Banks, Iain – Vor einem dunklen Hintergrund

_Ins Chaos_

Ausnahmsweise spielt dieser SF-Roman nicht in Banks‘ |Culture|-Universum. Anders als in „Exzession“ kommen hier weder intelligente Drohnen noch Agenten der BG vor. Das könnte ein Grund sein, warum das menschliche Ausmaß der Tragödie umso stärker betroffen macht – vorausgesetzt, der Leser ist in der Lage oder bereit, sich mit der Heldin Sharrow zu identifizieren. Da die Welt und die Handlung sowie alle Charaktere aus Sharrows Sicht gesehen werden, sollte die Identifizierung nicht schwer fallen.

_Handlung_

Auf dem Planeten Golter ereignen sich im Jahre 20.000 einige mysteriöse Vorfälle. In ihrem Zentrum steht Sharrow, einige junge Adlige, die vor Jahren in einem Krieg als Jagdbomber-Pilotin gedient hatte. Ihr Geschlecht, die Dascen, ist etliche tausend Jahre alt und liegt seit dem Raub einer Reliquie, der letzten so genannten „Chaoswaffe“, im Dauerclinch mit der Sekte der Huhsz. Durch Rückblenden sowie im Prolog erfährt man die Vorgeschichte der dramatischen Haupthandlung.

Nun haben die Huhsz endlich Freipässe für die Tötung Sharrows erhalten – vom korrupten Globalen Tribunal, das Golter beherrscht, aber nie selbst sichtbar wird. Nur einmal gerät Sharrow mit einem seiner Vertreter aneinander, bleibt aber dabei siegreich. Sie legt eben die Gesetze zu ihren Gunsten aus, vor allem wenn es um die Beschaffung von Reliquien geht.

Um die Chaoswaffe vor den Huhsz, die sie wiederhaben wollen, zu finden und sich damit zu schützen, reaktiviert Sharrow alte Freundschaften aus der Kriegszeit. Mit Zefla, Miz, Dloan und Cennuj macht sie sich auf, um die Hinweise auf den Verbleib der Chaoswaffe aufzustöbern. Sie sollen sich in einem alten Buch namens „Universelle Prinzipien“ befinden. Wie sich zeigt, befindet es sich als heiliges Buch in einem Provinzkönigreich und dient dem König zu festlichen Anlässen als Sitzgelegenheit. Mit wahren Geniestreichen sowohl komischer als auch makbrer Natur gelingt es dem Quintett, das Buch zu entwenden – nur um es sogleich wieder an geheimnisvolle Verfolger Sharrows zu verlieren. Doch das Buch ist sowieso leer bis auf eine Inschrift „Alles wird anders“. Sharrow wird von Huhsz-Söldnern gefangen genommen, wird aber befreit, doch Cennuj stirbt.

Die Inschrift führt Sharrow zum Grabmal ihres Großvaters in einer nur von Androiden bewohnten Stadt namens Vembyr. Hier lernt die junge Frau einen sehr angenehmen Zeitgenossen namens Feril kennen. Beide entgehen einem Mordanschlag und finden den entscheidenden Hinweis auf den Lagerplatz der Chaoswaffe. Der Weg in die Fjordwelt der Embargogebiete wird zu einem Todesmarsch: Sharrow kämpft zusammen mit Feril und den verbliebenen Freunden gegen gegnerische Söldner. Während diese vor den Waffen eines Wachturms kapitulieren müssen, erlangt Sharrow den Zugang zum Turm. Ihr Geliebter, Miz, stirbt, Feril ist gelähmt, ebenso wie Sharrow: Die Feinde schnappen ihr die Chaoswaffe unter der Nase weg.

Doch als die Festung ihres Feindes Molgarin selbst durch die Huhsz unter Beschuss gerät, kann sich Sharrow mit Feril und der Chaoswaffe aus dem Staub machen. Die Festung verglüht in einer Atomexplosion. Sharrow rast über 2000 Kilometer zum Ausgangspunkt der Handlung zurück: zu Marinabtei. Dort wohnt ihre Halbschwester Breyguhn, aber auch ihr zwielichtiger Cousin Geis findet sich hier. Der Showdown folgt, der weitere Opfer fordert – alles nur wegen der Last der Vergangenheit. Unter den Opfern befindet sich auch Sharrows Sohn Girmeyn, den sie zwar zuvor getroffen hatte, dessen Herkunft ihr aber verschwiegen worden war. Er stellte eine Art Messias dar, die Zukunft Golters …

_Hintergründiges_

Im Finale geht Sharrows Welt unter. Das ist aber völlig okay, denkt sie – und in den zahlreichen Rückblenden erfährt der Leser, warum. Sie war gefoltert und mit einem Virus verseucht worden, man hatte ihr Kind geraubt und sie benutzt, wie es den anderen in den Kram passte. Sie hatte ihre Mutter mit fünf Jahren an die Huhsz verloren, sie verlor auf ihrem Kampf um die vermaledeite Chaoswaffe alle Freunde, selbst Miz und Feril. In dieser Entwertung aller menschlichen Werte kehrt Sharrow zum Solipsismus zurück. Die Solipsisten erschienen zuvor als lächerliche Sekte, nun werden ihre Lehren bittere Realität.

Der Untergang der Welt resultiert aus einer Familienfehde, die seit ihrer Kindheit zwischen Sharrow und Breyguhn ausgetragen wird. Zunächst ging es um die Gunst des Vaters, dann um die des Cousin-Lovers Geis, später um die Freiheit der eigenen Lebensgestaltung. Breyguhn zog sich in die Marinabtei zurück, doch Sharrow wird – nach Jahren scheinbarer Ruhe – verfolgt. Dass das Ende des Geschlechts der Dascen auch das Ende des Planeten Golters, wie er bislang existierte, bedeutet, ist kein Zufall. Die Dynastien hatten die Welt in jeder Hinsicht ausgebeutet – drastisch dargestellt an den menschengemachten Wüsten, wie auch an den zusammengeraubten Antiquitäten in Geis‘ Gemächern in der Marinabtei. Die Chaoswaffe ist nur ein weiteres tödliches Vermächtnis der Vergangenheit. Die Vernichtung aller Dascens (inklusive Sharrows Sohn!) wie auch der Welt verschafft dem Planeten wie auch Sharrow eine neue Freiheit, so deutet Banks an. Dies macht der letzte Satz deutlich: „Die neue Flut brandete ans Ufer“. Insofern ist Sharrows Leidensweg eine reinigende Katharsis für die Welt. Sharrow |ist| – wie sie es in ihrem Träumen erlebte – die Chaoswaffe.

Dass die Katharsis im Nachhinein als notwendig erscheint, täuscht nicht über die Tatsache hinweg, dass sie für Sharrow die größten Opfer bedeutet, die ein Mensch machen kann. Sie ist am Schluss in einem existenziellen Zustand: völlig allein auf der Welt, den weiten, leeren Horizont vor sich.

_Fazit:_ Mit „Vor einem dunklen Hintergrund“ schrieb Banks sowohl eine Tragödie antiken Zuschnitts als auch einen spannenden Actionthriller. Im Gegensatz zu manchen Kollegen der SF-Zunft begnügt er sich nicht mit der Oberfläche, sondern führt den Leser in die Tiefe: die Vergangenheit Sharrows und ihrer Welt, alle Bereiche von Sharrows Charakter. Bezüge zwischen der Vergangenheit zu aktuellem Geschehen erzeugen Symbole und Ironie, also Kommentare. Dieses Merkmal ist für literarische Kunst bezeichnend. Daher steht für mich fest: „Vor einem dunklen Hintergrund“ ist ein Kunstwerk, das Bestand haben wird. Die ausgezeichnete Übersetzung durch Horst Pukallus wird ebenso dem Original wie auch dieser Beurteilung gerecht.

|Originaltitel: Against a dark Background, 1993
Aus dem Englischen übertragen von Horst Pukallus|