Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Cortez, Donn – CSI Miami: Mörderisches Fest

_Das geschieht:_

Im tropisch klimatisierten Miami gleichen die Weihnachtsfeiertage eher dem europäischen Fasching. Hitze, Alkohol und Drogen lassen manchen Zeitgenossen über die Stränge schlagen. Aktuell bereitet ein neues Phänomen der Polizei Kopfzerbrechen: Männer und Frauen verkleiden sich als Santa Claus und Weihnachtselfen, um im Schutz ihrer Kostüme die öffentliche Ruhe zu stören. Ryan Wolfe vom kriminaltechnischen Labor von Miami-Dade muss den Fall eines Santas übernehmen, der seine Eskapaden nicht überlebte: Man fand ihn nackt und tot in einem Hinterhof.

Kollege Eric Delko untersucht das gewalttätige Ende eines Mannes, den man ermordet aus dem Everglade-Sumpf zog. Die Identifizierung ist schwierig, da sich nicht nur Alligatoren an der Leiche gütlich taten, sondern ihr auch der Kopf durch eine Rohrbombe abgerissen wurde.

Teamchef Horatio Caine plagt sich mit einer besonders mysteriösen Angelegenheit: Der bekannte Bühnenmagier Abdus Sattar Pathan wurde gefasst, nachdem er in einem kleinen Laden den Besitzer zusammenschlug. Die Fingerabdrücke, die am Tatort gesichert wurden, sind jedoch nicht die seinen. Der Verdächtige muss freigelassen werden, was Caine enorm ärgert, der genau weiß, dass man ihn hereingelegt hat. Er fragt sich nach dem Grund und vermutet hinter der Tat ein ganz anderes Verbrechen.

Kurz darauf wird Pathan entführt – oder auch nicht -, und das FBI schaltet sich rüde ein. Bald gesellt sich „Homeland Security“ hinzu, da plötzlich Terroristen aus dem Nahen Osten ihr Unwesen treiben. Im CSI-Labor geht es hoch her, die Teams müssen neu gemischt werden, wobei es zu Verzögerungen und Fehlern kommt: Dieses Weihnachtsfest wird den Männern und Frauen um Horatio Caine noch lange im Gedächtnis bleiben!

_Besinnliche Tage der besonderen Art_

Weihnachten ist im Genre Kriminalroman ein wichtiges Datum. Seit jeher fasziniert der Kontrast zwischen der quasi verordneten Besinnlichkeit und dem Verbrechen, das in dieser Umgebung besonders krass wirkt. Hinzu kommt leidvolles Erfahrungswissen: An den Feiertagen kommen Menschen zusammen, die sich ansonsten womöglich mit gutem Grund aus dem Weg gehen. Sie werden in fragwürdiger Harmonie und Langeweile zusammengesperrt sowie mit gutem Essen und reichlich Alkohol versorgt. Explosionen sind auf diese Weise quasi vorprogrammiert.

Das Weihnachtsfest war schon vor der globalen Erwärmung nicht auf die christlich dominierten und verschneiten Regionen dieses Erdballs beschränkt. Auch dort, wo die Sonne am 25. und 26. Dezember hoch und heiß am Himmel steht, wird es in einer Mischung aus Tradition und lokalspezifischen Ergänzungen begangen, die bizarre Züge annehmen können. Donn Cortez profitiert von diesem Kontrast, wenn er dick vermummte und bärtige Weihnachtsmänner durch die tropische Nacht von Miami toben lässt.

Dieser Aufhänger ermöglicht den leicht variierten Einstand in ein neues „CSI“-Abenteuer, das ansonsten nach bekanntem Muster verläuft: Das Team um Horatio Caine bearbeitet simultan drei Fälle. Natürlich weichen diese stark von den Verbrechen ab, die normalerweise von der Polizei untersucht werden. Caine & Co. geben sich nicht mit ’normalen‘ Gewalttätern ab. Sie jagen den genialen und/oder wahnsinnigen und/oder ultrabrutalen Strolchen hinterher, die am Tatort (scheinbar) keine oder nur widersprüchliche Indizien zurücklassen, die erst einmal entdeckt und anschließend im Hightech-CSI-Labor trickreich ausgewertet werden müssen.

_Der richtige Mann für einen unterschätzten Job_

Das funktioniert im Fernsehen natürlich besser, wo wir beeindruckt sehen, wie z. B. die hübsche Natalia Boa Vista ausführliche Täterprofile buchstäblich mit den Fingern aus dem Computerspeicher zieht und an eine riesige Projektionswand wirft. Andererseits heißt der Verfasser von „Mörderisches Fest“ Donn Cortez – und der erweist sich als Autor dieses „Buchs zum Film“, das dem „CSI“-Franchise eigentlich nur einige zusätzliche Dollars in die Kasse spülen soll, als seltener Glücksfall: Cortez beschränkt sich nicht auf Dienst nach Vorschrift, sondern verwandelt einen simplen „Tie-in“-Roman in einen spannenden Krimi, der gänzlich für sich bestehen kann.

Bereits die Story ist mit ihren drei Subplots ausgezeichnet konstruiert. „Mörderisches Fest“ könnte man sich sofort als Drehbuch-Vorlage bzw. verfilmt vorstellen. Cortez bewahrt das Gleichgewicht zwischen dem rätselhaft Möglichem und der Übertreibung, welche die Illusion zerstören würde. Was sich hier vor dem geistigen Auge des Lesers abspielt, ist höchst mysteriös, wirkt aber jederzeit möglich. (IST es tatsächlich möglich? Das steht auf einem anderen Blatt, das niemand zur Kenntnis nehmen muss, denn verlangt wird nicht Realismus, sondern unterhaltsame „CSI“-Fiktion.) Technobabbel hält sich im Rahmen, komplexe Methoden und Techniken der Deduktion werden in klaren Worten dargestellt, wobei der Verfasser die Mühen einschlägiger Recherchen nie scheut. Auch die gewählten Schauplätze werden nicht einfach grob beschrieben, sondern geografisch und historisch im Stadtbild von Miami verankert.

Das Timing der Handlung stimmt; Cortez springt gekonnt von einem Brennpunkt zum nächsten, ohne den Cliffhanger-Effekt zu strapazieren. Die geschilderten Fälle sind kurios, grausam und offensichtlich unlösbar. Damit decken die Subplots das typische „CSI“-Spektrum ab. Die Variation gelingt, und Cortez ist immer gut für eine Zugabe: So konfrontiert er den auf Fakten fixierten Horatio Caine mit einem Terroristen, der ein hervorragender Magier ist: Labor trifft Bühne. Wer wird den Sieg davontragen? Die Frage ist natürlich rhetorisch, aber bis der selbstgefällige Pathan entzaubert wird, fügt er seinen Verfolgern manche trickreiche Schlappe zu.

_Alte Bekannte aber keine Neuigkeiten_

Donn Cortez muss seinen Job quasi mit einer auf den Rücken gebundenen Hand erledigen. Elementares, von dem das „CSI“-Personal betroffen wird, hat stets im Fernsehen zu geschehen. Niemals wird eine Hauptfigur deshalb in einem Buch zur Serie sterben oder nach Europa ziehen oder heiraten. Das schränkt die Verwicklungen ein, in die der Autor seine Figuren treiben kann. Cortez muss sich darauf beschränken, Bekanntes (Calleigh Duquesne muss über die Feiertage ihren Vater von der Flasche fernhalten) und Belangloses (Dr. Alexx Woods ist daheim ein Putzteufel) als frische Ware zu verkaufen. Auch das gelingt ihm, weil er auf die richtige Mischung von Kriminalfall und Seifenoper – darum handelt es sich ja, wenn private Aspekte ins Spiel kommen – achtet.

_Anmerkung: Ein Ende mit Fragezeichen_

„Mörderisches Fest“ ist also ein Roman, der (vor allem aber eben nicht nur) den „CSI“-Fans empfohlen werden kann. Dennoch wird die Lektüre Stirnrunzeln hinterlassen, denn längst nicht alle Rätsel werden gelöst; die Handlung endet offen. Leider (oder vorsichtshalber) wird nirgendwo darauf verwiesen, dass „Mörderisches Fest“ die eine Hälfte eines Zweiteilers ist, der mit „Todsicheres Alibi“ (ebenfalls bei |Egmont Vgs| erschienen) fortgesetzt wird.

_Der Autor_

Donn Cortez ist das Pseudonym des kanadisches Schriftstellers Don H. DeBrandt, der unter seinem Geburtsnamen Sciencefiction und Horror schreibt. „The Quicksilver Screen“, sein Romandebüt von 1992, wurde vom renommierten SF-Magazin „Locus“ als Geheimtipp gehandelt. DeBrandt schrieb außerdem für „Marvel Comics“, wo er an Reihen wie „Spiderman 2099“ und „2099 Unlimited“ mitarbeitete.

Seit 2006 verfasst DeBrandt, der im kanadischen Vancouver lebt und arbeitet, Romane zur TV-Serie „CSI: Miami“. Über seine Werke informieren die Websites:

http://www.donncortez.com
http://www.sfwa.org/members/DeBrandt

_Impressum_

Originaltitel: CSI: Miami – Harm for the Holidays (New York : Pocket Star Books, a division of Simon & Schuster 2006)
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): Oktober 2007 (Vgs Verlag/CSI Miami, Bd. 5)
Übersetzung: Frauke Meier
306 Seiten
EUR 17,95
ISBN-13: 978-3-8025-3627-4
http://www.vgs.de

_Donn Cortez auf |Buchwurm.info|:_

[„CSI Miami: Der Preis der Freiheit“ 5017
[„CSI Miami: Tödliche Brandung“ 5122
[„Closer“ 5371

Tex, Charles den – Zelle, Die

Mit den Niederlanden verbindet vermutlich niemand etwas Böses. Das Land der Tulpen, Clogs und Coffeeshops – was soll dort schon passieren? Schriftsteller Charles den Tex sieht das anders und implementiert mit „Die Zelle“ einen rasanten Thriller in Deutschlands blondes Nachbarland.

Eigentlich wollte Michael Bellicher, ein Amsterdamer Unternehmensberater, nur helfen. Als er Zeuge eines Unfalls auf der Autobahn wird, steigt er aus, um nach den Insassen des völlig demolierten Wagens zu sehen. Doch sie sind beide tot, und plötzlich steht Michael nicht mehr als Helfer da, sondern als Verdächtiger. Der Grund: Ein auf seinen Namen angemeldetes Auto hat in der Kleinstadt Monster einen Fahrradfahrer getötet – doch Michael gehört das Unfallauto nicht und er war auch noch nie in Monster.

Mithilfe der ansässigen Anwältin Guusje van Donee entlässt man ihn aus dem Monsterer Gefängnis, doch danach wird alles nur noch schlimmer. Der Unfall war ein Anschlag, die Insassen waren hohe Tiere in der Politik und Bellichers Name wurde nicht nur für das Unfallauto benutzt, sondern auch dazu, um mithilfe eines hohen Kredits marode Treibhäuser in Monster zu kaufen. Zu allem Überfluss wird er verfolgt. Da niemand bei der Polizei ihm Glauben zu schenken scheint, versucht er auf eigene Faust herauszukriegen, wer seine Identität dazu benutzt, ihn zu ruinieren. Zusammen mit Guusje und seinem persönlichen Bodyguard Richard, dem Neffen seines Unternehmenspartners, kommt er einem kriminellen Konglomerat auf die Spur, mit dem nicht zu spaßen ist …

In diesem Buch beweist Charles den Tex, dass ein guter Thriller auch auf nichtamerikanischem Boden wachsen kann. Seine Geschichte ist unglaublich rasant, authentisch und spannend bis zum Schluss. Er gönnt seiner Hauptperson keine Pausen, und Michael Bellicher, eigentlich ein ganz normaler Bürger, rutscht von einer dummen Situation in die andere. Trotzdem entsteht nie der Eindruck, die Handlung wäre überladen oder überschlüge sich. Den Tex hat die Handlung sauber durchkonstruiert und geht dabei über das übliche Geschichtenerzählen hinaus. Er kreiert ein Szenario, das aufgrund seiner Thematik den Leser zum Nachdenken anregt, ihn möglicherweise sogar ein wenig paranoid werden lässt. Ohne mahnenden Zeigefinger macht er deutlich, wie leichtsinnig wir heutzutage in der virtuellen Welt mit unseren Daten umgehen und wohin das theoretisch führen könnte.

Zur Demonstration seiner Überlegungen benutzt der Autor den schicksalsgebeutelten Michael Bellicher, der bereits in den Tex‘ preisgekröntem Thriller „Die Macht des Mr. Miller“ eine tragende Rolle gespielt hat. Warum auch nicht? Der Amsterdamer Unternehmensberater ist eine sehr sympathische Figur. Er erzählt manchmal nachdenklich, manchmal humorvoll, aber nie langweilig aus der Ich-Perspektive. Er ist kein Held, sondern ein ganz normaler Mensch, mit dem sich der Leser gut identifizieren kann. Sein Hintergrund als Unternehmensberater wirkt im übrigen sehr authentisch. Da der Autor selbst in diesem Metier gearbeitet hat, ist das allerdings kein Wunder.

Ob schriftstellerische Fähigkeiten eine große Rolle bei Unternehmensberatungen spielen, ist fraglich. Tatsache ist allerdings, dass Charles den Tex genau diese besitzt, denn das Buch ist wunderbar geschrieben, so rasant wie das Erzähltempo und gleichzeitig lässig und sympathisch wie die Hauptfigur. Bellicher bedient sich in Anbetracht seiner aussichtslosen Lage gerne eines bissigen Galgenhumors, und auch die Selbstironie kommt nicht zu kurz. Seine Gedanken und Gefühle werden unkompliziert und glaubwürdig dargestellt und behindern das Lesevergnügen nicht im Geringsten. Der niederländische Autor beherrscht nämlich die Fähigkeit, die Distanz zwischen Hauptfigur und Leser schmelzen zu lassen, so dass man sehr bald mit Michael mitfiebert, was wiederum ein Garant dafür ist, dass das Buch nicht so schnell zurück auf den Nachttisch findet.

Es muss nicht immer Amerika sein – Charles den Tex beweist, dass man auch in einem beschaulichen Land wie den Niederlanden einen anspruchsvollen, spannenden und wendungsreichen Thriller ansiedeln kann. „Die Zelle“ ist ganz großes Kino.

|Originaltitel: Cel
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer
ISBN-13: 978-3-89425-659-3
445 Seiten, Hardcover|
http://www.grafit.de

Edric, Robert – Ihr Blut soll vergossen werden

_Das geschieht:_

Leo Rivers ist Privatdetektiv in Hull, einer Hafenstadt an der englischen Ostküste. Seine aktuelle Klientin ist Susan Hendry, deren drogensüchtiger Sohn Paul in der Praxis seines Hausarztes gefunden wurde: Offensichtlich hat er erst seine Lebensgefährtin Lucy ermordet und sich dann nach dem Einbruch eine Überdosis Rauschgift gespritzt. Ob dies ein Unfall oder ein Selbstmordversuch war, bleibt offen, denn Paul liegt im Koma, aus dem er wohl nie mehr erwachen wird.

Für Chief Superintendent Alexander Lister, der unbedingt Polizeipräsident von Hull werden möchte, ist Paul Hendry, der sich nicht verteidigen kann, das ideale Bauernopfer. Um die Politiker der Stadt sowie die Medien auf seine Seite zu bringen, lässt er durchblicken, dass Hendry auch verantwortlich für zwei weitere ungeklärte Frauenmorde ist. Lister verknüpft dies mit einem Feldzug gegen das Rotlichtmilieu von Hull, der ihm viel positive Publicity einbringen soll. Deshalb versucht er die Presse auf seine Seite zu ziehen sowie Störenfriede einzuschüchtern.

Zu diesen zählt er auch Rivers, denn dieser durchschaut das Spiel. Seine Ermittlungen ergeben ein anderes, besorgniserregendes Bild: In Hull treibt offenbar ein Serienkiller sein Unwesen, der es auf junge Frauen abgesehen hat. Die drei fälschlich Paul Hendry zugeschriebenen Morde sind sehr wahrscheinlich nicht die einzigen Bluttaten des unbekannten und sehr organisiert vorgehenden Täters.

Von der Polizei angefeindet und auf der Basis mehr als magerer Indizien, macht sich Rivers auf die Suche nach dem wahren Mörder. Er enthüllt dabei eine Tragödie, die vor mehr als drei Jahrzehnten ihren Ursprung nahm und erst jetzt durch einen ebenso irren wie schlauen Mörder gerächt werden soll. Rivers muss sich sputen, denn noch ist dieser Feldzug nicht abgeschlossen – der Killer hat schon das nächste Opfer ins Visier genommen …

_Ritter in einer wenig glanzvollen Gegenwart_

Privatdetektive stehen seit jeher in einem gespannten Verhältnis zur Polizei. Wen wundert’s, da diese über – womöglich auch noch erfolgreiche – Konkurrenz, die zudem an keine Dienstvorschriften gebunden ist, nicht erbaut sein kann. Zwar verfügt der Detektiv nicht über die Möglichkeiten, die der Polizei ihre Ermittlungen ermöglichen und erleichtern sollen, doch öffnen sich ihm andererseits Türen, die den offiziellen Ermittlern manchmal verschlossen bleiben.

So wird aus dem Privatdetektiv des Kriminalromans die letzte Instanz; nicht unbedingt für das Recht, sondern für die Gerechtigkeit, die er auf manchmal leicht krummen Wegen vertritt. Der klassische Detektiv – und in diese Kategorie fällt Leo Rivers – ist ein Ritter in rostiger Rüstung. Letzteres ist längst zum Klischee geworden: Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit rentieren sich nicht in einer merkantil und moralfrei orientierten Welt. Deshalb haust auch Rivers in einem Büro, dessen liebevoll ausgemalte Schäbigkeit beinahe lächerlich wirkt; betrachten wir es als literarische Anleihe an die Klassiker des Genres.

Auf die stützt sich Robert Edric sichtlich in seiner düsteren und sehr komplizierten Geschichte einer ‚verzögerten‘ Rache. Sorgfältig vertuschte Skandale in gesellschaftlichen Hochkreisen sind ein trüber Teich, in dem schon die Großmeister des Genres – Chandler, Hammett, Macdonald – ihre Detektive fischen ließen. „Ihr Blut soll vergossen werden“ wirkt wie eine gen Osten über den Atlantik verlagerte und für das 21. Jahrhundert aktualisierte Version dieser Krimis, die stets viel über die politischen und sozialen Verhältnisse ihrer Entstehungszeit aussagten.

_Diese Welt ist ein meist trostloser Ort_

Hull ist so, wie Edric diese Stadt schildert, die ideale Umgebung für Anti-Helden wie Rivers, dem mit seinen Freunden Sunny und Yvonne ähnlich angeschlagene Zeitgenossen zur Seite stehen. Die Globalisierungskrise wurde hier in den 1970er Jahren durch den Zusammenbruch der Fischerei vorweggenommen, die der Stadt ihre jahrhundertealte wirtschaftliche Basis nahm und einen ganzen Berufsstand überflüssig machte. Die Fischer wurden verdrängt und vergessen; sie sanken zur dauerarbeitslosen Unterschicht ab. Auch Rivers‘ Vorfahren waren Fischer; er kennt die Problematik, was es ihm ermöglicht, die verbitterten Männer zu verstehen, mit denen er es im Verlauf seiner Ermittlung immer wieder zu tun bekommt.

Politiker sind im Detektivroman quasi automatisch verdächtig. Sind sie selbst nicht in das zentrale Verbrechen verwickelt, finden sie genug andere Möglichkeiten, sich moralisch ins Unrecht zu setzen. Statt sich für die Menschen einzusetzen, die sie gewählt haben, verbringen sie ihre Zeit mit Intrigen, Korruption und dem Kampf um den Erhalt der Macht. In unserem Fall repräsentiert Chief Superintendent Lister diese Klasse einer neuen gesellschaftlichen Elite, die durch moralisch ebenso gleichgültige Bankiers, Manager oder Wirtschaftsmagnaten verstärkt wird. Der Mord an einer jungen Frau und später eine ganze Mordserie interessiert sie nur als Treibstoff oder als Stolperstein für ihre Karrieren. Lister sind seine arrangierten ‚Pressekonferenzen‘ wichtiger als der Fortschritt der Fahndung, die er Untergebenen überlässt, denen er im Bedarfsfall ein Scheitern in die Schuhe schieben kann. Auf diesem Niveau bewegen sich alle selbst ernannten Stützen der Gesellschaft, auf die Rivers trifft.

_War da nicht noch ein Serienkiller …?_

Verlierer oder Schurken stellen die kopfstarke Schar derer dar, mit denen es Rivers zu tun bekommt. Für die Freunde des unschuldigen Rätselkrimis bedeutet „Ihr Blut soll vergossen werden“ harte und bittere Kost. Verbrechen ist hier kein intellektuelles Spiel, sondern schmutzige, schmerzhafte Realität. Die eigentlichen Morde werden nie geschildert. Edric beschränkt sich auf die Darstellung der Folgen, was mehr als ausreichend ist. Seine Schlussfolgerung ist überzeugend: Zu den Opfern eines Verbrechens gehören auch die Überlebenden.

Auch die detektivische Ermittlung ist bei Eldric kein glanzvoller Sprung von Geistesblitz zu Geistesblitz. Rivers‘ Alltagsarbeit besteht aus Fußarbeit und Frustration. Selten erfährt er, was er wissen möchte. Pure Hartnäckigkeit und Berufsroutine bringen ihn langsam weiter. Dabei unterlaufen ihm Fehler und Fehleinschätzungen, die ihn mit in den Strudel von Schuld und Sühne ziehen. Letztlich muss Rivers sogar entdecken, dass ihn das Establishment missbraucht hat. Er hat den Mörder gestellt, doch zufrieden stellt ihn das nicht – es kann einen Mann wie ihn auch nicht zufriedenstellen, der im Grunde ein Idealist ist.

Der Mörder: keine Lecter-Kopie, die in blutigen Spektakeln schwelgt, sondern ein gestörter Mensch, der nur den Dämonen im eigenen Hirn verpflichtet ist. Die Bluttaten sind schäbig, die Leichen hässlich. In dem Heer egoistischer Karrieristen und Heuchler, mit denen uns Edric konfrontiert, fällt der Mörder eigentlich gar nicht auf.

_Traurige Realität in kunstvoller Sprache_

Das klingt nach einer geradezu niederschmetternden Lektüre. In der Tat lässt uns Edric kein Schlupfloch. Ruhepausen in Gestalt schwarzhumoriger Einlagen à la Ian Rankin oder Stuart MacBride gibt es nicht. Oder ist der Leser solche emotionale Intensität einfach nicht mehr gewöhnt? „Ihr Blut soll vergossen werden“ gehört zwar äußerlich zum Strom lieblos gestalteter Thriller, die der Buchfabrik-Gigant |Random House| allmonatlich auf den Markt wirft, doch inhaltlich ist dieser Roman von einer Qualität, die das übliche Lesefutter vermissen lässt. (Damit das bloß kein Durchschnittsleser merkt und womöglich vom Kauf abgeschreckt wird, wurde dem Roman in Deutschland der reißerische Dumm-Titel „Ihr Blut soll vergossen werden“ aufgeprägt.)

An dieser Stelle soll nicht schon wieder in jene Kerbe gehauen werden, die in Deutschland die „Literatur“ von der „Unterhaltung“ trennt. Diese fruchtlose Diskussion wird an anderer Stelle kundiger (und vehementer) geführt. Beschränken wir uns hier auf die nüchterne Feststellung, dass Robert Edric unabhängig vom gewählten Genre ein versierter Geschichtenerzähler ist. Er kann mit Worten umgehen, er hat ein Gespür für Handlungsstruktur und Timing. „Ihr Blut soll vergossen werden“ ist ein Roman mit mehr als 400 Seiten Umfang. Die Überraschung ist, dass jeglicher Leerlauf ausbleibt. Das kennt man als Leser der ziegelsteindicken Krimis der Gegenwart kaum noch, sondern hat sich darauf eingestellt, Passagen, die früher als Geschwafel erkannt und gekürzt worden wären, einfach zu überspringen. Edric hat und hält uns am Haken. Falls es das ist, was einen Literaten kennzeichnet, dann wünscht sich der Krimifreund mehr Schriftsteller wie Robert Edric!

_Der Autor_

Robert Edric ist das Pseudonym von Gary Edric Armitage, der 1956 im englischen Sheffield geboren wurde. Dort wuchs er auf und studierte Geografie – ein Fach, das er später als Dozent an der Hull University lehrte.

Schon in seiner Doktorarbeit zeigte sich Edric als Literat: Er untersuchte die Bedeutung geografischer Begriffe wie Landschaft und Raum im viktorianischen Roman. Als Autor wurde er aktiv, nachdem er 1982 nach Hornsea in East Yorkshire umgezogen war, wo er noch heute lebt und arbeitet. 1985 veröffentlichte Edric „Winter Garden“. Für seinen Debütroman wurde er mit einem James Tait Black Prize ausgezeichnet. Auch für seine weiteren, meist historische Themen aufgreifenden Romane wurde Edric mehrfach preisgekrönt.

Die „Song Circle“-Trilogie um den Privatdetektiv Leo Rivers erschien im Wilhelm Goldmann Verlag:

(2003) Die toten Mädchen („Cradle Song“) – TB Nr. 45661
(2004) Die Tote im Meer („Siren Song“) – TB Nr. 45662
(2005) Ihr Blut soll vergossen werden („Swan Song“)

_Impressum_

Originaltitel: Swan Song (London : Doubleday, a division of Transworld Publishers 2005)
Übersetzung: Giovanni u. Ditte Bandini
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2007 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 46451)
416 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-442-46451-7
http://www.randomhouse.de/goldmann

Patterson, James – Dead (Alex Cross, Band 13)

_Mörderhatz im Doppelpack_

Ein psychotischer Mörder inszeniert seine Morde, als würde er ein Theaterstück für die Öffentlichkeit aufführen, möglichst publik und vor großem Publikum. Alex Cross, jetzt nur ein Psychotherapeut, und seine Freundin Brianna Stone, eine Kripobeamtin, haben viel zu tun, um die Morde zu verstehen. Schnell werden zwei Aspekte deutlich: Der Audience Killer von DC, kurz DCAK, arbeitet nicht allein, und er überwacht sowohl Alex als auch Brianna. Zudem hat er Nachahmer, die erheblichen Schaden anrichten.

Als Alex erfährt, dass es seinem altem Feind Kyle Craig gelungen ist, aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Colorado zu entkommen, macht er sich Sorgen um Brianna und seine Familie, denn der psychopathische Craig will sich garantiert an ihm rächen. Alex tritt der Kripo bei und steckt bald mitten drin. Da trifft Craig in Washington, D.C., ein und verbündet sich mit seinem Verehrer DCAK. Alex wagt sich kaum vorzustellen, wozu diese beiden Irren wohl imstande sein könnten …

Der Originaltitel „Double Cross“ ist doppeldeutig. Normalerweise bedeutet es, jemanden doppelt zu täuschen, etwa als Doppelagent. Gemeint ist auch ein doppeltes Kreuz. Diesmal bedeutet es aber, dass Alex Cross von gleich zwei Mördern aufs Korn genommen wird.

_Der Autor_

James Patterson, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor zahlreicher Nummer-1-Bestseller. Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt. Seine Actionreihe „Maximum Ride“ kommt demnächst über |Columbia Pictures| unter der Produktion des |Marvel|-Geschäftsführers Avi Arad als Filmreihe in die Kinos.

Patterson ist extrem fleißig. Sein letzter Solo-Roman vor „Blood“ in Deutschland hieß „Ave Maria“, ein Alex-Cross-Roman. Davor erschienen neue Alex-Cross-Romane mit den Titeln „The Big Bad Wolf“ und „London Bridges“. Im Original ist bereits „Double Cross“ erschienen. Seit 2005 sind weitere Patterson-Kooperationen veröffentlicht worden, darunter „Lifeguard“ sowie „Judge and Jury“; im Juli 2007 erschien die Zusammenarbeit „The Quickie“ (deutsch „Im Affekt“, 2008). Im Frühjahr 2003 (deutsch Mitte 2005) erschien auch eine Kollaboration mit dem Titel „Die Rache des Kreuzfahrers“ („The Jester“), deren Story im Mittelalter spielt.

Nähere Infos finden sich unter http://www.twbookmark.com und http://www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida und Westchester, New York.

Mehr von James Patterson auf |Buchwurm.info|:

[„Das Pandora-Projekt“ 3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“ 4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“ 2389
[„Blood“ 4835
[„Honeymoon“ 3919
[„Ave Maria“ 2398
[„Der 1. Mord“ 5247
[„Die 5. Plage“ 5376
[„Die 6. Geisel“ 5412
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“ 1683
[„Mauer des Schweigens“ 1394
[„Stunde der Rache“ 1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“ 1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“ 1149
[„Vor aller Augen“ 1087
[„Tagebuch für Nikolas“ 854
[„Sonne, Mord und Sterne“ 537
[„Rosenrot Mausetot“ 429
[„Die Wiege des Bösen“ 47

_Handlung_

Der Audience Killer inszeniert seine erste „Story“ in dem netten Apartmenthaus, das in einem der besseren Viertel Washingtons liegt. Hier wohnt die Krimiautorin Tess Olsen. Er weiß, dass die Lady eine Biographie des brillanten Mörders Kyle Craig schreiben will und diesen sogar schon in seinem Hochsicherheitsgefängnis in Colorado besucht hat. Wie er Kyle Craig, den früheren FBI-Agenten, bewundert! Solche brillanten Morde schafft heute kaum noch einer. Höchstens er selbst.

Und er bemüht sich wirklich. In das überwachte Haus zu kommen, erweist sich als Kinderspiel, weil der Müll von einem einzelnen Bediensteten zu immer der gleichen Tageszeit rausgebracht wird. Der unbewachte Eingang ist schnell überwunden, die Treppen sind frei, und schnell ist die Apartmenttür der lieben Tess gefunden. Gut, wenn man schon eine Generalprobe erfolgreich absolviert hat. Das macht vieles leichter. Doch jetzt kommt die Nagelprobe: Wird die liebe Tess einem Handwerker öffnen, den sie gar nicht kennt?

Worauf man sich verlassen kann. So eine Handwerkeruniform hat noch jeden getäuscht. Flugs ist die liebe Tess außer Gefecht gesetzt, von ihren Kleidern befreit und an die Leine gelegt. Sie versucht, sich freizukaufen, doch das nützt nichts. Er hängt die moderne Lady Godiva über das Geländer ihres kleinen Balkons, bis die Leute von der Straße sich nach dem Ursprung der Schreie umsehen. Ja, wer hätte gedacht, dass sich in dieser ruhigen Gegend solch ein Schauspiel inszenieren ließe. Eine gaffende Menge sammelt sich unten auf der Straße. Zum Glück hat er alles auf Video aufgezeichnet. Und nun die Hauptattraktion des Abends, Ladies and Gentlemen: die fliegende Lady Godiva …

|Cross|

Alex Cross ist nicht mehr bei einer der Strafverfolgungsbehörden der Stadt oder des Bundes, sondern übt wieder seinen ersten Beruf als Psychotherapeut in seiner eigenen Praxis aus. Heute hat er es allerdings geschafft, mit seiner Freundin, der Polizistin Brianna Stone, aufs Land hinauszufahren und an einem Bergsee zu kampieren. Alles ist zu beider größter Zufriedenheit, ganz besonders der Sex. Bis Briannas Pager piepst und sie zum Dienst ruft. Irgendein Irrer hat eine Krimiautorin umgebracht. Bizarr. Cross fährt sie mit seinem Mercedes-Rover, auf den er sehr stolz ist, direkt zum Tatort.

Brianna Stone lässt sich einweisen, und bald folgt ihr Cross, der über die Menge vor dem Haus ein wenig besorgt ist. Ein Killer, der ein Publikum anlockt, um einen Mord zu begehen – das gab es bislang wohl kaum. Am Tatort wird er durchgelassen, denn die Beamten kennen ihn alle von früher, und zudem ist er mittlerweile landesweit bekannt. Nicht zuletzt durch seine Bücher. Zusammen mit Brianna durchsucht er alle Räume. Ihm fallen die unsignierten Hallmark-Postkarten auf. Erst später kommt er auf den Zusammenhang. Sie stammen aus Kansas City, abgekürzt KC – die Initialen von Kyle Craig.

Wesentlich interessanter als Postkarten ist jedoch ein Video, das der Täter ihnen hinterlassen hat. Cross staunt: Der Typ hat doch tatsächlich seine ganze Tat von A bis Z gefilmt. Ganz so, als inszeniere er seine eigene Show. Und ganz am Schluss wendet er sich direkt an Dr. Cross! Ganz so, als wolle er ihn herausfordern, doch mal zu versuchen, ihn zu schnappen. Es stellt sich heraus, dass der Audience Killer noch ganz am Anfang seiner „Karriere“ steht.

Die Nachricht, dass es Kyle Craig, dem er zu einem Freifahrschein ins Kittchen verholfen hat, gelungen ist, mit Hilfe seines Anwalts zu entkommen, trägt nicht gerade zur Beruhigung von Alex‘ Nerven bei. Nun sieht er sowohl sich, Brianna als auch seine Familie im Fadenkreuz dieses psychopathischen Killers. Was, wenn sich Kyle Craig mit seinem erklärten Bewunderer, dem Audience Killer, in Washington träfe, um gemeinsame Sache mit ihm zu machen? Aber wie er Craig kennt, hält sich Mastermind Craig für einen viel zu tollen Hecht, um Konkurrenz neben sich zu dulden.

_Mein Eindruck_

Nach dem ziemlich lahmen „Ave Maria“-Fall in Hollywood und den Mordfällen in „Blood“ ist Alex Cross wieder in alter Stärke zurück. Der Autor hat sich wohl seine fallenden Verkaufszahlen angeschaut und sich gesagt, er müsse sich mehr anstrengen. Das belegt jedenfalls die Stärke des vorliegenden Falls. Natürlich kann man sich sagen, dass es ein todsicheres Rezept gibt, um einen Thriller doppelt so gut zu machen machen wie den vorherigen: Man lässt zwei Serienmörder auftreten statt nur einen.

|DCAK|

Während wir von Kyle Craig nur die gewohnten Psaychopathenvorstellungen geboten bekommen, erweist sich der Audience Killer als eine wesentlich interessantere Erfindung. Der Typ tötet nur vor einem größeren Publikum, und je größer dieses ist, desto besser. Ein Kino – guter Platz! Ein Theater – noch besser! Die Leute im Publikum werden denken, der blutige Mord auf offener Bühne gehöre zum Stück – harhar! Der alte Shakespeare hat dafür jede Menge gute Szenen geschrieben.

|Psychologie|

Der „Publikumsmörder“ oder DCAK hält der mediengeilen und vergnügungssüchtigen amerikanischen Öffentlichkeit den Spiegel vor. Ihr wollt Blut, ihr wollt Mord, ihr wollt Tränen? Ich gebe sie euch! Und wenn die Medien auch nur wittern, dass es von diesen wertvollen Rohstoffen ein Tröpfchen geben soll, das sie dem lechzenden Publikum stolz apportieren können, dann fallen sie über den Ort des Geschehens, pardon: der Lieferung begierig her. Braves Hundchen.

Dies Sätze stammen nicht etwa von mir, sondern aus dem Buch. Doch der Autor legt sie nicht etwa den Mördern ins Hirn, sondern Alex Cross. Schließlich ist die sympathische Hauptfigur ja auch Psychologe und weiß sowohl ein krankes Hirn zu untersuchen wie auch eine seelenkranke Gesellschaft. Manchmal fragt sich der Leser, wer nun psychopathischer ist: die Mörder oder seine Opfer. Und er findet natürlich Trittbrettfahrer, die ihn imitieren. Er macht kurzen Prozess mit Plagiatoren.

|Technik|

Diesmal hat der DCAK-Killer sogar seine eigene Webseite eingerichtet, um mit seinen Taten und Fotos zu prahlen. Er lässt sich in geheimen Chat-Foren von seinen Fans gehörig feiern. Nicht wenige darunter halten allerdings Kyle Craig für den unübertroffenen Großmeister des Serienmordes. Daran muss DCAK noch arbeiten. In diesem Band spielt erstmals die modernste Kommunikationstechnik eine Rolle: das Internet mit seinen Foren etc., Mobiltelefone mit Kameras zum Fotografieren sowie Displays zum Anzeigen empfangener Fotos – alles nichts Neues mehr, klar, aber doch erfrischend up-to-date in Pattersons Thrillern.

|Der Sinn und Zweck|

Was soll das Ganze, fragt sich der Leser zusammen mit Stone und Cross. Wie schon angedeutet, wendet sich der DCAK-Mörder direkt an Dr. Cross. Dies ist eine Herausforderung an den Fachmann und Mörderjäger Cross, aber auch an seinen Boss, das Polizei-Department von Washington (DCPD) und somit auch an Brianna Stone. Der Publikumsmörder legt es zusammen mit seiner Komplizin darauf an, die ganze Polizei bloßzustellen.

Je länger die Suche nach ihm ergebnislos verläuft, desto schlechter steht die Polizei da. Und statt selbst Jäger zu sein, macht der Publikumsmörder nun zusammen mit Kyle Craig Jagd auf die beiden. Die Hirten sind zu Schafen geworden. Wirklich? Wie das fulminante Finale ausgeht, soll hier nicht verraten werden. Eins ist aber sicher: Alex wird weiterhin das zweifelhafte Vergnügen von Kyle Craigs Gesellschaft haben. Das sorgt hoffentlich für entsprechende Thriller.

_Unterm Strich_

Auch dies ist kein Thriller für zartbesaitete Leser. Die Opfer sind durchweg unschuldige „Zivilisten“, und viele von ihnen bekommen vor dem Tod noch ein ordentliches Spektakel geboten. „Spektakel“ ist das Schlüsselwort für den Audience Killer: Er inszeniert seine „Story“-Morde stets vor großem Publikum, als sei er ein Künstler des Mordes. Im Internet lässt er sich für seine „Kunst-Werke“ auch noch loben. Und die sensationsgeilen Medien instrumentalisiert er, um die maximale Reichweite und Wirkung seiner „Kunst-Werke“ zu erzielen. Das ist ungefähr das gleiche, als würde Damien Hirst einen weiteren Totenschädel mit Platin und Brillanten besetzen.

Vielleicht wollte James Patterson, wie schon des öfteren, wieder mal die nahezu pathologische Sensationsgier der US-Medien kritisieren. Besonders Dokumentationen über Serienmörder und Forensiker erfreuen sich großer Beliebtheit. Diesmal versucht er die Schattenseiten dieser Neugier und der sie bedienenden Medien zu beleuchten: Diese Mörder bedrohen auch Familien und Fernsehzuschauer.

Andererseits ist er verpflichtet, den Leser zu unterhalten. Dazu lässt er die beiden Mörder brutal zuschlagen. Es ist aber eine Sache, solche Morde zu schildern, und eine andere, den Leser sich daran aufgeilen zu lassen. Genau dies versucht der Autor durchweg zu vermeiden. Als beispielsweise Alex Cross eine der Täterinnen mit dem Auto quer durch Washington verfolgt, mutet dies zwar ungeheuer spannend an, doch letzten Endes führt die Verfolgte ihren Jäger nur im Kreis und an der Nase herum. Die Verfolgungsjagd, ein Topos in jedem Thrillerfilm, ist nur eine Farce. Ätsch!

Hinweis: Sein nächster Fall führt Alex Cross nach Afrika.

|Originaltitel: Double Cross (Alex Cross 13)
Originalverlag: Little, Brown & Co., New York 2007
Aus dem Amerikanischen von Leo Strohm
Taschenbuch, Broschur, 384 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-37204-1|
http://www.blanvalet-verlag.de
http://www.jamespatterson.com

Preston, Douglas / Child, Lincoln – Darkness – Wettlauf mit der Zeit

_Das geschieht:_

Nachdem er im mörderischen Kampf mit seinem wahnsinnigen Bruder an Leib und Seele Schaden nahm (vgl. die Trilogie „Burn Case“, „Dark Secret“ und „Maniac“), zieht sich FBI-Agent Aloysius Pendergast – begleitet von seinem jungen Mündel Constance Green – für eine Weile in das abgelegene tibetanische Kloster Gsahrig Chongg zurück. Lama Thubten bittet ihn dort um seine Unterstützung: Aus der Schatzkammer des Klosters wurde das Agozyen gestohlen. Worum es sich bei dem uralten Artefakt handelt, ist den Mönchen nicht bekannt; der Überlieferung zufolge soll es dereinst die sündige Menschheit von dieser Welt tilgen.

Der Täter, ein englischer Bergsteiger, kann sich seiner Beute nicht lange erfreuen. Pendergast findet Jordan Ambrose brutal ermordet in einem Londoner Hotelzimmer. Das Agozyen ist verschwunden. Die Spur führt an Bord der |Britannic|. Das brandneue Linienschiff – es ist das größte der Welt – steht vor seiner Jungfernfahrt. 2700 betuchte und einflussreiche Passagiere werden während der siebentägigen Seereise von Southampton nach New York von 1600 Besatzungsmitgliedern betreut. Der Mörder hat sich mit dem Agozyen unter sie gemischt.

Auch Pendergast und Constance schiffen sich ein. Möglichst unauffällig beginnen sie die infrage kommenden Passagiere zu überprüfen. Eile ist geboten, denn Mitreisende beginnen spurlos zu verschwinden. Wenig später tauchen grässlich verstümmelte Leichen auf. Zu allem Überfluss beginnt ein leibhaftiger Dämon unter Deck umzugehen. Auf der |Britannic| macht sich Panik breit, Meuterei liegt in der Luft. Die Schiffsführung wird von der Situation überrumpelt. Eine bösartige Macht übernimmt buchstäblich das Steuer. Mit Höchstgeschwindigkeit steuert die |Britannic| auf die mörderischen Klippen der Carrion Rocks zu. Nur Pendergast könnte dem Einhalt gebieten, doch der steht längst im Bann des Agozyen …

_Mystery-Action, die den Bauch erfreut_

Zum achten Mal gerät Aloysius Pendergast, der für das FBI tätig ist (das aber dieses Mal nie in Erscheinung tritt bzw. keine Einwände gegen einen Beamten hat, der viele Monate in einem tibetanischen Kloster meditiert, sich von einem Bergmönch als Reliquienjäger anheuern lässt sowie auf eigene Faust einen Serienkiller jagt), in ein Abenteuer, das weder dem gesunden Menschenverstand noch den Naturgesetzen, sondern ausschließlich den Regeln der Unterhaltung verpflichtet ist. „Darkness – Wettlauf mit der Zeit“ klingt zwar nach einem dieser sinnfreien deutschen Titel, die übersetzten Thrillern gern übergestülpt werden, doch in diesem Fall trifft zu, was angedeutet wird: Ein düsteres Geheimnis muss gelüftet werden, damit eine Doppel-Katastrophe – der Untergang eines gigantischen Schiffes, gefolgt vom Untergang der Welt – ausbleibt.

Nach dem monumentalen, sich über drei Bände hin- und herziehenden Duell der Brüder Aloysius und Diogenes Pendergast kehrt das Autorenduo Preston & Child zu einer deutlich simpler gestrickten Handlung zurück. Wie Perlen auf einer Kettenschnur reihen sich mehr oder weniger spektakuläre Ereignisse. Die Chronologie bleibt gewahrt, es gibt keine Rückblenden oder Zeitsprünge. Auch topografisch geht es von Ort A nach B, dann nach C und so weiter. Für den Anschein von Dynamik sorgt eine Flut von Cliffhangern; die Handlung bricht im entscheidenden Moment ab, um zum nächsten Krisenpunkt zu springen.

_Nicht so hanebüchen wie üblich_

Die einfache Dramaturgie ist der Story angemessen. „Darkness“ funktioniert deutlich besser als die künstlich aufgeblähte Vorgänger-Trilogie. Preston & Child spinnen ein recht dünnes Garn, dem der Verzicht auf allzu übertriebene und dadurch ins Lächerliche abgleitende Knalleffekte guttut. Der Plot ist bewährt; schließlich bedient sich das Autorenduo seiner schon seit vielen Jahren. „Darkness“ ist wieder ein ‚Remake‘ von „Relic“ (dt. „Das Relikt“), dem ersten und mit Abstand besten Band der Pendergast-Serie. Das „American Museum of Natural History“ wird durch die |Britannic| ersetzt, in deren Stahlrumpf es ebenso verwinkelt und unübersichtlich zugeht. Die Führung des Schiffes ist untereinander uneins, es wird gemobbt und gemauschelt. Ein Monster schleicht durch die Gänge, bis sich die feine Gesellschaft in einen tobenden Mob verwandelt, der sich selbst effektiver meuchelt als jede Bestie. Darüber schwebt mehr als ein Hauch von „Titanic“ in der Seeluft, was Preston & Child gar nicht leugnen, sondern selbst mehrfach ansprechen; er sorgt für zusätzliche Gänsehaut, die nicht eigens heraufbeschworen werden muss.

Von außen ist keine Hilfe zu erwarten, der Ort des Geschehens ist isoliert, denn ein Schiff auf hoher See bleibt ein auf sich gestellter Mikrokosmos, der es zu einem klassischen und immer wieder gern genutzten Schauplatz macht. Die |Britannic| ist zu allem Überfluss so gut gegen (terroristische) Attacken aller Art geschützt, dass sie sich partout nicht lahmlegen lässt, als der Wahnsinn auf der Kommandobrücke regiert. (Auch ein aus „Relic“ übernommener Punkt.)

Bis es so weit ist, gilt es für den Leser, manche Flaute zu überstehen. Um auf die vertraglich vereinbarte Seitenzahl zu kommen, scheinen die Autoren tüchtig Stroh dreschen zu müssen. Absolut ohne Belang für das eigentliche Geschehen ist unter anderem eine endlos ausgewalzte Episode, die sich um die Entlarvung an Bord aktiver Falschspieler dreht. Viel zu viel Zeit investieren Preston & Child außerdem in die Biografien von Figuren, die nur Futter für das Monster sind.

Auch dass ein Handlungsstrang in Tibet spielt, lässt Unbehagen aufkommen. In der Tat kommen uns Preston & Child einmal mehr mit dem Langbart-Klischee der übermenschlichen Weisheit meditierender Himalaya-Mönche. Mit exotischen Ritualen lassen sich Seiten füllen, und es klingt bedeutsam, wenn die Autoren einige tibetische Sprachbrocken einfließen lassen. Faktisch langweilen solche Luftnummern, alldieweil Konsequenzen stets ausbleiben. Die Mönche von Gsahrig Chongg wirken nicht wirklich weise – geschickt fassen sie Binsenweisheiten in möglichst kryptische Worte. Selbst das vorgeblich allmächtige Agozyen begnügt sich damit, einen Ozeanliner zu verwüsten. Das Ende der Welt bleibt wieder einmal aus.

_Agent auf neuen Pfaden?_

Agent Pendergast war im Konflikt mit seinem Bruder Diogenes (der in „Darkness“ einen ‚Gastauftritt‘ hat; in der Mystery-Märchenwelt von Preston & Child gilt der Tod als reversibler Faktor …) vom exzentrischen und eigenwilligen Ermittler zum tragischen Übermenschen mutiert: aufdringlich geheimnisvoll, ausgestattet mit überragenden geistigen Fähigkeiten, die ihn zur Konstruktion eines virtuellen „Gedächtnis-Palastes“ befähigen, geschlagen mit einer bizarren Familiengeschichte, die beinahe außerirdisch anmutet, unermesslich reich und fähig, mit immer neuen Talenten und Fähigkeiten aufzuwarten. In „Darkness“ schalten Preston & Child einen Gang zurück. Die Figur Pendergast bekommt wieder Bodenkontakt, was ihr gut bekommt. Weiterhin schüttelt Aloysius Genialitäten aus den Ärmeln seines feintuchigen Anzugs, doch er ist nicht mehr seine eigene Karikatur.

An seine Seite tritt zum ersten Mal mehr oder weniger selbstständig Constance Green, bisher eher lästig als lebendiger Schatten der Vergangenheit und später Jungfrau in Not, die von Diogenes Pendergast primär deshalb gepiesackt wurde, weil er damit seinem Bruder eins auswischen konnte.

Als ausgezeichnete Entscheidung erweist sich der Verzicht auf ausgelaugte Figuren wie den Knurr-Cop Vincent D’Agosta oder den rasenden Reporter Bill Smithback. Preston & Child lieben ausgiebige Querverweise zwischen ihren Werken und kombinieren gern ihre Hauptfiguren neu. In „Darkness“ werfen sie diesen Ballast ab. Pendergast und Green bleiben unter sich.

„Darkness“ wird als Roman seine Leserschaft spalten. Was die eine Seite im Bruderkampf zu spektakulär im Sinne von übertrieben fand, wird die andere dieses Mal vermutlich vermissen. Klammert man den direkten Vergleich aus, kann man „Darkness“ unterhaltsam genug finden, um dem Autorenduo das fortgesetzte Breittreten bekannter Elemente zu verzeihen.

_Die Autoren_

Douglas Preston wurde 1956 in Cambridge, Massachusetts geboren. Er studierte ausgiebig, nämlich Mathematik, Physik, Anthropologie, Biologie, Chemie, Geologie, Astronomie und Englische Literatur. Erstaunlicherweise immer noch jung an Jahren, nahm er anschließend einen Job am „American Museum of Natural History“ in New York an. Während der Recherchen zu einem Sachbuch über „Dinosaurier in der Dachkammer“ – gemeint sind die über das ganze Riesenhaus verteilten, oft ungehobenen Schätze dieses Museums – arbeitete Preston bei |St. Martin’s Press| mit einem jungen Lektor namens Lincoln Child zusammen. Thema und Ort inspirierten das Duo zur Niederschrift eines ersten Romans: „Relic“ (1994; dt. „Das Relikt – Museum der Angst“).

Wenn Preston das Hirn ist, muss man Lincoln Child, geboren 1957 in Westport, Connecticut, als Herz des Duos bezeichnen. Er begann schon früh zu schreiben, entdeckte sein Faible für das Phantastische und bald darauf die Tatsache, dass sich davon schlecht leben ließ. So ging Child – auch er studierte übrigens Englische Literatur – nach New York und wurde bei |St. Martins Press| angestellt. Er betreute Autoren des Hauses und gab selbst mehrere Anthologien mit Geistergeschichten heraus. 1987 wechselte Child in die Software-Entwicklung. Mehrere Jahre war er dort tätig, während er an den Feierabenden mit Douglas Preston an „Relic“ schrieb. Erst seit dem Durchbruch mit diesem Werk ist Child hauptberuflicher Schriftsteller. (Douglas Preston ist übrigens nicht mit seinem ebenfalls schriftstellernden Bruder Richard zu verwechseln, aus dessen Feder Bestseller wie „The Cobra Event“ und „The Hot Zone“ stammen.)

Selbstverständlich haben die beiden Autoren eine eigene Website ins Netz gestellt. Unter [www.prestonchild.com]http://www.prestonchild.com wird man großzügig mit Neuigkeiten versorgt (und mit verkaufsförderlichen Ankündigungen gelockt).

Die Aloysius-Pendergast-Serie erscheint in Deutschland gebunden im |Droemer| sowie als Taschenbuch im |Knaur| Verlag:

(1994) „Relic“ (Relic – Museum der Angst / Das Relikt – Museum der Angst)
(1997) „Reliquary“ (Attic – Gefahr aus der Tiefe)
(2002) „The Cabinet of Curiosities“ (Formula – Tunnel des Grauens)
(2003) „Still Life with Crows“ (Ritual – Höhle des Schreckens)
(2004) „Brimstone“ (Burn Case – Geruch des Teufels)
(2005) „Dance of Death“ (Dark Secret – Mörderische Jagd)
(2006) „The Book of the Dead“ (Maniac – Fluch der Vergangenheit)
(2007) „The Wheel of Darkness“ (Darkness – Wettlauf mit der Zeit)
(2009) „Cemetery Dance“ (noch kein dt. Titel)

_Impressum_

Originaltitel: The Wheel of Darkness (New York : Warner Books 2007)
Übersetzung: Michael Benthack
Dt. Erstausgabe (geb.): Januar 2009 (Droemer Verlag)
499 Seiten
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-426-19808-7
http://www.droemer.de

_Preston & Child auf |Buchwurm.info|:_

[„Maniac – Fluch der Vergangenheit“ 4249
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ 2809
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ 4124 (Hörbuch)
[„Burn Case – Geruch des Teufels“ 1725
[„Burn Case – Geruch des Teufels“ 2193 (Hörbuch)
[„Das Patent“ 701
[„Ritual – Höhle des Schreckens“ 656
[„Formula – Tunnel des Grauens“ 192
[„Riptide – Mörderische Flut“ 71

Kirstilä, Pentti – Klirrender Frost

Wie schafft man es, einen Mord zu begehen und dabei ungestraft davonzukommen? Eine sorgfältige Planung ist das eine, doch wer nichts dem Zufall überlassen will, macht es am besten so wie der Mörder in Pentti Kirstiläs Buch „Klirrender Frost“: Er wird verrückt.

Sakari Kaarto hat es im Leben weit gebracht. Mit seiner Druckerei hat er viel Geld verdient, die Kinder sind gesund, die Frau zufrieden. Und trotzdem macht ihm das Leben keinen Spaß mehr. Mit dem Geld weiß er nichts anzufangen, die Kinder sind längst aus dem Haus und die Ehe hat ihre besten Tage hinter sich.

Eines Tages beschließt Kaarto, verrückt zu werden und alle daran teilhaben zu lassen. Er beginnt, während der Arbeit zu trinken und bietet jedem ein Gläschen an. Er bedroht den Freund seiner Tochter, weil er glaubt, dieser sei hinter ihrem Geld her. Er beauftragt einen Verbrecher damit, in sein Büro einzubrechen und den Safe zu leeren. Und am Ende ersticht er vor den Augen seines Schwagers seine Frau. Er leugnet diese Tat auch gar nicht, doch es kommt, wie es kommen muss: Vor Gericht wird er freigesprochen, weil er zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig war.

Drei Monate bleibt Kaarto in psychiatrischer Behandlung, dann wird er nach Hause entlassen. Wenig später findet man ihn erschossen an seinem Küchentisch sitzen. Alles deutet darauf hin, dass er sich selbst umgebracht hat, doch Kommissar Lauri Hanhivaara glaubt nicht daran. Winzige Details sprechen dafür, dass Kaarto nicht freiwillig aus dem Leben geschieden ist …

„Klirrender Frost“ ist der vierte Krimi mit Lauri Hanhivaara, einem nicht unbedingt alltäglichen Polizisten. Er tut sich vor allem durch seinen Humor und seine Beharrlichkeit hervor und dadurch, dass er gerne seinen eigenen Kopf durchsetzt. Hanhivaara ist zwar ziemlich verschroben, aber weit davon entfernt, ein Abklatsch des depressiven, skandinavischen Vorzeigeermittlers Wallander zu sein. Das wäre schon deshalb schwierig, weil die finnische Originalausgabe des Romans bereits in den Achtzigern erschien. Davon einmal abgesehen ist Kirstiläs Held lässiger, lockerer und vor allem humorvoller.

Sein Privatleben spielt eine angenehm geringe Rolle, so dass das Hauptaugenmerk auf der Handlung liegt. Diese ist ungewöhnlich für einen Krimi, denn die Geschichte beginnt mit einem langen Einblick in das Verrücktwerden des Sakari Kaarto. Hanhivaara tritt erst dann auf den Plan, als der Safe in Kaartos Büro geknackt wird, und rückt in den Vordergrund, als der Möchtegernverrückte schließlich stirbt. Der Mord an Kaartos Frau spielt nur eine marginale Rolle, obwohl er zuerst geschieht. Die Ermittlungsarbeit selbst bezieht sich hauptsächlich auf die Suche nach Kaartos Mörder. Eine so lange Vorgeschichte ist nicht gerade alltäglich, doch Kirstilä schafft es, sie spannend zu gestalten und viele Fragen aufzuwerfen. Wieso will Kaarto verrückt werden? Wird er Erfolg haben? Erfahren wir, wieso er seine Frau eigentlich umgebracht hat? Und hat er sich anschließend selbst umgebracht oder war es jemand anderer?

Dem schließt sich eine klassische Kriminalermittlung an. Alle möglichen Täter sind bekannt, doch natürlich leugnen sie. Nun liegt es an Hanhivaara, die Fehler in den Aussagen zu finden und den Bösewicht zu überführen. Diese Suche wird sehr geradlinig und ohne Abschweifungen dargelegt und gefällt durch ihre Einfachheit. Der finnische Autor schafft es, mit simplen Mitteln und ohne großes Brimborium eine Geschichte zu erzählen, die erst belletristisch und dann wie ein nüchterner Krimi anmutet.

Verbunden werden beide Teile des Buches durch den manchmal sarkastischen, manchmal einfach nur witzigen Schreibstil. Auch an dieser Stelle verzichtet Kirstilä auf Ballast. Er benutzt wenige, treffsichere Worte und verzichtet auf umfassende Darstellungen von Gefühlsleben und Gedankenwelt seiner Personen. Stattdessen bringt er Ereignisse und humorvolle Einschübe auf den Punkt, was eine schnelle, flüssige Lektüre ermöglicht.

Eigentlich ist es schade, dass Pentti Kirstilä so spät in Deutschland veröffentlicht wird, auch wenn seine Krimis zeitlos gut sind. Er bietet eine wesentlich leichtere, lustigere Alternative zu vielen anderen skandinavischen Autoren, und „Klirrender Frost“ tut sich vor allem durch seine spezielle Handlung hervor. Die ist zwar einfach, aber trotzdem sehr effektiv, wenn es darum geht, den Leser zu fesseln.

|Originaltitel: Jäähyväiset lasihevoselle
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-89425-562-6
252 Seiten, Taschenbuch|
http://www.grafit.de

_Pentti Kirstilä bei |Buchwurm.info|:_
[„Nachtschatten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1887

Baldacci, David – Im Takt des Todes

Sean King und Michelle Maxwell sind das erfolgreiche Ermittlerpaar aus den Romanen des amerikanischen Bestsellerautors David Baldacci. In „Im Takt des Todes“ scheint es, als ob sich ihre Wege trennen würden. Während Michelle sich aufgrund ihrer psychischen Probleme von Seans Freund, dem Psychiater Horatio Barnes, behandeln lässt, begibt sich Sean nach Babbage Town, um einen Mord aufzuklären. Selbstverständlich bleibt es nicht bei der Trennung, denn was wäre ein Baldacci-Thriller ohne die Zusammenarbeit der beiden?

Babbage Town ist eine Art Wissenschaftsstadt, in der die schlausten Köpfe Amerikas leben und forschen. Das ist natürlich alles streng geheim und wird entsprechend bewacht, denn nach Angaben von Champ Pollion, dem Chef der Stadt, arbeitet man an Erfindungen, welche die Welt revolutionieren könnten. Ob der Tod des Wissenschaftlers Monk Turing damit zusammenhängt? Dummerweise ist die einzige Zeugin des Mordfalls, Monks Tochter Viggie, autistisch. Das Einzige, was man aus ihr herausbekommt, sind das immer gleiche Klavierstück, das sie bei Erwähnung ihres Vaters spielt, sowie der Satz „Codes und Blut“.

Sean steht vor einem Rätsel und wird außerdem von allen Seiten bei seinen Ermittlungen behindert. Sowohl FBI als auch CIA haben sich in den Fall eingemischt; Letztere vor allem deshalb, da Monk auf dem Gelände von Camp Peary, einer Art Ausbildungslager der CIA, umkam. Schließlich verstirbt auch noch Len Rivest, der Sicherheitschef von Babbage Town, der Sean ein paar Hinweise geben wollte. Zum Glück taucht da plötzlich Michelle auf, die sich ganz frech selbst aus ihrer Therapie entlassen hat. Gemeinsam machen sich die beiden auf die Suche nach dem Mörder und stoßen auf illegale Machenschaften der CIA, die sich das natürlich nur ungern gefallen lässt …

CIA, FBI, eine geheimnisvolle Stadt voller Wissenschaftler – Baldacci hat die Grundsteine für eine spannende Geschichte bereits mit der Auswahl des Schauplatzes und der beteiligten Parteien gelegt. Tatsächlich ist „Im Takt des Todes“ alles andere als langweilig. Selbst der Anfang, in dem es hauptsächlich um Michelle und ihre Probleme geht, ist mitreißend geschrieben und besitzt Relevanz für den weiteren Verlauf des Buches. Dagegen ist die eigentliche Frage nach dem Mörder der beiden Männer beinahe unwichtig. Viel spannender ist es, den Querelen zwischen den Hauptfiguren mit CIA und FBI zu folgen. Gerade der Geheimdienst sorgt mit dem mysteriösen Camp Peary für Spannung. Doch dabei bleibt auch das Wissen nicht auf der Strecke. Baldacci hat gut recherchiert und gibt seine Erkenntnisse über das Chiffrieren von Codes und die Quantenphysik an den Leser weiter. Dass es diesem schwer fällt, dies zu begreifen, liegt vermutlich mehr am Thema als am Autor, denn bis kurz vor Schluss macht David Baldacci alles richtig. Nur das Ende wirkt ein wenig zu actionreich und verworren, um noch Spaß zu machen.

Was in der Geschichten ansonsten positiv auffällt, sind vor allem die tiefgründigen Charaktere. Wer noch nie etwas von diesem Autor gelesen hat, wird überrascht sein. Michelle wird als Ermittlerin angekündigt und gibt ihren Einstieg als prügelnde, leicht reizbare Amazone. Das möchte nicht so wirklich zu dem Bild passen, das man erstens von einer Frau und zweitens von einer ermittelnden Person hat. Doch Michelle Maxwell ist mehr als das. In diesem Buch werden Teile ihrer Familiengeschichte aufgearbeitet, was sie zu einem unglaublich spannenden und interessanten Charakter werden lässt. Da bleibt Sean beinahe ein wenig blass, doch auch er wird gut dargestellt. Ein Höhepunkt ist außerdem der Psychiater Horatio Barnes, dessen Arbeitsmethoden etwas unkonventionell anmuten. Er selbst fällt auch ein bisschen aus dem Rahmen. Er fährt eine Harley, trägt lange Haare und zeigt einen netten Humor.

Voller Witz ist auch Baldaccis Schreibstil. Er legt ein zügiges Erzähltempo vor und lässt immer wieder amüsante Wortgeplänkel einfließen. Stellenweise erinnert „Im Takt des Todes“ mehr an einen coolen amerikanischen Actionthriller, und trotzdem kommt der Tiefgang nicht zu kurz.

Alles in allem ist „Im Takt des Todes“ ein flotter Thriller, dem am Ende ein bisschen die Glaubwürdigkeit abgeht. Dank der tiefgründigen Charaktere und des flotten Schreibstils ist das Buch allerdings trotzdem eine Empfehlung wert.

|Originaltitel: Simple Genius
Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer Schumacher
ISBN-13: 978-3-404-15968-0
539 Seiten, Taschenbuch|
http://www.luebbe.de
http://www.davidbaldacci.com

_David Baldacci auf |Buchwurm.info|:_

[„Mit jedem Schlag der Stunde“ 2400
[„Im Bruchteil der Sekunde“ 836
[„Das Geschenk“ 815
[„Der Abgrund“ 414
[„Die Verschwörung“ 396
[„Das Versprechen“ 361
[„Die Versuchung“ 676
[„Die Wächter“ 4513

Robinson, Peter – unschuldige Engel, Der

_Ein Mord_ erschüttert die Kleinstadt Eastvale. An einem nebligen Novemberabend wird die Leiche der sechzehnjährigen Deborah auf dem Friedhof erwürgt aufgefunden. Das Motiv gibt Inspector Banks Rätsel auf, denn die hübsche, kluge Deborah aus gutem Haus schien weder Feinde zu haben, noch wurde sie sexuell missbraucht.

Dennoch gibt es einige Merkwürdigkeiten: Verdächtigt wird vor allem der ehemalige kroatische Küster, der die Mädchens der Internatsschule belästigt haben soll; der Pfarrer ist in einen Skandal verwickelt, seine Frau spricht von Besuchen bei einem Engel und Deborahs Exfreund John ist in einige kriminelle Machenschaften involviert. Trotzdem gestalten sich die Ermittlungen schwierig, denn die Bewohner des Städtchens arbeiten nur widerwillig mit der Polizei zusammen.

Schließlich wird ein Verdächtiger verhaftet und angeklagt, die Beweislage aber ist zweifelhaft, ebenso wie das Motiv. Banks ist von seiner Schuld nicht überzeugt. Und tatsächlich muss der Fall bald wieder aufgerollt werden – und dann geschieht ein zweiter Mord …

_Der achte Fall_ von Inspector Banks führt ihn wieder einmal in eine beschauliche englische Kleinstadt, hinter deren sauberer Fassade dunkle Geheimnisse lauern.

|Fokus auf Sozialkritik|

Trotz mehrerer Verdächtiger ahnt man früh: Die Suche nach dem Mörder wird nicht leicht. Am liebsten wäre der Polizei und den Einwohnern von Eastvale wohl, wenn der kroatische Sonderling Jelacic als Täter dingfest gemacht werden könnte. Er spricht nur gebrochen Englisch, musste mehrere Beschwerden von Schülerinnen entgegennehmen und sein Alibi, das er von befreundeten Landsmännern erhält, klingt nicht unbedingt wasserdicht.

Banks lässt auch das engste Umfeld der Ermordeten nicht aus dem Blickfeld, sogar ihre Eltern werden als potenzielle Täter betrachtet. Am deutlichsten aber weisen die Indizien auf Owen Pierce hin, einen Berufsschullehrer, der kein Alibi besitzt und Haare sowie einen Blutstropfen von Deborah auf seiner Kleidung trägt. Was nach der Verhaftung folgt, ist ein ausgedehnter Prozess mit Expertenmeinungen, chemischen Analysen und einer Vorverurteilung durch Medien und Volk, auch wenn Owen Pierce zunächst freigesprochen wird.

Weite Teile der Handlung widmen sich nun seinem Leben nach dem Prozess. Er verliert seinen Job und die restlichen Freunde, wird gemieden bis angefeindet und ist beim zweiten Mord, der erhebliche Parallelen aufweist, erneut der Hauptverdächtige. An ihm wird deutlich, wie sehr ein Leben durch solche Verdachtsmomente zerstört werden kann, was beinahe noch mehr bewegt als die Morde an den zwei jungen Mädchen.

|Gelungene Charaktere|

Interessant ist neben Owen Pierce vor allem das Ehepaar Charter. Die schöne rothaarige Rebecca Charter besitzt offensichtlich ein Alkoholproblem und sucht regelmäßig Trost bei der steinernen Engelfigur auf dem Friedhof. Einerseits liebt sie ihren Mann Daniel noch immer, andererseits führt sie seit geraumer Zeit eine Affäre, die im Zuge der Ermittlungen ans Licht kommt. Daniel Charter hingegen steht in der öffentlichen Kritik, seit der ehemalige Küster Jelacic ihn der sexuellen Belästigung beschuldigte. Mag diese Bezichtigung auch lächerlich wirken, sie verfehlt ihre Wirkung nicht und Daniel steht in der Gemeinde unter großem Druck.

Ein besonderes Spannungsverhältnis besteht auch zwischen Banks und Polizeichef Riddle, der keine Gelegenheit auslässt, um den verhassten Banks in schlechtem Licht darzustellen. Als guter Freund der Eltern der ermordeten Deborah legt er Wert darauf, dass die Familie so wenig wie möglich durch die Polizei belästigt wird – erst recht, da es sich bei Sir Harrison um einen einflussreichen Großindustriellen handelt, sodass jeder Schritt und jede Befragung von Banks kritisch betrachtet wird. Schwierigkeiten gibt es zudem mit Banks‘ Kollegen Barry Stott, einem jungen, ehrgeizigen Beamten, der unbedingt eine schnelle Verhaftung erzwingen will und sich auf Pierce als Täter versteift hat.

|Einige Schwächen|

Durch die Fokussierung auf die Verhandlung und das Leben des vermeintlichen Täters Owen Pierce gerät die Spannung ein wenig ins Hintertreffen. Die Suche nach dem Mörder wird zwischendurch eingestellt und statt eines Krimis liest man derweil eher ein Sozialdrama – zwar kein schlechtes, doch trifft man damit vermutlich nicht die Erwartungen der Leser, außerdem ist der Prozess unnötig ausführlich und lenkt vom eigentlichen Thema ab.

Ein weiteres Manko ist das etwas konstruierte Ende. Der Täter passt zwar ins Geschehen und sein Motiv ist durchaus schlüssig, aber die Beweise beruhen auf mehreren glücklichen Zufällen, so etwa der Fund eines Tagebuchs mit detaillierten Eintragungen. Da diese Zufallsfunde auch noch recht gedrängt gegen Ende gemacht werden, wirken sie einfach zu konstruiert. Zwei Tippfehler, die mir aufgefallen sind, stören nicht weiter, unschön ist allerdings die fälschliche Schreibung des berüchtigten Mörders Dennis Nilsen, der hier „Nilson“ geschrieben wird.

_Als Fazit_ bleibt ein lesenswerter, aber dennoch eher durchschnittlicher Inspector-Banks-Krimi über einen Mädchenmord. Die Charaktere sind zwar recht interessant, ebenso wie die sozialkritische Handlung, doch die Spannung wird deutlich davon überlagert und am Ende etwas zu sehr der Zufall bemüht.

_Der Autor_ Peter Robinson wurde 1950 in Yorkshire geboren. Er studierte englische Literatur und lebt seither in Toronto. Bekannt wurde er hauptsächlich mit seiner Kriminalreihe um Inspector Alan Banks, die mittlerweile mehr als fünfzehn Bände umfasst und für die er bereits mehrere Preise erhielt, z. B. den „Arthur Ellis Award“ und den „Schwedischen Krimipreis International“. Zu seinen Werken gehören u. a. „Ein unvermeidlicher Mord“, „In blindem Zorn“, „In einem heißen Sommer“ und „Wenn die Dunkelheit fällt“.

http://www.inspectorbanks.com/

_Mehr von Peter Robinson auf |Buchwurm.info|:_

[„Wenn die Dunkelheit fällt“ 185
[„Das verschwundene Lächeln“ 1170
[„Ein seltener Fall“ 5169

Stanley, Mary – Ohne eine Spur

Dublin in den siebziger Jahren: Die stille, intelligente fünfzehnjährige Rebecca Dunville besucht mit ihren Schwestern das katholische St. Martins, die angesehenste Schule der Gegend. Becky bringt nur Bestnoten nach Hause, fühlt sich aber dennoch unter ihren Schwestern zurückgesetzt. Die fast achtzehnjährige, strahlend schöne Bella intrigiert gerne, die jüngere Brona neigt zu Sticheleien. Bella ist der Liebling der Eltern und Becky scheint die Einzige zu sein, die deren boshafte Art durchschaut.

Eines Morgens ist Bella aus ihrem Zimmer verschwunden – und kehrt nicht mehr zurück. Die Polizei vermutet zunächst, sie sei ausgerissen, vor allem nachdem sie ein paar Hanfpflanzen in ihrem Zimmer findet. Bellas Mutter dagegen ist überzeugt, dass sie verschleppt wurde, der Rest der Familie weiß nicht, was er glauben soll.

Kurz darauf stellt sich heraus, dass Bella in der Nacht ein heimliches Treffen plante und für ihre Rückkehr ein Fenster offen gelassen hatte. Nun sieht alles nach Entführung aus – oder nach etwas Schlimmerem. Becky beginnt, in der Vergangenheit ihrer Schwester zu forschen und stößt auf ein beunruhigendes Doppelleben …

_Ein Mädchen_ verschwindet und hinterlässt einen idealen Aufhänger für eine Mischung aus Thriller und Psychodrama, die von Mary Stanley weitgehend überzeugend umgesetzt wird.

|Spannung und Dramatik|

Vom Zeitpunkt ab Bellas Verschwinden dreht sich alles um die Frage, was mit ihr geschehen ist. Einige Punkte sprechen dafür, dass sie möglicherweise freiwillig untergetaucht ist – da wären die verbotenen Hanfpflanzen in ihrem Zimmer, ihre heimliche Liebschaft mit einem jungen Mann und ihre flatterhafte, selbstbewusste Art, gepaart mit ihrem Drang, die Welt zu entdecken. Tagelang hoffen insbesondere ihre Schwestern, dass sie wieder in der Haustür steht und eine plausible Erklärung für ihr Verschwinden liefern kann. Nur Mutter Elizabeth ist von Beginn an überzeugt, dass Bella etwas Schreckliches zugestoßen sein muss. Während sich der Vater in seinen Beruf als Arzt stürzt, bricht Elizabeth Dunville vor Sorge zusammen.

Ein weiterer interessanter Punkt im Hintergrund ist der Rückblick in Elizabeth‘ Vergangenheit, der offenbart, dass Becky durch einen Seitensprung entstanden ist. Pikanterweise spielt ihr leiblicher Vater immer noch eine kleine Rolle im Leben der Dunvilles, ohne dass er und Becky von ihrer Verwandtschaft wissen, und man wartet auf den Augenblick, in dem diese Tatsache ans Licht treten wird.

|Interessante Charakterstudie|

Der Fokus des Romans liegt auf Becky Dunville, der mittleren der drei Schwestern, deren einst behütetes Leben durch Bellas Verschwinden aus der Bahn geworfen wird. Detailgenau beschreibt die Autorin die Folgen dieses Ereignisses für die gutbürgerliche Familie. Becky steht stets im Schatten ihrer älteren Schwester, da von ihr wegen ihrer hohen Intelligenz nur Bestleistungen akzeptiert werden. Nach Bellas Verschwinden wird sie für Brona überraschenderweise zur Bezugsperson, statt Sticheleien wird nun ihr Rat gesucht. Zeitgleich entdeckt Becky ihre Gefühle für den neuen jungen Musiklehrer Mr. Jones, der auf ihre Schwärmereien eingeht und die erste Liebe des verwirrten jungen Mädchens wird.

Für Becky wird Bellas Schicksal zur Bewährungsprobe. Ihre Eltern ziehen sich vor Kummer zurück, die jüngere Schwester braucht sie als Stütze, die Nonnen an der Schule verlangen weiterhin Disziplin, und obendrein fühlt sich Becky dazu gezwungen, ihren Teil zur Aufklärung beizutragen. Sie recherchiert auf eigene Faust in Bellas Leben, macht ihren heimlichen Freund ausfindig und steht im Zwiespalt darüber, ob sie die prekären Details über Bellas Doppelleben der Familie und der Polizei anvertrauen soll oder nicht. Interessant und realistisch ist vor allem, dass Becky sich zwar einerseits ihre Schwester zurückwünscht, sie aber andererseits nicht rückblickend verklärt. Nach wie vor sind ihr Bellas Gemeinheiten sehr präsent, und das Bewusstsein darüber sorgt für eine zusätzliche innere Qual. Darüberhinaus gewährt der Roman dem Leser einen kleinen Einblick in die Welt Dublins vor ein paar Jahrzehnten und vor allem in das dortige strenge Schulwesen.

|Nur kleine Schwächen|

Unter Umständen können Leser in ihrer Erwartung getäuscht werden, denn das Thrillerelement kommt erst spät zum Tragen. Die Polizeiarbeit wird fast gar nicht thematisiert, stattdessen dreht sich die Handlung um die Krise, die das Ereignis in der Dunville-Familie auslöst. Das eigentliche Manko liegt aber im zu rasch abgehandelten Ende und einem Zeitsprung von über zwanzig Jahren. Beinah schon hat man sich damit abgefunden, dass Bellas Verschwinden nicht geklärt werden wird, als sich viele Jahre später doch noch alles aufklärt. Diese Zeitspanne hätte man aber besser auf wenige Jahre beschränkt – zu gewöhnungsbedürftig ist es, dass Beckys jüngere Schwester plötzlich schon zwei erwachsene Kinder hat, während sie wenige Seiten zuvor noch ein Schulmädchen war. Zudem bringt die Aufklärung des Falls einiges an Brisanz mit sich, sodass uns Beckys Reaktion zu knapp geschildert wird.

_Als Fazit_ bleibt ein bewegender und spannender Roman über ein verschwundenes Mädchen, der im Dublin der siebziger Jahre spielt. Vor allem die Hauptperson wird ansprechend charakterisiert, und die Auflösung kommt zwar sehr spät, ist aber plausibel. Störend sind nur der große Zeitsprung zum Ende des Buches und der etwa zu kurz abgehandelte Schluss.

_Die Autorin_ Mary Stanley wurde in London geboren und wuchs in Dublin in Klosterinternaten auf – eine ihrer Lehrerin war die irische Bestsellerautorin Maeve Binchy. Stanley studierte unter anderem in Tübingen, später arbeitete sie in der elterlichen Buchhandlung, ehe sie sich aufs Schreiben konzentrierte. Sie hat inzwischen gut ein halbes Dutzend Romane verfasst. Mehr über sie erfährt man auf ihrer Homepage http://www.marystanley.com.

Richard Stark – Keiner rennt für immer [Parker 22]

Der kühl und klug geplante Überfall auf einen schwer beladenen Geldtransporter wird für Berufsgangster Parker durch unberechenbare Komplizen und die Tücken des Schicksals zu einem Himmelfahrts-Unternehmen, das allen Risiken zum Trotz durchgezogen wird … – Die Geschichte eines zum Scheitern verteilten Coups wird in klarer Sprache, ohne stilistischen Sperenzchen und ungemein spannend erzählt: kein Epos, kein Reiten auf dem „human factor“, sondern einfach ein großartiger Gangster-Thriller. Richard Stark – Keiner rennt für immer [Parker 22] weiterlesen

David Lawrence – Tödliches Dunkel

David Lawrence ist das Pseudonym eines bekannten britischen Drehbuchautors, unter dem er bereits drei Thriller mit Detective Stella Mooney veröffentlicht hat. „Tödliches Dunkel“ ist nun der vierte Fall der innerlich zerrissenen Hauptfigur und nimmt sie mit auf eine Reise, die zurück in ihre eigene Kindheit führt …

In einem Baum aufgeknüpft findet die Polizei die Leiche einer jungen Frau, der „Schmutziges Mädchen“ auf die Schulter geschrieben wurde. Stella und ihre Kollegen stehen vor einem doppelten Rätsel. Es gibt weder verwertbare Spuren zum Täter noch ist bekannt, wer das Mädchen ist. Niemand scheint es zu vermissen. Wenig später finden sie einen ersten Hinweis. Möglicherweise handelt es sich um eine Siebzehnjährige aus Harefield, der Armensiedlung, in der Stella aufgewachsen ist. Dorthin zurückzukehren, fällt ihr sehr schwer, und zu allem Überfluss begegnet sie ihrer Mutter, mit der sie seit Jahren keinen Kontakt hat.

David Lawrence – Tödliches Dunkel weiterlesen

Farrow, John – Eishauch

Wenn man Michael Moore – dem Regisseur der Erfolgsfilme „Bowling for Columbine“ und „Fahrenheit 9/11“ – Glauben schenken darf, ist Kanada das Land der offenen Haustüren. Nimmt man John Farrows Thriller „Eishauch“ zur Hand, überkommt einen das Gefühl, dass es vielleicht doch besser wäre, nichts unverschlossen zu lassen. Das Montréal, in dem der akribische, einzelgängerische Detective Emile Cinq-Mars Dienst schiebt, ist nämlich alles andere als eine Großstadt der dörflichen Gelassenheit …

Emile Cinq-Mars ist eine Legende bei der Polizei. Seine Arbeit ist immer wieder von unglaublichen Erfolgen gekrönt, was vor allem damit zusammenhängt, dass er seine Informanten an den richtigen Stellen zu sitzen hat. Einer dieser Informanten, ein junger Student, wird in der Weihnachtszeit ermordet aufgefunden. Er hängt an einem Fleischerhaken in seinem Kleiderschrank, verkleidet als Weihnachtsmann. Emile ist schockiert und setzt sich zum Ziel, den Mörder von Hagop Artinian zu stellen.

Zur gleichen Zeit eskaliert der Bandenkrieg in Montréal direkt vor den Augen der Wolverines, der Eliteeinheit, die für den Kampf gegen Hells Angels und deren Widersacher, der Rock Machine, zuständig ist. Es stellt sich heraus, dass es sich nicht mehr nur um bloße Rivalität unter zwei verfeindeten Motorradgangs handelt. Eine dritte Instanz hat sich eingeschaltet, die man ehrfürchtig den Zaren nennt.

Wer sich dahinter verbirgt und was er bezwecken will, indem er mit den Hells Angels gemeinsame Sache macht, ist den Polizisten allerdings nicht klar. Sie bitten Emile um Hilfe, doch der arbeitet lieber alleine als in einer Truppe Elitepolizisten. Dann allerdings muss er feststellen, dass der Mord an Hagop Artinian mit den Vorkommnissen in der Stadt eng verbunden ist – und dass noch ganz andere Mächte darin verwickelt sind …

John Farrow ist das Pseudonym des kanadischen Schriftstellers Trevor Ferguson und „Eishauch“ dessen erster Krimi. Man merkt dem Buch an, dass sein Urheber aus dem Romanmetier kommt. Farrow führt mehrere Handlungsstränge ein, von denen einige das ganze Buch durchziehen und andere nur dazu dienen, um einen relevanten Sachverhalt interessant und spannend darzustellen. Diese Vielfalt, die noch dazu in sehr anschauliche Worte gefasst wurde, sorgt unter anderem dafür, dass es dem Leser nicht langweilig wird und er die Handlung von allen Seiten beleuchtet sieht.

Das Ambiente ist düster, genährt von der Rivalität zwischen den beiden Motorradgangs, korrupten Beamten und der Unsicherheit, ob einer der liebgewonnenen Charaktere nicht vielleicht das nächste Bombenopfer ist. Die Geschichte selbst hat durchaus ihre spannenden Momente, krankt aber an der Kauzigkeit des Ermittlers. Emile Cinq-Mars‘ Gedankengänge sind teilweise so verschlungen und sprunghaft, dass sein neuer Kollege Bill Mathers nicht der Einzige ist, dem es manchmal an Überblick fehlt.

Auf der anderen Seite ist Emile Cinq-Mars aber auch der Grund, warum man den Krimi nicht zuklappen kann. Emile ist schrullig, aber gerade das macht ihn liebenswert. Er hat seine eigenen Ansichten und einen sehr speziellen Humor. Die Dialoge zwischen ihm und seinen Gegenübern sind wortgewandt und wunderbar amüsant. Sein Privatleben stellt einen ziemlich krassen Gegensatz zu seinem Arbeitsleben dar. Das macht ihn zusätzlich interessant.

Ähnlich ist es mit den anderen Figuren. Sie sind lebendig, kantig, zumeist etwas düster, aber jedes Mal bewundernswert ausgearbeitet. Farrow scheint es wichtig zu sein, keine flachen Krimicharaktere zu schaffen, sondern solche, die mehrdimensional, schillernd und manchmal fast schon belletristisch sind. Das ist kein großes Kunststück, wenn er unter seinem richtigen Namen bereits sieben Romane veröffentlicht hat. Da wundert es auch nicht, dass sein Schreibstil ebenfalls sehr belletristisch anmutet, und das ist gut so. Denn erzählen kann Farrow. Er weiß, wie er intelligent und präzise seine Wörter setzt und diese mit einem Schuss Humor und Großstadtfeeling kombiniert. Es scheint ihm augenscheinlich Spaß zu machen, in den Dreckgruben der Kriminalität zu wühlen, und es bleibt zu hoffen, dass dies nicht der erste und letzte Krimi mit Emile Cinq-Mars war.

„Eishauch“ ist aufgrund von Schwächen in der Handlung noch nicht der große Wurf, aber letztendlich ist die Geschichte jener Teil des Buches, der mit der Zeit am unwichtigsten wird. Vielmehr sind es die tollen, düsteren Charaktere und der erfrischend humorvolle Schreibstil, die zum Lesen anregen.

|Originaltitel: City of Ice
Aus dem Englischen von Friederike Levin
ISBN-13: 978-3-426-63514-8
588 Seiten, Taschenbuch|
http://www.knaur.de

Alvtegen, Karin – Schatten

Karin Alvtegen gehört mittlerweile zu den großen Namen der skandinavischen Kriminalliteratur. Wen wundert das? Sie ist immerhin die Großnichte von Astrid Lindgren – literarisches Talent scheint vererbbar zu sein. „Schatten“ ist ihr bislang fünfter auf Deutsch erschienener Roman.

Marianne Folkesson ist städtische Nachlassverwalterin und kümmert sich um die Angelegenheiten der verstorbenen Gerda Persson. Die Frau war Haushälterin bei dem bekannten schwedischen Schriftsteller Axel Ragnerfeldt gewesen. Marianne setzt sich mit der Familie Ragnerfeldt in Verbindung, um ein Foto von Gerda für die Beerdigung zu organisieren. Doch Vater Axel lebt nach einem Hirnschlag in einem Pflegeheim, Mutter Alice hat genug mit ihren eigenen eingebildeten Leiden zu kämpfen und Sohn Jan-Erik muss feststellen, dass seine Ehe kurz vor dem Zerbrechen steht.

Jan-Erik kehrt in das verlassene Elternhaus zurück, um nach einem Bild zu suchen. Dabei betritt er das Arbeitszimmer seines Vaters, das ihm sonst immer verschlossen war. Während er die Papiere von Axel durchwühlt, findet er einige Dokumente, die sein gesamtes Leben infrage stellen. Während eines Amerikaaufenthalts in seiner Jugend ist seine Schwester Annika umgekommen – angeblich bei einem Verkehrsunfall. Doch nun findet er Hinweise, dass Annika sich selbst umgebracht hat, erhängt im Arbeitszimmer des Vaters. Wütend stellt er seine Mutter zur Rede, doch die möchte mit dem wahren Grund für Annikas Tod nicht herausrücken.

Zur gleichen Zeit versucht Kristoffer Sandeblom ein Drehbuch für ein Theaterstück zu schreiben. Als er erfährt, dass er der alleinige Begünstigte in Gerdas Testament ist, bringt ihn das zum Stutzen. Er kannte die tote Frau nicht, doch er hat ein großes Geheimnis. Er ist ein Findelkind und wurde als Kleinkind ausgesetzt. Das macht ihm noch heute zu schaffen, und er hofft, dass Gerda Persson ein erster Hinweis auf seine tatsächliche Herkunft ist. Er beginnt zugleich mit Jan-Erik, in der Vergangenheit zu wühlen, wobei beide einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur kommen …

Karin Alvtegens Thriller kommt ganz ohne Mitglieder der exekutiven Staatsgewalt aus. Im Mittelpunkt stehen keine Ermittler, sondern ganz normale Menschen, und es geht auch weniger um Mord und Totschlag als vielmehr um die zerstörerische Kraft von Geheimnissen und Stillschweigen. Nicht umsonst denken sowohl Alice als auch Jan-Erik bitter an die Ragnerfeldtsche Maxime, dass man sich eben nicht scheiden lässt. Alvtegen benutzt mehrere Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart, die gegen Ende spitz aufeinander zulaufen. Sie stellt die Ereignisse und die damit verbundenen Gefühle und Gedanken der einzelnen Personen sehr anschaulich dar und weiß sich in die jeweilige Figur gut hineinzuversetzen. „Schatten“ ist eher ein ruhiger Krimi, der seine Spannung aus dem allmählichen Aufdecken der Einzelheiten der damaligen Tat und der damit verbundenen Konsequenzen bezieht. Gegen Ende wird das Buch ein wenig vorhersehbar, aber bis dahin gibt es durchaus fesselnde Momente. Gerade die Verbindung zu Kristoffer bleibt lange im Verborgenen.

Die Personen stehen in dieser Geschichte im Mittelpunkt und sind dementsprechend ausgearbeitet. Obwohl sie doch recht alltäglich sind, lassen sie sich gut voneinander unterscheiden. Ihre Persönlichkeiten und Beziehungen untereinander werden ausführlich dargestellt. Alvtegen hat keine Angst davor, Zeilen für nicht handlungsrelevante Fakten zu benutzen, um dadurch ihre Charaktere zu intensivieren. Auch wenn diese leicht zu differenzieren sind, haben sie eines gemeinsam: Sie sind nicht perfekt, innerlich zerrissen und haben jeder an einer persönlichen Tragödie zu knabbern. Das sorgt dafür, dass die Geschichte sehr bedrückend wirkt, beinahe schon deprimierend, da sie dem Leser vor Augen führt, dass die Art und Weise, wie sich ein Mensch gibt, nicht immer damit übereinstimmt, was in ihm vorgeht. Alvtegen erlaubt dank ihrer detaillierten, nüchternen Schreibweise einen Blick hinter die Kulissen und regt zum Nachdenken an. Sie drückt dem Leser dabei keine vorgefertigte Meinung auf, sondern überlässt ihm oder ihr selbst, was sie von den Personen und ihren Handlungen moralisch hält.

„Schatten“ ist ein unglaublich dichter, wenn auch nur stellenweise fesselnder Roman, der ein einschneidendes Erlebnis der Familie Ragnerfeldt mit all seinen Folgen und Nachwirkungen erzählt. Der Autorin gelingt es dabei, auch ohne Blutvergießen Spannung zu erzeugen und einen literarisch sehr anspruchsvollen Roman abzuliefern.

|Originaltitel: Skugga
Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt
ISBN-13: 978-3-426-50126-9
394 Seiten|
http://www.knaur.de
http://www.karinalvtegen.com

_Mehr von Karin Alvtegen auf |Buchwurm.info|:_
[„Der Seitensprung“ 3691
[„Die Flüchtige“ 3812

Barton, Beverly – Killing Beauties

Es gibt herausragende, schlechte und durchschnittliche Krimis. Durchschnittliche Krimis zeichnen sich zumeist dadurch aus, dass sie in sich schlüssig und nett lesbar sind, ansonsten aber nur wenig zu bieten haben. Ihre Zutaten sind wohlbekannt, Mut zur Innovation ist selten. „Killing Beauties“ der amerikanischen Autorin Beverly Barton fällt in genau dieses Schema.

Im Mittelpunkt steht ein Serienmörder, der seit Jahren sein Unwesen im Süden der USA treibt. Er hat es auf ehemalige Schönheitsköniginnen abgesehen. Eines seiner ersten Opfer war Jennifer Walker, die Ehefrau des gut betuchten Anwalts Judd Walker. Judd hat ihren Tod nicht besonders gut verarbeitet und beauftragt die private Ermittleragentur seines Freundes Griff Powell mit dem Fall.

Griff und seine Leute kümmern sich nun schon seit viereinhalb Jahren darum, die Morde nachzuverfolgen. Immer wieder geschehen neue Bluttaten, bei denen den Opfern Gliedmaßen abgehackt werden. Genau wie das ebenfalls involvierte FBI haben sie kaum Ergebnisse aufzuweisen. Der Täter geht sehr geschickt vor. Es gibt keine Zeugen, keine Spuren, doch als er die rothaarige Gale Ann Cain töten will, unterläuft ihm ein Fehler. Gale Ann überlebt, und zusätzlich wird er von ihrer Schwester beim Verlassen ihrer Wohnung beobachtet. Sein neuestes Opfer bleibt lange genug bei Besinnung, um den Ermittlern mitzuteilen, dass der Mörder ein Spiel spielt. Je nach Haarfarbe ist eine Tote eine bestimmte Punktzahl wert.

Zur gleichen Zeit treffen Judd Walker und Lindsay McAllister, eine von Powells Agentinnen, erneut zusammen. Sie haben eine bittere Affäre hinter sich, die alleine schon deshalb nicht gut enden konnte, weil Judd sich nach Jennifers Ermordung in seiner Trauer völlig zurückzog, mit dem Trinken begann und ein anderer Mensch wurde. Lindsay liebt ihn jedoch immer noch, und während sie gemeinsam zum Tatort des neusten Mords fahren, kommen die beiden sich wieder näher – mit verhängnisvollen Folgen. Um Judd bei seiner Rückkehr ins Leben zu helfen, beschließt Lindsay, den Täter zu fassen, indem sie ihm eine Falle stellt …

Beverly Bartons Buch liest sich wie das einer Autorin, die Thriller in Serie produziert. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, führt aber häufig zu einer gewissen Routine, die den Leser langweilt. In „Killing Beauties“ ist das ähnlich. Die Handlung ist spannend, obwohl der Täter von Anfang an bekannt ist, und überzeugt durch den Wechsel verschiedener Perspektiven. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Wettlauf zwischen Polizei und Täter, der in einem hektischen Showdown endet. In einer Nebenhandlung wird das komplizierte Verhältnis zwischen Lindsay und Judd beleuchtet. Allzu oft versinkt die Autorin dabei in kitschiger Romantik und dem Versprechen von ewiger Liebe. Das lenkt unangenehm von der eigentlichen Handlung ab, auch wenn die Beziehung sicherlich ihre Berechtigung hat und zur Story dazugehört.

Gerade Lindsay und Judd können sich als Charaktere nicht aus dieser Romantikfalle befreien, obwohl vor allem Judd bei genauerem Hinsehen eine gut ausgearbeitete, intensive Figur ist. Der Schmerz aufgrund des Verlusts seiner Frau wirkt echt und regt zum Nachdenken an. Barton überzeugt, wenn sie seine Gefühle in Worte packt und in die Düsternis seiner Seele hinabführt. Lindsay wirkt hingegen stellenweise wie ein verschüchtertes, unterwürfiges Fräulein. Ihre masochistische Ader ist zu viel des Guten und sorgt eher für Antipathien als für Mitgefühl. Die anderen Charaktere haben hingegen nur kurze Auftritte, was im Fall von Griffin Powell durch ein „leider“ ergänzt werden muss. Es schimmert immer wieder durch, dass Lindsays Chef eine bewegte, nicht ganz saubere Vergangenheit hat. Es wäre spannend gewesen, mehr darüber zu erfahren, doch an dieser Stelle hält die Autorin den Leser kurz.

Krimis in Routine zu produzieren, setzt voraus, dass man sie schreiben kann, denn sonst würden sie kaum verlegt werden. Beverly Barton hat über 50 Bestsellerromane auf ihrer Liste, was ihren sicheren und versierten Schreibstil erklärt. Sie bedient sich eines gehobenen, großen Wortschatzes, bleibt aber nüchtern in der Erzählung. Sie bringt die Gefühle ihrer Personen mit ein, verzichtet aber weitgehend auf die Benutzung von Sprachbildern. Stattdessen schildert sie schnörkellos und ohne unnötigen Ballast die Handlung, so dass ein hohes Erzähltempo entsteht, das auf weiten Strecken für den richtigen Vorwärtsgang sorgt.

„Killing Beauties“ ist sicherlich kein Ausnahmebuch, aber nett zu lesen und spannend. Beverly Barton bewegt sich auf ihrem Gebiet – Krimis mit einem Schuss Romantik – sehr sicher, auch wenn ihr das Besondere fehlt.

|Originaltitel: The Dying Game
Aus dem Amerikanischen von Kristina Lake-Zapp
510 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-426-50014-9|
http://www.beverlybarton.com
http://www.knaur.de

Krajewski, Marek – Gespenster in Breslau

_Das geschieht:_

Breslau im Spätsommer des Jahres 1919: Kriminalassistent Eberhard Mock, eigentlich in der Abteilung für Sittlichkeitsverbrechen tätig, wird zur Mordkommission versetzt, um bei der Aufklärung eines grotesken Massenmords zu helfen: Vier nackte Männer mit Matrosenmützen – offensichtlich Prostituierte – wurden betäubt, ihre Gliedmaßen systematisch zerschlagen und ihre Lungen mit langen Nadeln durchbohrt.

Bei den Leichen hinterließ der Täter eine Nachricht: Eberhard Mock soll sich für ein unerkannt gebliebenes Verbrechen schuldig bekennen. Fatalerweise kann sich Mock an keine entsprechende Missetat erinnern, will diese aber nicht ausschließen: Er ist Alkoholiker, betrinkt sich regelmäßig bis zur Bewusstlosigkeit und leidet unter Schlafstörungen.

So geschieht, womit zu rechnen war: Als Mock sich nicht offenbart, schlägt der ungeduldig gewordene Mörder erneut zu. Von seinen Vorgesetzten kaltgestellt, schart Mock eine kleine Gruppe ihm gewogener Männer um sich und führt die Ermittlungen auf eigene Faust fort. Er stößt auf eine Spur, die in die höchsten gesellschaftlichen Kreise Breslaus führt, was seine Nachforschungen erheblich erschwert. Mocks Albträume nehmen zu, denn weitere Bluttaten ereignen sich, für die er sich verantwortlich fühlt. Umso nachdrücklicher stürzt er sich in die gefährlichen Untiefen der Breslauer Halbwelt, denn nur dort findet er die Antworten, die er sucht …

_Verbrechen als zeitloses Lesevergnügen_

Historienkrimis liegen im Trend. Vor allem in Deutschland wird die Mischung aus Verbrechen und Vergangenheit sehr geschätzt, was sich in entsprechenden Verkaufszahlen niederschlägt. Wo die Nachfrage hoch ist, wird von Autoren und Verlagen selbstverständlich geliefert – um jeden Preis, was den Historienkrimi zu einem Genre macht, das unter argen Qualitätsgefällen leidet. Noch die dümmlichste Mordmär wird scheinbar geadelt, wenn man sie nur in ferner Zeit ansiedelt: So wird offensichtlich und leider viel zu oft erfolgreich kalkuliert. Dabei ersetzen Recherche und historische Akkuratesse keineswegs eine gute Story, während andererseits eine gute Story problemlos Anachronismen ausgleichen kann.

„Gespenster in Breslau“ stellt keineswegs die ideale Symbiose von Historienroman und Krimi dar – glücklicherweise: Nicht nur die Geschichte liest sich spannend, auch das historische Umfeld ist glänzend rekonstruiert. Kein Wunder, war Autor Krajewski doch einst als Bibliothekar an der Breslauer Universität tätig und hat sich tief in die Geschichte seiner Heimatstadt eingearbeitet. Gleichzeitig übertreibt er es mit den Fakten nicht. Sie unterstützen die Handlung, erdrücken sie aber nie. „Gespenster in Breslau“ bleibt vor allem eine weitere Episode aus dem bewegten Leben des Eberhard Mock, mit dem Krajewski eine Figur gelungen ist, die er zu Recht in den Vordergrund schiebt.

_Serienmord und der Tanz auf dem Vulkan_

Vier schwule Matrosen werden gerädert und mit Nadeln erstochen, weitere Pechvögel erfahren ähnlich bizarre Lebensenden: In Sachen Drastik kann Krajewski auf jeden Fall mit den Metzeleien der aktuellen Killer-Thriller mithalten. Diese ereignen sich allerdings in Breslau, einer Stadt, die erfreuliches Krimi-Neuland für den interessierten Leser darstellt. Das Jahr 1919 ist kein vom Verfasser willkürlich gewähltes Datum; es signalisiert dem historisch leidlich vorgebildeten Leser ein Umfeld, das von politischer und gesellschaftlicher Instabilität geprägt ist und in dem ein Geschehen, wie es Krajewski schildert, plötzlich gar nicht mehr außergewöhnlich wirkt.

1919 ist nicht nur das Jahr 1 nach einem I. Weltkrieg, der viele Millionen Opfer gekostet hat. Jetzt strömen die Überlebenden zurück ins ’normale‘ Leben. Eberhard Mock gehört zu ihnen – ein typischer Vertreter seiner Generation, der nach dem Grauen, das er in einem Abnutzungs- und Vernichtungskrieg erleben musste, psychisch gezeichnet ist. Er kann nicht schlafen, wird von Albträumen heimgesucht, die er mit Alkohol und Sex betäubt. Nachts suchen ihn Gespenster heim, vermischen sich seine Kriegserinnerungen mit den alltäglichen Schrecken, denen er als Polizist ausgesetzt ist.

Die Gegenwart wird ihn kaum zur Ruhe kommen zu lassen. Nach Jahrhunderten, in denen Monarchen die europäischen Staaten regierten, versuchen diese nun die Demokratie. Immer neue Krisen erschüttern die jungen Republiken. Die Inflation galoppiert. Nach sowjetischen Vorbild bilden sich Arbeiter- und Soldatenräte. Eine Revolution scheint auch in Deutschland nicht unwahrscheinlich; auch Mock wird damit konfrontiert, dass sich Räte und Militär belauern und ein Funke den bewaffneten Straßenkrieg auslösen kann. Währenddessen rühren die geschassten Machthaber von einst im Untergrund, versuchen alte Positionen neu zu besetzen. Noch spricht niemand von den Nazis, aber das Fundament, auf dem sie gedeihen, wird bereits bereitet.

_Eine Atmosphäre der Bedrohung_

„Gespenster in Breslau“ ist zweifellos ein spannender Kriminalroman. Dennoch ist der Plot vergleichsweise simpel, seine Auflösung womöglich platt. Wesentlich eindrucksvoller ist dagegen die Stimmung, die über dem Geschehen liegt. Über Breslau schweben in der Tat Gespenster; es sind nicht nur die für Mock ungelösten Konflikte der Vergangenheit, von denen die Gegenwart geprägt ist. Die allgemeine Unsicherheit wird von Krajewski selten direkt angesprochen. Viel lieber und effektvoller verdeutlicht er sie durch das fast verzweifelt zu nennende Bemühen der Breslauer, sich zu amüsieren.

In dieser Stadt herrscht kein Frieden, sondern eher eine Ruhe vor dem Sturm. Die Bürger versuchen an die Vorkriegszeit anzuknüpfen und den Krieg und seine Folgen zu verdrängen. Obwohl es hoch hergeht in den Bars und Boudoirs, wirken die Ausschweifungen wie Fluchten. Man genießt nicht, sondern frisst, säuft, kokst und hurt bis zum Erbrechen, bis zur Bewusstlosigkeit, als ob es kein Morgen gäbe oder als ob man schon die nationalsozialistische Zukunft ahnt, die Breslau 1945 in Schutt und Asche sinken und als polnisches Wroclaw wiedererstehen lässt. Dekadenz ist nicht tadelnswert, sondern beinahe das Gebot der Stunde.

In dieser Situation wirken auch die Umtriebe einer obskuren Geheimgesellschaft durchaus realistisch, zumal namentlich erwähnte Personen wie Ludwig Klages, Lanz von Liebenfels oder Walter Friedrich Otto tatsächlich existierten. Natürlich übertreibt Krajewski mit dem Wissen des Nachgeborenen. Der Prägnanz seiner Darstellung tut das jedoch keinen Abbruch.

_Ein Mann wie Mock_

Eberhard Mock markiert wie schon erwähnt das eigentliche Zentrum dieses Romans. Er ist als Person faszinierend, trägt aber durchaus unsympathische Züge. Die einzige Konstante seines Wesens scheint seine Unberechenbarkeit zu sein. Er ist in dem einen Moment sentimental und mitfühlend, um im nächsten seiner Aggressivität freien Lauf zu lassen, die er selbst nicht begreift. Mocks ‚Verhältnis‘ zu Frauen ist – gelinge ausgedrückt – gestört. Eine seiner Kriegsneurosen ist die womöglich eingebildete Erinnerung an eine rothaarige Krankenschwester, in die Mock seine unerfüllten Sehnsüchte projiziert. In Gestalt einer jugendlichen Prostituierten nimmt sie Gestalt an und sieht sich Mocks innerer Zerrissenheit ausgesetzt, der hilflos zwischen Illusion und Realität taumelt.

Wohin gehört dieser Eberhard Mock eigentlich? Auch ohne Krieg wüsste er es wohl nicht. Er ist ein Mann aus dem Volk, Sohn eines Schusters, der aber in den Genuss einer höheren Schulbildung kam. Seine klassische Bildung kann und will Mock nicht verleugnen. Sie hätte ihn womöglich in eine akademische Laufbahn geführt. Stattdessen und ohne sich die Gründe vor Augen führen zu können, ist Mock Polizist geworden. Als solcher ist er gut, aber gleichzeitig korrupt: ein gelangweilter Mann mit selbstzerstörerischen Zügen, der sich im Beruf, aber auch bei seiner Familie und seinen Freunden vorsätzlich in Schwierigkeiten bringt und das heimlich zu genießen scheint.

Als Leser versteht man gut, wieso Krajewski von Mock nicht lassen mag, obwohl er ihn ursprünglich nach vier Romanen ‚entlassen‘ wollte. Er passt in die unruhigen Zeiten, in die ihn der Autor wirft. Mocks Unberechenbarkeit wird unterstrichen durch den Verzicht auf eine chronologische Abfolge seiner Fälle: Während „Tod in Breslau“, der erste Teil der Serie, 1933 spielt, springt [„Der Kalenderblattmörder“ 5001 zurück ins Jahr 1927. „Gespenster in Breslau“ geht weitere acht Jahre zurück, während wir in „Festung Breslau“ den Mock von 1945 erleben. Mit „Pest in Breslau“ geht es zurück nach 1923. Die nüchterne und das Schwelgen in historischem Lokalkolorit meidende Form der Darstellung, die Krajewski – der sich lieber als Handwerker denn als Schriftsteller bezeichnet – bevorzugt, macht auch auf diese Romane neugierig.

Die Eberhard-Mock-Serie:

(1999) Tod in Breslau (btb Verlag Nr. 72831)
(2003) [Der Kalenderblattmörder 5001 (dtv Nr. 21092)
(2005) Gespenster in Breslau (dtv Nr. 21150)
(2006) Festung Breslau (dtv premium Nr. 24644)
(2007) Pest in Breslau (dtv premium Nr. 24727)

_Impressum_

Originaltitel: Widma w mieście Breslau (Warschau : Wydawnictwo W. A. B. 2005)
Übersetzung: Paulina Schulz
Deutsche Erstausgabe: August 2007 (Deutscher Taschenbuch Verlag/Dtv premium 24608)
317 Seiten
EUR 14,50
ISBN-13: 978-3-423-24608-8

Als Taschenbuch: Juli 2009 (Deutscher Taschenbuch Verlag Nr. 21150)
317 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-423-21150-5
http://www.dtv.de

Perry, Anne – Würger von der Cater Street, Der

London, 1881: Die dreiundzwanzigjährige Charlotte Elison ist eine Tochter aus gutbürgerlichem Haus, die mit ihren emanzipierten Ansichten immer wieder ihre Familie vor den Kopf stößt. Ihre ältere Schwester Sarah ist mit dem gutaussehenden Dominic verheiratet, die siebzehnjährige Emily ist ähnlich dickköpfig wie Charlotte, hält aber viel mehr an Konventionen fest. Charlotte schwärmt heimlich seit der ersten Begegnung für Dominic, was sie um des Familienfriedens willen verbirgt.

Zum Entsetzen der Bevölkerung geschehen in der Cater Street mehrere Frauenmorde. Junge Mädchen werden mit einer Drahtschlinge erwürgt, vom Täter gibt es keine Spur. Das Motiv gibt Rätsel auf, da die Frauen weder vermögend waren noch vergewaltgt wurden. Als auch ein Dienstmädchen der Ellisons ermordet wird, die in einer Nebenstraße wohnen, werden sie in den Fall verwickelt. Der ermittelnde Polizist Inspector Pitt stellt der Familie zu ihrem Ärger unangenehme Fragen. Vor allem Familienoberhaupt Edward Ellison stört sich an dem direkten und selbstbewussten Inspector, der ungeachtet seines niedrigen gesellschaftlichen Ranges immer wieder nachhakt.

Brisant ist auch sein auffallendes Interesse an Charlotte, was diese zunächst als unverschämt empfindet. Doch allmählich entwickelt sie selbst ein gesteigertes Interesse an dem Fall, zumal das letzte Opfer aus ihren eigenen Kreisen stammt. Beunruhigend ist auch, dass sich Emily neuerdings ausgerechnet für den zwielichtigen Lord Ashworth interessiert, der in der Halbwelt verkehrt. Und sogar Charlottes Vater Edward und Dominic scheinen etwas zu verbergen …

Fünfundzwanzig Bücher über ihr Gespann Charlotte und Thomas Pitt hat Anne Perry mittlerweile veröffentlicht. Für alle, die sich mit dieser Reihe befassen wollen, bildet dieser Band den Ausgangspunkt, um mit den Figuren vertraut zu werden und zu erfahren, wie sich das spätere Ehepaar Charlotte und Thomas Pitt überhaupt kennenlernte.

|Spannung und Atmosphäre|

Wenige Jahre, bevor Jack the Ripper das reale London in Angst versetzen wird, treibt ein Würger in der gutbürgerlichen Cater Street sein Unwesen. Vor allem das unerkannte Motiv beunruhigt die Bevölkerung, denn die Opfer scheinen nicht viel miteinander gemein zu haben. Bald wagt sich keine Frau mehr allein auf die Straße und Misstrauen zieht sich durch die ganze Stadt. Bekannte verdächtigen sich gegenseitig, denn die Polizei vertritt die Theorie, dass es sich um eine Person handelt, die im öffentlichen Leben völlig unverdächtig wirkt – vielleicht sogar ein Geisteskranker, der außerhalb seiner Anfälle gar nichts von seinen Taten weiß. Das macht die Morde umso beunruhigender und für die Polizei umso schwerer zu lösen.

Besonders heikel wird es, als sich auch Charlottes Schwager Dominic und ihr Vater Edward eigenartig verhalten. Vor allem Edward reagiert zunehmend gereizt auf die häufigen Befragungen des Inspectors, weicht aus und wird bei einem falschen Alibi ertappt. Trotz dreißig Jahren guter Ehe zweifelt seine Frau Caroline plötzlich an ihrem Mann und fürchtet sich davor, dass er mit den Morden zu tun haben könnte. Dazu kommt der innere Zwiespalt, ob sie sein falsches Alibi unterstützen oder dem Inspector die Wahrheit sagen soll. Charlotte verdächtigt zusätzlich den ominösen Lord Ashworth, den Emily für sich zu gewinnen sucht. Sie bangt nicht nur darum, dass der verrufene Lord ihre Schwester unglücklich machen könnte, sondern traut ihm zu, der Würger zu sein …

Trotz der Kriminalhandlung steht aber die Porträtierung der viktorianischen Gesellschaft im Vordergrund. Ansehen ist alles, die Stände bleiben gewöhnlich unter sich, Frauen haben sich zurückzuhalten und vor allem hübsch auszusehen. Charlotte ist mit Anfang zwanzig beinah schon eine alte Jungfer und mit ihrer Offenheit eine denkbar ungeeignete Partie. Die Eigenheiten der konservativen Gesellschaft werden immer wieder auf die Spitze genommen, sei es durch die schadenfrohen Lästereien beim Kaffeeklatsch über scheinbare Skandale oder empörte Reaktionen auf Charlottes ungehöriges Interesse an Tageszeitungen.

|Gelungene Charaktere|

Schon in diesem ersten Band spürt der Leser, dass sich mit Charlotte Elison und Inspector Pitt eine interessante Kombination gefunden hat. Charlotte ist kein Prototyp des viktorianischen Zeitalters; sie verabscheut den Standesdünkel und gibt nicht viel auf oberflächliche Konventionen. Sie spricht aus, was sie denkt, auch wenn sie mit ihrer Ehrlichkeit ihr Gegenüber vor den Kopf stößt, stört sich nicht an Gerede und zeigt echtes Interesse an den Geschichten über die Armenwelt Londons, die ihr von Pitt nahegebracht werden. Die Sympathie des Lesers ist ihr sicher, da Charlotte einerseits alles andere als makellos-langweilig ist, aber auch nicht aufdringlich oder gar zickig. Reizvoll ist auch ihr Verhältnis zu ihrem Schwager Dominic. Von der ersten Begegnung an hat sie für ihn geschwärmt und die Heirat mit ihrer Schwester mit gemischten Gefühlen betrachtet. Noch heute, Jahre später, gerät sie in seiner Gegenwart in Verlegenheit und hofft gleichzeitig, dass niemand, am wenigsten ihre Schwester, davon je etwas erfahren möge. Im Laufe der Handlung muss Charlotte allerdings ihre Meinung zu Dominic ein wenig revidieren und zum ersten Mal erkennen, dass sich ihre Gefühle getäuscht haben.

Auch Pitt hat man wegen seiner unkonventionellen Art schnell ins Herz geschlossen. Ein solider Polizist, der keine Scheu vor der höheren Gesellschaft kennt und sich von Arroganz nicht abschrecken lässt; stattdessen begegnet er Herablassung mit Souveränität und Belustigung. Eine mysteriöse Figur ist der schwer einzuschätzende Lord Ashworth. Gutaussehend und charmant, wie er ist, wählt ihn die naive und sture Emily als zukünftigen Ehemann aus. Allerdings munkelt man, dass der reiche Herr ein Spieler sei, der sich gerne in zwielichtigen Etablissements herumtreibt – und in Emily wahrscheinlich nur ein kurzes Vergnügen sieht.

|Ein paar kleine Schwächen|

Zwar ist die Verbindung aus viktorianischem Gesellschaftsroman und Krimi reizvoll, allerdings steht der Krimi-Teil vergleichsweise im Hintergrund. Es dauert eine Weile, bis die Taten des Würgers Charlotte und ihre Familie direkt betreffen, und bis dahin steht der viktorianische Alltag im Fokus. Das Ende ist dagegen etwas zu knapp gehalten. Schön wäre gewesen, nach dem großen Finale samt Auflösung noch einmal den Rest von Charlottes Familie zu erleben, stattdessen folgt ein abrupter Schluss. Und auch wenn alle den Fall betreffenden Fragen geklärt sind, gibt es doch einen Handlungsstrang, der etwas in der Luft schwebt, anstatt richtig zu Ende geführt zu werden. Die letzten Geschehnisse werden auf zu wenige Seiten gedrängt und wirken eher wie ein Aufhänger für den Nachfolgeband, anstatt den Roman abzuschließen. Diese Punkte verhindern, dass dieser Roman der ganz große Wurf geworden ist, doch für ein Debütwerk ist Anne Perry seinerzeit ein guter Krimi gelungen.

_Unterm Strich_ ist der erste Krimi aus der Inspector-Pitt-Reihe, der die Leser ins viktorianische London führt, gelungen. Die Hauptfiguren sind interessant, die Spannung ist weithin gegeben, allerdings entwickelt sich die Krimihandlung recht schleppend und das Ende ist in allen Belangen etwas zu knapp geraten.

_Die Autorin_ Anne Perry wurde 1938 als Juliet Hume in London geboren. 1954 beging sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin einen Verzweiflungsmord an deren Mutter, der ihnen eine Haftstrafe einbrachte. Der Fall wurde als „Heavenly Creatures“ verfilmt. Nach ihrer Entlassung nahm Perry ihren heutigen Namen an und beann in den sechziger Jahren zu schreiben. 1979 veröffentlichte sie mit „The Cater Street Hangman“ ihren ersten Roman. Seither hat sie Dutzende von Büchern in mehreren Reihen herausgebracht. Am bekanntesten sind ihre Inspector-Pitt- und Privatdetektiv-Monk-Romane, die jeweils im viktorianischen London spielen.

http://www.dumont-buchverlag.de/

_Mehr von Anne Perry auf |Buchwurm.info|:_

[„Feinde der Krone“ 1723
[„Die Verschwörung von Whitechapel“ 1175

le Carré, John – Marionetten

Mit dem 11.9.2001 hat sich durch den terroristischen Anschlag auf das symbolträchtige World Trade Center der USA das gesellschaftliche, politische und kulturelle Leben auf immer verändert. Diese Form des besonders radikalen und bis dahin ungeahnt gewaltbereiten Terrorismus hat den westlichen Staaten der Welt gezeigt, dass man sich selbst in behüteter und gut verteidigter Position nicht sicher wähnen kann. Die Frage, die sich nicht nur die Geheimdienste aller Regierungen stellen, ist: Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass 19 junge Islamisten im militärisch stärksten Land der Welt derart koordiniert vier Passagierflugzeuge kapern und auf das Pentagon und die Twin Towers steuern?

Welche enorme logistische Detailplanung dafür notwendig war – Ausbildung der Attentäter zu Piloten, finanzielle Mittel, Gesamtkoordination, aber auch die ideologische Schulung -, ist erschreckend. Erschreckend deswegen, weil trotz der Zusammenarbeit der Geheimdienste verschiedener Nationen einige Täter bekannt waren, aber nicht genug oder nur fahrlässig recherchiert, observiert und informiert wurde. Etwas mehr Kommunikation und Zusammenarbeit hätte vielleicht die Katastrophe verhindern können, bei der über 3000 Menschen den Tod fanden.

Warum war die CIA, der israelische Mossad, der britische MI6 und der deutsche Bundesnachrichtendienst derart machtlos und unvorbereitet? Gab es keine Anzeichen und keine Warnungen von Agenten, die in den al-Qaida- oder anderen Terrorzellen im Untergrund tätig waren?

Nach dem Terroranschlag wurde durch die Bush-Doktrin und dessen Politik ein Präventivkrieg ausgelöst, der auch heute, mehr als sieben Jahre später, in Afghanistan und dem Irak noch kein Ende gefunden hat und sich in weitere Staaten überträgt. Bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen dort, die einen Flächenbrand in Form eines weiteres Religionskrieges auslösen könnten, der schließlich auch Europa erreichen wird.

Viele terroristische Anschläge in den Jahren danach haben die Regierungen, ihre Geheimdienste und das Militär unter eine kalte Dusche gestellt, die wahrlich wachrüttelte. Das Rad der Zeit kann man zwar nicht mehr zurückdrehen, doch kann man die Gegenwart beeinflussen, damit in naher und ferner Zukunft so etwas nicht mehr passieren sollte. Inzwischen sind die Geheimdienste verschiedenster Nationen enger zusammengerückt, um der terroristischen Gefahr entgegenzuwirken, und ein neuer kalter Krieg zeichnet sich ab, in dem einfache Menschen aus dem zivilen Leben nur Marionetten dieser Geheimdienste sind, ebenso wie die Agenten, Spione, Analysten, Diplomaten und andere, aber wer zieht die Fäden in diesem Spiel? Wer lässt die Marionetten nach seinen Spielregeln auf der Bühne tanzen?

John le Carré gibt in seinem zuletzt veröffentlichten Roman „Marionetten“ einen interessanten Einblick in die Schattenwelten der Geheimdienste.

_Handlung_

Issa ist ein sonderbarer Flüchtling, ein Moslem, der nach Hamburg-Altona über verschiedene Stationen gereist ist. Langsam, vorsichtig, fast schon ängstlich folgt der junge Mann Big Melik, einem jungen und aufstrebenden türkischen Boxer, der einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Issa erbittet auf einem Stück Papier, das er dem jungen Türken in die Hand drückt, Obdach. Doch Meliks Reaktion ist zunächst negativ, und er möchte den Jungen am liebsten davonjagen, doch seine Mutter Leyla sieht in dem streunenden Mann Gottes Willen und entspricht mitleidsvoll dessen Wunsch nach einer Bleibe.

Auch Melik bekommt Mitleid und schämt sich für seine barschen Worte, als er die Folternarben auf Issas Rücken erblickt. Issa kann sich kaum verständlich machen, er ist tschetschenischer Herkunft, aber seine Zukunft sieht er schon fest vor sich. Er will Deutsch lernen, möglichst schnell, er möchte Medizin studieren und ein großer Arzt werden, der das Leiden von Menschen mindert. Seine einzigen Habseligkeiten sind ein Päckchen mit 500 recht druckfrischen Dollars und ein auf kyrillisch verfasster Brief. Melik kann darauf nur eine sechsstellige Zahl identifizieren.

Doch Issa ist schon längst einer inoffiziellen Abteilung des Bundesnachrichtendienstes bekannt. Hamburg ist schließlich die Stadt, aus welcher der Attentäter Mohammed Atta zusammen mit einigen anderen aufbrach, um den Vereinigten Staaten zu zeigen, was Terror bedeutet, indem sie das WTC vernichteten und das Pentagon beschädigten. Damit wurde eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, welche die Eskalation nur noch weiter vorantreiben sollte.

Der erfolgreiche schottischer Investment-Banker Tommy Brue macht wenig später ebenfalls Bekanntschaft mit dem mysteriösen Flüchtling Issa. Als Vermittlerin fungiert die ebenso undurchsichtige Annabel Richter, eine Anwältin aus bester Familie. Die sechsstellige Zahl ist der Code für einen Schlüssel zu einem dubiosen Depot, das Brue von seinem ebenfalls im Finanzwesen tätigen Vater geerbt hat. Mit diesen Mitteln soll sich der naive Issa eine Zukunft aufbauen, doch zu welchem Zweck?

Der deutsche Geheimdienst und bald nicht nur dieser hat jetzt nicht nur Issa im Visier, sondern ebenso die türkische Familie, die Juristin Annabel Richter sowie den Investment-Banker Tommy Brue widmet. Alle werden zu Spielbällen der Geheimdienste, die ganz eigene Interessen verfolgen.

_Kritik_

John le Carré, selbst ein früherer Agent des britischen Geheimdienstes, kennt die Verbindungen und Methoden aus eigener Erfahrung und setzt sein spezielles Wissen natürlich gern in seinen Romanen ein. Er ist ein Altmeister der Geheim- und Spionagedienstthriller.

Auch „Marionetten“ weist eine sehr reale Handlung auf, die le Carré in der Gesamtschau spannend, wenn auch mit einigen Längen präsentiert. Seine detailreiche Beschreibung über die Methoden von Agenten, die observieren, recherchieren und analysieren, ist thematisch eindrucksvoll und realistisch beschrieben. Dass Dreh- und Angelpunkte der Terroristenszene wie der Hamburger Hauptbahnhof von Geheimdiensten observiert werden, sich Agenten unter die Passanten mischen und durch Drohung oder Bestechung Informationen erschleichen, wird glaubwürdig dargestellt, gerade wenn man daran denkt, dass Hamburg einige terroristischen Zellen beherbergt(e).

Dabei stellt sich unmittelbar die Frage: Wie viele solcher Aktivitäten und Keimzellen gibt es noch und in welchen Städten? Handelt es sich bei den noch in Deutschland aktiven Zellen um aktive Mitglieder terroristischer Gruppierungen, die Anschläge vorbereiten und ausführen, oder sind es lediglich Mittelsmänner und Informanten, vielleicht gar so genannte Schläfer, die irgendwann aktiv werden, aber bis dahin das biedere Leben durchschnittlicher Bürger innerhalb ihrer sozialen Stellung führen? Genau diese Fragen beschäftigen die Geheimdienste in „Marionetten“. Welchen Geistern jagt man nach, die sich später vielleicht als sehr real und allzu menschlich herausstellen?

John le Carré erzählt in „Marionetten“ sehr plastisch und schildert zynisch die Arbeit der Geheimdienste, die wiederum für Eingeweihte, die ihre Tiefen erforschen, noch viel geheimer und undurchschaubarer wirken können. Eine wahre Karikatur bürokratischer Arbeitsmethodik, der man als Leser gern verfolgen mag.

In der ganzen Handlung ist die Atmosphäre recht bedrückend. Nach wie vor herrscht die Angst vor terroristischen Anschlägen, ebenso bewirkt der Gedanke, dieses erneut nicht früh genug erkennen zu können, einen bitteren Beigeschmack, ebenso wie die Frage, ob diese Situation es wert ist, die Freiheitsrechte einzelner Menschen quasi außer Kraft zu setzen. Was wiegt das Schicksal einer einzelnen Person im Vergleich zum vermeintlichen Wohl eines Volkes in seiner Gesamtheit?

Die Protagonisten sind intensiv und detailreich dargestellt, auch wenn man für wirklich keinem von ihnen sonderliche Sympathie entwickelt. Einzelne Schicksale werden final nicht abgeschlossen und unseren Phantasien und Theorien überlassen – zu vage, wie ich finde. John le Carrés Motivation – und das hat er in diesem Roman auch erfolgreich umgesetzt – war es, den Protagonisten den Status einer Marionette zuzuweisen. Dass jeder Geheimdienst aufgrund der Ereignisse vor sieben Jahren seine eigenen Interessen stärkt und seine Ziel verfolgt, oftmals ohne Rücksicht auf Verluste und unter Inkaufnahme von Kollateralschäden, zeigt Carrés Roman eindrucksvoll und für den Laien absolut nachvollziehbar.

John le Carré rüttelt die Leser wach und nimmt die Rolle des kritisch Fragenden ein: Was ist aus unserer Gesellschaft geworden? Ein Opfer seiner selbst? Sind diese Ereignisse ein Produkt aus Ursache und Wirkung, und wir sind nur aus Versehen in den Unfall verwickelt? Aber zahlen wir dann auch bereitwillig den Preis, selbst wenn er uns zu hoch erscheint? Carrés Dramaturgie ist bestechend und die – im Wortsinne – untergründige Spannung bleibt konstant erhalten, allerdings gibt es keine klar definierten Höhepunkte und das Ende des Romans ist so offen wie der Großteil der Handlung mitsamt ihren Protagonisten.

_Fazit_

„Marionetten“ ist mit Einschränkungen zu empfehlen. Den Leser erwartet kein Roman, der unmittelbar nach 9/11 spielt, sondern eine Handlung in der Gegenwart, auch wenn immer wieder auf die Vergangenheit und ihre Auswirkungen Bezug genommen wird.

John le Carré ist seit vielen Jahren routinierter Autor verschiedener Agenten- und Spionage-Romane. Sein Stil ist dabei unverändert geblieben. Er verfasst komplexe Sätze, liebt die ausführliche Form der Darstellung, die Dialoge seiner Protagonisten sind manchmal verworren und man liest entsprechend die eine oder andere Passage noch einmal, was durchaus ermüdend wirken kann.

Die Spannung und das Interesse an der Handlung und den Personen sind anfangs recht hoch, später allerdings wird dem Leser zunehmend auch klar, dass alle Protagonisten, egal ob nun verdächtig oder nicht, ob nun Geheimdienstler der CIA oder des Bundesnachrichtendienstes, zu verwirrend für eine klare Linie konzipiert sind. Die Botschaft, die uns John le Carré vermitteln will, ist spiegelbildlich und sehr real gezeichnet und konfrontiert uns mit der recht aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage. Welche Macht räumt man den Geheimdiensten noch ein und wer bewegt sich in dieser Schattenwelt? Sind alle Abteilungen eigenverantwortlich oder existieren andere geheimdienstliche Zellen, denen fast jedes Mittel recht ist, um etwaige Verdächtige als Terroristen zu überführen oder eigene Ziele zu verfolgen? Viele Fragen werden aufgeworfen, die der Leser mit sich selbst oder auch mit anderen diskutieren sollte.

„Marionetten“ ist insgesamt ein authentischer Roman mit einer interessanten, durchaus auch spannenden Geschichte, die leider zu viele Längen beinhaltet und am Ende – wohl bewusst – für meinen Geschmack zu viele Fragezeichen hinterlässt.

_Der Autor:_

John le Carré, geboren 1931 in Poole, Dorset, studierte in Bern und Oxford Germanistik, bevor er in diplomatischen Diensten u. a. in Bonn und Hamburg und für den britischen Geheimdienst als Secret Service Agent tätig war. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ begründete seinen Weltruhm als Bestsellerautor. Der Autor lebt mit seiner Frau in Cornwall und London.

|Originaltitel: A Most Wanted Man
Aus dem Englischen von Sabine Roth und Regina Rawlinson
366 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-550-08756-1|
http://www.ullstein.de
http://www.johnlecarre.com

_Mehr von John le Carré auf |Buchwurm.info|:_

[„Absolute Freunde“ 399
[„Geheime Melodie“ 2975

Lovesey, Peter – Abschied auf Englisch

_Das geschieht:_

Der unglücklich verheiratete Zahnarzt Walter Baranov und die Blumenverkäuferin Alma Webster haben sich ineinander verliebt. An eine Scheidung darf Walter nicht einmal denken; Gattin Lydia hat in dieser Ehe die Hosen an und das Geld auf der Bank. Außerdem schreibt man das Jahr 1921, und untreue Ehemänner, die ihre Frau verlassen und sich zu ihrer deutlich jüngeren Geliebten bekennen, können mit finanziellem Ruin und gesellschaftlicher Ächtung rechnen.

Alma findet die Lösung: Lydia muss sterben! In seiner Not ist Walter einverstanden. Allerdings erinnert er sich an den unglücklichen Dr. Hawley Crippen, der es 1910 ebenfalls mit Gattinnenmord versucht hatte, nach einer aufsehenerregenden Verfolgungsjagd über den Atlantik in Kanada festgenommen und später gehenkt worden war. Er hatte die Leiche nicht gut genug entsorgt, was ihm zum Verhängnis wurde. Walter und Alma wollen es besser machen: Da Lydia eine Schiffsreise in die USA plant, wollen sie ihr an Bord des Luxusdampfers „Mauretania“ folgen, sie erst dort ermorden und die Leiche durch ein Bullauge verschwinden lassen, worauf Alma in Lydias Rolle schlüpft: Niemand wird auf der Passagierliste fehlen, und das verliebte Paar kann in der neuen Welt in eine ungestörte Zukunft starten!

Doch der Zufall spielt Walter und Alma einen bösen Streich: Eine zweite Frau geht ermordet über Bord. Ihre Leiche kann geborgen werden. Erfreut hört Kapitän Rostron, dass sich unter seinen Passagieren ein berühmter Polizist befindet: Keck nennt sich Baranov an Bord der „Mauretania“ ausgerechnet „Walter Dew“. Dew war der Inspektor, der einst Crippen stellte. Daran erinnert sich der Kapitän. Notgedrungen versucht sich Walter als Ermittler. Ihm hilft seine Vergangenheit als Bühnenmagier; tatsächlich sind seine Nachforschungen so erfolgreich, dass der Mörder unruhig wird und seinem Verfolger nachzustellen beginnt …

_Die Realität schlägt wieder einmal die Fiktion_

„Abschied auf Englisch“ ist der im Deutschen (wie üblich, muss man sagen) nichtssagende Titel einer Geschichte, deren Originaltitel den eingeweihten Leser bereits auf die Handlung einstimmt: Inspektor Dew ist zumindest in England eine bekannte Figur der (kriminologischen) Zeitgeschichte: der Mann, der 1910 den (natürlich ungleich berühmteren) Dr. Crippen stellte.

Das reale Geschehen bildet den idealen Untergrund für diesen Roman. Crippen war kein außergewöhnlicher Verbrecher und Dew als Polizist und Mensch niemand, an den man sich normalerweise erinnert hätte. Es sind die Umstände, die beide unsterblich machten: Crippen floh mit seiner Geliebten per Schiff nach Kanada. Vor 1910 hätte er in dem riesigen Land untertauchen können und wäre nie zur Rechenschaft gezogen worden. Doch Crippen bestieg mit der „SS Montrose“ eines der ersten Schiffe, das mit einer Funkstation ausgestattet war. Als Passagiere das flüchtige Paar erkannten, wurde die Nachricht nach London durchgegeben. Scotland Yard setzte Inspektor Dew in Marsch, der im Wettlauf mit der „Montrose“ nach Toronto reiste. Während Crippen sich ahnungslos auf dem Weg in die Freiheit wähnte, war nicht nur die Polizei, sondern auch die Weltpresse über jeden seiner Schritte informiert. (Diese fesselnde Geschichte rekonstruiert übrigens Eric Larson in seinem Buch [„Marconis magische Maschine. Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation“, 4545 das der Rezensent a. a. O. dieser Website besprochen hat.)

Peter Lovesey orientiert sich stark am Crippen-Fall. Der Zahnarzt Walter Baranov gleicht charakterlich dem unglücklichen Mörder, der ebenfalls als zurückhaltender und von seiner Ehefrau dominierter Mann galt. Auch die Dreiecks-Konstellation Baranov – Lydia – Alma ist der Realität entlehnt. Erst als sich die Handlung an Bord der „Mauretania“ verlagert, weicht Lovesey vom Vorbild ab.

Für diese Nähe zur Realität ist keineswegs die Denkfaulheit des Verfassers verantwortlich. Im Gegenteil: Lovesey setzt sich unter verstärkten schöpferischen Druck, indem er Crippens Odyssee sich in Baranovs Abenteuern widerspiegeln lässt. Auf diese Weise gelingt ihm weit mehr als eine geistreiche Variation. Er dringt tief in die Psychen von Hawley Crippen (der hier durch Baranov ‚gedoubelt‘ wird), Cora Crippen (= Lydia) und Ethel le Neve (Crippens Geliebte = Alma Webster) ein und schafft ein Stimmungsbild, das vielleicht nicht der historischen Realität entspricht, aber auf jeden Fall zeigen könnte, wieso Crippen, der alles andere als der ‚typische‘ Verbrecher war, zum fast perfekten Mörder mutierte.

_Mörderisches Durcheinander als vergnüglicher Historienkrimi_

In diesem ersten Drittel wird der puristische Krimi-Leser womöglich nicht auf seine Kosten kommen. Es geschieht nichts Kriminelles, stattdessen erzählt Lovesey die Lovestory von Walter und Alma. Er beachtet die zeitgenössischen Gesellschaftsregeln genau und verdeutlicht seinen Lesern, wieso eine Befreiung für das Paar aus seinem Dilemma nur in Mord bestehen kann. Dabei brüstet sich der Verfasser nicht mit aufdringlich dargebotenem historischem Wissen. Das Jahr 1921 fließt wohldosiert dort in die Geschichte ein, wo es ihr zugute kommt.

In diesen Handlungsstrang eingeflochten werden Ereignisse und Personen, die zunächst nicht mit dem Hauptgeschehen in Einklang gebracht werden können. Der Autor, der dazu quasi vor unseren Augen und ohne Scheu in die Rolle des allwissenden Erzählers schlüpft, weist uns darauf hin, dass es wichtig ist, diese Informationen im Hinterkopf zu bewahren, weil sie später ihre Bedeutung gewinnen werden. Auf diese Weise liefert er uns jenes Hintergrundwissen, das der Leser von einem ‚fairen‘ Rätselkrimi aus dem „Golden Age“ dieses Genres erwarten darf.

_Fakten & Fiktion in idealhomogener Mischung_

Doch „Abschied auf Englisch“ ist kein ‚authentischer‘ „Whodunit“, obwohl sich die Handlung 1921 abspielt. Erst mehr als sechs Jahrzehnte später schrieb Lovesey seinen Roman. Er ist ein ehrgeiziger und auch guter Schriftsteller, der sich nicht damit begnügt, die alten Schablonen möglichst deckungsgleich abzupausen. „Abschied auf Englisch“ ist ein Historienkrimi, ein Spiel mit dem Genre Kriminalroman und mit seiner Geschichte.

Der Widerhall des Crippen-Dramas ist ein Merkmal. Auch an Bord der „Mauretania“ hinterfragt Lovesey jedoch die zeitgenössischen Verhältnisse, indem er sie einerseits akkurat schildert und seine Kritik daran andererseits behutsam in die Handlung einfließen lässt. Jene Tiefen, die Loveseys figurenpsychologische Bohrungen erreichen, wird man in einem tatsächlich 1921 entstandenen Kriminalroman kaum finden.

Dabei gerät dem Verfasser den Unterhaltungsaspekt nie aus den Augen. Im zweiten Drittel beginnt sich der Grundton zu ändern. Aus der mit durchaus tragischen Zügen angereicherten Liebesgeschichte wird ein ‚echter‘ Krimi bzw. eine Krimi-Komödie. Der ernsthafte Unterbau wird nicht ignoriert; dass Walter Baranov sich so flüssig in Inspektor Dew verwandelt, bliebe ohne das Wissen um seine charakterlichen Eigenschaften schwer verständlich. Doch die Weichen der Handlung werden neu gestellt.

_Jeder verbirgt etwas, das niemand wissen darf_

Die Launen des Schicksals versetzen den Kriminellen in die Rolle des Vertreters von Recht & Gesetz; womöglich muss er sich sogar selbst verfolgen: Neu war diese Konstellation schon 1982 nicht mehr. Sie zählt aber zum Kanon klassischer Plots und wird gut erzählt ihre Wirkung weiterhin nicht verfehlen. Die Begleitumstände sind einfach zu reizvoll: „Inspektor Dew“ geht seiner Arbeit – die er nie erlernt hat – nicht allein nach, sondern wird von der Besatzung und den Passagieren der „Mauretania“ neugierig beobachtet. Fehler muss er tunlichst vermeiden bzw. sie kunstvoll überspielen. An Bord eines Dampfers ist er in seiner Rolle buchstäblich gefangen. Der Zeitfaktor spielt eine wichtige Rolle: Wenn die „Mauretania“ in New York anlegt, sollte „Dew“ nicht nur den Täter gestellt, sondern sich auch über seine Zukunft Gedanken gemacht haben. Als Baranov Dew wurde, hat er sich öffentlich gemacht. Die daraus resultierenden Konsequenzen sorgen für ein Ansteigen der Spannungskurve.

Wer ist der Mörder? In dieser Frage segelt Lovesey im Kielwasser der Klassiker. Verdächtig sind sie alle, diese ausdrucksstarken Figuren, die er uns gründlich vorstellt; so verlangt es das Genre. Selbstverständlich wird im großen Finale kein Deus ex Machina herbeigezaubert. Der Täter rekrutiert sich aus der Schar der Verdächtigen. Wer aufmerksam liest, wird ihn (oder sie) gemeinsam mit „Inspektor Dew“ entlarven, denn Lovesey sorgt wie gesagt für entsprechende Hinweise.

Was ihn allerdings nicht daran hindert, der Krimi-Klassik in einer originellen Coda kategorisch zu entsagen. „Abschied auf Englisch“ schließt mit einer Schlusspointe, die so in einem Krimi der 1920er Jahre nicht möglich gewesen wäre. Lovesey stellt das Geschehene binnen weniger Zeilen auf den Kopf und sorgt für den würdigen Ausklang eines Romans, der inzwischen selbst zum Klassiker seines Genres geworden ist. Dies der Leser nach Abschluss der Lektüre ebenso deutlich unterstreichen wie die fachkundige Jury der „Crime Writers Association“, die „The False Inspector Dew“ mit einem „Gold Dagger Award“ als besten englischen Kriminalroman des Jahres 1982 auszeichnete.

_Die „Mauretania“ sticht wieder in See_

„The False Inspector Dew“ ist bereits 1983 in deutscher Übersetzung erschienen. Noch einmal als Taschenbuch aufgelegt, verschwand der Roman vor vielen Jahren aus den Buchläden verschwunden und blieb nur mehr antiquarisch greifbar.

In der „CrimeClassic“-Serie des |Fischer|-Verlags erlebt er endlich seine Wiederkehr. Die Neuausgabe beinhaltet ein Nachwort von „Krimi-Couch“-Chefredakteur Lars Schafft, der unter dem Titel „Ein Maskenspiel auf hoher See“ relevante Hintergrundinformationen zum gerade gelesenen Roman liefert.

_Impressum_

Originaltitel: The False Inspector Dew (London : Macmillan 1982/New York : Pantheon 1982)
Übersetzung: Herbert Neumaier
Diese Neuausgabe: Februar 2009 (Fischer Taschenbuch Verlag/Fischer Crime Classic Nr. 18246)
318 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-596-18246-6
http://www.fischerverlage.de

Ed McBain – Die Gosse und das Grab

Ein abgehalfterter Ex-Detektiv lässt sich zu einer Ermittlung überreden, die umgehend in einen Mordfall mündet. Bedrängt von der Polizei, attackiert von unbekannten Schlägern und im Kampf mit den inneren Dämonen setzt er hartnäckig seine Arbeit fort, an deren Ende nichts als sein Tod stehen könnte … – Sehr ‚schwarzer‘ und pulpiger Thriller, der seine düstere Geschichte temporeich, in klaren Worten und ohne Beschönigungen erzählt; die Welt ist schlecht, und McBain liefert den Beweis!
Ed McBain – Die Gosse und das Grab weiterlesen

Deaver, Jeffery – Täuscher, Der

Biometrische Daten – der Weg zum ‚gläsernen Bürger‘, über den zahlreiche Daten, so banal und unerheblich sie auch für uns im Alltag erscheinen mögen, gespeichert werden. Datenschützer, die unsere Grundrechte schon angegriffen und vergewaltigt sehen, gehen auf die Barrikaden und prognostizieren Manipulationen unseres persönlichen und privaten Umfelds, die wir uns (noch) nicht vorstellen können oder vor deren drohender Gefahr wir lieber die Augen verschließen.

Längst schon gibt es Firmen in privater Hand, die unsere Kaufdaten analysieren und mit den Daten prophetische Voraussagen über die nächsten Käufe treffen, die wir tätigen wollen. Auch statistische Ämter und andere staatliche Behörden horten unsere ganz persönlichen Daten. Noch unangenehmer wird es, wenn wir darüber nachdenken, was die vielen verschiedenen Kreditinstitute über uns wissen.

Spinnen wir den Gedanken weiter, dass es eine Firma gibt, die möglichst alle persönlichen, privaten und beruflichen Daten speichert, aufbereitet und daraus strukturierte Dossiers erstellt. Ein Alptraum, erst recht dann, wenn diese Daten durch dritte Personen manipuliert werden, denn Wissen ist Macht und vermag Machtvoles zu tun: Manipulation von Kontobewegungen oder Kreditwürdigkeiten, Veränderungen von offiziellen persönlichen Daten oder medizinischen Details.

Ein Horrorszenario, das bereits einige Male in Buch und Film aufgegriffen wurde. Jeffery Deaver hat mit seinem aktuellen Roman „Der Täuscher“ diese Gefahr zum Kernthema gemacht und wie immer in seinen Thrillern um Lincoln Rhyme und Amelia Sachs einen unaufhaltsamen Spannungsbogen darauf aufgebaut.

_Inhalt_

Lincoln Rhyme ist seit einem Unfall vom Kopf abwärts gelähmt, sein messerscharfer Verstand und seine Fähigkeiten, sich in die Denkweise eines Kriminellen zu versetzen, lassen ihn jedoch weiterhin für jeden Verbrecher zu einer nicht zu unterschätzenden Gefahr werden. Mit psychologischer Raffinesse und der Hilfe seiner Assistentin und Geliebten Amelia Sachs, die die Hände und Augen für den behinderten Ermittler am Tatort ist, kommt es diesmal zu einer persönlichen Konfrontation mit einem Killer, der scheinbar schon seit Jahren sein blutiges Handwerk ausübt.

Ein schockierender Anruf lässt den Kriminalisten Lincoln Rhyme an seine Vergangenheit denken. Vor seiner Karriere als Polizist wuchs er mit seinem Cousin Arthur Ryhme auf. Ihr Verhältnis war eng, sie empfanden fast wie Brüder füreinander, bis sie sich völlig zerstritten und seitdem keinen persönlichen Kontakt mehr pflegten.

Und doch ist für seinen Cousin nun Lincoln die einzige Hoffnung. Arthur ist des vorsätzlichen Mordes angeklagt und sitzt in Untersuchungshaft, die Kautionssumme ist zu hoch, als dass er bis zum Prozess auf freien Fuß kommen könnte. Die Beweislage ist niederschmetternd und Staatsanwalt wie auch seine Verteidigung bedrängen Arthur, sich schuldig zu bekennen und einzulenken, doch der ehemalige Professor beteuert verzweifelt seine Unschuld. Die Chance, dies zu beweisen, tendiert gegen null, denn in Arthurs Auto wurden das Blut der jungen Frau und andere Spuren gefunden, ein anonymer Anrufer hat ihn zudem aus dem Wohnhaus der Getöteten flüchten sehen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Arthur für die Tatzeit den Beamten kein Alibi vorlegen kann und im Zusammenhang mit dieser Tat ein kostbares Bild gestohlen wurde, für das sich Arthur interessierte.

Lincoln Rhyme folgt dem Bitten von Arthurs Frau und beginnt zusammen mit Amelia Sachs, den Fall zu analysieren. Wenig später stößt das Duo auf zwei weitere Todesfälle, die nach gleichem Muster abgelaufen sind. Kann es sein, dass auch die beiden in diesen Fällen verurteilten und inhaftierten Täter unschuldig sind? Rhyme und Sachs vermuten dies und kommen dem Verhaltensmuster des gefährlichen Killers immer näher. Bei einem weiteren Mord unterläuft dem flüchtenden Täter ein erster gravierender Fehler: Er verliert einen Zettel mit einer Hoteladresse in Manhattan.

Als Sachs diese Adresse prüft, trifft sie auf einen verzweifelten und ruinierten Mann, der behauptet, jemand habe seine Identität erst gestohlen und dann mit Kalkül zerstört. Wer hat in seinem Namen ganze Häuser gekauft und enorme Schulden angehäuft? Seine Familie ist zerstört, seinen Beruf als Arzt darf er nicht mehr ausüben, ihm bleibt nichts mehr. Die Spuren führen Rhyme und Sachs zur führenden Firma in Manhattan, die sich auf Datensammlungen und deren Auswertung spezialisiert hat – Strategic Systems Datacort (SSD). Die Firma kooperiert mit Sachs und ihren Ermittlern, und der Kreis der verdächtigen Personen, die Zugriff auf die enorm ausführlichen Datenmengen hatten, wird enger. Aber auch der Täter beginnt zu ‚ermitteln‘ und nutzt sein Wissen, um systematisch gegen die Polizei vorzugehen. Ein erster Todesfall in deren Reihen beweist, dass er zu allem fähig und entschlossen ist …

_Kritik_

„Der Täuscher“ von Jeffery Deaver ist grandios konzipiert. Mit viel Gespür für unsere ärgsten Alpträume und dem immer wiederkehrenden aktuellen Thema des Datenmissbrauchs und der Datenmanipulation als Grundlage, ist der Roman in seinem Spannungsaufbau kaum zu übertreffen. „Der Täuscher“ ist ein psychologischer Thriller, kein typischer Krimi, denn Lincoln Rhyme und „Täuscher“ fechten hauptsächlich mit ihrer Intelligenz ein Duell aus, das mit einiger Wucht die Gefahren des ‚gläsernen Menschen‘ thematisiert. Wenn Deaver den Täuscher zeigen lässt, welche Daten er sammeln und auswerten kann, um sie dann in teuflischer Weise dafür zu nutzen, um zu seiner eigenen Befriedigung Existenzen zu zerstören, überläuft es den Leser eiskalt.

Die Handlung wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt. Neben Lincoln Rhyme, der – an sein Bett oder seinen Stuhl gefesselt und auf die Hilfe seiner Mitarbeiter Amelia Sachs und Ron Pulaski angewiesen – Spur für Spur analysiert, plant sein Gegner minutiös jeden weiteren Schritt, und ist dabei scheinbar immer im Vorteil. Der Täuscher gibt sich selbstsicher und gottgleich, bis er erkennen muss, dass auch er Fehler begeht. Seine Arroganz lässt ihn unvorsichtig werden; zwar versucht er den angerichteten Schaden immer wieder zu begrenzen, doch auch der Protagonist Zufall hat seinen Auftritt und spielt mit.

Wer hinter der Identität des Täuschers steckt, wird bis zuletzt nicht verraten; immer wieder werden Nebenfiguren ins Spiel gebracht, welche die Handlung vorantreiben und durchaus eigene Motive besitzen, um solche Verbrechen zu begehen, doch das Blatt wendet sich unaufhörlich, während sich die Ermittler und der Täuscher ein Psychoduell liefern. Ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel zieht sich als roter Faden durch die Handlung.

Doch es gibt auch viele und interessante Nebenhandlungen, beispielsweise wird ein Teil von Lincoln Rhymes Vergangenheit aufgearbeitet. Der unterschwelligen Rivalität und dem Konflikt, der seit Jahren zwischen Arthur und Lincoln vor sich hin dämmert, müssen sich beide stellen. Einige alte Bekannte tauchen wieder neben Rhyme und Sachs auf, wie zum Beispiel Detective Selito. Trotzdem kann man diesen Thriller auch gänzlich unabhängig von den anderen Teilen lesen, da sie nur wenig aufeinander aufbauen.

Den Realismus bezieht die Handlung nicht nur aus den detailierten Ermittlungsmethoden, auch wenn sie vielleicht ein wenig unkonventionell wirken, nein, es sind tatsächlich die Verbrechen, welche der Täuscher verübt. Wie oft hinterlassen wir im Alltag persönliche Daten in Behörden, Geschäften oder bei Banken? Wie oft werden wir gefilmt, ohne es vielleicht zu merken, oder nehmen dies als alltäglich hin, da es unserer Sicherheit dienen soll. Der Täuscher verwendet diese Daten als Waffe, und das sehr effektiv und berechnend – er ist allwissend. Ein Zukunftsszenario? Nein, Jeffery Deaver hat sich größtenteils an Fakten gehalten, und wer mehr über Firmen wissen möchte, die Daten von Privatmenschen sammeln, findet im Anhang einige Internetadressen, die sich mit dem Thema wie auch den Gefahren auseinandersetzen.

Lincoln Ryhme und Amelia Sachs ergänzen sich bei den Ermittlungen gekonnt, jeder Teil dieses Ganzen wäre ohne den anderen zwar immer noch ein guter Ermittler, aber nur zusammen sind sie derart erfolgreich. Lincoln, der körperlich sehr eingeschränkt ist, klingt dabei manches Mal verbittert und kaltherzig. Amelia Sachs dagegen hat sich ihre Menschlichkeit bewahrt und geht eher gefühlsbetont und mit weiblicher Intuition vor. Von beiden Ermittlern erfährt man persönliche Details und nimmt sie als Persönlichkeiten wahr. Der Täuscher dagegen könnte jedermann sein, ein Normalbürger, jemand mit zwei Gesichtern und Persönlichkeiten. Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn ist bei diesem unsichtbaren Gegenspieler fließend und nicht überzogen unrealistisch gezeichnet worden.

_Fazit_

„Der Täuscher“ von Jeffery Deaver ist der achte und sicherlich nicht der letzte Fall des Ermittlungsduos Rhyme und Sachs. Stilsicher und spannend geschrieben, ist „Der Täuscher“ einer der intensivsten Psychothriller des Autors und wird den treuen Leser begeistern, auch wegen der aktuellen Debatte um Daten und ihren Missbrauch, die zum Glück immer wieder in den Medien aufgegriffen wird. Der Roman zeigt erschreckend auf, was passieren kann, wenn sensible Daten in falsche und kriminelle Hände geraten können. Das Gesetz kann hier trotz aller Beteuerungen nur schwerlich helfen und Geheimhaltung garantieren.

„Der Täuscher“ ist also in der Summe ein genialer, tiefsinniger und psychologischer Thriller, der spannender kaum gemacht sein könnte. Jeffery Deaver hat mit diesem Roman einen seiner Höhepunkte als Schriftsteller erreicht.

_Der Autor_

Jeffery Deaver wurde 1950 in der Nähe von Chicago geboren. Bereits mit elf Jahren schrieb er sein erstes Buch – es bestand aus zwei Kapiteln. Er studierte Journalismus und arbeitete danach als Autor für ein Magazin, ehe er sich an der Fordham Law School für ein Jurastudium einschrieb. Nach seinem Abschluss war er mehrere Jahre als Anwalt an der Wall Street. Auf den langen Bahnfahrten zu seinem Arbeitsplatz begann er, Thriller zu schreiben – übrigens auch seine bevorzugte Lektüre. Seit 1990 arbeitet er hauptberuflich als Schriftsteller und gilt seitdem als einer der erfolgreichsten Thrillerautoren. Seine Bücher erscheinen in 150 Ländern, werden in 25 Sprachen übersetzt und stehen weltweit ganz vorne auf den Bestsellerlisten.

Für seine Romane und Kurzgeschichtensammlungen hat er zahlreiche Preise erhalten. Sechsmal war er für den Edgar Award der Mystery Writers of America nominiert und ist unter anderem mit dem Steel Dagger Award und dem Short Story Dagger Award der British Crime Writers Association ausgezeichnet worden.

„Dead Silence“ (Buchtitel: „Die Schule des Schweigens“) wurde mit James Garner in der Hauptrolle verfilmt und lief im Fernsehen. Der erste Roman um den gelähmten Ermittler Lincoln Rhyme, „Der Knochenjäger“ (Buch: „Die Assistentin“), kongenial besetzt mit Denzel Washington und Angelina Jolie, war auch in den Kinos ein großer Erfolg.

„Die Menschenleserin“ war 2008 der Auftakt zu einer neuen Serie um die Verhörspezialistin Kathryn Dance. Weitere Romane um Lincoln Rhyme und seine Partnerin Amelia Sachs sind in Vorbereitung. Jeffery Deaver lebt abwechselnd in Virginia und Kalifornien.

|Originaltitel: The Broken Window
Lincoln Rhyme, Band 8
Übersetzung von Thomas Haufschild
543 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7645-0296-6|

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