J. R. R. Tolkien – Nachrichten aus Mittelerde

Tolkien für Hardcore-Fans

Ähnlich wie „Das Silmarillion“ versammelt auch dieses Buch Geschichten aus dem Universum John Tolkiens, das dieser zwischen 1916 und 1972 erschaffen hatte.

Wir erfahren mehr über die Elbenfürstin Galadriel, das tragische Schicksal des Drachentöters Túrin Turambars, über das Inselreich Númenor und den Ringkrieg im 3. Zeitalter.

Herausgegeben, kommentiert und mit Register und Karten versehen wurde dieser Band von Tolkiens Sohn Christopher.

Tipp

Es ist dringend zu empfehlen, vor diesem Buch die Anhänge zum „Herrn der Ringe“ und „Das Silmarillion“ zu lesen. „Nachrichten aus Mittelerde“ vertieft nämlich die dort geschilderten Geschehnisse um eine weitere Schicht. Wiederholungen sind dabei zwar unvermeidlich, werden aber zum Glück meist variiert.

Karten von Mittelerde im 3. Zeitalter und von Númenor sind zwar beigefügt, doch keine von Beleriand. Diese würde sich aber als sehr hilfreich erweisen, um das Túrambar-Kapitel nachvollziehen zu können. Denn Beleriand, in dem Túrin wirkt, existiert ja im 3. Zeitalter gar nicht mehr.

Ich habe großen Nutzen aus dem „Atlas of Middle-Earth“ von Karen Wynn Fonstadt gezogen (man kann aber auch die separat erhältliche Beleriand-Karte einsetzen). Die US-Geographin Fonstad hat sogar sämtliche Fahrten Túrins auf einem separaten Diagramm aufgezeichnet, und zusätzlich die Bewegungen der Hauptfiguren am Todestag dieses Helden. Das fand ich äußerst hilfreich, denn ohne räumliche Vorstellung von der Lage des Landes kann der Text recht verwirrend wirken. Christopher Tolkien hat dazu nur eine höchst schematische Karte anzubieten.

~ Inhalte ~

Teil 1

In diesem Band fehlen die Mythen über den Ursprung der Welt sowie die Entstehung von Sonne und Mond und der unten ihnen geborenen Völker. Vielmehr geht’s gleich in medias res: Der 1. Teil besteht aus zwei Geschichten, die in den neu gegründeten Menschenreichen Belerands spielen: „Von Tuor und seiner Ankunft in Gondolin“ erzählt von den Reisen eines Menschenfürsten, bis er auf Weisung eines der Götter den geheimen Weg in das Elbenkönigreich Gondolin findet.

Diese Geschichte gab es mal als Einzelausgabe in einem dtv-Taschenbuch. Ebenso die nächste Geschichte:

Von Túrin Turambar und dem Drachen Glaurung

Weitaus aufregender und dramatischer ist „Die Geschichte der Kinder Húrins“. Nach der „Schlacht der ungezählten Tränen“ gegen den Dunklen Herrscher Morgoth nämlich fordert der gefangene Held Húrin seinen Peiniger heraus, dass sich erweisen werde, wie stark die Menschen gegenüber dem Bösen und seinen Schergen, den Orks und Drachen, seien.

Túrin, Húrins Sohn, Morwen, Húrins Gattin, sowie Níenor, Húrins Tochter, stehen im Mittelpunkt des Geschehens, das sich über Jahre hinzieht und in dessen Verlauf die Königreiche Dor-lómin (Morwens Land) und Nargothrond vom Schatten erobert und verwüstet werden. Lediglich Doriath kann sich noch halten, und von dort zieht Túrin aus, um gegen Orks zu kämpfen. Mit ihm bricht das Verhängnis über Nargothrond herein: Es wird vom Drachen Glaurung verwüstet, Túrins Geliebte Finduilas wenig später getötet.

Túrin flüchtet erst zu den Zwergen, dann zu den Menschen des Waldes Brethil. Dort erfüllt sich sein Schicksal. Denn seine Schwester Níenor, die von Glaurung mit Vergessen geschlagen wurde, verirrt sich nach Brethil, wo sie sich in Túrin verliebt und von ihm ein Kind empfängt. Als Glaurung vor Brethil auftaucht, um den Attacken Túrins auf die Orks ein Ende zu bereiten, kommt es zu einer verhängnisvollen Verkettung von Lüge, Wahrheit und Unvernunft …

Túrin hat schon einige Züge Elrics insofern, als er in einer zwiespältigen Veziehung zu seinem eigenen Schicksal und seinem schwarzen Schwert steht. Ist es bei Elric das verfluchte Schwert „Sturmbringer“, das Seelen verschlingt, so trägt Túrin die gestohlene Klinge Gurthang, in die er sich schließlich stürzt. Túrin ist ein Held, wie man ihn sich verschiedener von Beowulf, dem christlich inspirierten Drachenbezwinger, kaum vorstellen kann: Er ist von Rachedurst und Hass so verblendet, dass ihn schließlich das Einzige umbringt, was mächtiger ist: die Wahrheit.

Teil 2 (Das 2. Zeitalter)

Das 2. Zeitalter dauerte genau 3441 Jahre. In dieser Zeit erhob sich Sauron zweimal und wurde in einer Allianz aus Menschen des Westens (u. a. Isildur), Elben (Gil-galad) und Númenorern (im Jahr 1701) zweimal vertrieben. Der Schwerpunkt dieses Buchteils liegt auf dem Inselreich Númenor und den Reichen in Mittelerde.

Von Númenor und seinen Königen

Als Voraussetzung zum Verständnis dieses Teils (und im Grunde des ganzen Buches) sollte man das Kapitel „Akallabeth“ im „Silmarillion“ gelesen haben. Die sternförmige Insel Númenor war den treuen Halbelben der Linie von Elrond und Elros von den Valar zum Geschenk gemacht worden (Elrond ging nach Mittelerde). In den ersten paar hundert Jahren erhielten Elros‘ Nachkommen viel Besuch von den echten Elben der Insel Eressea, die vor Valinor im Westen lag. Númenor lag genau zwischen Eressea und Mittelerde. Daraus resultierte eine Spaltung der Führungsschicht: den Göttern und Elben-Treuen und der Königspartei. Als Letztere die Oberhand behielt, bedeutete dies den Untergang der Insel. Man sieht: Númenor ist so etwas wie Tolkiens Atlantis.

Die Erzählung „Von Aldarion und Erendis“ ist auf ca. 50 Seiten recht schön ausgeformt (wenn auch wie eine Chronik, nicht wie ein Drama), bricht dann aber plötzlich ab. Aldarion ist der sechste und für Mittelerde wichtigste König: Er ist der erste, der (nach Círdans Inspiration) wirklich seetüchtige Schiffe baut, mit denen er jahrelang an Mittelerdes Küsten kreuzen kann. So baut er mehrere Häfen und freundet sich mit dem Volk Gil-galads und den Menschen des Westens an. Die Kenntnisse, die er vermittelt, helfen diesen Völkern, sich gegen den im Osten aufstrebenden Sauron zu verteidigen.

Leider hat er daheim nicht so großen Erfolg: Mit seinem Vater Meneldur und seiner Gattin Erendis ist er entzweit, weil beide seine langen Seefahrten ablehnen. Ja, Erendis ist sogar offen gegen ihn, weil er für seine Schiffe ihre geliebten Bäume fällt. Ihrer beider Tochter Anacalime muss es ausbaden und wird zu einer Männerhasserin. Immerhin tragen seine Bemühungen in Mittelerde Früchte: Ende des 17. Jahrhunderts erobert Sauron den Westen Mittelerdes (Eriador), doch eine Flotte Númenors besiegt seine Heere im Jahr 1700/01.

Insgesamt hat mir die Erzählung gut gefallen. Doch die Liste der Könige von Númenor im Anschluss ist reichlich überflüssig, denn schon die Anhänge zum „Herrn der Ringe“ führen diese Herrscher auf.

Galadriel und andere Hochelben

Im nächsten Abschnitt versucht Christopher Tolkien die widersprüchlichen Angaben zu Herkunft und Leben von Galadriel, Elrond und dem Ringe-Schmied Celebrimbor auf die Reihe zu bekommen. Es gelingt ihm mehr schlecht als recht. Immerhin weiß man danach: Lady G. hat schon mindestens 10.000 Jahre (drei Zeitalter, davon 6462 im 2. und 3. Zeitalter) auf dem Buckel, als Frodo ihr begegnet: Sie stammt noch aus dem Segensreich Valinor und zog mit Feanors Noldor-Elben aus, um in Beleriand und, nach dessen Untergang, in Mittelerde zu leben und gegen den Schatten zu kämpfen. Erst spät wurde sie die Herrscherin in Lórien, als die wir sie zuerst kennen lernen.

Außerdem geht es dem Herausgeber um den Elbenfürsten Amroth, König von Lórien, der sich in die Elbin Nimrodel (Legolas erwähnt sie) verliebte und bei einem Sturm in der Bucht von Belfalas (Süd-Gondor) ertrank. Das Reich von Dol Amroth wird erst wieder bei der Krönung des neuen Königs alias Aragorn alias Elessar relevant, als dessen Fürst Imrahil auf dem Fest auftaucht.

Elessar, der Elbenstein

Ein letztes Kapitel des 2. Teils dreht sich um den namensgebenden Stein Elessar. Dieses grüne Wunderwerk elbischer Kunst kann sogar auf zwei Herkünfte zurückblicken, was aber auch heißen kann, dass es zwei Steine gab: einen aus Valinor und Gondolin, einen aus Eregion (dem Gebiet westlich Morias).

Teil 3 (Das 3. Zeitalter)

Von Isildur und Elendil (3441, 2. ZA) bis zum Ende des Ringkriegs (3021, 3. ZA)

Wir erfahren weitere Einzelheiten, wie es dazu kam, dass der Sieger über Sauron, Isildur, am Ende des Zweiten Zeitalters getötet wurde und der Eine Ring verloren ging (ca. 20 Seiten). Den längsten Abschnitt des 3. Teils, nämlich rund 40 Seiten, nimmt die Schilderung des Bündnisses zwischen den Rohirrim, den Pferdemenschen Eorls, und dem Königreich Gondor ein. Eorls Volk lebte nämlich in den nördlichen Ausläufern des Düsterwaldes an den Quellflüssen des Anduin, also viele Tagesreisen von Gondor entfernt. Dennoch spielte dieses Volk eine entscheidende Rolle beim Schutz Gondors vor den Invasionen der Wagenfahrer und anderer Ostvölker. Und es dürfte wohl bekannt sein, dass Rohan die entscheidende Hilfe Gondors bei der Endschlacht des Ringkrieges war. Daher sind diese Texte und Anmerkungen durchaus interessante Lektüre, wenn man erfahren will, wie es zu diesem Bündnis und zur Gründung Rohans kam.

Danach liefert vor allem Gandalf weitere Informationen über „Die Fahrt zum Erebor“ im „Hobbit“ sowie über „Die Jagd nach dem Einen Ring“ durch Saurons Schwarze Reiter. Abgeschlossen wird der 3. Teil durch eine packende Schilderung der „Schlachten an den Furten des Isen“. Diese ergaben sich, als Sarumans Streitmacht aus Isengard ausrückte und nur auf kleinere Kontingente von Rohantruppen traf. Hier merkt man deutlich, dass Tolkien 1916 im Weltkrieg I an der Somme-Schlacht teilnahm.

Hintergrundinformationen zu Istari-Zauberern, Drúedain und Palantíri

Diese drei Texte hätte man eigentlich in den Anhängen zum „Herr der Ringe“ erwartet: Sie bringen vor allem Fakten. Druédain sind die Vorfahren der „Puckelmänner“ aus der gondorischen Provinz Anórien; einem der letzten begegnen Gandalf und Pippin. Diese „Wilden Menschen aus den Wäldern“ sind zwar ebenfalls klein (1,2 m), aber in keiner Weise mit den Hobbits verwandt.

Palantíri sind die „fernsehenden Steine“ numenorischer Herkunft, die Elendil zum Teil dem Reich Gondor schenkte, damit die dort Herrschenden mit ihren Ko-Herrschern im nördlichen Königreich Arnor schnell kommunizieren konnten. Saruman und Denethor benutzten beide solche Steine, wurde aber beide von Sauron, der den Stein von Minas Ithil/Morgul besaß, betrogen. Der Text erklärt, wie die Steine aussahen und funktionierten, wo es sie gab, wer sie einsetzte und zu welchen Zwecken.

Der interessanteste Abschnitt befasst sich mit den fünf Istari, von denen wir nun erfahren, dass zwar Saruman der Weiße der erste und oberste war, jedoch Gandalf Mithrandir der bei weitem mächtigste und einflussreichste. (Ihre Quenya-Namen waren Curunír, der Schlaue, und Olórin, der Visionär.) Daneben gab es noch Radagast den Braunen, der jedoch in seiner Mission, dem Bösen Einhalt zu gebieten, versagte, weil er sich zu sehr auf die Tierwelt einließ. Und Erwähnung finden zwei „blaue“ Istari, die in den Osten gingen und nie wieder gesehen wurden.

Im Mittelpunkt der zu diesen Zauberern versammelten Texte und Anmerkungen stehen also Saruman und Gandalf. Letzterer bekam von Círdan, dem Hochelben, Narya, den Ring des Feuers, anvertraut. (Elrond und Galadriel trugen die Ringe der Luft und des Wassers, Nenya und Vilya.) Doch wer schickte die Istari? Es waren die Valar höchstselbst, und es ist von Bedeutung, welcher Vala welchen Istar auswählt. Es war kein Geringerer als der höchste Vala Manwe, der darauf bestand, Gandalf Olórin zu schicken. Saruman hingegen wurde von Aule, dem Vala, der für Technik und Erddinge zuständig war (er schuf die Zwerge), nach Mittelerde geschickt. Wie gesagt, hatten die Istari, die der Klasse der Maiar angehörten, den Auftrag, dem wieder erstarkenden Bösen in Gestalt des Maia Sauron Einhalt zu gebieten.

Während die Valar stets Geister waren, konnten die Maiar auch sterbliche Form annehmen: Die Istari traten stets als alte Männer auf, die aber nie starben (und das begann nach einiger Zeit, den Leuten aufzufallen.) Während Saruman zunehmend Macht ansammelte und sich zuletzt in Isengard niederließ, wanderte Mithrandir, der Graue Pilger ohne festen Wohnsitz, stets unter seinen Schützlingen, um sie zu ermutigen. Kein Wunder, dass es im Weißen Rat der Zauberer und Hochelben stets zu Konfrontationen zwischen den beiden Istari kam, fürchtete Saruman doch ständig, dass der ihm nachgesandte Gandalf mächtiger als er selbst wurde. Und dann war da ja noch die Sache mit dem Einen Ring …

Mein Eindruck

Ein Buch für Hardcore-Fans des Tolkien-Universums. Lästerer nannten es das „überflüssigste Tolkien-Buch“ überhaupt – was ich überhaupt nicht finde. Diese Leute nannten auch das „Silmarillion“ das „Elben-Telefonbuch“. Aber meine Warnung am Anfang dieses Berichts ist ernst zu nehmen: Nur wer sich schon durch „Hobbit“, „Herr der Ringe“ (inklusive Anhänge) und „Silmarillion“ gearbeitet hat, sollte zu diesem Buch greifen. Solche Fanatiker findet man meist nicht unter den Romantikern, sondern unter Literaturwissenschaftlern (die natürlich auch romantisch veranlagt sein können).
Daher bietet das Buch zwar kaum weltbewegende Enthüllungen (außer vielleicht über Gandalf und Galadriel), aber sehr viele schöne Einzelheiten und Facetten zu bekannten Figuren und Ereignissen.

Die Übersetzung

… stammt von Hans J. Schütz, der schon etliche Fantasybücher für Klett-Cotta übertragen hat (allerdings nicht den „Herrn der Ringe“!). Über einige seiner Entsprechungen kann man sich streiten, insbesondere über alles, was Valinor, das „Segensreich“, betrifft.

Lesetipp

Wer noch tiefer in das Tolkien-Universum eindringen will, um weitere Edelsteine zu finden, kann an deutschen Ausgaben nur noch zu den zwei Bänden des „Buches der verschollenen Geschichten“ greifen. Dies sind die ersten Bücher der „History of Middle-Earth“. Hier finden sich zeitlich früher entstandene Variationen zu den Erzählungen aus dem „Silmarillion“. So etwa zu Tinúviel und Túrambar. Dabei ist der 2. Band wesentlich interessanter.

Während Band 1 die Entstehung der Welt und Beleriands/Mittelerdes schildert, finden wir im 2. Band all die liebgewonnenen Heldenstorys um die Silmaril und den Drachentöter, außerdem den „Fall von Gondolin“ und die „Geschichte von Earendel“.

Neu sind mir die Erzählung „Das Nauglafring“ und „Die Geschichte von Eriol oder Aelfwine und das Ende der Geschichten“ bzw. „Aelfwine aus England“. Man sieht: Hier wird das Mittelalter als historische Zeit in die Mythologie Tolkiens eingebunden.

Taschenbuch: 601 Seiten
Originaltitel: Unfinished Tales of Númenor and Middle-Earth, 1980
Aus dem Englischen übertragen von Hans J. Schütz
www.klett-cotta.de