Alle Beiträge von Maike Pfalz

Buchwurm, seit ich lesen kann :-)

Henn, Carsten Sebastian – Blut & Barolo

Nachdem die beiden liebenswerten Schnüffler Giacomo und Niccolò in ihrem ersten Fall das mysteriöse Verschwinden der Menschen in Rimella aufgeklärt haben, agieren sie in „Blut & Barolo“ nun in Turin. Dort gilt es, einen geheimnisvollen Diebstahl aufzuklären …

_Trüffeltuch_

Die Biologin Isabella wird nach Turin zum bekannten Palazzina di Caccia di Stipinigi gerufen, weil dort viel zu nah an menschlichen Behausungen ein Rudel Wölfe gesichtet wurde. So schnappt sie ihre Hunde – die verwöhnte Hündin Canini, das zierliche Italienische Windspiel Niccolò und den felligen Trüffelhund Giacomo – und macht sich auf den Weg in die große Stadt.

Im Duomo di San Giovanni hat derweil der Pharaonenhund Amadeus seinen neuen Job angetreten, nämlich die Bewachung des berühmten Grabtuchs. Seine Familie ist schon seit Urzeiten dafür zuständig, das Grabtuch zu bewachen, und nun hat Amadeus diese ehrenvolle Aufgabe frisch von seinem Großvater übernommen – als das Tuch auch schon gestohlen wird! Die anderen Pharaonenhunde verstoßen Amadeus daraufhin, so dass er sich tapfer alleine auf die Suche nach dem Tuch machen muss.

Kurze Zeit später erschnüffelt Giacomo einen für ihn himmlischen Duft, nämlich den von Trüffeln. Er geht seiner Nase nach und findet ein schmutziges Tuch, das merkwürdigerweise nach Trüffeln riecht. Doch irgendwas stimmt damit nicht. Verwirrt schnappt er es sich und trägt es zu Isabella, die es sogleich als das gestohlene Grabtuch identifiziert und die Polizei informiert. Damit aber beginnt der Ärger, denn Isabella wird als Diebin verhaftet und Giacomo, der gerade noch fliehen kann, auf Fahndungsplakaten gesucht. Canini und Niccolò werden von einem Freund Isabellas abgeholt, aber Niccolò hält es dort nicht lange aus, weil er Giacomo suchen will. Der hat unterdessen drei weitere Trüffelhunde gefunden – allerdings keine reinrassigen -, denen er sich angeschlossen hat. Auf die Straße kann sich Giacomo kaum noch trauen, weil überall Plakate mit seinem Angesicht die Straßen Turins zieren.

Aber Amadeus und Giacomo sind nicht die einzigen, die nach dem Grabtuch suchen. Dieses Mal helfen auch der Conte (ein kleiner Pekinese) und die Dachshunde mit, später kommen die Wölfe dazu, einige dubiose Menschen, und es gilt, Isabella aus der Gefangenschaft zu befreien. Große Aufgaben also für kleine Hunde …

_Die Straßen Turins_

In seinem zweiten Hundekrimi hat Carsten Sebastian Henn, der für seine Weinkrimis bekannt ist, den Schauplatz vom beschaulichen Rimella nach Turin verlegt. So tauchen neben den bekannten Hunden auch viele neue Gefährten auf, die ebenso menschliche Züge tragen wie die Hunde und Wölfe Rimellas. Je weiter die Handlung fortschreitet, umso mehr Personen und Tiere kommen ins Spiel, immer neue Grüppchen bilden sich, neue Freundschaften werden geschlossen, aber auch Feindschaften. Sehr gut gefallen hat mir die Findigkeit der Tiere, die beispielsweise daran denken, Giacomo an einem Stückchen Kohle zu reiben, damit er seinem Fahndungsbild nicht mehr so ähnlich sieht, oder die ihren eigenen Wohnbereich fluten, um ihre Feinde zu überrumpeln. Da kann man manchmal durchaus staunen.

Zu Beginn nimmt der Krimi viel Fahrt auf. Schnell erfahren wir, worum es geht – nämlich um das entwendete Grabtuch. Als Isabella in Gefangenschaft gerät und Giacomo und Niccolò voneinander getrennt werden und ganz Turin nach dem felligen Trüffelhund sucht, fiebert man mit dem sympathischen Schnüffler mit, der sich mit viel Geschick vor den Hundefängern versteckt bzw. ihnen zumindest schnell entkommen kann. Der aufzuklärende Fall ist von Anfang an überaus mysteriös, denn wer klaut ein wertvolles Grabtuch, um dann darin eine Trüffel zu wälzen und das schmuddelige Tuch in einem Baum zu verstecken – genau vor dem Palazzo, in dem zu der Zeit der bekannteste Trüffelhund weilt? Außerdem fragt man sich früh, ob die Pharaonenhunde alle mit offenen Karten spielen, denn schnell wird klar, dass zumindest Amadeus‘ Oma offensichtlich etwas zu verbergen hat. Bis etwa zur Hälfte habe ich das Buch regelrecht verschlungen.

Mit der Zeit wird die Angelegenheit aber recht unübersichtlich, denn nicht immer ist klar, mit welcher Absicht die Menschen und Tiere eigentlich nach dem Grabtuch suchen und was sie damit bezwecken wollen. Außerdem durchschaut man nicht immer die Struktur der Hundegruppen, da sich manche Freundschaften schneller zerschlagen, als man lesen kann. Besonders am Ende, als Giacomo seinen in einer Weinlaune ersonnenen Plan zur Aufklärung des Falles von all seinen Freunden und Bekannten ausführen lässt, kommt man nur schwer mit, zumal die Aufklärung etwas abstrus ausfällt. Doch Giacomo macht das wenig aus, hat er sich vorher doch in einer riesigen Barololache suhlen und davon trinken können.

_Der beste Freund des Menschen_

Warum das Buch schließlich doch amüsant zu lesen ist, sind Carsten Sebastian Henns hündische Charaktere. Giacomo habe ich bereits im ersten Hundekrimi Kennen und Lieben gelernt, aber in diesem Buch wird er mir sogar noch sympathischer. Am besten gefiel mir sein Auftritt zum Ende des Buches hin, wo er seinen Gefährten klarmacht, dass er nur dann seine bekannte Spürnase hat, wenn er edlen Wein zu trinken bekommt. Und so machen die Hunde sich erstmal dran, Giacomo zu seinem geliebten Wein zu bringen, wo er sich dermaßen betrinkt, dass er mitten in seinen Planungen einschläft. Dennoch ersinnt er in weinseeliger Trunkenheit einen atemberaubenden Plan, der nur dann funktionieren kann, wenn halb Turin auf den Beinen ist. Am Ende schien es mir, als wäre selbst Giacomo überrascht davon, dass dieser hanebüchene Plan tatsächlich funktioniert. Eine besonders sympathische Seite ist vor allem seine Fürsorge, denn das Windspiel Niccolò trägt zwar einen Hundepullover aus Teddybärenfell, doch ist es so kalt, dass ihm trotzdem friert. Damit hat der fellige Giacomo keine Probleme und hält seinem kleinen Freund daher immer den wärmenden Platz in seinem Windschatten frei und kuschelt sich an das Windspiel, damit es nicht so frieren muss.

Aber auch Niccolò gewinnt neue Facetten hinzu, denn in diesem Buch wird er zunächst von Giacomo getrennt. Und um seinen Freund wiederzusehen, kehrt das italienische Windspiel sogar der sicheren Pflege bei Isabellas Bekanntem den Rücken und begibt sich auf die unsicheren Straßen Turins. Später traut sich selbst die harmoniebedürftige und verwöhnte Canini aus der Wohnung heraus, um ebenfalls nach ihren alten Gefährten zu suchen. Im ersten Buch hätte man dies der eingebildeten Hundedame sicherlich nicht zugetraut.

_Spürnasen auf vier Beinen_

Leider kann Carsten Sebastian Henn das hohe Niveau nicht über das ganze Buch halten. Nach spannendem Anfang verzettelt er sich in der zweiten Hälfte des Buches in zu vielen Charakteren, zu vielen Intrigen und zu vielen Handlungssträngen. Hier begeht er den gleichen Fehler wie schon in seinem ersten Hundekrimi, der mir auch stellenweise zu verworren war. Punkten kann Henn dagegen wieder einmal mit seinen Hundecharakteren – allen voran mit dem sympathischen Giacomo, der zu einem späteren Punkt im Buch Teile seines wärmenden Fells einbüßen muss und dann feststellt, dass er plötzlich viel besser gucken kann. Wenn sich Henn im nächsten Hundekrimi mal auf einige wenige Handlungsstränge und handelnde Figuren (also Menschen und Tiere) beschränkt, bin ich mir sicher, dass er damit einen ganz großen Wurf landen kann.

|Broschiert: 336 Seiten
ISBN-13: 978-3471300039|

Benedictus, David – Pu der Bär. Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald

Gibt es ein schöneres Kinderbuch als „Pu der Bär“? Meiner Meinung nach nicht. Umso mehr habe ich mich auf die Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald gefreut, auch wenn ich von vornherein skeptisch war, ob ein anderer als Alan Alexander Milne dem süßen Bären von wenig Verstand ebenso viel Leben und Liebe einhauchen kann.

_Christopher Robin kehrt zurück_

Die Originalgeschichten um den gelben Bären endeten damit, dass Christopher Robin eingeschult wurde und sich daher von seinen tierischen Freunden im Hundertsechzig-Morgen-Wald verabschieden musste. Doch nun haben die Ferien begonnen und Christopher Robin kommt auf seinem nagelneuen blauen Fahrrad in den Wald gefahren, um seine Freunde zu besuchen. Die große Nachricht spricht sich schnell herum, und so organisieren die Tiere – Pu, Ferkel, I-Ah, Kaninchen, Tieger, Känga, Ruh, Oile und Kaninchens zahlreiche Freunde und Bekannte – ein Wiedersehensfest für Christopher Robin.

In anderen Geschichten um Pu und seine Freunde veranstalten die Tiere einen Buchstabierwettbewerb der buchstäblich ins Wasser fällt, oder einen Kricket-Wettbewerb. In einer Geschichte organisiert Kaninchen eine Tierzählung, die an seinen vielen Bekannten und Verwandten scheitert. Als es wochenlang nicht regnet, bekommen die Gefährten im Hundertsechzig-Morgen-Wald Zuwachs vom Otterweibchen Lotti, das auf dem Trockenen sitzt und bei Christopher Robin gebadet werden muss. In einer anderen Geschichte verschwinden die Bienen, was Pu natürlich in Angst und Schrecken versetzt, so dass er sich unterstützt von seinen Freunden auf die Suche macht und anschließend auch einen Plan fasst, wie man die Bienen wieder zurück in ihren angestammten Baum locken könnte. Zum Schluss feiern die Waldbewohner ein großes Erntedankfest, bei dem sich Christopher Robin schon wieder verabschieden muss, weil die Schule beginnt. Und so müssen wir uns auf der letzten Seite erneut von Pu und Ferkel verabschieden.

_Besser als das Orginal?_

Auf dem Buchrücken wirbt der Verlag werbewirksam mit einem Zitat des meisterhaften Übersetzers Harry Rowohlt, der gesagt haben soll, Alan Alexander Milnes Geist sei über David Benedictus gekommen. Dieser Ausspruch legt für mich die Messlatte unglaublich hoch, denn niemand kann so wunderbar formulieren wie Alan Alexander Milne, der mit seinem unvergleichlichen Schreibstil Charaktere geschaffen hat, die ihresgleichen suchen. Da wäre beispielsweise der gelbe Bär von geringem Verstand, der gerne in seiner Denkecke nach der richtigen Idee sucht oder seine eigenen Fußspuren für die eines schrecklichen Wuschels hält. Oder da wäre das ängstliche Ferkel, das in Milnes Büchern so tapfer gegen das Heffalump gekämpft hat. Sein innerer Monolog, in dem es sich zurecht legt, was es einem Furcht erregenden Heffalump erwidern könnte, wenn es denn auftauchen sollte, zählt für mich zu den absoluten Höhepunkten der Milneschen Formulier- und Fabulierkunst.

David Benedictus versucht in Ansätzen diesen Schreibstil nachzuahmen, indem er Pu beispielsweise lange verworrene Schachtelsätze in den Mund legt, die zeigen sollen, wie verwirrt Pus Gedankengänge oftmals sind, was zu einem Bären mit wenig Verstand passen würde. Dennoch sind Benedictus‘ Sätze immer noch viel zu gradlinig für den Milneschen Bären. Auch Ferkel erweist sich als viel tapferer als bei Milne. Zwar gerät Ferkel auch hier in eine gefährliche Situation, als es in einen dunklen und tiefen Brunnenschacht hinab gelassen werden soll. Doch wo Milne teilweise seitenlang Ferkels Ängste beschrieben und in wunderbaren Worten ausgeschmückt hat, da kommt David Benedictus viel zu schnell zur Sache. Da gibt es einen Satz, in dem wir erfahren, dass Ferkel das Herz in die nicht vorhandene Hose rutscht – und dann lässt Ferkel sich auch schon abseilen. Das ist mir zu gradlinig und zu wenig Milne.

Pus Gesumme sind ein weiteres Stilmerkmal von Milne, der seinen Bären immer wieder Gesumme erfinden lässt, wenn dieser nichts Besseres zu tun hat, wenn er ängstlich ist oder eine besondere Begebenheit festhalten möchte. Doch auch die Gesumme sind in dieser Fortsetzung längst nicht so wundervoll wie bei Milne. Pus Gedankengänge sind zu gradlinig, die Reime zu offensichtlich und die Gesumme oftmals auch mit viel zu viel Inhalt ausgestattet. Denn Milne schaffte es, ein langes Gesumme über Pus Zeh-Weh im Schnee zu formulieren (tideli pom) oder auch ein völlig inhaltsloses Gesumm passend zu Pus Morgengymnastik (Rum-tum-tiedel-um-tum). David Benedictus ist von diesen schriftstellerischen Kunststückchen leider noch sehr weit entfernt. Leider, denn genau diese ausgefeilte und ausschmückende Formulierkunst macht für mich die Faszination bei Pu der Bär aus. Zudem charakterisieren solche Worte und Gedankengänge die Charaktere im Hundertsechzig-Morgen-Wald. Pu und vor allem Ferkel verlieren dadurch aus meiner Sicht deutlich an Profil.

_Neue Geschichten_

Auch die Geschichten wussten mich nicht so recht zu überzeugen. Mir gefiel Lotti als neue Waldbewohnerin nicht, da sie zu wenig Profil gewann. Für meinen Geschmack haben die Waldbewohner die neue Bewohnerin auch etwas zu schnell in ihren Kreis aufgenommen. Ich erinnere ich noch an Tiegers Auftauchen, das für deutlich weniger Freude sorgte und stattdessen die Tiere auf den Plan rief, Tieger aus dem Wald zu vertreiben. Da passt es nicht ganz, wenn Lotti nun mit offenen Armen empfangen wird. Die Geschichten waren mir viel zu alltäglich. David Benedictus greift sich Themen aus dem normalen kindlichen Alltag heraus, wie z. B. das Buchstabieren, die Schule, Sport oder auch Feste. Benedictus traut sich aber nicht, so völlig sinnlose und eigentlich fast schon inhaltslose Themen heraus zu greifen wie Milne, der Pu und Ferkel z. B. auf die Jagd nach einem Wuschel und einem Wischel gehen lässt, die es natürlich nicht gibt. Auch die wunderbare Geschichte um das Heffalump oder die „Expotition“ zum Nordpol, den Pu schließlich in Form eines Pfahles findet, sind von einem ganz anderen Kaliber als die von Tieger, der gesundheitlich so angeschlagen ist, dass er nicht mehr essen mag und nur noch von Afrika träumt. Benedictus beweist hier meiner Ansicht nach zu wenig Fantasie und vor allem zu wenig Mut, auch mal über „Nichts“ zu schreiben beziehungsweise seine Waldbewohner etwas völlig Sinnloses tun zu lassen.

An manchen Stellen baut er Fantasiewörter ein, die auch bei Milne häufig entstanden sind, wenn Pu etwas nicht richtig verstanden hat (z.B. weil etwas Fell in seinem Ohr steckte) oder weil er das Wort nicht kannte und es zu kompliziert für ihn war, aber Benedictus ist auch hier zu vorsichtig und zu gewöhnlich. Pu ist aber außergewöhnlich, das macht gerade seinen Reiz auch mehr als 50 Jahre nach Alan Alexander Milnes Tod aus.

_Eine Augenweide_

Wunderbar haben mir dagegen die Zeichnungen aus der Feder von Mark Burgess gefallen, der wirklich ganz im Sinne von E. H. Shepard zeichnet und Pu und seinen Freunden Leben ein haucht. Auf jeder Doppelseite finden sich mindestens ein oder zwei Zeichnungen, die immer genau zu der jeweiligen Situation passen und die ganz wunderbar das einfangen, was David Benedictus geschrieben hat. Hier stimmt jedes einzelne Detail, hier stimmt jeder Strich. Dass nicht Shepard selbst gezeichnet hat, habe ich lediglich daran gemerkt, dass Käfer – einer von Kaninchens zahllosen Freunden und Bekannten – nur auf wenigen Zeichnungen auftauchte. Shepard hatte „Klein“, so heißt der Käfer, auf sehr vielen Bildern versteckt, was mir immer sehr gut gefiel. Ein solch durchgängiges Element habe ich bei Burgess nicht gefunden – dennoch: Die Zeichnungen sind grandios gelungen und verdienen all mein Lob, da sie tatsächlich genau das nachahmen, was Shepard einst so fantastisch vorgemacht hat.

_Abschied von Pu_

Für mich als großen Pu-der-Bär-Fan war dieses Buch natürlich ein Pflichtkauf. Bereut habe ich den Kauf nicht, da das Wiedersehen mit Pu und seinen Freunden durchaus schön war und mich streckenweise durchaus zu unterhalten wusste. Aber für David Benedictus hing die Messlatte einfach viel zu hoch. Nie hätte ich mich an ein solches Unterfangen gewagt, das eigentlich zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war. So ist Benedictus‘ Schreibstil verglichen mit vielen Autoren durchaus gefällig, verglichen mit Milne allerdings doch recht gewöhnlich. Im Vergleich mit dem Original fällt die Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald leider nur mittelmäßig aus, obwohl die Zeichnungen dem Original durchaus würdig sind. Aber Pu-Fans werden sich hiervon sicherlich nicht abhalten lassen und sich von Benedictus wieder in den Hundertsechzig-Morgen-Wald entführen lassen.

|Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
ISBN-13: 978-3791526799|
Originaltitel: |Winnie-the-Pooh’s Return to the Hundred Acre Wood|
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 6 – 7 Jahre

Remin, Nicolas – Requiem am Rialto

Mit seinem sympathischen Commissario Alvise Tron, der sogar schon Bekanntschaft mit Kaiserin Elisabeth von Österreich schließen durfte, hat sich Nicolas Remin längst in die Herzen der Krimifans geschrieben. Für mich gibt es im Bereich des Italienkrimis niemand anderen als ihn, denn niemand zeichnet so nette und authentische Charaktere wie Remin. In „Requiem am Rialto“ löst Commissario Tron bereits seinen fünften Fall.

_Ausgeweidet_

Venedig steht im Wettkampf mit Graz, Salzburg und Triest um die niedrigste Mordrate, doch noch ist die Zeit des Karnevals nicht überstanden. Dennoch wähnt sich Polizeipräsident Spaur bereits auf der Zielgeraden, hat er seiner anspruchsvollen Gattin doch bereits die Einladung zum Ball in die Wiener Hofburg in Aussicht gestellt, die dem siegreichen Polizeipräsidenten winken könnte. Zwei Morde könnte Spaur noch verkraften, wie dumm nur, dass gerade zu dieser so wichtigen Zeit ein Serienmörder auf den Plan tritt…

Die erste blonde Frau trifft im Zug auf ihren Mörder. Zurück bleiben ein Blutbad und eine fachmännisch heraus getrennte Leber, die die Putzfrau des Zuges kurzerhand einsteckt und ihrem Mann zum Abendessen serviert. Die nächste Dame, eine Prostituierte, entführt der Mörder auf eine Gondel. Hinter dem Vorhang versteckt, macht er sich an der wehrlosen Frau zu schaffen, während der Gondoliere von einem heftigen Liebesspiel ausgeht und passend dazu eine Arie anstimmt. Aber damit ist die Todesserie noch längst nicht abgebrochen. Immer wieder tauchen ausgeweidete Frauen – stets mit blonden Haaren und grünen Augen – in Venedig auf. Die Polizei steht vor einem Rätsel, sodass sie einen Lockvogel auf die Straßen schickt – Ispettore Bossi, verkleidet mit Perücke und Kleid. Und tatsächlich macht Bossi Bekanntschaft mit dem Frauenmörder von Venedig, muss ihn wegen seiner unbequemen Damenschuhe allerdings flüchten lassen.

Ein Tatverdächtiger nach dem anderen kann identifiziert und dingfest gemacht werden. Dummerweise geschieht immer dann ein neuer Mord, wenn die Polizei glaubt, den Fall gelöst zu haben. So müssen Tron und seine Kollegen ihre Ermittlungen immer wieder neu aufnehmen. Wer steckt bloß hinter der grausamen Mordserie, die Polizeichef Spaur den Ausflug in die Hofburg kosten könnte?

_Von Pralinés und Frauenkleidern_

Wieder einmal ist Commissario Trons Gespür gefragt, denn in Venedig werden Blondinen fachmännisch ausgeweidet, ohne dass der Täter eine Spur hinterlassen würde. Doch Tron kämpft nicht nur mit der Todesserie, sondern auch mit seinem Vorgesetzten, der seine Felle davon schwimmen sieht, und mit seiner Mutter, die den alljährlichen Maskenball vorbereitet und Alvise inzwischen mehr als nur subtil darauf hinweist, dass er seine Dauerverlobte ehelichen solle. Die aber interessiert sich nur marginal für eine mögliche Ehe und schreibt stattdessen dem gut aussehenden Julien Sorelli Briefe, die sie ihrem Verlobten gegenüber lieber verschweigt. Trons Eifersucht ist angestachelt, wenn auch nur oberflächlich, denn meist konzentriert er sich ganz auf die mehr oder weniger leckeren Speisen, die im Hause Tron serviert werden.

Bereits zu Beginn des Buches hat Tron seinen großen Auftritt, als er einen vermeintlich betrunkenen Störenfried in der Questura gekonnt zur Strecke bringt. Dummerweise handelt es sich bei dem Österreicher um einen kaiserlichen Offizier. Wie gut, dass Spaur andere Sorgen hat, als Tron zu rügen, denn er sieht sich vielmehr als baldigen Polizeipräsidenten des Jahres.

Alvise Tron ist der eigentliche Held von Nicolas Remins Krimireihe, denn seine liebenswert schrulligen Eigenschaften machen den besonderen Reiz aus, zumal seine Kollegen ihm in nichts nachstehen. Da ist nicht nur der Süßigkeiten-vernarrte Spaur, der ein Praliné nach dem anderen futtert, sondern in diesem Buch vor allem Ispettore Bossi, der als Lockvogel fungieren soll. Zunächst scheut er sich davor, sich als Frau zu verkleiden, dann aber findet er Gefallen an den Frauenkleidern und erscheint schlussendlich in großer Ballrobe zum Maskenball der Trons.

_Hinter Masken_

Vom Mörder erfährt der Leser zunächst wenig. Zwar begleiten wir ihn bei all seinen Taten und wissen, dass ein Tier in dem Manne wohnt, das ihn praktisch zu den Morden zwingt. Er verliert dann völlig die Kontrolle über sich selbst und lässt sich von dem Tier in sich lenken. Doch um wen es sich handelt, wissen wir nicht, und Nicolas Remin verrät uns zunächst nur wenig über diesen Mann. So rätseln wir gemeinsam mit Tron und seinen Kollegen. Allerdings ist uns etwas schneller klar als Polizeipräsident Spaur, dass die ersten Verdächtigen keineswegs für die Taten in Frage kommen dürften. Und so kommt es, wie es kommen muss: Nach und nach scheidet einer nach dem anderen aus Kreis der Verdächtigen aus. Doch wer ist wirklich verantwortlich für die ausgeweideten Frauen?

Anfangs fällt das Mitraten schwer, da man über den Täter nicht viel mehr weiß, als dass er für seine Mordgänge eine schwarze Halbmaske aufsetzt und ansonsten völlig unauffällig wirkt. Doch je weiter der Roman voranschreitet, umso mehr zeichnen sich einige heiße Verdächtige ab, die man auch als Leser näher unter die Lupe nehmen kann. Wer wirklich der Mörder ist, verrät Nicolas Remin allerdings erst ganz zum Schluss, und erst dann kann der Leser prüfen, ob er mit seinem Verdacht richtig lag. Der Spannungsbogen ist dadurch nahezu perfekt gelungen, auch wenn Remin zwischendurch fast schon zu viele Verdächtige präsentiert.

_Bildhaft_

Nicolas Remins Markenzeichen ist seine malerische und bildhafte Sprache. Er verwendet viele Metaphern, davon viele, die den Kern der Sache genau treffen und einen schmunzeln lassen. Kaum einmal findet sich eine Metapher, die bereits altbekannt ist, meistens streut Remin eigene Ideen ein und beweist seine Kreativität und sein Sprachgefühl. Sein Schreibstil ist sehr detailreich, Remin beschreibt alles haargenau, sodass man sich als Leser bestens in die Szenen hinein versetzen kann. Auch die schrullige Charakterzeichnung funktioniert nur mit der blumigen Sprache, mit Remins teils schwarzem Humor und mit seiner Detailverliebtheit.

Auch im Vergleich mit den bisherigen Tron-Bänden schneidet der vorliegende Fall gut ab. Speziell dank Ispettore Bossi in Frauenkleidern, des kauzigen Polizeipräsidenten Spaur und natürlich dank des sympathischen und so herrlich unehrgeizigen Tron unterhält das Requiem am Rialto hervorragend und macht schon jetzt neugierig auf Trons sechsten Fall.

|Nicolas Remin bei Buchwurm.info:|

[Schnee in Venedig 1987
[Venezianische Verlobung 2326
[Die Masken von San Marco 4630
[Gondeln aus Glas 4754

Saramago, José – Eine Zeit ohne Tod

|“Am darauffolgenden Tag starb niemand.“|

So unauffällig und doch eindringlich beginnt der Literaturnobelpreisträger [José Saramago]http://de.wikipedia.org/wiki/Jos%C3%A9__Saramago sein vorliegendes Buch. In einem nicht näher benannten Land zu einer nicht näher benannten Zeit stirbt ab einer Silvesternacht niemand mehr. Die Todkranken, die kurz davor waren, ihren letzten Atemzug zu tun, bleiben am Leben – auch wenn sie alles andere als gesund werden. Sie vegetieren und leiden vor sich hin und können doch nicht sterben. Nirgends wartet der erlösende Tod auf sie, zumindest nicht in diesem Land. Und so kommen einige findige Menschen auf die Idee, ihre sterbenskranken Freunde und Verwandten über die Grenze zu bringen, um sie von ihrem Leid zu erlösen. Eine Bauernfamilie ist es, die den Anfang macht und zwei Menschen im Nachbarland beerdigt. Fortan will die Maphia diese schreckliche Aufgabe übernehmen, denn immerhin stellt sich doch die Frage: Ist es Mord, jemanden zum Sterben über die Grenze zu bringen?

Aber noch weitere Probleme tauchen auf, die niemand vermutet hätte: Was machen die Bestattungsunternehmer, die von einem Tag auf den anderen nichts mehr zu tun haben? Was geschieht mit den Krankenhäusern, in die weiterhin Kranke eingeliefert werden, in denen aber niemand stirbt und ein Bett freimacht? Was wird aus den Lebensversicherungen der Menschen? Und was passiert mit der Kirche, denn ohne den Tod gibt es schließlich auch keine Auferstehung, womit der Kirche ein tragender Pfeiler entrissen wird?

Doch dann erhält ein Fernsehintendant einen violetten Brief, der ihn zutiefst erschüttert. In Panik eilt er zum Premierminister und will die Verantwortung über den Brief abgeben, denn in diesem verkündet der „tod“ (klein geschrieben!) höchstpersönlich eine wichtige Botschaft, die die Welt von einem auf den anderen Tag – zumindest in dem nicht näher benannten Land – komplett verändern könnte …

José Saramago ist ein Meister des visionären Romans. Seine Ideen sind oft einfach, doch die Konsequenzen, die daraus entstehen, umso komplexer und schwerwiegender. Während er eine hellweiße und doch so düster bedrückende Welt in [„Die Stadt der Blinden“ 5382 gezeichnet hat, in der alle Menschen erblinden, widmet er sich hier einem neuen Problem: Niemand stirbt mehr. Was auf den ersten Blick nicht wie ein Problem scheint, sondern die Menschen in Lobeshymnen ausbrechen lässt, entpuppt sich schnell genug als Katastrophe. Und hier beweist Saramago wieder einmal, dass er seine Ideen konsequent zu Ende denkt. Er führt aus, was geschehen könnte, und scheut sich nicht davor, die Welt komplett auf den Kopf zu stellen. Nichts entgeht seinem Blick – ganz im Gegenteil, er entdeckt Probleme, wo man sie zunächst nicht erwartet hätte.

Auch einem anderen Stilelement bleibt er treu, denn seine Figuren erhalten keine Namen, sondern bleiben bloße Figuren. Seine Charaktere – so es sie denn gibt – stehen allein für Funktionen bzw. eine Berufsgruppe. Den besagten Fernsehintendanten lernen wir nicht weiter kennen, wir wissen nicht, ob er Familie hat, welchen Hobbys oder Interessen er nachgeht oder wie alt er ist. Er steht allein für den Berufstypus des Fernsehintendanten, der schleunigst einen erdrückenden Berg von Verantwortung auf jemand anderen abwälzen will.

Doch „Eine Zeit ohne Tod“ erhält schließlich seine Hauptfigur, nämlich den tod höchstpersönlich. tod ist weiblich schreibt sich mit einem kleinen „t“, und tod ist eigen, denn sie hat beschlossen, den Menschen einen kleinen Denkzettel zu verpassen, indem sie einfach niemanden mehr ins Reich des Todes abholt. Ihre Sense, die es tatsächlich gibt, bleibt tatenlos neben ihr stehen. tod ist diejenige, die wir im zweiten Teil des Buches ständig begleiten – eine abstruse, aber doch sehr pfiffige Idee.

|“… wobei der Grund dafür, dass ich meine frühere Aktivität, das Töten, unterbrochen und die sinnbildliche Sense, die phantasievolle Maler und Kupferstecher früherer Zeiten mir in die Hand gelegt haben, in ihrer Scheide habe stecken lassen, darin liegt, dass ich den Menschen, die mich so sehr verabscheuen, mit einer kleinen Kostprobe demonstrieren wollte, was es für sie bedeuten würde, immer, sprich, ewig zu leben, auch wenn ich Ihnen ganz im Vertrauen gestehen muss, Herr Fernsehintendant, dass ich keine Ahnung habe, ob die beiden Wörter immer und ewig wirklich so gleichbedeutend sind wie allgemein angenommen …“|

Sprachlich bleibt José Saramago wie gewohnt eine Herausforderung. Kaum Absätze laden zum Verweilen ein und alle Zeilen sind voll bedruckt, da die wörtliche Rede in den Fließtext integriert ist (s. o.). Daran muss man sich gewöhnen, denn leicht lassen sich seine Bücher nicht lesen. Doch wenn man erst einmal in seine Sätze hineintaucht, sich auf die komplexe Sprache einlässt, entdeckt man vieles, das nur zwischen den Zeilen steht. Wieder einmal erzeugt Saramago eine dichte und bedrückende Atmosphäre, die den Leser mitreißt – und das, obwohl man sich jede Seite in diesem Buch erarbeiten muss.

„Eine Zeit ohne Tod“ ist zweigeteilt: Im ersten Teil schildert José Saramago die Konsequenzen aus dem ausbleibenden Tod und im zweiten widmet er sich dem tod persönlich. Er begleitet sie und stellt sie uns näher vor. Und dann erfahren wir, dass tod ein Problem umtreibt, denn sie hat versprochen, den Menschen ihren Tod anzukündigen – per Brief, den sie eine Woche vorher an den Betroffenen schickt. Nur ein Brief weigert sich konsequent zugestellt zu werden. Immer wieder landet er auf tods Tisch, sodass sie schließlich beschließt, die Person kennenzulernen, die nun nicht über den bevorstehenden Tod informiert werden kann.

Und das ist leider der Punkt, ab dem Saramago mich mit seiner Geschichte nicht mehr mitreißen konnte. Mir gefiel die Wendung nicht und ich finde sie auch nicht sonderlich gelungen. Hier bahnt sich eine Liebesgeschichte zwischen tod und einem Todgeweihten an, die mir doch zu abstrus erscheint und die Saramago auch nicht wirklich schlüssig darstellt. Konsequenter wäre es gewesen, die Geschichte weiterzuerzählen, wie sie begonnen hat, auch die letzte Konsequenz darzustellen; so wirkte es eher, als wären Saramago auf der halben Strecke die Ideen ausgegangen.

Unter dem Strich hebt sich „Eine Zeit ohne Tod“ nichtsdestotrotz weit vom Durchschnitt ab. Alleine durch Saramagos einzigartiges Sprachgefühl, seinen Ideenreichtum und die dichte und packende Atmosphäre bleibt dieses Buch positiv in Erinnerung. Allerdings kann ich mich nach wie vor nicht mit der Wendung auf der Hälfte des Buches anfreunden. Im Vergleich mit Saramagos sagenhaft genialem Buch [„Die Stadt der Blinden“ 5382 fällt das vorliegende Werk leider inhaltlich etwas ab – lesenswert bleibt es allerdings dennoch, zumal die Geschichte rund um den tod und den Todgeweihten sicherlich auch eine Geschmackssache ist.

|Originaltitel: As Intermitencias da Morte
Deutsch von Marianne Gareis
252 Seiten Broschur
ISBN-13: 978-3-499-24342-4|
http://www.rowohlt.de

Dahl, Kjell Ola – Blutfeinde

Ein Polizist wird erschossen – bei einer Kneipenschlägerei nahe des Osloer Polizeipräsidiums. War es ein Unfall oder Mord? Kommissar Gunnarstranda wird mit dem Fall betraut, muss aber von Anfang an gegen Anfeindungen aus den eigenen Reihen kämpfen. Denn nur wenige Wochen zuvor hatte Gunnarstranda dafür gesorgt, dass Ivar Killi, der nun zum Opfer der Kneipenschlägerei geworden ist, vom Dienst suspendiert wird. Gunnarstranda ist allein auf weiter Flur, kann auf keine Hilfe seiner Kollegen hoffen und muss dann sogar feststellen, dass ihm Beweisstücke aus der eigenen Schreibtischschublade entwendet werden. Keine guten Voraussetzungen, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Schlussendlich wird Gunnarstranda gar der Fall entzogen. Stattdessen muss er seinem Kollegen Frank Frølich dabei helfen, den vermissten Anwalt Arne Welhaven aufzuspüren. Zwar nicht mit Feuereifer, aber immerhin doch gewissenhaft stürzt sich Gunnarstranda in den neuen Fall und entdeckt bei seinen Nachforschungen bald, dass die beiden Fälle zusammenhängen. Denn die Geschäfte, in die Welhaven verwickelt war, betrafen auch den toten Ivar Killi.

Unter schwierigen Bedingungen macht sich Gunnarstranda daran, die beiden Fälle zusammenzubringen und die Fäden zu entwirren, die den Zusammenhang verbergen …

Kjell Ola Dahl hat sich im Krimigenre bereits einen Namen gemacht. Seine Oslo-Krimis mit Kommissar Gunnarstranda erfreuen sich einer festen Fangemeinde, zu der ich mich auch einmal zählte – bis zu diesem Buch …

Gunnarstranda ist eigenwillig, er scheut sich nicht, seine Kollegen vor den Kopf zu stoßen und auch mit unbequemen Wahrheiten aufzutreten. Er weiß sich durchzusetzen und tut, was ihm gefällt. Niemand kommt mit ihm aus, niemand möchte mit ihm zusammenarbeiten, und doch ist Gunnarstranda es stets, der den richtigen Riecher hat. Sympathisch wirkt er auf den ersten Blick eher nicht, man muss schon einen Hang zu derart eigenwilligen Charakteren haben, um Gunnarstranda ins Herz zu schließen. Doch was ihn ausmacht, ist seine Ehrlichkeit auf Teufel komm raus, die mich durchaus beeindruckt. Denn selbst, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht, würde er nie einen Gedanken daran verschwenden, seinem Vorgesetzten Honig ums Maul zu schmieren, nur um diesem zu gefallen. Dennoch: An Gunnarstranda dürften sich die Geister scheiden; mir war er in diesem Fall ein wenig |zu| eigen …

Doch das Problem von „Blutfeinde“ ist ein anderes: Zunächst bekommen wir einen Toten präsentiert, den wir nicht kennen und dem wir daher auch nicht nachtrauern. Noch ist auch nicht klar, ob es sich um einen Unfall handelt oder um Mord. Spannung wird also nicht aufgebaut. Im weiteren Verlauf des Romans wirft uns Kjell Ola Dahl zwar einige Hinweise vor und es wird bald klar, dass Ivar Killi nicht zufällig gestorben ist, doch die Spuren sind so verwaschen, dass wir ihnen nicht folgen können. Bevor wir eine Ahnung erlangen, wohin uns Dahl führen will, schaltet er zu einem anderen Fall, nämlich zu dem vermissten Anwalt. Einen Zusammenhang gibt es zunächst nicht, doch auch der Vermisstenfall ist undurchsichtig und kompliziert. Zu viele lose Fäden versucht Kjell Ola Dahl hier zusammenzuflechten. Meiner Ansicht nach ist sein Handlungskonstrukt dabei aber total zerfasert.

Nicht nur im Polizeipräsidium treffen wir auf zahlreiche unterschiedliche Polizisten – auf Gunnarstranda und seinen Vorgesetzten, seinen Widersacher Petter Bull, auf seinen neuen Kollegen Frølich und auf die Kollegin, die ihm an die Seite gestellt wird. Es tauchen immer mehr Personen auf, die – wie im Fall Yttergjerde – kaum eine Rolle im weiteren Verlauf des Buches spielen. Noch schlimmer sieht es bei den Ermittlungen aus, denn je weiter Gunnarstranda sich in seine Nachforschungen vergräbt, umso mehr Personen fördert er zutage, die mindestens mit einem der beiden Kriminalfälle zu tun haben. Irgendwann muss der Leser zwangsläufig den Überblick verlieren.

Aufgrund der zahllosen Figuren, die wir meist nur oberflächlich kennenlernen und die natürlich meist etwas zu verbergen haben, muss man sich regelrecht durch ein Labyrinth kämpfen – und das ohne einen leitenden roten Faden. Leider vergisst Kjell Ola Dahl bei seinem komplizierten Personen- und Handlungsgeflecht, Spannung aufzubauen, die den Leser motivieren würde, all die Irrwege mitzugehen, auf die Gunnarstranda sich begibt.

Mich hat das Buch leider kein bisschen berührt, da mir die zwei wichtigsten Dinge für einen guten Spannungsroman fehlten: der rote Faden und die Spannung. Auf mich wirkte „Blutfeinde“ vielmehr völlig überladen: Da gibt es anzügliche Fotos von jungen Mädchen, Erpressung und mögliche Vergewaltigung, es werden Unsummen an Geld auf ein dubioses Konto verschoben, und es gibt Polizisten, die mehr als nur ihren Dienst tun. Weniger wäre hier sicher mehr gewesen …

|Originaltitel: Svart Engel
Aus dem Norwegischen von Kerstin Hartmann
ISBN-13: 978-3-431-03774-6|
http://www.ehrenwirth.de

_Außerdem von Kjell Ola Dahl auf |Buchwurm.info|:_
[„Lügenmeer“ 4434

Delphine de Vigan – No & Ich

|“Wer sich ständig deines Vertrauens vergewissert, wird es als erster missbrauchen.“|

No ist 18 und lebt auf der Straße. Sie kommt meist in provisorischen Unterkünften unter und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Ich – das ist die 13-jährige Lou Bertignac. Lou ist hochintelligent und hat zwei Klassen übersprungen, das macht den verträumten Teenager zu einer Außenseiterin. Nur zu Lucas hat sie ein freundschaftliches Verhältnis. Als ihr Lehrer sie eines Tages aus einem Tagtraum erweckt und sie nach dem Thema für ihr nächstes Referat fragt, fällt ihr nichts Besseres ein als die Obdachlosigkeit.

Und so stöbert das Mädchen durch die Straßen und lernt dabei die obdachlose No kennen. Was zunächst mit den Interviews für das Referat beginnt, entwickelt sich langsam aber sicher zu einer Freundschaft. Die beiden Mädchen treffen sich noch lange, nachdem Lou bereits ihr Referat gehalten hat. Zunächst erfindet Lou Lügen, um sich mit No zu treffen und das Geld für die Getränke in der Kneipe zu bekommen, doch dann beschließt sie, No von der Straße wegzuholen und bittet ihre Familie um Hilfe. Aber auch in Lous Familie ist nicht alles in Ordnung: Denn nach dem plötzlichen Kindstod ihres jüngeren Geschwisterkindes hat sich Lous Mutter in ihre eigene Welt zurückgezogen. Sie spricht mit niemandem mehr und Lou fühlt sich ungeliebt. No allerdings hat eine heilende Wirkung auf Lous Mutter, denn sie beginnt wieder, am Leben teilzunehmen, spricht mit anderen Menschen und blüht regelrecht auf.

Alles scheint perfekt, Lou ist glücklich und No muss nicht mehr auf der Straße leben. Doch dann bemerkt Lou, wie Nos Arbeit in einem Hotel sie immer mehr aufzehrt. No arbeitet immer mehr und mehr, sie trinkt und rutscht immer weiter ab, bis Lous Eltern merken, dass sie der 18-Jährigen nicht mehr helfen können …

_Rettende Freundschaft_

Die wunderbare Geschichte von „No & Ich“ ist aus Sicht der 13-jährigen Lou erzählt, doch Lou ist kein gewöhnlicher Teenager. Sie hat keine Freunde und träumt den lieben langen Tag vor sich hin. Das ändert sich erst, als sie No kennen lernt, eine Freundin gewinnt und die Welt verändern will. Obwohl sie noch so jung ist, fasziniert Lou von Beginn an: Auf der einen Seite sind ihre Gefühle häufig ihrem Alter entsprechend naiv, doch dann blitzt immer wieder die reife und erwachsene Lou auf, der man ihre überdurchschnittliche Intelligenz anmerkt, aber auch, dass sie häufig auf sich allein gestellt ist. Denn ihre Mutter hat sich völlig zurückgezogen und kann Lou keine Liebe mehr schenken. Die holt sich Lou schließlich von No. Die beiden Mädchen klammern sich aneinander und versichern sich immer wieder gegenseitig ihres Vertrauens und ihrer Freundschaft zueinander. Auch No hat riesige Angst davor, die neu gewonnene Freundin, die zu ihrer Stütze geworden ist, zu verlieren.

Die beiden Mädchen könnten kaum unterschiedlicher sein, und dennoch entsteht eine wunderbare Freundschaft zwischen den beiden. Für Lou ist No Mutter- und Schwesterersatz in einer Person, ihr kann sie ihre Ängste, Gefühle und Gedanken anvertrauen, und dennoch bleibt bei beiden Mädchen immer dieses Fünkchen Unsicherheit darüber, ob die Freundschaft halten wird und die Unterschiede überwinden kann. Immer wieder fragt man sich, ob Lou der Verantwortung und Nos Problemen überhaupt gewachsen ist. Lou bemerkt, dass Tabletten in der Hausapotheke fehlen, und sieht zu, wie No immer mehr Alkohol konsumiert, sie macht sich Gedanken über den anstrengenden Job ihrer Freundin, bemerkt aber nicht, wie weit es mit No bereits gekommen ist – oder will sie es gar nicht merken?

Als Zuhörer ahnt man bereits, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird, man sieht förmlich das drohende Damokles-Schwert über der Mädchenfreundschaft und befürchtet zunehmend, dass dieses ganze Konstrukt zwangsläufig in sich zusammenfallen muss. Und dennoch wünscht man sich umso mehr, dass die Geschichte ein Happy End haben möge, aber bis zur letzten Minute lässt Delphine de Vigan uns in der Schwebe. Die Geschichte hätte beide Enden nehmen können – ein glückliches oder ein unglückliches, und de Vigan hat sich meiner Meinung nach für das stärkere der beiden entschieden.

_Gedanken eines Teenagers_

Lou Bertignac ist es, die uns ihre Geschichte erzählt und von der Freundschaft zu No berichtet. Lou ist 13, auch wenn man es ihr nicht immer anmerkt. Die Sprache bleibt stets einfach und für eine 13-Jährige absolut authentisch. Und dennoch transportieren manche Sätze so viel mehr Bedeutung, als die Worte auf den ersten Hörer vermuten ließen. Aber auch das nimmt man der Autorin und Lou immer ab, denn Lou ist nun einmal außergewöhnlich, sie versteht viel mehr als Gleichaltrige, und das muss man ihren Gedanken und Gefühlen eben auch anmerken.

Die gesamte Geschichte, die sich definitiv nicht nur an jugendliches Publikum richtet, aus Sicht eines Teenagers zu erzählen, war sicherlich eine Gratwanderung für die Autorin, doch sie glückt hervorragend, was der sympathischen Lou und ihren teils obskuren Gedanken zuzuschreiben ist. Besonders ihre Gedankenexperimente und die Fragen, die sie zur reinen Ablenkung in ihrem hochintelligenten Kopf löst, fand ich ausgesprochen spannend – welche 13-Jährige außer Lou Bertignac würde sich derlei Fragen wohl stellen?

Delphine de Vigan wollte die Geschichte von Menschen erzählen, die auf der Straße leben. Als Sprachrohr hat sie dazu Lou auserkoren. Mit viel Einfühlungsvermögen erzählt sie von Nos Problemen und ist dabei schonungslos offen, auch wenn manche Probleme eher am Rande anklingen, weil Lou sie nicht erkennen und aussprechen mag. Dennoch wird die Geschichte nie hoffnungslos, denn auch wenn No auf der Straße lebt, hat sie sich und ihr Leben noch nicht aufgegeben, sie will etwas aus ihrem Leben machen und eines Tages zu ihrem Freund nach Irland ziehen. Dass es diesen gar nicht gibt, ahnen wir, erfahren es aber erst spät. Und so zeigt No ihrer jungen Freundin immer nur das, wovon sie denkt, dass diese es verkraften kann. Doch hinter der Fassade steckt mehr, in No muss mehr vorgehen, sie erlebt schlimmere Dinge, als Lou sie uns erzählen kann, und dennoch klingen sie beim Leser an. Wie Delphine de Vigan das schafft, ist wahrlich meisterlich, denn hier muss man zwischen den Zeilen hören und entdeckt dort noch viel mehr als das, was wir vorgelesen bekommen.

Die Berliner Schauspielerin Jennipher Antoni, die selbst schon über 30 ist, verleiht Lou ihre Stimme und schafft es stets, die kindlichen wie auch die erwachsenen Aspekte in Lous Wesen herauszuarbeiten. Antonis Stimme klingt selbst noch jung genug, damit man ihr die Rolle abnimmt, aber dank ihrer eigenen Reife schafft sie es überzeugend, sämtliche Facetten von Lous Persönlichkeit in ihre Stimme zu legen. Nur diese Stimme ist es, keine Effekte und keine Geräusche, die wir zu hören bekommen, und doch passt diese Schlichtheit genau zu der Geschichte, zumal Jennipher Antoni so deutlich mehr Raum für ihre eigene Interpretation bleibt – und die gelingt ihr wahrlich hervorragend!

_No & Ich & der Hörer_

„No & Ich“ ist die ungewöhnliche Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen zwei außergewöhnlichen jungen Frauen, die uns im Laufe von gut fünf Stunden ans Herz wachsen. Jennipher Antoni verleiht Lous Gedanken eine Stimme und trägt mit viel Gefühl und Ausdruckskraft Delphine de Vigans Roman vor. Und auch wenn der letzte Ton verklungen und die CD zu Ende ist, so klingen Antonis Stimme und Lous Gedanken nach. Es fällt nicht leicht, loszulassen und diese Erzählung ad acta zu legen.

|“Wenn du mich zähmst, wirst du für mich einzig sein auf der Welt“|, sagt No zu ihrer Freundin Lou, und so einzigartig wie diese Freundschaft, so einzigartig schön ist auch das vorliegende Hörbuch!

|Siehe ergänzend dazu auch unsere [Rezension 5680 der Buchausgabe.|

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Filz, Sylvia – Kirschklößchen

Hanna ist 29, allein und verzweifelt: Nach drei gemeinsamen Jahren hat ihr Freund Reinhold sie einfach abserviert – wegen einer anderen. Und dann muss Hanna auch noch feststellen, dass es sich dabei um die platinblonde Tochter von Reinholds Chef handelt, die ja so wundervoll parlieren kann, wie Reinhold ihr bei der Trennung doch glatt unter die Nase gerieben hat! Eine Frau von Welt sei die andere, während Hanna so blöd war, ihre Karriere als Journalistin für Reinhold hintenanzustellen, damit er beruflich weiterkommt. Glücklicherweise hat Hanna das „Casa Regina“, einen kleinen, aber feinen Geschenkeartikelladen, bei dem sie Teilhaberin ist. Und nicht nur das: Die Besitzerin des Ladens, Regine, ist für Hanna zu einer guten Freundin geworden, und so versucht diese nun, die verzweifelte Hanna mit gemeinsamen weinseligen Abenden wieder aufzubauen.

Aber eines Tages geschieht etwas, das Hannas gesamtes Leben unverhofft auf den Kopf stellt: Wieder einmal hastet sie in Eile die Treppe hoch und ärgert sich über die weißhaarige Dame aus der Wohnung über ihr, die vor ihr schleicht. Doch dann strauchelt die Rentnerin und kippt nach hinten. Ohne nachzudenken, lässt Hanna alles fallen und fängt die Dame auf und rettet ihr damit womöglich das Leben. Hanna bietet noch an, die alte Dame – Frau Spitzer, wie Hanna am Türschild ablesen kann – in ihre Wohnung zu begleiten.

Auf den Schreck lädt Frau Spitzer ihre Retterin auf einen Likör ein. Schon von der Wohnungseinrichtung ist Hanna, die am liebsten gleich wieder in ihre eigene Wohnung geeilt wäre, überrascht, denn die ist gar nicht so altbacken, wie sie das gedacht hätte, und auch der Likör schmeckt nicht wie der typische Oma-Fusel. Die beiden Frauen kommen ins Plaudern. Ein Foto in Frau Spitzers Wohnung ist es dann, das Hannas Blicke auf sich zieht und sie fasziniert. Kaum ist ihre Neugierde geweckt, ist auch der Fluchtinstinkt verschwunden, denn nun möchte Hanna mehr über die Personen auf dem Foto erfahren. Überrascht stellt sie fest, dass Frau Spitzer viele spannende und bewegende Dinge aus ihrem über neunzig Jahre langen Leben zu erzählen hat. Ganz unverhofft wird die „nervige alte Schachtel“ aus der Wohnung über ihr zu „Omi Spitzer“, die sie gar nicht häufig genug besuchen kann.

Die größte Überraschung wartet aber noch auf Hanna, nämlich Frau Spitzers Enkel, der ihr auf den ersten Blick mehr als sympathisch ist. Nur leider wohnt Nils hunderte von Kilometern entfernt und arbeitet als Tierarzt auf dem platten Land. Und das ist nun wirklich nichts für die Stadtfrau Hanna – oder doch? Und natürlich ist auch die Geschichte mit Reinhold längst nicht ausgestanden …

Sylvia Filz erzählt die Geschichte von Hanna, die an einem Wendepunkt in ihrem Leben angekommen ist: Ende zwanzig beginnt die Suche nach dem Mann ihres Lebens erneut, auch wenn sie eigentlich gedacht hatte, mit Reinhold bereits den Richtigen gefunden zu haben. In Hannas Umfeld freuen sich allerdings alle über die Trennung, da niemand Reinhold ausstehen konnte. Schon auf den ersten Seiten wird Hanna zu einer guten Freundin, deren Trennungsschmerz man fast schon zu gut nachfühlen kann, aber man ahnt als Leser natürlich bereits, dass ein neuer Mann auf Hanna wartet.

Als Nils Hansen, Frau Spitzers Enkel aus Norddeutschland, dann endlich seinen ersten richtigen Auftritt hat, verteilt Amor großzügig seine Pfeile. Doch Hanna und auch Nils sind unsicher – fühlt der andere das Gleiche? Und passen sie überhaupt zusammen? Beide haben schwere Enttäuschungen erlitten; Nils ist von seiner ersten Frau geschieden, die ein anderes Leben führen wollte als jenes, das er als Tierarzt ihr bieten konnte. So dauert es ein wenig, bis die beiden sich zaghaft annähern, und tatsächlich sind einige Hürden und Distanzen aus dem Weg zu räumen, zumal auch Reinhold später noch den einen oder anderen denkwürdigen Auftritt haben wird …

Die zweite Lebensgeschichte, die wir zu hören bekommen, ist die von Omi Spitzer. Frau Spitzer hat viel in ihrem langen Leben erlebt, sie erzählt vom Krieg, ihrem geliebten Mann Alfons und natürlich von einem ihrer Lieblingsrezepte – den Kirschklößchen! Eigentlich ist es ein Arme-Leute-Rezept, doch Hanna würde es am liebsten gleich nachkochen, aber Omi Spitzer wehrt – zunächst! – ab, weil sie meint, dass man Kirschklößchen nur mit frischen Kirschen machen könne, und nun steht bereits Weihnachten vor der Tür. Auch mir ist beim Lesen das Wasser im Mund zusammengelaufen – schade, dass ich keine Omi Spitzer habe, die mir zeigen könnte, wie man Kirschklößchen zubereitet!

Mit Hanna und Omi Spitzer hat Sylvia Filz zwei starke Frauencharaktere gezeichnet, die uns durch das gesamte Buch begleiten und schnell ans Herz wachsen. Die liebe Omi Spitzer, die zwar schon über 90 Jahre alt, aber noch längst nicht eingerostet ist, erzählt ihre Lebensgeschichte dermaßen mitreißend, dass ich mitunter selbst einen Kloß im Hals hatte. Aber auch die Nebencharaktere – angefangen von der Geschäftsfrau Regine, die selbst noch auf der Suche nach der Liebe ihres Lebens ist, über die Wegmanns, die ebenfalls häufig bei Omi Spitzer zu Gast sind, bis hin zu Nils, der in seinem großen Traumhaus mit zahlreichen Tieren in Norddeutschland lebt – überzeugen auf ganzer Linie und bleiben stets authentisch. Die Sympathien sind dabei stets klar verteilt, denn Reinhold kann das ganze Buch über keinen einzigen Sympathiepunkt sammeln. Dennoch bereichert er das Buch durchaus mit seinen denkwürdigen Auftritten …

Mit viel Esprit und Liebe zum Detail und zu den Tieren erzählt Sylvia Filz eine Geschichte, die wie aus dem Leben gegriffen scheint. Die Autorin schafft es, uns in jede Situation hineinzuziehen, sodass wir das Gefühl haben, immer mittendrin zu sein. Trotz des geringen Buchumfangs von nur 185 Seiten erfahren wir viel über die Charaktere, ihr Leben und ihre Gedanken. Als Leser sind wir dabei allwissend, denn wir können nicht nur Hannas Gedanken lauschen, sondern kennen auch Nils‘ widerstreitende Gefühle. Wir wissen, was sich Nils erhofft, welche Überraschungen er Hanna bereiten will, und von Hanna wissen wir, wie sehr sie sich wünscht, mit Nils gemeinsam Weihnachten zu feiern, und zwar in allen noch folgenden Jahren. Nur leider trauen sie beiden sich oftmals nicht, ihre Gefühle offen auszusprechen, und so fiebern wir immer mehr mit ihnen mit.

Die Geschichte in „Kirschklößchen“ ist herzerfrischend, ergreifend und einfach nur schön. Bei der Lektüre fühlte ich mich ins Rheinland entführt, und bei Hannas Besuchen im hohen Norden konnte ich die frische Landluft förmlich schnuppern und hörte im Hintergrund das Bellen der Hunde und das Schnurren der Katzen. Sylvia Filz‘ Schreibstil ist dermaßen lebendig und erfrischend, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag und immer das Gefühl hat, sich von seinen Freunden zu verabschieden. Und so hoffe ich natürlich sehr, dass es noch ein Wiederlesen mit Omi Spitzer und Hanna geben wird!

Remes, Ilkka – Hochzeitsflug

Dank der Erfolgswelle, auf welcher der finnische Bestsellerautor Ilkka Remes zurzeit surft, erobern nun auch seine älteren Werke den deutschen Buchmarkt, wie jüngst „Hochzeitsflug“ aus dem Jahr 2001, das auf dem Buchdeckel mit den Worten „Dieses Buch ist das Ereignis des Jahres!“ angepriesen wird. Derlei Lobesworte fordern eine gründliche Prüfung natürlich geradezu heraus!

_Abgestürzt_

Christian Brück und Tina Carabella sind glücklich – nur zwei Tage sind es noch bis zu ihrer Hochzeit. Tina fliegt schon einmal vor nach Frankfurt, während Christian sich weiter seiner Arbeit als Hirnforscher widmet. Doch dann ereilt den Verlobten eine Schreckensbotschaft: Das Flugzeug, das seine Tina genommen hat, ist vor der Küste Montenegros vom Radar verschwunden und abgestürzt. Das Flugzeugwrack ist jedoch vollkommen leer – nur einige persönliche Gegenstände der Reisenden sind dort zu finden.

Überstürzt fliegt Christian nach Montenegro, um seine Verlobte zu suchen und den mysteriösen Ereignissen auf die Spur zu kommen. Dort trifft er Rebecca, deren Mann ebenfalls im abgestürzten Flieger gesessen hat. Die beiden finden einen Mann, der das Flugzeugwrack ausgeschlachtet und Tinas Handtasche gefunden hat. Er verlangt eine horrende Summe für eine Videokassette, die Tina offensichtlich kurz vor dem Absturz aufgenommen hat. Christian hat nicht genügend Geld und hinterlässt seinen Pass als Pfand für den Betrüger, der ihm im Gegenzug die Kassette aushändigt. Nun fehlt Christian und Rebecca allerdings ein Abspielgerät für das Band …

Sie machen Bekanntschaft mit der taffen Journalistin Sylvia, die auf Teufel komm raus an exklusive Informationen gelangen will. Wie ehrenwert ihre Methoden dabei sind, ist ihr oftmals egal. Als Christian und Rebecca mit dem fehlenden Geld losgehen, um Christians Pass auszulösen, finden sie den Mann ermordet vor. Nun beginnt eine wahrlich teuflische Hetzjagd, denn irgendjemand ist hinter dem Videoband her. Bald muss Christian auf schmerzliche Weise erfahren, dass er nicht einmal den Amerikanern, die den Flugzeugabsturz untersuchen sollen, trauen kann, denn auch sie wollen das Band haben.

Zeitgleich begibt sich Christians Exfreundin Sara, die einst mit Tina in einer WG wohnte, in Cannes auf Spurensuche. Schnell findet sie heraus, dass Tina nicht nur schwanger war, sondern auch einer mysteriösen Sekte angehörte. War der Flugzeugabsturz womöglich ein Massenselbstmord der Sektenmitglieder? Und welche Rolle hat Tina dabei gespielt? Und welche der Mann, den sie noch im Flugzeug innig küsste?

_Gar nicht beschaulich_

Zu Beginn lernen wir Christien Brück kennen, den promovierten Hirnforscher, der in einem großen Technologie- und Wissenschaftspark an der Côte d’Azur forscht. Schon auf der ersten Seite des Buches muss er einem Patienten zu Hilfe eilen, der einen anaphylaktischen Schock erlitten hat. Ilkka Remes verliert wieder einmal keine Zeit und lässt seinen Spannungsbogen schon hier beginnen. Wie wir später allerdings feststellen müssen, hat Christians Arbeit rein gar nichts mit den späteren Geschehnissen zu tun.

Viel interessanter wird es allerdings bei Tinas erstem Auftritt, denn schon hier treffen wir Jacob, der Tina in seine Arme zieht und küsst, obwohl sie doch zwei Tage später Christian heiraten will. Was hier gespielt wird, bleibt lange Zeit im Dunkeln, sodass der Leser das Buch im Handumdrehen durchlesen wird, um all die Rätsel, die Remes von Beginn an einstreut, aufgeklärt zu bekommen.

Der Spannungsbogen ist auf der ersten Hälfte perfekt gelungen. Ilkka Remes wechselt in rasanter Weise die Schauplätze, er schickt uns einmal mit Sara nach Cannes, die Tinas komisches Verhalten aufklären möchte, dann wiederum begleiten wir Christian und Rebecca bei ihren Nachforschungen, die immer gefährlicher werden, da die Verfolger ihnen näher rücken. Wir treffen auf Kurt Coblentz, der offensichtlich mehr über den Flugzeugabsturz weiß, den wir aber lange Zeit nicht einordnen können. Außerdem begegnen wir Luc Cresson, der eine Frau bis ins Krankenhaus verfolgt, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Die Kapitel sind kurz und enden meist mit einem Cliffhanger, der uns immer weiter durch die Geschichte zieht.

Leider flacht der Spannungsbogen immer mehr ab, denn irgendwann wird die atemlose Jagd auf Christian langweilig. Wir kennen dann seine Verfolger, ohne aber mehr Hintergrundinformationen zu erhalten, warum sie eigentlich hinter der Videokassette her sind. Obwohl uns Christian schon sympathisch ist, ist zu klar, dass er als Held der Geschichte überleben wird, als dass wir wirklich mit ihm mitfiebern. Natürlich möchten wir wissen, was das mysteriöse Videoband zeigt, doch Remes hält uns zu lange hin und klärt es dann doch zu unspektakulär auf. In der zweiten Hälfte habe ich nur noch schnell weiter gelesen, um endlich zu erfahren, was mit dem Flugzeug eigentlich passiert ist. Glücklicherweise trägt Remes‘ flüssiger und klarer Schreibstil sehr dazu bei, dass man das Buch ratzfatz durchgelesen hat.

Der Spannung abträglich ist auch die Flut von handelnden Figuren. Manche lernen wir nur |en passant| kennen, da Remes uns noch verschweigt, was die Personen bezwecken wollen, aber irgendwann war ich mir manchmal doch etwas unsicher, wohin ich die jeweiligen Charaktere sortieren sollte.

_Rätsel enträtselt_

Die Geschichte in „Hochzeitsflug“ ist völlig undurchschaubar und mysteriös. Das macht aber gerade die Faszination des Buches aus und verleitete mich immer wieder zum Weiterlesen. Was uns Ilkka Remes allerdings als Lösung präsentiert, konnte mich nicht hundertprozentig überzeugen. Die Auflösung der Rätsel ist schon reichlich abgefahren, sodass man mehrere Augen zudrücken sollte, um sich wirklich mit diesem Ende zufriedenzugeben. Wie jemand die Absturzopfer aus dem Flugzeug holen konnte, ohne dabei Spuren zu hinterlassen und wie tatsächlich einige den Absturz überleben konnten, blieb mir ebenso ein Rätsel wie die Frage, wieso bei der Säuberungsaktion Tinas Videokassette übersehen werden konnte.

Eine weitere Frage, die Remes früh aufwirft, ist die nach Tinas und Saras Vergangenheit. Die beiden haben einst zusammen in einer WG gewohnt, bis Christian sich gegen Sara und für Tina entschieden hat. Doch irgendetwas muss zwischen den beiden Frauen vorgefallen sein, denn Sara weicht Christians bohrenden Fragen immer wieder aus und deutet nur an, dass sie nicht darüber sprechen wolle. Was jedoch passiert ist, erfahren wir in diesem Buch nicht. Dieses Rätsel verpufft demnach leider völlig.

Auch handwerklich merkt man, dass es sich um eines der früheren Werke des finnischen Erfolgsautors handelt. So zeigt er zwar schon, dass er seine Leser mit seinem Schreibstil mitreißen kann, doch manchmal schleichen sich kleine Unstimmigkeiten ein. So gab es beispielsweise eine Szene zwischen Christian und Sylvia – die im Übrigen natürlich beide ein arg schweres Schicksal erlitten haben -, in der Sylvia eine winzige flapsige Bemerkung macht. Als Reaktion darauf geht Christian praktisch an die Decke und bezeichnet Sylvia als „verdammtes Miststück“, obwohl ihre Aussage keineswegs verletzend war! Nur zwei Absätze später ist Christians Ärger offensichtlich verpufft, denn da doziert er (in einer eigentlich recht bedrohlichen Situation) über die Funktionsweise des menschlichen Hirns. Echte Menschen würden sich definitiv anders verhalten.

Besonders authentisch sind die Charaktere in diesem Buch leider nicht. Christian Brück ist zwar durchaus sympathisch und auch Sara und Sylvia wachsen uns irgendwie ans Herz, aber die Geschichte, die Ilkka Remes seinen Hauptcharakteren angedichtet hat, scheint mir arg übertrieben. Keine der Figuren lebt ein normales Leben, alle sind vielmehr schwer gebeutelt, verletzt und kompliziert. Auch hier zeigt sich, dass Ilkka Remes im Laufe seiner schriftstellerischen Karriere einiges dazugelernt hat.

_Flitterwochen ausgefallen_

Unter dem Strich hat mich „Hochzeitsflug“ dennoch durchaus unterhalten. In nur drei Tagen hatte ich das Buch durchgelesen, weil der Spannungsbogen zunächst praktisch perfekt konstruiert war. Und auch als die Spannung abflachte, zogen mich die Cliffhanger und Remes‘ Schreibe weiter durch das Buch. An einigen Stellen zeigten sich handwerkliche Schwächen und auch die Auflösung überzeugte mich nicht vollkommen, dennoch eignet sich das vorliegende Buch sehr gut als unterhaltsame Urlaubslektüre, auch wenn die zahlreichen Charaktere mitunter etwas verwirren. „Hochzeitsflug“ ist sicherlich nicht Ilkka Remes‘ bestes Werk – das ist bis auf weiteres [„Das Erbe des Bösen“ 5468 – und es ist ganz bestimmt auch nicht „das Ereignis des Jahres“, aber das Zitat vom Buchrücken trifft dann doch gut zu: „ein Spannungsroman, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.“

|Originaltitel: Uhrilento, 2001
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
443 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-21117-8|
http://www.ilkka-remes.de
http://www.dtv.de
http://www.ilkkaremes.com

_Ilkka Remes auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Erbe des Bösen“ 5468
[„Ewige Nacht“ 2039
[„Das Hiroshima-Tor“ 2619
[„Blutglocke“ 3911
[„Höllensturz“ 3951

Stein, Garth – Enzo. Die Kunst, ein Mensch zu sein

Es ist eine Kunst, ein Mensch zu sein, vor allem, wenn man ein Hund ist! Enzo ist ein Hund, aber kein gewöhnlicher. Er beobachtet seine Mitmenschen ganz genau und würde zu gerne mit ihnen kommunizieren, doch bleiben ihm nur Gesten. Nun ist er alt und auf dem Weg, aus seinem Hundeleben auszuscheiden, um als Mensch wiedergeboren zu werden. Und so erzählt er uns seine lange und ereignisreiche Lebensgeschichte …

_Tierisch!_

Enzo lebt bei Denny, einem talentierten Rennfahrer, und teilt die Leidenschaft für schnelle Autos mit seinem Herrchen. Gemeinsam schauen sie sich die Rennen an, besonders die mit ihrem Idol Ayrton Senna (der im Übrigen gar nicht hätte sterben müssen, wenn er nur auf seine Intuition gehört hätte) und analysieren jede Kurve, jedes Abbremsen und Beschleunigen. Sie sind einfach unzertrennlich und ein eingespieltes Team, bis plötzlich Eve auftaucht und in Dennys Leben eine ganz wichtige Rolle einnimmt. Enzo ist zunächst eifersüchtig, stand er doch bislang immer im Mittelpunkt. Doch Enzo ist schlau und weiß, dass Denny Eve zwar liebt, dass ihm Enzo aber nach wie vor sehr wichtig ist. Als die Tochter Zoë geboren wird, ist das kleine Familienglück perfekt – zunächst.

Eve plagen immer häufiger starke Kopfschmerzen. Enzo spürt mit seiner feinen Nase, was mit ihr los ist, aber wieder einmal kann er sich nicht mitteilen, denn ihm fehlen die Worte. Insgeheim träumt er von einem Computer, der ähnlich wie bei Stephen Hawking seine Gedanken in Worte verwandelt, über die sich Enzo den Menschen mitteilen könnte.

Durch einen Sturz kommt alles ans Licht: Eve rutscht aus und fällt auf ihren Kopf. Denny vermutet eine Gehirnerschütterung und bringt sie ins Krankenhaus, vor dem Eve sich bislang immer mit Händen und Füßen gewehrt hatte. Dort erfahren alle die Wahrheit: Eve hat einen Tumor und ist unheilbar krank. Ihre letzten Monate verbringt sie bei ihren Eltern, die sie Tag für Tag pflegen können. Zoë zieht dort ebenfalls ein, um mehr Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen. Als Eve dann schließlich stirbt, verlangen die Großeltern das Sorgerecht für ihre Enkelin und stürzen Denny ins Unglück, der hart um seine Tochter kämpfen muss. In seiner schlimmsten Zeit ist es Enzo, der nie von seiner Seite weicht und versucht, ihm eine Stütze zu sein.

_Wuff!_

Tierische Romanhelden sind inzwischen gar nicht mehr so ungewöhnlich. Heutzutage lösen Schafe Kriminalfälle, aber auch Katzen, Hunde und Aale haben sich in diesem Metier schon hervorgetan. Und dennoch schlägt man ein solches Buch immer wieder mit einer gewissen Portion Skepsis auf, denn die Grenze zum Albernen ist bei tierischen Ich-Erzählern besonders schnell überschritten. Garth Stein überschreitet diese allerdings im gesamten Buch nicht – ganz im Gegenteil. Er verleiht Enzo dermaßen menschliche Züge, dass man zwischendurch manchmal vergessen könnte, dass wir einen tierischen Erzähler vor der Nase haben.

Enzo ist ein ganz besonderer Hund, er versteht die Menschen, er fühlt mit ihnen, er kommentiert ihre Gefühle und Taten, aber manchmal bleibt er doch sichtbar ein Hund, beispielsweise, wenn er den Sex zwischen Denny und Eve beschreibt und das genauso tut, wie ein Hund es vermutlich tun würde. Seine Sichtweise schwankt immer zwischen dem Hündischen und Menschlichen, wobei Letzteres meist überwiegt. Besonders bedauert er, dass er sich nicht über Worte mitteilen kann, denn oftmals weiß er eben doch mehr als die Menschen; so spürt er Eves tödliche Krankheit sehr früh und kann niemanden warnen. Erst als er mit Denny einige Runden in einem Rennauto drehen und per Bellen die Geschwindigkeit bestimmen darf, hat er ein Mittel gefunden, um seinem Herrchen zumindest zu bedeuten, dass es schneller gehen soll.

Der Mix aus tierischen und menschlichen Charakterzügen ist hervorragend gelungen. Besonders gefallen hat mir eine Szene, in der Enzo mit seinem recht menschlichen Einfühlungsvermögen eine Situation genau durchschaut und auch genau seine Grenzen kennt. Er möchte einen Menschen für seine Bosheit bestrafen und ergreift ganz listig tierische Mittel, indem er diesem ungeliebten Menschen einen stinkenden Haufen auf den teuren Teppich setzt. Hätte er den Menschen einfach gebissen, wäre er womöglich als bösartiger Hund abgestempelt und bestraft worden, aber so ist er einfach nur ein dummer Hund, dem es mal passieren kann, dass er sein Geschäft in der Wohnung verrichtet. Wer hätte ahnen können, dass dies Berechnung war?

Garth Stein zeichnet ganz hervorragende Charaktere. Neben Enzo sind Denny und Eve zu nennen. Leider lernen wir Eve nicht sonderlich gut kennen und wissen von Anfang an, dass sie sterben wird. Aber auch in der kurzen Zeit, die sie zu leben hat, erweist sie sich als ungewöhnliche Persönlichkeit, indem sie immer versucht, Stärke zu zeigen und sich ihre Schmerzen und die Krankheit nicht anmerken zu lassen. Sie will Denny glücklich machen und ihn nicht belasten. Neben Enzo ist aber vor allem Denny eine Stütze der Geschichte. Er sammelt nicht nur fleißig Sympathiepunkte, weil er Enzo so gut behandelt – und zwar tatsächlich oft eher wie einen Menschen -, sondern auch, weil er zu allen Menschen immer freundlich ist und sich nie unterkriegen lässt. Er kämpft um seine Tochter, auch wenn die Situation gänzlich ausweglos wird. Und dennoch schafft er es, sich und Zoë nie aufzugeben. Die Stärke, die er hier zeigt, fand ich beachtlich.

Möglicherweise drückt Garth Stein am Ende ein klein wenig zu sehr auf die Tränendrüse, indem er die Situation immer schlimmer werden lässt, bis eigentlich kein Fünkchen Hoffnung mehr bleibt. Mich persönlich hat das dennoch nicht gestört, da Stein nie ins Kitschige abdriftet.

_Mehr Mensch als Hund_

Das Buch funktioniert, weil Garth Stein es schafft, einen sympathischen Ich-Erzähler zu zeichnen, der uns damit beeindruckt, wie er Situationen durchschauen und Gefühle ausdrücken kann. Zwar fehlen Enzo die Worte, aber glücklicherweise nicht die Gedanken, und an denen können wir reichlich teilhaben. Da er sich nicht mitteilen kann, beschreibt er in Gedanken alles ganz genau für uns. Er kommentiert die Szenen, er durchschaut Menschen und ihre Pläne und analysiert das Leben oftmals anhand von Autorennen. Dank seiner Leidenschaft für Autorennen weiß er, dass man ein Rennen nur gewinnen kann, wenn man über die Ziellinie kommt, und dass ein Rennen nicht in der ersten Kurve gewonnen, sehr wohl aber verloren wird. Und so ist das Leben für Enzo auch ein Autorennen, anhand dessen er viele Situationen im wirklichen Leben genauestens analysieren kann. Wie Garth Stein dies umgesetzt hat, ist nicht nur einzigartig schön, sondern auch unglaublich einfühlsam.

„Enzo. Die Kunst, ein Mensch zu sein“ hat mich tief bewegt; der kleine Hund, der im Laufe der Geschichte alt und krank wird, wächst einem dermaßen ans Herz, dass man ihn gar nicht mehr verlassen möchte. Dieses Buch sollte man nicht verpassen!

|Siehe ergänzend dazu auch unsere [Rezension 5261 der Hörbuchfassung.|

Daniel Glattauer – Alle sieben Wellen

„Ich glaube nämlich, meine Buchstaben lesen sich auf dem Bildschirm besser, als sich mein Gesicht ansieht, wenn es die Buchstaben spricht. Vielleicht bist du schockiert, an wen du zwei Jahre lang Gedanken und Gefühle verschwendet hast, und welcher Art sie waren.“

Ein Treffen, das ist es, was sich Leo und Emmi immer noch wünschen. Während sie sich in [„Gut gegen Nordwind“ bis zum Schluss erfolgreich um das Treffen herumlaviert haben, lässt sie dieses Thema auch in der Fortsetzung des Bestsellers von Daniel Glattauer nicht los. Und dieses Mal scheint es endlich dazu zu kommen …

Aug‘ in Aug‘

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Birbæk (Birbaek), Michel – Nele & Paul

|“Aber ich kam nicht umhin festzustellen, dass die anderen Frauen in meinem Leben eine Urlaubsreise gewesen waren. Nele war meine Heimat. Sie war die Küste, an der ich später sitzen und übers Meer schauen wollte. Neleland.“|

Nele war und ist Pauls große Liebe. Er ist mit ihr zusammen aufgewachsen, hat mir ihr seine erste große Liebe erlebt – und seine einzige bis zum heutigen Tag. Nun ist er Anfang 30, einsam und wohnt immer noch bei seiner Mutter. Das tun eigentlich nur Serienmörder, wird Pauls Mutter nicht müde, ihm zu erklären.

Doch als Nele ihn vor neun Jahren verlassen hat, um in den USA als Model ihr Glück zu (ver)suchen, brach für Paul eine Welt zusammen. Er sprach mit niemandem und verlor bei einem Unfall nicht nur seinen Führerschein, sondern auch seinen Job im Außendienst bei der Polizei, da er schlappe zwei Promille Alkohol im Blut hatte.

Kurz: Pauls Leben ist keines, er ist nicht in seiner Heimat (dem Neleland), sondern auf einer Wanderschaft ohne Ziel. Keine Frau interessiert ihn oder kann ihm annähernd das geben, was Nele ihm bedeutet. Doch dann steht sie plötzlich vor ihm – sie ist zurück. Nach neun Jahren. Ihre einst langen Haare sind kurz geschnitten, ihre zarte Figur weiblicher geworden. Ihr Vater Hans ist gestorben, daher ist sie aus den USA zurückgekehrt. Doch dann gesteht sie Paul, dass sie bereits seit einigen Monaten wieder in Deutschland ist und in Köln gearbeitet hat, um das Pflegeheim ihres Vaters zu bezahlen.

All das trübt Pauls Wiedersehensfreude aber nicht, er ist einfach nur glücklich, seine große Liebe wieder an seiner Seite zu haben und endlich wieder angekommen zu sein in seinem Neleland. Die beiden erleben das pure Glück, auch wenn sie feststellen müssen, dass die Villa von Neles Vater völlig verwüstet und damit erst einmal unverkäuflich ist. Innerlich grinst Paul sich eins, denn die langwierige Renovierung wird Nele Wochen oder Monate an sich binden. So stürzt er sich mit Feuereifer in die Arbeit, unterstützt von seinem besten Freund und Kollegen Rokko, der zurzeit allerdings in einem haarigen Clinch mit seiner Lebensgefährtin Anita liegt.

Dennoch scheint alles perfekt, bis Paul eines abends unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückkehrt, denn plötzlich muss er erkennen, dass Nele nicht die Alte ist. Etwas verschweigt sie ihm. Was ist nur passiert?

_Die große Liebe_

Mit seinem hervorragenden und gefühlvollen Roman [„Beziehungswaise“ 3970 hat sich Michel Birbæk in mein Herz geschrieben. Das vorliegende Buch „Nele & Paul“ versprach, in die gleiche Kerbe zu schlagen. Und tatsächlich beginnt das Buch in gewohnter Manier: Paul ist verzweifelt und trauert seit neun Jahren seiner großen Liebe hinterher. Ihn interessieren nicht die Dorfschönheiten oder die Kontaktanzeigen, die ihm sein bester Kumpel Rokko ständig vorliest. Ihn interessiert nur Nele, sie ist sein Ein und Alles, und das nicht nur in einer verklärten Erinnerung. Denn als sie wieder vor ihm steht, scheint alles perfekt.

Hier zeichnet Michel Birbæk über lange Strecken ein perfektes Glück. Nele und Paul knüpfen dort an, wo sie vor neun Jahren aufhörten, und auch wenn sie eigene Erfahrungen gemacht haben, andere Partner hatten und reifer geworden sind, passen sie zusammen wie der Topf zum Deckel. Auch Pauls Mutter Mor, die nach einem Unfall nur noch ein Bein hat und nun keinen Mann mehr kennenlernt, der in ihr die liebenswerte Frau und nicht den Krüppel sieht, fasst wieder Mut und schmiedet Pläne für die Zukunft.

Alles ist perfekt. Bis Pauls heile Welt einen erneuten Riss bekommt. Von einem Moment auf den anderen erkennt er Nele nicht wieder. Sie ist völlig weggetreten, aggressiv und apathisch. Kurz darauf „erwacht“ sie aus diesem Zustand und kann sich an nichts erinnern. Was ist bloß los mit ihr? Ist etwas unvorstellbar Schlimmes geschehen? Oder ist sie gar schwer krank? Paul macht sich daran, es herauszufinden.

Das ist der Moment, in dem „Nele & Paul“ fast zu einem Krimi wird, denn auch der Leser will nun unbedingt wissen, was eigentlich geschehen ist, was Nele so sehr zusetzt. Leider zeichnet sich recht schnell ab, in welche Richtung es weitergeht. Und leider geht es in eine Richtung, die mir zu abgeschmackt vorkommt. Zu dramatisch ist das, was uns Birbæk hier präsentiert, zu weichgespült das, was darauf folgt. Seine Geschichte nimmt an diesem Punkt eine Wendung, die ich nicht stimmig fand und die mir nur konstruiert erschien, um dem perfekten Liebesglück mehr Authentizität zu verleihen. Schade, denn diese Wendung und das daraus unweigerlich folgende Buchende trübten meinen Gesamteindruck sehr. Eine solche Wendung würde besser zum ZDF-Sonntagabendfilm passen.

_Mehr als nur Worte_

Doch eine Stärke bringt Michel Birbæk mit, auf die er sich offensichtlich stets verlassen kann, nämlich sein Talent, Situationen und Gefühle in die passenden Worte zu verpacken. Birbæk findet treffende Metaphern, die mitunter ins Komische abdriften und dem Leser ein Lächeln ins Gesicht zaubern:

|“Als November merkte, dass niemand den Kühlschrank ansteuerte, trottete er zu seiner Decke und ließ sich dort fallen wie Andy Möller bei einem Windhauch.“|

Auch als Leserin hatte ich sofort Andy Möller vor Augen, der selbst dann filmreif zu Boden geht, wenn der gegnerische Spieler noch fünf Meter entfernt ist und eher eine Ahnung am Bildschirmrand. November ist übrigens der Hund von Paul – mit seinen unvergleichlich schönen Seidenohren, die Paul gern liebevoll streichelt.

Aber es sind nicht nur die Metaphern, sondern auch die herrlichen Übertreibungen, die Ausschmückungen, die uns Situationen genau vor Augen halten und mir immer wieder positiv aufgefallen sind:

|“Wäre Van Gogh anwesend gewesen, hätte er gemalt, Shakespeare hätte gedichtet, Rio komponiert. Aber es waren bloß Dorfbewohner da, und das Einzige an Kunst, das hier betrieben wurde, war der Versuch, nicht zu viel neben die Schüssel zu kotzen.“|

Zuvor beschrieb Birbæk die Anmut, in der Nele und ihre gute Freundin Anita eine Kneipe schmissen. Er beschreibt sie als zwei schöne Frauen, die vom Leben gezeichnet sind, die dadurch aber noch mehr Ausstrahlung besitzen und mit ihren Komplimenten die Kneipenbesucher zum Erröten bringen. Dennoch relativiert Birbæk die Schönheit des Momentes, da außer Paul niemandem auffällt, welch einzigartiges Schauspiel die beiden Frauen abliefern. Herrlich!

Aber auch schwarzer Humor ist Michel Birbæk nicht fremd, denn eine seiner Hauptfiguren ist Mor, die ihren Lebensmut nicht verliert, obwohl sie sich einsam fühlt und die Hoffnung aufgegeben hat, einen Mann kennenzulernen, der über das fehlende Bein hinwegsehen kann. Birbæks große Kunst ist es, diese Figur nie dramatisch zu zeichnen. Zwar ist Mor ebenfalls vom Schicksal schwer gezeichnet, ihr amputiertes Bein findet mindestens genauso oft Erwähnung wie der allgegenwärtige kleine Hund November, aber in keiner Situation tendiert man dazu, Mitleid für Mor aufzubringen, einfach deshalb, weil sie ihr Leben so gut meistert. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, streut Birbæk Sätze ein, die fast schon unverschämt schwarzhumorig sind, aber so perfekt zu ihm passen:

|“Sohn einer Behinderten schneidet sich aus Solidarität Bein ab! Gemeinsamer Schuhkauf möglich!“|

Michel Birbæks Sprache ist nie eintönig, nie langweilig. Einmal bringt er den Leser zum Lachen, dann aber auch wieder zum Träumen. Denn die Liebe steht in diesem Buch nun einmal im Vordergrund, und hierfür findet Michel Birbæk wunderbare Worte, die nicht ins Kitschige abdriften, sondern einfach nur eine tiefe Liebe zum Ausdruck bringen:

|“Sie sah mich einen Moment lang an, dann schloss sie die Augen, rollte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein. Ich lauschte in die Runde. Bis auf eine Amsel, die den Tag begrüßte, war nichts zu hören. Ich ließ meinen rechten Arm aus dem Bett hängen. November leckte mir die Hand. Ich suchte seine Seidenohren und streichelte sie. Links meine große Liebe, rechts meine tierische. Vielleicht würde ich für diese Nacht noch zu zahlen haben, aber was es auch kostete, nie würde mich jemand über den Preis jammern hören.“|

_Wie Topf und Deckel_

Im Mittelpunkt stehen, wie schon der Titel des Buches vermuten lässt, natürlich Nele und Paul. Die beiden verbindet eine gemeinsame Vergangenheit, die bis in die Kindheit der zwei zurückreicht, und vor allem eine ganz große Liebe, die auch nach neun Jahren Trennung nicht erloschen ist. Michel Birbæk zeichnet zwei sympathische Figuren, die in ihrem Leben viel erlebt haben und mitunter an ihrem Leid zu zerbrechen droh(t)en. Dadurch werden sie richtig menschlich, auch wenn die Liebe zueinander fast schon zu blütenweiß gewaschen scheint. Dennoch bleiben Paul und Nele stets greifbar und ihre Gefühle füreinander nachvollziehbar. Am Ende des Buches sind sie zu guten Freunden geworden, in deren Leben man einen kleinen Blick hineinwerfen durfte.

Fast noch besser gefallen hat mir aber Rokko – Pauls bester Freund, der mit ihm zusammen im Außendienst tätig war. Nach besagtem Unfall hat sich auch Rokko in den Innendienst zurückgezogen, um Paul Gesellschaft zu leisten. Eigentlich ist Rokko glücklich mit Anita liiert, doch dann zieht es ihn immer wieder zu anderen Frauen hin, was Anitas Geduld ziemlich strapaziert. Rokko ist ein Draufgängertyp mit einem schnellen Auto, der im Dienst nicht immer tut, was er soll. Dennoch verleiht Michel Birbæk ihm auch eine sehr gefühlsbetonte Seite.

Auch wenn November „nur“ ein kleiner Hund ist, lernen wir ihn fast so gut kennen wie die handelnden Personen. November ist allgegenwärtig. Er begleitet Paul beim Joggen, hechelt Mor in ihrem neuen schnellen Rollstuhl hinterher, er fängt all die Essensreste auf, die vom Tisch „fallen“ und er lässt sich immer wieder gerne die Seidenohren streicheln. Richtig schmunzeln musste ich, als Paul und Nele einen hohen Felsen erklimmen und von dort ins Wasser springen. Anschließend toben sie im Wasser und legen sich in Ufernähe auf eine Wiese, doch obwohl November den Weg nach unten kennt, bleibt er geduldig auf dem Felsen sitzen und wartet treu darauf, dass Paul ihn von dort abholt. Und auch wenn das einige Stunden dauern kann, so trägt November seinem Herrchen nichts nach, sondern begrüßt ihn freudig. So bekommt auch der kleine Hund richtig menschliche Züge.

_Abschied vom Neleland_

„Nele & Paul“ ist ein traumhaft schönes Buch, zumindest bis etwa hundert Seiten vor Schluss. Michel Birbæk erweckt seine Figuren zum Leben, sodass wir sie richtig liebgewinnen. Außerdem schafft er es mit seinen detaillierten Beschreibungen, uns in seine Geschichte hineinzuziehen. Es war wie ein Sog, der mich immer weiterlesen ließ – bis zu dem Punkt, an dem ich ahnte, wie sich alles auflösen würde. Nicht nur fand ich das Ende so vorhersehbar wie das Happy End bei Rosamunde Pilcher, sondern auch so abgeschmackt und kitschig, dass ich wirklich enttäuscht war. Dennoch ist „Nele & Paul“ ein echtes Wohlfühlbuch, das weit aus der Masse herausragt.

|397 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2350-0|
http://www.birbaek.de
http://www.luebbe.de

_Mehr von Michel Birbæk auf |Buchwurm.info|:_
[„Beziehungswaise“ 3970
[„Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=714

Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind

Das Internet – heute ist es mehr als eine Datenautobahn, auf der wir uns an allen Abzweigungen Informationen abholen und auf der wir uns an Kreuzungen mit Menschen treffen. Das Internet ist zu einer riesigen, globalen Kontaktbörse geworden. Doch welche Konsequenzen können sich daraus ergeben, wenn man sich erst virtuell kennen lernt – und das viel zu gut? Wenn man vorher einen Berg von Erwartungen aufbaut? Davon erzählt Daniel Glattauer – und zwar in wunderbaren, einfühlsamen Worten, so viel sei jetzt schon vorweggenommen.

Lieber Leo …

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Feldkirchner, Jennifer – Neue Abenteuer vom kleinen Stinktier Paule

Band 1: [„Paule das kleine Stinktier“ 4931

Paule ist zurück! Nachdem wir ihn schweren Herzens kurz nach seiner allerersten Schneeballschlacht verlassen mussten, weil er sich hundemüde zum Winterschlaf hingelegt hat, treffen wir ihn nun wieder. Und Jennifer Feldkirchner hat sich neue spannende Abenteuer für Paule und seine Freunde ausgedacht, die zudem liebevoll bebildert sind.

_Aus dem Winterschlaf erwacht_

Nach monatelangem Schlaf erwacht Paule im beginnenden Frühling. Doch der Rest von Müffelsdorf ist noch nicht so auf den Beinen. So stromert er los und sucht zunächst natürlich seine Freunde. Die taffe Bella ist bereits erwacht und bald stößt auch Lisa zu den beiden. Einer der ersten Wege führt die drei zu ihrer geheimen Höhle. Dort hat sich über den Winter der Staub eingenistet, sodass sie zunächst einen gründlichen Frühlingsputz machen müssen, bevor sie es sich auf ihrem Kuschelteppich gemütlich machen können.

In der Schule warten gute Neuigkeiten auf die kleinen Stinktiere: Die Lehrerin, Frau Stinki, unternimmt einen Ausflug mit ihren Schülern. Vor einem mysteriösen Hügel bleiben die Stinktiere stehen und wundern sich, was das Besondere daran sein soll. Noch haben sie nicht bemerkt, dass es sich um einen riesigen Termitenhügel handelt, aber schnell pieken die kleinen Biester den vorlauten Fritzi, und Frau Stinki erzählt ihren Schülern viel Lehrreiches über die kleinen Tierchen. Im Traum suchen Paule in der kommenden Nacht riesige Termiten auf, aber da er im Unterricht gut aufgepasst hat, kann er vor den übergroßen Termiten fliehen.

Opa Rosenbusch weiß wieder einmal einige spannende Geschichten zu erzählen, und hier erfahren wir auch, wie er seine geliebte Frau kennengelernt hat. Besonders lustig sind aber seine Ausflüge in eine Bierbrauerei und in einen Vergnügungspark; so wird selbst Opa Rosenbusch in der Achterbahn ganz blass um die Nase, und die Geisterbahn lehrt ihn schließlich das Fürchten, sodass Opa beschließt, nie wieder in einen Vergnügungspark zu gehen

Paule und seine Freunde erleben noch viel mehr spannende, lustige und gruselige Abenteuer. So lädt der Besuch auf dem Friedhof zum Fürchten ein, und auch die Rabenplage, die Müffelsdorf heimsucht, erinnert ein kleines bisschen an Hitchcocks „Vögel“, immerhin fressen die bösen Raben den Müffelsdorfer Stinktieren alle Vorräte weg! Am Ende wird natürlich alles gut, und wir verlassen Paule dieses Mal glücklich und zufrieden – mit einem wunderschönen neuen Spielplatz in der Schule.

_Das stinkt mir nicht_

Unser kleiner stinkender Romanheld Paule erlebt wieder einmal große Abenteuer – einige erlebt er in den Erzählungen seines Opas nach und andere wiederum geschehen nur im Traum. Die Geschichten sind in diesem zweiten Buch noch turbulenter als im Einstiegsband. Da ist nicht nur der gruselige Ausflug auf den Friedhof, bei dem die kleinen Stinktiere sich furchtbar erschrecken und sich auch in Paules Stimme ein Zittern einschleicht, sondern da tauchen auch noch die bedrohlichen Raben auf, die den Stinktieren das Haar vom Kopf wegfressen und sich nur mit einer List vertreiben lassen. Auch im Traum bekommt Paule einiges auf den Deckel und muss so manch brenzlige Situation überstehen – sei es der Kampf gegen eine fiese Wucherpflanze, die Flucht vor Riesentermiten oder sein tollpatschiges Auftreten in einer völlig gläsernen Welt, die er mit seinem Buschelschwanz ganz schön aus der Bahn bringt.

Paule ist ein herrlich unperfekter Held, mit dem sich sicherlich viele junge Leser wunderbar identifizieren können. Paule hat zwei nette Freundinnen, einen großartigen Opa und eine liebe Oma, die ihm stets Kekse vorsetzt, wenn er zu Besuch kommt. Außerdem erlebt er so einiges in seinem Leben, sodass ihm sicher nie langweilig wird. Aber er hebt dabei nie ab, sondern denkt immer auch an seine Freunde. Im einen Traum macht er gar ein trauriges Gespenst glücklich, in einer anderen Geschichte rettet er ein freundliches Stachelschwein. Perfekt ist Paule dennoch nicht, immerhin hat er diese kleine sympathische Schwäche, dass ihm ab und an – wenn er ganz schrecklich aufgeregt ist – eine grüne Stinkwolke entweicht.

Die anderen Figuren stehen dem natürlich in nichts nach, auch wenn man in diesem Buch nicht mehr ganz so viel über Lisa erfährt. Bella dagegen mausert sich zu einer ebenbürtigen Partnerin, die im sportlichen Wettkampf brilliert, als Monster verkleidet für Furore sorgt und es gar schafft, für ihre beiden besten Freunde einen Kinoabend auf die Stinktierbeine zu stellen. Lisa ist zwar immer mit dabei, doch bleibt sie inzwischen etwas im Hintergrund, was mich aber gar nicht störte, da mir Bella ohnehin viel besser gefällt mit ihrer ganz eigenen Art.

_Lustig, lehrreich, liebenswert_

Die Paulegeschichten richten sich natürlich vordergründig an Kinder und eignen sich auch hervorragend zum Vorlesen, aber dennoch haben auch jung gebliebene und etwas in die Jahre gekommene Leser ihre helle Freude an den lustigen Geschichten. Für Kinder findet sich einiges Lehrreiches, so lernen sie beispielsweise gemeinsam mit Paule und seinen Mitschülern einiges über das Leben von Termiten. Aus Paules Verhalten lässt sich aber noch mehr lernen; so ist er stets hilfsbereit und freundlich. Als ihm ein Stachelschwein begegnet, das sich verlaufen hat, bietet er gleich seine Hilfe an und sorgt dafür, dass das Stachelschwein wieder den rechten Weg findet. Besonders liebenswert fand ich aber, wie Paule versucht hat, im Traum das traurige Gespenst aufzumuntern, indem er ihm klar gemacht hat, dass es nun fliegen und sich unsichtbar machen kann. Auf solche Ideen muss man erstmal kommen – herrlich!

Sehr gut gefallen haben mir auch die Vorbereitungen zur Kostümparty, die alle Stinktierkinder engagiert in Angriff genommen haben, um unterstützt von ihren Eltern und Großeltern sensationelle Kostüme zu entwerfen. Aber auch den Bau eines Spielplatzes gehen die Stinktiere gemeinsam an, so planen die Kinder zunächst mit Frau Stinki zusammen, was alles gebaut werden soll und was man dafür braucht, und anschließend veranstalten sie einen Papa-Kind-Tag, um auch alles zu realisieren. Und wie so häufig, so ziehen alle Stinktiere in Müffelsdorf an einem Strang, sodass der Spielplatz erfolgreich entstehen kann.

_Die bunte Welt der Stinktiere_

So niedlich die Geschichten auch sind, so gut mir die Charaktere gefallen, so wären sie doch nichts (oder zumindest nicht viel) ohne die fantastischen Zeichnungen, die Jennifer Feldkirchner passend zu den meisten Szenen angefertigt hat. Auf manchen Seiten finden sich gleich mehrere Zeichnungen in Schwarzweiß, aber die Highlights sind natürlich die ganzseitigen Farbzeichnungen, die uns zeigen, wie farbenfroh es in der Welt der Stinktiere wirklich zugeht. In allen Bildern gibt es wieder einmal eine Menge zu entdecken, denn mitunter hat Jennifer Feldkirchner dort Details versteckt, die nicht immer zu der Geschichte gehören, das ganze Geschehen aber auflockern. So streckt ein freches Stinktierkind hinter Frau Stinkis Rücken die Zunge raus, in einem Bild seilt sich ganz unauffällig eine Spinne ab und auf einem anderen hat sich eine kleine Maus eingeschlichen.

Die Schwarzweiß-Zeichnungen kommen wie schon im ersten Band oft mit wenigen Strichen aus, und doch verleiht Jennifer Feldkirchner ihren Figuren immer den passenden Gesichtsausdruck und die passende Geste. Besonders lustig fand ich den betrunkenen Opa Rosenbusch, um den herum die Welt sich dreht, aber auch Paules oftmals stark schielende Augen sind einfach allerliebst.

Auch die neuen Abenteuer vom Stinktier Paule lassen sich immer wieder in die Hand nehmen und durchblättern, denn an den Zeichnungen kann man sich so schnell nicht sattsehen und auch in den Geschichten kann man durchaus häufiger stöbern. Und so warte ich jetzt schon darauf, dass ich das Buch irgendwann einmal einem lieben Patenkind schenken und vorlesen kann!

http://www.stinktier-paule.de

Meyer, Stephenie – Bis(s) zum Ende der Nacht (Bella und Edward 4)

Band 1: [„Bis(s) zum Morgengrauen“ 4600
Band 2: [„Bis(s) zur Mittagsstunde“ 4647
Band 3: [„Bis(s) zum Abendrot“ 5456

Der Abschlussband der vierteiligen Saga um Edward und Bella wurde von den Fans sehnsüchtig erwartet, versprach er doch endlich das Happy-End unserer beiden Hauptdarsteller, aber natürlich mischen sich wieder einmal Vampire ein, die das junge Glück zerstören wollen. Schauen wir uns an, wie Stephenie Meyer der Abschluss ihrer Tetralogie gelungen ist …

_Ja, ich will_

Endlich rückt der Tag der Hochzeit zwischen Bella und Edward näher. Alice ist fieberhaft mit Planungen befasst, und Bella fügt sich geduldig in ihr Schicksal, weil die Hochzeit endlich die Ewigkeit mit ihrem Geliebten verspricht. Und so feiern die beiden eine sagenumwobene Hochzeit, auf der sich neben den Menschen auch die Werwölfe und genügend Vampire tummeln. Doch da es sich ausschließlich um vegetarische Vampire handelt, befindet sich natürlich kein Mensch in Gefahr.

Von der Feier aus geht es direkt in die Flitterwochen, von denen sich Bella ihr „erstes Mal“ erhofft, denn mit ihren 18 Jahren ist sie jungfräulich in die Ehe gestartet. Das Ziel der Reise ist ihr noch fremd, und so überrascht sie Edward schließlich mit dem Besuch der „Insel Esme“, auf der ein einsames Häuschen auf die beiden wartet. Zunächst aber ziert Edward sich ein wenig, hat er doch Angst, seiner Bella wehzutun. Und so bestätigt das erste Mal, von dem Bella im Eifer des Gefechts einige blaue Flecken davonträgt, Edwards sämtliche Befürchtungen, sodass er sich von seiner Ehefrau zurückzieht. Aber schließlich kann Bella ihren Geliebten dennoch mit einigen typisch weiblichen Tricks (Alice hatte ihr genügend Reizwäsche eingepackt …) verführen. Dabei werden zwar einige Möbelstücke in Mitleidenschaft gezogen, aber Bella übersteht den Akt ohne Blessuren. Die beiden schwelgen in Liebesglück, bis Bella plötzlich von Übelkeit geplagt wird – sie ist schwanger!

Edward sieht, wie schnell die Schwangerschaft voranschreitet, und ist entsetzt. Schnellstmöglich bringt er seine Geliebte zurück nach Forks, wo Carlisle sich um seine sichtlich hochschwangere Schwiegertochter kümmern kann. Das Baby nämlich ist schon im Bauch besonders anspruchsvoll, tritt Bella immer wieder und bricht ihr schließlich auch einige Rippen. Erst als Bella Blut zu trinken bekommt, ist das Baby besänftigt und lässt die werdende Mutter etwas in Ruhe. Doch eins ist klar: Die Geburt wird Bella als Mensch nicht überstehen; und so kommt es, wie es kommen muss: Als sich die Tochter Renesmee (eine verwegene Kombination der beiden Oma-Namen Renée und Esme) ihren Weg in die Freiheit erkämpft, bricht sie Bella sogar das Rückgrat, und Edward muss schleunigst tätig werden, um Bella die Heilung zu ermöglichen. So wird sie zu einer Vampirin, und zwar zur außergewöhnlichsten, die die Familie Cullen je gesehen hat …

_Das erste Mal_

Lange haben die Fans der Serie auf die Hochzeit von Bella und Edward gewartet – auf den romantischen Höhepunkt der gesamten Reihe. Anschließend steigert Stephenie Meyer ihren Romantikfaktor noch, indem sie die beiden Verliebten auf eine verlassene Insel schickt, wo sie ihre Flitterwochen genießen dürfen. Als es dann aber zum ersten Mal kommt, erleben wir sie nur vor verschlossenen Türen mit, denn Meyer hüllt den Mantel des Schweigens über den Akt und berichtet hinterher lediglich von Bellas Blessuren, die sie dank ihrer äußersten Verzückung (wie hätte es anders sein können?) gar nicht spürt.

Da haben die Leser nun so lange auf diesen Moment gewartet, und aus anderen Vampirbüchern kennt man ja auch das teils ausschweifende Liebesleben der Blutsauger, doch Meyer traut sich nicht, die blütenweißen Westen ihrer Hauptcharaktere mit irgendwelchen Flecken zu versehen, und zieht sich daher schüchtern zurück. In dem Moment habe ich mich schon gefragt, an welche Altersgruppe sie sich mit ihrer Reihe wendet … Auch später, als Bella zur Vampirin geworden ist und die beiden sich Nacht für Nacht im Bett verausgaben (denn Vampire brauchen keinen Schlaf), gibt sich Stephenie Meyer mit winzigsten Andeutungen zufrieden. Insgesamt passt das zwar zu ihren sterilen Figuren, aber nicht zu ihrem ansonsten mehr als ausschweifenden Schreibstil, in dem praktisch jede Fliege an der Wand mit einem Absatz Erwähnung findet …

So kommt es auch, dass bis zur Geburt der Tochter nahezu das halbe Buch – also rund 400 Seiten – vergangen ist, obwohl außer Hochzeit, Flitterwochen und stark verkürzter Schwangerschaft nichts passierte. Hier schwafelt Stephenie Meyer definitiv zu viel und ich fühlte mich von ihren Ausschweifungen mehr als einmal regelrecht genervt, insbesondere, da der zweite Teil des Buches auch noch aus Jacobs Sicht geschrieben ist, denn seine Gedanken interessierten mich herzlich wenig.

Wie auch schon in den Büchern zuvor, ist sich Stephenie Meyer nie zu schade, Edwards Perfektion in den blühendsten Worten zu beschreiben, dabei hat selbst der langsamste Leser spätestens am Ende von Band eins begriffen, dass Edwards Haut perfekt ist, seine Augen so tief, als könnte man darin versinken, sein Körper gottgleich und makellos und sein Wesen das reinste, das der |Weiße Riese| nur zaubern kann. Als er sich erstmals vor Bella entblößt, bleibt ihr folglich die Sprache weg, doch auch das tollpatschige Mädchen, für das bislang einzig Edward Augen hatte, erstrahlt als Vampirin zu ganz neuer Blüte und wird fortan mit einem Model verwechselt. Ecken und Kanten sucht man in sämtlichen Charakteren nun vergebens.

Stephenie Meyer trennt ihre Charaktere ganz klar in Gut und Böse auf, und dass am Ende selbstverständlich keinem Guten auch nur ein Haar gekrümmt wird, dürfte wohl kaum einen Leser noch überraschen …

_Charakterliche Veränderungen_

Bella verwandelt sich in diesem Buch nicht als Einzige: Da sie zur Vampirin wird, ist es nur stimmig, dass sich auch ihr Wesen verändert, doch erstrahlt sie in so hellem Licht, dass mir praktisch schlecht wurde von ihrer neuen Perfektion. So ist Bella vom ersten Tag als Vampirin an gefeit vor Menschenblut und versucht nicht einmal, einen Menschen anzugreifen. Bislang ist das noch nie passiert, aber es tauchen auch noch andere ungewöhnliche Fähigkeiten auf, die nicht wirklich authentisch wirken.

Auch Jacob macht einige Veränderungen durch. Natürlich trottelt er Bella weiterhin treudoof hinterher, unterstützt die Cullens, wo es nur geht, und gibt schließlich auch sein Einverständnis, dass Edward seine Bella ungestraft zur Vampirin machen darf. Eigentlich verstößt ein solches Handeln gegen den Pakt zwischen Vampiren und Werwölfen, doch könnte Jacob es natürlich nicht ertragen, Bella ein Haar zu krümmen. Alles wird aber anders mit der Geburt der ganz besonderen Tochter mit dem selten doofen Namen Renesmee, die Jacob sogleich als die Richtige für sich erkennt. Von nun an ist Bella bei ihm abgemeldet und der Werwolf weicht nicht von Renesmees Seite, auch wenn sie ihn immer mal wieder ein bisschen „ansaugt“, weil sie Blut schmecken möchte.

Nun steht der Freundschaft zwischen Bella und Jacob nichts mehr im Wege, was auch Edward sogleich bemerkt, der zu Jacobs bestem Freund aufsteigt. Endlich herrscht bei den dreien Friede, Freude, Eierkuchen.

Fand ich die ewige, unvergleichlich große Liebe zwischen Bella und Edward im ersten Band lediglich weichgespült, so glänzt sie hier dermaßen strahlend, dass mir die Worte fehlen. Die beiden stört das wenig: Sie verstehen sich auch ohne Worte, lieben sich so sehr, dass sie die Ewigkeit miteinander verbringen möchten, und nichts trübt ihre Liebe. Es gibt keine Missverständnisse, keinen Streit, keinen Zwist, nichts! Selbst die Streitereien wegen Jacob entfallen, was den Charakteren nun sämtliche Glaubwürdigkeit raubt.

Auch Bellas Eltern spielen kleine Rollen in dieser Posse; so ist Charlie zwar der Einzige, der leichte Bedenken anmeldet, als seine gerade mal 18-jährige Tochter heiraten möchte, während Renée sich gleich freudestrahlend in die Hochzeitsvorbereitungen stürzt und mit der Familie Cullen anfreundet, weil sie merkt, dass Bella ihre ganz große Liebe getroffen hat (welches Mädchen dachte das nicht, als es seinen ersten Freund hatte?). Später schaltet selbst Charlie sein Hirn ab, als er einfach akzeptiert, dass Jacob ein Werwolf ist und auch Bella sich verändert hat. Mehr will Charlie nicht wissen, auch wenn er ahnen muss, dass hier einiges mehr als ungewöhnlich ist. Welcher Vater würde sich so verhalten? Wohl keiner.

_Zäh wie Kaugummi_

So sehr ich mich auf den Schlussband gefreut hatte, so enttäuscht war ich schließlich. Wieder einmal hat der Lektor vergessen, mit dem Rotstift großzügig durch das Buch zu gehen und alles Überflüssige wegzulektorieren. Aber damit nicht genug, quält uns Stephenie Meyer nun mit noch strahlenderen Figuren, mit noch perfekteren Charakteren (und dabei dachte ich, dass man perfekt gar nicht mehr steigern kann …) und schließlich natürlich mit dem Sieg der Guten über die Bösen (hier verrate ich nicht zu viel, mit diesem Ende musste sicher jeder rechnen). Unter dem Strich ist das Buch somit gerade einmal für einen Kindergeburtstag geeignet, was auch dazu passt, dass Stephenie Meyer ganz verschämt sämtliche Informationen aus dem Liebesleben der Vampire auslässt.

Ich hätte das Buch gerne für gut befunden, doch leider schwächelt es nicht nur handwerklich, sondern vor allem inhaltlich. Zu wenig passiert auf der Handlungsebene, was einen mehr als 800-seitigen Schinken gerechtfertigt hätte, zudem entwickeln sich die Charaktere in eine äußerst abstruse Richtung, und leider hat es Stephenie Meyer nicht übers Herz gebracht, mal einen ihrer Guten zu opfern, um ihrer Geschichte einen Hauch an Glaubwürdigkeit zu verleihen. Und somit bin ich nun schlussendlich froh, dass die Bis(s)-Saga ein Ende gefunden hat und ich mich anderer Lektüre widmen kann – schade!

|Originaltitel: Breaking Dawn
Übersetzt von Sylke Hachmeister
860 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Empfohlen ab 14 Jahren
ISBN-13: 978-3-551-58199-0|

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Außerdem von Stephenie Meyer auf |Buchwurm.info|:

[„Seelen“ 5363

Die drei ??? – Zwillinge der Finsternis (Band 141)

Der Teufel in Rocky Beach?

Die Geschichte beginnt wie schon andere zuvor: Titus Jonas sitzt mit seinem Neffen bei einer Auktion, um neuen Trödel zu ersteigern. Dieses Mal geht es um den Nachlass des reichen Horace Vanderbilt. Und tatsächlich kann Titus einige Schnäppchen machen, auch wenn er sich von dem 150 Dollar teuren silbernen Klopapierhalter fernhält. Neben Stühlen findet sich in seiner Ausbeute eine Kiste mit Büchern, die bei der Auktion verramscht wurde. Als Justus seinem Onkel nach der Auktion dabei hilft, das Zeug in den Lieferwagen zu bringen, muss er zu seinem Leidwesen erkennen, dass der Wagen einen Platten hat und er sich nun nicht nur mit dem schweren Trödel abplagen muss, sondern auch noch mit einem nervigen Reifenwechsel.

Die drei ??? – Zwillinge der Finsternis (Band 141) weiterlesen

Paasilinna, Arto – liebe Gott macht blau, Der

|“Gott ist ein gutaussehender Mann. Er ist 178 Zentimeter groß, ein wenig stämmig, aber wohlproportioniert und von aufrechter Haltung. Seine Gesichtszüge sind ebenmäßig, mit gerader Nase und hoher Stirn, der Blick ist von sanfter Bestimmtheit, wenn auch recht müde.“|

Gott braucht Urlaub, die Menschheit macht ihm zu sehr zu schaffen. Die Schöpfung der Erde hat ihm anfangs viel Freude bereitet, doch inzwischen ist er seiner Aufgabe überdrüssig geworden. Gott braucht eine Auszeit, doch seine beiden rechten Hände – der Erzengel Gabriel und der heilige Petrus – wollen seine Vertretung nicht übernehmen. Es muss also ein Mensch gefunden werden, der für ein Jahr Gottes Aufgaben übernehmen kann. So machen sich alle Engel im Himmel – der sich im Übrigen in einer alten bulgarischen Schlossruine befindet – daran, die Gebete nach einem würdigen Vertreter zu durchforsten.

Nach viel Arbeit wird die Liste der möglichen Kandidaten immer kleiner – der Papst ist allerdings nicht einmal in die Endrunde gelangt, da er nur aus Gewohnheit betet, aber gar nicht an Gott glaubt. Der finnische Kranfahrer Pirjeri Ryynänen dagegen betet ausgerechnet in der entscheidenden Woche besonders inbrünstig – und zwar nicht um sein eigenes Wohl, sondern um das seiner Lebensgefährtin. Sein Gebet kommt von Herzen und so gelangt er schließlich in die Endrunde, wo er von Gott höchstpersönlich, wenn auch durch einen kleinen Zufall (oder gibt es den gar nicht?), ausgewählt wird.

Als der heilige Petrus schließlich in Pirjeris Krankabine vorbeischaut, glaubt der Finne ihm natürlich kein Wort. Er verlangt ein Wunder von Petrus, um sich zu vergewissern, dass er nicht von einem durchgeknallten Alten verschaukelt wird. Und so fordert Pirjeri, dass sein unglücklicher Freund Torsti Rahikainen zu Geld gelangt, damit dieser endlich seine Wünsche und Träume verwirklichen zu können. So beratschlagen Petrus und Gabriel gemeinsam, wie sie auf nicht allzu verwerfliche Weise an viel Geld gelangen, und luchsen es kurzerhand einem unsympathischen Bankdirektor ab.

Als Pirjeri sich davon überzeugt hat, dass sein Freund Torsti tatsächlich reich geworden ist, tritt er pflichtbewusst seinen neuen Job an und begibt sich nach Bulgarien in den Himmel. Dort lernt er Gott kennen, der ihm göttliche Fähigkeiten verleiht, mit denen Pirjeri beispielsweise das Wetter kontrollieren kann. Nachdem Pirjeri seine göttlichen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat, widmet Gott sich seiner verdienten Auszeit und lässt Pirjeri schalten und walten. Der hat auch sogleich nicht nur mit dem Wetter zu kämpfen, sondern mit Satan höchstpersönlich. Außerdem findet er die bulgarische Schlossruine als Himmel absolut unpassend, und so will er sich neben dem Weltfrieden auch um die Umsiedlung des Himmels kümmern …

_Urlaubsvertretung_

Wieder einmal hat Arto Paasilinna sich eine vollkommen abstruse Geschichte ausgedacht: Er zeichnet einen Gott, der nicht nur menschlich aussieht, sondern sich auch mit völlig menschlichen Problemen herumschlägt: Er braucht Urlaub, denn er ist müde von seinen eigenen Geschöpfen. Und nun muss ein menschlicher, aber doch würdiger Vertreter für Gott gefunden werden. Das kann natürlich niemand anderer sein als ein liebenswerter Finne.

Der Arbeitsalltag im Himmel raubt Pirjeri so manch eine Illusion, insbesondere die alte Schlossruine kann er nicht hinnehmen als Sitz des Himmels, und so beginnt er mit der Suche nach einer geeigneten Alternative, die am besten in seiner Heimat Finnland liegen sollte. Und genau hier findet er eine riesige verlassene Kirche, die ihm würdig genug erscheint. Nur Petrus und Gabriel reagieren nicht ganz so begeistert auf die vielen Veränderungen und bereuen es bereits, Pirjeri nicht rechtzeitig aussortiert zu haben. Zähneknirschend fügen sie sich in ihr Schicksal und helfen Pirjeri bei seinem Vorhaben. Und so nimmt der Umzug schließlich einen Großteil des göttlichen Arbeitsalltags ein. Ganz nebenbei wendet Pirjeri schlimme Naturkatastrophen ab, er kämpft gegen Satan, besucht zwischendurch seine Lebensgefährtin und sorgt sich um die Krisenregionen auf der Welt.

Ein zweiter Erzählstrang widmet sich Torsti Rahikainen, der zunächst eine Weltreise unternimmt, sich aber zwischendurch immer wieder in Schwierigkeiten bringt. So begleitet ihn stets sein Schutzengel Konko-Hito, der schließlich so oft eingreifen muss, dass Gott ihn gezwungenermaßen zu einem Schutzheiligen befördert.

Inhaltlich gibt die Geschichte leider nicht viel her; der Umzug des Himmels trägt nicht für das ganze Buch und auch die Nebenhandlung mit Torsti störte mich zunehmend, weil Torsti sich einfach zu tollpatschig und unbeholfen benimmt. So gut mir Arto Paasilinnas Idee mit einem Urlaub machenden Gott gefallen hat, so unzufrieden war ich dieses Mal mit der Umsetzung der Story. Mir schien es, als hätte Paasilinna sich zu sehr auf seinem Grundgedanken ausgeruht, doch damit alleine ist es eben nicht getan. Pirjeris „Regierungszeit“ empfand ich als lange literarische Durststrecke, da abgesehen von einigen Wettergeschehnissen, einem nervenden Satan, dem Umzug des Himmels und dem nervigen Torsti wenig passiert. Und immer wieder kommt Paasilinna auf diese Dinge zurück, sodass sich die gesamte Geschichte im Kreis dreht, ohne aber recht voranzukommen.

Nur selten blitzt Arto Paasilinnas einzigartiger Humor auf, nur selten zeigt er seinen gewohnten Ideenreichtum, und auch auf seinen Wortwitz kann er sich dieses Mal nur selten verlassen. Manch einer mag sich zudem daran stören, dass Paasilinna es wagt, einen „menschelnden Gott“ zu zeichnen, der seiner Aufgabe überdrüssig ist und die Herrschaft über die Welt lieber einem Kranfahrer überlässt.

Insgesamt war ich ein wenig enttäuscht von dem vorliegenden Buch, da ich weiß, dass Arto Paasilinna es deutlich besser kann. Verglichen mit seinen anderen Werken fällt „Der liebe Gott macht blau“ etwas ab, auch wenn ich die Grundidee zu diesem Buch wirklich großartig fand.

|Originaltitel: Auta armias
Aus dem Finnischen von Regine Prische
283 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-1621-2|
http://www.edition-luebbe.de

_Arto Paasilinna auf |Buchwurm.info|:_

[„Vorstandssitzung im Paradies“ 637
[„Im Jenseits ist die Hölle los“ 640
[„Nördlich des Weltuntergangs“ 1573
[„Der wunderbare Massenselbstmord“ 3554 (Hörbuch)
[„Adams Pech, die Welt zu retten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=4586
[„Adams Pech, die Welt zu retten“ 4659 (Hörbuch)

Henning Mankell / Rainer Clute – Begegnung am Nachmittag (Hörspiel)

Henning Mankell ist nicht nur einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Neuzeit, sondern auch einer der vielseitigsten. Einen Namen gemacht hat er sich mit seiner legendären Krimireihe rund um den kauzigen Kommissar Kurt Wallander, den Millionen Krimifans weltweit ins Herz geschlossen haben. In seinen gefühlvollen Romanen über Afrika verarbeitet Mankell, der mehr als die Hälfte des Jahres in Mosambik lebt, seine Erlebnisse auf dem schwarzen Kontinent. Dass er auch ein exzellenter Menschenkenner ist, beweist er in der neuen Hörspielproduktion, in der Nadja Tiller und Walter Giller die Sprecherrollen übernommen haben.

Ich kenne dich nicht mehr

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Meyer, Stephenie – Bis(s) zum Abendrot (Bella und Edward 3)

|Bella und Edward:|

Band 1: [„Bis(s) zum Morgengrauen“ 4600
Band 2: [„Bis(s) zur Mittagsstunde“ 4647
Band 3: „Bis(s) zum Abendrot“

_Leben oder Ewigkeit?_

Edward ist zurück und die Gefahr durch die Volturi vorerst gebannt. Doch immer steht eines zwischen Bella und Edward: Er möchte nicht, dass sie ihre Sterblichkeit aufgibt und zur Vampirin wird. Durch einen geschickten Schachzug aber hat Bella sich den Rückhalt der Cullens gesichert und Carlisle das Versprechen abgerungen, dass er sie nach ihrem Schulabschluss zur Vampirin machen wird. Edward ist nach wie vor dagegen, bietet dann aber doch an, diesen ‚Job‘ selbst zu übernehmen – unter einer Bedingung, und zwar, dass sie ihn vorher heiratet! Komischerweise trifft er dabei einen Nerv bei seiner menschlichen Freundin, denn das Ja-Wort will sie ihm nicht geben, viel lieber möchte sie noch als Mensch mit ihm schlafen. Und so tragen die beiden ganz menschliche Teenagerkonflikte miteinander aus …

Die Freundschaft zwischen Bella und Jacob ist derweil abgekühlt. Edward erlaubt nicht, dass sie sich dem jungen Werwolf nähert, denn er fürchtet, dass Jacob Bella ungewollt etwas antun könnte. Auch kann Alice Bellas Zukunft nicht mehr sehen, sobald ein Werwolf in ihrer Nähe ist – und das macht allen Vampiren Angst. Jacob dagegen sehnt sich weiter nach Bella und wähnt sich am Ziel seiner Träume, als Bella beginnt, seine Gefühle zu erwidern. So muss sich Bella also zwischen ihren beiden übermenschlichen Verehrern entscheiden: zwischen Jacob, der ihr ein Leben als Mensch ermöglichen würde und mir ihr zusammen alt werden und sterben könnte, und Edward, der ewig jung bleiben wird und für den Bella ihre Sterblichkeit aufgeben müsste.

Doch dieser Konflikt rückt in den Hintergrund, als merkwürdige Dinge in Forks geschehen: Schon seit langem ist Seattle durch eine mysteriöse Mordserie in die Schlagzeilen gerückt. Was die Menschen aber nicht wissen: Es sind junge Vampire, die dort ihr Unwesen treiben, weil sie sich noch nicht im Griff haben. Bald darauf fehlen Bella einige Dinge aus ihrem Zimmer, und Edward riecht, dass ein fremder Vampir dort gewesen sein muss. Allerdings war es nicht Victoria, die ja immer noch nach Bellas Leben trachtet. Wer hat es hier auf Bella abgesehen? Es dauert nicht lange, bis es eine wild gewordene Meute junger Vampire nach Forks verschlägt, um Bella zu stellen und den Cullens einen vernichtenden Schlag beizubringen …

_Liebe mit Hindernissen_

Nach der langen Durststrecke im zweiten Band besinnt sich Stephenie Meyer im vorliegenden dritten Teil ihrer Edward-und-Bella-Reihe auf die bekannten Erfolgsfaktoren: ihre beiden Hauptcharaktere Edward und Bella und natürlich die aufkeimende Liebe zwischen den beiden. Darüber hinaus spickt sie die Geschichte mit einem Nebenbuhler, der immer stärker wird, nämlich Jacob Black. Während Jacob im zweiten Teil ’nur‘ ein sehr guter Freund war (wenngleich er zu der Zeit schon unsterblich in Bella verliebt war), so entdeckt Bella nun, dass er doch mehr ist als ein Freund und sie ohne ihn auch nicht leben kann. Nur wen liebt sie mehr? Und welches Leben möchte sie leben? Eines als Vampirin an Edwards Seite oder eines als Mensch mit Jacob? Für Jacob müsste sie ihre Familie und Freunde nicht aufgeben, für Edward schon. Und so zweifelt sie immer mehr, obwohl sie sich ihrer Liebe zu Edward bislang so sicher gewesen ist.

In Anbetracht der Tatsache, dass Bella gerade einmal 19 ist und mit Edward – immerhin einem Vampir, der sie locker töten könnte, wenn er sich nicht mehr im Griff hat – ihre erste große Liebe erlebt, erschien es mir ausgesprochen stimmig, dass Bella nun auch Zweifel spürt. Seltsam wäre es gewesen, wenn sie sich weiter so sicher wie zuvor gewesen wäre. Immerhin könnte Jacob ihr sogar mehr bieten als Edward – nämlich ihre Menschlichkeit. So schwankt sie nun hin und her und ist sich plötzlich auch gar nicht mehr so sicher, ob sie wirklich schnellstmöglich zur Vampirin werden möchte. Ganz im Gegenteil. Je näher dieser Termin rückt, umso größer werden die Zweifel und umso mehr Angst empfindet Bella. Kann sie ihre Eltern wirklich aufgeben?

Zuvor möchte sie auf jeden Fall mit Edward schlafen – es wäre ihr erstes Mal. Doch ausgerechnet diesen Wunsch möchte er ihr nicht erfüllen, aus Angst, dass er sich dann nicht mehr im Griff hätte und seiner Liebsten etwas antun könnte. Die Liebe zwischen den beiden wird somit immer problematischer, was ja auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass sie in ihrem jungen Alter bereits die Hochzeit und die gemeinsame Ewigkeit planen. So erscheint es ganz natürlich, dass bei Bella nun die Torschlusspanik anklopft. Dennoch sammelt sie beim Leser dadurch Minuspunkte, denn die Lesersympathien sind weiterhin klar verteilt: Stephenie Meyer gibt Jacob zwar einige positive Seiten mit, doch Edwards Vorsprung war einfach uneinholbar groß, sodass man beim Lesen nur ihm sein Happyend mit Bella wünscht. Im Übrigen besitzt Jacob, der Bella wie ein treudoofes Schoßhündchen hinterherläuft, durchaus ein ziemliches ‚Nervpotenzial‘.

Insgesamt gefiel es mir aber sehr gut, dass Bella erwachsener geworden ist. Zwar kann man ihren Stimmungs- und Gefühlsschwankungen als Leser nicht immer folgen, doch so ist das nun einmal in Zeiten der ersten großen Liebe.

_Schlacht der Vampire_

Neben der Liebesgeschichte eröffnet Stephenie Meyer wieder ihren Handlungsstrang rund um Victoria. Diese hat immer noch eine Rechnung mit Edward offen, da dieser Victorias große Liebe besiegt und getötet hat. Und so hat Victoria längst beschlossen, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen, indem sie Bella tötet. Im zweiten Teil ist ihr dies nicht gelungen, doch nun hat sie sich praktisch eine Armee junger, blutrünstiger Vampire herangezogen. Und gegen diese müssen nun die Cullens antreten. Unerwartete Hilfe erhalten sie von den Werwölfen, denn auch Jacob möchte natürlich seine Angebetete vor den Vampiren schützen. Angeführt wird die Meute aus Vampiren und Werwölfen von Jasper, der sich bestens auskennt mit jungen Vampiren.

Der Spannungsaufbau in dieser Handlungsebene gefiel mir zunächst sehr gut. Während die Bedrohung in Seattle zunächst völlig im Hintergrund bleibt und nichts mit der eigentlichen Geschichte in Forks zu tun hat, wächst die Bedrohung bald an, als Bella und die Cullens erkennen müssen, dass die Vampire in Seattle sich auf die Schlacht in Forks vorbereiten. So fiebert der Leser der großen und alles entscheidenden Schlacht entgegen, in der die Cullens zahlenmäßig zunächst unterlegen sind – bis Jacob seine Meute mit in die Schlacht schickt.

Bella hält derweil Edward von der Schlacht fern, da sie sich nicht von ihm trennen möchte. Aber natürlich hat Victoria dies vorhergesehen, sodass sie ihre Vampire Edward auf die Pelle rücken lässt, um über ihn auch an Bella zu geraten. Und dann geht alles ganz schnell; bevor man weiß, wie einem geschieht, ist die Schlacht geschlagen. An dieser Stelle erscheint mir Stephenie Meyers Erzählung doch etwas lieblos, denn hier hätte sie noch weitere Spannung aufbauen können, stattdessen verpufft diese schlagartig – schade!

_Dreiecksliebe_

Nach dem schwachen zweiten Band hat sich Stephenie Meyer wieder in mein Herz geschrieben. Sie besinnt sich auf ihre Stärken und auch auf diejenigen ihrer Geschichte. Auf Edward müssen wir hier nirgends verzichten, allerdings wankt die ehemals ach so große Liebe zwischen Bella und Edward, da sie sich nun ausmalt, wie ihre Zukunft mit Jacob aussehen könnte. Dadurch gewinnt die Geschichte an Brisanz, auch wenn der Leser natürlich weiterhin nur mit Edward mitfiebert. Wie jeder normale Teenager kämpft auch Bella mit ihren widerstreitenden Gefühlen und ihrem Wunsch, ihr erstes Mal zu erleben. Hier entführt uns Stephenie Meyer wieder einmal in unsere eigene Jugend und ruft Erinnerungen hervor, die zum Träumen verleiten.

Das vorliegende Buch zeigt wieder deutlich mehr Tempo als der Vorgänger, da Edward von Beginn an dabei ist und sich die große Schlacht der Vampire abzeichnet, und natürlich haben am Ende auch die Volturi noch ein Wörtchen mitzureden, welche die Cullens nur unter der Bedingung aus ihren Fängen entlassen haben, dass Edward aus Bella eine Vampirin macht. Ob es wirklich dazu kommen wird, verrät uns Stephenie Meyer allerdings höchstens im Abschlussband ihrer Tetralogie, den ich mir schnellstmöglich zu Gemüte führen werde, um endlich zu erfahren, wie die Geschichte um Bella und Edward nun ausgeht.

|Originaltitel: Eclipse
619 Seiten, gebunden
Empfohlen ab 14 Jahren
ISBN-13: 978-3-551-58166-2|

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[„Seelen“ 5363

Meyer, Stephenie – Bis(s) zur Mittagsstunde (Bella und Edward 2)

|Bella und Edward|:
Band 1: [„Bis(s) zum Morgengrauen“ 4600
Band 2: „Bis(s) zur Mittagsstunde“
Band 3: „Bis(s) zum Abendrot“

Schon im ersten Band der Bis(s)-Reihe von Stephenie Meyer habe ich mich regelrecht festgebissen. Die Autorin hat es geschafft, ihre Leserinnen (und vielleicht auch einige Leser), zurück in die Jugend und in die Zeit der ersten großen Liebe zu versetzen. Vermutlich ist es diese „Zeitreise“, diese Träumerei, die den Erfolg des Buches bzw. der ganzen Reihe ausmacht. Jedenfalls musste nun auch schleunigst die Fortsetzung her, denn allzu lange wollte ich Edward und Bella nicht alleine lassen. Darüber hinaus war ich einfach gespannt darauf, ob Edward Bellas Wunsch, sie zur Vampirin zu machen, nachgibt oder nicht.

_Ein neuer Mond_

Nachdem Bella – wenn auch mit einigen Blessuren und ausgesprochen knapp – den Angriff eines wildgewordenen Vampirs im ersten Band überlebt hat, leben Edward und Bella in scheinbarem Frieden ihre Liebe aus. Doch dann steht Bellas Geburtstag vor der Tür, der alles ändern soll. Bella ist es natürlich überhaupt nicht recht, dass sie mit diesem Geburtstag nun zumindest auf dem Papier älter werden wird, als Edward es jemals sein wird. 18 klingt für sie schrecklich alt, und Albträume plagen sie, in denen sie sich im Greisinnenalter sieht, während Edward nach wie vor in der Blüte seiner Jugend steht.

All dies verleidet ihr den Wunsch nach einer Geburtstagsfeier und Geschenken, doch Alice und Edward zuliebe lässt sie sich darauf ein, mit den Cullens zusammen ihren Ehrentag zu feiern. Geschenke wünscht sie sich nicht, aber dennoch kann sie nicht verhindern, dass sie einige Päckchen erhält. Als sie eines öffnen will, unterläuft ihr ein kleiner, aber alles entscheidender Fehler: Sie schneidet sich an dem Papier und beginnt zu bluten. Jasper ist nicht mehr zu bändigen und will Bella sofort aussaugen, doch Edward und Carlisle können dies verhindern. Edward aber verdeutlicht diese Szene, wie gefährlich seine Beziehung zu Bella ist. Und so kommt es, wie es kommen muss: Schweren Herzens trennt er sich von ihr und zieht mit seiner Familie fort.

Bella ist am Boden zerstört. Monate vergehen, bevor sie überhaupt wieder einigermaßen am Leben teilnehmen kann. In dieser Situation wird Jacob Black zu ihrer wichtigsten Stütze. Gleichzeitig sehnt sie sich nach Abenteuern und der Gefahr, denn sie merkt, dass in diesen Situationen Edwards Stimme zu ihr spricht. So beginnt sie mit dem Motorradfahren und springt von Klippen, nur damit sie Edward bzw. seiner Stimme nah sein kann. Täglich trifft sie sich mit Jacob, der zu ihrem Rettungsanker wird. Doch dabei merkt Bella nicht, dass in ihrem besten Freund eine Veränderung vorgeht. Nach einem Kinobesuch ist er plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, er meldet sich nicht mehr bei Bella und reagiert nicht auf ihre Anrufe. Auch besuchen darf sie ihn nicht mehr. Sie ist völlig vor den Kopf gestoßen, bis Jacob ihr schließlich die entscheidenden Hinweise gibt und Bella daraufhin errät, dass er zu einem Werwolf geworden ist.

Nun steht Bella also zwischen zwei Männern – einem Vampir und einem Werwolf. Die Werwölfe beschützen die Menschen vor den Vampiren, die nahe Forks in den Wäldern auf die Jagd gehen. Ein Vampir hat es dabei besonders auf Bella abgesehen, denn nach den Ereignissen im ersten Band ist da noch eine Rechnung offen. Bald überschlagen sich die Ereignisse: Eine blutrünstige Vampirin jagt Bella; die springt von einer Klippe, was wiederum Alice durch ihre besondere Gabe „sieht“. Als Edward daher glauben muss, dass Bella sich das Leben genommen hat, sucht ihn die Todessehnsucht heim – er reist nach Italien, um dort eine mächtige Vampirsfamilie gegen sich aufzubringen, damit diese ihn tötet …

_Unüberwindbare Hürden?_

Während im ersten Band noch Friede, Freude, Eierkuchen herrschte, zerbricht Edwards und Bellas Beziehung in diesem zweiten Buch praktisch an einer Kleinigkeit. Nur eine Kante scharfen Papiers und ein winziger Blutstropfen sind es, die Edward mehr als deutlich machen, dass diese Beziehung für Bella zu gefährlich ist. Daraufhin verschwinden die Cullens holterdipolter aus Forks und aus Bellas Leben, und damit beginnt die literarische Durststrecke. Ich habe den ersten Teil so gerne gelesen, weil es die aufkeimende Liebe zwischen den beiden Hauptprotagonisten gab, weil diese Liebe von einigen Schwierigkeiten begleitet wurde, aber weil sie eben auch am Ende alle Hindernisse überwinden konnte. Doch nun ist Edward und damit die faszinierendste Gestalt der Reihe einfach verschwunden. Gleichzeitig hat Jacob seinen großen Auftritt – aber ganz ehrlich, er bleibt einfach verglichen mit Edward sehr blass (und das will verglichen mit einem Vampir schon etwas heißen!). Nach wie vor hofft er, dass Bella eines Tages seine Gefühle erwidern wird, und verbringt daher immer mehr Zeit mit Bella. Gleichzeitig geschehen merkwürdige Dinge in La Push, denn Jacobs Freunde verändern sich und grenzen ihn aus. Am Ende versteht er aber warum, denn sie sind lediglich vor ihm zum Werwolf geworden.

Hier driftet das Buch dann ziemlich ins Klischeereich ab, denn neben den Vampiren mussten nun zwangsläufig die Werwölfe auftauchen. Diese ‚entstehen‘ bei Stephenie Meyer automatisch, wenn Vampire in der Nähe sind und die Menschen bedrohen. Und da eine blutrünstige Vampirin hinter Bella her ist und in den Wäldern jagen geht, werden die Werwölfe gebraucht, um die Vampire in Schach zu halten. Bevor Jacob sich verwandelt, muss er einen gewaltigen Wachstumsschub überstehen. Obwohl er zwei Jahre jünger ist als Bella, überragt er sie um einiges, und auch seine Gesichtszüge verändern sich. Was sich aber natürlich nicht verändert, ist seine stete Liebe zu Bella.

Wie schon die Vampire, so leben auch die Werwölfe voll integriert in der Gesellschaft. Der Wolfsanführer lebt sogar in einer festen Partnerschaft, nur hat er seine Gefühle nicht immer unter Kontrolle, sodass er seine Verlobte einmal schwer verletzt hat. Und so fürchtet auch Jacob, dass er Bella unbeabsichtigt etwas antun könnte. Abgesehen davon unterscheidet die Werwölfe aber nichts von den normalen Menschen, und im Gegensatz zu den Vampiren brauchen sie auch ihren Schlaf, zumal die Vampirjagd sie ganz schön schlaucht.

Bella macht in diesem Buch eine ziemliche Wandlung durch – ausgelöst durch den Schicksalsschlag der Trennung von Edward. Sie ist am Boden zerstört und völlig verzweifelt. Mehrere Monate vergehen, ohne dass sie aus ihrer eigenen Welt auftaucht. Erst als sie merkt, dass Edwards Stimme zu ihr spricht, wenn ihr Gefahr droht, lebt sie ein wenig auf. Der Nervenkitzel wird zur Droge für sie, allerdings fand ich diese Wendung ziemlich unlogisch. Warum Bella in diesen Situationen Edwards Stimme gehört hat, habe ich bis zum Ende des Buches nicht verstanden (er wusste davon nichts …) und es war definitiv nicht die Todessehnsucht, die Bella gepackt hatte, denn weiterleben wollte sie schon. Warum es aber die Gefahr war, welche die eingebildete Stimme hervorgerufen hat, wunderte mich dann doch.

_Wo ist Edward?_

Schwachpunkt des Buches ist offenkundig das Fehlen der Hauptfigur. Edward war derjenige, der für eine gewisse Faszination gesorgt hat, und die Beziehung zu Bella war es, die dem Ganzen etwas Magisches gegeben hat. Doch ohne Edward schwächelte die Geschichte arg. Stephenie Meyer schafft es kaum, Spannung aufzubauen, und sie verleiht Jacob auch nicht die Wesenszüge, die erforderlich wären, um Edward adäquat zu ersetzen. Er bleibt bis zum Ende ziemlich blass und weckte keinerlei Sympathie in mir. Auch als Alice und Edward wieder ins Zentrum des Geschehens rückten, besserte sich die Lage nur marginal. Ein dummer Zufall war es, der Edward die Gewissheit gebracht hat, dass Bella tot sein muss. Und so beschließt er, dass er auch nicht weiterleben möchte. Ein Vampir bringt sich aber nicht so einfach um. Das sollen die Volturi in Volterra für ihn erledigen. Und so verlagert sich der Fokus der Geschichte nach Italien.

Alice und Bella eilen Edward hinterher und versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Unterwegs bemüht Alice immer wieder ihre besondere Gabe, um zu prüfen, wie es derweil um Edward steht. Der hat nämlich einigen Vorsprung, sodass die Zeit knapp wird. Natürlich scheitert sein ursprünglicher Plan, die Volturi gegen sich aufzubringen, sodass er beschließt, auf einem belebten Platz mit freiem Oberkörper ins helle Sonnenlicht zu treten. Wie wir bereits aus dem ersten Teil wissen, glitzern Vampire dann wie ein Haufen Edelsteine, was natürlich recht auffällig wäre, da die Italiener nichts von der Existenz der Vampire ahnen. Da eine solche Aktion des mittags aber am wirkungsvollsten ist, bleibt Alice und Bella noch etwas Zeit, um Edward abzufangen. Aber ganz so einfach geht das natürlich nicht …

Die Spannung, die Stephenie Meyer hier erzeugt, erschien mir einfach allzu bemüht. Offensichtlich hat sie auch gemerkt, dass ihre Leser zuvor eine lange Durststrecke durchstehen mussten. Und so überschlagen sich nun die Ereignisse, die ziemlich überdramatisiert werden. Natürlich treffen schlussendlich auch Edward und Jacob aufeinander, die nicht nur von ihrer Natur Feinde sind, sondern die auch noch beide um die gleiche Frau buhlen. Das war mir an dieser Stelle einfach zu viel.

_Blutleer_

Dieser zweite Band der Edward-und Bella-Reihe schwächelt über weite Strecken. Stephenie Meyer macht meiner Meinung nach den Fehler und konzentriert sich zu lange allein auf Bella, die nun auch noch die Bekanntschaft von Werwölfen macht. Offensichtlich funktioniert die Geschichte aber nicht ohne Edward und ohne das Prickeln zwischen den beiden. Auch personell schwächelt das Buch dadurch, dass Meyer versucht, Edward durch Jacob zu ersetzen, der aber längst nicht so viele Sympathiepunkte sammeln kann wie sein vampirischer Konkurrent. Zwar liest sich das Buch dank Stephenie Meyers eingängiger Sprache wieder gut runter, aber der Unterhaltungswert hebt sich leider nicht übers Mittelmaß hinaus, sodass ich stark hoffe, dass Meyer im dritten Band wieder aufdreht.

|Originaltitel: New Moon
557 Seiten
ISBN-13: 978-3-551-58161-7
Empfohlen ab 14 Jahren|

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[„Seelen“ 5363

Lauenroth, Frank – Boston Run

Doping ist ein Thema, das spätestens seit den anhaltenden Skandalen bei der Tour de France in aller Munde ist. Nach und nach sind immer mehr Fahrer positiv auf verschiedenste Substanzen getestet worden, bis das Ansehen des Radsports mehr als nur angeschlagen war. Was aber, wenn jemand eine Substanz erfindet, die man am Ende eines Rennens gar nicht mehr nachweisen kann? Genau das hat einer der Protagonisten in Frank Lauenroths neuem Roman geschafft …

_Lauf, Brian, lauf_

Fred Longer ist in der Gemeinde der Marathonläufer noch ein unbeschriebenes Blatt. Einen einzigen Marathon ist er bislang gelaufen, und den auch nur mit mäßigem Erfolg. Dennoch reichte seine Zeit, um sich für den bekannten Boston Marathon zu qualifizieren. Und dort will er Geschichte schreiben! Denn was niemand ahnt: Fred heißt eigentlich Brian Harding, und der hat ein Ass im Ärmel, wie es sich wohl die meisten Läufer wünschen würden: Sein Freund Christopher Johnson hat ein einzigartiges Dopingmittel erfunden, das Brian eine schier unglaubliche Ausdauer und Kraft beschert und sich gleichzeitig während des Laufes abbaut. Nur ein enges Zeitfenster haben die beiden, um ihre Pläne in die Tat umzusetzen und den Marathon zu gewinnen. Denn die Substanz reicht in der Tat nur bis zur Ziellinie, und das auch nur, wenn Brian sich zwischendurch nicht verausgabt – nur leider hat die Droge eine nicht unwesentliche Nebenwirkung: Mit dem Dopingmittel fühlt Brian sich unbesiegbar und prescht schon zu Beginn des Laufes so weit nach vorne, dass Christopher damit rechnen muss, dass Brian wie bei seinem ersten Marathon wieder kurz vor dem Ziel einbrechen wird …

Doch das sind nicht die einzigen Sorgen, die Christopher plagen. Ein anonymer Anrufer hat die NSA darauf aufmerksam gemacht, dass Chris in der Stadt ist, und die hat noch eine Rechnung mit ihm offen. Schließlich sollte er für die NSA besagtes Dopingmittel erfinden, das diese bereits teuer weiterverkauft hatte. Aber dann hat sich Chris nach einem Schicksalsschlag von der NSA abgewendet und die Formel für die Droge mitgenommen. Während Brian als Fred Longer also seine Runden zieht, rückt der Geheimdienst Chris immer näher auf die Pelle.

Lange dauert es nicht, bis Einsatzleiterin Rachel Parker ihren ehemaligen Kollegen eingekreist hat und ihm auflauern kann. Durch Umstände, die an dieser Stelle noch nicht verraten sein sollen, ist Rachel gezwungen, die Formel für das Dopingmittel an der letzten verbliebenen Stelle zu suchen: Sie braucht Fred Longers Blut, und zwar, bevor er die Ziellinie überquert und das Mittel sich vollständig abgebaut hat. Und so beginnt die rasante Jagd auf den Ausnahmeläufer …

_42,195 Kilometer im Ausnahmezustand_

Boston ist in Aufruhr – der alljährliche Marathon steht kurz bevor, und wieder einmal haben sich hochkarätige Läufer qualifiziert. Fred Longer dagegen hatte wohl niemand auf seinem Wettschein stehen, doch gleich zu Beginn schiebt er sich in die Spitzengruppe. In der Live-TV-Übertragung wird er schnell zum Thema der Moderatoren. So richtig rückt er aber erst ins Zentrum des Geschehens, als immer wieder Anschläge auf ihn verübt werden. Der NSA läuft derweil die Zeit davon. Die Angriffe auf Fred werden daher immer ausgefeilter und die Lage für ihn noch aussichtsloser, denn jede Abwehr kostet ihn einen Teil seiner Kraft, sodass er fürchten muss, dass sich die Wunderdroge schon vor der Ziellinie wieder einmal abgebaut haben wird …

Schon von Beginn an schlägt Frank Lauenroth ein beachtliches Tempo an, denn der Leser weiß natürlich, woher Fred seine übermenschliche Kraft bekommt. Während Fred schon auf der Strecke ist und per Funk von Chris unterwiesen wird, kommt auch plötzlich die NSA ins Spiel – Chris‘ ehemaliger Arbeitgeber, mit dem er noch eine Rechnung offen hat. Dies gilt aber umgekehrt erst recht, sodass sich zunächst für Chris die Lage dramatisch zuspitzt und schließlich auch für Fred.

Der Spannungsbogen setzt schon auf den ersten Seiten ein und steigt dann immer mehr an. Während der Leser bereits mit Fred mitfiebert und inständig hofft, dass er sich nicht zu viel zutraut und sich seine Wunderdroge dadurch zu schnell abbaut, schaltet Frank Lauenroth zunächst zu Chris. Dadurch wird die Spannung etwas ausgebremst, doch eröffnet der Autor hier eine zweite Geschichte, die parallel zu Freds Lauf erzählt wird und in der Rachel Parker eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Und schließlich sind es die Wechsel zwischen den beiden Handlungssträngen, die im weiteren Verlauf des Buches für noch mehr Tempo sorgen. An dem Punkt, als die NSA die Jagd auf Fred Longer eröffnet, kann man das Buch schließlich nicht mehr aus der Hand legen, da man einfach wissen muss, ob Fred das Unmögliche schafft – trotz der Angriffe als Erster die Ziellinie zu erreichen.

_Ein unperfekter Held_

Obwohl wir doch von Brian Harding auf den knapp über 200 Seiten des Thrillers nicht allzu viel erfahren, fiebern wir von der ersten Seite an mit ihm mit. Frank Lauenroth erschafft mit Brian den Sympathieträger, der sofort zur Identifikationsfigur wird – denn wer würde nicht gerne selbst einmal einen Marathon überstehen und dann sogar vielleicht gewinnen und das nicht unerhebliche Preisgeld einsacken? So projiziert der Leser seine Wünsche auf Brian, was ihn uns noch näher bringt.

Frank Lauenroths Schreibstil ist schnörkellos und beschränkt sich auf das Wesentliche. Keine überflüssige Information bremst die Spannung aus, nirgends treffen wir unwichtige Personen an, die für die Handlung unwesentlich sind. Auch auf eine wissenschaftliche Diskussion um die Wunderdroge lässt Lauenroth sich nicht ein. Das Dopingmittel setzt er als gegeben voraus, es ist hier nur Mittel zum Zweck und Aufhänger der spannenden Handlung. Mir persönlich hat das sehr gut gefallen, denn sämtliche Spekulationen über die Machbarkeit einer solchen Droge oder ihre Herstellung hätten doch nur in eine Sackgasse laufen können.

Nach seinem Science-Fiction-Roman [„Simon befiehlt“ 2478 stellt Frank Lauenroth nun eindrucksvoll unter Beweis, dass er auch ein Händchen für das Thrillergenre hat. Seine Figuren bleiben uns zwar etwas fremd, was in diesem Kontext aber überhaupt nicht stört. Die Geschichte gefällt ausgesprochen gut und wartet am Ende noch mit einer Überraschung auf und auch mit einem Schluss, der dem Leser ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Hier zeigt uns der Autor seinen Sinn für Humor.

„Boston Run“ ist ein rundum gelungener Thriller, der hoffen lässt, dass Frank Lauenroth diesem Genre treu bleibt und uns möglichst bald mit seinem nächsten Werk versorgen wird.

|216 Seiten
ISBN-13: 978-3-8370-5359-3|
http://www.bod.de