Horst Eckert – Nacht der Verräter. Thriller

Kampf gegen die Mocro-Mafia

Polizist Max Bauer fällt aus allen Wolken, als während einer Party am helllichten Tag seine Frau Julia spurlos verschwindet. Sie hatte seit ihrem Kennenlernen ein Geheimnis um ihre Vergangenheit gemacht. Er nahm das in Kauf, denn ihre Liebe half ihm aus einer Krise nach einem traumatischen Einsatz. Aber wo soll er bei seiner Suche nun ansetzen? Zugleich konfrontieren ihn Kollegen der Kripo mit einem bösen Verdacht: Seine Brüder, Polizeibeamte im Streifendienst, sollen in den aktuell boomenden Handel mit Kokain aus den nahen Häfen Antwerpen und Rotterdam verstrickt sein. Von Max wird verlangt, seine Familie zu bespitzeln, anderenfalls würde man ihn als Mittäter verfolgen. Ein lebensgefährlicher Seiltanz mit ungewissem Ausgang beginnt. (Verlagsinfo)

Der Autor

Horst Eckert, 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren, lebt seit vielen Jahren in Düsseldorf. Er arbeitete fünfzehn Jahre als Fernsehjournalist, u.a. für die »Tagesschau«. 1995 erschien sein Debüt »Annas Erbe«. Seine Romane gelten als »im besten Sinne komplexe Polizeithriller, die man nicht nur als spannenden Kriminalstoff lesen kann, sondern auch als einen Kommentar zur Zeit« (Deutschlandfunk). Sie wurden unter anderem mit dem Marlowe-Preis und dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Romane

Annas Erbe, Grafit, Dortmund 1995, ISBN 978-3-89425-053-9.
Bittere Delikatessen, Grafit, Dortmund 1996, ISBN 978-3-89425-059-1.
Aufgeputscht, Grafit, Dortmund 1997, ISBN 978-3-89425-078-2
Finstere Seelen, Grafit, Dortmund 1998, ISBN 978-3-89425-218-2.
Die Zwillingsfalle, Grafit, Dortmund 2000, ISBN 978-3-89425-238-0
Ausgezählt, Grafit, Dortmund 2002, ISBN 978-3-89425-265-6.
Purpurland, Grafit, Dortmund 2003, ISBN 978-3-89425-284-7.
617 Grad Celsius, Grafit, Dortmund 2005, ISBN 978-3-89425-297-7.
Der Absprung, Edition Nautilus, Hamburg 2006, ISBN 978-3-89401-497-1
Königsallee, Grafit, Dortmund 2007, ISBN 978-3-89425-654-8.
Sprengkraft, Grafit, Dortmund 2009, ISBN 978-3-89425-660-9.
Schwarzer Schwan, Grafit, Dortmund 2011, ISBN 978-3-89425-667-8.
Schwarzlicht, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg 2013, ISBN 978-3-8052-5057-3.
Schattenboxer, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg 2015, ISBN 978-3-8052-5079-5.
Wolfsspinne, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg 2016, ISBN 978-3-8052-5099-3.
Der Preis des Todes, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg 2016, ISBN 978-3-8052-0012-7.
Im Namen der Lüge, Heyne, München 2020, ISBN 978-3-453-43966-5.
Die Stunde der Wut, Heyne, München 2021, ISBN 978-3-453-44103-3.
Das Jahr der Gier, Heyne, München 2022, ISBN 978-3-453-42637-5.
Die Macht der Wölfe, Heyne, München 2023, ISBN 978-3-453-44175-0
Nacht der Verräter (Heyne, 2024)

Kurzgeschichten (Auswahl)

Juwelen am Hellweg in: Mehr Morde am Hellweg, Grafit 2004 (nominiert für den Friedrich-Glauser-Preis 2005)
Wege zum Ruhm in: Blutgrätsche, Grafit 2006 (nominiert für den Friedrich-Glauser-Preis 2007)

Handlung

Der Polizist Max Bauer hat sich ein Jahr lang von einem fast tödlichen Einsatz gegen einen Prepper erholt, der das Kommando, das eine alte bettlägerige Oma erwartet hatte, unvermittelt mit einem Molotow-Cocktail angegriffen hatte. Jetzt erst beginnt der Prozess gegen diesen Prepper namens Lutz Meyer, doch Max tritt nicht als Nebenankläger, sondern lediglich als Zeuge auf. Mehr kann er nervlich nicht verkraften, denn dabei kam die Kollegin Elif Demirkan ums Leben, die zuerst dort klingelte.

Ein Glück, dass er in der Kur in Ketzin die Arzthelferin Julia getroffen hat. Seine Liebe hat sie erwidert, und nun sind beide mit einem Emilia genannten Engel gesegnet. Nur über ihre Vergangenheit will Julia partout nicht sprechen. Und über die Eltern Emilias. Denn in den Niederlanden sei sie verfolgt worden. Weil sie so nett ist, kauft sie ihm ein schickes Hemd und kommt mit zu der Party, zu der ihn seine Brüder André und Robert eingeladen haben. Emilia bleibt bei Max‘ Mutter Anne.

Die Party

André und Robert nennen sich „Russen“, bloß weil ihre Eltern aus Kasachstan kamen, weil ihnen Helmut Kohl ihnen den Weg nach Deutschland geebnet hatte. Auch Kollegen vom Revier sind zugegen, Timo fackelt am Grill fast die Bude ab. Julia sieht irgendwie nervös und angespannt aus. Am Ende der Party sucht Max vergeblich nach ihr. Sie beantwortet seine Anrufe nicht, hat weder SMS, Whatsapp noch Message hinterlassen. Die nette Nachbarin erzählt, sie habe um 16:00 Uhr einen SUV vorfahren sehen, in dem auch Julia saß. Sie holte kurz ihre Sachen in einem Koffer und fuhr gleich wieder los. Wurde sie entführt? „Es sah so aus, als ginge sie freiwillig mit“, meint Pina.

Verschwunden

Julia hat all ihre Dokumente mitgenommen, inklusive der Geburtsurkunde von Emilia. Dazu passt, dass ein blonder, großer Mann – der SUV-Fahrer? – versucht hat, Emilia aus der Kita mitzunehmen. Die Erwachsenen konnten das verhindern. Aber wo soll Max bei seiner Suche nun ansetzen? Die Handy-Ortung ergibt ebenso wenig wie die Prüfung der Fingerabdrücke an der Schublade, in der Julias Dokumente lagen.

Unter Verdacht 1

Stattdessen bekommt Max Besuch von einer Kriminaloberkommissarin Brandstätter und ihrem Kollegen Roth. Der hat seine Hausaufgaben gemacht, die KOK aber erfährt erst jetzt, dass Max ein Prepper-Opfer ist und somit eine posttraumatische Belastungsstörung hat. Sie fragen Max nach einem gewissen Martin „Frodo“ Übelreuther. Klar, der war Max‘ Gitarrenlehrer und Verkaufsassistent bei Onkel Albert König. Die Fragen suggerieren nicht nur, dass der „Hobbit“ tot sein könnte, sondern auch, dass Max jetzt womöglich ein Alibi braucht. Verärgert wirft Max die beiden hinaus.

Unter Verdacht 2

Kollegen der Internen Ermittlung der Kripo konfrontieren Max mit einem bösen Verdacht: Seine „russischen“ Brüder Robert und André, Polizeibeamte im Streifendienst, sollen in den aktuell boomenden Handel mit Kokain aus den nahen Häfen Antwerpen und Rotterdam verstrickt sein. Er selbst, Max, habe ja Kokain geschmuggelt, das in Gitarrenverstärkern und Lautsprechern versteckt gewesen sei und an seinen Onkel Albert König geliefert wurde, nicht wahr? Max staunt. Von Max wird verlangt, seine „Familie“ zu bespitzeln, anderenfalls würde man ihn als Mittäter verfolgen.

Doppelter Boden

Unterdessen bekommt er über verschlungene Wege heraus, dass „Julia“ in Wahrheit Sandra Tessin heißt und aus Schleswig-Holstein stammt, sie führte ein Scheinleben – um sich zu schützen? Wahrscheinlich vor den Drogenhändlern aus Antwerpen und den Niederlanden und vor einer gewissen Zoe Honka. Deren Mann, einen Drogenkönig, soll Sandra an die Cops in Hamburg verraten haben. Kein Wunder, dass Zoe sich an Sandra rächen will. Aber für wen arbeitet Zoe in Wahrheit. Als Bauers Kollege Mirko Topalovic getötet wird, ahnt Max, dass Zoes Killer zugeschlagen haben.

Als die kleine Emilia erneut entführt werden soll, merkt er sich das Gesicht des Möchtegern-Entführers. Es stellt sich als das Gesicht eines Kriminalkommissars heraus…

Mein Eindruck

Von Anfang verwischen sich die Grenzlinien zwischen Polizei und Verbrechern sowie den Leuten dazwischen. Max Bauer, aus dessen Perspektive alles erzählt wird, muss erst noch den Durchblick erlangen, wer denn nun auf welcher Seite steht. Erst denkt er noch, dass er mit Robert, André und Onkel Albert eine richtige Familie habe, doch die Dinge entwickeln in sich eine Richtung, die ihn vom Gegenteil überzeugt. Sie nutzen ihn ohne sein Wissen aus und ziehen ihn in ihre Drogendeals hinein.

Denn Drogen sind viel lukrativer als Schutzgelderpressung, mit der die Cops bislang zu tun hatten. Der Haken dabei: Die Drogen stammen ursprünglich nicht aus den Niederlanden von der Mocro-Mafia, sondern vom Jalisco-Kartell in Mexiko. Das findet Max heraus, als er bestimmte Fahndungsfotos durchforscht. Auf dem Hals tragen die Killer der Mexikaner das Tattoo von Santa Muerte. Als er Onkel Albert davon erzählt, ist der wenig erstaunt. Und nun wird auch klar, dass Zoe Honka für die Mexikaner arbeitet. Albert will lieber verhandeln als Krieg führen. Der Deal mit Zoe, den Max mit besiegeln muss, verlangt, dass Sandra alias Julia sterben muss.

Wie man sieht, stehen jede Menge Leben auf dem Spiel, als Max Bauer endlich das Endspiel einläutet. Denn wer sind die titelgebenden Verräter überhaupt? Es läuft einiges anders, als es Zoe, die Mocro-Mafia und die Mexikaner erwartet haben. Dieses Endspiel ist ziemlich pfiffig eingefädelt, reich an unerwarteten Wendungen und mit erfreulichem Ausgang. Vorerst. Denn das Kartell vergisst nie.

Textschwächen

S. 76: „Martin Übe[r]lreuther“: Das R ist überflüssig.

S. 269: „War der junge Mann mit den dunklen Locken in der Reihe der Nebenkläger [von] Elifs Sohn?“ Das Wörtchen „von“ ist überflüssig und verwirrt den Leser bloß.

Unterm Strich

Der Krimi ist wegen der vielen Rätsel und Ungewissheiten bis zum Schluss spannend. Das Buch liest sich flott, denn die 112 Kapitel sind mitunter superkurz. Die Hauptfigur ist gut herausgearbeitet und tut mitunter Dinge, die man einem Cop nicht zutrauen würde. Aber wer in der Oberliga des weltweit vernetzten Drogenhandels mitspielen will, der braucht starke Nerven, gute Ideen und die Überzahl der Cops auf seiner eigenen Seite.

Bauers eigentliches Problem sind erstens die Loyalität zu seinen „russischen“ Brüdern und zweitens die Liebe. Die Brüder wollen ihn aufs Kreuz legen, und die Liebe zu Sandra / Julia erweist sich als doppelter Boden. Seine Tochter Emilia stellt immer die richtigen Fragen, und meist handelt es sich um die unangenehmsten. Lügen ist nicht erlaubt. Das findet auch Max, als er die illegalen Tätigkeiten seines eigenen Vaters herausfinden will. Schließlich erkennt er auch, wer der Mörder seines Vaters und von Mirko T. sein muss.

Die Realien stimmen alle und belegen, dass sich der Autor, der ja aus der Oberpfalz stammt, bestens am Niederrhein auskennt. Zu den Realien gehören auch die vielen Abteilungen der Kriminalpolizei und deren Zuständigkeiten bis hin zum Polizeipräsidenten und Innenminister.

Womit ich aber ein Problem hatte, waren die vielen Namen, die ich ständig neu zuzuordnen hatte. Eine Personenliste glänzt durch Abwesenheit. Der Leser kann sich daher nicht erlauben, mal, wie ich, eine längere Lesepause einzulegen. Der nächste Eckert-Krimi „Die Praktikantin“ kommt hingegen mit einer viel kleineren Besetzung an Figuren aus, er lässt sich folglich viel leichter einfacher verstehen und lesen.

Taschenbuch: 397 Seiten.
ISBN-13: 9783453429413

www.heyne.de

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