Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Tom Bradby – Der Gott der Dunkelheit

Das geschieht:

Im Juni des Jahres 1942 stürmen die Truppen Hitler-Deutschlands an allen Fronten scheinbar unaufhaltsam vor. Unter dem Kommando Generals Rommel treiben die Nazis in Nordafrika die britischen Verteidiger vor sich her. Nur noch Stunden steht das Afrikakorps vor Kairo, der letzten Bastion. Die Briten sind demoralisiert an der Front und gefährdet in der Etappe. Vor einigen Monaten haben sie König Faruk von Ägypten abgesetzt und regieren das Land seither ganz unverhohlen als Kolonie. Die Ägypter haben das nicht vergessen. Separatisten und Terroristen blieben bisher erfolglos, doch Rommels Nahen lässt sie Oberwasser gewinnen. In den Straßen Kairos macht sich eine gefährliche Stimmung gegen die Briten und für Hitler breit.

In diesem Chaos versucht Major Joe Quinn, Chefermittler des Special Investigation Branch in der Kriminalabteilung der Royal Military Police, einen brutalen Mord aufzuklären. Im Garten seiner Dienstwohnung fand man die Leiche von Captain Rupert Smith, die Kehle durchschnitten, der Körper an einem Baum aufgeknüpft, auf der Brust die Figur von Seth, Gott der Finsternis und des Chaos, eingeritzt, darunter das Wort „Befreiung“. Dies weist auf die Täterschaft der „Arabischen Bruderschaft“ hin, einer besonders aktiven ägyptischen Befreiungsorganisation. Alarmierend ist weiterhin die Tatsache, dass Smith als hoher Offizier der Einheit Movement Control Kenntnis über Position und Kampfstärke jeder britischen Fronteinheit hatte. Wurde dieses hochgeheime Wissen womöglich an die Nazis verraten? Tom Bradby – Der Gott der Dunkelheit weiterlesen

Goergen, Ilse – Blut im Schuh

Der sympathische kleine |Bookspot|-Verlag mit dem knuddeligen Maskottchen Booky-Bär veröffentlicht mit „Blut im Schuh“ bereits den zweiten Krimi aus Ilse Goergens Feder. „Blut im Schuh“ stellt dabei eine in sich abgeschlossene Fortsetzung von Goergens Romandebüt „Genau sein Kaliber“ dar und lässt sich problemlos ohne Kenntnis des ersten Krimis lesen.

Julia Brenner arbeitet als Polizistin in Trier und lebt mit einem dunklen Geheimnis. Vor zwanzig Jahren wurde ihre kleine Schwester vom damaligen Freund ihrer Mutter erstickt; dieses Trauma hat Julia nie ganz überwunden. Als sie zu Beginn des Buches in einem Hotelzimmer zu sich kommt und den ermordeten Killer ihrer Schwester vor sich findet und bemerkt, dass er von ihren eigenen Polizeihandschellen gefesselt ist, bleibt Julia nur ein Schluss übrig, nämlich dass sie nun selbst zur Mörderin geworden ist. Doch eine Gedächtnislücke quält Julia sehr, denn sie kann sich an die Tat überhaupt nicht erinnern.

In Berlin macht Tatjana Szykman sich Sorgen um die Treue ihres Ehemannes, denn ihre Schwester Sieglinde liefert ihr handfeste Beweise und Indizien für Günther Szykmans Untreue. Gleichzeitig bietet sie ihrer kleinen Schwester an, die Sache zu klären, wie sie dies vor Jahren mit ihrem eigenen untreuen Exfreund getan hat, der bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen ist. Tatjana ist verstört, insbesondere als sie einen Anruf der Polizei Trier erhält, die einen toten Mann gefunden hat, neben dem Günthers Portemonnaie gefunden wurde. Tatjana soll nach Trier reisen, um die Leiche zu identifizieren. Tatjana ist fassungslos und kann nicht glauben, dass ihre Schwester ihre Drohung in die Tat umgesetzt und Günther ermordet hat.

Und richtig, Sieglinde hat ganz andere Pläne, denn ihre Laufbahn als Prostituierte neigt sich dem Ende zu, ohne dass Sieglinde finanziell ausgesorgt hat, folglich will sie den wohlhabenden Günther erpressen. Doch etwas geht schief, nach einem Schäferstündchen mit Günther verschwindet dieser und lässt Sieglinde alleine zurück, die die Welt nicht mehr versteht, als sie von ihrer Schwester hört, dass Günther ermordet worden ist …

Zunächst erzählt Ilse Goergen zwei völlig voneinander separierte Geschichten. Wir lernen kurz die verstörte Julia Brenner kennen, die neben einer Leiche erwacht und sich nicht mehr daran erinnern kann, den Mann ermordet zu haben. Gleichzeitig sprechen alle Indizien aber eindeutig gegen Julia. Auf der anderen Seite treffen wir auf die heruntergekommene Sieglinde und ihre naive Schwester Tatjana, die sich problemlos lenken lässt und völlig blind gegenüber Günthers Untreue und den Intrigen der eigenen Schwester ist. Dass Günther einigen Dreck am Stecken hat, wird spätestens klar, als er mitten in der Nacht zu einem mysteriösen Ausflug startet und Sieglinde im schmuddeligen Hotelzimmer zurücklässt.

Ilse Goergen zieht ihre Erzählung anhand der beiden Erzählstränge auf, die erst gar nichts miteinander zu tun haben, die dann aber immer mehr miteinander verwoben werden. Am Ende erfährt der Leser natürlich die genauen Zusammenhänge, aber es besteht auch genug Gelegenheit für eigene Spekulationen. Ganz vereinzelt lässt Goergen versteckte Hinweise einfließen, die andeuten, wie die Familie Szykman in den Mordfall von Trier verwickelt ist. Hierdurch fesselt die Autorin ihre Leser immer mehr an ihr Buch und baut stetig mehr Spannung auf.

Besonders die Charaktere gefallen sehr gut an diesem authentischen Krimi. Wir lernen die unterschiedlichsten Menschen kennen, die aber alle irgendwo menschlich und realistisch wirken und eine Vielzahl von Identifikationsmöglichkeiten bieten. Im Mittelpunkt des Buches stehen drei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, obwohl zwei davon sogar Schwestern sind. Da wäre einmal die hübsche, aber völlig naive Tatjana, die aus einfachen Verhältnissen stammt, aber durch ihre Heirat ausgesorgt hat – zumindest solange die Ehe funktioniert, denn dank des Ehevertrages würde sie im Falle einer Scheidung leer ausgehen. Umso größer ist ihre Sorge, als sie ahnt, dass Günther wohl doch nicht ganz so treu ist, wie sie immer gehofft hatte. Als zweites lernen wir Sieglinde kennen, die voller Neid gegenüber ihrer Schwester ist, da sie selbst keinen Mann abbekommen hat und ihren Lebensunterhalt als Prostituierte verdienen muss. Sieglinde ist abgehalftert und hat nichts von der Attraktivität ihrer Schwester – ein Punkt, der ihren Neid nur noch weiter steigert. In Trier schließlich treffen wir auf Julia Brenner, die auf Seiten der Frauen wohl die meisten Sympathien ernten dürfte. Julia ist erfolgreich und verletzlich, sie kann ihre traurige Vergangenheit nicht vergessen und daher auch keinen Mann lieben. Dies macht besonders ihrem Kollegen Heiner zu schaffen, der in sie verliebt ist. Insgesamt kann man sich in Ilse Goergens Figuren hervorragend einfühlen, da sie so lebensnah geschildert sind.

Ilse Goergen erzählt ihren Krimi geradlinig und ohne viele Schnörkel, sie beschränkt sich in ihrem nur 171-seitigen Buch auf das Wesentliche und unterhält ihre Leser dabei auf solide Art und Weise. Zwar kann sie nicht an den Nervenkitzel von manch einem Krimibestsellerautor heranreichen, dennoch verleitet einen „Blut im Schuh“ durchaus zum Lesen des Vorgängerromans und zum Warten auf einen möglichen Nachfolger. Nachteilig wirkt sich allerdings aus, dass in dem schmalen Büchlein wenig Platz für genügend Charaktere ist. So ist der Kreis der Tatverdächtigen ziemlich klar abgesteckt und kann am Ende daher auch nicht mehr für große Überraschungen sorgen.

Unter dem Strich bleibt ein positiver Eindruck zurück, der höchstens durch einige Tippfehler mehr als üblich getrübt wird, doch inhaltlich gibt es kaum etwas auszusetzen an Ilse Goergens aktuellem Mosel-Krimi. Insbesondere in ihrer authentischen und glaubwürdigen Figurenzeichnung weiß sie zu überzeugen. Darüber hinaus gefällt die Erzählung in den beiden Handlungssträngen mit dem steten Spannungsaufbau sehr gut. Hier hält das |Bookspot|-Maskottchen Booky-Bär einen durchaus überzeugenden Krimi für zwei, drei unterhaltsame Lesestunden bereit.

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Hillerman, Tony – Skelett-Mann, Der

Nach längerer Zeit kommt mir wieder ein neuer Hillerman ins Haus geflattert, und nachdem ich bislang nur positive Erfahrungen mit dem Meister des Ethno-Thrillers habe machen können, hatte ich die Hoffnung, dass der Autor auch ein Vierteljahrhundert nach seinem Debütwerk noch immer ähnlich begeisternde Kost abliefern würde wie einst solch starke Romane wie „Das Labyrinth der Geister“ oder „Dunkle Kanäle“. Leider aber wurde die Hoffnung im Falle von „Der Skelett-Mann“ ein wenig getrübt. Hillerman zeigt sich zwar bei der Vermengung traditioneller Riten und gehobener kriminalistischer Elemente nach wie vor sehr geschickt, konstruiert aber bei seinem neuesten Werk eine allzu vorhersehbare Story, die lediglich für sich beanspruchen kann, den Leser wegen eventueller neuer Eigenheiten nicht vor den Kopf zu stoßen. Hillerman ist sich nämlich in jeglicher Hinsicht treu geblieben, schafft es halt nur diesmal nicht so ganz, eine ständig ansteigende Spannungskurve aufzubauen. Und das ist doch schon sehr ungewöhnlich.

_Story_

Billy Tuve, ein naiver junger Hopie, der bei einem Unfall in seiner Kindheit einige geistige Schäden hat davontragen müssen, gerät plötzlich in Verdacht, den Besitzer eines Juweliersladens überfallen und niedergestreckt zu haben. Begünstigt wird diese Vermutung dadurch, dass Tuve versucht hat, einen weitaus wertvolleren Diamanten für nur 20 Dollar zu versetzen, was die Ermittler auf die Spur eines lange Zeit vergessenen Juwelentransports aus dem Jahre 1956 bringt.

Während Tuve nämlich erst mal in Untersuchungshaft kommt, wird die Herkunft des Diamanten mit einem Flugzeugabsturz aus genau jenem Jahr in Verbindung gebracht, bei dem ein gewisser Mr. Clarke einen ganzen Koffer mit Diamanten an seine Hand gekettet trug, bevor seine Maschine über dem Grand Canyon mit einem anderen Flugzeug kollidierte und alle Insassen in den Tod führte.

Clarkes damals noch nicht geborene Tochter hat nach dem Tod ihrer Mutter einen Brief zugesteckt bekommen, in dem von diesen Diamanten die Rede ist; sie erfährt, dass ihr Vater diesen Koffer um seine Hand trug und sieht in der Entdeckung seines verstümmelten Körpers für sich selber die letzte Hoffnung. Clarkes Besitz ist nämlich damals nach seinem Ableben einer Stiftung zugute gekommen, weil im Nachhinein nicht nachgewiesen werden konnte, dass die junge Dame, Joanna Craig, tatsächlich seine Tochter ist. Jahrelang hat sie vergeblich um ihr Erbe gekämpft, doch erst jetzt, wo endlich wieder eine Spur der verschollenen Diamanten aufgetaucht ist, sieht sie einen Weg, die Überreste ihres Vaters zu entdecken und den Beweis anzutreten, dass sie seine leibliche Tochter ist.

Ihr Weg führt sie in das Gebiet des Grand Canyons, wo Officer Jim Chee und sein Freund Cowboy Dashee sich längst des Falles um den angeklagten Tuve, Dashees Vetter, angenommen haben. Vor Ort sammelt sie Informationen, erkundigt sich nach dem Wissensstand der Ermittler und versucht schließlich auf eigene Faust, das Vermächtnis ihrer Familie aufzuspüren. Doch auch Stiftungsboss Plymale schickt seine Leute heraus, um zu verhindern, dass Joanna Craig die Wahrheit aufdeckt und endlich an den ihr zustehenden Besitz gelangt. Chee, der kurz vor der Ehelichung seiner Freundin Bernie Manuelito steht, hat alle Hände voll zu tun, Tuve vor dem Gefängnis zu bewahren, zwischen den Diamantensuchern zu vermitteln und seine angehende Gattin bei Laune zu halten. Die einzige Möglichkeit, all diese Probleme zu lösen, besteht für Chee darin, selber in den Canyon abzusteigen und vor den anderen die Diamanten aufzuspüren …

_Meine Meinung_

Hillermans neuer Roman bietet dem erfahrenen Leser kaum Neues. Wieder sind knapp zwei Jahre ins Land gezogen, in denen sich auch bei den Hauptfiguren einiges, wenn auch nichts Wesentliches verändert hat. So ist die Beziehung zwischen Jim Chee und Bernie Manuelito mittlerweile derart gereift, dass ihre Hochzeit schon fest eingeplant ist. Jim Leaphoren, der ‚Legendary Lieutnant‘ hingegen fristet seinem Dasein im Ruhestand und agiert nur noch als Komplize im Hintergrund, der nur geringfügig an der Aufklärung des Falles beteiligt ist. Und ansonsten ist alles wie gehabt im Gebiet der Four Corners, bis vielleicht auf die Ausnahme, dass Trading Post-Besitzer Shorty McGinnis, Leaphorns ehemaliger Informant, für tot gehalten wird.

Ein Problem bei dieser Geschichte ist, dass Hillerman seine Geschichte zu sehr um seine Hauptfiguren herum aufbaut. Steif hält er an ihren Werten fest und gibt ihnen kaum Raum zur Weiterentwicklung, was natürlich dazu führt, dass man aufgrund der bekannten Wesenszüge immer wieder vieles vorab erahnen kann. Besser wäre sicher gewesen, den Plot selber in den Mittelpunkt zu rücken und um ihn herum erst die Personen einzuflechten. Doch dies hat der Autor klar verpasst. Und so beginnt die Erzählung fast schon wie eine exakte Kopie vorangegangener Thriller, nur eben mit anderen Gegnern, neuen Verbündeten und einer variierten Ausgangssituation.

Hinsichtlich der Lösungsmöglichkeiten indes greift Hillerman auf Bekanntes zurück; gleich mehrmals fühlt man sich dabei an seinen Roman „Das Labyrinth der Geister“ erinnert, welcher ebenfalls auf einen Showdown im Canyon hinausläuft und auch auf ähnliche Weise abgeschlossen wird. Einziger Unterschied: Statt Joe Leaphorn übernimmt Jim Chee nun die Rolle des Hauptermittelnden. Ich will jetzt nicht behaupten, dass es keinen Spaß macht, dem Mann bei der Darstellung seiner Geschichte über die Schulter zu schauen, aber wenn man bereits einige seiner Bücher intus hat, ist das Bedürfnis nach Frischem ziemlich groß, kann aber hier ganz klar nicht gesättigt werden.

Im Hinblick auf die eingespeisten Elemente der Navajo-Kultur zeigt sich der Autor aber dann wieder in Normalform. Sehr häufig erwähnt er Traditionen, Bräuche und Sitten der dort ansässigen Indianerstämme und nimmt sich auch entsprechend viel Zeit, um sie dem Leser näher zu bringen, ohne dass der Fluss der Handlung hierdurch ins Wanken gerät. Dadurch, dass die Protagonisten des Romans partiell einer anderen Sippe angehören, kann Hillerman hier auch wieder neues Wissen anbringen und es mit den Fakten um die bekannten Stämme kombinieren. So gelingt es ihm auch sehr gut, die feinen Unterschiede zwischen den Navajos und ihren ganzen Sub-Kulturen zu verdeutlichen, was mitunter sicher gar nicht mal so einfach ist. Schade lediglich, dass die Qualität des gesamten Romans dadurch nur unwesentlich verbessert wird.

Wenn man von einem typischen Hillerman spricht, dann nur im Bezug auf die stets tollen Umschreibungen und summa summarum hinsichtlich seines sehr eigenwilligen Schreibstils. Blickt man hingegen auf die Handlung und ihre Entwicklung, so fehlt es hier einfach zu sehr an fortschrittlichen Motiven und neuen Ideen. Das macht das Buch zwar auch ‚typisch Hillerman‘, aber eben nicht auf die Art und Weise, wie man es sich erhofft hätte. In diesem Sinne möchte ich „Der Skelett-Mann“ auch nur Komplettisten uneingeschränkt empfehlen. Die Neugier auf Ethno-Thriller kann das Buch entgegen früheren Ausgaben nicht wecken.

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Bresching, Frank – Ruf der Eule, Der

Der sechzehnjährige Alexander, von seinen Freunden bloß Alex genannt, meldet sich zu einem Schüleraustausch nach Cambridge in England an. Für zwei Wochen geht es zu einer Gastfamilie. Anschließend soll der Sohn der englischen Familie im Gegenzug bei ihm in Deutschland unterkommen. Nicht nur Alex, auch einige seiner Klassenkameraden machen bei dem Austausch mit, darunter auch sein bester Freund Dominik.

In Cambridge wird Alex von Familie Taylor aufgenommen, die aus der Mutter Kathryn und den beiden Jugendlichen Patricia und Marc besteht. Gleich bei seiner Ankunft erfährt Alex, dass Familienvater William vor zwei Jahren ums Leben gekommen ist. Kathryn bittet ihn, nicht mehr auf dieses schmerzhafte Thema zu sprechen zu kommen. Kathryn ist eine attraktive Frau um die Vierzig, die die meiste Zeit außer Haus ist, da ihr Job in einem medizinischen Unternehmen sie sehr fordert. Marc und Pat sind Zwillinge, ansonsten aber unterschiedlich wie Tag und Nacht. Marc ist ein rothaariger, ruhiger, zurückhaltender Junge, der immer darauf bedacht ist, es seinem Gast recht zu machen. Alex versteht sich gut mit ihm, verspürt aber auch eine gewisse Distanz. Pat hingegen ist nicht nur eine dunkle Schönheit, sondern strotzt auch vor Selbstbewusstsein und Laszivität. Ihre Ausstrahlung bringt Alex in Verwirrung, zumal er nicht ersehen kann, ob sie ihn leiden kann oder nicht.

Nach den ersten Tagen kommen sich Alex und Pat jedoch näher. Alex ist überglücklich, dass seine schöne Gastschwester sich ernsthaft für ihn zu interessieren scheint, obwohl er sich nach wie vor nicht ganz sicher ist, wie sie wirklich zu ihm steht. Aber kaum dass Alex sich eingewöhnt hat, warnt ihn eine alte Nachbrain vor der Familie, vor allem vor Kathryn. Ein düsteres Geheimnis scheint den Tod von William Taylor zu umgeben. Unheimlich wird es, als Alex herausfindet, dass Kathryns Firma sich mit Leichenkonservierung zur eventuellen Wiederbelebung befasst.

Wie hängt diese Entdeckung mit William Taylors Tod zusammen? Was für eine Bedeutung hat die Gedenkstätte im Keller des Hauses? Und warum träumt Alex in letzter Zeit ständig von seinem verstorbenen Großvater, der ihm offenbar etwas zu sagen versucht? Bald weiß Alex nicht mehr, ob er sich etwas zusammenphantasiert oder sein Verdacht gerechtfertigt ist. Die Atmosphäre im Haus der Taylors wird immer angespannter. Kann Alex ihnen trauen oder schwebt er wirklich in Gefahr? Immer tiefer verstrickt sich der Junge in ein Netz aus Todes- und Jenseitserfahrungen, grausigen Experimente und dunklen Prophezeihungen, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt …

Was kommt nach dem Tod? – Das ist die zentrale Frage, um die sich dieser Thriller dreht und mit der er den Leser konfrontiert. Eine Frage, die bereits vor Beginn der eigentlichen Geschichte aufgeworfen und im Verlauf der Handlung immer bestimmender wird.

|Protagonist als Identifikationsfigur|

Sympathischerweise präsentiert sich der Ich-Erzähler als normaler Durchschnittsjugendlicher, mit dem sich der Leser identifizieren kann. Alex ist, im Gegensatz zu seinem Freund Dominik, weder im schulischen Bereich noch bei den Mädchen oder im Sport ein absoluter Überflieger. Lediglich sein Englisch ist überdurchschnittlich gut, ansonsten offenbart er angenehme Unsicherheiten, die man nachvollziehen kann. Enorm schwer tut er sich bei der Einschätzung von Patricias Gefühlen, obwohl er nicht gänzlich unerfahren in Sachen Mädchen und Beziehungen ist.

Trotzdem versteht es seine Gastschwester, ihn immer wieder aufs Neue zu verwirren, seine Gedanken durcheinander zu bringen, so dass seinem besten Freund sehr bald auffällt, dass Alex rettungslos verliebt ist. Auch die Unsicherheitlichen bezüglich seiner Gastfamilie sind gut dargestellt. Mehrere Punkte sprechen dafür, dass sich Alex wirklich in Gefahr befindet, dass sich Marc und vor allem Kathryn ihm gegenüber verändert haben, dass ihre Blicke dafür sprechen, dass er sich mitten in einer Verschwörung gegen sich befindet. Doch es fehlen ausschlaggebende Beweise, so dass Alex in seiner Einschätzung hin und her schwankt. Dem Leser ergeht es ähnlich, denn alles ist möglich: Vielleicht erweisen sich Alex‘ Verdächtigungen als haltlos, aber vielleicht steuert er auch direkt auf eine Katastrophe zu …

|Dichte Handlung|

Die Handlung ist straff gespannt und erlaubt sich keine unnötigen Abschweifungen. Zwar werden kleine Rückblicke in die Vergangenheit zu Alex‘ verstorbenem Opa eingebaut, doch diese sind von zentraler Bedeutung für den weiteren Verlauf, wie sich bald herausstellt. Der Spannungsbogen steigert sich konsequent, bis man mit dem Protagonisten mitfiebert und sich eine Antwort auf all die Fragen herbeisehnt, die sich durch all die merkwürdigen und beunruhigenden Ereignisse ergeben haben. Dabei deutet, bis auf einen kurzen, düsteren Rückblick, zunächst nichts in der Haupthandlung auf eine ungewöhnliche Entwicklung hin.

Ein Schüleraustausch nach England, eine nette Gastfamilie, eine kleine Liebelei zwischen Teenagern bilden den harmlosen Einstieg, der dementsprechend fast belanglos daherkommt. Nach und nach häufen sich jedoch die Vorfälle, die Alex misstrauisch werden lassen, angefangen bei den seltsamen Traum-Visionen über seinen verstorbenen Großvater bis hin zu den Warnungen der alten Nachbarin. Alex wird von Neugierde gepackt und stellt eigene Nachforschungen an – und das Ergebnis beunruhigt ihn zutiefst. Spätestens an diesem Moment ist der Leser gefangen und hofft gemeinsam mit dem Protagonisten, dass sich alles zum Guten weden möge.

Positiv sticht zudem heraus, dass sich der Roman gleichermaßen für Jugendliche als auch für Erwachsene eignet. Das Thema ist ernst und durchaus beängstigend, doch für Leser in Alex‘ Alter gut aufbereitet. Die wissenschaftlichen Details halten sich in Grenzen und die Jugendlichkeit des Protagonisten macht das Buch ideal für diese Altersklasse. Dazu passt auch der leichte, sehr dialoglastige Stil, der für eine flüssige Lesbarkeit sorgt. In spätestens zwei Tagen, unter Umständen auch schon an einem, hat mal als Schnellleser die gut 240 Seiten hinter sich gebracht. Aber auch wenn längere Pausen eingelegt werden, hat man keine Probleme, sich rasch wieder ins Geschehen einzufinden. Es gibt keine verwirrenden Handlungszweige, stattdessen ist der Roman klar strukturiert aufgebaut. Am Ausgang der Geschichte mögen sich die Geister scheiden, feststeht jedoch, dass der Autor Mut zur Konsequenz bewiesen hat. Die Pointe kommt recht unerwartet, fügt sich aber ins Gesamtbild ein und schlägt einen unkonventionellen Weg ein, was selbst derjenige honorieren sollte, dem das Ende inhaltlich nicht gefällt.

|Kleine Schwächen|

Trotzdem ist „Der Ruf der Eule“ nicht frei von Mängeln. Da ist einmal der sehr geraffte Beginn, der zwar das zügige Lesen fördert, aber an manchen Stellen etwas mehr Ausführlichkeit verdient hätte. Zwischen dem Entschluss von Alex, an dem Schüleraustausch teilzunehmen, und seiner Ankunft bei seiner Gastfamilie herrscht ein harter Bruch. Ohne Zwischenstation wird zu einer Szene übergeblendet, in der Alex in England am Küchentisch sitzt. Der Leser weiß die Namen „Kathryn“ und „Marc“ daher zunächst gar nicht einzuordnen. Erst zwei Seiten später folgt ein kurzer Rückblick zu seinem Empfang bei der Ankunft. Grundsätzlich hat man das Gefühl, dass es der Handlung gut getan hätte, sie in einen weitgefassteren zeitlichen Rahmen unterzubringen. Da Alex insgesamt nur einen Aufenthalt von zwei Wochen in England hat, erscheint die Entwicklung der Ereignisse zu überhastet und zu gedrängt. Schöner wäre gewesen, die Zeit des Austausches großzügiger anzulegen und dafür die Entwicklung gemächlicher zu gestalten.

Glaubwürdigkeit büßt der Roman dadurch ein, dass Alex offenbar während seines ganzen Aufenthaltes keinerleih Sprachprobleme zu bewältigen hat. Man erfährt zwar kurz vor seiner Anreise, dass er ein sehr guter Englischschüler ist, aber trotzdem erscheint es unrealistisch, dass er von da an jedes Gespräch wie ein Muttersprachler zu bewältigen scheint. Man vergisst geradezu, dass er sich in einem fremden Land befindet. Nur bei der Begrüßung durch Marc wird erwähnt, dass Alex ihn „in einem guten Englisch“ anspricht – von da an ist es selbstverständlich, dass er sich fließend mit allen Engländern unterhält. Natürlich sollen keine Verständnisprobleme vom Inhalt der Handlung ablenken, aber um Oberflächlichkeit zu vermeiden, wäre es eleganter gewesen, wenigstens ab und zu die Hauptfigur Alex ein wenig ins Nachdenken zu versetzen, anstatt ihm ein fließendes Englisch zu verpassen. Gerade bei den langen Dialogen, die er beispielsweise mit der alten Nachbarin führt, ist es wesentlich glaubwürdiger, wenn der Protagonist angesichts der Ungewöhnlichkeit der Ereignisse kurz innehalten und überlegen muss.

Während sich am Anfang die Geschehnisse in rascher Abfolge ereignen, wird an anderer Stelle die Ausführlichkeit übertrieben. Das ist vor allem in ausufernden wörtlichen Reden der Fall. Als Patricia Alex vom Tod ihres Vaters erzählt, beschreibt sie minutiös alle Vorgänge in epischer Breite. Anstatt sich darauf zu beschränken, den schlechten Zustand ihres Bruder wiederzugeben, erwähnt sie sogar, dass „kleine, feine Schweißtropfen“ seine Schläfen säumten, ganz wie ein allwissender Erzähler, der sich detailgenau jede seiner Figuren vornimmt, was in einer wörtlichen Rede aber zu viel des Guten ist.

Insgesamt ist das Buch sauber lektoriert, wenn sich auch ein paar kleine Fehlerteufel eingeschlichen haben – so verzichtet der Verlag grundsätzlich auf das übliche Leerzeichen vor den Auslassungspunkten, mal werden Anführungszeichen oben statt unten oder fälschlicherweise vor den Satzpunkt gesetzt, aber diese Schludrigkeiten kommen nur vereinzelt vor und fallen nicht weiter auf.

_Unterm Strich_ ist „Der Ruf der Eule“ ein lesenswerter und unterhaltsamer Thriller, der sich sowohl für Erwachsene als auch für Jugendliche eignet. Nach harmlosen Beginn wird der Verlauf der Handlung immer mystischer und bedrohlicher bis hin zu einem überraschenden Ende. Kleine Schwächen in zu hastiger Erzählweise und Glaubwürdigkeit mindern das Lesevergnügen, doch dank des flüssigen Stils bietet sich eine leicht zu konsumierende Lektüre für alle Freunde der Spannungsliteratur.

_Der Autor_ Frank Bresching wurde 1970 geboren. Er verfasste zunächst einige Kurzgeschichten, bevor 1996 sein Debütoman „Der Teddybär“ erschien. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Koblenz.

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June Thomson – Alter Sarg für neue Leiche

thomson sarg cover kleinDas geschieht:

Auf einem brachliegenden Feld in der englischen Grafschaft Dorset graben Archäologen eine Leiche aus, die nur noch Skelett, doch ganz und gar nicht historisch ist. Chief Inspector Finch übernimmt einen seltsamen Fall, denn der tote Mann wurde zwar ermordet, aber nach seinem Ende vom Mörder sorgfältig aufgebahrt und in eine Wolldecke als Leichentuch gehüllt; sogar ein Kruzifix als Grabbeigabe wird entdeckt.

Das einsame Grab liegt auf der Grenze zwischen den Ländereien zweier nicht gerade befreundeter Bauern. George Stebbing ist ein scheinheiliger Schwätzer, der seine Nase allzu gern dorthin steckt, wo sie nichts zu suchen hat, Geoff Lovell ein grimmiger Sonderling, der seine Schwägerin Betty und seinen geistig zurückgebliebenen Bruder Charlie auf dem Hof gefangen zu halten scheint.

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Villatoro, Marcos M. – Minos

Neue Ermittler-Helden sprießen wie Pilze aus dem Boden und selten ist eine Person mit wirklich Substanz dabei. Anders Romilia Chacón, die temperamentvolle Latina aus der Feder von Marcos M. Villatoro, die sich schon alleine aufgrund ihres ethnischen Hintergrunds von den Tempe Brennans dieser Welt abhebt.

Romilia stammt eigentlich aus El Salvador, doch sie lebt schon seit längerem in Amerika und hat dort auch studiert. Sie arbeitet als Detective in Nashville, wo sie zusammen mit ihrem kleinen Sohn Sergio und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung lebt. Romilia ist dafür bekannt, gerne mal die Nerven zu verlieren und auszurasten. Sie ist alles andere als frei von Fehlern und eigentlich nur von einer Aufgabe getrieben: den Mord an ihrer älteren Schwester Catalina von vor sechs Jahren zu rächen. Damals fand man sie, zusammen mit ihrem verheirateten Geliebten, aufgespießt in ihrem Bett, in eindeutiger Stellung. Der Mörder wurde niemals gefasst, obwohl er noch zwei weitere, bestialische Morde verübte.

Wir schreiben den Winter 2001, als er beschließt, erneut zu morden. Romilia ist gerade zur lokalen Heldin geworden, weil sie den gefürchteten Jadepyramidenmörder dingfest gemacht hat. Dabei hat sie einen Fan gewonnen, den sie lieber wieder loswerden möchte. Tekún Umán, der Drogenboss, verdankt ihr sein Leben und empfindet außerdem tiefere Gefühle für sie, die sie aber niemals zulassen würde, nachdem er einen ihrer Informanten, eine sechzehnjährigen Jungen, gefoltert hat. Zum Dank hackt er sich in die Datenbanken des FBI und besorgt Romina Informationen zum Mörder ihrer Schwester. Sie erfährt, dass es weit mehr Opfer gegeben hat als angenommen und außerdem muss sie ohnmächtig mitansehen, wie „Minos“, wie sie ihn wenig später taufen wird, weil er sich an Holzstichen von Dante orientiert, weitermordet. Ihr sind die Hände gebunden, denn wie sollte sie erklären, dass sie an solch wohlgehütetes Material kommt? Und doch geht sie aufs Ganze, von der Rache und dem Zorn angetrieben, bis sie eines Tages einen Schritt zu weit geht …

Romilia Chacón besticht. Sie ist eine starke Frau, eine Powerfrau, eine Sportskanone. Und sie ist intelligent. Und schlagfertig. Und eine temperamentvolle Latina, wenn es sein muss. Hm. Klingt ja fast so wie eine dieser perfekten Ermittlerinnen, deren Namen wir jetzt nicht nennen wollen, deren Charaktere so aalglatt gestaltet sind, dass man schon auf den ersten Seiten darauf ausrutscht.

Ob es daran liegt, dass hier ein Mann am Werke war? Marcos M. Villatoro hat es jedenfalls geschafft, eine sehr authentische Frauenfigur zu basteln, die durch und durch Mensch ist. Trotz der oben erwähnten Charaktereigenschaften ist sie alles andere als perfekt. Sie ist sehr auf dem Boden geblieben, schon alleine durch ihre Rolle als alleinerziehende Mutter, die nicht immer für ihren Sohn dasein kann. Romilia hat viel in ihrem Leben verloren, aber sie beweist, dass sie eine Kämpferin ist.

Auch die anderen Charaktere können sich sehen lassen. Sie sind liebevoll ausgearbeitet, auch wenn Romilias Mutter wohl ein wenig dem Klischee der lateinamerikanischen Matrone entspricht. Tekún dagegen ist weder ganz böse noch ganz lieb und seine „Beziehung“ zu Romilia ist alles andere als einfach. Und zuletzt wäre da noch der Mörder, der immer wieder ein Kapitel zwischen Romilias Ich-Perspektiven einschieben darf. Seine Charakterisierung unterscheidet sich kaum von denen anderer „Psychopathen“, doch da seine Auftritte selten sind, fällt das kaum auf.

Villatoro lässt den Leser virtuos ins Buch einsteigen, indem er den Mörder von den letzten Stunden vor dem Mord an Romilias Schwester erzählen lässt. Was genau passiert ist, erfährt man erst viel später, als Romilia die geheimen FBI-Daten von Tekún liest. Folglich gibt es keine blutrünstige, detailreiche Ausschlachtung der Morde, sondern der Fokus liegt beinahe völlig auf Romilias Ermittlerarbeit.

Trotzdem ist das Buch weit davon entfernt, langweilig zu sein. Spannung wird beinahe in jedem Kapitel aufgebaut und wenn nicht, gibt es ja immer noch unsere Ich-Erzählerin, die durch eine schöne, manchmal flappsige Sprache besticht. Villatoro verzichtet glücklicherweise auf lange Denkphasen oder ausschweifende private Ausrutscher, wodurch die Handlung wunderbar straff ist. Villatoro lässt uns nicht durchatmen. Er peitscht uns bis zum Ende des Buches, wo wir einem fulminanten Abschluss entgegenfiebern dürfen.

Bei der Schwemme von Neuveröffentlichungen, die im Bereich Thriller jeden Monat auf den Markt kommen, ist es kein Wunder, dass vieles wie von der Stange wirkt. „Minos“ hat sicherlich einige Elemente, die ebenfalls „von der Stange“ wirken, doch im Großen und Ganzen begeistert der Autor mit einem Buch, das durchgehend spannend ist und eine wirklich tolle Ermittlerin und Frau im Mittelpunkt zu stehen hat. „Minos“ ist ein Pageturner erster Güte und es ist schön zu hören, dass dies nicht das einzige Buch mit Romilia Chacón bleiben soll.

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Remes, Ilkka – Hiroshima-Tor, Das

Nach [„Ewige Nacht“ 2039 öffnet der finnische Erfolgsautor Ilkka Remes in seinem zweiten auf Deutsch übersetzten Hochspannungsthriller das „Hiroshima-Tor“, welches die ganze Menschheit bedrohen kann. In packender und rasanter Weise schildert er die Hetzjagd zweier großer Nationen nach einem schier unglaublichen Geheimnis …

Auf der Pariser Brücke Pont Marie wird Tanja das Opfer eines Handtaschenraubs, doch enthält ihre Handtasche mehr als nur einen Lippenstift und einen Handspiegel – Tanja sprintet dem Dieb also hinterher. Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse, die Handtasche wird von der Brücke aus in die Seine geworfen und Tanja springt angesichts des wertvollen Tascheninhalts hinterher. Allerdings ist Tanja nicht die Einzige, die hinter dieser Handtasche her ist, denn sie wird später tot geborgen, ihr wurde die Kehle aufgeschlitzt.

Timo Nortamo arbeitet für eine Antiterroreinheit in Brüssel und sucht dort für seine Frau Soile und den gemeinsamen Sohn Aaro ein Haus, doch ahnt Timo noch nicht, dass seine Frau, die als Physikerin am Schweizer CERN arbeitet, bereits eine Affäre mit einem Kollegen hat; dementsprechend wenig Freude zeigt sie angesichts des auserwählten Hauses. Noch bei der Hausbesichtigung wird Timo durch einen wichtigen Anruf gestört, denn der Bau eines Atomkraftwerkes und einer Endlagerungsstätte wurde ernsthaft sabotiert, aber damit nicht genug, erfährt Timo Nortamo bald auch von den seltsamen Ereignissen in Paris, die für ihn bald das Ende seiner Karriere bei der Antiterrorgruppe bedeuten werden.

Nicht nur zwei verschiedene Nationen jagen dem Inhalt der ominösen Handtasche hinterher, sondern auch Timo Nortamo, der auf eigene Faust ermittelt und dabei einige Grenzen überschreitet. Sein einziges Ziel ist es, die Echtheit der Unterlagen aus Tanjas Handtasche zu beweisen, die die finnische Präsidentin in Verruf bringen können. Eine Schnitzeljagd durch halb Europa geht los, die noch einige Opfer verlangen wird …

Ilkka Remes beweist von Anfang an, dass er ein Meister des Spannungsbogens ist. Bereits die erste Szene im Buch beginnt fulminant, als nämlich Tanja die wertvolle Handtasche entrissen und sie bei der Rettungsaktion ermordet wird. Schon diese erste Szene wirft etliche Fragen auf, die den Leser bewegen und an das Buch fesseln; doch damit nicht genug, eröffnet Remes weitere Handlungsstränge, von denen einige offenbar nur dazu dienen, seine Leser zu verwirren und auf eine falsche Fährte zu locken. Nur mühsam gelingt es, sich durch die komplizierten Handlungsebenen zu manövrieren und in diesem Labyrinth den richtigen Ausgang zu finden. Einige düstere Mächte sind an dieser Geschichte beteiligt, von denen nicht alle direkt mit der sagenumwobenen Handtasche und ihrem geheimnisvollen Inhalt zu tun haben.

So muss einmal festgehalten werden, dass „Das Hiroshima-Tor“ ein absolut atemberaubender Thriller ist, den man nur schwer aus der Hand legen kann und der über die ganze Strecke der 439 Seiten fesselt. Auf der anderen Seite muss man nach dem Zuklappen des Buches für sich erst einmal alle Handlungsfäden entwirren und genau auseinander halten, in welche Schublade eigentlich welche Handlungsebene gehörte, wer also direkt mit dem eigentlichen Thema des Buches zu tun hatte und wer sozusagen bloß als Rahmengeschichte und zur Verwirrung diente. Diese nebensächlichen Handlungsebenen blähen das Buch unnötig auf, was Remes eigentlich nicht nötig hat, da er überzeugend beweist, dass er für genug Spannung sorgen kann. Meiner Meinung nach hätte er ruhig geradliniger schreiben können. Insbesondere die gesamte Geschichte rund um die finnische Präsidentin ist im Nachhinein völlig überflüssig, sie bringt die eigentliche Handlung nicht voran und spielt sich größtenteils neben den entscheidenden Erlebnissen ab. Das trübt im Nachhinein schon etwas den Lesegenuss, weil das richtige Aha-Erlebnis, bei dem am Ende alle Handlungsfäden zusammengeführt werden, zwangsläufig ausbleibt.

Thematisch hangelt sich Ilkka Remes bedenklich nah an einem von Dan Brown bereits ausgelutschten Problem entlang, was hier als ziemlich müder (und leider auch überzogener) Abklatsch beim Leser ankommt, da einen das eigentliche Thema das Buches kaum vom Hocker reißen kann. Interessant ist allerdings der Weg, auf dem Remes sich diesem hochexplosiven Thema nähert, da hier menschliche Schicksale im Mittelpunkt stehen, die dafür sorgen, dass man beim Lesen einen dicken Kloß im Halse hat. Hier wird man als Leser gezwungen, sich mit einem wichtigen und erschreckenden Ereignis der Geschichte auseinander zu setzen, das zwar bereits etliche Jahre zurückliegt, uns aber auch heute noch betrifft. Eines muss man Remes lassen, er versteht es, seine Leser nicht nur zu unterhalten, sondern sie auch zum Nachdenken anzuregen.

Gelungen sind auch die wissenschaftsethischen Fragen, die Ilkka Remes in diesem Zusammenhang aufwirft. Zwei talentierte und hochintelligente Physikerinnen mit sehr unterschiedlichen Ansichten stehen sich hier gegenüber, von denen die eine – nämlich Heli – in Wissenschaftskreisen unter „ferner liefen“ gehandelt wird, weil sie zu wenig (bis gar nicht) publiziert, während die andere – Soile – zwar viele Artikel veröffentlicht, von Heli deswegen aber verachtet wird, weil diese der Meinung ist, dass Soile sich mit diesen Artikeln selbst verkaufen würde. Die Frage, was Wissenschaft eigentlich darf und auch die Frage nach der Verantwortung eines jeden Wissenschaftlers ist stets aktuell und wird es auch immer bleiben, sodass es sich absolut lohnt, darüber genauer nachzudenken. Schade nur, dass Remes am Ende etwas zu dick aufträgt und eine Märtyrerfigur kreiert, die kein würdiges Ende für diesen spannenden Thriller darstellt.

Die beiden konträren Positionen der Wissenschaftsethik werden dabei durch die beiden weiblichen Hauptrollen repräsentiert, sodass sich auch die Sympathien verteilen, je nachdem, welche Position man selbst zu dieser Frage einnimmt. Während Heli allerdings eine sehr radikale Position einnimmt, ist Soile der Meinung, dass man Wissenschaft nicht aufhalten kann, sie ist Forscherin aus Leidenschaft und möchte ihre Ergebnisse auch veröffentlichen, selbst wenn sie irgendwann eventuell einmal Schaden anrichten könnten. So richtig sympathisch werden einem beim Lesen eigentlich beide Damen nicht; die eine handelt zu überzogen und unrealistisch für eine hochintelligente Physikerin, während die andere durch ihre Untreue auch nicht gerade punkten kann.

Im Zentrum der Erzählung steht glücklicherweise Timo Nortamo, den man bei seinen Nachforschungen gerne durch ganz Europa begleitet, da man ihm stets wünscht, dass er Erfolg haben möge bei seiner Mission. Nortamo ist in diesem Thriller wirklich arg gebeutelt; während der Leser bereits weiß, dass seine Frau Soile eine Affäre hat, muss Timo selbst erst einmal verkraften, dass er von einer Minute auf die andere seinen Job verloren hat und er sich durch den Hauskauf schrecklich verschuldet hat. Durch die sympathische und interessante Hauptfigur gewinnt das Buch sehr; die Abschnitte über Timo Nortamo sind es, die uns bei der Stange halten und immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen, da Ilkka Remes in all seinen anderen Handlungsebenen stets auf Verwirrung aus ist.

Unter dem Strich ist Ilkka Remes mit dem „Hiroshima-Tor“ durchaus ein überzeugender Thriller gelungen, der insbesondere in Sachen Spannung punkten kann. Wenn man das Buch einmal angefangen hat, kann man es eigentlich nicht mehr aus der Hand legen, da Remes einen immer wieder auf eine falsche Spur bringt und dadurch für Verwirrung sorgt. Leider ist dies auch schon ein Kritikpunkt, der festzuhalten ist, denn Remes eröffnet zu viele Handlungsstränge, die am Ende nicht konsistent zusammengeführt werden. Auf den einen oder anderen Nebenschauplatz hätte ich durchaus verzichten können, dann wäre das Buch wahrscheinlich sogar noch packender gewesen. Insgesamt gefällt das „Hiroshima-Tor“ allerdings sehr gut, insbesondere durch die vielen Aspekte, die den Leser zum Nachdenken anregen.

http://www.ilkka-remes.de/

Wolfgang Hohlbein – Das Paulus-Evangelium

Vorschnelle Kritiker sollten sich nicht zu eilig über die Veröffentlichung des neuen Hohlbein-Romans „Das Paulus-Evangelium“ ereifern. Kritikpunkt könnte nämlich sein, dass sich der beliebte deutsche Fantasy-Autor inhaltlich bei Verschwörungstheoretiker Dan Brown bedient hat, und das nicht zu knapp. Schaut man allerdings etwas genauer auf die Hintergründe dieses Romans, wird man feststellen, dass das Skript von „Das Paulus-Evangelium“ noch eine ganze Zeit vor der Erstveröffentlichung solcher Bestseller wie „Illuminati“ und „Sakrileg“ entstanden ist und man Hohlbein so ziemlich alles vorwerfen kann, aber sicherlich keinen intellektuellen Diebstahl. Aber davon mal abgesehen, gibt es bei diesem neuen Meisterwerk kaum Anlasss, irgendwelche Vorwürfe loszuwerden. Denn wo Hohlbein draufsteht, da ist auch nach wie vor Hohlbein drin!

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Ed McBain – Eine große Hand zum Gruß

Die Polizei findet eine Menschenhand. Ist ihr ‚Besitzer‘ tot, womöglich ermordet? Die Ermittlungen geraten ständig in Sackgassen, bis die Nerven der Kriminologen bloßliegen. Sie müssen auf weitere Leichenteile warten, was die Untersuchung freilich keineswegs einfacher macht … – Der 11. Krimiklassiker aus McBains legendärer, mehr als ein halbes Jahrhundert laufender Serie um das „87. Polizeirevier“ gerät zum unwiderstehlichen Cop-Thriller mit frühem „CSI“-Plot, der mit Spannung, Menschlichkeit und lakonisch-rauem Witz erzählt wird.
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Roslund, Anders / Hellström, Börge – Bestie, Die

Wieder einmal erobert ein schwedischer Thriller, der mit dem Nordischen Krimipreis ausgezeichnet wurde, die deutschen Bestsellerlisten und wieder einmal erweist sich damit diese Auszeichnung als äußerst verkaufsfördernd. Doch dieses Mal handelt es sich dabei nicht um einen „traditionellen“ nordischen Krimi mit einem Kriminalkommissar in der Hauptrolle, sondern um einen durchaus innovativen und spannend geschriebenen Thriller, der seine Leser zum Nachdenken anregen dürfte.

Auf einem Krankenhaustransport kann der psychopathische Kindermörder Bernt Lund fliehen. Vier Jahre zuvor vergewaltigte, quälte und ermordete Lund zwei neunjährige Mädchen, aber kaum ist er wieder auf freiem Fuße, sucht er sich auch schon sein nächstes Opfer. Dieses Mal schnappt er sich in der Nähe eines Kindergartens die fünfjährige Marie und wiederholt seine grausige Tat.

Maries Vater Frederik sieht rot und stellt seine eigenen Ermittlungen an. Schließlich kann er den Mörder seiner Tochter finden, bevor die Polizei Lund auf die Spur gekommen ist. Frederik erschießt den Kindermörder im festen Glauben, andere Eltern vor dem Schicksal zu bewahren, ebenfalls ihre Tochter zu verlieren. Der anschließende Prozess gegen Frederik wird ein riesiges Medienereignis. Schließlich kommt es zu einem Urteilsspruch, der weit reichende Konsequenzen hat…

Im Fokus der Geschichte steht nicht so sehr die Mordserie bzw. der psychopathische Mörder an sich, sondern die Frage, ob Selbstjustiz als eine Art Notwehr angesehen werden kann. Bernt Lund hatte sich bereits die nächsten beiden Opfer ausgesucht, als Maries Vater seine Rache üben kann. Zwei Leben unschuldiger Kinder konnten also gerettet werden, indem ein Leben – das eines mehrfachen Mörders und Vergewaltigers – ausgelöscht wurde. Ist das Gerechtigkeit? Hat Maries Vater das getan, wozu die Polizei nicht in der Lage war und damit die Welt vor schlimmerem Übel bewahrt? Die Bevölkerung scheint das zu glauben, denn sie steht fest hinter Frederik und feiert ihn als Helden.

„Die Bestie“ wirft viele Fragen auf, die selbstverständlich nicht eindeutig beantwortet werden können – es ist ein moralisches Dilemma, für das es kein Richtig und kein Falsch gibt. Ganz unbeabsichtigt erwischt man sich jedoch häufig bei dem Gedanken, dass Frederik für dieses Verbrechen nicht bestraft werden sollte. Unterstützt werden diese Gedanken insbesondere durch Frederiks sympathisches Wesen. Man kann sich wunderbar in ihn einfühlen und muss unweigerlich mit ihm leiden.

Interessanterweise kommt dieser Thriller dadurch fast ohne die üblichen Verfolgungsjagden und Ermittlungen aus, da Bernt Lund schnell von Maries Vater gestellt werden kann. In der „Bestie“ geht es um viel mehr, und das ist auch der Grund, warum ich das Buch geradezu verschlungen und mich auch gut unterhalten und angeregt gefühlt habe.

Doch ist das Buch trotz dieser überzeugender Ansätze nicht frei von Kritik: Man wird das Gefühl nicht los, als wollten die beiden Autoren mit dem Holzhammer eine Moral in dieses Buch einhämmern. Anders Roslund und Börge Hellström gehen hier meiner Meinung nach einen Schritt zu weit, indem sie dem Leser oftmals eine Meinung vordenken und dadurch eine zwangsläufige Antwort auf die Frage, ob Frederik selbst ein Mörder ist oder als Held gefeiert werden sollte, geben. Ab und an trieft das Buch nur so vor Moral, sodass ich mir gewünscht hätte, die beiden Autoren wären unauffälliger zu Werke gegangen. Irgendwie erscheint es mir etwas zu aufgesetzt, wenn im korrekten Schweden alle Gefängnisinsassen und Schwerverbrecher ganz selbstverständlich so genannte „Schnellficker“ verachten, also Insassen, die wegen Sexualverbrechen verurteilt wurden. Da wird man das Gefühl nicht los, als wollten Roslund und Hellström mit dem ganzen Zaun winken, um auch dem letzten Leser klarzumachen, dass Sexualverbrecher das Widerwärtigste überhaupt sind. Recht haben sie ja, aber darauf bin ich auch ohne ihre Hilfe gekommen.

Schade ist auch, dass die Autoren sich in ihren unterschiedlichen Handlungssträngen geradezu verlieren. Insbesondere anfangs werden so viele verschiedene Handlungsschauplätze aufgemacht, die teils wenig, teils gar nicht adäquat fortgesetzt werden, dass es wirkt, als hätten die beiden Autoren sich nicht gut genug abgestimmt und eventuell den einen oder anderen Handlungsfaden am Ende vergessen – oder was sollte der verheiratete Gefängniswärter, der seit einiger Zeit seine schwulen Neigungen entdeckt hat? Eine wirkliche Rolle hat er leider nicht gespielt. Gerade zu Beginn des Buches verwirren die zahlreichen neu auftauchenden Personen sehr und stören dadurch den Lesefluss.

Insgesamt unterhält „Die Bestie“ sehr gut und bietet auch einige interessante Ansätze, aber dann wirkt mir die Moral doch zu aufgesetzt, um authentisch wirken zu können. Vor allem das Buchende empfand ich als zu abgedroschen und überdramatisiert, dennoch sollte man die Idee, die hinter diesem Buch steckt, würdigen. Wer einmal einen etwas anderen Thriller lesen möchte, der fast ohne die genretypischen Elemente auskommt und dennoch hochspannend ist, der ist bei diesem Buch genau an der richtigen Stelle.

http://www.fischerverlage.de/

Carol O’Connell – Der Mann, der die Frauen belog [Mallory 2]

Um einen Frauenmörder zu entlarven, mietet sich Polizistin Mallory inkognito in ein nobles Mietshaus ein. Unter den nur oberflächlich vornehmen Mietern lauert der Mörder auf seine Chance, die ihm Mallory nur scheinbar bieten will … – Dem zweiten Band der „Mallory“-Serie fehlt der Überraschungseffekt dieser gänzlich unzugänglichen Figur, aber Plot und Story sorgen zuverlässig für überdurchschnittliche Unterhaltung.
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Camilla Läckberg – Der Prediger von Fjällbacka

Eigentlich müsste diese Besprechung mit ungefähr diesen Worten anfangen: Camilla Läckberg ist das next best thing aus Krimi-Schweden.

Aber da dieser Satz schon in Verbindung mit zu vielen Büchern gefallen ist und ich es beim besten Willen nicht einsehe, ein derartig gutes Buch in eine Schublade zu stecken, lassen wir das lieber und konzentrieren uns auf die eigentlich wichtigen Punkte.

„Der Prediger von Fjällbacka“ ist Läckbergs zweiter Roman nach „Die Eisprinzessin schläft“ und spielt am gleichen Ort und mit den gleichen Personen wie das Debüt.

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Laymon, Richard – Rache

Er wollte nur kurz in den Drugstore und ein Päckchen Kondome besorgen, doch nun wartet Sherry, eine junge Aushilfslehrerin, schon mehr als eine Stunde auf ihren Lover Duane. In der korrekten Annahme, dass er sich in der Aussicht auf eine heiße Liebesnacht nicht einfach empfohlen hat, macht sie sich zunehmend besorgt auf die Suche. Die Sommernacht ist heiß, auf den Straßen sieht man kaum einen Menschen. Sherry ist deshalb froh, als sie ein bekanntes Gesicht sieht. Toby Bones sitzt in einer der Klassen, die sie unterrichtet. Er bietet ihr an, auf der Suche nach Duane zu helfen. Sherry nimmt an, zumal sie amüsiert und geschmeichelt bemerkt, dass sich der schüchterne, dickliche Toby zu ihr hingezogen fühlt.

Doch hinter der Maske höflicher Zurückhaltung steckt ein Psychopath. Schon lange brodelt es in Toby. Er ist ein gesellschaftlicher Niemand, ein unattraktiver Außenseiter, den die Mädchen keines Blickes würdigen. In dieser Nacht bricht er alle gesetzlichen und moralischen Brücken hinter sich ab. Toby will sich rächen an der Welt – aber vor allem will er eine Frau: Sherry, die er nicht mehr aus der Ferne verehren sondern sie sich nehmen wird.

Genauso geschieht es und es ist fast zu leicht. Einmal in Tobys Gewalt, gelingt es Sherry nicht, ihm zu entfliehen. Die Stadt scheint verödet, niemand bemerkt ihre Not. Die wenigen Pechvögel, denen sie sich verständlich machen kann, werden von Toby kurzerhand massakriert. Auch der arme Duane hat bereits sein Ende gefunden. Sherry ist auf sich gestellt. Ziellos fährt sie mit einem auch den Rest seiner Kontrolle verlierenden Toby durch die Straßen. Verzweifelt redet sie auf ihn ein, verhandelt, heuchelt Zuneigung, verspricht Gehorsam, selbst als Tobys Übergriffe zunehmend brutaler werden. Sherry weiß genau, dass sie sein letztes Opfer werden soll. Doch sie will leben und schmiedet einen verzweifelten Plan – nur: Wird ihr der irre aber schlaue Toby die Gelegenheit geben, ihn umzusetzen, oder muss sie vorher sterben wie so viele, deren Weg das unfreiwillige Paar kreuzt …?

„Rache“ erzählt eine ganz einfache Geschichte von Entführung, Folter, Mord und natürlich Rache. Autor Laymon berichtet, was geschieht, wobei er keinen Moment die Augen abwendet bzw. kein Blatt vor den Mund nimmt. „Rache“ ist ein finsterer, beklemmender, schmutziger Thriller, der sich einen Dreck um das schert, was heute als politisch korrekt gilt. Stattdessen lotet Laymon zwei kriminalistische Phänomene aus: den Serienmord und die Selbstjustiz.

Der Serienmörder hat es zum Medienstar und zur Kultfigur gebracht. Das „Publikum“ liebt Berichte und „True Crime“-TV-Shows, in denen akribisch die Jagdstrecken möglichst blutig vorgehender Killer nachgezeichnet werden, immer neue, bizarrere Hannibal-Lecter-Klone entspringen den Hirnen einfallsarmer Roman- und Drehbuchautoren. Psychologen und Kriminologen machen sich viele wichtige Gedanken um das Wer und Wieso; gern dürfen auch die Angehörigen der Opfer ins Rampenlicht.

Jenseits dieses Rummels lauert die schmutzige Realität. Psychopathische Attacken sind keine kriminalistischen Planspiele, sondern direkte Angriffe auf Leib und Seele. „Rach“ schildert genau das in einfachen, deutlichen, drastischen Worten, ohne „literarische“ Ambitionen und damit auch ohne Ablenkungen. Dadurch bleibt jederzeit klar, dass hier ein nackter, erbarmungsloser Kampf auf Leben und Tod stattfindet. Jegliche Würde, jegliche Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. Sherry und Toby lassen die Masken fallen – die eine will erst überleben und dann Rache, der andere endlich seinen unterdrückten Trieben freien Lauf lassen. Daran ist nichts Heroisches, Sherry keine verkappte Leistungssportlerin mit Nahkampfausbildung, die zielsicher zurückschlagen wird, Toby kein Täter, dem per Diskussion rational beizukommen wäre. Auf ein wunderbares Hollywood-Happy-End darf man nicht hoffen, daran lässt der Verfasser keinen Zweifel.

Laymon lässt kein Entrinnen zu. Hin und wieder gelingt Sherry eine „kleine“ Flucht, die jedoch im Nichts öder Parkplätze oder verlassener Hinterhöfe endet. Sherry ist nicht schnell genug bzw. Toby zu brachial in seinem Amoklauf. Die wenigen Menschen, die in dieser Sommernacht unterwegs sind, scheren sich wenig umeinander. Bald gibt es Sherry gänzlich auf, Aufmerksamkeit zu erregen: Entweder hilft ihr niemand – und wer ihr hilft, wird sterben, denn bevor es ihr gelingt, dem potenziellen Retter die Situation zu verdeutlichen, taucht schon Toby auf und macht kurzen Prozess. Ihren Kampf müssen Sherry und Toby unter sich ausfechten, und es wird nur eine/r überleben.

Sherrys Fluchtversuche enden auch deshalb im Nichts, weil sie völlig unvorbereitet und arglos in Tobys Falle tappt: Der Durchschnittsbürger schaut sich gern die zahlreichen „Vorsicht, Strolche!“-Sendungen im Fernsehen an, kann oder will aber nicht begreifen, dass ihm oder ihr jederzeit ein ähnliches Schicksal blühen könnte. In äußerster Not muss Sherry den Umgang mit einem Psychopathen lernen. Fehler werden schmerzhaft bestraft. Vor allem begreift Sherry ihre völlige Hilflosigkeit. Niemand will oder kann ihr helfen. Retten kann sie sich nur selbst. Die vertraute Welt, in der sie sich tagsüber so selbstsicher bewegt, hat sich in ein Labyrinth verwandelt, das sie mit einem Ungeheuer teilt. Die Nacht ist Tobys Welt. Wenigstens für einige Stunden ist er der absolute Herrscher.

Die Lehre, die Sherry aus ihrer Horrornacht zieht, ist folgerichtig: Hilf dir selbst, denn dir wird niemand helfen. „Hilfe“ bedeutet in diesem Fall auch „Rache“: Sherry will keine Polizei, Toby soll nicht vor Gericht; sie wünscht keine peniblen, öffentlichen Schilderungen ihres Martyriums, und der Justiz vertraut sie nicht. Also nimmt sie das Recht in die eigene Hand – und wird selbst zur Kriminellen, die zudem noch zwei Halbwüchsige manipuliert, damit sie ihr zur Seite stehen.

Toby ist kein organisierter Täter, er hinterlässt überall Spuren. Er wird letztlich scheitern, man wird ihn fassen oder erschießen. Toby ist sich dessen dunkel bewusst, doch hier und jetzt ist es ihm völlig egal. Die Zukunft hat er aus seinem Lebenskonzept gestrichen. Immer haben „die Anderen“ – die Klügeren, Hübscheren, Reichen – bekommen, was ihm ebenfalls zusteht, wie er glaubt. Für ihn blieben nur Tritte, Hohn und Beschimpfungen. Wenn er nicht teilhaben darf, dann holt er sich eben, was er will, und pfeift auf die Konsequenzen. Endlich kann Toby bestimmen, was geschieht. Das macht ihn zum gefährlichsten Menschen überhaupt, denn er hat nichts zu verlieren und wird sich jeden noch so perversen Wunsch erfüllen.

War Toby schon immer ein Psychopath oder hat ihn sein trostloses Leben dazu „gemacht“? Es gibt einen kurzen Texteinschub, aus dem hervorgeht, dass es beim Tod seiner Eltern nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Darüber hinaus verhindert Laymon auch diesen Versuch einer rationalen Erklärung. Diese Frage ist irrelevant. Toby handelt – und als Resultat seiner Taten sterben Menschen. Wieso er das tut, darüber werden später Kriminalisten, Anwälte, Psychologen und Medienvertreter ausgiebig diskutieren. Für Sherry wird es dann allerdings zu spät sein. Die brutale Eindeutigkeit dieser Erkenntnis schmerzt vor allem Gutmenschen. Laymon schildert ohne Heuchelei eine Situation, in der Gewalt scheinbar nur durch Selbstverleugnung, Erniedrigung und Gegengewalt gekontert werden kann. Zudem lauert sie nach Laymon in den meisten Menschen und wartet auf ihre Gelegenheit: Toby ist selbst überrascht, als er unter denen, die er mit Waffengewalt in seinen Bann bringt, immer wieder freiwillige Komplizen findet. Sie nehmen die Gelegenheit wahr, ihren eigenen sadistischen Anwandlungen zu folgen, und „entschuldigen“ es damit, dass sie von Toby gezwungen werden.

Aber auch diejenigen, die Tobys Terror überlebten, sind gezeichnet. Sie haben die Gewalt kennen und durchaus lieben gelernt. „Die Macher“ nennen sie sich und warten geradezu darauf, dass in ihrer Anwesenheit jemand über die Stränge schlägt: Sie werden ihm oder ihr eine Lektion erteilen und sich der Macht erfreuen, die sie sich anmaßen – genauso, wie sie es gelernt haben.

Für dieses eigenwillige Finale wird man Laymon hassen, denn manche Wahrheit schmerzt. Das ist Laymon freilich gewöhnt, denn das Verhalten von Menschen in Extremsituationen hat er in seinen Romanen immer wieder zum Thema gemacht. „Rache“ ist eine tour de force durch die ganz finsteren Gefilde der Seele. Daran teilzunehmen, macht keine Freude, ist aber faszinierend: Der Mensch ist halt ein Voyeur; auch das ist eine bittere Medizin, die Richard Laymon großzügig austeilt.

Richard Carl Laymon wurde 1947 in Chicago, Illinois, geboren, wo er auch aufwuchs. Ein Studium in Englischer Literatur begann er an der Willamette University, Oregon, und schloss es mit einem Magistertitel an der Loyola University, Los Angeles, ab. Anschließend arbeitete Laymon u. a. als Schullehrer, Bibliothekar sowie Rechercheur für eine Anwaltskanzlei.

Als Schriftsteller debütierte Laymon 1980 mit den Psychothrillern „Your Secret Admirer“ und „The Cellar“ (dt. „Haus der Schrecken“). In den folgenden beiden Jahrzehnten veröffentlichte er mehr als 60 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Dabei beschränkte er sich nicht auf die Genres Horror und Thriller, sondern schrieb u. a. auch Romanzen oder Westernromane. Laymons Erfolg hielt sich in den USA lange in Grenzen; seine eigentliche Fangemeinde hielt ihm in Europa die Treue. Dafür dürften seine ungeschminkt derben und an blutigen Effekten nicht sparenden, die puritanische Sexfurcht der US-Gesellschaft ignorierenden und anklagenden Geschichten verantwortlich sein. Dennoch wurden Laymon-Werke mehrfach für renommierte Buchpreise nominiert. Im Jahre 2000 wurde „The Travelling Vampire Show“ mit dem „Bram Stoker Award“ für den besten Horrorroman des Jahres ausgezeichnet.

Den Preis konnte Richard Laymon nicht mehr selbst in Empfang nehmen. Er starb völlig überraschend am 14. Februar 2001 an einem Herzanfall. Über sein Leben, vor allem jedoch über sein Werk informiert die Website http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm.

http://www.heyne-hardcore.de

John Sandford – Tödliches Netz

Sein enormes Fachwissen sollte Jack Morrison in den Dienst der Firma AmMath stellen, die Verschlüsselungs-Software für die US-Regierung herstellt und dabei einige Schwierigkeiten hat. Da man in seiner Person auch einen notorischen Hacker engagiert hat, ist es kaum verwunderlich, dass Morrison neugierig einen intensiven Blick auf besagte Software wirft und erkennt: Hier entsteht etwas ganz und gar Illegales. Das hätte er besser gelassen, denn Sicherheitschef St. John Corbeil fackelt nicht lange mit Schnüfflern. Morrison wird ermordet, sein Tod als missglückter Überfall eines bewaffneten Datendiebes ausgegeben. Er ist nicht der erste Pechvogel seiner Branche, der auf diese Weise endet.

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McCrery, Nigel – Fremde ohne Gesicht , Die

Dr. Samantha Ryan, gerichtsmedizinische Gutachterin und Pathologin in der englischen Universitätsstadt Cambridge, wird an den Schauplatz eines Prominentenmordes gerufen. Das Opfer: Sophie, Gattin des Unterhausabgeordneten John Clarke. Erdrosselt liegt sie nackt und gefesselt auf ihrem Bett. Die Medien belagern die Stätte und belauern die ermittelnden Beamten. Ein Skandal liegt in der Luft, und vielleicht lässt sich den prominenten Beteiligten sogar quotenförderlich am Zeug flicken!

Zumal sich ausgerechnet Detective Sergeant Stanley Sharman für diesen Fall interessiert. Er ist ein ausgezeichneter Polizist, dessen Privatleben jedoch ein Trümmerfeld ist. Außerdem unterliegt er einem Drang zur beruflichen Selbstzerstörung. Gern würde ihn Superintendent Tom Adams endgültig kaltstellen. Er lässt ihm einen Fall weit ab vom Clarke-Getümmel übertragen: Auf einer wilden Müllkippe wurde eine skelettierte Leiche gefunden. Ein Fixer, der sich hier den „goldenen Schuss“ gesetzt hat, so heißt es.

Doch schon wieder muckt Sharman auf. Einige Indizien am Fundort deuten für ihn auf Mord hin. Da es kein Geld und keine Leute gibt, versichert sich Sharman der Unterstützung Sam Ryans, die selbst ein Hühnchen mit Adams zu rupfen hat, der bis vor einiger Zeit ihr Lebensgefährte war und sie dann für eine andere Frau verließ. Seitdem herrscht Krieg zwischen dem Superintendent und der Pathologin, der zum Tagesgespräch in den Revieren und Seziersälen von Cambridge geworden ist.

Dass Sharman Recht hat und dies dank Ryans Hilfe beweisen kann, fördert die Harmonie keineswegs. Schlimmer noch: Sharman mischt sich weiterhin auch in den Clarke-Mordfall ein. Dort hat ein anonymer Tipp inzwischen zur Festnahme des Assistenten von John Clarke geführt. Seine DNS wurde an der toten Sophie festgestellt. Sharman glaubt an ein Komplott, das der Polizei einen Sündenbock präsentieren soll. Zu seinem Schrecken muss Adams feststellen, dass dies zutreffen könnte.

Unverdrossen setzen Sharman und Ryan – inzwischen unterstützt von Sharmans Freundin, einer Prostituierten, und einem unternehmungslustigen Kunststudenten – ihre „inoffiziellen“ Ermittlungen fort. Sie locken nicht nur einen völlig neuen Verdächtigen aus seiner Deckung, sondern stoßen auf Verbindungen zwischen der Toten auf der Müllkippe und der ermordeten Sophie. Dahinter stecken Leute, die viel zu verlieren haben und wenig Rücksicht kennen. So wird aus der Suche nach der Wahrheit für Sam Ryan und ihre Mitstreiter bald ein Kampf ums Überleben, den einige Teilnehmer verlieren werden …

Zwei Morde und ihre Aufklärung – so lässt sich der Plot dieses vierten Abenteuers um die Pathologin Samantha Ryan zusammenfassen. Nichts Originelles also, aber das ändert sich rasch (auch wenn sich Verfasser McCrery da eher auf dem Holzweg befindet; dazu später Näheres). Die Hindernisse, die einer raschen Aufklärung entgegenstehen, sind primär hausgemacht: Wie die Kesselflicker raufen Kriminalpolizei, Politik und Medien. Die einen treiben Ehrgeiz und Profilsucht zur möglichst raschen Aufklärung, die anderen fürchten genau das, denn es gilt noch einige Tatsachen zu vertuschen, die kein gutes Licht auf manchen Beteiligten werfen.

Ein Prominentenmord ist kein einfacher „Fall“, das macht Nigel McCrery uns deutlich. Da ergeben sich Möglichkeiten und Gefahren, Seilschaften werden aktiviert, alte Gefälligkeiten eingefordert, neue Mauscheleien in Gang gesetzt. Wehe dem, der sich in dieser Schlangengrube „nur“ als Ermittler sieht, der vor allem das Verbrechen klären will. Wie das zu geschehen hat, das wird „von oben“ diktiert!

Diese internen Querelen zu verfolgen, ist mindestens ebenso spannend zu beobachten wie die Art und Weise, wie sich Sam Ryan und Stanley Sharman unbeirrbar auf ihren Kreuzzug für Gerechtigkeit begeben. Das ist gut so, denn mit fortschreitender Handlung wird diese leicht fadenscheinig. Die Verknüpfung des Clarke-Mords mit dem Leichenfund auf der Müllkippe ist schon konstruiert genug. Dann bastelt McCrery noch eine gar schröckliche Brücke zum Klischee-Grusel Snuff-Porno, der sich hier publikumswirksam mit dem realen Balkangrauen der unmittelbaren Vergangenheit verleimen lässt.

Die vom Verfasser gelieferten „Erklärungen“ überzeugen nicht. McCrery setzt den Plot endgültig mit einer Last-Minute-Entlarvung des Mörders in den Sand, die so unvermittelt wie lächerlich in Szene gesetzt wird. Glücklicherweise sind wir da bereits auf den letzten Seiten. Die bis dahin positive, weil spannend erzählte Story kann dadurch nur noch marginal beschädigt werden.

Der britische Kriminalroman ist mit Recht bekannt für seine gelungene Mischung aus Spannung und Alltagsrealität. Keine Deduktions-Maschinen gehen hier heldenhaft & vollautomatisch ihrem Job nach. Menschen sind es, die sich gern selbst im Weg stehen, während sich Beruf und Privatleben ständig vermischen.

Samantha Ryan ist daher ein angemessen widerborstiger Charakter. (So muss man es wohl im Zeitalter glatt gebügelter Ermittlerfiguren bezeichnen.) Sie ist ein echtes Arbeitstier und gut in ihrem Job; fast zu gut, denn sie ist sich ihres Könnens durchaus bewusst und legt großen Wert darauf, fachlich ernst genommen zu werden. Freilich neigt sie zur Kleinkrämerei. Im Kriminalroman ist das ein wertvoller Charakterzug, sticht Sam Ryan doch deshalb so manches Indiz ins Auge, das die eher nach Dienstplan agierenden Kollegen übersehen.

Dank kann Dr. Ryan dafür nur selten erwarten: Genau wie im richtigen Leben schildert Autor McCrery ein Arbeitsklima, in dem Genialität unerwünscht ist bzw. sich dem hierarchischen Denken unterzuordnen hat. Missgünstig und neidvoll beobachten die Ermittler einander. Karriere machen vor allem Streber und Arschkriecher mit den „richtigen“ politischen Verbindungen und guten Kontakten zur Presse.

Die wirklich fähigen Männer und Frauen fristen dagegen allzu oft ein frustriertes Berufsleben im Verborgenen. Stanley Sharman ist so ein Quertreiber, der sich einfach nicht anpassen kann und will. In einem US-amerikanischen Kriminalroman würde man so eine Figur vermutlich nicht entdecken: ein ruppiger, ständig die Konfrontation suchender Polizist, der privat in eine bizarre Liebesgeschichte mit einer Nutte verwickelt ist, woraus er nicht einmal einen Hehl macht. Sam Ryan leidet hingegen noch immer unter den Nachwirkungen einer hässlich gescheiterten Liebesbeziehung zu Superintendent Tom Adams, mit dem sie zur engen Zusammenarbeit gezwungen und sich dabei für eine hässliche Privatfehde keineswegs zu schade ist.

Die ständigen Streitigkeiten zwischen den handelnden Personen wirken keineswegs – auch hier ist McCrery lobenswert realistisch – katalytisch auf die Ermittlungen. Stattdessen zermürben sie und binden Energie, die besser in die Suche nach dem Mörder investiert werden sollte. Aber harmonisch ideensprühend funktioniert ein kriminalistisches Team halt nur in mittelmäßigen TV-Serien.

Das kriminalistische Prozedere ist gut recherchiert und dort, wo es nicht diversen dramatischen Zuspitzungen zum Opfer fällt (der Bulle & die Nutte; also bitte, Mr. McCrery!), überzeugend in der Schilderung – kein Wunder, war der Verfasser (geboren 1953 in London) doch selbst neun Jahre als Polizeibeamter tätig. Als akademischer „Spätberufener“ studierte er später in Cambridge (aha!), arbeitete dann für die BBC und entwickelte dort die Figur der Samantha Ryan. Sie sollte ihm Glück und klingende Münze einbringen, denn sie fand 1996 nicht nur ihren Weg ins Fernsehen, sondern wurde dort vor und hinter der Kamera außergewöhnlich sorgfältig und kundig in Szene gesetzt.

„Silent Witness“, eine Serie spielfilmlanger, lose verbundener Episoden, entwickelte sich umgehend zum Straßenfeger und wird bis heute mit Amanda Burton in der Rolle ihres Lebens fortgesetzt. McCrery kam mit dem Schreiben bald nicht mehr nach, so dass andere Autoren die Drehbücher verfassten, was aber dem Erfolg keinen Abbruch tat, da es – diese Rezension hat es wohl deutlich gemacht – viele Schriftsteller gibt, die McCrery in Sachen Einfallsreichtum das Wasser reichen können.

In Deutschland wurde „Silent Witness“ ausgerechnet von RTL, dem dümmsten aller großen Privat-TV-Sender, ins Programm aufgenommen, und fiel dort lange wohl nur den hartgesottensten Krimifreunden auf. Auch den Büchern zur Serie war das Schicksal zunächst wenig hold, wurden sie doch im |vgs|-Verlag, der sich auf Reißbrett-Romane zu billigen TV-Serien spezialisiert hat, deutlich unter Wert verheizt. Nun geschieht den Bänden zumindest im Taschenbuch Gerechtigkeit – eine Chance, die der Krimifreund nutzen sollte!

Denn Nigel McCrery zeigt sich ungewöhnlich anpassungsfähig. Wie viele Kriminalrätsel kann das beschauliche Cambridge noch hergeben? Mit wem kann sich Sam Ryan noch verkrachen? McCrery mag kein begnadeter Autor sein; er ist sich jedenfalls der Tatsache bewusst, dass er sich zu wiederholen beginnt. „Die Fremde ohne Gesicht“ legt daher das Fundament für jene Veränderungen, die in der „Silent Witness“-TV-Serie, die nach den Romanen entsteht, bereits vollzogen wurde: Dr. Ryan zieht einen Strich, kündigt ihren Job und geht nach London. Ein neuer „Spielplatz“ mit neuen Möglichkeiten tut sich damit auf.

http://www.piper.de

Indriðason, Arnaldur – Engelsstimme

Der Dezember in einem noblen Hotel in Reykjavík bringt für die Angestellten viel Stress, denn zur Weihnachtszeit zieht es viele ausländische Besucher in die winterliche Hauptstadt des Inselstaates Island unweit des Nordpolarkreises. Am Pol selbst soll ja der Sage nach der Weihnachtsmann seine Werkstatt eingerichtet haben. In besagtem Hotel übernimmt diese Rolle indes seit vielen Jahren Guðlaugur Egilsson, der Portier und Hausmeister. Dieses Jahr fällt sein Auftritt freilich aus; man findet ihn erstochen in seinem kleinen Kellerzimmer, oberhalb der Gürtellinie bereits in seinem ehrwürdigen Kostüm, unterhalb allerdings nur mit einem Kondom „bekleidet“.

Kommissar Erlendur Sveinsson übernimmt den Fall. Zum Unmut des Managers quartiert der unkonventionelle Polizist sich sogar im Hotel ein. So erfährt er von recht unsauberen Umtrieben hinter den Kulissen des gar nicht so feinen Hauses. Prostituierte sollen hier mit Billigung der Geschäftsleitung ihrem Job nachgehen, die Angestellten angeblich kräftig in die eigenen Taschen wirtschaften. Guðlaugur wusste davon und damit womöglich zu viel.

Erstaunliches kommt außerdem über die Vergangenheit des Portiers zum Vorschein: Guðlaugur war als Kind ein berühmter Sänger, gesegnet mit einer wahren Engelsstimme. Seine viel versprechende Karriere wurde vom Stimmbruch abrupt beendet; ein Erlebnis, das Guðlaugur niemals verwunden und das ihn seiner Familie entfremdet hat. Nur zwei Schallplatten hat er vor Jahren aufgenommen, die heute gesuchte Sammlerstücke sind. Erlendur lernt im Hotel den Briten Wapshot kennen, der fanatisch nach Guðlaugurs Werken fahndet und diesem bereits viel Geld gezahlt hatte. Kam es darüber zum Streit zwischen den beiden Männern? Wapshot belügt Erlendur und versucht Island heimlich zu verlassen. Das macht ihn zu einem weiteren Verdächtigen.

Die Wahrheit entspricht wie so oft nicht dem, was die Indizien versprechen. Erlendur und seine Kollegen müssen tief in das Universum der Knabensänger eindringen und entdecken dabei eine eigenartige Kunstwelt, deren „Gesetze“ jedoch nicht annähernd so hart und unerbittlich sind wie die Schrecken, welche die eigene Familie bereithält …

Wie in den ersten beiden in Deutschland veröffentlichten Bänden der Erlendur-Serie – in Island duzen sich die Menschen und sprechen einander mit Vornamen an – geht es in „Engelstimme“ um Rätsel der Vergangenheit. Dass diese in Arnaldurs Island besonders akut bleibt, mag an der konservierenden Frische der Nordmeerinsel liegen, die als Kulisse durch den drastischen Kontrast zwischen der Zivilisation des 21. Jahrhunderts und der archaischen Wildheit einer Insel im Grenzbereich der menschlichen Existenztoleranz weiterhin reizvoll neu wirkt. Die Natur beginnt nicht nur unmittelbar hinter den Ortsgrenzen, sie ist auch von einer Kompromisslosigkeit, die dem modernen Menschen im Grunde fremd ist: Auf Island ist es leicht möglich, während eines Winterspaziergangs „verloren“ zu gehen; Kommissar Erlendur hat es selbst erlebt (s. u.).

Islands Abgeschiedenheit verstärkt die Sonderrolle: Die Bewohner der Insel sind auch heute noch weitgehend unter sich. Im Vergleich mit Ländern vergleichbarer Größe ist die Zahl der Bewohner gering; sie konzentriert sich zudem in Dörfern und „Städten“, die anderenorts kaum als solche bezeichnet würden. Selbst Reykjavík, die Hauptstadt, bringt es auf gerade 115.000 Einwohner. Man kennt zwar einander nicht persönlich, aber man läuft sich immer wieder über den Weg. In diesem recht übersichtlichen Umfeld gären ungelöste Konflikte deshalb gut, bis sie den Deckel sprengen – das ist oft der Zeitpunkt, an dem Kommissar Erlendur und seine Kollegen ins Spiel kommen müssen.

Viel „geschieht“ nicht in dieser Geschichte – dies gilt jedenfalls, wenn man einen Krimi am Faktor „Action“ misst. Die Dramatik liegt im Denken und Handeln der Figuren. So kann ein scheinbar simpler Mord aus Leidenschaft in eine griechisch anmutende Tragödie ausarten, die immer mehr Personen in ihren unheilvollen Bann zieht. Geradezu lawinenhaft vermehren sich dabei die begangenen Verbrechen. Zum Mord gesellen sich Betrug, Diebstahl, Misshandlung, Kinderpornografie – ist die Dose der Pandora erst einmal geöffnet, ergießt sich ihr Inhalt unbarmherzig über die allzu Neugierigen.

Guðlaugur Egilsson brachte seine Engelsstimme in eine höllische Lebenssituation. Er wurde zum „Wunderkind“ gedrillt und erlitt dadurch seelische Schäden. Als sich dann sein einzigartiges Talent verflüchtigte, zerbrach er daran, geißelte sich selbst als Versager und bestrafte sich, indem er buchstäblich von der Bildfläche in einen öden Kellerwinkel verschwand. Dies war auch der Versuch die schmerzlich gewordene Geschichte abzuschütteln, was freilich misslingen musste, denn so tief sind auch auf Island die Keller nicht, dass dich die unbewältigte Vergangenheit nicht doch irgendwann findet.

Niemand weiß dies besser als Kommissar Erlendur. Er gibt sich selbst die Schuld am tragischen Wintertod seines jüngeren Bruders, den er in Albträumen immer wieder durchleben muss und dessen Leiche nie gefunden wurde. Auch deshalb lässt er nicht locker in seinem Bemühen, das Geheimnis um Guðlaugur zu lüften. Als Kriminalist weist Erlendur darüber hinaus manische Züge auf. Die Arbeit ist sein Leben bzw. seine Chance vor dem Leben zu flüchten. Arnaldur lässt das Schicksal erneut hart zuschlagen: Erlendur ist so einsam, dass er es daheim nicht mehr aushält und lieber in ein Hotel zieht, wo er sich ebenso verzweifelt wie hoffnungslos um eine Frau bemüht. Seine Ex-Gattin hasst ihn aus tiefster Seele, seine drogenabhängige Tochter droht erneut der Sucht zu verfallen. Erlendur hat auch einen Sohn; der ist Alkoholiker.

Das ist fast schon zu viel des Depressiven, wäre da nicht Arnaldurs Kunst, die böse Realität mit sehr viel trockenem Humor darzustellen. Isländer knausern mit Worten. Was sie zu sagen haben, bringen sie möglichst auf den Punkt. Das lässt sich in wunderbaren Onelinern konzentrieren. Erlendurs Kollegen von der Kriminalpolizei sind in dieser Beziehung besonders erfinderisch. Hinter ihrem Sarkasmus verbergen sie die Seelenpein, die ihnen ihre unerfreuliche Arbeit oft beschert. Trotzdem sorgen sie für willkommene Auflockerungen, denn Erlendur, der geplagte Mann mit Charaktertiefe aber wenig Eigenschaften, wäre auf Dauer und ausschließlich als Kriminalist wohl doch schwer zu ertragen.

Im allzu Menschlichen verbirgt sich schließlich auch die Wahrheit im Mordfall Guðlaugur. Man sollte nicht versuchen, schneller zum Täter vorzudringen als Erlandur; der Verfasser spielt zwar fair, d. h. der Mörder gehört zum Kreis der handelnden Figuren, doch er denkt nicht daran, ihn durch nachträglich verdächtige Randbemerkungen anzukündigen. Wie die ganz und gar nicht kriminalistisch genial wirkende Polizei bleiben wir Leser ratlos – und sind schließlich genauso überrascht wie diese, als der Fall eine deprimierende Finalwendung nimmt.

Arnaldur Indriðason wurde am 8. Januar 1961 in Reykjavík geboren. Er wuchs hier auf, ging zur Schule, studierte Geschichte an der University of Iceland. 1981/82 arbeitete als Journalist für das „Morgunbladid“, dann wurde er freiberuflicher Drehbuchautor. Für seinen alten Arbeitgeber schrieb er noch bis 2001 Filmkritiken. Auch heute noch lebt der Schriftsteller mit Frau und drei Kindern in Reykjavík.

1995 begann Arnaldur Romane zu schreiben. „Synir duftsins“ – gleichzeitig der erste Erlendur-Roman – markierte 1997 sein Debüt. Jährlich legt der Autor mindestens einen neuen Titel vor. Inzwischen gilt er – auch im Ausland – als einer der führenden Kriminalschriftsteller Islands. Gleich zweimal in Folge wurde ihm der „Glass Key Prize“- der Skandinaviska Kriminalselskapet (Crime Writers of Scandinavia) – verliehen (2002 für „Nordermoor“, 2003 für „Todeshauch).

Drei seiner Romane hat Arnaldur selbst in Hörspiele für den Icelandic Broadcasting Service verwandelt. Darüber hinaus bereiten die isländischen Regisseure Baltasar Kormákur bzw Snorri Thórisson Verfilmungen von „Nordermoor“ bzw. dem Thriller „Napóleonsskjölin“ (Operation Napoleon), den Arnaldur 1999 schrieb, vor.

Die Erlendur-Romane erscheinen gebunden und als Taschenbücher im (|Bastei-)Lübbe|-Verlag:

(1997) [Menschensöhne 1217 („Synir duftsins“) – TB Nr. 15530
(1998) „Dauðarósir“ (noch nicht in Deutschland erschienen)
(2000) [Nordermoor 402 („Mýrin“) – TB Nr. 14857
(2001) [Todeshauch 856 („Grafarþögn“) TB Nr. 15103
(2002) [Engelsstimme 721 („Röddin“) – TB Nr. 15440
(2004) [Kältezone 2274 („Kleifarvatn“)
(2006) „Vetraborgin“ (noch nicht in Deutschland erschienen)

Cook, Robin – Experiment, Das

1692: In Salem bricht eine Hexenhysterie aus, als einige Bewohner drastische Verhaltensveränderungen durchmachen. Sechs Frauen werden als Hexen verurteilt und finden im Juli ihren Tod durch Erhängen. Eines dieser Opfer ist die junge Elisabeth Stewart, die aufgrund eines eindeutigen Beweises überführt und im Laufe der Jahrhunderte aus sämtlichen geschichtlichen Aufzeichnungen gestrichen wird.

Im Jahre 1994 findet sich die Krankenschwester Kimberly Stewart durch ihren Cousin Stanton mit den Ereignissen von 1692 konfrontiert. Zusammen mit ihrem Bruder hat Kim das alte Anwesen der Stewarts geerbt – das Cottage, in dem Elisabeth lebte, und die Burg, das spätere Herrenhaus der Familie. Da die Geschichte der verurteilten Vorfahrin innerhalb ihrer Familie schon immer als Tabu galt, erwacht die Neugier in der jungen Frau, welches Beweisstück unwiderlegbar für den Pakt mit dem Teufel gesprochen haben soll. Der Hirnforscher Edward Armstrong ist begeistert von ihren Nachforschungen und glaubt, die damaligen Vorfälle könnten durch einen Pilz entstanden sein, der damals in Salem gewachsen und in die Nahrung gelangt sein könnte.

Im Bemühen, Elisabeth zu rehabilitieren, nimmt Kim die Sichtung von unzähligen Papieren und Dokumenten in Angriff, die in der Burg seit Jahrhunderten unberührt lagen, und lässt Edward Bodenproben entnehmen, um Spuren eines möglichen Pilzes zu finden. Diese findet er auch. Von seinem Erfolg angespornt, züchtet er eine neue Kultur des Pilzes heran und schreckt auch davor nicht zurück, ihn an sich selbst zu testen, um seine Toxizität festzustellen. Das Ergebnis ist für den Wissenschaftler der Garant für ein neues Medikament, denn außer ein paar wenigen Halluzinationen führt der Stoff zu keinen negativen Reaktionen. Im Gegenteil, er löst Ängste und Depressionen in Rauch auf, stärkt das Selbstbewusstsein, erhöht den Energiehaushalt des Körpers und reduziert das Schlafbedürfnis auf ein Minimum von vier bis fünf Stunden pro Nacht. In völliger Besessenheit stürzt er sich in die weitere Erforschung des Pilzes und schafft es, diesen so zu verändern, dass die halluzinative Wirkung ausbleibt. Daraufhin lässt er durch Kims Cousin ein Labor einrichten, um Ultra, das neue Wundermittel, zu produzieren.

Inzwischen stößt Kim auf Hinweise, dass der Pilz tatsächlich im 17. Jahrhundert zu dramatischen Erkrankungen geführt hat und dass auch das ungenannte Beweisstück gegen Elisabeth irgendetwas damit zu tun haben muss. Trotz ihrer Versuche gelingt es ihr nicht, Edward davon zu überzeugen, das Mittel nicht vor Abschluss aller Tests selbst zu nehmen. Unter Zeitdruck und im Glauben, Ultra verursache nur Positives, nehmen der Wissenschaftler und seine neu eingestellte Crew das Mittel ein, dessen grauenhaften Auswirkungen sich erst allmählich bemerkbar machen und Salem erneut in Hysterie versetzt …

Ich habe dieses Buch gerne gelesen. „Das Experiment“ bietet eine spannende Mischung aus Medizinthriller und historischen Romanelementen, die zum größten Teil kurzweilig und unterhaltsam den Leser mitnimmt und ihn im zweiten Teil auch ein ganz kleines bisschen das Gruseln lehrt.

Medizinthriller zählen normalerweise nicht zu meinem erstgewählten Lesestoff, aber bei „Das Experiment“ verhält es sich doch etwas anders. Erstens sind die fachlichen Ausführungen gut verständlich (auch für Laien) und zweitens würde es ohnehin keine große Rolle spielen, wenn man sie nicht verstehen oder überlesen sollte, denn die Story an sich funktioniert auch prima ohne sie. Dafür ein Lob von mir an Autor Robin Cook, der aufgrund seiner Absolvierung der medizinischen Fakultät der Columbia University New York gerade diesen Aspekt viel massiver hätte anpacken können.

Stattdessen hat sich der Bestseller-Autor genauso viel Mühe bei den Charakteren und Schauplätzen gegeben, die den Roman sehr lebendig gestalten. Angefangen im Jahre 1692, lernen wir die eigentliche Hauptperson des Buches bereits mitten in ihrem Schicksal kennen: die energische, durch und durch sympathische Elisabeth Stewart auf dem Weg in ihr Verhängnis – umringt von Kindern, von denen eines die ersten Symptome der Pilzvergiftung in ihrem Haus durchleben muss. Ihr Mann weilt auf Geschäftsreise, sie kümmert sich nicht nur um Haushalt und die Kinder, sondern vermehrt ungerührt das Grundstücksvermögen der Familie in einer Zeit, in der Frauen die Geschäftsfähigkeit abgesprochen wird. Sie überlegt sich Lösungen für die herrschende Hungersnot und leistet Hilfestellungen für von Indianern überfallene Familien. Eine Frau also, die ihrer Zeit nicht nur weit voraus ist, sondern die sich auch gern Feinde mit ihrer direkten und offenen Art macht.

Zugegeben, ohne solch eine Person verlieren derlei Geschichten ihren Reiz, denn wer liest schon gerne darüber, dass eine Frau als Hexe verurteilt wird, weil sie wirklich ein ganz und gar unausstehliches, böses und kriminelles Weibsstück ist? Trotzdem ist Elisabeth mehr als nur ein armes, unschuldiges Opfer, das einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist – sie ist in der Tat der Auslöser der Tragödie. Und wie heißt es so schön: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Nun gut, der Leser empfindet trotzdem Mitleid mit ihr, und das ist gut so, denn ansonsten könnte man das Buch nach knapp vierzig Seiten weglegen und sich ein neues suchen. Und da die Person der Elisabeth nicht der einzige Grund zum Weiterlesen ist, möchte ich ebenfalls erwähnen, dass auch durchaus die anderen Charaktere – allen voran Kim und Edward – ihr Durchschreiten der Handlung mitreißend und spannend in Szene setzen.

Das Ganze runden die schön herausgearbeiteten Schauplätze ab, denn die Beschreibungen der Burg mit ihren Kellern und Sälen versetzten mich mitten ins Mittelalter und ließen meinen Kindertraum neu erwachen, in solch einem Gebäude einen Berg von Aufzeichnungen aus vergangener Zeit zu finden. Und so habe ich Kims Wühlen in den unermesslichen Schätzen des alten Gemäuers geradezu verschlungen und konnte ihre Aufregung nur zu gut nachvollziehen. Vor allem das letzte Drittel des Romans – die Auflösung des dubiosen Beweisstückes und des Wirkens von Ultra – ließ mich im Lesen kaum noch innehalten, und erfreulicherweise wurde ich nicht davon enttäuscht. Alles klärt sich in mehr oder weniger glücklicher Fügung auf und Elisabeth fordert ungeschönt noch mehr Mitleid, aber das darf jeder gerne selbst herausfinden. Ich empfehle es sogar!

Am Schreibstil gibt es ebenfalls nicht wirklich viel zu meckern. Ab und an verfällt Cook zwar in ganz simpel gestrickte Erzählsätze, aber das tut der Stimmung wahrlich keinen Abbruch und kommt erfreulicherweise auch nur ab und an vor.

Fazit: ein spannender Ausflug in die Welt der Wissenschaft, mit faszinierenden Abstechern in die Zeit der Hexenmythologie! Auf jeden Fall lesenwert!

Laymon, Richard – Rache

Los Angeles im Hochsommer: In der Stadt herrscht eine erdrückende Hitze, Buschbände wüten am Rand, Sirenengeheul tönt durch die heißeste Nacht des Jahres. Das junge Pärchen Sherry und Duane verbringt den Abend in Duanes Wohnung. Die beiden sind seit ein paar Wochen zusammen. Sherry arbeitet als Aushilfslehrerin, Duane handelt mit alten Büchern. In dieser Nacht wollen sie zum ersten Mal miteinander schlafen – doch es fehlen die Kondome. Sherry ist eine Gesundheitsfanatikerin und hat Angst vor AIDS, also zieht sich Duaine schnell etwas über und fährt zwei Blocks weiter, um welche zu kaufen. In spätestens zehn Minuten will er wieder da sein. Sherry wartet und lenkt sich ab. Nach einer Dreiviertelstunde ist Duane aber immer noch nicht zurück. Sherry wird immer nervöser. Sie fürchtet, dass ihrem Freund im nächtlichen L.A. etwas zugestoßen ist. Schließlich verlässt sie seine Wohnung und geht selber zum Speed-D-Markt.

Auf dem Parkplatz steht Duanes weißer Lieferwagen, doch von ihm fehlt jede Spur. Der Verkäufer bestätigt, dass er ihn vor einer Weile bedient hat, kann jedoch nicht sagen, wohin er gegangen ist. Während Sherry ratlos überlegt, was sie tun soll, spricht sie ein etwa achtzehnjähriger Junge an. Toby gehört zu den Schülern, die sie kürzlich aushilfsweise unterrichtet hat. Er kann sich noch gut an sie erinnern und erzählt obendrein noch, dass er Duane gesehen hat, wie er mit einem Mann in die entgegengesetzte Richtung verschwand. Kurzerhand bietet Toby Sherry seine Hilfe an. Der schüchterne, dickliche Junge erscheint ihr harmlos, dazu beschäftigt sie die Sorge um ihren Freund. Sie steigt in seinen Wagen und sie fahren durch die Nacht, auf der Suche nach Duane.

Sherry ahnt jedoch nicht, dass es kein Zufall ist, dass Toby sie mitgenommen hat. Sie ahnt auch nicht, dass er alles andere als ein harmloser Schüler ist. Stattdessen hat Toby einen perversen Plan, was er mit Sherry anstellen will …

Während Richard Laymon in Amerika den Ruf eines Kultautors besitzt, ist er hierzulande noch eher unbekannt. Das ändert sich möglicherweise in Zukunft, denn nach und nach werden auch seine älteren Werke inzwischen auf Deutsch übersetzt.

|Hardcore ja, Splatter nein|

Dass „Rache“ in der neuen |Hardcore|-Reihe von |Heyne| erscheint, deutet bereits an, womit der Leser rechnen darf: Viel Gewalt und brutale Handlungen, ohne Beschönigungen und viel Drumherumgerede. Diese Rechnung geht auch auf, aber wer wiederum ein Gemetzel oder puren Splatter erwartet, wird enttäuscht. Zwar gibt es tatsächlich ein, zwei harte Szenen, bei denen man als Leser ein mulmiges Gefühl in der Magengrube bekommt, vor allem wenn empfindliche Körperstellen wie Augen oder Ohren traktiert, Gegenstände wie Bohrmaschinen und Schraubenzieher ganz plötzlich zweckentfremdet werden und ein Anflug von Kannibalismus ins Spiel kommt.

Der Antagonist der Story, der kleine Perversling Toby, ist äußerst phantasievoll, wenn es darum geht, seine Opfer zu quälen und schließlich auch zu töten. Allerdings übertritt der Autor hier keine Grenze, die versierte Horrorleser nicht auch schon von anderen Werken gewohnt sein dürften. Auch die bekannten Vertreter wie Stephen King oder Dean Koontz scheuen sich nicht, die eine oder andere Gewaltszene detailliert zu beschreiben, in einigen ihrer Romane geht es sogar noch um einiges blutiger zu als hier. Der Roman ist mitnichten eine Aneinanderreihung von Abscheulichkeiten, sondern setzt seine Brutalismen gezielt und bewusst an die den passenden Stellen ein. Mehr noch – in manchen Szenen verzichtet der Autor sogar darauf, eine explizite Schilderung folgen zu lassen und überlässt stattdessen der Phantasie des Lesers die Ausmalung der grausigen Details.

|Mitreißender Beginn|

Der Anfang des Buches reißt den Leser direkt hinein ins Geschehen. Ohne Umschweife wird man mit Sherry und Duane konfrontiert, die wie das nette Pärchen von nebenan wirken und grundsätzlich sehr sympathisch sind. Die Atmosphäre transportiert das nächtliche Los Angeles über die Buchseiten hinaus zum Leser. Man spürt die Hitze, die auf den Figuren lastet, den kühlenden Wind, der durchs Fenster hineinweht, die Leidenschaft und das spielerische Necken der beiden Verliebten. Das erste Drittel des Romans ist zugleich auch das überzeugendste, was vor allem an der Identifizierung mit Sherry liegt. Die junge, äußerlich etwas burschikose Frau erscheint intelligent, humorvoll und liebenswert. Von Duane erfährt man nicht viel, aber das wenige genügt, um sich mit ihm ebenso anzufreunden.

Umso stärker kann man nachempfinden, was in Sherry vorgehen muss, als ihr Freund von seinem Kurzeinkauf nicht zurückkehrt. Die Gedanken der jungen Frau sind realistisch und genau wie sie wägt man ab, wie man in der entsprechenden Situation handeln würde: Warten, bis Duane wiederkehrt, weil ihm doch bestimmt nichts passiert sein kann in der kurzen Zeit? Oder Sorgen machen und seine Spur nachverfolgen? Immer wieder versucht Sherry, sich zu beruhigen und mit allen möglichen Tätigkeiten abzulenken. Aber jeder neue Blick auf die Uhr ist wie ein Stich ins Herz, der ihr verrät, dass irgendetwas passiert sein muss. Auch beim Leser siegt schließlich die innere Unruhe und gespannt begleitet man Sherry auf ihrer Suche nach Duane.

Die Begegnung mit Toby ist ebenfalls realistisch gestaltet. Der Leser ist durch den Klappentext vorgewarnt, doch Sherry kann man nicht verübeln, dass sie zu Toby ins Auto steigt. Als Lehrerin sieht sie in dem Jungen keine Bedrohung, sondern einen Schüler, der offensichtlich ein wenig für sie schwärmt, ansonsten aber einen durch und durch harmlosen Eindruck macht. Dazu kommt die immer größer werdende Sorge um Duane, der sich laut Toby in Begleitung eines merkwürdigen Mannes befand. Grund genug also für Sherry, auf Toby zu vertrauen, der scheinbar nicht mehr will, als ein bisschen mit einer hübschen Frau zu plaudern und mit ihr durch die Gegend zu fahren.

|Schwindende Glaubwürigkeit|

Dieser Realismus verliert sich leider im Verlauf der Handlung. Die Glaubwürdigkeit bekommt spätestens an der Stelle Risse, als Sherry erfährt, was mit Duane geschehen ist und Toby sie in seine Gewalt nimmt. Obwohl ihr jetzt sonnenklar ist, dass sie in der Hand eines perversen Mörders steckt, kommen ihr hin und wieder trocken-ironische Kommentare in den Sinn, die nicht zu ihrer Lage passen wollen. Überhaupt liegt hier ein Manko in Sherrys Charakterisierung vor, die zuvor so schön überzeugend auf den Leser gewirkt hat: Sherry präsentiert sich als erstaunlich abgeklärtes Opfer.

Sie leistet sich keinen Nervenzusammenbruch, obwohl ihr Freund soeben auf grauenvolle Weise gestorben ist, obwohl sie weitere tödliche Angriffe von Toby auf andere Menschen miterleben muss, obwohl sie beständig in Lebensgefahr schwebt und keine Rettung zu erwarten ist. Im Gegenteil nutzt sie jede Gelegenheit, um vor ihrem Peiniger zu schauspielern und Toby phasenweise vorzutäuschen, dass sie ganz auf seiner Seite ist, um ihn vor weiteren Quälereien abzuhalten. Die Wirksamkeit dieses Plans steht außer Frage, aber es ist unwahrscheinlich, dass ein Opfer sich tatsächlich so sehr zusammenreißen kann, um seinen Peiniger zu täuschen. Natürlich muss nicht jede Frau zwangsläufig in wilde Hysterie ausbrechen, aber diese Reaktion erscheint uns etwas zu nüchtern.

Mangelnde Glaubwürdigkeit muss man auch anderen Charakteren vorwerfen, die im weiteren Verlauf auftauchen. Die beiden halbstarken Teenager Pete und Jeff, die in der zweiten Romanhälfte eingeführt werden, reagieren ebenfalls unnatürlich gelassen auf die plötzliche Konfrontation mit einer Leiche und einem verrückten Mörder. Wenn man bei Pete immerhin noch einige Zweifel erkennt, so erscheint Jeff dagegen als übertrieben cooler Möchtegernheld, der sich nichts sehnlicher wünscht als eigenhändig auf Killerjagd zu gehen und sich dabei grenzenlos überschätzt. Jungs in diesem Alter mögen sicherlich einen härteren Ton anschlagen und sich bisweilen unsensibler benehmen, aber hier wird zumindest einer von ihnen überstilisiert zum Klischee eines lüsternen Playboys, den eine nackte Frauengestalt elektrisiert – auch wenn es sich dabei um eine Leiche handeln sollte.

Wie Darsteller eines C-Movies agieren leider zum Teil auch die Freunde von Brenda, Sherrys Schwester, die im letzten Drittel des Romans zu Tobys Zielscheibe wird. Im Gegensatz zu Sherry reagiert Brenda angemessen auf die katastrophalen Geschehnisse, aber von ihrer Clique kann man das kaum behaupten. Mit einer Portion Wohlwollen könnte man über diese Schwäche noch hinwegsehen. Wirklich störend ist aber eine Nachlässigkeit, die sich Toby erlaubt und die ihn in eklatante Schwierigkeiten bringt. Anstatt zu kontrollieren, ob eines seiner Opfer wirklich tot ist, entlässt er es unabsichtlich in Freiheit – ein Lapsus, der sehr konstruiert wirkt und den Zufall und das Glück überstrapaziert.

|Hohes Tempo in Handlung und Stil|

Ein Pluspunkt ist der locker-flüssige Stil, der sich problemlos lesen lässt und keine Konzentrationsanforderungen stellt. Trotz eines Umfangs von immerhin gut 550 Seiten lässt sich der Roman in ein oder zwei Tagen verschlingen. Laymon vermeidet Abschweifungen oder unnötige Ausführlichkeit. Der Stil passt ideal zum hohen Handlungstempo, reißt mit, sodass man in kürzester Zeit von Seite zu Seite fliegt. Bis zum Schluss darf man sich nicht sicher sein, wer das Killerszenario überlebt. Nach dem Lesen verflüchtigt sich der Eindruck jedoch recht bald wieder. Wenn die Reaktionen der Charaktere nicht teilweise so unrealistisch wären, hätte Laymon hier einen fulminanten Horrorthriller abliefern können. So allerdings bleibt nur ein ordentlicher Hardcore-Schmöker, in dem nur teilweise umgesetztes Potenzial schlummert.

_Fazit:_ Ein junger Mann verschwindet, seine Freundin macht sich auf die Suche und fällt dabei in die Hände eines Psychopathen – vor allem Fans von rasanten Thrillern, die nicht mit Gewaltschilderungen geizen, kommen hier auf ihre Kosten. Nach einem sehr überzeugenden Beginn schleichen sich leider nach und nach Schwächen in die Handlung ein, vor allem in Punkto Glaubwürdigkeit der Figuren. Wer Abwechslung zu den bekannten Stars der Branche wie Stephen King oder Dean Koontz sucht, findet mit diesem Roman vielleicht kein Highlight, aber eine unterhaltsame Alternative.

_Der Autor_ Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und ist einer der meistverkauften Horrorautoren der USA. Er studierte englische Literatur und arbeitete unter anderem als Lehrer und Bibliothekar, ehe er sich dem Schreiben widmete. Im Jahr 2001 verstarb er überraschend früh und hinterließ eine Reihe Romane, die vor allem wegen ihrer schnörkellosen Brutalität von sich Reden machten. Nur ein kleiner Teil davon ist bislang auf Deutsch erhältlich. Zu seinen weiteren Werken zählen u.a. „Parasit“, „Im Zeichen des Bösen“ und [„Vampirjäger“. 1138 Für diesen Sommer ist in der |Heyne Hardcore|-Reihe noch „Die Insel“ geplant.
Mehr über ihn auf seiner offiziellen [Homepage.]http://www.ains.net.au/%7Egerlach/rlaymon2.htm

http://www.heyne-hardcore.de

James, Peter – Mein bis in den Tod

Faith Ransome könnte eigentlich glücklich sein: Seit über zehn Jahren ist sie mit dem erfolgreichen Schönheitschirurgen Ross verheiratet, ihr kleiner Sohn Alec ist ihr ganzer Stolz, sie lebt in guten finanziellen Verhältnissen und ist attraktiv. Doch hinter der schönen Fassade ist Faith zutiefst unglücklich. Schon seit Jahren ist Ross nicht mehr der Mann, den sie mal geheiratet und geliebt hat. Nach außen hin präsentiert er sich als perfekter Ehemann, aber gegenüber Faith ist er kompromisslos, hartherzig und bestimmend. Jede kleine Nachlässigkeit im Haushalt bringt ihn in Rage. Faith muss stets perfekt gestylt und gekleidet sein, alles hat sich seinem Tagesrhythmus anzupassen. Sein Drang zu immer neuen Schönheitsoperationen an ihrem Körper verunsichert sie. Immer größer wird ihre Angst, dass er eines Tages auch Gewalt anwendet. Sie denkt an Scheidung, doch sie befürchtet, dabei ihren Sohn an Ross zu verlieren. Alex zuliebe, der sehr an seinem Vater hängt, versucht sie, den Schein zu wahren.

Auf einem Geschäftsessen von Medizinern begegnet Faith dem Arzt Oliver Cabot. Der sensible Mann mit den grauen Haaren ist ihr sofort sympathisch, was auf Gegenseitigkeit beruht. Bald darauf begegnen sich die beiden beim Einkaufen wieder. Faith ist fasziniert von der Ruhe und der Sicherheit, die der Alternativmediziner ausstrahlt. Bei ihm findet sie die Geborgenheit, die ihr in der Ehe mit Ross schon so lange fehlt. Oliver wiederum, dessen Ehe nach dem Tod seines Sohnes scheiterte, fühlt sich zum ersten Mal seit Jahren wieder zu einer Frau hingezogen.

Währenddessen erleidet Faith immer wieder Schwächeanfälle. Auf Drängen ihres Mannes lässt sie sich von ihrem Hausarzt untersuchen. Das Ergebnis ist schockierend. Alles in Faith sehnt sich danach, ihren Mann zu verlassen und mit Oliver ein neues Leben anzufangen und mit seiner Hilfe die Krankheit zu besiegen. Doch sie ahnt nicht, dass Ross grausame Pläne schmiedet, um seine Frau für immer an sich zu binden, und dabei vor nichts zurückschreckt. Er setzt einen Privatdetektiv und einen Killer auf Oliver Cabot an. Faith und Oliver müssen um ihr Leben kämpfen …

Es ist kein neues Thema und es sind keine neuen Zutaten, die Peter James für seinen Thriller verwendet. Das Resultat ist dementsprechend ein unspektakulärer, wenngleich unterhaltsamer Roman über das alte Thema einer Ehefrau in den Händen eines Psychopathen.

|Klappentext weckt falsche Erwartungen|

Die Kurzbeschreibung des Romans erweckt den fälschlichen Eindruck, hier stünden die Operationen von Ross an seiner Ehefrau im Vordergrund, da er Faith „nach seinen Vorstellungen umoperieren“ wolle und seine Frau deshalb nach einem Ausweg sucht. Tatsächlich spielt sein Operationszwang zwar eine Rolle, doch diese ist weitaus geringer, als man zunächst annehmen würde. Ross hat in den vergangenen Jahren ein halbes Dutzend Eingriffe an Faiths Körper und Gesicht vorgenommen und drängt sie zu einer weiteren Nasenkorrektur. Faith lehnt ab, bereut bereits ihre vergangenen Operationen und fürchtet immer mehr, dass Ross nie Gefallen an ihrem ursprünglichen Aussehen empfunden hat. Doch das ist dann auch schon alles und der Roman dreht sich wieder hauptsächlich um die unglückliche Ehe, um Ross‘ Einengung und Eifersucht und Faiths Versuch, der Hölle zu entfliehen. Keineswegs ist es so, wie der Klappentext suggeriert, dass Faith speziell wegen der Schönheitsoperationen aus der Ehe ausbrechen will. Vielmehr geht es um den psychischen Druck, den ihr Ehemann anwendet, die Gewalt, zu der er schließlich greift, und ihre Gefühle für Oliver Cabot.

|Charakterisierungen mit Licht und Schatten|

Das Hauptaugenmerk liegt eindeutig auf Faith Ransome. Mit ihr soll der Leser fühlen und sich so weit als möglich identifizieren. Das gelingt vor allem zu Beginn recht gut. Faith erscheint als sympathische junge Frau, die in ständiger Angst vor ihrem Ehemann lebt. Zum Wohl ihres Sohnes, der sehr an seinem Vater hängt, stellt sie ihr Fluchtbedürfnis zurück und bemüht sich, den heilen Schein zu wahren. Ihr Leben ist bestimmt von Unsicherheit und einer drückenden Spannung. Alles in der Wohnung muss blitzblank aufgeräumt und geputzt sein, Faith selber darf keine Schlabberklamotten tragen, sondern hat stets in perfektem Dress auf ihren Mann zu warten. Dabei wendet Ross zunächst nicht einmal körperliche Gewalt an – doch alles an seinem gebieterischen Auftreten schüchtert Faith ein. In seinen gemeinen Momenten erinnert er seine Frau daran, dass erst seine geschickten Chirurgenhände ihrem Gesicht und ihrem Körper zu der Ebenmäßigkeit verholfen haben, die sie von Durchschnittsfrauen abhebt. Mit unguten Gefühlen erinnert sich Faith daran, wie Ross sie auf Kongressen als Anschauungsmodell vorgeführt hat. Einerseits sagt sie sich, dass jeder Schönheitschirurg seine eigene Frau operiert, Ross sich also völlig normal verhält. Andererseits spürt sie immer mehr, dass er nicht sie selber liebt, sondern die Idealgestalt, die er nach seinen Vorstellungen aus ihr geformt hat. Ein großes Plus bei ihrer Charakterisierung ist die Tatsache, dass der Leser gut versteht, warum sie sich nicht einfach scheiden lässt. Ihr kleiner Sohn Alec, der von der Härte seines Vaters lange Zeit nichts mitbekommt, hängt sehr an seinem Daddy, so sehr, dass sie manchmal fast neidisch auf diese traute Zweisamkeit wird. Dazu kommt noch ihre eigene Mutter, die Ross beinah wie einen Heiligen verehrt, ja selber für ihn ein klein wenig schwärmt und nichts auf ihren geliebten Schwiegersohn kommen lässt. Auch im Bekanntenkreis ist Ross nur der angesehene Arzt mit den großartigen Erfolgen. Faith ist gefangen in einer Scheinwelt, die sie immer stärker spüren lässt, dass sie eines Tages ausbrechen muss, um ihr Glück zu finden.

Ross Ransome ist dagegen ein in jeder Hinsicht zwiespältiger Charakter. Gut gezeichnet sind seine Dominanz, sein befehlendes Auftreten, das keine Widersprüche duldet und ebenso die Souveränität, die er für unwissende Außenstehende ausstrahlt. Es fällt nicht schwer nachzuvollziehen, wieso sich Faith vor ihm fürchtet und weshalb im Gegenzug niemand anderer sein krankhaftes Verhalten erkennt. Etwas gewöhnungsbedürftig aber durchaus interessant ist seine Wechselhaftigkeit. Genau wie Faith weiß der Leser nie so recht, wie Ross auf neue Ereignisse reagieren wird. Wird er seine Frau schlagen, wird er die Nerven verlieren oder versucht er, sie mit Liebesschwüren an sich zu fesseln? Alles ist möglich, denn in seinem Kopf schwebt die fixe Idee, dass Faith ihn niemals verlassen darf. So schlecht er sie auch behandelt, so sehr überschüttet er sie immer wieder mit Beteuerungen, dass sie der Inhalt seines Lebens sei. Erst nach und nach erfährt man als Leser die ganze Grausamkeit seines Denkens. Ein Mittel dafür sind die schrittweisen Enthüllungen, wenn alle paar Kapitel die Zeit zurückgedreht und in seine Kindheit geschaltet wird. Hier sieht man den kindlichen Ross, man erfährt seine familiären Hintergründe und erlebt mir, wie er schon damals zu schrecklichen Taten fähig war. Ab da ist man gewarnt, dass er in seiner Rache vor nichts zurückschrecken wird …

Insgesamt weniger glaubwürdig ist allerdings die Darstellung von Oliver Cabot. Allein sein Hintergrund ist klischeehaft: Oliver verlor seinen Sohn durch eine Krankheit und wandte sich daraufhin der alternativen Medizin zu, trennte aich von seiner Frau und lebte bis zur Begegnung mit Faith in freiwilliger Enthaltsamkeit. Oliver ist der Samariter schlechthin, der Retter von Faith Ransome in allen Lebenslagen. Bereits auf den ersten Blick erkennt er die Traurigkeit der jungen Frau hinter der aufgesetzten Maske und legt es darauf an, sie bald wiederzusehen. Faith kann von Glück reden, dass ihr ein solcher Held begegnet – aber realistisch ist es nicht. Die Zuneigung und Beziehung zwischen den beiden entwickelt sich im Eiltempo und wirkt angesichts aller schwierigen Umstände zu geschönt, um wirklich zu überzeugen.

Ein umso facettenreicherer Nebencharakter indes ist der Privatdetektiv Hugh Caven, den Ross anheuert, um Faith und Oliver zu beschatten. Caven arbeitet einerseits mit unsauberen Methoden und hat eine kriminelle Vergangenheit hinter sich, andererseits besitzt er Herz und Mitgefühl. Sein Auftraggeber ist ihm alles andere als sympathisch und bis zum Schluss darf man mitfiebern, ob sich Hugh Caven für sein Gewissen oder für das Geld entscheidet.

|Gegen Ende konstruiert|

Leider spielt der Zufall grundsätzlich eine übertrieben große Rolle. Das ist vor allem gegen Ende hin ärgerlich, als alles auf einen spektakulären Showdown hinausläuft. Ross verhält sich wie viele Klischee-Psychopathen, die ihrem Opfer genug Spielraum zur Flucht geben, anstatt kurzen Prozess zu machen. Und auch der finale Schluss verläuft etwas zu abrupt und problemlos, als seien dem Autor die Zeit und die Ideen ausgegangen, das Ende realistischer zu gestalten. Es gibt keine wirklich überraschenden Wendungen, im Grunde verläuft alles so, wie der versierte Thrillerleser es bereits nach spätestens einem Drittel des Romans vermutet. Dass man sich trotzdem gut unterhalten fühlt, liegt vor allem am Interesse an der Hauptperson, deren Schicksal den Leser gewiss nicht kalt lässt.

|Verschenkte Spannungsmöglichkeit|

Man hofft auf ein doppeltes Happy-End, denn schließlich muss Faith nicht nur gegen ihren gefährlichen Ehemann, sondern auch gegen eine unberechenbare Krankheit ankämpfen. Und hier liegt auch eine verschenkte Möglichkeit, die Spannung zu steigern. Hin und wieder wird stellenweise in die Perspektive von Ross hinübergelenkt, so dass dem Leser Einblick in seine Gedanken gewährt wird. Dadurch wird Ross in seiner Unberechenbarkeit und Undurchschaubarkeit gebremst – anstatt dass der Leser im Dunkeln gelassen wird, ist er informiert über die Denkweise von Ross und seine Pläne hinsichtlich seiner Frau. Das zeigt sich deutlich, als er von ihrer schweren Krankheit erfährt. Geschickter wäre es gewesen, hier erst einmal offen zu lassen, ob nicht Ross die Blutproben gefälscht hat oder irgendwie an ihrer Krankheit Schuld trägt.

|Flüssiger Stil|

Mehr als 550 Seiten umfasst der Roman, lässt sich aber dennoch in wenigen Tagen verschlingen. Das liegt vor allem an der schnörkellosen Schreibweise, die es dem Leser ermöglicht, der Handlung ohne Mühe zu folgen. Obwohl die Medizin einen nicht unerheblichen Raum dabei einnimmt, kommen keine Unverständlichkeiten auf. Jede Operation von Ross wird verständlich geschildert, keine Fachausdrücke halten den Lesefluss auf. Auch wenn es um Faiths Krankheit geht, wird nicht im medizinischen Fachjargon, sondern immer nachvollziehbar darüber geredet. Die Rückblicke in die Kindheit von Ross sind sehr überschaubar gehalten und sauber vom Rest der Handlung abgetrennt – man muss nicht befürchten, dass die beiden Zeitebenen durcheinander geraten oder für Verwirrung sorgen. Wer zu einem empfindlichen Magen neigt, muss sich keine Sorgen über allzu grausige Szenen machen. Selbst die gewaltvollen Stellen sind nicht übermäßig explizit gestaltet, sodass auch bei Zartbesaiteten kein Ekel aufkommt. Insgesamt ist Peter James hier ein unterhaltsamer Thriller gelungen, der sich gut als Urlaubslektüre eignet, aber nicht dauerhaft im Gedächtnis bleibt.

_Unterm Strich_ erwartet den Leser ein solider, aber in keiner Form herausragender Thriller über einen psychopathischen Arzt und eine Frau in Gefahr. Die größte Stärke liegt in der Identifizierung mit der Hauptfigur, die sich gegen ihren mörderischen Ehemann und eine tückische Krankheit gleichermaßen wehren muss. Gegen Ende verliert die Geschichte leider an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Dank des lockeren, unkomplizierten Stils ist das Buch gut zum Zwischendurchlesen geeignet.

_Der Autor_ Peter James, Jahrgang 1948, liebt Autos, Sport und alles Paranormale. Er lebte jahrelang in den USA als Drehbuchautor und Filmproduzent, ehe er wieder nach England zurückkehrte. Zu seinen Werken zählen unter anderem „Ein guter Sohn“, „Die Prophezeihung“ und „Wie ein Hauch von Eis“. Zuletzt erschien der Horror-Thriller „Stirb ewig“.

Fasman, Jon – Bibliothek des Alchemisten, Die

Im Jahre des Herrn 1154 schickt Roger II., der wissenschaftlich stark interessierte König von Sizilien, seinen Geografen al-Idrisi auf eine heikle Mission: Der arabische Gelehrte soll eine Karte der bekannten Welt zeichnen. Roger hat den richtigen Mann für diese Aufgabe gefunden. Al-Idrisi gilt nicht grundlos als genialer Forscher und brillanter Kartograph. Der König bot seinem Gast sämtliche Möglichkeiten zur Forschung. Al-Idrisi dankte es seinem Herrn mit bemerkenswerten Entdeckungen. Die Begeisterung des Arabers über den aktuellen Auftrag hält sich freilich in Grenzen. Seine Reise ist höchst gefährlich und wird ihn viele Jahre seinem Labor fernhalten.

Außerdem sind da bestimmte Experimente, über die al-Idrisi lieber schweigt. Er betätigt sich auch als Alchemist, was ihn als Magier verdächtigt machen und die gefährliche Aufmerksamkeit der Kirche wecken könnte. So hat er ein Rezept entdeckt, das sein Leben weit über das übliche Maß verlängert. Hinweise darauf geben einige Instrumente und Artefakte, die in al-Idrisis Labor zurückblieben. Dort hat sich der Dieb Omar Iblis seine Abwesenheit zu Nutze gemacht, ist in sein Labor eingebrochen und hat die unersetzlichen Objekte gestohlen. Sie werden im Laufe der nächsten Jahrhunderte vor allem in die Weiten der späteren UdSSR zerstreut.

Al-Idrisi hatte einige Alchemistenkollegen in sein Geheimnis eingeweiht. Diese gründeten einen Bund, den sie seiner Bewahrung weihten. Skrupellose Männer trugen das Verlorene wieder zusammen. Der letzte Hüter erwies sich als Verräter, was einen erbitterten Kampf im Verborgenen ausgelöst hat: Die Alchemisten wollen ihren Schatz zurück – um wirklich jeden Preis!

Von alledem ahnt der junge Paul Tomm gar nichts. Er arbeitet als Journalist für eine kleine Wochenzeitschrift, die im Städtchen Lincoln im neuenglischen US-Staat Connecticut über die alltäglichen Vorfälle in einem recht verschlafenen Ort berichtet. In dieses Muster passt Tomms aktuelle Recherche: Er soll einen Nachruf für den just verblichenen Jaan Pühapäev schreiben, der an der Universität im nahen Wickenden sehr unauffällig als Linguist und Professor für baltische Geschichte tätig gewesen ist. Tomms Interesse erwacht, als er herausfindet, dass Pühapäev weit mehr war als ein weltfremder Bücherwurm. Offenbar gehört er einem Orden oder einer Sekte an, die (s. o.) nach gewissen Objekten fahndet. Paul gerät den Alchemisten in die Quere, aber was zunächst wie die Story seines Lebens aussieht, droht ihn bald genau jenes zu kosten …

(Randbemerkung: Sage ich zu viel über die Handlung? Nun, meine Idee war es nicht, dieses Buch im Deutschen „Die Bibliothek des Alchemisten“ zu nennen und damit bereits im Titel zu verraten, wer hinter dem mysteriösen Geschehen steckt …)

Ein dunkles Geheimnis aus ferner Vergangenheit wirft in der Gegenwart bedrohliche Schatten: Auf diese wenigen Worte lässt sich der Plot von „Die Bibliothek des Alchemisten“ reduzieren. Geht man von der alten Hollywood-Weisheit aus, dass sich eine richtig gute Story auf der Rückseite einer Streichholzschachtel skizzieren lassen muss, darf man zwar nichts Neues aber trotzdem Großes = Spannendes von diesem Roman erwarten.

Es setzt auch erfreulich, wenn auch gemächlich ein. „Die Bibliothek …“ startet zwei Handlungsstränge, die zunächst nichts miteinander zu tun haben – die kommentierte Geschichte diverser Gegenstände aus al-Idrisis Labor sowie der Bericht von Paul Tomm, der von einem autobiografischen Abriss mit zahlreichen „coming of age“-Elementen langsam (sehr langsam) in eine Thriller-Handlung übergeht. Allmählich kristallisieren sich diverse Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart heraus; Verfasser Fasman weiß hier geschickt die Spannung zu schüren, indem er jedem Artefakt eine „Karteikarte“ zuordnet, die es als Museumsobjekt zu beschreiben scheint. Entscheidende Episoden aus der Historie der Stücke werden erzählt; sie enthüllen eine endlose Kette von Gräueltaten, die im Laufe von Jahrhunderten um ihren Besitz begangen werden. Diese Rückblicke bleiben unkommentiert. Wer schreibt sie, was ist der Grund? Es bleibt offen, der Leser muss sich selbst einen Reim darauf machen.

Die eigentliche Handlung ist ihm keine große Hilfe. Während Fasman die historischen Vignetten sehr gut gelingen, geht ihm im Paul-Tomm-Strang die Puste aus. Er kommt einfach nicht auf den Punkt. Mehr als hundert Seiten vergehen, ehe überhaupt etwas geschieht, das den Thriller andeutet. Leider wird das nicht besser, sondern geht ebenso behäbig weiter. Fasman scheint lieber vom Alltag eines jungen Mannes – sein Alter Ego? – zu erzählen, der nach seinem Platz in dieser Welt sucht. Die entsprechenden Fragen mögen ihn, der noch recht jung ist (Jahrgang 1975), stark beschäftigen, doch im Rahmen eines Thrillers drücken sie in dieser epischen Breite auf Tempo und Spannung. Fasman hätte lieber den Handlungsmotor mit mehr Hirnschmalz schmieren sollen: Als es endlich ein wenig lebhafter wird, wirken die Thrillerelemente hausbacken und ungelenk.

Die meisten alchemistischen Artefakte tauchen in der historischen UdSSR bzw. in deren Nachfolgestaaten auf. Das ist kein Zufall, sondern lässt sich mit Fasmans Biografie erklären; der Autor hat einige Jahre in Moskau gelebt und gearbeitet und dort auch „Die Bibliothek …“ geschrieben. Als Journalist steht er in den Passagen, die in allerlei exotischen Winkeln des versunkenen Sowjetreiches spielen, auf spürbar sicherem Boden. Hier bietet der Roman eine Qualität, die man in der Haupthandlung schmerzlich vermisst.

Als das Rätsel des Alchemisten endlich gelüftet wird, ist das Interesse an diesem Roman fast erloschen. Das letzte Kapitel schreibt Hannah Rowe – es gibt da noch eine ganze Reihe von offenen Fragen, die abschließend zu klären sind: Kein gutes Zeichen, wenn solche Erklärungen einem Roman quasi angeklebt werden. Als Leser ist man bei der Lektüre geblieben, weil man nach vielen Stunden noch wissen will, wie es ausgeht, und weil Fasman anders als allzu viele „Schriftsteller“, welche den aktuell so beliebten „Da-Vinci-Code“-Quark in den Buchläden der Welt breit treten, immerhin schreiben kann. Damit hievt der Autor sein Werk jedoch nur auf Mittelmaß: Zufriedenheit und Enttäuschung halten sich mühsam die Waage. Fasman hat sich viel vorgenommen, aber nur wenig erreicht.

Werfen wir einen näheren Blick auf die Figuren. Über Paul Tomm wurde bereits weiter oben geklagt. Dies ließe sich hier fortsetzen. Ihr Rezensent bittet Sie allerdings, ihm dies zu erlassen und zu glauben, dass Mr. Fasman die Schaffung eines jungen, unerfahrenen Charakters allzu gut gelungen, aber Paul als glaubhafter Handlungsträger kaum tauglich ist. Auch sonst treten nur Chargen auf, die mit viel Klischeewolle gestopft wurden. Väterlicher Freund des Helden, kantiger Bulle mit Herz aus Gold, schwarzhumoriger Pathologe, weltfremder Universitätsdozent … Sie alle sind fest verankert in der modernen Unterhaltung, sollten jedoch nicht so eindimensional daherkommen wie hier.

Wieso sich Hannah in Paul „verliebt“, wird uns nachträglich aufdringlich erläutert. Zu ihrem Glück ist das Opfer keine Leuchte, denn als Agentin taugt Hannah ganz sicher nicht. Damit der Leser merkt, dass sie verdächtig ist, lässt Fasman sie etwa so diskret handeln wie Mata Hari in einem Stummfilm der 1920er Jahre. Dass mit der guten Hannah Rowe, die sich so bereitwillig in Pauls Bett ziehen lässt, etwas faul ist, merkt so, wie Fasman an die Sache herangeht, selbst der inzwischen schläfrig gewordene Leser. Nur der gute Paul ist wie gesagt mit einer Blindheit geschlagen, die man ihm gern durch einen kräftigen Tritt in den Hintern austreiben möchte. Neu-England muss ein Ort sein, der dem menschlichen Verstand nicht sehr zuträglich ist …

Die Alchemisten-Schurken in unserem Spektakel konzentrieren sich glücklicherweise auf ihren Job. Sie suchen und killen und treten primär in den Rückblenden auf. Das bekommt ihnen gut, denn sie müssen nicht hilflos im Sumpf der Fasman’schen Trivialcharakterisierungen versinken. Erst im großen Finale – das sich auf eine lächerliche Prügelei und umständliches Geschwätz beschränkt – kommt der Chefgauner aus seinem Loch. Er enthüllt einen Masterplan, über dessen „Sinn“ man lieber nicht nachdenken sollte, weil man sich sonst nachträglich ärgern würde, diesem Roman so viele Stunden gewidmet zu haben, und entfernt sich zwecks weiterer Spinntrigen (aber hoffentlich nicht in Vorbereitung einer Fortsetzung!) in die weite Welt.

Jon Fasman wurde 1975 in Chicago geboren. Er wuchs in Washington, D.C., auf und studierte in Rhode Island Englische Literatur der Renaissancezeit. Anschließend arbeitete er für eine kleine Wochenzeitschrift. Die Heirat mit einer aus Russland gebürtigen Frau veranlasste ihn, dieser nach Moskau zu folgen, wo er – ein Fremder in einem fremden Land – für die „Moscow Times“, eine englischsprachige Zeitung, tätig wurde und genug Muße zur Niederschrift seines ersten Romans fand. „The Geographer’s Library“ entstand nach eigener Auskunft als Zeitvertreib und verarbeitete, was sein Verfasser über die Verhältnisse und die Geschichte seines neuen Heimatlandes lernte. Später fand das Manuskript seinen Weg zum renommierten |Penguin|-Verlag in New York, wo es 2005 als Fasmans Debütwerk erschien.

Der Autor hat Moskau inzwischen verlassen und leben in London, wo er für „The Economist“ schreibt. Er arbeitet an einen neuen Thriller mit fantastischen Elementen, der wiederum im fiktiven Wickenden spielt, das dem realen neuenglischen Providence nachempfunden wurde.

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