner Junge namens Dennis, der Hunde besonders gerne mag. Fantasievoll, aber auch mal bodenständig, spannend und witzig sind die Geschichten dieser außergewöhnlichen Anthologie.

„Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen“, so heißt es auf dem Klappentext des Buches, und jedes Wort entspricht der Wahrheit! Die zum Teil recht kurz gehaltenen Beiträge sind wahrlich einzigartig auf dem deutschen Buchmarkt. Um so schöner, dass sich ein Verlag gefunden hat, diese Werke zu sammeln und ein Buch damit zu füllen, das jedem Literaturbegeisterten wärmstens empfohlen sei.

Der Krimifreund kommt hier ebenso auf seine Kosten wie der Liebhaber düsterer Horror-Geschichten oder der Leser humoristischer Episoden. Die Palette der Autoren reicht von noch unbekannten Namen bis hin zu berühmteren Schriftstellern des deutschen Buchmarktes, wie beispielsweise Andreas Gruber oder Susanne Schubarsky, welche neben diversen Krimis auch die Kolumne „Die Angst des Autors“ im |Schreiblust|-Print-Literaturmagazin verfasst.

Die Aufmachung ist dem Verlag wieder perfekt gelungen, und neben der bekannt hochwertigen Papierqualität erwartet den Leser eine sehr kunstvolle und passende Grafik von Michael Henke als Titelbild. Das Einzige, was das Gesamtbild abrunden würde und leider fehlt, sind diverse Illustrationen zu den Geschichten, welche das Tüpfelchen auf dem i darstellen würden. Doch auch ohne diesen Bonus ist das Buch sein Geld wert und ein ideales Geschenk für alle Liebhaber ungewöhnlicher literarischer Experimente.

_Fazit:_ Herrlich abgedrehte Kurzgeschichten mit viel schwarzem Humor und originellen Ideen.

http://www.schreib-lust.de

_Florian Hilleberg_

Hill, Susan – Des Abends eisige Stille

Vor zwei Jahren erschien mit [„Der Menschen dunkles Sehnen“ 1698 der erste Krimi von Susan Hill rund um ihren Ermittler Simon Serrailler. Nun legt die Britin mit „Des Abends eisige Stille“ den Nachfolgeband vor.

Simon Serrailler versucht in Venedig auf andere Gedanken zu kommen und mit dem Tod seiner Kollegin Freya Graffam klarzukommen, als ihn ein Anruf aus seiner Heimat erreicht: Seine schwerstbehinderte Schwester Martha liegt auf der Intensivstation und ringt mit dem Tod. Kaum ist Simon zurück in seinem Heimatstädtchen Lafferton, lastet neben den privaten Problemen auch schnell wieder beruflicher Druck auf dem Polizeichef.

Der 9-jährige David Angus wartet am frühen Morgen vor dem Haus seiner Eltern darauf, zur Schule abgeholt zu werden, als er zuletzt gesehen wird. In der Schule kommt er nie an, niemand hat den Jungen gesehen, niemand weiß, wo er sein könnte. Die Polizei findet keinerlei Anhaltspunkte. Es gibt weder Zeugen noch Spuren. Vieles spricht dafür, dass der Junge das zufällige Opfer eines Kindesentführers geworden ist.

Simon und seine Truppe versuchen alle Hebel in Bewegung zu setzen, aber die Spur ist längst kalt. Derweil droht Davids Familie an diesem Schicksalsschlag zu zerbrechen, und da auch die Ermittlungen kaum Neues ergeben, kann auch Simon das Leid der Familie nicht verringern.

Und auch privat geht es weiterhin turbulent zu. Nachdem seine behinderte Schwester sich kurzzeitig wieder erholt hat, stirbt sie völlig unerwartet. An Simon nagen Zweifel: Ist sie wirklich eines ganz natürlichen Todes gestorben? Oder hat vielleicht jemand nachgeholfen? Oder geht sein kriminalistisches Denken schon mit ihm durch? Zu allem Überfluss taucht dann noch eine Frau aus Simons Vergangenheit auf, die ihn bedrängt …

Susan Hill baut ihren Roman ganz gemächlich auf. Sie lässt sich Zeit, ihre Figuren in die Handlung einzuführen, lässt den Leser in aller Ruhe beobachten, bevor es mit der eigentlichen Krimihandlung überhaupt erst losgeht. Das mag bei anderen Autoren problematisch sein, weil der Leser mit Nebensächlichkeiten gelangweilt wird, im Fall von Susan Hill sieht das etwas anders aus.

Ihre Stärke liegt ganz eindeutig in der Figurenzeichnung. Sie schafft lebendige Protagonisten, bei denen es schon Freude bereitet, einfach nur zuzusehen, wie sie durch ihren Alltag gehen. Man schließt sie schnell ins Herz und fühlt sich ihnen auf gewisse Art ganz nah.

Das gilt insbesondere für Simon und die Familie seiner Schwester Cat. Cat und ihr Ehemann Chris sind Ärzte. Cat selbst pausiert derweil, weil sie kurz vor der Geburt des dritten Kindes steht, dafür hängt Chris sich umso aufopferungsvoller in den Job. Das Haus von Cat und Chris ist für Simon stets eine wichtige Zufluchtsstätte. Hier findet er Halt und Geborgenheit und kann sich über alles mit seiner Schwester aussprechen.

Auch Simon ist eine sympathische Hauptfigur, wenngleich er ein etwas ungewöhnlicher Polizeichef ist. Simons Leidenschaft ist das Zeichnen, und er bereitet sich auf eine neue Ausstellung vor. Das erscheint doch als ein eher untypisches Hobby für einen Polizisten. Simon ist ein verschlossener Mensch, der kaum jemanden hinter seine Fassade schauen lässt. Er lässt kaum jemanden an seinen Gefühlen teilhaben und versucht auf seine ganz eigene Art, den zurückliegenden Tod von Freya Graffam und den Todesfall seiner Schwester Martha zu verdauen.

Der Roman spielt besonders im Spannungsfeld zwischen Simons privaten Problemen und dem beruflichen Druck, der sich rund um die Entführung von David Angus aufbaut. Hier sind es besonders auch das Schicksal der Familie Angus und die Auswirkungen des Ereignisses auf das allgemeine Leben in Lafferton, die Hill besonders eindringlich schildert. Das Grauen des Ereignisses wird für den Leser greifbar, und durch ihren einfühlsamen Erzählstil rückt sie den Leser ganz nah an das Geschehen heran.

So entwickelt sich „Des Abends eisige Stille“ von Anfang an anders als herkömmliche Krimis. Wer einen typischen englischen Krimi erwartet, der könnte etwas enttäuscht werden, denn die typische Krimispannung ist bei Hill eher eine Randerscheinung. Das soll nicht heißen, dass „Des Abends eisige Stille“ spannungsarme Kost wäre, aber sie spielt auf einer gänzlich anderen Ebene als die durchschnittliche Krimispannung. Hier sind es vor allem die Figuren, die in den Bann ziehen und den Leser fesseln, bei denen er unbedingt erfahren will, wie es mit ihnen weitergeht.

Das trifft auch auf den Nebenplot zu, in dem der frisch entlassene Ex-Häftling Andy Gunton versucht, wieder im normalen Leben in Lafferton Fuß zu fassen, während die Polizei nach den Entführern von David Angus sucht. Hill versteht es einfach, ihre Figuren interessant zu gestalten, so dass sie fast im Alleingang die Spannung des Romans tragen.

Und so verwundert es auch nicht, dass es am Ende eben auch der Krimiplot ist, der für eine Prise Unzufriedenheit beim Leser sorgt. Ungewöhnlich für einen Krimi ist, dass die Geschichte sehr offen endet. Hill findet nicht so recht den passenden Schlusspunkt, und so wird der Leser wohl warten müssen, bis der nächste Roman um Simon Serrailler erscheint, um zu erfahren, wie die Geschichte wirklich ausgeht.

Hills Romane sind miteinander verknüpft. In „Des Abends eisige Stille“ nimmt sie immer wieder Bezug auf die Geschehnisse in [„Der Menschen dunkles Sehnen“, 1698 weshalb die Lektüre in der richtigen Reihenfolge ratsam ist, wenn man sich nicht die Spannung madig machen will.

Insgesamt hinterlässt „Des Abends eisige Stille“ sowohl positive als auch zwiespältige Gefühle. Hill kann vor allem mit ihrer Figurenskizzierung punkten, die das Buch zu einer intensiven und kurzweiligen Lektüre macht. Der Krimiplot bleibt dagegen etwas zu offen und vage. Er hängt seltsam in der Schwebe und lässt den Leser mit einem leicht unzufriedenen Gefühl zurück. Ansonsten machen Susan Hills erzählerische Qualitäten in jedem Fall Lust auf die Fortsetzung, die hoffentlich nicht zu lange auf sich warten lässt, damit sich das jetzige Gefühl der Unzufriedenheit möglichst bald klären kann.

http://www.knaur.de

Schröter, Andreas (Hg.) / Erwin, Birgit / Gruber, Andreas / Meierkord, Ulf / u. a. – Madrigal für einen Mörder

_Autoren:_

Ellen Balsewitsch-Oldach
Mischa Burrows
Elli Dammermann
Wolfgang M. Epple
Birgit Erwin
Christiane Geldmacher
Iris Grädler
Andreas Gruber
Fran Henz
Franziska Kelly
Holger Kutschmann
Monique Lhoir
Sabine Ludwigs
Eva Markert
Ulf Meierkord
Annemarie Nikolaus
Stefan Preuss
Susanne Schubarsky
Saza Schröder
Christine Spindler
Kai Splittgerber
Jutta Strzalka
Rainer Wedler
Patricia Vohwinkel
Barbara Willich
Maria Zocchetti

Wieder sind es 26 Autoren, die sich für den |Schreiblust|-Verlag die Mühe machten, originelle Geschichten zu entwerfen. Dieses Mal für das zeitlose Genre der Krimi-Geschichte. Herausgekommen sind 26 Storys, zusammengefasst in einem Buch, welches jedem Krimi-Fan wärmstens empfohlen sei. Vom mörderischen Stressabbau über die Entledigung unliebsamer Nachbarn oder kleiner Geschwister bis hin zu knallharten Verschwörungstheorien und humorvollen Anekdoten reicht das Repertoire dieser Anthologie.

Eingeleitet wird der mörderische Reigen durch ein Vorwort des Herausgebers und Verlegers Andreas Schröter, bevor die Autoren selbst zu Wort kommen. Den Lesern der anderen Publikationen des Verlages dürfte die Liste der Autoren nicht allzu fremd vorkommen, und wer die Beiträge der |Schreiblust|-Print-Ausgaben ebenso genossen hat wie die Storys aus dem Band „Der Tod aus der Teekiste“, dem sind die Namen Susanne Schubarsky, Eva Markert, Monique Lhoir und Andreas Gruber nicht nur ein Begriff, sondern ein Garant für kurzweilige, anspruchsvolle Unterhaltung.

„Krimis müssen nicht grundsätzlich damit beginnen, dass der Kommissar zum Tatort gerufen wird.“ So heißt es auf dem Klappentext des Buches. In Wirklichkeit spielen Polizisten in den wenigsten Storys eine tragende Rolle, bilden vielmehr eine notwendige Staffage. Hier kommen sowohl Opfer als auch Täter zu Wort und geben Einblick in faszinierende und gleichzeitig auch teuflische Verbrechen. Jede einzelne Geschichte ist ein literarischer Leckerbissen und hervorragend für den kleinen Krimi-Genuss zwischendurch geeignet.

Das Format ist leider etwas unhandlicher als die anderen Bücher des Verlags, aber das Titelbild von Frank Hoese ist wieder einmal ausgezeichnet gelungen. Ein kleiner Hinweis für alle Hobbyköche: Das Rezept zu der „Pizza d’amore“ aus der gleichnamigen Geschichte von Franziska Kelly schmeckt wirklich hervorragend und ist nur zu empfehlen.

_Fazit:_ Die Autoren dieses Buches haben bewiesen, dass die Krimi-Literatur noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Eine rundum gelungene Anthologie mit 26 Volltreffern.

http://www.schreib-lust.de/

_Florian Hilleberg_

Compton, Jodi – Kälter als der Tod

Detective Sarah Pribek war bereits in Jodi Comptons Debüt „Sechsunddreißig Stunden“ die Hauptperson und hatte mit der zwielichtigen Vergangenheit ihres Ehemanns zu kämpfen. Im Nachfolger „Kälter als der Tod“ macht ihr ihre eigene Vergangenheit zu schaffen.

In „Sechsunddreißig Stunden“ wurde Royce Stewart, der die kleine Tochter von Sarahs Partnerin vergewaltigt und umgebracht hatte, getötet und niemand weiß, dass dies durch Sarahs Partnerin geschah. Offiziell ruhen die Ermittlungen, weil es keinen Verdächtigen gibt, doch eines Tages taucht der karrieregeile Anwalt Gray Diaz in Minneapolis auf. Er möchte Sarah den Mord anhängen, verhört sie dazu und konfisziert ihr Auto. Sarah hält sich an die Version der Tat, die sie mit ihrer verzogenen Partnerin besprochen hat, doch Gray ist gut in seinem Job und spürt Beweise auf, von denen die junge Detective nichts gewusst hat …

Gleichzeitig kommt die siebzehnjährige Marlinchen Hennessy, Tochter eines bekannten Schriftstellers, in Sarahs Büro und möchte ihren Zwillingsbruder Aidan als vermisst melden. Aidan lebte bei einem Freund der Familie in Georgia und ist dort seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen worden. Als Sarah nachfragt, wieso Marlinchen ihren Bruder jetzt erst meldet und was mit ihrem verwitweten Vater ist, stößt sie auf Ablehnung. Je länger sie sich mit der Familie Hennessy beschäftigt, umso deutlicher wird, dass sich in dem niedlichen Landhaus ein düsteres Geheimnis verbirgt …

Gleichzeitig wird sie von ihrem Chef auf eine Undercoverermittlung angesetzt, denn seit der Sache mit Royce Stewart wurde sie zum Mädchen für alles degradiert und darf nur noch die undankbaren Jobs übernehmen. Sie soll einen Mann suchen, der in einer Sozialwohnung als Arzt praktiziert, aber keine Approbation hat. Unter dem Vorwand einer Erkältung begibt sie sich bei Cisco, wie sich der Pseudoarzt nennt, in Behandlung, doch ihre Ermittlungen laufen aus dem Ruder. Sie schafft es nicht, den emotionalen Abstand zu halten, der für ihren Beruf angebracht wäre …

Das Buch beginnt mit einem nicht sonderlich interessant gestalteten Rückblick auf die Handlung von Jodi Comptons Debüt und schließt daran eine nichtstringente Handlung an, in deren Mittelpunkt Sarah steht. Sie ist diejenige, die die losen Handlungsenden, die in der Inhaltsangabe ersichtlich wurden, mittels des dichten Erzählstils zusammenhält.

Es sind weniger Mord und Totschlag, die „Kälter als der Tod“ zu Ruhm verhelfen, als vielmehr die zahlreichen zwischenmenschlichen „Fälle“, welche die Autorin in ihre Geschichte einwebt. Obwohl an sich wenig Spannung im eigentlichen Sinne dabei aufkommt, schafft sie es, den Leser mit Sarahs Ich-Perspektive zu fesseln.

Sarah ist zwar kein besonders origineller Charakter, aber im Laufe des Buches zeigt sich, dass sie auch nicht ganz ohne ist. Compton stellt sie sehr anschaulich dar, erzählt viel aus ihrem Privatleben und aus ihrer Vergangenheit. Diese Begebenheiten sind zumeist mehrere Seiten lang, aber trotzdem gerafft. Sie sorgen dafür, dass man Sarah besser versteht und kennen lernt, und sie lenken keineswegs von der Haupthandlung ab.

Gestützt wird die Protagonistin von einem sauberen, sehr persönlichen Schreibstil, der sich vor allem durch seine Tiefe hervortut. Compton erschafft keinen neuen Stil, sondern sie benutzt eine nüchterne, bodenständige Sprache mit wenigen rhetorischen Mitteln. Sie arrangiert diese so geschickt, dass sie den Leser einwickelt und ihn zwingt, das Buch zu Ende zu lesen. Sarah Pribek wächst dem Leser einfach so ans Herz, dass es ihm schwerfällt, den Roman aus der Hand zu legen.

Mit dieser fatalen Sogwirkung, einer sehr gut ausgearbeiteten Protagonistin und einer Handlung, die nicht wirklich spannend, aber faszinierend entwickelt ist, hat Jodi Compton ein Buch geschaffen, das weniger ein waschechter Krimi als vielmehr ein richtig schön erzählter Roman ist.

|Originaltitel: Sympathy between Humans
Originalverlag: Bantam Dell
Aus dem Amerikanischen von Sabine Lohmann
Taschenbuch, 416 Seiten
2005 erschienen als Bertelsmann-Club-Ausgabe unter dem Titel „In der Angst meines Herzens“ unter Lizenz des Heyne-Verlags|
http://www.heyne.de

Max Allan Collins – Gangsterbräute 1934

collins heller02 gangster 1934 cover kleinDas geschieht:

Chicago im Sommer des Jahres 1934: Die USA befinden sich weiterhin im Würgegriff der Weltwirtschaftskrise. Auch die Geschäfte von Nate Heller, einem ehemaligen Polizeibeamten, der sich vor einiger Zeit als Privatdetektiv selbstständig gemacht hat, gehen schlecht. Deshalb übernimmt er gern den an sich reizlosen Auftrag, eine des Ehebruchs verdächtige junge Frau zu beschatten – und gerät erneut in eine faule Sache, der das FBI und Chicagos korrupte Polizei ebenso einschließt wie Frank Nitti, der in der Nachfolge Al Capones über das organisierte Verbrechen der Stadt herrscht.

Der Mann, mit dem besagte Dame ihren Gatten tatsächlich betrügt, könnte John Dillinger sein, ein berüchtigter Bankräuber, der sehr erfolgreich der Polizei und dem FBI nicht nur mehrfach entkam, sondern manches saure Schnippchen geschlagen hat. J. Edgar Hoover, Chef des FBI, hat deshalb die Parole ausgegeben: Stellt Dillinger – und legt ihn um! Der „Staatsfeind Nr. 1“ ist damit zum Abschuss freigegeben. Heller will sich an dieser Treibjagd nicht beteiligen, obwohl ihn Nitti, dem er im Vorjahr das Leben gerettet hat, wissen lässt, dass auch er ein gewaltsames Ende Dillingers forciert; der Gangster lässt das Gesetz nervös und übereifrig agieren und stört dadurch Nittis Geschäfte, die keine öffentliche Aufmerksamkeit vertragen. Max Allan Collins – Gangsterbräute 1934 weiterlesen

Millar, Peter – Eiserne Mauer

Was wäre, wenn … die Sowjets 1945 ihren Siegeszug nicht in Berlin abgebrochen, sondern ihn gen West- und Südwesteuropa fortgesetzt hätten? Nicht einmal der Kanal hielt sie auf; der Süden Englands wurde besetzt und 1949 als „Englische Demokratische Republik“ in einen Satellitenstaat der UdSSR verwandelt. 1989 ist London weiterhin eine geteilte Stadt. Der „Antikapitalistische Schutzwall“ trennt den sozialistischen Süden vom kapitalistischen Norden, wo die Gesetze der Demokratie und der freien Marktwirtschaft gelten. In der EDR herrscht dagegen das Elend kommunistischer Planwirtschaft. Groß ist deshalb die Zahl der unzufriedenen „Genossen“, die über den Wall in den Norden flüchten, obwohl sie bei befürchten müssen, dabei den allgegenwärtigen Schergen des „Department of State Security“ (DoSS) – dem Amt für Staatssicherheit – in die Hände zu fallen, das mit Gestapo-Methoden nach „Dissidenten“ fahndet, die dabei spurlos zu verschwinden pflegen, ohne dass jemand nachzufragen wagt.

Harry Stark, Detective Inspector bei der Metropolitan People’s Police, ist ein kleines Rädchen im Getriebe. Normalerweise verfolgt er Straßenräuber, Schläger und andere kleine Fische. Nun fand man unter Blackfriars Bridge hängend die Leiche eines durch den Kopf geschossenen Mannes, dem sämtliche Papiere fehlen. Stark, ein kritischer aber linientreuer Bürger seines Landes, übernimmt den Fall. Sorge bereitet ihm dabei das auffällige Interesse, das DoSS-Colonel Charles Marchmain diesem Fall entgegenbringt; die Aufmerksamkeit des „Großen Bruders“ versucht auch er tunlichst zu vermeiden.

Seine kleine Welt bricht zusammen, als ihn heimlich ein Journalist aus den USA kontaktiert und den Toten als „inoffiziellen Botschafter“ identifiziert, der durchaus mit Billigung des Kremls Stimmung gegen die englische Regierung machen sollte. In Moskau ist eine jüngere Generation an die Macht gekommen, die angesichts des maroden Systems zu einer Lockerung der sozialistischen Zwangsherrschaft bereit ist. Die EDR verweigert allerdings die Gefolgschaft. Auch Stark würde seinen „Gast“ normalerweise festnehmen, aber dieser enthüllt ihm, dass der Vater, angeblich als Held für sein Land gestorben, tatsächlich als „Staatsfeind“ hingerichtet wurde. Für Stark bricht eine Welt zusammen. Nun will er mit denen reden, die angeblich die Wahrheit kennen, doch er weiß nicht, dass Marchmain ihn bespitzeln lässt, um über ihn endlich an den „Englischen Widerstand“ heranzukommen …

Manchmal ist die Geschichte hinter einem Roman wesentlich interessanter als die Geschichte selbst. „Eiserne Mauer“ ist ein Werk, dessen englischsprachiges Original bisher nur übersetzt und in Deutschland veröffentlicht wurde. In England selbst scheint bisher niemand interessiert zu sein. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. „Eiserne Mauer“ basiert auf einem Plot, der objektiv betrachtet zwar nicht neu, aber dennoch reizvoll ist. Die Rekonstruktion einer „alternativen“ Geschichte auf der Basis historischer Fakten ist ein bekanntes literarisches Genre, dem sich viele Schriftsteller und natürlich Historiker gewidmet haben. „Was wäre geschehen, wenn …“ ist eine Frage, die sich auch der Laie durchaus stellt. Wie sähe Deutschland im 21. Jahrhundert aus, hätte es keinen Hitler gegeben? Oder wäre er 1945 nicht zur Hölle gefahren? Die Variationsbreite entsprechender Spekulationen ist enorm. Entsprechend einfallsreich fallen viele „alternative“ Geschichten aus.

Diese allerdings nicht. Es liegt weniger an der Grundidee, die von einem Europafeldzug der Sowjets Anno 1945 ausgeht. Entsprechende Planspiele gab es im Westen wie im Osten tatsächlich, aber in der Realität haben sich die Sowjets an die Vereinbarungen mit ihren Alliierten gehalten. Der „Eiserne Vorhang“ ging deshalb später in Mitteleuropa nieder und zerschnitt nicht England, sondern Deutschland.

Die spezielle/n Geschichte/n der Bundesrepublik und der DDR dürfte/n der Grund für die deutsche Originalausgabe von „Eiserne Mauer“ sein. In England haben angesprochene Verlage womöglich deshalb abgelehnt, weil Millar gar zu dreist von der Historie abkupferte: Der Verfasser geht von der Prämisse aus, dass die Geschichte des geteilten England bis ins Detail der Geschichte der beiden Deutschland entspricht. Reduziert man „Eiserne Mauer“ auf seine „historischen Fakten“, gewinnt man den Eindruck, Millar habe einfach das Wort „Deutschland“ gegen „England“ ausgetauscht.

Millar findet für die alternative Welt von 1989 keine eigenen Einfälle. EDR („Englische Demokratische Republik“) = DDR (gegründet beide 1949), London/Westminster = Berlin-Ost/Berlin-West, Admirality Arch = Brandenburger Tor, Hardness = Honnecker, DoSS = Stasi/KGB (und Gestapo – für die in England stets publikumswirksame und meist platte Beschwörung der Nazis ist sich auch Millar keineswegs zu fein) – solche „Parallelen“ wirken nicht gerade überzeugend. Von einer echten „Alternativwelt“ mag man kaum reden. „Löwenherz“ Winston Churchill durfte freilich nicht kläglich wie Hitler in seinem vom Feind eingekreisten Bunker enden, sondern durfte jenem schmählichen Komplott zum Opfer fallen, mit dem Millar das weder spektakuläre noch spannende Finale einläutet, dem zu allem Überfluss eine schauerlich missglückte, ironisch und aufmunternd gemeinte Schlusspointe angeklebt wird.

Schade, denn die eigentliche Story vom wackeren Polizisten, der mit einem Fall konfrontiert wird, der nicht nur spannend ist, sondern ihn auch mit der verdrängten Realität eines Unrechtsstaates konfrontiert, lässt sich zunächst gut an. Die sozialistische Tristesse wird vor allem in Klischee dargestellt, doch ihre Inszenierung vor den Kulissen einer Metropole wie London, die ganz und gar nicht in ein sowjetsozialistisches System einpassbar erscheint, ist gelungen. Leider gerät besagter Polizist bald in die Mühlen der SoSS, dann munkeln diverse Geheimbünde in Londons tunnelreicher Unterwelt, und die Geschichte mündet in eine Verfolgungsjagd mit den üblichen vordergründigen Spannungselementen.

Angesichts der bisher (leise) beklagten Flatline des Plots wundert es kaum, dass die Figuren arg geduckt daherkommen. Das liegt nach Millar zum einen an der Diktatur der EDR, in der die Bürger anscheinend stets mit gesenkten Köpfen herumlaufen. Die Hauruck-Dramaturgie von „Eiserne Mauer“ lässt Harry Stark – der Name ist Programm, einprägsam und außerdem filmtauglich – zunächst als linientreuen aber ehrsamen Kommunisten auftreten. Das ist eine wichtige Dopplung, denn es unterscheidet Stark von den nur Linientreuen – unterwürfige Spitzel, grobe Apparatschiks oder teuflisch schlaue, skrupellose Machtmenschen – und den nur Ehrsamen, die stets die Freiheit im Munde führen, dem betonköpfigen Gegner mutig die Stirn bieten und einen schlimmen, aber zur Erschütterung (oder zum Wecken) der Leser notwendigen Tod sterben müssen.

Stark ist dagegen klug, Teil des Systems und dort so gut angesehen, wie das in einem krankhaft misstrauischen Kommunistenstaat möglich ist, wo jede/r jede/n bespitzelt und dem (So)SS Bericht erstattet. Gleichzeitig weiß er nur zu gut, dass viel faul ist in der EDR und dafür nicht die bösen Kapitalistenteufel des Auslands verantwortlich zu machen sind, sondern die eigene Regierung bzw. das besagte System, das einfach nicht funktioniert. 36 Jahre war Stark ein vorbildlicher Bürger. Dann kam Peter Millar ins Spiel, und eine geheimnisvolle Leiche und ein dem Inspector völlig unbekannter Amerikaner reichen aus, um Stark in einen (ziemlich tölpelhaften) Dissidenten zu verwandeln, der seine Odyssee durch eine operettenhafte Unterwelt standhafter Systemkritiker antritt.

Auftritt Colonel Marchmain, der stets tadellos gekleidet Spione jagt. Das Bemerkenswerte an dieser Figur soll offensichtlich aus dem Widerspruch erwachsen, dass dieser Marchmain, den der Verfasser als typischen Fuchs des englischen Geheimdienstes zeichnet, ein Musterkommunist ist, der völlig von sich und seinem Tun überzeugt ist. Anders als Stark kennt Marchmain kein Hinterfragen des Systems. Er gibt nicht einmal vor sich selbst zu, dass dies vor allem deshalb so ist, weil er in seiner Position den planwirtschaftlichen Engpässen enthoben ist und zu denen gehört, die Anweisungen geben, statt sie zu befolgen. Millar lässt für Marchmain nicht den Hauch von Selbstzweifeln zu, was diese Figur in eine Bösewicht-Knallcharge verwandelt, die auch Himmlers SS angehören könnte.

Chargen gibt es viele hinter der „Eisernen Mauer“. Da ist zum Beispiel Kathy, Starks rebellische Schwester, die den unzufriedenen Teenager mimen muss und einfach nicht die Klappe halten will, wie es der besorgte große Bruder rät. Selbstverständlich gerät sie deshalb in Gefahr, was eine völlig überflüssige, weil furchtbar platt aufgelöste Nebenhandlung in Gang setzt. Der „Englische Widerstand“ beschäftigt sich primär mit sich selbst und scheint sich in der Rolle im antiken Rom verfolgten Christen zu sehen; sie verbergen sich im englischen Gegenstück zu den Katakomben, schwärmen durch aufgelassen U-Bahn-Schächte und tagen in uralten Unterwelt-Bunkern. Ihr „Plan“, der die Betonköpfe in der Regierung zum Einschwenken auf Moskaus Tauwetter-Kurs bringen soll, ist von bemerkenswerter Blödheit, was sogar der böse Marchmain merkt, der sie deshalb einfach gewähren lässt.

Viel Aufwand (den Verfasser Millar in einem Nachwort schildert) also, der im Ergebnis nur bedingt zum Tragen kommt. Die banale Alltäglichkeit eines Überwachungsstaates, die viel furchterregender ist als die hier entworfene Scharade, kann und will Millar nicht in Worte fassen. Dazu passt das „offene“ Ende, dem sich eine Fortsetzung problemlos anhängen ließe; wollen wir hoffen, dass uns diese erspart bleibt.

Peter Millar gehört zur Gruppe jener Journalisten, die eines Tages beschließen, die Früchte ihres aufregenden Berufsalltags zu ernten bzw. in blanke Münze zu verwandeln. Wer zu den Brennpunkten der Weltgeschichte reist, ist doch wohl prädestiniert, ein spannendes und glaubhaftes Garn zu spinnen! Millar ist im Auftrag der |Sunday Times| oder des |Evening Standard| durchaus herumgekommen: Berlin, Moskau, Paris, Brüssel listet die Kurzvita des |Bastei|-Verlags als Wirkungsstätten auf. Auch in Osteuropa ist er journalistisch aktiv gewesen. 1992 fasste er seine Erlebnisse während des Mauerfalls in einem Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Tomorrow belongs to me: Life in Germany revealed as Soap Opera“ zusammen.

Im Spionagemilieu ließ Millar 2000 auch seinen ersten Thriller spielen. „Stealing Thunder“ (dt. „Gottes Feuer“, |Bastei-Lübbe|-Taschenbuch Nr. 15175) erzählt die übliche Holterdipolter-Hetzjagd zu Wasser, zu Lande und in der Luft, während ein historisch brisantes Rätsel – hier im Umfeld der ersten Atombombe – gelöst werden muss. 2001 folgte der vom Plot ähnlich strukturierte „Bleak Midwinter“ (dt. [„Schwarzer Winter“, 722 |Bastei-Lübbe|-Taschenbuch Nr. 14972); das Buch gehört zweifellos zu den schlechtesten Thrillern, die in diesem Jahrhundert erschienen sind – ein Spitzenplatz, den es noch lange halten dürfte.

Mit seiner Familie lebt Millar in London sowie Oxfordshire. Dort ist er – übrigens ein geborener Nordire – auch aufgewachsen. Sein schriftstellerischer Erfolg scheint sich in Grenzen zu halten – in deutschen Grenzen, wo seine (freundlich ausgedrückt) ökonomisch geplotteten Romane besser anzukommen scheinen als daheim.

http://www.bastei-luebbe.de

Villatoro, Marcos M. – Furia

Der |Knaur|-Verlag veröffentlichte im Frühjahr 2006 den Thriller [„Minos“ 2626 des amerikanischen Autors Marcos M. Villatoro und begeisterte damit die deutschen Leser. Diesen Sommer legt der Verlag nach. Allerdings ist das Buch, das in Deutschland unter dem Titel „Furia“ erscheint, nicht wie erwartet ein Folgeroman, sondern der direkte Vorgänger zu „Minos“. Als Originalausgabe erschien „Furia“ bereits vor „Minos“, was sicherlich auch in Deutschland strategisch geschickter gewesen wäre, da viele Handlungsstränge, die in „Minos“ vorkommen, hier ihren Anfang nehmen.

Romilia Chacón, die achtundzwanzigjährige Latina und alleinerziehende Mutter, ist gerade mit ihrer Mamá und ihrem Sohn nach Nashville gezogen. Bereits zu ihrem Antritt beim Mordkommissariat wird sie mit einem Toten konfrontiert. Der Journalist Diego Saénz wird erschossen aufgefunden. Der Täter lässt es so aussehen, als ob sich Saénz in selbstmörderischer Absicht das Gehirn weggeschossen hätte, doch Romilia lässt sich nicht täuschen.

Als sie am Tatort eine grüne Jadepyramide findet, wird ihr klar, dass die Sache, der sie auf der Spur ist, vielleicht ein bisschen zu groß für sie ist.
Denn die Jadepyramide war das Kennzeichen des Serienmörders Benny Bitan, den Romilias Kollege Jerry Wilson gerade dingfest gemacht hat. Was hat der tote Journalist zu bedeuten? Ist der wahre Serienmörder noch auf freiem Fuß oder hat Bitan etwa einen Nachahmer gefunden?

Im Mittelpunkt des Thrillers steht die Ich-Erzählerin Romilia Chacón, die man getrost als starke Frauenfigur bezeichnen kann. Dank ihrer Herkunft hat sie ein entsprechendes Temperament und macht sich mit ihrer Hitzköpfigkeit und ihrer Durchsetzungsfreude nicht nur Freunde in ihrem Arbeitsumfeld.

Obwohl sie dort den taffen Cop gibt, hat sie auch eine weiche Seite, die sich offenbart, wenn sie mit ihrem dreijährigen Sohn und ihrer konservativen Mutter zusammen ist. Villatoro lässt sehr viel von Romilias Privatleben in die Geschichte einfließen, wodurch die Persönlichkeit der jungen Frau sehr gut ausgelotet wird. Da sie als direkte Erzählerin fungiert, ist sie dem Leser sehr nahe und es fällt leicht, sie zu verstehen. Die geringe Distanz wird dem Roman an einigen Stellen allerdings zum Verhängnis, denn dadurch wird es schwer, Romilia auch einmal von außen zu betrachten.

Entsprechend eng verknüpft mit Romilia ist der persönliche, interessant gestaltete Schreibstil. Er zeichnet sich neben der Verwendung vieler spanischer Begriffe, die teilweise übersetzt werden oder erschlossen werden können, vor allem durch den scharfzüngigen Humor der Protagonistin aus. Ihre frechen, manchmal schlüpfrigen Bemerkungen, die sich oft auf den Machismo bei der Polizei beziehen, lockern das Buch unheimlich auf.

Trotzdem fällt auf, dass „Furia“ bei weitem nicht so solide und flüssig geschrieben ist wie „Minos“. Das Potenzial von Villatoro lässt sich zwar erkennen, aber er verzettelt sich dabei, seine Protagonistin möglichst menschlich darzustellen. Deswegen schweift er manchmal zu unwichtigen Dingen wie Romilias Liebe zu Büchern ab, vergisst dabei aber, dass ein bisschen mehr Vergangenheit der jungen Frau auch geholfen hätte.

Insgesamt ist „Furia“ einfacher gestrickt und weniger vielschichtig als „Minos“ – nicht nur in Bezug auf Schreibstil und Protagonistin. Die Handlung kann ebenfalls nicht völlig überzeugen, weil sie eindimensional abgebildet wird. Es gibt wenig Höhepunkte und einige logische Ungenauigkeiten sorgen dafür, dass die Spannungskurve recht flach verläuft. Das Ende verspricht zwar eine echte Überraschung, aber die ist ein wenig zu konventionell umgesetzt worden. Der große Showdown präsentiert sich deshalb als heimeliges Tischfeuerwerk, das nicht so ganz zünden möchte.

Es bleibt also festzuhalten, dass „Furia“ ein bisschen wie die Generalprobe von „Minos“ wirkt. Das Buch ist recht einfach gehalten, was sich negativ auf die Spannung niederschlägt, und dem Schreibstil fehlt der letzte Schliff. Romilias Persönlichkeit steckt ebenfalls noch in den Kinderschuhen, aber ihr unschlagbarer Humor und ihre ungewöhnliche Art stimmen den Leser versöhnlich.

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Vlugt, Simone van der – Schattenschwester

Mit ihrem Roman [„Klassentreffen“ 3850 stürmt die niederländische Autorin Simone van der Vlugt zurzeit die Bestsellerlisten, doch auch ihr zweiter Thriller „Schattenschwester“ steht dem in Spannung und Dramatik nichts nach …

Marjolein arbeitet als Lehrerin an einer Gesamtschule und ist mit ihrem Job überglücklich, jedenfalls bis zu dem Tag, an dem ihr Problemschüler Bilal sie mit einem Messer bedroht und Marjolein in Angst aus dem Klassenzimmer flüchtet. Dieser Tag ist es, der ihr restliches Leben (das nicht mehr allzu lange andauern wird) verändern wird.

Von ihrem Schuldirektor Jan van Osnabrugge bekommt Marjolein wenig Unterstützung, da die Schülerzahlen konstant zurückgehen und Jan fürchtet, dass noch mehr Lehrer entlassen werden müssen, wenn die Schule nun auch noch für negative Schlagzeilen sorgt. Aber auch Marjoleins Mann Raoul zeigt wenig Verständnis, denn Marjolein verfügt über genügend Geld, um ihren Job aufgeben zu können, Raoul kann also nicht verstehen, wieso sie ihr Leben aufs Spiel setzt, zumal die beiden eine 6-jährige Tochter haben.

Einzig zu ihrer Zwillingsschwester Marlieke kann sich Marjolein jederzeit flüchten, um sich bei ihr auszuweinen und um Rat zu fragen. Marlieke und Marjolein sehen sich zwar unglaublich ähnlich, doch vom Typ her könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Marlieke ist die ruhige und zurückhaltende Schwester, die sich gerne in bequeme Sachen und Armeehosen kleidet, während Marjolein offensiv auf die Menschen zugeht und mit ihren Reizen nicht geizt. Doch mit ihrer forschen Art macht sie sich offensichtlich auch Feinde, denn nach dem Vorfall mit Bilal ist es noch nicht getan: Kurz darauf wird Marjoleins Auto zerkratzt und mit dem Schriftzug „Hure“ verschandelt, aber auch eine Morddrohung lässt nicht lange auf sich warten. Während Marjolein immer verzweifelter wird, traut sie sich immer noch nicht, die Vorfälle zur Anzeige zu bringen, da sie Angst davor hat, Bilal dadurch erst recht gegen sich aufzubringen.

Simone van der Vlugts Geschichte teilt sich in zwei Handlungsstränge auf; der eine ist aus Marjoleins Sicht erzählt und handelt von den Bedrohungen, die Marjolein zu ertragen hat. Und während sie wenig Verständnis erhält und sich zudem Sorgen um die Treue ihres Ehemannes machen muss, ahnt sie nicht, dass sie bald ermordet werden wird. Der zweite Handlungsfaden schildert die Ereignisse nach Marjoleins Mord aus Sicht ihrer Zwillingsschwester.

Diese beiden Handlungsebenen führt Simone van der Vlugt parallel weiter. Während Marjoleins Panik also immer mehr zunimmt und sie beginnt, Gespenster zu sehen, ist Marlieke in Trauer um ihre ermordete Schwester und begibt sich auf Spurensuche, um den Mörder auf eigene Faust dingfest zu machen. Der Leser weiß dabei allerdings noch nicht, wie weit die Ereignisse um Marlieke in der Zukunft liegen und wie viel Zeit Marjolein also noch bleibt. Durch den ständigen Wechsel der Perspektive und der Zeit baut die Autorin unglaublich viel Spannung auf, die uns an das Buch fesselt, bis wir es schließlich spätabends oder auch mitten in der Nacht schließlich durchgelesen haben und wissen, was mit Marjolein geschehen ist.

Besonders die Handlungsebene, die aus Marliekes Sicht geschildert ist und in welcher der Leser schon weiß, dass Marjolein sich einen Todfeind gemacht haben muss, birgt viel Spannung. Hier lernen wir Marjolein aus einer ganz anderen Perspektive kennen, denn obwohl sie uns in ihren eigenen Passagen sehr sympathisch erscheint, müssen wir hier erkennen, dass sie nicht die freundliche und perfekte Frau ist, die sie gerne sein möchte. Selbst ihre Zwillingsschwester Marlieke ertappt sich dabei, dass sie sich ohne ihre einnehmende Schwester viel freier fühlen kann. Hinzu kommt ihre heimliche Liebe zu Raoul, die sie bislang immer verbergen musste, damit niemand merkt, dass sie sich in den Mann ihrer eigenen Schwester verliebt hat.

In diesen Passagen lernen wir auch Marliekes beste Freunde kennen, nämlich Sylvie und Thomas, die Marlieke eine große Stütze sind in ihrer Trauer. Thomas ist unsterblich verliebt in Marlieke und weiß doch, dass sie nicht das Gleiche für ihn empfindet. Allerdings ahnt er noch nicht, dass er einen Nebenbuhler hat, mit dem er es einfach nicht aufnehmen kann. So erscheint es uns ganz selbstverständlich, als Sylvie und Thomas schließlich ein Paar werden, denn die schöne Sylvie ist schon lange hinter Thomas her.

Doch obwohl Marlieke selbst nicht mehr sein möchte als Thomas‘ gute Freundin, wird sie plötzlich eifersüchtig und fühlt sich ausgeschlossen, als ihre beiden Freunde sich näher kommen. Ablenkung sucht Marlieke in ihrer Arbeit als Fotografin und in der Suche nach dem Mörder ihrer Schwester. Sie kann es immer noch nicht glauben, dass Bilal unschuldig sein soll, auch wenn die Polizei sein Alibi überprüft und ihn wieder frei gelassen hat. Als sie sich jedoch alleine auf die Suche nach Bilal macht, begibt sie sich in große Gefahr.

Die Charakterzeichnung ist Simone van der Vlugt über weite Strecken sehr gut gelungen. Wir lernen die handelnden Figuren immer besser kennen und erfahren dabei ganz nebenbei, dass es neben Bilal doch noch Menschen gegeben hat, die Marjolein nach dem Leben hätten trachten können. Auch Raoul hat etwas zu verbergen; eine gute Freundin von Marjolein hat ihn nämlich mit einer schönen Frau gesehen, als er sich eigentlich mit einem Kunden treffen wollte, um ein wichtiges Geschäft abzuschließen. Aber Marjolein selbst wird nie mehr erfahren, ob ihr Mann sie wirklich betrogen hat.

Kleine Abzüge in der B-Note fängt sich die Autorin in der Zeichnung von Marjoleins Charakter ein, denn diese Hauptfigur können wir nicht ganz durchdringen. Manchmal handelt sie so irrational, dass man sie gerne schütteln und auf den Boden der Tatsachen zurückbringen möchte. In vielen Situationen drängt sie sich so weit in den Vordergrund, dass kaum noch schlüssig begründet werden kann, warum sie bislang so viele Freunde und einen liebenden Ehemann gehabt haben kann.

Was der Autorin allerdings wieder erstklassig gelingt, ist der Aufbau ihres Spannungsbogens. Zunächst beginnt ihr Roman noch relativ harmlos; zwar wird Marjolein an der Schule mit einem Messer bedroht und ängstigt sich fortan vor ihren eigenen Schülern, doch erst als die Perspektive zu Marlieke wechselt und wir uns auf Marjoleins Begräbnis wiederfinden, nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf. Zusammen mit Marlieke möchten wir unbedingt herausfinden, was Marjolein wirklich geschehen ist; allerdings ahnt der Leser natürlich von Beginn an, dass nicht Bilal hinter der Tat steckt, denn diese Auflösung wäre einfach zu simpel.

Ausgesprochen geschickt flicht Simone van der Vlugt immer neue Verdachtsmomente in ihre Geschichte ein, sodass wir am Ende gar nicht mehr wissen, wen wir eigentlich verdächtigen sollen. Wie schon in ihrem Bestseller „Klassentreffen“ gehen die Verdächtigungen hin und her, und am Ende überrascht uns die Autorin schließlich doch mit einer Auflösung, die man nicht erwartet hat. Im Gegensatz zu ihrem durchweg überzeugenden Thriller „Klassentreffen“ schafft es Simone van der Vlugt aber nicht, ihre Auflösung so stimmig zu gestalten, dass man ihr Buch vollends befriedigt zuschlagen könnte. Am Ende war ich doch ein wenig enttäuscht, auch wenn ich zugeben muss, dass ich den wahren Täter nicht im Visier hatte. Doch das Tatmotiv erscheint mir persönlich etwas zu weit hergeholt.

Die Romanhandlung ist in über sechzig kurze Kapitel unterteilt, sodass man kaum Luft holen kann und die Schreibe entsprechend knackig ist. „Klassentreffen“ war zwar nicht minder spannend, doch hat sich Simone van der Vlugt dort mehr Zeit genommen, um Atmosphäre aufzubauen und die Situation besser auszugestalten, um den Leser richtig mitzureißen. Etwas eintönig erschien mir der Schreibstil der Autorin; viele Sätze beginnen mit „es“ und wirken dadurch lieblos aufs Papier geworfen. Möglicherweise liegt das auch an der Übersetzung, das kann ich nicht beurteilen, ein schriftstellerisches Highlight ist „Schattenschwester“ aber sicherlich nicht.

Doch unter dem Strich ist auch „Schattenschwester“ ein sehr spannender und gut konstruierter Psychothriller, der ein unglaubliches Tempo anschlägt und seine Leser geschickt an der Nase herumführt. Nur Kleinigkeiten sind es, die den Gesamteindruck trüben. So hat Simone van der Vlugt in mir eine neue Stammleserin gefunden, die schon jetzt dem nächsten Thriller von ihr entgegenfiebert.

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Roslund, Anders / Hellström, Börge – Bestie, Die

_Trailer:_

Ein psychopathischer Kindermörder, der aus dem Gefängnis flieht. Und wieder mordet.
Ein Vater, der den Mörder seiner Tochter aufspürt und erschießt.
Eine Stadt, die Beifall klatscht für diese Tat.
Ein Richter im Konflikt.
Ein Urteil mit schrecklichen Folgen.

_Die Autoren:_

Anders Roslund, geb. 1961, ist ein anerkannter Fernsehjournalist und preisgekrönter Dokumentarfilmer. Er leitet die „Culture News“ auf Kanal 1 des schwedischen Fernsehens.

Börge Hellström, geb. 1957, ein ehemaliger Strafgefangener, ist freier Autor und Berater in mehreren schwedischen Fernsehsendungen zum Thema Drogenabhängige und Jugendliche im Strafvollzug.

_Rezension:_

Schon lange war ich nicht mehr so ambivalent in der Bewertung eines Buches wie bei „Die Bestie“. Vorweg: Die Thematik des Buches ist wichtig, da Kindesmissbrauch und damit verbundene Tötung endlich kein Tabuthema mehr sind. Daher hätte dieser „Thriller“ auch ein bedeutsames Buch werden können. |Hätte|, denn leider ist er das in diesem Sinne doch nicht. Dabei ist er im Ansatz nicht schlecht.

Es geht um Menschen, ihre Neigungen und Abneigungen, ihre Werte und Abgründe, ihre Obsessionen – und ihr gesellschaftliches Miteinander (oder Gegeneinander?). Allen voran steht Bernt Lund, ein Psychopath, der zwei Kinder ermordet und geschändet hat und dem es gelingt, aus dem Gefängnis zu entfliehen.

Damit beginnt für Kommissar Ewert Grens und seinen Mitarbeiter Sven Sundkvist ein Wettlauf mit der Zeit, denn Lund ist eine tickende Zeitbombe und vergewaltigt und tötet wieder ein kleines Mädchen. Frederik Stefansson, Schriftsteller und Vater des ermordeten Kindes, macht sich auf die Suche nach dem Mörder seiner Tochter und erschießt ihn. Damit löst er eine Lawine aus, die das ganze Land in Unruhe versetzt und das Thema „Lynchjustiz“ und seine Folgen greifbar werden lässt, aber auch unser aller Menschlichkeit mit ihren Facetten – die durch teilweise recht derbe Verbalitäten unterstrichen wird, die aber für mich die Aussagen unterstreichen, dass wir alle unsere dunklen Seiten in uns tragen. Da sind Lennart Oscarsson, der ein Doppelleben führt und bisexuell lebt und liebt, eine Richterin im Gewissenskonflikt und vorurteilsbehaftete Menschen, die den „Fall“ als Entschuldigung für ihre eigenen Taten beklatschen und heranziehen.

Dennoch kommt der Roman streckenweise nicht so recht in Schwung. Der Handlungsbogen ist stellenweise sehr zähfließend und Spannung kommt erst zum Schluss auf, und auch dort nicht vollends. Der Thrill ist eher subtil. Auch das Gesellschaftsbild wird mit zunehmender „Handlung“ eher eindimensional und lässt den Leser unbefriedigt zurück. Schade um das Thema, das eine sorgfältigere Herangehensweise verdient hätte.

An Bücher, die eine Auszeichnung erhalten haben – so wie dieses den renommierten skandinavischen Krimipreis „Glasnyckeln“ -, legt man automatisch andere Maßstäbe als an andere. Diesen wird „Die Bestie“ nicht gerecht. Denn genau von dieser – sprich: Lund – erfährt man viel zu wenig. Es fehlt das Täterprofil; dieses wird – wie bei den anderen Charakteren – nur an der Oberfläche gestreift und geht nicht in die Tiefe. Dabei sind die Ansätze – hier der eigene Missbrauch des Täters als Kind – nicht sinnlos, sie werden nur nicht konsequent weitergeführt. Umso bedauerlicher, und da wiederhole ich mich gerne, weil das Buch ein wichtiges Thema behandeln will.

Kommen wir zu einem weiteren Punkt. Auch wenn ich minimalistische Stile liebe, so bin ich auch, was den Stil der beiden Autoren angeht, zwiegespalten. Nun bleibt bei einer Übersetzung natürlich – ohne den Vergleich mit dem Originaltext ziehen zu können – die Möglichkeit, dass es zu stilistischen Änderungen kommen kann. So ist das eventuell auch in diesem Fall. Leider ist auch das Lektorat, das aus- und angleichend hätte eingreifen müssen, alles andere als zufriedenstellend.

So bleibt als Fazit ein Krimi, der ein wichtiges Thema behandeln will, diesem aber nicht völlig gerecht wird und auch nicht unbedingt vor Spannung strotzt.

http://www.fischerverlage.de/

Lemieux, Jean – Gesetz der Insel, Das

Im Herbst des Jahres 2001 möchte André Surprenant, Sergent-Détective der Polizei auf Cap-aux-Meules, einer der Madeleine-Inseln vor der Ostküste der kanadischen Provinz Quebec, endlich mit seiner Gattin den längst überfälligen Urlaub antreten. In letzter Sekunde verhindert dies ein Anruf von Roméo Richard, dem reichen Krabbenfischer und Bürgermeister des Nachbarorts Havre-aux-Maisons, der seine Tochter Rosalie vermisst. Die lebenslustige, dem Trunk, dem Hasch und den Männern ein wenig zu sehr zugetane 19-Jährige wurde zuletzt in der Inselkneipe „Caverne“ gesehen. Auf Cap-aux-Meules gibt es keine schweren Verbrechen, so dass Surprenant die Suche ohne Hilfe „vom Festland“ aufnimmt; auf der Insel regelt man die Dinge gern unter sich.

Dann wird Rosalie gefunden – geschändet, erwürgt und mit gebrochenem Genick hat sie ihr Mörder zurückgelassen, den nackten Körper „verziert“ mit Muschelschalen. Das Bundeskriminalamt setzt dem Sergent-Détective einen „Spezialisten“ vor die Nase. Denis Gingras ist ebenso berühmt für seine Erfolge als Ermittler wie berüchtigt für seine Arroganz. Auf Cap-aux-Meules lässt er Surprenant und dessen Beamte spüren, dass er sie für inkompetent hält. Als er den geistig verwirrten Damien Lapierre aufstöbert, der vor Jahren für einen Mädchenmord verurteilt wurde, hält er den Fall für gelöst. Dass Lapierre hartnäckig leugnet und die Indizien getürkt wirken, ignoriert Gingras.

Surprenant kennt „seine“ Insel und ihre Bewohner. Er spürt, dass Lapierre nicht der Mörder ist. Vom argwöhnischen Gingras hart gedeckelt, beginnt Sergent mit eigenen Nachforschungen. Er stößt hinter den Kulissen der scheinbar verschlafenen Gemeinde auf ein kriminelles Wespennest. Das organisierte Verbrechen nistet sich auf den Madeleine-Inseln ein. Schmuggel und Rauschgifthandel werden im großen Stil betrieben. Schon früher sind andere Mitglieder der Familie Richard auf verdächtige Weise gestorben. Rosalie hatte deshalb private Nachforschungen angestellt und ist dabei womöglich zu unvorsichtig gewesen. Die wahre Geschichte überrascht und erschüttert Surprenant dann allerdings doch bis ins Mark, zumal er sich in der Gewalt des Mörders befindet, als er sie endlich erfährt …

Der immer noch anhaltende Erfolg des Kriminalromans führt in Deutschland dazu, dass auch Werke aus bisher kaum oder gar nicht bekannten Regionen den Weg in die hiesigen Buchläden finden. Neben Skandinavien, Afrika oder Asien gehört auch Kanada zu diesen „Entwicklungsländern“. Das riesige Land auf dem nordamerikanischen Kontinent bietet eine fabelhafte Kulisse für Krimis. Es gibt quasi menschenleere, von der Zivilisation unberührte Wälder und Tundren, aber auch moderne Großstädte mit ihren typisch urbanen Verbrechen.

Längst ist Kanada für das organisierte Verbrechen kein weißer Fleck auf der Karte mehr. Das erstaunt nicht, wenn es um Städte wie Vancouver, Montréal oder Toronto geht. Doch auch das scheinbar idyllische Hinterland blieb keinesfalls ausgespart. Auf den Madeleine-Inseln vermutet der ahnungslose Tourist eventuell Wilddiebe, Schwarzbrenner oder Schmuggler. Aber das 21. Jahrhundert bzw. das längst globalisierte Verbrechen hat selbst hier fest Fuß gefasst: Nachdem die Fischer die örtlichen Bestände an Fischen und Krabben vernichtet haben, gehen sie dazu über, ihre Schiffe als Transporter für die Rauschgiftmafia einzusetzen, die auf hoher See ihren „Stoff“ wassert, der dann geborgen und an Land transportiert wird.

Auch sonst wird mit harten Bandagen gekämpft. Von Gemeinschaftsgeist ist wenig zu spüren in Cap-aux-Meules oder Havre-aux-Maisons. Die Einheimischen kapseln sich gegen die „Fremden“ ab, ohne deren Geld sie noch wesentlich schlechter dastünden. Die alte Ordnung ist dahin, „Das Gesetz der Insel“ kein Instrument für die Verbrechen der Gegenwart mehr. Dass eine menschliche Tragödie für Rosalies Verantwortung ist, ändert daran auch nichts. Selbst wenn sich die Insulaner schließlich wieder in Sicherheit wiegen, weiß André Surprenant es besser.

„Das Gesetz der Insel“ erzählt sowohl von einem Kriminalfall als auch vom grundsätzlichen Konflikt zwischen zwei Polizisten, die unterschiedliche Auffassungen von ihrem Beruf haben. Sergent-Détective Surprenant ist der altmodische Ermittler, der auf seinen Bauch ebenso hört wie auf seinen Kopf. Er kennt die Inseln und ihre Bewohner und ist – obwohl Polizist – in ihre Gemeinschaft integriert. Auf einer Insel müssen die Menschen miteinander auskommen. Da braucht es einen Polizisten mit Fingerspitzengefühl. Ermittler zu sein, ist für Surprenant ebenso Beruf wie Berufung. Er nimmt zu viel Anteil am Geschehen, projiziert unwillkürlich seine Tochter an die Stelle von Rosalie und wird von dem leicht naiven Willen getrieben, das Böse von den Inseln zu vertreiben.

Denis Gingras übernimmt die Rolle des „Auswärtigen“. Er ist ein Polizist der Großstadt, der sich der Möglichkeiten moderner Hightech ebenso selbstverständlich bedient, wie er sich auf seine Erfahrungen mit „richtigen“ Verbrechen verlässt, von deren Verfolgung man auf den nach seiner Ansicht „rückständigen“ Madeleine-Inseln keine Ahnung hat. Gingras hat kein Gespür für die ungeschriebenen Gesetze einer abgeschlossenen Inselgemeinde. Er ignoriert diese oder hält sie für altmodische Relikte einer vergessenen Vergangenheit. Für ihn zählen nur harte Fakten, die er jedoch nicht hinterfragt oder interpretiert. Hingegen weiß Surprenant, dass auf den Madeleines Alt und Neu nebeneinander existieren und die Dinge längst nicht immer so sind, wie es scheinen.

Gingras vermag sich nicht vorzustellen, dass er auf einen Kriminellen treffen könnte, der „klüger“ ist als er. Das macht ihn voreingenommen und blind – aber nicht blöd: Der Polizist des 21. Jahrhunderts ist stets auch auf seinen Ruf bedacht. Deshalb kontrolliert Gingras den auf eigenen Spuren wandelnden Surprenant vorsichtshalber scharf, damit ihn dieser nicht mit Indizien konfrontiert, die seine (vor den Medien vertretenen) Theorien als falsch entlarven.

Genretypisch steht dieser Surprenant natürlich nicht nur dienstlich unter Druck, sondern schlägt sich auch mit privaten Problemen herum. Mit seiner langjährigen Ehe steht es nicht zum Besten; der Sergent flüchtet sich in die Arbeit, um sich den Konsequenzen zu entziehen. Gleichzeitig hat er ein Auge auf eine attraktive Kollegin geworfen. Surprenant steckt in einer Midlife-Crisis, die ihn deprimiert die Gegenwart mit den hochfliegenden Plänen seiner Vergangenheit vergleichen lässt.

Charaktere wie dieser sind zahlreich auf den Madeleines – vom Leben niedergeschlagen, beruflich oder privat gescheitert, erfüllt vom nagenden Gefühl, etwas verpasst zu haben auf ihrer schönen Insel, die Autor Limeaux wie ein Gefängnis darzustellen weiß. Jeder Mann, jede Frau, mit der es Surprenant im Verlauf seiner Ermittlungen zu tun bekommt, hütet hinter einer oft glänzenden Fassade diverse Skelette im Schrank, die freilich nicht immer mit dem eigentlichen Kriminalfall zu tun haben: „Das Geheimnis der Insel“ ist kein auf den „Whodunit“-Plot fixierter Krimi, sondern beschreibt den Einbruch des Bösen in eine Welt, deren Darstellung dem Verfasser genauso wichtig ist wie der „Fall“. Dem Puristen mag das Ergebnis weder Fleisch noch Fisch sein, aber diejenigen, die um das literarische Potenzial des Genres „Kriminalroman“ wissen und seine Grenzen weiter stecken, wird „Das Geheimnis der Insel“ als nie sensationelles aber angenehmes Lektüreerlebnis im Gedächtnis haften.

Jean Lemieux wurde am 21. Januar 1954 in Iberville geboren. Er ist als Schriftsteller mit französisch-kanadischer Stimme bekannt geworden, arbeitet jedoch hauptberuflich als Mediziner. Zwischen 1980 und 1982 führte er eine Praxis auf den Madeleine-Inseln vor den ostkanadischen Küste. Ab 1983 kam er auf mehreren ausgedehnten Reisen nach Kalifornien, Australien, Asien und Europa, bevor er auf die Inseln zurückkehrte und verstärkt als Schriftsteller aktiv wurde. Seit 1994 lebt und arbeitet Lemieux – weiterhin auch als Arzt – in Québec.

http://www.droemer-knaur.de

Silva, Daniel – Engländer, Der

Daniel Silva, ehemaliger |CNN|-Journalist, erfreut die Leserwelt schon seit einiger Weile mit seinen Thrillern. In „Der Engländer“ steht erneut Gabriel Allon, Mitglied des israelischen Geheimdienstes und nebenberuflicher Restaurator, im Vordergrund.

Gabriel, der nach dem Bombenattentat auf Ehefrau und Kind zurückgezogen in Cornwall lebt, wird zur Restauration eines Bildes in die Villa eines Schweizer Bankiers und Kunstsammlers bestellt. Es ist klar, dass sein Auftrag mehr beinhaltet als das Bild. Auguste Rolfe hatte sich an den israelischen Geheimdienst gewandt, um diesem etwas anzuvertrauen.

Doch als Gabriel die Villa erreicht, liegt der Hausherr erschossen in seinem Salon. Die Schweizer Polizei versucht Gabriel den Mord anzuhängen, doch die Ermittlungen werden eingestellt. Gabriel entdeckt, dass einige sehr wertvolle Gemälde aus Rolfes Kunstsammlung gestohlen wurden – und dass einige dieser Bilder eine schmutzige Nazivergangenheit zeigen. Irgendjemand scheint verhindern zu wollen, dass diese Vergangenheit ans Tageslicht gerät, und schreckt auch nicht davor zurück, über Leichen zu gehen.

Anna Rolfe, die Tochter des Toten und eine weltberühmte Geigerin, gerät in tödliche Gefahr, als Gabriel sie nach den Geschäften ihres Vaters befragt. Gabriel tut alles, um sie zu beschützen, aber der Feind scheint überall zu lauern und hat es nicht nur auf Anna abgesehen …

Silva hat mit „Der Engländer“ einen überwältigenden Thriller geschrieben. Alles wird von der vielschichtigen, genial verwobenen Konstruktion des Buches getragen, die von hinten bis vorne durchdacht zu sein scheint. Dabei liefern die politischen und geheimdienstlichen Verstrickungen von vornherein einen guten Nährboden für einen spannenden Plot.

Silva nutzt dies aus, um mit einigen handwerklichen Tricks noch mehr Spannung ins Spiel zu bringen. Abrupt endende Kapitel oder handlungsrelevante, herausgeschnittene Stücke entwickeln eine unausweichliche Sogwirkung. Die Personen, die distanziert und rätselhaft dargestellt werden, scheinen alle in etwas verwickelt zu sein, so dass Silva viele verschiedene, wenn auch kurze Erzählstränge zur Verfügung stehen, die er einflechten kann.

Die Personen stellen einen weiteren, nicht zu verachtenden Spannungsfaktor dar. Zum einen sind sie, wie schon erwähnt, so dargestellt, dass sie in sich bereits einen „kleinen Thriller“ ergeben, soll heißen, dass ihre Vergangenheit und ihre Geheimnisse nur tröpfchenweise in die Geschichte einsickern. Man möchte folglich unbedingt wissen, was denn nun wirklich hinter Gabriel oder dem mysteriösen Auftragskiller steckt, den alle nur „Engländer“ nennen. Der Leser spürt ganz genau, dass beinahe alle Charaktere Dreck am Stecken haben, aber Silva hält sich damit zurück, zu viele Informationen freizugeben.

Dadurch entsteht natürlich ein sehr distanzierter Eindruck von den Personen, was in diesem Fall aber nicht negativ ins Gewicht fällt. Zum einen passt die Verschlossenheit sehr gut zu Handlung und Erzählstil und zum anderen gibt sie Silva die Möglichkeit für interessante Brüche innerhalb der Geschichte. Diese entstehen, wenn er den sonst so gefühlskalt wirkenden Protagonisten plötzlich echte Emotionen unterjubelt. Meist sind das kurze Momente der Schwäche, die man so nicht erwartet. Diese kleinen Überraschungen sorgen dafür, dass das Buch an Tiefe gewinnt und dadurch noch vielschichtiger wird, als es ohnehin schon ist.

Der Schreibstil verbindet den sorgsam konstruierten Plot und die gelungenen Charaktere mit einer nüchternen, klaren Sprache. Der Autor benutzt weder blumige Rhetorik noch trödelt er mit nutzlosen Informationen herum. Er kommt auf den Punkt, auch wenn die eine oder andere Beschreibung im Buch etwas zu genau geworden ist. Bei Landschaften oder Ortsbeschreibungen sind seine detaillierten Erklärungen definitiv ein Pluspunkt, aber dass er bei jeder Autofahrt erwähnen muss, in welchen Gang der Fahrende gerade schaltet, ist unnötig.

Das ist dann aber auch der einzige Kritikpunkt, den „Der Engländer“ zulässt. Ab und an sind die Beschreibungen des ansonsten passend kühlen Schreibstils etwas zu minutiös. Ansonsten versteht sich Daniel Silva darauf, in „Der Engländer“ einen ausgesprochen vielschichtigen und spannenden Plot zu konstruieren und entsprechend darzustellen, der dem Leser den Atem raubt.

http://www.piper-verlag.de

|Siehe ergänzend dazu Dr. Maike Keuntjes [Rezension 1930 zu „Die Loge“.|

Ani, Friedrich – Wer lebt, stirbt

Friedrich Ani gehört zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern und ist vor allem mit seiner Krimi-Reihe um den raubeinigen Kommissar Tabor Süden, für die er viele Preise eingeheimst hat, bekannt geworden. Da die Reihe auf zehn Bände angelegt war, muss nun ein neuer Kommissar her.

Der trägt den Namen Jonas Vogel und gibt bei „Wer lebt, stirbt“ aus der Reihe „Der Seher“ sein Debüt. Der Reihentitel „Der Seher“ kommt von Vogels Spitznamen, den er bereits auf der Polizeischule erhalten hat. Dort verblüffte er mit seinem hervorragenden Orientierungssinn und seiner Fähigkeit, die Emotionen in Stimmen herauszuhören.

Eines schönen Frühlingstages wird in einer Münchner Wohnung ein toter Wachmann aufgefunden. Falk Sieger wurde erstochen, und bereits am Anfang seiner Ermittlungen muss Jonas Vogel feststellen, dass der Fall nicht so eindimensional ist wie gedacht. Siegers Kollege Jens Schulte steht von Anfang als Verdächtiger fest, nachdem die Freundin des Ermordeten ausgesagt hat, dass Schulte, mit dem sie ebenfalls ein Verhältnis hatte, einen Privatdetektiv angeheuert hatte, um Sieger zu erledigen. Der Privatdetektiv selbst leugnet, den Wachmann umgebracht zu haben, und auch Schulte behauptet, dass diese Behauptung eine Lüge ist.

Gleichzeitig stellt sich heraus, dass der Hilmar Opitz, der Rechtsanwalt von Jens Schulte, in einen weiteren Kriminalfall verwickelt ist. Seine Sekretärin und Geliebte ist verschwunden und eine Lösegeldforderung ist bereits eingegangen. Vogel glaubt, dass es eine Verbindung zwischen den beiden Morden geben muss, doch bevor er dieser Spur weiter nachgehen kann, geschieht ein folgenschwerer Unfall, der ihn für sein Leben zeichnet …

Normalerweise steht der Name Ani für Qualität, doch mit „Wer lebt, der stirbt“ verlangt der Münchner Autor dem Leser einiges zu viel ab. Das zentrale Problem ist der Aufbau des Buches, der die gesamte Geschichte beeinflusst. Auf den ersten Seiten hält man die kurzen, szenenhaften Kurzkapitel noch für einen geschickten Schachzug. Sie sind sehr karg und bestehen nur aus dem Notwendigsten, sprich ein paar trockenen Beschreibungen der Situation und des Schauplatzes und den Dialogen. Dadurch entsteht ein rasantes Tempo, das den Kriminalfall angenehm nach vorne treibt.

Doch schnell wird klar, dass dieser Erzählstil ein entscheidendes Manko hat: Es fehlen verbindende und reflektierende Passagen zwischen den Kapiteln und Ereignissen. Dadurch verliert der Leser schnell den Überblick und die Geschichte rast an ihm vorbei wie ein ICE. Bei diesem halsbrecherischen Tempo und fehlenden Pausen bleibt es am Leser hängen, Zusammenhänge aus den Dialogen der Kommissare herzustellen. An und für sich ist nichts Verkehrtes daran, seine Leser fördern zu wollen, aber wenn der Plot aus voreiligen und unlogischen Schlüsse, einem nur schwerlich nachvollziehbaren Ermittlungsweg und einer haarsträubenden Auflösung besteht, wird der Leser höchstens überfordert und bleibt mit einem fragenden Gesichtsausdruck zurück.

Dieser Aufbau hat weitere Komplikationen im Schlepptau. Durch den kargen Aufbau ist von Anis hochwertigem Schreibstil nur wenig zu spüren. Dabei schimmert an einigen Stellen das Talent, das er in schon so viel Romanen bewiesen hat, durch. Der Autor wählt seine Worte sicher und treffend, konstruiert durchdachte Satzbauten und lässt erkennen, wozu er fähig ist, wenn er nicht nur auf Dialoge setzt. Das soll nicht heißen, dass die Dialoge nicht gut wären. Sie sind sehr authentisch und wirken ungekünstelt, aber gute Dialoge machen einen flüssigen Erzählstil nun mal nicht aus. Ein Ani liest sich normalerweise interessant und dicht, doch in „Wer lebt, stirbt“ stolpern die Protagonisten durch die Dialoge, und die kurzen Abschnitte machen ungestörtes Lesen so gut wie unmöglich. Die Protagonisten sind zwar mit Persönlichkeit und originellen Charakterzügen ausgestattet, aber ihnen bleibt nicht viel Platz, um sich zu entfalten. Sie bleiben dem Leser verschlossen, da Ani ihren Gedanken und Gefühlen zumeist wenig Platz einräumt, und wenn, dann an der falschen Stelle.

Während sich die Geschichte am Anfang auf die Lösung des verworrenen Falls konzentriert, gibt es ungefähr in der Mitte einen starken Bruch. Als Vogels Unfall passiert, rücken plötzlich er und seine Familie in den Vordergrund. Seitenlang wird davon erzählt, wie die Vogels mit den Unfallfolgen umgehen, und genau das ist das Problem. Während es vorher Schlag auf Schlag ging und Gedanken und Gefühle nur wenig Platz erhielten, wird das Erzähltempo plötzlich beträchtlich heruntergeschraubt. Der Autor widmet sich nur noch den Gedanken und Gefühlen, die vorher außen vor blieben, und das funktioniert nicht ohne Längen. Außerdem passt dieser „Mittelteil“ nicht zum Rest des Buches und spaltet es.

„Wer lebt, stirbt“ ist ein merkwürdiges Buch. Anfangs wirkt es wie ein rasant erzählter Krimi, dann überholt es den Leser mit seinem Tempo, um ihn schließlich auszubremsen. Auch wenn der Schreibstil Anis Talent durchschimmern lässt, bleibt der Leser in diesem Fall mit einem faden Nachgeschmack zurück. Was soll er mit diesem Buch anfangen? Den skelettartigen Aufbau als Experiment eines Genies abtun? Oder so ehrlich sein und sagen, dass das Buch zerfasert und verwirrend ist? Die Antwort auf diese Frage muss wohl jeder mit sich selbst ausmachen, aber egal wie sie ausfällt: Es gibt Besseres von Herrn Ani.

http://www.dtv.de

|Siehe ergänzend dazu unsere Rezension zu:|
[„Wie Licht schmeckt“ 3563

Sara Paretsky – Feuereifer

Das geschieht:

Die South Side gehört zu jenen Vierteln der Stadt Chicago, in die sich der brave Mittelstandsbürger ungern verirrt. Armut, familiäre Gewalt, Massenarbeitslosigkeit und Kriminalität gehören zum Alltag der Bewohner, die vom Establishment als Verlierer und Faulpelze abgestempelt werden.

Eine, die es geschafft hat, der South Side zu entfliehen, ist Victoria Iphigenia Warshawski, die eine kleine Detektei besitzt und selten an die Vergangenheit denkt, bis diese sie eines Tages einholt: Eine Lehrerin ihrer alten Schule bittet sie, als Trainerin des weiblichen Basketball-Teams einzuspringen. Vic übernimmt sogar einen Fall ohne Bezahlung: Eine der unterbezahlten Arbeiterinnen der Hinterhoffirma „Fly the Flag“ berichtet von diversen Sabotageakten. Frank Zamar, der Eigentümer, leugnet dies freilich und fordert Vic auf, ihre Arbeit einzustellen; seine deutlich erkennbare Angst lässt die erfahrene Detektivin erkennen, dass hier etwas faul ist. Sara Paretsky – Feuereifer weiterlesen

Ronelli, Gian Carlo – Goweli – Der letzte Engel

Das Alter des Turiner Grabtuchs, bei dem es sich um das Leichentuch von Jesus Christus handeln soll, ist von Wissenschaftlern aus aller Welt noch immer nicht abschließend geklärt worden. Auf diesem Tuch ist recht deutlich das Abbild eines gefolterten Mannes zu erkennen. Manche interpretieren dieses „fotografische“ Bildnis als dasjenige des Erlösers, andere hingegen sind der Ansicht, es handle sich um eine fast perfekte Fälschung aus dem Mittelalter.

Die hier angewandte C-14-Methode sagte den Wissenschaftlern, dass dieses Tuch aus dem Mittelalter stammt. Kritiker dagegen meinen dazu, dass als Probe ein Stück Stoff entnommen wurde, das aus einem geflickten Teil stammt. Neueste Untersuchungen ergaben als Möglichkeit eine Datierung auf das erste Jahrhundert nach Christi Geburt. Für die Skeptiker ist dies ein Beweis für eine Fälschung, für gläubige Christen allerdings ist das Tuch noch immer eine Ikone. Millionen Gläubige verehren es als das echte Leichentuch Christi, als Zeugnis seiner Existenz, seines Leidens und seiner Auferstehung.

Der Glaube ist nur allzu oft das Ergebnis von Manipulation und Zweifel, in diesem Fall ist es dann die Sindonologie (Wissenschaft des Grabtuchs). Das Tuch wird zurzeit in der Cappella della Santa Sindone in Turin verwahrt und ausgestellt. Auf der Suche nach der womöglich letzten Spur von Jesus sind die Grenzen zwischen Glauben und Naturwissenschaft fließend geworden. An keinem vergleichbaren Gegenstand wurde in den letzten 100 Jahren so intensiv geforscht wie an dem Leinen mit dem Jesusbild.

Da es auf den Turiner Grabtuch Blutflecken gibt, wurden diese natürlich auch analysiert – aber was würde wohl passieren, wenn man das „heilige“ Blut nach einer DNS-Analyse bei einem Mordfall wiederfindet?

_Die Story_

In den USA schockiert eine brutale und geheimnisvolle Mordserie die Menschen. Der oder die Täter töten immer sechsjährige Mädchen, die scheinbar untereinander keine besondere Ähnlichkeit oder Beziehung haben. Der Mörder hinterlässt die getöteten Opfer immer in einer betenden Stellung.

Doch der Zufall kommt den Ermittlern zur Hilfe: Bei dem letzten Opfer werden Blut- und Hautspuren auf einem Kruzifix gefunden. Stammen diese vom Mörder? Die Probe wird analysiert und mit allen DNS-Daten verglichen, derer man in den Datenbanken habhaft wird.

Das Ergebnis ist spektakulär und mehr als nur mysteriös. Trotz mehrerer Vergleiche sagt die DNS-Probe aus, dass es sich bei dem mutmaßlichen Mörder um die Person handelt, die offensichtlich im Turiner Grabtuch ihre letzte Ruhe gefunden hat. Laut internationalen Untersuchungen verschiedener Wissenschaftler könnte das Turiner Grabtuch bekanntlich das Leichentuch von Jesus Christus sein. Aber wie ist das möglich? Ist Jesus Christus wiederauferstanden? Wie kann Gottes Sohn ein brutaler Serienmörder sein?

Die Behörden sind ratlos und suchen Rat und Hilfe bei Dr. Kramer, einem Professor für die Sindonologie (Grabtuchforschung) und Theologie, und Dr. Mercedes Brightman, einer Expertin der Genetik. Beide sind sich nicht fremd und bereits auf verschiedenen Kongressen und Seminaren begegnet, ihre Beziehung zueinander ist aber etwas schwierig. Unterstützt werden beiden Wissenschaftler von Mark Grimley, einem FBI-Agenten indianischer Abstammung. Mark Grimley wird immer dann zu solch mysteriösen Fällen beordert, wenn die polizeilichen Behörden mit ihren weltlichen und rationalen Ermittlungsmethoden nicht weiterkommen.

In Turin, in der Cappella della Santa Sindone, verändert sich plötzlich das Grabtuch und sondert eine merkwürdige Flüssigkeit ab: Es blutet. Als Dr. Mercy Brightman das Blut analysiert und konzentriert mit allen Mitteln untersucht, stellt sie fest, dass es sich verändert. Es findet eine aktive Zellteilung statt, und auch die einzelnen Bestandteile lassen den Schluss zu, dass es nach dem heutigen Stand der Technik keine Erklärung dafür gibt. Ein Wunder Gottes? Die wissenschaftlichen Ermittler und Mark Grimley sind verblüfft und verwirrt, und sehr schnell bemerken sie, dass auch andere Gruppen Interesse an den Ergebnissen haben bzw. diese „Zeugen“ beseitigen wollen.

Nach einem Mordanschlag auf Dr. Kramer und einem Entführungsversuch von Dr. Brightman sieht sich das Trio gefährdet und spürt jetzt dem Mörder und des Rätsels Lösung auf eigene Gefahr nach …

_Kritik_

„Goweli – Der letzte Engel“ ist der Debütroman des österreichischen Autors Gian Carlo Ronelli. In seinem Erstlingswerk spielt der Schriftsteller mit einer sehr interessanten Theorie und setzt diese glaubwürdig als SciFi-Thriller um. Die Genetik spielt zweifelsfrei eine große Rolle, aber kombiniert mit einem Raum-Zeit-Paradoxum bzw. mit Zeitreisetheorien liefert dieser Ansatz eine großartige Handlung.

Gian Carlo Ronelli hat sich viel Mühe mit dem Roman gegeben und sicherlich viel recherchiert; das Buch ist spannend, sehr unterhaltsam, manches Mal tiefgründig und überraschend wissenschaftlich fundiert, sieht man davon ab, wie weit der moderne Stand der Wissenschaft gediehen ist.

Dem Leser kommt es ab und an so vor, als würde ich mich in einer Folge der Reihe „Akte X“ wiederfinden. Aber inzwischen gibt es durchaus eine Menge anderer Ableger dieser mystischen Ausrichtung. Wissenschaft und Religion vermischt der Autor sehr spannend, ohne angenehmerweise in wilde Theorien von Verschwörungen und Geheimnissen der Kirche abzudriften.

Die Protagonisten der Geschichte entwickeln sich großartig zueinander. Die Beziehungen innerhalb des Trios sind nicht nur spannungsvoll, sondern gerade der oftmals bissige, zynische Humor wertet die Story nochmals auf. Die Bösewichter sind ebenfalls nicht unbedingt „böse“ – das wäre dem Autor zu simpel gewesen. Auch die Grundgeschichte schraubt sich kontinuierlich empor, und die Theorien des Autors werden nicht nur erzählt, sondern auch fundiert erklärt.

„Der letzte Engel“ verbindet Wissenschaft und Religion flüssig miteinander. Man wird sich jetzt sicherlich fragen können, was das Turiner Grabtuch mit Engeln zu tun hat, aber auch dieser Aspekt erklärt sich im Laufe der Handlung stimmig. Ich kann jedem nur aufs Wärmste empfehlen, sich nach der Romanlektüre der Recherche zum Turiner Grabtuch zu widmen. Sehr interessant und überaus mysteriös.

_Fazit_

Ich kann „Goweli – Der letzte Engel“ als gelungenen Debütroman ganz klar empfehlen. Einziger Kritikpunkt wäre, dass die Geschichte vielleicht manches Mal zu schnell erzählt wird, auch wenn das der faszinierenden Atmosphäre keinen Abbruch tut. Da es sich um einen Debütroman handelt, kann man auch Verständnis dafür aufbringen, dass die Figuren zwar gut charakterisiert sind, aber den gewünschten Hintergrund noch vermissen lassen.

Im Nachwort erklärt Gian Carlo Ronelli, dass er darüber nachdenkt, einen zweiten Roman zu verfassen, in dem wahrscheinlich auch die drei Hauptfiguren wieder vorkommen. „Goweli – Der letzte Engel“ allerdings ist eine in sich abgeschlossene Geschichte.

http://www.sieben-verlag.de/