Ariel Lawhon – Codename Hélène

Es ist der 29. Februar 1944 und eine Maschine steuert durch deutsches Flak-Feuer von England nach Frankreich hinüber, um zum ersten Mal eine Frau abzuwerfen, deren Aufgabe es ist, gemeinsam mit ihrem Team im Widerstand die französischen Maquis-Truppen auszubilden, zu bewaffnen und auf den Tag nach dem D-Day vorzubereiten, an dem die Deutschen aus Frankreich vertrieben werden sollen. Sie hat den Codenamen Hélène, doch in dieser Nacht heißt sie „Witch“, denn Namen, das weiß sie selbst am besten, sind in den Kriegsjahren ohnehin nur das: „Sorgfältig konstruierte Personas […] Lügen, gekritzelt auf gefälschte Dokumente. Ordentlich in Regierungsakten getippt. Gestreut durch Fahndungsplakate.“ Die als Nancy Grace Augusta Wake geborene Australierin trägt daher viele, und mit jedem, der im Roman hinzukommt, wächst sie mehr und mehr über jene junge Frau hinaus, die wir im zweiten Kapitel im Jahr 1936 treffen. Da ist sie noch gänzlich unbedarft im Menschenschmuggeln, Spionieren und Sabotieren. Stattdessen ist sie hauptsächlich damit beschäftigt, eine Parisienne zu werden, und lernt gerade ihre große Liebe und späteren Ehemann Henri Fiocca kennen.

Die nahezu unglaubliche Geschichte der Verwandlung vom It-Girl zur knallharten, aber immer menschlich bleibenden Anführerin und späteren Nationalheldin entwickelt die Autorin mithilfe dieser beiden Erzählstränge – einer reicht von 1936 bis zum 29. Februar 1944 und der zweite vom Tag ihres Abwurfs bis zum 15. August 1945 – parallel, indem die Kapitel abwechselnd zwischen beiden Zeitebenen springen. Als sie gegen Ende des Romans aufeinandertreffen, komplettiert sich das Bild der Entwicklung zu einer der beeindruckendsten Widerstandskämpferinnen des 20. Jahrhunderts, von der ich bis zu diesem Buch jedoch nie gehört hatte. Hinzu kommen Kapitel, die aus der Perspektive von Henri Fiocca erzählt werden und Nancy vor allem als Frau beschreiben und ihre Weiblichkeit zeigen, während sie im Romangeschehen immer mehr leisten muss als ihre männlichen Kollegen, damit sie als Anführerin respektiert wird, und sich nur in besonderen Momenten mit ihrem roten Lippenstift rüstet, um genau diese Weiblichkeit als Vorteil oder sogar als Waffe auszuspielen.

Wie die Erklärungen im Nachwort zeigen, kann man sich, wenn sich Ariel Lawhon einer historischen Figur widmet, sicher sein, dass ihre Heldinnen auf gründlicher Recherche beruhen und ihre Geschichten nah an den historischen Fakten bleiben. So war es bei den nicht frei erfundenen Reisenden der Hindenburg aus „Der Flug der Träume“ (2017) und auch bei der Hebamme Martha Ballard in „Der gefrorene Fluss“ (2025). Wie es ihr gelingt, ihre spannenden Geschichten von beeindruckenden Frauen zu finden, liest man ebenfalls dort, weshalb man sich das Nachwort auch immer für zuletzt aufheben sollte, weil es zu viel spoilert und Überraschungsmomente im Roman vorwegnimmt. Darauf weist sie besonders in diesem Nachwort hin, in dem sie ihre Leser mehrmals darum bittet, zuerst den Roman und dann die Erklärungen zu lesen. Tatsächlich ist, wie die Autorin zeigt, das Leben von Nancy Grace Augusta Wake biografisch und autobiografisch gut belegt. Was laut Lawhon den Roman ausmache, seien Kürzungen und Verdichtungen an den Stellen, wo das reale Leben einen langen Atem und mehrere Anläufe bis zum Erfolg vorgesehen hatte.

Außerdem gibt es mit Obersturmführer Wolff und der mit den Deutschen kollaborierenden Marcelin konkrete persönliche Feinde im Roman, welche aus dramaturgischen Gründen erfunden wurden. Vor allem in deren Tod wird deutlich, dass sich Nancy trotz der Brutalität des Krieges ihre moralische Differenzierungsfähigkeit bewahrt: während Wolff, der sich selbst mehrfach eher als Tier denn als Mensch erwiesen hat, von Nancy lehrbuchgenau im Nahkampf ausgeschaltet wird, bleibt für die Kollaborateurin und Konkurrentin um Henri noch ein Funken Mitleid übrig, der nur aufgrund ihrer Disziplin nicht die Oberhand gewinnt. Vielleicht hätte man auf Marcelin, die den Roman an anderer Stelle in Bezug auf Henri ein wenig melodramatisch wirken lässt, verzichten können, aber ein persönlicher Feind wie Wolff, der sich als roter Faden durch das Buch zieht, ist auf jeden Fall gut gewählt.

Wer sich auf Ariel Lawhons Erzähltempo einlässt, muss mitunter Geduld mitbringen – ihre Bücher gelten gemeinhin als eher langsam erzählt, und auch „Codename Hélène” hat seine Längen. Bei mir haben ausgerechnet diese vermeintlich zähen Passagen aber am längsten nachgewirkt: die Überquerung der Berge von Frankreich nach Spanien zu Fuß, mit Kälte, Hunger und Krätze am Leib, oder die mehr als kräftezehrende Radtour von über 500 Kilometern in nur zwei Tagen, mit der Nancy in einem kritischen Moment ein neues Funkgerät besorgt sowie zerschunden und todmüde zu ihrer Einheit zurückkehrt. Gerade weil sich der Roman für diese Etappen Zeit nimmt, wiegen sie im Rückblick schwerer als so manche actionreichere Szene.

Die Gräuel des Krieges lässt Lawhon dabei keineswegs aus, verzichtet aber auf deren flächendeckende Schilderung. Stattdessen verdichtet sie diese auf einzelne, dafür umso eindringlichere Szenen, die ausreichend sind, denn das kulturelle Vorwissen der Leser über den Zweiten Weltkrieg lässt sie ohnehin mit dem ständigen Gefühl von Todesgefahr, Gewalt und Terror lesen, auch dort, wo der Roman gerade nicht explizit davon erzählt. Dementsprechend stark kontrastierend wirken innerhalb dieser gewaltbereiten Männergemeinschaft der französischen Guerilla auch Kleinigkeiten wie zum Beispiel ein Kopfkissen, der bereits erwähnte Lippenstift oder eine Mission, die sie – anders als ihre stets in Hosen kämpfenden Kameraden – ausgerechnet im Rock bestreitet. Sie verdeutlichen ebenfalls die Sehnsucht nach Normalität und damit dem Ende des schrecklichen Krieges.

Worauf man sich in diesem Roman jedoch einlassen können muss, sind die vielen handelnden Personen und – zur weiteren Verwirrung – ihre Decknamen sowie das zeitliche Springen, bei dem man sich erinnern können muss, wo man die Protagonisten in diesem Erzählstrang gerade zurückgelassen hatte. Oftmals bleibt man mit einem Cliffhanger zurück, bei dem es dann wirklich schwer fällt, sich wieder in eine andere Situation einzulesen, bevor man erfährt, wie es an dieser Stelle weitergeht. Besonders aufgefallen ist mir dieser erzähltechnische Kniff, als sich Henri Fioccas Geschichte immer mehr zuspitzt.

Was für mich persönlich von diesem Roman zurückbleibt, ist auf jeden Fall die Bekanntschaft mit Nancy Wake als unglaubliche Frauenpersönlichkeit, die zunächst nur durch ihren Wunsch und die Gelegenheit, einzelnen Menschen zu helfen, in die Bewegung für die Befreiung Frankreichs hineingewachsen ist und unter größten persönlichen Verlusten an der Niederlage Hitlerdeutschlands mitgewirkt sowie im Militär Karriere gemacht hat. Während die Politik noch überlegt, wie Frauen in von Männern dominierte Bereiche gebracht werden können, graben Autorinnen wie Ariel Lawhon längst reale Beispiele aus, die Vorbild sein können, weil sie nicht als fertige Heldinnen geboren wurden, sondern sich Fähigkeiten aneigneten, Verantwortung übernahmen und in eine Rolle hineinwuchsen, die zunächst außerhalb dessen lag, was man ihnen als Frau zutraute. Natürlich bleibt ein Roman immer der Unterhaltung verpflichtet, aber neugierig auf das Leben der wahren Nancy Wake machen die 480 Seiten „Codename Hélène” allemal!

Paperback: 480 Seiten
ISBN 13: 978-3985853182
Adrian & Wimmelbuchverlag

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