Schlagwort-Archiv: Heyne

Harlan Ellison – Ich muss schreien und habe keinen Mund. Erzählungen

Klassische SF- und Phantastik-Erzählungen

20 Erzählungen von einem Provokateur der Phantastik. „Der Weltuntergang liegt bereits über einhundert Jahre zurück, ausgelöst durch einen verheerenden Weltkrieg von intelligenten Supercomputern. Die Überlebenden haben sich in einen unterirdischen Komplex geflüchtet, doch sie sind nun von einem solchen Computer abhängig. Dieser hat die Menschen unsterblich gemacht – um sie einer ewigen Folter zu unterziehen … Harlan Ellison beweist mit seinen Stories, wie schonungslos spekulative Literatur die großen Fragen der Menschheit aufzudecken vermag.“ (Verlagsinfo)

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Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story Reader 15

Classic SF: Das Ende der Welt und andere Unannehmlichkeiten

In dieser Anthologie sind 18 SF-Erzählungen und -Gedichte internationaler AutorInnen vereinigt, darunter:

– die schockierende Geschichte der von den Ayatollahs kontrollierten USA „Einige meiner Freunde sind Amerikaner“ von Francois Camoin;

– „Bitterblumen“ vom mehrfachen HUGO- und NEBUAL-Award-Preisträger George R.R. Martin;

– Stories von Robert Holdstock, Thomas F. Monteleone, Richard D. Nolane, Vernor Vinge und Joe Wehrle sowie

– Stories von den deutschen Autoren Wolfgang Jeschke, Jörn J. Bambeck, Reinmar Cunis, Hermann Jauk, Michael Morgental, Curd Paetzke, Dietrich Wachler, Jörg Weigand und anderen.
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Eric Van Lustbader – Schwarzes Herz

Stark gekürzt: Prophetische Vorhersage von 9/11

John Holmgren, Gouverneur des Staates New York und Bewerber um das Präsidentenamt, stirbt in den Armen seiner Geliebten Moira Monserrat. Sein bester Freund und Wahlkampforganisator, Tracy Richter, nimmt zuerst an, dass es ein Herzinfarkt war. Doch dann findet man Moira tot auf. Gibt es zwischen den beiden Ereignissen Zusammenhänge? Noch während Tracy, einst als Geheimagent in Kambodscha eingesetzt, über diese Frage nachdenkt, überstürzen sich die Ereignisse. Tracys Weg führt ihn von Washington nach Hongkong und von New York nach Shanghai …
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Bishop, Anne – Finsternis (Die Schwarzen Juwelen 5)

Band 1: [„Dunkelheit“ 3375
Band 2: [„Dämmerung“ 3437
Band 3: [„Schatten“ 3446
Band 4: [„Zwielicht“ 3514

Neun Jahre lang wurde Jared als Lustsklave benutzt. Dann hielt er es nicht mehr aus und brachte die Königin, der er gehörte, um! Jetzt gilt er als Königinnenmörder, als unberechenbar und gefährlich. Das bedeutet, dass er demnächst in den Salzminen von Pruul landen wird. Doch dann geschieht etwas völlig Unerwartetes: Er wird gekauft. Von der Grauen Lady.

Jared ist davon kaum begeistert. Denn die Graue Lady hat einen Ruf, der ihn keineswegs zum Optimismus berechtigt. Ihr Verhalten ist jedoch mehr als sonderbar, ja regelrecht widersprüchlich! Auf dem Weg in ihr Territorium Dena Nehele gibt sie Jared einiges zu denken. Bis er schließlich durch puren Zufall hinter ihr Geheimnis kommt und sich damit alles verändert …

_“Finsternis“_ spielt tatsächlich in einer Zeit vor dem ersten Band des Zyklus, als Prequel kann man ihn aber nicht wirklich bezeichnen, da er nicht die unmittelbare Vorgeschichte zu den Ereignissen um Jaenelle erzählt. Die einzigen beiden Personen aus dem eigentlichen Zyklus, die in diesem Band vorkommen, sind Dorothea SaDiablo und Daemon Sadi, wobei Letzterer lediglich eine Nebenrolle einnimmt.

Das Hauptaugenmerk liegt auf Jared, einem Krieger mit rotem Juwel. Bei weitem nicht so aggressiv wie Daemon oder gar Lucivar, steht er seinem Aggressionspotenzial dennoch äußerst skeptisch gegenüber. Den Mord an seiner früheren Besitzerin bereut er nicht, aber er misstraut der Wildheit und Wut in seinem Innern und muss erst lernen, sie als Teil seines kriegerischen Selbst zu akzeptieren. Man könnte es fast ein wenig als Erwachsenwerden bezeichnen.

Lady Arabella Ardelia, seine neue Besitzerin, dagegen scheint keine Probleme mit ihrem Potenzial zu haben, und auch nicht mit ihrer Entschlusskraft. Gelegentlich schlägt sie mit ihrer Spontaneität geradezu über die Stränge. Für eine alte Dame hat sie erstaunlich viel Temperament und auch erstaunlich viel Energie. Und sie ist – wie offenbar nahezu alle Hexen – geradezu unerträglich stur!

Die Gegenspielerin, Dorothea SaDiablo, agiert auf gewohnte Weise: Sie will die Graue Lady loswerden, die ihr mit ziemlichem Erfolg Widerstand leistet, und beauftragt deshalb ihren neuen Hauptmann der Wache, sich der Sache anzunehmen. Natürlich versehen mit einer höchst effektiven Drohung …

Krelis, der Hauptmann, macht sich also daran, der Grauen Lady eine Falle zu stellen. Zunächst scheint er hauptsächlich ehrgeizig zu sein, was ja nicht unbedingt ein Fehler sein muss, und er hat Angst vor Dorothea, zu Recht natürlich. Schon bald stellt sich allerdings heraus, dass sein Ehrgeiz hauptsächlich aus Feigheit resultiert, und dass er aus dieser Feigheit heraus bereit ist, nahezu alles zu verraten, alles zu tun …

Abgesehen von den Hauptpersonen sind auch die Nebenfiguren sehr gut gezeichnet. Sie alle scheinen ihre kleinen Geheimnisse zu haben. Vor allem Thera und Blaed stellen dadurch zusätzlich zur Grauen Lady einen unbekannten Faktor dar, der Krelis ziemlich ins Stolpern bringt. Andererseits haben sie aber auch ein Problem: Sie haben einen Spion in ihren Reihen. Und sie können ihn nicht finden!

_So wird aus der Reise_ nach Dena Nehele schon vom ersten Schritt an ein mühseliges Katz-und-Maus-Spiel. Die Graue Lady schlägt sich, aufgrund einer anonymen Warnung, querfeldein, anstatt per Kutsche auf den Winden zu reisen. Diese unerwartete Reaktion verschafft ihr einen Vorsprung, dafür birgt sie zusätzliche Gefahren wie Vipernratten und Wegelagerer. Und trotz aller Haken, die sie schlagen, bleiben ihr die Verfolger hartnäckig auf den Fersen. Schließlich bleibt der Grauen Lady nichts anderes übrig als zum Äußersten zu greifen.

Diese Hetzjagd durchs Hinterland war außerordentlich gut gemacht. Nicht nur, dass es der Autorin gelang, die Identität des Spions bis zum Ende geheim zu halten, auch die immer neuen Fallen, die Krelis der Gruppe stellt, sowie die für ihn unerwartete Art und Weise, wie die Gruppe sich immer wieder aus brenzligen Situationen herausrettet, halten die Spannungskurve stets relativ hoch. Interessant ist auch, wie sich im Laufe der Zeit der wahre Charakter Krelis‘ immer deutlicher herausschält, oder auf welche Weise Dorothea Krelis‘ Spion vor Entdeckung geschützt hat. Auch die Idee mit den Knöpfen als Informationsträger fand ich gut.

Von der Spannung und den Ideen her war dieser Band weit besser als der vierte und konnte durchaus mit den ersten dreien mithalten. Das gilt auch für die erotische Komponente. Der trockene Humor allerdings fristet in diesem Band nur noch ein dünnes Randdasein. Das kommt wahrscheinlich auch daher, dass die hier agierende Gruppe ununterbrochen unter Druck steht, während Jaenelles Hof zumindest immer wieder längere Phasen der Ruhe erlebte, in denen Unbeschwertheit und Schalk möglich waren.

_Auf jeden Fall_ hat es dem Buch gut getan, dass die Autorin sich die Mühe gemacht hat, eine völlig neue Handlung zu kreieren, die zwar in den gewohnten Rahmen des Zyklus eingebettet ist, jedoch inhaltlich davon unabhängig. Dadurch wurde der Eindruck von nachträglichem Hinzuflicken vermieden, die Gefahr logischer Brüche zur Ursprungshandlung ebenfalls. Auch gibt es diesmal wieder eine durchgehende Geschichte mit innerem Zusammenhang und einheitlicher Stimmung. Der Kniff, die Handlung in einen früheren Zeitabschnitt zu verlagern, gab der Autorin die Möglichkeit, wieder auf Dorothea SaDiablo als Antagonistin zurückzugreifen, was letztlich zu dem sehr gelungenen Charakter des Hauptmanns Krelis geführt hat, der ein echter Gewinn war und den beiden eher harmlosen Hexchen Lektra und Roxie aus Band vier voll den Rang abläuft. Gut getan hat der Handlung außerdem, dass Dorothea sich nicht mit Intrigen aufgehalten hat, sondern ungewohnt direkt gegen ihre Widersacherin vorgegangen ist.

_Mit anderen Worten:_ Obwohl „Finsternis“ nicht ganz an den Rang der ersten drei Bände heranreicht, ist er durchaus spannend und abwechslungsreich zu lesen und um einiges besser als der vierte Band. Trotzdem ist es gut, dass die Autorin sich nun einem neuen Zyklus zugewandt hat. Die Welt der dunklen Juwelen dürfte inzwischen alles gegeben haben, was sie zu geben hatte. Auszutzeln hat noch keinem Fantasy-Universum gutgetan.

_Anne Bishop_ lebt in New York, liebt Gärtnern und Musik, und hatte bereits einige Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht, ehe ihr mit dem Zyklus der |Schwarzen Juwelen| der internationale Durchbruch gelang. Der fünfte Band aus diesem Zyklus, für den sie den |Crawford Fantasy Award| erhielt, ist seit Mitte März auf Deutsch erhältlich. Außerdem stammen aus ihrer Feder die Trilogie |Tir Alainn|, die auf Deutsch bisher anscheinend nicht erschienen ist, sowie |Ephemera|, dessen zwei Bände den Zyklus der Schwarzen Juwelen weiterführen sollen. „Sebastian“ ist bereits seit letztem Jahr auf Englisch erhältlich, „Belladonna“ ab März dieses Jahres. Die deutsche Ausgabe des ersten Bandes erscheint im Juni 2007 bei |Heyne|.

http://www.annebishop.com
http://www.heyne.de

Marc Olden – Dai-Sho (Fernost-Thriller)

Furios: Auftritt der Ninjas

In Hongkong wird eine junge Chinesin ermordet. Überall in der Welt kommen Menschen auf geheimnisvolle Weise ums Leben. Und immer führen die Spuren nach Japan. Als Frank Di Palma den Tod seiner einstigen Geliebten aufklären will, deckt er eine weltweite Verschwörung von organisierten Verbrechen und internationaler Hochfinanz auf. Drahtzieher ist ein bekannter japanischer Filmregisseur, der mit grausamer Konsequenz seine wahnsinnsträume von der alten Samurai – Herrlichkeit blutige Wirklichkeit werden lässt. (Verlagsinfo)

Zum Titel:

Ein Daishō (dt. „groß-klein“) ist das Schwertpaar eines Samurai: die lange katana und das kurze wakizashi. Das wakizashi-Kurzschwert wurde oftmals durch einen kürzeren tanto oder Dolch ersetzt. In der Edo-Zeit (1603 bis 1867) wurde das Daisho zum Symbol der Samurai und nie aus den Augen gelassen.

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Neil Gaiman – Niemalsland. Phantastischer Roman

„Eine Welt jenseits der Welt: Der gutmütige Richard kommt einem Mädchen zu Hilfe und verliert dadurch seine Identität – niemand kennt ihn mehr. Als naiver Held wider Willen steigt er hinab nach Unter-London, eine Parallelwelt in U-Bahnhöfen und Kellern, und muss dort die haarsträubendsten Abenteuer bestehen.“ (Verlagsinfo)

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Neil Gaiman- Keine Panik! – Mit Douglas Adams per Anhalter durch die Galaxis (Biografie)

Alles über Arthur Dent, Trillian & Co.

Keine Panik! Habt ihr alle euer Handtuch dabei? Ja? Fein, dann kann euch ja nix mehr passieren, selbst wenn ihr diese Rezension lest – natürlich vollständig auf eigene Gefahr!

Der Autor

Neil Gaiman ist seinen Lesern vor allem als einfallsreicher Autor der Sandman-Comicbooks bekannt. Er hat mit „Die Messerkönigin“ ausgezeichnete Grusel-, Fantasy- und Märchenstorys vorgelegt, sowie mit „Niemalsland“, „Sternwanderer“ und „American Gods“ drei vielbeachtete Romane (alle bei Heyne verlegt).

Das Buch

Das vorliegende Buch hatte Gaiman schon 1988 veröffentlicht, aber laufend ergänzt. Aktualisiert und erweitert wurde es schließlich von David K. Dickson und MJ Simpson, so dass es mittlerweile auf dem letzten Stand ist. Sogar das Programm für den Ablauf der Gedenkfeier für Douglas Adams ist berücksichtigt (S. 276/77), das in „Lachs im Zweifel“ detailliert abgedruckt ist (David Gilmour sang Pink Floyds „Wish you were here“!).
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Patricia McKillip – Königin der Träume. Fantasyroman

Eigenwillige Fantasy mit Tiefgang

In einem Winkel der Zauberschule entdeckt Prinz Talis ein Buch mit magischen Anleitungen.Er fährt,daß es unberechenbare Kräfte birgt und seinen Meister einstmals zur Geburt einer reißenden Bestie verführte.Aber es ist bereits zu spät,und Talis gerät in den Bann der Königin des Waldes,die seine Fähigkeiten für ihre Zwecke mißbraucht.Talis wäre allerdings kein magischer Meisterschüler,wenn er sich nicht zu helfen wüßte. (Verlagsinfo) „Königin der Träume“ ist eine anrührende Fantasy um die Heilung eines Fantasy-Landes und die Entwicklungsgeschichte eines jungen Mädchens.

Die Autorin
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Ward Moore – Der große Süden. SF-Roman

Die Südstaaten haben den Krieg gewonnen – vorerst

Die amerikanischen Südstaaten haben 1863 die entscheidende Schlacht von Gettysburg gewonnen und damit den Bürgerkrieg für sich entschieden. Die Konföderation ist ein riesiger, reicher Agrarstaat geworden; der Norden , die Union, ist zu einem bedeutungslosen politischen Gebilde herabgesunken, in dem Hunger und Armut herrschen, die Arbeitslosigkeit grassiert und mächtige Gangsterbanden die Städte regieren.

Bis eines Tages ein Historiker die Gelegenheit findet, mit einer Zeitmaschine ins Jahr 1863 zu reisen… (Verlagsinfo)

Der Autor
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Robert Charles Wilson – Julian Comstock. Zukunftsroman

Was wäre, wenn in den USA ein neuer Bürgerkrieg ausbricht … Infolge einer Wirtschaftskrise greift eine religiöse Clique nach der Macht in Washington – mit verheerenden Konsequenzen: Das Land versinkt in einem Bürgerkrieg, der auf frappierende Weise an den letzten erinnert. Und inmitten der Wirren dieses Krieges findet sich Julian Comstock wieder, Held wider Willen und möglicher Schlüssel für eine neue Art der Zivilisation … (Verlagsinfo)

Der Autor

Obwohl Robert Charles Wilson 1953 in Kalifornien geboren wurde, lebt er seit vielen Jahrzehnten in Kanada. Als SF-Autor wurde er bereits 1975 erstmals veröffentlicht; sein Debüt, die Kurzgeschichte „Equinocturne“, zeichnete er als „Bob Chuck Wilson“.

Weitere Storys und 1986 „A Hidden Place“, Wilsons erster Roman, folgten. Aufgrund seiner originellen Plots, der sorgfältigen Figurenzeichnung sowie eines ebenso anspruchsvollen wie lesbaren Stils erfreuten sich dieser und Wilsons nächste Romane steigernder Beliebtheit bei den Lesern. Dass die Kritiker ebenso begeistert waren, verdeutlicht ein wahrer Preisregen, der sich über Wilson bzw. seine Werke ergoss.

Website: http://www.robertcharleswilson.com

Das geschieht:
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[NEWS] Brian Herbert & Kevin J. Anderson – Der Erbe von Caladan (Der Wüstenplanet. The Duke of Caladan 3)

Lange, bevor er auf Arrakis, dem Wüstenplanet, zum Herrscher der Galaxis aufstieg, musste sich Paul Atreides auf seinem Heimatplaneten Caladan den Herausforderungen stellen, die seinen Charakter für immer prägen werden. Seine Mutter, Lady Jessica, wird vom Orden der Bene Gesserit gezwungen, Pauls Vater, Herzog Leto, zu verlassen. Leto muss Imperator Shaddam seine Loyalität beweisen und begibt sich auf eine tödliche Mission. Paul soll Caladan, die Heimatwelt der Atreides, in seiner Abwesenheit regieren. Ihm zur Seite stehen Thufir Hawat und Duncan Idaho – doch die politischen Unruhen auf Caladan werden jeden Tag stärker, und der junge Paul steht vor der schwierigsten Entscheidung seines Lebens … (Verlagsinfo)


Taschenbuch ‏ : ‎ 656 Seiten
Heyne

[NEWS] Ines Anioli – Motten im Bauch

Toxische Beziehungen haben immer nur andere? Aber was, wenn man plötzlich doch selbst betroffen ist? Wenn sich die Schmetterlinge im Bauch als Motten entpuppen und die schönen ersten Wochen nichts weiter sind, als eine Erinnerung, an die man sich klammert? Wenn der Traumtyp zum Arschloch mutiert, der aufregende Sex zur Angsterfahrung, die schmeichelhafte Eifersucht zur Besessenheit und Manipulation.
(Verlagsinfo)


Broschiert ‏ : ‎ 256 Seiten
Heyne

Fried, Amelie – Liebes Leid und Lust

Fried hat eine ungewöhnliche Frauenfigur geschaffen: Hanna befindet sich im seelischen Exil, in einer Entfremdung, die sie überwinden muss – und schließlich auch kann. Doch der Weg dorthin ist lang und gepflastert mit Hindernissen: Der Mann, den sie liebt, ist verheiratet.

Der Titel

Der Titel des Buches ist von Shakespeares Liebeskomödie abgeleitet: Leider wird deren Originaltitel „Love’s Labor Lost“ im Deutschen meist mit „Verlorene Liebesmüh“ wiedergegeben. „Liebes Leid und Lust“ ist doch viel schöner!

Näheres zur Autorin gibt es am Ende dieser Rezension.

Handlung
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Dan Simmons – Olympos (Ilium-Dilogie 02)

Dan Simmons‘ Roman „Ilium“ erschien im selben Jahr (2004) wie Wolfgang Petersens eher mäßige Filmumsetzung von Homers |Ilias|. „Ilium“ präsentierte sich als eine eigenwillige Mischung aus Mythologie und Science-Fiction sowie Literatur und Drama à la Shakespeare, die mit ihren abgedrehten, amüsanten und irrwitzigen Ideen dank der überschäumenden Fantasie des Autors für Begeisterung sorgte.

Mit „Olympos“ bringt Simmons seine Dilogie nun zu einem Ende. Messen muss sich das Buch an den hohen Maßstäben seines Vorgängers und der schweren Aufgabe, die drei nur vage miteinander verbundenen Handlungsstränge Iliums zu einem befriedigenden Ende zu führen.

Inhalte

„Ilium“ endete mit dem Bündnis der Griechen und Trojaner nach vorheriger Intervention der Steinvec-Soldaten der Moravecs. Achilles bläst zum Sturm auf den Olymp und unter den Göttern herrscht Zwietracht. Derweil kämpfen auf der Erde die wenigen noch verbliebenen Menschen mit Odysseus gegen die Monster Caliban und Setebos sowie die Voynixe, die von Dienern zu Killern mutiert sind und eine Siedlung nach der anderen erbarmungslos auslöschen. Thomas Hockenberry rätselt mit den Moravecs über die Hintergründe der Götter und ihres marsianischen Trojas, eine Expedition zur Erde wird geplant.

Wie in „Ilium“ wartet Simmons mit einer dreigeteilten Handlung auf. „Olympos“ beginnt mit dem mythologischen Teil, Troja wird von den Göttern bombardiert, der brüchige Friede mit den Griechen bröckelt aufgrund alter Feindschaften und Konflikte, zum Beispiel von Menelaos und Helena. Zentral ist jedoch das Auftreten Penthesileas, die den scheinbar unschlagbaren Achilles an seiner verwundbaren Stelle treffen und töten soll – dabei jedoch scheitert. Doch die ihr von Aphrodite verliehenen Pheromone wirken dennoch, und Achilles verliebt sich in die tote Amazone. Als Mann der Tat schwingt er sich die Leiche über die Schulter, verbündet sich mit Hephaistos, um den von Hera betäubten Zeus zu wecken und die Ordnung auf dem vom Kampf zwischen den Götter verwüsteten Olymp wiederherzustellen – als Belohnung wünscht er die Wiederbelebung Penthesileas in den Heilbottichen des Olymps.

Dieser Teil der Geschichte ist für Freunde der Ilias ein echter Leckerbissen: Simmons bedient sich der Sprachweise Homers und der gängigen deutschen Übersetzungen – hier hat Übersetzer Peter Robert wie bereits in „Ilium“ hervorragende Arbeit geleistet. Herrlich ironisch liest es sich, wenn der „fußschnelle“ oder „fußflinke Männertöter Achilles“ Zeus um Gnade für Penthesilea anfleht und dieser recht banal folgendermaßen antwortet:

„Du liebst Penthesilea, diese hirnlose blonde Schnalle mit Speer. Erzähl mir ein anderes Märchen, Sohn der Thetis.“ (…)

„Aphrodite hat der Amazonenkönigin ein Parfüm gegeben, das sie sich auflegen sollte, als sie zum Kampf mit mir antrat …“ (…)

Zeus lacht erneut brüllend: „Nicht Nummer Neun! Tja, da bist du wahrhaftig geliefert, mein Freund. Wie ist diese Fotze Penthesilea gestorben? Nein warte, ich will es mit eigenen Augen sehen …“ (…)|

Er sieht noch einmal, wie er die Königin Penthesilea und den dicken Rumpf ihres Pferdes hinter ihr mit der unfehlbaren Lanze seines Vaters durchbohrt und sie wie ein zappelndes Insekt in einer Sezierschale an ihr gefallenes Ross nagelt.
|

„Oh, gut gemacht“, dröhnt Zeus. „Und jetzt möchtest du, dass sie in einem der Bottiche meines Heilers wieder zum Leben erweckt wird?“ (…)

„NIEMAND IM URSPRÜNGLICHEN PANTHEON DER UNSTERBLICHEN SAGT ZEUS, DEM VATER, WAS MÖGLICH IST ODER WAS GETAN WERDEN SOLLTE, UND ERST RECHT KEIN KLEINER, STERBLICHER, MIT ZU VIELEN MUSKELN BEPACKTER LANZENKÄMPFER.“

Dieser Handlungsstrang ist der gelungenste in „Olympos“. Der Krieg der Götter und der Zorn des Achilles und anderer Figuren wie Helena sind amüsant und unterhaltsam, allerdings auch langatmig: Einen Sinn oder eine Verbindung zur Handlung auf der Erde sollte man gar nicht erst suchen, vieles bleibt einfach aufgesetztes Beiwerk und bringt die Handlung in keiner Weise voran. Die abstruse |Ilias| wird bisweilen so seltsam, dass man sie nicht mehr genießen kann.

Hockenberry und die Moravecs sind leider bei weitem nicht mehr so unterhaltsam wie im ersten Teil. Wen ihre philosophisch angehauchten Diskussionen nicht amüsierten, sondern auf den Geist gingen, wird jedoch nicht davon befreit: Jetzt sind sie nur noch geistlos. Die Moravecs dienen nur noch dazu, die Brücke zur Handlung um Prospero, Caliban und Sethebos auf der Erde zu schlagen, mit dem Raumschiff |Queen Mab|.

Die Erd-Handlung ist genauso trostlos wie im ersten Teil. Der Shakespear’sche Alien-Horror auf der Raumstation hat sich mittlerweile verflüchtigt und hat Feuergefechten mit Voynixen und dem sich ausbreitenden Setebos Platz gemacht, man kämpft zusammen mit Odysseus und wartet nur auf die Ankunft des marsianisch-trojanischen Odysseus, der diesem Handlungsstrang auch keinen rechten Sinn zu geben vermag.

Daran scheitert schließlich „Olympos“: Simmons müht sich ab, seinem trojanischen Krieg mit Shakespeare und Nanotechnologie am Ende einen Sinn zu geben, was leider nicht gelingt. Banalitäten bleiben dafür in Erinnerung: Warum muss einer der Altmenschen nekrophilen Sex mit einer der Moiren haben, um sie wiederzuerwecken? Kann man einen DNA-Schlüssel nicht etwas dezenter übertragen? Oft zündet die Mischung aus Literatur, Mythologie und derbem Schenkelklopfer-Humor einfach nicht.

Simmons verwurstet die |Ilias| gnadenlos, Science-Fiction-Freunde bleiben dabei zweifellos auf der Strecke, zumal der bessere Teil des Buchs eindeutig eher „Mythological Fiction“ ist. Ein sehr unbefriedigendes Ende erwartet den Leser. Es ist besser, sich von der blühenden Fantasie Simmons amüsieren zu lassen als sich von den zahllosen offen gelassenen, unbedeutenden oder mehr schlecht als recht hingebogenen Handlungssträngen verwirren zu lassen oder sie zu betrauern. Redundant und fragwürdig ist auch die Verteilung der Kapitel: Man erfährt über hundert Seiten, bevor Achilles Zeus aus seinem Schlaf erweckt, dass er es getan hat. Dann wird davon schließlich doch im Detail erzählt, in der oben zitierten Passage. Der epochale Umfang von 960 Seiten hätte dringend mehr Story und eine drastische Kürzung benötigt, zumal nur die Troja/Achilles-Ebene wirklich überzeugen kann. Langeweile macht sich deshalb breit, der Humor flacht ab und man sehnt sich geradezu nach einem vernünftigen Gedankengang in der ganzen breitgetretenen Geistlosigkeit – sein philosophisches Pulver hat Simmons wohl bereits in „Ilium“ verschossen. Die Verbindung der Handlungsteile ist leider kläglich gescheitert.

Unterm Strich

Simmons kann in „Olympos“ nicht annähernd das Versprechen einlösen, das er mit „Ilium“ gemacht hat. Mehr als zwei Drittel des Buchs sind so langweilig, dass man sie überblättern möchte. Das Ideenfeuerwerk des ersten Buchs ist weitgehend abgebrannt, das schwache Ende und die Sinnlosigkeit ganzer Handlungsteile haben zu einem überlangen und langweiligen Buch geführt, in dem nur an wenigen Stellen die dichte Atmosphäre „Iliums“ erhalten geblieben ist.


Taschenbuch: 960 Seiten
Aus dem US-Englischen von Peter Robert.
ISBN-13: 978-3453521230

www.heyne.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (6 Stimmen, Durchschnitt: 1,83 von 5)

Dan Simmons – Ilium (Olymp-Dilogie 01)

Der Wahnsinn hat Methode: Troja auf dem Mars!

Im Feldlager der Griechen, am Fuße des Olympus Mons in einer fernen Zukunft, überwacht der Scholiker Thomas Hockenberry im Auftrag der Muse Melete für die Götter des Olymps den Verlauf des wohl klassischsten aller Heldenepen: Homers Epos Ilias.

Dan Simmons, Autor der Bestseller „Hyperion“ und „Endymion“, begibt sich aber nur scheinbar in literarisches Neuland. Einige seiner Personen und Konzepte – das „Faxen“ (Farcaster) und die Entwicklung der Menschheit auf der Erde stellte er bereits in den beiden Klassikern vor. Sie zeigen sich insbesondere in dem Handlungsstrang, der auf der nahezu entvölkerten Erde spielt – denn der Olymp und Troja auf dem Mars stellen nur einen von drei fantastischen Handlungssträngen dar, die im weiteren Handlungsverlauf zusammenfließen werden.

Da wären noch die Moravecs von den Jupitermonden, grundsätzlich das, was der Rest der SciFi-Welt als „Cyborgs“ bezeichnen würde, Roboter mit einigen organischen Teilen. Diese werden von massiven Quantenaktivitäten auf dem Mars angelockt und senden ein Expeditionsschiff aus, zu dessen Crew unter anderem der hundeähnliche Tiefsee-Experte Mahnmut von Europa und der krabbenartige Hochvakuum-Moravec Orphu von Io gehören. Die beiden Freunde sind ausgesprochene Literaten und diskutieren gerne über den tieferen Sinn der Werke von William Shakespeare und Marcel Proust.

Auf der Erde leben genau 1.000.000 Altmenschen, jeder mit einer Lebensspanne von 100 Jahren. Sie kennen keine Literatur, kaum geschichtliche Ereignisse, können nicht lesen und leben dekadent rund um die „Faxknoten“ der Erde, mit denen man sich blitzschnell von einer Enklave zur nächsten bewegen kann. Sie habe keine Vorstellung von Geographie, auf der weitgehend menschenleeren Erde wüten Dinosaurier und riesenhafte Terrorvögel; nach ihrem Tod, so sind sie überzeugt, fahren sie auf in die orbitalen Ringstädte der Nachmenschen… Doch der schlaue Harman zweifelt und denkt über dieses ihm nicht richtig erscheinende Leben nach, er startet mit einigen Gleichgesinnten eine Erkundung der Welt abseits der Faxknoten.

Wie passt das alles zusammen? Spätestens, wenn Daeman von einem Allosaurus gefressen wird, und das von seinen Freunden recht gelassen aufgenommen wird, da er kurze Zeit später wieder aus einem Faxknoten spaziert – er ist ja noch keine 100 – sollte man merken: Hier stimmt etwas nicht… Das ist genauso absurd wie der Abschuss des Moravec-Raumschiffes im Orbit des Mars durch einen Blitz, den ein Gott aus seinem von geflügelten Rossen gezogenen Streitwagen geschleudert hat.

Aber es kommt noch dicker: Am Rand des marsianischen Thetys-Meeres, rund um Troja herum, hausen die klassischen KGMs (Kleine Grüne Männchen), die an dessen Küste Steinköpfe bzw. Marsgesichter aufstellen!

Doch der Wahnsinn hat Methode – je mehr man liest, desto mehr Zusammenhänge werden klar, die Geschichte wird zunehmend spannender. Anfangs wird der Leser arg im Unklaren gelassen, was Simmons bewusst als Stilmittel einsetzt, was jedoch auch störend sein kann:

Wenn eine Göttin sich aufs Schlachtfeld „qtet“, muss man schon einige Seite weiterblättern um zu erfahren, dass ein Gott sich bevorzugt per „Quantenteleportation“ vorwärts bewegt. Der Begriff „Scholiker“ wird nie erklärt, er erschließt sich aus Hockenberrys Tätigkeit. Was ein Moravec oder ein Voynix ist, dazu muss man sich schon das knapp über drei Seiten kurze Personenverzeichnis ansehen.

Dort erfährt man dann: Moravecs – autonome, empfindungsfähige, biomechanische Organismen, die während des Untergegangenen Zeitalters von Menschen im äußeren Sonnensystem ausgesäht wurden.

Zu den Voynixen: Mysteriöse, zweibeinige Geschöpfe, teils Diener, teils Wachhunde, nicht von der Erde.

Das ist mehr, als man im gesamten Buch über sie liest, insbesondere über die auf der Erde allgegenwärtigen Voynixe. Dieses Register hilft nicht gerade weiter, es erregt bestenfalls Argwohn und Interesse (nicht von der Erde – woher denn sonst?). Simmons spielt mit dem Leser, wie die Altmenschen auf der Erde hat dieser keine Ahnung, was vor sich geht. Er wirft Fragen auf, die erst nach und nach beantwortet werden.

Warum lassen die Götter auf dem Mars die |Ilias| beobachten, und warum kennen sie deren Ausgang nicht? Oder kennt ihn zumindest der mächtige Zeus, der mit seinen fast vier Metern selbst die bereits mit zweieinhalb Metern überlebensgroßen Göttergestalten überragt? Was hat es mit dem „Faxen“ auf sich, was geht im Orbit der Erde vor, was machen die Voynixe überhaupt, wo ist der Rest der Menschheit, was geschah bei dem ominösen „letzten Fax“?

Und wie passen die exotischen Moravecs mit ihren Shakespeare-Sonetten und ihren irrsinnigen, spezialisierten Körperformen (acht Tonnen schwer, krebsförmig, stark gepanzert und auf Hochvakuum ausgelegt), die bei den Kleinen Grünen Männchen landen, in diesen Irrsinn?

Alle drei Handlungsfäden werden am Ende zusammenlaufen: Der Wunsch einer Göttin, Thomas Hockenberry solle eine andere Göttin töten, bringt diesen in Gefahr – das Leben eines Scholikers ist nicht viel Wert, wer versagt, wird ausgelöscht. Was mag erst auf Göttermord stehen? Was er auch tut, er ist des Todes.

Wie dem auch sei: Der Verlauf der |Ilias| wird sich ändern, denn Hockenberry „morpht“ in die Rolle diverser Nebenfiguren und versucht Ereignissen einen anderen Lauf zu geben… Er kämpft um sein Leben und um das der Griechen und Trojaner, insbesondere das Helenas, die er nicht täuschen kann und die ihn als falschen Paris enttarnt – da sie ihm den Dolch unter die Weichteile hält, kann man sich denken, in welcher Situation. Danach gerät die |Ilias| völlig aus den Fugen – inwiefern, das möchte ich nicht verraten.

Auf der Erde haben es Harman und Daeman unter den Fittichen von Odysseus und der „ewigen Jüdin“ Savi geschafft, sich Zugang zu den orbitalen Wohnringen zu verschaffen. Dort erleben sie den Vorhof der Hölle. Während die Moravecs auf dem Mars nur über Shakespeare reden, sind sie Teil eines Shakespeareschen Horror-Dramas, welches an die Romanze „Der Sturm“ angelehnt ist, und erfahren das grauenhafte Schicksal der Nachmenschen und erhalten Erkenntnisse darüber, was wirklich mit ihnen nach 100 Jahren geschieht – und warum Odysseus nicht „faxen“ kann und sich dagegen mit gutem Grund sträubt.

Auf dem Mars wird zum Sturm auf den Olymp geblasen, zum Kampf um das Fortbestehen der Menschheit – wie das auf einmal? Hier endet „Ilium“ mit einem Cliffhanger. Erst die Fortsetzung „Olympos“ schließt, ähnlich wie bei „Hyperion“ der Folgeband „Der Fall von Hyperion“/“Das Ende von Hyperion“ (Anm.: In Deutschland nur noch als Sammelband „Die Hyperion-Gesänge“ erhältlich), das Drama ab.

Es fällt mir schwer, nicht in einer Lobeshymne zu versinken: Simmons hat ein Kunststück geschafft. „Ilium“ ist anspruchsvoll zu lesen, ist dabei aber zugänglicher und gefällt mir thematisch besser als „Hyperion“ und „Endymion“.

Entgegen üblicher Unart, Geheimnisse groß aufzubauschen und dann auf den letzten Seiten vollständig zu entzaubern, bietet Simmons dem Leser ständig Bruchstücke neuer Erkenntnisse, entwickeln sich neue Zusammenhänge und werden zuvor unverständliche Dinge klar – am Ende von „Ilium“ hat der Leser schon vieles erfahren, und dennoch bleibt noch genügend offen für den Folgeband.

Dabei kann seine Unart, Begriffe einfach in den Raum zu stellen, wie die Voynixe und das Faxen/Qten, stören. Man muss damit leider leben, sie ist integraler Bestandteil der bewussten Strategie, den Leser nach neuen Details gieren zu lassen, ihn zum Spekulieren und Grübeln anzuregen.

Dan Simmons setzt einiges voraus – wer die originale „Ilias“ nicht kennt, wird schon den ersten Absatz von Ilium nicht verstehen. Der Appell Homers an die Muse, ihn bei seinem Werk zu unterstützen, mit dem die |Ilias| beginnt, wird hier umgeschrieben:

„Singe mir, o Muse, des Peleussohnes und Männertöters Achilles Unheil bringenden Zorn, der tausend Leid den Achäern schuf und viele stattliche Seelen zum Hades hinabstieß.“

Soweit das Original – Simmons geht aber weiter:

„Und wenn du schon dabei bist, Muse, singe auch den Zorn der launischen, mächtigen Götter hier auf ihrem neuen Olymp, den Zorn der Nachmenschen, auch wenn sie vielleicht tot und begraben sind, und den Zorn jener wenigen echten Menschen, die es noch gibt, auch wenn sie vielleicht egozentrisch und überflüssig geworden sind.“

Weiter nimmt er recht ulkig Bezug auf die Moravecs:

„Und während du singst, o Muse, singe auch den Zorn jener nachdenklichen, empfindungsfähigen, ernsthaften, aber nicht sonderlich menschlichen Wesen, die draußen unter dem Eis von Europa träumen, in der Schwefelasche von Io sterben und in den kalten Falten des Ganymed geboren werden.“

„Aber wenn ich es mir recht überlege, o Muse, singe mir gar nichts. Ich kenne dich. Man hat mich wider Willen zu deinem Diener gemacht, o Muse, du Miststück sondergleichen. Und ich traue dir nicht, o Muse. Kein bisschen.“

So viel zu den launigen Kommentaren des Scholikers Hockenberry, der für die Muse die Arbeit übernommen hat, den Verlauf des trojanischen Krieges seit Jahren zu beobachten. Diese Ironie geht nur dem Kenner der |Ilias| auf. Man wird zwar auf Änderungen zum Verlauf der |Ilias| hingewiesen, aber ohne gute Kenntnisse der griechischen Mythologie und der |Ilias| wird man sich verloren vorkommen.

Kenntnisse von Shakespeare und Proust sind zum Glück nicht zwingend erforderlich – aber wer „Hyperion“ gelesen hat, erkennt die Ähnlichkeiten von „faxen“ und dem Prinzip des Farcasters und vielem mehr, genauso erschließt einem die Kenntnis der „Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust Hinweise auf die Zusammenhänge, zu einem Zeitpunkt, wo der Leser, der sie nicht hat, von den Disputen der beiden Moravecs vermutlich schon irritiert ist. Ebenso wie gewisse Figuren aus Shakespeare’s „Sturm“ auftauchen werden – sie sind ein Bonus für den gebildeten Leser, wirklich notwendig zum Genießen des Romans sind nur die |Ilias| und die damit einhergehende griechische Sagenwelt – die „Troja“-Kinoversion eines Wolfgang Petersen reicht hier nicht aus!

Um nicht nur in der Klassik zu versinken, kommt der Horror auch nicht zu kurz, soviel sei verraten – Aliens und Lovecraft lassen grüßen.

Unterm Strich

„Ilium“ ist ein herausragender Roman, dessen einzige Schwächen die in diesem Maße unnötige Verwendung unkommentierter, unbekannter Ausdrücke und der relativ hohe Anspruch an die Leserschaft sind. Diese wird jedoch mit gleich drei irrsinnig abgefahrenen Geschichten belohnt. In der Nachsicht erkenne ich einige kleinere Unstimmigkeiten, aber nur einen großen Recherchepatzer von Simmons bezüglich des Endes der |Ilias|. Ansonsten ein perfekt organisierter, fantasievoller Wahnsinn, der stets interessant ist und bleibt – es bleibt zu hoffen, dass Simmons auch für „Olympos“ wieder von der Muse so reichlich geküsst wird, die er zuvor zum Miststück erklärt hat.

Die Übersetzung

Eine gute Wahl hat Heyne auch mit dem Übersetzer Peter Robert getroffen, das Buch ist tadellos übersetzt, so hat er zum Beispiel bei den „kalten Falten des Ganymed“ Simmons Humor sehr gut in die deutsche Sprache transferiert. Vom editorialen Aufwand für die Einbindung von Homer, Shakespeare und Proust und den Worteigenkreationen Simmons‘ ganz zu schweigen.

Hinweis

Die Filmrechte für „Ilium“ und „Olympos“ sind bereits verkauft – hoffen wir, dass eine bessere Verfilmung als Petersens „Troja“ daraus entsteht.

Das SF-Ereignis des Jahres oder der nächsten Jahre? Für mich der beste Roman von Simmons, selten habe ich ein Buch so verschlungen. Im SciFi-Bereich gibt es derzeit (2004) wenig wahre Konkurrenz für „Ilium“.

Homers „Ilias“ bei digibib.org

Homers „Ilias“ im Projekt Gutenberg

Shakespeares Werke und Sonette im Projekt Gutenberg

Taschenbuch: 827 Seiten
Aus dem US-Englischen von Peter Robert.
ISBN-13: 978-3453878983

www.heyne.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (3 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Colin Falconer – Zorn der Meere. Historischer Roman

1629 sinkt das Handelsschiff „Batavia“ im Indischen Ozean. Die Überlebenden retten sich auf eine öde Insel. Dort reißt ein Mann die Macht an sich, regiert durch Mord und Terror und ist zum Äußersten bereit, um seine Schandtaten zu vertuschen … – Auf der Basis historisch belegter Tatsachen erzählt Autor Falconer eine Geschichte, die als Fiktion mit der Realität kaum mithalten kann. Einschlägige Klischees passieren vor den Leseraugen Revue, doch insgesamt dominiert die fesselnde Story. Colin Falconer – Zorn der Meere. Historischer Roman weiterlesen

Stephen King – Holly

Die Handlung:

Privatermittlerin Holly Gibney steckt in einer Lebenskrise, da erhält sie einen Anruf: »Meine Tochter Bonnie ist vor drei Wochen verschwunden, und die Polizei unternimmt nichts.« Ihre Nachforschungen führen Holly zu einer weit zurückreichenden Liste ungelöster Vermisstenfälle. Alle spielen im Umfeld eines inzwischen emeritierten Ernährungswissenschaftlers mit dem Spitznamen »Mr. Meat«. Holly hat schon gegen grausame Gegner bestanden, aber hier begegnet sie dem schlimmsten aller Ungeheuer: dem Menschen in seinem Wahn. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Moment … Holly? Holly Gibney? Kennen wir die nicht? Klar, kennen wir die! Und wer alle drei Romane aus Kings „Mr.-Mercedes“-Reihe verschlungen hat, der hat sogar ihre komplette Entwicklung miterleben können. Von der Schüchternen, über die Partnerin, bis hin zur toughen Privatermittlerin. Stephen King sagt selbst, dass sie eigentlich nur eine Randfigur hätte werden und bleiben sollen, aber dann habe sie sein Herz erobert. Und so lässt er die Eigendynamik weiterleben, ganz zur Freude aller Holly-Fans. Er hatte auch eigentlich noch gar keine Story für sie im Kopf, nur eine Szene: Holly erlebt die Beerdigung ihrer Mutter per Zoom-Call. Traurig, aber noch keine Geschichte. Und dann las er eine Schlagzeile in einer Zeitung und schon hatte er seine Antagonisten gefunden.

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Wolfgang Jeschke – Der letzte Tag der Schöpfung. SF-Roman

Idee genial, aber fatal: Den Scheichs das Öl abgraben!

Im Mittelmeerraum werden immer wieder Gegenstände gefunden, die aus fernster Vergangenheit stammen, aber aus Materialien bestehen, die es erst heute gibt oder gar erst in Zukunft geben wird – ein Rätsel.

Diese Funde bestärken die US-Regierung in der Annahme, dass sie mit dem geheimsten ihrer Projekte Erfolg haben wird, dem ehrgeizigen Plan, Menschen und Material mittels Zeitmaschinen fünf Millionen Jahre in die Vergangenheit zu schicken, das arabische Öl anzuzapfen und in die Gegenwart heraufzupumpen. (Verlagsinfo) Mit einem Vorwort von Frank Schätzing.
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Stephen King – Puls (Lesung)

Wie Silvester in der Hölle

Das Grauen kommt nicht aus Gräbern oder aus dem Weltraum. Es ist mitten unter uns und steckt in jeder Handtasche. Das Handy ist ein moderner Heilsbringer, doch in Stephen Kings „Puls“ kommt mit dem Klingelton Wahnsinn und Tod. Der neue große Roman von Stephen King, dem „brillanten Geschichtenerzähler aus Maine“ (SPIEGEL) ist nichts für schwache Nerven. (Verlagsinfo)

Dieses Buch ist Richard Matheson, Autor der verfilmten Endzeitvision „Ich bin Legende“, und dem Zombie-Spezialisten George Romero gewidmet. Der kundige Leser ist gewarnt.

Der Autor

Stephen King, geboren 1947 in Portland, Maine, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, „Carrie“ (verfilmt), erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Mio. Büchern in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk. (Verlagsinfo) Er lebt in Bangor, Maine, und Florida. Seine Erstleserin ist immer noch seine Frau Tabitha King.
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Woodworth, Stephen – Flüstern der Toten, Das (Violet Eyes 1)

_Mystery-Thriller: Der Tod ist erst der Anfang_

Die Polizei nennt sie die „Violetten“, denn sie haben eine besondere Gabe: Sie können Mörder mit ihren violetten Augen erkennen. Und sie können mit den Toten sprechen. Weltweit gibt es nur noch etwa zweihundert von ihnen. Doch jetzt hat sich ein maskierter Mörder, den sie nicht erkennen können, zum Ziel gesetzt, alle auszulöschen. Das Medium Natalie Lindstrom unterstützt die Ermittlungen. Das FBI hat die Aufgabe, die letzten Überlebenden Tag und Nacht zu schützen. Ob das gelingt? Natalie gerät in Lebensgefahr.

_Der Autor_

Stephen Woodworth lebt in Kalifornien und schreibt seit Jahren für Magazine und Zeitschriften. 1999 besuchte er die Schriftstellerwerkstatt des Clarion West, in dem gestandene Science-Fiction-Autoren Erfahrungen weitergeben und die Erzeugnisse ihrer Schüler kritisch bewerten. Der Autor bedankt sich ausführlich im Nachwort für diese Schützenhilfe. Woodworth kommt also ursprünglich aus der SF-Ecke, doch mit dieser Schublade würde man seinem Werk Unrecht tun.

„Das Flüstern der Toten / Through violet eyes“ ist sein erster Roman, mit dem er in USA auf Anhieb Erfolg hatte. Der zweite Roman ist bereits in den USA erschienen und soll ebenfalls bei |Heyne| veröffentlicht werden.

_Hintergrund_

Man stelle sich eine Welt vor, die der unseren bis aufs Haar gleicht, nur mit einem winzigen, aber folgenreichen Unterschied: Die Toten existieren nicht irgendwo über den Wolken oder in einem Reich unter der Erde, sondern weiterhin um uns herum, nur eben unsichtbar. Aber, und das ist wichtig, sie verfügen über diverse Fähigkeiten und Eigenschaften, mit denen sie sowohl aufgespürt und kontaktiert werden können, mit denen sie aber auch einen entsprechend vorbelasteten Menschen geistig übernehmen können. Letztere Menschen sind die Violetten.

Die Violetten, so genannt wegen ihrer ungewöhnlichen Augenfarbe, sind Mutanten, die an einer speziellen Schule ausgebildet werden und offiziell in der „Nordamerikanischen Gesellschaft für Jenseitskommunikation“ (NAGJK) organisiert sind. Diese verfügt über eine straffe Führung, die die Dienste ihrer Mitglieder der Gesellschaft anbietet. Einer dieser Dienste besteht in der Ermittlung der Täterschaft bei Todesopfern, z. B. bei Mord …

_Handlung_

FBI-Agent Dan Atwater hat die Aufgabe übernommen, die Violette Natalie Lindstrom zu unterstützen, zu beschützen, aber auch zu überwachen. Mit ihrem kahl geschorenen Kopf sieht die junge Frau fast wie ein Alien aus. Heute trägt sie keine Perücke, aber heute ist ja auch ein besonderer Tag: Sie tritt in einem Gerichtssaal mit einem Mordopfer in Kontakt. Der ganze Vorgang, so eingespielt er auch sein mag, ist Dan unheimlich. Natalie nimmt sozusagen im Zeugenstand Platz, und die Elektroden des „SeelenScanners“ werden an die bezeichneten Kontaktpunkte auf ihrem kahlen Schädel angebracht. Sollte bei der Kontaktaufnahme etwas schief laufen, braucht nur jemand den Panikknopf zu drücken und die Sitzung wird elektrisch abgebrochen.

Angeklagt ist ein mexikanischer Arbeiter. Er soll seine Frau umgebracht haben. Doch Dan hat den Verdacht, dass der Mann etwas anderes vorhat, denn die Beweislage alleine würde bereits für eine Verurteilung reichen. Dann gibt man Natalie das „Kontaktobjekt“. Es muss immer etwas sein, das der Tote, der gerufen werden soll, getragen und berührt hat. Manchmal reicht aber auch schon eine längere Bekanntschaft, besonders unter Violetten, um den Kontakt herzustellen.

Dann passiert es, und es ist am Seelenscanner genau abzulesen. Die Tote übernimmt Natalies Geist und spricht mit ihrem Mund, agiert mit ihrem Leib. Wütend klagt die Frau ihren Mann an und droht, sie werde ihm niemals verzeihen, was er getan hat. Der Mann springt unvermittelt auf und wirft sich „Natalie“ zu Füßen, um Vergebung zu erflehen. Er wird zurückgehalten, während „Natalie“ immer noch unversöhnliche Flüche ausstößt. Jemand drückt den Panikknopf. „Natalie“ bricht in ihrem Sessel zusammen und schlägt die Augen auf, wieder sie selbst. Es ist vorüber.

Puh, stöhnt Dan innerlich. Ob das wohl jedes Mal so intensiv ist? Und ein kleiner Schauder läuft ihm über den Rücken, wenn er daran denkt, was wäre, wenn er selbst mit einem Toten in Kontakt geriete. Er hat nämlich quasi eine Leiche im Keller. Zusammen mit den Agenten Ross und Phillips hat er einmal einen unschuldigen Nachtwächter erschossen, weil sie seinen Schlüsselbund für eine Waffe hielten. Deshalb vermeidet Dan jeden Körperkontakt mit seinem Schützling Natalie, als er sie ins Hotel bringt. So wie man einen Blitzableiter möglichst nicht während eines Gewitters anfasst. Man ahnt bereits, dass Dan in engeren Kontakt mit Natalie treten wird, so oder so …

|Eine bedrohte Spezies|

Was die Öffentlichkeit noch nicht weiß: Violette wie Natalie sind eine bedrohte Spezies. Denn in den letzten Monaten sind bereits über ein halbes Dutzend von ihnen getötet worden. Das jüngste Opfer ist ein kleines Mädchen namens Laurie. Nach einer Warnung war Laurie von der NAGJK-Schule genommen worden, doch der Mörder hat sie trotzdem aufgespürt. Als Natalie Lauries toten Geist kontaktiert, erfährt sie, dass der Mann eine schwarze Maske trug und somit nicht zu identifizieren ist. Aber Laurie hat noch eine weitere Beobachtung gemacht: Da war ein junger Mann an ihrer Schule, der nicht zu den Schülern gehörte. Wer ist er?

Eines ist jedenfalls klar: Natalie und Dan müssen erstens die restlichen Violetten vor der drohenden Gefahr warnen und zweitens herausfinden, ob sich der Mann vielleicht unter ihnen befindet. Denn nicht jeder Violette ist ein Menschenfreund. Es gibt auch ein paar hochnäsige Leute darunter, die sich für etwas Besseres halten.

Als nacheinander zwei Freunde von Natalie trotz scharfer Bewachung bestialisch ermordet werden, ist Dan klar, dass Natalie, für die er immer mehr empfindet, in Lebensgefahr schwebt. Als er merkt, dass er und sie laufend beobachtet werden, schießt er den Fahrer des Wagens beinahe über den Haufen – so wie jenen Nachtwächter. Aber er kann sich beherrschen. Es ist nämlich ein Sensationsreporter. Am nächsten Tag kann Dan sein Konterfei und das von Natalie in dicken Schlagzeilen in der Zeitung lesen. Sein Chef zieht ihn von der Sache ab, bevor Dan noch mehr Schaden am Image des FBI anrichten kann.

Natalie muss sich in die Obhut des Sicherheitsdienstes der NAGJK begeben. Doch die Mordserie geht weiter, und so wird Dan wieder in den Mittelpunkt des Geschehens gerufen. Allmählich wird ihm das raffinierte Vorgehen des Mörders richtig unheimlich. Aber muss es sich nur um einen handeln? Als der Geist des letzten Opfers Natalie besucht, gelingt ihnen der Durchbruch. Aber es müssen noch viele Irrtümer beseitigt werden, bevor sie an den Richtigen geraten. Und der ist ganz und gar nicht das, was er zu sein scheint … Bloß gut, dass es einen Panikknopf gibt.

_Mein Eindruck_

Im Free-TV wird zur Zeit eine Serie namens „Ghost Whisperer“ gezeigt, in der Jennifer Love Hewitt eine medial begabte Frau spielt, die mit den Toten sprechen kann. Ihre Botschaften dienen häufig dazu, die Lebenden, die Hinterbliebenen zu trösten. Doch „Ghost Whisperer“ ist ein Kindergeburtstag im Vergleich zu „Das Flüstern der Toten“. (Wie viel die beiden Werke miteinander zu tun haben – falls überhaupt – hat sich mir noch nicht erschlossen.) Während es in der Mystery-Serie um sentimentalen Trost für die Lebenden geht, stellt das Buch einen immer härter werdenden Thriller erster Güte dar.

Der Thriller gehorcht den für das Genre üblichen Regeln, wie sie seit den Zeiten von Hammett und Chandler gelten. Überraschende Wendungen stellen die sich immer stärker entwickelnde Liebe zwischen dem FBI-Agenten und seinem ängstlichen Liebchen mit dem Psychoknacks gehörig auf die Probe. Doch anders als etwa Sam Spade ist Dan Atwater kein Mann, der über Leichen geht, ohne mit der Wimper zu zucken, sondern ein geschiedener Gatte, der einen unschuldigen Menschen erschossen hat: Er hat Vergangenheit, Tiefe und Verletzlichkeit. Es stellt sich heraus, dass die beiden sehr gut zueinander passen.

Die Schwierigkeiten, die sie immer von Neuem bewältigen, ergeben sich aus den seltsamen Bedingungen, unter denen die Violetten existieren. Das krasseste Erlebnis, das Natalie widerfahren kann, ist die widerwillige Übernahme durch einen fremden Geist. Dieser Tote hat meist keine sonderlich menschenfreundlichen Absichten, und so dürfte sich Natalie fühlen, als würde sie vergewaltigt.

Normalerweise schützen sich die Violetten gegen diese Übernahme durch ein persönliches Mantra, das sie ständig wiederholen, sei es nun das Einmaleins, ein Kinderreim oder der Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ etc). Und im Normalfall ist das Mantra nur dem Violetten selbst bekannt. Doch jemand aus der NAGJK-Schule kennt offenbar alle diese Schutzzauberformeln, setzt sie selbst ein und überwindet so den Widerstand des Geistes. Als Folge glaubt der Körper des Übernommenen, er sei noch vom korrekten Geist „besetzt“ – die Täuschung ist perfekt. Nun kann der Ursurpator mit dem Körper tun und lassen, was er willen. Auf diese Weise kann Natalie, die nie Autofahren gelernt hat, auf einmal einen Sportwagen steuern. Wie wehrt sich ihr noch vorhandener Geist gegen die Übernahme? Das ist einer der Momente, die die Geschichte so spannend machen.

Der arme Dan! Er kann nie hundertprozentig sicher sein, mit wem er es gerade zu tun hat. Einmal hat sich die sonst so verhuschte Natalie mit verführerische Pose auf ihn gestürzt – der Geist eines Toten, eines Mannes, hatte sie übernommen, um sich vor der Einsamkeit und Düsternis des Totenreichs mal eine Auszeit zu gönnen. Kann man ihm nicht verdenken, aber das Gefühl, von einer „männlichen“ Frau verführt zu werden, ist nicht unbedingt das, wonach Dan um Mitternacht der Sinn steht. Von da ab ist er sehr vorsichtig, was Natalies Identität angeht.

Der Autor hat sich die Aufgabe gestellt, ein relativ konventionelles Thrillergrundmodell in eine ziemlich originell erfundene Welt zu stellen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen durchzuspielen. Der Leser kann sich deshalb nicht auf seine Erfahrungen stützen, die er im Thrillerlesen erworben hat, sondern wird ständig mit überraschenden Wendungen konfrontiert. Aber so originell ist der Autor dann auch wieder nicht. Schließlich ist es ein fast übersehener Hinweis in einer völlig unwichtig erscheinenden Akte, die Dan den Heureka-Moment beschert. Das hätte ich auch so erwartet.

Wie dann die Auflösung des Falls vonstatten geht, ist dann doch wieder recht unkonventionell, denn der Held, unser braver Agent Dan, gibt unfreiwillig den Löffel ab. Doch in einer Welt der lebenden Toten ist auch sein Tod erst ein Anfang. Der „Anfang einer wunderbaren Freundschaft“, um noch einmal Bogart zu bemühen.

_Unterm Strich_

Mir hat das Lesen von „Das Flüstern der Toten“ viel Spaß und einige Aha-Momente bereitet. Trotz der Action-Einlage und des dramatischen Finales fehlen auch nicht der emotionale Tiefgang oder jene philosophischen Einblicke, für die der Autor lediglich das Stichwort liefert, die sich der Leser aber selbst erarbeiten muss. Der Autor hält sich weise zurück mit seinen Werturteilen, und nur in seltensten Fällen erlaubt er sich, durch seine Figuren eine Wertung abzugeben. Als einer der vielen Verdächtigen einmal den Wunsch äußert, die „völlige Kontrolle“ über das Violetten-Programm zu erhalten, kommt dieses Wort Dan Atwater vor wie ein „Pesthauch“.

Da das Buch hauptsächlich aus witzigen, intelligenten, mitunter dramatischen Dialogen besteht, lässt es sich sehr leicht lesen, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Anders als bei Bogarts Philip Marlowe wird dabei nicht auf One-liner abgestellt, die im Gedächtnis hängen bleiben, sondern es findet ein echter Austausch von Meinungen und Emotionen statt. In einem Drehbuch sähe dies sicherlich etwas anders aus.

Woodworth kombiniert das Thrillergenre, adaptiert es aber für seine Zwecke, wie es etwa sein Mentor Greg Bear (s. o.) in „Stimmen“ (Dead lines) und „Jäger“ (Vitals) getan hat, um damit sowohl eine spannende Handlung als auch interessante und anrührende Aussagen über die Natur des Todes und die Beziehung der Lebenden zu den Toten zu formulieren.

(Was ist zum Beispiel die verbrannte und zerbrochene E-Gitarre von Jimi Hendrix wert? Sieht erstmal nach Schrott aus, aber für ihre jetzige Besitzerin, eine Violette, ist sie ein Kontaktobjekt, über das sie theoretisch mit Hendrix kommunizieren könnte. Anders als mit Ludwig van oder Mozart lässt sich jedoch Jimi nicht herbei, die Welt der Lebenden noch einmal zu besuchen. Da kommt mir „Purple Haze“ in den Sinn: „Excuse me while I kiss the sky – is this tomorrow or just the end of time?“.)

Wer mit klassischem Thriller und moderner Mystery im Doppelpack etwas anfangen kann, ist bei Flüstern der Toten“ genau richtig.

|Originaltitel: Through violet eyes, 2004
384 Seiten
Aus dem US-Englischen von Helmut Gerstfelder|
http://www.heyne.de