Connie Willis – Die Farben der Zeit

Willis Farben der Zeit Cover kleinDas geschieht:

In einer nicht allzu fernen Zukunft plant die exzentrische Lady Schrapnell, die 1940 von nazideutschen Bomben dem Erdboden gleichgemachte Kathedrale von Coventry, Mittelengland, in neuem Glanz erstehen zu lassen. Dieses Bauwerk bzw. ein bestimmtes Teil seiner Einrichtung – eine viktorianische Urne, im Volksmund spöttisch „des Bischofs Vogeltränke“ genannt – in der Schrapnellschen Familiengeschichte eine entscheidende Rolle.

Die Lady ist förmlich besessen von ihrem Vorhaben. Ihr Einfluss sowie die moderne Technik eröffnen ihr buchstäblich neue Dimensionen: Im Jahre 2057 ist die Zeitmaschine nicht nur erfunden, sondern sogar bereits erfolgreich im Einsatz. Die Historische Fakultät der auch in der Zukunft ehrwürdigen Universität Oxford betreibt Studien mit dem Wunderinstrument, bis Lady Schrapnell das Chrononauten-Team für ihr Projekt vereinnahmt. Vom tiefen Mittelalter bis in die Stunden nach der verhängnisvollen Bombenattacke messen und prüfen Historiker/innen die Kathedrale von außen und innen.

Lady Schrapnell ärgert sich maßlos über die Einschränkung, dass keine Objekte aus der Vergangenheit zurückgebracht werden dürfen. Zwar ist es technisch möglich, doch sind die Konsequenzen für den Strom der Zeit unkalkulierbar. Doch nun geschieht, was irgendwann zu erwarten war: Eine mitleidige Zeitreisende hat im Jahre 1888 eine Katze gerettet und mit sich genommen. Helle Aufregung bricht unter den Wissenschaftlern aus: Es stellt sich heraus, dass besagte Katze einst eine entscheidende Rolle bei der Brautwerbung zweier Schrapnell-Urahnen gespielt hat – oder spielen wird oder hätte spielen sollen. Nun könnte die Geschichte in Unordnung geraten sein.

In der Tat schlägt der Zeitstrom einen neuen Weg ein. Lady Schrapnell widmet sich auch diesem Problem, das unversehens zu ihrem persönlichen geworden ist, mit der bekannten Energie. Ohne wirklich zu wissen, was sie da treiben, machen sich die Oxford-Historiker daran, die Vergangenheit wiederherzustellen. Allerdings führen technische Probleme sowie die Tücke des Objekts dazu, dass dabei ständig neue Löcher ins Zeitgewebe gerissen werden, die ihrerseits geflickt werden müssen, wobei weitere Malheure geschehen – die Nazis drohen plötzlich den II. Weltkrieg zu gewinnen -, und so weiter und so fort … bis sich schließlich herausstellt, dass die Universität von Oxford und die Kathedrale von Coventry nur Elemente eines viel größer angelegten Spiels darstellen und man nicht vergessen sollte, dass auch die Menschen der Zukunft die Zeitreise beherrschen …

Die Tücken der Zeitreise

Eine Zeitreise-Geschichte, die über 700 Seiten läuft – diese Information reicht allemal aus, einen lesewütigen, Science-Fiction-süchtigen Historiker aufhorchen zu lassen. Es wird sogar sogleich noch besser: Connie Willis ist die Autorin, die hier „Die Farben der Zeit“ präsentiert. Sie hat mit „Lincolns Träume“ oder „Die Jahre des Schwarzen Todes“ bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie das Spiel mit der Zeit und ihren vertrackten Regeln versteht.

Nun versucht sie sich nach der Pflicht an der Kür. Science-Fiction und Humor scheinen sich allerdings in der Regel so zu verhalten wie Materie zu Antimaterie. Ohnehin gilt für den Humor, dass man ihn in neun von zehn Fällen schwer oder gar nicht erkennt aber trotzdem lacht. „Die Farben der Zeit“ bietet dafür – leider – ein vorzügliches Beispiel. Weil dieses Buch von Connie Willis geschrieben wurde und sie sich sichtlich sehr viel Mühe dabei gegeben hat, neigt man dazu, der Autorin einen Bonus zuzubilligen, den sie nur zum Teil einlösen kann.

In den zahlreichen Kritiken zu diesem Buch wird oft jene Erwartung erwähnt, die der Klappentext aufkommen lässt. Es folgt die Enttäuschung, wenn sich die Vorfreude allmählich aufzulösen beginnt; quälend langsam, denn ist dies nicht ein Buch von Connie Willis, die doch nicht wirklich schlecht schreiben kann?

„Die Farben der Zeit“ ist auch nicht mies, nur richtig gut eben auch nicht. Was uneingeschränkt gefällt, ist die Prämisse, auf der Willis ihr Abenteuer gründet. Zeitreisen gehorchen (in der Literatur) gewissen Regeln; selbst dem nur vordergründig SF-kundigen Leser müsste der Hinweis auf das oft und gern herangezogene Beispiel vom Mord am eigenen Großvater und den etwaigen Folgen genügen. Willis bindet sich eine Hand auf den Rücken, indem sie die Reise zu historischen Brennpunkte durch „Schlupfverluste“ für ihre Helden schwer kalkulierbar und damit für den Leser spannend macht. Ein guter Teil der Dramatik entsteht durch verhängnisvolle chronologische Fehlsprünge und ihre stets unabsehbaren Folgen. In Sachen SF-‚Logik‘ geben die „Farben“ kaum Grund zur Klage, und im Finale, als Willis sich auf die eigentliche Story konzentriert, schafft sie, was man nicht mehr für möglich gehalten hätte: Sie schürzt den Knoten der Geschichte, und sie macht es spannend!

Die Tücken des Humors

Aber „Die Farben der Zeit“ soll ja lustig sein: eine sophistisch-surrealistisch-satirische Screwball-Slapstick-SF-Komödie. Schon der Originaltitel des Romans ist eine Anspielung auf Jerome K. Jeromes (1859-1927) Buch „Three Men in a Boat (To Say Nothing of the Dog“ (1889; dt. „Drei Mann in einem Boot – vom Hunde ganz zu schweigen“). Schriftstellerisch kann sie Jerome durchaus das Wasser reichen, doch als Humoristin verkümmert sie in seinem langen Schatten: Leiber wusste wirklich, was bizarr und komisch war, sodass sein Werk sofort dieses eigentümliche Lewis-Carroll-Feeling zwischen Traum und Wirklichkeit erzeugt, um das sich Willis ebenso angestrengt wie vergeblich bemüht: Ihr England einer etwas unbestimmten Zukunft ist kein Wunderland, ihr Ned Henry keine Alice, und ihre Lady Schrapnell ganz sicher keine Herzkönigin! Jenseits der sumpfigen Untiefen des Brachial-Gepolters, wie es neuzeitliche „Comedians“ zelebrieren, weiß der Kenner des wahren Humors, dass etwas schief läuft mit dem Scherz, sobald er nicht beschworen wird, sondern herbeigezwungen werden soll.

Untrügliche Zeichen dafür sind: der Gebrauch ‚komischer‘, weil sprechender Namen („Lady Schrapnell“ – hö-hö-hö!), der inflationäre Einsatz ‚witziger‘ Missverständnisse (Gestresster Zeitreisender hört „Kätzchen“ und versteht „Plätzchen“ – ein echter Brüller!) oder die Inszenierung absurder Situationen à la Monty Python (Zeitreisende suchen nach der Vogeltränke des Bischofs von Coventry und müssen sich eines misstrauisch-tumben Luftschutzwartes erwehren – Gnade, ich kann nicht mehr!). Vermag Willis ihre Leser auf diese Weise nicht zu fassen, ist alle Mühe für dieselbe Katz‘, die hier den Zusammenbruch des Raum-Zeit-Kontinuums in Gang zu setzen droht. (Wer meint, ich übertreibe: Es wird auch ausgiebig aus Booten gefallen, mit bösartigen Schwänen oder sabbernden Bulldoggen gerungen und sonstiges Ulk-Gold geborgen.) Wohlgemerkt: Humor schließt die angesprochenen Elemente durchaus nicht aus. Willis missglückt die Mischung. Klamauk und Sittenkomödie („comedy of manners“) gehen keine glückliche Verbindung ein.

„Die Farben der Zeit“ zerfällt darüber hinaus in eine wirre Kette mehr oder weniger aufeinander bezogener, oft qualvoll überdehnter Episoden. Natürlich lässt sich dies gerade in einer Zeitreise-Geschichte wunderbar tarnen; wie man so etwas macht, hat Poul Anderson musterhaft vorgeführt, als er einfach Handlungsmodule auf Buchlänge zusammensteckte, sie als Polizei-Einsätze in der Vergangenheit tarnte und das Ganze als „Zeitpatrouille“-Serie gut verkaufte.

Der Glanz großer Namen

Als Episoden-Roman und unter Vernachlässigung seiner SF-Elemente ist „Die Farben der Zeit“ unbestritten unterhaltsam, Ob dieses Buch tatsächlich einen „Hugo Gernsback“ und einen „Locus Award“ verdient, darüber ließe sich streiten! Was bringt, „Die Farben der Zeit“ Neues, Frisches, Aufregendes, das ein preisgekröntes Werk eigentlich präsentieren sollte? Bereits die erste Szene spielt in derselben Kulisse wie Willis‘ (zu Recht) berühmte Novelle „Feuerwache“ („Fire Watch“, 1982), und bald stellt sich heraus, dass wir in die Welt von „Die Jahre des Schwarzen Todes“ („Doomsday Book“, 1992) zurückkehren (James Dunworthy haben wir dort bereits in einer Hauptrolle erlebt) – nur dieses Mal mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Die Krönung einer recycelten SF-Welt zur angeblich besten des Jahres sorgt für sehr hoch gezogene Augenbrauen bzw. lässt eine alte Erkenntnis aufleben: Man muss es mögen!

Zur deutschen Ausgabe bleibt noch anzumerken, dass sie a) mit einem ebenso nichtssagenden wie ausgesprochen hässlichen Titelbild geschlagen ist und b) vom Übereifer eines ansonsten sehr akkuraten Übersetzers geprägt wird, der es sich zur Aufgabe macht, die Leser darüber ins Licht zu setzen, welche literarischen Werke vergangener Jahrhunderte Connie Willis fledderte, um ihr Werk mit dem nötigen Zeitkolorit zu versehen. Das Ergebnis: eine Flut von Fußnoten, deren inselhaftes Auftreten jedoch erstaunt; weite Textstrecken bleiben völlig unkommentiert; offensichtlich blieb dem Übersetzer schlicht keine Zeit, seinem Erläuterungswahn durchgängig zu frönen. Diese fußnotenfreien Strecken lassen den Leser übrigens keineswegs ratlos zurück. So wichtig ist es für den Lektürespaß nicht, jedes Shakespeare-Zitat als solches identifiziert zu wissen.

P. S.: Zwischen 1837 und 1901 herrschte über das britische Empire Königin Victoria. Trotzdem wird ihre Ära auch nach den neuen Rechtschreibregeln als viktorianisch beschrieben. Es ist nur eine Kleinigkeit, die aber trotzdem irritiert, wenn man stattdessen durchweg „victorianisch“ lesen muss.

Autorin

Constance Elaine Trimmer Willis wurde am Silvestertag des Jahres 1945 in Denver, US-Staat Colorado geboren. Sie studierte Englisch und Erziehungswissenschaften am dortigen Colorado State College (heute University of Northern Colorado), wo sie 1967 ihren Abschluss machte und als Lehrerin zu arbeiten begann.

Ihre erste Kurzgeschichte („The Secret of Santa Titicaca“) veröffentlichte Willis im Dezember 1970. Bekannt wurde sich durch ihre pointierten Storys. Ein Debütroman (Water Witch; dt. „Die Wasserhexe“, zusammen mit Cynthia Felice) folgte erst 1982. Der Erfolg ermöglichte es Willis, ihren Beruf aufzugeben und sich auf die Schriftstellerei zu konzentrieren.

Seither hat Willis mehr Auszeichnungen – darunter elf Hugo Gernsback Awards und sieben Nebula Awards – eingeheimst als jeder andere Science-Fiction-Autor. Dabei fühlt sie sich dem Genre keineswegs verpflichtet. Willis setzt ihre Hauptfiguren gern den Attacken karrieresüchtig stromlinienförmiger, politisch überkorrekter, humorloser Zeitgenossen aus, die sie auf diese Weise anprangert.

Mit ihrem Gatten, einem ehemaligen Physikprofessor, lebt Connie Willis heute in Greeley, Colorado.

Taschenbuch: 719 Seiten
Originaltitel: To Say Nothing of the Dog or How We Found the Bishop’s Bird Stump at Last (New York : Bantam Doubleday/Dell Publishing Group, Inc. 1996)
Übersetzung: Christian Lautenschlag
www.randomhouse.de/heyne
www.conniewillis.net

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