John Barnes – Eine Million offener Tore

Kulturelle Agenten auf fremden Welten

Der Science-Fiction-Roman erzählt in detailgenauen und farbigen Schilderungen vom Leben auf zwei der von Menschen vor langer Zeit terraformierten und besiedelten Welten. Genauer gesagt: Es geht um die radikale Änderung der menschlichen Kultur auf den zwei Welten. Und erst dadurch wird der Roman wirklich interessant.

Der Autor

John Barnes, geboren 1957 in Angola, Indiana, studierte Politik- und Theaterwissenschaft. Er verfasste viele Einträge für die „Oxford Encyclopedia of Theatre and Performance“. Er arbeitete mehrere Jahre als Systemanalytiker, bevor er 1985 seine erste SF-Erzählung veröffentlichte. Seitdem entstanden neben zahlreichen weiteren Stories und Essays mehr als zwanzig Romane, darunter zwei in Kooperation mit dem Astronauten Buzz Aldrin (der 2. Mensch auf dem Mond!). Dr. John Barnes lebt heute in Denver, Colorado.

Der dickleibige Schmöker „Die Mutter aller Stürme“ (1994) kommt als konventioneller Katastrophenroman daher, doch erweist er sich zunehmend als prophetisch: Im Jahr 2028 löst eine Atomexplosion am Nordpol die Freisetzung der ozeanischen Methanvorräte aus. Diese verändern das Weltklima und die Meeresströmungen dramatisch. Gigantische Wirbelstürme machen die Küsten platt, und nach dem Versiegen des Golfstroms erlebt Europa eine Eiszeit.

Handlung

Unser Held namens Giraut lebt als Jüngling nach einem Ehrenkodex, der der Minne des irdischen Mittelalters verpflichtet ist und von den südfranzösischen Troubadouren verbreitet wurde.

Folglich haben er und seine Kumpane alle eine Angebetete, der sie ihre Minne widmen. Und wer auch immer seine Ehre angreift, hat in einem Duell bekämpft zu werden. So beginnt der erste Romanteil mit einem Duell und dem Tod eines Kameraden von Giraut. Der Leser fühlt sich in die Zeit der drei Musketiere zurückversetzt. Doch Barnes erzählt seine Geschichte mit weit mehr Tiefgang als seinerzeit Dumas.

Nachdem er entdeckt hat, dass seine Herzensdame „unnatürlichen Neigungen“, nämlich dem Agieren in Sadomaso-Pornos, frönt, begibt sich der Entsagende auf einen anderen Planeten, wo ihn genau das Gegenteil der Minnekultur erwartet: der rationale Utilitarismus, der zur Staatsreligion erhoben worden ist. Diese besagt, daß nur das wirtschaftlich Notwendige vernünftig ist, und nur das Vernünftige ist auch erlaubt.

Über die Vernunft wachen KIs (Künstliche Intelligenzen) und eine Art Priesterkaste als deren Mittler. Nicht nur das geografische Klima ist daher schaurig kalt, und der erfahrene Leser erwartet bereits die Revolution in diesem „Utilitopia“.

Revolution

Sie beginnt in Form von Girauts Wunsch, ein Bildungszentrum für die Kultur seines Heimatplaneten zu eröffnen. Nach der widerwilligen Genehmigung – ein Glanzstück der Sozialsatire – beginnt der Zustrom von Aussteigern der Utilitopia-Gesellschaft. Kurz und gut: Die Aufnahme nicht vernunft-begründeten bzw. -orientierten Gedankenguts, gepaart mit einer Öffnung der lokalen Wirtschaft zur restlichen besiedelten Weltraum erschüttert die Gesellschaft. Aufstände werden blutig niedergeschlagen, ein Despot wird schließlich gestürzt und Girauts Anhänger fast alle getötet.

Nach der Revolution wird Giraut von den Botschaftern des Weltenkonzils mit einem Posten betraut und begegnet seiner früheren Minnedame wieder: Beide haben sich nun stark verändert und können sich unter neuen Gesichtspunkten miteinander anfreunden. Girauts alte Kultur ist fast dahin, denn seine Briefe nach Hause haben der abgeschlossenen Kultur praktisch den Todesstoß versetzt, weil eine ganz andere Perspektive sichtbar wurde, die die alten Werte relativierte.

Mein Eindruck

John Barnes galt als einer der wichtigsten Science-Fiction-Autoren der neunziger Jahre. Sein Roman „Eine Million offener Tore“ hat mir sehr gut gefallen. „Eine Million offener Tore“ präsentiert auf spannende, anrührende und intelligente Weise ein Lehrstück in Sachen Kulturschock und gesellschaftlicher Veränderung. Der Autor weiß genau, wovon er schreibt – so zumindest der Eindruck des Lesers. John Brunner etwa hätte seine helle Freude an diesem Buch gehabt.

Hinweis: Die Fortsetzung des Romans erschien unter dem Titel „World of Glass“ in den USA. Eine Übersetzung liegt meines Wissens noch nicht vor.

Taschenbuch: 399 Seiten
Originaltitel: A million open doors, 1992
Aus dem Englischen von Hilde Linnert
ISBN-13: 978-3453094673

www.heyne.de

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