Georges Simenon – Maigret und die alte Dame (Maigret Nr. 33)

Der Kommissar wird verführt

Eine reizende alte Dame ruft Kommissar Maigret in ein Seebad in der Normandie zu Hilfe, nachdem ihr Dienstmädchen gestorben ist, weil es vom vergifteten Schlaftrunk ihrer Herrschaft gekostet hat. Nun fürchtet die alte Dame, die als Tochter eines Fischers in jenem Ort geboren worden war, in den sie Jahrzehnte später als reiche Frau zurückkehrte, dass der Anschlag ihr gegolten hat. Erst vor wenigen Tagen fand sich zu ihrem Geburtstag die gesamte Familie ein, deren Mitglieder, wie Maigret bald herausfindet, nicht alle gut auf die alte Dame zu sprechen sind. (Quelle: Wikipedia)

„Maigret und die alte Dame“ (französisch: Maigret et la vieille dame) ist der 33. Roman einer Reihe von insgesamt 75 Romanen und 28 Erzählungen um den Kriminalkommissar Maigret. Vom 29. November bis 8. Dezember 1949 in Carmel-by-the-Sea entstanden, wurde der Roman im Folgejahr vom Verlag Presses de la Cité veröffentlicht. Die erste deutsche Übersetzung von Hansjürgen Wille und Barbara Klau erschien 1954 bei Kiepenheuer & Witsch. 1978 veröffentlichte der Diogenes Verlag eine Neuübersetzung von Renate Nickel. (Wikipedia)

Der Autor

Georges Joseph Christian Simenon (* 12. Februar 1903 in Lüttich; † 4. September 1989 in Lausanne) war ein belgischer Schriftsteller. Bekannt wurde er vor allem als Autor von insgesamt 75 Kriminalromanen um die Figur des Kommissars Maigret. Daneben verfasste Simenon über 100 weitere Romane und 150 Erzählungen unter seinem Namen sowie knapp 200 Groschenromane und mehr als 1000 Kurzgeschichten unter verschiedenen Pseudonymen. Er schrieb in französischer Sprache und verwendete bis zum Erfolg unter eigenem Namen hauptsächlich das Pseudonym Georges Sim.

Simenon schrieb insgesamt 75 Kriminalromane und 28 Erzählungen (E), deren Hauptfigur Maigret ist, ein Kommissar der Pariser Kriminalpolizei. Die Auflistung der deutschen Ausgaben beschränkt sich auf die verbreiteten Übersetzungen, die für die Maigret-Reihen von Kiepenheuer & Witsch (KiWi) und Diogenes angefertigt und für die Ausgaben anderer Reihen (Heyne und Edito-Service) weiterverwendet wurden. Berücksichtigt sind teilweise auch frühere Erstveröffentlichungen wie die Übersetzungen aus den 1930er Jahren der Schlesischen Verlagsanstalt (SVA). Die Reihenfolge der Wikipedia-Tabelle entspricht der Publikationsreihenfolge der französischen Originale gemäß der Bibliografie von Claude Menguy. Seit 2018 erscheinen neue Übersetzungen im Schweizer Kampa-Verlag.

75 Maigret-Titel aufzulisten, wäre sinnlos. Die Wikipedia.de bietet dafür eine übersichtliche Tabelle, die sämtliche Übersetzungen erfasst.

Handlung

Madame Valentine Besson sucht Maigret in seinem Büro in Paris auf. Die alte Dame behauptet, sie habe vom berühmten Kommissar Maigret gehört und bittet ihn, einen rätselhaften Mordanschlag auf sie aufzuklären, denn sie fühle sich ihres Lebens nicht mehr sicher. Sie lebt als Witwe in ihrer kleinen Villa an der Küste der Normandie, nahe Etretat und Fécamp, wo andere Urlaub machen. Und zwar allein mit ihrem Hausmädchen Rose, nachdem alle drei Kinder und Stiefkinder schon erwachsen und aus dem Haus sind.

In besagter Mordnacht lehnte sie ihren üblichen Schlaftrunk vor dem Zubettgehen ab, weil er ihr zu bitter war. Es ist anzunehmen, dass die junge, treue Rose ihn an ihrer Statt austrank. Nach Krämpfen und Schmerzensschreien verstarb Rose Trochu noch in der gleichen Nacht, so dass der Dorfarzt nur noch ihren Tod feststellen konnte.

Ankunft

Als Maigret mit dem Zug eintrifft, fühlt er sich in seine Kindheit zurückversetzt. Er verabredet sich mit Inspektor Castaing, der extra aus Le Havre angereist ist, um schon Vernehmungen auszuführen und Fakten abzuklopfen. Er hat sichtlich Mühe, den Ablauf der Ereignisse richtig auf die Reihe zu bekommen. Denn Madame Valentine hat eine Tochter namens Arlette Sudre aus erster Ehe und zwei Stiefsöhne aus zweiter Ehe, Theo und Charles. Arlette sei gegenwärtig bei ihrer Mutter zu Besuch, offenbar auch in der Tatnacht. Sie sei zwar verheiratet, gehe aber offenbar fremd. Spuren eines weiteren Mannes wurden in der Villa gefunden.

Madame Besson

Hm, alles noch kein Mordmotiv, es sei denn, Madame Besson hätte ein Vermögen zu vererben. Hat sie aber nicht, wie sich im langen Gespräch, das Maigret mit ihr führt, herausstellt. Sie breitet unbefangen und ohne Umschweife ihr ganzes langes Leben vor ihm aus. Ihr erster Gatte war offenbar der Erfinder der seinerzeit bekannten Gesundheits- und Schönheitssalbe „Juva“ gewesen und machte damit ein Vermögen. Er verlor es wieder und starb. Sie heiratete erneut, und auch bei Ferdinand Besson, der vor fünf Jahren starb, lief es nicht so gut, heute ist sie Witwe. Immerhin ist Charles, einer ihrer Söhne, Abgeordneter, wohingegen Theo ein mittelloser Tagedieb und Herumtreiber sei, der von seinen Bekannten ausgehalten werde.

Keines der Kinder scheint ein Motiv zu haben, zumindest die arme Rose um die Ecke zu bringen. Liegt also wirklich eine Verwechslung vor? Falls ja, besteht die Gefahr noch immer.

Unmoralisches Angebot

Arlette Sudre lauert Maigret in seinem Hotel auf, um ihm auf den Zahn zu fühlen. Er ist wie immer zugeknöpft, so dass sie selbst ihm Rede und Antwort stehen muss. Sie gehe seit dem ersten Monat ihrer Ehe, die sie seit 18 Jahren und ihrem 20. Lebensjahr führe, fremd. Na, und? Sie habe es sogar bei Theo versucht, doch der wies sie ab, der Schuft. Und der Lover in der Tatnacht, will Maigret wissen. Ein gewisser Hervé Peyrot, seines Zeichens Weinhändler aus der Region. Als sie in der Villa zusammen waren, hörten sie mitten in der Nacht Roses Schmerzensschreie, so dass Hervé sofort Reißaus nahm. Er wollte nicht von den Flics ertappt werden. Zu guter Letzt bietet sich Arlette auch dem Herrn Kommissar an. Er lehnt dankend ab, denn er ist ja glücklich verheiratet.

Ungereimtheiten

Castaing hat endlich die Ergebnisse der Obduktion: Es war Arsen. Gift bekanntlich die bevorzugte Tötungsmethode von Frauen, aber Maigret versucht, unvoreingenommen zu ermitteln. Er findet heraus, dass Charles wie auch Theo medizinische bzw. chemische Kenntnisse besitzen, aber wo hätten sie dann das Arsen aufgetrieben.

Als er mit Charles über die Familie Besson spricht, beginnen sich Animositäten zwischen Frauen abzuzeichnen. Valentine versus Arlette – das wusste er bereits. Aber diese beiden versus Mimi, der Frau von Charles, sowie deren Mutter, die derzeit im Sterben liegt? Unbekanntes Terrain. Stutzig macht ihn jedoch Charles‘ Behauptung, er selbst habe den Justizminister gebeten, Maigret auf diesen Fall anzusetzen. Seine Mutter Valentine lese ja gar keine Zeitung und höre auch kein Radio. Woher wusste sie also, wo sie einen ganz bestimmten Kommissar auftreiben konnte? Und zu welchem verborgenen Zweck?

Der Herzog von Windsor

Als nächstes Familienmitglied sucht Maigret Theo, den Bruder von Charles. Die Suche ist nicht einfach, denn der treibt sich meist in irgendeiner Bar herum. Und er tritt stets als Gentleman auf, selbst wenn er keiner ist. Maigret kapiert nach einer Weile, wem Theo nacheifert: Es ist der Herzog von Windsor, vom Scheitel bis zur Sohle. Dieser Fassade widerspricht allerdings ein wenig, dass sich Theo mit einem Fischersohn namens Henri Trochu abgibt, und der ist der Bruder der verstorbenen Rose. Mit der habe er sich „zwei oder drei Mal getroffen“, gibt Theo ungerührt zu. Aber die beiden miteinander trieben, verrät der Gentleman nicht.

Diese Entdeckung veranlasst Maigret schließlich, auch die Fischersfamilie Trochu in deren Hütte im Hafenviertel zu besuchen. Sie sind allesamt sehr zugeknöpft, selbst die Kinder, und über Rose haben sie wenig Gutes zu sagen, als wäre sie eine Abtrünnige. Schließlich aber kann er nach Roses hinterlassenen Habseligkeiten fragen. Die meisten sind noch da, die restlichen haben sie schon verkauft. Da ist noch das Tagebuch, mit keinen besonderen Einträgen vor der Tatzeit. Zu guter Letzt wird in einem Schuh ein hübscher grüner Stein gefunden, der funkelt – und viel zu wertvoll für diese einfache Hütte ist.

Noch in der gleichen Nacht gibt es vor der Villa von Madame Besson eine zweite Leiche…

Mein Eindruck

Die Menschen stehen wie immer bei Simenon im Vordergrund. Diesmal sind zwei Generationen aus der Normandie vertreten, ja, sogar drei, wenn man Maigret als Kind hinzunimmt. Diese Generationen umfassen die Bessons und die Trochus, und daraus ergibt sich der ganze Konflikt. Es sind mehrere Aufstiege zwischen diesen beiden Gesellschaftsschichten zu verzeichnen, und Maigret (sowie der Leser) hat seine liebe Not, alle Figuren im Blick zu behalten.

Madame Besson stammt nämlich ursprünglich aus der gleichen einfachen Schicht wie die Trochus. Valentine wird mehr zufällig die Frau eines Mannes, der reich wird, dann die eines zweiten. Als Rose Trochu in ihre Dienste tritt, steckt sie ihre Nase in die Bücher der fein ausgestatteten Bibliothek. Sie liest die Klassiker und die Philosophen, und dann ist da ja noch Madame als Vorbild. Rose möchte ebenfalls aufsteigen. Ihre Bekanntschaft mit Theo Besson hat sie vielleicht dazu verleitet, Dinge zu tun, die Madame nicht mehr tolerieren konnte. Woher stammte denn der funkelnde grüne Stein der Trochus, wenn nicht von Madame, fragt sich Maigret.

Charles ist aufgestiegen, er ging in die Politik, doch Theo, sein Bruder, ist zwar der stilistische Aufstieg gelungen, so dass er viele „Freunde“ wie Henri Trochu hat, doch wirtschaftlich ist er am Boden. Und deren Stiefschwester Arlette trägt ebenfalls eine Fassade zur Schau, die der ehrbaren, treuen Ehefrau. Doch insgeheim sucht sie so viele sexuellen Abenteuer, wie sie kann. Sie schreckt nicht davor zurück, sich dem Kommissar anzubieten, um ihn zu verführen. Sie erinnert an Madame Bovary.

Diese aufschlussreiche Analyse der Gesellschaft auf dem Lande zeigt Familien im Auf- und Zusammenbruch, die aber wiederum einen Teil der französischen Gesellschaft widerspiegelt. Von den kindlichen Sommerträumen, die Maigret als kleiner Junge erlebte, ist nichts mehr übriggeblieben. Schuld ist aber nicht der überstandene Krieg, der praktisch nie erwähnt wird, obwohl hier mal eine Invasion stattfand, der D-Day. Nein, schuld ist die Unfähigkeit der Familienväter, auch nur ein einziges Unternehmen erfolgreich weiterzuführen, so dass ihre Kinder ein Auskommen haben. Diese Kinder leben nun von Erbschaften – und Erbstücken wie dem Smaragd.

Das Scheitern der Emporkömmlinge bleibt aber auch die Arbeiterklasse nicht unberührt. Rose Trochu wollte bei den Bessons aufsteigen, was ihr die Ablehnung ihrer Familie eintrug – und womöglich auch ihren Tod herbeiführte. Doch nun schickt sich ihr Bruder Henry mit Theo Bessons „Hilfe“ an, es ihr nachzutun. Stets geht es um Haben und Nichthaben, um Gier und Hoffnung. Arlettes Hoffnung muss schon früh gestorben sein, und was sie dem Kommissar erzählt, gehört wohl zum Traurigsten, was Simenon je zu Papier brachte.

Die Übersetzung

Die fast 50 Jahre alte Übersetzung aus dem Jahr 1978 ist renovierungsbedürftig. Die Übersetzung des Kampa-Verlags beruht auf der von 1954, mit etwas Auffrischung.

S. 143: „Kühe blökten am Zaun“: Es sind Schafe, die blöken, denn Kühe muhen.

S. 155: Maigret lässt sich von einem Taxi zur Fischerhütte der Trochu fahren und bittet den Fahrer, auf ihn zu warten. Für die Rückfahrt in die Stadt Etretat nutzt Maigret kein Taxi, sondern einen „Wagen“. Es bleibt völlig unklar, ob das nun das gleiche Taxi ist oder nicht. Solche Details sind in einem Krimi von Bedeutung.

Unterm Strich

Wie so viele seiner Krimis ist auch dieser die Analyse einer Gesellschaft im Umbruch. Anders als im Hotel „Majestic“ finden sich hier aber keine Ausländer, denn die Tage der Seebäder à la Deauville sind schon längst vorbei. Die zweite Generation ist dabei, mehr oder weniger spektakulär zu scheitern. Die Trennlinie zwischen den Neureichen à la Besson und den Arbeitern à la Trochu ist aber immer noch deutlich. Sie gewährt letzteren keine Hoffnung auf Aufstieg, denn gerade für Frauen existiert immer noch eine gläserne Decke. Und wer einmal oben angekommen ist, verteidigt seine Position mit Zähnen und Klauen – oder mit Gift und Blei…

Viele Leser haben bemerkt, wie feingliedrig die Handlungsstränge miteinander verwoben sind. Die Ermittlung scheint nicht voranzukommen, und ein Provinzermittler wie Castaing hat eh keine Chance. Er als Maigret alle Puzzlesteinchen beisammen hat, könnte er einen Täter benennen. Doch da gibt es eine zweite Leiche, und er muss sein Urteil womöglich revidieren.

Auf jeden Fall macht ihn dies so wütend, dass wirklich zu guter Letzt alle Contenance verliert und anklagende Sätze brüllt. Spricht aus ihm nur die Enttäuschung über den Verlust der normannischen Sommerträume oder wirklich die Wut über die Immoralität der Emporkömmlinge? Vielleicht sogar beides? Das zu beurteilen, überlässt der Autor dem Leser.

Im Vergleich mit dem „Majestic„-Fall mangelt es diesem Krimi deutlich an Spannung. Doch dafür punktet der Autor mit einer detaillierten Studie der Gesellschaft in der Normandie: Sie taumelt am Rande des Zerfalls, was besonders für die junge Generation nichts Gutes bedeutet. Der Leser findet auch Humor in bestimmten Szenen, so etwa die Calvados-basierten Trinkgelage bei Madame Besson (Calvados ist ein hochprozentiger Obstbrand), die Maigret nur mit Mühe übersteht.

Taschenbuch: 192 Seiten.
O-Titel: Maigret et la vieille dame, 1950
Aus dem Französischen von Renate Nickel, 1978.
ISBN-13: 9783257238334

www.diogenes.ch

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