
Alljährlich wird die begehrte Auszeichnung des Nebula Awards von der Schriftstellervereinigung der SFWA vergeben, den Science Fiction & Fantasy Writers of America. Die Kategorien sind: Novel, Novella, Novelette, Short Story. Bereits die Nominierung für eine dieser Kategorien wird als Auszeichnung angesehen – und ist auch gut für den Marktwert des jeweiligen Autors. Die prämierten wie auch die nominierten Werke tauchen in den publizierten Listen stets immer wieder auf, so bleiben die guten Namen in Erinnerung.
Die Herausgeberin
Connie Willis, die Herausgeberin, ist selbst Autorin vieler prämierter Stories und Romane. Sie versammelt in diesem Band die entsprechenden Texte, die bei der Preisverleihung von 1997 ausgezeichnet wurden. Als Author emeritus präsentiert sie diesmal Nelson Bond, der auch bei uns als Autor witziger, hintersinniger Stories aus den 40er und 50er Jahren bekannt wurde. Und Grand Master ist diesmal Poul Anderson, einen der besten und produktivsten Autoren der genres Science Fiction und Fantasy. Beide werden mit ihren Werken und einer Art Laudatio vorgestellt, u.a. von Jack Williamson (92).
Ein außergewöhnlicher Teil der Beiträge stellt die Preisträger des Rhysling Awards vor. Dieser gilt Science Fiction-Texten in Gedichtform. Einer der beiden Texte porträtiert die Autorin Anne McCaffrey beim Einmachen von Tomaten, während sie ein UFO entdeckt.
Außerdem: Essays von Jack Williamson, Kim Stanley Robinson, Ellen Datlow, Sheila Williams, Cynthia Felice, Michael Cassutt, Geoffrey Landis, Beth Meacham, Wil McCarthy und Christie Golden.
Die Erzählungen
1) Vonda McIntyre erhielt für ihren Roman „The Moon and the Sun“ (deutscher Titel: „Am Hofe des Sonnenkönigs“, erschienen bei Bastei-Lübbe) den begehrten Preis. Zur Zeit von Ludwig XIV. von Frankreich fängt ein Forscher eines der legendären Seeungeheuer ein und bringt es in die Parks des Königs. Das Geschehen wird aus Sicht der Schwester des Forschers erzählt, mit Ironie und höchst anschaulich und kenntnisreich. Die Geschichte wurde inzwischen verfilmt.
2) Jane Yolen hat mit „Sister Emily’s Lightship“
….eine nette Skizze über die amerikanische Dichterin Emily Dickinson gezeichnet – mehr aber auch nicht. Die gute Emily sieht ein helles Licht am Nachthimmel, ist aber am nächsten Tag die gleiche. Die Story ist ein Fall fürs Mehrmalslesen.
3) Yolens Kollegin, die sehr geachtete Autorin Karen Joy Fowler, lieferte mit „The Elizabeth Complex“ ein literarisches Experiment ab, in dem sie die Fakten und Meinungen zu drei verschiedenen Elisabeths in der Geschichte miteinander vermischte, u.a. von Elisabeth I. von England und von Elizabeth Taylor. Das Ergebnis ist absolut faszinierend, aber – natürlich – auch voller Widersprüche. (Vor ihr führte Joanna Russ in „Eine Weile entfernt“ (dt. bei Ariadne/Argument-Verlag) das gleiche Experiment durch. Ein Vergleich wäre reizvoll.)
4) Jerry Oltions Novelle „Abandon in place“
… ist eine tolle Raumfahrerstory, die von A bis Z Spaß macht. Lange nach dem Ende des Apollo-Programms starten auf Cape Canaveral drei verschiedene Saturn V Raketen, mit niemand an Bord und offenbar ohne Treibstoff oder Steuerung! Diese Geisterraketen fliegen zweimal zum Mond, doch als es Zeit ist, dass Menschen die Kontrolle übernehmen, verschwinden die Fluggeräte.
Der Held der Story erkennt sofort verwegen, was seine Aufgabe ist und geht an Bord, um die dritte Rakete zu steuern. Vom Space Shuttle nimmt er im Orbit zwei Astronautinnen an Bord, die ihm helfen. Es folgen ein erfolgreicher Flug und eine Landung auf dem Mond-Südpol. Stets herrscht die Angst vor, dass die Geisterrakete verschwindet wie ein Geist, aber auch dieses Problem – ein psychologisches – bekommt man in den Griff.
Ein unterhaltsames Garn, das der Autor schon längst zum Roman ausgebaut hat.
5) Gregory Feeleys Story „The Crab Lice“
…ist eine m.E. relativ belanglose philosophische Kabbelei zwischen antiken Gestalten.
6) Die alte Erzählung von Autor emeritus Nelson Bond „The Bookshop“ passt zu „Abandon in place“. Es geht um einen geisterhaften New Yorker Buchladen mit einer besonderen Kundschaft.
7) Grand Master Poul Anderson ist mit der Erzählung „The Martyr“
…vertreten, die ebenfalls dazu einlädt, zweimal gelesen zu werden. Die Menschen haben auf ihrer Expansion in den Kosmos Vertreter einer Spezies gefangen genommen und untersucht, die zu Telepathie und Telekinese in der Lage ist. Die Fähigkeiten wollen die Menschen auch, aber die Aliens verweigern sich. Ein Märtyrer tritt auf und stirbt. Er stellt die Frage, ob diese Fähigkeiten für den Menschen gut wären und verneint.
Das letzte Quartet von Erzählungen befasst sich mit ebenso ernsten Themen.
8) Da wäre zunächst die theaterhafte Alternativwelt-Geschichte von James Alan Gardner mit dem Titel „Three hearings on the existence of snakes in the human bloodstream„. Bei der Erfindung des Mikroskops muss sich der Erfinder Leeuwenhoek vor einem Tribunal fragen lassen, ob ihm bewusst sei, dass er zu der Entdeckung von Schlangen in der Blutbahn des Menschen beigetragen habe. Die Schlange sei doch das Symbol des Teufels. Doch bei manchen Menschen seien keine Schlangen im Blut zu entdecken (sie haben einen anderen Gerinnungsfaktor). In der Folge kommt es zu einem verhängnisvollen Schisma in der Glaubensgemeinschaft, aber auch in der Verbreitung des Erbguts. Vor dem McCarthy-Tribunal sieht sich eine Ärztin daher vor die Wahl gestellt, die Papisten (die mit der Schlange im Blut) endgültig auszurotten oder…
Gardner zeigt deutlich, wie sehr wissenschaftliche Entdeckungen moralisch-ethische Verantwortung mit sich bringen. Verantwortungslosigkeit kann zu Völkermord führen.
9) Michael Swanwick hat sich die zahllosen Entlassungen von Arbeitern angesehen und die Entwicklung konsequent zu Ende gedacht. In „The Dead“ macht sich ein Konzern daran, Verstorbene zu reanimieren und als billige, widerstandsfähige und widerspruchslos gehorchende Arbeitskräfte anzubieten. Der Erzähler selbst, der noch skrupel hat, bekommt eine Tote als Gespielin angeboten und rastet aus. Doch entweder er spielt das Totenspiel mit oder wird selbst auf der Strecke bleiben.-
Hammerhart und trostlos.
10) Nancy Kress erzählt in ihrer Kurznovelle „The Flowers of Aulit Prison“
…. von der Angehörigen einer Rasse auf einer von Menschen besuchten Welt. Uli Pek hält sich für eine schlaue Informantin ihrer Regierung, doch leidet sie an der Erinnerung, ihre Schwester getötet zu haben. Nach Definition ihrer Gesellschaft ist sie dadurch „tot“ bzw. „unreal“. Kurz danach erfährt sie von einem inhaftierten menschlichen Arzt, dass ihre eigene Regierung Experimente mit Kindern macht, wobei Erinnerungen künstlich eingepflanzt werden. Ziel dabei: die Vertreibung der Menschen von der Welt.- Die Erzählung ist ein schönes, anrührendes Beispiel dafür, wie die Welt-Anschauung eines Lebewesens auf den Kopf gestellt wird. Uli Pek ist dennoch in der Lage, weiterhin zu existieren, obwohl sie „unreal“ bleibt.
11) James Patrick Kelly ist einer der erfolgreichsten Story-Autoren der 80er und 90er Jahre. Geschrieben in einem Werkstattkurs für Literatur, ist seine Story „Itsy Bitsy Spider“ ein eindrucksvolles Beispiel für seine Kunst. Der Titel verweist auf einen Kinderreim von einer kleinen Spinne. Das Thema ist jedoch ernst. Die Tochter eines Schauspielers hat ihren Vater verlassen. Erst nach dem Tod ihrer Mutter besucht sie ihn im Altenheim, wird aber von einer jüngeren Kopie ihrer selbst empfangen!
Die Androidin erklärt der erschütterten Tochter, was sich inzwischen ereignet hat. Ihr verwirrter Vater gibt den „King Lear“ zum besten, die Geschichte von jenem König, der von zwei ungetreuen Töchtern getäuscht und von der treuen viel zu spät über sein Unrecht, dass er sie verstieß, aufgeklärt wird. Der Moment, als Schauspielkunst und Realität einander überlappen, ist sehr bewegend.-
Dies ist eine der besten Androidengeschichten überhaupt.
Unterm Strich
Ein solches Werk wie die vorliegende Anthologie ins Deutsche zu übersetzen, ist fast nicht vorstellbar. Wer hätte hierzulande schon Interesse an amerikanischer Science Fiction & Fantasy-Stories? Es ist leider nur eine kleine Elite, wie die sinkenden Verkaufszahlen und steigenden Publikationsabstände entsprechender Anthologien wie „Asimov’s Science Fiction“ und „Magazine of Fantasy & Science Fiction“ zeigen. Außer Heyne leistet sich kein anderer Verlag solche Titel in seinem Programm. Das macht Anthologien wie „Nebula Awards 33“ umso kostbarer.
Taschenbuch: 272 Seiten
Houghton Mifflin Harcourt, San Diego/Boston, 1999
ISBN 9780156006019
Houghton Mifflin Harcourt (Bücher & Software)
Der Autor vergibt: 



