
In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts hat der Maler Masuji Ono seine Kunst in den Dienst der japanischen Expansionspolitik gestellt. Jetzt, nach dem Krieg, ist sein damaliger Hurrapatriotismus anrüchig geworden, und als seine Tochter heiraten will, wird seine Vergangenheit zur Belastung für die Familie. Seine Lebensbeichte offenbart ein heilloses Geflecht von Schuld und Irrtum.
Ein atmosphärisch dichter, stets aktuell gültiger Roman über das Verdrängen der Vergangenheit und den Konflikt des Künstlers in der Gesellschaft sowie den Konflikt zwischen Tradition und Moderne. Das Buch wurde mehrfach ausgezeichnet. Es erschien zuerst auf Deutsch bei Klett-Cotta 1988.
Der Autor
Sir Kazuo Ishiguro (* 8. November 1954 in Nagasaki, Japan) ist ein britischer Schriftsteller japanischer Herkunft. Sein dritter und berühmtester Roman, „Was vom Tage übrigblieb“, wurde 1989 mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Er wurde ebenso verfilmt wie der 2005 erschienene Roman „Alles, was wir geben mussten“. Im Jahr 2017 erhielt Ishiguro den Nobelpreis für Literatur. Die Schwedische Akademie würdigte ihn als einen Schriftsteller, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. (Amazon)
Romane und Erzählungen
A Pale View of Hills. London 1982.
Damals in Nagasaki. Übersetzt von Margarete Längsfeld, Arche, Zürich 1984, ISBN 3-7160-2015-X.
An Artist of the Floating World. London 1986.
Der Maler der fließenden Welt. Übersetzt von Hartmut Zahn, Klett-Cotta, Stuttgart 1988, ISBN 3-608-95558-5.
The Remains of the Day. London 1989.
Was vom Tage übrigblieb. Übersetzt von Hermann Stiehl, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1990, ISBN 3-498-03210-0.
The Unconsoled. London 1995.
Die Ungetrösteten. Übersetzt von Isabell Lorenz, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996, ISBN 3-498-03212-7.
When We Were Orphans. London 2000.
Als wir Waisen waren. Übersetzt von Sabine Herting, Knaus, München 2000, ISBN 3-8135-0168-X.
Never Let Me Go. London 2005.
Alles, was wir geben mussten. Übersetzt von Barbara Schaden, Blessing, München 2005, ISBN 3-89667-233-9.
Nocturnes: Five Stories of Music and Nightfall. London 2009.
Bei Anbruch der Nacht. Übersetzt von Barbara Schaden, Blessing, München 2009, ISBN 978-3-89667-409-8.
The Buried Giant. Faber, London 2015.
Der begrabene Riese. Übersetzt von Barbara Schaden, Blessing, München 2015, ISBN 978-3-89667-542-2.
Klara and the Sun. Faber & Faber, London 2021.
Klara und die Sonne. Übersetzt von Barbara Schaden, Blessing, München 2021, ISBN 978-3-89667-693-1.
(Quelle: Wikipedia.org)
Handlung
In diesem seinem zweiten Roman gibt der Autor in vier Abschnitten die Erinnerungen des Malers Masuji Ono wieder, angefangen mit 1948. Direkter Anlass dafür sind die Heiratsverhandlungen mit einer anderen Familie. Ono war einmal ein begabter Maler, der meinte, Kunst könne die Welt verändern. Mit jugendlichem Idealismus stellte er sein Talent in den dreißiger Jahren in den Dienst der nationalistischen Bewegung Japans.
Nun, nach dem verlorenen Krieg und der US-Okkupation, sieht er sich plötzlich der Kritik seiner erwachsenen Kinder ausgesetzt. Deren feindselige Haltung spitzt sich zu, bis Ono der Schuldfrage nicht mehr ausweichen kann. Es ist ein schmerzhafter Läuterungsprozess.
Mein Eindruck
Der Autor hat sich wiederholt mit der Situation des heutigen Japan befasst, besonders mit dem Konflikt zwischen fernöstlicher Tradition und westlicher Moderne. Schon der Begriff „fließende Welt“ ist für westliche Augen doppeldeutig: ursprünglich ist er die blumige Umschreibung für das Rotlichtviertel einer Ansiedlung (Stadt oder Dorf). Hier erhält er jedoch eine viel weitere Dimension, die die Wörter des Begriffs auf den Umbruch der Gesellschaft anwenden lässt. Man denke etwa an Heraklit: „Alles ist im Fluss (panta rhei)“.
Das Thema der politischen Schuld der Väter wird mit der Debatte über die Rolle des Künstlers zwischen Ideologie und Ästhetik verknüpft – Themen, die nicht auf Japan beschränkt, sondern universell aktuell sind, wie Ishiguro meinte, als er 1989 in Stuttgart aus diesem Roman las.
Die Sprache des Romans ist nur vordergründig einfach, transportiert jedoch sehr viele Bedeutungen, Nuancen und Schwingungen. Auch das Geschehen selbst ist meisterhaft erzählt, beispielsweise in der Figurenzeichnung.
Ono etwa ist ein Meister des Verdrängens, der nun, nach dem Umbruch der gesellschaftlichen Umstände, mit seiner Vergangenheit ins Reine kommen muss. Das ist sicherlich kein leichter Kampf, denn dabei definiert sich der Einzelne neu.
Es gibt zahlreiche Rückblenden. Auch die Zustände im vom Krieg zerrütteten Japan der Nachkriegszeit sind überzeugend geschildert: ein Land im Umbruch, in dem verschiedene Lebensweisen um die Vorherrschaft ringen und ein Volk zwischen zwischen Tradition und Moderne nach einem neuen Lebenssinn sucht.
Unterm Strich
Ich habe das Buch 1989 mit nachdenklichem Vergnügen gelesen. Es bietet nämlich viel Anlass zu ironischen Betrachtungen, wenn es um die Beschäftigung mit den genannten Konflikten geht. Zudem ist es in einer wunderbar einfachen Sprache erzählt, die zum Weiterlesen verfährt. Angesichts der Brüche in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts fallen dem aufmerksamen Leser bestimmt einige Parallelen auf. Haben nicht auch die Deutschen nach dem Krieg und der Besatzungszeit vieles verdrängt, bis endlich ein Bundespräsident sagte, dass es bei der Niederlage in Wahrheit um eine Befreiung gehandelt habe?
Es ist ein Buch für Leute, die sich mit japanischer Kultur beschäftigen wollen, mit der Situation des Künstlers – oder einfach nur ein sehr gutes Buch lesen wollen.
Gebunden: 272 Seiten.
O-Titel: An Artist of the Floating World. London 1986.
Übersetzt von Hartmut Zahn.
Klett-Cotta, Stuttgart 1988.
ISBN 9783608955583
Klett-Cotta
Der Autor vergibt: 


