
Mitte des 21. Jahrhunderts hat die von Menschen verursachte globale Erwärmung für weite Teile der Erde desaströse Ausmaße angenommen: Die USA verlieren Louisiana und Florida in den ansteigenden Meeresfluten, Japan ist ein Flickwerk aus kleineren Inseln, und im Herzen Afrikas breitet sich eine Mondlandschaft aus. Doch es gibt auch Gewinner des Klimawandels: internationale Konzerne, die sich in den betroffenen Regionen eine goldene Nase verdienen.
Als Wissenschaftler einen Plan zur Regenerierung der Erdatmosphäre entwickeln, sind es die Konzerne, die von dem Unglück profitieren, die sich dem Vorhaben heftig widersetzen – und sie schrecken dabei vor nichts zurück… (Verlagsinfo)
Der Autor
Norman Richard Spinrad (* 15. September 1940 in New York City) ist ein US-amerikanischer Science-Fiction-Autor.
Spinrad gilt als einer der Mitbegründer der New-Wave-Strömung der Science-Fiction in den 1960er Jahren in den USA. Die „New Wave“ nahm ihren Anfang in England, als Michael Moorcock Herausgeber des britischen SF-Magazins New Worlds wurde. Norman Spinrad war von 1980 bis 1982 und von 2001 bis 2002 Präsident der Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA). In Deutschland machte ihn die Kontroverse um seine Satire „Der stählerne Traum“ bekannt.
Romane
The Solarians (1966)
The Men in the Jungle (1967)
Deutsch: Die Bruderschaft des Schmerzes. Moewig Science Fiction #3574, 1982, Übersetzer Ulrich Kiesow, ISBN 3-8118-3574-2.
Agent of Chaos (1967)
Bug Jack Barron (1967, 1969)
Deutsch: Champion Jack Barron. Moewig Science Fiction #3562, 1982, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-8118-3562-9. Auch als: Heyne Science Fiction & Fantasy #8008, 1998, ISBN 3-453-14889-4.
The Iron Dream (1972)
Deutsch: Der stählerne Traum. Heyne Science Fiction & Fantasy #3783, 1981, Übersetzer Walter Brumm, ISBN 3-453-30684-8.
Passing Through The Flame (1975)
A World Between (1979)
Deutsch: Eine Welt dazwischen. Heyne Science Fiction & Fantasy #3963, 1983, Übersetzer Walter Brumm, ISBN 3-453-30895-6.
Songs from the Stars (1980)
Deutsch: Lieder von den Sternen. Bastei Lübbe Science Fiction Special #24025, 1981, Übersetzerin Brigitte D. Borngässer, ISBN 3-404-24025-1.
The Mind Game (1980)
The Void Captain’s Tale (1983)
Deutsch: Daß mich das große Nichts umfange. Bastei Lübbe Science Fiction Special #24050, 1983, Übersetzer Peter Robert, ISBN 3-404-24050-2.
Child of Fortune (1985)
Deutsch: Kind des Glücks : Eine phantastische Reise durch ein Universum voller Erotik und Gefahr. Übersetzer Jürgen Langonski. Bastei Lübbe Science Fiction Special #24139, 1991, ISBN 3-404-24139-8.
Little Heroes (1987)
Deutsch: Little Heroes. Bastei Lübbe Science Fiction #28180, 1989, Übersetzer Michael Kubiak, ISBN 3-404-28180-2.
Russian Spring (1991)
Deutsch: Russischer Frühling. Heyne Science Fiction & Fantasy #4944, 1992, Übersetzerin Irene Bonhorst, ISBN 3-453-06189-6.
The Children of Hamelin (1991)
Pictures at 11 (1994)
Deutsch: Bilder um 11. Heyne Science Fiction & Fantasy #5664, 1997, Übersetzer Peter Robert, ISBN 3-453-12640-8.
Greenhouse Summer (1999)
Deutsch: Das tropische Millennium. Heyne Science Fiction & Fantasy #6378, 2001, Übersetzer Peter Robert, ISBN 3-453-18835-7.
He Walked Among Us (2002)
Deutsch: Die Transformation. Heyne Science Fiction & Fantasy #6419, 2002, Übersetzer Horst Pukallus, ISBN 3-453-21352-1.
The Druid King (2003)
Deutsch: Der Druidenkönig. Übersetzt von Andreas Brandhorst. Goldmann Science Fiction #24222, 2003, ISBN 3-442-24222-3.
Mexica (2005)
Osama the Gun (2011)
The People’s Police (2017)
Welcome to Your Dreamtime (2018)
Handlung
Monique Calhoun
Mitte des 21. Jahrhunderts ist Monique Calhoun eine Marketing- und Event-Agentin, die für die große New Yorker Agentur Brot & Spiele (B&S) arbeitet. Wie immer läuft sie von ihrem winzigen Apartment zum Empire State Building, denn die U-Bahn fährt schon längst nicht mehr. Die Seemauer, die sie entlangspaziert, ragt zehn Meter empor, und das Wissen, dass ihr Apartment fünf Meter UNTER diesem Meeresspiegel liegt, bereitet ihr nachts Alpträume vom Ertrinken.
Letzte Woche war sie für B&S in Libyen, um dem dortigen Wasserminister das Konzept eines Disneylands in der Wüste anzudrehen. Dieses Projekt, das die Firma der Advanced Projects Associates (APA) anschiebt, würde gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, aber auch eine Menge Kohle Richtung B&S spülen. Monique hat durch die cleveren Fragen des Wasserministers herausgefunden, dass hinter dem APA-Projekt in Wahrheit das Verbrechersyndikat „Böse Buben“ steckt, das in der Wüste unter Kuppeln Plantagen für Marihuana und Koka betreiben will, um damit Rauschgift herzustellen – mit Steuergeldern der libyschen Bürger.
Die tropischen Temperaturen um die 40°C im Schatten machen Monique in Manhattan zu schaffen, aber sie schafft es zur B&S-Zentrale. Dort erwartet sie eigentlich ein Aktienpaket als ihren Lohn, aber was sie von Giorgia Kang bekommt, ist eine Versetzung nach Paris – entweder das in Frankreich oder, falls sie ablehnt, das in Texas… Zähneknirschend nimmt sie an. Da es keine souveränen Staaten mehr gibt, ist das jeweilige Syndikat tonangebend, und sie ist seine Bürgeraktionärin. Zumindest theoretisch.
Fürst Eric Esterhazy
Eric Esterhazy, der sich als Prinz ausgibt, hat vom Verbrechersyndikat „Böse Buben“ einen weiteren Auftrag für einen Anschlag erhalten. Aber muss es denn unbedingt ein Flic sein, fragt er sich etwas bang. Dieser spezielle Flic ist den Auftraggebern entlang der beachtlichen gestiegenen Seine etwas zu gierig geworden: Er erpresst sie wie ein gewöhnlicher Mafioso um „Schutzgeld“, und das muss aufhören. Daher der Auftrag zur Eliminierung dieses Konkurrenten.
Nach getaner Arbeit, die außer bei den Bösen Buben unbemerkt bleibt, begibt sich Eric mit seinen Gästen an Bord seines Mississippi-Dampfer „La Reine de la Seine“. Das Schiff gehört nicht ihm, sondern seinen Auftraggebern, und die haben es zu einem besonderen Zweck umbauen lassen: Der Computer nimmt mit seinen Mikrofonen und Kameras alles auf, was die Gäste von sich geben. Danach lässt sich so manches zur Erpressung nutzen. Das Schiff ist ein sogenannter „Datenschwamm“. Was nur Eric und seine Hintermänner wissen: Eine KI namens „Ignatz“ steuert die gesamte Abhöranlage und wertet das Gehörte bzw. Gefilmte aus. Eric bekommt eine ungewöhnliche Anfrage…
Moniques Auftrag
Moniques erster Auftrag in Paris besteht darin, die seit Jahren stattfindende Konferenz zur Klimastabilisierung, kurz UNACOCS, in einem größeren Rahmen als bisher PR-mäßig zu begleiten und zu einem Publicity-Erfolg zu machen. Sie soll die VIPs mit einem Programm verwöhnen, während im Grand Palais die Vorträge und vor allem die Ausstellung stattfindet. Aber warum gerade jetzt, fragt sie einen der Hintermänner. Es sind auffällig viele Israelis, einer arbeitet für den Geheimdienst Mossad. Diese Leute legen auch Moniques Budget fest. Wie hoch darf sie gehen?
Sie bekommt den Tipp, die „Reine de la Seine“ für die zehn Tage der Konferenz zu chartern. Sie nimmt Kontakt mit Eric Esterhazy auf, doch der vertröstet sie, denn das Schiff gehört ihm ja nicht. Moniques Großmutter hat geheime Kontakte zu den „Bösen Buben“, und deren Sprecher Eduardo redet mit Eric: Die Charter geht klar, solange Monique nur das halbe Schiff bucht. Die andere besetzen Erics Auftraggeber. Da beide nun grünes Licht haben, lädt Eric Monique auf den Dampfer ein und zeigt ihr die Abhöranlagen. Sie ist erstaunt, ahnt aber nicht, was Eric ihr verschweigt, beispielsweise die Existenz einer KI an Bord.
Der Venuseffekt
Jean-Luc, der Pressechef der Veranstaltung, hat ein effektvolles Skript in die Tat umsetzen lassen. Die drei ersten Eröffnungssprecher fordern das Publikum mit provokanten Aussagen heraus, und die Schirmherrin und Grande Dame der Veranstaltungsreihe, Allison Larrabee, kündigt sogar ihren Rücktritt an. Denn schließlich werde hier immer das Gleiche verkündet, nämlich „Bockmist“! Selbst ihre Venuseffekt-Theorie könnte nicht provokanter sein, dass nämlich Terras Klima kippen und sich in das der superheißen Schwesterwelt Venus verwandeln könnte.
Danach ist Party angesagt, und wie Monique beobachtet, gibt es unter den Gästen jede Menge zu bereden. Noch interessanter ist es zu beobachten, dass die eine Hälfte der Gäste auf ihrer eigenen Liste steht, die andere Hälfte auf der Eric Liste. Wie gerne würde sie Mäuschen spielen! Er führt sie in den Computerraum, wo er ihr die Abhöranlage zur Verfügung stellt, vielen Dank auch. Doch das Durcheinander von visuellen und akustischen Eindrücken ergibt keinen Sinn, und frustriert verlässt sie den Raum wieder.
Weiße Tornados
Sinnvoll wird dieser Besuch erst am nächsten Tag. Jean-Luc hat aus einer unbekannten Quelle ein verstörendes Video besorgt: Es zeigt einen Weißen Tornado, so genannt, weil es sich um eine Art Windhose aus reiner Hitze handelt, wie man sie bei Waldbränden beobachten kann. Sie steigt in die Stratosphäre, bevor sie sich in Luft auflöst. Wie gesagt: pure Hitze und somit sehr ungesund. Weiße Tornados wurden nicht nur in der Wüste Australiens und in den „Verlorenen Ländern“ am Äquator gesichtet, sondern auch in den USA.
Wie auch immer, dies ist das Thema Nummer eins. Was ihr jetzt merkwürdig vorkommt, ist die Erinnerung, den Begriff „Weiße Tornados“ schon am Abend zuvor auf den Bändern gehört zu haben. Zur gleichen Zeit sucht auch Eric nach diesem Begriff, allerdings mithilfe seiner KI. Er wird schnell fündig: Die weißen Tornados sind kein Naturphänomen, sondern ein inszenierter „Disney“, also Show. Hinter dem hinterlistigen Einsatz der im Orbit befindlichen Sonnenspiegel steckt die Ökotech-Industrie, also „Big Blue“.
Als er dies seinem Chef Eduardo Ramirez, dem Liebhaber seiner Mutter, zu Gehör bringt, stößt er auf eine unerwartete, ja, unerklärliche Reaktion. Man könne Big Blue zwar erpressen, ganz klar, aber was hätten die „Bösen Buben“ davon? Eduardo will sich etwas ausdenken. Nur eines ist glasklar: Als nächstes auf dem Programmplan steht die Verführung von Monique Calhoun, denn es erscheint dringend notwendig herauszufinden, was die Gegenseite im Schilde führt. Die Verführung erfolgt natürlich auf Erics Schiff, doch die Folgen der intimen Begegnung sind unerwartet und weitreichend.
Besuch aus Sibirien
Iwan und Stella Marenko sind Milliardäre aus Sibirien. Seitdem dieser ausgedehnte Eisschrank zu einer gemäßigten Zone geworden ist, blüht und gedeiht die Wirtschaft: ein goldenes Zeitalter ist angebrochen. Aber weil es nicht ewig anhalten kann, wollen die Marenkos trickreich herausfinden, was die Klimamodelle besagen. Kommt der Venuseffekt oder nicht? Sie finden heraus, dass die „weißen Tornados“ nur ein Disney sind.
Deshalb heften sie sich an die Fersen von John Sri Davinda aus Kalifornien, ein Klimaforscher mit einem weiteren Modell. Davinda ist jedoch die meiste Zeit unansprechbar, und das macht sowohl Monique als auch Eric auf ihn aufmerksam. Was brabbelt der Mann da? „Lao ist das Chao des Tao.“ Es erfordert sehr viel Rätselraten und eine intime Begegnung, bis Eric und Monique begreifen, was Davinda sagen will.
Offenbar will Big Blue Davindas Klimamodell am kommenden Sonntag in einem streng abgesperrten und bewachten Zelt des Grand Palais vorführen, aber nicht etwa auf gewöhnlicher Hardware, sondern auf einem menschlichen Gehirn, von dem eine polymerisierte Kopie erstellt worden ist: Es gehört bzw. gehörte Davinda selbst. Der Kopiervorgang hat ihn wohl den Verstand gekostet, oder? Doch was sagt sein Modell, das „Lao“, voraus?
Eine knifflige Entscheidung
Die Marenkos erweisen sich als Zünglein an der Waage. Bei einem scheinbaren Schäferstündchen mit Stella Marenko erfährt Eric verblüfft, was sie im Schilde führen. Sie will offenbar Davindas Modell. Aber zu welchem Zweck: für Big Blue oder für die Öko-Grünen? Die Bösen Buben müssen sich ebenso wie die Auftraggeber von Brot & Spiele entscheiden, was zu tun ist, um Davindas Klimamodell zu verhindern oder zu fördern? Denn nichts Geringeres als das Schicksal der irdischen Biosphäre steht auf dem Spiel…
Mein Eindruck
Paris, die Stadt der Lichter und der Liebe, hat sich stark verändert. Die Ufer der Seine sind ein grüner Dschungel, und im Fluss selbst haben es sich Alligatoren gemütlich gemacht. Vielleicht ist dieses Bild eine Hommage des Autors an J.G. Ballards Katastrophenroman „The Drowned World“, das zuerst als „Karneval der Alligatoren“ bei Heyne übersetzt wurde, später auch bei Edition Phantasia, aber unter dem ebenso treffenden Titel „Paradiese der Sonne“.
Viel Sonne, viele Krokodile – diese zwei Elemente bestimmen das Ambiente, in der die Handlung stattfindet. Zuviel Sonne, das ist schon das Problem unserer Tage. Es wird aber verschärft durch die Aktivität lenkbarer Orbitalspiegel, die als Wetterkontrolle genutzt – oder missbraucht – werden können. Deshalb erscheint das Phänomen der weißen Tornados erst einmal gar nicht so abwegig. Sind diese Tornados vielleicht nur der Vorbote des „Venuseffekts“, fragen sich die Konferenzteilnehmer. Dieses Klimamodells berücksichtigt einen überhöhten CO2-Gehalt der Atmosphäre und sagt eine konstante Vernebelung der Landmassen voraus, genau wie auf unserem Nachbarplaneten.
Die Klimamodelle stehen im Vordergrund der Handlung, da gibt’s kein Vertun. Sie sind der entscheidende Hebel, mit dem die beiden Fraktionen der Wirtschaft, die Grünen und „Big Blue“, die Zukunft bestimmen werden. Wenn nun also der Venuseffekt für realistisch gehalten wird, dann gewinnen womöglich die Blauen die Oberhand. Nun kommt Eric Esterhazys schwimmende Spionagezentrale ins Spiel: Er findet zusammen mit Monique heraus, dass die Weißen Tornados lediglich Inszenierungen sind. Kurz gesagt: Disneys. Und womöglich ist auch der Venuseffekt, den Dr. Larrabee vorhersagt, bloß so ein Disney.
Disneys überall
Mindestens die Hälfte der Wirklichkeit, die Eric und Monique erleben, besteht aus Disneys, ja fast ganz Paris ist disneyfiziert. Diese inszenierten Illusionen mit Show-Effekt sind auch Teil von Erics Dampfer, der „Königin des Flusses“. Der Autor kennt sich ja bestens mit den Medien, ihren Tricks aus und hat die fatalen Wirkungen vielfach angeprangert, angefangen bei „Bug Jack Barron“ bis zu „Bilder um elf“ (beide bei Heyne). In seinem Roman „Riding the Torch / Flammenritt“ interpretiert er die Rolle des Künstlers, der solche Inszenierungen erschafft, noch positiv und hoffnungsvoll, später wird er zunehmend kritisch und satirisch.
(SPOILER!) Meatware
Eingedenk dieser Allgegenwart von Disneys ist es für Eric, Monique und Avi Posner, den Mossad-Agenten, von größter Bedeutung, dass sie mit eigenen Augen feststellen können, auf welcher Hardware-Plattform die Software des Lao-Klimamodells von Davinda läuft. Was sie im streng bewachten Zelt, das im Grand Palais aufgebaut wurde, entdecken, ist ein regelrechter Schock. Keine CPU, keine GPU, nicht einmal Speichereinheiten, sondern ein ganzes Gehirn: polymerisierte Meatware, die Davindas Verstand kopiert. Der Schock erzeugt die Entdeckung, dass sie drei noch über ein Gewissen verfügen. Der Mossad-Agent kündigt seinen Vertrag, und auch Eric und Monique zweifeln an ihren jeweiligen Missionen. Jedenfalls steht alles auf dem Spiel, insbesondre das Leben von Davinda selbst.
Sex oder Fake-Sex?
Dies ist ein Roman für erwachsene Leser. Diesen mutet der Autor eine große Menge an Erotik- und Sex-Szenen zu. Eine davon ist ebenfalls ein Disney und sorgt beim Leser, der offen für so etwas ist, für Amüsement. Die Sexszene zwischen Eric und Monique – zumindest die erste – ist eine Transaktion: „quid pro quo“ heißt das Spiel, das die beiden treiben. Auch sie könnte amüsant erscheinen, doch die letzte Sexszene mit Davinda ist es nicht. Monique hat alles bei dem Klima-Guru versucht, das seinen verstand anspricht, aber nichts fruchtet. Deshalb setzt sie eine Etage tiefer an und beginnt, seinen Schwengel zu traktieren. Es funktioniert, aber nicht mit dem erhofften Ergebnis. Sie zücken beide ihre Waffen und richten sie auf den Guru…
Entwicklungen
Das Beste an der Handlung bestand für mich darin, mitverfolgen zu können, dass sowohl Eric als auch Monique während der turbulenten Ereignisse charakterlich wachsen. Eric entdeckt verblüfft, dass er ein Gewissen hat, und Monique, dass sie immer „professioneller“ handeln kann. Sie legt ihre bisherige Naivität ab und kann selbst sexueller Aktivität einen geschäftlichen Nutzen abringen, nämlich „quid pro quo“.
Eric ist nicht ehrlich zu ihr, denn er enthüllt ihr nie die Existenz seiner KI Ignatz an Bord seines Dampfers. Eine der witzigsten Szenen besteht darin, dass Ignatz das Auftreten und die Sprechweise von Erics Mom nachahmt. Das führt zwar zum gewünschten Ergebnis, doch Eric wünscht sich, endlich nicht mehr wie Moms kleiner Junge handeln zu müssen und emanzipiert sich von dieser Aufsicht. Er hat ja jetzt Monique als moralischen Kompass.
Die Übersetzung
Dem Übersetzer Peter Robert ist eine herausragende Leistung gelungen. Nicht nur halten sich die Druckfehler in kleinem Rahmen, sondern auch den spielerischen Stil konnte er kongenial übertragen. Es ist eben Paris, und hier ist, wie zu allen Zeiten, (fast) alles möglich. Der Leser wird erstaunt Zeuge einer sich entfaltenden Oper, der es bis zur letzten Seite nicht an Spannung mangelt.
S. 11: „den hypokritischen Eid“: Eine Anspielung auf den hippokratischen Eid, aber ein Hypokrit ist kein Mediziner, sondern schlicht ein Heuchler.
S. 27: „eptifiziertes Kokain“: Google kann mit dem Begriff „eptifiziert“ nichts anfangen. Vor Kokainkonsum wird dringend gewarnt.
S. 29: „verschnabuliert“: rasch beim Essen einverleibt. Ein humorvoller Ausdruck.
S. 67: „Er war schwer für Eric, sich vorzustellen…“: Statt „Er“ sollte es besser „Es“ heißen.
S. 365: „Die Sache schien diesem abgebrühte[n] Mossad-Profi…“: Das N fehlt.
Unterm Strich
Ich habe den spannenden Roman in nur wenigen Tagen gelesen. Mit wachsendem, erstauntem Vergnügen verfolgte ich die beiden Handlungsstränge um Eric Esterhazy, den Killer der „Bösen Buben“, und Monique Calhoun, die Agentin von „Brot & Spiele“. Der erste Teil mit dem Titel „Echtblauer Blues“ führt die Figuren ein und verknüpft ihre Schicksale, in Paris und auf der Konferenz, schließlich auch auf Erics Dampfer. Der Begriff „Disney“ für die inszenierten Spezialeffekte auf diesem Dampfer taucht auf, danach noch viele Male. Dass der Dampfer ein schwimmender Datenschwamm ist, der Lust mit Geschäft verbindet, ist ein Schmankerl, das man sonst nur in Spionageromanen erwartet.
Das Ambiente kommt dem Leser fast schon vertraut vor: Paris als Dschungel, die Seine von Alligatoren verseucht, und alle Locations scheinen derart gut zu stimmen, dass der Autor selbst dort gelebt haben muss. Den in jeder Hinsicht zu verstehenden „Höhepunkt“ des ersten Teil erleben Eric und Monique gemeinsam.
Der zweite Teil mit dem Titel „Glashäuser“ führt von dieser ersten, äh, Vereinigung an weitere Schicksale zusammen, allen voran das illustre Ehepaar Marenko aus Sibirien. Über die Marenkos erfahren Eric & Monique, dass es ein alternatives Klimamodell gibt, das „Lao“ von Davinda. Dieses gibt allseits Rätsel auf, was die Spannung richtig spannend werden lässt. Was Davinda mit seinem Gestammel „Das Lao ist das Chao des Tao“ meint, bleibt bis zur finalen Szene ein Geheimnis, dass jedoch Moniques mit unkonventionellen Mitteln – mehr Sex – zu lüften weiß.
Ethik, dieser uralte, angestaubte Begriff, wird im Finale zu einer zentralen Triebkraft. Denn um das richtige Klimamodell zu finden und zu verstehen, müssen Eric und Monique sowie Avi Posner und Eduardo Ramirez mit der Entdeckung zurechtkommen, dass sie ein Gewissen haben. Ein Agent, der seinem Auftraggeber kündigt? Klingt unwahrscheinlich, aber der Leser schließlich doch verstehen und akzeptieren, was ein Syndikat ist: ein Kollektiv von Bürgeraktionären. Zumindest theoretisch. Nun, wer’s glaubt wird selig. Monique macht da andere Erfahrungen.
Die Lösung für all diese moralischen Dilemmata scheint zunächst der Yankee-Pragmatismus von Erics Mom zu bieten. Im Showdown müssen Eric und Monique durch eine kette von Erkenntnissen und Entscheidungen das Urteil über Davinda fällen, ob es ihren jeweiligen Syndikaten gefällt oder nicht. Der Autor plädiert offenkundig für die Entscheidungsfreiheit, die das Individuum sich NIMMT, nicht geben lässt. Und das verheißt für Davinda nichts Gutes…
Für die Druckfehler gibt es einen halben Punkt Abzug.
Hinweis: Ein Roman, der vor allem für Erwachsene gedacht ist.
Taschenbuch: 430 Seiten
Originaltitel: Greenhouse Summer, 1999
Aus dem Amerikanischen von Peter Robert
ISBN-13: 9783453188358
Der Autor vergibt: 



