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Michael Bishop – Arachne. Stories 01

Classic SF: Einfallsreiche Geschichten

„Das Erscheinen Michael Bishops hat in der internationalen Science Fiction-Szene beträchtliches Aufsehen erregt. Dies nicht zuletzt deswegen, weil sich seine atmosphärisch dichten und stilistisch ausgefeilten Erzählungen eher der modernen US-amerikanischen Literatur zurechnen lassen als dem, was man gemeinhin von der SF erwartet.

Obwohl man ihn vornehmlich als Verfasser einer stark soziologisch orientierten Science Fiction apostrophiert, zeigen die in diesem (Doppel-) Band versammelten Erzählungen, zu welcher Ausdrucksstärke und Farbigkeit dieser Autor fähig ist.

Bishop ist ein Ideenmann und Stilist, sein Werk ist von einer grundlegenden Menschlichkeit, auch wenn seine Charaktere uns unmenschlich erscheinen mögen oder – wie in einem Fall – Maschinen sind.

„Arachne“ (und „Raumfahrer und Sternzigeuner“) enthält die besten Kurzgeschichten und Novellen des jungen Autors, der mit „Flammenaugen“ seinen ersten SF-Roman vorlegte (deutsch bei Heyne). Mehrere der hier vorgelegten texte wurden für den HUGO- und den NEBULA Award nominiert. (ergänzte Verlagsinfo)

Hinweis

Der ursprüngliche Gesamtband wurde von Ullstein in zwei Hälften aufgeteilt, der erste Band trägt den Titel „Arachne“, die zweite Häfte heißt „Raumfahrer und Sternzigeuner“. Ein Vorwort des Autors und zwei Gedichte ergänzen das komplette Werk, das 1983 auf Deutsch erschien. 1983 erhielt Bishop erstmals den NEBULA Award.

Der Autor

Michael Lawson Bishop (* 12. November 1945 in Lincoln, Nebraska) ist ein US-amerikanischer Autor, der in erster Linie Science-Fiction-Literatur schreibt. Er besitzt einen Master-Abschluss in Englisch der University of Georgia und unterrichtete an verschiedenen Schulen und Universitäten. (Quelle: Wikipedia)

Bishop veröffentlichte 1970 seine erste Kurzgeschichte „Piñon Fall“, sein erster Roman („A Funeral for the Eyes of Fire“) folgte 1975. Zahlreiche Erzählungen und Romane Bishops wurden für diverse Science-Fiction-Preise nominiert. Ausgezeichnet wurde er viermal mit dem Locus Award und zweimal mit dem Nebula Award, 1981 für die Erzählung „The Quickening“ und 1982 für den Roman „Nur die Zeit zum Feind (No Enemy But Time). In diesem Roman, der als sein bekanntestes Werk gilt, geht es um die Zeitreise zur Wiege der Menschheit ins pleistozäne Afrika. Der Roman besticht durch seine Charakterzeichnungen und komplexen Aufbau und verzichtet auf einen technischen Erklärungsversuch der Zeitreise. (Quelle: Wikipedia)

Der in den Südstaaten der USA lebende Autor hat sich als Gegner von rassischen Vorurteilen profiliert, nicht nur in diesem Roman, sondern auch in „Brüchige Siege“ (1994). In „Brüchige Siege“ setzt er Mary Shelleys „Frankenstein“-Roman (1818) in einer recht unwahrscheinlichen Umgebung fort: im Georgia des Jahres 1943. In dem Roman „Die Einhorn-Berge“ nahm er sich des Themas AIDS an.

Die Erzählungen

1) Arachne (Blooded on Arachne)

Der 16 Jahre junge Ethan Dedecos ist zum Planeten Arachne gekommen, um erstens sein Blut zu spenden und zweitens, um der Kriegsmarine beizutreten. Arachne ist ein felsiger Wüstenplanet, dessen dominante einheimische Lebensform Spinnen sind, so groß wie Elefanten. Diese produzieren in ihrem Speichel ein Virus, das auf Menschen tödlich wirkt. Das Gegenmittel wird von Kindern wie Ethan produziert.

Eine ganze Kultur hat sich um die Spinnen entwickelt. Die jungen Hirten, die die Spinnen treiben, weil sie gegen deren Virus immun gemacht worden sind. Die Wüstenbewohner, die sich diesseits des Raumhafens um den Kontakt zwischen den Zivilisten wie Ethan kümmern, und die Siedler und Marines in Port Eggerton auf Abstand halten. Führer wie Wej S’al bringen Ethan zu den Hirten und den „Hexen“ gegen die Furcht, bevor das Blutspenden beginnt.

Eine kleine Gruppe Spinnenbrut – Spinnerlinge – wird von einem Mädchen angeführt, damit die Brut einen Felsen erklimmt. Von dort beginnt ein Schauspiel: Die Jungen sprühen ihre Sinnweben in die Luft, bis sich der Himmel über dem ausgetrockneten Meeresboden weiß färbt. Anschließend wird Ethan betäubt und auf diesem Meeresboden, einer Salzwüste, mit minimalem Proviant ausgesetzt. Als er erwacht, muss er zusehen, wie er überlebt. Natürlich gelingt ihm dies nur mithilfe der Spinnen. Er schnappt sich eine, die er Bucephalus nennt (nach dem Pferd von Alexander dem Großen). Eine Odyssee durch den Luftozean beginnt…

Mein Eindruck

Die Odyssee bildet einen Initiationsritus. Wird ihn Ethan erfolgreich bestehen, fragt sich der Leser. Denn die im O-Titel angedeutete „Blutung“ deutet auf ein gutes Maß an Gewalt und Verletzung hin. Wie sich ganz am Ende herausstellt, besteht Ethan zwar die Mutprobe, von der sein Überleben abhängt, doch um den Preis eines Opfers…

Die Story vereint mit ihrer Landschaft und Kultur Elemente aus DUNE, kombiniert sie mit dem Initiationsmythos vom jungen Helden (vgl. Joseph Campbell) und bildet so den Auftakt zu einem Space-Opera-Jungsabenteuer. Davon hätte ich gerne noch mehr gelesen.

2) Odyssee auf Cathadonia (Cathadonian Odyssey, VÖ 1974, nominiert für den HUGO 1975)

Die ersten Siedler taufen den erdähnlichen Planeten auf den Namen Cathadonia, ein Kofferwort aus „Cathay“ (altes China) und „Caledonia“ (altes Schottland). Sie fanden einen Ozean, viele Tümpel und an jedem Tümpel einen Wächterbaum vor. Und die dreibeinigen Affen, die sie überall vorfanden, massakrierten sie als unerwünschte Konkurrenten – oder einfach aus Lust an der Jagd. Bald waren alle Dreibeiner verschwunden.

Das riesige Interstellarschiff „Nobel“ ist unterwegs zu den Magellanschen Wolken und setzt in der Nähe von Cathadonia eine Forschungsfähre ab. An Bord sind das Ehepaar Ian und Fischelson. Plötzlich packt eine Kraft die Fähre, so dass sie abstürzt. Nur Maria Jill Ian überlebt die Notlandung, und fortan trauert sie um ihren Mann Arthur. In einem der zahllosen Tümpel bestattet sie die beiden Männer. Dann begegnet sie dem letzten überlebenden Dreibeiner. Von intelligentem Leben haben die Siedler keine Meldung an die Erde gemacht, daher ist Maria überrascht.

Das Lebewesen mit den großen Augen ernährt sich von Früchten, die in den Wächterbäumen wachsen. Merkwürdig daran ist jedoch, dass die Früchte nach oben schweben, um in seinem Maul zu landen. Es muss über telekinetische Fähigkeiten verfügen. Maria begrüßt es zaghaft und ernährt sich fortan ebenfalls von den Früchten und dem Wasser in den Tümpeln. Da der Dreibeiner, den sie Bracero tauft, harmlos aussieht, nimmt sie ihn mit auf ihre Odyssee. Cathadonia duckt sich unter den brennenden Strahlen der Sonne, die die Siedler „Ogers Herz“ (bei Heyne: „Menschenfressers Herz“) genannt haben.

Dass Bracero auch über telepathische Fähigkeiten verfügen muss, erschließt sich Maria Jill Ian aus den verschiedenen Reaktionen auf ihre eigenen Gefühle, vor allem auf ihre Trauer. Nach einer tagelangen Phase der Regungslosigkeit tauchen die Leichen von Arthur und Fischelson in einem der Tümpel auf. Doch was wohl als Trost gedacht war, stürzt Maria noch mehr in Verzweiflung. Sie versenkt die Leichen wieder. Nun plant sie einen Kurswechsel Richtung Ozean, denn davon hat sie ein Stück während des Absturzes erhascht. Die Tümpel werden größer.

Doch dann wünscht sich Maria, diese Welt hätte einen Mond, zumindest eine Kugel, die Cathadonia zeitweilig von den sengenden Strahlen der Oger-Sonne schützen würde. Volle fünf Tage verfällt Bracero in Trance, und als erwacht, schwebt am Himmel tatsächlich eine neue Welt. Es ist die Erde…

Mein Eindruck

Jeder SF-Fan kennt die Story „Eine Mars-Odyssee“ von Stanley G. Weinbaum. Sie war die erste SF-Geschichte, in der Aliens freundlich auftraten und den Erdlingen halfen, in einer fremdartigen Umgebung zu überleben. Auch Bracero ist so ein fremdartiger Helfer. Doch der Autor hatte kurz zuvor ein Buch über die russischen Psi-Experimente gelesen und nahm nun Telekinese und Telepathie in diese Geschichte auf.

Das Ergebnis ist für die gestrandete Maria Jill Ian jedes Mal erschütternd und unerwartet: Ihr toter Mann kehrt zurück und die Erde wird nach Cathadonia versetzt. Manchmal bekommt man eben mehr, als man sich gewünscht hat. Alfred Lord Tennyson liefert auf S. 52 mit einer Strophe aus seinem epischen Gedicht „Ulysses“ den tröstenden Kommentar, nach dem Motto „Wir sind, wer wir sind, und wir wissen, was wir noch haben. Wir werden trotz aller Rückschläge nicht weichen.“

Ich hatte eigentlich die ganze Zeit erwartet, dass Maria die Siedler trifft und denen eine Standpauke hält. Dass da wohl ein Genozid an Braceros Leuten stattgefunden haben muss usw. Aber damit hätte sie sich nur in Lebensgefahr gebracht. Stattdessen erscheint die Erde über Cathadonia, und lange nach Marias Tod usw. wird der Doppelplanet zu einer Touristenattraktion. Ein ironischer Schluss, der den dramatisch erscheinenden Mittelteil wieder humorvoll ausgleicht.

3) Abbilder (Effigies)

Lange nach der globalen Katastrophe auf der Siedlerwelt Hond ist der Stamm, in dem die junge Thelet lebt, bis auf 24 Mitglieder geschrumpft. Sie leben auf Steinzeitniveau und praktizieren Inzest, um wenigstens auf diese Weise auf Nachwuchs hoffen zu dürfen. So muss Thelet ebenso wie ihre Schwester Amigna mit ihrem klumpfüßigen Bruder Hrul schlafen. Um das eigene Leben zu verlängern, häuten sich die Mitglieder hin und wieder.

Es gibt einen alten Einsiedler namens Verlis, der in der Lage ist, die Maschinen in seiner Festung Adiro zu benutzen. Während die anderen auf die Jagd gehen, nimmt Verlis Thelet mit in sein Labor. Hier zeigt er ihr, wie er gedenkt, die Zahl der Stammesangehörigen zu steigern: durch Pflanzung. Mit der Erlaubnis und Unterstützung der anderen darf Verlis 40 Samen in kleine Erdhaufen säen, obwohl manche, wie der zynische Hrul, dagegen sind: Verlis, so behauptet er, habe das Wild vertrieben.

Nach etwa zwei Wochen erheben sich die ersten zarten Pflänzchen aus den Erdhaufen. Sie weisen Gesichter auf, und während sie wachsen, zeigen sie alle das Gesicht von Verlis. Das ruft Empörung hervor. Für wen hält sich der Alte denn? Aus dieser ersten Ablehnung erwächst schließlich Hass. Es kommt, wie Verlis vorausgesagt hat: Als der Hunger zu groß wird, fallen die Stammesangehörigen über die neue Saat her: Es ist glatter Mord.

Doch die Schuldgefühle richten sich nicht gegen die Anführerin Evmaunda, sondern gegen Verlis. Eine verunstaltete Puppe hängt vor dem Eingang zum Labor. Als Thelet sie schließlich entfernt und Verlis‘ Festung betritt, ahnt sie Schlimmes…

Mein Eindruck

Die sehr anschaulich aus Thelets Blickwinkel erzählte Geschichte belegt, dass die künstliche Fortpflanzung auch keine Alternative ist. Offenbar ist die menschliche Psychologie nicht dafür eingerichtet, sich künstlich helfen zu lassen. Dafür aber ist Inzest erlaubt, selbst wenn diese Praxis mangelhaft lebensfähige Nachkommen hervorbringt.

Es ist der Gipfel der Ironie, dass ausgerechnet das Labor, das der alte Verlis gepflegt und genutzt hat, zerstört wird, um den Status quo der steinzeitlichen Lebensweise erhalten zu können. Dabei spielen nicht einmal absurde Vorstellungen wie etwa Dämonen eine Rolle. Thelet wird als hilf- und wehrloses Mädchen dargestellt, das nicht einzugreifen wagt. Aber auch Evamaunda als Stammesführerin weist einen positiven Weg.

Und so kommt es, dass der schärfste Kritiker, Thelets Bruder Hrul, seinen Willen bekommt. Sein ungenannter Hintergedanke könnte ja die ungestörte Benutzung von Thelet und ihrer Schwester sein. Egoismus obsiegt also über Altruismus, Kurzsichtigkeit über Strategie. Eine ziemlich pessimistische Aussage, die der Autor hier vermittelt.

4) Das Haus der mitfühlenden Teiler (The House of Compassionate Sharers)

Dorian Lorca ist der Prinzgemahl der Gouverneurin des Planeten Diroste (im Original: Miroste), deren Namen Rumer (im Original: Rumai) Miethai lautet. Doch Dorian ist nur noch zu einem geringen Teil menschlich zu nennen, denn bei einer Explosion in einer Mine, die er als Beamter inspizieren sollte, wurde sein Originalkörper schwer beschädigt. Der Galen (Arzt) Diderits hat die beschädigten Körperteile durch künstliche ersetzt: Stahl, Keramik und Elektronik. Inzwischen betrachtet Dorian diese Teile als seinen wahren Körper und empfindet Abscheu vor organischen Körpern wie dem seiner Frau Rumer. Inzwischen hat er gelernt, ein Sondenschiff durch das galaktische Imperium zu steuern, das die Menschen dem Atomkrieg auf der Erde errichtet haben.

Auch heute verursacht ihm die Begegnung mit Rumer Übelkeit. Wenige Wochen später trifft in Port Iranani, wo er lebt, eine beinahe kahlköpfige Frau in einem kostbaren Gewand ein. Sie ist eine Wärterin namens Kefa, doch im Laufe des Gesprächs, an dem Diderits und Rumer teilnehmen, wird Dorian klar, dass sie in Wahrheit die Puffmutter eines Bordells ist, das sie „Das Haus der mitfühlenden Teiler“ nennt. Es liegt auf der Erde. Diderits und Rumer machen Dorian deutlich, dass dies seine letzte Chance ist, die Ehe mit der Gouverneurin aufrechtzuerhalten. Also kriegt er eine Therapie der Extraklasse.

Manitou Port liegt etwa 200 Meilen südwestlich des im Atomkrieg zerstörten Denver in Colorado, am Boden einer Schlucht, in die ein Ferienort mit allen Schikanen gebaut wurde. Hier ist Skifahren das ganze Jahr hindurch möglich. Folglich kommen allerlei reiche und schöne Menschen hierher – und Wärterin Kefas Spezialhaus. Dorian bekommt eine Privatsuite. In der ersten Nacht darf er einen der Teiler besuchen. Das Wesen liegt auf einem beheizten Bett und rührt sich kaum. Halb blind muss sich Dorian das Aussehen dieses stummen Partners ertasten. Ein Totenkopf mit elektronischen Augen?

In der nächsten Nacht mit diesem Partner erhält Dorian zwei Instrumente, die es ihm erlauben, den Körper und Geist des Partners vollkommen zu beherrschen. Er wird zum Puppenspieler. Seine Marionette soll auf sein Geheiß hin die singende Schwarzdrossel, die immer in ihrem Käfig sitzt, töten. Die Sache geht schief, aber für Wärterin Kefa ist die Sache aufschlussreich. Die Alpträume lassen nach und verschwinden schließlich ganz.

Andere Besucher sind nicht so kooperativ wie Lorca. Ein Klonpaar namens Cleirach und Cleva Orha, zwei hochrangige Beamte auf Urlaub, hat sich spezielle Spiele mit einem Eingeborenen der Welt Trope ausgedacht. Sie berühren Lorcas kühle Haut und wundern sich über seine Unempfindlichkeit gegenüber der Kälte von Wolf Run Summit, hier in den Rockies. Dann wird Lorca klar, wofür sie ihn halten: für einen Sklaven.

Beim Aufenthalt der Orhas kommt es zu einem Zwischenfall. Beide haben zuviel Drogen und Alkohol konsumiert, nun droht Cleva, der weibliche Klon, nicht nur den Eingeborenen von Trope zu töten – sie hat sein Kristallauge herausgeschnitten -, sondern Wärterin Kefa zu erwürgen. Nun ist es an Dorian Lorca, sich zu entscheiden, für wen er eintritt: für Besucher wie ihn selbst oder für die Wärterin, die offenbar auch eine barmherzige Partnerin ist…

Mein Eindruck

Die Geschichte dreht sich um die Überwindung von Entfremdung. Das ist der seelische Zustand von Dorian, der nicht nur zufällig an Oscar Wildes Figur des Dorian Gray erinnert, der ewige Jugend erkaufte. Dorian Lorcas seelischer Zustand klammert sich an die „Aufwertung“ durch langlebige Komponenten, doch erkauft wird diese Balance mit den Medikamenten, die ihm Dr. Diderits verabreicht. Folglich will sich Dorian nur widerwillig auf eine Behandlung dieses prekären Zustands einlassen.

In den siebziger Jahren waren Therapien aller Art in Mode, denn wenn sich schon die Gesellschaft – wie 1968 gescheitert – nicht verändern ließ, so vielleicht doch das eigene Seelenleben. Bei John Lennon klappte es, denn er wollte von seiner Heroinsucht geheilt werden. Seine Qualen kann man gemäß der Urschrei-Therapie heute noch anhören, beispielsweise „Cold Turkey“ oder „Mother“. Es ist kaum auszuhalten. Ein weiterer Entwurf ist Robert Silverbergs Roman „The Book of Skulls“, auf Deutsch als „Bruderschaft des Schmerzes“ bei Moewig übersetzt.

Mit Sicherheit geht es in Bishops Story um Schmerz, aber vielleicht nicht um eine Bruderschaft. Dorian ahnt nicht, dass seine Rolle nicht die des Puppenspielers sein wird, als er mit der Gesprächstherapie beginnt, aber wohl auch nicht die eines Kunden, wie es die Olha-Klone sind. Wie sich nach einigen Beichten und Erkenntnissen herausstellt, ist Dorian am besten als Teiler bzw. Partner geeignet. Und auf die sogenannte „Puffmutter“ oder Wärterin oder Wartin – je nach Übersetzung – lässt Dorian nichts kommen. Sie lässt ihm die Freiheit, seinen Weg selbst zu finden. Dafür bekommt sie seine Hilfe, wenn es ihr an den Kragen geht. Denn offenbar ist auch sie eine Teilerin.

Die vielfach abgedruckte Novelle mutet dem Leser zu Anfang viele neue Begriffe zu, wird aber dann immer leichter lesbar. Sie bleibt im titelgebenden Haus stets leicht verständlich, ohne an Niveau einzubüßen. Dieses ist nach dem Vorbild der Grafiken von M.C. Escher konstruiert, ein verwirrendes Labyrinth, das die Seelen seiner Klienten widerspiegelt.

HINWEIS: Eine alternative Übersetzung findet sich im „Heyne SF Reader 21“ aus dem Jahr 1984.

5) Die Bewohner von Chinistrex Fortronza sind Maschinen (In Chinistrex Fortronza the People are Machines)

Der Planet heißt Blaispagal GmbH und ist, wie etliche andere Welten, inkorporiert, also ein Unternehmen. Die Bewohner der Hauptstadt Chinistrex Fortronza sind allesamt Maschinen, die von einem Kaiser mit dem Titel Parmalee beherrscht werden. Der Kaiser ist lediglich dem göttlichen Uhrmacher verantwortlich, der alle Maschinen gebaut und in Betrieb gesetzt hat.

Der aktuelle Kaiser trägt den Namen Pajetric Stat. Als ihm von ausländischen Botschaftern ein unglaubliches Gerücht zugetragen wird, beauftragt er seinen „Wesir“ RundLauf mit dem Auftrag, dieses unglaubliche Wesen zu finden und in die Steuerzentrale zu bringen. Rund Lauf entgeht der Vernichtung, indem es ihm gelingt, jenes Fabelwesen aufzuspüren und zum Mitkommen zu bewegen: den Homunculus.

Der Homunculus, so besagt das Gerücht, sei in der Lage, zu lachen, klagen und Tränen zu vergießen, die sofort zu Diamanten werden, wenn sie zu Boden fallen. Dieser Homunculus jedoch klagt statt zu lachen, vergießt aber dennoch Tränen aus Diamant. Dies findet den Beifall des Parmalee, der seine Mitmaschinen zu begeistern weiß. Das Bruttobetriebsprodukt steigt in ungeahnte Höhen. Nach angemessener Zeit kehrt der Homunculus in seinen Wald zurück.

Die hinterlistigen Rivalen einer anderen GmbH schenken dem Parmalee etwas, das sie ein Gegenstück zum Homunculus nennen, allerdings aus „organischer Materie“. Dieser sei „biologisch“. Das da im Topf blubbert höchst unansehnlich. Sie haben es „Hoom“ genannt. Allerdings ist das Gebräu aus Aminosäuren, Fett und anderen garstigen Dingen durchaus zu Denken und „Emotionen“ fähig, wie sich herausstellt. Prompt verlangt der Parmalee ein Duett. Dieses misslingt. Und auch sonst gibt der Hoom Anlass zu Unmut: Er bricht zusammen. Ist dies der Anfang vom Ende?

Mein Eindruck

Die Story liest sich wie eines der netten Robotermärchen, die Stanislaw Lem einst zur Erbauung und Unterhaltung seiner Leserschaft schrieb. Allerdings fehlen hier die beiden verrückten Wissenschaftler Trurl und Klapaucius, so dass die Entwicklung des Geschehens mehr einer dialektischen Evolution gleicht. Sie folgt den Vorgaben des Kapitalismus, denn jede GmbH muss ein Bruttobetriebsprodukt erwirtschaften. Als das von Blaisephagal in den Keller geht, gerät die Welt in Gefahr, von einem popligen Konkurrenten wie Bzz übernommen zu werden. Doch wie in einem ordentlichen Märchen kommt Hilfe aus einer unerwarteten Richtung: der wahre Homunculus meldet sich zurück.

Wie in „Alice im Wunderland“ spielt der Autor mit Erwartungen. Er steigert die Abweichungen von der Maschine über den Homunculus bis zum „Hoom“, der eine biologische Lebensform darstellt, wie der Leser selbst. Nun kommt der Clou: Dieser Hoom (kurz für „human“) ist etwas, das die Maschinen überhaupt nicht kennen, also nicht nur biologisch, sondern auch sterblich. Der Tod ist etwas Neues im Maschinenland und könnte verheerende psychische Folgen für die Maschinen haben. Der Leser muss sich als Mensch fragen, ob es wirklich so eine gute Idee ist, biologisch und sterblich zu sein. Was hier wirklich fehlt, ist ein „Schöpfer“. Auf die Idee, dass die „Hooms“ sich durch gegenseitige Befruchtung fortpflanzen könnten, kommt natürlich keine der Maschinen.

6) Glaubenssprünge (Leaps of Faith)

Heinz Jürgens arbeitet als Insektenbekämpfer für Wanz-Ex in Columbus, Georgia. Heute hat er den Auftrag, Flähe im Haus der Familie Mayer zu beseitigen. Als er mit unerklärlichen Kopfschmerzen ankommt, sieht er, wie Mr. Mayer bereits mit Kalk usw. sein Haus zu schützen versucht, obwohl doch der Befall innerhalb des Hauses gewesen sein soll. Hier experimentiert Mrs. Mayer als freie Forscherin mit Flöhen. Sie untersucht deren Fähigkeit, aus dem Stand sehr hoch bzw. weit zu springen. Dabei hat sie das Resilin entdeckt und einen Muskel am Bauch.

Jürgens‘ Kopfschmerzen werden schlimmer. Er erinnert sich an seine Trennung von seiner Ex-Frau und wie sie ihm einmal Würstchen servierte, die sich noch in der Plastikverpackung verbanden. Das konnte ja nicht gut gehen – obwohl er noch darüber lachte. Aber sie nahm es ihm übel, nun ist sie Geschichte.

Eigentlich wollen die Mayers gar keinen Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln. Und ein Monats-Abo schon gleich gar nicht. Heinz‘ Kopfschmerzen werden stärker. Als er unverrichteter Dinge wieder zur Firmenzentrale fährt, stoppt er unterwegs am Straßenrand. Was sein Kollege, der ihn abholen will, im Auto vorfindet, ist jedoch nur ein junger Mann, dem aber der Geist von Heinz Jürgens fehlt…

Mein Eindruck

Auf seine augenzwinkernde Weise deutet der Autor an, dass auch Aliens wie Flöhe andere Wesen befallen könnten. In diesem Fall sind es Geistwesen, die sich der Seele eines Menschen bemächtigen, wie im Fall Heinz Jürgens. Aber auch seine Ex Trudi könnte ein solcher „Wirt“ gewesen sein, wegen ihres seltsamen Verhaltens beim Kochen.

Fragt sich allerdings, welchen Vorteil diese Geistwesen von solcher Wanderung haben könnten. Eine ähnliche Story hat einmal Lucius Shepard geschrieben, und dort wollte der Alien einfach nur verweilen, überleben und lernen, wie jeder Mensch. Jürgens spricht immer wieder vom Glauben (wie schon der Storytitel andeutet), und er betet zusammen mit den Mayers, obwohl diese Atheisten sind. Das ist herzwärmend, aber auch ein wenig schräg.

7) Besucher (Pinon Fall, 1970)

Die drei Aguilera-Jungs Jamie, Pokie und Tonio sind ins Gebirge gezogen, um Pinonzapfen zu sammeln. Der zarte Kerne würden ihre magere Winterkost aufbessern. Ringsum liegt Schnee in Colorado, bis sie zu einem Fleck kommen, wo eine Gestalt im Schnee liegt. Sie ist blau vor Kälte. Sobald sie ihre Furcht überwunden haben, öffnet Jamie die Augen der humanoiden Kreatur. Die Augen sind völlig schwarz und facettiert.

Aber das Wesen kann sprechen und bittet darum, es zu bedecken. Jamie gibt ihm seine Decke und den Inhalt von Einmachglässern voller gesammelter Pinonzapfen. Da erst sieht er, was sich hinter der Gestalt verbirgt. Es sind vier papierdünne Flügel. Sobald es gestärkt ist, beginnt das Wesen, das sich „Papilio“ nennt, mit den dünnen Flügeln zu schlagen. Dann folgt es ihnen zu ihrem Zuhause.

Ihre Mutter hat nicht nur einen prophetischen Alptraum erlebt, sondern auch noch Besuch von der alten Nachbarin Mrs. Zowodny, die aus Polen stammt. Das hindert die gehbehinderte Witwe nicht daran, die Chicanos als „Schwarzköpfe“ zu beschimpfen. Die Jungs pflegen ihr Häuschen mit Schnee- und Schmutzbällen zu bewerfen und rufen sie „Polack“. Die Polin will sich Mrs. Aguileras Axt ausleihen. Aber wozu, hat sie doch einen Ofen, der nur Kohle verbrennt. Sie bekommt die Axt dennoch.

Als Jamie zu Hause eintrifft, empfängt ihn seine deprimierte Mutter. Er bringt keinerlei Zapfenkerne mit, die ihre magere Kost aufgebessert hätten. Jamie soll die verliehene Axt zurückholen. Als er bei der Polin eintrifft, schlägt ihm organischer Drüsengeruch entgegen. Die Haustür ist offen und er sieht Mrs. Zowodny über einen schlafsackähnlichen Gestalt knien, auf die sie mit der Axt einschlägt. Als er dies sieht, fällt Papilio, der Jamie unauffällig gefolgt ist, über Mrs. Zowodny her, um der Artgenossin, die am Boden liegt, zu Hilfe zu eilen. Doch Jamie hält zu den Menschenwesen, nimmt die Axt und schlägt Papilio den Schädel ein.

Das hilft ihm nicht. Vom Himmel fallen wie Schneeflocken viele weitere Schmetterlingswesen zu Boden…

Mein Eindruck

Auf eine sehr ironische Art geht es in der ehemaligen Minenstadt Huerfano („Waise“), Colorado, um Invasion und Immigration. Polen sind hergezogen, bevor auch die Mexikaner in das fruchtbare San Luis Tal einwanderten, die Chicanos. Die schneebedeckten Gipfel der Sangre de Cristo Berge (bis knapp 4400 m hoch) erheben sich im Westen. Ja, die Spanier tauften einst diese Berge, ebenfalls Einwanderer, die gekommen waren, um ein Kaiserreich zu errichten- bis die Amerikaner sie 1848 vertrieben.

Und jetzt kommen die Aliens aus dem Himmel. Erst ein männlicher „Schmetterling“, dann taucht vor Mrs. Zowodnys Haus ein weiblicher Alien auf. Beide überleben ihre Begegnung mit den Bewohnern dieses Planeten nicht, aber sie sind ja nur die ersten ihrer Art.

In einer stimmungsvollen, aber abwechslungsreichen Erzählweise gelingt es dem Autor, Interesse für die sich anbahnende Auseinandersetzung zu wecken. Keine Spur von Romantik kommt auf, wenn der Schmetterling seine marmorierten Flügel ausbreitet. Nur gebührendes Staunen füllt die Augen der drei Jungs. Aber schon müssen sie ihre eigene Nahrung mit dem Fremdwesen teilen. Mit wenigen Pinselstrichen zeichnet der Auror die Grundelemente der Konflikte, die zwischen Alteingesessenen und Neulingen immer wieder den Verlauf der Begegnung bestimmen: das Eigene vs. das Fremde, Kampf ums Lebensraum und Nahrungsmittel. Wie Jamie herausfindet, zählt die Solidarität unter Menschen mehr als der latente Rassismus.

Die Übersetzung

S. 12: Der ganz[e] Canyon…“: Das E fehlt.

S. 15: „karmesinbraun“. Karmin ist meist rot. Google weiß: „Karmesin bezeichnet ein tiefes, sattes Rot, oft synonym verwendet mit Karmin, Karminrot oder Scharlachrot.“

S. 58: „spielerische Strategeme“: Das könnte man auch als „Spielstrategien“ übersetzen.

S. 66: „Nahrung aus Krautzweigen“: Ansonsten ist immer von Krautweizen die Rede.

S. 75: „zwei gleichartige Beinsti[e]le“: Das E fehlt.

S. 86: „Sie setzte sich über ihre eigene[n] Angst…“: Das N ist überflüssig.

S. 114: „Sie versuchen mich auf den Lein zu führen“: Gemeint ist wohl der Leim, mit dem man früher Vögel fing.

S. 134: „der Homunculus in seiner Unberechenheit“: Gemeint ist wohl vielmehr „Unberechenbarkeit“.

S. 145: „wie das nachts klopften“: Heinz meint aber wohl „DES nachts“.

S. 167: „Jamie zock seine Jacke aus…“: Er zog sie wohl aus.

Warum die Übersetzung von „Das Haus der mitfühlenden Teiler“ in den Namen so vom englischen Original abweicht, könnte daran liegen, dass der Autor inzwischen den Text überarbeitet hat. Mal ehrlich, „Rumai“ (Dorians Frau) klingt ziemlich ähnlich wie „Humay“ (Dorians Geliebte), nicht wahr?

Unterm Strich

In dieser ersten Hälfte der Story-Sammlung bildet „Das Haus der mitfühlenden Teiler“ sicherlich den Höhepunkt, nicht nur was die Konzeption und Ausführung, sondern auch, was die Aussage anbelangt. Mit Ausnahme von „Die Bewohner…“ sind alle anderen Stories leichter lesbar, aber etwa anschaulich genug, dass sie kein zweites Lesen erfordern. „Das Haus der mitfühlenden Teiler“ lohnt hingegen ein zweites Lesen. So ist es durchaus vorstellbar, dass die Explosion, der der Beamte Dorian Lorca seinerzeit zum Opfer fiel, nicht von Gruben-, also Methangas, sondern von Sprengstoff herbeigeführt wurde.

„Die Bewohner von Chinistrex Fortronza“ ist ein Robotermärchen, das seine Moral von der Geschicht‘ hinter kuriosen Details versteckt. „Glaubenssprünge“ erfordert ein wenig Nachdenken, um die Pointe zu erfassen. Am besten gefielen mir die Geschichten „Besucher“ und „Odyssee“, nicht nur wegen der Vorbilder, sondern auch wegen des jeweils überraschenden Ausgangs der Handlung.

Für die vielen Druckfehler gibt es Punktabzug.

Taschenbuch: 176 Seiten,
O-Titel: Blooded on Arachne, 1. Teil, 1982
Ullstein 1983, Berlin;
Aus dem US-Englischen von Johannes Blasius
ISBN 9783548310541

www.ullstein.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Michael Bishop – Nur die Zeit zum Feind. Zeitreise-Roman

Die schöne Helena aus der Steinzeit

Auf einer Zeitreise in die Zeit der Frühmenschen vor einer Million Jahren verliebt sich John Monegal, der Reisende, in eine Frau, die von ihrem Stamm wie einst die schöne Helena verehrt wird. Er hat von ihr sein ganzes Leben lang geträumt. Warum? Und was hat das Experiment der US-amerikanischen Wissenschaftler damit zu tun?

Für diesen wunderbar stimmungsvollen, romantischen und humorvollen Zeitreise-Roman wurde Michael Bishop 1983 mit dem NEBULA Award ausgezeichnet, einem der beiden wichtigsten Preise im SF-Genre.
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Michael Bishop – Die seltsamen Bäume von Ectaban

Fernes Ongladrad: das Experiment Kunst vs. Krieg

12.000 Jahre in der Zukunft und in 800 Lichtjahren Entfernung läuft ein gesellschaftliches Experiment. Nach zwei schrecklichen Kriegen haben sich die Überreste der Menschheit zu einem Versuch entschlossen: In der Selbstverstümmelung ihrer Fähigkeiten sehen sie die letzte Chance, sich vor der Selbstvernichtung zu bewahren.

Auf Ongladrad wurden genetisch manipulierte Gruppen ausgesetzt, um zu testen, ob ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Satelliten beobachten den Verlauf, während die Jahre vergehen. Der Künstler Gabriel Elk birgt noch Fähigkeiten und Wissen der Alten. Seine Gabe kann die kleine Kolonie retten – oder ihren Untergang herbeiführen …
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Michael Bishop – Transfigurationen

Packende Entdeckungsreise zu den Asadi

Michael Bishop hat seine lange, Aufsehen erregende Novelle „Tod und Bestimmung unter den Asadi“ 1979 zu dem Roman „Transfigurationen“ (ebenfalls bei Heyne) ausgebaut. Doch auch so ist die xenobiologische Story vom Forscher, der langsam die Eigenarten und Abgründe einer Alien-Zivilisation entdeckt, immer noch packend. Das Titelbild passt nur zu Bishops Roman „Das Herz eines Helden“. Die Illustrationen von Klaus D. Schiemann geben die teils gruselige Atmosphäre viel besser wieder.

Der Autor

Michael Lawson Bishop (* 12. November 1945 in Lincoln, Nebraska) ist ein US-amerikanischer Autor, der in erster Linie Science-Fiction-Literatur schreibt. Er besitzt einen Master-Abschluss in Englisch der University of Georgia und unterrichtete an verschiedenen Schulen und Universitäten. (Quelle: Wikipedia)

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Michael Bishop – Graph Geigers Blues. Superhelden-Satire

Des Kulturkritikers schlimmster Albtraum

„Xavier Thaxton, ein konservativer Feuilletonredakteur und Nietzsche-Verehrer, ist von den Produkten moderner Popkultur und vom schlechten Geschmack seiner Zeitgenossen mehr als angewidert. Doch nach einem unfreiwilligen Bad in einem radioaktiv verseuchten See verändert sich sein Leben dramatisch: Um den körperlichen Verfall aufzuhalten muß sich Thaxton das Kostüm und das Verhalten eines Comic-Superhelden zulegen – und so zu einer jener Ikonen der Popkultur werden, die er sein Leben so lang verabscheut hat.“ (Verlagsinfo)

Der Autor

Michael Lawson Bishop (* 12. November 1945 in Lincoln, Nebraska) ist ein US-amerikanischer Autor, der in erster Linie Science-Fiction-Literatur schreibt. Er besitzt einen Master-Abschluss in Englisch der University of Georgia und unterrichtete an verschiedenen Schulen und Universitäten. (Quelle: Wikipedia)

Bishop veröffentlichte 1970 seine erste Kurzgeschichte „Piñon Fall“, sein erster Roman („A Funeral for the Eyes of Fire“) folgte 1975. Zahlreiche Erzählungen und Romane Bishops wurden für diverse Science-Fiction-Preise nominiert. Ausgezeichnet wurde er viermal mit dem Locus Award und zweimal mit dem Nebula Award, 1981 für die Erzählung „The Quickening“ und 1982 für den Roman „Nur die Zeit zum Feind (No Enemy But Time). In diesem Roman, der als sein bekanntestes Werk gilt, geht es um die Zeitreise zur Wiege der Menschheit ins pleistozäne Afrika. Der Roman besticht durch seine Charakterzeichnungen und komplexen Aufbau und verzichtet auf einen technischen Erklärungsversuch der Zeitreise. (Quelle: Wikipedia)

Der in den Südstaaten der USA lebende Autor hat sich als Gegner von rassischen Vorurteilen profiliert, nicht nur in diesem Roman, sondern auch in „Brüchige Siege“ (1994). In „Brüchige Siege“ setzt er Mary Shelleys „Frankenstein“-Roman (1818) in einer recht unwahrscheinlichen Umgebung fort: im Georgia des Jahres 1943. In dem Roman „Die Einhorn-Berge“ nahm er sich des Themas AIDS an.

Handlung

Xavier Thaxton ist ein vermögender Kulturkritiker bei einer Zeitung in der aufstrebenden Südstaaten-Stadt Salonika, der Metropole von Oconee, einem vom Autor erfundenen US-Staat. Xavier steht auf deutsche Klassikmusik und zitiert Nietzsche aus dem Effeff. Im Gegensatz zu seinen Redaktionskollegen verabscheut er Baseball, Comics und Popkultur, also die amerikanischen Vergnügungen. Kein Wunder, dass Xavier machmal schief angesehen wird. Als er seinen pubertierenden Neffen Mkhail, genannt El Mick, bei sich aufnimmt, wird sein Geschmacksempfinden auf eine harte Probe gestellt: El Mick steht auf Punk, Comics und zerfetzte Jeans.

Doch dann begeht er einen Fehler. Um Nietzsches Natur nah zu sein, badet er in einem einsamen, klar erscheinenden Bergsee. Wie sich später herausstellt, lagerten auf dessen Grund radioaktive Abfälle. Schon nach wenigen Monaten verändert sich Xaviers Gesundheitszustand auf dramatische Weise, und seine ebenso vermögende, doch weniger geschmackvolle Geliebte Bari, eine Designerin, beginnt sich ernsthaft Sorgen um Xavier zu machen, denn Xavier leidet unter dem, was er das „Philistersyndrom“ zu nennen beginnt: Bei guter Kultur wird ihm speiübel. Nur noch in den Niederungen der Kultur fühlt er sich behaglich, seinen Neffen an der Seite.

Schon bald begleitet er seinen Neffen zur Premiere neuer Comic-Figuren. Hier begegnet er seiner künftigen Verkörperung: Graph Geiger, der Kämpfer gegen Verbrecher und Umweltsünder, angetan mit schimmerndem Cape und Kapuze. Xavier besorgt sich die Glitzerkluft, und schon geht’s ihm besser. Es geht ihm so gut, dass er einen Mordanschlag überlebt. Sein Aufstieg als heldenhafte Geiger-Inkarnation ist nicht aufzuhalten.

Doch alles hat einmal ein Ende. Und so entwickelt sich die Geschichte sowohl zu einem Krimi – wer ist für das Verklappen von Atommüll in Bergseen verantwortlich – und zur Rührstory: Xavier schenkt sein schützendes Cape einem Rauschgiftopfer, das danach gesundet. Doch Xavier als Jesusverschnitt hat keine Chance: Binnen weniger Tage verfällt er und siecht dahin.

Mein Eindruck

Xaviers Geschichte ist eine schwarze Komödie, eine Satire reinsten Wassers. Daran lässt Michael Bishop, der Autor des preisgekrönten Baseball-&-Frankenstein-Romans „Brüchige Siege“, keinen Zweifel aufkommen. Folglich sollte man die seltsamen Begebenheiten darin nicht allzu ernst nehmen, doch leider bleibt dem Leser stellenweise durchaus das Lachen im Halse stecken.

Sehr ironisch ist die gegenläufige Entwicklung von Xavier und El Mick. Xavier steigt in die Niederungen hinab und wird dafür mit Heldenstatus belohnt. Mikhail gibt seinen Nihilismus und Anarchismus auf und legt dafür einen guten Schulabschluss hin, findet am Ende sogar seinen gestorbenen Onkel einen „guten Kerl“. Das Dreieck komplettiert die undurchsichtige Bari, die Xavier zunächst verlässt, weil er sich auf seinen Heldentum etwas einbildet, dann aber zurückkehrt und ihn gar am Ende heiratet, als er seinem Beinahe-Mörder verzeiht und abzukratzen beginnt. Bari bietet also eine moralische Zensur der besonderen Sorte.

Diese Geschichte ist eines John Irving durchaus würdig. Bishop erzählt gebildet von den menschlich-allzumenschlichen Seiten seiner Figuren und Settings. Es ist geradezu eine Lust, seinen witzigen Formulierungen zu folgen: Sie tilgen durch ihre Ironie jeden Ansatz zu Klischeehaftigkeit und Rührseligkeit einer Seifenoper. Der deutsche Übersetzer bringt diesen Ton kongenial ins Deutsche herüber.

Taschenbuch: 476 Seiten
Originaltitel: Count Geigers Blues, 1992
Aus dem US-Englischen übertragen von Michael Windgassen.
ISBN-13: ‎978-3453149151

www.heyne.de

Bishop, Michael – Brüchige Siege

Michael Bishop ist der Autor von „Die Einhorn-Berge“ (1988) und dem preisgekrönten Roman „Nur die Zeit zum Feind“ (1982). In „Brüchige Siege“ setzt er Mary Shelleys „Frankenstein“-Roman (1818) in einer recht unwahrscheinlichen Umgebung fort: im Georgia des Jahres 1943.

_Handlung_

Daniel Boles ist ein Baseball-Talent-Scout. Dies ist seine Geschichte, wie er unter anderem Frankensteins Monster traf und eine Art Baseball-Krieg überlebte.

Der talentierte 17-jährige Baseballspieler Danny Boles verlässt seine Heimatstadt Tenkiller in Oklahoma, um einem Ruf zu folgen, dem Team der Highbridge Hellbenders beizutreten, einem drittklassigen Club irgendwo in Georgias Chattahoochee Valley. Doch auf der Zugfahrt wird er brutal von einem Soldaten – die USA befinden sich im Krieg mit Japanern und Deutschen – vergewaltigt und ausgeraubt. Er verliert seine Fähigkeit zu sprechen.

Der Manager der Hellbenders, von allen respektvoll „Mister JayMac“ genannt, bringt Danny in einem Zimmer mit dem hochgewachsenen Schlagmann Henry „Jumbo“ Clerval unter. Jumbo stellt sich trotz seiner furchteinflößenden Erscheinung als freundlicher, sehr gebildeter Kamerad heraus. Er bemüht sich, ein besserer Mensch zu werden und liest dazu zahlreiche Bücher. Dennoch schlägt er Bälle bis zum Mond und bringt seinem Team so manchen Homerun-Punkt. Die anderen Teammitglieder sind nichts Besonderes, außer Buck Hoey, der Danny auf dem Kieker hat und ihn mit seinem losen Maul schikaniert.

Auf Seite 300 findet Danny endlich die Wahrheit über seinen mysteriösen Zimmergenossen heraus: In einem Eskimo-Kajak entdeckt er seine Notizbücher. Es sind zum Teil die Originale derjenigen Kopien, auf die sich Mary Shelley stützte, zum Teil beschreibt Henry sein zweites Leben nach dem Tod seines Erzeugers im Polareis. Nach langen Wanderungen in der Arktis auf der Suche nach Erlösung – er hatte die Braut des Doktors getötet – kommt der unsterbliche und heimlich lebende Clerval in den Süden der USA, als hervorragender Baseballspieler. Aufgrund seiner Sprechbehinderung ist Danny genauso ein Außenseiter wie Henry; bald hängen sie zusammen wie Pech und Schwefel. Danny verliebt sich in die Krämerstochter Phoebe Pharram, deren Vater in Europa kämpft und deren Mutter mit einigen Hellbenders herumpoussiert.

Während ihrer Bemühungen, den Siegerwimpel der Chattahochee Valley League zu erringen, verlieren die Hellbenders ihren Hauptspielmacher durch einen recht bizarren Unfall auf dem Feld. Da Charlie Snow Bluter ist, helfen ihm auch keine Spritzen – er stirbt im Lazarett der nahen Airbase. Dort, am selben Tag, trifft Danny Boles seinen Peiniger aus dem Zug wieder. Er brüllt ihn an, er habe ihm seine Sprache gestohlen und solle sie ihm zurückgegeben – Danny gebärdet sich ziemlich wie ein Verrückter. Aber seine Sprechfähigkeit hat er wieder. Das Team verliert seinen Busfahrer, Darius, der, wie Danny herausfindet, der uneheliche Sohn von Mister Jaymac ist. Danny findet auch zufällig heraus, dass es Henry Clerval mit der Frau von Mr. JayMac, Giselle, treibt. Da geht’s drunter und drüber – aber es ist ja auch ein heißer Sommer!

Henrys und Dannys Ruf verbreitet sich derart, dass sie in der nächsten Saison in Philadelphia in der Oberliga spielen sollen. Schandmaul und Erzfeind Buck Hoey wird an den Konkurrenzverein Gendarmes verkauft. Das rächt sich bitter, als Hoey im Saisonfinale Danny aus Rache übel verletzt – Danny wird nie wieder Baseball spielen können! Henry rastet aus: Aus Liebe zu Danny, der im Hospital liegt, verstümmelt er Buck Hoey. Er versucht vergeblich, Miss Giselle zu retten: Nach der Nachricht, dass er nach Philadelphia gehen würde, verbrannte sie sich in seinem Kajak auf einem Teich, mitsamt seinen Notizbüchern – Rache noch im Freitod.

Wenig später, er ist untergetaucht, erfährt er, dass er wegen Mordes gesucht wird. Auf den – von den Japanern zurückeroberten – Aleuten, am Grab von Dannys gefallenem Vater, treffen sich beide Helden noch ein letztes Mal. Henry verschwindet, Doktor Frankenstein findet seine letzte Ruhe, Danny heiratet Phoebe Pharram und wird Scout für die Philadelphia-Baseball-Teams.

_Fazit_

Wer „Frankenstein“ mag, sollte mit der Fortsetzung auf ca. Seite 300 beginnen. Wer sich mit Baseball anfreunden kann, sollte am Anfang beginnen. Und wer weder das eine noch das andere ausstehen kann, sollte vielleicht den ganzen Roman als Südstaaten-Chronik lesen, die zufällig im Baseball-Milieu angesiedelt ist.

Amerikanern sind der Nationalsport Baseball und alle seine Fachausdrücke – siehe das Glossar – natürlich in Fleisch und Blut übergegangen. Doch der normale Deutsche tut sich sicherlich sehr schwer damit. Hinzu kommen noch die Militärausdrücke, Hinweise aus Literatur, Politik und Kunst usw. – insgesamt 16 Seiten Anhang (ohne Fußnoten). Dies ist ziemlich lästig und erst ab Seite 300 (siehe oben) einigermaßen erträglich. Ich habe daher für die Lektüre mit entsprechenden Unterbrechungen etwa ein halbes Jahr gebraucht.

Die Erzählung selbst ist ein wunderbares Beispiel für einen detailgetreu recherchierten und wiedergegebenen Hintergrund, fein gezeichnete, lebendige Charaktere und eine halbwegs spannende Handlung. Deren Fäden bilden ein dichtes Geflecht von Beziehungen und Interaktionen. Deutlich wird der Rassismus des Südens herausgearbeitet, der auch vor Beinahe-Monstern wie Henry nicht Halt macht. Stellenweise anrührend, tragisch, aber auch oft ironisch, wirft das Buch ein Schlaglicht auf eine in der SF-Literatur sehr selten beleuchtete Ära und Sportart – ein ebenso unwahrscheinlicher Hintergrund wie das Monster, das Frankenstein, ein Schweizer Chemiker, einst schuf, und seine Geschichte.

|Originaltitel: Brittle Innings, 1994
Aus dem US-Englischen übertragen von Hendrik P. und Marianne Linckens|

Michael Bishop – Die Einhorn-Berge

Die Schrecken von Aids: Fantasy für die Gegenwart

Auf einer Farm in Colorado leben vier Außenseiter der Gesellschaft in Symbiose miteinander. Libby, geschieden und stets am Rand des Bankrotts, versucht dem HIV-kranken Bo die letzten Monate seines Lebens zu erleichtern. Sam Coldpony, ein Ute-Indianer, und seine psi-begabte Tochter Paisley bewegen sich in einem Niemandsland zwischen indianischer Tradition und dem American Way of Life. Da tritt aus einem Riss in der Realität eine Herde Einhörner in die ländliche Idylle, ebenfalls todkranke Tiere, die sich in dieser seltsamen Welt Heilung von ihrer Seuche erhoffen… (Verlagsinfo)

Der Roman errang den Mythopoeic Fantasy Award und war für den Locus Award 1989 nominiert.
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Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 2000

Juwelen des SF-Genres als Abschluss der Jahresband-Reihe

Ein wirklich lohnenswerter und umfangreicher Dank des Heyne-Verlags an seine Leser, dieser 2000er-Jahresband zum 40jährigen Jubiläum. Zehn Erzählungen preisgekrönter Autoren wie Robert Silverberg, Kim Stanley Robinson, George R. R. Martin oder Connie Willis warten auf die (Wieder-) Entdeckung: ein idealer Einstieg in das Genre. In diesen Olymp haben auch zwei weibliche Autoren Eingang gefunden, darunter die kürzlich verstorbene Ursula K. Le Guin.
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Michael Bishop – Brüchige Siege

Im Kriegsjahr 1943 wird ein blutjunges US-Landei Baseball-Profi. Danny Boyle kämpft gegen Vorurteile, persönliche Probleme sowie spielerische Rückschläge und wird dabei allmählich erwachsen, wobei ihm ein besonderer Teamkamerad und Freund hilft: Frankensteins Monster … – Ungewöhnlicher „Coming-of-Age“-Roman, dessen Autor selbst für Laien spannend von einer besonderen Episode der Baseball-Geschichte erzählt und dem das Kunststück gelingt, das genannte ‚Monster‘ völlig überzeugend darin unterzubringen: seiten- und inhaltsstarkes Lesefutter! Michael Bishop – Brüchige Siege weiterlesen