Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Goddard, Robert – Schatten von Aberdeen, Die

_Das geschieht:_

Nach vielen Jahren kehrt der in Kanada lebende Harry Barnett in seine englische Heimat zurück, um den Nachlass seiner verstorbenen Mutter zu ordnen. Die Einladung zu einem Treffen ehemaliger RAF-Kameraden ist ihm eine willkommene Ablenkung. Vor fünfzig Jahren hatte Harry als Soldat an einem obskuren militärischen Projekt teilgenommen: Junge Soldaten wurden in Kilveen Castle, einem unweit der schottischen Stadt Aberdeen gelegenen Außenposten der Royal Air Force, auf ihre Lernfähigkeit überprüft. Mit 14 Kameraden hatte Harry 1955 drei angenehme, weil drillfreie Monate in der alten Burg verbracht. Dorthin lädt Johnny Dangerfield, der im Ölgeschäft reich geworden ist, nun ein. Kilveen Castle wurde inzwischen zum Luxushotel umgebaut, sodass sich die im Rentenalter befindlichen Kameraden nicht lange bitten lassen.

Auch Harry fährt, obwohl er weiß, dass sein ehemaliger Freund und Geschäftspartner Barry Chipchase ebenfalls kommen wird. Nach der Pleite einer gemeinsam betriebenen Werkstatt geht man sich tunlichst aus dem Weg. Auch andere alte Kameraden hat Chipchase inzwischen um Geld geprellt, sodass Harry sich nicht wundert, dass Barry Kilveen Castle letztlich meidet.

Ohnehin ist das Treffen kein Erfolg. Schon während der Anreise verschwindet einer der alten Soldaten; seine Leiche wird später gefunden. Mord ist möglich, und als in kurzem Abstand zwei weitere Teilnehmer des Treffens sterben, wird die Polizei unangenehm. Ausgerechnet der biedere Harry wird zum Hauptverdächtigen. Zu ihm gesellt sich der aus der Versenkung aufgetauchte Chipchase. In ihrer Not tun die beiden Männer sich zusammen und stellen eigene Nachforschungen an. Sie führen in die eigene Vergangenheit zurück, die sie zu unfreiwilligen Opfer eines obskuren Experiments machte. In der Gegenwart sind die Polizei, der Geheimdienst und diverse Killer dem Duo auf den Fersen …

_Ein Buch als nicht ganz einfach zu hebender Schatz_

Die Konstruktion eines Rätsels, das auch den lese- und filmerfahrenen Zeitgenossen fesseln kann, ist im 21. Jahrhundert wahrlich kein einfaches Unterfangen. Uns wurden alle möglichen (und unmöglichen) Intrigen in unzähligen Varianten bereits präsentiert, sodass wir in der Regel wissen, wohin der Hase läuft.

Deshalb ist durchaus eine besondere Erwähnung angebracht, wenn es einem Autoren doch gelingt zu überraschen – einem Autoren zudem, der einem als Kandidat nicht unbedingt einfallen würde. Robert Goddard hat sich mit mysteriösen Ereignissen der (jüngeren) Vergangenheit, die sich in der Gegenwart meist gewalttätig zu neuem Leben melden, zwar einen Namen gemacht, der indes durch ein Zuviel an unterhaltsamen, aber zunehmend schematisch gestrickten Geschichten an Glanz verloren hat. Zumindest der Rezensent hätte Goddard ein Kabinettstück wie „Die Schatten von Aberdeen“ nicht (mehr) zugetraut!

Es zu finden, ist nicht ganz einfach, denn obwohl Goddard zu den Stammautoren des |Goldmann|-Verlags gehört, werden seine Werke optisch völlig lieblos und mit auswechselbaren Stock-Covern quasi gut getarnt in die deutschen Buchladen-Ketten gepresst.

_Menschen altern, Geheimnisse reifen_

Sehr schade ist das, denn die Geschichte vom alten Soldaten, der in eine monströse Verschwörung gerät, ist ungemein unterhaltsam. Zwar ist das dem Komplott zugrunde liegende Rätsel nachträglich betrachtet nicht gerade originell. So denkt der Leser freilich in 99 von 100 entsprechenden Fällen. Der Weg ist der Ziel, und der ist reich an scharfen Kurven und unerwarteten Hindernissen, während die Geschichte gemächlich beginnt, aber bald gefährlich an Fahrt aufnimmt. Dabei muss man mehr als einmal an Alfred Hitchcock selig und hier explizit an sein frühes Meisterwerk „The 39 Steps“ (1935; dt. „Die 39 Stufen“) denken, das ebenfalls eine wilde Flucht vor unsichtbaren, aber mörderischen Verfolgern durch schottische Moor- und Heidelandschaften und ein vertracktes Rätsel thematisiert, von dessen eigentlich unmöglicher Auflösung das Leben der ratlosen Hauptfiguren abhängt.

Auch Harry Barnett ist eine Figur, die Hitchcock gefallen hätte – ein Jedermann, der in seinem ruhigen Leben keine Turbulenzen erfahren und überstanden hat, die ihn auf das vorbereiten könnten, was ihn im Land seiner Väter erwartet. Folgerichtig ist Harry alles andere als ein Held und – obwohl schon zweimal in kriminelles Treiben verwickelt – in echten Krisensituationen überfordert. Schon sein Alter verbietet ihm Action-Einlagen, und für sein Naturell ist es charakteristisch, dass ihn bereits die Handhabung eines Handys überfordert; keine Idealvoraussetzungen für eine Flucht, die kreuz und quer durch Schottland und England führt und in der nördlichen Ödnis der Neuen Hebriden ihren Höhepunkt findet.

_Nimm’s mit Humor, auch wenn die Kugeln fliegen_

Hitchcock zum Dritten: Obwohl Mord und Totschlag mehr als eine Szene von Harrys Odyssee prägen, schlägt Autor Goddard einen sehr leichten Ton an. „Die Schatten von Aberdeen“ besticht durch einen stets präsenten, nie albernen oder aufdringlichen, sondern britisch trockenen Humor, der die Übersetzung erfreulich gut überstanden hat. Für einen politisch unkorrekten Oneliner sorgt auch in kritischen Situationen zuverlässig Luftikus Barry Chipchase, den Goddard wohlweislich dem blassen Harry an die Seite stellt.

Barry ist ein Betrüger, dem kein Coup jemals wirklich gelang. Wieso das so ist, erfahren wir schnell, denn für eine Hetzjagd auf Leben und Tod ist er eigentlich nicht der richtige Partner. In der Tat ist es die blanke Not, die unsere ungleichen ‚Helden‘ zusammenschweißt: ein Klischee, das Goddard wundersam mit neuem Leben erfüllt.

Natürlich hat Barry das Herz auf dem rechten Fleck. Wenn man weiß, welche Knöpfe man bei ihm zu drücken hat, schwingt er sich zu ungeahnten Höhenflügen auf. Harry ist hartnäckig, aber zurückhaltend, Barry unkonventionell. Gemeinsam sind sie nicht unbedingt unschlagbar, aber sie entwickeln eine Gegenwehr, die nicht aus bisher verborgenen Superkräften, sondern logisch aus der Handlung erwächst. Das zu verfolgen, macht einfach Spaß, zumal Goddard mit Überraschungen nie geizt. Selbst das etwas zu happy geratene Ende passt zu dieser Geschichte, die Routine mit Raffinesse mischt – in welchem Verhältnis dies geschieht, mag der Leser/der Kritiker selbst entscheiden.

_Der Autor_

Robert Goddard wurde 1954 in Fareham, Hampshire, geboren. Als Student der Universität zu Cambridge erwarb er einen akademischen Grad als Historiker: eine Ausbildung, die ihm später nützlich war, obwohl er sich zunächst mit den in diesem Metier üblichen Beschäftigungsproblemen konfrontiert sah. Ein Versuch, als Journalist Fuß zu fassen, scheiterte recht bald, und auch als Lehrer konnte Goddard nicht glänzen. So wählte er den letzten Ausweg und ging in die Verwaltung.

Während er für das „Education Department“ des Devon County Councils tätig war, schrieb er in seiner Freizeit einen ersten Roman. „Past Caring“ (dt. „Dein Schatten, dem ich folgte“) erschien 1986 und entwickelte sich sogleich zu einem großen Erfolg. Der gleichzeitig vertrackte und spannend entwickelte, dabei aber den Regeln des Genres stets verpflichtete und massenlesertaugliche Thriller um diverse Schatten aus ferner Vergangenheit, die in der Gegenwart zu neuem, unheilvollen Leben erwachen, wurde zur Blaupause der meisten Romane, die seither in zügigem Tempo und regelmäßig folgten. Die Leser scheint es nicht zu stören, jedes Goddard-Werk entert die Bestsellerlisten; nicht bis zur Spitze, aber – auch in Deutschland – hoch genug, um dem mit seiner Gattin heute in Truro, Cornwall, lebenden Schriftsteller ein behagliches Auskommen zu garantieren.

Die Harry-Barnett-Serie erschien zuletzt im |Wilhelm Goldmann Verlag|:

(1990) Into the Blue („Mitten im Blau”) – TB 41310
(1996) Out of the Sun („Die Zauberlehrlinge”) – TB 44273
(2006) Never Go Back („Die Schatten von Aberdeen“) – TB 46400

_Impressum_

Originaltitel: Never Go Back (London : Bantam Press 2006/New York : Delta Trade Paperbacks 2007)
Übersetzung: Peter Pfaffinger
Deutsche Erstausgabe: Juni 2007 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 46400)
411 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-442-46400-5
http://www.goldmann-verlag.de

_Außerdem von Robert Goddard auf |Buchwurm.info| zu finden:_

[„Bedenke, dass wir sterben müssen“ 1605

Baldacci, David – Sammler, Die

Der amerikanische Schriftsteller David Baldacci liebt die Abwechslung. Während es sich bei den Büchern mit Michelle Maxwell und Sean King um knallharte Agententhriller handelt, geht es in der Reihe des Camel Club wesentlich gemächlicher zu. „Die Sammler“ ist der zweite Band nach [„Die Wächter“, 4513 und auch dieses Mal haben die vier Freunde um den mysteriösen Oliver Stone einen Mordfall aufzuklären.

Der Camel Club hat es sich zur Aufgabe gemacht, Verschwörungen der amerikanischen Regierung aufzudecken. Eines ihrer Mitglieder, Caleb Shaw, arbeitet in der Washingtoner Kongressbibliothek in der Abteilung für seltene Bücher. Eines Morgens findet er seinen Vorgesetzten Jonathan DeHaven tot in einem der Räume. Die Obduktion ergibt, dass er einem Herzversagen zum Opfer fiel, doch der misstrauische Camel Club glaubt nicht an diese offizielle Version des Falls, denn wenige Tage zuvor ist ein Sprecher des Repräsentantenhauses erschossen worden.

Bei ihren Ermittlungen finden die vier Mitglieder des Camel Clubs heraus, dass DeHaven nicht nur ein sehr wertvolles antikes Buch besaß, sondern auch seinen Nachbarn, einen Rüstungsunternehmer, beobachtete. Warum hat er dies getan? Und was ist mit seiner Ex-Frau, der undurchsichtigen Susan, die den vieren hilft und dabei besondere Fähigkeiten an den Tag legt? Was der Camel Club nicht weiß: Susan heißt eigentlich anders und ist eine erfolgreiche Trickbetrügerin. Gerade hat sie ein Casino in Las Vegas ausgehoben und wird deshalb gesucht …

Wer Baldacci bislang vor allem als Autor actionreicher Thriller kennengelernt hat, wird für „Die Sammler“ etwas Zeit zur Eingewöhnung brauchen. In diesem Buch geht es nämlich wesentlich gemächlicher zu. Die meisten Mitglieder des Camel Clubs sind ältere Semester und beschränken sich eher auf das Denken als auf das Handeln. Letzteres kommt zwar nicht zu kurz, wirkt aber häufig nicht besonders authentisch, sondern eher aufgesetzt. Darüber hinaus hätte der Erzählstrang von Susan eine Schlankheitskur vertragen. Baldacci bläht den Casinobetrug derart auf, dass man glaubt, er müsste eine tiefere Bedeutung für den Rest der Handlung haben. Dies ist aber nicht der Fall. Hinzu kommt, dass die Perspektive des Täters zwar gut gestaltet ist, aber durchaus Potenzial für ein häufigeres Auftreten gehabt hätte.

Die Spannung kommt in „Die Sammler“ dementsprechend etwas zu kurz. Ähnlich verhält es sich mit den Charakteren. Der Autor bemüht sich zwar, diese lebendig und interessant auszuformen, aber sein humorvoller Unterton ist schuld daran, dass Caleb, Oliver, Milton und Reuben häufig eher wie Karikaturen ihrer selbst wirken. Oliver Stones geheimnisvoller Hintergrund bringt an manchen Stellen etwas Feuer in die Geschichte, aber letztendlich ist eine Vergangenheit im Dienste des Staates nichts wirklich Neues. Gerade der Tiefgang, der Baldaccis Figuren Maxwell und King ausmacht, fehlt in diesem Buch beinahe vollends.

Geschrieben ist der Roman gut, ohne Frage. Der Autor versteht sein Handwerk und schafft es zudem, in diesem Fall anders zu klingen als in den Büchern um Maxwell und King. Er verfällt häufig in einen humorvollen Tonfall, was der Geschichte Leben einhaucht. Ansonsten erzählt er flüssig und unkompliziert, aber mit wenig Wiedererkennungswert.

In der Summe ist „Die Sammler“ daher sauber erzählt, aber nicht wirklich spannend. Andere Thriller von David Baldacci haben da wesentlich mehr zu bieten. Trotzdem wird „Die Sammler“ sicherlich seinen Fankreis finden. Wer ältere, etwas exzentrische Verschwörungstheoretiker mag und weniger Wert auf eine rasante Handlung legt, der ist mit diesem Buch gut beraten.

|Originaltitel: The Collectors
Aus dem Amerikanischen von Uwe Anton
ISBN-13: 978-3-7857-2354-8
494 Seiten, Hardcover|
http://www.luebbe.de
http://www.davidbaldacci.com

_David Baldacci bei |Buchwurm.info|:_

[„Mit jedem Schlag der Stunde“ 2400
[„Im Bruchteil der Sekunde“ 836
[„Das Geschenk“ 815
[„Der Abgrund“ 414
[„Die Verschwörung“ 396
[„Das Versprechen“ 361
[„Die Versuchung“ 676
[„Die Wächter“ 4513
[„Im Takt des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5677

Faulks, Sebastian – James Bond: Der Tod ist nur der Anfang

_Das geschieht:_

Nachdem ihm erst der böse Blofeld die Gattin erschoss und kurz darauf der irre Killer Scaramanga ihn zum Duell forderte, ist James Bond, Doppel-Null-Agent mit der Lizenz zum Töten, körperlich und geistig am Ende. M, Chef des britischen Geheimdienstes, schickt ihn in einen dreimonatigen Zwangsurlaub. Bond nimmt an und ist nach einigen ruhigen Wochen fast entschlossen, den Dienst zu quittieren, als ihn ein dringender Auftrag ins große Agentenspiel zurückkehren lässt.

Der charismatische aber psychisch gestörte Wissenschaftler Dr. Julius Gorner plant, seinem Hass auf alles Britische durch die Flutung des Inselreiches mit qualitativ hochwertigem Heroin zu frönen. Im persisch-sowjetischen Grenzgebiet des Irans – wir schreiben das Jahr 1967 – hat er eine Laborfestung errichtet, in der rauschgiftsüchtige Sklaven für ihn schuften. Mit den Sowjets, denen Gorners Plan sehr gut gefällt, steht der Doktor im Bund, was den britischen Geheimdienst erst recht in Aufruhr versetzt.

Schon bevor Bond sein Flugzeug nach Teheran besteigen kann, wird ein erster Mordanschlag auf ihn verübt, denn Gorner hat seine Spitzel überall. Als wäre es nicht schwierig genug, selbst am Leben zu bleiben, steht Bond auch noch im Wort bei der schönen Scarlett Papava. Er soll ihre Zwillingsschwester Poppy retten, die zu Gorners Sklavenheer zählt.

Teheran ist Stützpunkt zahlreicher Geheimdienste und Agenten. Die ‚Kollegen‘ von der CIA empfangen Bond unfreundlich. Aber auch Gorner weiß längst, dass Bond ihn ausforschen soll. Die Falle ist gestellt, und als sie zuschnappt, steckt 007 tief in Gorners bizarrer Festung gefangen, wo er von dessen neuestem Projekt erfährt – dem III. Weltkrieg …

_Held von heute in der Welt von gestern_

2006 blies der global erfolgreiche Relaunch der James-Bond-Filmreihe frischen Wind ins halbtote 007-Franchise. Auf dass die Münzen noch ein wenig lauter im Beutel klingelten, wurde auch der ‚literarische‘ James Bond wiederbelebt. Zwar erschienen nach Ian Flemings Tod (und unabhängig von den Filmen) immer wieder neue 007-Romane, doch litten auch diese unter denselben Ermüdungserscheinungen, die auch dem Film-Bond beinahe den Garaus gemacht hätten.

Lustlos wurde immer wieder aufgekocht, was längst nicht mehr originell war. Während die 007-Story mit „Casino Royale“ quasi wieder neu aufgerollt wurde, entschied man sich, die Bond-Chronik, wie sie durch die Filme fortgeschrieben war, für den neuen Roman zu ignorieren: Nun endete sie 1966, dem Jahr, in dem – bereits postum – Flemings letzte Bond-Kurzgeschichten („Octopussy“ und „The Living Daylights“) erschienen waren, und wurde fast nahtlos durch Sebastian Faulks fortgesetzt, der seinen pünktlich zum 100. Geburtstag von Ian Fleming veröffentlichten 007-Thriller 1967 spielen lässt.

„Sebastian Faulks schreibt als Ian Fleming“, lesen wir auf dem Buchcover – eine ebenso anmaßende wie überflüssige Ankündigung, die indes unfreiwillig perfekt diesen Retro-Bond charakterisiert. Faulks erfindet den Geheimagenten nicht neu. Seine Intention ist ein Roman, wie ihn Fleming geschrieben hätte, wäre er nicht 1964 eines frühen Todes gestorben. Er bedient sich der Mechanismen, für die Fleming berühmt (oder berüchtigt; die Kritiker sind sich da uneins) geworden ist: Bond ist wieder ein aktiv an den Fronten des Kalten Kriegs kämpfender Agent. Zu seinem Job gehört es, sich in allen Gesellschaftsschichten zu bewegen. In der iranischen Wildnis tritt er ebenso sicher auf wie an der französischen Riviera. Fleming schätzte die Attribute des feinen Lebens sehr und schilderte sie ausführlich in seinen Romanen. Folgerichtig beschreibt auch Faulks luxuriöse Autos, opulente Menüs oder schicke Kleidung ungemein detailliert.

_Viel Mühe investiert & nur Bekanntes erschaffen_

Schon jetzt taucht die Frage auf, worin der Sinn besteht, einen literarischen Stil nachzuahmen, der vor langer Zeit mit seinem Schöpfer verschwunden ist. Als Kopist hat Faulks zweifellos gute Arbeit geleistet. Genau dieser Punkt wird in der Werbung hervorgehoben, denn selbstverständlich wurde „Der Tod ist nur der Anfang“ unter gehörigem Mediengetöse auf den Markt gebracht.

Der Plot scheint in diesem Zusammenhang eher unwichtig zu sein. Faulks strickt ein nie originelles und simples, aber solides und in Unkenntnis des 007-Universums – dazu gleich mehr – unterhaltsames Thriller-Garn. Gorners Drogenkartell ist ein brauchbarer Aufhänger. Fleming selbst schrieb Anfang der 1960er Jahre das Skript zu einem Thriller im Rauschgiftschmuggel-Milieu des Nahen Ostens, das 1966 als „Poppies Are Also Flowers“ (dt. „Mohn ist auch eine Blume“) verfilmt wurde. James Bond tauchte in dieser Geschichte nicht auf.

Hieße die Hauptfigur hier nicht James Bond, wäre Faulks Roman allerdings nicht der Stoff, aus dem Bestseller gemacht werden. Schlimmer noch: „Der Tod ist nur der Anfang“ reiht faktisch und kaum (bzw. schlecht) variiert ausschließlich Bond-Szenen aneinander, die wir aus Flemings Romanen und den 007-Filmen (primär mit Sean Connery) kennen. Bonds Tennis-Duell mit dem unfair aufspielenden Gorner ist dem Poker-Turnier mit dem mogelnden Goldfinger nicht nur nachempfunden. Die pittoreske Szenerie in Teheran erinnert fatal an das Istanbuler Ambiente aus „From Russia with Love“ (dt. „Liebesgrüße aus Moskau“).

_Das Böse ist immer gezeichnet_

Und natürlich ist Julius Gorner nur ein weiterer megalomanischer Bösewicht in der Tradition von Dr. No, Hugo Drax oder Karl Stromberg. An seiner Seite tückt als Psychopath fürs Grobe nicht Oddjob, Schnickschnack oder gar der „Beißer“, sondern der lobotomisierte Kriegsverbrecher Chagrin.

Denn das Böse manifestiert sich im Bond-Kosmos nicht nur im Größenwahn seiner Schurken, sondern auch in deren Erscheinung. Die innere Verunstaltung spiegelt sich im Äußeren wider: Gorner leidet unter einer Erbkrankheit, die seine linke Hand in eine behaarte Affenpfote verwandelt, Chagrin hat eine Klappe im Schädeldach und leidet unter einer Lähmung der Gesichtsnerven, die ihn keine Miene verziehen lässt.

Schon Fleming schätzte solche plakativen Finsterlinge. Anders als in den Bond-Filmen seit den 1970er Jahren vernachlässigte er darüber jedoch nicht das realitätsbezogene Szenario einer Welt im Kalten Krieg. Faulks kann oder mag sich dem nur bedingt anschließen. Er lässt die Weltpolitik des Jahres 1967 pflichtschuldig einfließen. Sehr viel ausführlicher schwelgt er jedoch in den pompösen, aber unrealistischen Vernichtungs- und Racheplänen des Dr. Gorner und damit in der Science-Fiction-Gigantomanie des Kino-Bonds. (Außen vor bleiben immerhin die lachhaften ‚Geheimwaffen‘, mit denen Q selig ihn so zahlreich ausstattete.)

_Der Anfang ist nur der Tod_

Der ’neue-alte‘ Bond soll stylish wirken. Stattdessen ist er altmodisch. Flemings Bond war zeitgemäß und im positiven Sinn ein Kind seiner Zeit. Faulks schickt Strom durch die Muskeln eines toten Frosches: Er zuckt, aber lebendig wird er deshalb nicht. Sogar als Liebhaber kommt Bond nie zum Zug; entweder will er gerade nicht, oder es kommt im entscheidenden Moment etwas dazwischen. Andererseits ist Scarlett Papava als Bond-Girl keine Offenbarung, ihre Attraktivität nur behauptet. Es braucht halt eine schöne Frau an James Bonds Seite – ein weiterer Automatismus, der sich als solcher selbst entlarvt.

Als Bond das erste Mal auftritt, unternimmt er gerade eine Erholungsreise durch das mediterrane Europa. Er ist ausgebrannt, was Autor Faulks ausführlich begründet, und will aussteigen. Das ist in einem Moment vorbei und vergessen, sobald er auf Gorners Fährte gesetzt wird. Bonds Midlife-Crisis wird nie wieder erwähnt; sie war wohl doch nicht so stark ausgeprägt …

Oder hat die von M verordnete Kur angeschlagen? Dass „Der Tod ist nur der Anfang“ unter anderem im „Swinging London“ der späten 1960er Jahre spielt, erfahren wir dadurch, dass M sich unheilvoll über die Promiskuität aktueller Popsänger auslässt. Allerdings hat die „Flower-Power“-Bewegung trotzdem den Geheimdienst erreicht – M übt sich nun in Yoga und verdonnert auch den entsetzten 007 zu entsprechendem Treiben: Ist es Faulks Absicht, Bond im Kontrast zu einer Welt im Wandel als betont konservativen Charakter zu zeigen? Mögen wir einen James Bond, der mit seiner ältlichen Aufwartefrau einig ist in der Ächtung der Rolling Stones?

Und mit dieser tiefsinnigen Frage sowie folgendem Fazit schließen wir diese Buchbesprechung: „Der Tod ist nur der Anfang“ bietet leichte Thriller-Kost mit der beruhigenden Gewissheit des Bekannten, nie Überraschenden; so mancher Leser schätzt diese Routine, und der Handel weiß, was er wie zu vermarkten hat. Der James Bond, den Ian Fleming einst schuf, bleibt allerdings tot. 007 lebt nur im Kino wirklich weiter. Dort scheint er allerdings unsterblich zu sein.

_Anmerkung_

„Devil May Care“, der Originaltitel, ist ein altes englisches Sprichwort, das sich am besten mit „Nach mir die Sintflut“ übersetzen lässt, was wesentlich besser klingt als das elegisch-pompöse „Der Tod ist nur der Anfang“.

_Der Autor_

Sebastian Charles Faulks wurde 1953 in Newbury in der englischen Grafschaft Berkshire geboren. Er studierte Englisch an der Universität Cambridge und wusste nach eigener Auskunft bereits in jungen Jahren, dass er sein Geld als Autor verdienen wollte. Nach seinem Abschluss übernahm Faulks zunächst eine Dozentenstelle, bevor er in den Journalismus wechselte und für verschiedene Zeitungen arbeitete.

1984 erschien „A Trick of Light“, Faulks Romandebüt. Als Literat blieb er in den nächsten Jahren vor allem ein Kritikertipp. Sein Durchbruch gelang Faulks 1993 mit „Birdsong“ (dt. „Gesang vom großen Feuer“), dem zweiten Teil seiner Trilogie „The Girl at the Lion d’Or“ – das Buch entwickelte sich zum millionenfach verkauften Bestseller. Seinen Ruf als ‚ernsthafter‘ Schriftsteller wusste Faulks in den nächsten Jahren mit weiteren Romanen zu festigen und zu steigern.

Obwohl Faulks sich ab 1991 auf seine Tätigkeit als Schriftsteller konzentrierte, blieb er weiterhin journalistisch aktiv; unter anderem schrieb er Kolumnen und historische Dokumentationen für das Radio. 2007 sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass ausgerechnet Faulks von der Erbengemeinschaft Ian Flemings den Auftrag übernommen hatte, einen neuen James-Bond-Roman zu schreiben. „Devil May Care“ (dt. „Der Tod ist nur der Anfang“), ein gelungenes, aber wenig originelles Fleming-Pastiche, entstand binnen sechs Wochen und sicherte Faulks neben einem hoch dotierten Lohnscheck die Aufmerksamkeit der Medien, bevor er zur ‚hohen‘ Literatur zurückkehrte.

Sebastian Faulks informiert über seine Arbeit auf eigener Website: http://www.sebastianfaulks.com.

_Impressum_

Originaltitel: Devil May Care (London : The Penguin Group 2008)
Übersetzung: Jürgen Bürger
Dt. Erstausgabe: Mai 2008 (Wilhelm Heyne Verlag/Paperback Nr. 26602)
352 Seiten
EUR 12,95
ISBN-13: 978-3-453-26602-5
Als Taschenbuch: August 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 43414)
352 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-453-43414-1
http://www.heyne-verlag.de

_Mehr James Bond auf |Buchwurm.info|:_

[„Casino Royale“ 1748
[„Moonraker“ 1830
[„Leben und sterben lassen“ 2035
[„Der Tod ist nur der Anfang“ 5204

Riera, Carme – englische Sommer, Der

Ein Sprachurlaub ist eigentlich etwas Schönes. Man tut Gutes für das Gehirn und lernt dabei noch ein fremdes Land besser kennen – jedenfalls im Normalfall. Die spanische Schriftstellerin Carme Riera entwirft in ihrem Roman „Der englische Sommer“ allerdings ein weniger erfreuliches Szenario …

Die Immobilienmaklerin Laura Prats ist eine Frau Ende vierzig, die neben dem Spanischen keine Fremdsprachen beherrscht. Das wird ihr zum Verhängnis, als eine Beförderung in Aussicht steht. Sie beschließt, sich durch ihr fehlendes Englisch nicht noch einmal die Chance auf ein höheres Gehalt nehmen zu lassen, und meldet sich zu einem Intensivkurs auf dem englischen Land an.

Sie ist ganz aufgeregt, als sie Mrs. Grose, ihre Lehrerin und Gastgeberin, das erste Mal trifft. Eigentlich hat sie sich diese ein bisschen anders vorgestellt, denn auf dem Foto auf der Website war sie wesentlich adretter. In der Realität ist sie eine übergewichtige, ziemlich grobe Frau, die Laura schon bald nicht mehr ganz geheuer ist. Sie behandelt sie wie ein Kind, bestraft sie beim Unterricht für ihre Fehler mit Essensentzug oder Hausarrest und prüft jeden Freitag ihr erlerntes Wissen ab. Laura schaut sich dieses Verhalten eine Weile an, doch bald wird ihr Angst und Bange. Mrs. Grose redet davon, einen gewalttätigen Ex-Mann zu haben, der sie in ihrem Landhaus immer wieder aufsucht. Außerdem hört Laura nachts ein seltsames Weinen. Als sie versucht, den Kurs abzubrechen, stellt sich ihre Lehrerin quer. Sie sagt, sie wird Laura nicht gehen lassen, bevor sie nicht ordentlich Englisch gelernt hat. Für die Immobilienmaklerin beginnt ein Alptraum …

Carme Rieras Roman erstreckt sich über nur 122 Seiten, aber auf diesen wenigen Seiten macht sie alles richtig. Die Handlung der Geschichte konzentriert sich ausschließlich auf die Ereignisse von Lauras Sommerurlaub. Die Autorin schweift so gut wie nie ab, so dass die Spannung konstant gehalten wird. Tatsächlich besitzt das Buch beinahe schon kammerspielartigen Charme, da sich fast alles zwischen den Hauptpersonen Laura und Mrs Grose auf deren Landgut abspielt. Die Unberechenbarkeit der Englischlehrerin und ihr augenscheinlicher Hang zu seltsamem Benehmen führen dazu, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Wieso ist sie so? Was steckt dahinter? Wie wird es mit Laura weitergehen?

Laura, die Ich-Erzählerin, ist eine sehr sympathische Hauptfigur. Sie beginnt ihre Geschichte so, als ob sie ihren Anwalt ansprechen würde, was den Leser zusätzlich auf die Folter spannt, denn er möchte wissen, was Laura getan hat, um im Gefängnis zu landen. Obwohl sie mit 49 Jahren und ihrem Geschlecht wie ein Fall für die typische Frauenliteratur wirkt, ist sie auch für andere Zielgruppen interessant, da sie nicht als Karikatur, sondern als echte und lebendige Person dargestellt wird. Man erfährt sehr viel über ihre Gedanken und Gefühle, die so eindringlich geschildert werden, dass man ihre Ängste und Sorgen wegen Mrs. Grose nachvollziehen kann.

Lauras durchgehender „Monolog“ ist so gestaltet, dass er sich so liest, als bekäme man ihn persönlich erzählt. Riera schreibt locker und ungezwungen. Sie benutzt einen großen Wortschatz und garniert das Geschriebene mit einer eigenen Note. Nach der Lektüre hat man das Gefühl, Laura persönlich kennen gelernt zu haben. Obwohl sie durchaus humorvoll sein kann, wird die Autorin nie lächerlich, sondern hält ihren Roman auf einem hohen Niveau.

„Der englische Sommer“ ist leicht bekömmlich, aber dennoch spannend und literarisch sehr ansprechend. Der Titel klingt vielleicht wie ein verlockender Urlaubsroman, doch Vorsicht: Lauras Erlebnisse sind nicht gerade dergestalt, dass sie den Leser ruhig schlafen lassen …

|Originaltitel: L’estiu del l’anglès
Aus dem Katalanischen von Kerstin Brandt
ISBN-13: 978-3-548-60866-2
122 Seiten, Taschenbuch|
http://www.list-taschenbuch.de

Landay, William – Strangler

_Das geschieht:_

Boston im US-Staat Massachusetts gilt im Jahre 1962 als Großstadt im Aufbruch. Ganze Stadtviertel fallen einer visionsreichen Stadtplanung zum Opfer. In das „Neue Boston“ wird massiv investiert. Großzügig fließen öffentliche Gelder in aufwändige Bauprojekte. Wer Kritik äußert, gilt als Feind des Fortschritts. Dabei gibt es gute Gründe zur Skepsis. Schiebung und Korruption sind allgegenwärtig. Nicht nur hohe Politiker und örtliche Unternehmer füllen sich die Taschen. Auch die Mafia sahnt kräftig ab. Die Polizei ist in diese Machenschaften verwickelt. Mitmachen oder wegschauen, lautet die Devise.

Joe Daley ist eigentlich ein guter Cop. Schon sein Vater war Polizist, bis ihn im Vorjahr eine Kugel traf. Sein Tod stellt die Familie vor eine Zerreißprobe. Ohne die strenge Hand des Vaters ist Joe dem Glücksspiel verfallen. Seine Wettschulden sind so hoch, dass er sich von Vinnie „The Animal“ Gargano, der rechten Hand des Mafia-Paten Carlo Gapobianco, rekrutieren lassen muss, für den er säumige Schutzgeldzahler zusammenschlägt. Joes Bruder Ricky ist ein professioneller Einbrecher, der sich beim letzten Coup dummerweise an Diamanten vergriffen hat, deren Eigentümer unter dem Schutz der Mafia steht. Nun sitzt Gargano auch Ricky im Nacken. Michael, der dritte Bruder, stand im Dienst der städtischen Enteignungskommission, die Mieter und Ladenbesitzer aus ihren Wohnungen und Läden klagt, bevor er die Leitung der „Taktischen Einsatzgruppe“ übernahm, die nach dem „Würger von Boston“ fahndet, der in anderthalb Jahren 13 Frauen ermordet hat.

In die Rolle des Würgers schlüpft Albert DeSalvo, nach Michaels Auffassung ein psychisch instabiler Wichtigtuer. Amy, Rickys Freundin und eine engagierte Journalistin, teilt seine Meinung. Kurz darauf wird sie ermordet: Ihr Ende entspricht bis ins Detail dem Modus Operandi des Würgers, obwohl DeSalvo hinter Gittern sitzt. Polizei und Staatsanwaltschaft ignorieren diese Tatsache. Michael beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Joe und Ricky unterstützen ihn, denn Amy war offenbar einer Verschwörung auf die Spur gekommen: Die Profiteure des „Neuen Boston“ gehen über Leichen. Nun werden sie aufmerksam. Die Mafia wird aktiv. Mit den Rücken zur Wand nehmen die Daley-Brüder einen Kampf auf, in dem sie völlig chancenlos zu sein scheinen …

_Eine Stadt im Würgegriff_

„The Strangler“ lautet der klug gewählte, weil einerseits nur bedingt korrekte, aber andererseits den eigentlichen Kern der Sache treffende Titel dieses ehrgeizigen Romans. Eine Mischung aus Historienkrimi und Thriller hat Autor William Landay konzipiert und dabei zumeist großartige Arbeit mit einer Geschichte geleistet, die in der Vergangenheit spielt, während ihr Inhalt zeitlos ist.

Korruption, Gier, Verbrechen, und das im ganz großen Maßstab: Kein eifriger Frauenmörder ist es, der Boston 1962 in seinem Würgegriff hält. Landay lässt ihn, der zu einer prominenten Gestalt der Kriminalgeschichte wurde, nur eine Nebenrolle spielen. Ob tatsächlich Albert DeSalvo der „Boston Strangler“ war, ist für den Verfasser nebensächlich. ‚Sein‘ Würger ist nur Mittel zum Zweck. Die eigentlichen Verbrechen finden auf einer ganz anderen Ebene statt: Kein Wunder, dass Landay seinen Roman lieber „The Year of the Strangler“ genannt hätte; der Titel wurde vom Verlag als nicht zugkräftig genug abgelehnt.

Auch die USA hatten ihre Wirtschaftswunder-Ära. Nach 1945 lief die im Weltkrieg auf Hochtouren gebrachte Wirtschaft mit voller Kraft weiter. Gewinne und Steuereinnahmen wollten investiert werden. Geld bedeutet Macht. Damit war die Schnittmenge zwischen Politik und Unternehmertum nicht nur in Boston schnell gefunden: Staatsdiener verfügen über gewaltige Geldsummen. „Zum Wohle des Volkes“ ordnen sie die Enteignung und Räumung ganzer Stadtviertel an. Skrupelfreie Geschäftemacher versprechen ihnen finanzielle Zuwendungen und Unterstützung im Wahlkampf, wenn Großaufträge, die legal ausgeschrieben gehören, an sie gehen.

Zum perfekten Funktionieren benötigt diese Maschinerie eine dritte Komponente: Nicht alle Bürger weichen der staatlichen oder städtischen Macht freiwillig. Hier kommt die Mafia ins Spiel, die mit Gewalt durchsetzt, was sich dank friedlichen Widerstandes Jahre hinziehen könnte. Wie das in der Realität aussieht, schildert Landay brutal und überzeugend in „Strangler“. Wenn er die alltägliche Korruption beschreibt, die quasi alle städtischen Bediensteten in Handlanger der einander in Gier verbundenen Schattenherren von Boston verwandelt, läuft der Verfasser zu ganz großer Form auf.

_Historie nimmt Handlung Huckepack_

„Strangler“ ist kein Tatsachen-Roman, der die böse Geschichte einer gleichermaßen moralisch verkommenen wie hilf- und ahnungslos Stadt erzählen will. In einem Nachwort erläutert Autor Landay sein Konzept. Die historische Realität dient ihm als Folie. Die Ereignisse von 1962 bilden den Hintergrund für das eigentliche Geschehen. Zwar bemüht sich Landay um eine akkurate Darstellung, ohne sich sklavisch an die Fakten zu halten. Er lässt reale Personen der Stadtgeschichte auftreten, legt ihnen jedoch seine Worte in die Münder und setzt sie so ein, wie es die Story verlangt. Das Ergebnis ist nicht authentisch, sondern hinterlässt jenen Eindruck unterhaltsamer Glaubwürdigkeit, die einen guten Historienroman auszeichnet.

Dazu kommt ein ausgefeilter Stil. Landay zeigt, dass man den Kriminalroman nicht in die Genre-Ecke drängen soll, weil eben auch seine Autoren literarisch anspruchsvoll schreiben können, ohne dass die Unterhaltung dabei auf der Strecke bleibt. „Strangler“ ist vor allem in den beschreibenden Szenen ein Genuss. Landay schreibt – in der deutschen Fassung tatkräftig und tüchtig unterstützt von seinem Übersetzer – klar und anschaulich, ohne dabei ins Schwafeln oder Predigen zu verfallen. Der Verfasser war selbst Jurist, weshalb die präzise Darstellung der Ablaufprozesse in einer US-Gerichtsbehörde besonders fesselt.

_Großes Drama benötigt Gesichter_

Landay entscheidet sich für eine Dreiteilung der Hauptfigur und platziert die Daleys an den Brennpunkten der Handlung. Joe, der Polizist, repräsentiert den korrupten Unterbau der Stadtverwaltung. Michael, der Jurist, gehört zumindest randständig der selektiv ihren Bürgern dienenden Führungsschicht an. Ricky, der Dieb, steht im Lager des Verbrechens. Damit haben alle Brüder einen guten Blick auf das jeweilige Milieu.

Mit der Charakterisierung tut sich Landay schwer. Joe lässt sich bestechen und von der Mafia instrumentalisieren, Michael von seinen Vorgesetzten manipulieren, Joe stiehlt. Geprägt von irisch-katholischen Grundsätzen (die hier eher wie Gemeinplätze wirken), sind sie trotz ihrer Fehler ‚gute Menschen‘. Landay versucht jede Schwarz-Weiß-Färbung zu vermeiden. Seine Welt ist in unterschiedlichen Grautönen gezeichnet. Nicht nur die Daleys, sondern auch die vielen anderen Figuren, die er in „Strangler“ auftreten lässt, mühen sich mit ihrem Leben ab; selbst mordlustige Mafiosi haben ihre schwachen Momente.

Für diese durchaus der Realität entsprechende Ambivalenz findet Landay manchmal nur klischeeträchtige Bilder. Beispielhaft ist ein Basketballspiel zwischen Joe, Michael und Ricky. Der Verfasser spiegelt im Spielverhalten die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Brüder. Dann ändert sich die Perspektive; im Haus hinter dem Spielfeld stehen die Mutter, die Ehefrau und die Freundin. Sie beobachten ihre Söhne, den Gatten und den Geliebten, kommentieren deren Verhalten und entschlüsseln es für diejenigen Leser, die vielleicht immer noch kapiert haben, wessen Geistes Kinder die Daley-Brüder sind. Solche Szenen familiärer Interaktion kennt man aus Kino- und vor allem Fernsehfilmen. Sie sind plakativ und stören die Illusion einer ansonsten geschlossenen und ausgewogenen Romanhandlung.

Ungemein eindimensional denken, handeln und sprechen Landays Mafiosi. Der Autor hat sich anscheinend herausgegriffen, was er bei Puzo, Coppola und Scorsese gelesen oder gesehen hat, und schmeckt es mit einer Prise Sopranos ab. Im Interview erwähnt Landay die oft und gern zitierte Anekdote, dass erst Puzo und Coppola mit „Der Pate“ der Mafia ihr bekanntes Selbstbild verschafft haben: Nachdem sie das Buch gelesen und den Film gesehen und für gut befunden hatten, begannen sie die Film-Gangster in Verhalten und Auftreten zu imitieren. Landay projiziert dies auf ’seine‘ Mafiosi aus Boston. So wirken sie denn auch: wie Laienschauspieler.

Das Ende ist – wiederum erwartungsgemäß – tragisch. Dass es nicht happy ausfallen wird, ist dem Leser schnell klar, denn ein wenig zu stark weht der traurige Wind der Verdammnis durch die Kapitel … Noch einmal lässt der Autor sich fremdinspirieren. Die Matriarchin als rasendes Muttertier und Rächerin ist ein Klischee, dass Landay sich und seinen Lesern hätte ersparen können, zumal es dem sonst überzeugenden Finale angeflanscht wirkt.

Mit solchen Einschränkungen kann der Leser freilich leben. Der Ehrgeiz des Verfassers spiegelt sich unterm Strich positiv in seiner Geschichte wider. Landay schreibt langsam und sorgfältig, er fordert die Aufmerksamkeit seines Publikums. Womöglich muss man nach der Lektüre allzu vieler mit der heißen Nadel gestrickter ‚Bestseller‘ erst wieder lernen, sich auf diese Herausforderung einzulassen …

_Der Autor_

William Landay wurde 1964 in Boston geboren. Seine Jugend verbrachte er in Brookline. Er studierte Jura in Yale und an der Boston College Law School. Nach seinem Abschluss arbeitete er für die Staatsanwaltschaft des Distrikts Middlesex.

Landay war kein Vollblutjurist. Zwischen 1991 und 1997 nahm er sich zwei längere Auszeiten und versuchte sich als Schriftsteller. Die beiden dabei entstandenen Romane wurden abgelehnt, und Landay kehrte ins Büro zurück. In seiner Freizeit schrieb er indes weiter. 2003 veröffentlichte er – inzwischen verheiratet – seinen Romanerstling „Mission Flats“ (dt. „Jagdrevier“), für den ihn die britische „Crime Writers Association“ mit einem „John Creasey Memorial Award“ für das beste Romandebüt des Jahres auszeichnete. Landay gab die Jurisprudenz abermals und endgültig auf. Auch sein zweiter Roman „The Strangler“ (dt. „Strangler“) wurde von der Kritik hoch gelobt.

Über sein Werk informiert der Verfasser auf seiner Website: http://www.williamlanday.com.

_Impressum_

Originaltitel: The Strangler (New York : Delacorte Press 2007)
Übersetzung: Robert Brack
Deutsche Erstausgabe: Januar 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 40584)
528 Seiten
EUR 9,95
ISBN-13: 978-3-453-40584-4
http://www.heyne.de

Theurillat, Michael – Sechseläuten

Irgendwann muss auch mal genug sein mit Frost und Schnee: In der Schweiz treibt man Mitte April mit einem Brauch namens Sechseläuten den Winter aus und verbrennt dabei traditionell einen künstlichen Schneemann, den Böögg. Dieses doch eher beschauliche Festchen nutzt der Schweizer Autor Michael Theurillat, um in seinem gleichnamigen Kriminalroman einen eher unschönen Fleck in der Geschichte des Alpenstaats literarisch aufzuarbeiten.

Auch in Theurillats drittem Krimi spielt der Züricher Kommissar Eschenbach die Hauptrolle. Er befindet sich gerade auf der Sechseläutenwiese, als in seiner unmittelbaren Nähe eine Frau zusammenbricht. Trotz seiner Erste-Hilfe-Versuche stirbt sie, und niemand scheint zu merken, dass ihr kleiner Sohn alles hat mit ansehen müssen. Er redet aufgeregt in einer Sprache, die Eschenbach nicht versteht, aber er hat den Eindruck, dass der Tod der Frau kein Herzanfall war, wie die Obduktion ergibt.

Er nimmt sich des Jungen an und beginnt zu ermitteln, doch alsbald wird er von dem Fall abgezogen. Schlimmer noch: Er wird mit einer schalen Begründung suspendiert. Mithilfe seiner Sekretärin Rosa und seines Kollegen Claudio Jagmetti setzt er alles daran, Charlotte Bischoffs Tod trotzdem aufzuklären, denn niemand scheint sich wirklich für die zweifelhaften Umstände zu interessieren. Als sich Eschenbach mit Charlottes Schwester anfreundet, erhält er erste Hinweise darauf, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt. Doch dann gibt es einen Anschlag auf Charlottes Schwester und ihr Sohn wird entführt …

Michael Theurillats „Sechseläuten“ ist ein sauber aufgebauter Krimi, der aber vor allem in der Mitte nicht besonders spannend ist. Es fehlen überraschende Wendungen und brenzlige Situationen, um die Geschichte lebendig werden zu lassen. Außerdem tritt Claudio Jagmetti, mit dem sich Eschenbach in den Büchern zuvor gerne einen Schlagabtausch geliefert hat, nur sehr selten auf. Die Sekretärin Rosa, eine Italienerin mit Leib und Seele, sorgt zwar für einige Höhepunkte, doch trotzdem kommt das Buch erst gegen Ende richtig in Fahrt. Hier fügt sich alles und Eschenbach begreift die Hintergründe der Tat, es kommt zu einem spannenden Finale.

Obwohl der Autor sich darauf versteht, die Personen sehr detailliert und farbig zu gestalten, ist Eschenbach schwer greifbar. Es fällt nicht leicht, ihn sich vorzustellen, vielleicht auch dadurch, dass er zwar ein etwas sonderbarer Kommissar ist, aber noch lange nicht so schrullig wie einige andere Vertreter der exekutiven Staatsgewalt. Gleichzeitig wirkt er aber auch nicht wie der durchschnittliche Normalbürger. Er ist irgendwo in der Mitte anzusiedeln, doch er kann in diesem Roman nicht genau zugeordnet werden. Das gelingt bei Lara Bischoff, Charlottes Schwester, wesentlich besser, und auch bei einigen anderen Figuren im Buch. Mit von der Partie sind sogar einige Originale, die dem Buch einen ganz eigenen Charme verleihen.

Was die Geschichte trotz einiger Schwächen letztendlich zusammenhält, ist Theurillats ausgefeilter Schreibstil. Er setzt seine Worte sicher, schöpft aus einem breit angelegten Vokabular und versteht sich darauf, Spannung und Atmosphäre mit seinen Sätzen zu kreieren.

Der Schreibstil ist es schließlich, der „Sechseläuten“ zum Prädikat eines überdurchschnittlichen Kriminalromans verhilft. Hinzu kommt eine außergewöhnliche Thematik, die aber in der Handlung nicht immer spannend umgesetzt wurde.

|ISBN-13: 978-3-550-08750-9
327 Seiten, Hardcover|
http://www.ullstein.de

_Michael Theurillat bei |Buchwurm.info|:_
[„Im Sommer sterben“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3471
[„Eistod“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3492

Zoran Drvenkar – Sorry

In einer Dienstleistungsgesellschaft wie der unsrigen kann man beinahe alles von anderen erledigen lassen. In Zoran Drvenkars Thriller „Sorry“ kommen vier junge Berliner auf die Idee, die Entschuldigung zur Dienstleistung werden zu lassen – mit unangenehmen Folgen für alle Beteiligten …

Kris, sein Bruder Wolf und die besten Freundinnen Tamara und Frauke kennen sich seit der gemeinsamen Schulzeit. Zehn Jahre danach ziehen sie Bilanz und müssen feststellen, dass die Träume ihrer Jugend sich in Luft aufgelöst haben. Trotz Studium oder Ausbildung haben die meisten von ihnen keinen Job. Während eines gemeinsamen Besäufnisses, bei dem sie über das Leben philosophieren, kommen sie auf die Idee, eine Agentur zu gründen, die sich für andere entschuldigt – auf Unternehmensebene.

Der Einfall scheint wahnwitzig, aber wider Erwarten funktioniert das Geschäft. Die Agentur namens „Sorry“ wird mit Aufträgen überhäuft. Eines Tages fährt Wolf zu einem Geschäftstermin und entdeckt in der Wohnung der Frau, bei der er sich im Auftrag eines Lars Meybachs entschuldigen soll, die Leiche der Bewohnerin. Sie wurde an die Wand genagelt und der Täter erwartet von den vieren, dass sie sich nicht nur bei der Toten entschuldigen, sondern sich auch um die Leiche kümmern. Er droht damit, ihren Familien etwas anzutun, sollten sie sich weigern, seine Befehle auszuführen. Was bleibt ihnen also anderes übrig? Eingeschüchtert machen sie sich daran, die Leiche der Frau zu vergraben, nicht ahnend, dass sie damit eine Kette schicksalhafter Ereignisse in Gang setzen …

Zoran Drvenkar hat ein selten gutes Buch geschrieben, in dem einfach alles stimmt. Das wird bereits auf den ersten Seiten ersichtlich. In kurzen Kapiteln wechseln sich unterschiedliche Abschnitte ab. Mal wird jemand direkt mit „Du“ angesprochen, dann folgt die Einführung der vier Hauptfiguren, zwischendurch finden sich immer wieder zeitlich nach vorne oder hinten verschobene Absätze, die anonym gehalten sind. Der Leser merkt schnell, dass in dem Buch einiges passieren wird, doch er versteht noch nicht, was. Das baut natürlich eine intensive Spannung auf, die ihn nicht mehr so schnell loslässt. Der Autor greift immer wieder vor, legt Irrwege, führt neue Personen ein – er spielt mit dem ganzen Repertoire der Spannungsliteratur und geht dabei weit über das hinaus, was ein normaler Thriller zu bieten hat.

Eine weitere wichtige Komponente von „Sorry“ sind die Personen und ihre Beziehungen untereinander. Darüber hinaus versucht Drvenkar, das Bild einer Generation zu zeichnen, der alle Möglichkeiten offenstehen und die sie trotzdem nicht nutzt. Dies gelingt ihm sehr gut. Kris, Wolf, Tamara und Frauke wirken, als kenne man sie persönlich. Sie besitzen Tiefe und einen eigenen Charakter. Sie sind sehr real gezeichnet und ihre Reaktionen auf die ungewöhnlichen Umstände in der Geschichte wirken glaubwürdig, wenn auch nicht immer moralisch korrekt. Doch hätte man selbst in einer solchen Situation anders gehandelt? „Sorry“ regt zum Nachdenken an; über Schuld, über den Tod – und über sich selbst.

Gekrönt wird das Ganze von einem grandiosen Schreibstil. Drvenkar benutzt wenige Worte, diese dafür aber treffsicher und eindringlich. Seine Beschreibungen sind sparsam gehalten, seine Sprache ist beinahe schon atmosphärisch, streckenweise düster. Er benutzt viel wörtliche Rede, gibt aber auch die Gedanken und Gefühle seiner Hauptpersonen wieder. Dabei wird er häufig schon philosophisch, doch er schweift nie zu sehr ab, sondern bleibt angenehm nah am Handlungsverlauf.

„Sorry“ besitzt eine wichtige Eigenschaft, die diesen Thriller herausragen lässt: Das Buch bringt den Leser zum Nachdenken. Der Berliner Autor Zoran Drvenkar versteht es, Themen wie Tod, Schuld und Unschuld so zu verpacken, dass daraus kein knochentrockener, moralischer Roman wird, sondern ein rasanter und spannender Thriller.

|ISBN-13: 978-3-550-08772-1
397 Seiten, Hardcover|
http://www.drvenkar.de
http://www.ullstein.de

_Zoran Drvenkar bei |Buchwurm.info|:_
[„Du bist zu schnell“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1084

Reiss, R. Scott – Todesspiel

Der eigenen Regierung sollte man eigentlich vertrauen können. Die Betonung liegt auf „sollte“, denn der Brasilianer Rubens, die Hauptfigur in R. Scott Reiss‘ Thriller „Todesspiel“, macht die gegenteilige Erfahrung.

Von denen, die ihn schützen sollten, gelinkt und verraten, flüchtet er zusammen mit seiner Tochter, der Teenagerin Estrella, nach Amerika. Doch das nicht ohne Hintergedanken. Er war früher Leibwächter für den Präsidenten, dessen Regierungsstil einigen lokalen Gruppierungen nicht gefallen hat. Als dieser bei einem getarnten Anschlag ums Leben kommt, steht der loyale Rubens alleine da. Seine Gegenspieler glauben, er hätte wichtige Informationen, und setzen sein Haus in Brand. Dabei stirbt seine Frau Rosa und er beschließt, ihren Tod zu rächen.

Einen Anhaltspunkt hat er bereits. Er vermutet, dass der New Yorker Honor Evans seine Finger im Spiel hat. Also versucht er den Mann ausfindig zu machen, ohne dass seine geliebte Tochter etwas davon mitbekommt. Als ihm dies gelungen ist, muss er mitanhören, wie Honor und seine Familie grausam niedergemetzelt werden. Er erfährt, dass sein eigentlicher Feind nicht Evans, sondern ein Phantom namens Nestor ist. Nestor hat alles, was Rubens nicht hat: Ansehen, Macht und Einfluss. Der ehemalige Leibwächter hingegen ist nur ein weiterer illegaler Einwanderer in den überfüllten Stadtvierteln New Yorks. Doch er ist clever – und er hat Freunde …

David gegen Goliath – R. Scott Reiss erzählt keine neue Geschichte in seinem Buch. Er greift auf bekannte Themen zurück wie den Drogenhandel in Südamerika oder die Verwicklungen großer Unternehmungen in illegale Nebenaktivitäten. Es gibt genug Autoren, die aus Altbewährtem noch eine spannende Geschichte stricken können, doch Reiss gehört nicht dazu. „Todesspiel“ ist ein gut konstruierter Thriller mit solider Spannung, dem es an dem Besonderen fehlt. Die Handlung ist zwar meistens nicht vorhersehbar, aber richtig in Fahrt kommt sie trotzdem nicht.

Es ist insgesamt sehr schwierig, in „Todesspiel“ die Spreu vom Weizen zu trennen. Der Autor macht seinen Job gut. Die sprachliche Ausarbeitung ist sauber, flüssig und ohne Längen. Er gestaltet seine Geschichte lebendig und berichtet ausführlich, aber nicht ausschweifend über Gefühls- und Gedankenwelt seiner Hauptperson. Er geht gerade so tief ins Detail, dass man Rubens gut folgen kann. Trotzdem fällt es schwer, mit ihm warm zu werden. Er ist gut ausgearbeitet, aber einen Tick zu eindimensional. Er wirkt austauschbar und der Beweggrund seiner Handlungen – der Tod von Rosa – hätte ruhig etwas dramatischer dargestellt werden können.

Doch eine misslungene Figur ist Rubens deswegen nicht. R. Scott Reiss hat es in „Todesspiel“ einfach nicht geschafft, Handlung, Hauptperson und Sprache so lebendig werden zu lassen, dass man das Buch nicht zur Seite legen kann. Es ist folglich kein schlechter Thriller, sondern nur einer, der nicht wirklich zünden möchte.

|Originaltitel: The Animal Game
Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann
ISBN-13: 978-3-548-26963-4
395 Seiten, Taschenbuch|
http://www.ullstein-taschenbuch.de

Victor Gunn – Das rote Haar

Gunn Rotes Haar Cover kleinEin Motel in der englischen Provinz wird Schauplatz eines rätselhaftes Mordes. Zwei zufällig anwesende Scotland-Yard-Beamte übernehmen den Fall an, der sich bald zum Doppelmord entwickelt, und enthüllen ein sorgsam gehütetes Familiendrama … – Der 40. Fall des Ermittler-Duos Cromwell und Lister ist einer der besseren der langlaufenden Serie und bietet in routinierter Variation altmodisches Miträtseln des Lesers auf einer wendungsreichen Suche nach dem Täter, der in einem großen Finale überführt wird.
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Gerritsen, Tess – Grabkammer

Ägyptische Mumien sind noch immer geheimnisumwittert und nicht nur für Archäologen wertvoll. Wie sah der Mensch aus, der für die Reise in das nächste Leben einbalsamiert wurde? Welche Krankheiten kann man mit neuen wissenschaftlichen Methoden diagnostizieren und daraus Rückschlüsse auf das Leben des seit Jahrtausenden Toten erhalten?

Der Prozess einer Mumifizierung wurde bereits vom griechischen Autor Herodot in seinem zweiten Buch ausführlich beschrieben. In der heutigen Zeit findet man nur noch wenige Mumien, und wenn, dann kommen diese nicht unbedingt aus Ägypten. Es gibt noch weitere Länder, deren Einwohner sich darauf verstanden, den Körper für die Nachwelt zu präparieren. Für Museen, die Mumien ausstellen, sind diese eine nicht unerheblich wichtige Geldquelle, denn der Tod übte schon immer eine gewisse makabere Faszination aus.

Im aktuellen Spannungsroman „Grabkammer“ von Tess Gerritsen spielen mumifizierte Tote eine große Rolle neben dem Ermittlungsduo Dr. Maura Isles und Jane Rizzoli.

_Inhalt_

Madame X ist die neueste Sensation eines alten Bostoner Museums, die zufällig bei Aufräum- und Archivarbeiten im Keller des Gebäudes gefunden wurde. Allem Anschein nach handelt es sich hierbei um eine ägyptische Mumie. Die Herkunft und das Alter sind aber noch relativ unbestimmt.

Im Bostoner Krankenhaus soll nun mit Hilfe der Computertomographie (CT) das Rätsel um das Geschlecht der Mumie und eventuelle körperliche Besonderheiten gelöst werden. Dr. Maura Isles, die Pathologin der Gerichtsmedizin, möchte der Untersuchung dieses sensationellen Fundes beiwohnen – eher aus Gründen der Neugierde als beruflichen. Die Spannung wächst, als die Untersuchung vor den Augen des Museumsdirektors, der jungen Archäologin Josephine Pulcillo, der Radiologen und Dr. Isles beginnt.

Nur wenige Augenblicke später entdeckt der radiologische Assistent auf den Röntgenbildern eine seltsame Verletzung in Madame X‘ Bein. Ein Fremdkörper ist von außen in das Wadenbein gedrungen. Das Projektil einer Schusswaffe – und Dr. Isles deutet darauf hin, dass die Frau nach der Verletzung noch gelebt haben muss, da sich die Wunde schon im Heilungsprozess befand. Damit ist Madame X ein Fall für die Gerichtsmedizin und wenig später auch für Detektive Rizzoli, denn die Tote ist keineswegs eine Jahrtausende alte Dame aus Ägypten, sondern eine junge Frau neuerer Zeit, die grausam und vorsätzlich umgebracht wurde.

In der toten jungen Frau wurde noch eine seltsame Münze mit einer ägyptischen Symbolschrift gefunden, und als die junge Archäologin Josephine Pulicillo diese entziffern kann, reagiert sie verstört und unruhig.

Als Dr. Josephine Puicillo im Kofferraum ihres Autos eine Moorleiche findet und diese sehr ähnliche Verletzungen aufweist, ist das Grund genug, um die Ermittlungen in die Richtung der jungen Archäologin zu verstärken. Aber was hat diese junge Frau mit einer Mumie aus diesem Jahrhundert und einer Moorleiche zu tun? Das Gebäude des Museums birgt dunkle Familiengeheimnisse, und der Schlüssel dazu liegt scheinbar in einer dunklen Erinnerung …

_Kritik_

Gerritsens „Grabkammer“ ist ebenso spannend wie die bisherigen Romane um das Duo Isles/Rizzoli. Die Idee, dass eine Mumie – bei der man logischerweise annimmt, dass diese ein paar tausend Jahre auf dem Buckel hat – sich bei einer klinischen Untersuchung mit moderner medizinischer Technik als erst kürzlich verstorben herausstellt, ist durchaus originell.

Die Autorin baut die Spannung in den darauf folgenden Kapiteln unaufhaltsam auf; mehr und mehr schließt sich der Kreis, und Janes Rizzolis Intuition ist dabei der Motor der Ermittlungen. Die Handlungsstränge fügen sich wie bei einem Puzzle zu etwas Ganzem, doch nach den ersten Leichen lässt die Spannung deutlich nach. Schon nach wenigen Kapiteln, die unglaublich viele Hinweise beinhalten, vermutet der Leser genau richtig – der Schlüssel ist bei Josephine Puicillo zu suchen.

In „Grabkammer“ spielt die Zeit die eigentlich größte Rolle, und das nicht nur in Bezug auf den Mumienfund. Nicht auf die Leichen oder die Ermittlungen konzentrieren sich die Handlung und die daraus resultierende Spannung, sondern ganz allein auf die Person der jungen Archäologin und ihre geheimnisvolle Vergangenheit, auch wenn sie noch sehr jung ist.

Ein Übermaß an Überraschungen und Wendungen gibt es dabei nicht zu bestaunen; es bleibt zwar durchaus spannend, dies aber gleichförmig und ohne weitere Höhepunkte. Ansprechender wäre es vielleicht gewesen, wenn Tess Gerritsen mehr Wert auf die Enträtselung der mysteriösen Toten gelegt hätte.

Stilistisch reiht sich „Grabkammer“ in die vorherigen Bände mühelos ein. Rizzoli und Isles bewegen sich auf sicheren Boden und geben sich keine Blöße, nur in privaten Dingen lernt man die Gerichtsmedizinerin von ihrer menschlichen Seite her besser kennen, doch auch sie kann sich nicht wirklich gehen lassen und wirkt für den Leser, als hätte sie ihre berufliche, professionelle Maske gar nicht abgesetzt.

Interessant sind die medizinischen und historischen Ansätze. Über Mumien und Schrumpfköpfen geht es über zu Moorleichen; jeder Fund wirft weiteren Fragen auf, engt aber zugleich den Täterkreis ein – alle Indizien lassen darauf schließen, dass es sich um jemanden handeln muss, der in archäologischen oder anderweitigen wissenschaftlichen Kreisen tätig war oder ist.

Auch spart Tess Gerritsen, die selbst Ärztin ist, nicht mit medizinischem Vokabular und erklärt vieles aus pathologischer Sicht, wenn sie Dr. Isles recherchieren und ermitteln lässt, auch wenn ihre Spurensuche auf dem Obduktionstisch stattfindet.

_Fazit_

„Grabkammer“ ist hebt sich stilistisch und inhaltlich nicht sonderlich von den anderen Romanen dieser Reihe ab. Allzu brutal sind die Taten nicht geschildert, nur die Leichen bzw. deren Konservierung ist originell und einfallsreich gestaltet.

Tess Gerritsen ist mit „Grabkammer“ ein solider und empfehlenswerter Thriller gelungen. Die Figuren und ihr privates wie auch berufliches Umfeld entwickeln sich im Verlauf der Reihe und kommen dem sympathischen Eindruck und Wiedererkennungswert zugute.

_Die Autorin_

So gekonnt wie Tess Gerritsen vereint niemand erzählerische Raffinesse mit medizinischer Detailgenauigkeit und psychologischer Glaubwürdigkeit der Figuren. Bevor sie mit dem Schreiben begann, war die Autorin selbst erfolgreiche Ärztin. Wie schon mit ihrem Aufsehen erregenden Debüt „Kalte Herzen“, eroberte sie auch mit ihren folgenden Thrillern die US-Bestsellerlisten im Sturm. Der große internationale Durchbruch gelang ihr mit „Die Chirurgin“. Tess Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, Maine. (Verlagsinfos)

_Tess Gerritsen auf |Buchwurm.info|:_

[„Leichenraub“ 5366
[„Todsünde“ 451
[„Die Chirurgin“ 1189
[„Der Meister“ 1345
[„Roter Engel“ 1783
[„Schwesternmord“ 1859
[„Akte Weiß: Das Geheimlabor“ 2436
[„Scheintot“ 3913
[„Blutmale“ 4107
[„In der Schwebe“ 4454

|Originaltitel: The Keepsake; Keeping the Dead
Deutsch von Andreas Jäger
Jane-Rizzoli- & Maura-Isles-Serie Band 7
412 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-8090-2540-5|
http://www.limes-verlag.de

Chaplet, Anne – Caruso singt nicht mehr

Cora Stephan erfreut die deutsche Bücherlandschaft nun schon seit über zehn Jahren unter dem Pseudonym Anne Chaplet mit zahlreichen Krimis. Grund genug für den Verlag, ihren ersten Roman „Caruso singt nicht mehr“ neu aufzulegen, denn der ist heute noch genauso interessant wie 1998.

In diesem Buch werden Paul Bremer, ein Frankfurter Aussteiger, sowie Karen Stark, eine forsche Frankfurter Staatsanwältin, eingeführt, die den Chaplet-Fan seitdem begleiten. Paul hat es nach Klein-Roda verschlagen, ein winziges hessisches Dorf, wo er dem Dorfleben frönt. Mit seinen Nachbarn versteht er sich zwar gut, aber wirklich angekommen ist er noch nicht. Das verwundert nicht, denn die Einwohner beobachten Neuankömmlinge – vor allem aus Frankfurt! – gerne argwöhnisch.

Davon ist nicht nur der ruhige, besonnene Paul betroffen, sondern auch Anne Burau, eine zugezogene Biobäuerin. Sie hat nicht nur gegen die Vorurteile zu kämpfen, sondern muss auch noch alleine den Hof versorgen, zusammen mit ihrer jugendlichen Tochter Rena. Paul verspürt Gefühle gegenüber der taffen Frau und ist mindestens genauso erschüttert wie sie, als ihr Ehemann Leo ermordet in ihrer Kühlkammer aufgefunden wird. Zeitgleich werden in der Umgebung Fälle von Tierquälerei und Brandstiftung gemeldet. Man fragt sich natürlich, ob es da einen Zusammenhang gibt. Sind es die rumänischen Banden, die man im Dorf jedes Verbrechens beschuldigt? Oder sogar Anne, die als die Ehefrau natürlich weit oben auf der Verdächtigenliste steht? Paul, Karen Stark und der ortsansässige Kommissar Kosinski ermitteln unabhängig voneinander in verschiedene Richtungen, doch sie treffen sich in der Mitte …

Wer andere Bücher von Chaplet kennt, stellt schnell fest, dass Chaplet gut angefangen hat und besser geworden ist. In „Caruso singt nicht mehr“ erzählt sie eine Geschichte rund um Liebe und Verrat. Das betrifft nicht nur Anne, sondern auch sämtliche andere Figuren in der Geschichte. Eher ungewöhnlich für einen Krimi wählt die Autorin ein übergreifendes Thema, das sie in verschiedenen Facetten und Personenkonstellationen darstellt. Der eigentliche Kriminalfall rückt dadurch manchmal in den Hintergrund. Das ist allerdings nicht weiter schlimm, denn an anderer Stelle schafft Chaplet es, die Spannung auf ein Maximum zu bringen. Sie verwebt geschickt verschiedene Handlungsstränge und führt den Leser gekonnt in die Irre.

Doch was wäre ein Chaplet ohne interessante Figuren? Die Antwort ist simpel: gar nichts. Die Autorin seziert mit einem lachendem und einem weinenden Augen die Originale rund um Klein-Roda. Mal amüsiert, mal berechtigt kritisch beschreibt sie Leben und Leute aus der Sicht des sympathischen, offenen Pauls. Sie hat ein Händchen dafür, ihre Charaktere sehr lebensnah zu gestalten. Jeder hat seine düstere Seite, aber Humor und Fröhlichkeit kommen dabei nicht zu kurz.

Ähnliches gilt für den Schreibstil. Locker, humorvoll, aber gerne auch mal scharf schreibt Chaplet und achtet darauf, ihre Schreibweise der jeweiligen Perspektive anzupassen. Während Karen Stark eher frech und selbstbewusst klingt, ruht Paul in sich. Kosinski und Anne Burau haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen und werden dabei stellenweise beinahe philosophisch. Doch einige Eigenschaften haben sie alle zusammen: Eine abwechslungsreiche Wortwahl, stellenweise eine starke Bildgewalt und ein starker Sog, das Buch auf keinen Fall zur Seite zu legen.

„Caruso singt nicht mehr“ mag im Original 1998 veröffentlicht worden sein, aber das Buch passt perfekt in Anne Chaplets Bücherkanon. Es ist eine rundum fantastische Sache. Eine spannende Handlung, tolle Figuren und ein mitreißender Schreibstil – was wünscht man sich mehr von einem Krimi? Nicht viel, doch die Frankfurter Autorin hat trotzdem noch etwas Zuckerguss parat: ein gut beleuchtetes, übergreifendes Thema und eine Handvoll, mindestens genauso hochwertige Nachfolgebände – die allerdings auch unabhängig voneinander gelesen werden können.

|ISBN-13: 978-3-548-60876-1
327 Seiten, Taschenbuch|
http://www.list-taschenbuch.de
http://www.anne-chaplet.de

_Anne Chaplet bei |Buchwurm.info|:_
[„Russisch Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2713
[„Schrei nach Stille“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5349

Johler, Jens – Kritik der mörderischen Vernunft

Die Philosophie an sich scheint eine recht friedliche Disziplin zu sein. Man schwafelt über Leid und Leben, tangiert vielleicht einmal den Tod, doch mit Mord hat die Philosophie eher weniger zu tun. Oder doch nicht? Schriftsteller Jens Johler verbindet in seinem Thriller „Kritik der mörderischen Vernunft“ Emmanuel Kant mit einer haarsträubenden Mordserie.

Der Berliner Wissenschaftsjournalist Troller erhält eines Abends eine E-Mail von einem Unbekannten, der sich Kant nennt. Darin gibt er an, im Gehirn von Dr. Ritter, einem renommierten Hirnforscher, nach Spiegelzellen gesucht zu haben. Troller ist alarmiert, denn er weiß, dass dieser merkwürdige Ausdruck sich auf Ritters Forschungstätigkeiten bezieht, bei denen er Tierversuche an Affen vornimmt. Sein Verdacht bestätigt sich. Als er Ritter einen Besuch abstatten will, trifft er dort nur die Kriminalpolizei, die ihn für den neuen Profiler hält.

Troller spielt dieses Spiel mit und erfährt einige pikante Details zum Mord. Er rätselt, wer der Täter sein könnte, als ein Briefbombenattentat die Tochter eines weiteren Hirnforschers tötet. Wieder meldet sich Kant per Botschaft, und Troller wird klar, dass er noch weitere Morde plant. Es muss eine Verbindung zwischen den Wissenschaftlern geben, nur welche?

Ehe er sich versieht, geschieht ein dritter Mord, auch dieses Mal ein Hirnforscher. Der Täter hinterlässt jedoch eine Spur: Er gibt sich als Troller aus, was dazu führt, dass der echte Troller in Gewahrsam genommen wird. Er hat kein Alibi, doch seine Freundin Jane, eine Kriminalreporterin, setzt alles daran, um seine Unschuld zu beweisen …

Tote Wissenschaftler, ein mordender Philosoph – das klingt nicht gerade spannend. Jens Johler schafft es jedoch, ein Gleichgewicht zwischen Wissen und Kriminalfall zu schaffen und dabei das Zwischenmenschliche nicht zu kurz kommen zu lassen. Auf der einen Seite stehen die häufig etwas längeren Ausführungen zur Hirnforschung sowie einige Gesprächsabende von Troller und seinem philosophischen Zirkel. Der Autor wird hier stellenweise etwas langatmig. Nicht jeder wird mit den Diskussionen des Gesprächszirkels etwas anfangen können, während die Einblicke in die Arbeit von Hirnforschern sehr interessant und aufschlussreich sind. Johler nimmt den Leser mit auf eine Reise in ein zukunftsträchtiges, stark umstrittenes Gebiet der Wissenschaft und legt gekonnt Pro und Kontra dar, ohne Stellung zu beziehen.

Er vernachlässigt dabei allerdings nicht den eigentlichen Kriminalfall, bei dem der Leser lange Zeit im Dunkeln tappt. Die Spuren sind rar gesät, obwohl Jane und Troller in alle Richtungen ermitteln. Gleichzeitig findet ein Wettrennen mit dem Täter statt: Wird er nochmal zuschlagen und wenn ja, wen wird es treffen? Einen weiteren Höhepunkt stellt Trollers Verhaftung und sein fehlendes Alibi dar. Der Autor lässt einige Zeit vergehen, bevor er auflöst, was Troller an diesem Abend gemacht hat, und so zweifelt der Leser plötzlich an der sympathischen Hauptfigur, die von der ersten Seite an alles andere als mörderisch gewirkt hat.

Wenn man es genau nimmt, besitzt das Buch eine dritte Handlungsebene: die des Zwischenmenschlichen. Troller und Co. sind sehr lebendig gezeichnet und alles andere als statisch. Sie entwickeln sich stetig weiter, was zu unvermeidlichen Kollisionen führt. Neben seiner Liebesbeziehung hat der grüblerische Troller vor allem an dem Verhältnis zu seiner Tochter Sarah zu knabbern, um die er sich nicht genug kümmert. Darüber hinaus nimmt die Beziehung zwischen Jane und Troller sehr viel Raum ein und wird außerdem von beiden Seiten beleuchtet. Jane, eine kompetente, junge Journalistin, tritt ebenfalls als Erzählperspektive auf, was dem Buch sehr viel Tiefe verleiht und bestimmte zwischenmenschliche Entwicklungen sehr breit beleuchtet. Dabei nehmen diese Entwicklungen der eigentlichen Handlung keinen Platz weg. Vielmehr stehen sie gleichberechtigt nebeneinander.

Das einzige Manko, das man dem Buch anlasten kann, ist der stellenweise etwas trockene Schreibstil. Gerade die theoretischen Teile werden dadurch etwas langatmig. Johler verzichtet auf Humor und Stilmittel. Er erzählt sehr geradlinig und niveauvoll, flicht dabei immer wieder Gedanken ein und setzt weniger auf Action als auf akribisches Nachdenken.

„Kritik der mörderischen Vernunft“ ist sicherlich keine Lektüre für jedermann. Dank der gelungenen Balance zwischen Theorie, Handlung und Beziehungen der Hauptpersonen ist der Thriller nicht so wissenschaftlich, wie man bei Titel und Cover befürchtet. Im Gegenteil gibt es durchaus spannende Momente und die wissenschaftlichen Einschübe sind glücklicherweise so aufgearbeitet, dass sie interessant statt trocken sind. Wer Interesse an ein wenig Bildung |und| Spannung hat, ist mit diesem Thriller sehr gut beraten.

|ISBN-13: 978-3-548-26954-2
538 Seiten, Taschenbuch|
http://www.ullstein-taschenbuch.de

Lawrence Block – Falsches Herz

Zwei Betrüger und eine schöne Frau planen einen geldgierigen Spekulanten auszunehmen. Der Coup scheint zu gelingen, aber mindestens einer der Beteiligten spielt falsch, um die Beute für sich allein zu gewinnen … – Typischer „Pulp“-Krimi der 1960er Jahre: schnörkellos, schnell und ohne Furcht vor Klischees, die sich hier vor allem um die weibliche Figur ranken; trotzdem und wegen des überraschenden Endes gut lesbar.
Lawrence Block – Falsches Herz weiterlesen

Rose, Karen – Todesbräute

Karen Rose hat mit ihrem Bestseller „Todesschrei“ eine Trilogie begonnen, die sich um die in Dutton, Georgia, ansässige Familie Vartanian dreht. Special Agent Daniel Vartanian hat im ersten Band den Großteil seiner Familie beerdigt. In „Todesbräute“, dem zweiten Band, hilft er Alex Fallon, die Geheimnisse der Ihrigen wieder auszugraben. Das ist nicht einfach, denn irgendjemand möchte verhindern, dass bestimmte Dinge ans Tageslicht kommen.

Alex Fallon fällt aus allen Wolken, als sie eines Tages einen Anruf mit der Nachricht erhält, dass ihre Stiefschwester Bailey verschwunden ist und ihre Tochter Hope allein gelassen hat. Alex hat Bailey vor fünf Jahren das letzte Mal gesehen. Damals war sie drogenabhängig und hatte kein Kind. Trotzdem ist die junge Frau alarmiert, denn sie fühlt sich schuldig bei dem Gedanken, dass sie sich nicht besser um Bailey gekümmert hat. Nach einer schrecklichen Familientragödie – dem gewaltsamen Tod ihrer Zwillingsschwester Alicia und dem Selbstmord ihrer Mutter – war sie bereits im Jugendalter aus Dutton verschwunden, um bei ihrer Tante und deren Familie ein neues Leben zu beginnen.

Nun muss sie zurückkehren in diese Kleinstadt, in der es soeben einen Mord an einer jungen Frau gegeben hat. Die Details des Falls erinnern Special Agent Daniel Vartanian verdächtig an den Mord von Alicia Fallon. Auch er ist ein Einheimischer. Damals hatte man einen Landstreicher für den Mord an Alex‘ Schwester verantwortlich gemacht, aber es scheint, dass es damals eine Ermittlungspanne gegeben hat.

Doch diese Tote soll nicht die Einzige bleiben. Es folgen nicht nur weitere Frauen und einige Männer, sondern auch Alex‘ Leben ist nach einem Anschlag in Gefahr. Der Schlüssel zur Auflösung des Falls ist Hope, die beobachtet hat, wie ihre Mutter entführt wurde. Doch die Vierjährige spricht nicht, sondern malt die ganze Zeit mit einem roten Farbstift in Malbüchern aus. Mit Hilfe von Alex‘ Cousine, der Kinderpsychologin Meredith, versuchen Hopes Tante und Agent Vartanian, dem dunklen Geheimnis in Dutton auf die Spur zu kommen. Dabei werden sie nicht nur mit der Vergangenheit konfrontiert, sondern auch mit der Tatsache, dass sie mehr füreinander empfinden …

„Todesbräute“ lässt sich ohne weiteres anderen Werken, die als „Romantic Suspense“ etikettiert sind, zuordnen. Eine spannende Handlung, garniert mit einem ziemlich kräftigen Schuss Liebe – die Meinungen über diese Verkopplung dürften auseinandergehen. Abgesehen davon, dass die Beziehung zwischen Daniel und Alex stellenweise fast schon schmalzig anmutet, kann sich „Todesbräute“ allerdings sehen lassen. Rose baut ihre Geschichte sehr spannend auf und nutzt verschiedene Perspektiven und Handlungsstränge, um das Geschehen umfassend darzustellen. Häufig verschleiert sie dabei jedoch die erzählende Personen und hält den Informationsgehalt gering. Es werden Fragen aufgeworfen, die der Leser erst am Ende des Buches beantwortet bekommt. Das großartige Finale ist so aufgezogen, wie man es von einem derartigen Thriller erwartet, doch wenn man etwas Innovatives sucht, ist man bei Karen Roses Buch sowieso an der falschen Stelle.

Der Roman dreht sich hauptsächlich um Daniel Vartanian und Alex Fallon. Beide sind von ihrer Vergangenheit traumatisiert, und selbst ein Leser, der „Todesschrei“ nicht kennt, kann den beiden inhaltlich folgen. Es ist Rose hoch anzurechnen, dass sie es schafft, die Geschehnisse aus der Vergangenheit so einzuarbeiten, dass sie nicht stören, sondern der Geschichte im Gegenteil noch mehr Tiefe verleihen. Vor allem Alex wirkt im Vergleich mit ähnlichen Figuren anderer Autoren sehr konturiert. Sie hat eine eigene Persönlichkeit, die die Autorin gut darzustellen weiß. Daniel wirkt dagegen fast ein bisschen blass.

Der Schreibstil weist keine Besonderheiten auf. Rose erzählt gradlinig und flüssig ohne Abschweifungen. Sie greift auf einen üppigen Wortschatz zurück und widmet sich häufig sehr eindringlich den Gedanken und Gefühlen ihrer Charaktere. Sie benutzt allerdings weder herausragende sprachliche Mittel noch setzt sie auf Humor.

Eine Thrillertrilogie über eine ganze Familie zu schreiben, ist eine interessante Idee. Mit „Todesbräute“ legt Karen Rose ein Buch vor, das dem Anspruch des Thrillergenres gerecht wird. Die Handlung ist spannend und gut geschrieben. Wer es zudem gerne etwas romantisch mag, ist bei Rose an einer guten Adresse.

|Originaltitel: Scream for Me
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Winter
ISBN-13: 978-3-426-66353-0
649 Seiten, Taschenbuch|
http://www.karenrosebooks.com
http://www.knaur.de

Marni, Nicola – Tallinn-Verschwörung, Die

Dass in der christlichen Religion die Predigt der Toleranz und Nächstenliebe allzu oft nur Worte aus Schall und Rauch produziert, wissen wir leider nicht erst seit den blutigen Religionskriegen Europas. Gläubige Männer des Islams wiederum rufen noch heute in regelmäßigen Abständen zum heiligen Krieg auf, und auch Christen hegen weiterhin ihre unüberlegten Vorurteile gegen Menschen aus arabischen Staaten. Der christliche und der islamische Glaube gehören dabei zu den größten Weltreligionen und haben weiterhin bedeutenden Einfluss auf die Politik und die Wirtschaft zahlreicher Staaten.

Seit den Terroranschlägen vom 11.9.2001 und vermehrten Rufen nach einem heiligen Krieg (von beiden religiösen Strömungen ausgehend) haben sich die Fronten mehrmals verhärtet. Was würde passieren, wenn reaktionäre, rechte Kreise des Vatikans im Islam eine Bedrohung sähen, die es nicht nur durch Worte zu bekämpfen gilt? Auch wenn der Vatikan ein Kirchenstaat ist, so gibt es doch unterschiedliche Ansichten und politische Richtungen innerhalb der Kurie. Sieht man sich zurzeit die Krisenherde in der Welt an, so gewinnt man durchaus den Eindruck, dass die Christenheit erneut einen Kreuzzug gegen den Islam führt, wie dies die Bush-Regierung auch gern verbildlichte. Der nächste terroristische oder gar militärische Anschlag könnte einen Flächenbrand auslösen, der sich weltweit ausbreitet.

Das Autorenehepaar Ingrid Klocke und Elmar Wolrath, bekannter unter dem Pseudonym „Iny Lorentz“, hat unter dem Namen „Nicola Marni“ die „Die Tallinn-Verschwörung“, die sich um Verwicklungen rechtsradikaler Elemente mit Kardinälen aus dem kleinen Kirchenstaat dreht.

_Inhalt_

Andrea Kirschbaum, eine junge Assistenzärztin aus München, wird nach Dienstschluss beim Betreten ihres Wohnblocks von einem Priester und einer weiteren Person niedergeschlagen. Kaltblütig werfen sie die bewusstlose Frau von ihrem Balkon, um den Anschein zu erwecken, diese habe sich aus reiner beruflichen Überlastung heraus das Leben genommen. Der wahre Grund: Als unfreiwillige Zeugin einer geheimen Zusammenkunft stand sie Neonazis und Männern der Kirche im Weg.

Ihr Freund Torsten Renk, ein ehemaliger Bundeswehroffizier der zum [MAD]http://de.wikipedia.org/wiki/Amt__f%C3%BCr__den__Milit%C3%A4rischen__Abschirmdienst gewechselt und gerade aus Afghanistan gekommen ist, zweifelt die Polizeiangaben an und damit die Theorie, dass es sich beim Tod seiner Freundin um einen Freitod gehandelt haben soll. Er beginnt Fragen zu stellen und ermittelt geheimdienstlich, um die wahren Mörder aufzuspüren.

Er vermutet schnell, dass ein alter Bekannter aus seiner Bundeswehrzeit, der rechtsradikale Ansichten und Meinungen lauthals äußerte, etwas mit dem Tod von Andrea zu tun hatte, vielleicht einfach aus Rachsucht, schließlich ist es Renk zuzuschreiben, dass dieser entlassen wurde.

Zu gleichen Zeit im fernen Rom entdeckt die junge Studentin Graziella ein diabolisches Komplott. Ihr Onkel, ein Kardinal im kleinen Kirchenstaat, gehört einer Verschwörung an, die sich „Die Söhne des Hammers“ nennt. Dieser Geheimbund mit seinen rechtsradikalen Ansichten nimmt den Kampf gegen den islamischen Glauben auf, der für sie das „Böse“ darstellt. Der Vormarsch des Islams, gerade in Deutschland und Europa allgemein, soll verhindert werden. Der Beitritt der Türkei zur EU steht unmittelbar bevor, und der Islam hätte somit einen breiten Fuß in der Tür der christlichen Gemeinschaft der EU-Staaten. Auch Graziella, aufgerüttelt und schockiert, ermittelt auf eigene Faust und begibt sich damit in direkte Gefahr.

_Kritik_

Das Autorenduo entfaltet in „Die Tallinn-Verschwörung“ ein doch sehr unglaubwürdiges Szenario. Die zugrunde liegende Motivation, den Glauben an Gott und ein Leben für die Kirche zu kombinieren mit religiöser Verblendung und fanatischem Hass auf Ausländer, baut auf zwei Handlungssträngen auf, die in dieser Ausformung zu sehr der Logik widersprechen.

„Die Tallinn-Verschwörung“ ist stilistisch mehr als einfach gehalten und jegliche Klischee reichen hier einander die Hand. Weder ist die Handlung abwechslungsreich noch überrascht sie uns mit unerwarteten Wendungen, und wer hier zumindest eine interessante Stilistik erwartet, mit formschönen Dialogen, die interessant und unterhaltsam sind, der sollte dieses Buch gar nicht erst in die Hände nehmen.

Die Charaktere sind dabei ein Kapitel für sich. Torsten Renk als ermittelnder Einzelgänger mimt den Supermann und ist schlauer, gewitzter, stärker und klüger als alle anderen zusammen. Natürlich ermittelt er auf eigene Faust und natürlich sind seine Vorgesetzten zwar im Bilde, aber gebieten ihm keinen Einhalt, und natürlich fallen nur ihm einige Unregelmäßigkeiten am Tatort auf, wo hingegen langjährig erfahrene Kriminalbeamte keinen Gedanken daran verschwenden mögen. Torsten Renk ist die deutsche Antwort auf James Bond und ebenso heldenhaft überzeichnet wie der britische Geheimagent in seinen besten Jahren. Natürlich offenbart Renk sich selbst nur wenig, ist stets jedem anderen einen Schritt voraus und immer der harte Ermittler, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert. An oberflächlichen Parolen, die seine Gedankengänge dann durchstreifen, fehlt es dabei auch nicht.

Und auch sein Gegenpart, der böse Neonazi, ist nur sein negative Spiegelbild und erfüllt jegliches Vorurteil, physisch wie psychisch. Die Bösen Buben werden hier als glatzköpfige und recht minderbemittelte Menschen gezeichnet, die Bierflaschen mit ihren Zähnen öffnen und Frauen am liebsten nur am Herd und im Bett sehen wollen. Und so reihen sich hier Vorurteil an Vorurteil und Klischee an Klischee.

Auch die katholische Kirche wird diesen Roman nicht unterhaltsam finden: Sicherlich gibt es im Vatikan, wie auch sonst überall in der Politik, abweichende Meinungen zu gesellschaftlichen Themen, und es ist sicherlich der Fall, dass auch dort die Lager gespalten sind, doch solch kriminelle Energie und Verblendung der Fürsten in Purpur ist, auch wenn die Geschichte rein fiktiv sein soll, wenig unterhaltsam oder interessant, sondern eher eine Peinlichkeit für die Autoren.

Graziella, die neben Renk ermittelt, ist eine wohlerzogene, attraktive italienische Frau, deren Onkel ein ranghoher Kardinal ist, während sie selbst natürlich entgegen jeglicher Erziehung ihren eigenen Kopf durchsetzt. Auch ihre Persönlichkeit ist so oberflächlich, schlicht und übertrieben gezeichnet wie jene des restlichen Personals.

Es gibt einige gute Verschwörungsthriller mit Ideen, über die der Leser wirklich nachdenkt, vielleicht recherchiert und diskutiert. Bei „Die Tallinn-Verschwörung“ ist der Gedanke an einen möglicherweise realen Hintergrund schlicht indiskutabel. In diesem Roman ist alles nur schwarzweiß gehalten und nicht sonderlich intelligent ausgearbeitet. Man könnte meinen, die Autoren hätten mit diesem Roman ein Erstlingswerk abgeliefert, so einfach und vorhersehbar ist die Handlung konstruiert, und als besonders störend empfand ich obendrein den sprachlichen Stil, der, kombiniert mit vielen Klischees, jegliche Lust am Weiterlesen nimmt.

_Fazit_

Die Grundidee ist zwar interessant, aber das Ergebnis nahezu ungenügend. Weder kann die Geschichte durch Spannung oder inhaltliche Tiefe überzeugen, noch ist sie abwechslungsreich oder in sich logisch abgestimmt, von den stilistischen Mängeln ganz zu schweigen. Daher kann ich das Buch „Die Tallinn-Verschwörung“ absolut nicht als Lektüre empfehlen.

_Die Autoren_

Nicola Marni ist das Pseudonym des bekannten Autorenehepaars Ingrid Klocke und Elmar Wohlrath, das seit vielen Jahren unter den Pseudonymen Iny Lorentz, Eric Maron, Mara Volkers, Diana Wohlrath und Anni Lechner erfolgreich vor allem historische Romane veröffentlicht. Das Autorenpaar lebt in einem kleinen Dorf bei München.

|Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-20341-3|
http://www.randomhouse.de/pageundturner/

Olsberg, Karl – Duft, Der

_Bio-Krieg nach Cyber-Bedrohung._

2007 hat Karl Olsberg „Das System“ auf seine Leser gehetzt und mit rasantem Techno-Thrill ordentlich punkten können, sodass sein aktuelles Werk „Der Duft“ schon so manchen bevorzugten Platz in den Buchhandlungen einnehmen durfte. Abermals hat Olsberg aus dem Thema Technologie ein Geschichtennetz gesponnen, um eine Welt aufzurütteln, die sich zu sehr in Sicherheit wiegt.

_Eine Unternehmensberaterin auf Abwegen._

Während irgendwo in Afrika Gorillas an seltsamen Verhaltensauffälligkeiten leiden, geht Marie Escher ihrem Beruf als Unternehmensberaterin nach und klopft eine gefährdete Firma auf ihr Einsparungspotenzial ab. Routine eigentlich. Dabei stößt sie auf eine Tochterfirma, deren Leiter sich nicht sehr erfreut zeigt über Maries Team und deren Schnüffeleien. Immer noch Routine. Dann allerdings schlagen sich zwei Mitarbeiter von Maries Team ohne ersichtlichen Grund schier den Schädel ein. Und hier hört die Routine auf.

Maries Alltag gerät aus den Fugen, ihre Karriere droht zu kippen und sie muss die Situation retten, jedoch ohne ihr Team, einzig mit einem Anfänger an ihrer Seite, der zudem noch völlig chaotisch und undiszipliniert ist. Sie gibt nicht auf, bohrt weiter in der Tochterfirma herum, reist nach Afrika, um sich einen Eindruck von den dortige Forschungen zu verschaffen, und gerät in einen Strudel aus Intrigen, Terrorismus und unverantwortlichen Experimenten mit Pheromonen. Und dann ist da noch diese Stimme in ihrem Kopf …

Auf der anderen Seite der Erdkugel bekommt es Lieutenant Bob Harrisburg mit einem schrecklichen Verbrechen zu tun, das amerikanische Soldaten an irakischen Kindern verübt haben. Obwohl die Täter in Gewahrsam sind, lassen sich keine Motive für diese Tat finden – Wahnsinn, behauptet man in Harrisburgs Umfeld, aber der nachdenkliche Psychologe ahnt, dass es eine andere Erklärung gibt, eine Erklärung, die eine große Gefahr bedeuten könnte, für die Friedenskonferenz, die in Saudi-Arabien stattfinden soll …

_Der Profi außerhalb seines Fachgebiets._

Ähnlich wie im „System“ geht „Der Duft“ sofort in die Vollen und lässt die Seiten nur so unter dem Leser dahinschmelzen. Leider geht der Story nach dem ersten Drittel die Puste aus. Nicht, dass Olsberg nicht auf der Klaviatur der Spannung klimpern könnte, aber man merkt ihm einfach an, dass das Thema „Pheromone“ nicht sein Fachgebiet ist. Wo sich die Geschichte von „Das System“ in Olsbergs „Heimstadion“ abgespielt hat – in der Welt der Quellcodes, der künstlichen Intelligenzen, der Hacker, Cracker und Serverfarmen von Antivirus-Firmen -, drückt sich die Story von „Der Duft“ an ihrem Kernthema einfach vorbei. Statt fesselnder technologischer Einblicke gibt es klassische Spannungselemente: ein bevorstehender Terrorismus-Anschlag und zwei Unternehmensberater, die gejagt werden, weil sie ein Geheimnis entdeckt haben.

_Unter dem Strich_ bleibt also ein recht konventioneller Action-Thriller mit ordentlichen Verfolgungsjagden, aber brutal gedrosseltem „Olsberg-Faktor“. Der hat zu Beginn des Romans noch seinen Stellenwert, führt den Leser ein in die Welt der Unternehmensberatung und lässt ihn spüren, dass Olsberg hier von erlebtem Wissen zehrt – nicht von recherchiertem. Letzteres macht sich dann in den letzten beiden Dritteln des Buches breit: Infos über Terrorismus, Nahostverstrickungen, die Armut in Afrika – in seltsam lehrbuchartigem Ton fließen all diese Dinge ein, oft mit erhobenem Zeigefinger, der nicht unbedingt subtil gegen die westliche Konsumgesellschaft gerichtet wird.

Zum Schluss zieht die Spannungskurve noch mal ordentlich an: Was zu Beginn des Romans nur als Randnotiz über die Vergangenheit der weiblichen Hauptfigur erscheint, gipfelt hier in ein fesselndes Dilemma zwischen Wahn und Wirklichkeit. Dennoch fehlt der bleibende Nachgeschmack.

Olsbergs nächstes Werk (Arbeitstitel: „Schwarzer Regen“) soll sich der „atomaren Bedrohung“ als zentralem Kernthema widmen. Bis dorthin ist „Der Duft“ durchaus in der Lage, dem Leser ein wenig die Zeit zu vertreiben, gegen „Das System“ kann er allerdings nicht, ähem, anstinken …

http://karlolsberg.twoday.net
http://www.system-dasbuch.de
http://www.aufbauverlag.de

_Karl Olsberg auf |Buchwurm.info|:_

[„Das System“ 4334
[„Der Duft“ 5553 (Hörbuch)

Remes, Ilkka – Hochzeitsflug

Dank der Erfolgswelle, auf welcher der finnische Bestsellerautor Ilkka Remes zurzeit surft, erobern nun auch seine älteren Werke den deutschen Buchmarkt, wie jüngst „Hochzeitsflug“ aus dem Jahr 2001, das auf dem Buchdeckel mit den Worten „Dieses Buch ist das Ereignis des Jahres!“ angepriesen wird. Derlei Lobesworte fordern eine gründliche Prüfung natürlich geradezu heraus!

_Abgestürzt_

Christian Brück und Tina Carabella sind glücklich – nur zwei Tage sind es noch bis zu ihrer Hochzeit. Tina fliegt schon einmal vor nach Frankfurt, während Christian sich weiter seiner Arbeit als Hirnforscher widmet. Doch dann ereilt den Verlobten eine Schreckensbotschaft: Das Flugzeug, das seine Tina genommen hat, ist vor der Küste Montenegros vom Radar verschwunden und abgestürzt. Das Flugzeugwrack ist jedoch vollkommen leer – nur einige persönliche Gegenstände der Reisenden sind dort zu finden.

Überstürzt fliegt Christian nach Montenegro, um seine Verlobte zu suchen und den mysteriösen Ereignissen auf die Spur zu kommen. Dort trifft er Rebecca, deren Mann ebenfalls im abgestürzten Flieger gesessen hat. Die beiden finden einen Mann, der das Flugzeugwrack ausgeschlachtet und Tinas Handtasche gefunden hat. Er verlangt eine horrende Summe für eine Videokassette, die Tina offensichtlich kurz vor dem Absturz aufgenommen hat. Christian hat nicht genügend Geld und hinterlässt seinen Pass als Pfand für den Betrüger, der ihm im Gegenzug die Kassette aushändigt. Nun fehlt Christian und Rebecca allerdings ein Abspielgerät für das Band …

Sie machen Bekanntschaft mit der taffen Journalistin Sylvia, die auf Teufel komm raus an exklusive Informationen gelangen will. Wie ehrenwert ihre Methoden dabei sind, ist ihr oftmals egal. Als Christian und Rebecca mit dem fehlenden Geld losgehen, um Christians Pass auszulösen, finden sie den Mann ermordet vor. Nun beginnt eine wahrlich teuflische Hetzjagd, denn irgendjemand ist hinter dem Videoband her. Bald muss Christian auf schmerzliche Weise erfahren, dass er nicht einmal den Amerikanern, die den Flugzeugabsturz untersuchen sollen, trauen kann, denn auch sie wollen das Band haben.

Zeitgleich begibt sich Christians Exfreundin Sara, die einst mit Tina in einer WG wohnte, in Cannes auf Spurensuche. Schnell findet sie heraus, dass Tina nicht nur schwanger war, sondern auch einer mysteriösen Sekte angehörte. War der Flugzeugabsturz womöglich ein Massenselbstmord der Sektenmitglieder? Und welche Rolle hat Tina dabei gespielt? Und welche der Mann, den sie noch im Flugzeug innig küsste?

_Gar nicht beschaulich_

Zu Beginn lernen wir Christien Brück kennen, den promovierten Hirnforscher, der in einem großen Technologie- und Wissenschaftspark an der Côte d’Azur forscht. Schon auf der ersten Seite des Buches muss er einem Patienten zu Hilfe eilen, der einen anaphylaktischen Schock erlitten hat. Ilkka Remes verliert wieder einmal keine Zeit und lässt seinen Spannungsbogen schon hier beginnen. Wie wir später allerdings feststellen müssen, hat Christians Arbeit rein gar nichts mit den späteren Geschehnissen zu tun.

Viel interessanter wird es allerdings bei Tinas erstem Auftritt, denn schon hier treffen wir Jacob, der Tina in seine Arme zieht und küsst, obwohl sie doch zwei Tage später Christian heiraten will. Was hier gespielt wird, bleibt lange Zeit im Dunkeln, sodass der Leser das Buch im Handumdrehen durchlesen wird, um all die Rätsel, die Remes von Beginn an einstreut, aufgeklärt zu bekommen.

Der Spannungsbogen ist auf der ersten Hälfte perfekt gelungen. Ilkka Remes wechselt in rasanter Weise die Schauplätze, er schickt uns einmal mit Sara nach Cannes, die Tinas komisches Verhalten aufklären möchte, dann wiederum begleiten wir Christian und Rebecca bei ihren Nachforschungen, die immer gefährlicher werden, da die Verfolger ihnen näher rücken. Wir treffen auf Kurt Coblentz, der offensichtlich mehr über den Flugzeugabsturz weiß, den wir aber lange Zeit nicht einordnen können. Außerdem begegnen wir Luc Cresson, der eine Frau bis ins Krankenhaus verfolgt, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Die Kapitel sind kurz und enden meist mit einem Cliffhanger, der uns immer weiter durch die Geschichte zieht.

Leider flacht der Spannungsbogen immer mehr ab, denn irgendwann wird die atemlose Jagd auf Christian langweilig. Wir kennen dann seine Verfolger, ohne aber mehr Hintergrundinformationen zu erhalten, warum sie eigentlich hinter der Videokassette her sind. Obwohl uns Christian schon sympathisch ist, ist zu klar, dass er als Held der Geschichte überleben wird, als dass wir wirklich mit ihm mitfiebern. Natürlich möchten wir wissen, was das mysteriöse Videoband zeigt, doch Remes hält uns zu lange hin und klärt es dann doch zu unspektakulär auf. In der zweiten Hälfte habe ich nur noch schnell weiter gelesen, um endlich zu erfahren, was mit dem Flugzeug eigentlich passiert ist. Glücklicherweise trägt Remes‘ flüssiger und klarer Schreibstil sehr dazu bei, dass man das Buch ratzfatz durchgelesen hat.

Der Spannung abträglich ist auch die Flut von handelnden Figuren. Manche lernen wir nur |en passant| kennen, da Remes uns noch verschweigt, was die Personen bezwecken wollen, aber irgendwann war ich mir manchmal doch etwas unsicher, wohin ich die jeweiligen Charaktere sortieren sollte.

_Rätsel enträtselt_

Die Geschichte in „Hochzeitsflug“ ist völlig undurchschaubar und mysteriös. Das macht aber gerade die Faszination des Buches aus und verleitete mich immer wieder zum Weiterlesen. Was uns Ilkka Remes allerdings als Lösung präsentiert, konnte mich nicht hundertprozentig überzeugen. Die Auflösung der Rätsel ist schon reichlich abgefahren, sodass man mehrere Augen zudrücken sollte, um sich wirklich mit diesem Ende zufriedenzugeben. Wie jemand die Absturzopfer aus dem Flugzeug holen konnte, ohne dabei Spuren zu hinterlassen und wie tatsächlich einige den Absturz überleben konnten, blieb mir ebenso ein Rätsel wie die Frage, wieso bei der Säuberungsaktion Tinas Videokassette übersehen werden konnte.

Eine weitere Frage, die Remes früh aufwirft, ist die nach Tinas und Saras Vergangenheit. Die beiden haben einst zusammen in einer WG gewohnt, bis Christian sich gegen Sara und für Tina entschieden hat. Doch irgendetwas muss zwischen den beiden Frauen vorgefallen sein, denn Sara weicht Christians bohrenden Fragen immer wieder aus und deutet nur an, dass sie nicht darüber sprechen wolle. Was jedoch passiert ist, erfahren wir in diesem Buch nicht. Dieses Rätsel verpufft demnach leider völlig.

Auch handwerklich merkt man, dass es sich um eines der früheren Werke des finnischen Erfolgsautors handelt. So zeigt er zwar schon, dass er seine Leser mit seinem Schreibstil mitreißen kann, doch manchmal schleichen sich kleine Unstimmigkeiten ein. So gab es beispielsweise eine Szene zwischen Christian und Sylvia – die im Übrigen natürlich beide ein arg schweres Schicksal erlitten haben -, in der Sylvia eine winzige flapsige Bemerkung macht. Als Reaktion darauf geht Christian praktisch an die Decke und bezeichnet Sylvia als „verdammtes Miststück“, obwohl ihre Aussage keineswegs verletzend war! Nur zwei Absätze später ist Christians Ärger offensichtlich verpufft, denn da doziert er (in einer eigentlich recht bedrohlichen Situation) über die Funktionsweise des menschlichen Hirns. Echte Menschen würden sich definitiv anders verhalten.

Besonders authentisch sind die Charaktere in diesem Buch leider nicht. Christian Brück ist zwar durchaus sympathisch und auch Sara und Sylvia wachsen uns irgendwie ans Herz, aber die Geschichte, die Ilkka Remes seinen Hauptcharakteren angedichtet hat, scheint mir arg übertrieben. Keine der Figuren lebt ein normales Leben, alle sind vielmehr schwer gebeutelt, verletzt und kompliziert. Auch hier zeigt sich, dass Ilkka Remes im Laufe seiner schriftstellerischen Karriere einiges dazugelernt hat.

_Flitterwochen ausgefallen_

Unter dem Strich hat mich „Hochzeitsflug“ dennoch durchaus unterhalten. In nur drei Tagen hatte ich das Buch durchgelesen, weil der Spannungsbogen zunächst praktisch perfekt konstruiert war. Und auch als die Spannung abflachte, zogen mich die Cliffhanger und Remes‘ Schreibe weiter durch das Buch. An einigen Stellen zeigten sich handwerkliche Schwächen und auch die Auflösung überzeugte mich nicht vollkommen, dennoch eignet sich das vorliegende Buch sehr gut als unterhaltsame Urlaubslektüre, auch wenn die zahlreichen Charaktere mitunter etwas verwirren. „Hochzeitsflug“ ist sicherlich nicht Ilkka Remes‘ bestes Werk – das ist bis auf weiteres [„Das Erbe des Bösen“ 5468 – und es ist ganz bestimmt auch nicht „das Ereignis des Jahres“, aber das Zitat vom Buchrücken trifft dann doch gut zu: „ein Spannungsroman, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.“

|Originaltitel: Uhrilento, 2001
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
443 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-21117-8|
http://www.ilkka-remes.de
http://www.dtv.de
http://www.ilkkaremes.com

_Ilkka Remes auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Erbe des Bösen“ 5468
[„Ewige Nacht“ 2039
[„Das Hiroshima-Tor“ 2619
[„Blutglocke“ 3911
[„Höllensturz“ 3951

Michael Connelly – Echo Park [Harry Bosch 12]

Der Fahndungsdurchbruch in einem längst ‚kalten‘ Mordfall entpuppt sich als Teil eines Komplotts, durch das der wahre Täter aus der Schusslinie gebracht werden soll. Zwischen dem Erfolg der mächtigen Dunkelmänner und der Wahrheit steht nur der unbestechliche Polizist Harry Bosch … – In seinem 12. Roman um den unkonventionellen Ermittler lässt Connelly keinerlei Schwächen erkennen. Der Plot ist komplex aber schlüssig, die Umsetzung fesselt, das Tempo ist hoch und „Echo Park“ ein Pageturner, der dieses Prädikat verdient! Michael Connelly – Echo Park [Harry Bosch 12] weiterlesen

Harvey, John – Verführung zum Tod

Normalerweise geben Menschen Kontaktanzeigen auf, weil sie auf der Suche nach einem potenziellen Partner sind. Schenkt man dem englischen Autor John Harvey in seinem Buch „Verführung zum Tod“ Glauben, lockt man dadurch eventuell aber auch einen Mörder an …

Bei einer Routinebefragung finden Polizisten Shirley Peters ermordet auf. Ein Täter ist schnell zur Hand, denn die junge Frau hat einen gewalttätigen Ex-Freund, der sie eine Zeit lang verfolgt hat. Man nimmt ihn fest, doch er leugnet standhaft. Wenig später wird eine zweite Frau ermordet aufgefunden und Detective Inspector Charlie Resnick geht davon aus, es mit dem gleichen Täter zu tun zu haben – und dieser ist nicht der Ex-Freund.

Er findet schnell heraus, dass beide Frauen versuchten, per Kontaktanzeige eine neue Liebe zu finden. Nun gilt es, bei den Antworten auf die Annoncen einen gemeinsamen Nenner zu finden, was schwieriger ist als gedacht. Mögliche Verdächtige entpuppen sich schnell als Fehlgriffe, und da die Geschichte in den Achtzigern spielt, können die Beamten auch nicht auf die moderne Computertechnik von heute zurückgreifen.

Zeitgleich beginnt Charlie Gefallen an der Sozialarbeiterin Rachel zu finden, doch ihre Beziehung gestaltet sich eher schwierig. Genau wie die Suche nach dem Täter. Obwohl man nach mühevoller Kleinarbeit Verdächtige zur Hand hat, fällt es schwer, den Richtigen auszusieben. Dabei zählt jede Minute …

Detective Inspector Charlie Resnick steht weitgehend im Mittelpunkt der Geschichte. Er besitzt die klassischen Züge eines Ermittlers: Er ist ein seltsamer Einzelgänger mit einem ausgeprägten Musikgeschmack und achtet nur wenig auf sein Äußeres. Hinzu kommen jedoch eine Passion für die vier Katzen, mit denen er sein Haus teilt sowie ein ruppiger Humor, der sparsam dosiert wird und jedes Mal aufs Neue überrascht. Leider war’s das dann auch schon mit den Überraschungen. Gerade bei seiner Arbeit sticht Resnick nicht besonders heraus im Vergleich mit ähnlichen Figuren. Ihm fehlt es an einer eigenen Methode, die noch etwas Würze in die Geschichte gebracht hätte.

John Harvey verzichtet bezüglich der Handlung auf unnötige Ausschweifungen. Abgesehen von der sich anbahnenden Beziehung zwischen Rachel und Resnick räumt er Gedanken und Gefühlen der auftretenden Person wenig Raum ein. Resnick steht dabei zwar im Mittelpunkt, doch der Leser besucht auch die anderen Stationen der Ermittlung, die von Resnicks Untergebenen abgearbeitet werden. Die Hauptspannung bezieht „Verführung zum Tod“ aus der am Ende aufkommenden Frage, wer der möglichen Kandidaten der Täter ist. Streckenweise gibt es ein paar Längen, aber Harveys sicherer und treffender Schreibstil macht diese erträglich.

Harvey fasst sich kurz. Er schafft es, mit wenigen Worten und einem präzisen Vokabular alle Sachverhalte verständlich darzustellen. Dadurch gerät die Handlung nie ins Stocken, sondern legt ein zügiges Tempo vor. Der leichte Schuss Humor, der manchmal zwischen den Zeilen durchschimmert, sorgt dafür, dass dem Leser nicht langweilig wird.

In der Summe ist „Verführung zum Tod“ ein interessanter Krimi, aber kein strahlender Stern des Genres. Wer jedoch die trockene Ermittlerarbeit mag und Krimis, die einen starken alltäglichen Bezug aufweisen, der wird an diesem Buch sicherlich seine Freude haben.

|Originaltitel: Lonely Hearts
Deutsch von Mechtild Sandberg-Ciletti
ISBN-13: 978-3-423-21112-3
393 Seiten, Taschenbuch|
http://www.dtv.de

_John Harvey bei |Buchwurm.info|:_
[„Schrei nicht so laut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3455

Lewis, Kevin – Jagd auf Frankie

Jeder ist sich selbst der Nächste – dieses Sprichwort gilt, laut der Hauptfigur in Kevin Lewis‘ Thriller „Jagd auf Frankie“, vor allem auf der Straße. Die Obdachlose Frankie begeht den Fehler, sich nicht an diese Maxime zu halten. Sie setzt damit etwas in Gang, das eine Nummer zu groß für sie zu sein scheint.

Frankie ist neunzehn Jahre alt und lebt seit vier Jahren in den Gassen Londons. Sie ist eine Einzelgängerin, doch als sie sieht, wie ein Zuhälter eine Minderjährige vergewaltigen will, legt sich bei ihr ein Schalter um. Sie verteidigt die Kleine und zieht dem Gangster in Notwehr eine Flasche über den Kopf. Wohl wissend, dass der Mord sie ins Gefängnis bringen kann und die Freunde des Zuhälters nicht ruhen werden, bis diese sie gefasst haben, ergreift sie die Flucht. Dabei überfällt sie eine ältere Dame, um an Geld für ein Zugticket zu kommen. Was sie nicht weiß: Das Medaillon, das sie ihrem Opfer entreißt, enthält einen USB-Stick mit brisanten Daten, und ehe Frankie sich versehen hat, ist ihr halb London auf den Fersen.

Sie flieht nach Bath, wo sie die ältere Blumenhändlerin June kennenlernt. June nimmt sie bei sich auf, ohne Fragen zu stellen. Plötzlich hat Frankie, die seit vier Jahren kein Dach über den Kopf hat, eine Arbeit, einen Schlafplatz und eigenes Geld. Sie beginnt ein neues Leben und hofft, dass irgendwann Gras über die Sache wächst. Doch sie hat die Beharrlichkeit ihrer Verfolger unterschätzt …

„Jagd auf Frankie“ ist nicht unbedingt ein klassischer Thriller, sondern erzählt vielmehr die Geschichte Frankies über mehrere Jahre hinweg und die damit verbundenen Ereignisse, die sie in der Mordnacht auslöste. Kevin Lewis setzt weniger auf Action, sondern bevorzugt eine glaubwürdige Darstellung der Ereignisse. Nüchtern und sachlich arbeitet er die einzelnen Handlungsstationen ab, und gerade seine authentische Darstellungsweise erzeugt Spannung. Da Frankie dem Leser ans Herz wächst, fiebert man mit der jungen Frau mit und möchte alles über ihr Schicksal wissen. Das – und nicht etwa zahllose Verfolgungsjagden oder die Frage nach dem Täter – ist der Grund, wieso man den Roman nicht aus der Hand legen kann. Eine einfache Formel, die nur wenige Autoren beherrschen.

Viele Thriller spielen in Regierungs- oder Wirtschaftskreisen, in manchen werden normale Bürger in einen Strudel von Ereignissen geworfen. Lewis geht einen eher ungewöhnlichen Weg und rekrutiert als Hauptperson ein Mädchen von der Straße. Er verschafft dabei nicht nur einen Einblick in einen Lebensbereich, der den meisten Lesern fremd sein wird, sondern gestaltet auch einen sehr vielschichtigen Charakter. Frankies Vergangenheit spielt eine bedeutende Rolle in der Geschichte und zeigt, wie verschieden die Biografien von Heimatlosen sein können. Obwohl der Autor sehr distanziert mit Frankie umgeht und ein direkter Zugang zu ihr kaum möglich ist, leidet man während der Lektüre mit ihr mit, denn man merkt schnell, dass sie bislang nur Pech in ihrem Leben hatte. Lewis nimmt den Leser folglich mit auf eine Achterbahn der Gefühle, und obwohl Nebenperspektiven existieren, ist es Frankie, die durch das Buch führt.

Die beinahe schon extreme Distanz wird bei der Betrachtung des Schreibstils besonders deutlich. Lewis schreibt kühl und simpel. Einen großen Zauber in Form von rhetorischen Stilmitteln darf man nicht erwarten. Der Autor beschränkt sich mehr oder weniger auf die Schilderung der Ereignisse und Frankies Innenleben, ohne diese bunter auszugestalten. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig und sicherlich nicht die stärkste Lösung.

Sie erfüllt jedoch ihren Zweck. „Jagd auf Frankie“ ist ein gut lesbares und spannendes Buch, das Einblicke in das Leben auf der Straße gewährt. Die damit verbundene Handlung ist ruhig und authentisch und nimmt der Hauptperson Frankie nicht das Scheinwerferlicht. Wer gerne einen etwas anderen Thriller genießen möchte, ist mit Kevin Lewis‘ Roman gut bedient.

|Originaltitel: Frankie
Deutsch von Gisela Stern
ISBN-13: 978-3-423-21114-7
380 Seiten, Taschenbuch|
http://www.dtv.de
http://www.kevinlewisonline.com