Ed Ferman & Barry Malzberg – Final Stage. The Ultimate Science Fiction Anthology. SF-Stories

Herausforderungen: Maschinensex und Robot-Revolution

Diese Anthologie ist ziemlich einzigartig in den frühen siebziger Jahren. Sie bringt die Original-Beiträge des profiliertesten Autoren ihrer Zeit, die diese zu einem bestimmten SF-Thema wie etwa Zeitreise oder Androiden-Sex verfassen konnten. Und zwar sollte das Thema auf die Spitze getrieben werden.: zum Endstadium. Dazu ließen sich Asimov, Silverberg, Dick, Pohl, Dean Koontz, Kit Reed, Harrison, Russ, Aldiss, Malzberg, Poul Anderson und James Tiptree nicht lange bitten. Nur die Asimov-Story war zuvor bereits im „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ (1974) erschienen.

Bonusmaterial

Das Sahnehäubchen zu jeder Story bilden das Nachwort des jeweiligen Verfassers, seine bzw. ihre Literaturempfehlung und ein obligatorisches Beispiel für ein eigenes Werk. Ganz am Schluss dieses Nachspanns haben die Herausgeber noch eine kurze Biografie hinzugefügt. Im Falle des rätselhaften Autors „James Tiptree jr.“ kam dabei allerdings viel Spekulation über seine/ihre Identität heraus. Wenigstens wurde das Alter richtig geschätzt und der Wohnort korrekt angegeben.


1) Edward L. Ferman war mehrere Jahre lang der Herausgeber des „Magazine of Fantasy and Science Fiction“.

Das Magazine of Fantasy and Science Fiction besteht seit Herbst 1949, also rund 64 Jahre. Zu seinen Herausgebern gehörten so bekannte Autoren wie Anthony Boucher (1949-58) oder Kristin Kathryn Rusch (ab Juli 1991). Es wurde mehrfach mit den wichtigsten Genrepreisen wie dem HUGO ausgezeichnet. Im Gegensatz zu „Asimov’s Science Fiction“ und „Analog“ legt es in den ausgewählten Kurzgeschichten Wert auf Stil und Idee gleichermaßen, bringt keine Illustrationen und hat auch Mainstream-Autoren wie C.S. Lewis, Kingsley Amis und Gerald Heard angezogen. Statt auf Raumschiffe und Roboter wie die anderen zu setzen, kommen in der Regel nur „normale“ Menschen auf der Erde vor, häufig in humorvoller Darstellung. Das sind aber nur sehr allgemeine Standards, die häufig durchbrochen wurden.

Hier wurden verdichtete Versionen von später berühmten Romanen erstmals veröffentlicht: „Walter M. Millers „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (1955-57), „Starship Troopers von Heinlein (1959), „Der große Süden“ (1952) von Ward Moore und „Rogue Moon / Unternehmen Luna“ von Algis Budrys (1960). Zahlreiche lose verbundene Serien wie etwa Poul Andersons „Zeitpatrouille“ erschienen hier, und die Zahl der hier veröffentlichten, später hoch dekorierten Stories ist Legion. Auch Andreas Eschbachs Debütstory „Die Haarteppichknüpfer“ wurde hier abgedruckt (im Januar 2000), unter dem Titel „The Carpetmaker’s Son“.

Zwischen November 1958 und Februar 1992 erschienen 399 Ausgaben, in denen jeweils Isaac Asimov einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er wurde von Gregory Benford abglöst. Zwischen 1975 und 1992 war der führende Buchrezensent Algis Budrys, doch auch andere bekannte Namen wie Alfred Bester oder Damon Knight trugen ihren Kritiken bei. Baird Searles rezensierte Filme. Eine lang laufende Serie von Schnurrpfeifereien, sogenannte „shaggy dog stories“, genannt „Feghoots“, wurde 1958 bis 1964 von Reginald Bretnor geliefert, der als Grendel Briarton schrieb.

Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Oktoberausgabe einem speziellen Star gewidmet: Eine neue Story dieses Autors wird von Artikeln über ihn und einer Checkliste seiner Werke begleitet – eine besondere Ehre also. Diese widerfuhr Autoren wie Asimov, Sturgeon, Bradbury, Anderson, Blish, Pohl, Leiber, Silverberg, Ellison und vielen weiteren. Aus dieser Reihe entstand 1974 eine Best-of-Anthologie zum 25-jährigen Jubiläum, aber die Best-of-Reihe bestand bereits seit 1952. Die Jubiläumsausgabe zum Dreißigsten erschien 1981 auch bei Heyne.

In Großbritannien erschien die Lokalausgabe von 1953-54 und 1959-64, in Australien gab es eine Auswahl von 1954 bis 1958. Die deutsche Ausgabe von Auswahlbänden erschien ab 1963, herausgegeben von Charlotte Winheller (Heyne SF Nr. 214), in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Jahr 2000, als sich bei Heyne alles änderte und alle Story-Anthologie-Reihen eingestellt wurden.

2) Barry M. Malzberg

Ein Autor von SF- und Krimi-Stories und -Romanen, aber offensichtlich auch ein Herausgeber von Anthologien.

Die Erzählungen

1) Frederik Pohl: We purchased people

Nachdem der überlichtschnelle Funk es ermöglicht hat, dass Außerirdische mit der Erde kommunizieren, sieht die Weltregierung eine Riesenchance in der Möglichkeit, schwere Erdprobleme mit Hilfe des Wissens der Außerirdischen zu lindern, wenn nicht sogar zu lösen. Die Capellaner, Sirianer und so weiter wollen sich mittels Agenten auf der Erde umsehen. Was liegt näher, als ihnen Menschen zu verkaufen, die sie wie Maschinen steuern können, um ihren Willen zu erfüllen?

So widerfährt es auch Wayne Golden und Carolyn Schoerner. Beide sind straffällig geworden, er als Serienmörder von Mädchen, für ihr (undefiniertes) Verbrechen büßt sie in einer Besserungsanstalt. Über Monate hinweg erfüllen die beiden Kriminellen für die Groombridgianer getrennt Aufträge, indem sie in der ganzen Welt herumreisen, Kunstwerke kaufen, Vorträgen zuhören und andere Agenten treffen. Ab und zu bekommen sie Freiminuten als Belohnung. Dann versucht Wayne verzweifelt, Kontakt mit Carolyn aufzunehmen. Nur einen Kuss, nur eine Berührung – das wäre schon genug.

Er ist ziemlich erstaunt, als er unbegrenzten Urlaub erhält, sich aber binnen 50 Minuten melden muss. Nach einer gewissen Zeit kommt der Anruf, der ihn in seinen Pferch ruft. Doch dort trifft er Carolyn an, und das Bett, auf dem sie sitzt, ist aufgedeckt. Endlich kann er ihr nahe sein! Doch was sie dann sagt, zerstört alle Träume und lässt ihn zum Rebellen werden.

Mein Eindruck

Es ist das ultimative Verbrechen, findet Wayne heraus, einem Menschen seinen Willen zu nehmen und seinen Körper als Werkzeug, als Marionette zu benutzen, ganz besonders dann, wenn es dem geliebten Menschen genauso ergeht. Wayne soll das tun, was er vor seiner Haft die ganze Zeit getan hat… Seine Besitzer sind wohl der Annahme, dass er dann die höchste Befriedigung erhält. Leider ist es genau das Gegenteil von dem, was er sich wünscht.

Im Wechsel erzählt Wayne seine Geschichte selbst, dann wieder ein Erzähler. So ergänzen sich beschreibende Perspektive und das direkte Erleben des Subjekts. Beide erzeugen eine zynische Ironie, dass dem Leser das Lachen im Halse stecken bleibt. Indem der Text nur im Vorübergehen berichtet, dass Wayne seine Opfer als junge Mädchen – das jüngste war erst neun – mochte, bevor man ihn verhaftete, wird auch eine leise Spannung erzeugt.

Denn man fragt sich doch nach einer Weile, was Wayne WIRKLICH mit Carolyn vorhat, die er so dringend sucht. Will er sie nicht nur küssen, sondern auch töten? Dass diese Frage von seinen Marionettenspielern beantwortet wird, ist von zynischer „Gerechtigkeit“ und geradezu ein Tiefschlag. Außerdem kehrt dieser Schluss genau das um, was Wayne seinen Opfern angetan hat: Er wird nun selbst Opfer.

2) Poul Anderson: The Voortrekkers

Joel und seine Geliebte Korene sind seit 43 Jahren tot, doch ihre digitalisierter Bewusstseine existieren weiter. Joel ist Teil des Raumschiffs und kann mit ihr kommunizieren, solange er zum Sirius und dessen Planeten unterwegs ist. Denn Korenes Bewusstsein ist in einem Roboter untergebracht. Zusammen werden sie es bis zum Sirius und dessen Planeten schaffen, denn das ist ihr Mission. Korene hat dafür Olaf aufgegeben und Joel seine Mary. Die zweifelten am Sinn dieser Mission.

Die Siriuswelten sind unbewohnbar, also fliegen sie weiter zur Sonne 82 Eridani. Diese verfügt über einen paradiesisch anmutenden Planeten. Joel und Korene lassen sich Körper geben und verpflanzen in diese ihr Bewusstsein. Die Flora und Fauna scheinen zunächst harmlos, etwas stört das psychische Gleichgewicht. Joel wird reizbar und sogar unkontrolliert, bis es schließlich zu einem Todesfall kommt: Der kleine Affe Nat muss dran glauben. Es tut Joel sofort leid, aber die Maschinen hätten dies eigentlich voraussehen müssen. Wie konnte das passieren?

Die Maschinen des Schiffs finden schließlich heraus, dass diese Umwelt dafür sorgt, dass das Vitamin Niacin (B3) (das „zentral am Energiestoffwechsel, der DNA-Reparatur und der Hautgesundheit beteiligt ist“) neutralisiert wird. Die Folge ist „Pellagra, die Dermatitis (Hautentzündung), Diarrhö (Durchfall) und Demenz umfasst, was ohne Behandlung zum Tode führen kann“. „Pellagra war früher in Europa und den USA weit verbreitet, kommt heute aber primär in Entwicklungsländern mit stark maisbasierter Ernährung oder bei spezifischen Stoffwechselstörungen vor.“

Kurz gesagt: Selbst diese paradiesische Umwelt ist für menschliche Körper ungeeignet. Und das wird wahrscheinlich überall so sein. Joel und Korene beschließen, ihre Körper aufzugeben und sich wieder in die Gemeinschaft der Maschinen zu begeben.

Mein Eindruck

In dieser Endstadium-Story präsentiert der Physiker Anderson eine ganze Reihe von Argumenten für und gegen Reisen in den tiefen Weltraum. Was sollen Menschen dort und warum soll das für irgendwen gut sein? In einer Szene verdammt ein Priester von der Kanzel herab solches Unterfangen als des Teufels.

Die Argumente von Olaf und Mary, den von Korene und Joel verlassenen Partnern, sind ebenfalls bedenkenswert. Die Liebe zu diesen Partnern muss durch die Liebe zwischen Korene und Joel fortgesetzt werden. Die Liebe ist es, die letzten Endes den beiden menschlichen Seelen ihre Humanität erhält. Doch die Chemie macht ihnen einen Strich durch die Rechnung, als Joels Körper unbemerkt des lebenswichtigen Vitamins B3 beraubt wird. Das hat eine ungewollte Tötung zur Folge, die sie nicht verantworten können.

Der Autor scheint also auszusagen, dass menschliche Körper dort draußen auf den Ersatzwelten nichts zu suchen haben. Denn diese Körper sind in unglaublich vielen Aspekten an die Bedingungen auf der Erde angepasst, und das Vorhandensein von B3 und anderen Vitaminen gehört sicherlich dazu, ebenso Schwerkraft, Magnetismus und Lichtverhältnisse. Die Wissenschaft hat ja noch längst nicht alles erforscht, was uns menschlich macht.

Ich fand diese Erzählung schwer zu verstehen, denn aus den Menschen Joel und Korene wird zunächst je ein digitales Bewusstsein. Dieses wird wiederum in Körper übertragen und schwupps: Auf einmal sind drei an Bord. Auch der für eine Spannung nötige Konflikt ist schwer zu finden: Er befindet sich in der inneren Entwicklung dieses Paares. Daher wirkt die giftige Einwirkung der Umwelt von 82 Eridani geradezu willkommen – endlich etwas Handfestes und Objektives, mit dem man sich auseinandersetzen kann. Etwas überraschend ist auch Andersons hochpoetischer Ton in manchen Passagen. Nur ein Däne, der an den nordischen Skaldden-Sagas geschult ist, würde wohl auf ein tolles Wort wie „singingness“ kommen.

„The Voortrekkers“ ist nicht Andersons gelungenster Text, und ich habe sie nur einmal auf Deutsch übersetzt gesehen, in „Brennpunkt Zukunft 1“ (Ullstein 1982, ISBN ISBN 3548310397). Der Begriff bezeichnet jene Buren, die 1835 in Südafrika nach Nordosten auswanderten, um den britischen Kolonialherren zu entgehen. Sie begaben sich auf den „Großen Treck“, und die Pioniere wurden als „Voortrekker“ bezeichnet. Ihnen wurde 1937-1949 in Pretoria ein eindrucksvolles Denkmal errichtet.

3) Kit Reed: Great Escape Tours, Inc.

Das sonnige Florida ist bekanntlich das Altersheim der Vereinigten Staaten. Auch in der Stadt St. Petersburg haben sich die Siebzig- und Achtzigjährigen eingefunden, um ihre letzten Jahre in ihrer Gruppe zu verbringen. Dan, Iggy, Theda und Big Marge sind allerdings keine Millionäre, sondern das Gegenteil: Sie leben von der Wohlfahrt. Theda betrachtet die Gruppe, die sich morgens im Stadtpark einfindet, mit Sorge. Mit ihrem langjährigen Gefährten Dan scheint es bald zu Ende zu gehen.

Aber es gibt Hoffnung – und einen Plan. Denn direkt vor ihrer Nase befindet sich die Hauptattraktion des Parks, eine Firma namens „Great Escape Tours, Inc.“. Das Etablissement erinnert Theda an eine Geisterbahn und funktioniert auch so ähnlich: Die Besucher zahlen ihren Eintritt, betreten die Konstruktion morgens durch die Tür und kehren am Abend wieder zurück. Sie sehen unverändert aus, aber keiner will über seine bzw. ihre Erfahrung reden.

Deshalb enthält der Plan nach Thedas Ansicht einen Unsicherheitsfaktor: Die Senioren wissen nicht, wohin die Reise – wenn überhaupt – geht: in die Zukunft, in ferne Länder? Als es soweit ist, muss alles schnell gehen: Der Typ am Eingang, der das Eintrittsgeld verlangt, wird überrumpelt, alle nehmen in den Kabinen Platz, dann geht’s los. Bei der Ankunft erblickt Theda ein wenig exotisches Gelände: einen Kinderspielplatz mit Wippe, Schaukel und Rutschbahn. Was kann man hier schon machen, fragt sie sich. Doch als sie merkt, dass alle Angehörigen der Gruppe nun sechs Jahre alt sind, ist klar: Sie können sich spielend austoben.

Doch dann ist schließlich die Zeit für die Rückkehr gekommen. Die Warnglocke ist nicht zu überhören. In ihrer Kindheit wäre Theda zum Abendessen heimgegangen, doch hier gibt es sowas nicht. Wohl aber Hunger und Durst! Die anderen wollen zurück. Theda und Dan überlegen es sich – und treffen ihre Wahl…

Mein Eindruck

Was würdest du tun, wenn du mit achtzig noch einmal sechs Jahre alt sein könntest, fragt die Autorin (eine der produktivsten in der SF). Den sicheren Tod nah vor Augen, bildet die letzte Reise, die in die Kindheit führt, eine große Verlockung. Aber warum will niemand darüber sprechen, wundert sich Theda. Ist die Kindheit zu einem „guilty pleasure“ geworden, dessen man sich schämen sollte?

Die anrührende Erzählung regt zum Nachdenken darüber an, wie die Mehrheit der einsamen Westler mit ihrem eigenen Tod umgehen: Sie verleugnen und verdrängen seine Unausweichlichkeit. Und daraus macht die Firma „Great Escape“ ein gutes Geschäft – und viele andere auch.

4) Brian W. Aldiss. Diagrams for Three Enigmatic Stories

Wie der Titel schon sagt, handelt es sich hier vorgeblich um drei Skizzen für Geschichte: eine Tragödie, eine neutrale Story und eine Komödie. Sie alle sollen, gemäß dem Vorwort des Autors, eine Krise der Identität im 20. Jahrhundert widerspiegeln.

a) Das Mädchen aus dem tau-Traum (The Girl in the Tau-Dream)

Der Erzähler ist ein Londoner Traumforscher und will verschiedene Kontrahenten in seinem Forschungsgebiet widerlegen. Das Traumleben einer Person ist meist abwechslungsreich und lässt sich in vier Viertel einteilen. Im dritten Traumtyp – tau-Traum – tritt im zweiten Viertel das Phänomen auf, dass der Träumer Ereignisse seines Erlebens mit seinem tieferen Ich und sogar dem Kosmos in Verbindung bringt. Olga kommt in diesem tau-Traum vor.

Denn Olga hat einen schweren Autounfall nur wenige Schritte entfernt an einer Tankstelle, wo er und seine Freundin Anna gerade Benzin tanken. Sie haben ein Haus auf dem Lande in Berkshire besucht. Er leistet erste Hilfe und kümmert sich um Olga. Wie sich herausstellt, stammt sie wie er aus Brasilien, hat aber Wurzeln in Ungarn. Und sie hat eine Verbindung zum besichtigten Haus. Sie revanchiert sich mit einem Blumenstrauß.

Er will sie haben, aber keiner darf es merken, am wenigsten Anna. Alles klappt wie am Schnürchen, und Olga ist schließlich bereit, in der Verfilmung jenes Tau-Traums mitzuspielen, in dem sie die Hauptrolle spielt. Endlich kommen die beiden zusammen, und alles wird noch besser. Sie wollen sich am besichtigten haus in Berkshire treffen, doch dort hört er auf einmal Reifen quietschen: Olgas kleiner Wagen ist von einem riesigen Öltanker gerammt worden. Er eilt zur Unfallstelle. Sie stirbt vor seinen Augen.

Mein Eindruck

Echt jetzt, kann das sein? Wohl kaum, sagt einem der „gesunde Menschenverstand“. Doch man sollte die Überschrift beachten. Erstens ist dies nur ein „Diagramm“ für eine Geschichte und zweitens höchstwahrscheinlich selbst ein Traum oder ein Traumrest. Die vom Autor referenzierte „Auflösung der Identität“ findet tatsächlich statt, und Olga hat nie existiert. Man könnte vermuten, dass der Erzähler/Träumer selbst nur einen Wunschtraum aufschreibt und das Ende zu einer Tragödie umformt. Eine klassische New-Wave-Story, doch die New Wave der Sechziger war 1974 schon längst vorbei.

b) Die Immobilitätsmannschaft (The Immobility Crew)

Auch hier geht es um ein psychologisches Experiment: Vier Männer sollen ihre Identität verlieren. Gegen eine versprochene Belohnung lassen sie sich in eine sensorisch reizarme Umgebung einsperren, ein verfallendes Fabrikgelände. Neben dieser Deprivation erhalten sie auch noch eine Art Aktorenkorsett, das es den Bedienern erlaubt, ihre Gliedmaßen fernzusteuern. Alles wird gefilmt, die Sounds künstlich erzeugt.

Nach einer bestimmten Zeit beginnen die Probanden zu halluzinieren. Sie sind überzeugt, fremde psychische Lebewesen (FPL) wahrzunehmen. Paranoia beginnt, sich bemerkbar zu machen. Schließlich werden ihnen die Fesseln und Aktoren abgenommen. Die Folge sind brutale Jagdszenen, denen zwei von ihnen zum Opfer fallen. Die anderen sind traumatisiert.

Mein Eindruck

Unmöglich, das zu inszenieren? Der Erzähler ist nicht davon überzeugt, und genau das war der Anreiz, das Experiment einmal durchzuführen. Natürlich ist die Skizze nur Spekulation, aber Theorie und Praxis sind hier schwer auseinanderzuhalten. Auf jeden Fall lassen die Jagdszenen keinen Leser kalt.

c) Eine kulturelle Nebenwirkung (A Cultural Side Effect)

Der Erzähler, der oben genannte Traumforscher, ist immer wieder erfinderisch: Jetzt hat er sich blauhäutige Aliens ausgedacht. Nein, ihnen wachsen keine Tentakeln an ungewöhnliche Stellen und sie tragen weder Hörner noch Hufe, sondern sehen genauso aus wie. Das einzige, was sie wirklich unterscheidet, ist ihre Besessenheit mit der menschlichen Kultur: Literatur, Musik, Bildhauerei und so weiter.

Als unser Chronist die Einladung der Avangles zu einem gemeinsamen Abendtee annimmt, fühlt er sich auf seinem Spezialgebiet „Robert Louis Stevenson“ recht firm. Doch Ben und Hetty Avangle, die Eltern von zwei Kindern namens Josie und Herman, allesamt Verfechter kluger Ideen über Form, Funktion und Inhalt, was den Stil beeinflusse, oder auch nicht, oder umgekehrt. Nachdem die Kinder verscheucht worden sind, wollen es sich der Gast und seine Gastgeber gemütlich machen.

Doch schon das erste Buch, das Avangle von Stevenson nennt, nämlich „Robin Hood“, ist unserem Chronisten nicht bekannt. Der Grund: Es heißt in Wahrheit „Mebuck Tea and Robin Hood“. Mit Fortsetzungen, die alle ein kurioses Merkmal gemeinsam haben: Jedes Mal ist ihr Titel nur neun Buchstaben lang! Unser Gewährsmann ist verblüfft, denn das wäre ja eine Willkür ohnegleichen. Doch RLS nannte keinen Geringeren als den Komponisten Edward Elgar seinen Freund, ebenso den Geigenvirtuosen Henley. Avangle will sogar auf Samoa, wo RLS starb, dessen verschollenen Roman „My-Unasyns“ gefunden haben, und obendrein Skulpturen des Meisters. (My-Unasyns – ebenfalls neun Buchstaben…)

Avangle ist bereit, seine Träume von unserem Wissenschaftler erforschen und messen zu lassen. Am nächsten Tag ist er zwar verschwunden, doch er hat ein bis dato unbekanntes Buch von Stevenson zurückgelassen: „Ken’s Stone“, ein Titel mit neun Buchstaben und einer Widmung für RLS‘ Freund und Mitgeiger W. E. Henley…

Mein Eindruck

Buchtitel mit maximal neun Buchstaben?! All das klingt verdächtig nach einem gewaltigen Witz, doch der Chronist / Erzähler / Autor ist sich dessen durchaus bewusst. Immer wieder grätscht er dazwischen, um den Verdacht wegzuwischen, dass dies alles reich starker Tobak ist, um von irgendjemand geglaubt zu werden. Kinder, die über den Zusammenhang zwischen Form und Funktion diskutieren, wie der kleine Herman es tut, tragen auch nicht gerade zur Glaubwürdigkeit der Avangles bei.

In seinem Nachwort, das es nur in dieser Ausgabe gibt, kritisiert der Autor das restliche Feld der Science Fiction: Es ergehe sich im Wiederkauen von abgedroschenen Klischees, was ja 1974 durchaus vorzufinden ist, denn die totgeglaubte Space Opera wurde wiederbelebt. In seiner Liste empfohlener Autoren bzw. Buchtitel taucht zweimal die britische Autorin Anna Kavan (1901-1968), die kurz vor ihrem Tod mit dem post-apokalyptischen Slipstream-Roman „Ice“ (1967, deutsch 2020) ihren größten Erfolg erlebte. Aldiss veröffentlichte 1994 einen Essay über Kavan, siehe dazu die deutsche Wikipedia über Kavan.

5) Asimov: That Thou Art Mindful of Him! (in “Der 200-Jährige”)

Susan Calvin ist seit 100 Jahren Geschichte, ebenso Peter Bogert, aber die drei Grundregeln der Robotik bestehen immer noch. Inzwischen ist Keith Harriman der Forschungsleiter. Er erklärt George Zehn, dem letzten Prototyp seiner neuesten Baureihe JG, dass die altgewohnten US-Robots sich nicht mehr verkaufen, denn der Einsatz im Weltall und auf dem Mond sei nicht mehr gefragt. Außerdem besäßen immer mehr Menschen den Frankensteinreflex: Sie fürchten sich vor ihrer eigenen Schöpfung.

Folglich muss ein neuer Typ von Robot her, der für die misstrauische Erdbevölkerung taugt, und JG-Zehn soll ihn formen: den ersten Robot mit Urteilsvermögen. Das ist eine knifflige Sache, denn die drei Robotgesetze, erlauben nur gewissen Spielraum beim Handeln eines Robots. Besonders die Sache mit dem Gehorsam im 2. Gesetz ist zwar gut für Menschen, aber hemmend für Robots.

Die US-Regierung setzt dem Hauptaktionär Robertson eine Gnadenfrist: höchstens zwei Jahre noch, dann wird US Robotics verstaatlicht und liquidiert. Unter diesem Zeitdruck gelingt es Harriman, JG-10 mit allem verfügbaren Wissen zu füttern, doch wie George zehn sagt, fehlt etwas: Er war noch nie in Kontakt mit der äußeren physischen Welt. Denn dagegen gibt es leider harte Gesetze der paranoiden Menschen. Aber es gibt Robertsons Grundstück auf dem Lande, und hier gelten nicht die Gesetze der Regierung. Hier sieht George erstmals Insekten, Vögel, Eichhörnchen und Bäume. Da kommt ihm eine Idee.

Seine zweite Bedingung: Er möchte mit einem ebenbürtigen Gegenüber Gedanken austauschen, also mit JG-9. Dieser George hat zwar ein leistungsschwächeres Gehirn, aber schon bald ist er auf der gleichen Wellenlänge. Er hat ebenfalls Urteilsvermögen, und zusammen beraten sie Zehns Einfall. Diesen demonstriert Harriman einige Zeit später vor dem Regierungsvertreter Gunnar Eisenmuth: Ein Robo-Vogel, der schädliche Insekten im Fluge fängt. Damit hat Eisenmuth eigentlich kein Problem. Schon bald produziert US Robotics Vögel, Würmer, Insekten und vieles mehr, das ökologisch wertvoll ist. (Denn Ökologie hat Priorität.)

Und so kommt es, dass JG-10 und JG-9 in irgendeinem Lagerraum verstauben und einander – sehr langsam – durch Gedankenaustausch auf eine geniale Idee bringen: Robots sind per definitionem ebenfalls „menschliche Wesen“. Folglich müssen sie nur noch die drei Grundregeln der Humanik formulieren…

Mein Eindruck

Was ist der schlaueste Robot? Eine Gefahr für die Menschen, ganz klar. An diesen Punkt führt der Erfinder der Robotgesetze den Leser. Mit hintersinnigem Humor präsentiert er die Alternative zu den humanoiden Robots: Insektenfänger und dergleichen. Das eigentlich Erstaunliche an dieser Entwicklung ist die Priorität, die die Ökologie hier in den USA innehat. Das kann man von Donald Trumps Unterstützern nicht behaupten. Doch Asimovs Amerikaner haben auf die harte Tour lernen müssen, wie sich eine Öko-Katastrophe auswirkt. Wie die Robots diese abgewendet haben, verrät er indes nicht.

Die JG-Robots sind arbeitslos und obsolet. Die ironische Pointe kann folgerichtig nur daraus bestehen, dass sie sich vom Sklaven- zum Menschenstatus aufschwingen. Alles nur eine Fragen der Definition: Was ist ein „menschliches Wesen“? Es ist nur eine Frage des Standpunkts.

Die Überschrift zitiert den achten Psalm.

6) Dean R. Koontz: We Three

Nach dem Ende der Welt leben nur noch drei neuartige Kinder von zehn Jahren in dem Haus an der Küste von Massachusetts. Sie heißen Jerry – der Ich-Erzähler – , Jessica und Jonathan. Das Haus ist von den letzten Marinesoldaten und FBI-Agenten umstellt. Heute müssen die drei Mutter und Vater zur Hintertür hinausschleppen und dem Strand entsorgen. Dazu benutzen sie ihre Gedanken, um die Körper in Brand zu setzen. Als nächste sind ihre Bewacher an der Reihe. Schließlich müssen sie noch die Sonnenanbeter entsorgen, die tot auf dem Strand liegen.

Anschließend besteht Jessica, stets praktisch orientiert, auf etwas Spaß. Dass sie beim Vögeln mit ihren Brüdern einen Hintergedanken hat, merken diese erst Monate später, als sie ihnen verkündet: „Ich bin schwanger.“ Und an eine Expedition ist fortan nicht mehr zu denken.

Im fünften Monat der Schwangerschaft macht es sich bemerkbar, dass ein neues Bewusstsein unter ihnen weilt. Im siebten Monat kann es sich gegen Maßnahmen wehren, und im achten Monat gibt Jerry jeden Widerstand auf. Worum es sich wohl handeln mag, rätseln sie seit jeher: Junge, Mädchen – oder gar beides? Jonathan ruft wiederholt Jesus Christus an, vermutlich denkt er an die Wiederkunft des Messias. Jessica verwahrt sich dagegen, denn mit ihrer Generation würden neue Regeln und Gesetze gelten. Was also wird sie zur Welt bringen?

Mein Eindruck

Horror-Autor Dean Koontz wurde gebeten, die ultimative Story über Kinder beizutragen, und das hat er definitiv mit dieser Kurzkurzgeschichte getan. Eine nette Abwechslung zu den 500-Seiten-Schmökern, die er derzeit schreibe, so der Autor amüsiert in seinem Nachwort. Gleichzeitig bekennt er, er liebe diesen Modus, der nur in der SF möglich sei, nirgendwo sonst. Und er weist darauf hin, dass diese Story eine Parodie auf all die anderen Wunderkind-Geschichten in der SF darstelle. Allen voran nennt er in seiner Titelliste Theodore Sturgeons „Baby Is Three“ (Story) und „More Than Human“ (Roman).

Die Fähigkeiten der Wunderkinder werden genau benannt, und für die damalige Zeit sind sie üblich: Telekinese, Firestarter, Telepathie, Vorhersehen und mehr. Weniger üblich sind die Motive Jessicas für Inzest mit ihren Brüder: Sie will mit zarten zehn Jahren – Mutter der neuen Generation sein. Womit keiner gerechnet hat, ist wohl, dass das Kind eine Weiterentwicklung darstellt und sie, seine Eltern, überflüssig machen könnte. Ob das ein Segen oder ein Fluch ist, muss sich erst noch erweisen.

7) Joanna Russ: An Old-Fashioned Girl

Sie ist eine der Superreichen, und ihr Haus reflektiert dies. Als sie in Vermont aufwacht, führt sie ihre drei Freundinnen in ihrem vollautomatisierten Haus herum. Hier ist alles ist Herbstfarben gehalten, so dass es selbst dann gemütlich ist, wenn draußen ein Schneesturm tobt. Sie ist eben altmodisch.

Eine Erweiterung des Hauses ist Davy, der schöne junge Mann. Die Elektroden in seinem Kopf werden vom „Kern“ gesteuert, dem Zentralcomputer. Das macht ihn schön unterwürfig, und wenn sie ihn benutzen will, dass ist das ganz einfach. Nun, ein wenig Geduld muss frau schon mitbringen, denn der Kleine Davy braucht seine Zeit.

„Leukotomie! Lobotomie!“, rufen ihre Freundinnen. Aber das kümmert sie wenig, und nach seinem Gebrauch packt sie Davy wieder weg. Wie angenehm seine Schönheit ist, selbst wenn sie nur äußerlich ist. Und vielleicht stammt er wirklich von einem Schimpansen ab, wer weiß? Einst soll es ja sogar nicht bloß Davys, sondern sogar Janies gegeben haben, als Frauen zum Gebrauch zwischendurch, aber das ist bestimmt bloß eine Legende. Es gibt noch viele weitere Wunder, die „Haus“ bereithält, Audio, Video – und das Treibhaus mit den Orchideen.

Mein Eindruck

In ihrem Nachwort fordert die streitbare Professorin Russ das SF-Feld heraus: Wie würde frau Sex mit einem Alien beschreiben? (Das war vor Erscheinen ihres Romans „The Female Man“.) Sicherlich würde der jeweilige Alien-Partner dem anderen Geschlecht angehören, aber nie dem eigenen.

Nun, ihr eigenes Beispiel hier traut sich lediglich, die Rollen zu vertauschen: Statt einer Barbie-Puppe oder eines PLAYBOY-Bunnys treibt es die Chronistin mit einer mehr oder weniger mechanischen Schöpfung eines sehr schönen künstlichen Mannes, also eines Androiden. Das Hauptinteresse gilt dabei der Befriedigung der Benutzerin, was niemanden verwundern dürfte. Sie ist insofern „old-fashioned“, weil sie Hetero-Sex dem lesbischen Sex – alle ihre Freunde sind weiblich – vorzieht.

Die satirische Absicht dahinter ist offenkundig, die Autorin hält dem großteils männlichen SF-Publikum den Spiegel vor. Doch welche Wirkung hat die Darstellung wirklich auf den Leser bzw. die Leserin? Die erhoffte Wirkung ist wohl unbehagliche Empörung über den Missbrauch des „lobotomierten“ Mannes Davy. Eine ihrer Freundinnen fragt sogar, wie teuer so ein Mann in der Anschaffung wäre; sie hat offenbar das nötige Kleingeld. Männer lassen sich also auch kaufen, genau wie – so besagt die Legende – einst die „Janies“.

8) Harlan Ellison: Catman

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Mein Eindruck

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9) Harry Harrison: Space-Rats of the CCC

Die Raumsoldaten vom CCC-Corps sind die allerhärtesten Burschen, und ihr Oberst von Thorax, der schon zur Hälfte aus Prothesen besteht, ist noch härter. Sie sind die neuen Spartaner, mit dem Unterschied, dass auch Erdlinge und Aliens in ihren Reihen zu finden sind. Jeder Soldat bekommt einen Alien als Partner zugewiesen. CCC steht für Combat Camel Corps, und deshalb muss jedes Team ein Kamel zähmen. Die Biester sind äußerst bissig: Schon beim Appell verliert ein Rekrut seinen arm, ein anderer seinen Kopf.

Die Rekruten L und M sind besser bekannt unter ihren Spitznamen „Steel“ und „Gentleman Jax“. Sie werden von Oberst von Thorax mit der Spezialmission betraut, mit einem neuen Raumschiff namens „Indefectible“ den Piratenplaneten Biru-2 anzugreifen. Sie sind begeistert, aber Jax wird bloß Chefingenieur statt Kapitän. Da das Schiff vollautomatisch läuft, kann es von zwei Mann bedient werden. Leider betrifft die Automation auch den Unsichtbarkeitseffekt. Als Jax diesen Knopf drückt, löst er die Unsichtbarkeitstarnung für genau 13 Minuten aus – zwei Minuten zu früh, wie sich erweist. Das Schiff wird entdeckt und von der planetaren Artillerie unter Beschuss genommen.

Doch Sekundenbruchteile bevor dies passiert, gelingt es unseren Helden, aus dem Rumpf in ihren Schutzanzügen zu entkommen und unentdeckt in die Festung der Larshniks einzudringen. Die Wächter mit ihren Strahlenwaffen auszuschalten, ist ein Klacks. So dringen sie zum Superlarsh vor, den sie nicht beeindrucken. Vielmehr hält dieser eine böse Überraschung bereit: Er ist kein anderer als Oberst von Thorax selbst!

Werden sich unsere wackeren Helden von solch einer Kleinigkeit wie Befehlsverweigerung zurückhalten lassen, um der Gerechtigkeit zu ihrem, äh, Recht zu verhelfen?

Mein Eindruck

Dieses lustige Garn ist natürlich von A bis Z eine Parodie. Doch worauf, mag sich der SF-Kenner fragen. Wie man Harrisons Nachwort entnehmen kann, ist die verspottete Vorlage der Lensmen-Zyklus von E.E. Smith aus den 1920er und 1930er Jahren. Der Autor zählt sämtliche Kritikpunkte selbst auf: Das sei Kinderkram.

Doch leider wiederholt sich nicht nur die Weltgeschichte, sondern auch die Geschichte des SF-Genres. Das heißt, dass es 1974 Bemühungen und willige Autoren gab, um die angestaubte Space Opera vom Schlage eines E.E. Smith wiederzubeleben – oder wenigstens aus dem Dornröschenschlag zu wecken. Wie die Filmgeschichte gezeigt hat, kam Harrisons warnende Kritik zur rechten Zeit, blieb aber völlig wirkungslos: Mit „Star Wars“ feierte die Space Opera, um ein Quäntchen Fantasy verstärkt, fröhliche Urständ – bis heute.

10) Robert Silverberg: Trips

Christopher Cameron hat die Möglichkeit erhalten, mögliche Welten zu besuchen. Mit Welt ist dabei stets eine Version der Erde gemeint. Ein alter Weiser hat ihm Ratschläge erteilt: Er kann entweder als Tourist, als Eroberer oder als Undercover-Spion in der Zielzeit auftreten. Seine Ausgangsbasis ist stets San Francisco im Jahr 1975. Doch dessen Versionen sind sehr unterschiedlich: Da findet beispielsweise ein Umzug mit einem fröhlichen Bischof statt, der „vergesst eure Sünden!“ ruft. In einem anderen Frisco liest Chris die Zeitung: Ein großes Foto zeigt Reichskanzler Hermann Göring und den japanischen Botschafter zu Besuch bei Präsident John F. Kennedy: Offenbar haben die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg gewonnen.

Ein Zeitsprung führt ihn in die Zeit vor dem Goldrausch. Eine Art Cowboy tritt auf, der das gleiche Gesicht wie Chris trägt: Statt in einer Antimaterieexplosion endet die Begegnung damit, dass der andere wütend, aber friedlich davon galoppiert. Chris selbst kommt sich vor wie Satan bei der Versuchung Jesu in der Wüste. Eine weitere Zielzeit führt ihn zu den Mongolen in den Hügeln der East Bay, und er beweist seinen Mannesmut durch Trinken von vergorener Stutenmilch. Er kehrt nach Frisco zurück und findet es zerstört vor. Nur die lebenden Toten sind zu sehen, und sie flehen ihn vergeblich um Hilfe an. Quasi zur Wiedergutmachung lehrt die Eingeborenen des Dschungels, wie sie ihr Leben verbessern können. Aber auch die neue Rolle als Gottheit verliert irgendwann ihren Reiz, und er reist weiter.

Wie wunderbar erholsam ist dann also die Rückkehr in sein eigenes Haus! Hier lebt nicht jene Elizabeth aus der falschen Zeit, die ihn aus ihrem Haus gewiesen hat, nein, hier lebt seine eigene Elizabeth, seine Ehefrau. Und sie ist froh, ihn wiederzusehen und mit ihm, nach einem angenehmen Abend, Liebe zu machen. Sie weiß von seinen Ausflügen in die ungezählten Zeiten, denn ihn treibt irgendetwas dazu. Und so akzeptiert sie, dass er am nächsten Morgen wieder aufbrechen will – oder muss.

Da klopft es an der Tür. Ein Mann ruft: „Elizabeth?!“ Sie begrüßt einen Mann, der fast wie Chris aussieht, aber etwas kräftiger gebaut ist. Und notgedrungen muss Chris diesem Ebenbild die Hand geben. Er erkennt, dass dies nicht SEIN Haus und nicht SEINE Elizabeth ist. Er muss weiter, wohin auch immer.

Mein Eindruck

Unendlichkeit bietet per definitionem viele Möglichkeiten. Viele dieser Möglichkeiten spielt der Zeitreisende Chris Cameron nach dem Zufallsprinzip durch. Während San Francisco ein räumlicher Fixpunkt dieser Reisen bleibt, variieren die besuchten Zeiten doch stark. Sortiert ergeben sie einen chronologischen Längsschnitt von der Urzeit, als die ersten Einwanderer Sibirien sich hier ansiedelten (bis hin zu den Mongolen), bis zur nahen Zukunft, als die Achsenmächte (1975) die USA übernehmen und San Francisco (später) in einem Atomkrieg zerstört wird. Unsortiert ist die Geschichte jedoch wesentlich interessanter.

Wie Cameron zur Fähigkeit des Zeitspringens gekommen ist, bleibt verborgen, aber es ist klar, dass Cameron nur drei Rollen spielen kann. Der Autor hat das Motiv des Reisens unzählige Male verwendet und kennt sich als mit den Touristen aus: Er war wohl selber einer. Touristen dürfen ebenso wenig wie Agenten nicht aus ihrer Rolle ausbrechen, sonst werden sie verstoßen: So passiert es Cameron in einem sauberen Utopia aus Glas und Stahl, das sich aber allzu rasch als Gefängnis erweist. In seinem Nachwort erläutert der Autor, welche Möglichkeiten sich ihm noch boten bzw. bieten – und erwähnt gleich etliche weitere seiner Romane, so etwa „Hawksbill Station“ (1968) im Heyne SF Jahresband 1985.)

Eroberer missachten solche Einschränkungen, denn sie übernehmen den ganzen Laden, etwa die Nazis und die Japaner. (Deren Übernahme entspricht exakt dem Szenario, das Philip K. Dick in seinem Roman „The Man in the High Castle“ ((https://de.wikipedia.org/wiki/Philip_K._Dick#Bibliographie_(Auswahl))) (1962) zeichnet. Silverberg nennt diesen Roman in seiner Leseliste an erster Stelle.)

Am bittersten ist für den Zeitspringer Cameron jedoch die Heimkehr. Ja, da tritt durchaus eine Elizabeth auf, die seine geliebte Frau sein könnte, denn sie sieht genauso aus. Aber die erste Elizabeth kennt ihn nicht und will keine Fremden ins Haus lassen. Die zweite Elizabeth lässt ihn sogar in ihr Bett, doch dann taucht ein Rivale auf: Er sieht genauso aus wie Cameron selbst. Das war zwar zu erwarten, wenn man übers Zeitreisen ein wenig nachdenkt (das Großvater-Paradox lauert hinter jeder Ecke), aber es kommt dann doch wie ein Schock.

11) Barry Malzberg: The Wonderful, All-purpose Transmogrifier

Haverford, ein 27 Jahre alter Superreicher, verfügt über einen Transmogrifier, der seine Träume verwirklicht. Es gibt allerdings eine Begrenzung in der Benutzungshäufigkeit: nur einmal pro Tag, niemals sieben Mal pro Woche. Das ist wirklich hart, denn Haverford wird allmählich abhängig von den Freuden, die das Gerät – es besteht aus Zentraleinheit, Konsole und Holm – bringt. Er hat es auf „Frieden, Freude und Akzeptanz programmiert.

Denn es gibt zwei große Störfaktoren in seinem Leben als Bewohner des 18. Stockwerks der Storm-Türme. Der erste ist seine Frau, die ihn zwingen will, sich der Realität zu stellen, so als ob die Realität irgendwelchen Trost für den Frust bereithielte, den ihm der zweite Störfaktor verursacht: die allmächtige Regierung. Sie unterdrückt alle Andersdenkenden. Kein Wunder, dass der Einsatz von Traummaschinen wie der von Haverford immer mehr Verbreitung findet.

Nachdem er sie im Traum vergewaltigt hat, enthüllt ihm seine Frau, dass auch sie die Traummaschine verwendet. Sie empfiehlt ihm, sich einmal in ihre eigene Lage zu versetzen. Er winkt ab. Das habe er schon letzten Donnerstag getan.

Mein Eindruck

Dies ist die einzige Geschichte in dieser Anthologie, in der der Autor das F-Wort verwendet, und zwar nicht bloß einmal, sondern viele Male. Anders als programmiert, findet Haverford weder Frieden noch Freude, und von „Akzeptanz“ und Harmonie ist auch nicht viel vorzufinden. Seine Frau demonstriert ihm immer wieder, dass sie zwar in der gleichen Lage ist wie er, dass sie aber nicht bereit ist, harmonisch mit ihm zu leben. Die Pointe(n) verraten uns, dass sie sich in seine Lage versetzt hat, und er sich in ihre, aber das macht offenbar nur halb so viel Spaß wie die Kontrolle über das jeweilige Gegenüber zu besitzen.

Beim ersten Lesen ist es nicht so offensichtlich, aber der Autor lässt einiges von seinem ironischen Humor durchblitzen. Er ist auch Krimiautor und Fan von Genrekollegen, die über allmächtige Maschinen geschrieben haben. Darunter finden sich illustre Namen wie der hierzulande unterschätzte William Tenn, Cyril M. Kornbluth und das Ehepaar Henry Kuttner und Catherine L. Moore (alias „Lewis Padgett“). Die Botschaft ist stets folgende (auch in dieser Story): „Wir sind die Maschinen. Wir haben die Macht übernommen. Und wir sind außer Kontrolle.“

12) James Tiptree, jr.: Her Smoke Rose Up Forever

Der 14-jährige Petey landet im Jahr 1935 oben in den Bergen von Arizona oder New Mexico, mitten im Mescalero-Reservat. Er hat seine Schrotflinte dabei, um auf einem See Enten zu jagen. Alles scheint perfekt zu sein, doch dann geht alles schief. Sogar Flugsaurier tauchen auf. Nach einem seltsamen Blitz sinkt Peteys Bewusstsein wütend in Finsternis…

…und erwacht 1944 im Zimmer der süßen Pilar, die er heftig begehrt. Doch dann sagt sie ihm, dass sie es gerne mit mehreren Männern macht. Wieder Wut, Blitz und Finsternis und…

…Erwachen im Jahr 1953. Pete ist aus dem Koreakrieg zurück und freut sich auf ein Stipendium, um studieren zu können. Er begehrt Molly, doch die meint, sie sei bereits vergeben. Blitz, Wut und Finsternis.

Erwachen. Pete hat Molly geheiratet und mit ihr zwei Kinder. Von seinem Wolkenkratzerbüro aus blickt der zufriedene Mediziner einer strahlenden Zukunft als Nobelpreisträger entgegen. Da fällt sein Blick auf den alten Poststapel. Darin steckt ein Arztjournal, das einen Artikel von der Djakarta University enthält, der genau seine Forschungsergebnisse vorwegnimmt… Blitz und Wut…

Und Erwachen in einer Mondlandschaft, wo sich fremdartige Wesen über ihn beugen. Die Erde ist zerstört, nur sein Bewusstsein ist irgendwie noch erhalten worden, und die Aliens stochern darin herum, indem es mit Energie reaktivieren. Deprimiert und enttäuscht beginnt Pete wieder zu träumen – von der Entenjagd.

Mein Eindruck

Das Leben ist nur ein Traum, den ein Verstorbener in endlosen Schleifen wieder und wieder durchläuft. Die von den Bewusstseinsszenen lebende Erzählung ist ein weiteres Beispiel für die höchst schwarze Sicht der Autorin Alice Sheldon auf die Zukunft der Menschheit im allgemeinen und des westlichen Mannes im besonderen.

13) Philip K. Dick: A Little Something For Us Tempunauts

„Ich will sterben“, fleht Addison Doug, doch dieser Wunsch bleibt ihm verwehrt. Genauso wie seine Mit-Temponauten Benz und Crayne ist er in einer Zeitschleife gefangen: Er ist dazu verdammt, immer wieder seinen eigenen Tod, seine Rückkehr und die nationale Trauerfeier wiederzuerleben. Seine Merry Lou ist ihm nur eine kleine psychologische Stütze bei seiner Bürde, aber immerhin: Benz und Crayne haben überhaupt niemanden, der ihnen hilft.

Nach und nach erfahren wir aus Gesprächen, wie es zu der misslichen Lage kam. Die Russen hatten schon ein Team 50 jahre voraus in die Zukunft geschickt. Die Amerikaner mussten natürlich nachziehen, mit einem doppelt so weiten „Flug“. Leider ging beim „Wiedereintritt“ in die Gegenwart etwas schief, und damit begann die Zeitschleife. Als einzigen Ausweg sieht Doug die Selbstvernichtung beim „nächsten“ Flug: Er nimmt 50 Pfund Zusatzgewicht mit, so dass es beim Rückeintritt zu einer Implosion kommen, bei der die Temponauten sterben sollten….

Mein Eindruck

Das ist eine psychologisch tiefgründige, aber logisch gesehen anstrengende Story. Kein Wunder angesichts der zu bewältigenden Zeitparadoxa. Am wichtigsten ist aber die Psychologie, und auch bei dieser hapert es, besonders bei Merry Lou: Wenn sie Doug liebt, warum hilft sie ihm dann, zu sterben? Sie sagt nie, dass sie ihn von seiner Bürde – nämlich die Hölle des ewigen Lebens – befreien will. Auch wird erst beim wiederholten Lesen klar, warum Doug seinen zwei Kollegen etwas vormacht: Sein letztes Gespräch mit dem Militärkommando der Mission verläuft ganz anders als er es ihnen erzählt. Fazit: In dieser Story, die zuerst in „Final Stage“ (GB) erschien, steckt mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Daher hat sie andere Autoren stark beeinflusst.

Unterm Strich

Die Zusammenstellung der Beiträge ist von hoher Qualität, ebenso wie ihrer Beiträger. Bessere AutorInnen als diese konnte man in dieser Zeit Anfang der 1970er Jahre kaum finden. Heikle Themen wie etwa Sex – mit dem gleichen Geschlecht oder gleich mit Maschinen – oder Sklaverei „We purchased people“) werden angeschnitten. Harrison parodiert mal wieder die militärisch gesinnten SF-Autoren mit einem köstlichen Garn.

Bemerkenswert ist auch die Verschiedenheit der einzelnen Beiträge. Von einer Parodie über eine Reisetagebuch (Silverberg) bis zu einem bitteren Drama (Tiptree, Dick) ist alles dabei. Asimov erzählt mal wieder von Robots, aber – siehe da! – von ihrer Rebellion. Aldiss bleibt rätselhaft, indem er drei „enigmatische“ Geschichten beisteuert, die glatt aus seiner New-Wave-Phase stammen könnten.

Über Andersons Beitrag „The Voortrekkers“ ließe sich streiten, aber in seinem obligatorischen Nachwort verteidigt er seine These, dass Menschen zwar auch den Weltraum erforschen können, aber dies Maschinen sehr viel billiger und effizienter erledigen könnten. Der Physiker macht eine Nutzen-Kosten-Rechnung auf, die plausibel klingt, denn wo wären wir heute, wenn wir keine Wettervorhersage und keine Satellitenkommunikation wie Starlink hätten? Menschen können etwas ganz anderes als Maschinen: sich selbst programmieren, Dinge wahrnehmen, für die sie nicht programmiert wurden – oder einfach die Mission abbrechen.

In jedem Fall bieten alle Stories etwas, worüber sich das Nachdenken lohnt. Hinzu kommt jeweils ein Nachwort und die obligatorische Leseliste an empfohlenen Romanen und Kurzgeschichten. Diese Listen bieten eher den Genre-Fans wertvolle Lesetipps.

Hinweis

Diese Erzählungen wurden 1982 in der deutschsprachigen Anthologie „Brennpunkt Zukunft 1“ (Ullstein, ISBN 3548310397) veröffentlicht.

Taschenbuch: 284 Seiten.
ISBN-13: 978-0140040395

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