
A. A. Milne – Das Geheimnis des roten Hauses weiterlesen
Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis
Victor Gunn – Das achte Messer

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Juliette Manet – Wehrlos

Vor zwölf Jahren wurde Paris von einem brutalen Kindermörder heimgesucht, der mit Vorliebe kleine Jungen vergewaltigte und sie schließlich ermordete. Sein Erkennungszeichen war die alte Radierung eines Akts, den er an den Tatorten hinterließ. Senda Barhi, die damalige Kriminalkommissarin, hatte schwer an diesem Fall zu kauen, doch er schien gelöst, als ein Tatverdächtiger Selbstmord beging. Man war davon überzeugt, den Richtigen gefunden zu haben, nur Senda war anderer Meinung. Sie glaubt immer noch daran, dass Raphael Schiller, der Vater eines ermordeten Mädchens, in den Fall verstrickt war, nur konnte sie es ihm damals nicht nachweisen.
O’Callaghan, Thomas – Blutrituale
_Das geschieht:_
Nachdem die mehrfach arg gestörten Zwillinge Angus und Cassie Claxonn ihren blutschänderischen Vater zersägt und im Kornfeld begraben haben, blasen sie zur Treibjagd auf Perverse mit ähnlichen Gelüsten. Ihrer Mission gehen sie in New York nach, wo sie geile Pädophile per Internet ködern, in Fallen locken, dann umbringen und schließlich öffentlich und möglichst schockierend ausstellen.
Weil ihr Zorn zahlungskräftige Touristen trifft, reagiert der Bürgermeister von New York, ein Machtpolitiker durch und durch, erstens mit blindem Aktionismus und zweitens mit der Bildung einer Ermittlungskommission, der John Driscoll, ein erfahrener Beamter der New York City Police, vorsteht. Die Partner Margaret Aligante und Cedric Thomlinson komplettieren das fahndende Trio.
Leider stellen sich Ergebnisse nur langsam ein, während Angus und Cassie wie entfesselt morden. Ihr Glück scheint sie erst zu verlassen, als sie sich an der Tochter eines reichen Mannes vergreifen, der in seinem Zorn nicht nur eine hohe Belohnung auslobt, sondern auch politischen Druck auf den Bürgermeister ausübt. Die Zwillinge werden als Täter identifiziert, aber nicht gefasst; fest entschlossen, ihr Werk fortzusetzen, tauchen sie unter.
Obwohl Driscoll und sein Team immer stärker unter Druck geraten, setzen sie ihre Arbeit systematisch fort. Dabei stellt sich heraus, dass der trauernde Vater wohl nicht nur durch seinen Seelenschmerz getrieben wird, sich in die Fahndung einzumischen. Dank Geld und Macht kann er sich Driscolls bohrenden Fragen entziehen, doch der hartnäckige Polizist lässt sich nicht einschüchtern. Der Fall der rächenden Zwillinge wird plötzlich zum Wettlauf. Wer wird sie eher finden: die Polizei oder der mordlüsterne Vater – und was hecken Angus und Cassie derweil aus …?
_Volldampf ohne Druck im Kessel_
Man trifft sie auf der Autobahn und mag sie nicht, weil sie die linke Spur für sich gepachtet zu haben glauben und ihren Willen zur dauerhaften Höchstgeschwindigkeit demonstrieren, ohne ihn wirklich umsetzen können. Wer hätte gedacht, dass es diese Zeitgenossen auch in der Unterhaltungsliteratur gibt?
Eines sei vorab festgestellt: Sie sind dort ebenfalls lästig. Thomas O’Callaghan ist ein Autor, dem es – man vergleiche seine Website – nicht an Selbstbewusstsein fehlt. Nichtsdestotrotz ist „Blutrituale“ nur die Blaupause eines Thrillers, und dieser Thriller fällt zu allem Überfluss in eine Genrenische, die mindestens ebenso entartet ist wie O’Callaghans inzestuös geprägte Krimi-Welt.
Serienkiller haben es schwer; seit Hannibal Lecter haben sie längst durchexerziert, was Menschen einander Grausames antun können. Da gibt es einfach nichts Neues mehr, weshalb die präsentierten Übeltaten immer grotesker geworden sind. O’Callaghan versucht dennoch das Unmögliche, den abgestandenen Blutwein im neuen Schlauch zu kredenzen. Er gerät dabei endgültig ins Land der Lächerlichkeiten: Genetisch, körperlich UND seelisch deformierte Zwillinge begeben sich auf eine Rachejagd und metzeln böse, heuchlerische Kinderschänder nieder.
Als Mörder schuften sie wie Fließbandarbeiter, denn O’Callaghan setzt Handlungstempo mit der Schilderung neuer Bluttaten gleich. Wie es sich für US-amerikanisch debile Schurken gehört, stellen Angus und Cassie – aus der Identität der Täter macht der Verfasser keinen Hehl, „Blutrituale“ ist ein „police procedural“ (oder soll es sein), kein „Whodunit“ – ihre Opfer medienwirksam aus. Auch hier bemüht sich O’Callaghan um farbenfrohe Drastik; eine deutsche Touristin wird deshalb nicht nur erschlagen, sondern auch skalpiert und einem Museums-Dinosaurier in die rekonstruierte Darmhöhle geschoben. Muss man so etwas kommentieren?
_Wissen sie eigentlich, was sie tun?_
Dass Angus und Cassie so erfolgreich sind, dürfte zu einem Gutteil auf die Unfähigkeit ihrer Verfolger zurückgehen. O’Callaghan würde dies sicher abstreiten; er wähnt sich auf der sicheren Seite mit seinen turbulenten Impressionen aus dem Polizeialltag. Abermals kopiert er indes nur, was er beschreibt, ohne es tatsächlich mit Leben zu erfüllen. Die kriminologische Arbeit wirkt so, wie er sie beschreibt, schlicht langweilig. Mit Details hält sich der Verfasser nicht auf. Kein Wunder, denn lieber konzentriert sich O’Callaghan auf Zwischenmenschliches. Was er seinen Figuren damit antut, wird weiter unten ausführlich beklagt. Hier sei deshalb nur die plumpe Art angesprochen, mit der O’Callaghan das Konflikt-Dreieck zwischen dem aufdringlich redlichen Detective Driscoll, dem ehrgeizig skrupellosen Bürgermeister und den entfesselten Medien aufrichtet. Der künstlich geschürte Widerstreit wirkt erbärmlich, vergleicht man O’Callaghan zum Beispiel mit Michael Connelly, der tatsächlich spürbar zu machen vermag, was Mediendruck und Mobbing am Arbeitsplatz bedeuten, und diese Faktoren als integrale Spannungsmomente in seine Thriller einfließen lässt, statt sie ihnen aufzupfropfen.
Ohnehin verzettelt sich O’Callaghan in Nebenhandlungen, die dem zentralen Geschehen nichts bringen. Er bemüht sich um eine Vielschichtigkeit, die zu generieren ihm weder gegeben noch generell notwendig ist. Der Plot ist – wieso auch nicht – klassisch und einfach: Zwei Handlungsstränge laufen erst nebeneinander her, um sich schließlich zu vereinigen. Da haben wir unsere Zwillinge auf ihrem Amoklauf und drei Polizisten, die ihnen hinterherermitteln und allmählich aufholen. Gute Autoren vermögen diese zwar alte, aber bewährte Geschichte immer wieder spannend zu erzählen.
_Horrorkabinett langweilig lädierter Gestalten_
Da Autor O’Callaghan so weit Autor ist, dass er die Eindimensionalität seiner Version dieser Geschichte wenigstens ahnt, bemüht er sich um Eindringlichkeit, indem er seine Hauptfiguren in eine Menagerie seelisch derangierter Jammergestalten verwandelt:
– John Driscoll: Vor sechs Jahren rammte ein betrunkener Autofahrer Gattin Colette samt Töchterlein ins Koma bzw. in den Tod; eisern hielt der trauernde Ehemann seiner geliebten Frau die Treue, obwohl die wunderschöne Kollegin Margaret Aligante (siehe unten) in sein Leben trat und ihn gar sehr (aber selbstverständlich erfolglos) in Versuchung führte. Nun ist Colette gestorben und Driscoll Witwer, was ihn aber auch nicht fröhlicher stimmt (was dem Leser unter anderem ausführliche Schilderungen qualvoller Rückblicke auf die Vergangenheit mit Colette beschert).
– Margaret Aligante ist eine „umwerfende Erscheinung“, die „mit sämtlichen Modellen von Veronese mithalten konnte“, aber ach, eine gequälte, männerscheue Seele, seit sie der eigene Vater schändete, und deshalb voller Furcht vor der Beziehung, die sich mit John Driscoll mehr als anzudeuten beginnt. Selbstverständlich wird von allen möglichen Polizisten New Yorks gerade sie mit auf diesen Fall kindlichen Missbrauchs angesetzt (was dem Leser unter anderem die ausführliche Schilderung einer qualvollen Sitzung bei einer Therapeutin beschert).
– Cedric Thomlinson hat im Suff den Tod des Partners verschuldet, sich dann mühsam aufgerappelt, um einen zweiten Einsatz zu versauen, woraufhin er sich prompt erneut an die Flasche hängte; nur John Driscoll, dem Patron derangierter Polizeikollegen, verdankt er seine neuerliche Rettung (was dem Leser unter anderem die ausführliche Schilderung einer qualvollen Sitzung bei den Anonymen Alkoholikern beschert).
– Angus und Cassie Claxonn sind nicht nur mutierte Zwillinge, sondern auch das Produkt inzestuöser Begierde, ihrerseits Opfer eines blutschänderischen Vaters, dessen Mörder sowie selbst ein Liebespaar (was dem Leser unter anderem ausführliche Schilderungen qualvoller Foltersitzungen der Vergangenheit beschert).
Die nüchterne Auflistung diverser Defekte macht deutlich, dass der emotionale Overkill nicht erschüttert, sondern lächerlich wirkt. Immer wieder unterbricht O’Callaghan die Handlung, um tragisch gemeinte, aber ausschließlich klischeehaft in Szene gesetzte Flashbacks einzuflechten. Sie sollen ’schockierende‘ und moralisch verwerfliche Taten darstellen, die sich der Verfasser wohl als „Best-of“ entsprechender Gräuel aus erfolgreichen Buch- und Filmthrillern destilliert hat. Genauso wirken sie denn auch: abgekupfert aber angerostet. Damit passen sie nur zu gut zu einem Roman, der stets aus dem Vollen wesentlich besserer Vorbilder schöpft (doch dabei ausgerechnet das banale und kaugummiartig in die Länge gezogene Finale ausspart). Wenn hier etwas spannend ist, dann höchstens die Dreistigkeit, mit der die Werbung dieses Buch anpreist: „Der Horror trifft einen bis ins Mark!“. Das trifft zwar zu, aber sicherlich nicht so, wie es sich der verärgerte Leser wünscht …
_Der Autor_
Thomas O’Callaghan wurde (in einem Jahr, das er geheimhält) in New York City geboren. Dort ging er zur Schule und studierte an der City University of New York. Wie man seinen spärlichen Auskünften zur Zeit vor 2005 – in diesem Jahr erschien „Bone Chief“, sein Romanerstling, an dem er 13 Jahre gearbeitet hatte – entnehmen kann, nutzte O’Callaghan Erfahrungen in der freien Wirtschaft („a background in sales“), um sich als Schriftsteller zu etablieren; die Stromlinienform seiner als Pageturner konzipierten Thriller künden in der Tat von der Suche nach dem größten gemeinsamen Leser-Nenner.
O’Callaghan ist Mitglied der „Mystery Writers of America“ sowie der „International Thriller Writers“. Mit Gattin Eileen lebt und arbeitet er in Belle Harbor, New York. Über sein Werk informiert der Autor auf seiner Website: [www.thomasocallaghan.com.]http://www.thomasocallaghan.com
_Impressum_
Originaltitel: The Screaming Room (New York : Pinnacle Books, an imprint of Kensington Publishing Corporation 2007)
Übersetzung: Ariane Böckler
Deutsche Erstausgabe: Juli 2008 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 46704)
349 Seiten
EUR 7,95
ISBN-13: 978-3-442-46704-4
http://www.goldmann-verlag.de
Anthony Berkeley – Der Fall mit den Pralinen

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Harris, Charlaine – Falsches Grab (Harper Connelly 2)
2008 veröffentlichte der Verlag |dtv|, der sich auch schon Charlaine Harris‘ Serie um die gedankenlesende Kellnerin Sookie Stackhouse angenommen hat, den Auftaktroman zu einer neuen Serie aus Harris‘ produktiver Feder. In [„Grabesstimmen“ 4704 ging es um die junge Harper Connelly, die nach einem Blitzschlag in der Lage ist, Tote aufzuspüren und deren letzte Momente nachzuerleben. Zusammen mit ihrem Halbbruder Tolliver hat sie diese Gabe zu einem Zwei-Mann-Betrieb ausgebaut. Die beiden reisen von Auftrag zu Auftrag, finden Leichen und helfen der Polizei auch schon mal dabei, einen Mord aufzuklären.
Die Fortsetzung „Falsches Grab“ geht zunächst aber durchaus beschaulich los. Harper und Tolliver wurden von dem College-Professor Dr. Nunley eingeladen, um auf einem alten Friedhof die Todesursache der dortigen Leichen zu bestimmen. Nunley gibt ein Seminar zum Thema „Unvoreingenommenes Denken“, in dem er – dem Titel des Seminars völlig entgegengesetzt – Hexen oder Hellseher vor seinen Studenten bloßstellen will. Und so hat er für Harper die perfekte Versuchsanordnung aufgebaut; schließlich ist er im Besitz der offiziellen Aufzeichnungen des Friedhofs und kann jeder Leiche eine Todesursache zuordnen.
Womit er nicht gerechnet hat, ist, dass Harper dies ebenfalls gelingt. Zielsicher wandert sie über den Friedhof und liegt mit den Todesursachen, die sie den Leichen zuweist, immer richtig. Nunley wird zusehends erboster und ungehaltener, droht doch sein Plan zu platzen. Doch das Ziel des Seminars wird in den Hintergrund gedrängt, als Harper feststellt, dass ein Grab doppelt belegt ist: Über der zu erwartenden Leiche befindet sich eine zweite: Die verbuddelten Überreste der seit einem Jahr verschwundenen Tabitha Morgenstern.
Pikanterweise wurden damals gerade Harper und Tolliver damit beauftragt, Tabitha zu finden. Dass sie nun hier zufällig auf die Leiche des elfjährigen Mädchens stoßen, lässt vermuten, dass sie jemand in eine Falle locken wollte. Aber wozu? Und wer hat die Kleine nun tatsächlich umgebracht? Harper und Tolliver finden sich plötzlich mitten in Tabithas trauender Familie wieder, sie werden von Reportern verfolgt und von der Polizei misstrauisch beäugt.
Mit „Falsches Grab“ hat Charlaine Harris eine mehr als würdige Fortsetzung geschrieben. Auf der einen Seite liefert sie einen verzwickten Krimiplot mit so vielen Charakteren, dass man sich als Leser nie recht entscheiden kann, wen man nun eigentlich verdächtigen sollte. Auf der anderen Seite konzentriert sie sich ebenfalls auf ihre Figuren, hauptsächlich natürlich Harper und Tolliver, die sie gegenüber „Grabesstimmen“ weiterentwickelt und mit Leben füllt. Offensichtlich hat sie sich seit dem ersten Roman auch vermehrt mit den medizinischen Auswirkungen eines Blitzschlags beschäftigt, denn es finden sich in „Falsches Grab“ viele Passagen, in denen Harper mit Spätwirkungen zu kämpfen hat – derartiges war in „Grabesstimmen“ noch nicht so plastisch ausgearbeitet.
Doch zurück zu Harper und Tolliver: Tolliver ist Harpers wichtigste Bezugsperson. Die beiden haben eine unglaublich enge – geschwisterliche – Beziehung, da ihre Eltern ständig zu high oder betrunken (oder beides) waren, um ihre elterlichen Pflichten wahrnehmen zu können. Das hat die beiden zusammengeschweißt. Sie planen sogar, sich ein gemeinsames Haus zu kaufen, sobald sie genügend Geld gespart haben. Harper und Tolliver hatten nie eine wirkliche Familien und gerade deswegen ist sie ihnen so wichtig. Sie stehen nicht nur einander sehr nahe, sondern versuchen auch, zu ihren Halbgeschwistern regelmäßigen Kontakt zu halten, obwohl das deren Pflegeeltern nicht gern sehen, da sie wohl denken, bei Harper und Tolliver wären mehrere Schrauben locker.
Und so sind Harper und Tolliver ständig zusammen, 24/7, wie es so schön heißt. Und obwohl sie sich selbst als Geschwister bezeichnen, sind sie tatsächlich nicht blutsverwandt. Harris macht sich einen Spaß daraus, Nebencharaktere auf die seltsame Beziehung der Protagonisten anspielen zu lassen. Ständig werden diesbezügliche Fragen gestellt: „Wollen Sie ein Einzel- oder Doppelzimmer?“ ist da noch eine der braveren Möglichkeiten. Die Häufung dieser Anspielungen führt beim Leser unweigerlich zu der Annahme, dass Harris die Beziehung der beiden bald in eine andere Richtung steuern wird. Und tatsächlich, irgendwann nach zwei Dritteln des Romans, bekommt Harper den erwarteten „Tausend mal berührt“-Blues. Natürlich weiht sie Tolliver nicht in ihre plötzlich veränderten Gefühle ein, und es bleibt abzuwarten, wie lange ihr in der Regel durchaus aufmerksamer Bruder brauchen wird, um hinter das Geheimnis ihrer plötzlichen Stimmungsschwankungen zu kommen. Mal sehen, in welche Richtung es da zukünftig weitergeht!
Abgesehen vom Krimiplot wird auch die Mystery weiter ausgebaut. Harper begegnet zum ersten Mal einem echten Geist (nämlich dem „originalen“ Bewohner des doppelt belegten Grabs), und Harris stellt ihr kurzerhand eine wahrsagende verschrobene Oma und deren schwer tätowierten und gepiercten Enkel Manfred an die Seite. Manfred, der offensichtlich Gedanken lesen kann, darf gern auch in den zukünftigen Romanen vorkommen, denn offensichtlich knistert es zwischen ihm und Harper – auch wenn diese das Knistern nicht wirklich ernst nimmt.
Man sollte sich allerdings hüten, „Falsches Grab“ als Mystery mit Krimihandlung zu bezeichnen. Gerade umgekehrt wird ein Schuh draus: Harris‘ Serie um Harper ist erster Linie Krimi, die Mystery-Handlung ordnet sich dem Mordfall immer unter.
„Falsches Grab“ baut nahtlos auf „Grabesstimmen“ auf und kommt im Ganzen noch unterhaltsamer und spannender daher als der Erstling. Der Krimiplot ist verschachtelter – es gibt mehr Verdächtige und beteiligte Ermittler – und die Charaktere bekommen mehr Tiefe. Charlaine Harris ist also ein durchgehend überzeugender Krimi mit Mystery-Einschlag gelungen, in den man wunderbar eintauchen kann. Ein Pageturner allererster Güte.
|Originaltitel: Grave Surprise
Deutsch von Christiane Burkhardt
301 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-21121-5|
http://www.dtv.de
_Charlaine Harris auf |Buchwurm.info|:_
|Sookie Stackhouse|
1. „Dead Until Dark“ ([„Vorübergehend tot“, 788 2006, ISBN 978-3-937255-14-9
2. „Living Dead in Dallas“ ([„Untot in Dallas“, 939 2006, ISBN 978-3-937255-15-6)
3. „Club Dead“ ([„Club Dead“, 1238 2005, ISBN 978-3-937255-16-3)
4. Dead to the World ([„Der Vampir, der mich liebte“, 2033 2005, ISBN 978-3-423-24474-9)
5. „Dead as a Doornail“ ([„Vampire bevorzugt“, 3157 2006, ISBN 978-3-423-24545-6)
6. „Definitely Dead“ ([„Ball der Vampire“, 4870 2007, ISBN 978-3-423-20987-8)
7. „All Together Dead“ [(„Vampire schlafen fest“, 5450 2008)
8. „From Dead to Worse“ („Ein Vampir für alle Fälle“, Juli 2009, ISBN 978-3-423-21148-2)
|Harper Connelly|
1. „Grave Sight“ ([„Grabesstimmen“, 4704 2008, ISBN 978-3-423-21051-5)
2. „Grave Surprise“ („Falsches Grab“)
3. „An Ice Cold Grave“
Varesi, Valerio – Schatten von Montelupo, Die. Commissario Soneri kommt ins Grübeln
_Story_
Nach dem Abschluss seines letzten Falls begibt sich Commissario Soneri für einen Heimaturlaub in die bergische Landschaft der Apenninen. Doch die Reise in die wohlige Wärme der Vergangenheit entpuppt sich für den stillen Polizeibeamten sehr schnell als Alptraumszenario, in welches Soneri unfreiwillig wieder als Ermittler hineingezehrt wird.
Der alternde Fleischerei-Fabrikant Palmiro Rodolfi verschwindet spurlos, was den Bewohnern des kleinen Heimatstädtchens des Commissarios jedoch erst auffällt, als ein Aushang darauf hinweist, dass man sich keine Sorgen um Rodolfi machen soll. Doch schon kurze Zeit später überschlagen sich die Ereignisse: Auch Palmiros Sohn Paride ist verschwunden und hinterlässt mit seinem Vater den reichen Familienbesitz, der einzig und allein aus dem Geld der Mitarbeiter und Einwohner des Orts am Montelupo entstanden ist. Als schließlich die erhängte Leiche des alten Rodolfis entdeckt wird, muss Soneri notgedrungen eingreifen und das bis dato harmonische Bild seiner Heimat Schritt für Schritt in ein rechtes Licht rücken.
Während die Carabinieri sich mit der Spurensuche befassen, initiiert ihr Capitano eine blutige Hetzjagd auf den scheinbar flüchtigen Ex-Gefährten des Erhängten, was sich später als fataler Irrtum herausstellen soll. Bis dahin verstirbt aber nicht nur ein Polizist, sondern auch die Seele des Commissarios, dessen Rückzug in die Vergangenheit auch das Ende einer lange gelebten Illusion zu sein scheint …
_Persönlicher Eindruck_
In der neuen Episode der Soneri-Krimis entscheidet sich Valerio Varesi für einen recht melancholischen Einsatz, der zunächst mit kaum einem der bisherigen Romane um den umtriebigen Commissario zu vergleichen ist. Der Autor zieht seinen Protagonisten aus der Großstadt heraus und bringt ihn auf erstaunlich unkonventionelle Weise zu seinem neuen Fall, der grob betrachtet eigentlich gar keiner ist – jedenfalls keiner, der für Soneri selbst bestimmt ist. Aber ein Beamter dieses Dienstgrads kann sich nicht entziehen, wenn um ihn herum gemordet wird – gerade dann, wenn er indirekt auch persönlich von den Ereignissen betroffen ist. Doch wie weit deren Einfluss auch auf seine Person und Vergangenheit reicht, ahnt der Hauptdarsteller Varesis noch gar nicht …
Die Geschichte erweist sich von den ersten Seiten an als ein grober Einschnitt in die angenehme Idylle des Commissarios. Zum ersten Mal werden auch die Gefühle Soneris angesprochen, obschon dieser im Laufe der Handlung nur selten zu seiner Bedrückung stehen möchte. Doch die Geschehnisse in seiner Heimat, welche ihm eigentlich nur als relaxter Rückzugsort dienen und ihn von den jüngsten Strapazen in Parma befreien soll, gehen auch abseits der eigenartigen Attentate nicht an ihm vorbei.
Seit langer Zeit ergeben sich wieder Spuren zu seinem Vater, zu dem Soneri immer ein ganz besonderes Verhältnis hatte, der ihm aber dennoch bis zu seinem Tod ein Buch mit sieben Siegeln blieb. Diese Beziehung wird zwischen den Zeilen ebenso aufgearbeitet wie Soneris Traumvorstellung der dörflichen Harmonie, die mit seiner Rückkehr und dem Tod des Rodolfi-Clans nun mit einem Schlag zusammenzubrechen droht. Mit größeren Schritten geht er zurück in die Vergangenheit seiner selbst, unterwirft sich dabei größeren Qualen, als er realisiert, dass er bisweilen in einer Scheinwelt gelebt hat, hinter deren Kulissen Intrigen gesponnen und Betrugsserien geplant wurden, muss aber dennoch halbwegs unbefangen an die neue Situation herangehen, da seine Profession als Polizeibeamter dies von ihm verlangt.
In diesem Sinne darf man natürlich gerne sagen, dass Soneris Abenteuer am Montelupo sein bisher schwierigstes ist, zumindest was sein nunmehr angeknackstes Seelenleben angeht. Der merkwürdige Tod Rodolfis und die vielen verborgenen Geheimnisse aus dem Umfeld des Wurstfabrikanten sind belastend und versagen ihm jegliche Chance, emotionslos an die Sache heranzugehen, geschweige denn die steigenden Zweifel auszuräumen und einfach wieder in seinen heutigen Alltag zurückzukehren. Die Tragödie ist schon bei ihrem Eintritt zu weit fortgeschritten und verändert den Commissario als Person und in seinem Handeln – und zumindest dies ist eine sehr gute Grundlage und auch einer der Parts, welche dieses Buch auch als ein besonderes in seiner Serie auszeichnen.
Andererseits werden Krimi-Fans gegebenenfalls etwas enttäuscht sein, da die eigentliche Kriminalhandlung zugunsten einer tiefgreifenden Betrachtung der Persönlichkeit Soneri gelegentlich ins Hintertreffen gerät. Zwar entwickelt sich insbesondere die actionreiche Hetzjagd im zweiten Abschnitt des Buches zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit, doch da viele Elemente der Ermittlungen von vornherein zu offensichtlich sind, fehlt es hier stellenweise schon am entsprechenden Nervenkitzel. Zumindest in dieser Hinsicht war Varesi schon einmal besser in Form.
Nichtsdestotrotz sollten sich Soneri-Liebhaber diesen Roman ins Regal stellen. Die Geschichte ist gut und bietet bisweilen sogar ein wenig ungeahnten Anspruch, der über die stillen Ermittlungsarbeiten des Commissarios hinausgeht. Und da man in diesem Buch mehr über den heimlichen Helden erfährt als in allen bisherigen Episoden zusammen, kommt man an „Die Schatten von Montelupo“ schon fast nicht mehr vorbei.
|Originaltitel: Le ombre di Montelupo
Deutsch von Karin Rother
287 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-499-24488-9|
http://www.rowohlt.de
Mehr von Valerio Varesi auf |Buchwurm.info|:
[„Der Nebelfluss. Commissario Soneri sucht eine Leiche“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=1587
[„Die Pension in der Via Saffi. Commissario Soneri blickt zurück“ 3001
[„Lichtspiele. Commissario Soneri geht ins Kino“ 5332
James Lee Burke – Flamingo [Dave Robicheaux 4]

Theorin, Johan – Öland
Spätsommer im schwedischen Öland, 1972: Der fünfjährige Jens verschwindet beim Spielen im Nebel und kehrt nie mehr zurück. Die Polizei vermutet, dass er im Meer ertrunken ist, doch trotz aufwändiger Suche wird er nicht gefunden. Vor allem seine Mutter, die zu dem Zeitpunkt bereits geschieden war, leidet sehr, zumal Jens ihr einziges Kind war. Sie glaubt nicht ans Ertrinken, da Jens Angst vor Wasser hatte, sondern vermutet eine Entführung.
20 Jahre später: Jens‘ Mutter Julia hat Öland verlassen. Sie hat das Verschwinden nie verwunden, lebt alleine und hofft immer noch auf eine wundersame Rückkehr. Auch zu ihrer Familie hat sie wenig Kontakt. Überraschend erreicht sie ein Anruf ihres Vaters Gerlof: Der alte Gerlof, der inzwischen im Altersheim in Öland lebt, hat anonym eine Sandale zugeschickt bekommen, die Jens beim Verschwinden getragen hat. Julia soll zurückkommen und ihm bei der Suche nach den Hintergründen helfen.
Julia folgt der Bitte und muss sich nicht nur mit der schmerzhaften Vergangenheit, sondern auch zu dem abgekühlten Verhältnis zu ihrem Vater auseinandersetzen. Zudem hält sich nach wie vor das unheimliche Gerücht, der einst als Mörder von der Insel geflohene Nils Kant habe Jens auf dem Gewissen. Als Kind tötete er angeblich seinen eigenen Bruder und auch als Erwachsener brachte er nur Unglück über den Ort. 1972 war er bereits seit einigen Jahren tot – doch manch einer behauptet, er wandere immer noch über das neblige Land. Angeblich erhielt seine Mutter Vera noch Jahre nach seiner Beerdigung Postkarten aus aller Welt wie vor seinem Tod. Ist er damals gar nicht gestorben …?
_Johan Theorin_ legt hier seinen ersten Teil des geplanten Öland-Quartetts vor, das sich jeweils den einzelnen Jahreszeiten widmen soll. Er beginnt mit dem Herbst und macht dem „Schwedenkrimi“ alle Ehre, indem er sich auf ein atmosphärisch dichtes und ruhiges Erzählen besinnt.
|Zusammenspiel von Vergangenheit und Zukunft|
Zwei eng miteinander verwobene Handlungsstränge sind es, die den Leser auf unterschiedliche Arten fesseln. Der eine spielt in den Neunzigerjahren und zeigt das Bemühen von Gerlof und seiner Tochter Julia, das Verschwinden ihres Enkels bzw Sohnes aufzuklären. Dass Jens tot ist, scheint außer Frage zu stehen, doch wer hat seine Sandale geschickt? War es ein Unfall, der nicht eingestanden wurde, oder gar Mord? Hat der Täter selbst die Sandale Gerlof zukommen lassen, war es jemand aus seinem Umfeld, soll dies eine Aufforderung zu weiteren Nachforschungen sein?
Kurz darauf kommt Gerlofs Freund Ernst bei Arbeiten im Steinbruch ums Leben – für die Polizei ein normaler Unfall eines Steinmetzes, doch daran mag Gerlof nicht glauben. Viele Jahre lang hat er mit Ernst und dem Dritten im Bunde, John Hagman, über Jens‘ Verschwinden diskutiert. Ernst glaubte an die verwegene Nils-Kant-Theorie und schien kurz vor seinem Tod Recherchen angestellt zu haben. Für Gerlof geht es nunmehr nicht nur um sein Enkelkind, sondern auch um das Schicksal seines Freundes.
Der andere Erzählstrang führt in das Leben des mysteriösen Nils Kant, der auch Jahrzehnte nach seinem Tod die Schreckgestalt der Insel geblieben ist. Die Familie Kant besitzt viel Land in Stenvik, der Vater stirbt früh und schon als Zehnjähriger fühlt sich Nils verantwortlich. 1936 ertrinkt sein jüngerer Bruder, Gerüchte über Nils‘ Beteiligung wollen nicht verstummen. Entschädigt wird er durch das enge Verhältnis zu seiner Mutter Vera, die ihm Arbeit im Steinbruch verschafft. 1945 kommt es zu einem blutigen Aufeinandertreffen mit zwei deutschen Soldaten. Nils flieht und die Schiffe und Häfen der Welt sind von nun an seine Heimat. Anfang der Sechziger wird seine Leiche in einem Sarg heimtransportiert – doch es gibt immer noch Leute, die nicht daran glauben, dass es tatsächlich Nils Kant war, der dort beerdigt wurde.
Gekonnt spielt der Autor mit einer Mischung aus dichter Atmosphäre und einer sich stetig steigernden Spannung. Geht es anfangs „nur“ um Klarheit über Jens‘ Verbleiben, scheint mit dem gewaltsamen Tod von Ernst der Fall wieder aktuell zu werden. Irgendjemand auf Öland scheint mit allen Mitteln eine Aufklärung verhindern zu wollen, während gleichzeitig irgendjemand mit dem Senden der Sandale die Vergangenheit wieder aufrollt.
Zwar bleibt der Roman immer gemächlich und verfällt nie in ein Thriller-Tempo, doch gerade gegen Ende gibt es ein paar höchst dramatische Momente, in denen die Hauptfiguren in große Gefahr geraten. Die Geschichte um Nils Kant, die immer wieder in Rückblicken kapitelweise eingeschoben wird, bricht stets an einer verheißungsvollen Stelle ab, was die Spannung erhöht. Bis kurz vor Schluss bleiben Leser wie auch Gerlof und Julia im Unklaren darüber, auf welche Weise genau Nils Kant in die Geschehnisse verwickelt ist.
|Interessante Figuren|
Überzeugend lässt der Autor den Aberglauben und das Misstrauen der Bewohner Ölands aufleben, für die Nils Kant als Unglücksrabe der Insel ein Tabu geworden ist. Aber ebenso erfährt man, dass seine Rolle nicht einfach mit der des bösen schwarzen Mannes abzutun ist, denn trotz all seiner Fehler ist auch Nils Kant eine tragische Figur, der teilweise Unrecht getan wird. Der einfältige Junge mit dem Mutterkomplex, schon früh emotional abstumpft und über sein Verschwinden hinaus von vielen gehasst wird, der für manche noch als Geist über die Ebene wandelt oder vielleicht seinen Tod vorgetäuscht hat, ist vielschichtiger, als man es auf den ersten Blick glauben mag. Am Beispiel von Nils Kant erkennt man, wie ein einzelner Mensch zum Symbol des Unglücks eines Ortes werden kann.
Sehr gut gelungen ist auch die Darstellung des alten Gerlof. Ungeachtet seiner körperlichen Beschwerden, die ihn zeitweise kaum aufstehen lassen, ist er klar im Kopf und verfolgt unbeirrt seine Suche nach der Wahrheit darüber, was mit seinem Enkel Jens und seinem besten Freund Ernst geschehen ist. Sein Motto, dass jede Geschichte ihr eigenes Erzähltempo braucht, entspricht der Konzeption des Romans. Fast zwangsläufig kommt es dadurch zu Komplikationen mit seiner ungeduldigen Tochter Julia, die mit den bedächtigen und verschleierten Aussagen ihres Vaters nicht viel anfangen kann. Die Beziehung der beiden ist geprägt von Distanz und Spannungen. Nach einem Jahr Funkstille bedeutet die gemeinsame Suche eine schwierige Annäherung, in der die beiden nicht nur einmal aneinander geraten.
|Kaum Schwächen|
Bei genauer Betrachtung lässt sich feststellen, dass die Figur Julia vor allem durch ihre Konfrontation mit Gerlof lebt, aber man ansonsten wenig über sie erfährt. Gerlof und seine Gedanken und Handlungen stehen im Mittelpunkt; er ist der Initiator, der Öland über all die Jahre nicht verlassen hat und einen stillen Plan verfolgt, wie er das Schicksal seines Enkels aufklärt, in den er Julia nur teilweise einweiht. Von Julia erfährt man hauptsächlich, dass sie sich von ihrer Familie distanziert hat; abgesehen davon bleibt sie etwas zu blass. Des Weiteren ist das Ende mit all seinen Hintergründen zwar logisch aufgebaut, aber zum einen reimt sich Gerlof ein bisschen zu viel selbst zusammen, fast wie ein kleiner Sherlock Holmes, zum anderen kommt es etwas zu plötzlich, dass eine bisher kaum beteiligte Person in den Mittelpunkt gerückt wird. Die überraschende Wendung wird vor allem von Julia etwas zu gefasst aufgenommen.
_Als Fazit_ bleibt ein sehr stimmungsvoller und größtenteils ruhiger Schwedenkrimi mit interessanten Figuren und einem gelungenen Zusammenspiel zwischen Rückblenden und Gegenwart. Von nur sehr kleinen Schwächen abgesehen ist „Öland“ ein sehr empfehlenswerter Kriminalroman, vor allem für alle Leser, die kein hohes Tempo und keine Actionszenen brauchen.
_Der Autor_ Johan Theorin, geboren 1963 auf Göteborg, kennt Öland gut aus seiner Kindheit und seinen Sommerurlauben und ließ sich durch die Landschaft zu seinem ersten Öland-Krimi inspirieren. Das Debüt wurde von den Kritiken international euphorisch aufgenommen, die Filmrechte sind bereits verkauft. Zurzeit ist der zweite Roman des geplanten Quartetts in Arbeit.
|Originaltitel: Skumtimmen
Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps
448 Seiten, gebunden|
http://www.piper-verlag.de
http://www.johantheorin.com
Arnaldur Indriðason – Codex Regius

Arnaldur Indriðason – Codex Regius weiterlesen
Smith, Tom Rob – Kolyma
Mit [„Kind 44“ 4948 hat der Brite Tom Rob Smith einen höchst spannenden Krimi vor dem Hintergrund der Stalin-Zeit abgeliefert. Nun liegt mit „Kolyma“ der Nachfolger vor, der erzählt, wie die Geschichte um den ehemaligen KGB-Agent Leo Demidow weitergeht.
Wir schreiben mittlerweile das Jahr 1956. Chruschtschows Geheime Rede sorgt für politische Unruhe in Moskau. Leo Demidow arbeitet immer noch für das geheime Morddezernat, das in diesen Tagen wieder vor einem Haufen Arbeit steht: Zwei Geheimdienstler werden ermordet. Die Taten scheinen mit der Geheimen Rede Chruschtschows im Zusammenhang zu stehen. Überlebende der stalinistischen Säuberungen prangern die Taten vergangener Tage an, und so zweifelt niemand daran, dass die beiden ermordeten Geheimstdienstler einem Racheakt zum Opfer fielen.
Leo versucht herauszufinden, wer hinter den Taten steckt, doch ist das wie üblich nicht so einfach. Seine Abteilung muss immer noch im Geheimen operieren, und auch die alten KGB-Kollegen legen ihm Steine in den Weg.
Doch schon bald bekommt der Fall für Leo eine persönliche Tragweite, als seine Adoptivtochter Soja entführt wird. Um ihre Freiheit zu erkaufen, soll Leo den Priester Lasar aus dem Gulag in Kolyma befreien. Leo hatte ihn vor Jahren verhaftet und dafür gesorgt, dass Lasar in den Gulag geschickt wurde.
Um Soja zu retten, hat Leo keine andere Wahl als sich auf den Deal einzulassen. Und so lässt Leo sich als Gefangener getarnt in das Lager am Rand Sibiriens einschleusen. Doch die Operation verläuft anders als geplant: Schon am ersten Abend wird Leo erkannt und ist schutzlos der grausamen Rache der Gulag-Häftlinge ausgeliefert …
Bereits bei „Kind 44“ lag der besondere Reiz der Geschichte in der Verquickung von Krimi und jüngerer Historie. Smith hat sich eine Epoche der Geschichte als Bühnenbild ausgesucht, die für sich genommen schon Spannung verheißt: eine Gesellschaft, die geprägt ist von ständigem Misstrauen und der Angst davor, wegen irgendeiner Kleinigkeit bei den Behörden denunziert zu werden.
Chruschtschows Geheime Rede markiert einen wichtigen Punkt in der Sowjet-Ideologie: Erstmals kritisiert die Führung selbst Stalins Taten (auch wenn die Rede wenige Monate später massiv entschärft wird) und stellt damit die Weichen für eine Entspannung der Lage. Doch der Eindruck trügt. Noch immer sitzen überwiegend Leute an den Hebeln der Macht, deren Glaube an das System unerschütterlich ist.
Leo selbst hat inzwischen seine Zweifel an eben diesem System und diese Zweifel sind natürlich nicht neu. Noch immer eckt er allein durch die Tatsache, dass er für das Morddezernat arbeitet, überall an. In den Augen der alten KGB-Kollegen ist Leo immer noch ein Verräter. Seine KGB-Vergangenheit wird Leo auch zu Hause von Adoptivtochter Soja stets unter die Nase gerieben. Für sie ist Leo immer noch der Mörder ihrer Eltern. Dass er mit seiner Frau Raisa sie und ihre kleine Schwester Elena aus dem Waisenhaus geholt hat und ihr dank seiner Stellung ein verhältnismäßig luxuriöses Familienleben bieten kann, wiegt dagegen zu wenig. Schuld und Sühne sind das beherrschende Thema des Plots.
Leo hadert also immer wieder mit seiner Vergangenheit, und das macht eben auch den Reiz dieses so ambivalent angelegten Protagonisten aus. Er wird nie so ganz der strahlende Held sein können, und so ist eben auch für reichlich Spannung gesorgt, wenn Leo dann im Gulag seiner Vergangenheit direkt in die Augen blickt. Der Teil des Plots, der in der sibirischen Eishölle von Kolyma spielt, hat so auch seinen ganz besonderen Reiz und ist einer der Spannungshöhepunkte des Romans.
Doch auch darüber hinaus hält die Spannung bis zum Ende des Romans an. Smith schwingt sich immer wieder zu neuen Spannungsmomenten auf und garniert den Plot mit unverhofften Wendungen. Dabei kommt den politischen wie auch den gesellschaftlichen Verhältnissen stets eine nicht ganz unwichtige Nebenrolle zu. Smith spannt einen nachvollziehbaren Bogen vom Anfang bis zum Ende und beleuchtet dabei das Schicksal seiner Hauptfiguren möglichst glaubwürdig und authentisch.
Sprachlich formuliert Smith gewohnt glasklar und ohne viele Schnörkel, und so ist „Kolyma“ ein spannender Thriller, der mal ganz flott an einem verregneten Winterwochenende durchgelesen ist.
Bleibt unterm Strich ein sehr positiver Eindruck zurück. Mit „Kolyma“ hat Tom Rob Smith „Kind 44“ gelungen fortgesetzt und einen durchweg spannenden Thriller abgeliefert, der besonders auch dadurch gefällt, dass ihm komplexe Hintergründe und ambivalente Protagonisten zugrunde liegen. Dies ist kein schlichter „Junk-Food-Thriller“, sondern Unterhaltung auf durchaus hohem Niveau, die dennoch so konsequent spannend erzählt ist, dass man die Finger kaum von dem Buch lassen kann. Wer „Kolyma“ liest, sollte aber möglichst auch „Kind 44“ schon kennen, da die Figurenentwicklung auf die Geschehnisse im Vorgängerroman aufbaut.
|Originaltitel: ›The Secret Speech‹, Simon & Schuster (London) 2009
Übersetzung von Armin Gontermann
480 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3-8321-8089-8|
http://www.dumont-buchverlag.de
Thomas Muir – Kabine B 55

Rankin, Ian – Kinder des Todes, Die
_Inspektor Rebus: Der Elefant im Porzellanladen_
Ein Mann erschießt zwei Schulkinder, verletzt ein drittes schwer und tötet sich anschließend selbst. Alles an diesem Amoklauf erinnert die Bewohner des Städtchens South Queensferry an das Massaker von Dunblane. Sie fragen sich: Was hat den ehemaligen Elitesoldaten Lee Herdman nur zu dieser Tat getrieben? Inspector John Rebus von der Kripo Edinburgh ahnt beim Auftauchen von zwei Militärermittlern, dass der Fall noch weitere Rätsel birgt. Die Suche nach den Hintergründen führt ihn nicht nur zu den kriminellen Jugendlichen der kleinen Stadt, sondern in die eigene Vergangenheit beim Militär. Aber je näher er der Wahrheit kommt, desto dunkler wird der Abgrund, in den er blickt. (abgewandelte Verlagsinfo)
_Der Autor_
Sir Ian Rankin gehört zu den wichtigsten Kriminalschriftstellern der britischen Insel. Sein Inspektor Rebus macht die schottische Hauptstadt Edinburgh nun schon in zahlreichen Abenteuern sicherer – soweit man ihn lässt! Für „Die Kinder des Todes“ wurde Rankin mit dem Deutschen Krimipreis 2005 ausgezeichnet. Die englische Königin verlieh ihm für seine Verdienste um die Literatur den „Order of the British Empire“. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Edinburgh.
Ian Rankin auf |Buchwurm.info|:
[„Verborgene Muster“ 956
[„Das zweite Zeichen“ 1442
[„Wolfsmale“ 1943
[„Ehrensache“ 1894
[„Ein eisiger Tod“ 575
[„Das Souvenir des Mördern“ 1526
[„Die Sünden der Väter“ 2234
[„Puppenspiel“ 2153
[„Die Tore der Finsternis“ 1450
[„So soll er sterben“ 1919
[„Im Namen der Toten“ 4583
[„Eindeutig Mord“ 5063
[„Der diskrete Mr. Flint“ 3315
[„Ein Rest von Schuld“ 5454
_Handlung_
Detective Sergeant (DS) Siobhan Clarke wundert sich über ihren Vorgesetzten Detective Inspector John Rebus: Seine Hände sind verbrüht. Oder verbrannt? Er lässt sich immer neue Erklärungen einfallen, was sie nicht gerade beruhigend findet. Ebenso wenig wie der Umstand, dass er denjenigen Mann besucht, der sie, Siobhan, seit Wochen piesackte – und der nun verbrannt in seiner Wohnung aufgefunden wird. Wenige Stunden, nachdem Rebus ihn verließ. Hat Rebus etwas mit dem Brand zu tun? Das fragen sich auch seine Vorgesetzten und suspendieren ihn nach wenigen Tagen vom Dienst. Die Sache ist ein gefundenes Fressen für die Sensationsreporter wie Steve Holly, der sich an die Fersen der Bullen geheftet hat. Ebenso wie Holly liebt es auch der Politiker Jack Bell, die Polizei als unfähig hinzustellen.
Und jetzt wird schon wieder ein grausiger Fall von Waffenmissbrauch entdeckt. Ein Amokläufer ist in die Schule des Städtchens South Queensferry eingedrungen, hat zwei der Schüler mit Kopfschüssen exekutiert und einen dritten – den Sohn von Jack Bell – schwer verletzt, bevor er sich selbst richtete. Alle halten Lee Herdman, den Täter, für durchgeknallt, aber Rebus ist insgeheim anderer Ansicht. Hätte ein Irrer derart präzise Kopfschüsse abfeuern können? Andererseits war Herdman ein ehemaliger Elitesoldat, der beim Special Air Service (SAS) diente, was dem Pendant zur deutschen GSG9 entspricht. Rebus wollte selbst vor Jahren mal in diese Truppe aufgenommen werden, bestand aber die unmenschliche psychologische Prüfung nicht.
Rebus ist auch durch eines der Opfer in den Fall verwickelt: Derek Renshaw war der Sohn seines Cousins Allan, mit dem er in seiner Kindheit spielte. Dereks Schwester Kate setzt sich nun gegen Waffenmissbrauch ein und unterstützt die Kampagne von Jack Bell. Rebus warnt sie als gutmeinender Onkel, doch sie hört nicht auf ihn. Das zweite Opfer war der Sohn eines Richters, doch dieser Vater bewahrt nach wie vor Haltung. Als Rebus herausfindet, dass an der Schule Waffen gelagert wurden und die älteren Schüler wie Derek regelmäßig Kadettenübungen durchführten, taucht eine engere Verbindung zu Herdman auf. Die Schüler trafen den Wasserskilehrer und Exsoldaten regelmäßig auf Partys. Sind Drogen und Sex im Spiel?, fragt sich Rebus.
Das Militär hat zwei Ermittler geschickt. Whiteread ist eine eiserne Lady mit Haaren auf den Zähnen, doch ihr junger Begleiter Simms ist unbedachter und lässt sich zu gehässigen Bemerkungen über Rebus‘ Erfolglosigkeit und Suspendierung hinreißen. Das macht Rebus überhaupt nichts aus: Sein Kollege Bobby Hogan hat ihn lediglich als „Berater“ angefordert, nicht als offiziellen Ermittler. Er kann also tun, was ihm beliebt. Und so besorgt er sich mit Hilfe von Siobhan Clarke die Militärakte von Herdman, die unverschlossen in Simms‘ Hotelzimmer liegt. Na, na, wie leichtsinnig. Denkt’s und kopiert sie klammheimlich. Ein Blatt wurde „auf Anweisung entnommen“. Der SAS hat also etwas zu verbergen, wie es aussieht.
In der Personalakte ist von Herdmans Einsatz bei einem Rettungstrupp auf der schottischen Insel Jura die Rede. Der Reporter Steve Holly tut ihm einen Gefallen und recherchiert kurz mal bei Google (Rebus steht mit Computern auf Kriegsfuß). 1995 stürzte ein Helikopter des Militärs, der mit ranghohen Offizieren an Bord Richtung Nordirland flog, auf Jura ab. Dem Piloten wurde die Schuld gegeben, und Soldaten suchten in den Inselbergen die sterbliche Überreste und Hubschrauberwrackteile. Was fand Herdman, das nicht verraten werden darf? War es etwas, womit er seine Boote bezahlte?
Zusammen mit Siobhan lässt sich Rebus von einem Bekannten Herdmans zur Insel Jura fliegen …
_Mein Eindruck_
Dieser Krimi von Ian Rankin macht mal wieder deutlich, warum er so erfolgreich ist: seine Kombination aus Wagemut, Anteilnahme und kriminalistischer Kleinarbeit. Dafür steht Inspektor John Rebus, und der Originaltitel weist schon darauf hin: „A Question of Blood“ – eine Frage des Blutes.
Dass Blut dicker ist als Wasser, weiß jeder, der sich mal für ein Geschwister oder die Verwandten eingesetzt hat. Und so ergeht es nun auch Rebus, der sich um den verlorenen Neffen Derek Renshaw und dessen Schwester Kate sorgt, aber auch um ihren Vater Allan, der sich auf einmal wieder mit Kinderspielsachen seine Zeit vertreibt. Es ist Rebus ein Herzensanliegen, den Tod von Derek aufzuklären. Dafür steigt er nicht nur hinab in die Niederungen der Jugendkultur, inklusive Spanner-Websites, sondern spannt auch die moderne Simulationstechnik ein.
Die Blutspuren am Tatort, so ergibt die Simulation, stimmen in keiner Weise mit den Aussagen von James Bell überein, dem überlebenden Opfer von Herdmans Amoklauf. Und es gibt noch weitere Widersprüche. Aber Rebus wird zunehmend klar, dass es eine Eifersuchtsaffäre ist, die das Blut des Todesschützen derart in Wallung gebracht hat, dass er zur Waffe griff. Um diese Zusammenhänge zu begreifen, stützt sich Rebus auf seine einzigartige Fähigkeit: kriminalistische Intuition und Kombinationsgabe. Und sobald er diese Einsicht erhalten hat, schreckt er vor nichts zurück, um seiner Überzeugung gemäß zu handeln – auch nicht beim Vorgehen bei Parlamentsabgeordneten. Nichts ist Rebus heilig (außer vielleicht der Produktionsweise von gutem Whisky). Für den Leser ist es stets ein Fest, wenn heilige Kühe geschlachtet werden.
Zu solchen heiligen Kühen gehört zweifellos auch der Special Air Service, der auf der Insel wie hierzulande die GSG9 verehrt wird, jene Elitetruppe, die das entführte Flugzeug in Mogadischu stürmte und befreite. Der SAS ist gleichbedeutend mit dem Militär, und dessen abgesandte Ermittler erweisen sich als abgebrüht und nicht zimperlich beim Einsatz brutaler Methoden. Rebus bemüht sich nicht um Fairplay ihnen gegenüber, und so dauert es nicht lange, bis sie auf seinen Köder anbeißen, geradezu verzweifelt, wie es ihm erscheint. Zum Glück hat er einen Zeugen dabei, so dass Schlimmeres als eine Prellung verhütet wird.
Der Autor führt uns Rebus zu Anfang als eine Art Clown und Tolpatsch vor: zwei umwickelte Hände, die ihn hilflos machen. Doch der Schein trügt: Sobald Rebus wieder Herr der Lage ist, kann er immensen Schaden anrichten – oder Nutzen, je nachdem, auf welcher Seite des Gesetzes man steht. Das wissen leider auch seine Vorgesetzten, allen voran Gillian Templer, ebenfalls eine eiserne Lady, und deren Vorgesetzte. Einen Cop unter Mordverdacht ziehen sie sofort aus dem Verkehr, aber das ficht Rebus nicht an: Er arbeitet einfach ehrenamtlich weiter, für seinen guten Freund Bobby Hogan nämlich. Der ist zufällig ebenfalls Ermittler.
Rebus und seine Chauffeuse DS Siobhan Clarke (ausgesprochen [schiwå:n], weshalb jeder kumpelhaft „Shiv“ zu ihr sagt) verbinden zwar keine Blutsbande, aber dafür etwas ebenso Starkes: Loyalität unter Kollegen, wenn nicht sogar menschliche Zuneigung, die sie aber unter einem Mantel von ruppigen Umgangsformen und Frotzeleien zu verbergen wissen. Zu mehr kommt es nicht, obwohl beide Single sind und sich abends auch mal bei Rebus treffen. Aber zwischen ihnen liegt auch die Kluft unterschiedlicher Generationen. Er mag die Band |Hawkwind| aus den Siebzigern, sie mag |Mogwai| aus den Achtzigern und Neunzigern. Und beide trennt die Kluft zur neuesten Generation.
Diese moderne Generation soll das eigentliche Thema des Krimis sein, suggeriert der deutsche Titel. Doch wir erfahren relativ wenig über sie. Das liegt aber nur am Ermittler, der mit Goths, Jazzfreunden, Waffenfetischisten und Dealern wenig mehr anzufangen weiß, als sie eines Verbrechens zu überführen – oder sie dazu zu benutzen, andere eines Verbrechens zu überführen. Hier liegt meines Erachtens ein Schwachpunkt des Romans. Der Autor hat oder gewährt (vielleicht aus Platzgründen) zu wenig Einsicht in die Jugendkultur Edinburghs. Das hätte wohl nur mit einer Schilderung aus subjektiver Sicht behoben werden können. Das aber hätte die Erfindung einer entsprechenden Hauptfigur erfordert, und so etwas wäre für einen Rebus-Krimi sehr ungewöhnlich gewesen.
Am Schluss gibt es ein spannendes Finale, wie sich das gehört. Wir bangen mit Rebus um die tapfere und unerschrockene Siobhan Clarke, die sich womöglich an Bord eines Flugzeugs befindet, das ein krimineller Selbstmörder steuert. Mehr soll nicht verraten werden.
|Die Übersetzung|
Claus Varrelmann macht seine Sache recht gut. Besonders bei sämtlichen Realien wie Ortsnamen, Whisky- und Bierbezeichnungen ist er makellos. Probleme hatte ich nur, wenn er mir unbekannte DEUTSCHE Wendungen verwendete. Dazu gehört der Ausdruck „auf Zuwachs gekauft“. Nein, das ist kein neues dubioses Finanzmarktprodukt, sondern bedeutet lediglich, dass der Träger eines Kleidungsstücks noch in dieses hineinwachsen muss. Und was bitte ist eine „Victor-Meldrews-Stimmung“ (S. 196)? Manchmal wäre eine kleine Fußnote angebracht gewesen, um solche Details zu erläutern.
Des Weiteren gibt es ein paar Druckfehlerchen. Statt „Grampains“ (S. 332) sind die „Grampians“ gemeint, die Berge von Schottland. Statt „Barcadi-Cola“ (S. 346) sollte es wohl richtiger „Bacardi-Cola“ heißen, also Cola mit Rum.
Diese Angaben beziehen sich auf die Hardcoverausgabe von |Manhattan|. Vielleicht wurde die neuere Taschenbuchausgabe von |Goldmann| in dieser Hinsicht nachgebessert.
_Unterm Strich_
Man kann sich fragen, warum der Autor für die Lösung eines Falles fast 550 Seiten braucht. Die Antwort lautet, dass es nicht nur um einen Fall geht, nämlich den Amoklauf an der Schule, sondern um nicht weniger als vier Fälle, die alle gleichzeitig recherchiert werden. Sie hängen alle miteinander zusammen, wie Rebus und Clarke mit der Zeit feststellen. Das Leben ist eben kein Bühnenstück, für das ein einziger roter Faden ausreicht, sondern voller Zufälle und Unwägbarkeiten.
Aber Rebus ist eh nicht der Typ des One-track-minds, des Mannes mit Scheuklappen, der wie ein Rennpferd nur einer vorgegebenen Bahn folgt, um möglichst schnell ans Ziel zu gelangen. Hat er in seinem Alter (Mitte fünfzig) gar nicht nötig. Seine Interessen sind vielfältig. Manchmal ermittelt er breit gestreut in alle Richtungen und stößt so auf unvermutete Zusammenhänge. Manchmal, wie in [„Ehrensache“, 1894 schnüffelt er nur so aus Neugier – und stößt unweigerlich auf Leichen, die niemand finden soll.
Auch nicht bei der Polizei, wie der Krimi [„Die Tore der Finsternis“ 1450 zeigte. Darin wird ein korrupter Bulle gejagt, der daher den Spieß umdreht und Rebus & Clarke bedroht. Hier, in „Die Kinder des Todes“, stellt der Autor die karrieregeilen Inspektoren vom Drogendezernat DMC als Volltrottel dar. Im Augenblick ihres vermeintlich größten Triumphes arbeitet Rebus gerade an der Aufklärung ihres Falles, in einer völlig anderen Richtung allerdings.
Ansonsten wundert sich der Leser nur noch darüber, dass der Autor so viel Schleichwerbung für schottische und britische Musikgruppen macht. Von |Led Zeppelin| dürft so mancher gehört haben, vielleicht sogar von |Hawkwind| (der SF-Autor Michael Moorcock wirkte bei ihnen mit), aber auch von |Mogwai|? Vielleicht wird Ian Rankin ja vom schottischen Tourismusministerium gesponsert. Nicht umsonst ist das jährliche |Edinburgh Music Festival| ja weltbekannt.
|Originaltitel: A Question of Blood, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Claus Varrelmann
Hardcover-Ausgabe bei |Manhattan| 2004:
543 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-442-54550-6
Taschenbuch-Ausgabe bei |Goldmann| 2006:
544 Seiten, Broschur
ISBN-13: 978-3-442-46314-5|
http://www.ian-rankin.de
http://www.goldmann-verlag.de
http://www.manhattan-verlag.de
Arthur W. Upfield – Der schwarze Brunnen
Ein defektes Flugzeug lässt Kriminalinspektor Napoleon Bonaparte, genannt „Bony“, in der Ödnis des nordwestlichen Australien stranden. Agar’s Lagune besteht aus zehn Wohnhäusern, einem baufälligen Hotel und einer Kneipe; die einzige Sehenswürdigkeit besteht aus einem Ring leerer Flaschen, den trinkfreudige Viehzüchter, Schafhirten und Goldsucher im Laufe vieler Jahre um das Örtchen aufgeschüttet haben.
Aus Bonapartes unfreiwilligem Zwischenaufenthalt wird ein Kriminalfall, als Fernfahrer Sam Laidlaw 170 km nördlich von Agar’s Lagune den Jeep des Polizeiwachtmeisters Martin Stenhouse findet; der Fahrer hockt mit durchschossenem Herzen am Steuer. Allem Anschein nach hat Jacky Musgrave, Stenhouses Fährtensucher – ein Aborigine -, seinen Chef umgebracht und ist anschließend in die Wüste und eventuell zu seinem Stamm geflüchtet. Arthur W. Upfield – Der schwarze Brunnen weiterlesen
Ed McBain – Neun im Fadenkreuz
In diesen Frühlingswochen wird die Bürgerschaft der US-Großstadt Isola durch eine Mordserie erschüttert: Ein Scharfschütze erschießt mit seinem Präzisionsgewehr offenbar wahllos Menschen. Die Beamten Steve Carella und Meyer Meyer vom 87. Polizeirevier, denen der Fall übertragen wird, können trotz intensiver Ermittlungen keine Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern erkennen.
Der Druck auf die Polizisten steigt mit der Zahl der Leichen. Panik greift um sich, denn der Täter mordet unerbittlich weiter und bleibt dabei unsichtbar. Erst der Zufall zeigt den Zusammenhang: Alle Opfer wirkten vor vielen Jahren in einer College-Theateraufführung mit. Dass diese bizarre Tatsache der Schlüssel zum Geschehen ist, wird den Beamen bewusst, als weitere Darsteller sterben, bevor sie ausfindig gemacht werden können. Ed McBain – Neun im Fadenkreuz weiterlesen
Irtenkauf, Dominik – Holmes und das Elfenfoto (Sherlock-Holmes-Criminal-Bibliothek, Band 6)
_Auf den Spuren Sir Arthur Conan Doyles_
1920 erschien im |The Strand Magazine| ein Artikel unter dem Titel „Epochales Ereignis – Feen fotografiert“. Demzufolge hatten drei Jahre zuvor zwei Mädchen aus der englischen Grafschaft Cottingley mit der Kamera ihres Vaters Aufnahmen voneinander gemacht, auf denen auch lebhafte Feenwesen zu sehen waren. Der Verfasser des Artikels war kein anderer als Sir Arthur Conan Doyle, der sich inzwischen vom Bewunderer des rational analytischen Denkens, wie es auch seine wohl berühmteste Figur, der Detektiv Sherlock Holmes, verkörpert, zum bekennenden Spiritisten gewandelt hatte. Abgesehen davon, dass der Glaube an die Echtheit der Fotos als Beweis der Existenz von Feen den eloquenten Ruf des Autors untergraben hat, gestand die inzwischen 83-jährige Elsie Wright erst Ende des 20. Jahrhunderts ein, dass die Fotos von den „Cottingley Fairies“ mithilfe auf stabilem Karton nachgezeichneter Kinderbuchillustrationen entstanden und damit Fälschungen waren. Für Arthur Conan Doyle kam dieses Geständnis ein halbes Jahrhundert zu spät. Er nahm seine Überzeugung mit ins Grab.
Der Autor Dominik Irtenkauf hat sich zweifellos von dieser Episode im Leben Doyles, die scheinbar im Widerspruch zu dem wissenschafts- und technikbegeisterten Abschnitt der Menschheitsgeschichte zu stehen scheint, für sein Romandebüt „Holmes und das Elfenfoto“ inspirieren lassen. Nachdem sich Doktor Watson eine Zeit lang völlig auf seine Arbeit als praktizierender Arzt und auf seine Ehefrau konzentriert hat, fehlen ihm nach seinem Auszug aus der Baker Street 221b schließlich die Abenteuer, welche er mit seinem Freund, dem genialen Sherlock Holmes, stets auf den Spuren des Verbrechens erlebt hat. Aber es genügt bereits ein spontaner Besuch in der alten Wohnung, und schon befindet sich Dr. Watson wieder mitten ein einem neuen Fall des Detektivs. Dieser hat sich gerade des angesehenen Adligen und Politikers Lord Suffrey angenommen, welcher mit Hilfe von Fotos, die ihn in kompromittierenden Situationen mit leichten Mädchen zeigen, erpresst wird.
Scheinen die Fakten zunächst auf eine gewöhnliche Erpressung hinzudeuten, entwickeln sich jedoch die Beschattung des zwielichtigen Fotografen und der Tatsache, dass eine Mätresse des Lords plötzlich zerstückelt sowie merkwürdig kostümiert und geschminkt im Park aufgefunden wird, zur Jagd auf eine mysteriöse Sekte, welche die Rückkehr des Paradieses in Gestalt des mythischen Elfenlandes Albion im Gegensatz zur unsicheren Zeit der sozialen und politischen Umbrüchen des 19. Jahrhunderts predigt. Nun ist Sherlock Holmes nicht mehr nur auf den Spuren von Erpressern oder eines dubiosen Kunsthändlers unterwegs, sondern muss sich neben der Suche nach einem wahnsinnigen Mörder auch mit den Möglichkeiten der neuen Technik der Fotografie und der Manipulierbarkeit der nur scheinbar die Realität reproduzierenden Bilder beschäftigen.
Der Autor Dominik Irtenkauf mischt in seinem 2009 im |BLITZ|-Verlag erschienen Roman „Holmes und das Elfenfoto“ mit Phantastik und klassischer Detektivgeschichte zwei Genres, die auf den ersten Blick nicht gerade kompatibel erscheinen – jedenfalls wenn man von den Ursprüngen der Geschichten Sir Arthur Conan Doyles als „Erzählungen vom logischen Denken“ ausgeht. Die wenig realitätsbezogene Welt der Feen und Elfen der fantastischen Literatur trifft auf die Welt der Kriminalgeschichte, in der nach Einschreiten des Detektivs alles Mysteriöse oder Rätselhafte auf seine stets irdische und einem menschlichen Plan entsprungene Ursache zurückgeführt wird. Da diese Sherlock-Holmes-Pastiche zeitlich nur ein gutes Stück nach der Heirat Dr. Watsons angesiedelt ist, steckt hinter alledem natürlich das geniale Verbrechergehirn der ewigen Nemesis des Detektivs, seines Erzfeindes Professor Moriarty. Wie Doyle selbst, geht auch Irtenkauf dabei nicht ins Detail, sondern postuliert, dass der Handel mit den vorgeblich künstlerischen erotischen Fotografien vor allem ein Geschäft der Londoner Unterwelt ist und der Napoleon des Verbrechens zweifellos dahintersteckt.
Auf der anderen Seite setzt sich der Autor mit dem Mythos „des kleinen Volkes“ der Elfen auseinander, das die britischen Inseln dereinst gemeinsam mit den Menschen bewohnt haben, von ihnen jedoch verdrängt worden sein soll. Bezeichnend ist, dass die einzigen Personen, die diesen Mythos für zweifelsfrei real halten, ein geistig Behinderter und einige Sektenmitglieder sind. Der Sektenführer benutzt den Mythos, um Macht auszuüben und Bewunderer um sich zu scharen. Um seinen perversen Mordgelüsten nachgehen zu können, macht er sie glauben, dass in den vorgeblich unreinen Prostituierten Elfen eingeschlossen wären, die man aus deren Körpern befreien müsse. Leider versucht der Autor die Existenz der Elfenwelt offenzuhalten und wie Dr. Watson auf eine „Grauzone“ zwischen Realität und Fantasie zu verweisen. Dabei steht innerhalb der Handlung die Feen-Einleitung ebenso isoliert wie das Elfentheaterstück oder die Elfenbücher, die wie der gesamte Mythos nur zur Flucht der Menschen vor den Problemen ihres Alltags in eine andere Welt dienen.
Viel interessanter ist jedoch die Verarbeitung der Hoffnung der Menschen, die in der Technik- und Wissenschaftsbegeisterung des ausgehenden 19. Jahrhunderts den Möglichkeiten der Evolution oder der Fotografie entgegengebracht wurden. Ganz in der Tradition Doyles, der in seinen Kurzgeschichten neueste Innovationen der Technik wie beispielsweise die Bedeutung von Fingerabdrücken aufgenommen hat, spekulieren die Charaktere in „Holmes und das Elfenfoto“ über das Potenzial der Fotografie. Zum einen wird sie als unschätzbar für die Anlage einer Verbrecherkartei gesehen. Es werden jedoch auch Überlegungen dahingehend angestellt, ob man mit ausreichend Fotomaterial bereits vom Aussehen her einen Prototyp des Verbrechers ausmachen könnte. Deutlich wird ebenfalls die rasante Entwicklung, die eben nur Familienporträts bei besten Lichtverhältnissen hervorbringt, aber schon ein paar Jahrzehnte später bereits mithilfe ausgeklügelter chemischer Prozesse Manipulationen in ungeahnten Ausmaßen zulässt, die nur bei sehr gründlicher Untersuchung der Aufnahmen zutage treten und trotzdem nicht bewiesen werden können. Faszinierend scheinen auch die Möglichkeiten, die sich mit Darwins Evolutionstheorie und der beginnenden anatomischen Forschung am Menschen plötzlich bieten. So beschäftigt sich die Wissenschaft in „Holmes und das Elfenfoto“ mit der Rückführung der Arten auf mögliche Urtypen und deren hypothetischem Überleben, wie man es aus Doyles [„The Lost World“ 1780 (1912) kennt. Irtenkauf nutzt die Gelegenheit, einem Wissenschaftler, welcher derlei Spekulationen für absurd hält, einen ironischen Seitenhieb auf Conan Doyles erfolgreiche Publikation in den Mund zu legen.
Solche ironischen Momente gelingen dem Autor, weil er viel kulturelles Hintergrundwissen einbringt und Wert auf Kleinigkeiten legt. Ein weiteres Beispiel dafür ist die semantische Verwandtschaft des namens Suffrey mit dem englischen „to suffer“, das eine Fülle von Assoziationen auslösen kann. Tatsächlich ist es der Lord, der sich „leidend“ dünkt, wobei er materiell mit Geld und Ländereien durchaus sehr gut gestellt ist. Einzig seine Sexualität auszuleben, ist ihm mit seiner traditionell zur Weiterführung des Stammbaums, zur Repräsentation oder zur Bewunderung ihres Ehemannes erzogenen Ehefrau scheinbar nicht gegönnt. Möge mancher Mann auch darunter leiden – ironisch gebrochen an den Problemen der restlichen Charaktere des Romans wirkt selbst dieses „Leid“ schon wieder lächerlich.
Was ebenfalls bereits auf den ersten Seiten der eigentlichen Kriminalgeschichte positiv auffällt, ist, dass der Autor den Ton der ursprünglichen Sherlock-Holmes-Geschichten getroffen hat. So kann der Leser ohne langwieriges Einlesen in den Roman eintauchen. Natürlich steht von Vornherein außer Frage, dass der Detektiv das Rätsel lösen wird und der Reiz der Geschichte in einer Vielzahl von Zusammenhängen besteht, die von Holmes (und dem Leser) entwirrt werden müssen. Dennoch wünscht man sich, der Autor würde den Leser hier etwas mehr an die Hand nehmen, damit er nicht ständig ebenso im Dunkel der mysteriösen Vorgänge herumtappt wie Dr. Watson.
Möglicherweise hat der mit knapp 30 Jahren noch recht junge Autor aus purer Lust am Schreiben und Ausprobieren weitere Erzählstile in den Roman eingeflochten. Doch gerade eine Straffung in diesen Abschnitten hätte dem in Teilen recht langatmigen Werk zu mehr Spannung verholfen. Geeignet wäre beispielsweise eine Reduzierung des Wortlauts der wiedergegebenen Vorträge gewesen. Auch auf die Wiedergabe des Theaterstücks hätte verzichtet werden können, da es den Lauf der Handlung bremst. Der Ausflug in die Irrenanstalt ist eher interessant als dramaturgisch notwendig. Die Darstellung des Lebens von Lords Suffrey in Schottland oder die Überlegungen der Prostituierten hinsichtlich ihrer in Ansätzen emanzipierten Freundin bringen die Handlung ebenfalls nicht voran. Der durch die Reise nach Europa verlängerte Schluss nach der Überführung der Mörder bringt für den Leser keine neuen Erkenntnisse und lässt das erlösende Moment der Überführung des Mörders verpuffen.
Irtenkauf hat sich vorgenommen, Sherlock Holmes wie seinen Schöpfer über „Kräfte auf dieser Welt, die sich vehement dem rationalistischen Zugang entziehen“ stolpern zu lassen und stellt sich damit selbst ein Bein, denn Sherlock Holmes ist nicht Arthur Conan Doyle, und offene Fragen passen nicht zur unfehlbaren Denkmaschine Holmes. Sicherlich besitzt die Verknüpfung von Phantastik und Ratio einen gewissen Reiz, aber es liegt in der Natur der traditionellen Detektivgeschichte, der Holmes und Watson entsprungen sind, dass dem Fantastischen eine rationale Erklärung zugrunde liegt. Demzufolge ist es dem |BLITZ|-Verlag gelungen, das Sherlock-Holmes-Universum mit diesem Roman der „Sherlock-Holmes-Criminal-Bibliothek“ zu bereichern, aber auf die Verknüpfung mit den nicht völlig aufgelösten fantastischen Elementen muss man sich einlassen, um an „Holmes und das Elfenfoto“ gefallen zu finden.
|160 Seiten, Pulp-Paperback
ISBN-13: 978-3-89840-216-3|
http://www.blitz-verlag.de
_Mehr von Dominik Irtenkauf auf |Buchwurm.info|:_
[„Worträtsel“ 4212
[„Der Teufel in der Tasche“ 2657
[„Subkultur und Subversion“ 2656
Rossmann, Eva – Verschieden
Die Kombination aus Küche und Kriminalfall ist nicht unbedingt selten. Dass eine Krimiautorin aus Freude am Kochen einfach mal eine Ausbildung zur Köchin macht und auch als solche arbeitet, dagegen schon. Eva Rossmann, Autorin der Mira-Valensky-Krimis, hat’s getan und überrascht in ihren Büchern nicht nur mit guten Geschichten, sondern auch mit kulinarischen Köstlichkeiten.
In „Verschieden“, dem achten Buch um die vorwitzige Journalistin Mira, dreht sich alles um die Ehe. Während die kochbegeisterte Protagonistin kurz davor steht, den Bund fürs Leben einzugehen, ist ihre Fotografin Gerda gerade dabei, sich scheiden zu lassen. Ihr Mann, ein erfolgreicher Arzt, reagiert darauf nicht gerade positiv. Er ist fest davon überzeugt, dass Gerdas Wiedereinstieg ins Berufsleben schuld an der Krise ist, und beginnt, im gemeinsamem Umfeld gegen Gerda zu hetzen und ihr das Leben schwer zu machen.
Gerda ist verzweifelt, vor allem, weil sie als Schuldige dasteht. Sie hat eine Affäre mit einem Drehbuchautor, was während des Scheidungsverfahrens nicht besonders gut ankommt. Ihr Mann nutzt dies natürlich prompt aus. Doch das nützt ihm nicht mehr viel, denn wenig später wird er in einem Steinbruch ermordet aufgefunden.
Der Verdacht fällt sofort auf Gerda, da der Tod ihres Exmanns ihr am meisten nützen würde. Mira glaubt selbstverständlich nicht an die Schuld ihrer Fotografin. Zusammen mit ihrer Putzfrau Vesna macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Schuldigen. Vesnas Ambitionen, Privatdetektivin zu werden, helfen den beiden Frauen, doch nicht alle Entdeckungen, die sie machen, entlasten Gerda …
Obwohl das Buch eine übergreifende Thematik besitzt, schafft Eva Rossmann es, ihre Leser nicht mit Gedanken über Hochzeit, Ehe und Scheidung zu erdrücken. Im Gegenteil redet sie klischeefrei und mit einem guten Auge für Details von der Liebe. Man fühlt sich nie belehrt oder bevormundet und zudem wird die Handlung dadurch nicht in die Länge gezogen, was wirklich eine beeindruckende Leistung ist. Der eigentliche Kriminalfall ist recht einfach, wird aber spannend dargestellt und passt gut zu Miras Amateurermittlungen, denn wenn wir ehrlich sind, dann würde ein Verschwörungsfall von internationalem Ausmaß etwas zu übertrieben für eine Wiener Journalistin sein. Rossmann geht genau den richtigen Weg, indem sie Mira einen recht alltäglichen Fall zuschiebt, den diese mit gegebenen Mitteln lösen kann. Dadurch wirkt die Geschichte sehr realistisch und natürlich.
Rossmann zeichnet ihre Protagonistin nicht als Superheldin, sondern als sympathische, witzige und manchmal forsche Journalistin, die ihre Nase gerne in die Angelegenheiten anderer steckt. Mira erzählt aus der Ich-Perspektive und lässt dabei immer wieder ihre eigenen, sehr tiefsinnigen, oft aber auch witzigen Ansichten einfließen. An der einen oder anderen Stelle wird sie auch mal wütend, aber alles wirkt wie aus einem Guss und direkt von der Hauptfigur erzählt.
So etwas funktioniert natürlich nur, wenn der Schreibstil mitspielt. Das tut er in diesem Fall. Eva Rossmanns Erfahrung als Journalistin schimmert immer wieder durch. Sie versteht es, mit einem großen Wortschatz und klaren Satzstrukturen einfach, aber dennoch unterhaltsam zu erzählen. Besonders ihr Sprachwitz und Miras humorvolle Bemerkungen sorgen für Höhepunkte im Erzählfluss. Der Plaudertonfall, den die Autorin anschlägt, ist insgesamt sehr angenehm und passt zur Persönlichkeit der Erzählerin, die stark im Vordergrund steht, die Geschichte aber nicht erschlägt.
„Verschieden“ ist ein einfach aufgebauter, aber wunderbar erzählter Krimi aus Wien, in dessen Mittelpunkt eine sehr sympathische, freche Journalistin steht. Ihre Gedanken verleihen der Geschichte sehr viel Frische und sorgen für das eine oder andere Lächeln beim Leser.
|237 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-404-15947-5|
http://www.bastei-luebbe.de
http://www.evarossmann.at
Graham, Patrick – Evangelium nach Satan, Das
War Jesus nur ein Mensch oder vielleicht wirklich der Sohn des einzigen Gottes? Vielleicht war er beides zugleich? Die Existenz des historischen Jesus ist zweifelsfrei durch die Forschung bewiesen. Seine Qualen am Kreuz sind uns durch verschiedene Quellen geschildert und finden auch ihren Platz in den vier offiziellen Evangelien. Doch sowohl diese Quellen als auch die Forschungsresultate und Schlussfolgerungen werden weiterhin hitzig diskutiert. Die Wahrheit über das Wirken Jesu und seinen Tod am Kreuz wird weiterhin nicht nur gläubige Christen, sondern auch Geschichts- und Religionswissenschaftler aus aller Welt beschäftigen.
Sein Opfer-Tod und das spätere Wirken seiner Jünger legten den Grundstein des am weitesten verbreiten Glaubens und bilden das Fundament des christlichen Abendlandes, wie wir es kennen. Die katholische Kirche und mit ihr der Vatikan bauten ausgehend von diesen Anfängen ihre wirtschaftliche, staatliche und natürlich religiöse Macht immer weiter aus und beriefen sich dabei vornehmlich auf die vier überlieferten Evangelien. Die Christen jeglicher Nationalität glauben an das göttliche Himmelreich, das ewige Leben und die Vergebung aller Sünden, die wir jemals begangen haben. Hoffnung ist etwas, das wir uns um jeden Preis bewahren wollen. Hoffnung auf Frieden, Liebe und Vergebung.
Doch was hätte uns die Kirche überliefert, wenn die Kreuzigungsgeschichte gänzlich anders verlaufen wäre? Der franco-amerikanische Autor Patrick Graham hat sich in seinem erstem Roman das über Nacht zu einem Bestseller geworden, ein ganz anderes Szenario ausgedacht.
_Inhalt_
Nach endlosen Qualen und Folter durch die römischen Soldaten wird Jesus auf Golgatha ans Kreuz geschlagen. Seinen Glauben hat er trotz aller Schmerzen nicht verloren, doch wenig später fühlt er sich von seinen himmlischen Vater im Stich gelassen und schwört in seiner Wut und Angst Gott ab. Vor den Augen seiner Mutter und den Römern verwandelt sich Jesus in einem dämonisch, brüllenden Janus, den König der Hölle und Gebieter über die dämonischen Herrscharen.
Diese grausam anmutende Überlieferung wurde niedergeschrieben und als „Evangelium nach Satan“ lange Jahre von der Kirche geheimgehalten. Die Veröffentlichung würde die Grundfesten des christlichen Glaubens und natürlich die Position Jesus als Gottes menschgewordenen Sohn erschüttern. Milliarden von gläubiger Menschen würden ihre Hoffnung auf Erlösung verlieren und die gesamte Welt in ein Chaos stürzen, dessen Auswirkungen schwer vorstellbar sind.
Doch Satan sieht seine Zeit gekommen, sein Evangelium zu veröffentlichen, ein Ziel, das er seit Jahrhunderten verfolgt. Seine Diener, allen voran der Seelendieb Kaleb, versuchen das Evangelium in die dämonischen Klauen zu bekommen. Unterstützt werden Satan und seine bösen Engel durch eine Geheimgesellschaft, deren Einfluss bis in die höchsten Kreise der Kirchenkurie reicht.
Maria Parks, Special Agent des FBI, wird ungewollt in die Suche nach dem „Evangelium des Satans“ und damit in ein dunkles und böses Spiel katapultiert. Ihre seltene Gabe, die nach einen verehrenden Unfall zutage trat, bei dem sie ihren Lebensgefährten und ihr Kind verlor, will sich Satan nutzbar machen. Diese Gabe ermöglicht es Maria, Opfer von Gewaltverbrechen in ihren letzten Minuten zu erspüren, alle Empfindungen wie Angst, Schmerz und Verzweiflung werden zu ihren eigenen. Nacht für Nacht wird sie von diesen für sie mehr als realen Träumen gemartert.
Doch diese opferreiche Gabe ermöglicht es Maria auch, als Profilerin beim FBI Massenmörder und Serienkiller aufzuspüren. Als in ihrem Geburtsort Hattiesburg vier junge Frauen spurlos verschwinden, übernimmt Maria den Fall und wird selbst bald Opfer des satanischen Serienmörders. Maria findet die Frauen, die lebendig ans Kreuz genagelt wurden, und sie selbst erleidet später das gleiche grausame Schicksal, wird aber in letzter Minute von Sonderkräften des FBI befreit und kann den Teufelsanbeter erschießen.
Wieder aus dem Krankenhaus entlassen und genesen, glaubt Maria nicht daran, dass dieser verrückte Satanist wirklich tot ist, auch wenn sie die Leiche auf dem Obduktionstisch gesehen hat. Bei ihren weiteren Ermittlungen stellt sich heraus, dass die ermordeten Frauen Nonnen waren und zu dem Orden der Weltfernen Schwestern gehörten. Dieser Orden hat es sich zur Aufgabe gemacht, für den Vatikan Texte und Schriften mit ihren Leben zu schützen, die gefährlich für das Christentum werden könnten, sollten sie in die falschen Hände fallen und veröffentlicht werden.
Maria recherchiert in der Vergangenheit und geht den Spuren Kalebs nach, die bis in das 13. Jahrhundert zurückreichen. In den Wirren der Pest verschwand das Evangelium des Satans, doch Kaleb war ihm immer dicht auf den Fersen. Zur Seite stand ihm dabei stets die geheime Bruderschaft mit dem Namen „Schwarzer Rauch des Satans“, zu der seit Jahrhunderten viele mächtige Männer und Frauen zählen, deren Ziel es ist, einen eigenen Papst auf den Stuhl Petri zu setzen.
Auf der Welt mehren sich derweil satanische Zeichen, und der vatikanische Exorzist Carzo hat alle Hände voll zu tun, doch durch seinen Vorgesetzten im Vatikan weiß er, worum es bei all dem Bösen geht. Gemeinsam mit Maria versucht er Satans Plan aufzuhalten.
_Kritik_
Ob man als Leser nun an Gott und den Teufel glaubt oder nicht, man kann sich vom dem vorliegenden Thriller durchaus fesseln lassen, doch bedarf es für die Lektüre starker Nerven. Nicht nur der Spannung wegen, sondern weil der Grad der geschilderten Brutalitäten bemerkenswert detailliert beschrieben wird und das Resultat durchaus als gewalttätiger Splatter durchgehen könnte.
Patrick Grahams Mysterythriller ist spannend, aber der Autor hat sich zu sehr auf die Gewaltszenen in seiner Story verlassen. Es offenbaren sich keine wirklich profunden Kenntnisse der Religionsgeschichte; sicherlich ist die Theorie einer Abkehr Jesus von Gottes Seite ein origineller Ansatz, wird aber in diesem Fall etwas zu phantastisch propagiert.
Es gibt zwei Handlungsstränge und zwei Zeitzonen in Grahams Erzählung. Im Prolog erfährt der Leser viel aus der Vergangenheit der Weltfernen Schwestern, die von dem Dämon Kaleb aufgesucht und hingeschlachtet werden, der auf der Suche nach der unheiligen Schrift ist. Ein spannender Teil wie auch die nachfolgenden Rückblenden in die Vergangenheit es zeigen. Die Gegenwart wird natürlich durch das Wirken der FBI Profilerin Maria Parks und den Exorzisten Carzo geprägt, die zwar erst jeder für sich versuchen, Satan aufzuhalten, doch irgendwann zusammenarbeiten müssen, um überhaupt eine Chance haben zu können. Marias Gabe bildet dabei die größte Kraft und effektivste Waffe gegen den alten Feind, die allerdings auch eine dunkle Seite hat.
Graham konzipierte seine Charaktere recht eindimensional, bis auf Maria Parks, deren Verzweiflung und innere Leere sehr gut zum Ausdruck kommen. Sie ist eine wahrlich verlorene Seele, die persönliche Verluste zu erleiden hatte und ihr Leben nun der Aufgabe widmet, grausamen Verbrechern das Handwerk zu legen. Ihre Visionen werden realistisch und nachvollziehbar präsentiert, ganz im Gegensatz zu der sonst recht abstrusen Handlung, die zudem noch selbst für einen phantastischen Thriller unglaubwürdig ist.
Carzo der Exorzist ist ihr gläubiger Partner bei dieser Jagd, der für seinen Glauben ebenfalls persönliche Opfer bringen muss und dabei recht stark auftritt. Leider erfährt man recht wenig von seiner Vergangenheit, doch er und Park geben in jedem Fall ein kraftvolles Duo ab.
Grahams große Leidenschaft soll sein Wissensdurst rund um die Religionswissenschaft sein, doch finde ich die Romangrundlage eher lückenhaft recherchiert und aufgearbeitet. Sein Wissen um die Vorgänge und Abläufe im Vatikan sowie den Exorzismus ist hierbei durchaus solide, bietet jedoch nichts Neues für den Leser.
Der Nervenkitzel und das Grauen entstehen nicht durch das boshafte und hintertriebene Wirken der Dämonen, sondern nur durch ihre grausamen und blutigen Taten, die manches Mal nur schwer zu ertragen sind; auch Marias Visionen aus der Sicht des leidenden Opfers sind regelrecht brutal. „Das Evangelium nach Satan“ präsentiert sich phasenweise wie eine unzensierte Fortsetzungsfolge „Akte X“ oder „Supernatural“, nur leider etwas unausgegoren, unverhältnismäßig komponiert und nicht konsequent durchdacht.
_Fazit_
Die Atmosphäre des Grauens wird in diesem Schmöker durch die beschriebenen Qualen und die Folter durch die Dämonen hervorgerufen, die ihre Opfer physisch verstümmeln und bis aufs Blut quälen, nicht jedoch durch langanhaltende und handwerklich trickreich aufgebaute Spannung, die konstant aufrechterhalten wird.
Der Klerus wird sich wegen dieses Romans nicht wirklich die spärlichen Haare raufen, denn weder beschreibt der Autor unvertraute Interna noch greift er eine Theorie auf, die inhaltlich so spannend und informativ dargestellt wurde, dass sie Fragen im Leser aufwerfen könnte. „Das Evangelium nach Satan“ ist lediglich ein weiterer, wenn auch recht spannender Thriller, der zahlreiche inhaltliche Lücken und in sich unlogische Fragestellungen aufwirft und daher in der Gesamtschau nur wenig unterhalten kann. Detailreiche und blutige Beschreibungen von Qual und Folter lassen sich aber wohl dennoch gut genug verkaufen.
_Der Autor_
Patrick Graham, geboren 1968, war bis zu einem Unfall Flugpilot und arbeitet seitdem als internationaler Unternehmensberater. Seine größte Leidenschaft gehört aber der Religionsgeschichte. Daraus resultiert auch sein Debütroman, „Das Evangelium nach Satan“, der ein internationaler Bestseller wurde und den begehrten „Prix Maison de la Presse“ erhielt. Zurzeit schreibt Patrick Graham seinen zweiten Thriller.
|Originaltitel: L’evangile selon Satan
Übersetzung: Adam Hall
651 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-442-37125-9|
http://www.blanvalet-verlag.de
Preyer, J. J. – Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung
_Holmes oder nicht Holmes_
Der Meisterdetektiv Sherlock Holmes hat sich in ein kleines Hotel in Sussex zurückgezogen. Er hat die 70 überschritten und ist so wohlhabend, dass er sein Hotelzimmer, weite Reisen und seine Wohnung in der Baker Street problemlos finanzieren kann. Zu seinen Freunden zählen neben Doktor Watson auch Stephen Moriarty, der Sohn eines seiner größten Widersacher.
Sherlock Holmes‘ beschauliches Leben als Hotelgast und Wahlonkel für den fünfjährigen Rory wird jedoch unterbrochen, als ihn der englische Geheimdienst wegen eigentümlicher Morde in der Shakespeare-Geburtsstadt Stratford-upon-Avon – die in Josef Preyers Roman „Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung“ als „Stratford-on-Avon“ (so der Name des zugehörigen Verwaltungsdistriktes) bezeichnet wird – konsultiert.
Dort wurde Literaturprofessor Jonathan Hall ermordet und zudem im wörtlichen Sinne mit einem Shakespeare-Zitat gebrandmarkt aufgefunden. Während Sherlock Holmes, Dr. Watson und Stephen Moriarty die Spur des Täters aufnehmen, die sie über Shakespeares Grab, London und Rom schließlich in eine Geheimkammer in den alten Königspalast nach Edinburg führt, werden noch mehr Morde dieser Art verübt, um das lange gehütete Geheimnis der wahren Identität von William Shakespeare zu bewahren.
J. J. Preyer reiht sich mit seiner wilden Mixtur aus Indianer Jones‘ Kristallschädeln, Dan Browns reißerischen Verschwörungstheorien und Shakespeare-Zitaten in eine Vielzahl von Sherlock-Holmes-Pastiches ein, welche Sir Arthur Conan Doyles Detektiv seit dem Wegfall des Urheberrechts in alle möglichen Länder der Welt, in den Weltraum und sogar in verschiedene Zeiten verschlagen hat. Der Autor kam über eine Trilogie von Freimaurer-Romanen auf den Stoff seines ersten Sherlock-Holmes-Romans „Holmes und die Freimaurer“ (2006). Mit „Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung“ betritt er ein literaturwissenschaftliches Feld voller Spekulationen und wählt mit dem Hauptbezug zu Shakespeares „Titus Andronicus“ ein Jugendwerk, das aufgrund seiner für Shakespeare untypisch flachen Charaktere, der bizarren Handlung und der unglaublichen Brutalität immer wieder Zweifel an der Urheberschaft hervorgerufen haben.
Referenzen auf „Titus Andronicus“ sind für einen Krimi durchaus geeignet, da das Stück praktisch nur aus Morden und anderen Gräueltaten besteht. Doch abgesehen davon wird seit dem 18. Jahrhundert zu beweisen versucht, dass William Shakespeare nicht der Autor der ihm zugeschriebenen Werke ist. Einige Thesen wie die unterschiedliche Schreibweise des eigenen Namens bei Unterschriften und die Tatsache, dass kein einziges handschriftliches Original erhalten geblieben ist, greift Preyer in seinem Roman auf. Doch entgegen der Tradition der Anti-Stratfordianer, deren Spekulationen über Francis Bacon und Christopher Marlowe bis hin zu Königin Elisabeth reichen, entwickelt Preyer eine neue spannende Idee, die durchaus schlüssig erscheint, wenn man sich mit dieser Problematik bisher nicht beschäftigt hat.
Der Autor schickt nun also Sherlock Holmes in das Rennen um die Auflösung der wahren Identität William Shakespeares und natürlich des Rätsels um den Mörder mit der offensichtlichen Affinität zu Shakespeares Werken. Neben Holmes gibt es weitere Ermittler: Dr. Watson ist in Stratford vor Ort. Stephen Moriarty und die Literaturwissenschaftlerin Myra Hall, deren Familie selbst von den Morden betroffen ist, reisen in Sherlock Holmes‘ Namen einer Spur der Shakespeare-Verschwörung nach Italien und Schottland hinterher. Des Weiteren ist ein zwielichtiger Archäologe namens Dan Symmons mit von der Partie. Auch in der starken Reisetätigkeit und dem daraus resultierenden Tempo erinnert der Roman eher an Thriller oder Spionagewerke.
Die Geschichte wird nicht traditionell von Dr. Watson, sondern von Stephen Moriarty erzählt. Somit muss der Autor sich zwar nicht mit einer Anlehnung an Doyles Erzählstil belasten, büßt jedoch einen Großteil Atmosphäre ein. Moriarty ist kein ehrfürchtiger Bewunderer des Detektivs, der wenigstens Bruchteile von dessen Glanztaten an die Öffentlichkeit übermitteln möchte, sondern schreibt aus psychologischen Gründen, die sich dem Leser jedoch nicht völlig erschließen, weil sie nur damit erklärt werden, dass er ein Problem mit seiner Abstammung vom „Napoleon des Verbrechens“ (Professor Moriarty) hat.
Obwohl Preyer sowohl mit Verweisen auf die Unsterblichkeit der Personen von Shakespeares Stücken als auch mit der Übertragung dessen auf die Unsterblichkeit von Sherlock Holmes sowie Erwähnungen von gewissen exzentrischen Marotten des großen Detektivs nicht geizt, gelingt es ihm nicht, seinen Holmes überzeugend darzustellen. Im Grunde hätte es hier auch jeder andere Name sein können, was jedoch weniger verkaufsfördernd gewesen wäre. Zudem arbeitet der Autor mit kurzen Szenen, abrupten Übergängen und wenigen Beschreibungen, so dass der Leser allein auf seine eigenen Vorstellungsfähigkeiten zu bauen gezwungen ist. Preyer setzt dabei entweder auf die Wirkung archetypischer Orte wie Grabkammern, traditionelle Theaterbauten und Hotelzimmer oder altbekannter Orte wie die Bakerstreet 221B. Was jedoch in einer Shortstory legitim ist, wirkt in diesem Roman eher, als mangle es dem Autor an literarischen Fertigkeiten. Sherlock-Holmes-Fans werden daher von „Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung“ weniger angetan sein als die Freunde von Verschwörungstheorien und temporeich verpackten Bildungshäppchen.
|Criminalbibliothek, Band 2
256 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-89840-278-1|
http://www.BLITZ-Verlag.de
Guthrie, Allan – Post Mortem
_Das geschieht:_
Robin Greaves, wenig erfolgreicher Kleinkrimineller im schottischen Edinburgh, ist beim aktuellen Coup, dem Überfall auf ein Postamt, stark abgelenkt: Sein Partner und bester Freund Eddie Soutar hat ihm Hörner aufgesetzt. Greaves will sich rächen, Eddie und die untreue Carol umbringen und die Beute für sich allein behalten.
Allerdings könnte es sein, dass Eddie und Carol umgekehrt ähnliche Pläne hegen. Man belauert einander, aber die Lage eskaliert an anderer Stelle, als der nervöse Greaves während des Postraubs eine Angestellte tötet: Aus dem (übrigens erfolgreichen Überfall) wurde Mord, der die Polizei sehr viel eifriger fahnden lässt.
Sein eigentliches Problem kennt das verkrachte Trio indes noch gar nicht: Die so unglücklich geendete Angestellte wurde abgöttisch von ihrem Sohn geliebt. Gordon Pearce ist ein schweigsamer Mensch, der seine Gefühle vor allem gewalttätig zeigt. Er hat wegen Mordes zehn Jahre gesessen und ist zurzeit als Schuldeneintreiber und Knochenbrecher für den Kredithai Cooper tätig. Kurz: Pearce ist niemand, den man sich zum Feind machen sollte.
Greaves ahnt nicht, dass Pearce eifrig nach ihm sucht. Er hat außerdem keine Ahnung, dass die beiden erfolglosen Privatdetektive Gray und Kennedy zufällig Wind vom Raub bekommen haben und planen, den Räubern das Geld abzulisten. Zu schlechter Letzt erscheint ein mordgieriger Psychopath auf der Szene. Es kommt, wie es kommen musste: Irgendwann kreuzen sich die Wege der Beteiligten mit ungemein ungesunden Folgen für Leib und Leben …
_Ein Trip nach Edinburgh … oder in die Hölle_
„Post Mortem“ – das ist ein spannender, rasanter, schwarzhumoriger Gangsterkrimi sowie eine perfekte Lektion für Pessimisten: Das Leben kann gar nicht so schlecht sein, dass es nicht noch schlimmer werden könnte. In dieser Hinsicht ist Autor Guthrie ungemein einfallsreich. Ihm fällt immer ein unerwarteter Haken ein, den die Handlung schlagen kann. Wer glaubt, dass die obige Inhaltsangabe zu viel verrät, sei beruhigt: Die richtig absurden Querschläge blieben unerwähnt …
Gangster bleiben unter sich; die ’normale‘ Welt haben sie nie kennengelernt, oft wurden sie bereits in ihr Milieu hineingeboren. Kriminell zu sein, ist kein moralisches Problem, sondern die typische Lebensform. Haftstrafen sind natürlich unbeliebt, werden aber einkalkuliert. Die Furcht vor dem Gesetz trifft sich mit dessen Gleichgültigkeit in einer breiten Grauzone. Längst hat die Polizei kapituliert. Wer es mit seinen Missetaten nicht übertreibt, bleibt in der Regel ungeschoren. Die Abspaltung einer ‚Unterschicht‘, die mit dem Rest der Gesellschaft nur mehr denselben Planeten teilt, ist für Guthrie offensichtlich eine feste Größe. Cooper, Pearce, Greaves und die anderen Figuren im „Post Mortem“-Trauer- und Schauerspiel existieren in ihrer Parallelwelt, in der die Rechte des Stärkeren und die ‚Regeln‘ des organisierten Verbrechens gelten.
_Pech ist eine feste Größe_
Verlierer sind Verlierer, und lehnen sie sich gegen ihr Schicksal auf, geraten sie erst recht in Bedrängnis: Die Welt des Allan Guthrie ist kein erfreulicher Ort. Verbrechen lohnt sich hier nur für den schlauen, rücksichtslosen Cooper, der seine ebenso kriminellen aber weniger gut aufgestellten Zeitgenossen über den Tisch zieht und ausbeutet.
Sie erwarten freilich gar nichts anderes und fügen sich in ein System, das sie entweder ignoriert oder als nutzlosen Menschenballast aussortiert, was Guthrie zu interessanten, aber erschreckenden Figurenzeichnungen inspiriert. Pearce sehnt sich verzweifelt nach Zuneigung. In der Trübsal, die seine Alltagswelt darstellt, hat er sich einen bizarren persönlichen Ehrenkodex erhalten, der die Unterstützung der Schwachen ebenso vorsieht wie blutige Rache für Muttermord. Pearce hat nie gelernt zu differenzieren; auf Herausforderungen reagiert er stets heftig. Die Folgen sind entsprechend spektakulär: |“Hinter den Scheiben im Café im Erdgeschoss saßen kleine Gruppen um Tisch. Sie aßen, tranken, plauderten und lachten. Sorglos, unbekümmert, zufrieden … Am liebsten wäre Pearce vom Bus gesprungen und hätte durch das Glas Backsteine auf die grinsenden Wichser geschmissen, ihr behagliches Leben mit etwas Schrecken versetzt, die hauchdünne Membran zwischen Freude und Schmerz zerfetzt.“| (S. 183)
Greaves ist, obwohl intellektuell ein wenig besser gestellt als Pearce, das bösartige Gegenstück zu diesem. Seine ganze Liebe galt einst der klassischen Musik, denn Greaves stand am Beginn einer großen Karriere als Pianist, bis eine Krankheit ihm buchstäblich die Hände lähmte. Ohne Stütze durch die Familie, ist er immer tiefer gerutscht – wie tief, das enthüllt uns Guthrie in einem brillanten Schlusstwist, der zwar ziemlich abgehoben ist, aber zur angenehmen Abwechslung endlich einmal wirklich überraschen kann.
_Unglück kann unterhaltsam sein_
Das könnte alles sehr trübsinnig stimmen und auch im entsprechenden Mollton geschrieben sein, ist es erfreulicherweise aber nicht. „Post Mortem“ ist reich an einem derart staubtrockenen Humor, dass man sich oft fragt, ob die entsprechende Passage komisch sein sollte: |“Während Roy [ein Gastwirt] auf Antwort wartete, sagte er: ‚Nur so interessehalber, ihr seid nicht zufällig daran interessiert, einen lebenden Hummer zu kaufen? … Kumpel von mir hat’n Dutzend Hummer, die er verticken will … Ich hab gesagt, ich hör mich mal um.'“| (S. 221)
Pearce balanciert auf einem schmalen Grat zwischen Irrwitz und Irrsinn, wenn er sich blind und taub für gesellschaftliche Regeln oder Gesetze seinen Weg bahnt. Als Greaves zum Mörder wird, geschieht dies unter so bizarren Umständen, dass man sich das Lachen kaum verbeißen kann. Eddie Soutar, der scheinbar schamlose Ehebrecher, muss zu seinem Verdruss die schöne Carol als durchtriebenes Psycho-Wrack mit panischer Sexfurcht entdecken. Im ohnehin zunehmend von der Tücke des Objekts bestimmten Spiel mischen auch noch zwei Privatdetektive mit, die in jeder Beziehung keine Zierden ihres im Krimi-Genre meist hoch gelobten Berufsstands sind.
_Klingt das nicht recht vertraut?_
„Post Mortem“ – was soll eigentlich dieser nichtssagend ‚übersetzte‘ Titel, der sich mit dem Inhalt nur über viele Ecken gedacht halbwegs in Einklang bringen lässt? – liest sich ausgesprochen unterhaltsam. Dennoch stellt sich im Laufe der Lektüre eine gewisse Irritation ein: Dieser Roman liest sich über weite Strecken wie eine Variation von Guthries [„Abschied ohne Küsse“ 5086 („Kiss Her Goodbye“), der indes erst ein Jahr später als „Post Mortem“ und nur in Deutschland vor dem Vorgänger erschien.
Es liegt nicht nur daran, dass beide Krimis in der gleichen Welt spielen. Pearce wirkt wie ein etwas ‚zivilisierterer‘ Bruder von Joe Hope („Abschied“); Ailsa Lillie spiegelt sich in Tina, der Nutte mit dem gusseisernen Herzen (bzw. umgekehrt); Wucherer Cooper tritt sowohl in „Post Mortem“ als auch in „Abschied“ auf.
Man könnte argumentieren, dass sich in der privaten, isolierten Edinburgher Unterwelt, die sowohl Pearce als auch Joe Hope ‚beheimatet‘, die Ereignisse quasi wiederholen müssen. Möchte man das trotzdem zweimal lesen? Ja, möchte man, denn im letzten Drittel gewinnt „Post Mortem“ ein eigenes Profil.
Letztlich ist Guthries Erstling der ‚bessere‘ Roman. Obwohl ihre diversen Stränge lange nebeneinander herlaufen, ist die Handlung dichter, und sie fügt sich zu einer perfekten Geschichte. Der Autor ignoriert den auch im modernen Krimi leider üblich gewordenen Hang zum Wortschwall und ist – der Kalauer sei gestattet – im Ausdruck geizig wie ein Schotte, trifft aber immer präzise auf den Punkt. Obwohl sich die Ereignisse bald förmlich überschlagen, kommt Guthrie denn auch nach nicht einmal 300 großzügig bedruckten Seiten zum Ende. Hut ab!
Die deutsche Ausgabe von „Post Mortem“ ist nicht nur stolze einhundert Seiten stärker als das Original, sondern auch fest gebunden. „Abschied ohne Küsse“ erschien noch in der Reihe „Hard Case Crime“ als Taschenbuch. Der Titel war offensichtlich erfolgreich genug um den Versuch zu wagen, Guthrie ‚auszugliedern‘, sein Werk preislich höher anzusetzen sowie es dort im Verlagsprogramm zu platzieren, wo es die ’seriöse‘ Kritik eher zur Kenntnis zu nehmen geruht.
_Autor_
Allan Guthrie wurde 1965 als Allan Buchan auf den schottischen Orkney-Inseln geboren. Die meisten Lebensjahre verbrachte er indes in der Großstadt Edinburgh, wo er noch heute wohnt und arbeitet.
Einen ersten Roman stellte Guthrie bereits 2001 fertig. Er arbeitete zu diesem Zeitpunkt in der Filiale einer britischen Buchhandelskette. Einen Verlag fand er lange nicht, erst 2004 wurde Guthries Debüt unter dem Titel „Two Way Split“ veröffentlicht; dies freilich nicht in England, sondern in den USA. Auch „Kiss Her Goodbye“ erschien 2005 jenseits des Atlantiks in der Reihe der „Hard Case Crimes“. Da diese sich auch in England einiger Beliebtheit erfreute, wurde Guthrie endlich auch im eigenen Land zur Kenntnis genommen; dass „Kiss Her Goodbye“ sowohl für einen „Edgar Allan Poe Award“ als auch für einen „Anthony“ und einen „Gumshoe Award“ nominiert wurde, dürfte mit eine Rolle gespielt haben.
Allan Guthrie ist dem ’schwarzen‘ Krimi treu geblieben. Seine Romane spielen in einem gemeinsamen Kosmos. Die Hauptpersonen des einen Buches können jederzeit als Nebenfiguren in einem anderen Werk auftreten. Inzwischen gilt Guthrie als neue, aber etablierte Stimme des englischen bzw. schottischen Kriminalromans, was er mit einer wachsendem Zahl von Literaturpreisen belegen kann.
_Impressum_
Originaltitel: Two-Way Split (Rockville/Maryland : Point Blank Press 2004/Edinburgh : Polygon, an imprint of Birlinn Limited 2005)
Übersetzung: Gerold Hens
Dt. Erstausgabe (gebunden): September 2008 (Rotbuch Verlag)
285 Seiten
EUR 16,90
ISBN-13: 978-3-86789-043-4
http://www.rotbuch.de
_Mehr von Allan Guthrie auf |Buchwurm.info|:_
[„Abschied ohne Küsse“ 5086
[„Abschied ohne Küsse“ 5272 (Hörbuch)












