
Elizabeth Peters – Im Tal der Sphinx
Ägypten im Herbst des Jahres 1895. Unter den vielen ausländischen Archäologen, die das uralte Land der Pharaonen erforschen (oder heimsuchen), finden wir das Ehepaar Radcliffe und Amelia (Peabody) Emerson. Sie zieht es ins Gräberfeld von Dahschur, wo vor mehr als 4500 Jahren der König Snofru zwei Pyramiden errichten ließ. Schon im Vorjahr war das Ehepaar im benachbarten Mazghuna aktiv gewesen und dabei auf die kriminellen Machenschaften eines Mannes gestoßen, der die Grabanlagen systematisch plündern ließ. Die Emersons hatten dem nur als „Sethos“ bekannten Räuberhauptmann dessen Beute abjagen können; er selbst war unter bitteren Racheschwüren entkommen. (vgl. „The Mummy Case“, dt. „Der Mumienschrein“).
Amelia, die sich auch als Amateur-Detektivin betätigt, ist auf der Hut, als nun die neue Grabungssaison beginnt. Ihr Misstrauen scheint berechtigt, als die Emersons noch in Kairo den Gauner Kalenischeff treffen, der im Vorjahr Sethos als rechte Hand diente. Nun bemüht er sich als Reisebegleiter um die junge Enid Debenham, die einzige Tochter des just verstorbenen Barons Piccadilly. Natürlich hat Kalenischeff es auf das Millionenerbe abgesehen, wie ihm Amelia auf den Kopf zusagt. Als kurz darauf ein Versuch knapp scheitert, Sohn Ramses zu entführen, weist sie die Schuld allerdings dem neuerlich aktiven Sethos zu. Ihre Überzeugung wächst, als Kalenischeff erdolcht in Miss Debenhams Hotelzimmer gefunden wird; offenbar hat sich sein Meister gerächt. Die Polizei verdächtigt allerdings Enid, zumal diese spurlos verschwunden ist. Elizabeth Peters – Im Tal der Sphinx weiterlesen
E.-E., Marc-Alastor – Kriecher (De Joco Suae Moechae 1)
„Kriecher“ ist der Auftakt des Dark-Fantasy-Zyklus „De Joco Suae Moechae“ um den gleichnamigen Antihelden des Autoren Marc-Alastor E.-E. Die 236 Seiten des Buches bringen dem Leser die Hintergründe der komplexen Welt Praegaia näher, wobei das Augenmerk auf der Geschichte Kriechers liegt, die in fünf zusammenhängenden, düsteren Kurzgeschichten erzählt wird.
Der Autor greift auf eine in langen Jahren gewachsene mittelalterliche Fantasywelt zurück, in der klassische Wesen wie Orks, Elfen und Drachen existieren. Die Religion dieser Welt verdient allerdings besondere Beachtung: Der Geisterdrache M’Zaarox und die dämonische Göttin Medoreigtulb liegen im ständigen Widerstreit in einer Welt, die am Rand eines Kataklysmus steht: Medoreigtulb arbeitet auf das Ende der bekannten Welt und die Schöpfung einer neuen hin. Neben ihrer aus albtraumhaften Wesen bestehenden Armee sind ihre gefürchtetsten Schergen die sogenannten „Pechstrenger“, schattenartige Lebensformen, deren Körper wie schwarzes Pech zerfließen können, die über unheimliche Fähigkeiten und übermenschliche Stärke verfügen – perfekte Attentäter und Spione der Göttin.
Auch Kriecher ist ein Pechstrenger – doch zuvor war er ein charakterschwacher Mensch, der Schuld auf sich geladen hat. Seine Geliebte Menona betrog ihn mit einem Söldner, der zutiefst gekränkte Mann rächte sich an beiden und ermordete sie. Medoreigtulb nahm sich seiner an, verführte den Gebrochenen, machte ihn zu ihrem Diener und gab ihm den Namen „Kriecher“.
Er erweist sich jedoch als Versager, sein erster Mordauftrag schlägt fehl, Kriecher wird von der Erinnerung an seine Schuld gequält und ermordet die Falschen. Die Göttin bestraft und verstößt ihn, lässt das in ein Monster verwandelte Wesen hilflos zurück. Kriecher lebt weiter – gequält von der Erinnerung, auf das Vergessen hoffend, ohne konkretes Ziel und Lebenssinn.
Es folgen weitere Episoden, welche die Tragik Kriechers verdeutlichen. So wird in einer Waldhütte die Reisegesellschaft eines Barons von einem Pechstrenger niedergemetzelt, nur der junge Fylan entkommt, weil Kriecher sich ihm entgegenstellt. Doch ein Pechstrenger sieht aus wie der andere… Die Schuld wird Kriecher gegeben. Man hegt Hoffnung, dass er Erlösung findet, als er bei einer alten Frau Unterschlupf erhält, die ihn wie ein scheues Tier pflegt und ihm Nahrung gibt, sie hält ihn nicht für den gesuchten Mörder, als den man ihn darstellt. Doch sie und der Leser hoffen vergeblich…
Die interessanteste, beste und für den Zyklus relevanteste Kurzgeschichte ist die letzte – sie legt den Grundstein für die Handlung im Folgeband „Adulator“: Kriecher wird von zwei Zyklopen gefangen und in die Armee der Hexe Llalizh eingegliedert – die in Kürze zum Kampf gegen Medoreigtulb antreten wird! Auf wessen Seite werden Kriechers Loyalitäten sein? Llalizh hilft Kriecher, das ganze Potenzial seiner Fähigkeiten zu erkennen und versucht, ihn auf ihre Seite zu ziehen.
Kriecher überlebt das Gefecht – und sammelt die Reste der Armee um sich, gründet Innocenz, eine Stadt der Verfemten und Asylsuchenden. Hier trifft die Elfenkönigin Gvynlane Keridwen, die mit den Resten des geschlagenen Elfenvolkes auf der Flucht vor Medoreigtulb ist, auf Kriecher, der von Innocenz‘ Bewohnern als der ungekrönte „Fürst“ der Stadt angesehen wird. Doch Innocenz ist nicht die Zufluchtsstätte, die es zu sein scheint…
Marc-Alastor E.-E. gelingt es, seinem gescheiterten Antihelden eine sympathische Note zu geben. Man leidet mit Kriecher, hofft für ihn, wird enttäuscht und verfolgt mit Spannung seinen Werdegang. Man erahnt die epische Breite, die hinter dem Buch steht, das Lust auf mehr macht. Anfangs etwas holprig und verwirrend ist der Sprachstil: Kriechers Gefühle werden zwar differenziert und wortgewandt dargestellt, zwingen aber zu genauem Lesen und machten nicht sofort Eindruck auf mich. Danach steigert sich die Qualität der Geschichten immer mehr, ebenso die Atmosphäre, sie lassen sich auch flüssiger lesen. Eine gewisse Vorliebe für das Lateinische merkt man den Untertiteln der Kapitel an, kein Wunder, ist der Zyklus doch von einem lateinischen Versband, dem „Liber Incendium Veritas“, inspiriert worden. Die okkulten Interessen des Autoren mögen auch ihren Teil dazu beigetragen haben, es tut der Stimmung des Buches sehr gut, die von den wirklich perfekt dazu passenden SW-Illustrationen hervorragend unterstrichen wird – man bemerkt deutlich den positiven Einfluss, den der Autor auf den Künstler ausübte, sie befinden sich zudem am richtigen Ort und sind inhaltlich stimmig. Etwas unglücklich ist das breite und hohe Format des Buches, der Text ist deshalb etwas breit formatiert und etwas gewöhungsbedürftig zu lesen, dafür schön groß und gut lesbar.
Neben Kriecher fasziniert vor allem die dämonische Göttin Medoreigtulb (den Namen bitte einmal rückwärts lesen…) mit ihrer dunklen Erotik und Verruchtheit; da „Kriecher“ eine Sammlung von Kurzgeschichten ist, haben auch nur wenige andere Charaktere Platz, aber viele davon werden bereits im Folgeband Adulator zum Zuge kommen.
Mein persönlicher Favorit ist die Geschichte um Innocenz, die mich stark an eine Geschichte um den Helden Kane von Karl Edward Wagner erinnert (Bloodstone). Hatte Kane feuerrote Haare und stechend blaue Augen, bietet Kriecher seinen pechschwarzen Körper mit bernsteingelben, verrauchten Augen auf. Die Entwicklung der beiden Antihelden ist zwar unterschiedlich, aber so wie Kane der verfluchte Mörder seines Bruders ist, so ist Kriechers Mord an seiner Geliebten sein Fluch. Ich halte Kriechers Metamorphose und Weiterentwicklung allerdings für spannender und interessanter, stimmungsmäßig kann er Wagners Kane gelegentlich Paroli bieten und ihn in der Innocenz-Geschichte sogar übertreffen. Brutal geht es zu, teilweise sexuell explizit und freizügig – keine weichgespülte deutsche Standard-Fantasy à la „Das Schwarze Auge“, sondern das, was man von Dark Fantasy erwartet: Emotional intensiv und mitreißend, nachdenklich machend.
Die einführenden 37 Seiten gefielen mir zwar nicht so gut, aber ab der Geschichte „Kummerstrang“ entwickelt sich das Buch immer mehr zum Highlight – bedauerlich ist nur, dass es relativ kurz ist. Mein Interesse an der Welt Praegaia und Kriechers weiterem Werdegang hat das Buch jedenfalls geweckt, von ihm und Medoreigtulb möchte man einfach mehr lesen – dabei ist der Geisterdrache M’Zaarox noch gar nicht in Aktion getreten, man darf also gespannt sein!
„Kriecher“ kann (auf 999 Exemplare limitierte Auflage) über den Blitz-Verlag bezogen werden:
http://www.blitz-verlag.de.
Wer mehr über die Welt Praegaia, den Autoren Marc-Alastor E.-E., sowie die Dark-Fantasy-Serie „Geisterdrache“ und ihren Zyklen wissen möchte, wird hier fündig:
http://www.geisterdrache.de/
http://www.marc-alastor.de/
http://www.praegaia.de/
Bitte beachtet auch mein [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=22 mit dem Autor Marc-Alastor.
McDevitt, Jack – Sanduhr Gottes, Die
Der Verlag hat dem Beginn der Geschichte eine Eloge anglo-amerikanischer Rezensionen vorangestellt, welche belegen sollen, dass das vorliegende Buch ein Meisterwerk ist. Wie immer sind die Lobeshymnen mehr oder weniger zutreffend. Vor allem Stephen King liegt wieder einmal völlig daneben, wenn er McDevitt als „wahren Erben von Isaac Asimov und Arthur C. Clarke“ anpreist, denn die von McDevitt erschaffenen Charaktere sind weder holzschnittartig noch flach wie Briefmarken, wie man dies von Asimov und (vor allem) von Clarke kennt. Richtig ist aber zweifellos, dass McDevitts neues Buch ein Meisterwerk ist, welches trotz der erschreckenden Länge von fast 700 Seiten auf nahezu allen Gebieten überzeugt.
So ist die Geschichte im naturwissenschaftlich-technischen Bereich hervorragend erdacht und wird vom Autor souverän und glaubwürdig umgesetzt. Bezüglich Spannungsgehalt, kreativer Ideen und packender Momente lässt sich „Deepsix“ wohl kaum noch übertreffen. Hinzu kommt die hinreißend abenteuerliche Atmosphäre, jener besondere |sense of wonder|, der manchmal und nur im günstigsten Fall der phantastischen Literatur innewohnt. |Last but not least| sind zudem die Protagonisten glaubwürdig, lebendig und überzeugend geraten, sodass der Leser keinerlei Mühe hat, sich mit ihnen zu identifizieren oder zumindest ihre Emotionen und Beweggründe nachzuvollziehen. Vor allem Letzteres versteht der Autor blendend. Die Schilderung des Charakters des berühmten Essayisten und Besserwissers Gregory MacAllister ist einfach superb. Schon nach wenigen sehr prägnanten Zeilen erschließt sich dem Leser ein kohärentes Bild eines zwar intelligenten, aber wenig mitfühlenden oder gar sozial engagierten Karrieristen, der sich durch freche (und teilweise ungerechte) Angriffe auf andere Menschen seine Berühmtheit erschrieben hat. Polarisieren gehört zu seinem Handwerk, welches er meisterhaft beherrscht. Doch dann findet sich dieser Mann unvermittelt und teilweise durch eigenes Verschulden auf einem dem Tode geweihten Planeten wieder und muss um sein eigenes und das Leben seiner Kameraden kämpfen, von denen einer ausgerechnet eines seiner ehemaligen Opfer ist.
Hier vielleicht kurz zur Handlung: Im Jahre 2204 besucht eine wissenschaftliche Expedition den erdähnlichen, allerdings zur Zeit unter einer Eiszeit leidenden Planeten Maleiva III. Die Mission scheitert und endet im Desaster. Nachdem einige Expeditionsmitglieder gestorben sind, flüchtet man, ohne die Welt näher erforscht zu haben und gibt dem ehemaligen Expeditionsleiter die Schuld am Scheitern. Erst knapp zwanzig Jahre später kehrt eine weitere Expedition zurück, denn Maleiva III wird in Kürze mit einem planetaren Gasriesen kollidieren und völlig zerstört werden. Fast zu spät wird man darauf aufmerksam, dass auf Maleiva einst eine intelligente Rasse gelebt haben muss, die aber durch die derzeitige Eiszeit wohl untergegangen zu sein scheint. Eilig fordert man eine Landefähre an, um noch einige Artefakte bergen zu können.
Ausgerechnet Priscilla Hutchins, genannt Hutch, ereilt der eilige Ruf, ist sie doch eigentlich Shuttlepilotin mit archäologischer Erfahrung und dem aufmerksamen Leser aus McDevitts tollem Roman „The Engines of God“ (dt. „Gottes Maschinen“, 1996) noch bestens in Erinnerung.
So landen Hutch und einige Helfer auf Maleiva III und merken bald, dass der Planet eine wahre Fundgrube ist. Kurz nach ihrer Ankunft erscheint noch eine zweite Landefähre, die zu einem großen Luxusraumschiff gehört, welches reiche Passagiere an Bord hat, die sich den Untergang des Planeten anschauen wollen. An Bord der Fähre befindet sich auch Gregory MacAllister, während an Bord von Hutchs Fähre der ehemalige Expeditionsleiter Randall Nightingale ist, der nun nach Jahren ausgerechnet und völlig zufällig auf jenen Planeten zurückkehrt, der dereinst seinen beruflichen und persönlichen Ruin verursachte.
Als bei einem Erdbeben beide Landefähren zerstört werden, sind Hutch, MacAllister, Nightingale und die anderen Überlebenden auf Maleiva III gefangen. Der Versuch, eine andere Landefähre zu organisieren, scheitert und so bleibt den Menschen nur eine letzte Chance: Eine Wanderung im Angesicht des Todes über den fremden und gefährlichen Planeten zu einer Landefähre, welche die erste Expedition vor 20 Jahren zurücklassen musste, und von der keiner weiß, ob sie überhaupt noch funktionsfähig ist…
So weit die überaus prickelnde Ausgangssituation von „Die Sanduhr Gottes“. Dem Autor gelingt es bis zum Ende hin fast mühelos, die Spannung aufrecht zu erhalten. Lediglich der letzte Rettungsversuch zieht sich gegen Ende der Geschichte etwas hin.
Neben den faszinierend lebendigen und glaubwürdigen Charakteren besticht vor allem die abenteuerliche Atmosphäre des Romans. Die vielfältigen Überraschungen, die Maleiva III zu bieten hat, machen dem Buch alle Ehre. Es spricht für den Autor, dass der Leser bis zum Ende daran zweifelt, ob die Rettung gelingt, denn ein Happy End scheint alles andere als selbstverständlich.
Während die Havarierten auf Maleiva III weilen, entdeckt man im Orbit ein künstliches Objekt, welches bald deutlich macht, dass es auf dem erdähnlichen Planeten eine Art Fahrstuhl in den Weltraum gegeben haben muss. Doch wie passt dies zu den ersten Funden Hutchs und ihrer Kollegen, die anzudeuten schienen, dass die einstigen intelligenten Bewohner des Planeten eine Kultur auf mittelalterlichem Niveau gehabt haben dürften?
Während die vielfältige und bunte Natur des Planeten rund um den nicht vereisten Äquator den Havarierten die Reise zur zurückgelassenen Landefähre zu einem gefährlichen Spießrutenlauf macht, werden immer neue Mysterien auf und rund um Maleiva II entdeckt.
Viel zu spät wird den Menschen klar, wie tragisch die Zerstörung des Planeten wirklich ist, welches Wissen verloren gehen wird. Dies ist die eigentliche Tragödie der vorliegenden Erzählung.
Während die Havarierten um ihr Überleben und um die Rückkehr in den Orbit kämpfen, gibt glücklicherweise das eine oder andere Mysterium sein Geheimnis preis. Dies hält den Leser nicht nur bei Laune, sondern macht das Buch definitiv zu einem wahrlich unvergleichlichen Lesegenuss.
Bezüglich Spannung und schmissigem Stil ist Jack McDevitt sowieso ein absoluter Meister seines Fachs, wie seine anderen, bisher alle bei Bastei Lübbe erschienenen Romane unter Beweis gestellt haben, auch wenn manchmal die Themenwahl des Autors eher unglücklich bzw. überraschungsarm erscheint. Nach drei ganz hervorragenden Romanen („Erstkontakt“, „Die Legende von Christopher Sim“ und „Gottes Maschinen“) schienen sich erste kreative Ermüdungserscheinungen beim Autor breit zu machen, war jedes folgende Buch etwas schlechter als das vorangegangene. Tiefpunkt war hier sicherlich „Mondsplitter“, ein eher langweiliger „Ziegelstein“ von Buch über den drohenden Aufschlag eines großen Kometen auf dem Mond. Erst mit „Spuren im Nichts“ zeigte die Niveaukurve des Autors wieder eindeutig nach oben.
Deshalb ist es um so erfreulicher, dass „Die Sanduhr Gottes“ diesen Trend fortsetzt und bestätigt, dass der Autor einer der genialsten zeitgenössischen SF-Abenteuer-Schriftsteller ist.
Betrachtet man die aktuellen Veröffentlichungen deutscher Verlage der letzten Jahre, so ist dieses Buch für alle Liebhaber abenteuerlicher Science-Fiction sogar so etwas wie eine wunderbare Oase in einer riesigen Wüste, denn seit dem Erscheinen von Mary Doria Russells hervorragenden (zusammengehörigen) Romanen „Sperling“ und „Gottes Kinder“ ist sicherlich kein dermaßen spannendes, abenteuerliches und rundum gelungenes Buch mehr im deutschen Sprachraum auf dem Gebiet der SF erschienen.
Dabei ist besonders bemerkenswert, dass der Autor keine Schwächen zu haben scheint (nimmt man einmal die eine oder andere Seite zu viel aus).
Stilistisch ist McDevitt nahezu perfekt, was sicherlich dank der hervorragenden Übersetzungsarbeit von Frauke Meier und einem guten Lektorat voll zur Geltung kommt, welches sich diesmal bemüht zu haben scheint, gravierende grammatische Fehler auszumerzen, nicht so wie dies z.B. im kürzlich erschienen „Die Narbe“ von China Miéville der Fall war.
Die Protagonisten des Autors sind ausgefeilt und es gelingt ihm, diese sich psychisch weiterentwickeln zu lassen. Selbst die geschilderten Nebenfiguren sind bestechend. Bestes Beispiel dafür ist der Kotzbrocken von Wissenschaftler, nach dem man den Gasriesen benannt hat und der vom Autor kurz eingeführt wird, obwohl dieser Protagonist zu Beginn der Haupthandlung bereits verstorben ist. Trotzdem nimmt sich McDevitt knapp eine Seite Zeit, um den Namenspatron des gewaltigen Planeten vorzustellen, und schüttelt dabei ein erschreckendes Psychoprofil aus dem Ärmel, welches über alle Maßen beeindruckend gerät. Wäre das vorliegende Buch ein Film, so könnte man mit Fug und Recht behaupten, es sei „bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt“.
Dies ist jedoch nur eine von unzähligen Stärken des Autors, die hier gar nicht alle detailliert gewürdigt werden können.
Egal ob die abenteuerliche Atmosphäre, die feine Idee des letzten Rettungsversuchs (hierfür wird sich der naturwissenschaftlich interessierte Leser begeistern können), die spannende Handlung, die eine Unmenge Höhepunkte hervorbringt (egal ob es eine Flutwelle, ein Erdbeben, angreifende Tiere oder ein abstürzender Fahrstuhl ist) oder die faszinierenden Entdeckungen über die Zivilisation auf Maleiva III, für jeden Leser hält der Autor etwas bereit, was ihn ansprechen könnte. McDevitt beherrscht jedes dieser Gebiete souverän und ist damit sicherlich eine absolute Ausnahmeerscheinung.
Dies wird auch deutlich, wenn man die positiven Rezensionen des Buches im anglo-amerikanischen Sprachraum betrachtet, die zu Beginn der Taschenbuchausgabe angeführt werden. Die Ausführungen des talentierten SF-Autor Robert J. Sawyer sprechen hier für sich.
„Deepsix“ / „Die Sanduhr Gottes“ darf sicherlich als Meilenstein der Unterhaltungs-SF angesehen werden und ist vielleicht der bisher in dieser Hinsicht beste SF-Roman des neuen Jahrtausends.
Bleibt nur zu hoffen, dass der Autor dieses Niveau konservieren kann.
Für Juli 2004 hat der Bastei-Lübbe-Verlag einen neuen Roman des Autors unter dem Titel „Chindi“ angekündigt, in dem erneut Priscilla „Hutch“ Hutchins die Protagonistin sein soll.
_Gunther Barnewald_ © 2004
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de
Peter James / Nick Thorpe – Halley, Hünen, Hinkelsteine. Die großen Rätsel der Menschheit
Ein sechsteiliger Schlag gegen (allzu) lieb gewonnene Rätsel der (Erd-) Geschichte, unterteilt in diverse Unterkapitel, die sich auf bestimmte Favoriten (= Dauerbrenner der Boulevard-Medien in der sommerlichen Saure-Gurken-Zeit) konzentrieren. Sie dienen als repräsentative Beispiele für die jeweiligen Gesamtphänomene, die da wären:
„Versunkene Kontinente und Katastrophen“: Hier lesen wir u. a. über Atlantis, das ‚historische‘ Vermächtnis des Griechen Plato, der sich auf Wolke Nr. Sieben vermutlich totlacht über die monströse Lawine haltloser Spekulationen, die den ‚verlorenen‘ Kontinent der Urzeit völlig ‚logisch‘ an praktisch jedem Ort unseres Globus‘ orten. Dabei ist nie (und für die Atlantis-Jünger glücklicherweise) ein handfester, wirklich glaubhafter Hinweis auf seine Existenz aufgetaucht wäre. James und Thorpe legen sachlich und plausibel dar, wieso dies so ist – so sein muss.
Weiterhin scheuen sie sich nicht, den Kopf in den Rachen gewisser ‚Forscher‘ zu legen, welche die Bibel in den Rang eines Geschichtsbuchs erheben. Die damit verbundenen Schwierigkeiten und haarsträubenden Verbiegungen historischer Tatsachen belegen sie am Beispiel der Suche nach Sodom und Gomorrha. Auch Noahs Arche wurde inzwischen mehrfach erspäht … Wer’s lieber ein wenig sachlicher mag, wird durch die Vorstellung der Polverschiebungstheorie eines Schlechteren belehrt.
„Himmelsbeobachtungen“: Nachdem sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher herausstellt, dass die Menschen der Vorzeit keine grunzenden, in Höhlen hausenden Wilde waren, sondern sich bereits die Köpfe über erstaunlich transzendente Themen zerbrachen, sammeln sich die Anhänger jener Theorie, nach der es überall auf dieser Erde ‚Priestergelehrte‘ prähistorischer, hoch zivilisierter, leider fundlos verschwundener Kulturen gab, die ihre Schäfchen schwere Steine zu komplizierten Mustern wuchten ließen, um auf diese Weise den Sternen- und Planetenhimmel abzubilden. Diese Steinzeit und Bibel Astronomie ist geradezu ein Steckenpferd für ‚Historiker‘ geworden, die an eine Vergangenheit glauben möchten, in der die Magie der Natur noch stark war in der Welt.
„Architektonische Wunderwerke“: Hier treffen wir u. a. krypto-historische Dauerbrenner wie Stonehenge, die ägyptischen Pyramiden oder die Steinfiguren der Osterinseln – und jene selbst ernannten Bilderstürmer, die frischen Wind in die etablierte und damit zwangsläufig verkrustete und langweilige Wissenschaft – wozu studieren, wenn man auch spinnen & Fakten klittern kann? – bringen möchten, indem sie beispielsweise „Götter aus dem All“ den Urzeit-Menschen hilfreich zur Hand gehen und prähistorische „Computer aus Stein“ errichten lassen.
„Erdmuster“: Aber ganz ohne eigene seltsame Kraft waren unsere Vorfahren auch nicht. Ohne böse Zivilisation (oder Wissenschaft) hatten sie noch Mutter Naturs Ohr. Ihre prähistorischen Sternwarten, Raumschiffhäfen und Kultstätten (Glastonbury, Somerset, Nazca) vernetzten sie durch „Erdmuster“ (Ley Linien), durch die nicht selten eine Art ätherische Erdstrahlung floss – gleichzeitig eine Art Telefonleitung, über die Geistwesen und/oder Außerirdische den weiter oben genannten Priestergelehrten ihre Anweisungen durchgaben. („Heute nur fünf Jungfrauen opfern.“)
„Original oder Fälschung“ erzählt vom Hang des Menschen, der Wahrheit manchmal etwas nachzuhelfen bzw. sie in eine Gestalt zu zwingen, die der erwünschten Realität (König Artus‘ Grab – endlich gefunden!) oder wenigstens dem eigenen Ruhm zu Gute kommt (Heinrich Schliemann und ‚sein‘ Troja Schatz). Dieses Kapitel verdeutlicht aber auch, dass die Vergangenheit echte Überraschungen birgt (Ötzi, die Mumie, die aus der Steinzeit kam, oder die Schriftrollen vom Toten Meer), die als solche zunächst nicht erkannt werden oder die als ‚unmöglich‘ abgelehnt werden: Die etablierte Forschung kann irren, aber im Gegensatz zur „Voodoo Science“ verfügt sie über Mechanismen der Korrektur, auch wenn‘s manchmal ein wenig dauert.
„Übersinnliches und Archäologie“: Hier wird es endgültig wundersam und wunderlich. Tutanchamuns Fluch kennt sicherlich jede/r, den Fall Omm Seti weniger. Faszinierend auch die Story des „Bundes von Avalon“, der einen Geschichtsforscher quasi exklusiv aus dem Jenseits beriet.
Wie es sich gehört, stehen am Ende unseres Werkes eine Bibliografie (die notgedrungen mit den Jahren an Wert verliert) sowie ein Namens und Sachregister – immer ein Qualitätsmerkmal für ein Sachbuch, mit dem man arbeiten kann. Da ist es fast schon selbstverständlich, dass „Halley, Hünen, Hinkelsteine“ das im Text Gesagte durch zahlreiche Grafiken und (schwarz weiße) Fotos verdeutlicht.
Der Mensch will (Unsinn) glauben
Die einen mögen sie Spielverderber und/oder Knechte der weltumspannenden Verschwörung skrupelloser Politiker, Großkonzerne & Wissenschaftler schimpfen, die uns Bürger dumm und ahnungslos und dadurch leicht regierbar halten sollen, die anderen begrüßen sie als Stimme der Vernunft. Auf jeden Fall gleiten Peter James und Nick Thorpe aufrecht über das Glatteis, auf das sie sich freiwillig begeben haben. In der (guten, alten) gar nicht so lange verstrichenen Zeit nannte man das „Aufklärung“: die sachliche Beschäftigung mit strittigen Fragen der Natur- und Geisteswissenschaft, das Abwägen von Für- und Wider-Argumenten, die Formulierung einer (vorläufigen) Schlussfolgerung auf der Basis der gesammelten und ausgewerteten Fakten.
Dass solche Aufklärung alles andere als langweilig oder gar überholt ist, beweist unser Autorenduo eindrucksvoll. (Vor und frühgeschichtliche) Rätsel verlieren keineswegs ihre Faszination, nur weil keine Besucher aus dem All, Geister oder sonstige esoterische Lichtgestalten hinter ihnen stecken. James und Thorpe beeindrucken durch eine gar nicht selbstverständliche Gabe: Sie können komplexe, oft recht schwer verständliche Themenkomplexe allgemeinverständlich präsentieren.
So reagieren sie auf den oft und mit Recht der Wissenschaft gemachten Vorwurf, bei der Vermittlung des Entdeckten zu knausern bzw. sich in einen Nebel hochgeistiger Formulierungen zu hüllen, der vor allem den Kollegen Wissen und Seriosität suggerieren soll. Gute Sachbücher vermitteln erfolgreich zwischen dem Forscher-Olymp und den akademischen Bergtälern, in denen durchaus interessierte Laien hausen – und sie leuchten in die düsteren Höhlen, welche die Scharlatane beherbergen.
Manchmal verloren auf einem Meer der Dummheit
Dabei trennen James und Thorpe Fakten und Spekulationen voneinander. Ganz so streng geht es trotzdem nicht zu. Zwar behaupten die Autoren u. a., sie wollen in Sachen Rätsel einen Schlussstrich im Jahre 1492 ziehen – Columbus segelt nach Amerika und läutet dadurch quasi die Neuzeit ein -, halten sich aber nicht durchweg daran. Andererseits gehört die Diskussion um das berühmte „Marsgesicht“ durchaus zum Thema, denn gibt es ein besseres Beispiel für die Kapriolen der Selbsttäuschung, die dem menschlichen Geist manchmal unterlaufen?
Die Fülle des vorgestellten Materials bedingt manche Vereinfachung oder Verkürzung – davor warnen die Autoren einleitend selbst -, die hier und da Fehlinterpretationen durch den Leser begünstigt. Troja und seine Geschichte ist ein komplexes Thema, das gerade in den letzten Jahren auf der Basis neuer bzw. neu bewerteter Funde in der wissenschaftlichen Diskussion steht. Diese Autoren legen das Schwergewicht ein wenig zu stark auf den ‚Kriminalfall‘ Schliemann und den mysteriösen, womöglich frisierten Schatz des Priamos.
Den eigenen Prinzipien eindeutig untreu werden James und Thorpe, wenn sie ihrer Begeisterung für Kometen & Meteoriten als Katalysatoren aller möglichen (und unmöglichen) irdischen Umwälzungen ein wenig zu blauäugig nachgehen. Das ist aber der einzige gravierende Vorwurf, den man den Verfassern machen kann, deren Ausführungen man ansonsten mit Vergnügen und Gewinn folgt.
Autoren
Peter James studierte in Birmingham und London Alte Geschichte und Archäologie. Dabei spezialisierte er sich auf den Nahen Osten und den Mittelmeerraum und hier wiederum auf die Bereiche Technik- und Wissenschaftsgeschichte.
Nick Thorpe studierte Archäologie sowie Vor- und Frühgeschichte in Reading und London. Er lehrt am King Alfred’s College in Winchester. Darüber hinaus leitete er mehrere Forschungsprojekte in Großbritannien und Dänemark und verfasste Aufsätze und Bücher über Landwirtschaft, Handwerk, frühgeschichtliche Gesellschaftsformen und Astronomie.
Taschenbuch: 492 Seiten
Originaltitel: Ancient Mysteries (New York : Ballantine Books, a division of Random House, Inc. 1999)
Übersetzung: Annette von Heinz u. Susanne Hornfeck
http://www.dtv.de
Der Autor vergibt: 



Wolfgang Hohlbein – Das Druidentor

Jonathan Neale – Schneetiger. Sherpas: Die wahren Bezwinger des Himalaya

Richard Parry: Die Männer der Polaris. Die wahre Geschichte der tragischen Arktis-Expedition von 1871

Das Jahr ist 1871. Der Große Bürgerkrieg ist vorüber, die Blauen & die Grauen schlagen sich nicht mehr die Köpfe ein; Zeit für die immer noch jungen, jetzt wieder Vereinigten Staaten von Amerika, sich darauf zu besinnen, der Restwelt das Heil zu bringen, was sie bereits zu diesem Zeitpunkt als ihren von Gott (oder Gandalf) erteilten Auftrag erkannt haben.
Damit stehen sie nicht allein. Imperialismus politisch schwer im Kommen. Auf dem gesamten Globus machen sich mächtig aufgerüstete Nationen daran, ihrem Herrschaftsgebiet möglichst viele und lukrative Kolonien einzuverleiben. Die Filetstücke sind schon vergeben, als sich nun auch die USA an diesem Run beteiligen möchten. Wenn‘s nichts mehr zu erobern gibt, dann lässt sich immerhin einiger Ruhm damit ernten, unbekannte Länder zu entdecken (die dann womöglich doch das Ausbeuten lohnen). Richard Parry: Die Männer der Polaris. Die wahre Geschichte der tragischen Arktis-Expedition von 1871 weiterlesen
MacKinlay Kantor – Signal 32

Schwindt, Peter – Justin Time – Zeitsprung
Die Eltern von Justin Time verschwanden vor einigen Jahren bei einem Zeitreiseexperiment spurlos, als Justin noch klein war. Als der Junge in den Sommerferien des Jahres 2385 im Internat die Einladung seines Onkels erhält, ihn zu besuchen, ist Justin sehr froh, denn bis dato hatte sein Onkel ihn nie eingeladen und die Ferien allein im Internat waren immer langweilig gewesen.
Doch bei seinem Onkel angekommen, stellt Justin fest, dass dieser ihn scheinbar gar nicht eingeladen hat. Im Gegenteil ist der Onkel damit beschäftigt, eine eigene Zeitreiseagentur aufzubauen. Gerade hat er den ersten Reisenden in die Vergangenheit geschickt, als alles schief zu gehen scheint. Der Reisende kommt in der falschen Zeit und am falschen Ort an, verursacht dort zudem noch einen verhängnisvollen Unfall, der Charles Darwin, den Entdecker der Evolutionstheorie, töten würde, bevor dieser seine Schriften veröffentlichen konnte.
Leider reicht die Energie nur dazu aus, eine leichtgewichtige und schmächtige Person in die Vergangenheit zu schicken, um den Fehler zu korrigieren. Da Justin als einziger diese Kriterien erfüllt, reist er zurück in die Zeit, um die Abweichung zu beheben …
Um es gleich vorweg zu nehmen: Das vorliegende Buch ist der größte Schwachsinn, der dem Rezensenten in den letzten Jahren unter die Augen gekommen ist (was bei meinem hohen jährlichen „Leseaufkommen“ wirklich etwas heißen will!).
Die Geschichte wimmelt vor Peinlichkeiten, Löchern und Unmöglichkeiten. Am Ende der Geschichte bedankt sich Autor Peter Schwindt bei allen Leuten, die sich durch die verschiedenen Manuskriptfassungen gekämpft hatten. Leider scheint niemand mit auch nur leidlicher Kompetenz unter den Lektoren gewesen zu sein und der Leser fragt sich händeringend, wie dem renommierten Loewe-Verlag ein dermaßen missratenes Machwerk unterkommen konnte.
Dabei hat der Verlag sich offensichtlich Mühe gegeben, hat dem Buch für die Presse noch ein kleines Extramäppchen beigefügt, in der, zwar wenig umfassend, aber doch leidlich kenntnisreich, über Zeitreisetheorien oder literarische bzw. filmische Vorlagen referiert wird.
Dies verschlimmert die unsägliche Tat der Veröffentlichung eines dermaßen unausgegorenen Werkes aber nur noch, kann man entschuldigend für den Verlag deshalb nicht anführen, man habe von der Zeitreisethematik nie irgendwelche Ahnung gehabt.
„Justin Time – Zeitsprung“ zeigt dagegen auf, dass oberflächlicher Konsum einiger Fernsehserien (der Autor ist Jahrgang 1964 und berichtet, durch „Star Trek“, „The Avengers“ und ähnliche Fernsehserien sozialisiert worden zu sein) nicht reicht, um sich auch nur ansatzweise kompetent zu zeigen bei einem dermaßen komplexen Thema, wie es Zeitparadoxa darstellen.
Der Verdruß beginnt schon mit der Ausgangslage von Justins erstem Zeitabenteuer. Dass der Autor hier eine fadenscheinige Begründung heranzieht, warum ausgerechnet der Junge reisen muss, mag man dem unbedarften Peter Schwindt noch nachsehen. Auch die blödsinnigen Namen der Protagonisten (heißt doch der Held und seine Familie ausgerechnet „Zeit“ mit Nachnamen, der Name selbst ist ein Wortspielchen zu „just in time“ und der Assistent hört auf den sinnreichen Namen Rupert Bontempi!) sind wohl eher Geschmackssache.
Absoluter und eindeutiger Unfug ist dagegen die Entsendung eines grenzdebilen Touristen in die Vergangenheit, ohne die Methode vorher ausreichend getestet zu haben und ohne Absicherungen gegen Manipulationen in der Zeitlinie getroffen zu haben. Zum Schreien dämlich wird es dann jedoch, als der trottelige Tourist Charles Darwin durch eine unbedachte Tat tötet. Dies wird auf völlig unerklärliche Weise in der Zukunft registriert, woraufhin man sofort korrigierend eingreifen kann. Wie soll dies funktionieren, Herr Schwindt? Wenn jemand in der Vergangenheit etwas Gravierendes verändert, würden alle Protagonisten mit dieser veränderten Vergangenheit aufwachsen, ohne diese Abweichung auch nur entfernt registrieren zu können! Genau dies schildert z. B. der SF-Autor R. A. Lafferty in seiner genialen Kurzgeschichte „Thus we frustrate Charlemagne“ (dt. „So frustrieren wir Karl den Großen“), in der mehrfach Änderungen der Zeitlinie vorgenommen werden, die Protagonisten aber immer wieder von Neuem der festen Überzeugung sind, sie seien die ersten, die diesen Versuch unternähmen.
In dem SF-TV-Film „Zeitreise in die Katastrophe“ bedient man sich deshalb eines Zeitabschirmfeldes, welches zumindest scheinbar einige Leute in einem zukünftigen Bunker sich an die ursprüngliche Vergangenheit erinnern lässt, so dass man bei Abweichungen in der Zeitlinie rekorrigierend in der Vergangenheit eingreifen kann. In diesem Film (der inhaltlich verdammt an das vorliegende Buch erinnert, jedoch eindeutig niveauvoller ausfällt!) ist es eine kriminelle Organisation in der Zukunft, die illegal Zeitreisen zu berühmten Katastrophenvorfällen anbietet und die durch ihr Einwirken die Zeitlinie schließlich irreparabel beschädigt.
Doch was hat sich der Autor Peter Schwindt in seiner dürftigen Hervorbringung zurechtgebastelt: Ein unerprobter, aber staatlich genehmigter Zeittourist der völlig unbedarften Art, der in der Vergangenheit wütet wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, ohne dass die Änderungen sofort wirksam werden.
Welch merkwürdige surreale Zeittheorie mag im Kopf des Autors dabei herumspuken? Herr Schwindt, geben Sie es zu, Sie haben keine Ahnung! Denn der frühe Tod Charles Darwins würde alle Protagonisten mit dem Wissen aufwachsen lassen, dass ein anderer zu einem späteren Zeitpunkt die Evolutionstheorie begründet hat! Der Name Charles Darwin wäre einfach aus den Gechichtsbüchern getilgt gewesen, weil er nämlich nie drin war, und niemand würde sich mehr an ihn erinnern, vor allem nicht Ihr schlauer Protagonist und seine Helfer!
Auch über die Eigenschaft der Zeitmaschine, die Zeitreisenden nicht nur zeitlich, sondern offensichtlich auch örtlich zu versetzen (landen der Tourist und Justin doch irgendwo im Atlantik auf einem Expeditionsschiff, der Touri dabei sensationell viele Meter über dem Boden im Krähennest, einfach so!), verliert der Autor weder eine Silbe noch einen einzigen Gedanken.
Nebenbei führt der Autor zudem die Motivation der Protagonisten aus, sich an Zeitreisen zu beteiligen. Dabei ist dann Folgendes zu lesen (S. 54 unten): „Wenn er ehrlich war, konnte er verstehen, warum seine Eltern an diesem Projekt gearbeitet hatten. Die Welt des Jahres 2385 war alles andere als ein spannender Ort. Die Luft war sauber und roch nach Veilchen. Naturkatastrophen hatte die Wissenschaft seit der Erfindung des Terraforming einfach abgeschafft. Innerhalb weniger Minuten konnte man an jeden Ort der Welt reisen. Die Meere waren restlos erforscht, der Weltraum erobert. (sic!) Kurz: Es gab keine Überraschungen mehr, die die Menschen aus ihrer betulichen Ruhe reißen konnten …“
Wie, Herr Schwindt? Der Weltraum ist erobert? Vollständig? All die Milliarden und Abermilliarden Sonnensysteme, welche alleine in unserer Milchstraße zu finden sind, und zudem alle Abermilliarden von fremden Galaxien auch? Haben Sie überhaupt auch nur annähernd eine Vorstellung davon, wie groß das Universum wirklich ist (was natürlich kein Mensch je wirklich begreifen kann!)? Keine Überraschungen mehr? In welcher hohlen Luftblase seines Kopfes lebt der Autor eigentlich? Peinlicher geht es aber wirklich gar nicht mehr!!!
Abgesehen von diesen gravierenden, völlig irreparablen und katastrophalen formalen Fehlern überzeugt das Buch auch bezüglich der Charakterisierungen nicht. Die Figur des Justin Time ist so flach wie eine Briefmarke, nicht einmal sein Alter teilt der Autor dem Leser einigermaßen nachvollziehbar mit (man erfährt nur, er sei seit sieben Jahren im gymnasialen Internat; ist er damit in der siebten Klasse oder in der elften nach vier Jahren Grundschule?).
Auch sonst bleiben die Protagonisten und deren Umgebung blass.
Justin, obwohl als Sohn zweier berühmter Forscher und als Gymnasiast doch hoffentlich wenigstens durchschnittlich intelligent, entblödet sich zudem nicht, kaum bei Charles Darwin angekommen, mit diesem dessen berühmte Theorie zu diskutieren. Was wenn dieser die Evolutionstheorie noch gar nicht richtig entwickelt gehabt hätte zu dieser Zeit? Oder weiß Justin aus dem Kopf genau, wann dies der Fall war? Was wenn Justins Eingriff erst die berühmte Theorie erschaffen würde? Wer wäre dann deren wahrer Schöpfer gewesen? Wer hätte den genialen Gedanken dann wirklich zuerst gehabt?
Weder Justin noch sein Schöpfer verschwenden auch nur einen Gedanken daran. Kann man da von zumindest durchschnittlicher Intelligenz beim Protagonisten sprechen? Doch sicherlich nicht!
Der Auftakt einer neuen Serie soll das vorliegende Buch sein, doch leider ist nichts als grober Unfug daraus geworden, hanebüchener Quatsch.
Und dies, obwohl gerade der Loewe-Verlag in den letzten Jahren durch hervorragende Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Phantastik auf sich aufmerksam gemacht hat (z. B. zwei tolle Trilogien von Kai Meyer und Nancy Farmers hervorragenden SF-Roman „Das Skorpionenhaus“).
Wie konnte den Lektoren dort nur dieser Lapsus unterlaufen? Man wünscht dem Verlag den Mut, diesen Rohrkrepierer möglichst schnell wieder vom Markt zu nehmen und einzustampfen, die restlichen Folgen der Serie unter beschämtem Schweigen zu begraben, um sich damit nicht vollständig der Lächerlichkeit preiszugeben und sich auf Werke zu konzentrieren, die nicht komplett alogisch, an den Haaren herbeigezogen und unreflektiert sind, wie dies leider bei „Justin Time – Zeitsprung“ der Fall ist.
_Gunther Barnewald_ ©2004
Lothar-Günther Buchheim – Der Abschied

Der Autor
Gentle, Mary – blaue Löwe, Der (Die Legende von Ash 1)
Die Söldnerin Ash verteidigt Burgund vor einer karthagischen Invasion Europas durch die Westgoten. Golems und eine tagelange Sonnenfinsternis über Deutschland inklusive. Mittelalter paradox – Dr. Pierce Ratcliff kann es kaum fassen, sein Manuskript, eine Biographie des Lebens von Ash, widerspricht allem, was bisher über diese Zeit bekannt war. Für ihn noch unverständlicher: Was vor wenigen Monaten als wissenschaftlich gesicherte Historie angesehen wurde, findet sich plötzlich als Heldenepos unter Fiktion einsortiert… und vor Tunis werden Reste seiner Golems bei einer Ausgrabung entdeckt.
Mary Gentle’s DIE LEGENDE VON ASH („Ash: A Secret History“) ist im englischen Original ein Buch von 1120 Seiten – die deutsche und amerikanische Ausgabe wurden jeweils auf vier Bände verteilt. Das britische Original muss sehr kleingedruckt sein, denn auch die amerikanische Fassung kommt auf 1728 Seiten – die deutsche Übersetzung hat 2326 Seiten zu bieten, insofern ist die Entscheidung des Lübbe-Verlags, den Roman aufzuteilen, durchaus nachvollziehbar.
Die Autorin hat einen ungewöhnlichen und vielseitigen Werdegang aufzuweisen; die 1956 in Sussex geborene Mary Gentle arbeite unter anderem in Kinos, für Essen-auf-Rädern und begann erst 1981 mit ihren Studien (kombinierter Bachelor-Studiengang Politik/Englisch/Geographie) – zweifellos gekrönt mit ihren Master-Abschlüssen in Kriegsgeschichte und Geschichte des 17. Jahrhunderts im Jahr 1995. Ihren ersten Roman, „A Hawk in Silver“, schrieb sie schon im Alter von fünfzehn Jahren. Gentle’s Lebensgefährte ist passenderweise Lehrer mittelalterlicher Schwertkampftechniken.
Beste Voraussetzungen für einen Roman über diese Zeit, „Ash“ war ungewöhnlicherweise sogar der Grund für ihr Studium der Kriegsgeschichte, nicht umgekehrt. Mary Gentle hat jedoch weit mehr geschaffen als einen historischen oder Fantasy-Roman: Ash ist ein ungewöhnlicher Mix aus beidem, mit einer Prise Science-Fiction und schwerlich einem bestimmten Genre zuzuordnen – ein perfekter Kandidat für Lübbe’s „Bibliothek der Phantastischen Literatur“. Die Legende von Ash ist in Stil und Inhalt innovativ und nahezu einzigartig.
BAND 1: DER BLAUE LÖWE
Das düstere Mittelalter hatte seine Lichtgestalten: Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orleans, ist noch heute eine französische Nationalheldin.
Umso erfreulicher für Dr. Pierce Ratcliff, dass er einen alten Text über einen der seltenen weiblichen Condottiere (Anführer von Söldnerarmeen) entdeckt hat, der im späten 15. Jahrhundert nur unwesentliche Zeit nach der heiligen Johanna seine Schlachten schlug. Ash oder Esche ist jedoch keinesfalls eine Heilige oder Jungfrau: Schon im zarten Alter von acht Jahren ihrer Unschuld beraubt, schlug sie sich in einem Söldnerhaufen durch, bis sie mit Vierzehn selbst das Kommando über eine eigene Truppe übernahm. Dabei war ihr außerordentlich behilflich, dass sie wie Johanna eine „Stimme“ hört, wobei sich Ash’s Heiligenstimme allerdings auf sehr konkrete taktische Ratschläge im Kampf beschränkt. In Kombination mit ihren Führungsqualitäten ist Ash’s Truppe mit der Standarte eines azurblauen Löwen eine der begehrtesten Söldnereinheiten Europas.
Kaiser Friedrich sieht eine hervorragende Gelegenheit, sich die Dienste der nach Land statt Gold dürstenden Hauptfrau zu versichern: Er vermählt sie mit Fernando del Guiz, natürlich mit dem Hintergedanken, dass ihre Kompanie damit in seinen Besitz übergeht – Guiz ist ein Vasall des Kaisers, und damit auch dessen Ehefrau…
Ratcliff will ein Buch darüber veröffentlichen – doch während der Korrespondenz mit seiner Lektorin Anna Longman wird ihm erst das ganze Ausmaß seines Fundes bewusst: Erst hält er es für Dichtung und Übertreibung, als von einem westgotischen Reich in Karthago, einem „Leeren“ statt „Heiligen“ Stuhl in Rom, einer tagelangen Sonnenfinsternis über Deutschland und lebendigen Golems, Maschinen aus Stein, die Kurierdienste zwischen den karthagischen Truppenverbänden übernehmen, die Rede ist.
Spätestens nachdem er von einer karthagischen Invasion Westeuropas liest, zweifelt auch er: Mailand und Venedig wurden niedergebrannt, während westgotische Truppen unaufhaltsam auf ihr Endziel vormarschieren: Burgund, dem reichsten Herzogtum mit dem größten Ritterheer der Christenheit. Aber warum gerade Burgund? Was interessiert die Karthager so sehr in Burgund, dass sie die reichen Handelsstädte Venedig und Mailand ignorant niederbrennen? Reichtum und Macht scheiden aus – das ist kein gewöhnlicher Krieg, eher ein Kreuzzug, dessen Motivation nach wie vor schleierhaft ist.
Mit dichterischer Freiheit, Übertreibung und ungenauen Zeitangaben kann Ratcliff sich solche Diskrepanzen nicht mehr erklären, auch seine Lektorin Anna meint, so etwas kann man nicht veröffentlichen. Bis Dr. Napier-Grant, eine alte Bekannte von Ratcliff, in Tunesien etwas ausgräbt, das exakt seiner Beschreibung der karthagischen Golems entspricht – mehr noch, Abnutzungsspuren an den Metallgelenken und den steinernen Fußsohlen zeigen, dass diese Maschine sich bewegt haben muss.
Ratcliff bricht sofort nach Afrika auf und übersetzt so schnell er kann weiter seine lateinischen Quelltexte. In diesen ist von Ash’s Widerstand gegen die Heirat mit Fernando die Rede, den sie allerdings sehr attraktiv findet. Ihre Flitterwochen sind jedoch kurz – beide werden getrennt, als sie mitten in den Aufmarsch der Westgoten geraten. Der feige Fernando wird gefangengenommen und schwört seinen neuen Herren Treue, während Ash sich in das deutsche Reich zurückziehen kann, das seit Tagen unter einer an das ewige Zwielicht Karthagos erinnernden Dunkelheit leidet, die für Entsetzen unter der Bevölkerung sorgt. Sie nimmt Kontakt zu der „Faris“, dem kommandierenden General der Westgoten, auf, um eine „Condotta“ (Söldnerkontrakt) auszuhandeln. Die Gerüchte über die karthagische Heerführerin sind befremdend, angeblich hört sie die Stimme einer „machina rei militaris“ aus Karthago, die von ihren Soldaten als der „Steingolem“ bezeichnet wird. Das Aufeinandertreffen der beiden Frauen ist für beide ein Schock: Die Faris ist äußerlich eine vollkommene Kopie von Ash, sie könnte ihre Zwillingsschwester sein, und Ash beginnt zu ahnen, dass sie nicht die Stimme eines Heiligen, sondern die des Steingolems hört… und das wird für Ash zum Problem: Die Faris glaubt ihr nicht, dass sie eine Stimme hört – sie selbst ist das Ergebnis jahrhunderterlanger „Zucht“, eine Sklavin des Hauses Leofric, einem der mächtigsten karthagischen Emire, und nur sie sollte den Steingolem hören können.
Man will Ash in Karthago sehen, aber diese ist nicht gewillt – es kommt zum offenen Bruch und zum Gefecht, der azurblaue Löwe schlägt sich nach Burgund durch und erhält von John de Vere, dem Earl of Oxford, einen neuen Kontrakt. Doch anstatt Ash in England im Konflikt zwischen den Häusern Lancaster und York (Rosenkrieg!) einzusetzen, sieht er sich gezwungen, seine europäischen Besitzungen in Flandern, die dem bedrohten Burgund anhängig sind, zu verteidigen. Herzog Karl (der Kühne) von Burgund zögert nicht, Ash für die geplante Feldschlacht bei Auxonne aufzustellen – erst danach soll sie mit de Vere ihren Plan, Karthago anzugreifen und den Steingolem zu vernichten, durchführen.
Ein echter Knüller – aber zu Ratcliffs Entsetzen teilt ihm Anna mit, dass alle seine Quelltexte unter mittelalterlicher Dichtung eingeordnet sind, ähnlich dem Nibelungenlied – Ratcliff kann das nicht verstehen, vor wenigen Wochen waren sie noch unter realer Geschichte katalogisiert. Nur die Golemfunde in Tunesien stützen noch seine These über eine westgotische Siedlung auf dem Gebiet des alten Karthago…
Die Geschichte als phantastisch zu bezeichnen, wäre schmeichelhaft – absurd, schlicht und ergreifend falsch bringt es auf den Punkt. Karthago wurde schon vor knapp tausend Jahren vollständig zerstört, ebenso gab es zwar kurze Zeit ein Reich der Wandalen in Nordafrika, aber keine Westgoten unter einem König-Kalifen Theoderich, ebenso fehlen Hinweise auf Rom und bemerkenswerterweise existiert ein deutsches Reich, das sich weder heilig noch römisch noch reich nennt, auch der Papst glänzt mit Abwesenheit – man kann Dr. Ratcliffs Unglauben nachvollziehen.
Die Geschichte von Ash wird auf zwei Ebenen erzählt: E-Mail-Dialoge zwischen Dr. Ratcliff und seiner Lektorin Anna Longman sind meist Dispute über die in der Übersetzung von „Fraxinus me fecit“ („Esche/Ash hat mich gemacht“, ihre vermutliche Autobiographie) auftauchenden historischen Ungereimtheiten. Der Leser wird in diesen Dialogen auch auf neue Entwicklungen wie den Golem-Fund und die plötzlich anders klassifizierten Texte hingewiesen.
Die eigentliche Geschichte ist das jeweils anhängende Kapitel, das über die Erlebnisse von Ash berichtet. Interessanterweise nicht aus der Ich-Perspektive, obwohl es sich um eine Autobiographie handeln soll – ein kleiner Lapsus, andererseits liest sich meiner Meinung nach der historische Part so wesentlich besser. Da der Text das Mittelalter wie es war vermittelt, hat Mary Gentle einen gelungenen Kunstgriff angewendet: Begriffe und Zusammenhänge werden von Dr. Ratcliff sehr häufig als Fußnote kommentiert, was auch notwendig ist, denn wer kann schon von sich behaupten, einen Gesamtüberblick über das Europa des späten 15. Jahrhunderts zu besitzen? Die zahlreichen Kommentare Ratcliffs sind nicht nur informativ und lehrreich, sondern auch interessant. Sie vermitteln ein wenig den wissenschaftlichen Umgang mit literarischen Texten des Mittelalters.
Die Welt des Mittelalters wird ungeschminkt und humorvoll betrachtet: Lustige Zitate wie „Der Herr schickte uns Fleisch, und der Teufel einen englischen Koch“ sowie der derbe Humor der Söldner sorgen für Unterhaltung. Von Bewaffnung bis hin zu Sitten und Gebräuchen schöpft Mary Gentle aus ihrem großen Fundus des Wissens über diese Zeit. Einen gefallenen Ritter rammte man einen Panzerstecher durch die Lücken der Panzerung, oder einen Dolch durchs Visier in das Auge, einen hollywoodtypischen Ritter, der sich trotz Plattenharnisch von einem Schwertstreich sofort niederstrecken lässt, wird man hier nicht finden. In der Tat kann Mary Gentle für sich beanspruchen, Expertin auf diesem Gebiet zu sein – welch anderer Autor kann das schon in diesem Umfang von sich behaupten?
Da „Der Blaue Löwe“ nur das erste Viertel der Geschichte darstellt, kommt einiges leider zu kurz: Die Fülle an Daten und Handlungen sorgt dafür, dass die Nebencharaktere wie Ash’s Stellvertreter Robert Anselm, Kanonier Angelotti, ihr begabter Schützling Rickard, sowie ihr Kompaniepriester Godfrey oder ihre lesbische Ärztin Floria(n), die zudem auch noch mit ihrem feigen Möchtegern-Ehemann Fernando verwandt ist und mit ihren „Coming Out“ in einer von Intoleranz geprägten Welt erhebliche Probleme hat, einfach zu kurz kommen. Ash selbst wird sich erst im Folgeband profilieren können, dafür fällt unangenehm auf, wie oft sie zu insbesondere zwei Kraftausdrücken greift: Egal ob Stimmungs-, Situations- oder Zustandsbeschreibung, ein dutzendmal „Scheiße“, „ficken“ oder „gefickte Scheiße“ oder als Ausdruck höchster Wut „Scheiße, Scheiße, Scheiße“ sind für ihr lästerliches Mundwerk Standardrepertoire. Zum Glück legt sich das in den Folgebänden auf ein erträgliches Maß, ich empfand es im „Blauen Löwen“ übertrieben, unnötig und störend.
Die Übersetzung von Rainer Schumacher ist tadellos gelungen, die Gestaltung ist im gehobenen Stil der Bände von Lübbe’s Bibliothek der Phantastischen Literatur. Alle vier Bände haben inhaltlich perfekt passende Titelbilder, die zudem noch sehr schön anzusehen sind. Einzig bei Ash’s Abbildung auf Band 1 hat sich der Künstler Arndt Drechsler eine kleine Freiheit herausgenommen und ihr silberfarbenes Haar in der Farbe ihres Wappentieres, dem azurblauen Löwen, gehalten. Ebenso gelungen ist die Entscheidung, den Einband in einem dazu passenden marmorierten dunklen Blau zu halten – Band 3 „Der steinere Golem“ hat treffenderweise einen steingrauen Einband. Bis auf wenige kleinere Fehler und ein völlig verdrehtes und entstelltes lateinisches Zitat sind Übersetzung und Lektorat von hoher Qualität und nur zu loben.
Die Geschichte ist komplex und durchaus anspruchsvoll, trotzdem für nahezu jedermann geeignet, dank der häufig eingestreuten Kommentare Ratcliffs. Der Beginn ist jedoch relativ holprig und verwirrend, bis man wirklich mit der fantastischen Handlung vertraut ist und diese sich entwickelt. Denn so richtig los geht es trotz aller Schlachten, Belagerungen und Ashs kurioser Hochzeit erst im Folgeband „DER AUFSTIEG KARTHAGOS“. Neben Erkenntnissen über den Schöpfer der Golems, den Rabbi von Prag, und dem heiligen Gundobad wird man mehr über das Zwielicht über Karthago, das sich über Europa ausbreitet, und über die Ziele des karthagischen Kreuzzuges erfahren, ebenso über die Frage, warum „Burgundia est delenda!“ („Burgund muss zerstört werden!“ in Anlehnung an den berühmten Satz des Römers Cato „Im Übrigen bin ich der Meinung, Karthago müsse zerstört werden!“) für den Steingolem in Karthago von so großer Bedeutung ist – und wie es mit der Glaubwürdigkeit von Dr. Ratcliffs Entdeckungen weitergehen wird.
„Der Blaue Löwe“ macht Lust auf mehr – wer ein Faible für das Mittelalter und nichts gegen den ungewöhnlichen Genremix einzuwenden hat, wird mit einem wirklich herausragenden Romanzyklus belohnt. Wer seine Bücher bevorzugt im englischen Original liest, kann übrigens sehr viel sparen: Einmal 16,63 EUR anstelle von viermal 14,90 EUR für die deutschen Bände.
DIE LEGENDE VON ASH
Band 1: DER BLAUE LÖWE (ISBN 3404283384)
Band 2: Der Aufstieg Karthagos (ISBN 3404283406)
Band 3: Der steinerne Golem (ISBN 3404283430)
Band 4: Der Untergang Burgunds (ISBN 3404283457)
Das englische Original:
Ash – A Secret History (ISBN 1857987446)
Ein Interview mit Mary Gentle:
http://www.sfsite.com/10b/mg91.htm
Ihre (Mai 2004) noch nicht vollendete Homepage:
http://www.marygentle.org/
Sylvian Hamilton – Der Knochenhändler

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Autorenkollektiv – AHA April/Mai 2004
Seit nunmehr sechzehn Jahren erscheint das Magazin _AHA_ im deutschsprachigen Raum, das ich seit einiger Zeit zu meinen Schmökerfavoriten zähle und euch mit der Ausgabe April/Mai 2004 aus zwei besonderen Gründen gerade jetzt vorstellen möchte: Zum einen halte ich eine der in vielerlei Hinsicht besten Ausgaben der letzten Zeit in Händen, und zum anderen war im April der hundertste Jahrestag der Niederschrift des „Liber AL vel Legis“ durch [Aleister Crowley]http://de.wikipedia.org/wiki/Aleister__Crowley.
Warum ist das für die AHA bedeutsam? Dies ist ein Magazin rund um Themen der Spiritualität, Philosophie, Magie/Magick sowie Kunst und versteht sich als ein Wegbereiter des Neuen Aeons/Zeitalters, in esoterischen Kreisen auch „Zeitalter des Horus“ oder „Wassermann-Zeitalter“ genannt. Da die Macher vom Tiphareth-Verlag diesen Weg in thelemitischer Tradition beschreiten und für diese wiederum das „Liber AL vel Legis“ von zentraler Bedeutung ist, wird klar, dass das hundertjährige Jubiläum auch für die AHA einen besonderes Zeitpunkt markiert. Im Gegensatz zum ähnlich ausgerichten Magazin „Der Golem“, das sich ebenfalls als Publikation für [Magick,]http://de.wikipedia.org/wiki/Magie Gnosis und Metaphysik versteht, kreisen die Artikel dieser Ausgabe allerdings nicht um dieses Ereignis, um das „Liber AL“ oder Crowley, sind dafür aber thematisch wie stets sehr breit gefächert und von besonderer Güte. (Interessierten sei die erwähnte aktuelle Ausgabe des „Golem“, mit einigen sehr kritischen Betrachtungen, übrigens wärmstens empfohlen: http://www.golem-net.de/ )
In der AHA geht es also um Magick, gnostische Erkenntnisprozesse und Metaphysisches, um Thelema natürlich, aber auch um Kunst und Psychologie, um Systemtheorien, Neurolinguistische Programmierung (NLP), Konstruktivismus, Rhizome, Kabbalah oder diverse philosophische sowie zeitkritische Betrachtungen. Die Auswahl ist breit genug gefächert, um in jeder Ausgabe für jeden Leser so manchen Volltreffer bereit zu halten. Die AHA versteht sich dabei als offenes Forum, in dem die unterschiedlichsten Autoren zu Worte kommen können (auch mit kontroversen Beiträgen und Kritik) und das umfassend informieren und diskutiert werden möchte. Unter den hier regelmäßiger publizierenden Autoren findet man den Philosophen und „Versucher“ Michael D. Eschner, den Allround-Künstler Voenix (siehe dazu unsere Rezensionen zu [„Dantes Inferno“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=134 und „Tolkiens Wurzeln“), den Verleger W. H. Müller, den Geisterbarden Dominik Irtenkauf, den Weltenbummler Claas vom Mars (immer noch mein Lieblingsname in der Liste), den psychopolitischen Aktivisten und Buchmarktkenner Berthold Röth (der als Gastautor auch in unserer Bücherecke einige Rezensionen beisteuerte), den Magicker Stephen Mace, den Verleger Georg Dehn, Tula von Irminsul, und und und… Außerdem werden die Hefte mit allerlei Gastbeiträgen, die nicht selten zu überraschen wissen, bereichert.
Das Magazin hat inzwischen einiges zugelegt, was die Güte der Gestaltung (die letzten Coverbilder sind schlichtweg Zucker für die Netzhaut und die Bebilderung der vorliegenden Ausgabe ist phantastisch im doppelten Wortsinne), des Layouts sowie die textliche Zusammenstellung anbelangt. Und der inhaltlichen Güte von Ausgabe 02/2004 will ich mich nunmehr im Einzelnen zuwenden, die vermutlich besser als alle allgemeinen Ausführungen, die vorangingen, darstellen kann, was so zwischen Cover und Rückblatt in der AHA vor sich geht…
_Aufstieg zur Heilehütte_
…von Tula von Irminsul ist abseits des recht kuschlig-esoterisch anmutenden Titels ein herausragender, tiefsinniger und gleichsam wissenschaftlich, spirituell wie künstlerisch geprägter Essay von geradezu ausufernder Ausführlichkeit (20 Magazinseiten mit übrigens fabelhafter Illustrierung). Tula beschreibt hier anhand einer praktischen Erfahrung – die bereits für sich faszinierend genug geschildert wird, aber auch mit vielfältigen theoretischen Überlegungen angereichert ist – ein Fernclearing in schamanischer Tradition, verbunden mit modernerer Magietheorie und Metaphysik. Muss man schlicht gelesen haben.
_Die Passion eines Films_
Der Theologe und einstige katholische Priester spectator (dessen Vorträge man sich übrigens dringend mal geben sollte, das war das erste Mal, dass mich ein katholischer Priester nicht zum Lachen oder Einschlafen brachte) kratzt sich verwundert am Kopf ob des neuen Gibson-Filmes über die Passion Christi.
_Blick auf ein neues Europa_
Berthold Röth gibt einen historischen Überblick und betrachtet die Eingliederung der neuen Ostländer in die EU skeptisch. Dabei orientiert er sich an Hannes Hofbauers Buch „Osterweiterung. Vom Drang nach Osten zur peripheren EU-Integration“. Ein ganz wesentliches Thema, zu dem man sich ernsthaft Gedanken machen sollte. Als ergänzenden Artikelfundus kann ich dazu übrigens die Onlinepublikation [German Foreign Policy]http://www.german-foreign-policy.com empfehlen.
_Paranoisches Denken_
Frater Poincare 9°=2° setzt seinen Artikel über „Paradoxes Denken“ fort, in dem es um Denkmuster und -prozesse geht. Verwirrend und erhellend. Wen das verwirrt – lesen! Vielleicht lieber gleich zwei Mal.
_Pazuzu und Lamaschtu_
A. Hellmuth und Soror Hel widmen sich eingehend den Dämonenvorstellungen im alten Orient babylonischer Zeit. Wer sich für Kulturgeschichte und Ärchäologie interessiert, wird in diesem sehr gründlich recherchierten, mit Bild- und Quellmaterial bestückten Artikel fündig werden.
_Magie – Der Pfad der inneren Transformation_
Dr. Paul A. Clark von der Fraternitas L.V.X. Occulta versucht eine definitorische Standortbestimmung des Suchenden auf dem Pfade der Magie/Magick. Sehr empfehlenswerter Einstiegsartikel.
_Das Schweigen der Lämmer_
oder auch: Hannibal Lecter – das Raubtier im Menschenpark. Die Nomaden der Thelema Society haben das cineastische Meisterwerk ausführlich analytisch und psychologisch seziert und geschaut, was der Film über unser Menschsein, über Einsamkeit und Kommunikation aussagt. Sehr ungewöhnlich, lehrreich und bedenkens-wert.
_Sprachmagie VI: Stille Finsternis_
Die Fortsetzung einer – tja, Geschichte? Erzählung? Informationsreihe? von Dominik Irtenkauf.
_The Time and Space Society proudly presents: Die Botschaft vom anderen Stern_
„Eine erleuchtende Beleuchtung des Siegels vom silbernen Stern“
Fürst Claas vom Mars lässt sich detailliert und nicht gerade simpel nachvollziehbar über einige Ungewöhnlichkeiten im Tarot und speziell der crowleyschen Variante aus. Etwas für eingefleischte Kabbalisten.
_Thelema und Hexentum_
„Denkanstöße für die Leser vom Steinkreis und der AHA“
Heinz Bama übt ein assoziativ-sprunghaftes Brainstorming zum obigen Thema, das von einem erfrischend naiv wirkenden Charme lebt und trotz der spielerischen Herangehensweise zum Nachdenken anzuregen weiß.
_Interview mit W.H. Müller_
Knut Gierdahl und Dominik Irtenkauf entlocken dem Autoren und Verleger allerhand tiefgründige Überlegungen und Ansichten zu Alchimie, Hermetik, Magie und Weltsicht. Faszinierend und von einigem Anspruch getragen. Den zweiten Teil des ausführlichen Gespräches gibt es in der nachfolgenden AHA.
_Neues vom Buchmarkt_
Berthold Röth hat wie stets ein sorgsam kritisches Auge auf die Buchmarktentwicklungen geworfen und berichtet von Veröffentlichungen, Verlagen und Veranstaltungen.
_Olds & News_
Schlaglichter zum Zeitgeschehen, diesmal etwas kürzer geraten als sonst und auch die Leserbriefsparte musste diesmal aus Platzgründen entfallen.
_Rezensionen_
Eine Vielzahl von Buch- und CD-Kritiken.
Bei Interesse könnt ihr euch an dieser Stelle über das Magazin informieren:
http://www.aha-zeitschrift.de
Kontaktmöglichkeit:
Tiphareth Verlag
Redaktion AHA
Breite Str. 65
29468 Bergen
Fon: (05845) 988 957
Fax: (05845) 988 956
E-Mail: redaktion@aha-zeitschrift.de
[Bestellmöglichkeit]http://www.aha-zeitschrift.de/index.php?bestellen
Neal Asher – Skinner – Der blaue Tod
In der Zukunft – auf dem Wasserplaneten Spatterjay: Das Leben ist hart, teuer und gefährlich. Die Bewohner verdienen ihr Geld mit dem Fang merkwürdiger Meeresbewohner, die alle sehr tödlich sind. Die Fauna hat sich vollständig dem Lebenszyklus angepasst – und so kann man gefressen werden und trotzdem überleben. Das hat auch Auswirkungen auf die Menschen, die hier leben. Sie sind unsterblich, flicken sich bei schweren Verletzungen einfach zusammen und müssen massiv verletzt werden, um überhaupt ausgeschaltet zu werden. Der Preis: Der Körper eines Unsterblichen mutiert, falls man nicht höllisch aufpasst.
Dieser merkwürdige Planet ist Ziel dreier Personen. Janer, Erlin und Keech. Obwohl sie alle verschiedene Motivationen vorantreiben, haben sie ein gemeinsames Ziel: den Skinner. Ehemals Sklaventreiber, Mörder und an einem Stück. Scheinbar war er tot, doch nun ist er wohl zurück – oder nicht?
Anlässlich von Filmen wie „Fluch der Karibik“ und „Master and Commander“ erfreuen sich Piratenstücke derzeit großer Beliebtheit. Wie passend, dass es sich bei „Skinner – Der blaue Tod“ um ein Piratenstück handelt. Zwar ist es in der Zukunft und auf einem fremden Planeten angesiedelt, aber dennoch spannend zu lesen und voller Überraschungen.
Moderne Technologie ist für Spatterjay kaum erschwinglich und so fahren hölzerne Kutter über das Meer. An Bord die unsterblichen Einheimischen, ausgestattet mit einem großen Waffenarsenal. Damit erwehren sie sich der bedrohlichen Tierwelt. Fortwährend gibt es kleine Einschübe des Autoren, die sich mit genau dieser Tierwelt beschäftigen und den Kreislauf des „Fressen und Gefressen werden“ behandeln. Recht anschaulich und faszinierend geschrieben. Neal Asher zeigt hier sein kreatives Talent und entwickelt eine einzigartige Umgebung für seine Geschichte.
In dieser Umgebung agieren dann künstliche Intelligenzen, semiintelligente Segel, Drohnen, Schnecken, die sich Menschen als Nahrungsmittel halten, ein seit siebenhundert Jahren toter Keech und andere Wesen.
Das Protagonisten-Trio ist Asher besonders gut gelungen. Am normalsten erscheint vielleicht Erlin. Die jugendliche Wissenschaftlerin hat bereits einige Jahrhunderte auf dem Buckel und entpuppt sich als knallharter Brocken. Auch Janer erscheint Anfangs normal, allerdings gehörte er zu einem Schwarmbewusstsein. Die Hornissen stellten sich im Laufe der Geschichte als intelligent heraus und wurden ziemlich mächtig. Durch Janer versuchen sie ihre Macht nun zu stärken. Am auffälligsten scheint jedoch Keech. Er ist seit Jahrhunderten ein wandelnder Leichnam, wird durch Elektronik eines Kults am Leben gehalten und von Rachegelüsten geleitet. Damit ergibt sich eine Sammlung verschiedener Charaktere, die alle gut zusammenpassen und miteinander harmonieren.
Unterm Strich
Das Charakterspiel der Hauptcharaktere, ihre Entwicklung und ihre Motivation, reizen den Leser, zwingen ihn zum Weiterlesen. Man wird vom Schicksal der Personen berührt, nimmt Anteil an ihrem Leben. Neal Ashers Roman ist im sozialen Bereich erstklassig geschrieben und auch die Übersetzung von Thomas Schichtel steht dem in nichts nach.
„Skinner – Der blaue Tod“ ist ein spannender Roman, flüssig zu lesen und gut aufgebaut. Zwar wechseln häufig Schauplätze, Personen und auch mal die Zeit, aber man behält stets den Überblick. Eine gelungene Piratengeschichte, tolles Seemansgarn und faszinierende Science-Fiction.
_Günther Lietz_ © 2004
Lecouteux, Claude – Geschichte der Vampire, Die
Vampire sind vielseitig. Das ist an sich noch keine neue Erkenntnis. Man kann sie in der Literatur finden und auch im Film. Mit ein wenig genauem Hinschauen kann man ihnen auch im wahren Leben begegnen – als real vampyres. Doch das hier zu besprechende Buch widmet sich keinem dieser Themenbereiche, sondern packt das vampirische Übel an der Wurzel. Der Franzose Claude Lecouteux befasst sich in seinem Buch „Die Geschichte der Vampire – Metamorphose eines Mythos“ mit der Kulturgeschichte des Vampirs und versucht zu erhellen, welche Mythen an der Entstehung des Vampirs beteiligt waren und welche Ausprägungen des Vampirmythos man wo findet. Dabei beschränkt er sich, wie andere Studien vor ihm auch, hauptsächlich auf das Europa von circa 1700 bis 1900. Das heißt keineswegs, dass man nur hier und zu dieser Zeit Vampirmythen finden kann, doch sind die Entwicklungen in diesem Zeitraum entscheidend für die Entstehung des Vampirs, wie wir ihn heute kennen: Als einen wiedergekehrten Toten, der sein Grab verlässt, um das Blut der Lebenden zu trinken.
Dabei startet Lecouteux eher überraschend in seine Analyse, nämlich mit einer kurzen Einführung in die Gründerväter des literarischen Vampirs (er wählt hier exemplarisch Polidori, Le Fanu, Stoker und Tolstoi) und die Weiterverbreitung des Mythos durch Enzyklopädien. Erst mit dem zweiten Kapitel widmet er sich der Kulturgeschichte und fängt hier an, den Vampirmythos Europas weiträumig zu umkreisen. Als Einstieg beschäftigt er sich mit der Wahrnehmung des Todes ab dem 18. Jahrhundert. Hier unterscheidet er klar zwischen einem „guten“ und einem „schlechten“ Tod, um zu illustrieren, dass Sterben keine einfache Angelegenheit war. Beim und nach dem Tode konnte einiges schiefgehen, was dazu führte, dass der Tote keine Ruhe fand und dadurch eventuell als Vampir wiederkehrte. Hatte der Tote kein vorbildliches Leben geführt (handelte es sich beispielsweise um eine Hexe, einen Exkommunizierten, einen Mörder etc.) gehörte er zur Gefahrengruppe, sprang ein Tier über die Leiche oder ließen sich die Augen des Toten nicht schließen, so galt dies als schlechtes Omen. Folglich umgaben Tod und Begräbnis zahlreiche strenge Rituale, die es einzuhalten galt, wollte man Wiedergängertum verhindern.
Doch ein Wiedergänger ist nicht unbedingt mit einem Vampir gleichzusetzen, stellt Lecouteux in einem folgenden Kapitel fest. Der Volksglauben war in ständigem Wandel begriffen und zusätzlich auch immer lokal geprägt. Das führt dazu, dass verschiedene Mythen einander beeinflussen oder gar zusammenfließen. So lief eine Hexe immer Gefahr zum Vampir zu werden. Und die in Dalmatien für den Vampir gebräuchliche Bezeichnung „vukodlak“ bildet sich aus dem Wortstamm für Wolf – eine eindeutige Verbindung zum Werwolf. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, versucht Lecouteux daher, verschiedene wiederkehrende Tote zu identifizieren: So den Rufer (jemand, der wiederkehrt und von draußen nach seinen Angehörigen ruft), den Aufhocker (ein Toter, der sich einem Schlafenden auf den Brustkorb setzt und ihm die Lebenskraft raubt) oder den Nachzehrer (ein Toter, der im Grab sein Totenhemd isst). Auch hier sind Überschneidungn zwischen verschiedenen Mythen unvermeidlich. Im Folgenden werden dann einige Bezeichnungen für den Vampir angeführt und erklärt, so der griechische broukolakos, die rumänischen strigoi oder walachische murony. Da die jeweiligen Bezeichnungen unterschiedlichen Nationen zuzuordnen sind, erwachsen auch hier wieder Unterschiede im eigentlich Vampirmythos: Wer wird zum Vampir und wie kann man ihn vernichten? Diese Dinge variieren von Land zu Land. Lecouteux geht daher sehr ausführlich darauf ein, wer nach dem Tode als Vampir wiederkehrt und wie selbiger vernichtet wurde. Erst 1755 verbot beispielsweise Maria Theresia die Hinrichtung von Verstorbenen, was darauf schließen lässt, dass das Exhumieren und Pfählen bzw. Köpfen bei Verdacht auf Vampirismus eine gängige Praxis war. Dies lässt sich auch durch archäologische Funde stützen, bei denen man immer wieder Leichen findet, die förmlich am Sarg festgenagelt wurden oder deren Kopf zwischen den Beinen niedergelegt wurde, damit der Vampir ihn nicht finde.
Erst im letzten Kapitel beleuchtet Lecouteux etwas genauer verschiedene Erklärungsversuche für das Phänomen des Vampirismus. Warum gab es ab 1700 eine derartige Blüte des Glaubens an Vampire? Ganze Scharen von Wissenschaftlern setzten sich zu damaliger Zeit (vollkommen ernsthaft) mit dem Phänomen auseinander und versuchten, bluttrinkende Tote logisch zu erklären. Erklärungen, die sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen, finden sich ebenfalls hier wieder: So die Seuchentheorie, die erklären könnte, warum ganze Dörfer Vampiren zum Opfer fielen. Hierbei nimmt man an, dass der vermeintliche Vampir tatsächlich ein Cholera-, Tollwut- oder Typhusopfer war und dass das Ausgraben der Leiche die Seuche daher nicht eindämmte, sondern im Gegenteil noch verschlimmerte.
Claude Lecouteux hat ein umfassendes Buch geschrieben für all jene, die sich für die historischen Facetten des Vampirs interessieren. Er liefert zahlreiche Quellen und historische Berichte und beleuchtet den Volksglauben in Europa durchaus tief, sodass man sich nach der Lektüre exzellent informiert fühlt. Dennoch muss angefügt werden, dass Lecouteux keineswegs Pionierarbeit leistet. Wer sich ein wenig mit dem Vampirmythos beschäftigt hat, wird vieles schon kennen, was in „Die Geschichte der Vampire“ besprochen wird. Schon 1926 hat Montague Summers mit „The Vampire in Lore and Legend“ ein Standardwerk geschrieben, das auch Lecouteux mit seinem siebzig Jahre später erschienenen Buch nicht überflügeln kann. Er liefert stattdessen eine abgespeckte und lesbarere Version des Buches von Summers und ist daher für Einsteiger besonders zu empfehlen.
Allerdings finden sich in „Die Geschichte der Vampire“ auch einige Fehler, die entweder Lecouteux selbst oder seinem deutschen Übersetzer unterlaufen sind. So basiert der Film „Interview mit einem Vampir“ natürlich nicht auf dem Roman „Der Fürst der Finsternis“ und die deutsche Abhandlung „Tractatus von dem Kauen und Schmatzen der Todten in den Gräbern“ wird in der Rückübersetzung aus dem Französischen ganz modern in „Die Kaubewegungen der Toten in ihren Gräbern“ umbenannt. Solche Kleinigkeiten schmälern die Zuverlässigkeit des Werkes, wenn sie auch den meisten Lesern in der Regel nicht auffallen werden.
Davon abgesehen, ist Lecouteuxs Rundumschlag durchaus für all jene zu empfehlen, die sich für die Wurzeln des europäischen Vampirs interessieren. Denn der Vampir war zu jener Zeit eine durchaus reale Erscheinung, deren Existenz zumindest auf dem Lande keineswegs angezweifelt wurde. Und die zahlreichen wissenschaftlichen Traktate aus jener Zeit zeigen, dass trotz Aufklärung auch die gebildeten Schichten nicht gefeit waren vor der Angst vor den Toten!
Engmann, Charlotte – Myranor – Den Göttern versprochen
„Myranor“ ist der neueste Ableger des Rollenspiele-Klassikers DAS SCHWARZE AUGE: ein weiterer Fantasy-Kontinent, in dem es vor Völkern, Abenteuern und Magie wimmelt, und Charlotte Engniann hat in ihrem Roman einerseits das Vergnügen, andererseits aber auch die nicht sonderlich beneidenswerte Aufgabe, die Grundlagen vorzustellen. Sehr viel Verantwortung also, die auf ihren Schultern lastete, eigentlich konnte es nur schief gehen, sollte man meinen.
Um es vorweg zu nehmen: Das Gegenteil ist der Fall!
Erzählt wird die Geschichte von Lycadia, deren Vergangenheit im Dunkeln liegt. Sie wächst bei Dha’veru, einer Heilzauberin auf, die ihre Ziehtochter in die Künste des Heilens einweist. Doch Lycadia hat eine ganz besondere Beziehung zur Magie: Sobald sie einen Patienten berührt, erkennt sie, wodurch er seine Verletzungen erlitten hat, sei es durch einen Schwertstreich bei einem verbotenen Gladiatorenkampf oder durch die Berührung eines Albschmeichlers, der niedlich aussieht, jedoch über ein hochwirksames Kontaktgift verfügt. Plötzlich erleidet Lycadia die Vision eines schrecklichen Wesens, das sie zutiefst erschüttert. Ein Wesen, das sich als Erijschu herausstellt, einst ein legendäres Tiefseewesen, heute nur noch ein Kinderschreck aus Märchen.
Regiert werden das Imperium und der Moloch Stadt von den Optimaten, einigen Familien, in denen die Magie besonders stark wirkt; sie zeichnen sich durch ihr drittes Auge auf der Stirn aus. Die Metropolitin aus einer der Familien herrscht mit religiös-diktatorischen Befugnissen.
Zusammen mit einigen Freunden und deren Freunden versucht Lycadia die Herkunft ihrer Vision zu ergründen und stellt dabei fest: Sie ist eng mit ihrer eigenen verknüpft. Zur Seite stehen ihr unter anderem Valorian, ein desertierter Myrmidone (Soldat), der einen Shingwa (Chamäleonid) aus den Händen seiner Truppe befreit hatte. Dann RaoRi, Lycadias katzenhafte Freundin vom Volk der Amaunir; sie ist Schamanin, Geistwesen können sich in ihr manifestierten. Rishuran hingegen ist Dha-verus dunkelhäutiger, väterlicher Freund und Leibwächter eines Optimatenhauses, sowie Shiniope, eine Kriegerin, und Groarhach, ein junger Löwe-Mensch-Hybrid vom Stamin der Leonir.
Mehr und mehr versinken Lycania und ihre Gefährten in einem Netz aus Lügen und Intrigen, und bei verlustreichen Ermittlungen stellt die junge Heilerin fest: Ihr Leben ist viel enger mit den Optimaten, Erijschu und nicht zuletzt auch einem verbotenen, archaischen Blutkult verknüpft, als sie anfangs annahm: Sie wurde nur geboren, um der Göttin des kalten Lichts, Madharya, geopfert zu werden, wurde als Baby jedoch in letzter Sekunde gerettet. Jetzt fordert Madharya ihr Recht…
Charlotte Engmanns Myranor-Debütroman besticht durch eine babylonisch zu nennende Völkervielfalt. Besonders Hybrid-Rassen aus Menschen und verschiedenen Tierarten herrschen vor, andererseits gibt es aber auch beispielsweise die vierarmigen, nachtaktiven Neristu und die Loualil, Meereswesen, die mit nichts zu vergleichen sind. Sehr farbenprächtig und facettenreich geschildert, dekoriert mit einigen amüsanten Details (z.B. werden kleine Hunde zwecks Nahrung gezüchtet, und es gibt – man höre und staune! – sogar eine Schwulen-Bar).
Dabei legt die Autorin einen ausgesprochen flüssigen Erzählstil zutage, der routiniert wirkt und sich dennoch extrem positiv von dem mancher Akkordschreiber unterscheidet. „Holperer“ beim Lesen habe ich beim besten Willen nicht finden können, was für sehr viel Sorgfalt spricht. Eine Investition, die sich gelohnt hat.
Einziger Kritikpunkt: Zu Beginn des Romans wirken die zahlreichen verschiedenen Völker und Protagonisten ein wenig verwirrend, man braucht einige Seiten, um sich einzulesen. Nicht jedem Volk wird der Platz zugestanden, den es eigentlich bräuchte, um Profil zu gewinnen. Doch dies ist entschuldbar und wohl eines der zwangsläufig auftretenden Probleme, wenn eine Welt „eingeführt“ wird, auf der spätere Romane basieren sollen. Dennoch: Diese Aufgabe wurde hervorragend gemeistert. Denn hat man sich erst eingelesen, springt der sogenannte „magische Funke“ mühelos über, sofort versinkt man in dem faszinierenden Ambiente. Und da die Handlung ausgesprochen spannend ist, möchte man das Buch am liebsten gar nicht aus der Hand legen.
Einige Rezensenten sollen behauptet haben, einen Schwarze-Auge-Roman könne im Prinzip ja jeder schreiben… Nun, bei einigen Werken der Reihe mag das möglicherweise zutreffen, nicht jedoch bei „Den Göttern versprochen“.
Ein mehr als empfehlenswerter Roman, nicht nur für eingefleischte Rollenspiel- und Fantasy-Fans!
_Markus Kastenholz_ © 2004
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Berg, A. Scott – Katharine Hepburn. Ein Jahrhundertleben
1983 war Katharine Hepburn längst eine lebende Legende: fünf Jahrzehnte Film und Theater, dazu ein Lebensstil, der seiner – oder besser: ihrer – Zeit weit voraus war. Mit unvergleichlicher Energie waren Karriere und Privatleben gemeistert worden, als ein schwerer Autounfall die scheinbar unverwüstliche „Kate of Arrogance“ zeitweise zum Kürzertreten zwang.
Die ungewohnte Ruhe führte zu einigen Umwälzungen im Hepburnschen Alltag. So gab sie der Langeweile nach und empfing gnädig einen jungen Mann, der einen biografischen Zeitschriftenartikel über sie verfassen wollte. A. Scott Berg war kein Journalist, sondern Buchautor mit gutem Ruf, als er sich der berühmten, als exzentrisch bekannten Schauspielerin vorsichtig näherte.
Siehe da: Die Chemie stimmte, aus Interviewpartnern wurden rasch echte Freunde. Zwei Jahrzehnte gehörte Berg nun zum Hepburn-Haushalt. Wie wenige andere Menschen lernte er diese ungewöhnliche Frau kennen, verfolgte ihren hartnäckigen Weg zurück ins Berufsleben, die späten Triumphe, aber auch den erst allmählichen und dann immer rascheren Verfall, der die bitteren letzten Jahre bis zum Tod Katharine Hepburns im Alter von 96 Jahren nicht ausspart.
A. Scott Berg hat auf Wunsch der Künstlerin stets Augen und Ohren offen und den Stift gespitzt gehalten. Wenn man ihm Glauben schenkt, hat Hepburn ihn als Gesprächspartner mit beinahe therapeutischer Bedeutung geschätzt, mit dem sie über ihr keineswegs einfaches Leben reden konnte. Dabei kamen viele Details zur Sprache, die sehr privat waren und folglich die Gier der Medien erregten. Primär war dies die ebenso legendäre wie komplexe Liebesgeschichte zwischen Hepburn und Spencer Tracy, über deren alltäglicher Realität noch Jahrzehnte später Unklarheit herrscht.
In ihrer Autobiografie drückte sich Hepburn 1988 um viele für sie unbequeme oder belastende Aspekte ihres Privatlebens. Laut Berg hat sie diese ihm mehr oder weniger in die Feder diktiert, damit er – allerdings erst nach ihrem Tod – auch diese Geheimnisse offenbare. Diesen Auftrag erfüllt er mit dem vorliegenden Buch, das Biografie und Erinnerung an eine wertvolle Freundschaft gleichzeitig ist.
Wobei sich formal gegen beides keine Einwände erheben lässt. Die Mischung ist reizvoll, denn sie durchbricht das oft dröge Muster biografischer Beschreibungen: Sie wurde geboren, sie lebte, sie starb. Berg durchsetzt die Lebensbeschreibung immer wieder mit Erinnerungen an die „alte Kate“, was ihm u. a. die Möglichkeit gibt, diese vielen vergangenen Ereignisse quasi persönlich zu kommentieren.
Dabei betont Berg, dass er sich hauptsächlich auf die Wiedergabe von Fakten beschränkt. Seine übliche Arbeitsweise als Biograf bedinge normalerweise eine intensivere Beschäftigung mit dem vorgefundenen Quellenmaterial. Vor allem analysiere er dieses, um zwischen den Zeilen verborgene Wahrheiten zu entdecken. Dies unterbleibe hier, was an der Nähe zum Objekt seiner Beschreibung – einer wirklich engen Freundin – liege, welche die dafür erforderliche Distanz unmöglich mache. (Ein wichtige Rolle mag zudem der Zeitfaktor gespielt haben – der frühe Vogel fängt den Wurm; eine Hepburn-Biografie, die Berg-typisch mehrere Jahre der Archiv- und Schreibarbeit in Anspruch genommen hätte, wäre wohl kaum mehr auf das Interesse einer breiten Öffentlichkeit gestoßen.)
Berg überspringt die allzu oft für Künstler- und besonders Schauspieler-Biografien übliche Grenze naiver Staranbetung. Er profitiert natürlich von der erwähnten Freundschaft. Dennoch kann zumindest der nüchtern interessierte Leser keine „Skandale“ offengelegt finden. Es stellt sich insgesamt die Frage, ob sich für ein nach Sensationen dürstendes Publikum die Lektüre lohnt. Trotz ihrer beneidensweiten Offenheit, die es Wert ist festgehalten zu werden, war Katharine Hepburn „nur“ ein Mensch. Insofern gibt es keine Schmutzwäsche ans Tageslicht zu zerren; was vor Jahrzehnten sicherlich für Aufsehen gesorgt hätte, lässt den privatfernsehgestählten Zeitgenossen der Jetztzeit nur noch müde abwinken.
So schreibt Berg die Hepburn-Geschichte nicht neu, sondern ergänzt sie höchstens um Details, korrigiert sie hier und da und entkleidet sie vor allem ihrer Legenden. Ob er dabei alle Klippen umschiffen konnten, weiß er selbst nicht recht; es ist in der Tat nicht einfach, nach dunklen Flecken auf der Weste eines Menschen zu fahnden, den man ehrlich schätzt.
Schwer fällt es zu entscheiden, wie tief die Freundschaft zwischen Hepburn und Berg denn nun wirklich gewesen ist. Zumindest in den ersten Jahren hat er lange Zeiträume unter ihrem Dach gewohnt und am Familienleben teilgenommen. Ob es dabei wirklich so US-amerikanisch-sentimental zugegangen ist, wie Berg es manchmal schildert, muss offen bleiben. Es ist auf der anderen Seite genug Offenheit in der Beschreibung der sehr alten Katharine Hepburn, die keine Ähnlichkeit mit der verehrten unabhängigen Persönlichkeit aufweist, sondern nur mehr eine kranke, senile, kaum mehr ansprechbare Frau ist. Auch große Künstler holt das Alter ein; was den meisten Biografen höchstens einige Zeilen Wert ist, beschreibt Berg in aller Ausführlichkeit. Dies liest sich oft traurig, ist aber kein Gazettenschwein-Wühlen im Medienschmutz, sondern eine ehrliche und auch notwendige Ergänzung. Schließlich ist Katharine Hepburn nach ihren letzten Filmen Mitte der 1990er Jahre nicht als unwürdige Greisin außer Dienst in ein Künstler-Nirvana verzogen, sondern hat noch bis 2003 gelebt.
Weil Berg über die Jahre notierte, was er bei oder mit seiner Freundin erlebte (diese wusste das übrigens und billigte es), ist sein Buch kein Schnellschuss, um den Hepburn-Fans das Geld aus der Tasche zu ziehen. Er kann auf echtes Material zurückgreifen, statt den bekannten Wust aus Fakten und Legenden noch einmal aufzukochen. Außerdem verfügt Berg über die Gabe zu schreiben. Knapp vierhundert Seiten lesen sich (auch in der Übersetzung) außerordentlich flüssig. Zeit- und Themensprünge lassen sich als Stilmittel erkennen, statt den unterbezahlten, von Terminen gehetzten Schreiberling zu verraten. In die Reihe von Scotts grundlegenden Biografien über den Herausgeber Max Perkins, den Filmmogul Sam Goldwyn oder die Fliegerlegende Charles Lindbergh reiht sich dieses Buch sicherlich nicht. Es ist eher eine Fingerübung, aber eine, die der Leser mit Freude und Gewinn zur Kenntnis nimmt.
A. Scott Berg wurde 1950 geboren, studierte an der Elite-Universität Princeton und beschloss bereits dort, sich seinen Lebensunterhalt als Biograf zu verdienen. Seine Abschlussarbeit über den Herausgeber Max Perkins baute er später zu seinem ersten Buch und Bucherfolg aus. Seither hat er drei weitere Werke veröffentlicht. Bergs nächstes Projekt – über US-Präsident Woodrov Wilson – besitzt wieder den für ihn üblichen Rahmen, er selbst hofft, es 2009 abschließen zu können …
Hohlbein, Wolfgang – u.a. – Vermächtnis der Feuervögel, Das
Einen Hohlbein kann man eigentlich (fast) immer lesen, ohne enttäuscht zu werden; und einige Bücher sind richtig spannend („Drachenfeuer“ oder „Spiegelzeit“ z.B.). Nicht dass wir besonders raffinierte oder gar innovative Genre-Stückchen vor uns hätten, aber der „deutsche Stephen King“ kann routiniert und flüssig schreiben, so wie halt King oder Koontz auch. Seine schlechtesten Bücher sind nicht schlechter als deren schlechteste Bücher, seine besten können manchmal gar (fast) mithalten und toppen die Durchschnittsware der Amerikaner, auch die gehobene. Wenn ich für diesen Band dennoch keinen Tipp ausspreche, so hat das drei Gründe, der erste ist bereits genannt: Routine, Handwerk, vom Hocker reißt nichts wirklich, vieles ist vorhersehbar. Der zweite und dritte haben zu tun mit der Verlagspolitik (kaum vorstellbar allerdings, dass Hohlbein keinen Einfluss darauf hat, er ist immerhin Hohlbein).
Hier wird nämlich – zweiter Grund – Irreführung betrieben. Das beginnt beim Untertitel „Fantasy-Stories“; davon enthält der Band eigentlich nur eine waschechte. Der Rest entstammt SF, Horror und dem, was man mitunter „Phantastik“ nennt (weil es weder Horror noch SF usw. ist). Ausschließlich auf Fantasy fixierte Leser (die gibt es!) dürften hier also weitgehend enttäuscht werden. Doch die Täuschung geht noch weiter; man ist gut beraten, sich vor Kauf das Inhaltsverzeichnis anzusehen: Drei der Geschichten, ein knappes Drittel des Textes, stammen gar nicht von Hohlbein, er hat nur die Vorworte geschrieben – und dann ist es vermessen zu titeln „Wohlgang Hohlbein und andere“, „Wolfgang Hohlbein und Dieter Winkler“ etc.
Dritter Grund: Piper recycelt kräftig. Ja, Hohlbein soll künftig stärker in den Verlag eingebunden werden – mindestens mit einer neuen Staffel ENWOR-Romane, die ab 2004 erscheinen wird. Und es ist nur verständlich, dass man möglichst viele Bücher eines unbestrittenen Erfolgsautors herausbringen will. Doch der potenzielle Käufer sollte seine WH-Sammlung durchsehen – falls diese Hohlbeins Fantasy-Selections der Jahre 1999 bis 2001 enthält (erschienen bei Weitbrecht Verlag in K. Thienemanns Verlag), dann besitzt er knapp 180 der 270 Seiten schon. Und von den restlichen 90 Seiten stammen nur 25 von Hohlbein. Anders gesagt: Der Band enthält nur eine (!) bisher nicht veröffentlichte Geschichte des Meisters … und diese, „Das Relief“, ist eine zugegeben schnell und sicher erzählte Horrorstory, aber nichts wirklich Neues. Harvard-Studenten suchen sich für einen Schabernack einen Friedhof aus, aber am Ende sind nicht die anvisierten Kommilitonen die Leidtragenden. Durchschnitt – lieber wieder einmal „Pickman’s Modell“ von Lovecraft lesen (dessen Grundidee hier variiert wird, doch auf nicht unbedingt überzeugende Art und Weise).
Alles Wesentliche zum Band wäre hiermit eigentlich gesagt; für Neugierigere folgt nun die Besprechung der Einzeltexte im Schnelldurchlauf:
„Das Vermächtnis der Feuervögel“, die Titel- und längste Geschichte, bringt einen Drehbuchautor, dessen Agenten und ihre beiden Freundinnen in das übliche alte, fast ruinierte Herrenhaus, dessen letzter Besitzer ein Vogelnarr war. Er vermachte die Immobilie denn auch seinen gefiederten Freunden, und man darf weder das Haus renovieren, noch die Vögel vertreiben, noch die Zimmer bewohnen, in denen sie nisten. Durchschaubar spätestens ab Seite 28, Ende inklusive. Horror Kingscher Machart, Dutzende Male gelesen.
„In Namen der Menschlichkeit“ gehört in die Rubrik „SF“, Unterabteilung „Alternative Geschichte“, Regal „häufig gebrauchte Grundideen“: Das Römische Imperium ist 1500 n. Chr. eine Weltmacht, die im Kampf mit dem Toltekenreich liegt – weltkriegsartige Zustände, Millionen Tote usw. Die Römer schicken eine Zeitkapsel mit 4 Mann und 2 Bomben in die Vergangenheit, um das Problem zu lösen, bevor es entsteht. Die Tolteken torpedieren das Unternehmen (im wahrsten Wortsinn); die Legionäre stranden irgendwo, irgendwann. Auf der ersten Seite fällt der Familienname der Hauptfigur: Cyrene, was beim leidlich bibelfesten Leser einen Verdacht weckt; drei Seiten später verdichtet der volle Name Simon Cyrene diesen zur Gewissheit (na? wer hat die passende Bibelstelle parat oder wenigstens die entsprechende Szene aus „Leben des Brian“??). Zum Glück gibt es immer weniger bibelfeste Leser, der immer größere Rest wird daher etwas später (vielleicht) überrascht. – Nee, ich muss hier mal die Katze aus dem Sack lassen: Natürlich ist der Ort der Handlung Jerusalem, die Zeit kurz vor dem Passahfest 33 n. Chr., und gewiss haben wir hier wieder einmal eine Jesus-Geschichte zu lesen. Originell daran sind Hohlbeins Entwurf der Ideologie des Römischen Imperiums – die Symbole Christi: Schwert und Lasergewehr -, die Idee der Gegner – Tolteken unter dem Banner Quetzalcoatls – und sein alternativer Geschichtsverlauf: Das Volk widersetzt sich der Kreuzigung, rebelliert, metzelt Römer, das Imperium wandelt sich, die Apostel werden Kaiser und Könige … Klar kommt es am Ende zu unserer Geschichte, doch wie, ist wieder schwach: Cyrene überlegt sich, wie viele Kriege im Namen Christi geführt werden und wie viele Menschen sterben – und gibt Judas Ischarioth dreißig Silberlinge. Eine fragwürdige Entscheidung, denn Cyrene macht einen ganz intelligenten Eindruck und müsste sich auch fragen, ob es ohne den Namen Christi wirklich weniger Kriege und weniger Tote wären. Ich behaupte mal: Nein. Wir hätten auch ohne die Religion einen Grund gefunden, das fortschrittliche Arabien zu überfallen oder die Indianer niederzumetzeln. Außerdem: Warum sollten die Leute nicht auch gegen die Kreuzigung rebellieren? – Schade, aus der Geschichte hätte sich mehr machen lassen; so jedoch weckt sie die meisten Erwartungen und enttäuscht daher am meisten.
„Das zweite Gesicht“ ist SF, verbunden mit Horror-Elementen, soll vor dem Missbrauch der Medizin warnen und die Frage stellen, ob wir alles dürfen, was wir können. Aber abgesehen davon, dass die Geschichte am Ende eigentümlich unentschieden bleibt, was diese Frage betrifft – sie geht auch unentschieden aus, ist in Teilen vorhersehbar und hat kein überzeugendes Ende.
„Im Schatten der Sonne“ wurde im Internet als Fortsetzungsgeschichte von 14 AutorInnen geschrieben. Macht pro Frau/Mann gut 1 Seite. Das merkt man. Nicht einmal C. L. Moore, Abraham Merritt, Robert E. Howard, Frank Belknap Long und Howard Phillips Lovecraft bekamen 1935 unter dem Titel „The Challenge from Beyond“ eine mehr als nur durchschnittliche Story zusammen (wobei Howards Schluss mit seiner ironischen Howard-Parodie wenigstens ein echter Brüller ist). Doch dieser 14-Mensch-Eintopf hier bleibt fade, verdorben im Sinne des Sprichworts von den vielen Köchen und enthält alles Mögliche, nur nix Nahrhaftes.
„Malicia“ aus der Feder Dieter Winklers, die allererste und bisher nicht veröffentlichte ENWOR-Geschichte, ist dann endlich einmal richtige Fantasy, gewürzt mit Horror-Elementen. Sie kann Howards „Conan“-Geschichten durchaus das Wasser reichen. In den Augen mancher Leser mag das freilich kein Kompliment sein, doch ich habe eine leise Schwäche für den Cymmerier, sofern er von Howard selbst zum Leben erweckt wird, bekenne mich fröhlich dazu und zu dieser Geschichte und empfehle den Puristen, es doch besser zu machen, wenn es so einfach ist, „Trivialliteratur“ zu schreiben. Eine akzeptable, spannende Story, die beste des Bandes – nur eben nicht von Hohlbein.
Esmee Weisleders „Engel laufen nicht!“ beschließt das Buch und ist laut WH die Siegergeschichte eines Schreibwettbewerbs des Hohlbein-Internet-Fanclubs. „Die Anzahl der Storys … war überwältigend, und die Qualität übertraf meine kühnsten Erwartungen (in jeder Hinsicht)“ schreibt der Meister doppelbödig. Je nun. Die Geschichte ist nicht schlecht, dennoch: Wenn sie die beste war, überbietet die Qualität der anderen die Erwartungen nur in einer Hinsicht, nach unten nämlich. Immerhin: konsequent komponiert, straff erzählt, die Hauptfigur lebendig gezeichnet, der Schluss in seinen Grundzügen erahnbar, aber gut ausgestaltet – eine Story auf besserem Fanzine-Niveau. Nicht mehr, nicht weniger.
Fazit dieser langen Rezension? Ein Buch mit wenigen Höhen und etlichen Tiefen, das mehr verspricht, als es hält; für Hohlbein- und/oder ENWOR-Freaks ein Muss, für alle anderen Leser eher fraglich. Nicht allzu enttäuschend freilich, aber das nimmt nicht Wunder – man erwartete ja auch nicht allzu viel …
© 2004 by _Peter Schünemann_
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Bionda, Alisha (Hg.) / Borlik, Michael (Hg.) – Wellensang
Mit der Anthologie „Wellensang“ haben Alisha Bionda und Michael Borlik eine Sammlung von Kurzgeschichten zusammengetragen, die „nicht im Einheitsbrei der Masse untergehen sollte“.
Die Anthologie umfasst achtzehn Geschichten mit einem breit gefächerten Spektrum in der Thematik, es reicht von alten Kulturen über Märchen und Futuristisches bis zu typischen Fantasy-Motiven wie Zwergen und Drachen.
So erzählt „Das Lied der Krähe“ von einer geraubten und zur Ehe gezwungenen keltischen Fürstentochter, die grausame Rache an ihrem Entführer nimmt, die „Welt zwischen den Zeilen“ von einem Mädchen, das einen Weg aus seiner kalten und technisierten Welt sucht, „Wenn die Eiswölfe singen“ vom Kampf einer unvollständig ausgebildeten Hexe gegen die Eroberer ihrer Heimat, und „Dämonenbrut“ von einem Drachen, dessen Brut sich vom Angstschweiß der Menschen ernährt.
Einige Geschichten verknüpfen unsere alltägliche Welt mit einer Fantasiewelt, wie zum Beispiel „Mohnblumenkönigin“, andere spielen ganz in unserer, wie „Haus ohne Schlüssel“, oder ganz in einer Fantasy-Welt, wie „Heimkehr nach Kalipay“. Manche lassen uns schmunzeln, wie „La Belle et la Bête“, oder gruseln, wie „Zwischen 9 und 9“.
Zu den Schmunzel-Geschichten gehört „Die Tränen des blauen Gottes“. Zwei Gauner versuchen den Coup ihres Lebens: Sie wollen den Tempel des blauen Gottes berauben. Gläubige bringen dem Gott kostbare Opfer dar, Gold und Silberschmuck, mit Perlen und Juwelen verziert, um dafür mit seinen Tränen beschenkt zu werden, faustgroßen blauen Edelsteinen. Der kleinere der beiden Gauner hat ausgekundschaftet, dass diese Edelsteine keine echten Tränen sind, sondern von den Priestern durch die löchrigen Augenhöhlen der Götterstatue hindurchgereicht werden. Tatsächlich gelingt es den beiden, sich Edelsteine aus dem Tempel zu beschaffen….
Die Geschichte ist leicht und amüsant erzählt, trotz der Erzählkürze sind die beiden Gauner gut getroffen, auch wenn das Duo „klein und schlau“ gemeinsam mit „groß und eher langsam“ nicht ganz neu ist. Leider geht die eigentliche Ironie der Erzählung etwas verloren, weil das Ende zu früh absehbar ist, deshalb gehört diese Geschichte auch nicht zu den besten des Buches.
„Zolineks Geschichte“ ist eigentlich Erikas Geschichte, aber Zolinek ist derjenige, der sie erzählt. Zolinek ist ein Zwerg, der mit seiner Frau, einer Koboldin, als Kräuterverkäufer durchs Land zieht. Die beiden fanden Erika im Wald und päppelten das arme Wesen wieder auf. Erika fängt an, ihnen zu vertrauen, und erzählt ihnen, dass der für seine Grausamkeit berüchtigte Graf Sulak ihre ganze Familie ermorden ließ. Jetzt ist er hinter Erika her. Erika aber will nicht davonlaufen, sondern sich rächen, und macht sich auf die Suche nach jemandem, der ihr den Weg zu einem besonderen Berg zeigen kann. Dort wohnt ein Geist, den sie um Hilfe bitten will. Doch die Suche zieht sich in die Länge, und die Häscher kommen näher….
Was diese Erzählung auszeichnet, ist weniger die Handlung an sich als die liebevolle Erzählweise, in der die Geschichte vorgetragen wird. Zolinek erzählt mal drollig, mal ernst, und man kann beinahe die Kummerfalten auf seiner Stirn sehen, wenn er zum Ende kommt. Der Zwerg wird durch seine Worte richtig lebendig, was unter anderem daran liegt, dass er ebenso viel von sich und seiner Frau wie von Erika erzählt. Dieser Teil der Geschichte ist der interessantere, denn im Gegensatz zu der Handlung um Erika, die im Grunde nicht viel hergibt, sind die Beschreibungen des kuriosen Paares und seines Planwagens samt Mitbewohner einfallsreich und gelungen.
Zu meinen eindeutigen Favoriten gehört „Das Orakel“. Die junge Priesterin der Pinks, vogelähnlicher Wesen, sucht in jeder Vollmondnacht die Höhle ihres Gottes auf. In diesen Nächten öffnet sich die Tür zum Orakel, das vorhersagt, was in dieser Nacht geschehen wird. Denn in den Vollmondnächten passieren seit mehreren Mondzyklen jedes Mal irgendwelche Katastrophen…
Edgar Halverfeld wird seit mehreren Monaten von Albträumen geplagt, immer in den Vollmondnächten, und die ganze Nacht hindurch immer wieder. Alle Versuche wachzubleiben, sind gescheitert, schlag Zwölf schläft er ein und träumt jedesmal von entsetzlichen Katastrophen….
Hier lebt die ganze Geschichte voll von den beiden parallelen Handlungen, wobei der Teil um Edgar der kleinere ist. Die fremde Welt der Pinks ist nur knapp skizziert, gerade ausreichend, damit der Leser versteht, worum es geht, und doch fließen hier und da ein paar im Grunde völlig nebensächliche Details ein, mit der frappierenden Wirkung, dass man plötzlich das Gefühl hat, es ganz genau zu wissen. Tatsächliche Antworten erhält man aber kaum. Nur eine kurze Erklärung wird geliefert, warum die Welt der Pinks und die Edgars auf einmal durch eine Tür miteinander verbunden sind. Andere Fragen wie die nach dem Grund für Edgars Albträume und Ahnliches bleiben unbeantwortet. Die Geschichte erhält dadurch etwas Rätselhaftes. Gute Idee gut umgesetzt.
„Von Zähnen, Sternen und Feen“ hat zunächst überhaupt nichts Fantastisches an sich. Jeff verschluckt sich beim Frühstück an einem ausgebissenen Zahn. Sein letzter Milchzahn. Aber die Bemerkung seines Vaters über die Zahnfee bringt ein Fass zum überlaufen und es gibt Zoff. Was das Fass gefüllt hat, erfährt man allmählich, während Jeff die Schule schwänzt. Als er endlich abends im Bett liegt, erlebt er eine Überraschung.
Jeff hat offenbar nicht unbedingt das beste Zuhause, aber im Großen und Ganzen klingt das alles eigentlich ziemlich banal und alltäglich. Wenn da nicht das seltsame Verhalten von Jeffs Mutter wäre. Jeff grübelt darüber nach, ob sie wirklich trinkt, wie ein Klassenkamerad behauptet hat. Richtig gruselig wird es erst, als die Zahnfee auftaucht, und der Leser grübelt hinterher über etwas ganz Anderes nach: „War sie’s oder war sie’s nicht?“
Auch die Hauptfigur in „Die gläserne Stadt“ ist ein amerikanischer Durchschnittsjunge, und er läuft vor etwas davon, stürzt aber im Nebel und landet an einem unbekannten Ort. Er befindet sich an einem stillen, dunklen Fluss, und jenseits schimmert Licht. Dann taucht eine Gestalt auf, die eine Maske trägt. Sie ist gekommen, um Martin etwas zu zeigen, etwas jenseits des Flusses…
Die Geschichte hat große Ähnlichkeit mit einer Traumsequenz, ist aber nicht wirr und auch nicht beängstigend. Sie spiegelt eine Art Suche wieder, ein Verarbeiten von Verlust, eine Auseinandersetzung mit dem Tod. Auch hier bleiben Fragen offen, zum Beispiel, um wen es sich bei dem geheimnisvollen Maskierten handelt, aber die Botschaft ist eindeutig tröstlich.
Eine wirklich traurige Geschichte dagegen ist ein weiterer meiner Favoriten: „Heimkehr nach Kalipay“. Kalipay ist ein wunderbarer Ort, fast ein Paradies. Doch die Jungen werden mit zwölf Jahren aus Kalipay fortgeschickt, um in einer wüsten Ödnis nach seltenen Steinen zu graben. Für die Steine erhalten sie Punkte, und nur mit genügend Punkten dürfen sie nach Hause zurückkehren. Siebenundzwanzig Jahre schuftet Gashiah schon, und ist trotzdem noch unendlich weit vom Ziel entfernt. Nur weil er bereit ist, sich in tödliche Gefahr zu begeben, kann er schließlich seine Heimat wieder betreten. Doch das Paradies währt nur kurz…
Das Erstaunlichste an der Geschichte ist, dass Gashiah am Ende zufrieden ist so wie es ist, und das trotz all der Jahre des Schuftens und der Sehnsucht. Dieses Akzeptieren ohne jede Bitterkeit verleiht der Geschichte einen Hauch wehmütiger Melancholie und ihrem Helden innere Größe.
Auch wenn die angesprochenen Erzählungen nur ein Drittel des Buches ausmachen, dürfte die Vielfalt und Besonderheit der Sammlung deutlich geworden sein, und man darf den Herausgebern bescheinigen, dass sich diese Anthologie in der Tat von der Masse abhebt: Keine Abenteuerfahrten, kein Held, der als einziger die Welt retten kann, keine Schlachten, keine großen Zauberer. Alle Geschichten zeichnen sich durch ein begrenztes Umfeld aus, das sich mehr oder weniger stark auf die Hauptperson konzentriert. Es sind kleine Welten, die hier dargestellt sind, und kleine Geschehnisse, auch wenn sie große Folgen nach sich ziehen.
Der Grund dafür liegt sicher auch in der Erzählform der Kurzgeschichte. Im Vordergrund steht das Geschehen an sich, Landschaftsbeschreibungen oder detaillierte Charakterdarstellungen fehlen. Für epische Breite ist kein Platz. Kurzgeschichten sind Momentaufnahmen, sie neigen zur Unvollständigkeit, fangen mittendrin an und hören auch mehr oder weniger mittendrin auf. Im Gegensatz zum Roman, wo man ungeklärte Fragen als Manko empfindet, gehört dies hier durchaus dazu. Eine Kurzgeschichte macht sich nicht die Mühe zu erklären, sondern verlangt, dass der Leser selbst nach einer Erklärung sucht, Lücken ausfüllt, sich vielleicht ein eigenes Ende oder eine eigene Vorgeschichte ersinnt.
Das unterscheidet diese Anthologie auch von anderen wie zum Beispiel der Diebeswelt, die Robert Asprin ins Leben rief. Dort wurde eine gemeinsame Welt erschaffen, in der die Geschichten aller Autoren spielen, und die Geschichten wurden mehrfach fortgesetzt, wodurch die Diebeswelt schon wieder epische Ausmaße annimmt. In „Wellensang“ steht jede Geschichte und jede Welt für sich allein, und es gibt auch zu keiner eine Fortsetzung, sodass der Charakter der Kurzgeschichte erhalten geblieben ist. Dadurch kann man das Buch nicht einfach von vorne nach hinten durchlesen. Es empfiehlt sich, zwischen den einzelnen Geschichten Pausen einzulegen und das Gelesene nachwirken zu lassen.
Ich fand die Sammlung äußerst bemerkenswert. Im Allgemeinen liegen mir Kurzgeschichten nicht so sehr, ich ziehe Geschichten, die sich über längere Zeit entwickeln, den Anthologien vor. Diese war jedoch eine angenehme Abwechslung, sowohl in sich selbst als auch im Vergleich zu anderen Werken. Auch wenn ich vereinzelt Assoziationen zu bekannten Werken hatte, wie in „Das Lied der Krähe“ und „Zwischen 9 und 9“, ist der Großteil der Geschichten erfrischend unverbraucht und außergewöhnlich.
Bemerkenswert finde ich aber nicht nur die Geschichten, sondern auch die Illustrationen jeweils am Beginn der einzelnen Geschichten. Mal romantisch, mal als Karrikatur, geben sie wesentliche Teile der Geschichte wieder und fügen sich harmonisch ins Gesamtbild der Anthologie ein. Sehr gelungen.
Ebenfalls lobend erwähnen möchte ich das ausgezeichnete Lektorat des Buches, was leider immer weniger selbstverständlich wird.
„Wellensang“ trägt den Untertitel „Fantasy-Welten“.
Zu meiner Schulzeit unterschied man noch zwischen Fantastischer Literatur und Fantasy, wobei Fantasy als trivial galt und deshalb das Schmuddelkind war, das man bestenfalls nachsichtig belächelte. Literatur dagegen war, grob vereinfacht gesagt, interpretierbar.
„Wellensang“ zeigt, dass diese strenge Grenze offenbar durchlässig geworden ist. Viele der darin enthaltenen Geschichten zeigen deutliche Spuren fantastischer Literatur. Im Gegenzug hat der Begriff „Fantasy“ seinen abwertenden Beigeschmack verloren.
Stephanie Bense hat sich im letzten Kapitel des Buches die Mühe gemacht und versucht, den Bergen von Genres und Subgenres ein gewisses Maß an Ordnung und Erklärung zu geben. Es ist ihr gut gelungen, ich gestehe aber, dass es für mich persönlich nicht so wichtig ist, zu welchem Genre oder Subgenre eine Geschichte gehört. Wichtig ist, dass das Thema mich anspricht und die Geschichte gut erzählt ist. Von „Wellensang“ kann ich das fast ausnahmslos behaupten. Die Erzählungen kommen aus vielen verschiedenen Ecken, sodass für jede Vorliebe etwas Passendes dabei sein dürfte, und sie sind flüssig und gut erzählt. Was man jedoch vergeblich sucht, ist Action. Auch wer es gern monumental mag, wird hier nicht auf seine Kosten kommen.
Sowohl Alisha Bionda als auch Michael Borlik haben bereits mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht und auch bei diversen Anthologien mitgewirkt. Von Alisha Bionda ist der Fantasyroman „Regenbogen-Welt“ in Vorbereitung. Michael Borlik schreibt außerdem an seinem zweiten Roman. Zu beiden sowie auch zu den Autoren der einzelnen Geschichten und dem Illustrator findet man im Anhang des Buches eine Art Ministeckbrief.
http://www.alisha-bionda.de
http://www.borlik.de















