Nordmann, Michael – 1000 Fußballer – Die besten Spieler aller Zeiten

Es ist so weit, das Jahr der Fußball-WM im eigenen Land ist angebrochen, und überall laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten soll es werden, und was die Vermarktung des World Cups betrifft, ist sie dies wahrscheinlich jetzt schon. Fußball, wohin man schaut, der König des Sports regiert das Land, und selbst potenzielle Nicht-Interessenten sind plötzlich Feuer und Flamme.

Doch niemals wäre das Interesse am runden Leder so groß, hätte der Sport nicht einige schillernde Persönlichkeiten hervorgebracht, die einerseits gehasst und verachtet, andererseits aber auch wie Popstars behandelt und abgefeiert wurden. Michael Nordmann hat sich nun die – seiner Meinung nach – 1000 besten und bekanntesten Fußballer aller Zeiten herausgepickt und in einem umfassenden Sach- und Bildband aufgelistet, bei dem nicht nur Insider mit der Zunge schnalzen werden. Man mag zwar darüber streiten, ob diese Liste der hier aufgeführten Stars wirklich repräsentativ für die Geschichte des Fußballs ist, zumal hier überraschend viele deutsche Spieler auftauchen, aber vom reinen Info- und Unterhaltungswert her betrachtet, ist „1000 Fußballer“ schon auf den ersten Blick ein richtiger Goldschatz.

Nordmann stellt die Sporthelden in einer alphabetischer Abhandlung vor und mischt so verschiedene Generationen von Fußballern zusammen, was manchmal schon ein wenig seltsam anmutet. So steht ein noch recht junger Spieler wie Zouebeier Baya direkt neben einer Legende wie Franz Beckenbauer, Griechenlands EM-Held Angelos Charisteas wird in einem Atemzug mit dem britischen Idol Jack Charlton genannt und Hany Ramzy teilt sich den Raum mit seinem ehemaligen Coach Otto Rehhagel. Und so entstehen hier zahlreiche seltsame Kombinationen, bei denen man dann ins Schmunzeln gerät.

Namen wie Carsten Jancker, Marco Bode, Steffen Freund oder Thorsten Fink – nur um mal ein paar Beispiele zu nennen – haben meiner Meinung nach in diesem Buch absolut nichts verloren, weil ihre Verdienste für den Fußball sich dann doch in Grenzen halten. Klar, man kann nicht sämtliche Jahrgänge der brasilianischen Nationalmannschaft auflisten, aber es ist schon so, dass „1000 Fußballer“ jetzt nicht zwingend auch die 1000 wichtigsten und besten Fußballer enthält. Diese Kritik muss sich der Herausgeber gefallen lassen, aber ich denke, das ist ihm auch bewusst. Andererseits wird sich der etwas jüngere Fan natürlich darüber freuen, den ein oder anderen Lieblingsspieler aus der aktuellen Fußballergeneration in diesem Buch zu finden, und das hat wahrscheinlich – ich kann nur mutmaßen – auch eine wichtige Rolle bei der Erstellung dieses Bandes gespielt.

Andererseits sind natürlich wirklich alle wichtigen Namen enthalten. Beckenbauer, Pelé, Maradonna, Ronaldo, und wie sie alle heißen, aber auch anscheinend vergessene Stars wie Gary Lineker, Roger Milla, Carlos Valedrama oder seinen Landsmann René Higuita. Man findet sie alle wieder, und je mehr man sich in das Buch vertieft hat, versteht man auch zunehmend die Misere, wie schwer es eigentlich ist, 1000 verdiente Sportler zu sammeln, und dabei auschließlich Spieler zusammenzuwürfeln, die auch tatsächlich hierhin gehören. Den subjektiven Geschmack außen vor zu lassen und trotzdem eine repräsentative Auswahl zu treffen, das war die Herausforerung, und diese wurde rein faktisch super gelöst, da muss dann die eigene subjektive Meinung (die ja oben schon beschrieben wurde) auch mal hintenan stehen …

Von der Auswahl zum Inhalt, und hier zeigt sich dann auch das wirklich Besondere an diesem opulent und sehr nobel aufgemachten Buch. Alle Spieler werden mit teils aktuellen, teils recht alten Aufnahmen vorgestellt, und diejenigen Stars, die der Fußballwelt wohl auf ewig in Erinnerung bleiben, haben dazu noch eine große Extraseite bzw. einen zusätzlichen Infokasten bekommen. Zu jedem Foto gibt es außerdem einen Kurzbericht sowie einen kurzen Überblick mit Fakten und Tatsachen aus der Karriere des jeweiligen Fußballers. Beschrieben werden Geburtsdatum, Nation, die Stationen als Spieler, WM-Spiele/Tore, Ländespiele/Tore und die Teilnahmen an der Weltmeisterschaft. Der einzige Kritkpunkt, den man hier anbringen kann, hat ebenfalls wieder etwas mit der Auswahl zu tun, und in diesem Fall mit der Auswahl der Fotos. Giovane Elber im Mönchengladbach-Trikot, Preben Elkjaer-Larsen auf einem lieblosen Ausschnitt eines Mannschaftsfotos oder Eric Gerets auf der Trainerbank – manchmal wäre sicherlich ein repräsentativeres Foto angebrachter gewesen, aber glücklicherweise sind die meisten Aufnahmen den sportlichen Höhepunkten der Spieler entnommen. Ansonsten gibt es hinsichtlich der Darstellung der Fußballer nichts auszusetzen, zumal die Darstellungen und die einzelnen Anekdoten wirklich in einen kurzweiligen, informativen Text eingebunden wurden.

Auch wenn es leichte kritische Ansätze zu verfolgen gilt, ist dieses Buch für jeden Fußballfan (nicht nur als Vorbereitung für die WM) ein echtes Muss. Hier findet man sie alle wieder, die wichtigen Gesichter der wohl wichtigsten Nebensache der Welt, und das in einem exzellent aufgemachten Buch, an dem man sehr lange seine Freude haben wird. Und aufgrund der eher drögen Konkurrenz will ich sogar so weit gehen und behaupten, dass „1000 Fußballer“ in seiner Sparte Referenzklasse ist – selbst mit einigen kleinen Schönheitsfehlern. Der geringe Preis von gerade mal 14,95 € sollte dann auch die letzten Zweifel ausräumen und die Vorbehalte auflösen. Das Geld ist jedenfalls sehr gut angelegt!

Kerley, Jack – letzte Moment, Der

Jack Kerley wird als der Shootingstar der amerikanischen Krimiszene gefeiert. Bereits mit seinem ersten Roman, dem Thriller „Einer von hundert“, gelang ihm in seiner Heimat der Durchbruch, und auch in Deutschland wurde man schnell auf den Autor aus Newport, Kentucky, aufmerksam. Nun legt der Erfolgsautor nach: In „Der letzte Moment“ widmet er sich seiner Passion für die berüchtigte Manson-Familie und verpackt seine Faszination für Massenmörder in einen unheimlich spannenden, fiktiven Krimi.

_Story:_

Anfang der Siebziger steht der berüchtigte Serienmörder Marsden Hexcamp nach langem Ringen endlich vor Gericht und muss sich für seine Taten verantworten. Vor dem Gerichtssaal wartet eine ständig weinende, junge Dame auf den Urteilsspruch, der – das ist nicht anders zu vermuten – die Todesstrafe mit sich bringen wird. Doch genau diese junge Dame kommt dem Richter zuvor und erschießt zunächst ihren anscheinend Geliebten und danach sich selbst, um den Ermittlern ein letztes Mal ein Schnippchen zu schlagen und die Kunst, die Hexcamp während seiner Lebenszeit zelebrierte, ein letztes Mal in einer gewaltigen Inszenierung zum Leben zu erwecken.

Dreizig Jahre später hat der Fall den ehemaligen Detective Jacob Willow noch immer nicht losgelassen. Willow, der damals bei der Urteilsverkündung ebenfalls anwesend war, die Tragödie aber nicht mehr verhindern konnte, hat sich seither mit dem skurrilen Fall beschäftigt und fleißig Anhaltspunkte finden können, die hinter dem Erbe Hexcamps eine sektenartige Gruppierung vermuten lassen, doch zu fassen bekommen hat Willow von diesem Verbund nie jemanden.

Nun wird aber in einem Motel eine brutal zugerichtete Leiche gefunden, und plötzlich steht der Name Hexcamp wieder im Brennpunkt der Ermittlungen. Die beiden Polizisten Carson Ryder und Harry Nautilus werden auf den Fall angesetzt und wollen so den Ruf, den ihnen gerade die Ehrung zur besten Polizeitruppe der Stadt erbracht hat, bestätigen. Allerdings geraten die Ermittlungen arg ins Stocken: einerseits, weil ein Fernsehteam um die nervige Journalistin Dansbury keine Ruhe geben will und Harry und Carson ständig in Rage bringt, und andererseits, weil der Fall noch weitere Leichen nach sich zieht, deren Tode offensichtlich mit dem Mord im Motel zusammenhängen. Der einzige Aufhänger für die beiden Cops sind einige Fetzen eines Bildes.

Als sie eines Tages mit dem berenteten Jacob Willow in Kontakt treten, entdecken sie die Parallelen zum Fall Hexcamp und rollen die Verbrechen des ‚Altmeisters‘ neu auf. Tatsächlich führt die Spur zu einer Untergrundorganisation, die damals von Hexcamp angeführt wurde, und weiterhin zu einer bizarren Gruppe Menschen, die sich mit dem Nachlass und den Tatwaffen berühmter Massenmörder beschäftigt und diese auch sammelt. Je abscheulicher das Instrument, desto höher der künstlerische Wert und somit auch der Preis – eine grausame Tatsache, mit der sich Carson Ryder auseinandersetzen muss, und die ihn schließlich auch zu einer fanatischen Anhängerin Hexcamps führt, bei der sich der Polizist weitere Infos holen kann.

Dennoch: Die Zusammenhänge wollen dem Team nicht klar werden, und erst als auf Geheiß ihres Chefs die verachtete Mrs. Danbury zum Team stößt, geht es voran. Gemeinsam reisen Ryder und Dansbury nach Paris und bekommen dort einen entscheidenden Tipp und weitere Hintergründe zum Aufstieg von Marsden Hexcamp. Doch erst der Zufall will es, dass Carson der Sache auf die Schliche kommt – doch da ist es schon zu spät …

_Meine Meinung_

Action von Anfang an; Jack Kerley legt sofort richtig los. Die ersten Szenen aus dem Gerichtssaal sind direkt enorm actiongeladen und zerren den Leser auch umgehend in die Geschichte hinein. Doch genauso schnell, wie man Zugang zur Story um Marsden Hexcamp gefunden hat, wird man auch wieder in die erzählte Gegenwart geworfen, in der die beiden Cops Ryder und Nautilus gerade ausgezeichnet werden. Von hier an wird die Geschichte aus der Perspektive Ryders erzählt, hat aber fortan auch einige Startschwierigkeiten.

Eine Leiche wird gefunden, ein Journalistenteam penetriert die Polizei ohne Unterlass und mittendrin steht das stets sehr reizbare Duo Ryder/Nautilus, ohne eine Ahnung von den tatsächlichen Vorgängen. Enttäuschung macht sich breit, bis dann plötzlich Zusammenhänge zum alten Mordfall aufgedeckt werden und das Buch umgehend auch wieder an Farbe gewinnt. Nun sieht sich der Leser dazu veranlasst, beide Geschichten parallel zu verarbeiten, doch sobald man glaubt, sich endlich Klarheit verschafft zu haben, ist Jack Kerley einem auch schon wieder einen Gedankensprung voraus und führt den Leser auf die nächste (falsche) Fährte. Plötzlich steht ein vermisster Anwalt im Raum, eine seltsame Anwaltsfirma wird verhört und verdächtigt, Ryders Bruder, der sich wegen eines Mordes auf Lebenszeit im Gefängnis befindet, kommt als entscheidendes Element in Betracht und immer wieder tauchen neue Personen auf, die mit der Serie in Verbindung gebracht werden bzw. irgendwie mit hineingezogen wurden.

Na also, da haben wir ihn doch, den genialen Thriller mit seinen zahlreichen Wendungen und den vielen Charakteren, die zwar meistens etwas eigenartig sind, im Hinblick auf ihre Ausstrahlung aber stets am Boden des Realistischen verbleiben. Auch wenn die beiden Ermittler prinzipiell in die Rolle der Helden hineingedrängt werden, drohen sie nicht abzuheben und werden nicht schlagartig zu Superhelden, die mit spielerischer Leichtigkeit aus einem kleinen Indiz einen Fall von enormer Tragweite lösen, was der gesamten Story dann auch sehr zugute kommt.

Außerdem verschwendet Kerley im Laufe der Geschichte auch nie seine Erzählzeit damit, irgendwelche persönlichen Dramen in die Story zu integrieren. Die Konzentration gilt einzig und alleine den Ermittlungen und dem mysteriösen Fall um Marsden Hexcamp, den verschwundenen Anwalt und die neue Mordserie, deren Ursprünge mehrere Dekaden weit zurückgehen – alles super in Szene gesetzt und nach anfänglichen Längen mit einem sehr, sehr hohen Erzähltempo vorangebracht.

Am Ende ist dann auch klar, warum Kerley als Shootingstar gefeiert wird. Stilistisch stets bodenständig und in Bezug auf die Handlung immer nahe am Geschehen, ist „Der letzte Moment“ ein wirklich toller Mix aus Krimi und Thriller geworden, dessen besonderer Reiz in der Faszination für das Unmenschliche liegt. Kerleys Vorliebe für das Thema „Massenmörder“ und die daraus resultierenden, detailreichen Beschreibungen der bizarren Mordfälle verhelfen dem Roman schließlich zum international tauglichen Referenzformat und entlocken mir eine uneingeschränkte Empfehlung für diesen aufstrebenden Autor.

Koontz, Dean – Geisterbahn

_Handlung_

|1955|

Ellen flieht wegen ihrer religiös-fanatischen Mutter von zuhause und schließt sich dem Jahrmarkt an. Dort heiratet sie den Geisterbahnbesitzer Conrad Straker. Nach kurzer Zeit wird sie schwanger und bringt ein grässlich missgestaltetes Kind auf die Welt. Aber das Kind ist nicht nur körperlich abnormal, sondern strahlt bereits, trotz seines geringen Alters, eine intelligente Bösartigkeit aus. Aus der Angst heraus, den Antichristen in die Welt gebracht zu haben, beschließt Ellen, ihren Sohn zu töten. Das Kind wehrt sich erbittert und verletzt seine Mutter schwer, doch sie bleibt siegreich.

Als Conrad entdeckt, dass Ellen ihr eigen Fleisch und Blut ermordet hat, jagt er sie davon, denn die Jahrmarktsleute regeln solche Angelegenheiten unter sich, ohne Polizei. Doch er gibt ihr noch eine Drohung mit auf den Weg: „Wenn du einmal wieder Kinder haben wirst, die du liebst, werde ich kommen und sie töten!“

|1980|

Ellen ist schlimmer geworden als ihre Mutter, denn die Ereignisse um ihr erstes Kind haben sie nicht nur auf fanatische Art und Weise in die Arme der Kirche getrieben, sondern auch noch in die Alkoholsucht. Da sie Conrads Drohung nie ernst nahm, hat sie mit ihrem Mann, einem Rechtsanwalt, schon zwei Kinder: die sechzehnjährige Amy und den kleinen Joey.

Beide haben hauptsächlich Angst vor ihrer Mutter, die ihnen wenig Liebe, aber viele Regeln gibt. Umso dramatischer ist die Lage, als Amy herausfindet, dass sie von ihrem Freund geschwängert wurde. Da dieser nicht bereit ist, sein Mittun an der Zeugung einzugestehen, und Amy nicht genug Geld für eine Abtreibung an ihrer Mutter vorbeischmuggeln kann, muss sie ihr die Sünde gestehen.

Auch der kleine Joey hat genug von seiner Mutter, und möchte sich dem Jahrmarkt anschließen, der im nächsten Monat in die Stadt kommt …

_Mein Eindruck_

„Geisterbahn“ wurde im Jahre 1980, als Dean Koontz‘ Romane noch nicht die Bestsellerlisten füllten, als Romanfassung eines Drehbuchs von Larry Block geschrieben. Der Roman lief äußerst erfolgreich an, bis die miserable Verfilmung des Materials, „Das Kabinett des Schreckens“ in die Kinos kam. Der Film hatte ein so niedriges Niveau, dass dieser auch einen Bannfluch auf das Buch warf, dessen Verkaufszahlen deutlich einbrachen. Nun wurde der Roman von der Zeit und |Bastei Lübbe| von diesem Fluch befreit und noch einmal neu herausgebracht, und zwar zum Sparpreis von 4.99 €. Und dieses Geld ist „Geisterbahn“ allemal wert.

Koontz zeichnet in diesem Roman ein äußerst interessantes Bild, das sich im Kontext eines religiös (fast fanatisch) prüden Amerikas der früher Achtziger, der jugendlichen sexuellen Unbekümmertheit und der eigenartigen Welt des Jahrmarktes bewegt. Wer den Roman „Zwielicht“ gelesen hat, wird ja schon etwas von Koontz‘ Vorliebe für Jahrmärkte und deren verschrobene Bewohner mitbekommen haben. Da „Geisterbahn“ vor „Zwielicht“ geschrieben wurde, für Letzteren allerdings schon recherchiert worden war, wurde vom Autor für beide Bücher dasselbe Material zur Darstellung des Jahrmarktes verwendet.

Charaktere wie der Albino Ghost oder die Hellseherin Madame Olga vermitteln eine wohlige Schaustelleratmosphäre. In diesem Gewirr versteht es Koontz perfekt, den Leser im Dunkeln tappen zu lassen. Lange Zeit weiß man nicht genau, von wem die Gefahr eigentlich ausgeht, zumal die Motivationsbegründung und die Beschreibung des Aggressors leider etwas mager ausgefallen sind. Hier merkt man deutlich, dass speziell das dritte Kapitel des Romans deutlich vom Drehbuch beeinflusst worden ist. Mit Beginn dieses Kapitels geht es ganz untypisch für Koontz handlungstechnisch ziemlich schnell und etwas undifferenziert zu Ende. Dies steht in krassem Gegensatz zu den ersten beiden Kapiteln, die deutlich detailverliebter geschrieben sind.

Auch muss man dem Autor vorwerfen, dass er aus einigen sehr interessant angelegten Figuren nicht mehr herausgeholt hat. Speziell der arg gebeutelten Ellen hätte man einen Sieg gegen eine Nemesis gegönnt, sei es nun Conrad, die Kirche oder der Alkohol. Auch Conrads deutlich misstrauischer, aber unwissender Komplize Ghost, der alleine schon aufgrund seines Äußeren eine weitere Einbeziehung wert gewesen wäre, findet keine weitere Beachtung.
Ich möchte nicht falsch verstanden werden, denn „Geisterbahn“ ist durchaus lesenswert und fesselt bis zur letzten Seite, doch hindern diese Schwächen es eindeutig, in Sphären wie viele andere Erfolgsromane von Koontz aufzusteigen.

Im sehr lesenswerten Nachwort schätzt der Autor seinen Roman genau richtig ein: |“Er ist vielleicht nicht so gut wie „Dunkle Flüsse des Herzens“ oder „Intensity“ oder einige andere meiner besten Romane, aber er ist auch nicht schlecht und vielleicht besser als manch anderer. […] Er macht Spaß. Er hat etwas zu sagen. Und genauso wichtig ist, er ist verdammt unheimlich, auch wenn ich als Autor das sage.“|

Diese Selbsteinschätzung ist so treffend, dass es zum Roman an dieser Stelle eigentlich nichts mehr zu sagen gibt.

Ein persönliches Wort am Rande noch an die Coverdesigner aus dem Hause |Bastei Lübbe|: Es wäre doch wirklich schön, wenn man sich bei der Umschlaggestaltung wenigstens geringfügig auf das Buch bezöge. Ein Cover mit einem nebeligen Wald und einem Vollmond, das überhaupt nichts mit dem Buchinhalt zu tun hat, zeugt nicht von besonderer Kreativität.

_Fazit:_ Nicht überragend, aber durchaus spannend und lesenswert. Auf jeden Fall ein kurzweiliges Lesevergnügen und eine Anschaffung allemal wert.

Pratchett, Terry – Ab die Post

Ein Buch, das mit einer Hinrichtung beginnt, hat schon etwas Eigenartiges an sich. Stammt das Werk auch noch aus der Feder von Terry Pratchett, kann man sicher sein, dass es mit den Merkwürdigkeiten nicht allein dabei bleibt. „Ab die Post“ heißt der neue Roman des humorvollen Briten, der im |Manhattan|-Subverlag bei |Goldmann| erschienen ist und als ein 444 Seiten starkes, gebundenes Hardcover daherkommt. Das sehr hübsche Titelbild von Paul Kidby zeigt den Helden des Romans und seine Mistreiter auf einem riesigen Haufen Briefe.

Feucht von Lipwig heißt der junge Mann, der zu Beginn der Ereignisse von „Ab die Post“ den Kopf von einem freundlichen Henker durch die Schlinge gelegt bekommt. Doch das Schicksal meint es gut mit dem Kleinkriminellen, denn anstatt dem Sensenmann entgegenzutreten, wird die Hinrichtung nur vorgetäuscht und er landet beim Patrizier, der ihm die freie Stelle des Postministers von Ankh-Morpork anbietet. Bei der Auswahl zwischen Erhängen und einem Job bei der Post fällt es dem versierten Betrüger nicht schwer, sich für die gesündere der beiden Alternativen zu entscheiden. Wobei er aber schon einen Fluchtplan schmiedet, der jedoch jäh durch Herrn Pumpe, einen stattlichen Golem, gestoppt wird, der vom Patrizier engagiert wurde, um Feucht von Lipwig von nun an zu begleiten/bewachen.

Als der sympathische Gauner dann seine zukünftige Arbeitsstätte und sein Personal begutachtet, fällt er aus allen Wolken: Das Postamt ist bis unters Dach gefüllt mit Briefen, die seit zwanzig Jahren auf ihre Zustellung warten, und bei den beiden übrig gebliebenen Angestellten handelt es sich um einen uralten Mann, Herrn Grütze, und einem Nadeln sammelnden und leicht einfältigen Jungen, der sich Stanley nennt.

Nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten beginnt Feucht von Lipwig Gefallen an der Sache zu finden, denn seine Fähigkeiten im Umgang mit Menschen (oder besser gesagt in der Manipulation der Menschen) machen aus ihm einen ganz ordentlichen und sogar beliebten Postminister. Als er sich auch noch in die „Golemrechtlerin“ Fräulein Liebherz verguckt, legt er sich richtig ins Zeug, um den Postladen wieder auf Vordermann zu bringen.

Doch es gibt da eine Partei, die ganz und gar nicht mit den Bemühungen des neuen Postministers glücklich ist, nämlich die Betreiber des Großen Strangs, der Semaphorengesellschaft, die bisher mit ihren Klackertürmen das Monopol der Nachrichtenübermittlung in Ankh-Morpork und der weiteren Umgebung besaßen.

Der Kopf dieser Gesellschaft, Reacher Gilt, ist ein machthungriger, skrupelloser Geschäftsmann, dem man nachsagt, dass er ein Auge auf den Thron des Patriziers geworfen haben soll. Seit die Semaphorentürme in seiner Hand sind, kommt es immer wieder zu Ausfällen, die vor allem durch die sehr einschneidenden Einsparungen verursacht werden, die Gilt der Gesellschaft auferlegt hat. Bisher war das allerdings kein Problem, doch nun läuft dem Strang die Kundschaft weg, die nun lieber Briefe verschickt und sogar anfängt, Briefmarken zu sammeln. Als Feucht von Lipwig dann den Großen Strang noch herausfordert – er behauptet, er könne eine Nachricht schneller nach Gennua bringen als der Strang –, sieht Gilt die Chance, den Postminister endlich loszuwerden. Doch dieser bekommt von unerwarteter Seite Hilfe.

Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte des jungen Gauners, der einen Laden wieder auf Vordermann bringt, sich dabei verliebt und letztendlich dabei seine gute Seite entdeckt, sehr hollywoodesk – und ja, sie ist es auch. Doch wer Pratchett kennt, der weiß, dass es auch zwischen den Zeilen viel zu entdecken gibt, und so auch in seinem neuesten Werk, das nur so von Andeutungen und Anspielungen auf die wirtschaftlichen Zusammenhängen unserer schönen globalen Welt strotzt. In den humoristischen Schafspelz der Scheibenwelt verpackt, erzählt er von Vorständen, die sich auf dem Rücken eines Unternehmens bereichern, von egoistischen Geschäftsgebaren, von feindlichen Übernahmen und ausgebeuteten Belegschaften. Also alles Themen, denen es weder an Aktualität noch an Brisanz mangelt. Es ist auch immer wieder faszinierend, wie Pratchett Dinge aus ‚unserem modernen und zivilisierten Leben‘ nimmt und sie in seine Fantasywelt einflechtet; wer sich bei den Jungs des „Rauchenden Gnus“ an die „einsamen Schützen“ aus der Akte-X-Serie erinnert fühlt, dürfte da gar nicht so verkehrt liegen. Die beliebten Darsteller der Scheibenwelt-Serie (Rincewind, die Wache, die Hexen) kommen in „Ab die Post“ gar nicht oder nur am Rande vor, was vielleicht den einen oder anderen Fan nach „Kleine freie Männer“ und dem „Weiberregiment“, in denen sie auch nicht vorkamen, ein wenig enttäuscht. Diese können sich aber freuen, denn der nächste Scheibenweltroman wird ein waschechter Stadtwachen-Krimi.

Was Pratchett in „Ab die Post“ abgeliefert hat, ist ein sehr netter Roman, der die Vielseitigkeit der Scheibenwelt um eine weitere Facette ergänzt. Es gelingt ihm in gewohnt gekonnter Manier, Sachverhalte aus der realen Welt in die Scheibenwelt einzubauen, ohne dabei lächerlich oder gar albern zu wirken. Obwohl das Buch einige Längen hat, ist es für jeden Terry-Pratchett-Fan ein Muss.

© _David Grashoff_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.X-Zine.de/ veröffentlicht.|

Barber, Malcolm – Templer, Die. Geschichte und Mythos

|“Die Anfänge“| (S. 8-48): Der einst mächtige und von zahlreichen Sagen umwitterte Orden der Templer entsteht bescheiden im Rahmen der Kreuzzugsbewegung, deren Beginn ins Jahr 1095 fällt: Papst Urban II. ruft die Christen auf, ihre Brüder und Schwestern in Palästina und Syrien, den biblischen „Kernlanden“ des christlichen Glaubens, vor den Attacken der heidnischen Sarazenen (Türken), Ägypter und Äthiopier zu schützen. Im Verlauf eines ersten Kreuzzugs werden die „heiligen“ Lande befreit, doch die lateinischen Eroberer müssen sich in den Städten verschanzen oder Burgen errichten, denn niemals erkennen die einheimischen Machthaber die neuen Herrscher an. So bleibt der christliche Traum vom Pilgerzug ins gelobte Land ein gefährlicher, oft tödlicher, denn die Straßen der stets im Kampf befindlichen Kreuzfahrerstaaten sind nicht sicher. Es entsteht der Plan zur Gründung einer Gemeinschaft zum Schutz besagter Pilger. Fromm sollen diese Männer sein aber auch gut bewaffnet und kriegstauglich. 1119 ist es so weit: Der Templerorden wird gegründet.

|“Das Konzept“| (S. 49-79): Die Vereinigung der Templer unterscheidet sich von Anfang an von rein monastischen Orden. Zwar sollen seine Mitglieder fromm und gehorsam, aber sie dürfen nicht arm sein, denn Ausbildung und Unterhalt einer schlagkräftigen Truppe sind kostspielig. Die Angehörigen des Ordens sind meist von Adel und vermögend, sie spenden reichlich, der Orden selbst treibt lukrative Geschäfte, er wird von päpstlicher Seite mit einträglichen Schenkungen bedacht – Grundlagen für einen unerhörten Aufstieg aber auch Ursachen für den späteren Untergang, denn der Orden wird rasch finanziell unabhängig und militärisch von entscheidender Bedeutung im Heiligen Land, was ihn selbstbewusst und nach Meinung seiner zahlreich werdender Feinde hochmütig werden lässt.

|“Der Aufstieg der Templer im Osten“| (S. 80-129): Die historische Realität gibt jedoch den Templern viele Jahre Recht – ohne ihre Schwerter, ihr Geld und ihre Kontakte geht gar nichts im Heiligen Land. Was der Papst und gläubige Herrscher in Europa zur „Befreiung“ Palästinas und Syriens beschließen, ist vor Ort nur mit den Templern zu verwirklichen. Sie haben sich Burgen und Stützpunkte geschaffen und harren aus, während die Lateiner nur „Gastspiele“ im Rahmen von Kreuzzügen geben und oft nicht einmal dann die türkischen und später die mongolischen Kräfte im Osten in Schach halten können.

|“Von Hattin bis La Forbie“| (S. 130-166): Aber die Templer sind nicht unfehlbar. Ihre bekannte Präsenz im Osten macht sie zudem angreifbar. Verlieren die Lateiner eine Schlacht gegen die Türken, beginnt rasch die Suche nach einem Sündenbock, denn Verrat muss im Spiel sein, endet ein von Gott befohlener Kreuzzug als Desaster – und das kommt zwischen den Schlachten von Hattin 1187 und La Forbie 1244 immer wieder vor, denn jeder Waffenstillstand mit den Sarazenen ist brüchig. Zu schaffen machen den Kreuzzüglern auch innere Uneinigkeit und äußere Schwäche, so dass der Christenheit Region um Region im Osten verloren geht.

|“Die letzten Jahre der Templer in Syrien und Palästina“| (S. 167-202): Dennoch bleiben die Christen auch nach 1244 dank der Templer noch fast ein halbes Jahrhundert im Osten präsent. Der Orden verschanzt sich in gewaltigen Burganlagen und trotzt den unablässig anstürmenden Türken. Aus dem Westen ist Hilfe nicht mehr zu erwarten, mehrere Kreuzzüge finden ihr fatales Ende. Es kommt der Tag, da herrschen im Heiligen Land nur noch die Templer und auch sie nur noch in ihren Burgen, bis auch diese eine nach der anderen erobert werden. Mit dem Fall von Akkon endet 1291 faktisch die christliche Herrschaft in Palästina und Syrien. Die Templer ziehen sich auf die Insel Zypern zurück.

|“Templerleben“| (S. 203-223): Viele Legenden ranken sich um den Templeralltag. Von geheimen Riten und verschwörerischen Ränken gegen Papst und Könige wird gemunkelt, sogar dem Teufel huldigt man angeblich. Außerdem sollen die Templer gewaltige Reichtümer angehäuft und so gut versteckt haben, dass ihnen bis heute niemand auf die Spur gekommen ist. Tatsächlich sind die Regeln des Ordens niemals geheim gewesen. Ihr Wortlaut ist bekannt; er spiegelt das Bild einer mönchsähnlich lebenden Gemeinschaft wider, die zumindest in ihren frühen Jahren im Dienste Gottes handelten. Ein Hüter mythologischer Mysterien ist der Templerorden niemals gewesen; dies sind Interpretationen aus späteren Jahren und Jahrhunderten.

|“Das Imperium der Templer“| (S. 224-238): Im 13. Jahrhundert bilden die Templer einen der mächtigsten geistlichen Ritterorden der mittelalterlichen Welt. 7000 Ritter, „Sergeanten“, dienende Brüder gehören ihm an. Hinzu kommt eine ungleich größere Zahl angeschlossener Mitglieder: Amtleute, Hilfskräfte, Rentenempfänger. Mindestens 870 Burgen, Komtureien und Filialen stehen in fast allen Ländern der westlichen Christenheit. Der Orden unterhält eigene Kampftruppen für die „heiligen“ Kriege in Palästina und Syrien und auf Zypern, es existiert eine eigene Mittelmeerflotte. Präsent ist der Orden außer im Osten auch in Frankreich und auf der iberischen Halbinsel, die zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend arabisch besetzt ist. Wie im Heiligen Land sollen die Ritter die Heiden bekämpfen und sie womöglich auf den afrikanischen Kontinent zurückwerfen. Ihre „Internationalität“ und das daraus erwachsende Wissen lässt die Templer zu einem ökonomischen Machtfaktor werden. Der Orden ist bemerkenswert reich und amtiert als Bank für zahlreiche Päpste, Könige und Adlige.

|“Der Untergang des Ordens“| (S. 239-277): Angeblich völlig überraschend kommt 1312 das Ende für den Templerorden: Papst Clemens V. erklärt ihn für aufgelöst, Philipp der Schöne, König von Frankreich, sorgt für die Umsetzung dieser Anordnung. Das Verhängnis hat sich indes schon lange abgezeichnet. Der Templerorden wird für den Verlust des Heiligen Landes verantwortlich gemacht. Kritik an der Selbstherrlichkeit und Verderbtheit der Templer hat es zudem immer gegeben – nun findet sie Gehör. Einige Versuche, nach 1291 im Heiligen Land wieder Fuß zu fassen, scheitern. Dem Orden, der seine eigentliche Aufgabe nicht mehr wahrnehmen kann, misslingt es, seine immensen Unterhaltskosten oder seine enormen Einkünfte aus Schenkungen und Stiftungen zu rechtfertigen. Ihm wird außerdem sein Reichtum zum Verhängnis. Der in Finanznöten gefangene französische König bemächtigt sich des Templervermögens, um seine zahlreichen Gläubiger zu befriedigen. Philipp ist womöglich außerdem davon überzeugt, dass die Templer tatsächlich zu einem Ketzerorden degeneriert sind. So fallen die einst so mächtigen Ritter den drastisch veränderten Zeitläufen zum Opfer.

|“Von Molays Fluch zum ‚Foucaultschen Pendel'“| (S. 278-292): Von einem „Fluch“ der untergegangenen Templer ist im Mittelalter selbst keine Rede. Erst in der Neuzeit wird dieser als reizvolles literarisches Thema eher spielerisch in die Welt gesetzt. Die Freimaurer berufen sich auf die Templer als glanzvolle „Vorgänger“, andere moderne „Orden“ und Vereinigungen eifern ihnen nach. Verschwörungsfetischisten komplettieren im 20. Jahrhundert die Fraktion derer, die in den Templern eine vom zeitgenössischen Establishment systematisch ausgerottete Geheimorganisation im Besitz „übernatürlichen“ Wissens sehen möchte.

Eine Gesamtdarstellung der Geschichte des Templerordens gehört zu den fachlichen Herausforderungen, der sich nur wirklich fähige Historiker mit Erfolg stellen: Wie schaffe ich es, eine unerhört komplexe Materie möglichst knapp und trotzdem verständlich, ohne entstellende Verkürzungen oder Auslassungen darzustellen? Schon über Einzelaspekte der Templerhistorie wie das genaue Gründungsdatum des Ordens sind eigene Bücher verfasst worden. Unter solchen Umständen ist die wissenschaftliche und literarische Leistung von Malcolm Barber noch höher einzuschätzen: Um zu wissen, wo er kürzen und zusammenfassen durfte, musste er den Gesamtstoff gesichtet & gewichtet haben – eine Arbeit, die ihn mehrere Jahre in Anspruch nahm und in die Archive vieler Länder führte. Das Ergebnis kann sich sehen bzw. lesen lassen: Sachlich, manchmal trocken in Worte gefasste Realität kommt mit der Intensität eines Tatsachenthrillers daher.

Gut tut die sachliche Abrechnung mit dem unerträglichen Esoterik-Quatsch, welcher der Templergeschichte vor allem seit dem 20. Jahrhundert übergestülpt wird. Die Ritter des Ordens bzw. ihrer Nachfolger sollen an einem streng geheimen Ort den heiligen Gral hüten und auch sonst diverse Mysterien im Auge behalten. Von vergrabenen Schätzen und genialen Todesfallen ist die Rede, über vom Vatikan unterdrückte Bibelsequenzen und die mögliche Einmischung von Außerirdischen wird gemunkelt – Dummgefasel der übelsten Sorte, mit dem sich indes viel Geld verdienen lässt. Mit der historischen Realität hat das nicht das Geringste zu tun und Barber lässt den Befürwortern solchen Bockmistes keine Schlupflöcher.

Dass „Die Templer“ dem Fachbuch näher stehen als dem Sachbuch, verrät u. a. der eindrucksvolle Anmerkungsapparat: Auf den Seiten 293-327 geben 754 Endnoten Auskunft über die Vielzahl der Quellen, die Verfasser Barber in jahrelanger Archivarbeit zu Rate zog. Die Liste der verwendeten Titel umfasst weitere 19 eng bedruckte Seiten (S. 328-347). Ein Personenregister unterstützt die Suche nach zentralen und Randfiguren der Templergeschichte (S. 348-354). Ebenfalls hilfreich sind eine knapp gefasste Zeittafel (S. 355/56), ein Verzeichnis der Großmeister des Templerordens (S. 356) sowie vier Karten, welche die Templerhäuser und -burgen im Westen des Abendlandes, die wichtigsten Burgen in Syrien und Palästina, die Niederlassungen des Ordens in der französischen Provence sowie seine Besitzungen im Languedoc verzeichnen (S. 357-360).

Dem Handbuchcharakter des Werks sind mögliche Abbildungsstrecken zum Opfer gefallen. Das ist verständlich, denn diese hätten den Seitenumfang vergrößert, ist aber schade, denn selbstverständlich haben die Templer bereits ihre Zeitgenossen fasziniert, die uns eine Vielzahl bemerkenswerter und wissenschaftlich aussagekräftiger Bild- und Schriftquellen hinterlassen haben (was wichtig ist, da die Unterlagen der Templer selbst nach ihrem Sturz und fast vollständig vernichtet wurden). Hinzu kommen Templerburgen, Gewandungen, Ausrüstungsgegenstände und andere Zeitzeugen des mittelalterlichen Alltags, die ihrerseits anschaulich Aufschluss geben über das Templerleben. Doch Barber hat sich entschieden und stützt sich primär auf das geschriebene Wort, was ihm andererseits dabei hilft, sein Werk geschlossen zu halten.

Malcolm Barber lehrt als Mittelalterhistoriker an der englischen Universität Reading. Er hat sich auf die Geschichte der geistlichen Orden zur Zeit der Kreuzzüge spezialisiert und viele Artikel in diversen Fachzeitschriften als auch (populär-)wissenschaftliche Bücher über damit verbundene Themen verfasst. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ihm dabei der Wind manchmal kräftig ins Gesicht bläst; Kritik erhebt sich u. a. an Barbers Interpretation der Katharerhistorie. Das vorliegende Werk wurde deutlich weniger gezaust. Dennoch sei darauf hingewiesen, dass es erst mit mehr als zehnjähriger Verspätung in Deutschland erschien und sich das Geschichtsbild auch in Sachen Templer und auf der Grundlage neuer Erkenntnisse seither entwickelt hat. Barber selbst hat seinen Beitrag dazu geleistet, was freilich in erster Linie den Historiker zur Beachtung der neueren Literatur verpflichtet; der Laie kann weiterhin bedenkenlos zu diesem Werk greifen.

Erskine, Barbara – Fluch von Belheddon Hall, Der

_Historikerin mit einem Bein in der Grusel-Gruft_

Barabara Erskine hat mittelalterliche Geschichte studiert und diese Passion in Geschichten verwandelt: [„Die Herrin von Hay“ 151 (1986), „Die Tochter des Phönix“ (1992) und „Mitternacht ist eine einsame Stunde“ (1994) haben ihr den Welterfolg eingebracht. Neben zwei Bänden mit Kurzgeschichten kann man noch „Königreich der Schatten“ (1988) von ihr erstehen, „Am Rande der Dunkelheit“ (1998), und „Das Lied der alten Steine“ (2001). Sie hat den Ruf, dass sie auf außergewöhnliche Weise in der Lage ist, Spannung, Romantik und Übernatürliches unter zwei Buchdeckeln zusammenfassen zu können. „Der Fluch von Belheddon Hall“ (1996) soll diesen Ruf bestätigen:

_Die Sehnsucht einer Waise_

Jocelyn Grant ist auf der Suche nach ihrer Mutter; Laura Duncan ist nirgendwo aufzutreiben, nur ihr alter, verlassener Wohnsitz. Belheddon Hall ist ein altes Landhaus, für das die Einheimischen nur Misstrauen und Angst übrig haben: Joss solle doch wieder nach Hause fahren, sie soll das Haus links liegen lassen und mit ihrer Familie ein gewöhnliches Leben führen. Eine Mutter, die keinen Kontakt mit ihrer Tochter aufnimmt, hat es nicht verdient, dass man ihr hinterherläuft, sagen sie, noch dazu, wenn das Ziel ihrer Forschungen Belheddon Hall ist …

Jocelyn gibt natürlich nicht auf. Bei ihren Nachforschungen erfährt sie, dass im ehemaligen Wohnsitz ihrer Mutter so mancher kleine Junge ums Leben gekommen ist, unter ziemlich mysteriösen Umständen, und dass ihre Mutter mit einem geheimnisvollen Fremden nach Frankreich ausgewandert ist. Nicht, ohne Belheddon Hall an Jocelyn zu vererben.

Zwar darf Jocelyn das Haus nicht verkaufen, aber das macht ihr nichts aus. Sie verliebt sich sofort in den Gedanken, Ahnenforschung vor Ort betreiben zu können, und die Warnungen von Pfarrern, Nachbarn und Einheimischen schlägt sie in den Wind. Da just zu dem Zeitpunkt auch noch das Geschäft ihres Mannes den Bach runtergeht, ist auch Luke Grant Feuer und Flamme bei dem Gedanken, ein Haus beziehen zu können, ohne Miete zahlen zu müssen. Lyn Davies, Jocelyns Adoptivschwester, zieht mit ein, und kümmert sich um Tom, den kleinen Sohn der Grants.

So weit, so gut. Joss vertieft sich während ihres Aufenthaltes in Belheddon Hall in die Erforschung ihrer Vergangenheit, und entdeckt dabei, dass ihre Mutter vor irgendetwas schreckliche Angst gehabt hatte. Sie zieht den Historiker David zu Rate, ein alter Freund und Kollege, der so manche unheimliche Geschichte über das Haus herauskramt: Kein Junge, der in dem Haus gelebt hat, ist älter als elf Jahre geworden, und alle sind sie unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Ein Fluch, behaupten die einen, der Teufel gar, behauptet manch anderer.

Jocelyn nimmt das nicht wirklich ernst, aber die Saat des Zweifels ist gesät. Sie nimmt die Atmosphäre in Belheddon Hall als bedrohlich wahr, spürt seltsame Anwesenheiten, Stille, die sich verdichtet, und sie hört Kinderstimmen. Besonders auf ihren Sohn hat sie ein ängstliches Auge. Dann, eines nachts, beginnt Tom zu schreien und zu weinen, ein Blechmann hätte ihn angegriffen, behauptet er. „Albträume“ erklärt Jocelyns Mann, „Albträume“ versichert ihr Lyn.

Aber die Albträume werden schlimmer, bald hat Tom die ersten Blutergüsse. Jocelyn ist sich sicher, dass etwas in dem Haus umgeht, aber niemand glaubt ihr. Als sie dann noch einen Sohn zur Welt bringt, laufen die Dinge aus dem Ruder: Jocelyn fürchtet um das Leben ihrer Kinder, aber niemand hört ihr zu. Als die ersten Verletzungen bei Tom zu sehen sind, beschuldigt man sie gar der Misshandlung …

_Im Landhaus nichts Neues_

Da gibt es nichts drumherum zu reden, die Zutaten, die Barbara Erskine in ihrem Roman verrührt, sind auf diese Weise schon oft verrührt worden. Zwar muss das nichts über die Qualität des Ergebnisses aussagen, aber im Falle „Belheddon Hall“ ist das eine zwiespältige Geschichte.

Zum einen haben wir da einen ziemlich mickrigen Gruselfaktor. Die Erscheinungen in Belheddon Hall spitzen sich nur sehr langsam zu, und ein Gefühl von echter Bedrohung will sich nie einstellen. Zu gewöhnlich sind die Stilmittel: Temperaturen, die plötzlich fallen, Katzen, die ohne Grund das Weite suchen, und natürlich die unaufhörliche Warnungslitanei aller Einheimischen.

Aber das ist auch nicht der Punkt, an dem Erskine den Spannungshebel ansetzt, der entfaltet sein volles Potenzial nämlich zwischen den Figuren: Jocelyn wird von niemandem ernst genommen, man unterstellt ihr, sie sei überreizt und überfordert mit der Tatsache, so viel über ihre Vergangenheit zu erfahren; Luke, ihr Mann, ist eifersüchtig auf David, den Historiker, und unterstellt ihm, Jocelyn verrückt zu machen, damit sie sich in seine rettenden Arme flüchtet; und Lyn suhlt sich darin, einmal nicht im Schatten ihrer Adoptivschwester zu stehen, genüsslich stichelt sie gegen Jocelyn Grant, behauptet gar, dass sie nicht fähig sei, ihre eigenen Kinder großzuziehen….

Zwischendrin gibt´s da ja noch die Frage nach Jocelyns Vergangenheit: Was ist denn nun mit ihrer Mutter geschehen? Wer war der mysteriöse Franzose, mit dem sie nach Frankreich geflohen ist? Warum hat sie mit ihrer Tochter nie Kontakt aufgenommen? Und vor allem: Wer steckt hinter den Erscheinungen und den nächtlichen Kinderstimmen?

_Metschlürfer vs. Weintrinker_

Im „Fluch von Belheddon Hall“ vermengen sich also tatsächlich Romantik, Familiendrama und Übernatürliches zu einem ganz eigenen Cocktail, der dem einen oder anderen Leser sicher munden wird.

Mir nicht, aber das ist nur die subjektive Seite meines Urteils. Objektiv kann man nämlich nicht meckern: Die Story ist schlüssig, die Figuren sind lebensecht und facettenreich, zum Schluss gibt es sogar noch ein paar nette Wendepunkte, und Erskine hat es zu wahrer Meisterschaft gebracht, wenn es darum geht, die Liebe zwischen Mutter und Kind spürbar werden zu lassen.

Wo liegt dann das Problem? Beim Tempo. Die Story entwickelt sich quälend langsam, es gibt Spekulationen über historische Figuren, die mit Belheddon zu tun haben könnten, es werden Familienangelegenheiten diskutiert, während immer wieder kleine Grusel-Happen das Blut in Wallung bringen sollen. Oh, stellenweise gelingt das ausgezeichnet, aber zu oft fällt mir „Der Fluch von Belheddon Hall“ in atmosphärische Beschaulichkeit.

Vergleichen kann man es vielleicht mit einem guten Wein: Geöffnet werden möchte er, und in eine Karaffe gegossen, da er unbedingt nach ein paar Augenblicken des Atmens verlangt. Und dann, nachdem das Kaminfeuer entfacht und Vivaldi auf den Plattenteller gelegt wurde, nachdem die Glühbirnen verlöscht und die Kerzen entzündet wurden, dann gönnt man sich sein Glas, erfreut an den bunten Aromen, mit denen das Bouquet die Geruchsknospen belebt, ehe man seiner Zungenspitze erlaubt, vom ersten Tropfen benetzt zu werden …

Um es kurz zu machen: Was den einen vor Ungeduld in den Wahnsinn treibt, ist für den anderen der Inbegriff des Genusses. Vor dem Kauf dieses Buches sollte man sich also eines überlegen: Bin ich ein lesetechnischer Weintrinker mit einem Faible für detailierte Langsamkeit? Fein! Rein in den Buchladen und antesten, hier warten ein paar vergnügliche Lesestunden. Bin ich allerdings ein methornschwingender Wikinger, der seine Storys am liebsten in einem Zug herunterstürzt, der es kochend heiß mag oder eiskalt, dem es nicht stark genug sein kann, und der es auch mal verträgt, wenn es ihm nach einem Gelage schwindelig und speiübel wird, dann könnte der Bogen um Erskines „Der Fluch von Belheddon Hall“ nicht groß genug sein. Man möge selbst entscheiden.

Bradby, Tom – Herr des Regens, Der

Tom Bradby scheint ein Autor mit einer Vorliebe für exotische Handlungsorte zu sein. Spielt sein aktueller Roman „Der Gott der Dunkelheit“ in Ägypten, so zieht es die Hauptfigur seines Debütromans „Der Herr des Regens“ nach Shanghai. Und noch eine Vorliebe Tom Bradbys lässt sich mit einem Blick ausmachen: der historische Kontext. Beide Romane verbinden exotische Schauplätze, Krimiplot und ein historisches Setting zu einer fesselnden und vielschichtigen Lektüre.

„Der Herr des Regens“ spielt im Shanghai der 20er Jahre. Über Zeit und Ort erfährt man im Geschichtsunterricht nicht unbedingt viel, so dass es sich empfiehlt, parallel zur Lektüre einmal die historischen Hintergründe von Shanghai nachzuschlagen. Bradby hat seinen Roman in einer äußerst bewegten Epoche der Geschichte der Stadt angesiedelt.

Viele Nationen mischen in der Stadtgeschichte mit. Vor allem die Briten beherrschen das Bild. Shanghai erlangt im Laufe der 20er Jahre Ruhm als Weltmetropole und bedeutender Handelsstandort. Chinesen, Briten, Franzosen und Russen leben in den unterschiedlichen Stadtteilen Tür an Tür. Mit dem Aufkommen des Kommunismus werden die Zeiten unruhiger und „Der Herr des Regens“ spielt genau ein Jahr, nachdem die britischen Truppen Studentenproteste blutig niedergeschlagen haben.

1926 kommt der Protagonist Richard Field in die pulsierende fernöstliche Metropole Shanghai. Er ist jung und unerfahren und flieht vor der beengenden Familie in England und der eigenen Vergangenheit ins ferne China. Hier tritt er seinen Posten im Sonderdezernat der Polizei von Shanghai an, in der Hoffnung, sich in den nächsten Jahren der ehrenvollen Aufgabe polizeilicher Ermittlungsarbeit widmen zu dürfen.

Doch schon bald muss Field einsehen, dass die Realität nicht ganz dem entspricht, was er sich erhofft hat. Shanghai entpuppt sich als Hort der Sünden, Gewalt und Korruption. Sein erster Fall erweist sich gleich als heikel. Eine junge Russin wurde brutal ermordet. Bei den ersten Nachforschungen stößt Field schon bald auf einen Namen, dem er in der nächsten Zeit immer wieder begegnen wird: Lu Huang. Lu Huang ist ein sagenumwobener chinesischer Gangster, der in Shanghai viele Fäden in der Hand hält. Field ahnt noch nicht, worauf er sich einlässt, als er mit den Ermittlungen beginnt, doch schon bald blickt er in die dunklen Abgründe der Stadt und muss erkennen, dass es äußerst gefährlich ist, unbequem zu werden, wenn man nicht weiß, wem man trauen kann …

Tom Bradby ist mit „Der Herr des Regens“ ein interessanter und spannender Roman geglückt. Er skizziert ein lebendiges Bild der 20er Jahre in der Stadt und vermittelt dem Leser dadurch ganz nebenbei den Anreiz, sein geschichtliches Wissen der Zeit zu vertiefen. Die Epoche bietet für sich genommen schon ein spannendes Szenario für einen Kriminalroman. Shanghai eignet sich hierfür im Besonderen. Die Stadt galt als Sinnbild des Abenteurertums der Zeit, als Ort, an dem man reich werden konnte. In Shanghai schien alles zum Greifen nah. Jeder Wunsch konnte erfüllt, jedes Bedürfnis gestillt werden.

Auf den Punkt bringen kann man die Stimmung von Zeit und Ort in einem Satz, den Aldous Huxley im gleichen Jahr ausgesprochen hat, in dem auch der Roman spielt. Huxley hat nach eigener Aussage |“in keiner Stadt je einen solchen Eindruck von einem dichten Morast üppig verflochtenen Lebens“| wie in Shanghai bekommen. Genau diese Stimmung beschwört Tom Bradby in seinem Roman herauf.

In diese Szenerie versetzt er den jungen, idealistischen Polizisten Richard Field, der schon bald erkennen muss, dass polizeiliche Ermittlungsarbeit nicht immer die Suche nach der Wahrheit zum Ziel hat. Field bewegt sich in einem Umfeld, das permanentes Misstrauen verdient, weil man nie weiß, wer mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung steht und wer nicht, und in dem jeder ausgesprochene Satz schon einer zu viel sein könnte. Besonders verzwickt ist Fields Lage auch dadurch, dass er durch seinen Onkel Beziehungen zu den Reichen und Mächtigen der Stadt pflegt. Für einen naiven Frischling wie Field kommt das einem Bad in einem Haifischbecken gleich.

Man spürt als Leser die allgegenwärtige unterschwellige Bedrohung, eine Atmosphäre, die bei aller Exotik immer wieder düster und beklemmend wirkt. In mancher Hinsicht erinnert „Der Herr des Regens“ an opulente und verworrene Krimi-Noir-Geschichten wie [„L.A. Confidential“ 1187 von James Ellroy. Desillusioniert und bedrückend, atmosphärisch dicht und irgendwie undurchdringlich. Wer Kriminalromane von diesem Schlag mag, für den ist auch „Der Herr des Regens“ vortreffliche Lektüre.

„Der Herr des Regens“ ist ein Roman, den man sich bildlich ausgesprochen gut vorstellen kann. Bradby lässt sich zum Einstieg Zeit, Atmosphäre aufzubauen, gibt seinem Protagonisten Field Gelegenheit, in seine neue Rolle hineinzuwachsen und baut die Spannung gemächlich auf, um den Leser dann zum Ende hin nägelkauend weiterlesen zu lassen. Besonders das letzte Viertel ist derart spannungsgeladen, dass man das Buch kaum zur Seite legen mag.

Wahres Kopfkino inszeniert Bradby und so kann man sich problemlos vorstellen, dass auch Hollywood an der Entwicklung der Figur Richard Fields und seinen heldenhaften Anwandlungen zum Ende hin Gefallen haben könnte. Andererseits fällt das Ende der Geschichte in Anbetracht der ansonsten so düsteren und dichten Stimmung des Romans auch ein wenig zu glatt und gefällig aus. Ein bisschen weniger Happyend hätte nicht geschadet und der Geschichte zusätzliche Glaubwürdigkeit verliehen.

Was die Verteilung der Rollen zwischen Gut und Böse angeht, so hätte Bradby sich meiner Meinung nach ruhig noch etwas mehr Mühe geben können, die Fährten ein wenig mehr zu verwischen. Die Andeutungen und Hinweise, die er ausstreut, sind manchmal einfach zu offensichtlich, so dass man als Leser mit etwas Krimierfahrung sicherlich nicht sonderlich überrascht ist, wenn enthüllt wird, wer richtig und wer falsch spielt, wer wirklich verdächtig ist und wer nicht. Und so erscheint zum Ende hin dann auch so mancher „Sinneswandel“ nicht unbedingt bis ins Mark glaubwürdig.

Ähnlich blass bleibt die Enthüllung des Mörders. Die Motive werden kaum deutlich und bleiben einfach zu schwammig und fragwürdig, um den Täter wirklich überzeugend erscheinen zu lassen, und so ist die Auflösung des Krimiplots sicherlich nicht zu den Highlights des Romans zu zählen. Atmosphäre und Spannungsbogen können aber durchaus dagegenhalten, um zumindest teilweise über diese Mängel hinwegzutrösten.

Bradby fährt eine lesenswerte und spannungsgeladene Mischung auf, die einerseits geschichtliche Hintergründe eines interessanten und exotischen Schauplatzes einbezieht und andererseits einen spannenden Plot mit interessanten Figuren entwickelt, der nebenbei gar noch eine verzwickte Liebesgeschichte auffährt. Die Mischung geht in jedem Fall auf, und so ist das Resultat ein unterhaltsamer und spannender Krimi, dem man die eine oder andere kleinere Schwäche aufgrund der dichten Atmosphäre und der Exotik des Schauplatzes gerne mal verzeiht.

Algernon Blackwood – Der Griff aus dem Dunkel. Gespenstergeschichten

Blackwood Griff aus dem Dunkel kleinInhalt:

In einer Novelle und fünf Kurzgeschichten gewinnt Algernon Blackwood (1869-1951), Meister der angelsächsischen Gruselliteratur, ihm wichtigen Themen (Naturmystik, Mehrdimensionalität, Tod als Übergang) neue, spannende Seite ab:

Das Haus der Verdammten (The Damned, 1914), S. 7-110: William und seine Schwester Frances werden von der reichen Witwe Mabel auf deren Landsitz in der Grafschaft Sussex eingeladen. Aus dem erhofften Urlaub auf dem Lande wird nichts, denn in „The Towers“ spukt es mächtig. Mabels verstorbener Gatte, der Bankier Samuel Franklyn, war ein Laienprediger übelster Sorte: ein bigotter, fanatischer Eiferer, der mit Inbrunst die ewige Verdammnis auf alle Sünder herab beschwor. Selbst der Tod konnte Samuel und seinen Missionseifer nicht stoppen; sein niederträchtiger Geist beherrscht „Two Towers“, die willenlose Mabel und tausend körperlose Seelen, Samuels Opfer, die ihr Gehorsam nicht ins Paradies, sondern in eine düstere Zwischenwelt fehlgeleitet hat, der sie nun verzweifelt und zornig endlich entkommen wollen. In einem letzten Aufflackern ihres Widerstandes hat Mabel Frances und William zu sich gerufen, doch die Geschwister können dem Ansturm der Verdammten ebenso wenig standhalten wie sie. Algernon Blackwood – Der Griff aus dem Dunkel. Gespenstergeschichten weiterlesen

Schami, Rafik – dunkle Seite der Liebe, Die (Lesung)

_Der Autor_

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus/Syrien geboren. 1965 bis 1970 Gründung und Leitung der Wandzeitung „Al-Muntalek“ im alten Stadtviertel von Damaskus. 1971 wanderte er in die Bundesrepublik Deutschland aus, bis 1979 arbeitete Rafik Schami in Fabriken und als Aushilfskraft in Kaufhäusern, Restaurants und Baustellen und studierte Chemie. 1971 bis 1977 Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien in arabischer und deutscher Sprache; seit 1982 freier Schriftsteller.

_Die große Geduldsprobe_

21 CDs, 1590 Minuten – niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich die Geduld aufbringen würde, ein so langes Hörbuch in relativ kurzer Zeit durchzuhören, wahrscheinlich auch, weil ich die Audio-Fassungen besonders dann liebe, wenn sie schnell auf den Punkt kommen. Nun, also beginne ich kurze Zeit nach Erhalt der schmucken Box zu „Die dunkle Seite der Liebe“ damit, tagtäglich variierend zwischen ein und vier Stunden, dieses Hörbuch in mich aufzunehmen und mich immer tiefer in die Heimatwelt des Autors zu versetzen. Es sollte nicht lange dauern, da wurde aus der anfänglich befürchteten Geduldsprobe eine der tollsten Traumreisen, die man sich überhaupt vorstellen kann, und von der man sich wünscht, dass sie niemals ein Ende findet. 21 CDs, 1590 Minuten – niemals hätte ich gedacht, dass diese Zeit wie im Flug vergeht …

_Story_

Die Clans der Muschtaks und der Schahins leben in einem kleinen syrischen Bergdorf, in dem die Mehrzahl der Einwohner sich dem christlichen Glauben verschrieben hat. Jedoch wird hier zwischen der orthodoxen und der katholischen Form unterschieden, und dies ist auch ein wichtiger Aspekt, der die beiden Clans voneinander entfremdet und das Dorf in zwei Fraktionen teilt.

Die Feindschaft zwischen den Muschtaks und den Schahins wird vom alten Georg Muschtak verursacht, der eines Tages in diesem Dorf aufkreuzt, sich sehr schnell Ansehen verschafft und wegen seines damit einhergehenden Reichtums manchen Leuten ein Dorn im Auge ist. So zum Beispiel Jusuf Schahin, einem Pferdezüchter, der ebenfalls vom Erfolg verwöhnt ist. Aus einer anfägnlichen Rivalität entsteht im Laufe der Zeit ein immer tieferer Hass, der sogar so weit geht, dass die beiden Parteien Attentate gegeneinander begehen. Was mit verbalen Anfeindungen beginnt, artet immer mehr aus; Brandanschläge sind die Folge und Mord eines der Resultate.

Der Hass der Clans wird auch auf die nächste Generation übertragen. Georgs Sohn Elias ist ebenfalls davon betroffen, vertritt aber nicht alle Meinungen seines Vaters und setzt sich eines Tages mit seiner Frau in die syrische Hauptstadt Damaskus ab, um sich dort ein neues Standbein aufzubauen. Dort wächst auch der gemeinsame Sohn Farid auf, der eines Tages auf Geheiß seines Vaters in ein Kloster gesteckt wird, um dort eine religiöse Ausbildung zu genießen. Dort geht Farid jedoch mental zugrunde; überall schlägt ihm Hass entgegen, und nachdem sich die geliebte Mutter zu seinen Gunsten eingesetzt hat, entkommt Farid der harten Erziehung in der kirchlichen Einrichtung.

Kurze Zeit später findet der junge Farid dann sein Glück; er lernt die gleichaltrige Rana kennen und verliebt sich prompt in das hübsche Mädchen. Die Voraussetzungen scheinen perfekt; beide sind Christen und müssen deshalb auch keine Probleme befürchten, die auf ihrer Religionszugehörigkeit beruhen. Doch Rana gehört dem Schahin-Clan an, und ihre Eltern haben nicht vergessen, welche Greueltaten zwischen dem eigenen Clan und den Muschtaks geschehen sind. Auch Elias ist der neuen Liebe seines Sohnes nicht wohl gesonnen und spricht sich deutlich gegen den Clan der Schahins aus.

Farid und Rana erfahren die nach wie vor existierende Feindseligkeit der beiden Familien und fürchten, ihre verbotene Liebe aufgeben zu müssen. Ihr Plan, vor der Vergangenheit und dem familiären Ursprung zu flüchten, scheitert und artet in einem Eklat aus. Und von nun an bekommen sie den Hass der beiden Familien erst richtig zu spüren …

_Meine Meinung_

„Die dunkle Seite der Liebe“ beleuchtet das Thema Liebe in vielen miteinander verbundenen Kurzgeschichten in all seinen Facetten. Die hingebungsvolle Liebe zum anderen Geschlecht, die Verbundenheit zum Clan und der Familie, die Unterwürfigkeit zugunsten der Sippe und die von der Religion auferlegte Liebe zu einer höheren Macht. Rafik Schami beleuchtet das prickelnde Thema am brisanten Schauplatz seiner eigentlichen Heimat Syrien im Jahre 1953 und verknüpft die verschiedenen Handlungsabläufe mit vielen sozialen, hier völlig fremden kulturellen Problemen und Begebenheiten, die einerseits menschlicher gar nicht sein könnten, andererseits dann aber wieder so grob gegen die Menschlichkeit verstoßen, dass man nur mit Entsetzen reagieren kann. Schami beschreibt vor allem den Hass sehr ausführlich und löst dabei eine beklemmende Atmosphäre aus, der man sich während der gesamten Spielzeit nicht mehr entziehen kann. Die Darstellung der mentalen und psychischen Gewalt mag im Beispiel so simpel klingen, ist aber im Gesamtzusammenhang überaus erschreckend, weil all das so authentisch wirkt. Dem Autor gelingt es wirklich fabelhaft, uns in die scheinbar so ferne Kultur zu entführen, uns die sozialen Bräuche näher zu bringen, die Einstellungen der beteiligten Personen deutlich zu machen und trotzdem nie die Handlung aus den Augen zu verlieren.

Der Aufbau der Geschichte erinnert dabei teilweise an die typischen Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Schami, und im Falle des Hörbuches auch noch die beiden Kollegen Markus Hoffmann und Andrea Hörnke-Trieß, erzählen von der verbotenen Liebe in vielen kurzen, aber immerzu bewegenden Episoden, schweifen zwischendurch immer mal wieder etwas ab, um so die negative Stimmung ein wenig aufzuheben, verfehlen aber in keiner der abgeschlossenen Kurzgeschichten das Thema, sprich die Handlung, an der sich die einzelnen Teile (mehr als 300 an der Zahl) ausnahmslos orientieren.

Schamis Geschichte hat neben den dramatischen Schilderungen aber vor allem eines: eine sehr poetische, teils romantische, teils verführerische Ausstrahlung, die den Hörer kaum noch loslässt. Es geht unter die Haut, wenn der Autor sich langsam an die Unterdrückung der Anziehung und Leidenschaft zwischen Farid und Rana herantastet und dabei sehr behutsam auf die dabei mitspielenden Emotionen eingeht. Dass Schami dabei nicht ein einziges Mal in die Richtung einer schwülstigen Love-Story abdriftet, versteht sich fast von selbst. Es ist auch nicht dringend die Liebe zwischen den beiden Protagonisten, die im Mittelpunkt des Geschehens steht, denn stellenweise dient sie nur als Aufhänger für das, was der Autor in seinem Titel anspricht: die dunkle Seite dessen, was in der europäischen Kultur meist sehr oberflächlich abgehandelt wird, im nahen Osten aber nach wie vor kein Standard ist, den man mal eben so in die Tat umsetzen kann – damals in der Zeit der Handlung genauso wenig wie heute!

Was genau ist „Die dunkle Seite der Liebe“ nun wirklich? Nun, es ist eine Geschichte voller kontrastreicher Emotionen und Gefühle, die Charakterisierung einer problembehafteten, noch immer von ihren Ursprüngen zehrenden Kultur, eine detaillierte Beschreibung der Weigerung von Akzeptanz und Toleranz, ein Stück vergangene und dennoch aktuelle Zeitgeschichte, ein Gleichnis mitsamt der Wechselwirkung von Hass und Verbundenheit und letztendlich die Geschichte zweier Personen, die in ihre aussichtslose Situation hineingeboren werden, und denen von Anfang an nicht erlaubt ist, als freie Menschen zu leben.

Schamis Monumentalwerk hat mich sehr tief bewegt, und gerade zum Schluss hat es mir auch gezeigt, wie man mit einer Geschichte verwachsen und sich mit ihr verbunden fühlen kann. „Die dunkle Seite der Liebe“ ist in der Tat eine Traumreise, die einen aus der Realität entfernt und in eine fremde Realität zurückholt. Was ich aber noch viel erstaunlicher finde: Während der gesamten Spielzeit verspürt man den Drang, immer und immer weiter zu hören, und am Ende tut es weh, wenn die Erzählung endet. Das hätte ich bei einer solch enormen Spieldauer nie und nimmer erwartet, denn schließlich befürchtet man bei mehr als 26 Stunden Spielzeit ja einzelne Längen. Doch es gibt sie nicht. Sehr, sehr bemerkenswert! „Die dunkle Seite der Liebe“ ist ein echter Goldschatz, ein mitreißendes Meisterwerk, eine grandiose Darstellung der Gepflogenheiten einer fremden Kultur und schließlich ein Stück Liebe, wie man sie garantiert noch nie erfahren hat.

http://www.sprechendebuecher.de

Burgwächter, Till – Sorry, aber so isses! – Böse Texte für den Rest der Welt

Das Lieblingslexikon für Onliner namens Wikipedia lehrt uns über den Witz, dass dieses Wörtchen vom Althochdeutschen stammt, wo wizzi gleich Wissen hieß. Gemeint ist mit dem Witz als solchem ein kurz formulierter Sachverhalt, der in der „Pointe“ die plötzliche Option eröffnet, der angebotenen Information nicht mehr mit dem gebotenen Ernst zu begegnen – wobei die Betonung auf „plötzlich“ liegt.

Warum Heavy-Metal-Humorist Till Burgwächter diese Definition des Witzes einmal lesen sollte? Seine Satiren in „Sorry, aber so isses! – Böse Texte für den Rest der Welt“ sind zwar annehmbar für Leute, die sich ein wenig lustig machen wollen über das Treiben auf der Erde und dabei einfach einmal ihre eigenen Vorurteile bestätigt wissen möchten – aber im eigentlichen Sinne komisch schreibt er nicht. Burgwächters Texte sind zu vorhersehbar. Die Pointen lächeln schon Zeilen vorher um die Ecke und basieren ausschließlich auf Klischees. Da geht es gegen Rentner in ihren langsamen Autos. Gegen Beamte. Gegen Gospelchöre. Gegen Polizisten. Gegen alte Damen in Cafés. Eben gegen Menschen, die sich sowieso nicht wehren können und wunderbare Opfer für jeden Stammtisch sind – die alle zieht Burgwächter mal mehr, mal weniger gelungen durch den Kakao. Auch Sportler oder Schauspieler bekommen bei so einem Rundumschlag ihr Fett weg, keine Frage. Doch wirkt Burgwächter in seinen Texten nie souverän, sondern eher wie jemand, der sonst keinen Spaß in seinem Leben hat und deshalb möglichst sarkastisch, mitunter sogar zynisch gegen das wettert, was ihm an seinem Dasein nicht passt.

Damit ist er weit entfernt von den Qualitätsstandards, die einst etwa ein Dieter Hildebrandt in seinem unvergessenen „Scheibenwischer“ setzte, aber auch noch lange nicht an dem genialen Punkt, den heute etwa die Satirezeitschrift „Titanic“ durch ihre absolute Überhöhung des Sarkasmus mit jeder Ausgabe erreicht. Ein Vergleich tut da Not: Ein „Titanic“-Redakteur etwa raucht locker einen Joint und schreibt dabei über das neue Projekt von „DIE PARTEI“ – die Partei, die es auch wirklich gibt und die laut ihrem Programm die Mauer zwischen Ost und West wieder mit den Steinen der niederzureißenden Dresdner Frauenkirche aufbauen will. So etwas ist cool, das hat provokativen Stil. Burgwächter dagegen schreibt von der Bundeswehr, wie blöde alle sind, die dort arbeiten – das mag für ein Klischee stimmen und wohl auch in Wirklichkeit so sein. Aber was ist an dieser Erkenntnis witzig oder neu?

Das ist denn auch das Hauptproblem an „Sorry, aber so isses!“ – die meisten Themen sind zu oft schon durch den Kakao gezogen worden, Burgwächter überrascht kaum mit neuen Sichten auf die Welt. Freilich, an sich sind seine Texte recht anschaulich beschrieben, seine Sprache abwechslungsreich und ausdrucksstark. Dennoch langweilt Burgwächters Buch auf Dauer; manchmal, wenn die Weltsicht des Autoren zu sehr von der eigenen Meinung abweicht, ist es sogar regelrecht ärgerlich – und manches Gesabbel wie „Nur die Liebe zählt …“ oder „Die Dritten“ ist schlicht so an den Haaren herbeigezogen, dass es nicht mehr glaubwürdig klingt. Burgwächter ist damit wie sein satirelnder Gothic-Autoren-Kollege Christian von Aster bei dem Versuch gescheitert, gelungene Glossen eben nicht nur über die eigene Musik zu schreiben – schade eigentlich.

Andreas Gruber – Der Judas-Schrein

Der Wiener Kripobeamte Alex Körner steckt in Schwierigkeiten. Sein erster Fall als Chefinspektor endete durch seine Fahrlässigkeit in einem Desaster mit mehreren Verletzten. Zur Rehabilitierung wird er auf den Mordfall eines Mädchens in einer Dorfdisko angesetzt. Beim abgelegenen Grein am Gebirge handelt es sich um Körners einstige Heimatstadt, in der er die ersten vierzehn Jahre seines Lebens verbrachte. Nach dem Tod seiner Eltern bei einem Hausbrand zog er nach Wien und brach jede Verbindung zu seinem alten Leben ab. Wider Willen muss Körner jetzt nach fast dreißig Jahren in seine Heimat zurückkehren. Als Unterstützung steht ihm die Polizeipsychologin Dr. Sonja Berger zur Seite. Den Rest des Ermittlerteams bilden seine Ex-Freundin Jana Sabriski als Gerichtsmedizinerin, der zurückhaltende Polizeifotograph Kralicz, von den anderen nur liebevoll „Basedov“ genannt, und der sarkastische Spurensicherer Rolf Philipp.

Andreas Gruber – Der Judas-Schrein weiterlesen

Stewart, Paul – Twig im Auge des Sturms (Die Klippenland-Chroniken III)

Band 1: [Twig im Dunkelwald 1936
Band 2: [Twig bei den Himmelspiraten 1999

Die „Klippenland-Chroniken“ gehen in die dritte Runde und kommen dieses Mal auch um einiges actiongeladener und effektreicher daher, als dies noch bei den beiden direkten Vorgängern der Fall war. Hierfür ist vor allem der weitaus mehr in den Vordergrund gerückte Sound von Olaf Normann verantwortlich, der einem schon in den ersten Szenen entgegenschießt. Doch auch sonst hat die Geschichte des jungen Himmelspiraten Twig wieder so einiges zu bieten. „Twig im Auge des Sturms“ verspricht jedenfalls wieder mehr als fünf Stunden tolle Atmosphäre, eine superbe Erzählstimme und Spannung pur.

_Story_

Noch immer ist Twigs Vater, der legendäre Himmelspirat Wolkenwolf, nach dem Unglück auf seinem Himmelsschiff verschwunden. Nachdem Sanktaphrax in letzter Minute gerettet werden konnte, macht sich Twig daher auch wieder auf die Suche nach dem bereits totgeglaubten Captain und findet ihn schließlich auch wenige Augenblicke vor dessen Dahinscheiden. Fernab von Twigs neuer Heimat kann dieser ihn gerade noch vor dem gewaltigen Muttersturm warnen, der schon sehr bald wieder das Klippenland aufsuchen soll, um so wieder die berüchtigten weißen Sümpfe zum Leben zu erwecken.

Auf dem Weg dahin soll der fürchterliche Wind auch über Sanktaphrax hinwegfegen und die Stadt vom Erdboden tilgen. Twig hat gar keine Zeit mehr, sich von seinem Erzeuger und Lehrmeister zu verabschieden und begibt sich mit dem |Klippentänzer| auf dem direkten Weg zurück in die Stadt der Akademiker, gerät aber dabei direkt in einen unheimlichen Wirbelsturm, der die gesamte Besatzung des Schiffes in alle Winde verstreut.

Twig wacht kurze Zeit später in Unterstadt auf und kann sich nur bruchstückhaft an die Geschehnisse erinnern. Sein Schiff ist anscheinend endgültig vernichtet, und von seinen Kameraden gibt es keine Spur. Statt mit dem berühmten Himmelsschiff nach Sanktaphrax zu fliegen und die dort lebenden Menschen vor dem drohenden Unglück zu warnen, muss sich Twig nun zunächst auf die Suche nach seiner alten Crew machen, doch dies gestaltet sich weitaus schwerer, als er sich das vorgestellt hatte …

_Meine Meinung_

Bei „Twig im Auge des Sturms“ geht es wirklich ordentlich zur Sache. Wie schon oben angedeutet, spielt die Action im dritten Teil der Saga eine gewichtige Rolle und kommt auch in keinem Abschnitt der Handlung zu kurz. Dafür verzichtet Autor Paul Stewart auch fast gänzlich auf eine Einleitung und setzt das vorab Geschehene bereits als bekannt voraus, was er aber prinzipiell auch darf. So gerät man sofort mit Twig in den großen Muttersturm hinein, den Soundmann Olaf Normann hier auch sehr opulent in Szene gesetzt hat. Als das Schiff der Himmelspiraten getroffen wird, kommt das schon einem richtigen Donnerschlag gleich, und auch später nutzt Normann sämtliche Gelegenheiten aus, um Musik und Effekte flächendeckend unterzubringen.

Die Geschichte selbst glänzt ebenfalls durch ein leicht gesteigertes Erzähltempo, das nach dem rasanten Beginn auch beibehalten werden soll. Das eigentliche Abenteuer beginnt allerdings erst nach dem Absturz des |Klippentänzers|, denn von dort an werden auch wieder neue Charaktere vorgestellt, es müssen neue Hürden in unbekannten Regionen bewältigt werden und anders als sonst ist Twig dieses Mal komplett auf sich alleine gestellt. Die Hauptfigur der Geschichte wächst immer weiter in ihre von Anfang an erdachte Heldenrolle hinein und kommt mit dieser auch immer besser zurecht. Aus dem hilflosen kleinen Kerl ist eine echte Persönlichkeit geworden, und auch dies macht einen Unterschied zu den ersten beiden Erzählungen aus, bei denen Twig noch recht jugendlich wirkte.

Von der überraschenden Härte des letzten Hörbuchs ist man bei „Twig im Auge des Sturms“ jedoch wieder ein wenig abgewichen. In erster Linie ist die Geschichte nämlich auch hier wieder auf ein etwas jüngeres Publikum zugeschnitten, und auch wenn es mitunter manchmal (im übertragenen Sinne) etwas heftiger zur Sache geht, ist die Erzählung dennoch recht leichtfüßig und kommt ohne jegliche zweifelhafte Szene aus. Vorbildlich wie immer!

Über den Erzähler möchte ich an dieser stelle indes nicht mehr viele Worte verlieren. Volker Niederfahrenhorst verstellt seine Stimme auch hier wieder in den unterschiedlichsten Tonlagen und hat spürbar Spaß an seiner Arbeit – Spaß, der sich auch auf den Hörer überträgt. Die Atmosphäre ist erneut prächtig, die Handlung sehr fließend gestaltet und die Charaktere nach wie vor einzigartig in ihrer Erscheinungsweise. Hier lohnt sich auch ein Blick ins Booklet, das neben einigen kurzen Hintergrundinformationen noch einen Mini-Almanach mit Erklärungen zu den Wesen aus dem Klippenland mitliefert und dazu auch noch einige ausgewählte Illustrationen seitens Chris Riddells enthält, der ja auch die Buchfassung der „Klippenland-Chroniken“ mit seinen hübschen, humorvollen Skizzen bereichert.

Alles in allem ist dieser dritte Teil also eine sehr gelungene und spannende Fortsetzung, für die man dieser Tage gerne noch sein überschüssiges Weihnachtsgeld ausgeben kann.

Feige, Marcel – Inferno – Ruf der Toten

Der Berliner Autor Marcel Feige wagt sich mit seinem vierten Roman „Inferno – Ruf der Toten“ an eine Trilogie, die – soweit man dies nach dem vorliegenden ersten Band beurteilen kann – nichts Geringeres als das Ende der Menschheit heraufzubeschwören scheint. Eine Menschheit, die mit großen Schritten auf die Apokalypse zusteuert, auf einen Zusammenstoß von Imagination und Wirklichkeit, von Vergangenem und Gegenwärtigem, von Leben und Tod. Und eines möchte ich gleich vorwegschicken: Nach den letzten Sätzen von „Inferno – Ruf der Toten“ möchtet ihr am liebsten sofort wissen, wie die Geschichte weitergeht und alles zusammenhängt. Garantiert! Kein Zweifel!

_Unheilvolle Vorboten_

Nach einer durchgefeierten Drogen-Nacht kollabiert Philip auf den Straßen Berlins. Das beängstigende Nahtoderlebnis, das er in diesem Moment hat, ist nur der Beginn einer Reihe von merkwürdigen Visionen, die ihn von nun an heimsuchen sollen und ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Irgend etwas scheint mit ihm nicht in Ordnung zu sein …

London: Beatrice, eine völlig normale, 22-jährige junge Frau, erleidet wie aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt. Im Krankenhaus kann ihrem zukünftigen Ehemann Paul wenig später nur noch die Nachricht des Todes seiner Verlobten überbracht werden. Als dieser sich in der Leichenhalle ein letztes Mal von Beatrice verabschieden will, macht er eine schockierende Entdeckung: Seine Freundin ist spurlos verschwunden.

An anderer Stelle Londons: Beatrice erwacht in einer dreckigen Gasse und kann sich nicht mehr an ihre Identität erinnern. Der obdachlose Elonard, der in allerletzter Sekunde verhindern kann, dass sie von ein paar schmierigen Typen vergewaltigt wird, ist ihr behilflich, ihr Leben zu rekonstruieren.

In Rom tritt eine geheime Versammlung von Würdenträgern des Vatikans zusammen, um über Maßnahmen zu beraten, wie eine sich durch verschiedene Zeichen andeutende Katastrophe für die Menschheit abgewendet werden kann …

_Beurteilung_

Marcel Feige lässt von Beginn seines Romans keinen Zweifel daran, dass es ihm mit seiner „Inferno“-Trilogie absolut ernst ist und er vor allem das Talent hat, eine etwas komplexere Geschichte nicht in einem Sumpf aus Überambition und Orientierungslosigkeit versickern zu lassen. Kontinuierlich steigert er die Spannung, so dass der Leser zusammen mit den Figuren in einen Strudel der Ereignisse gesogen wird. Dabei lässt Feige mehrere Handlungsstränge parallel zueinander ablaufen, deren Zusammenhänge in „Inferno – Ruf der Toten“ lediglich angedeutet werden und für die beiden kommenden Bände noch einiges hoffen lassen.

Die Hauptfiguren des Romans sind zudem so angelegt, dass sie dem Leser – wenn man den fantastischen Hintergrund der Geschichte außer Acht lässt – ein leises „Das könnte dir auch passieren“ einflüstern. Denn sowohl der junge Fotograf Philip, der zwischen Verantwortungsbewusstsein im Job und drogengeschwängerten Partys hin- und hergerissen ist, als auch Beatrice, eine 22-jährige Studentin, sind absolute Durchschnittsmenschen, wie sie einem jeden Tag auf der Straße über den Weg laufen. Beide schickt Feige auf einen sehr schmerzvollen Trip, auf dem der Tod ein ständiger Begleiter ist.

Neben diesen zentralen Personen erhoffe ich mir persönlich noch viel von den beiden dubiosen Vatikan-Schergen Lacie und Cato, die für die altehrwürdigen Eminenzen unliebsame Probleme auf eine hässliche, aber konsequente Art und Weise lösen. Da stehen uns für die kommenden Bände sicherlich noch einige Zeugenbeseitigungsaktionen ins Haus.

„Inferno – Ruf der Toten“ ist alles in allem ein wirklich lesenswertes Buch, das locker und sprachlich versiert geschrieben ist – vor allem gelingt es Marcel Feige, mit nur wenigen Worten, die verschiedenen Situationen lebhaft vor dem geistigen Auge des Rezipienten entstehen zu lassen – und einige Vorfreude auf die 2006 erscheinenden Bände zwei und drei weckt.

Temporeich, spannend und ziemlich kickend!

http://www.festa-verlag.de/
http://www.dasinferno.de/

Bolik, Martin – Open Sky

_Besetzung_

Erzählerin LAIKA – Daniela Ziegler
Weltraumhund GO – Reent Reins, Franz Josef Steffens
Computerfloh – Monika Maria Ullemeier
ALOHA – Ulrike Englisch
Jazzmusikerhund Phil – Christian Eitner
In weiteren Rollen: Inga Quistorf und Volker Adam
Übersetzer (hundetelepathisch/deutsch) – Ringo (Hund)

_Inhalt_

Kurz vor der Wende zum fünften Jahrtausend wird LAIKA von einem Notruf geweckt. Die Nachfahrin der ersten Raumfahrtpionierin aus dem Jahre 1957 und Psychologin auf der Hundekolonie Proxima Centauri sieht sich plötzlich mit der Zerstörung ihres Planeten konfrontiert. Und dabei kommt der plötzliche Hilferuf zu einem Zeitpunkt, an dem das Leben für LAIKA völlig harmonisch verlief; erst gestern hatte sie ihren Therapiehund GO in einer weiteren Sitzung behandelt, und nun droht ihr und der gesamten Kolonie das Ende.

Gerade noch rechtzeitig gelingt ihr die Flucht, bevor der Planet komplett vernichtet wird, und sobald sich LAIKA gefangen hat, merkt sie auch, dass ihre Umwelt sich völlig verändert hat. Sie befindet sich nicht mehr im Jahre 3999, und auf der Suche stößt sie auf einen Hilferuf, der direkt vom Weltraumhund GO ausgeht. Als LAIKA dann in einer fremden Zeit und Welt die Dinge auf den Kopf stellt, hat das für die Nachwelt gravierende Auswirkungen. Sie wird von der Zeitpolizei wegen der verbotenen Korrektur der Historie verhaftet, landet in einem Gefängnis, von wo aus sie davon berichtet, dass sie verdächtigt wird, den Präsidenten GO umgebracht zu haben. In dieser beklemmenden Umgebung entspringt schließlich auch die Erzählung als solche …

_Meine Meinung_

Ich habe mich mit diesem Hörspiel unheimlich schwer getan, weil es nun mal alles andere als gewöhnlich ist. Hört man sich „Open Sky“ zum ersten Mal an, wird man gerade zu Beginn nur wenig Sinn in den wirren Schilderungen der Erzählstimme LAIKA erkennen. Was geht hier eigentlich ab? Erst nach und nach ergibt das Ganze einen Sinn, wobei die Geschichte dabei schon so viele spirituelle Nuancen aufweist, dass man schon einmal klar sagen kann, dass „Open Sky“ nur einem limitiertem Publikum vorbehalten und zum nebenher laufenden Zwischenkonsum ganz und gar nicht geeignet ist. Außerdem wirkt die oben beschriebene Geschichte rückblickend auch nur als Aufhänger für weitschweifige Grundsatzdiskussionen auf philosophischer Ebene, die ja ebenfalls nicht jedermanns Fall sein sollen.

Innerhalb der Erzählung tauchen neben vielen obskuren Weisheiten nämlich immer wieder Fragen auf, die sich nach der altbekannten Thematik, worin der Sinn des Lebens eigentlich besteht, richten. Mich persönlich hat „Open Sky“ zum Ende hin verdächtig an „Per Anhalter durch die Galaxis“ erinnert, nur eben dass der Humor von Douglas Adams dort im Vordergrund stand und die Geschichte immer dann, wenn es erforderlich war, auflockerte. Solche Passagen vermisst man indes bei diesem Hörspiel, wo man sich lieber gereifter und intellektueller geben möchte. Direkt am Anfang wird so zum Beispiel der Name Goethe ins Rennen geworfen, und statt eines normalen Soundtracks hat sich Regisseur Martin Bolik für klassische Musik von Tschaikowski, Holst und Korsakow entschieden. Der Knackpunkt hierbei ist, dass gerade diese sehr künstlich aufgebauschte Aufmachung der Atmosphäre des Hörspiels den Halt nimmt. Nicht nur, dass die maschinellen Stimmen und die sehr kalte Grundstimmung einem den Einstieg und auch die Konzentration für die Folgezeit erschweren; auch die grundlegende Atmosphäre will über die komplette Spielzeit nicht aufkommen und raubt der Geschichte nicht nur die Spannung, sondern letztendlich auch den ersuchten Tiefsinn.

Dass „Open Sky“ demzufolge wohl auch kaum für die jüngere Generation geeignet ist, sollte klar sein, und überhaupt scheint sich Martin Bolik nicht an das ‚einfache Volk‘ gerichtet zu haben. Hier verschmelzen esoterische Elemente mit spacigem Flair, leider aber eben nicht so atemberaubend, wie man sich das vielleicht gewünscht hätte. Und trotzdem ist das Gesamtunterfangen jetzt nicht wirklich schlecht zu bewerten. Mitunter mag es auch an meiner persönlichen Erwartung im Hinblick auf ein modernes Hörspiel liegen, dass ich mit „Open Sky“ nur wenig anfangen kann. Festzuhalten bleibt für mich daher auch lediglich, dass die Geschichte nur selten spannend ist, die Stimmen einem nach einiger Zeit auf die Nerven gehen und dass „Open Sky“ trotz vieler offensichtlicher Parallelen zum Gesamtwerk von Douglas Adams nicht einmal annähernd an den tollen Stil des britischen Kultautors heranreicht.

Der Grundansatz war dementgegen recht viel versprechend; zwei CDs, bei denen es prinzipiell keine Rolle spielt, in welcher Reihenfolge sie gehört werden (wobei Anfängern die chronologische Abfolge zu empfehlen ist), und eine sehr interessante Background-Geschichte, erzählt aus verschiedenen Perspektiven und basierend auf verschiedenen Einstellungen. Und auch die vielen Ideen und Gesprächsthemen, die auf den Tisch gebracht werden, haben es definitiv in sich. Dritter Weltkrieg, kalter Krieg, religiöse Macht, ganz schön pikant, was hier zur Sprache kommt. Tja, gescheitert ist das Ergebnis lediglich an der Umsetzung, denn ohne eine entsprechende Atmosphäre funktioniert ein solches Hörspiel nicht. Und trotz klassischer Musik und Quertendenzen zu diversen Space-Opern ist diese bei „Open Sky“ nicht ersichtlich bzw. wahrnehmbar.

Williams, Tad – Shadowmarch: Die Grenze

Tad Williams gehört definitiv zu den anspruchsvollsten Fantasy-Autoren der Gegenwart. Insbesondere sein Epos um die Welt Osten Ard ist ein Juwel in der Veröffentlichungsflut, welches durch glaubwürdige Figuren und einen stimmigen Plot sowie liebevoll ausgearbeiteten Hintergrund besticht. Während andere Autoren oft nicht über das bloße Aneinanderreihen von Textbausteinen und Stereotypen hinauskommen, scheint Osten Ard vor Leben geradezu zu pulsieren. Mag J.R.R. Tolkien aufgrund seiner Fachkompetenz in Sachen Philologie und nordischer Mythologie auch der tiefere Weltenschöpfer gewesen sein – Williams hat ein besseres Gespür für die Grauschattierungen der menschlichen Seele.

Sein nächster großer Wurf – die „Otherland“-Saga – ist zwar ungleich populärer, hat mich aber persönlich weniger überzeugen können. Das Grundkonzept (ein virtuelles Multiversum aus fantastischen Einzelwelten) hätte an sich bereits völlig ausgereicht, um eine gute und frische Story zu produzieren. Williams hat aber mehr gewollt – und „Otherland“ letztlich mit einer zweistelligen Anzahl von Hauptfiguren und Nebenplots völlig überfrachtet. Da ist von der lesbischen, aus Australien stammenden Polizistin griechischer Herkunft bis zum schwulen schwarzen Butler aus Südafrika alles dabei, und spätestens ab der Mitte der Story hat Williams deutliche Schwierigkeiten, die einzelnen Handlungsfäden zu verknüpfen. Das zeigt sich zum einem an den immer rasanter folgenden Szenenwechseln und zum anderen an den Schlussdialogen, welche alles aufklären müssen, was Williams bis zum Showdown nicht fertig bekommen hat. Unterm Strich weist die Reihe dennoch eine überdurchschnittliche Qualität auf, was erahnen lässt, welches schriftstellerische Potential noch in diesem Autoren schlummert.

Umso mehr freue ich mich, dass Williams mit seinem nächsten Projekt „Shadowmarch“ wieder in die Fantasy-Gefilde zurückgekehrt ist. Ursprünglich hat Williams die Geschichte als TV-Serie konzipiert, was sich narrativ immer noch in der Wahl eines dominierenden Schauplatzes (der „Südmarkfeste“) widerspiegelt. Nachdem das TV-Projekt scheiterte, wollte Williams zunächst Pionierarbeit leisten, indem er den Beginn von „Shadowmarch“ als Fortsetzungsroman im Internet publizierte. Die Leser sollten gegen Bezahlung den Roman abonnieren, d.h. in bestimmten Abständen neue Kapitel übers Netz erhalten. Aber auch dieser zweite Anlauf ist letztlich gescheitert (wiewohl sich aus http://www.shadowmarch.com eine lebendige, bis heute bestehende Online-Community entwickelt hat), weshalb die Geschichte nun als reguläre Buchreihe erscheint.

Auf der ersten Innenseite des Einbandes prangt (wie schon beim „Drachenbeinthron“) eine Karte, welche die neu von Williams ersonnene Welt auszugsweise darstellt. Im Wesentlichen spielt sich die Handlung zunächst auf dem Kontinent „Eion“ ab; vom südlichen Kontinent „Xand“ ist nur die Nordspitze zu sehen. Eion ist erst vor vergleichsweise kurzer Zeit (wenige Jahrhunderte) von Menschen besiedelt worden, während Xand seit Jahrtausenden durch das Imperium von Xis beherrscht wird.

Die fiktive Hochkultur der Xander wurde offensichtlich durch die Reiche der alten Ägypter und südamerikanischen Indianer inspiriert. Von den Eionern erfahren wir leider wenig außer der Tatsache, dass sie Polytheisten sind, sich auf verschiedene Königreiche bzw. „Marken“ verteilen und technologisch irgendwo an der Schwelle zur Renaissance stehen. Die „Südmark“ und die „Markenlande“ scheinen kulturell aber eher „abendländisch“ zu sein, während „Hierosol“ einen leicht maurischen Touch hat.

Zwischen den beiden Kontinenten herrschte lange Zeit Funkstille, aber dieser Zustand ist nun im Wandel begriffen. Der neue Autarch, eine Art Gottkönig der Xander, scheint seine Kräfte für eine mögliche Invasion von Eion zu mobilisieren. Aber auch die geheimnisvollen Ureinwohner von Eion, welche über die Jahrhunderte hinweg systematisch von den Menschen verfolgt wurden, rühren sich wieder. Die so genannten „Qar“ haben sich schließlich in die „Zwielichtlande“ im Norden von Eion zurückgezogen und einen magischen, schattigen Nebel erzeugt, welcher Menschen in den Wahnsinn treiben kann. Solcherart vor weiteren Angriffen geschützt, haben die Qar eine bislang fixe „Schattengrenze“ gesetzt.

Diese „Schattengrenze“ des geheimnisvollen Nebels bewegt sich nun aber immer weiter auf die Südmarkfeste zu – grob vergleichbar mit dem „Nichts“ aus Michael Endes „Unendliche Geschichte“, welches sich langsam durch Phantásien zum Elfenbeinturm der Kindlichen Kaiserin durchfrisst.

Die politische Ausgangslage ist somit für die Menschen der Südmark und der Markenlande – der Heimat der eionischen Protagonisten – denkbar ungünstig: Vom Norden her droht das „Elbenvolk“ der Qar, welches seinen ursprünglichen Mutterboden (inklusive der Südmarkfeste) wieder zurückerobern will. (Kenner der „Osten Ard“-Saga werden hier Parallelen zum Hochhorst und den ebenfalls vertriebenen Elbenvölkern der Nornen und Sithi sehen.) Vom Südkontinent Xand aus infiltrieren bereits Handlanger des Autarchen die Südmarkfeste. Die Bewohner dieser Burg müssen sich also eventuell auf einen Zweifrontenkrieg gefasst machen – was für sie zugleich der erste große Krieg seit Jahrhunderten wäre.

Als wäre das nicht bereits genug, liegt die Königsfamilie der Südmarkfeste auch noch mit dem benachbartem Königreich Hierosol im Clinch. Der König von Hierosol hat König Olin von der Südmarkfeste entführen und inhaftieren lassen, so dass Südmark und Markenlande nun ohne ihr Staatsoberhaupt auskommen müssen. Die vakante Stelle wird zunächst behelfsmäßig von Kendrick, Olins ältestem Sohn, besetzt. Der Prinz ist dieser Verantwortung jedoch nicht gewachsen und schlittert unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu.

Kendrick wird durch eine unbekannte Person ermordet, aber es gibt bereits einen Hauptverdächtigen: Der persönliche Kampftrainer der Königskinder, welcher sich aber aufgrund eines persönlichen Schwurs nicht selbst entlasten kann. Die Südmarkfeste fungiert nun als begrenzter Schauplatz, und Williams fügt der Handlung ein typisches „Who dunnit?“-Motiv à la Agatha Christie hinzu.

Da die alte Königin tot und Olins aktuelle Gemahlin hochschwanger ist, bleiben nur noch die Zwillinge Barrick und Briony – Kendricks jüngere Geschwister – in der Thronfolge übrig. Der Prinz und die Prinzessin sind grade mal fünfzehn Jahre alt, was nicht unbedingt für eine Steigerung im Vergleich zu Kendricks Politik zu sprechen scheint. Zwar werden die beiden Protagonisten vermutlich dennoch ihren Weg irgendwie meisten (wie man das von Wiliams leidgeprüften Helden eben kennt), aber dafür verhalten sie sich auch nicht glaubhaft wie Fünfzehnjährige.

Die Zwillinge sind permanent mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, weshalb der oben beschriebene Plot dann doch nicht wirklich in die kriminalistische Richtung geht. Zwar finden die beiden nach und nach heraus, dass jeder in der Burg sein eigenes Süppchen kocht, aber sie „ermitteln“ nicht. Briony etwa verbucht die Ermordung ihres älteren Bruders einfach unter „sehr verwirrend“ und wendet sich persönlichen Machtkämpfen am Hof zu. Barrick wiederum kränkelt während des Großteils der Handlung; am Ende führt er als Feldherr die Schlacht gegen die Qar.

Das größte Rätsel der Geschichte besteht vorerst in dem Auftauchen eines kleinen Jungen, welcher aus den Zwielichtlanden „angespült“ worden zu sein scheint – und darüber sein Gedächtnis verloren hat. Wie wir aus dem Prolog erfahren, wurde er wohl vom König der Qar selbst in das Reich der Menschen zurückgeschickt. Er trägt ein geheimnisvolle Artefakt bei sich und soll später bei einem mysteriösen „Spiegelpakt“ eine wichtige Rolle spielen. Zunächst wird er aber von einem alten Funderlings-Pärchen in der Nähe der Südmarkfeste quasi adoptiert.

Das politische Intrigenspiel in der Südmarkfeste ist bei Williams – soweit mir bekannt – etwas Neues. Zwar nimmt es keine Ausmaße wie z.B. in Frank Herberts „Dune“-Zyklus an, aber es fügt der Story auf jeden Fall ein paar interessante Aspekte hinzu. Ansonsten bleiben die meisten Figuren jedoch etwas farblos, weil Williams den Hintergrund diesmal weniger detailverliebt und eher skizzenhaft beschreibt.

Eine schöne Ausnahme ist hier jener Nebenplot, welcher sich in Xand abspielt. Die dekadent-exotische Gesellschaft am Hofe des Autarchen wirkt im Vergleich zu den Schauplätzen von Eion deutlich plastischer. Insbesondere die Beschreibung des riesigen Haremkomplexes (inklusive transsexueller Eunuchen), welchen der Autarch sein eigen nennt, hat mir sehr gut gefallen.

Interessant ist aber auch das Volk der Qar, welches nicht viel mit den traditionellen Fantasy-Elben zu tun hat. Tatsächlich ist „Qar“ nur ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Völkern, welche allerdings alle demselben Königspaar unterstehen. Williams hat sich hier wohl von den keltischen Feen-Geschichten inspirieren lassen. Somit kopiert er im Gegensatz zu vielen anderen Autoren Tolkien nicht, sondern schöpft aus derselben Quelle wie dieser.

Die anderen Völker – u.a. Däumlinge bzw. „Dachlinge“ und kleine Bergarbeiter namens „Funderlinge“ – wirken weniger mystisch, sondern eher blass. Aber vielleicht wird sich das ja in den Folgeromanen noch ändern.

Tad Williams schreibt aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers, weshalb im Text Dialoge und innere Monologe dominieren. Leider merkt man Williams an dieser Stelle an, dass er längst mit dem Schreiben seine Brötchen verdient. Das Handwerk beherrscht er aus dem Effeff – gute Unterhaltung ist somit garantiert.

Das Konzept „viele Figuren mit vielen Problemen = viel Handlung“ wird mir aber etwas zu routiniert abgehandelt. Das „gewisse Etwas“ fehlt hier noch, weil die Figuren diesmal zu leicht zu durchschauen sind. Früher hat es bei Williams immer recht lange gedauert, bis überhaupt klar war, wo die einzelnen Figuren bezüglich ihrer wahren Motive und ihrer Bedeutung für die Handlung eigentlich stehen. Abgesehen davon ist auch die Sprache des Romans etwas verflacht, was aber auch an der Übersetzung liegen kann.

Alles in allem kann ich den ersten Teil von „Shadowmarch“ durchaus empfehlen. Williams-Fans sollten aber lieber ihre Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Ich persönlich bin gespannt auf den nächsten Teil, aber ich bin etwas skeptisch, ob Williams hier an die alten Erfolge wirklich anknüpfen kann. Der erste Teil von „Shadowmarch“ ist für sich betrachtet sicherlich immer noch überdurchschnittlich gute Fantasy, aber mit Sicherheit kein Meisterwerk. Ich hoffe, dass Williams sich für die nächsten Romane mehr Zeit nehmen wird.

http://www.tadwilliams.de/

Don-Schauen, Florian / Herz, Britta / Hlawatsch, Ralf / Römer, Thomas – Schwarze Auge, Das (Basis-Box; DSA4)

_Allgemein_

„Das Schwarze Auge“, kurz DSA, ist das wohl erfolgreichste Pen&Paper-Rollenspiel Deutschlands und spielt in einer klassischen Fantasywelt namens Aventurien. Ganz genau gesehen, ist Aventurien nur ein Kontinent, aber das ist hier nicht weiter von Belang (ich spiele jetzt schon einige Jahre DSA und war noch auf keinem anderen Kontinent). In dieser „Das Schwarze Auge 4“-Basisbox sind die Grundregeln enthalten. Daher ist sie für das Spielen unverzichtbar.

Neben verschiedenen Menschenvölkern kann der Spieler sich auch entscheiden, Elfen oder Zwerge und mit der Erweiterungsbox „Schwerter und Helden“ auch Orks, Goblins und Echsenmenschen (Achaz) zu spielen. Natürlich gibt es auch verschiedene Professionen. Neben den klassischen wie Magier, Krieger, Söldner und Hexe warten auch noch eine Reihe anderer Berufe auf die Helden.

Aber Aventurien ist auch eine gefährliche Welt, in der Oger, Drachen, Untote und noch einiges Schlimmeres lauert. In vielen Jahren Arbeit, sowohl von Autoren als auch Fans, wurde Aventurien immer detaillierter beschrieben und genauer ausgearbeitet, was dazu führte, dass es mittlerweile nur noch wenige „weiße Flecken“ auf der Karte gibt.

Dies ist einerseits von Vorteil, da es eine genaue Beschreibung und rollenspielerische Tiefe ermöglicht. Der Nachteil ist natürlich, dass so dem Spielleiter weniger Handlungsspielraum bleibt, wenn er eine erfahrene Rollenspielergruppe vor sich hat.
Dadurch, dass aber alle zwei Monate der „Aventurische Bote“ (eine Zeitschrift über DSA, die sich mit den neuesten Ereignissen in dieser Welt beschäftigt) erscheint, entwickelt sich Aventurien sowohl politisch als auch geographisch immer weiter, was wiederum eine Menge Anreiz auch für alte DSA-Hasen bietet.

So, das war DSA und Aventurien in groben Zügen. Kommen wir zum Boxeninhalt.

_Inhalt_

– „Das Schwarze Auge: Die Basisregeln“
– „Der Weg ins Abenteuer“
– „DSA die Vierte“
– „Archetypen“
– Gebrauchsanleitung
– Poster: „Kulturschaffende Aventuriens“
– Weltkarte „Aventurien“
– Heldendokumente
– Glossar auf vier (gleichen) Karten
– Fünf Würfel (3W20 und 2W6)

Neben einigen Gimiks, wie den Würfeln, dem Glossar, einer Aventurienkarte sowie dem Poster, sind vor allem „Das Schwarze Auge: Die Basisregeln“, „Der Weg ins Abenteuer“ und „DSA die Vierte“ für eine nähere Betrachtung interessant.

|1. „Das Schwarze Auge: Die Basisregeln“|

Hier sind die Grundregeln enthalten. Nach einer grundsätzlichen Einführung in das Thema Rollenspiel, einer knappen Beschreibung Aventuriens und einer Kurzerläuterung der Regeln wird schnell zur Heldengenerierung übergegangen.

Denn anders als beim Vorgänger bekommt der Spieler so genannte Generierungspunkte und muss sich mit diesen seinen Helden zusammenkaufen. Es müssen die Rasse, die Kultur und die Profession bezahlt werden. Diese kosten dann, je nachdem, welche Vorteile und Talente sie bringen, unterschiedlich viele Generierungspunkte. Von den verbleibenden Generierungspunkten können dann noch die Eigenschaften (Attribute), Vorteile und Talentpunkte erworben werden. Schlechte Eigenschaften und Nachteile geben hier aber auch wieder Generierungspunkte zurück.

Leider sind in diesem Grundregelwerk wirklich nur die grundlegendsten Rassen, Kulturen und Professionen enthalten. Wer etwas mehr als einen 08/15-Helden spielen möchte, muss sich auf jeden Fall noch die weiterführenden Boxen wie „Schwerter und Helden“ sowie „Zauberei und Hexenwerk“ anschaffen. Auf die Charaktererschaffung folgen dann noch die ausführlichen Regeln, eine Zusammenfassung der Magie sowie Tipps für Spieler und Spielleiter.

Die Zusammenfassung der Magie ist aber wirklich nur als rudimentär zu bezeichnen. Hier ist Vorsicht geboten, denn für tiefgründigere Magieregeln wird einige Male auf die Box „Götter und Dämonen“ verwiesen. Diese befinden sich aber in „Zauberei und Hexenwerk“.

|2. „Der Weg ins Abenteuer“|

„Der Weg ins Abenteuer“ ist ein Abenteuerband, der sowohl das vierteilige Einsteigerabenteuer „Efferdors Fluch“ als auch ein Soloabenteuer namens „Auf Leben und Tod“ enthält. „Efferdors Fluch“ ist speziell für Einsteiger gedacht und kann dank der Regelerklärung innerhalb des Textes ohne vorheriges Studium des Grundregelwerkes sofort gespielt werden. Dafür sind auch die in der Box enthaltenen „Archetypen“ gedacht. Erfahrene DSA-Spieler müssen halt so gut es geht über die Erklärungen hinweglesen, denn die Story ist herrlich märchenhaft.

|3. „DSA die Vierte“|

In diesem achtseitigen Heftchen sind für Spieler der Vorgängerversionen grob die Regeländerungen zusammengefasst.

So gibt es jetzt als Eigenschaft/Attribut die Konstitution (Ko). Auch der Sozialstatus (So), der den meisten schon aus der Box „Fürsten, Händler, Intriganten“ ein Begriff sein sollte, wurde fest integriert, also nicht mehr nur optional, und ist nun sozusagen zur Pflicht geworden. Die schlechten Eigenschaften gibt es jetzt nicht mehr automatisch, sondern nur noch, wenn man sie als Nachteil erwirbt.

Die Talente haben sich dergestalt verändert, dass man nur noch die Basistalente grundsätzlich beherrscht und die anderen Talente, wie etwa Töpfern oder Zweihänder, von der Profession aus vorgegeben werden oder teuer erkauft werden müssen.

Auch beim Kampf ist einiges geändert worden. Zuallererst hat sich die Regelung der Lebensenergie deutlich verändert. Sie ist von Anfang an viel geringer angesetzt und auch nur noch bis zu einem bestimmten Maximallevel zu erhöhen. Endlich gibt es auch eine richtige Initiativeregel, diese berechnet sich nämlich aus einem Initiative-Grundwert (ähnlich dem Attacke- oder Paradegrundwert), einem Modifikator für die Waffe und einem Würfelwurf. Besonders interessant sind die Sonderfertigkeiten, wie Rüstungsgewöhnung oder Schildkampf, die mit Abenteuerpunkten gekauft werden können. Aber auch hier ist der Boxeninhalt sehr beschränkt und es wird auf „Schwerter und Helden“ verwiesen.

Eine grundlegende Änderung ist die der Steigerung. Die Stufen gibt es zwar immer noch, doch erhält man nicht mehr wie früher beim Erreichen einer Stufe automatisch Lebenspunkte, Attributpunkte etc. hinzu. Diese Dinge muss man sich jetzt mit seinen teuer erkämpften Abenteuerpunkten erkaufen, deren Kosten man in der Steigerungskosten-Tabelle ablesen kann.

Auch eine Konvertierungsanleitung ist enthalten, doch ist diese leider sehr kurz.

_Mein Eindruck_

Mit der Einführung der Generierungspunkte ist DSA deutlich gerechter geworden. Zu viel hing in der Vorgängerversion schon bei der Charaktererschaffung vom (Würfel-)Glück ab. Auch ist die Charaktererschaffung deutlich individueller geworden. Nach den alten Regeln waren sich alle Stufe-1-Helden der gleichen Profession ähnlich. Dadurch, dass man sich zwischen verschiedenen Boni bei der Wahl einer Profession entscheiden kann, und durch die Einführung der Basistalente wurde dem Spieler viel mehr Freiraum bei der Gestaltung seines Helden gewährt.

Die Regelung mit den Basistalenten ist meiner Meinung nach allgemein sehr sinnvoll denn was will mein Krieger mit einem Töpfern-Talent oder mein Zwerg mit einem Talent Zweihänder? Mal ganz davon abgesehen, dass man früher auch die Talentproben mit einem negativen Wert relativ leicht geschafft hat. Nicht so bei DSA 4: Wer ein Talent nicht hat, kann auch keine Probe darauf ablegen.

Auch die Realitätsnähe hat deutlich zugenommen. Wichtigster Faktor ist hier sicherlich die Reduzierung der Lebensenergie sowie deren Begrenzung. Ich meine, jedem sollte doch klar sein, dass ein Held, welcher Stufe er auch sein mag, niemals so viele Lebenspunkte haben wird wie zum Beispiel ein Elefant oder ein Drache (und da sind mir auf Rollenspielconventions schon so einige untergekommen), zumal es auffällig viele Spieler gab, die bei 19 von 20 Steigerungen der Lebensenergie (angeblich) eine sechs gewürfelt haben, so dass sich Laplace eigentlich hätte im Grabe umdrehen müssen.

Es gibt aber auch einige Nachteile an der neuen Edition. Zuerst einmal ist DSA deutlich komplizierter geworden. Alleine die Charakterschaffung dauert jetzt ein Vielfaches länger als vorher, von den Zusatzregeln und Sonderfertigkeiten innerhalb des Spieles ganz zu schweigen. Es kommt mir ebenfalls so vor, als habe DSA ein wenig seinen eigentümlichen Charme eingebüsst. So ist es nicht verwunderlich, dass sich DSA 4 auf Conventions noch nicht richtig gegen die alte Version durchgesetzt hat. Vielen altgedienten Spielern ist DSA zu sehr in die Nähe von „Shadowrun“ gerutscht, was die Attitüde betrifft.

_Fazit_

Für Neueinsteiger ist die „Das Schwarze Auge 4“-Basisbox und damit DSA allgemein wirklich sehr empfehlenswert, jedoch bietet sie, bis auf die unverzichtbaren neuen Grundregeln, wenig bis gar nichts Neues für die Spieler der alten Edition. Für die wird es dann erst in den Boxen „Schwerter und Helden“ sowie „Zauberei und Hexenwerk“ richtig interessant. Alles in allem ist die vierte Edition ein deutlicher Schritt nach vorne und DSA nach wie vor führend unter den deutschen Rollenspielen.

http://www.fanpro.de

Lovecraft, Howard Phillips – Vom Jenseits (Erzählungen)

Wer kennt ihn nicht, den Meister des kosmischen Grauens? Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) ist ganz sicher einer der meistzitierten, wichtigsten und zweifelsohne auch besten Horror-Autoren aller Zeiten und hat zu Lebzeiten eine Vielzahl von Klassikern geschrieben, die auch heute immer wieder bemüht werden, weil sie auch ein knappes Jahrhundert nach ihrer Entstehung nichts von ihrer beklemmenden Ausstrahlung verloren haben. Lovecraft gilt als Erfinder eines Horror-Stils, dessen bedrohliche Grundhaltung direkt dem Kopf des Lesers entspringt. Hierzu möchte ich auch den Buchrücken zitieren, auf dem es heißt, dass dem Meister die ‚Fähigkeit entspringt, in seinen Erzählungen nicht nur Momentaufnahmen, sondern ganze Panoramen des Grauens zu entwerfen‘. Dem gibt es wohl kaum noch etwas hinzuzufügen. Lovecraft ist kein einfacher Geschichtenerzähler; er dringt bis tief ins Innerste des Lesers ein, spielt quasi mit dessen Vorstellungskraft und schafft es manchmal auch, sein Publikum innerhalb einer seiner Kurzgeschichten in den Wahnsinn zu treiben. Ein Klassiker ist eben ein Klassiker, und mal abgesehen von Edgar Allan Poe gibt es in der US-amerikanischen Literatur-Historie wohl auch keinen weiteren Schriftsteller, der ähnlich intensive Dramen zu entwickeln imstande ist oder war.

In „Vom Jenseits“ hat der |area|-Verlag nun die meisten der Lovecraft’schen Kurzgeschichten gesammelt und in einem Band veröffentlicht. Ganze 32 beklemmende Werke sind in diesem Buch enthalten, darunter natürlich auch die bekanntesten Stücke „Cthulhus Ruf“ und „Die Katzen von Ulthar“, „Die Ratten im Gemäuer“ oder „Das Grauen von Dunwich“. Nie zuvor gab es das Lebenswerk des berühmten und speziell in letzter Zeit viel beachteten Autoren in so kompakter und derart umfassender Form, was natürlich ganz klar für dieses Buch spricht – zumal der Preis mit einem Gesamtbetrag von weniger als 10 €uro natürlich mehr als einladend ist. „Vom Jenseits“ enthält zwar nicht alle Stücke, die Lovecraft verfasst hat, aber definitiv die wichtigsten, und auch wenn ich dahin tendiere zu behaupten, dass man wirklich alles von diesem legendären Schriftsteller kennen muss, kann ich nur nachhaltig unterstreichen, dass dieses Sammelwerk vollkommen ausreicht, um die Magie, die von Howard Phillips Lovecraft ausgeht, zu begreifen und sein poetisches Können und seine Ausstrahlung in sich aufzusaugen.

Diesbezüglich möchte ich noch einen kleinen Tipp geben. Die meisten Geschichten sind relativ kurz gehalten, deswegen kann man sie auch immer wieder zwischendurch lesen. Bei mir persönlich hat sich allerdings herausgestellt, dass die 32 Werke vor allem zu später Stunde ihre wohl gruseligste und grausamste Wirkung auf die eigene Stimmung haben. Daher habe ich mir fast einen Monat lang kurz vorm Einschlafen immer wieder ein bis zwei Geschichten aus dem Buch herausgesucht und gelesen und dabei festgestellt, welch großen Unterschied es macht, bei welcher Atmosphäre man sich auf Lovecraft einlässt. Probiert es einfach selber mal aus, ich bin mir sicher, ihr werdet es merken!

Damit gehe ich auch schon davon aus, dass man das Buch zwingend kaufen sollte. Aber mal ganz ehrlich: Wenn man nicht schon im Besitz dieser Kurzgeschichten ist, wäre alles andere ein Frevel wider den Großmeister der düsteren Poesie. Howard Phillips Lovecraft’s Werke sind zeitlos genial, und das ist ein unumstößlicher Fakt.

Der Inhalt von „Vom Jenseits“:

Pickmanns Modell
Die Katzen von Ulthar
Die Musik des Erich Zann
Die Anderen Götter
Cthulhus Ruf
Der boshafte Geistliche
In der Gruft
Die Ratten im Gemäuer
Hypnos
Iranons Suche
Das Weiße Schiff
In den Mauern von Eryx
Kühle Luft
Jenseits der Mauer des Schlafs
Der Alchemist
Das Mond-Moor
Gefangen bei den Pharaonen
Polaris
Vom Jenseits
Der Schreckliche Alte Mann
Das Grab
Der Baum
Das Tier in der Höhle
Das Verderben, das über Sarnath kam
Das Unbeschreibliche
Celephais
Das Grauen von Dunwich
Der Leuchtende Trapezoeder
Die Aussage von Randolph Carter
Der Silberschlüssel
Durch die Tore des Silberschlüssels
Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath

http://www.area-verlag.de/

Joe R. Lansdale – Sturmwarnung

Das geschieht:

Galveston, eine Stadt an der Ostküste der USA: An einem Septembertag steht „Lil‘ Arthur“ John Johnson vor der härtesten Herausforderung seines 22-jährigen Lebens. Der talentierte Nachwuchsboxer hat den Champion des örtlichen Boxclubs besiegt und den Meistertitel gewonnen – an sich ein sportliches Ereignis, doch Johnson ist schwarz, und der Gegner war weiß. Im Texas des Jahres 1900 gilt dieser Sieg als ungeheuerliche Niederlage der „überlegenen weißen Rasse“, die es unbedingt zu tilgen gilt. Ronald Beems, Präsident des „Sporting Clubs“, muss sich vor seinen rassistischen weißen Clubmitgliedern ‚rehabilitieren‘. Dafür gilt es den verhassten Johnson, der seine Krone behalten will und sogar vom sportlichen Aufstieg träumt, nicht nur zu besiegen sondern zu vernichten.

Beems meint das buchstäblich: Er heuert den brutalen Schläger John McBride an, der Johnson im Ring totschlagen soll. Die Polizei ist geschmiert, sie wird den illegalen ‚Kampf‘, der ohne Boxhandschuhe, d. h. mit den blanken Fäusten und ohne Regeln auszutragen ist, nicht verhindern. Johnson ist sich der Tatsache durchaus bewusst, dass man ihn nicht boxen, sondern sterben sehen will. Ehrgeiz und Stolz verbieten ihm vom Fight zurückzutreten.

Die gesamte Gemeinde fiebert dem öffentlichen Ende des „Niggers“ entgegen. Darüber entgeht den Bürgern, dass sich über der Küste zum Golf von Mexiko Schlimmes zusammenbraut. Das Barometer fällt, der Wasserpegel steigt. Doch man bleibt unbesorgt, denn diese Vorzeichen wollen zu einem Sturm noch nicht passen. Also werden keinerlei Maßnahmen getroffen. Aber man fühlt sich zu sicher. Während McBride und Johnson zum Kampf auf Leben und Tod antreten, nähert sich über dem Meer der Sturm des Jahrhunderts, der die Stadt und die meisten ihrer Bewohner auslöschen wird …

Boxkampf als Rassenkampf

Historische Eckpfeiler stützen das Handlungsgerüst dieses Kurzromans. Da ist primär die Rassendiskriminierung in den Südstaaten der USA um 1900. Die Zeit der Sklaverei liegt gerade dreieinhalb Jahrzehnte zurück, bis zur (zumindest gesetzlichen) Gleichstellung von Schwarz und Weiß wird noch mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen. Die meisten Schwarzen stehen sich eher schlechter als die ehemaligen Sklaven. Seit sie nicht mehr als „bewegliches Gut“ gelten, das zum Zwecke der optimalen Arbeitsausnutzung ‚geschont‘ werden muss, betrachtet sie die weiße Mehrheit auf dem Arbeitsmarkt als Konkurrenten und gesellschaftlich als Bedrohung.

Gleichzeitig wächst eine neue schwarze Generation heran, die sich wie Arthur John Johnson nicht mehr mit der Rolle des bescheidenen, ausgebeuteten Tagelöhners und Arbeiters begnügen will, sondern mehr vom Leben fordert – für die weißen Rassisten, die keinesfalls von ihrer Macht und ihren wirtschaftlichen Privilegien auf Kosten der Schwarzen lassen wollen, eine unerträgliche Herausforderung. So ist das Zusammenleben der Rassen geprägt von Misstrauen und latenter Gewalt, die immer wieder offen ausbricht; die Leidtragenden sind fast ausschließlich von schwarzer Hautfarbe.

Vor diesem Hintergrund gewinnt der Kampf zwischen McBride und Johnson eine ganz neue Dimension. Der sportliche Aspekt ist Nebensache. Tatsächlich steht hier „Weiß“ gegen „Schwarz“ im Ring; Sieg oder Niederlage stützen oder stürzen Weltbilder. Verstärkt wird die Konfrontationssituation durch die besondere Variante des Boxkampfs, die in Galveston gewählt wird. Während in der offiziellen Welt des Sports schon seit 1867 die „Regeln für das Boxen mit Handschuhen“ des Marquess von Queensberry gelten, zieht eine brutalisierte Zuschauerminderheit den ‚ehrlichen‘ Kampf mit blanken Fäusten und ohne Regeln vor. Da dabei der Boxer schwer verletzt oder getötet werden kann, ist diese Art des Boxens verboten. Deshalb müssen solche Kämpfe illegal organisiert und heimlich ausgefochten werden.

Der Sturm des Jahrhunderts

Nicht grundlos spielt in diesem Roman das Wettergeschehen eine wichtige Rolle. Schon mehrfach fielen Hurrikans und Wasserwände über die Südostküsten der USA her, versenkten wie New Orleans ganze Großstädte, richteten Milliardenschäden an und kosteten Menschenleben. So war es auch im Jahre 1900, als ein Sturm unerhörten Ausmaßes Kurs auf Galveston nahm und die Stadt dem Erdboden gleichmachte. So absolut war die Zerstörung, dass niemals festgestellt werden konnte, ob nun 6000 oder 12000 Menschen der Katastrophe zum Opfer fielen. „Isaacs Sturm“ nannte der Schriftsteller Erik Larson sein bereits klassisches Buch über das Desaster von Galveston, das durch den Meteorologen Isaac Cline mitverschuldet wurde, der die Vorzeichen falsch deutete und auf dessen Fachwort man sich verließ, bis es zu spät war.

In dieser Geschichte geht es wie gesagt um mehr als einen Boxkampf. Autor Lansdale präsentiert uns eine Parabel: So wie Galveston und seine Bürger untergehen, weil sie ihrer Probleme nicht Herr werden können und den großen Sturm unbeachtet lassen, so kann es der Gesellschaft insgesamt ergehen, wenn sich die ethnischen, religiösen oder anderweitig differenzierten Gruppen nicht zusammenraufen. Insofern ist Lansdales Galveston ein Symbol und eine Ankündigung dessen, was im gerade angebrochenen 20. Jahrhundert folgen wird. Die Last der Vergangenheit wird zur Hypothek auf die Zukunft, die nie wirklich beginnen kann, solange die Beems auf dieser Erde das Sagen haben.

Lansdale-typisch kommt diese Lektion ganz und gar nicht trocken daher. Drastischer als er vermag kaum jemand eine brutalisierte, verkommene, erbarmungslose Welt in Szene zu setzen. Seine Protagonisten sind verroht, ihr Handeln und Denken beschreibt Lansdale ohne Rücksicht auf feinfühlige Leser. Sex oder Gewalt, Sex und Gewalt; in der schwülen Ruhe vor dem Sturm brodelt es in Galveston wie in einem Dampfkochtopf. Dass Lansdale diese Sprache bewusst als Stilmittel einsetzt, verraten jene Kapitel, in denen er den Sturm und sein Toben beschreibt. Hier schöpft er aus einem völlig anderen Wortschatz, schafft eindrucksvolle Stimmungsbilder, weiß die unwirkliche Apokalypse sicht- und spürbar zu machen.

Der große Gleichmacher

Die Welt ist schlecht und weil dem so ist, wird sie von entsprechenden Menschen bevölkert. Zumindest auf Galveston trifft dies zu. Keine der Hauptfiguren ist wirklich sympathisch. Auch John Johnson, der doch prädestiniert wäre für die Rolle des schwarzen Helden, der die Bande sprengt, die seine finsteren Zeitgenossen ihm übergeworfen haben, ist vor allem ein ganz normaler Mensch, der seinen eigenen Vorteil im Auge hat. Zwar denkt er auch an seine Familie doch als diese auf seine Hilfe angewiesen ist, lässt er sie im Stich, um seinem Stolz zu frönen.

Leicht macht es Lansdale seinen Lesern auch nicht mit den ‚Bösen‘. McBride ist ein egoistischer Mistkerl, der alle negativen menschlichen Eigenschaften in seiner Person vereinigt. Dennoch er ist kein Dummkopf, und ein großer Teil seiner Rücksichtslosigkeit basiert auf dem genauen Wissen um die gesellschaftlichen Realitäten seiner Epoche. Auch McBride wird niemals zur geachteten Oberschicht gehören. Seine momentane Prominenz verdankt er einzig seinen Fäusten. Deshalb kostet er die Privilegien, die ihm geboten werden, nach Herzenslust aus und verachtet jene, die sie ihm bieten.

McBride verprügelt seine Sparringspartner, seine Ringgegner, seinen Auftraggeber Beems. Er scheint nur an sich zu denken, doch als der Leser ihn richtig hasst, sieht man ihn plötzlich mit Johnson ein Baby aus den Trümmern von Galveston retten: Seinen Kontrahenten im Ring hasst McBride nicht; ihn zu verprügeln war nur ein Job. Der hat durch den großen Sturm sein Ende gefunden, also gibt es für McBride keinen Grund mehr, sich mit Johnson zu schlagen.

Somit ist der eigentliche Schurke der Rassist Ronald Beems? Lansdale foppt uns auch hier: Beems ist vor allem ein Schwächling, der panisch seine unterdrückte Homosexualität gleichzeitig zu leben und zu verbergen trachtet. Vordergründig hasst er Johnson, gleichzeitig begehrt er ihn. Trotz seiner Position in der Gesellschaft von Galveston ist Beems wie Johnson ein Gefangener, dem schriftlich fixierte und unausgesprochene Gesetze und Regeln ein selbst gestaltetes Leben versagen.

Eine ganze Anzahl von Nebenfiguren lässt Lansdale neben dem Dreieck Johnson – McBride – Beems auftreten. Sie bilden einen Querschnitt durch die Bevölkerung von Galveston. Knapp skizziert der Verfasser Figuren, die im Gedächtnis bleiben. Sie stehen stellvertretend für die vielen Opfer, die der Hurrikan von 1900 forderte. Der Sturm macht keinen Unterschied zwischen ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Menschen; sie sterben ohne Unterschied oder überleben durch manchmal absurde Zufälle. Dieser Verzicht auf ein Schwarz-Weiß-Schema, das die Figuren allzu vieler Romane oder Filme in zwei Gruppen teilt, komplettiert die erfreulich lange Liste positiver Argumente, die sich für eine Lektüre von „Sturmwarnung“ anführen lassen.

Anmerkung

„Sturmwarnung“ basiert auf die zum Roman erweiterte Novelle „Der große Knall“, die 1997 Douglas E. Winters große Anthologie „Millennium“ (dt. „Offenbarungen“) einleitete, die sich literarisch mit den großen Veränderungen des 20. Jahrhunderts beschäftigte.

Autor

Joe Richard Harold Lansdale wurde 1951 in Gladewater im US-Staat Texas geboren. Als Autor trat Lansdale ab 1972 in Erscheinung. Gemeinsam mit seiner Mutter veröffentlichte er einen Artikel, der viel Anerkennung fand und preisgekrönt wurde. Mitte der 1970er Jahre begann er sich der Kurzgeschichte zu widmen. Auch hier stellte sich der Erfolg bald ein. Lansdale wurde ein Meister der kurzen, knappen Form. In rasantem Tempo, mit einer unbändigen Freude am Genre-Mix und am Auf-die-Spitze-Treiben (dem „Mojo-Storytelling“) legte er Story um Story vor.

Texas, sein Heimatstaat, war und ist die Quelle seiner Inspiration – ein weites Land mit einer farbigen Geschichte, erfüllt von Mythen und Legenden. Lansdale ist fasziniert davon und lässt die reale mit der imaginären Welt immer wieder in Kontakt treten. In seinen Geschichten ersteht der Wilde Westen wieder neu. Allerdings kann es durchaus geschehen, dass dessen Bewohner Besuch vom Teufel und seinen Spießgesellen bekommen. Es könnten auch Außerirdische landen.

Nach zwei Lansdale-Kurzgeschichten entstanden Kurzfilme („Drive-In Date“, „The Job“). Kultstatus erreichte Don Coscarellis Verfilmung (2002) der Story „Bubba Ho-tep“: Ein alter Elvis Presley und ein farbiger John F. Kennedy jagen eine mordlustige Dämonen-Mumie. Lansdale schrieb außerdem Drehbücher für diverse Folgen der Serien „Batman: The Animated Series“ und „Superman: The Animated Series“.

Der private Joe R. Lonsdale lebt mit seiner Frau Karen und den Kindern heute in Nacogdoches, gelegen selbstverständlich in Texas. Er schreibt fleißig weiter und gibt ebenso fleißig Kurzgeschichtensammlungen heraus. Außerdem gehören Lansdale einige Kampfsportschulen, in denen diverse Künste der Selbstverteidigung gelehrt werden.

Homepage von Joe Lansdale

Paperback: 166 Seiten
Originaltitel: The Big Blow (New York: Subterranean Press 2000)
Übersetzung: Hannes Riffel
Cover und Innenillustrationen: Marcus Rössler

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (5 Stimmen, Durchschnitt: 1,80 von 5)

Dark, Jason / Döring, Oliver – John Sinclair – Die Eisvampire (Folge 33) (Hörspiel)

Nach über einem Jahr Wartezeit erscheinen nun zwei neue Hörspiele aus der John-Sinclair-Reihe, nämlich die Folgen 33 und 34. Das erste davon, „Die Eisvampire“, ist dabei ein Wiedertreffen mit alten Bekannten: Der ehemalige Dämon Myxin taucht wieder auf, die bösartige Asmodina kommt wieder zur Worte und der Geisterjäger bekommt es dieses Mal erneut mit Auswüchsen der Mordliga zu tun. Vielversprechend und ausgezeichnet – die Serie bekam unlängst den Deutschen Phantastik Preis 2005 – geht es endlich weiter mit einer der besten Hörspielreihen aller Zeiten, und die Story hält auch mal wieder, was sie verspricht.

_Story_

Der auf die gute Seite übergetretene Dämon Myxin und sein alter Gefährte Kogan stehen sich gegenüber und reden über eine mögliche Kooperation. Während Myxin die Gelegenheit nutzen will, um Informationen über Asmodina und die Mordliga zu bekommen, lässt der Vampir sich nicht täuschen und versucht Myxin zu töten. Was Kogan allerdings nicht weiß: Einer seiner eigenen Anhänger ist der Geisterjäger John Sinclair, der durch einen gezielten Schuss das Blatt wendet und so die nötigen Infos aus dem fiesen Vampir herauspresst.

Kogan erzählt eine Geschichte aus der fernen Vergangenheit und macht Sinclair mit der Legende der Eisvampire bekannt, die vor hunderten von Jahren in die Eishöhlen des Drachensteingebirges vertrieben und dort eingefroren wurden. Die Eisvampire besaßen besondere Kräfte, und die Folgen ihres Bisses waren verheerend. Nun soll es Asmodina gelungen sein, diese besondere Vampirspezies zu neuem Leben zu erwecken.

Sinclair, sein Kollege Suko und Myxin reisen daraufhin sofort nach Österreich ins Drachensteingebirge, kommen aber schon zu spät, um das erste Attentat der Eisvampire abzuwenden. Die Blutsauger haben sich des soliden Familienmenschen Tonie Berger bemächtigt, der nun seit einiger Zeit vermisst wird. Sinclair und seine Gefährten machen sich auf die Suche nach dem infizierten Berger und versuchen, Schlimmeres abzuwenden, doch das Drama der Familie Berger hat da gerade erst angefangen …

_Meine Meinung_

Mehr als ein Jahr Wartezeit ist eine ganze Menge und unter Umständen auch mehr, als die eingeschworene Fanschar des Geisterjägers verkraften kann. Daher war es für den Verlag auch dringend notwendig, mit einem echten Paukenschlag zurückzukehren, und das ist schließlich (und glücklicherweise) auch gelungen. „Die Eisvampire“ bietet typische Sinclair-Gruselstimmung, jedoch dieses Mal eingebunden in eine komplett neue Umgebung.

Ein Brite in Österreich, irgendwie scheint das nicht zu passen, und tatsächlich tut sich der Bedienstete von Scotland Yard auch unheimlich schwer in seinem neuen Umfeld. Max Berger, Sohn des Verschollenen Toni Berger, traut dem plötzlich auftauchenden, geheimnisvollen Engländer nicht und blickt sofort durch, dass Sinclair nicht wie angegegeben ein Geologe ist. Anfangs bringt er den Geisterjäger sogar direkt mit dem Verschwinden seines Vaters in Verbindung, was der Geschichte eine zusätzliche, wertvolle Nuance verleiht, denn die neuen Charaktere bleiben bis zuletzt unberechenbar und die Geschichte wird dadurch natürlich nicht weniger spannend. Ganz im Gegenteil! Von Anfang an beeindruckt ‚der neue Sinclair‘ mit einer herrlich düsteren Atmosphäre, die sofort beim anfänglichen Duell zwischen Myxin und Kogan für Gänsehautmomente sorgt (wirklich superb in Szene gesetzt) und sich so auch über Bergers Begegnung mit den Vampiren in den dunklen Eishöhlen bis hin zum abschließenden Showdown im Haus des Neu-Vampirs zieht. Dazu geizt das Hörspiel auch nicht mit Action: Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den Blutsaugern und ihren Kontrahenten, und auch hier haben |Lübbe Audio| und das Team von |Wort Art| ganze Arbeit geleistet und die Erzählung mit tollen Soundeffekten ausgestattet.

John Sinclair ist endlich wieder zurückgekehrt, und „Die Eisvampire“ bietet für die ewig lange Wartezeit auch die entsprechende Entschädigung. Das neue Hörspiel überzeugt mit gewohnt starker Leistung der Sprecher und einer spitzenmäßig inszenierten Handlung. Dazu kommt eine ganz spezielle Atmosphäre, ausgelöst durch die neue Umgebung, in der die Erzählung spielt. Kurzum: genau der richtige Stoff für die Sinclair-Fraktion, und deshalb kann man auch Episode 33 blind abgreifen!

_Die Sprecher_
John Sinclair – Frank Glaubrecht (Pierce Brosnan; Kevin Costner; Jeremy Irons; Al Pacino …)
Erzähler – Jochim Kerzel (Dennis Hopper; Jack Nicholson; Harvey Keitel; Dustin Hoffman; Anthony Hopkins …)
Suko – Martin May
Myxin – Eberhard Prüter (Ian McKellen)
Max Berger – Philipp Schepmann (Lesungen u. a. zu „Die Chroniken von Narnia“, „Stravaganza“, Ken Follett)
Hanni Kerner – Alexandra Wilcke (Miranda Otto)
Toni Berger – Thomas Danneberg (Dan Akroyd; John Travolta; Arnold Schwarzenegger; Sylvester Stallone; Nick Nolte; John Cleese …)
Clara Berger – Marianne Groß (Meryl Streep; Angelica Houston)
Kogan – Nicolas Böll (Emilio Estevez; Owen Wilson)
Josef Sprengler – Helmut Krauss (Marlon Brando; Samuel L. Jackson)
Hans – Hans-Jürgen Dittberner (Christopher Reeve)
Fahrer – Jörg Döring (Colm Meany)
Ansage – Fred Bogner

_|Geisterjäger John Sinclair| auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Anfang“ 1818 (Die Nacht des Hexers: SE01)
[„Der Pfähler“ 2019 (SE02)
[„John Sinclair – Die Comedy“ 3564
[„Im Nachtclub der Vampire“ 2078 (Folge 1)
[„Die Totenkopf-Insel“ 2048 (Folge 2)
[„Achterbahn ins Jenseits“ 2155 (Folge 3)
[„Damona, Dienerin des Satans“ 2460 (Folge 4)
[„Der Mörder mit dem Januskopf“ 2471 (Folge 5)
[„Schach mit dem Dämon“ 2534 (Folge 6)
[„Die Eisvampire“ 2108 (Folge 33)
[„Mr. Mondos Monster“ 2154 (Folge 34, Teil 1)
[„Königin der Wölfe“ 2953 (Folge 35, Teil 2)
[„Der Todesnebel“ 2858 (Folge 36)
[„Dr. Tods Horror-Insel“ 4000 (Folge 37)
[„Im Land des Vampirs“ 4021 (Folge 38)
[„Schreie in der Horror-Gruft“ 4435 (Folge 39)
[„Mein Todesurteil“ 4455 (Folge 40)
[„Die Schöne aus dem Totenreich“ 4516 (Folge 41)
[„Blutiger Halloween“ 4478 (Folge 42)
[„Ich flog in die Todeswolke“ 5008 (Folge 43)
[„Das Elixier des Teufels“ 5092 (Folge 44)
[„Die Teufelsuhr“ 5187 (Folge 45)
[„Myxins Entführung“ 5234 (Folge 46)
[„Die Rückkehr des schwarzen Tods“ 3473 (Buch)

Sullivan, Mark T. – Toxic

„Toxic“ hatte eigentlich schon gewonnen, da hatte ich noch nicht einmal die erste Seite des Buches aufgeschlagen. Die positiven Rezensionen, die das Buch überall zuvor bekommen hat und die Auszeichnungen, mit denen sich Autor Mark T. Sullivan schmücken darf, waren vorab bereits ein Garant für einen packenden Thriller. „Der Thriller des Jahres“, so steht es auf dem Cover, genau das soll „Toxic“ sein. Aber man weiß ja, wie so etwas dann meistens endet. Die hohe Erwartungshaltung schlägt in blanke Enttäuschung um, der Sticker auf der Vorderseite stellt sich als schlechter Witz heraus, und selber ärgert man sich erneut darüber, dass man so einfach auf die Ankündigungen aus dem Vorfeld der Veröffentlichung hereingefallen ist.

_Story_

Mary Aboubacar, ein Zimmermädchen in einer kalifornischen Kleinstadt macht beim Antritt ihres alltäglichen Dienstes eine schreckliche Entdeckung. Inmitten eines blank geputzten Schlafzimmers findet sie die Leiche eines Mannes, dessen Erscheinungsbild die afro-amerikanische Bürgerin darauf schließen lässt, dass der Mann an Ebola erkrankt ist. Zum Glück für die dunkelhäutige Dame hat sie sich jedoch in ihrem Urteil geirrt, denn der junge Mann, der brutal ans Bett gefesselt und gefoltert wurde, ist am Biss einer giftigen Schlange gestorben und hatte keine ansteckende Krankheit.

Sergeant Shay Moynihan wird beauftragt, sich um den mysteriösen Fall zu kümmern, ist aber gleichzeitig auch sehr intensiv mit seinem Privatleben beschäftigt. Seine Ex-Frau kritisiert sein mangelndes Verantwortungsgefühl und macht ihn dafür verantwortlich, dass ihr gemeinsamer Sohn Jimmy gegen alle guten Ratschläge rebelliert. Doch Shay bleibt wegen seines pikanten Jobs nichts anderes übrig als die Prioritäten zugunsten der Polizeiarbeit zu verschieben, was zwangsläufig dazu führt, dass sein Sohn und er sich von Tag zu Tag weiter auseinander leben.

Mitten in diese persönliche Misere stößt nun dieser seltsame Mordfall. Nicht nur, dass die ‚Mordwaffe‘ höchst ungewöhnlich ist; auch die Bibelzitate, die der Attentäter am Spiegel seines Opfers hinterlassen hat, geben dem Sergeant Rätsel auf. Die Ermittlungen kommen kaum voran, und während Moynihan einen Schlangenexperten aufsucht, taucht auch schon das zweite, übel zugerichtete Opfer auf. Wohl wissend, dass hier eine ganze Serie von brutalen Sexualmorden ins Rollen kommt, begibt sich Shay daran, den gerissenen Mörder in die Hände zu bekommen, doch der ist ihm wiederum voraus und hat auch schon ein weiteres Opfer in Sicht …

_Meine Meinung_

So, so, das ist also der „beste Thriller des Jahres“. Sind denn sonst keine anderen Bücher mehr erschienen? Oder denke ich einfach zu kompliziert, so dass mich diese leichtfüßige und weitestgehend zu simpel gestrickte Story nicht aus den Socken hauen kann? Nun, die Geschichte ist wirklich nicht der Renner und gerade mal dazu geeignet, als kurze Zwischenmahlzeit zwischen den tatsächlich gewichtigen Hauptgängen serviert zu werden – wenn überhaupt …

Sullivan macht es sich eigentlich ziemlich leicht. Er sucht einfach ein paar mysteriöse wirkende Themenschwerpunkts aus, kombiniert diese halbwegs schlüssig und glaubt, nun den perfekten Thriller erschaffen zu haben. Liest sich ja auch auf dem Backcover toll, wenn da von bizarren Sexualverbrechen, tödlichen Schlangenbissen und einer geheimnisvollen Botschaft des Täters die Rede ist. Doch bei all den Klischees vergisst der Autor offensichtlich, dass einzelne Elemente noch nicht die Bürgschaft für eine mitreißende Story liefern. Und genau das bekommt der Leser dann auch zu spüren. Die Geschichte geht nämlich fortlaufend so schleppend voran, dass man oftmals einfach die Motivation zum Weiterlesen verliert.

Das beste Beispiel sind die ersten hundert Seiten: Dort wird vom familiären Chaos des Sergeants Moynihan erzählt, ohne dass in irgendeiner Weise Tiefgang vorläge. Dann kommt natürlich der erste Mord ins Visier, doch auch der wird so oberflächlich beschrieben, dass man sich bereits hier fragt, wie denn überhaupt Spannung in die Angelegenheit hineinkommen soll. Als Letztes wird dann nach den Motiven gesucht, das allerdings auch so plump, dass man nur mit dem Kopf schütteln kann. Nach dem ersten Viertel ist man schließlich genauso schlau wie vorher, und das kann ja wohl nicht die Intention des Autors sein.

Mit fortlaufender Handlung kann Mark T. Sullivan zumindest an diesem Manko etwas ändern. Es gibt so zur Mitte des Buches hin einen Knackpunkt, von welchem an die Story endlich mal in die Gänge kommt, wobei man aber auch von diesem Zeitpunkt an kaum Versatzstücke eines spannenden Romans findet. Klar, wenn man einmal so weit gekommen ist, will man natürlich auch wissen, was hinter der rätselhaften Mordserie steckt bzw. wer der Mörder ist, aber die dringende Lust, schnellstmöglich Ergebnisse zu bekommen, verspürt man dennoch nicht.
Das Familiendrama hingegen kommt nie so richtig in Fahrt und wirkt letztendlich auch ziemlich aufgesetzt. Wenn Sullivan hierbei bezweckt hat, der Geschichte einen dramatischen Beigeschmack zu verleihen, ist er jedenfalls gescheitert.

Gescheitert ist er insgesamt auch an der hohen Vorgabe, mit welcher der Roman beworben wird. „Toxic“ ist alles andere als Weltklasse. Sowohl die Charaktere als auch die Handlung sind bestenfalls mäßig, und die hohen Erwartungen können innerhalb der Geschichte nie befriedigt werden. Genre-Freunde werden deshalb auch nur dann Freude an diesem Roman gewinnen, wenn sie auf Tiefgang, durchgängige Spannung und Obskures gerne verzichten. Wem hingegen altbekannte Klischees und langweilige Akteure völlig ausreichen, der kann das Buch mal testen. Aber wer gehört schon zu dieser Kategorie …?