Meinen Essay zum Thema dieser Veröffentlichung findet ihr [hier.]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=10
Interview mit Kai Meyer
|Das nachfolgende Interview führte _Valentino Dunkenberger_ im April 2004 im Auftrag unseres Kooperationspartners [X-Zine]http://www.x-zine.de. Wir bedanken uns für die freundliche Leihgabe der Kollegen.|
[Kai Meyer]http://www.kai-meyer.com wurde am 23. Juli 1969 in Lübeck geboren und ist im Rheinland aufgewachsen. Er hat in Bochum einige Semester Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert {sowie Germanistik und Philosophie – Nachtrag d. Lektors} und anschließend mehrere Jahre als Journalist für eine Tageszeitung gearbeitet. Sein erstes Buch veröffentlichte er 1993 im Alter von 24 Jahren. Seit 1995 ist er freier Schriftsteller und gelegentlicher Drehbuchautor. Mittlerweile werden seine Romane in vierzehn Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau Steffi, ihrem Sohn Alexander und Hund Motte am Nordrand der Eifel. (Quelle: Autoren-Homepage)
Für September 2004 ist sein nächster phantastisch-historischer Roman [„Das Buch von Eden“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3785721749/powermetalde-21 als Hardcover und Hörbuch in Planung und wird bei |Lübbe| erscheinen, seine bei |Loewe| veröffentlichte |Wellenläufer|-Trilogie fand kürzlich erst ihren Abschluss, außerdem sind die ersten Bände der siebenteiligen |Mythenwelt|-Reihe in Kooperation mit anderen Autoren erschienen.
_X-Zine: _
Hattest du schon immer den Wunsch, Schriftsteller zu werden, oder gab es da einen Wendepunkt in deinem Leben, an dem du dich entschlossen hast, ein Buch zu schreiben?
_Kai Meyer: _
Ich wollte schon sehr früh Geschichten erzählen, ganz gleich in welcher Form. Mit siebzehn, achtzehn wollte ich eigentlich zum Film, vorher dachte ich einmal, ich könnte vielleicht Illustrator oder Comiczeichner werden. Zum professionellen Schreiben kam ich mit neunzehn durch meinen allerersten Versuch, ein Drehbuch für einen Kurzfilm zustande zu bringen. Aus dem Film wurde nichts, und so habe ich mich hingesetzt und begonnen, das Ganze als Roman aufzuschreiben. Nach etwas über dreißig Seiten habe ich mich gefragt, für wen ich das eigentlich mache, habe den Stapel mit einem höflichen Anschreiben eingetütet und an Michael Schönenbröcher bei |Bastei| geschickt. Damals dachte ich, das könnte etwas für die „Dämonenland“-Serie sein. Er hat mir dann einen sehr ausführlichen und sehr freundlichen Brief geschickt, in dem er mir erklärt hat, warum er den Roman nicht gebrauchen konnte – damals wurden in der Serie nur Nachdrucke veröffentlicht –, hat ihn aber an die Taschenbuchredaktion weitergeleitet. Dort wusste mein späterer langjähriger Lektor Reinhard Rohn auch nichts damit anzufangen und reichte die Seiten an die Redakteurin der „Mitternachtsroman“-Reihe weiter. Von ihr bekam ich schließlich eine Zusage, allerdings unter gewissen Auflagen. Meine Geschichte war eher gedacht in der Tradition von italienischen Horrorfilmen wie „Suspiria“; statt dessen wurde dann ein Gruselroman „für Frauen“ daraus – was immer genau das heißen mag.
Auf diesem Wege habe ich aber Reinhard Rohn kennen gelernt, der mir zwei, drei Jahre später die Chance gab, mein erstes Buch zu schreiben, einen True-Crime-Roman mit dem Titel „Der Kreuzworträtsel-Mörder“. Von da an ging es beständig aufwärts. Der eigentliche Durchbruch kam zwei Jahre später mit meinem ersten Hardcover „Die Geisterseher“, der erste große Erfolg mit [„Die Alchimistin“ 73.
_X-Zine: _
Woher nimmst du die ganzen Ideen für deine Bücher? Sind das spontane Einfälle oder dauert es seine Zeit, bis du die Grundstruktur eines neuen Romans ausgearbeitet und vor Augen hast?
_Kai Meyer: _
Jeder hat Ideen für Geschichten. Der Mann am Bankschalter, die Frau in der Supermarktschlange. Allerdings behandeln die Wenigsten ihre Ideen mit dem nötigen Respekt und der angemessenen Ernsthaftigkeit, sei es, weil sie einfach kein Interesse daran haben oder aber schlichtweg keine Zeit für das, was die meisten anderen Leute „Spinnereien“ nennen. Für uns Autoren sind Ideen Kapital, und das meine ich nur am Rande im finanziellen Sinne. Ich notiere mir unendlich viele Einfälle, manchmal Unfug, oft aber eben auch eine wirklich gute Idee, aus der dann tausend Seiten werden können. Aus solchen Grundideen baue ich mir über mehrere Wochen oder Monate hinweg ein Exposé, also eine Art szenisches Konzept, an dem ich mich beim eigentlichen Schreiben des Romans entlang arbeite.
_X-Zine: _
Was für Bedingungen brauchst du, um gut und viel schreiben zu können? Musst du dazu ganz allein sein oder brauchst du im Gegenteil Menschen um dich herum? Könntest du uns beschreiben, wie dein Arbeitsplatz ungefähr aussieht?
_Kai Meyer: _
Ein Rundblick über meinen Schreibtisch: Neben all dem technischen Schnickschnack wie Monitor, einem neuen und einem alten PC (den ich seit mindestens einem Jahr wegräumen will), Drucker usw. sehe ich unter anderem ungefähr fünfzig Bücher herumliegen, eigene und von anderen Autoren; eine Ablage aus Plastikfächern, deren obere beiden Etagen unter den Papierbergen, die sich darauf auftürmen, gebrochen sind; viele, viele lose Zettel und Blätter, darunter ein paar handschriftliche Leserbriefe, die ich schon lange hätte beantworten sollen; das Foto eines Mädchens, das gedacht hat, sich bei mir für die Verfilmung der |Merle|-Trilogie bewerben zu können (ein Trugschluss); die aktuelle VÄRTTINA-CD „Iki“; die Fahnen meines neuen Romans „Das Buch von Eden“, der im September erscheint; Quittungen für meinen Steuerberater; eine Sideshow-Skulptur von Tolkiens Hexenkönig auf seinem Flugungeheuer; zwei „Fighting Furies“-Piratenfiguren aus den 70ern; die Videokassette des russischen Märchenfilms „Das gestohlene Glück“; eine leere Kaffeetasse; den chinesischen Roman „Die Rebellen vom Liang Schan Moor“ (auf dem die ähnlich betitelte TV-Serie basiert); ein Kaktus; eine |Merle|-Schneekugel, die mir der |Loewe|-Verlag geschickt hat; ein Foto von mir vor dem Pub „The Eagle and the Child“ in Oxford aus dem letzten Jahr; eine Schreibfeder, die ich noch nie benutzt habe; und, ähem, ein paar Hundehaare, was bei zwei Hunden nicht ausbleibt.
Und das ist nur das, was auf meinem Schreibtisch steht. Die übrigen knapp 80 Quadratmeter meines Arbeitszimmers sehen genauso chaotisch aus, mit zig Stapeln aus Büchern, die sich überall auf dem Boden auftürmen; Bücherregalen, in die keine einzige lose Seite mehr passt; Kinoplakaten von fragwürdigen Filmen aus den 80er Jahren (u.a. „Der Zauberbogen“ und „Metalstorm“ …); ein uralter Flipper, der leider nicht mehr funktioniert; allerlei Actionfiguren, etwa zur Comicserie „Bone“; zwei Ledersofas, die halb unter Büchern und Comics begraben sind; und viel zu viele DVDs, die ich vermutlich nie im Leben anschauen werde.
All das brauche ich manchmal zum Schreiben – und manchmal lenkt es mich derart ab, dass ich lieber im Wohnzimmer oder, im Sommer fast immer, im Garten arbeite.
_X-Zine: _
Du bist mit 34 Jahren noch ziemlich jung, hast aber schon, wenn ich richtig informiert bin, an die vierzig Bücher geschrieben. Hast du einen bestimmten Maßstab, wie viel du am Tag schreibst?
_Kai Meyer: _
Ich versuche, zehn Manuskriptseiten am Tag zu schreiben, fünfmal die Woche – niemals am Wochenende. In der Regel brauche ich für einen Roman, je nach Länge, zwischen drei und sechs Monaten. An „Das Buch von Eden“ habe ich fast ein Jahr gesessen.
_X-Zine: _
Du hast großen Erfolg mit deinen Büchern, sowohl in Deutschland als auch im Ausland. Wie gut kannst du von dem, was du mit dem Schreiben verdienst, leben?
_Kai Meyer: _
Ganz gut. Als ich mich 1995 selbstständig gemacht habe, habe ich mir als Limit gesetzt, im ersten Jahr mindestens so viel zu verdienen wie vorher als fest angestellter Redakteur bei einer Tageszeitung. Mittlerweile ist es ein Mehrfaches davon.
_X-Zine: _
Demnächst wird deine sehr erfolgreiche „Merle“-Trilogie verfilmt. Wie und vor allem warum kam es zu der Entscheidung, diese als Zeichentrickfilm umzusetzen und nicht als Realverfilmung, was ich persönlich sehr schade finde?
_Kai Meyer: _
Ganz einfach: Es war das erste seriöse Angebot einer Produktionsgesellschaft. Deutsche Produzenten – bis auf ganz wenige Ausnahmen – können mir noch so oft erzählen, dass sie die |Merle|-Bücher real umsetzen könnten. Ich würde ihnen, nach diversen Erfahrungen im Filmgeschäft, kein Wort glauben. Aber eine Zeichentrickverfilmung ist machbar. Und die Trickompany ist das beste Animationsstudio, das wir in Deutschland haben. Abgesehen davon, dass der Regisseur Michael Schaack und der Produzent Thomas Walker sehr nette und vor allem realistische Leute sind, was in dieser Branche keineswegs selbstverständlich ist.
_X-Zine:_
Ich habe mich ein wenig auf deiner [Homepage]http://www.kaimeyer.com umgesehen und war recht erstaunt, wie viel Zeit du dir für diese Seite und deine Fans nimmst. Ich finde das sehr lobenswert, denn es gibt nicht mehr sehr viele Autoren, die einen so guten Kontakt zu ihren Lesern pflegen! Folgere ich daraus richtig, dass dir deine Fans sehr am Herzen liegen?
_Kai Meyer: _
Klar, sonst würde ich das alles nicht machen. Das Ganze bedeutet eine Menge Arbeit – dessen technische Seite mir zum Glück abgenommen wird –, aber eben auch eine Menge Spaß. Ich kann mittlerweile schon gar nicht mehr recht nachvollziehen wie es war, als ich noch keinen so nahen Kontakt zu meinen Lesern hatte. Sicher, manchmal wird es auch ein wenig zu viel des Guten – die üblichen Fragen wiederholen sich ja sehr, sehr oft, gerade in E-Mails -, aber insgesamt überwiegen die angenehmen Seiten mit großem Vorsprung. Vor allen Dingen die Arbeit an der Rubrik „Journal“, eine Art Blog oder Arbeitstagebuch, ist klasse. Mittlerweile wird sie im Monat von 8.000 bis 9.000 Leuten gelesen, was eine ganz ordentliche Zahl für eine nicht-kommerzielle und weitgehend nicht beworbene Website ist.
_X-Zine: _
Du hast gerade zum neuen Jahr ein Projekt abgeschlossen, das unter dem Titel „Das Buch von Eden“ im Herbst auf den Markt kommt. Wieso liegt zwischen Schreiben und Veröffentlichung eine so große Zeitspanne?
_Kai Meyer: _
Tatsächlich ist sie diesmal sogar sehr kurz. Ich habe das Buch am 31. Dezember abgegeben. Im Mai müssen die fertig gedruckten Leseexemplare für Buchhändler und Medien vorliegen. Damit bleiben für Lektorat, Fahnenkorrektur, Titelbild, Innenillustrationen, Satz und die übrige Herstellung gerade einmal etwas über vier Monate. Das ist sensationell knapp. Zwischen Mai und September, dem offiziellen Erscheinungstermin, läuft dann noch die erste Pressearbeit.
_X-Zine: _
Kannst du uns schon Näheres darüber verraten?
_Kai Meyer: _
Der Roman spielt im Hochmittelalter. Es geht um die Suche nach dem wahren Standort des Gartens Eden. Im Prinzip ist es eine Queste, die Geschichte einer Odyssee durch das mittelalterliche Europa und den Orient. Sehr episch, sehr umfangreich. Die Hauptfiguren sind gerade einmal sechzehn Jahre alt, aber sie werden unter anderem von Albertus Magnus und ein paar anderen wunderlichen Gestalten begleitet.
_X-Zine: _
An welchem Projekt arbeitest du gerade? Worum handelt es sich dabei?
_Kai Meyer: _
Ich beginne in den nächsten Tagen ein neues Jugendbuch mit dem Arbeitstitel „Aurora“. Auch über die Arbeit daran werde ich auf meiner Homepage wieder Tagebuch führen. Aber es ist noch ein wenig früh, um jetzt schon etwas über den Inhalt zu verraten.
_X-Zine: _
Vielen Dank für das Interview! Ich wünsche dir noch ganz viel Erfolg für deine Zukunft!
Hartwig Hausdorf – Die Rückkehr der Drachen

Vinge, Vernor – Eine Tiefe am Himmel
Das All ist seit Jahrtausenden von der Menschheit besiedelt, aber außerirdische Intelligenz wurde dabei bislang nicht entdeckt. Als vom sogenannten EinAus-Stern nahe des galaktischen Zentrums nichtmenschliche Funksignale aufgefangen werden, scheint sich der Traum eines Erstkontaktes zu erfüllen. Das Händlervolk der |Dschöng-Ho| rüstet eine Flotte aus, um sich bei den Aliens umzusehen. Der Stern ist schon für sich genommen seltsam genug, da er in langen Zeitabständen pulsiert und auch schon mal für Jahrzehnte verlöscht.
Bei der Ankunft müssen die |Dschöng-Ho| allerdings feststellen, das sie nicht die Einzigen sind, welche sich für die Fremden interessieren. Eine zwischenzeitlich in die Barbarei versunkene Zivilisation in der interstellaren Nachbarschaft des EinAus-Sterns hat sich wieder weit genug erholt, um ebenfalls eine Expedition losschicken zu können. Leider ist die soziale Entwicklung der spöttisch „Aufsteiger“ genannten Neuankömmlinge weit hinter ihren technischen Möglichkeiten zurückgeblieben: Ihre faschistisch anmutende Gesellschaft ist auf der Versklavung und Ausbeutung Schwächerer aufgebaut. In einem Überraschungsangriff übernehmen sie auch die Schiffe der Dschöng-Ho. In den Kämpfen werden die Schiffe beider Parteien allerdings so schwer beschädigt, dass ein weiterer Weltraumflug nicht mehr im Bereich des Möglichen liegt.
Die |Aufsteiger| nutzen skrupellos das überlegene technologische Know-how der |Dschöng-Ho| für ihre Zwecke, nachdem sie alle Führungspersönlichkeiten der Händler exekutiert haben. Der Rest der versklavten Händler ist von der kaum vorhandenen Gnade der |Aufsteiger| abhängig. Die Versklavung wird durch exzellente Biotechnologie gewährleistet, welche in das Gehirn der Opfer eingreift und sie zu willenlosen Robotern macht. Wer von den Händlern gerade nicht benötigt wird, kommt in die Schlafkammern und wird „auf Eis“ gelegt.
Trotz all der scheinbaren Erfolge der |Aufsteiger| ist die übrig gebliebene Wirtschaftsbasis der verbliebenen Flotte viel zu gering, als dass ein langfristiges Überleben möglich scheint. Ohne Unterstützung einer planetaren Wirtschaft würde die Menschheit im System nach wenigen Jahrzehnten untergehen. Die planetaren Bewohner sind so wenig menschlich, wie man es nur sein kann: Sie stammen von einer Art Riesenspinne ab. Obwohl sie sich inzwischen an die Ökologie des Planeten gut angepasst haben, spricht doch vieles dafür, dass es sich bei ihnen keineswegs um Eingeborene handelt; die menschlichen Wissenschaftler vermuten eher, dass sie Nachfahren gestrandeter Raumfahrer sein könnten. Würde man ihnen ihre Geheimnisse entreißen können, hätte sich die Expedition trotz aller Verluste doch noch gelohnt! Vorerst müssen die |Aufsteiger| allerdings noch ein paar Jahrzehnte warten, denn die derzeitige technische Entwicklung wäre etwa mit der Erde um 1900 vergleichbar.
Aber während die |Aufsteiger| nun die Versklavung der Spinnen planen, proben die letzten überlebenden Händler den Aufstand…
Wie hält man eine Rebellion im Gang, wenn jedermann jederzeit überwacht wird und selbst Gedanken nicht mehr frei sind? Dieses Buch behandelt einen echten Alptraum eines Überwachungsstaates, in dem alle Menschen nur Verfügungsmasse der Aristokraten darstellen. Dagegen erscheint einem das geschilderte Leben des demokratischeren Spinnenvolkes fast schon als romantisches Idyll. Trotz ihrer körperlichen Fremdartigkeit sind die Spinnen geistig der Menschheit stark verwandt. Ich wäre ja von dieser Spiegelung menschlicher Denkungsart auf Aliens ein wenig enttäuscht gewesen, wenn Vinge nicht einen echten Kunstgriff angewandt hätte: Wir bekommen die Spinnen nämlich nicht direkt geschildert, sondern eher durch die Augen einer menschlichen Übersetzerin. Jede unpassende Vermenschlichung würde demnach das Werk dieser Sklavin sein, welche zu Analogien greift, um ansonsten nicht vermittelbare Gedankenwelten verständlich zu machen.
Vinges Werk wurde hoch gelobt und hat mir ebenfalls gut gefallen. Er hat sich auch jede billige direkte Kritik am ach so bösen Menschen verkniffen, selbst wenn sein Spinnenvolk im Vergleich mit den Aufgestiegenen als die Liebenswertere von beiden Lebensformen erscheint. Auch bei den Menschen gibt es „Gute“, während die Spinnen ebenso ihren Teil an bösartigen Intriganten aufweisen können. Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, und die Geduld, mit der die Händler um ihre Freiheit kämpfen, hat durchaus etwas Bewegendes. Ich kann es auf alle Fälle empfehlen.
Die „Tiefe am Himmel“ des Buchtitels benennt übrigens ein lebenswichtiges Überwinterungsversteck in der Spinnensprache…
_sgo_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht, dem großen deutschsprachigen Onlinemagazin für Fantasy, Science-Fiction, Horror und Rollenspiele.|
Europa ohne Demokratie?
Die Europäische Verfassung soll dazu dienen, die nach dem Kalten Krieg neu eingetretenen Ostblockstaaten auf einen unumkehrbaren Markt der Gesetze des Profits und der Logik des Kapitals festzuschreiben. Dies geschieht im Hau-Ruck-Verfahren, wo ein Konvent in nur eineinhalb Jahren einen Entwurf schuf, der jetzt verabschiedet wurde (und noch durch die Mitgliedstaaten der EU ratifiziert werden muss).
Demokratie spielt im Entwurf keine wesentliche Rolle, dagegen die marktwirtschaftliche Absicherung und militärische Aufrüstung um so mehr. Das verläuft seit der Spaltung bezüglich des Irakkrieges zwar sehr schleppend, dafür gehen die Vorhaben, die Monopolunternehmen Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands im militärisch-industriellen Bereich zu einer europäischen Rüstungsagentur zu vereinen, um so schneller voran. Der Philosophie des Neoliberalismus mit seiner freien Marktwirtschaft wird keine Alternative gestattet.
Interessant ist wohl auch, dass der Konvent eine reine Männerdomäne war, die 83 Prozent stellten. Unter den letztlich zwölf Stimmberechtigten gab es nur eine einzige Frau. Die Europäische Verfassung wurde somit fast unter Ausschluss der Frauen konzipiert. Aber auch in sonstiger Hinsicht stellte die Zusammensetzung des Konvents eine sehr groteske Verzerrung der politischen Realitäten in der Europäischen Union dar. Alles blieb in der Hand des strengen Präsidiums unter der Leitung von Giscard d`Estaing. Die Debatten wurden, trotz der multinationalen Zusammensetzung, ohne Übersetzung – nicht mal ins Englische – nur auf Französisch geführt. Natürlich sowieso auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zwar gab es einige Foren, die aber eine Farce waren, wo sich bestimmte Interessenvertreter jeweils drei Minuten äußern durften. Kritiker waren selbst dort ausgeschlossen.
Zu Recht wird bezweifelt, ob die von Giscard d`Estaing selbstherrlich am Ende als Konsens verkündeten Positionen überhaupt die einer Mehrheit waren. Schon gleich zu Beginn des Konvents gab es von Seiten der gewählten Abgeordneten des Europaparlaments Unterschriftensammlungen und eine mehrheitliche Kritik an der Arbeitsweise der Verfassungsentwurf-Gremien. Dies wurde ignoriert.
Eigentlich hätte die Verfassung bereits vor der Osterweiterung im Dezember 2003 verabschiedet werden sollen, war aber gescheitert. Nicht wegen der grundlegenden Inhalte, sondern wegen der Machtverteilung um die Vormachtstellung von Deutschland und Frankreich.
Die ganze Diskussion geht bislang an der Öffentlichkeit völlig vorbei und dies durchaus mit Absicht, denn seit dem Vertrag von Maastricht 1992 sind die europäischen Bürger misstrauisch. Sie haben früh erkannt, dass das Kapital die sozialstaatlichen Absicherungen massiv abbaut. Beitrittsabstimmungen in den Ländern – auch für den Euro – wurden so lange wiederholt, bis das Ergebnis passte und die manipulative Propaganda aus den eigentlich klaren Neins doch Zustimmung erschuf.
Das gefeierte neue Europa findet keine Sympathie, die Wählerstimmen zu den Europawahlen gehen kontinuierlich in die Tiefe. Das Europäische Parlament ist tatsächlich auch eine absurde Konstruktion. Es hat gegenüber den Kommissionen keinerlei Rechte und kann auch keine Gesetzesinitiativen einbringen. Die wichtigsten Teile der Politik der Europäischen Union sind außerhalb von parlamentarischer Kontrolle. Die mittels Wahlen ausgeübte Souveränität der europäischen Völker erstreckt sich nicht auf die zentrale Institution. Stellung darf man allerdings beziehen, aber, technisch unmöglich, von den Mitgliedsstaaten innerhalb einer Frist von sechs Wochen gefordert. Einspruch wird zugelassen, wenn dies neun der fünfundzwanzig Länder innerhalb dieser Frist gelingt. Für den Deutschen Bundestag ist das nicht zu schaffen, denn auch die Landesparlamente müssten noch Stellung beziehen. An begründete Stellungnahmen der Zivilgesellschaft ist dabei gar nicht zu denken. Aber selbst wenn es neun Ländern einmal fristgemäß gelänge, Einspruch zu erheben, kann die Kommission an ihrer Entscheidung festhalten und den Parlamenten bliebe nur der Weg der Klage vor dem Europäischen Gerichtshof. Auch das dürfte wenig Chancen haben, denn die Beweggründe der einzelnen Staaten werden unterschiedlich sein und der Gerichtshof darf auf keine nationalen Einwände eingehen, sondern muss auf gemeinschaftsrechtlicher Grundlage entscheiden. Die nationalen Parlamente der fünfundzwanzig Staaten haben keine wirksame Kontrolle mehr zur Wahrung ihrer Rechte. Das Europäische Amt für Rüstung unterliegt dann sowieso nicht einer Kontrolle des Europäischen Gerichtshofs.
Wer überwacht eigentlich all diese Kommissionen? Eine spannende ungeklärte Frage. Es ist überaus wichtig, sich mit der europäischen Thematik auseinanderzusetzen. Was da gerade geschieht, ist für eine westliche Demokratie völlig unglaublich.
Zur weiterführenden Information: die [Europäische Verfassung]http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%E4ische__Verfassung bei |wikipedia| – mit einigen zusätzlichen Verlinkungen ins Netz
Verlagsinformation zum Buch:
|Die Europäische Union ist auf dem Weg zur Weltmacht. Ihre Osterweiterung schafft einen Binnenmarkt, der größer ist als der der USA. Und auch die Bildung einer globalen Militärmacht Europa droht weiteren Auftrieb zu bekommen. Gleichzeitig steht die demokratische Legitimität der EU auf tönernen Füßen. Die legislativen Rechte des Europäischen Parlaments und seine Kontrollmöglichkeiten gegenüber der Exekutive sind weniger als bescheiden und entsprechen nicht einmal grundlegenden Normen parlamentarischer Demokratie. Daß der vorliegende Text für eine EU-Verfassung diesen Mangel an Demokratie festschreibt, ist der Öffentlichkeit noch kaum bewußt. Und auch nicht, daß er die permanente Aufrüstung wie den weiteren neoliberalen Sozialkahlschlag zur Verfassungspflicht erhebt. Höchste Zeit für eine breite öffentliche Debatte.|
_Andreas Wehr
[Europa ohne Demokratie?]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3894382724/powermetalde-21
Die europäische Verfassungsdebatte – Bilanz, Kritik und Alternativen
154 Seiten, Paperback, PapyRossa 2004
ISBN 3-89438-272-4 _
Fehn, Oliver – Schule des Teufels, Die
Oliver Fehn ist auf dem Gebiet des deutschsprachigen Satanismus kein Unbekannter. Literarisch hat er sich bisher als Co-Übersetzer von Anton LaVeys „Satanischen Essays“ (erschienen bei |Second Sight Books|) und als Autor von „Satans Handbuch“ (erschienen im |Bohmeier|-Verlag) hervorgetan. Laut Verlagsinfo hat Fehn (Jahrgang 1960) ursprünglich Theologie studiert, sein Studium aber dann aufgrund ideologischer Differenzen abgebrochen und sich in einer Vielzahl von Jobs versucht. Mit der „Schule des Teufels“ liegt nun sein persönlicher Output zum zweiten Mal in Buchform vor.
Das Buch soll, wie Fehn in seinem Vorwort erläutert, als eine Art Brückenschlag verstanden werden. Seit Anton Szandor LaVey in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts die Grundlagen des modernen Satanismus explizit gemacht hatte, ist von Seiten der Church of Satan aus nicht mehr viel Neues über den großen Teich geschwappt. Gleichzeitig lässt der Satanismus als subkulturelle Strömung im deutschsprachigen Raum LaVey-feindliche Tendenzen erkennen, ohne einen konsistenten Gegenentwurf präsentieren zu können. Satanismus im Deutschland des 21. Jahrhunderts bedeutet – entgegen der „aufklärerischen“ Bemühungen vorgeblicher Sektenexperten – keine gesellschaftliche Bedrohung, sondern in erster Linie eine plakative Mischung aus invertchristlichen Motiven, anarchistischen Versatzstücken und ästhetischen Elementen, welche der Black-Metal- bzw. Gothicszene inhärent sind. Um dieser Trivialisierung entgegenzuwirken, versucht Fehn die Ideen LaVeys weiterzuentwickeln und an unseren kulturellen Standard anzupassen – die [„Satanic Bible“ 117 wurde schließlich im Kalifornien der 60er Jahre geschrieben, und es ist somit nicht verwunderlich, wenn dies bei Interessenten der Gegenwart für Irritationen sorgt. Nun könnte man argumentieren, dass ein intelligenter Satanist in der Lage sein müsse, die komplexen Hintergründe seiner Weltanschauung selbständig nachzuvollziehen, aber gerade für Neulinge kann ein wenig Orientierungshilfe sicherlich nicht schaden. Ich werde daher im Folgenden diskutieren, was die „Schule des Teufels“ im Wesentlichen zu leisten vermag und wer von seiner Lektüre gegebenenfalls profitieren könnte.
Im ersten Kapitel, „Vorsicht, Seelenfresser! oder Warum das Böse überlebensnotwendig ist“, schildert Fehn in einfacher Sprache, weshalb das gesellschaftlich Heterogene immer ein wichtiger Faktor sein wird. Die christlichen Ideen der „Schuld“ und des „Bösen“ haben eine dualistische Weltsicht produziert, welche essenzielle Bestandteile des menschlichen Lebens einfach ausklammern will. Diese Erkenntnis ist freilich nicht neu. Frater Eremor z.B. hat bereits in seinem [„Kraftstrom des Satan-Set“ 6 sehr anschaulich beschrieben, dass der moralische „Biomüll“ die Tendenz hat, ein unheimliches Eigenleben zu entwickeln. Ein Satanist muss die Ganzheit seines Wesens analysieren, was bedeutet, dass er auch vor gesellschaftlichen Tabus nicht die Augen verschließen darf.
Im zweiten Kapitel, „Geschichten vom Schicksalsschlaf oder Wie lange braucht ein Ritual, bis es zu wirken beginnt?“, entwirft Fehn einen theoretischen Überbau für rituelle Magie, welcher inhaltlich an LaVeys Essays „Das Zahlenschloss-Prinzip“ und „Phantasien aus dem Tartarus“ angelehnt ist. Zunächst nimmt Fehn eine methodische Unterscheidung zwischen „objektiver“ und „subjektiver“ Realität vor. Das bedeutet, der satanische Magier kann nur im Rahmen der naturgesetzlichen Grenzen, welche das objektive Universum festlegt, operieren. Veränderungen durch magische Rituale erfolgen daher zunächst innerhalb des subjektiven Universums bzw. (um im NLP-Jargon zu sprechen) der „Landkarte der Realität“ eines Individuums. Das Kriterium für erfolgreiche Magie ist dabei innerhalb des fehnschen Paradigmas ihre intersubjektive Überprüfbarkeit – ein geglückter Zauber manifestiert sich in der materiellen Welt und kann somit zwar nicht unbedingt kausal zurückverfolgt werden, aber es ist ggf. „objektiv“ erkennbar, dass die postrituellen Zustände dem Willen des Magiers entsprechen. Satanische Magie wirkt also indirekt – durch die rituelle Veränderung seines Unterbewusstseins nimmt der Satanist eine Korrektur der Kausalverhältnisse zu seinen Gunsten vor. Entscheidend ist hier vor allem, dass der Satanist das Ziel seines Rituals vorerst „vergessen“ muss, sobald der magische Prozess seinen Lauf genommen hat. Der Wille soll ja aktiv in die materielle Welt eingebettet werden, und nicht weiterhin passiv im Kopf des Satanisten herumspuken.
Kapitel 3, „Schleichwege zum Teufel oder Schwarze Magie für die Hosentasche“, vermittelt ein paar Rituale aus dem Bereich „lesser Magick“. Das „Instant-Ritual“ basiert auf einem sympathetischen Prinzip und wurde in ähnlicher Form bereits in der „Satanic Bible“ beschrieben. Die „Entlade-Methode“ ist denkbar einfach: Der Satanist staut ein negatives Gefühl auf und „pustet“ es auf einen seiner Kontrahenten. Der „magische Wille“ wird hier also nicht auf Papier oder Wein, sondern einfach auf einen Luftzug übertragen. Abschließend listet Fehn noch ein paar Dämonen- und Götternamen zwecks ritueller Anrufung auf. Ziel soll hier sein, das Wesen der angerufenen Entität in seinen momentanen Gemütszustand zu integrieren. All dies kann m.E. funktionieren, wenn der Magier davon überzeugt ist, aber im Grunde ist mir dieses Kapitel zu simpel gestrickt.
Kapitel 4, „Von menschlichen Fleischfressern und Humankaninchen oder Satans Energieerhaltungsgesetz“, beschäftigt sich mit individuellem Durchsetzungsvermögen. Souveränität ist, wie Fehn treffend bemerkt, auch in der modernen Zivilisation größtenteils immer noch auf animalische Verhaltensweisen zurückzuführen. Emotionen (von Fehn in diesem Kontext als „Energien“ definiert) können gemäß des fehnschen Paradigmas weder einfach verloren gehen, noch ohne weiteres in andere „Energieformen“ transformiert werden. Sie können allerdings von einem Subjekt auf ein anderes oder sogar auf unbelebte Objekte übertragen werden. Ferner können bestimmte Menschentypen für bestimmte „Energien“ prädestiniert sein. Wer Angst ausstrahlt, bekommt Aggression zurück. In diesem Sinne sollte ein Satanist daher laut Fehn seinen „Energiehaushalt“ gemäß seines Willens ausbalancieren. Hat er zu wenig oder zu viel von einer bestimmten Emotion, so muss er sein Verhalten gegebenenfalls ins Gegenteil verkehren, um das Kausalverältnis der „Energieströmungen“ zu korrigieren. Ich will nicht abstreiten, dass dieses Modell brauchbare Arbeitshypothesen produzieren kann, aber mir persönlich ist es einfach zu esoterisch.
Kapitel 5, „Wo kommen all die Teufel her? oder Wie der Mensch seinen Zecken-Gott erschuf“, beschreibt jenes Phänomen, welches in der jungschen Psychologie als „Archetyp“ und im traditionellen Okkultismus als „Egregor“ bezeichnet wird. Es ist im Grunde völlig egal, ob Leute wie Buddha, Jesus Christus oder Elvis Presley jemals existiert haben – im „kollektiven Unterbewusstsein“ erzeugen sie eine eigendynamische Struktur. Auf diese Weise entstehen jene Entitäten, welche gemeinhin als „Götter“ oder auch „Dämonen“ bezeichnet werden. Ich selbst empfehle in diesem Kontext zur persönlichen Erbauung die Lektüre von Terry Pratchetts Roman „Einfach göttlich“ 😉
Kapitel 6, „Satans Selbstverteidigungskurs oder Kann man sich vor magischen Angriffen schützen?“, analysiert die Möglichkeiten magischer Angriffe und Verteidigungen. Fehn sieht (wie auch LaVey) bereits in den Suggestionstechniken der Werbeindustrie magische Attacken. Diese „Subliminals“ wirken dann besonders effizient, wenn der Empfänger der Werbebotschaften gerade geistig abwesend oder sogar in Trance ist. Das Gleiche gilt für gezielte Attacken von feindlich gesonnenen Personen, wobei hier noch der sympathetische Faktor hinzu kommt, wenn der Kontrahent Magie anwendet. Magische Angriffe erfordern laut Fehn primär a) kausale Verhältnismäßigkeit und b) räumliche Erreichbarkeit. Die entsprechende Verteidigungsstrategie besteht daher folgerichtig in a) Vorenthaltung persönlicher Gegenstände und b) räumlicher Distanz.
In Kapitel 7, „Stairway to Hotel California oder Starb John Denver, weil er den Teufel traf?“, widerlegt Oliver Fehn einmal mehr das alte Märchen vom satanischen „Backwardmasking“. Überflüssig.
Kapitel 8, „Das Zeichen im Gesicht der Schafe oder Satans neue Kampfstrategien für den Alltag“, beschäftigt sich primär mit dem Schließen von den physiologischen Merkmalen eines Menschen auf seinen Charakter. Diese recht spekulative Technik erfordert m.E. präzise wissenschaftliche Kenntnisse; Fehn allerdings versucht sich in einem eher laienhaften Rundumschlag. Insofern eine äußerst zweifelhafte Angelegenheit. Die sinnigste Anmerkung dieses Kapitels wäre noch, dass die Qualität eines Magiesystems sich nicht an den moralischen Überzeugungen seines Erschaffers bemisst.
Kapitel 9, „Die vier magischen Geheimnisse oder Wie wir zu vollautomatischen Göttern werden“, greift inhaltlich das zweite Kapitel wieder auf. Vom Standpunkt der Kausalität aus betrachtet, wirken wir alle permanent „magisch“, aber aufgrund unserer beschränkten Sinne erkennen wir nie das vollständige Potenzial, über welches wir verfügen. Unsere „Landkarte“ versperrt uns den Zugang zu etlichen Ressourcen. Durch die „magische“ Manipulation unseres Unterbewusstseins wird gemäß Fehns Paradigma dieser Missstand ausgeglichen und wir können das „Gewebe“ der Kausalität für uns arbeiten lassen. Die „vier magischen Geheimnisse“, welche Fehn in diesem Kontext vorstellt, lassen sich dabei im Grunde zu einem einzigen Prinzip zusammenfassen: Separation. Abseits von den Konventionen der homogenen Gesellschaft verfügt der Satanist über einen unabhängigen Raum, in welchem er sich sammeln und seine Eingriffe in das ökonomische System präzise planen kann.
Kapitel 10, „Jekyll, wo ist dein Hyde? oder Die Angst vor dem Bösen macht uns böse“, greift wiederum Kapitel 1 auf. Fehn analysiert den moralischen Umbruch, welcher im Deutschland der letzten Jahrzehnte erfolgt ist. Das Christentum (welchem ja sowieso eine Tendenz zur Säkularisierung innewohnt) ist inzwischen mehr oder weniger dem „Gutmenschen“ gewichen. Anstatt Probleme und Tabus direkt anzugehen, neigen die Gutmenschen zur „politisch korrekten“ Verdammung und Zensur – was eben jene Bedrohung durch das Heterogene erst |ermöglicht|. Robert Steinhäuser ist nicht Amok gelaufen, weil er SLIPKNOT gehört hat, aber in einer Gesellschaft, welche sich offen und ehrlich mit Gewalt auseinandersetzen würde, hätte ihm SLIPKNOT vielleicht genügend Kompensationsmöglichkeiten für seine Aggressionen geboten. Fehn fasst seine soziale Bestandsaufnahme folgendermaßen zusammen:
„Sucht euch die dümmste, stupideste Person im Lande, die den größten potentiellen Gefahrenherd darstellt – und gratuliert ihr. Sie ist der ungekrönte Herrscher über all unsere Gesetze, all unsere Entscheidungen.“
Für mich ein Highlight dieses Buches!
Kapitel 11, „Reservate der Fantasie oder Satans Heilmittel gegen Depressionen“, hingegen fällt wieder ab – es ist nichts als ein dreister Verschnitt aus LaVeys Essays „Ein Heilmittel gegen Melancholie oder Wie man D.P.s vermeidet“ und „Geschlossene Erlebniswelten – einige neue Vorschläge“. Kann im Original – nun, origineller nachgelesen werden. Für Satanisten kann dieses Kapitel allerdings ein Anreiz sein, sich mal etwas ausführlicher mit ihrer Kindheit zu befassen und diese als Ressource zu begreifen – frei nach Erich Kästner: „Nur wer erwachsen wird, und dennoch ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“
Kapitel 12, „Jeder Tag ein Fest in eurem Herzen! oder Die Satanischen Feiertage“, ist ein Katalog von Feiertagen, die alle irgendwie mit Satanismus in Verbindung gebracht werden können. Nett.
Kapitel 13, „In der Schule des Teufels oder Fundamentalsätze der niederen Magie“, vermittelt noch ein paar Tricks und Kniffe für den Alltagsgebrauch: 1. Wenn man vom Mob gemieden werden will, verpasse man sich absichtlich einen schlechten Ruf. (Meiner Erfahrung nach reicht es allerdings völlig aus, man selbst zu sein; das hält die Idioten mindestens genauso sicher fern.) 2. Wer sich über Bagatellen aufregt, möge sich die wirklich relevanten Probleme ins Gedächtnis zurückrufen (ja, klingt plausibel). 3. Mache Bekannten bewusst, dass deine Freundschaft auf Unabhängigkeit basiert (sehr wichtig). 4. Entferne falsche Freunde bzw. psychische Vampire aus deinem Leben (essenziell). 5. Sei ein Gentleman. Mit Höflichkeit erreicht man mehr als mit unkultiviertem Benehmen (korrekt, sofern man keine Perlen vor die Säue wirft).
Der Anhang des Buches gliedert sich in verschiedene Sektionen. Fehns Aphorismensammlung ist von recht schwankender Qualität. Mein Favorit: „Satanismus ist die einzige Religion, für die man zu dumm sein kann.“ Die „Hymnen“ braucht dagegen kein Mensch. „Satans Neues Testament“ ist ein pseudobiblischer Text aus Fehns Feder, welcher in der Tradition von Miltons „Paradise Lost“ steht. Ich finde den Text recht gelungen, aber Michael Aquinos „Diabolicon“ ist größtenteils noch um einiges besser. Die abschließenden FAQ haben sicher auch ihre Existenzberechtigung, aber jener Text, welcher sich an satanische Kids richtet, wird wohl höchst selten zu den richtigen Empfängern finden, vermute ich.
Unterm Strich hat Oliver Fehns „Schule des Teufels“ einen guten Eindruck bei mir hinterlassen. Man braucht das Buch natürlich nicht, wenn man sich bereits mit der übrigen Fachliteratur vertraut gemacht hat. Aber der eine oder andere Neuling wird hier vielleicht ein paar nützliche Impulse vermittelt bekommen. Ich erinnere mich dabei unweigerlich daran, was Marcel Reich-Ranicki einmal über Dietrich Schwanitz‘ „Campus“ gesagt hat:
„Ich bin für dieses Buch. Ich freue mich, daß ich es gelesen habe.“
Dan Simmons – Fiesta in Havanna

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Crichton, Michael – Timeline
In Arizona wird ein Mitarbeiter der Firma ITC aufgefunden, der im Krankenhaus unter mysteriösen Umständen stirbt. In seinem Besitzt befindet sich der Ausschnitt eines Grundrisses. In Frankreich arbeiten Archäologen in der Dordogne. Hauptsponsor der Ausgrabungen ist ITC. Als nun der Forschungsleiter, Professor Edward Johnston, den Grundriss zugespielt bekommt, erkennt er sofort, dass die Zeichnung zu einem Kloster gehört, das gerade erst ausgegraben wird. Es kann gar keine Pläne geben. Johnston fliegt in die USA und stellt seinen Geldgeber zur Rede.
Kurz darauf entdecken Johnstons Gehilfen und Studenten eine Kammer. Dort finden sie ein Papier aus dem Mittelalter, auf dem sich ein schriftlicher Hilferuf des Professors befindet – und eines seiner Brillengläser. Doch wie kann das sein? Etwas später setzt sich der Chef von ITC – Robert Doniger – mit den Leuten des Professors in Verbindung. Mittels der Quantentheorie ist es gelungen, eine Zeitmaschine zu entwickeln. Johnston unternahm einen kleinen Ausflug und ist seitdem verschollen.
Chris, Katherine und André reisen ihrem Professor hinterher. Doch im französischen Mittelalter geht einfach alles schief. Zusätzlich zerstört ein Unfall das ITC-Labor. Außerdem werden erst nach und nach einige Punkte offenbart, die Doniger im Vorfeld einfach unter den Tisch fallen ließ. Unter anderem befindet sich bereits eine Person der Gegenwart in der Vergangenheit und erweist sich als größter Feind der Rettungsmannschaft. Diese findet zwar Johnston, allerdings sind sie ständig auf der Flucht. Scheinbar will jeder die Fremden töten …
Michael Crichton ist vor allem durch seine verfilmten Romane bekannt geworden („Congo“, „Jurassic Park“ etc.). Auch „Timeline“ schlägt in diese Kerbe und wurde von Regisseur Richard Donner verfilmt. Doch zurück zu Crichtons Roman.
„Timeline“ ist spannend zu lesen, besitzt ein ordentliches Tempo und räumt mit einigen Vorurteilen über das Mittelalter auf. Michael Crichton hat ordentlich recherchiert, wie man auch den Quellenangaben entnehmen kann. Alleine der Auftakt des Romans ist gelungen. Hier gleitet der Bestsellerautor langsam von der Realität in die Fiktion, nimmt auch während des gesamten Romans schon mal Bezug auf Personen oder Firmen der Gegenwart. Dadurch gewinnt sein Roman auch an Glaubwürdigkeit. Leider besitzt der Roman auch viele Schwachstellen, über die Crichtons guter Ruf nur schwerlich hinwegtäuschen kann.
Alleine die Motivation Donigers ist sehr merkwürdig. Er steckt sein ganzes Geld – und das seiner Teilhaber – in ein Zeitreiseprojekt, um später authentische Freizeitparks eröffnen zu können. Na ja, etwas Dümmeres als Argument ist Crichton {nach dem „Jurassic Park“ – Anm. d. Lekt.} wohl nicht eingefallen, der Doniger eigentlich als cleveren Kopf in Szene setzt.
Die Zeitreise selbst wird vom Autoren auch recht verständlich erklärt. Der Mensch wird im Computer gespeichert, in der Gegenwart zerstört und in der Vergangenheit neu aufgebaut. Eine Vergangenheit, bei der es sich allerdings um ein Paralleluniversum handelt. Dadurch wundert sich der Leser nur, warum ein Paralleluniversum Einfluss auf unsere Gegenwart in Form eines Hilfebriefs und eines Brillenglases nehmen kann. Und egal wie ähnlich es in der parallelen Vergangenheit zugeht, authentisch wäre es nicht. Außerdem zerstört die Maschine den Körper des Reisenden. Nun, damit wäre die Person tot. Auch wenn sie woanders wieder aufgebaut wird, was ist mit der Seele und sämtlichen theologischen {und philosophischen – Anm. d. Lekt.} Fragen, die dadurch aufgeworfen werden? Doch darum kümmert sich Crichton erst gar nicht. Ein weiterer Gedankengang: Wenn der Mensch vorher gespeichert wird, warum muss er erst zerstört werden, um woanders wieder aufgebaut werden zu können? Tatsächlich könnte man ihn einfach kopieren. Crichton findet zwar eine Antwort, aber die ist sehr fadenscheinig.
Tatsächlich sieht der Roman aus, als wäre eine Filmvorlage gebraucht worden, die man schön umsetzen kann. Im Kino werden selten tiefer gehende Fragen gestellt, dort soll ein Film nur zwei Stunden lang unterhalten. Das Buch trägt dem Film Rechnung. Die Protagonisten sind nur am Laufen und es gibt ständig blutige Actionszenen. Und am Ende einen überraschenden Schluss.
„Timeline“ ist ein feiner Roman, der Spaß macht und kurzweilig unterhält. Aber es ist kein großer Schlag, sondern siedelt sich mehr im Mittelfeld an. Schade, hier hätte Crichton mehr von seinem Talent zeigen können. Der Stoff besitzt genug Potenzial, das leider verschenkt wurde. Trotzdem lesenswert.
_Günther Lietz_ © 2004
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/
Fetjaine, Jean-Louis – Vor der Elfendämmerung
„Vor der Elfendämmerung“ ist der Auftakt zu einer Trilogie, die auf eine außergewöhnliche Art die Artussage nacherzählt. Außergewöhnlich deshalb, weil es zunächst überhaupt nicht um Artus geht.
Der Zwergenkönig Baldwin kommt in die Hauptstadt des Königreiches Logres. Um einen Zwergenkönig, noch dazu einen so alten, dazu zu bewegen, seinen Berg zu verlassen, muss schon etwas Außergewöhnliches passiert sein. Doch der König gibt sich reserviert. Erst auf der Ratsversammlung des folgenden Tages lässt er die Katze aus dem Sack: Der Zwergenkönig Troin wurde ermordet. Von einem Elf! Elfenkönig Llandon und seine Königin Lliane fallen aus allen Wolken.
Eine Komission wird ausgesandt, bestehend aus zwei Elfen, zwei Zwergen und zwei Menschen mit jeweils einem Pagen, die den beschuldigten Elfen finden und zurückbringen sollen. Doch sie werden verfolgt, und schon bald lichten sich ihre Reihen. Wer ist der Verfolger? Und welches Ziel verfolgt er?
Während die Komission mit den Widrigkeiten der Reise kämpft, ziehen sich dunkle Wolken über der Hauptstadt Loth zusammen…
Wie gesagt, von Artussage ist noch nicht viel zu spüren. Lediglich die angedeutete Mythologie der Kelten, die das grobe Gerüst für die Geschichte stellt, sowie einige Namen – Gorlois, Uther, Igraine, Tintagel – deuten darauf hin, was der eigentliche Kern der Geschichte ist. Aber auch wirklich nur der absolute Kern! Der keltische Anteil ist mit den magischen Artefakten der Elemente – Kessel, Stein, Speer und Schwert – bereits erschöpft, und die Handlung ist frei von den gewohnten christlich-mittelalterlichen oder neuheidnischen Interpretationen. Dieses Buch ist Fantasy in Reinform.
Natürlich spielt das Christentum trotzdem eine Rolle, allerdings eine eher untergeordnete: die Mönche und Priester sind nicht, wie anderswo, Vertreter eines selbstständigen Machtfaktors, sondern reduziert auf Handlanger des Menschenkönigs. Religion ist in dieser Version kein Thema. Hier geht es um Macht:
Die Welt, die Fetjaine zeichnet, ist trist und trübselig. Verhangener Himmel, ständiger Nieselregen, Nebel, Kälte, graubraunes Gras, eintönige Ebenen, Leere. In den Sümpfen kommen außerdem noch Gestank und Mücken dazu. Überhaupt nicht geheimnisvoll. Nur deprimierend.
In diese Grundstimmung sind die Charaktere eingebettet. Zunächst die der Völker insgesamt: Elfen, Zwerge und Menschen. Seit der großen Schlacht gegen den Dunklen Herrn sind sie Verbündete. Doch der Bund steht auf äußerst wackligen Füßen. Die Zwerge, aufgrund ihrer Körpergröße empfindlich und von übertriebenem Ehrgefühl, hegen sowohl Verachtung als auch Misstrauen für die Elfen, und lassen sie das auch deutlich spüren. Die Elfenkönige wissen um diese Eigenschaften der Zwerge, doch die hitzköpfigeren von ihnen tun sich enorm schwer mit ihrer Selbstbeherrschung, zumal ein Teil von ihnen vor dem großen Krieg mit dem Dunklen Herrn grausame Verfolgung durch die Zwerge zu erdulden hatte. Dazwischen die Menschen, mit beiden Völkern freundschaftlich verbunden und stets damit beschäftigt zu vermitteln.
Der Tod des Zwergenkönigs Troin bringt die unsichere Allianz noch mehr ins Wanken. Die Zwerge beschuldigen die Elfen des Mordes und des Diebstahls eines silbernen Kettenhemdes, und fordern Genugtuung. Der Mörder soll bestraft werden. Die Elfen dagegen wollen zunächst den Beschuldigten finden und befragen, denn sie bezweifeln seine Schuld. Es gibt zu viele Ungereimtheiten, die die Zwerge jedoch nicht interessieren. Krieg droht!
Die Komission hat von vornherein schlechte Chancen, denn die Parteien spielen ein doppeltes Spiel. Die Zwerge haben verschwiegen, dass ihnen nicht nur ein zwar teures, aber im Grunde läppisches Kettenhemd gestohlen wurde, sondern auch Caledfwch, das Schwert der Göttin Dana, der Talisman des Volkes der Zwerge, der ihr Überleben garantiert: Excalibur. Sie haben den Erben des ermordeten Königs Troin als Pagen in ihre Gruppe eingeschmuggelt, und der fanatische Zwerg ist eine wandelnde Zeitbombe.
Die Menschen dagegen haben auf diese wichtige Mission zwei ihrer jüngsten und unerfahrensten Krieger mitgeschickt. Während diese auf dem Weg nach Norden sind, verwandelt sich die Stadt Loth ganz allmählich in ein Heerlager.
Und keiner der Angehörigen der Komission weiß, dass auch noch die Gilde ihre Finger im Spiel hat, die Gilde der Diebe und Mörder.
Irgendjemand rüttelt ganz gehörig an den Grundfesten der bestehenden Ordnung, und zwar mit Absicht. Das wird im Laufe der Handlung immer deutlicher, und es wird auch deutlich, wer da rüttelt. Allmählich wird die Reise der Komission zu einem Wettlauf mit der Zeit.
Wir haben hier also sozusagen die Vorgeschichte zur Vorgeschichte der eigentlichen Sage vor uns. Das zeigt sich allerdings hauptsächlich am Anfang und am Ende der Geschichte, wo Merlin das erste Mal ernsthaft auftaucht und die Geburt Morganas voraussagt, der Tochter von Uther und Lliane.
Dazwischen haben wir eine Handlung, die davon völlig unabhängig, aber durchaus interessant angelegt ist. Die Komission schleppt aufgrund ihrer Zusammensetzung die schwelenden Konflikte der Völker mit sich herum, die im Laufe der Reise immer stärker an die Oberfläche dringen, parallel dazu eskaliert die Sache auch auf höherer Ebene. Allerdings fehlt dem Ablauf der Geschehnisse der Schwung. Es ist, als hätte die trübe Grundstimmung des Buches dem Autor so aufs Gemüt geschlagen, dass er den Handlungsverlauf nicht mehr vorantreiben, sondern nur noch mitschleppen konnte. Die Spannung bleibt dabei fast völlig auf der Strecke.
Was deutlich rüberkommt, sind die Stimmungen, sowohl die Tristesse der Landschaft, als auch das bunte und gefährliche Treiben in der Stadt der Gnome. Die Charaktere der verschiedenen Völker sind gut herausgearbeitet, wenn auch die Vorstellung von blauhäutigen Elfen etwas gewöhnungsbedürftig und die Darstellung der Zwerge manchmal ein wenig übertrieben ist und damit ins Klischeehafte abzurutschen droht. Aber das reicht nicht.
Die Charaktere der handelnden Einzelpersonen bleiben ziemlich blass und ohne Tiefe, von ihren Gedanken erfährt man nichts. Soziale Strukturen und geographische Gegebenheiten sind nur skizziert. Schade, daraus hätte man mehr machen können!
Zwar ist das gesamte Potenzial von Fetjaines Entwurf längst nicht ausgeschöpft: Merlin kam bisher nur am Rande vor, die Dämomen ebenso, und am Ende des Buches weiß nur der Leser, wer die Intrige wirklich angezettelt hat. Allerdings neigen Fortsetzungen auch bei einem schwachen Anfang nicht unbedingt zur Steigerung, mein Interesse an den Folgebänden hält sich deshalb in Grenzen.
Sprachlich gesehen ist das Buch nicht schlecht. Fetjaine schreibt kompakt, aber elegant. Seine Sätze sind lang und voller Nebensätze, aber nicht verschachtelt. Insgesamt liest es sich sehr angenehm. Allerdings wären gelegentliche Absätze hilfreich. Wenn mitten im Text plötzlich aus dem Blickwinkel einer anderen Person erzählt wird, sorgt das kurzzeitig für Verwirrung.
Das Lektorat ist ganz in Ordnung. Außer einem gröberen Schnitzer sind mir nur zwei kleinere Tippfehler aufgefallen. Auch das Cover des Buches finde ich recht gelungen. Der Vergleich mit Tolkien dagegen hinkt wieder mal! Fejaines Elfen haben keinerlei Ähnlichkeit mit Tolkiens Elben, genausowenig wie die Menschen. Seine Gnome kommen bei Tolkien überhaupt nicht vor. Magie ist viel seltener und auch anders. Und Fetjaines Welt ist keine erfundene, sie ist die wirkliche Welt aus einer anderen Sicht heraus. Man hüte sich also vor falschen Erwartungen. Das betrifft auch alle, die vom Blickwinkel der Artussage aus an das Buch herangehen. Der Autor selbst hat seine Geschichte als Elfentrilogie bezeichnet, und das ist gut so.
Jean-Louis Fetjaine studierte Philosophie und mittelalterliche Geschichte und arbeitete dann als Journalist und Verleger. Er hat mehrere humoristische Bücher veröffentlicht, bevor er sich mit seiner Elfentrilogie der Fantasy zuwandte. Der zweite Band ist unter dem Titel „Nacht der Elfen“ erschienen, der dritte Band trägt den Titel „Stunde der Elfen“. Im Oktober dieses Jahres erscheint „Der Weg des Magiers“. Im Original trägt das Buch den Titel „Le pas de Merlin“, die Vermutung liegt also nahe, dass es zumindest mit der Trilogie in Verbindung steht. Nichts Genaues war dazu aber nicht zu finden, ebensowenig eine Homepage des Autors.
Pernice, Ingolf / Walter-Hallstein-Institut für Europäisches Verfassungsrecht (Hrsg.) – europäische Verfassung im globalen Kontext, Die
Die europäische Verfassung im globalen Kontext
Wenn Europa weltpolitisch mitreden will, geht der Weg an einer Verfassung nicht vorbei. Europa will mit einer Stimme sprechen, aber die Realität erscheint ganz anders.
Der Irak-Krieg zeigte das drastisch. Von den drei Großen waren Deutschland, Frankreich und Russland (wenngleich Letztere allerdings nicht zur EU gehörend sind) antiamerikanisch (im Sinne des derzeitigen außenpolitischen Kurses der US-Regierung). England dagegen war völlig auf Kurs mit den USA und zeigte dies durch einen sehr überraschenden Paukenschlag mit einer gemeinsamen Erklärung von vier weiteren EU-Regierungschefs (Dänemark, Italien, Portugal, Spanien) zur Unterstützung der amerikanischen Irak-Politik, dem sich sogar drei weitere Regierungschefs aus den damals noch nicht angehörenden Beitrittsländern Polen, Tschechien und Ungarn anschlossen. Damit war Europa politisch gespalten und keine wünschenswerte einheitliche Linie mehr vorhanden.
Die Initiative für eine Verfassung ging von Deutschland aus. Im deutschen Bundestag wurde 1995 die Idee einer europäischen Charta behandelt und von 1999 bis 2000 wurde unter Bundespräsident Roman Herzog die Grundrechtcharta vorgelegt. Gerade diese Menschenrechte stoßen auf Blockaden, England kennt in seiner nationalen Verfassung keine Menschenrechte und wehrt sich vehement, solche in eine europäische Verfassung aufzunehmen. In Nizza war im Dezember 2000 die Grundrechtcharta zwar schon feierlich verkündet worden, ist aber nicht rechtsverbindlich. Ungeachtet dieser Tatsache wird sie von der europäischen Gerichtsbarkeit bis hin zum Europäischen Gerichtshof seitdem angewandt. Juristisch sehr zweifelhaft. Interessant im Buch sind auch viele Beispiele darüber, was da bislang überhaupt vor dem Gericht verhandelt wurde, denn der europäische Bürger bekommt davon ja überhaupt nichts mit. Dass Grundrechte in eine Verfassung gehörensollte – abgesehen von der englischen Position – keine Frage sein, denn schon bei der Aufnahme neuer Mitgliedsstaaten sollte man doch wissen, ob diese bereit sind, grundlegende Menschenrechte anzuerkennen. Konkretes Beispiel sind die derzeitigen Beitritsverhandlungen mit der Türkei. Da muss es um die Abschaffung der Todesstrafe, das Verbot der Diskriminierung von Minderheiten oder das Folterverbot und um Selbstverständlichkeiten wie Rundfunk- und Pressefreiheit gehen – nur um ein paar Rechte aus der Grundrechtcharta zu nennen. Eine Verfassung, die keine Grundrechte garantiert, sollte den Namen „Verfassung“ gar nicht verdienen.
Eigentlich sollte die Verfassung mit dem historischen Eintritt der zehn Ostblockländer im Mai 2004 schon eingeführt sein, aber dies ist nicht der Fall. Sieht man sich die Diskussionen – in welche die Bürger nicht einbezogen sind – an, gleicht auch alles einer Farce. Dies zeigt sich an einfachen Sätzen, die in diesem eigentlich seriösen Buch eher einer Satire gleichen:
|“Bei der Konstituierung des Konvents prägte der Konventspräsident Giscard d`Estaing den unbestreitbar richtigen, eindrucksvollen Satz: ‚Der Konvent ist der Konvent‘. Dies lässt sich nicht bestreiten und zeigt, dass es gelegentlich die Notwendigkeit gibt, unterschiedliche Perspektiven zu erkennen und sich gegenseitig zu überzeugen.“|
Bei der Diskussion zur Europäischen Verfassung lohnt sich ein Vergleich zur Verfassung der Vereinigten Staaten, da diese verschiedenen Staaten durchaus – wenn auch anders als im Vergleich zu Europa – ähnliche Beweggründe hatten. Bis diese sich letztlich durchsetzen konnte, war übrigens auch ein Prozess vonnöten, der fast hundert Jahre andauerte. Die Unabhängigkeitserklärung von Thomas Jefferson 1776 beendete das Joch von der englischen Krone, ähnlich will sich Europa heute wohl wiederum von der Vormachtstellung der USA lossagen, weswegen die USA das „alte Europa“ sehr argwöhnisch beäugen. Die Grundfragen, die es bei einer Verfassung zu beachten gibt, sind denen der USA von vor nunmehr 215 Jahren also ähnlich. Der große Unterschied ist allerdings, dass Europa kein Klon der USA werden will. Genau wie damals ist aber längst nicht vorhersehbar, wo künftig die geographischen Grenzen Europas überhaupt einmal sein werden.
Vorbildhaft am Beispiel USA allerdings wäre bereits deren Grundrechtekatalog |Bill of Rights| von 1791, der sehr demokratisch eingeführt wurde und ein Dokument der amerikanischen Bürger darstellt. Im Gegensatz zur europäischen Diskussion, von denen die Bewohner der Nationalstaaten überhaupt nichts inhaltlich mitbekommen und wo die Verantwortlichen an der Realisierung arbeiten, als wären sie in einem „Geheimbund“.
Eine europäische Identität ist aber auch durchaus etwas anderes bei all der kulturellen und sprachlichen Vielfalt. Wir Europäer sprechen keine einheitliche Sprache und sind stolz auf eine „Einheit in der Vielfalt“. Keine Kultur darf dominieren, um das demokratische Miteinander zu gewährleisten. In den USA sprachen eigentlich alle schon hauptsächlich englisch. Diese sprachliche und kulturelle Problematik wird aber auch in einem künftigen Amerika kommen. Um 1900 waren noch 90 % aller Amerikaner europäischer Abstammung (davon 25 % deutsch) und das ist mittlerweile auf 70 % gesunken. 90 % der jetzigen Einwanderer kommen aus dem spanisch sprechenden Raum. Kalifornien hat keine weiße Mehrheit mehr und Texas wird in 20 Jahren mehrheitlich spanisch sprechen.
Angst machen den USA der eingeführte Euro und auch eine eventuelle europäische Armee, die die NATO schwächen könnte. Andererseits blickt man aber auch mit Interesse und Respekt auf die europäischen Bemühungen. Es stehen ja tatsächlich auch konkrete Bestrebungen dahinter, die UNO, welche keinen Frieden organisieren kann, und die WTO, die keine Gerechtigkeit organisieren kann, mit europäischen Ideen zu reformieren.
Ganz unterschiedliche Meinungen gibt es zum Amt eines europäischen Präsidenten. Tony Blair (England) will einen Superpräsidenten wie in den USA. Deutschland will diesen nicht, schon gar nicht von einem obskuren europäischen Rat am Ende gegen den Bürgerwillen eingesetzt. Giscard d`Estaing (Frankreich) will einen Wahlkongress für den Präsidenten mit dem gesamten Europarat und gleich vielen Abgeordneten der angeschlossenen Nationalstaaten. Personalentscheidungen aus einem Kongress mit über 1.400 Mitgliedern zu treffen, dürfte sehr schwierig werden.
Information über all diese Dinge bleibt wichtig, und mitreden zu können, sollte auch möglich sein. Ein Blick ins Internet auf das |Institut für Europäisches Verfassungsrecht| lohnt, um aktuell zu bleiben: http://www.whi-berlin.de
_Ingolf Pernice / Walter-Hallstein-Institut für Europäisches Verfassungsrecht (Hrsg.)
[Die europäische Verfassung im globalen Kontext]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/383290512X/powermetalde-21
Forum Constitutionis Europae – Band 5
136 S., Pb., NOMOS 2004
ISBN 3-8329-0512-X _
Reginald Hill – Ins Leben zurückgerufen
1963 starb auf dem Landsitz von Lord Ralph Mickledore Pamela, Gattin des US-amerikanischen Diplomaten James Westropp, durch einen Schrotschuss in die Brust. Als Täter identifizierte der mit dem Fall beauftragte Superintendent Tallantire Sir Ralph höchstpersönlich, der mit der Verstorbenen ein Verhältnis unterhielt. Mickledore fand für seine Bluttat eine Komplizin: Cecily Kohler, das Kindermädchen der Westropps, war angeblich ebenfalls die Geliebte des Lords und diesem hörig.
Sir Ralph wurde kurz vor der Abschaffung der Todesstrafe 1964 gehängt. Noch unter dem Galgen hatte er seine Unschuld beteuert. Cecily Kohler verbüßte eine lange Haftstrafe. Nie gelang es, die ganze Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, denn unter den Gästen befanden sich an dem verhängnisvollen Wochenende auf Mickledore ein Minister, zwei hochrangige Diplomaten sowie ein reicher und spendabler Geschäftsmagnat – Männer, die alle Hebel in Bewegung setzten, sich aus dem Ermittlungsverfahren zu stehlen. Reginald Hill – Ins Leben zurückgerufen weiterlesen
Stephen King: Wolfsmond (Der Dunkle Turm 5)

Blick auf ein neues Europa
Der größte Umbruch in der Europäischen Union stand mit der Eingliederung der ehemaligen Ostblock-Staaten bevor, als Hofbauers „Osterweiterung“ erschien, und dies wurde und wird in allen Medien ohne Ausnahme als positives Ereignis kommentiert. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, das auch die Schattenseiten aufzeigt. Die nachfolgenden Darstellungen sind aus zeitlicher Perspektive der Veröffentlichung formuliert, liegen also vor den kürzlichen Neubeitritten in die EU.
Die heutigen Humanisten wissen, dass der Name „Europa“ auf die von Zeus entführte Tochter des Phönix zurückgeht. Dabei ist die Herkunft des Namens eigentlich noch viel älter und entstammt nicht der griechischen Mythologie. Etymologisch leitet sich der Name vom assyrischen |erp| ab, was soviel wie „düster, dunkel, finster“ bedeutet: wo die Sonne untergeht. „Asis“ nannten dem gegenüber die Assyrer das Helle, Leuchtende: wo die Sonne aufgeht, Asien. Genauso sprechen wir auch heute noch vom Abendland, wo die Sonne untergeht, und vom Morgenland, wo sie aufgeht.
Die ersten Ambitionen für ein großes Reich hatten die Römer, die den Lîmes als Grenzwall bauten, und innerhalb lebten die „zivilisierten“ römischen Bürger und außerhalb die „Barbaren“. Ihr Reich erstreckte sich vom Norden Englands über Belgien und Süddeutschland entlang der Donau bis ans Schwarze Meer und den Dnjestr. Als die Römer an Bedeutung verloren, bekam die Idee religiösen Charakter und wurde vom christlichen Denken als Maßstab bestimmt, in all den Jahrhunderten immer voran auch von den Deutschen mit ihrem „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“. Gespalten wurde dieses Reich 1054 durch das große Schisma, das die Kirche in einen lateinisch-römischen und einen griechisch-orthodoxen Lebensraum spaltete.
Dies genügt an dieser Stelle für das Wesentliche aus der Vergangenheit, im Buch selbst wird die Historie wesentlich detaillierter dargestellt. Interessant, um das jetzige Geschehen einschätzen zu können, ist hier nur die jüngere Vergangenheit. Nachdem der Expansionsdrang der Deutschen mit dem Zweiten Weltkrieg erst einmal wieder beendet war, wurde im Zuge des Kalten Krieges mitten in Europa eine imaginäre Mauer gezogen. Treibende Kraft dafür waren die USA, die Russen unter Stalin wollten eigentlich dem entgegen arbeiten und 1949 zur Gründung der NATO ersuchte Russland noch die Aufnahme. Auch wollte Russland nie die Teilung Deutschlands, und 1952 machte Stalin noch das Angebot, auf seine Besatzungszone zu verzichten, um Deutschland als Ganzes politisch zu neutralisieren und damit zu vereinen. Dies wurde vom Westen komplett ignoriert und zurückgewiesen. Die USA hat kräftig die westlich europäischen Länder aufgerüstet und investiert, aber davon auch so profitieren können, dass es durch die Kreditzinsen wirtschaftlich gut voranging.
Dass der Ostblock dann 1989 zusammenbrach, lag nicht am System, sondern daran, dass die dortigen Völker nicht mehr mithalten konnten. Vor allem die Computertechnologie, die diese nicht hatten und die den westlichen Unternehmen all ihre Einsparungen möglich machte, brachte das Aus für den Kommunismus. Die letzte sozialistische Regierung Ungarns wurde durch einen von Otto Habsburg, dem Sohn des 1918 abgedankten Monarchen Karl, vermittelten 500 Millionen DM-Kredit aus Bonn eingekauft und dafür machten sie 1989 die Grenzen nach Österreich auf. Millionen DDR-Bürger wurden erwartet und große Flüchtlingslager eingerichtet, aber es waren dann nur wenige Tausend – trotzdem wurde das spektakulär vermarktet. Die Durchreise nach Bayern war generalsstabsmäßig geplant. So gut wie alle von diesen hatten bereits ihre Arbeitsverträge mit bayrischen und baden-württembergischen Unternehmen in der Tasche. Nach und nach brach damit der ganze Ostblock zusammen. Wohin dieses für ein halbes Jahrhundert scheinbar verloren gegangenes Osteuropa „heimkehrte“, wurde erst später deutlich: in einen von Krisen und Kriegen arg in Mitleidenschaft gezogenen Kontinent, wie er vor der kommunistischen Zwangsmodernisierung bestanden hatte. In Jugoslawien, Albanien, Moldawien und Teilen Russlands kehrte der Krieg nach 45-jähriger Unterbrechung wieder auf die politische Bühne zurück. Und das übrige Europa wird von wirtschaftlichen Krisen gebeutelt, im Osten nun freilich noch um ein Spürbares höher als im Westen.
Die Revolution, von der gesprochen wird, ist ein Mythos. Die DDR wurde einfach mit Stumpf und Stiel ausradiert. Die anderen Länder, die über eine nationale Identität verfügten, schreckten nicht vor inszenierten Falschmeldungen zurück. In Prag präsentierte das Bürgerforum einen von Sicherheitskräften Erschlagenen. Das war im Westen tagelang der Headliner, derjenige dagegen, der am gleichen Tag in Göttingen bei einer antifaschistischen Demo von prügelnden Polizisten unter die Räder eines PKW getrieben wurde und verstarb, wurde kaum wahrgenommen. Später stellte sich heraus, dass es einen Toten in Prag gar nicht gegeben hatte. Auch Havels kometenhafter Aufstieg vom Dramaturgen zum Republikgründer ist Teil einer Inszenierung, die aus drei Massenkundgebungen und zwei Stunden Generalstreik eine Revolution gemacht hat.
Noch krasser ist der Widerspruch zwischen Mythos und Wirklichkeit in Rumänen. 1989 verfolgte unter dem Weihnachtsbaum die christliche Welt mit Genugtuung die Hinrichtung des Ehepaars Ceausescu, weil sie das für gerecht für einen solch blutrünstigen Dracula hielt. Tage zuvor sah man nämlich zehntausend bestialisch ermordete ungarischstämmige Rumänen in den Nachrichtenbildern. Als sich später die ganze revolutionäre Aufregung gelegt hatte, kam heraus, dass die gezeigten Leichen keine Revolutionsopfer waren, sondern Spitaltote, die mit Geld bestochene Wärter aus dem krankenhauseigenen Friedhof ausgruben und revolutionär drapierten. Es gab keine zehntausend Tote. 96 Tote waren lediglich registriert. Nur als Vergleich: Beim zeitgleichen Überfall der USA auf Panama gab es 7.000 tote Panamesen. Ceausescu wollte im Gegensatz zu den Präsidenten wie Honecker, Husak und Schivkoff, die für ihre Länder keine wirtschaftliche Perspektive mehr sahen, einfach nicht das Feld kampflos räumen. Denn er hatte gerade einen großen wirtschaftlichen Triumph gefeiert. Zehn Jahre lang hatte er seinem Volk die härtesten sozialen Bedingungen des Internationalen Währungsfonds aufgebürdet, um sämtliche Auslandsschulden zurückzahlen zu können. Im April 1989 war Rumänien als einziges Ostblockland schuldenfrei. Zu spät, denn ringsherum begann sich der osteuropäische Wirtschaftsraum aufzulösen. Als einziger politischer Führer der ehemaligen Ostblockstaaten wurde der rumänische KP-Chef am weströmischen Christtag 1989 hingerichtet.
Die ganzen ehemaligen Ostblockländer stehen heute unter einem sozialen Schock, was natürlich verschwiegen wird. Nach Statistiken der UNICEF stieg die Sterberate in diesen Ländern von 1989 bis 1997 um 12 Prozent. Betroffen sind eher Männer als Frauen und vor allem Arbeiter im Alter von 35 bis 49 Jahren. Teile einer im Kommunismus großgewordenen Generation haben die wirtschaftliche Krise nach der Wende und deren heftigen sozialen Auswirkungen nicht verkraftet. Dass der westliche Kapitalismus drei Millionen Menschenopfer brachte, wird nicht bekannt gegeben. Im selben Zeitraum sanken die Geburtsraten aus Zukunftsangst um 20 Prozent. Demographische Katastrophen dieser Art wirken sich erst nach mehreren Jahrzehnten drastisch aus, wenn es dann in den peripher-kapitalistischen künftigen Gesellschaften darum gehen wird, Alterssicherung für jene sicher zu stellen, die die Wende überlebt haben.
Dass das kommunistische System an sich versagt hätte und deswegen von innen her zusammenbrach, ist ein Mythos. Den Menschen im Ostblock geht es heute noch weit schlechter als zu den Zeiten vor 1989. Sämtliche nationale Statistiken wiesen bereits in den ersten Jahren nach der Wende zweistellige Einbrüche des Bruttoinlandprodukts auf. Pro Kopf liegt es weit unter den EU-Werten. Auf dem fiktiven BIP-Konto hat jeder Deutsche 25.000 Euro, jeder Pole 4.600, jeder Ungar 5.100, jeder Balte 3.000 und jeder Bulgare sogar nur 1.500 Euro. Das angebliche Reformjahrzehnt ist ein einziges Desaster. Lohnabhängige und Rentner wurden enteignet und die großen ausländischen Konzerne gingen als Gewinner der Transformation hervor. Die Schrumpfung von Sparguthaben durch Hyperinflation sowie die Streichung von Arbeitsplätzen mittels Privatisierung und Schließung von Betrieben zählten zu den effektivsten Formen des sozialen Raubs.
Die Verschuldung der Regierungen im Westen ist enorm. IWF und Weltbank geben die groben Linien vor. 165 Milliarden US-Dollar umfassen die Schulden bei westlichen und amerikanischen Banken, Russland weist dazu weitere 160 Milliarden US-Dollar Auslandsschuld auf. Rumänien hat seine Verschuldung aus den Achtzigerjahren, die während der Herrschaft von Nicolae Ceausescu abgebaut worden war, nach wenigen Wendejahren wieder erreicht. Das große Druckmittel sind nun die Verschuldung und die Bereitschaft zur Anpassung im Hinblick auf den EU-Beitritt. Das ist alles nicht aufzubringen und wird nichts in diesen Ländern verbessern. Bei solchen Schuldenhöhen und circa 12 Prozent Zinsen wird der jährliche Kaptitalabfluss aus dem Osten beträchtlich sein. Das Kapital fließt also, entgegen der medialen und politischen Suggestion, Jahr für Jahr von Ost nach West. Daran ändern auch die groß angekündigten Hilfen für Osteuropa nichts. Das von Brüssel ausgeschüttete Programm für die EU-Beitrittskandidaten betrug ja gerade mal 11 Milliarden Euro. Ein wirtschaftliches Aufholen in den Ostblockländern ist völlig unmöglich.
Seit 1945 wurde Europa nicht von demokratischer, sondern ausschließlich durch wirtschaftliche und militärische Integration geprägt, sowie teilweise durch die noch bestehenden monarchistischen Kreise in Holland, Luxemburg, Belgien, Dänemark, Spanien und Großbritannien. Der Vertrag von Maastrich 1992 über eine „Europäische Union“, den damals zwölf Staaten unterschrieben, veränderte den Charakter Europas. Brüssel war zum Zentrum der politischen Macht geworden.
Im Dienste der großen, nach Markterweiterung und Marktvereinigung strebenden europäischen Konzerne häuft die von keiner Volkswahl oder ähnlichem demokratischen Akt belastete EU-Kommission Kompetenzen an, die weit jenseits derer der Regierungen jedes einzelnen Teilnehmerstaates liegen. Tausende nationaler Normen in so gut wie allen Branchen werden aufgehoben, auf dass europaweit agierende Konzerne in einer Wirtschafts- und Währungsunion produktionstechnisch rationalisieren und damit Kosten sparen bzw. Gewinne maximieren können. Von heute auf morgen bestimmten der EU-Rat und Kommissare des Brüsseler Großraums über die Finanz- und Währungspolitik, Wirtschaft, Außen- und Innenpolitik, Agrarpolitik sowieso auch über Verkehr, Forschung und Entwicklung, Bildung und Justiz. Im nationalen Rahmen blieben im Grunde nur noch die Kulturpolitik und Teilbereiche der Beschäftigungs- und Sozialpolitik sowie der Justiz und Innenpolitik. Brüssel bestimmt den wirtschaftspolitischen Spielraum der nationalen Regierungen und der ist denkbar eng. Mittlerweile wacht auch die Europäische Zentralbank über den EURO als eingeführte gemeinsame Währung. Die Finanzminister der nationalen Mitgliedsstaaten stehen in der Rolle von Erfüllungsgehilfen einer restrektiven Budgetpolitik, deren Ziel es ist, den Konzernen Investitionssicherheit im Großraum herzustellen. Für Sozial-, Wohnungs-, Gesundheits- und Rentenpolitik fehlt dann logischerweise das Geld. Der Nationalstaat verliert Zug um Zug seine Existenzberechtigung.
Die Bevölkerungen Europas waren in heftigem Widerstand gegen eine solcherart Europäische Union, der nur unter Einsatz aller Mittel der Propaganda gebrochen werden konnte. Dänemark lehnte ab, aber bei Nachbefragung kam es zu einer knappen Mehrheit. Auch Frankreich stimmte nur mit einer hauchdünnen Mehrheit. Typischerweise entschieden die Deutschen über das Bundesverfassungsgericht. In Großbritannien blockierten die Konservativen. Die einzigen Länder, die still hielten, waren die ärmeren südlichen Staaten. Gleich nachdem die wirtschaftliche Struktur der neuen Supermacht stand, legte die Kommission 1993 bereits die Beitrittsbedingungen für die Ostblockstaaten fest, ohne dass von diesen überhaupt ein Antrag gestellt worden war. Die in den Beitrittserklärungen formulierte Definition von Demokratie hat aber nichts mit Volksherrschaft zu tun, sondern versteht darunter ein fest in der Hand der europäischen Kapitalgruppen befindliches Medien- und Parteiensystem, das sich dem Kapitalismus verpflichtet fühlt. Osteuropäische Parteien und Präsidenten, selbst wenn demokratisch von ihren Bevölkerungen mehrheitlich gewählt, gelten, sobald sie den Kapitalismus kritisieren, als nicht demokratisch. {Man betrachte dazu die verschiedentlich geäußerten US-amerikanischen Ansichten über den Begriff „Demokratie“. Zudem ist die Lektüre der neuen EU-Verfassung in Bezug auf die Wertstellung von demokratischen gegenüber marktwirtschaftlichen Aspekten sehr erhellend. – Anm. d. Lektors}
Die EU kostet die Mitgliedsstaaten eine Menge Geld. Deutschland ist dabei der größte Nettozahler und bestreitet 30 Prozent der gesamten Beitragszahlungen. Ein beträchtlicher Teil davon fließt in die vorbereitende Integration der beitrittswilligen Länder, aber nicht etwa an die Menschen dort. Die Gelder kommen den größten westeuropäischen Konzernen zugute, z.B. Volkswagen für die logistische Unterstützung der Investitionen in Tschechien und Fiat für Selbiges in Polen.
Die „großen“ Nationen begriffen recht schnell, dass sie zusammenarbeiten müssen, wenn sie die Macht innerhalb eines Großeuropas wollen. Nachdem sich 1989 zeigte, dass Deutschland den 2. Weltkrieg doch nicht so eindeutig verloren hat, wie man in den Jahrzehnten nach 1945 annahm, reichte Frankreich dem einstigen Kriegsgegner aus Einsicht in die neuen Machtverhältnisse die Hand. Deutschland und Frankreich zettelten gemeinsam die europäische Verfassungsdiskussion an. Die Beitrittskandidaten werden regelmäßig geladen und geprüft. Das verläuft nach dem sportlichen Muster einer Superstar-Gewinnshow – es werden Pluspunkte bei Übernahme vergeben und Minuspunkte bei kritischen Äußerungen. In diesem sogenannten „Screening“-Verfahren fallen die Nationen im Rennen vor und zurück und die einzelnen osteuropäischen Staaten stehen dabei im Konkurrenzkampf. Verhandlungen finden mit keinem der Beitrittsbewerber statt. Für diese geht es nur darum, den gesamten Bestand an Rechtsvorschriften und kapitalistischer Norm zu übernehmen, während die EU-Spezialisten das Gelingen dieser Maßnahme überprüfen. Rumänien und Bulgarien haben vorerst dieses Spiel verloren. Die Gewinner für Mai 2004 sind Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn und Zypern. Dass das als Demonstration eines europäischen Friedens propagandagerecht beworben wird, ist reiner Zynismus. Der Krieg als Mittel der Politik ist nach Europa zurückgekehrt. Soldaten aus der EU und den USA sind in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo und Mazedonien im Einsatz. Die Erweiterung der NATO Richtung Osten bringt US-amerikanisches, deutsches und britisches Militär in Stellung. Jetzt, wo die Soldaten aus den EU-Ländern auf dem Balkan, in Afghanistan und demnächst in einer Reihe anderer Länder und Regionen der Welt stationiert sind, kehren angeblich „Frieden, Demokratie, Stabilität und Wohlstand auf unserem Kontinent“ ein.
Nach diesem Abriss, der nur ein Drittel des Buches erfasst, folgen die Zustandsanalysen der neu hinzukommenden Beitrittsländer. Auf diese einzugehen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, aber er ist auch nicht als Ersatz zum Lesen des Buches gedacht. Auffallend sind in allen Ländern das gleiche Muster der erfolgten Übernahme der bedeutendsten wirtschaftlichen Sektoren durch westeuropäische Eigentümer, die einseitige Ausrichtung des Außenhandels, die De-Industrialisierung ganzer Regionen und damit das extreme Auseinanderdriften von Reich und Arm in regionaler und sozialer Hinsicht.
_Hannes Hofbauer
[Osterweiterung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3853711987/powermetalde-21
Vom Drang nach Osten zur peripheren EU-Integration
Pb., 239 S., ProMedia, 2003
ISBN 3-85371-198-7_
|Dieser Essay erschien zuerst im alternativ orientierten Magazin [AHA.]http://www.aha-zeitschrift.de|
Edward Gibbon – Verfall und Untergang des Römischen Imperiums (erstmals vollständig übersetzt in 6 Bänden)
Die vorliegende Ausgabe enthält in fünf Bänden die Kapitel I-XXXVIII bis zum Ende des Römischen Reiches im Westen einschließlich der ›Allgemeinen Betrachtungen über den Untergang des Reiches im Westen‹ sowie sämtlicher Fußnoten, Nachweise und Anmerkungen des Autors. Damit liegt dieser Teil von Gibbons Werk zum erstenmal seit 1837 ungekürzt und in einer neuen, zeitgemäßen Übersetzung vor.
Der sechste Band der dtv-Ausgabe enthält ausführliche Informationen zu Leben und Werk des Autors und zur Rezeptionsgeschichte sowie Bibliografie und Register.
Die Ausgabe entspricht den Bänden 1-3 des Gesamtwerks, die zuerst zwischen 1776 und 1781 in London veröffentlicht wurden. Gibbon betrachtete das Werk hiermit zunächst als abgeschlossen und wollte eine Fortsetzung von der Reaktion der Öffentlichkeit abhängig machen. (Verlagsinfo)
Edward Gibbon – Verfall und Untergang des Römischen Imperiums (erstmals vollständig übersetzt in 6 Bänden) weiterlesen
RatCon 2003
|Um die Wartezeit bis zur Ratcon dieses Jahres für alle Rollenspiel- und Fantasybegeisterten mit nostalgischem Verzücken zu versüßen, sei an dieser Stelle ein Bericht der Vorjahresveranstaltung als Appetithappen präsentiert. Dieser Con-Bericht wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht, dem großen deutschsprachigen Onlinemagazin für Fantasy, Science-Fiction, Horror und Rollenspiele.|
Die |RatCon| 2003 liegt zum Zeitpunkt, da ich dies schreibe, einen Tag hinter mir – Zeit für einen Bericht, der für alle Nicht-Con-Gänger die wichtigsten Ereignisse einigermaßen gerafft und schnell liefert, ohne nur aus Stichworten zu bestehen.
Die von |FanPro| in Dortmund ausgetragene Veranstaltung war – wie auch die Jahre zuvor – ein voller Erfolg: Schon Freitag am Spätnachmittag stand der doch nicht allzu kleine Platz vor dem Fritz-Henßler-Haus gerammelt voll mit Rollen- und Tabletopspielern, und meinen Nachfragen zufolge fanden sich unter diesen sogar einige, die es hier erst werden wollten. Mein Diktiergerät nahm Phrasen wie: „Ich bin hier wegen dem Rollenspiel, aber hauptsächlich wegen der vielen Freunde und Bekanntschaften aus der Internetszene, die ich hier treffen werde“ oder „Rollenspiel, Freunde, Spaß pur!“ auf, und ich versprach mir ein schönes, sonniges Wochenende. Denn auch der Wetterbericht spielte mit: Auch am Abend und in der Nacht sanken die Temperaturen nicht groß unter die noch T-Shirt-freundlichen 15 Grad, am Tag musste man häufig Schatten suchen, um es länger draußen (z. B. für eine der Spielrunden, die im Inneren keine Plätze mehr fanden und deshalb nach außen verlagert wurden) aushalten zu können.
Ebendiese Spielrunden fanden sich auch sehr schnell zusammen, sodass ab knapp nach Eröffnung um 18 Uhr bis abends (ca. 23 oder 24 Uhr) keine freien Spieltische mehr über das zentrale Vergabesystem zu beziehen waren – bis dahin beschäftigte man sich mit dem Treffen alter Bekannter (überall bildeten sich die Community-Menschenringe), dem Ausrollen von Schlafsäcken, dem Aufpumpen von Luftmatratzen oder schlicht Nichtstun und in der Abendsonne liegen. Todesmutige Spielgruppen, die sich auf Bäumen, Zäunen oder auf dem harten und sandigen Boden niederließen, waren ebenfalls zu beobachten – so auch wir. Direkt am Freitag war bis auf das sehr erfolgreiche und durchweg sehr positiv aufgenommene |Multiparallele Abenteuer| kein erwähnenswertes Programm aus dem Rollenspielbereich; die Tabletopper verzogen sich aber recht bald in ihre Sphären namens |MechWarrior|, |MageKnight| und |Battletech| und verließen diese auch nicht, um sich unter das |Pen&Paper|-rollenspielende Volk zu mischen. Nachdem eine grobe Übersicht über das Programm geschaffen wurde, plante man die Seminare für die folgenden Tage vor und ich brachte den Freitagabend bzw. die Nacht des Samstags gut hinter mich.
Am Samstag forderte der um 10 Uhr beginnende Workshop „Das ultimative Monster: Der Spieler“ von _Hadmar von Wieser_ ein recht frühes Aufstehen, das jedoch vielfältig belohnt wurde: Sowohl Spieler- und Spielleitergehirn als auch die Lachmuskeln wurden in einem gelungenen und spontanen Vortrag über die vier Typen des Rollenspielers und seine Wünsche aufs Angenehmste strapaziert, während Hadmar mit großem schauspielerischem Talent und unter Einbeziehung des zahlreich erschienenen Publikums über Crush, den Barbaren erzählte. Kaum einige Minuten Pause, dann setzte Hadmar von Wieser seine vielgelobten Vorträge fort: Diesmal jedoch mit Unterstützung durch _Tom Finn_, neben Bernhard Hennen und Karl-Heinz Witzko ebenfalls Autor des |Gezeitenwelt|projekts, die von sich selbst erzählten, ihr Projekt vorstellten und das Feedback und die Meinungen der Fans einholten. Im anschließenden Interview mit Tom Finn und Hadmar von Wieser, geführt von Oliver P. Bayer und mir, zeigten die beiden |DSA|- und |Gezeitenwelt|autoren erneut, dass sie für jede Frage der Fans eine Antwort haben – nur geben wollen sie nicht immer eine… Über den Tag hinweg fanden sich am F-Shop-Stand (der auch die druckfrischen Erstausgaben von „Stäbe, Ringe, Dschinnenlampen“ verkaufte) einige Autoren der neueren |Phoenix|-Romane ein, um sich Kritik, Lob und Unterschriftenjägern zu stellen. Der sehr sonnige Samstag klang dann in der berühmten Filmnacht aus, weshalb man am Sonntag in der Frühe die letzten verschlafenen Gesichter aus dem Kinosaal huschen und ob des hellen Lichtes im schummrigen Vorraum blinzeln sah.
Der letzte Tag der Con glänzte vor allem durch eins: Aufbruchstimmung. Diese durchzieht leider – wie auch die vorigen Jahre – den ganzen Sonntag, diesmal jedoch auch kräftig von den |FanPro|-Mitarbeitern unterstützt, die schon vorweg Zelte einklappten und die Schotten dicht machten. Der Hauptblock des Programmes war bereits vorüber, und man wartete nur auf eins: Die Podiumsdiskussion mit der gesamten anwesenden |DSA|-Redax. Vorher wurde man jedoch von der Siegerehrung des inoffiziellen Abenteuerwettbewerbs |Gänsekiel & Tastenschlag| unterhalten, in der sowohl die Juroren (Bewältigung von vielen hundert Manuskriptseiten) als auch die Preisträger und Teilnehmer viele Arbeitsergebnisse präsentieren konnten. Während des Sonntags standen viele Fans auch bei den beiden Zeichnerinnen _Caryad_ und _Sabine Weiss_, die auf Wunsch und gegen ein kleines Entgelt den eigenen Helden zeichneten. Die Podiumsdiskussion um 15 Uhr lockte schließlich doch noch alles, was von den 2.000 Besuchern auf der |RatCon| verblieben war, in den großen Kinosaal, schließlich bestand hier die Möglichkeit, die Ankündigungen neuen |DSA|-Materials zu hören und selbst mitzubestimmen, welche Projekte demnächst in Angriff genommen werden sollten. Die Informationen waren im Einzelnen:
Ein großer Marketingbereich (Tassen, T-Shirts, Schmuck, Fußmatten, Pinnwände…) wird für |DSA| und |FanPro| vom |DSA| spielenden _Oliver Nöll_ (Hersteller des |Einen Rings|) erschlossen werden: Erste Produkte (so die |Aventurien|-Pinnwand) erzielten auf der |RatCon|-Auktion Preise von bis zu 40 €.
In Zukunft werden viele alte |DSA|-Romane bei |Phoenix| neu aufgelegt werden, die |Heyne|-Romane werden mit der „Rhiana die Amazone“ nur noch als direkte Folgetitel weitergeführt werden, die einen größeren Soapfaktor haben – die bisher gewohnte Romanreihe wird |Phoenix| weiterführen (auch als Hardcoverausgaben), da die |Heyne|-Romane dem Anspruch von Autoren und Leserschaft nur selten entsprachen.
Im vielgefragten Bereich der |DSA|-Computerspiele konnte |FanPro|-Chef _Werner Fuchs_ nicht viel Neues vermelden: Zwar sei das Interesse weiterhin vorhanden, es fehle jedoch schlichtweg an den Mitteln und den geeigneten Partnern. Einer sei zwar „in der Hinterhand und im Gespräch“, aber die Entwicklungskosten würden such auf mindestens 2,5 Millionen € belaufen und so |FanPro|s Kapazitäten sehr stark belasten – zu stark für den Moment.
Verkaufszahlen zu |TDE| in Amerika lagen noch nicht vor, jedoch wird demnächst „Over the Griffin Pass“, eine Übersetzung von „Über den Greifenpass“ von Thomas Finn, und „World of Aventuria“ (Geographia Aventurica) erscheinen, die |Spielstein|-Kampagne von Don-Schauen ist ebenfalls im Gespräch. Eigenes Material für den US-Sektor ist im Moment allerdings nicht geplant und höchst spekulativ, Rückübersetzungen ins Deutsche sind aber auf keinen Fall geplant.
Nach „Götter und Dämonen“ wird es keine weiteren |DSA|-Boxen geben, die vier Kernregelwerke werden allerdings möglicherweise in Kompendien (andere Zusammenstellung, selber Inhalt) für Sammler und Themeninteressierte zusammengefasst werden. Zur |Spiel 2003| in Essen wird die Box erscheinen, eventuell auch als limitierte Sonderausgabe mit Unterschriften und einem kleinen Gimmick.
An weiteren Regelwerken folgt die Umsetzung von „Drachen, Greifen, schwarzer Lotus“ in Hardcoverform sowie die verschiedenen Regional- sowie evtl. spezifische Rassen(„Freakshow“ – Thomas Römer)bände, sofern diese nicht in den Regionalausgaben abgehandelt werden. Der Südmeerband (Piraten, Al’Anfa etc.) wird zur |Nürnberger Spielemesse| 2004 erscheinen, die Thorwalausgabe danach, möglicherweise zur |RatCon| in einem Jahr oder zur |Spiel| kurz danach.
Das „Liber Cantiones“ ist weiterhin als „Sammlerledersonderausgabe“ geplant, die jedoch nur in kleiner Stückzahl erscheinen wird.
Der Anteil der Soloabenteuer wird weiter zurückgefahren werden.
An Abenteuern sind vorerst nur Anthologien geplant, die sich bei der Spielerschaft offenbar großer Beliebtheit erfreuen.
„The Next Big Thing“ in Aventurien wird etwas mit heißblütigen Wesen mit Schuppenproblem zu tun haben – es geht um die Drachen…
Die Überarbeitung des |DSA|-Lexikons wird vorerst nicht in Angriff genommen, da sich dieses langweilige Mammutprojekt niemand vornehmen möchte – für Leidensarbeiten wie diese fehlen dann doch Mitarbeiter und zu viel Zeit, die |FanPro| lieber in neues Material gesteckt sehen will.
|DSA-Mobile| lässt ebenfalls Neues von sich hören: So schreibt Dr. Stefan Blanck „Die Grabräuber“ und Tom Finn an „Drachenfeuer“ – beide Abenteuer sollen noch dieses Jahr erscheinen.
Um 17 Uhr – also eine Stunde vor Ende der „48 Stunden Spielspaß“ – verließ ich dann schließlich die |RatCon| und werde an dieser Stelle noch kurz etwas wiedergeben, was noch keinen Platz im obigen Bericht gefunden hat:
So etwa die dringende Empfehlung, statt der FH-hauseigenen Cafeteria lieber die zahlreichen Imbissstuben der nahen Dortmunder Innenstadt zu stürmen – halbwarme, komplett weiße und fetttriefende unfertige Pommes sind nicht eben das, was man deliziös nennt und was auf einer Convention den knurrenden Magen beruhigt. Aber der Frühstücksteller für 3 € (immerhin zwei Brötchen + heißes Getränk) war noch annehmbar, auch wenn das Ei weggespart wurde. Dennoch boten zumindest am Samstag bestimmt fünf Bäckereien innerhalb eines Radius von ca. 800 Metern ums FHH eine gute Alternative.
Die Spieltischvergabe gestaltete sich dieses Jahr nach meinen Erfahrungen etwas unkomplizierter, hier hat |FanPro| offenbar aus den Riesendebakeln der letzten Jahre gelernt und den Service verbessert.
Alle anwesenden Autoren haben ein offenes Ohr für Fans – ich habe dieses Jahr mit so vielen Autoren gesprochen wie noch nie zuvor – nur anmelden sollte man sich vorher, um eine Chance zu haben und den Autoren eine zu lassen. Dann allerdings kann man nur vor spontanen, witzigen und durchaus privaten Gesprächen warnen – das |Gezeitenwelt|interview zog sich in meinem Falle unglaublich hin, weil Hadmar von Wieser und Tom Finn (etwas abseits von der Con) sehr angenehm und gesprächig waren.
Wer immer eine bunte Palette an Rollenspielshops (die allerdings nur ihre eigenen Produkte verkaufen und so keinen Preiskampf betreiben), Spielrunden aus fast allen Systemen und Seminare zum Rollenspiel und zur Fantasy sucht, ist auf der |RatCon| jedes Jahr wieder gut aufgehoben.
Con-Homepage: http://www.ratcon.de/
Veranstalter: http://www.fanpro.com
Nächster Termin: 10. – 12. September 2004
_Firunew_ für das [X-Zine]http://www.x-zine.de/
Max Allan Collins – CSI Las Vegas: Tod im Eis
„Never change a winning team“, lautet eine alte Binsenweisheit, die sich dieses Mal jedoch nicht verwirklichen lässt. Die bewährte Nachtschicht-Besatzung des „Crime Scene Investigation” (CSI) Las Vegas muss dieses Mal getrennt arbeiten, d. h. Tatorte sichern und meist quasi unsichtbare oder sogar unmögliche Spuren untersuchen. Gil Grissom, der Chef, und seine Kollegin Sara Sidle nehmen an einer Konferenz im fernen und winterlichen Bundesstaat New York teil.
Zurück bleiben Grissoms Stellvertreterin Catherine Willows und ihre Mitarbeiter Warrick Brown und Nick Stokes. Sie werden mit einem seltsamen Leichenfund konfrontiert: Weit außerhalb von Las Vegas wurde in der Wüste eine tote Frau gefunden. Der Mörder hat sich viel Mühe gegeben, die Spuren seiner Untat zu vertuschen: Sorgfältig hat er die Leiche eingefroren und sich nun erst ihrer entledigt. Max Allan Collins – CSI Las Vegas: Tod im Eis weiterlesen
Stroud, Jonathan – Bartimäus – Das Amulett von Samarkand
In einer Welt, in der Zauberer die Regierung bilden und ein zwei Klassensystem regelt, wer zu der privilegierten magischen Schicht gehört, wächst der junge Nathanael auf und wird – wie es sich gehört – von einem Magier als Lehrling aufgenommen. Bald merkt der Junge, dass sein Talent weitaus größer ist als sein altbackener vorsichtiger Lehrmeister vermutet, ja sogar, dass er in jungen Jahren schon seinem Meister voraus ist. Heimlich studiert er die verbotenen Werke und alle Versuche des Meisters, ihn durch Angst und Drohungen einzuschüchtern, scheitern kläglich. Der spießige und kleinbürgerliche Zaubermeister ist ein Beamter von niedrigem Stand, der sich bei den hohen Tieren der Regierung einschmeicheln will und mehr durch Gefälligkeiten und Kriecherei Karriere macht als durch magisches Talent. Das wird dem Jungen spätestens klar, als ein besonders fieser hochrangiger Besucher sich über ihn lustig macht. Blind vor Wut und Enttäuschung will er sich rächen, beschwört ein paar nervige Kleinstdämonen, doch die sind keine Gegner für den fiesen Magier. Der wiederum ist extrem sauer und fährt mit dem Kind Schlitten, während sein Meister zuschaut. Nun ist der Hass in dem Zauberlehrling geboren und der Racheplan steht schnell fest. Doch dazu braucht es einen etwas mächtigeren Dämon. Flugs macht Nathanael sich daran und beschwört den Dschinn Bartimäus.
Bartimäus hätte natürlich vieles lieber getan als einem rotznäsigen Lümmel von Zauberlehrling zu Diensten zu sein. Mit allen Mitteln versucht er sich der Beschwörung zu erwehren, doch zwecklos. Er muss gehorchen. Dabei ist die Aufgabe alles andere als einfach. Doch Bartimäus ist zwar nicht der mächtigste Dämon, dafür einer der listigsten. Und so gelingt es ihm auch, den Plan des Jungen auszuführen. Aber wenn der Dämon glaubt, damit hätte es sich auch, dann irrt er sich. Denn ohne es zu wissen, hat sein Beschwörer einen Plan der finstersten Sorte aufgedeckt und die mächtigen Magier, die dahinter stehen, sind ziemlich sauer. Und so stecken Bartimäus und Nathanael in echten Schwierigkeiten.
Der Roman gehört zu einer kleinen Reihe von Büchern, die als Debüt des Schriftstellers Jonathan Stroud in den Staaten Furore gemacht haben. Bereits kurz nach dem Erscheinen wurde das erste Buch für 20 Länder lizenziert. Dabei ist jedoch die Nähe zu einer anderen Erfolgsserie wohl eher von Bedeutung als eine ungeheure schriftstellerische Leistung, die ich hier nur bedingt feststellen kann.
Üblicherweise verzichtet ein Kritiker auf einen Vergleich. Doch da der Vertrieb des Buches sich daran orientiert und zugleich eine Menge tatsächlicher Parallelen existieren, muss man den Roman in Bezug zu der Reihe „Harry Potter“ sehen. Vertrieblich ist „Bartimäus“ sicherlich das Buch, welches überhaupt als Nachfolger des Fantasy-Jugend-Bestsellers gesehen werden kann. Wir haben England als Lokation, einen jungen Zauberlehrling und fiese Magier als Gegner. Das war es allerdings auch. Einem Vertrieb mag das reichen, doch einem Kritiker nicht.
„Bartimäus“ ist ein rundum eigenständiges Buch, das nicht nur besser geschrieben, sondern auch tiefgehender als der erste |Harry Potter|-Band ist. In dem Buch findet man alles, was ein spannendes Werk ausmacht und zudem noch eine Menge Gesellschaftskritik und Nachdenkenswertes. Der Autor nutzt die Außensicht des Dämons auf die Welt der Menschen, um kritisches Gedankengut zu verbreiten. Während die „Muggles“ bei Roawling als Menschen zweiter Klasse liebevoll akzeptiert werden, bricht der Dämon Bartimäus eine Lanze für die magisch Unbegabten. Nathanael argumentiert wie ein kleiner Rassist für das faschistische Regime der Magier über die Menschheit. Durchgehend schildert der Roman aus zwei abwechselnden Perspektiven nicht nur das Abenteuer, sondern auch die alternative Welt. So wird dem Leser nicht nur die Sicht des überzeugten Zauberlehrlings beigebracht, man erhält zusätzlich noch die fast wortwörtliche Vogelperspektive des Dämons.
Faszinierend ist dabei noch der schriftstellerische Kniff, in zwei unterschiedlichen Zeitebenen zu beginnen, die sich passend zum Spannungshöhepunkt treffen. Ab dieser Eskalationsstufe nimmt der Roman dermaßen an Fahrt auf, dass ein Weglegen des Buches zur Qual wird.
„Bartimäus“ ist sicherlich kein literarisch wertvolles Vollkornbrötchen, sondern eher ein luftig leichtes Weißbrot; schnell konsumiert mit mangelndem Sättigungsgefühl. Dementsprechend bekommt man Hunger nach mehr und glücklicherweise liefern Autor und Verlag noch weiteres Lesefutter. Wer sich nicht vor der Sucht nach spannenden Büchern fürchtet, der sollte hier zugreifen.
_Jens Peter Kleinau (jpk)_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht, dem großen deutschsprachigen Onlinemagazin für Fantasy, Science-Fiction, Horror und Rollenspiele.|
Roderick Grierson / Stuart Munro-Hay – Der Pakt mit Gott
Ich habe zum Thema dieses Buches einen Essay verfasst, den ihr hier findet.
Gebundene Ausgabe: 504 Seiten
www.luebbe.de
Roderick Grierson / Stuart Munro-Hay – Der Pakt mit Gott
Reliquienverehrung kennen wir nur zu gut innerhalb unserer christlichen Kultur des Mittelalters. Aber auch ältere Kulturen glauben an diese meist geheimnisumwitterten Dinge. Neben dem |Graal| galt lange die |Bundeslade| als eines der großen Mysterien der Menschheitsgeschichte. Sie wäre in unserem Kulturbereich fast in Vergessenheit geraten, wenn nicht vor einigen Jahren die Filmindustrie diesen Mythos wieder aufgegriffen hätte und mit „Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes“ Millionen weltweit auf diesen Mythos aufmerksam gemacht hätte.
Die bekannteste Version der Lade stammt aus dem Alten Testament der Bibel. Während der Flucht aus Ägypten, des Exodus, erstieg Moses einen Berg und wurde vierzig Tage und Nächte von einem Wesen, das sich als Gott offenbarte, instruiert. Während dieser Zeit war das Volk bereits ungeduldig geworden und glaubte nicht mehr an seine Rückkehr. Als er herabstieg, tanzten sie vor dem Goldenen Kalb und sein Bruder Aaron hatte die Führung übernommen. Voller Zorn zerschmetterte Moses die von Gott erhaltenen Gesetzestafeln und metzelte gemeinsam mit den Söhnen Levis etwa dreitausend andere Israeliten nieder. Damit hatten die Leviten, die bis dahin nur als zweite Klasse unter dem Stand der aaronitischen Priesterschaftslinie galten, die religiöse Macht übernommen. Anzumerken bleibt, dass die Aaroniten ebenso zum Stamm der Leviten gehören und dieser Zwist nur einer unter vielen innerhalb der Vielfalt noch anderer israelischer Stämme darstellt. Moses ging erneut für vierzig Tage auf den Berg und kam mit zwei neuen Gesetzestafeln zurück. In dieser Version wurde erst danach die Lade gebaut und diese Tafeln hineingelegt. Wundersame Ereignisse, die die meisten Juden und Christen kennen, sind mit der Lade verbunden, bis sie zu König David von Jerusalem gelangte und dessen Sohn Salomo ihr dann den berühmten Tempel erbaute. Irgendwann war sie verschwunden, über die Umstände hat die hebräische Bibel nichts zu sagen.
Tatsächlich ist die Lade aber viel älter, sie war bereits zu der Zeit, als der biblische Bericht verfasst wurde, eine alte und mysteriöse Reliquie. Der biblische Text, der Jahrhunderte nach den darin beschriebenen Ereignissen seine Endfassung erhielt, verkündet eine Religion, in der es nur einen Gott, einen wahren Ort der Anbetung und nur eine Lade gibt. Die Überlieferungen früherer Kulte widersprechen dieser Version. Die Lade hat Konkurrenz, es gibt zu ihr Alternativen, die vermuten lassen, dass mehrere Laden existieren. Zudem bestehen erhebliche Zweifel an der Authentizität der Gesetzestafeln, die Moses in die Lade legte.
Das ganze Bibel-Getue ist ohnehin etwas recht Willkürliches. Das Neue Testament und seine christliche Religion ist eine radikale neue Interpretation des Alten Testaments, aber auch das Alte Testament wurde in seiner heutigen Form als Kanon erst im 1. Jahrhundert nach Christus festgelegt und stellt nur einen Bruchteil der ursprünglichen hebräischen Schriften dar. Diese entsprechen auch keinen einheitlichen hebräischen religiösen Linien, es gab innerhalb der Stämme noch viel mehr religiöse Machtkämpfe als nur die zwischen den in der heutigen Bibel am deutlichsten auftretenden Jahwisten (Moses) und Elohisten (Aaron). Bei Letzteren hat die Lade aus den genannten historischen Gründen auch keinerlei spirituelle Bedeutung. Archäologisch sind die biblischen Geschehnisse sowieso nicht haltbar, es ist historisch nicht möglich, zwischen Kanaaiten und Israeliten zu unterscheiden.
Für die „reine“ Lehre der Priester- und Prophetenkaste wurden der Abfall von Gott und der Untergang des israelischen Volkes mit der Einführung eines Königs besiegelt. Das Königstum stellte bei allen Völkern des Nahen Ostens eine Institution dar und war mit Mythologien verbunden, die den Kampf zwischen Ordnung und Chaos darstellten, z.B. im Babylonischen der Kampf zwischen Marduk und dem Drachen Tiamat. Der König wurde überall als Sohn Gottes betrachtet. Für die israelische Lehre war das der Untergang und größte Frevel, den sie mit König David einführten und der dann nahtlos bis zum Messias Jesus, ebenfalls dem Hause Davids entstammend, führte. (|„Am Ende würden sie wegen des Königs, den sie sich selbst gewählt hatten, zu Gott um Hilfe schreien, Gott werde ihnen jedoch nicht antworten“|… 1. Sam. 8, 10–18).
Auch an anderen Stellen des Buches Samuel wird deutlich, wie beschämend für die Priester das Verhalten König Davids war, der anstelle der jahwistischen Konventionen die Riten der kanaaitischen |Baal|s-Religion integrierte. Offen feierte er die alten Fruchtbarkeitsriten, verhielt sich sexuell „sündig“ und beschränkte sich nicht mehr auf seine eigene Frauen. Sehr interessant hierbei ist, dass Gott wegen dieser Krönung den Bund mit dem Volk Israel brach, aber dennoch stattdessen einen ewig geltenden Bund mit dem Hause David geschlossen haben soll. Und dieser Bund war nicht mehr israelitisch, sondern gehörte zur Welt der „anderen Völker“.
Für den Tempel, den Salomo baute, wurden fremdländische Handwerker geholt. Auch Salomo gilt in allen jüdischen, christlichen und muslimischen Überlieferungen als großer Magier und Zauberer. Er huldigte den Göttern seiner ausländischen Frauen, die Weisheiten, die er überliefert hat, sind einwandfrei ägyptischen Ursprungs und seine Macht soll auf ein Buch zurückgehen, das Adam noch aus dem Paradies mit in unsere Welt herüber rettete. So sehen es zumindest die jüdischen Mystiker, die im 18. Jahrhundert den |Chassidismus| begründeten. Sie erheben die Erotik des „Hoheliedes Salomo“, das auch sonst überhaupt nicht in die übrigen Lehren der Bibel passt, zu einem wesentlichen Pfeiler ihres Glaubens, indem sie in ihrem kabbalistischen |Sohar| das Brautgemach verehren, das der Weisheit – |Sophia| – der Göttin entspricht. Allen Überlieferungen nach ist die Bundeslade mit der Königin von Saba dem israelischen Volke verloren gegangen.
Für den modernen Menschen ist das, was mit und in Israel läuft, in religiöser Hinsicht völlig undurchschaubar. |Israelisch| bezeichnet das weltliche Herrschaftsgebiet, das ihnen von den Siegermächten des 2. Weltkrieges auch wieder zuerkannt wurde, |hebräisch| dagegen bezeichnet die Religionszugehörigkeit. |Semitisch| wiederum umschreibt die ganzen Aufsplitterungen in die Stammeslinien, wobei auch die nachfolgenden Weltreligionen des Christentums wie des Islams im Grunde als semitisch bezeichnet werden müssen. Von anderen Völkern werden sie jedoch immer noch als |Juden| bezeichnet, was von den Judäern herrührt, einer der Familien im verwirrenden Stammeskontingent. Diese Familie ist auch der Anstoß, den die Christen an ihnen nehmen, denn Judas hatte Jesus, den Davidianer, verraten. Heutige Gegner dieser Religion und ihres Volkes verwenden den Begriff |Zionisten|. Die Herkunft des Wortes |Zion| ist am unklarsten, aber dieser Begriff ist untrennbar mit dem Königstum des Hauses David verknüpft und stammt etymologisch aus der |Baal|-Religion.
Der Tempel Salomos wurde zerstört und bis heute wird deswegen weltweit immer wieder Krieg geführt. An der so genannten „Klagemauer“ an der Stelle des ursprünglichen Tempels in Jerusalem versammeln sich alle, die unzufrieden sind. Die christlichen und muslimischen Palästinenser, die Griechen, Armenier, Juden und Marokkaner klagen und streiten vereint um diesen Verlust, der in seiner Bedeutung die gleichen Ausmaße angenommen hat wie die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies.
Im Buch der beiden Autoren, auf das sich dieser Essay bezieht, geht es dann erst einmal nicht mit dem Geheimnis um die Bundeslade weiter. Es gibt einige Theorien, was aus ihr geworden sein könnte, aber der Faden spinnt sich von den Visionen Ezechiels, dem Buch Henoch, dem Erscheinen des Messias Jesus zu dem auf ihn folgenden letzten Propheten Mohamed. Mohamed räumte auf mit all den götzenhaften Vorstellungen der glaubensabgefallenen Völker der Juden und Christen, weswegen die Christen in ihm natürlich den Antichristen sahen, da für sie ja schon Jesus der Letzte und Einzige war.
Die Bedeutung, die Mohamed und sein Islam für die ursprüngliche Glaubenslinie einnimmt, ist zweifelsfrei wichtiger als die von Jesus Christus, die sich auch nur durch militärische Überlegenheit bis heute noch hat halten können. Die Muslime greifen auf die ursprünglichen Offenbarungen der Propheten zurück und können dies in ununterbrochener Kette der Überlieferung nachweisen, im Gegensatz zu den verfälschten und nicht verlässlichen Überlieferungsketten der Juden und Christen. Zudem ist die Geschichte der Juden voller Invasionen und Kriege, die Palästina zugrunde gerichtet haben. Bei allen drei heutigen Hauptreligionen bleibt der Angelpunkt ihres Streites untereinander aber Jerusalem. Selbst die Moslems gehen davon aus, dass am Tage des Jüngsten Gerichts die Kaaba von Mekka nach Jerusalem fliegen wird und als Braut auf dem Tempelberg erscheint.
Über die Legenden der muslimisch gewordenen Beduinenvölkerlinien findet die bisherige Geschichte der Lade aber eine überraschende Wendung, indem ältere Überlieferungen um die Bundeslade vor der Zeit Moses zu Tage treten, die in matriarchalische Göttinnenreligionen zurückreichen. Und damit tritt ein Geschehen zutage, auf das der Leser des zugrundeliegenden Buches bereits seit 250 Seiten hingeleitet wird, nämlich dass die Bundeslade noch heute in Äthiopien zu finden sei und dass die Königin von Saba sie dorthin aus dem Tempel Salomos brachte. Diese Königin wird im äthiopischen Volk auch mit der Königin Candaze oder Mekeda gleichgesetzt, die ihnen das Christentum überbrachte. Hier wird deutlich, dass sich die Mythen immer endlos wiederholen. In vielen alten Religionen dieses Kulturkreises geht diese Linie schon auf Lillith, die erste Frau Adams, zurück, die noch vor Eva von Gott geschaffen und noch vor dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben worden war.
Die Geschichte des Landes Zion ist äthiopischer Nationalepos und ihre religiöse Kultur steht in christlichem Traditionsfeld. Sie sehen den Religionskonflikt darin, dass Saulus der Jude, der sich später Paulus nannte, kam und alles verdarb. Denn auch die Äthiopier berufen sich auf eine Blutslinie aus dem Hause Davids, genau wie es auch einige magische Linien Europas tun. Allerdings bezieht sich der Anspruch dieses afrikanischen Volkes nicht nur auf den Sohn, den die Königin von Saba Salomo gebar, sondern darüber hinaus auf den Besitz der magischen Reliquie und damit auf den Anspruch auf den Bund mit Gott sowohl in alter wie in neuer Form. Und um diesen Bund geht es ja allen. Wenn man weiß, dass Salomo 700 Frauen und 300 Nebenfrauen hatte, kann man sich vorstellen, wie viele traditionelle Königslinien es heutzutage noch geben muss (nur am Rande vermerkt). Das Wichtige im äthiopischen Epos ist die Existenz der Lade, über deren wahre Bedeutung und wahres Alter sie als Besitzer deswegen auch die genauesten Kenntnisse von allen haben. Erst in ihrer Mythologie wird sie in der Bedeutung so etwas wie der Heilige Graal.
Um historisch alles noch besser zu verstehen, müssen wir noch tiefer in die Welt der arabischen Götter gehen und finden dabei die Geschichte des alten Königreiches Aksum, das dem alten Ägypten zuzuordnen ist, zu Gott Amun und seiner Göttin. Aksum gilt aber auch als Residenz dieser äthiopischen Königin von Saba. Dort stehen auch die größten Monolithe unserer Welt, was aber von den semitischen Religionen als viel später errichtetes heidnisches Zauberwerk datiert wird, und sie behaupten, ihre Kultur sei älter als diese Steine. In der heutigen äthiopischen Religion überschneidet sich dagegen der christliche mit dem jüdischen Glauben auf ganz eigene Weise. Sie haben die Mutter von Jesus, Maria, als Zion identifiziert. In der Gottesmutter, vermischt mit der wirklichen Blutslinien-Sichtweise, stellt es die perfekt gelungene heutige Version dar, was deshalb aufgrund seiner Attraktivität für den zukünftigen Weiterbestand dieses ganzen religiösen Dilemmas sorgen könnte. Und das alles in einem Land, wo sich in der Zeit nach Christus sowohl Heiden, Christen und Juden nicht nur gegenseitig sondern auch immer wieder untereinander wegen Glaubensfragen abgeschlachtet haben.
Geschichtlich ist diese neuere Ausprägung der Form des Volksglaubens aber auch verständlich, denn für die christlich liebäugelnden Äthiopier droht von den Juden keine Gefahr, wohl aber von den Moslems. Christen und Juden teilen darüber hinaus ja auch eine gemeinsame Schrift, was bei Christen und Muslimen nicht mehr der Fall ist. Und das funktioniert heutzutage alles, obwohl es historisch so war, dass Äthiopien Mohamed Schutz vor den Juden gewährte. Das christliche Interesse an Äthiopien ergibt sich dagegen aus der Tatsache, dass es zwei konkurrierende Davidslinien sind, die Äthiopier aber auch noch die Bundeslade haben, welche in den Händen der Christen den absoluten Machtanspruch auf den Bund mit Gott darstellen würde. Damit hätten die Christen auch die Chance, über den Anspruch der Lehren Mohameds triumphieren zu können. Die äthiopischen Christen haben weltweit die Marienverehrung am detailliertesten in ihren Glauben integriert, da ihrer Überlieferung nach Maria nach ihrer Himmelfahrt im Himmel Jesus dann das Versprechen abnahm, dass jeder, der in ihrem Namen eine Kirche baue, der die Nackten kleide, die Kranken besuche, die Hungrigen und Dürstenden speise, die Trauernden tröste und so fort der strafenden Hölle entgehen soll. Im heutigen Äthiopien ist man, seit all diese Geheimnisse jetzt erst in den letzten Jahren vermehrt ins Interesse der Weltöffentlichkeit gelangen, besorgt, dass ihnen von Geheimdienstgruppen die Lade gestohlen werden könnte.
Neuere Forschungen identifizieren Moses mit dem ägyptischen Eschnaton. Das goldene Kalb, um das, als Moses vom Berg herabstieg, sein Volk tanzte, war nichts anderes als der Apis-Stier, der als Inkarnation des Gottes Osiris verehrt wurde. Die Ägypter sehen deswegen die Juden als diejenigen an, die gottlos geworden sind. Nach ihrer Ansicht nach wurde ihnen die Lade von Moses gestohlen. Interessant dabei ist, dass die äthiopische Kirche noch bis 1959 der Autorität der älteren Kirche in Ägypten unterstand. Im äthiopischen Christentum sind viele Elemente der Religion König Davids integriert geblieben, die von den älteren Fruchtbarkeitskulten stammen. Bestandteil ihrer Riten sind diese ekstatischen Tänze zu Trommeln, die Nacktheit unter Männern und Frauen während der Taufzeremonien, die nicht nur einmal bei den Gläubigen durchgeführt werden, sondern immer wieder begangen werden. Die christlich-afrikanische Religion stellt ein Wunder dar – zweifelsfrei verhält sie sich in ihrer Geschichte genauso imperialistisch wie alle anderen Ausprägungen dieser semitischen Religionslinien, aber sie heilt auch alte Wunden und führt in ihren Ritualen die feindlich gegenüberstehenden Glaubenssätze der ursprünglichen ägyptischen, hebräischen, mesopotamischen und christlichen Kulte zusammen.
Die mosaische Prägung ist seit dem Erscheinen Christi vor 2000 Jahren ein Quell von Schmerz und Leid. Der äthiopische Kaiser, der sich seiner Abstammung nach auf die Königin Saba und den König Salomo berief, wurde 1974 gestürzt. In einem neuen Exodus mussten über zwei Luftbrücken wieder einmal Tausende von Juden der verlorenen Stämme Afrika verlassen. In Israel wurden sie nicht als Juden anerkannt, sondern als Christen gewertet. Es bleibt also trotz dieser vorbildlichen Integration in der äthiopischen Religion wohl auch in der Zukunft ein nicht aufhörender Religionskrieg zwischen den semitisch-ägyptischen Völkern. Auch vom Islam, der jede Heiligenverehrung und Bildnisse Gottes ablehnt, ist kein Aufeinanderzugehen zu erwarten. Und in unseren westlichen politischen Kreisen gärt ja dieselbe Bluts- und Messiaslinie im Verborgenen von den Merowinger-Dynastien über die fränkischen Kaiser seit Pippin II. bis ins heutige vatikanische Rom.
Alle, denen es um weltliche Macht geht, spielen dieses Poker-Ass irgendwann einmal aus. So wie in der |Tyndale|-Bibel der Ausgabe unter Jakob I., bei den Calvinisten, bei Oliver Cromley, der gar England als das auserwählte Volk sah und sich als zweiten Moses aus dem Hause Ägypten bezeichnete, bei den Anglikanern, den Anhängern von Thomas Müntzer, den Quäkern… Immer wieder sollen die zehn Gebote mit Waffengewalt durchgesetzt werden. Die Auswanderungen in die Neue Welt geschahen aus diesen den Exodus nachahmenden religiösen Gründen. Diese Neue Welt ist die heutige USA, deren Verfassung von einer zionistischen Priesterschaft des alten Ordens des Melchisedek entworfen wurde. Benjamin Franklin und Thomas Jefferson wählten nicht nur die Symbole des Sieges Israels über Ägypten, sondern diskutierten sogar, ob nicht Hebräisch die ideale Sprache für das neue ausgewählte Volk von Amerika sein könnte. Viele im damaligen Amerika entstehenden Sekten beriefen sich auf direkte Abstammungen zu verlorenen Stämmen Israels. Auch Indianer galten plötzlich als solche verlorene Stämme.
Joseph Smith fand eine neue Art Lade, die das Buch Mormon enthielt, und die Mormonen – die Heiligen der letzten Tage – wollen in Amerika ein neues Zion aufbauen. Tatsächlich sind sie seit dem Aufkommen des Islam die erfolgreichste Religion. Sie sehen sich als Nachfahren der alten Israeliten und setzten die alttestamentarische aaronitische und melchidekische Priesterschaft wieder ein. Ihre Tradition gründet historisch auf die Freimaurerei und in diesen Kreisen wird oft das Mormonentum auch als die „wahrhaftige Freimauerei“ bezeichnet. Ungeachtet all dieser religiösen Kriege beschäftigen der Tempel Salomos, die Lade und all die mit diesen Dingen verbundene Komplexität einer Sternenweisheit natürlich auch alle Philosophen, Wissenschaftler, Gelehrten und Historiker. Es ist zweifellos ein spannendes Thema um die Menschheits- und Kosmosrätsel. Die Freimaurer, die solches Wissen bewahren, üben den stärksten Einfluss auf Politik und Kultur der westlichen Welt aus. Ihre Wurzeln liegen im Ägyptischen und sie beglückwünschten in Telegrammen auch 1930 Ras Tafari zu seiner Wahl als Kaiser Haile Selassi I. von Äthiopien mit den Worten: „Grüße von den Äthiopiern der westlichen Welt“.
Eine neue Religion dringt auch mit den Mitteln der Musik in die Welt – |Reggae|… Für Bob Marley und alle anderen |Rastafari| ist ihr Glaube mit einem neuen Zion verbunden, in dem ein schwarzes Israel aus der Unterdrückung Babylons befreit wird… Der Kampf geht weiter. Warum kann die Religion nicht dahin zurückkehren, wo sie herkommt – zur Gemeinsamkeit der Menschheit, zur Vermischung in der Verschiedenheit, anstatt immer weiter in die Trennung zu führen und den Anspruch des Ausgewähltseins aufrechtzuerhalten? Die Lade sollte wahrscheinlich einfach wieder in die Hände der Heiden gelangen.
Das vorgestellte Buch wurde vor dem 11. September 2001 geschrieben…. Seit diesem Zeitpunkt tauchen weitere Fragen auf, wie: Was verbirgt sich im Namen von Osama Bin Laden? Etwa auch die Lade? Bundesladen überall – da lehnen wir uns doch lieber zurück und kiffen einen… Hail Selassi, Rastafari!
_Roderick Grierson / Stuart Munro-Hay
„Der Pakt mit Gott“
Auf der Suche nach der verschollenen Bundeslade
504 S., geb., Gustav Lübbe 2001
ISBN 3-785-72048-3
Broschur, Bastei Lübbe April 2003
ISBN 3-404-64191-4










