Alle Beiträge von Michael Matzer

Lebt in der Nähe von Stuttgart. Journalist und Buchautor.

Frederik Pohl & Cyril M. Kornbluth – Eine Handvoll Venus

Das Narrenschiff Erde

In einer übervölkerten Welt soll ein Raumschiff Kolonisten zur Venus bringen. Die Fowler Schocken Werbeagentur hat dafür die Exklusivrechte und will das Unternehmen möglich profitabel einfädeln. Mitch Courtenay wird Leiter des Programms. Doch gemäß der Devise „Geschäft ist Krieg“ sieht er sich im Handumdrehen als Zielscheibe für mehrere Anschläge, denen er glücklich entgeht. Erst in der Antarktis erwischt ihn der Gegner – er landet ganz unten: unter den verachteten Konsumenten. Doch wer ist sein ominöser Gegner?

Die Autoren

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Gruppe, Marc – Sherlock Holmes – Die Affenfrau (Die geheimen Fälle des Meisterdetektivs 5) (Hörspiel)

_|Die geheimen Fälle des Meisterdetektivs|:_

Folge 1: [„Im Schatten des Rippers“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7494
Folge 2: [„Spuk im Pfarrhaus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7519
Folge 3: [„Das entwendete Fallbeil“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7519
Folge 4: [„Der Engel von Hampstead“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8036
Folge 5: [„Die Affenfrau“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8035

_Zwei Gnome – und eine behaarte Bestie!_

Zum Entsetzen von Mrs. Hudson stellen sich eines Abends unangemeldet die sicherlich außergewöhnlichsten Auftraggeber in der Baker Street 221 B ein, die dort je erschienen sind. Der Fall, den sie Sherlock Holmes zur Aufklärung übertragen, steht ihrem durchaus befremdlichen Aussehen in nichts nach … (Verlagsinfo)

Diese Fälle dieser neuen Holmes-Reihe wurden nicht von Sir Arthur Conan Doyle geschrieben, sondern alle von Marc Gruppe. Sie basieren natürlich auf den originalen Figuren, die mittlerweile Allgemeingut geworden sind.

_Der Autor_

Marc Gruppe ist der Autor, Produzent und Regisseur der erfolgreichen Hörspielreihe GRUSELKABINETT, die von Titania Medien produziert und von Lübbe Audio vertrieben wird. Genau wird dort erscheinen auch „Die geheimen Fälle des Meisterdetektivs“ meist im Doppelpack.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Die Rollen und ihre Sprecher|

Sherlock Holmes: Joachim Tennstedt (dt. Stimme von John Malkovich)
Dr. John H. Watson: Detlef Bierstedt (dt. Stimme von George Clooney u.a.)
Mrs. Hudson: Regina Lemnitz (dt. Stimme von Kathy Bates)
Nicodemus: Dirk Petrick
Prinzessin Marietta: Daniela Reidies
Zenora Pastrana: Susanne Tremper
Leonard: Matthias Keller
Elvira: Ingrid van Bergen
Valerie Hudson: Susanne Uhlen
Violet Hudson: Hildegard Meier
Mr. Sherman: Lothar Didjurgis
J. Marx: Rolf Berg
Frederick Trevis: Horst Naumann
Joseph Merrick: Patrick Wolff

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden in den Planet Earth Studios statt. Alle Illustrationen – im Booklet, auf der CD – trug Firuz Askin bei.

_Handlung_

Der Zirkus ist in London: Ein Marktschreier preist die verblüffenden Attraktionen der „Abnormitätenschau“ an, die heutzutage als Freak Show bekannter ist. Da gibt es die Siemesischen Zwillinge, die dickste Frau der Welt, Marietta, die lebende Teepuppe, und schließlich Julia Pastrana, die Affenfrau …

|Schrecken|

Sherlock Holmes und Dr. Watson hören ihre Wirtin Mrs. Hudson angstvoll aufschreien! Als sie endlich die Besucher ankündigt, bekommt sie vor angstvollem Keuchen kaum ein Wort heraus: „Zwei Gnome – und eine behaarte Bestie!“ Sie schlug ihnen die Tür vor der Nase zu. Nun, das ist kein konstruktiver Anfang, findet Holmes und spricht aus dem Fenster, um die Besucher, die vor dem Haus warten, hereinzubitten.

Mrs. Hudson protestiert vergeblich und kommandiert die Besucher folglich indigniert herum. Dr. Watson räuspert sich halb verlegen, halb erwartungsvoll. Tatsächlich: Zwei Gnome – und eine „behaarte Bestie“, genau wie Mrs. Hudson gesagt hat. Allerdings stellen sich Nicodemus, der Conferencier, und Marietta als Kleinwüchsige vor. Leonard hingegen bezeichnet sich als „Löwenmensch“, der ob seiner Körpergröße und üppigen Behaarung entfernt an den König der Tiere erinnert.

Sie beklagen den Diebstahl ihrer Affenfrau, denn ohne diese stünde ihre Truppe vor dem finanziellen Ruin. Sie war eine Mumie der berühmten Julia Pastrana, die anno 1860 zuletzt auftrat: Sie sah wie eine Mischung aus Frau und Gorilla. „Vermutlich Hypertrichose“, diagnostiziert Watson fachmännisch. Doch die Mumie ist von zwei unbekannten Männern gestohlen worden, wie Marietta gesehen hat. Sie brauchen sie zurück, soll das Schlimmste abgewendet werden.

|Vor Ort|

Der erste Weg führt Holmes aber nicht zum Zirkus, sondern ins örtliche Tierasyl. Hier lebt „die beste und hässlichste Spürnase von London“. Damit ist nicht etwa ein Doppelgänger gemeint, sondern Toby, ein Schnüffler auf vier Beinen. Toby soll sich schon bald als Gold wert erweisen.

Danach begeben sich Holmes und Watson an den Tatort. Es ist ein Zelt, in dem die Mumie der Affenfrau aufbewahrt wurde. Watson ist von der Pietätlosigkeit dieser Ausstellung immer noch angewidert. Die in die Zeltplane geschnittene Öffnung spricht Bände. Der Gestank an diesem Ort dürfte Spürnase Toby völlig ausreichen, den geraubten Gegenstand aufzuspüren.

Aber wer sind die Täter? Vielleicht weiß Zenora, die Schwester der Affenfrau, mehr darüber. Es wird eine unheimliche Begegnung …

_Mein Eindruck_

Die Viktorianer waren bekanntlich nicht weniger sensationsgierig als die heutige Generation. Sie reisten nicht nur zu exotischen Orten, brachten von dort Trophäen und Erinnerungen mit. Sie ließen auch Abnormitäten im Zirkus auftreten, und ein es gab wohl kaum einen Zirkus ohne Freak Show (der farbenfrohe, aber auch unheimliche Ursprung für einige wunderbare phantastische Romane).

Die Handlung stellt die beiden Affenfrauen Julia und Zenora mit überraschend vielen Details über deren Lebensläufe vor. Denn natürlich handelt es sich nur auf den Plakaten um „Schwestern“, doch die Herkunft von Julia und Zenora ist völlig unterschiedlich. Dieser Detailreichtum lässt Neugier aufkommen: Woher hatte der Drehbuchschreiber Marc Gruppe diese Informationen? Denn dass sie keineswegs aus der Luft gegriffen sind, belegen ja gerade die authentischen Details, die zu den bekannten Fakten über Wanderzirkusse in Europa passen.

Das Thema sind natürlich Menschen, die auf irgendeine Weise missgebildet oder sonst wie auffällig sind – Freaks eben. Doch es geht darum, wie man diese Abnormitäten behandelt. Meist werden sie lediglich als Objekte der Sensationslust betrachtet, doch dies wird den Menschen hinter der Freak-Fassade wohl kaum gerecht. Sie haben das Recht, als Menschen mit Würde betrachtet zu werden, fordert nicht zuletzt auch Dr. Frederick Trevis, der Holmes und Watson besucht.

Trevis‘ Besuch stellt eine überraschende finale Wendung dar. Denn in seiner Begleitung befindet sich eine der berühmtesten Missgeburten der Geschichte. Und ich werde hier nur verraten, dass Joseph Merricks Geschichte ausgezeichnet mit Anthony Hopkins und John Hurt verfilmt worden ist.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Hauptfigur ist natürlich der Titelgeber himself. Joachim Tennstedt verleiht Sherlock Holmes eine flexible Janusköpfigkeit. Die erste Seite bekommen wir zu sehen, wenn Holmes recht abweisend zu Mrs. Hudson, der treuen Seele des Haushalts, ist. Das hält sie aber nicht davon ab, die Vorhänge aufzureißen und frische Luft in die Detektivsgruft zu lassen.

Die andere Seite Holmes‘ ist die des energischen Ermittlers, der sich auch verkleidet. Die Dritte ist die des freundlichen Verführers und Gentlemans – sie bekommen wir erst in späteren Folgen zu Gesicht, insbesondere im Tussaud-Fall. Wie bei John Malkovich können wir uns auf einen Facettenreichtum an Darstellungsformen freuen.

|Dr. Watson |

Die Figur des Dr. Watson ist in vielen Verfilmungen missrepräsentiert worden. Neben Basil Rathbone und Peter Cushing musste er den vetrottelten Stichwortgeber mimen. Er war der selbstgefällige Körper neben dem rastlosen, aber kranken Geist des Detektivs. Nicht so in dieser neuen Serie.

Detlef Bierstedts Stimme ist uns von George Clooney vertraut, daher kann er mit einer gewissen geliehenen Autorität auftreten, ganz besonders in allen medizinischen Belangen. Dennoch kommt er häufig über die Rolle des Stichwortgebers nicht hinaus. Holmes hat stets die Initiative. In Folge 3 wird Watson sogar als Aktenträger missbraucht. Doch auch er verfügt über einen Revolver und die Kenntnisse, diesen zu gebrauchen, besonders aus seiner Zeit in Afghanistan.

|Mrs. Hudson|

Regina Lemnitz als Mrs. Hudson zeigt sich stets hilfreich, mal energisch, mal als fühlende Seele, etwa bei ihrem Besuch im Wachsfigurenkabinett, bei dem sie unverhofft von Sherlock Holmes überrascht wird – dieses „Experiment“ ist sehr erfolgreich. Außerdem ist sie das moralische Zentrum jeder Folge. Alles, was Holmes & Watson tun, müssen sie nicht nur gegenüber Inspektor Abberline rechtfertigen, sondern vor allem vor ihrer Haushälterin. Sie würde sie sonst hochkant hinauswerfen. Regina Lemnitz als Mrs Hudson dürfte man für eine ganze Weile nicht so aufgeregt schreien und keuchen hören.

|Missgeburten|

Eine Mischung aus Affe und Frau spricht gewiss anders als eine ganz normale Frau. Dementsprechend hohe Ansprüche stellt die Darstellung an die Stimme des jeweiligen Sprechers. Susanne Tremper spricht die Zenora mit einer (für eine Frau) sehr tiefen, rauen Stimme. Patrick Wolff muss seine Stimme für die Rolle des Joseph Merrick ebenfalls eindrucksvoll verstellen. Am witzigsten ist sicherlich Daniela Reidies in der Rolle der Prinzessin Marietta: sehr hoch und piepsig.

|Tiere|

Hier hat Toby, die beste und hässlichste Spürnase von London seinen großen Auftritt: wuff! Er bellt kräftig, knurrt und lässt auch sonst einiges hören, was man von intelligenten Schnüfflern erwartet – äh, von vierbeinigen!

|Geräusche|

Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut. Statt der aus dem GRUSELKABINETT vertrauten Andeutungen setzt diese Reihe mitunter auf handfeste Splattereffekte. In dieser Episode sind jedoch eher stimmliche Künste gefragt, siehe oben.

|Musik|

Die Musik entspricht der eines Scores für einen klassischen Spielfilm, also nicht zwangsläufig für einen Horrorstreifen. Klassische Instrumente wie Violine, Cello und Kontrabass werden manchmal von elektronisch erzeugten Effekten ergänzt. Schnelle Musik deutet Dynamik und Dringlichkeit an, langsame Musik entspannt und immer wieder endet eine Szene in einem dramatischen Crescendo. Die Haupthandlung beginnt mit Jahrmarktklängen wie etwa einer Drehorgel – vielleicht sogar einem Orchestrion. Glöckchen usw. gehören ebenfalls zum Instrumentarium.

Musik, Geräusche und Stimmen wurden so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

|Das Booklet|

Im Booklet sind die Titel des GRUSELKABINETTS verzeichnet sowie Werbung für den verstorbenen Künstler Firuz Askin zu finden. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf. Ein zweites Booklet listet sämtliche Titel von Titania Medien auf, und zwar auch alle Neuerscheinungen bis Mai 2012.

|Hinweise auf die nächsten Hörspiele:|

Nr. 64: Francis Marion Crawford: Der schreiende Schädel (Mai)
Nr. 65: Mary Elizabeth Braddon: Gesellschafterin gesucht (Mai)
Nr. 66 + 67: Lovecraft: Der Schatten über Innsmouth Teil 1+2 (9/12)
Nr. 68: W. Irving: Die Legende von Sleepy Hollow (10/12)
Nr. 69: W.H. Hodgson: Stimme in der Nacht (10/12)
Nr. 70: Robert E. Howard: Schwarze Krallen (11/12)
Nr. 71: M.R. James: Der Eschenbaum (11/12)

_Unterm Strich_

Der Reiz dieses „geheimen Sherlock-Holmes-Falles“ liegt weniger im Verbrechen als in den davon Betroffenen. Zahlreiche Rätsel umgeben den harmlos erscheinenden Diebstahl der titelgebenden Mumie. Das größte dieser Rätsel wird, wie es sich gehört, erst ganz am Schluss gelöst. Doch welche Rolle Joseph Merrick spielt, soll hier nicht verraten werden.

Wer also wie beim Fallbeil-Fall Entsetzen und Grusel sowie Action erleben will, für den eignet sich dieser Fall weniger. Ebenso wie in „Der Engel von Hampstead“ legt die Regie mehr Wert auf Psychologie, genaue Milieubeschreibungen (wie schon im Debüt über Jack the Ripper) und eine überraschende finale Wendung. Ein zweites Reinhören lohnt sich allein schon wegen der großen Fülle an Details, aber auch wegen der zahlreichen komödiantischen Szenen: Eine vor Furcht kreischende Mrs. Hudson – das gibt’s nicht jeden Tag.

|Das Hörspiel|

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Die Sprecherriege für diese neue Reihe ist höchst kompetent zu nennen, handelt es sich doch um die deutschen Stimmen von Hollywoodstars wie John Malkovich und George Clooney.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling.

|Audio CD mit 75 Min. Spieldauer
ISBN 9783785746431|

Home – Atmosphärische Hörspiele

deWitt, Patrick – Sisters Brothers, Die

_Das Sublime und der Horror_

Hermann Kermit Warm wird sterben. Sein Tod wurde von dem geheimnisvollen und mächtigen Kommodore befohlen, und die Brüder Charlie und Eli Sisters werden den Auftrag ausführen. Die beiden machen sich auf den Weg von Oregon nach Kalifornien, wo sie Warm aufspüren sollen. Ihre Reise durch den vom Goldrausch geprägten amerikanischen Westen wird allerdings immer wieder von bizarren und blutigen Begegnungen unterbrochen.

Zugleich zeigt sich, wie verschieden die beiden Brüder sind: Charlie ist ein eiskalter, skrupelloser Killer – Eli ein Grübler, der sich mit geradezu existenziellen Fragen beschäftigt. Er beginnt an seinem Beruf zu zweifeln – und an seinem Partner. Doch als die beiden schließlich in Kalifornien eintreffen, nehmen die Ereignisse eine höchst unerwartete Wendung … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Patrick deWitt wurde 1975 auf Vancouver Island in Kanada geboren. Er lebte unter anderem in Kalifornien, Washington und Oregon. Nach „Ablutions: Notes for a Novel“ ist „Die Sisters Brothers“ sein zweiter Roman. Er war für den „Man Booker Prize“ sowie den „Giller Prize“ nominiert, wurde mit dem Rogers Writers‘ Trust Fiction Prize, dem Ken Kesey Award und der Stephen Leacock Memorial Medal for Humour ausgezeichnet und von „Publishers Weekly“, der „Washington Post“ sowie der Canadian Booksellers Association zu den besten Romanen des Jahres gezählt. Patrick deWitt lebt heute mit seiner Frau und seinem Sohn in Portland, Oregon.

Mehr Informationen zum Autor und seinem Werk finden Sie unter [patrickdewitt.net]http:// patrickdewitt.net (Ohne Gewähr).

_Handlung_

Eli Sisters (der Erzähler) will den Mann, den man im Oregon-Territorium des Jahres 1851 den „Kommodore“ nennt, gar nicht sehen. Genug, dass sein Bruder Charlie mit dem Kerl redet, für den sie Leute umlegen. Meist handelt es sich um Menschen, die ihm Geld schulden. Bloß gut, dass Mutter nichts davon weiß. Sie würde ihnen die Leviten lesen. Charlie kommt zurück. Der neue Auftrag lautet, einen Mann namens Hermann Kermit Warm in San Francisco umzulegen. Und wieso? Warm habe dem Kommodore ein Geheimnis gestohlen oder vorenthalten oder was auch immer, meint Charlie. Jedenfalls ist die Bezahlung mal wieder fürstlich. Eli schwört sich, dass es ihr letzter Auftrag ist.

Vorsichtig bahnen sich die beiden Gunmen ihren Weg durch die Wildnis, die sich bis nach Kalifornien erstreckt, also durch Indianerland, das gerade von den Goldsuchern und Glücksrittern in Scharen durchquert wird. Immer wieder stoßen sie verwaiste Jungs, weinende Männer, ausgeraubt und mittellos. Aber auch auf eine Frau, die definitiv eine Hexe sein muss, denn sie belegt Eli mit einem Fluch. Sie entkommen Bären, schließen selber welche, gelangen schließlich nach Jacksonville und Mayfield, wo weitere Barone residieren.

In Mayfields Palast alias Bordell verliert Eli sein Herz an eine Schöne, die auf ihn warten will. Doch Charlie, den nichts schrecken kann außer ein tüchtiger Kater nach einer durchzechten Nacht, verhöhnt sein Bruderherz. Solche romantischen Flausen sollte er sich für später aufheben. Prompt müssen sie sich der Freunde der schönen Hure erwehren.

Schließlich erreichen sie die Stadt der Wunder. San Francisco wird von einem Wald verlassener Schiffe belagert, scheint es Eli. Die Schiffe ankern herrenlos in der Bucht. Sie suchen Morris, den Agenten des Kommodore, doch wie sich herausstellt, ist Morris übergelaufen. Sein Tagebuch verrät, was es mit dieser Wendung auf sich hat.

Demnach ist Hermann Kermit Warm ein Erfinder höchsten Grades. Sein Vater ist ein deutscher Einwanderer und war ein gescheiterter Uhrmacher. Der Sohn suchte sein Glück im Westen, im Gelobten Land, wo das Gold in den Bächen nur aufs Heben wartet. Doch anders als all die anderen Idioten mit ihren Sieben hat Warm eine industrielle Methode ersonnen, mit der sich ganze Seen voll Gold über Nacht vom Gold befreien lassen – mit Chemie!

Es ist diese chemische Formel, hinter der der Kommodore her ist, klarer Fall, denkt Eli. Und Morris, der Agent, muss auf Warms Idee hereingefallen sein, denn er hat offenbar Warms Expedition den Sacramento hinauf finanziert und ausgerüstet. Nun müssen sie schon fast in Indianerland angekommen sein. Die beiden Revolverbrüder machen sich auf den Weg, um die Goldsucherexpedition zu überfallen und Warm zur Rechenschaft zu ziehen.

Doch vor Ort verlaufen die Ereignisse völlig anders als erwartet. Denn der unbekannte Faktor ist eben jene chemische Substanz, deren Wirkung sich als verhängnisvoll erweist …

_Mein Eindruck_

Eli ist der melancholische Beobachter und Denker, der das unmotivierte Töten verabscheut und sich nur in Notwehr verteidigt – in der Regel. Charlie hingegen liebt das Schießen, kennt keine Angst, denn er weiß, dass er immer der Schnellere ist. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem Charlies Schusshand verletzt wird. Von da ab verändert er sich auf für Eli nahezu unheimlich Weise. Auf einmal Eli zum Hüter seines Bruders. Das hat weitreichende Folgen.

In der Auseinandersetzung mit Warm und Morris hätte Charlie ohne sein Handicap sicherlich nicht gezögert, alle über den Haufen zu schießen, um kurzen Prozess zu machen. So aber beginnen die beiden Gunmen mit dem Mann, auf den sie angesetzt wurden, zu reden und erfahren, wie die Dinge in Wahrheit stehen.

Wieder einmal hat sie der Kommodore hinters Licht geführt, sie angelogen und ausgenutzt. Das Gefühl, keinen Deut besser zu sein als all die Gold suchenden Idioten in den kalifornischen Bergen, ist kein angenehmes, findet Eli. Er beschließt, sich der Unternehmung des deutschen Chemikers anzuschließen. Denn ein Mann, der ein gewisses Alter erreicht hat, muss an seinen Lebensabend und sein Auskommen denken, oder? Was wäre besser als ein See voller Gold? Und sobald er den geleert hat, wird Eli mit dem Auftraggeber abrechnen. Allerdings hat er die Rechnung ohne die Chemie gemacht …

|Kapitalismus|

Dies ist kein Öko-Western, no way, Mister. Der Roman schildert eine groteske Odyssee durch ein neues Eldorado, wo sich Gold- und Glückssucher die Zukunft mit den Baronen streitig machen, die wiederum Revolvermänner einsetzen, um ihren Willen durchzusetzen. Es ist eine Zukunft im Aufbau, aber was für eine. Es ist Raubtierkapitalismus in Reinkultur, der hier am Werk ist. Und wer nun an ungesicherte, ungezähmte Börsengeschäfte denkt, der sich wohl nicht verkehrt. Alle arbeiten sich in den Abgrund, und wen kümmert’s, wenn es links und rechts der eigenen Ellbogen Opfer gibt.

|Freunde|

Charlie ist einer voller Ellbogen, doch Eli, sein ungleicher Bruder, denkt darüber nach, was eigentlich passiert – und aus welchen Gründen. Hat eine Hexe sie beide mit einem Fluch belegt? Wer kann das schon genau sagen. Denn weit und breit gibt es keinen Priester, mit dem man darüber debattieren könnte. Gut möglich, dass Tub, das alte Pferd mit dem Hängerücken, der beste Freund in der Wildnis ist. Mit einer wahren Rosskur schafft es Eli, Tub zu einem verlängerten Leben zu verhelfen. Eli ist ja so was von sentimental und dämlich, findet sein Bruderherz.

|San Francisco|

Einer der Höhepunkte der Erzählung ist sicherlich das Kapitel über San Francisco. Wer jemals dort war, weiß, dass es dort Russian Hill und Chinatown gibt, die noch heute an Siedler aus aller Herren Länder erinnern. Anno 1851 ist alles im Aufbau, wird niedergebrannt, wieder aufgebaut, als gäbe es keine Zeit zu verlieren, und natürlich sind die Preise für alles und jedes, von der Hure bis zum Pferd, geradezu exorbitant im Vergleich zum Hinterland.

Auch hier behaupten sich die Brüder, als hätten sie es jeden Tag mit der lebenden Hölle zu tun. Allerdings sind sie froh, endlich herauszukommen und der Warm-Expedition zu folgen. Sie ahnen nicht, was sie erwartet, haben keinen Plan, aber sie sind entschlossen, das Beste draus zu machen. So ist es eigentlich bis heute, und die Republikaner predigen immer noch: „Starve the Beast – hungert die Regierung aus!“, als wären alle noch Pioniere an der Grenze zur Wildnis.

|Krisengewinn|

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es eine weltweite Krise, die die USA ganz direkt zu spüren bekamen: Die Hungersnot in Irland brachte nicht nur etwa die Hälfte der Bevölkerung um, sondern trieb auch den Rest zur Auswanderung in die USA. Ende 1848 waren alle März-Revolutionen der reformwilligen Bürger gescheitert, die Reaktion der adeligen und besitzenden Stände hatte gesiegt. Politische und soziale Reformer (Heine, Börne und viele andere) wurden ins Exil nach Frankreich getrieben – oder gleich weiter über den Atlantik, wollten sie nicht im Kerker der Landesfürsten landen.

1849 platzte in diese Krisenstimmung die Nachricht von den Goldfunden in Kalifornien. Wie günstig also, dass die Vereinigten Staaten gerade den Krieg gegen Mexiko gewonnen hatten und ihr Staatsgebiet um ein Drittel erweitern konnten! Nun gehörte Kalifornien, vordem spanisch und mexikanisch, zum Staatsgebiet der USA. Dort gab es ungeheuere Pfründe zu verteilen, und die Landbarone konnten ihren Claim abstecken. Der „Kommodore“ und Mr. Mayfield, der eine eigene Stadt sei Eigen nennt, sind im Roman Beispiele dafür.

Die Handlanger dieser Barone sind Gunmen wie die Sisters Brothers. Die Ironie der Handlung besteht nun genau darin, die Stützen dieser Konstruktion als wacklig, illegitim und vorübergehend zu präsentieren – ein „Haschen nach Wind“, wie der Prediger Salomo schreibt. Folglich ist auch das Treiben der Sisters Brothers ohne jedes Fundament, ein reines Zuträgergeschäft, ein Leben von der Hand in den Mund. Am Schluss haben sie genau das Gleiche gewonnen wie alle anderen, denen wir im Buch begegnen: absolut nichts. Die Endstation heißt „Hotel Mama“. Immerhin: Sie haben überlebt. Wenn das kein Witz ist.

|Das Sublime|

Es gibt nur sehr wenige Augenblicke, in denen die Brüder eine höhere Ebene der Existenz und Erkenntnis erreichen. Einer davon ist das Tagebuch von Agent Morris. Der andere Moment ist jenes nächtliche Ereignis, als sich durch das Wunder der Chemie das Gold am Grund des Bibersees zeigt. Das ganze Wasser strahlt golden, als wäre die Sonne hineingefallen.

Doch wie man schon an den vielen dialektischen Wendungen oben gemerkt hat, folgt auf diesen Moment, in dem sich das Erhabene zeigt, der blanke Horror, verursacht ebenfalls durch die Chemie. Die Aussage ist ziemlich klar: Durch unsere Technologie – Chemie, Physik, Informatik – sind wir gleichermaßen in der Lage, die Welt in ein Paradies oder in eine Hölle zu verwandeln. Der Schlüssel zur Wahl, was wir wollen, liegt in uns selbst.

_Die Übersetzung _

Die sprachliche Leistung des Übersetzers Marcus Ingendaay ist schlichtweg superb. Sie hat mich immer wieder begeistert, besonders wenn der Stil genau jener nahezu antiken Zeit um 1850 angepasst ist. Die Menschen dachten anders als wir, folglich sprachen und schrieben sie auch ganz anders.

Die verschiedenen Stilebenen genau wiederzugeben, gelingt Ingendaay immer wieder mit verblüffender Detailgenauigkeit. Auf diese Weise wird jede Seite nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich und gedanklich zu einer Entdeckung. Die Druckfehler, die ich trotz allem fand, hielten sich sehr in Grenzen. Es handelt sich meist um falsche Endungen, also das Übliche.

_Unterm Strich_

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen, also in wenigen Tagen. Nicht nur, dass die Kapitel kurz und die drei teile überschaubar sind, hilft bei der Bewältigung. Vielmehr sind es die ungewöhnlichen Szenen, mit denen der Autor an jeder Ecke aufwartet. Der Leser ahnt nie, was auf der nächsten Seite an grotesken oder makabren Wundern auf ihn wartet.

In der Mitte erfährt die Handlung, wie es sich gehört, eine unerwartete und fundamentale Wendung. Die Reise auf den Spuren Warms führt ins Ungewisse, wo keine der gewohnten Regeln mehr gelten und unerhörte Finge geschehen können. Es bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als die Seiten in sich aufzusaugen. Eine Wendung jagt die Nächste, und was als packende Auseinandersetzung beginnt, wandelt sich unversehens zur Tragödie und von da zur Komödie.

Mit anderen Worten: Der Western ist ein literarisches Wunderwerk, und man muss kein Westernliebhaber wie ich sein, um seinen Gefallen daran zu finden. Allerdings seien zartbesaitete Gemüter eindringlich gewarnt: Schreckliche Dinge geschehen, und wer sich vor Blut und Gewalt fürchtet, sollte das Buch gar nicht erst aufschlagen.

|Gebunden: 352 Seiten
Originaltitel: The Sisters Brothers (2011)
Aus dem US-Englischen von Marcus Ingendaay
ISBN-13: 978-3442547005|
http://www.randomhouse.de/manhattan

Rönkä, Matti – Bruderland (Viktor Kärppä 2)

_|Viktor Kärppä|:_

Band 1: [„Der Grenzgänger“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7978
Band 2: _“Bruderland“_
Band 3: [„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947
Band 4: [„Entfernte Verwandte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7955

_Das Wiesel mausert sich zum Chefdiplomaten zwischen den Fronten_

Viktor Kärppä hat sein Auskommen: Er lebt von seinem kleinen Autobahnkiosk, geringfügigen Schiebereien und dann und wann sogar versteuerten Gelegenheitsjobs. Doch der launische Polizist Korhonen reißt ihn aus seiner Idylle heraus. Erneut ist ein Jugendlicher in Helsinki an verunreinigtem Heroin gestorben und Viktor soll herausfinden, wer das gefährliche Rauschgift nach Finnland schmuggelt. Widerstrebend und auf seine sehr eigenwillige Art macht er sich an die neue Aufgabe und gerät bald einmal mehr zwischen die Grenzen von legal und illegal, Polizei und Mafia, Finnland und Russland, Bruderhass und Familienzusammenhalt. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Matti Rönkä, geboren 1959 in Nord-Karelien, ist Journalist. Er hat sowohl in den printmedien als auch beim Radio gearbeitet und ist heute Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. Jeder Finne kennt ihn als „Mister Tagesschau“ – und als Autor sehr erfolgreicher Krimis. Rönka lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Helsinki. Er wurde mit dem Finnischen, dem Nordischen und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Für seinen ersten Roman „Der Grenzgänger“ wurde Rönkä sowohl mit dem „Deutschen Krimipreis 2008“ als auch mit dem finnischen Krimipreis 2006 ausgezeichnet. Der Autor erhielt außerdem den Nordischen Krimipreis 2007.

_Hintergrundinformationen _

Folgendes Wissenwertes berichtet der Autor in seinem Nachwort zu „Entfernte Verwandte“:

Auf mütterlicher Seite ist Viktor Gornojewitsch / Kärppä ein Karelier. Diese bilden ein eigenes Volk, dessen Sprache eng mit dem Finnischen verwandt ist. Nach dem finnischen Bürgerkrieg von 1917/18, der auf die Unabhängigkeit von Schweden folgte, flohen viele der unterlegenen „Roten“ vor den bürgerlichen „Weißen“ nach Russland. Hier wollten sie das Arbeiterparadies aufbauen. Während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre kamen selbst Finnen aus den USA und Kanada hierher nach Karelien.

Auf der väterlichen Seite jedoch ist Viktor Ingermanländer. Diese siedelten in einem schmalen Streifen nordöstlich von St. Petersburg. Es sind Finnen, die im 17. und 18. Jahrhundert von den Schweden angesiedelt wurden, um die lutherische Kirche im Osten zu stärken. Rund 200.000 Finnen pflegten die finnische Kultur usw. Doch besonders zu Stalins Zeiten wurden Finnen verfolgt, in Lager gesteckt, Familien auseinandergerissen und Bevölkerungsteile in ferne Gegenden Russlands vertrieben.

Im 2. Weltkrieg eroberte die deutsche Wehrmacht Ingermanland, um Leningrad einzuschließen. Die dort lebenden menschen wurden nach Finnland umgesiedelt. Dort schlossen sie Ehen mit Finnen und adoptierten verwaiste Kinder. Ingermanländische Männer, die (1939/1940) in finnische Gefangenschaft geraten waren, schlossen sich der finnischen Armee (1941-45) an, wo sie „Stammesbataillone“ bildeten. Den Ingermanländern wurde insgeheim eine gesicherte Zukunft in einem „Großfinnland“ versprochen.

Nach dem verlorenen Krieg 1944 mussten allen Sowjetbürger zurück in die Sowjetunion, darunter an die 60.000 Ingermanländer mit zahlreichen Adoptivkindern. Manche blieben mit gefälschten Papieren in Finnland oder flohen nach Schweden. In der Sowjetunion wurden die Ingermanländer erneut zerstreut, doch vielen gelang es, sich in Russisch-Karelien, Estland oder Ingermanland niederzulassen. Nach 1990 erlaubte Finnland den Ingermanländern die Rückkehr nach Finnland. Etwa 30.000 Ingermanländer erlangten so die finnische Staatsangehörigkeit, doch sie sprachen kein Finnisch und waren entwurzelt. So erging es auch Viktor.

_Handlung_

Nach seinen Abenteuern in „Der Grenzgänger“ rackert Viktor wieder auf dem Bau, macht aber für Kumpel Karpow auch halblegale Sachen. Viktors Freundin Marja weil in den USA zu einem Studienaufenthalt, und sie finden beim Mailen heraus, dass sie einander fehlen. Als Brüderchen Alexej nach dem Tod der Mutter endlich eine Genehmigung zur Auswanderung bekommt, will auch der Neuzugang untergebracht und mit Arbeit versorgt sein. Der ehemalige Ingenieur wird erst einmal in einer Werkstatt eingestellt und erweist sich dort als Verkaufsgenie für Motoröl.

Alles scheint in Butter zu sein, als Teppo Korhonen von der Kripo auftaucht und Viktor ordentlich Feuer unterm Hintern macht. Wieder ist ein finnischer Junge an schlechtem Heroin verreckt, nun werden andere Saiten aufgezogen. Und da Viktor sowieso Korhonen noch einen Gefallen schuldig sei, könne er gleich mal anfangen, nach dem Importeur dieses Teufelszeugs Ausschau zu halten. Und wehe, es sind die Russen! Dann könne sich Viktor schon bald auf ein Donnerwetter gefasst machen. Viktor glaubt nicht, dass Alexej etwas damit zu tun hat. Oder doch?

Doch die Finnen sind nicht die Einzigen, die den Heroinimporteur suchen. Weil sowas die internationalen Beziehungen beschädigen könnte, sucht die Petersburger Unterwelt selbst nach den Konkurrenten in Helsinki. Viktor freut sich wenig über das Wiedersehen mit einem ehemaligen Kollegen aus der Spezialtruppen-Ausbildung in der alten Sowjetunion. Und Nazarjan ist begleitet von einem „Kühlschrank“ namens Gerasimow, der ebenso kalte Augen aufweist – ein Killer, wie er im Buch steht.

Da kommt auch ein Wiesel wie Viktor ins Frösteln. Er ruft bei Onkel Oleg in Petersburg an; wenige Tage später erhält er eine Einladung ins Allerheiligste der Petersburger Unterwelt. Dort schmiedet man große Pläne für die Zukunft Russland, und wolle Viktor dabei nicht in verantwortungsvoller Position mitmachen? Viktor konzentriert sich lieber auf das Naheliegende, nämlich auf die Suche nach dem Heroinimporteur. Als ein ihm vertrauter Name genannt wird, läuft es ihm eiskalt über den Rücken: Es ist ein guter Freund.

Doch als sich Viktor aufmacht, den Freund vor den Killern der Petersburger Mafia zu schützen, stellt er sich zwischen alle Fronten …

_Mein Eindruck_

Was sich schon im Debütroman „Der Grenzgänger“ angedeutet hat, wird in „Bruderland“ zur Spezialität ausgebaut: ein ehemaliger Russe, der aber eigentlich Finne ist (s. o.) wird zur Schachfigur, die sich im Spannungsfeld von Fremdenhass, Integration und biografischen Altlasten zu behaupten versucht. Mit der Finnin Marja hat Viktor die Chance, die Integration zu schaffen – obwohl Marjas Familie auch schön eigenwillig ist.

Vorbei ist es nun mit den literarischen Vorbildern Dashiell Hammett und Raymond Chandler, denn der Autor hat nun seinen eigenen Weg gefunden. Alle folgenden Krimis (siehe meine Berichte) passen in das oben gezeichnete Muster, das der Autor auf vielfältige Weise zu variieren weiß. Es eignet sich, um diverse soziale Brennpunkte kritisch ins Auge zu fassen. In „Bruderland“ sind es Heroinimporte, in „Grenzgänger“ waren es Produktfälschungen, Schmuggel und Menschenhandel.

Während der wie stets völlig durchgeknallte Kommissar Korhonen unserem helden das Leben schwer macht, kann er swich eines leisen Misstrauens gegen den eigenen Bruder nicht erwehren. Denn Alexej pflegt zwielichtigen Umgang mit Leuten, die selbst schwerbewaffnet auf eine feuchtfröhliche Feier gehen. In einer kritischen Situation bereinigt Viktors beherztes Eingreifen die Lage – und zugleich lernt er eine attraktive Frau mit dem verlockenden Namen Helena kennen. Es dauert aber nur Monate, bis die zu ihrem Ex zurückfindet, der Viktor als „Russen-Romeo“ abqualifiziert.

Ganz allmählich dreht der Autor den Spannungshahn auf. Zu den besten Sequenzen des Romans gehört zweifellos der Besuch in St. Petersburg. Viktor hat einige Zeit hier verbracht. Doch so prächtig die Bauten der Stadt an der Newa sind, die immerhin Putin und Medwedjew hervorgebracht hat, so zwielichtig sind die noblen Vertreter der Petersburger Unterwelt. Sie wollen ein neues Russland aufbauen, und ihr Sprecher weist ein Kleine-Jungen-Gesicht auf, das nicht allzu entfernte Ähnlichkeit mit dem des ehemaligen KGB-Offiziers Wladimir Putin aufweist. Man kann sich leicht ausmalen, in wessen Taschen die künftigen Reichtümer Russlands fließen sollen. Ohne Viktor!

Natürlich muss auch die eigentliche kriminalistische Handlung zu ihrem Finale finden. Ich darf verraten, dass der Autor einige explosive Momente bzw. Effekte aufzubieten weiß. Klare Botschaft: Es herrscht Krieg in Helsinkis Straßen. Doch wer der eigentliche Heroinimporteur ist, den Korhonen sucht, wird dabei eher Nebensache. Mehr darf nicht verraten werden, aber auch diese Identität dient dem Autor zu belegen, dass Finnland in Gefahr ist: von innen wie von außen. Die Frage ist, ob Leute wie Viktor Kärppä geeignet sind, diese Gefahren abzuwenden.

_Die Übersetzung _

Die Übersetzerin legt ein großes Gespür für die korrekte Wortwahl an den Tag, so dass der deutsche Stil meist ganz natürlich klingt, ganz besonders auf der Ebene der Umgangssprache. Stilistische und semantische Schnitzer wie in „Grenzgänger“ habe ich mir keine notiert. Aber es ist nicht einfach für den deutschen Leser, finnischen Sprachwitz nachzuvollziehen. Warum ist es beispielsweise lustig, dass Korhonen den Spitznamen „Teppo“ erhält, obwohl er korrekt „Terho“ heißt? Ein Glossar oder Fußnoten wären hilfreich gewesen.

_Unterm Strich_

Ich habe den gesamten Roman auf nur zwei Bahnreisen gelesen. Die Seiten lesen sich quasi wie von selbst, denn entweder sind die Szenen spannend oder schön schräg – was in Finnland ja recht einfach ist. Der Autor kennt seine Landsleute bestens und weiß ihre Eigenarten – in jedem Haus gibt es mindestens eine Sauna – durchaus amüsant zu würdigen. Ein oder zwei ordentliche Showdowns bilden schließlich das actionmäßige Sahnehäubchen, das den Leser zufrieden zurücklässt.

Diesen Krimi sollte man nicht unbedingt als ersten Kärppä-Roman lesen, denn sein Inhalt bildet nur eine (die zweite) Station in der chronologisch weiterentwickelten Biografie der Hauptfigur. Viktors Leben mit Marja, aber auch mit Alexej wird in den Folgeromanen enger, leider auch seine Bekanntschaft mit den Spionen in der russischen Botschaft zu Helsinki.

Weil eine ganze Reihe von Nebenschauplätzen eine Rolle spielen, könnten Zweifel aufkommen, ob es sich überhaupt um einen Krimi handelt. Aber die Form des Krimis hat sich in ihrer Tradition gewandelt, vor allem seit den Krimis von Sjöwall/Wahlöö um den schwedischen Kommissar Beck. Nun werden auch sozialpsychologische Missstände für würdig befunden, untersucht zu werden, und was könnte dafür eine bessere Bühne abgeben als ein klassischer Culture Clash? Finnen, Russen und drittens Leute wie Viktor, die irgendwo dazwischen stehen – hier trifft West- auf Osteuropa.

|Taschenbuch: 222 Seiten
Originaltitel: Hyvä veli, paha veli (2003)
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-3894255633|
http://www.grafit.de

Neuschaefer, Katharina – Vom Ende der Zeit – Ragnarök (Nordische Sagen 4) (Lesung)

_|Nordische Sagen|:_

Folge 1: [„Odin, der Göttervater“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7836
Folge 2: [„Die Erschaffung der Welten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7748
Folge 3: [„Thor, der Donnergott“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8000
Folge 4: _“Vom Ende der Zeit – Ragnarök“_

_Der Wolf rennt, der Drache fliegt: Endkampf um Asgard_

Nachtschatten, kein Mond, nur Finsternis liegt über den drei Welten. Das Unheil, das die Seherin lange vorhergesehen hat, ist nun eingetreten: Ragnarök, die Götterdämmerung hat begonnen. Die Kinder Lokis, des listigen Riesen, reißen sich los, der Wolf rennt, die Midgard-Schlange kommt an Land und Hel, die Totengöttin, sammelt auf ihrem wundersamen Schiff Naglfar alle dunklen Gestalten von Niflheim. Ihr Ziel ist Asgard. Möge es brennen!

Der Verlag empfiehlt die Lesung ab 7 Jahren.

_Die Autorin_

Katharina Neuschaefer studierte Musikwissenschaft und Germanistik und arbeitet als Radiojournalistin und Moderatorin bei Bayern 4 Klassik. Sie ist Autorin und Regisseurin zahlreicher Hörspiele und Musikgeschichten für Kinder. Für ihre journalistische Arbeit wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Sie erzählt die altisländischen Edda-Sagen neu und bietet sie sortiert dar.

_Der Sprecher_

Peter Kaempfe studierte von 1974 bis 1978 Schauspiel in Hannover. 1980 gründete er die Theater-und Musikcompagnie „Pompoffel“ in Bremen und spielte von 1984 bis 1990 bei der Bremer Shakespeare Company. 1990 gründete er gemeinsam mit zwei Kolleginnen DAS TAB. Er lebt in Bremen und arbeitet als Schauspieler, Sprecher, Autor und Regisseur. Für Igel-Genius nahm Peter Kaempfe die Reihe „Griechische Sagen“ auf, dazu die Jury der hr-2 Hörbuchbestenliste: „Die Interpretation von Peter Kaempfe muss überragend genannt werden“. Seine Aufnahme der „Ilias“ wurde 2006 für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.

Produzent war Leonhard Huber.

_Handlung_

Es gab eine Zeit, da lebten die Götter, die Menschen und Elben, die Zwerge und Riesen sowie die Unterirdischen noch in verbundenen Welten. In dieser Zeit saß in jeder Vollmondnacht eine Wölwa oder Seherin auf einem Hügel nahe dem Götterreich Asgard. Ihr inneres Auge blickte in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft und nichts blieb der zauberkundigen Frau verborgen. Selbst die Götter baten sie um Rat, um an ihrem ewigen Wissen teilzuhaben. Wer in jenen besonderen Nächten zu der Seherin auf den Hügel stieg und sich zu ihr ans Feuer setzte, erhielt Auskunft …

„Man muss die Götter warnen, was auf sie zukommt!“, drängt der Besucher, doch die Wölwa winkt ab: Was nun folgt, ist alles längst vorbestimmt. Es geht los, als die magische Fessel, die den Fenriswolf, Lokis monströses Kind, sich losreißt und aus der finsteren Atla-Schlucht gen Asgard rennt.

Nach dem tragischen Tod Balders, der durch Lokis List durch seinen eigenen Bruder Hödd getötet wurde, herrscht in den Herzen der Asen der Fimbulwinter. Auch Odin hat keinen, dem er die Schuld geben kann, denn Loki ist wohlweislich spurlos verschwunden. Um Loki zu finden, befragt Odin das Haupt Mimirs. Doch in Lokis Hütte findet er nichts als ein verbranntes Fischernetz. Ein Hinweis, dass Loki ein Fisch geworden ist. Also werfen sie ein raffiniertes Netz aus, in dem sich ein riesiger Lachs verfängt: Loki! Doch ihn in der Atla-Schlucht zu fesseln, nütze ihnen nichts, höhnt der Riese: Seine Kinder werden alle Asen vernichten und Walhall zerstören. Seltsamerweise bleibt Lokis Frau Sigin weiterhin bei ihm.

|Ragnarök|

Odin bereitet Asgard auf die kommende Schlacht gegen die Riesen und Ungeheuer vor. Die Vorzeichen sind schlecht. Die Weltenesche wirft ihre Blätter ab, denn der Drache Nidhöggr hat ihre Hauptwurzel durchgebissen – der Baum stirbt. Die Nornen, die am Fuße der Esche, wo die Quelle Urd entspringt, existieren, geben Odin keine Antwort. Thor malt sich die Runen der Rache auf die Wange. Er ist kampfbereit.

Doch die Gegenseite ist es auch. Die Totengöttin Hel, Lokis Tochter, versammelt das Heer der Unterwelt und der Riesen im Niflheim-Wald. Sobald der Hahn dreimal gekräht hat, können sie sich nach Asgard einschiffen und dort losschlagen. Der Wolf Sköll verschlingt die Sonne, der Wolf Hati den Mond. Nacht fällt, und Sterne regnen vom Himmel. Gebirge wanken, Beben versetzen die Menschen in Panik. Der Hahn Fjallar kräht zum ersten Mal …

Odin wundert sich, wo nur sein Heer bleibt. Doch die Zwerge erstarrten im Sonnenlicht. Der Herr der Lichtalben Wölundr weigert sich zu kämpfen: Wir sind Bewahrer, nicht Zerstörer.“ Wenigstens Freya zieht in die Schlacht, und dann sind da ja noch seine 13 Walküren, die Schlachtenmädchen Odins. Er stimmt sie auf die Schlacht ein: „Für Asgard!“

Da erscheinen die Riesen unter Lokis Führung. Sie haben mit ihrem Schiff Naglfar den Regenbogen Bifröst befahren, doch da stößt der Wächter Heimdall in sein Horn, und Walhalls 514 Tore schwingen auf, um je 800 Krieger zu entlassen. Odin reitet an ihrer Spitze den Feuer- und Eis-Riesen entgegen. Schon bald brennt Asgard. Und dann kommen die Ungeheuer …

_Mein Eindruck_

Wie oben ersichtlich, ist dies der vierte und letzte Teil der Serie über Nordische Sagen. Der Text ist leicht verständlich, wenn auch die Ereignisse, von denen die Wölwa berichtet, mitunter etwas wunderlich sind, ganz sicher aber heroisch und finster. Die finale Schlacht um das Götterreich Asgard erinnert in ihren Duellen und bizarren Teilnehmern zuweilen an Tolkiens Schlacht auf den Pelennor-Feldern im 3. Band des „Herrn der Ringe“. Und selbstverständlich kannte der Altenglisch- und Altnordisch-Experte Tolkien die isländische Edda, in denen Ragnarök geschildert wird. Die nordischen Vorlagen für Tolkiens Erfindungen wurden mehrfach nachgewiesen, u.a. von Tom Shippey.

Die Schlacht ist einerseits das von der Seherin vielfach vorhersagte Ereignis, so dass der Hörer froh ist, wenn es nun endlich zum Höhepunkte der Saga kommt. Andererseits ist der Anlass ja ein recht trauriger: der Untergang der Götter. Doch für eine gewisse Spannung sollte beim Hörer die Frage sorgen: „Wenn die Götter doch alle mit besonderen Superfähigkeiten ausgestattet sind, wie kann es dann sein, dass sie gegen ein paar poplige Riesen und Ungeheuer unterliegen sollen?“

Nun, die Schilderung der Schlacht zeigt, dass es keineswegs so einfach ist: Die Götter sind wenige, die Riesen sehr viele. Letztere dezimieren die krieger, die Walhall aufzubieten hat, ganz erheblich. Doch statt dieser quantitativen Erwägungen sind vielmehr die qualitativ wertvolleren Zweikämpfe von größerem Interesse. Die skandinavischen Altvorderen haben sich ja bei den Ungeheuern ja etwas gedacht, als sie sie erfanden. Alle Ungeheuer sind Symbole für große, als böse bezeichnete Mächte.

Die Midgardschlange steht für die stürmische, verschlingende See. Der Riesentöter Thor ist ihr designierter Erzfeind. Das Duell der beiden ist grandios (siehe Titelbild). Weitere Symbolkraft haben der Fenriswolf und der Feuerriese Surtur. Der Feuerriese vernichtet erst die Weltenesche, stößt dann aber in der Kriegsgöttin Freya auf einen Gegner, der ihm Paroli zu bieten weiß. Der Fenriswolf will Frigg, Odins Gemahlin angreifen. Doch was macht sie? Sie stößt sich den Dolch in die Götterbrust und verflucht ihn! Ja, so waren die stolzen Wikingerfrauen – oder hätten es zumindest sein sollen, ginge es nach den Dichtern.

Und das Ende des Obergottes? Kann der Erschaffer der Welten seiner Nemesis, dem Fenriswolf, widerstehen? Das soll hier nicht verraten werden, aber es ist ein Ende, das eine Menge Fragen aufwirft. Der Schluss ist tröstlich: Die Götter der Altvorderen sind tot, es leben die neuen Götter! Die Erde erneuert sich. Doch etwas hat überlebt, und so geht alles von vorne los.

|Der Sprecher|

Peter Kaempfe ist ein Routinier, wie man an seiner ruhigen Vortragsweise erkennt. Ert tritt hinter der Erzählerin Wölwa und dem Erzählten zurück, haucht aber unversehens den Figuren wieder Leben ein, wenn Emotionen gefragt sind. Zu diesen Figuren gehört in erster Linie der Göttervater selbst. Man merkt Odin an, dass er seinen Zorn mühsam unterdrückt, wenn er mit Loki und dem Anführer der Lichtalben spricht. Es läuft nicht alles rund, könnte man sagen.

Da dies eine Schlacht mit wahnsinnig vielen Akteuren ist, ist es sehr ratsam, schon die vorherigen Teile der Saga gehört zu haben. Dann kann man auf die bisherigen Kenntnisse über die Figuren zurückgreifen und braucht keine Hilfestellung von Seiten der Dialogführung („Thor donnerte“ usw.). Wer ein gutes Gedächtnis besitzt, erkennt auch die wichtigsten Stimmen wieder: Thor, Odin, Loki usw.

Der Sprecher schafft es mit Leichtigkeit, die Kontraste zwischen den heldenhaften Asen und den niederträchtigen Ungeheuern herauszustreichen. Die Stimme des Fenriswolfs kann einem Hörer, zumal einem jungen, durchaus kalte Schauder über den Rücken jagen.

|Die Musik|

Die Instrumente sind ganz einfache, aber sehr alte: eine afrikanische Krugtrommel; ein Balafon, „die afrikanische Urform des Marimbaphons“ (eine Art Xylophon also); eine tibetische Handtrommel, chinesische Glocken, Zimbeln, Klangschalen und Becken, außerdem ein „traditionelles finnisches Saiteninstrument“, eine „tibetische Trompete“, ein Saxophon, Bass und „verschiedene traditionelle Flöten“.

Man sieht also, dass hier auf sehr ursprüngliche Klänge geachtet wurde. Die entsprechenden Melodien sind ebenso urtümlich, lassen sich aber noch in manchen (abgelegenen) Weltgegenden erlauschen. Es ist, als würde der Hörer in die ferne Vergangenheit lauschen. Das finde ich höchst passend, wenn es um Geschichten über die Entstehung der Welten geht.

Die Musik mischt sich niemals in den Vortrag ein. Nach einem stimmungsvollen Intro hören wir sie stets nur als Intermezzo zwischen Textabschnitten. So haben wir Zeit, das Gehörte zu verdauen. Das Outro geleitet uns wieder uns wieder aus der Lesung hinaus, als würden wir eine andere Zeit verlassen.

|Das Booklet|

Das Booklet ist ein wichtiges Hilfsmittel für den Hörer, um sich in der Vielzahl der im Vortrag geschilderten Welten zurechtzufinden. Zweitens bietet diese Darstellung auch einen Stammbaum für die wichtigsten Asen und ihre Kinder. Das Booklet liefert also erhellende Zusammenhänge, die sich angesichts der verzweigten Handlung und der Vielzahl der Namen als höchst willkommen erweisen.

_Unterm Strich_

Der actionreiche Abschluss der vierteiligen Serie mutet mit seiner Götterdämmerungs-Stimmung ein wenig wie der letzte Band des „Herrn der Ringe“ an: Die Entscheidung muss fallen, wenn Asen und Riesen ihren uralten Zwist, der mit Odins Mord an einem Riesen begann (s. Teil 1), zu Ende bringen – koste es, was es wolle.

Über Action kann man sich nicht beklagen, denn nicht nur gibt es zahlreiche Duelle, die schon lange angekündigt sind (Thor vs. Jörmungand, Odin vs. Fenriswolf, Surtur gegen Freya, Loki gegen den Rest), sondern auch heldenhafte Szenen, die man nur in nordischer Sagas finden kann. So etwa jene Konfrontation zwischen Fenrir, dem schrecklich groß gewordenen Wolf und Frigg, Odins Gattin. Sie gibt sich lieber die Kugel, pardon: den Dolch, als ihm zum Opfer zu fallen.

Ja, und was ist nun mit unserer Gewährsfrau, der Seherin Wölwa (eine Bezeichnung, die wahrscheinlich doppelt gemoppelt ist)? Auch sie hat ihre Rolle in der finalen Schlacht zwischen Göttern und Riesen zu spielen. Auf welcher Seite sie steht, soll hier nicht verraten werden, doch man kann es sich eigentlich denken. Sie stirbt den ehrenvollen Tod einer Heldin. Wer hätte das vorher gedacht?

Doch keine Angst: Dass die Asen verlieren, bedeutet nicht das Ende der Welt! Sie erneuert sich wieder, als hätte eine Schlange ihre Haut abgestreift, und ein neuer Frühling bricht für Midgard und die überlebenden Asen an. Alsdann – auf ein Neues!

|Das Hörbuch|

Peter Kaempfe trägt die Erzählung der Seherin routiniert und zurückhaltend vor. Er haucht den Figuren Leben ein, wenn es darauf ankommt, ohne sie jedoch allzu sehr individuell zu charakterisieren. Dennoch konnte ich Odin stets von Thor auseinanderhalten, und die schrecklich fauchenden Stimmen von Jörmungand und Fenrir sind unvergesslich.

Die bemerkenswert instrumentierte Musik hebt den musikalischen Beitrag über das gewohnte Maß hinaus. Zwischen Dramatik, Trauer und Romantik wechselt der Ausdruck fortwährend, aber stets passend zur jeweiligen Szene. Die exotischen Instrumente – und evtl. sogar ein paar Soundeffekte – sorgen für ein ungewöhnliches Hörerlebnis. Dies ist beileibe kein Hollywood-Soundtrack!

Das Booklet liefert willkommene Zusatzinformationen für den erwachsenen Hörer und Leser, so etwa einen Stammbaum. Ich hätte mir aber auch ein Glossar vorstellen können, in denen die sprechenden Namen der Figuren erklärt sind. „Gyllfaxi“ heißt beispielsweise „Goldfell“ (abgeleitet davon ist Gandalfs Pferd „Shadowfax“). „Angrboda“, man ahnt es fast, bedeutet „Unheilsbotin“. Doch was ist mit Garm, Sköll (?) und Hati, den Hunden und Wölfen, die im Ragnarök eine Rolle spielen? Weil das Glossar fehlt, muss man zur Wikipedia greifen. Dort sind alle Namen genau erklärt.

|2 Audio-CDs
Spielzeit: 115 Minuten
ISBN-13: 9783893533398|
http://www.igel-records.de

Neuschaefer, Katharina – Thor, der Donnergott (Nordische Sagen 3) (Lesung)

_|Nordische Sagen|:_

Folge 1: [„Odin, der Göttervater“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7836
Folge 2: [„Die Erschaffung der Welten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7748
Folge 3: _“Thor, der Donnergott“_
Folge 4: „Vom Ende der Zeit – Ragnarök“

_Vom betrogenen Donnergott: der Anfang vom Ende der Götter_

Nachtschatten, kein Mond, nur Finsternis liegt über den drei Welten. Lediglich im Osten der Nacht geht ein bläulich flackernder Lichtpunkt auf: Lokabrenna, der Hundsstern. Wer in dieser Nacht die Zeichen zu deuten weiß (wie Wölwa, die Seherin), weiß, dass nur noch der mutigste aller Götter die Mächte der Finsternis aufhalten kann: Thor, der Herr des Gewitters, der Riesentöter mit dem Donnerhammer Mjöllnir, der schon viele Schlachten geschlagen hat.

Aber diesmal braucht selbst Thor, Odins ältester Sohn, die Hilfe eines Freundes… (erweiterte Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt die Lesung ab 7 Jahren.

_Die Autorin_

Katharina Neuschaefer studierte Musikwissenschaft und Germanistik und arbeitet als Radiojournalistin und Moderatorin bei Bayern 4 Klassik. Sie ist Autorin und Regisseurin zahlreicher Hörspiele und Musikgeschichten für Kinder. Für ihre journalistische Arbeit wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Sie erzählt die altisländischen Edda-Sagen neu und bietet sie sortiert dar.

Weitere NORDISCHE SAGEN:
1) Die Erschaffung der Welten
2) Odin
3) Vom Ende der Zeit – Ragnarök

_Der Sprecher_

Peter Kaempfe studierte von 1974 bis 1978 Schauspiel in Hannover. 1980 gründete er die Theater-und Musikcompagnie „Pompoffel“ in Bremen und spielte von 1984 bis 1990 bei der Bremer Shakespeare Company. 1990 gründete er gemeinsam mit zwei Kolleginnen DAS TAB. Er lebt in Bremen und arbeitet als Schauspieler, Sprecher, Autor und Regisseur. Für Igel-Genius nahm Peter Kaempfe die Reihe „Griechische Sagen“ auf, dazu die Jury der hr-2 Hörbuchbestenliste: „Die Interpretation von Peter Kaempfe muss überragend genannt werden“. Seine Aufnahme der „Ilias“ wurde 2006 für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.

Produzent war Leonhard Huber.

_Inhalte_

Es gab eine Zeit, da lebten die Götter, die Menschen und Elben, die Zwerge und Riesen sowie die Unterirdischen noch in verbundenen Welten. In dieser Zeit saß in jeder Vollmondnacht eine Wölwa oder Seherin auf einem Hügel nahe dem Götterreich Asgard. Ihr inneres Auge blickte in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft und nichts blieb der zauberkundigen Frau verborgen. Selbst die Götter baten sie um Rat, um an ihrem ewigen Wissen teilzuhaben. Wer in jenen besonderen Nächten zu der Seherin auf den Hügel stieg und sich zu ihr ans Feuer setzte, erhielt Auskunft …

Diesmal weist die Wölwa auf den Unheil kündenden Hundsstern Lokabrenna (Sirius) und beginnt vom traurigen Schicksal Thors zu erzählen, dem Riesentöter, dessen Nemesis an einem schrecklichen Ort namens Eisenwald gezeugt und geboren wurde. In dessen Tiefen lebt Angrboda, die alte Hexe, und eines Tages bekommt sie Besuch von einem dunkel verhüllten Besucher, der eigentlich seine Heimstatt in Asgard hat. Nach angemessener Zeit erblickt das erste ihrer grausigen Kinder das düstere Licht dieser Welt…

Unterdessen liefert sich Odin, der Obergott, ein Wettrennen mit dem Riesen Rumnir, bis sie in Asgard eintreffen. Der Riese nennt Thor einen Feigling. Diese Beleidigung will der Donnergott umgehend ahnden, doch sein bester Berater, der Riese und Feuergott Loki, bittet ihn, das Gastrecht zu bedenken: Das Leben des Gastes ist heilig. Thor trollt sich zornig. In der Festhalle betrinkt sich Rumnir, bis er endlich die Wahrheit spricht: „Wir werden euch alle wegmachen!“

Als Rumnir die Möbel zu Kleinholz zerlegt und sich an den hübschen Asinnen vergreift, ruft Odin seinen Sohn zurück. Wer gibt Thor Carte blanche, doch der fordert Rumnir lediglich heraus, an einem Ort von dessen Wahl ein Duell auszutragen. Rumnir nennt den Eisenwald. Thor und sein Knecht Tjalfi begeben sich per Streitwagen an diesen gruseligen Ort. Rumnir ist schon da, wie eine Steinlawine. Da taucht in Adlergestalt auch Loki auf, Thors Berater. Listigerweise berät er nicht nur Thor, sondern auch seinen Gegner Rumnir. Rumnir wirft einen riesigen Wetzstein, doch Thors Hammer Mjöllnir trifft das Geschoss im Flug. Der Wetzstein zerbricht, doch ein Splitter bleibt in Thors Kopf stecken. Ein weiterer Hammerwurf erledigt den Riesen.

„Nicht alle Riesen sind schlecht“, findet Thor mit Blick auf Loki. Doch er soll bald eines Besseren belehrt werden. Denn auf einmal ist sein Hammer verschwunden und seine Frau, die schöne Sif, wird von einem Unbekannten ihres strahlenden Haars beraubt und muss fortan ihre Glatze verbergen …

_Mein Eindruck_

Wie oben ersichtlich, ist dies der dritte Teil der vierteiligen Serie über Nordische Sagen. Der Text ist leicht verständlich, wenn auch die Ereignisse, von denen die Wölwa berichtet, mitunter höchst wunderlich sind. Dies sind eben nicht die Vorstellungen der Antike oder der nordamerikanischen Völker über die Weltentstehung, sondern eben die düstere nordische Variante.

Aber geschickt wird jede Art von nationalistischer Überhöhung vermieden, damit ja kein Teutonenkult geweckt wird. In der Tat veranlasst so manche Episode den Hörer zum Schmunzeln. Humor und dunkle Vorahnung halten sich mit der Action die Waage.

|Die Story|

Die drei Hauptakteure sind Odin, Thor und Loki. Während es Odin und Thor immer wieder mit den aufmüpfigen Riesen aufnehmen, die die Menschen in Bedrängnis bringen, spielt Loki eine zwielichtige Rolle. Odin und Thor sind Handelnde, Loki hingegen ist ein listenreicher Denker und Manipulator. Wir erfahren (jedenfalls nicht auf diesem Hörbuch) nie genau, ob er hinter all dem Ungemach steht, das Thor zustößt. Ein ums andere Mal wird Thor, der Riesentöter, die rechte Hand Odins, beleidigt und lächerlich gemacht. Doch wenn die rechte Hand versagt, ist der Angriff auf den Obergott nicht weit …

Loki scheint ein Berater und helfer der Asen zu sein. Nachdem der schönen Sif das Haar geraubt wurde (was sie zur kreischenden Verzweiflung trieb), begibt sich Loki als einziger in das Reich der Dunkelalben und zwerge, um diese Wunderschmiede um entsprechende Meisterstücke zu bitten. Er stellt dieses Anliegen so listenreich an, dass schon nach kurzer mehrere Meisterwerke den Asen präsentiert werden können.

Sif braucht kein Kopftuch (oder gar eine Burka) mehr zu tragen, sondern bekommt eine Perücke aus purem Gold, die exakt genauso aussieht wie ihr natürliches Haar – und außerdem viel wertvoller ist – und außerdem zauberbehaftet wie alle Zwergendinge. Odin erhält den Ring Draupnir, den Träufler, der jede Nacht weitere Goldringe hervorbringt, und den stets treffsicheren Speer Gungnir. Das dritte Stück ist der Hammer Mjöllnir, der immer trifft und danach zu seinem Herrn zurückkehrt. Das letzte Stück ist ein goldener Eber, den Freyr bekommt. Alle diese Geschenke werden beim Ragnarök eine Rolle spielen. Als Lohn verspricht Loki den konkurrierenden Zwergenschmieden, für sie beste PR in Asgard zu machen – aber jedem einzeln…

Weitere Wettkämpfe Thors betreffen den Riesen Geirröd, der ebenso wie Thor falsch spielt, und mit dem Utgard-Loki. Hierbei unterliegt Thor schmählich, doch wieder hat der Riese ihn gelinkt. Denn wie die Zwerge können auch Riesen mit „Glamour“, dem Illusionszauber, auch Riesen hereinlegen.

|Lokis geheime Kinder|

Die Erkenntnis, dass sein bester Freund Loki ihn verraten hat, wird Thor schon bald das Herz brechen. Doch zunächst bereitet Loki, der Riese, seine Rache an den Asen vor. Er zeugt mit der Hexe Angrboda drei Ungeheuer:

1) den Fenriswolf Fenrir, der von Stund immer weiter wächst und dereinst Odin verschlingen wird;

2) Jörmungand, die Midgard-Schlange, die schon bald so groß wird, dass sie ganz Mittelerde umschlingen und die Gezeiten auslösen kann; sie ist die spezielle Feindin Thors;

3) schließlich Hel, die Totengöttin, deren eine Gesichtshälfte wunderschön ist, deren andere aber einem Totenschädel gehört; sie bekommt ein eigenes Reich in der Unterwelt und reitet ein fahles Pferd.

Dreimal muss sich Thor seiner Nemesis Jörmungand stelle; das dritte Mal bringt die Entscheidung, wenn sich der Fenriswolf losreißt und Ragnarök beginnt. Die Asen binden die drei Ungeheuer an jeweils andere Orte. Doch wie lange werden die Fesseln halten? Solche und weitere Fragen werden erst im letzten Teil beantwortet.

|Der Sprecher|

Peter Kaempfe ist ein Routinier, wie man an seiner ruhigen Vortragsweise erkennt. Ert tritt hinter der Erzählerin Wölwa und dem Erzählten zurück, haucht aber unversehens den Figuren wieder Leben ein, wenn Emotionen gefragt sind. Zu diesen Figuren gehört in erster Linie Thor, den er als kernigen Kämpfer darstellt, der leicht in Rage gerät. Thor bildet zum hinterlistigen Loki einen großen Kontrast, denn Loki spricht sanft, beschwichtigend, leise und fast schon demütig – das genaue Gegenteil seiner Taten.

Die Wölwa-Szene bildet den erzählerischen Rahmen für die Szenen aus Thors „Leben“. Sie spricht stets leise, denn sie ist uralt, doch auch sie kann durchdringend wirken, wenn sie das kommende Unheil, das sich zusammenbraut, voraussagt. Und nein: Sie darf den Namen des Verräters unter den Asen nicht preisgeben.

Die Wölwa lenkt unseren Blick quasi auf die Szene im Eisenwald, ein kalter, dunkler Ort, wo sich das Böse sammelt und neues Unheil gebiert. Diese Szenen sind, mit der passenden Musik untermalt, schön schaurig.

|Die Musik|

Die Instrumente sind ganz einfache, aber sehr alte: eine afrikanische Krugtrommel; ein Balafon, „die afrikanische Urform des Marimbaphons“ (eine Art Xylophon also); eine tibetische Handtrommel, chinesische Glocken, Zimbeln, Klangschalen und Becken, außerdem ein „traditionelles finnisches Saiteninstrument“, eine „tibetische Trompete“, ein Saxophon, Bass und „verschiedene traditionelle Flöten“.

Man sieht also, dass hier auf sehr ursprüngliche Klänge geachtet wurde. Die entsprechenden Melodien sind ebenso urtümlich, lassen sich aber noch in manchen (abgelegenen) Weltgegenden erlauschen. Es ist, als würde der Hörer in die ferne Vergangenheit lauschen. Das finde ich höchst passend, wenn es um Geschichten über Thor und seine Heldentaten geht.

Die Musik mischt sich niemals in den Vortrag ein. Nach einem stimmungsvollen Intro hören wir sie stets nur als Intermezzo zwischen Textabschnitten. So haben wir Zeit, das Gehörte zu verdauen. Das Outro geleitet uns wieder uns wieder aus der Lesung hinaus, als würden wir eine andere Zeit verlassen.

|Das Booklet|

Das Booklet ist ein wichtiges Hilfsmittel für den Hörer, um sich in der Vielzahl der im Vortrag geschilderten Welten zurechtzufinden. Vier Welten sind abgebildet: Asgard, Heim der Asen / Götter; daneben Vanheim, Heim der Vanen; darunter Midgard alias Mittwelt, wo Menschen, Riesen (in Jötunheim) und Zwergen existieren: schließlich ganz unten Niflheim, wo Drache, Wölfe und die Totengöttin existieren.

Zweitens bietet diese Darstellung auch einen Stammbaum für die wichtigsten Asen und ihre Kinder Thor usw. Vor allem die zusätzliche Liste der Riesen ist hilfreich, denn ihre Namen werden häufig ganz anders geschrieben als ausgesprochen. Das Booklet liefert also erhellende Zusammenhänge, die sich angesichts der verzweigten Handlung und der Vielzahl der Namen als höchst willkommen erweisen.

_Unterm Strich_

Ich konnte diese über zwei Stunden lange szenische Lesung nur in vier Teilen bewältigen. Erstens gibt es sehr viele Episoden zu erleben, zweitens eine Unzahl von fremdartigen Namen zu merken (die selten mit ihrer Schreibweise übereinstimmen). Drittens ist es schwierig, einen Spannungsbogen zu entdecken. Immerhin entsteht eine gewisse Anspannung, wenn die Seherin immer wieder auf die Ungeheuer aus dem Eisenwald hinweist, die Götter wie Thor vernichten werden.

Aber was, so fragte ich mich, tragen Episoden wie Thors Kampf gegen die Eisriesen und den Utgard-Loki zum übergreifenden Thema bei? Immer wieder illustrieren sie, dass Thor ein ums andere Mal gegen die Riesen versagt und seinem Namen „Riesentöter“ Schande einbringt. Alles, was Loki unternimmt, ist hingegen interessant, ganz besonders sein Besuch bei den Zwergenschmieden.

Am witzigsten ist vielleicht die Episode mit dem unbekannten Lockenräuber, der Thors Frau Sif eine Glatze hinterlässt. Auch die Identität des Besuchers, der Angrboda im Eisenwald Hallo sagt und mit ihr Ungeheuer zeugt, bleibt vorerst im Dunkeln (ich habe oben mal wieder alles verraten). Da kommt durchaus Neugier und ein leichtes Gruseln auf.

|Das Hörbuch|

Peter Kaempfe trägt die Erzählung der Seherin routiniert und zurückhaltend vor. Er haucht den Figuren Leben ein, wenn es darauf ankommt, ohne sie jedoch individuell zu charakterisieren. Vor meinem geistigen Auge wurde Thor durchaus lebendig, vor allem, wenn er in Relation zu anderen Figuren wie den Riesen und zu Loki gesetzt wird. Thor ist zwar ein Kämpfer, aber kein Denker, und hat Loki über kurz oder lang leichtes Spiel mit ihm.

Bemerkenswert ist die Vielfalt an Riesen, der der Riesentöter begegnet. Vom tumben Golem und den pöbelnden Thrym reicht die Palette über den listigen Geirröd bis zum täuschenden Utgard-Loki, der Thor dreimal hereinlegt. Von Loki, der ja auch ein Riese ist, ganz zu schweigen. Gegenüber den anderen Genossen nimmt sich Loki sehr ungewöhnlich aus. Wohl deshalb kann es ihm gelingen, die Asen zu täuschen.

Die bemerkenswert instrumentierte Musik hebt den musikalischen Beitrag über das gewohnte Maß hinaus. Das Booklet liefert willkommene Zusatzinformationen für den erwachsenen Hörer und Leser. Die vorliegende CD ist nur ein Viertel des Gesamtwerks, und man sollte möglichst auch die anderen drei Teile hören, insbesondere „Odin“ und „Ragnarök“.

|2 Audio-CDs
Spielzeit: 145 Minuten
ISBN-13: 9783893533282|
http://www.igel-records.de

Carter, Chris – Kruzifix-Killer, Der (Lesung)

_Der Killer mit dem Doppelkreuz_

Die Leiche einer wunderschönen jungen Frau, bestialisch verstümmelt, doch keinerlei Spuren – bis auf ein in ihren Nacken geritztes Doppelkreuz. Es ist das Zeichen eines vor Jahren hingerichteten Serienmörders. Detective und Profiler Robert Hunter aus L.A. wird schnell klar, dass der Kruzifix-Killer lebt. Er mordet auf spektakuläre Weise weiter. Und er ist Hunter immer einen Schritt voraus – denn er kennt ihn gut. Zu gut. (Erweiterte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Chris Carter wurde 1965 in Brasilien als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Er studierte in Michigan forensische Psychologie und arbeitete sechs Jahre im Psychologenteam der Staatsanwaltschaft. Dann zog er nach Los Angeles, wo er als Musiker Karriere machte. Gegenwärtig (2009) lebt Carter in London.

_Der Sprecher_

Achim Buch, geboren in Rheinbach bei Bonn, gehört zum Ensemble des Dt. Schauspielhauses Hamburg. Er studierte an der Folkwang-Hochschule in Essen. Danach war er in Essen, Wiesbaden, Mannheim, Frankfurt/Main und am Thalia Theater in Hamburg engagiert. Ab 2000 arbeitete er als freier Schauspieler am Dt. Schauspielhaus Hamburg , am Staatsschauspiel Dresden, am Residenztheater München, am Renaissancetheater Berlin und am Schauspielhaus Bochum.

Regie im Eimsbütteler Tonstudio führte Margrit Osterwold.

_Handlung_

|PROLOG|

Robert Hunter von der Mordkommission von Los Angeles bekommt am 5. August einen Anruf. Mit einer verzerrten Roboterstimme fragt der Anrufer, ob er wisse, wo sein Partner Carlos Garcia sei. Weiß Hunter wirklich nicht. Der anonyme Anrufer lotst ihn in den Keller des Gebäudes, wo Hunter endlich Garcia sieht. Er hängt mit den durchbohrten Handgelenken an einem Kreuz und hat eine stählerne Dornenkrone auf dem Kopf.

Garcia befindet sich hinter schusssicherem Plexiglas, hinter dem Hunter einen Tisch mit einem Herzmonitor und einer digitalen Zeitanzeige erblickt. Der Anrufer verlangt von ihm, die Tür zu öffnen und Garcia binnen 60 Sekunden herauszuholen, sollen nicht er und der Gekreuzigte durch im Käfig deponierten Sprengstoff sterben. Doch welcher von vier Knöpfen ist der richtige, um die Tür zu öffnen? Die Zeit verrinnt, als Hunter rät…

|Fünf Wochen vorher|

Robert Hunter wird von Carlos Garcia nachts um drei Uhr angerufen. Mit einem Brummschädel und einem Filmriss erwacht Hunter im Bett einer Frau, die er nicht wiedererkennt. Garcia sagt, es sei dringend, er müsse zu einem Tatort kommen. Hunter lässt sich von Isabella, so heißt die Schöne, ihre Telefonnummer geben und haut ab, indem er ein Taxi nimmt. Wo sich sein eigenes Auto befindet, hat er vergessen.

Die Adresse, die Garcia ihm gegeben hat, befindet sich in den Wäldern über Los Angeles, in einem Forsthaus, das von Polizeiautos umstellt ist. Garcia führt ihn hinein, wo schon Captain Balter und der Forensikleiter Dr. Winston auf den Profiler warten. Sie weisen ihn auf die Leiche, die an der Wand hängt. Dr. Winston berichtet, jemand habe der jungen Frau bei lebendigem Leib die Gesichtshaut entfernt und sie sehr lange gefoltert. Nirgendwo finde sich Blut, als muss die Häutung woanders erfolgt sein. Das eingeritzte Doppelkreuz in ihrem Nacken deutet auf ein religiöses Ritual hin. Dem widerspricht die äußerst methodische Vorgehensweise des Täters.

Hunter muss seinem neuen Partner Garcia erklären, was das für ein Symbol ist: Das heidnische Doppelkreuz aus einem aufrechten und einem umgedrehten Kreuz deute auf eine zweischneidige Schwertklinge hin, im übertragenen Sinne auf ein verlogenes Doppelleben. Es war das Zeichen des Kruzifix-Killers, der bis vor anderthalb von Hunter und seinem Partner, dem mittlerweile verstorbenen Scott Wilson, gejagt wurde. Mike Farlowe wurde aufgrund der gefundenen Indizien in seinem Wagen der Prozess gemacht, er zum Tode verurteilt und mittels Giftspritze hingerichtet. Aber Hunter hatte stets seine Zweifel, es mit dem Richtigen zu tun zu haben. Nun schlägt der Kruzifix-Killer wieder zu. Diesmal könnte es der Echte sein.

Die Kripo lässt das gehäutete Gesicht der Getöteten mit Hilfe spezieller Software rekonstruieren. Da sie in Topform war und teure Hautcremes verwendete, vermutet Hunter, sie sei ein Model oder so gewesen, doch Garcia ist realistischer: eine Edelnutte. Sie wurde mit Liquid Ecstasy betäubt. In den zahllosen Fitness-Studios von L. A. werden sie nicht fündig. Dafür erkennt der wichtigste Dealer von L. A. das von Hunter präsentierte Phantombild. Es könnte sich um Jenny Farnborough handeln, meint D-King, eine seiner „Freundinnen“. Er hat jede Menge davon.

Gerade als Hunter mit Isabella ein Mittagessen im Restaurant vereinbart hat, ruft der anonyme Anrufer erneut an: Hunter könne ein weiteres Opfer verhindern, wenn er wisse, wer in einem bestimmten Hunderennen gewinne. Was für ein Scheißspiel, denkt Hunter, versucht aber sein Bestes. Es ist nicht gut genug. Der Killer sagt ihm, wo er die Leiche finden könne. Da sitzt er gerade mit Isabella beim Essen. Ihm ist der Appetit gründlich verdorben.

Der Tote ist ein mit Bakterien vergifteter Anwalt, der ein Doppelleben führte – welche Überraschung. George Slater war verheiratet, liebte aber auch einen Puertorikaner namens Rafael. Wieder findet sich im Nacken das Doppelkreuz, sonst aber keine Spur – außer einem europäischen Perückenhaar. Sicher eine falsche Fährte. Carlos Garcia sucht vergeblich nach einer Verbindung zwischen den Opfern, wie seinerzeit Hunter und Wilson während der ersten Mordserie. Zwecklos, meint Hunter.

Doch dann kommt den beiden Kommissar Zufall zu Hilfe. Oder ist eine ausgetüftelte neue Strategie des Killers? D-King, König der Zuhälter, bekommt sehr diskret eine DVD-Aufnahme zugespielt, in der seine verschwundene Jenny einen grauenhaften Tod stirbt. Und der Ort, wo diese Aufnahmen entstanden, lässt sich durchaus binnen zwei Tagen herausfinden …

_Mein Eindruck_

Anders als der religiös inspirierte Titel vermuten lässt, handelt es sich hier keineswegs um einen Dan-Brown-Verschnitt, der nach dem Prinzip einer Schnitzeljagd abläuft. Vielmehr ist dies ein Thriller, der in der Großstadt spielt, Großstadt-Typen aufbietet und sich mit den Sünden und Lastern der Metropolen befasst. Der Vatikan ist weit entfernt, und nicht einmal das titelgebende Kruzifix ist ein richtig christliches, sondern vielmehr ein heidnisches Symbol.

Das fehlende religiöse Motiv ist einer der vielen Gründe, warum Hunter und seine beiden Partner aus den beiden Mordserien so lange im Dunkeln tappen. Sie können keine Verbindung zwischen den Opfern herstellen. Die Lösung fällt Hunter erst ein, als ihm das Gesicht des Arbeitgebers einer weiteren verschwundenen Frau bekannt vorkommt, er es aber zunächst nicht zuordnen kann. Es bedarf eines weiteren Schlüssels – den ihm D-King unbeabsichtigt liefert -, damit sich Hunter an einen üblen zurückliegenden Fall aus Beverly Hills erinnert.

Wie es sich gehört, steht Hunters Name als Liste als Letzter auf der Liste der Opfer, an denen sich der Täter rächen will. Doch bis Hunter dies erkennt, ist es für ihn bereits zu spät. Denkt jedenfalls der Leser bzw. Hörer, der hier vom Autor gehörig an der Nase herumgeführt wird. Als sich Hunter in der Bredouille befindet, scheint er völlig hilflos ausgeliefert zu sein. Doch wie so viele Eindrücke in dieser Geschichte ist auch diese Annahme nicht ganz zutreffend…

Der Autor hält uns auf diese Weise mit seinen Wendungen immer wieder auf Trab und bei der Stange. Schauder erregende Motive wie Snuff Movies, in denen ein Opfer erst lange gefoltert und dann getötet wird (vgl. den Film „8 mm“ mit Nicholas Cage), sind nur gruseliges Detail, die grausamen Tötungsmethoden ein weiteres.

Dabei lässt sich der Autor einen genialen Kniff einfallen, um Hunter vom wahren Täter und dessen Identität abzulenken. Ist dieser Kniff plausibel, mag man sich fragen, aber wir sind in dieser Hinsicht keine Fachleute, der Autor (siehe oben) jedoch schon: Er war forensischer Psychologe. Mehr darf zu diesem Rätsel nicht verraten werden, aber der Showdown zwischen Hunter und seinem Möchtegern-Mörder ist ein spannungsreicher Dialog, in dem sich beide gegenseitig überlisten wollen.

Und wie es sich gehört, wird ganz am Schluss in klassischer Manier alles bis ins Kleinste erklärt. Darin folgt Chris Carter klassischen AutorInnen wie Agatha Christie oder Sax Rohmers Detektiv Nero Wolfe. Hauptsache, kein Leser oder Hörer beschwert sich danach, er habe nix kapiert oder Löcher in der Logikkette gefunden. Soweit ich anhand dieser gekürzten Hörbuchversion beurteilen kann, hat Carter alle solchen Löcher gestopft.

Nur an einer Stelle lässt Carter einen Ballermann wie einen Kistenteufel aus einem Nebenraum auftauchen und losfeuern. Das wirkt in der Kurzfassung ziemlich unvermittelt. Der Hoppla-Effekt wird hier mit der Action kombiniert, um einen toten Punkt in der Handlung zu überwinden. Nicht gerade die subtilste Erzählweise.

_Der Sprecher_

Dem Sprecher Achim Buch merkt man es an, dass er ein gestandener Schauspieler ist. Er kann mühelos einen Akzent annehmen und ihn einer Figur wie Isabella geben, die vorgibt, von Italienern abzustammen (wie der Autor selbst). Tatsächlich ist es von höchster Ironie, dass Isabella eine Rolle wie eine echte Schauspielerin spielt – und wird nun von einem Schauspieler dargestellt. Warum sie diese Rolle spielt, darf hier nicht verraten werden.

Auch die Tonhöhe wechselt Buch recht mühelos. D-Kings Mann fürs Grobe Jerome sowie der Bodybuilder Joe Bowman sprechen tiefe, maskuline Sätze, die Mädels klingen natürlich recht hoch und viel sanfter. Unter Einsatz eines Tonfilters verwandelt sich seine Stimme in die eines Roboters, hinter dem der Sprecher praktisch jedes Geschlecht verbergen könnte. Dies gehört zu den vielen Kniffen, um die wahre Identität des Killers zu verschleiern.

_Unterm Strich_

Ohne dass nun ein großer Erkenntniswert über die menschliche Natur dabei vermittelt würde, schafft es die Geschichte doch, den Thrillerfreund permanent zu unterhalten. Die Frage, wann wird der verrückte Killer unserem Ermittler-Cop eine weitere durchgeknallte Aufgabe stellen, sorgt nach einer Weile für Spannung. Ebenso die Frage, ob es den beiden Ermittlern gelingt, das fehlende Stückchen im Puzzle zu finden und das Rätsel zu lösen, das die Identität des Täters und den Zusammenhang zwischen seinen mittlerweile neun Opfern umgibt. Diese Lösung ergibt sich erst nach etlichen Umwegen.

Wenn man etwas erkennt, so die Tatsache, dass sich in den heutigen USA Menschen eine neue Identität wie einen neuen Satz Klamotten zulegen können. Sie können wie Schauspieler in einem neuen Leben auftreten, das sie sich selbst schaffen können. Beglaubigungen wie Geburtsurkunden, akademische Titel oder Zeugnisse lassen sich allesamt fälschen – schwupps hat man einen besseren Job. Doch wehe dem Kerl oder der Frau, der oder die sich auf solche Identitäten verlässt. Das kann schnell ganz böse enden.

|Das Hörbuch|

Die Geschichte hat mich bei der Stange gehalten, und dem Sprecher ist es gelungen, die Dialoge abwechslungsreich genug zu gestalten, dass ich mich nie gelangweilt habe. Nur an ein paar Stellen merkt der aufmerksame Zuhörer, dass der Text kräftig gekürzt wurde.

|4 Audio-CDs mit 277 Minuten Spieldauer
Gelesen von Achim Buch
Originaltitel: The Crucifix Killer (2009)
Aus dem US-Englischen übersetzt von Maja Rößner
ISBN 978-3-86909-030-6|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

_Chris Carter bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Kruzifix-Killer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6340

Rönkä, Matti – Grenzgänger, Der

_Auftritt des Wiesels: Der Privatdetektiv zwischen allen Fronten_

Viktor Kärppä ist russischer Emigrant – und ein Mann mit vielen Fähigkeiten. Da sein Diplom der St. Petersburger Sportakademie in Finnland nichts wert ist, hat er in Helsinki ein Detektivbüro eröffnet. Viktor nimmt Aufträge aller Art an und dient vielen Herren auf beiden Seiten der finnisch-russischen Grenze.

Nun soll er im Auftrag des Antiquars Aarne Larsson dessen Ehefrau Sirje finden, die spurlos verschwunden ist. Ein Routinejob, denkt Viktor. Doch die Suche nach der jungen Frau stört die Kreise gnadenloser Gangster. Denn bald stellt sich heraus, dass Sirje die Schwester des estnischen Drogenkönigs Jaak Lillepuu ist. Viktor gerät in das Fadenkreuz russischer Spione und estnischer Schmuggler, und als wäre das nicht genug, sitzt ihm noch der exzentrische Kommissar Korhonen im Nacken. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Matti Rönkä, geboren 1959 in Nord-Karelien, ist Journalist. Er hat sowohl in den Printmedien als auch beim Radio gearbeitet und ist heute Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. Jeder Finne kennt ihn als „Mister Tagesschau“ – und als Autor sehr erfolgreicher Krimis. Rönkä lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Helsinki. Er wurde mit dem Finnischen, dem Nordischen und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Für seinen ersten Roman ›Der Grenzgänger‹ wurde Rönkä sowohl mit dem ›Deutschen Krimipreis 2008‹ als auch mit dem finnischen Krimipreis 2006 ausgezeichnet. Der Autor erhielt außerdem den Nordischen Krimipreis 2007. (Verlagsinfo)

Bereits erschienen:

„Bruderland“
[„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947
[„Entfernte Verwandte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7955
„Zeit des Verrats“

_Hintergrundinformationen _

Folgendes Wissenswertes berichtet der Autor in seinem Nachwort zu „Entfernte Verwandte“:

Auf mütterlicher Seite ist Viktor Gornostajew / Kärppä ein Karelier. Diese bilden ein eigenes Volk, dessen Sprache eng mit dem Finnischen verwandt ist. Nach dem finnischen Bürgerkrieg von 1917/18, der auf die Unabhängigkeit von Schweden folgte, flohen viele der unterlegenen „Roten“ vor den bürgerlichen „Weißen“ nach Russland. Hier wollten sie das Arbeiterparadies aufbauen. Während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre kamen selbst Finnen aus den USA und Kanada hierher nach Karelien.

Auf der väterlichen Seite jedoch ist Viktor Ingermanländer. Diese siedelten in einem schmalen Streifen nordöstlich von St. Petersburg. Es sind Finnen, die im 17. und 18. Jahrhundert von den Schweden angesiedelt wurden, um die lutherische Kirche im Osten zu stärken. Rund 200.000 Finnen pflegten die finnische Kultur usw. Doch besonders zu Stalins Zeiten wurden Finnen verfolgt, in Lager gesteckt, Familien auseinandergerissen und Bevölkerungsteile in ferne Gegenden Russlands vertrieben.

Im Zweiten Weltkrieg eroberte die deutsche Wehrmacht Ingermanland, um Leningrad einzuschließen. Die dort lebenden Menschen wurden nach Finnland umgesiedelt. Dort schlossen sie Ehen mit Finnen und adoptierten verwaiste Kinder. Ingermanländische Männer, die (1939/1940) in finnische Gefangenschaft geraten waren, schlossen sich der finnischen Armee (1941-45) an, wo sie „Stammesbataillone“ bildeten. Den Ingermanländern wurde insgeheim eine gesicherte Zukunft in einem „Großfinnland“ versprochen.

Nach dem verlorenen Krieg 1944 mussten allen Sowjetbürger zurück in die Sowjetunion, darunter an die 60.000 Ingermanländer mit zahlreichen Adoptivkindern. Manche blieben mit gefälschten Papieren in Finnland oder flohen nach Schweden. In der Sowjetunion wurden die Ingermanländer erneut zerstreut, doch vielen gelang es, sich in Russisch-Karelien, Estland oder Ingermanland niederzulassen. Nach 1990 erlaubte Finnland den Ingermanländern die Rückkehr nach Finnland. Etwa 30.000 Ingermanländer erlangten so die finnische Staatsangehörigkeit, doch sie sprachen kein Finnisch und waren entwurzelt. So erging es auch Viktor.

_Handlung_

Viktor Kärppä alias Viktor Nikolajewitsch Gornostajew sitzt in seinem Detektivbüro in Helsinki, als Aarne Larsson eintritt. Larsson ist ein Antiquariatsbuchhändler um die sechzig, der seine Frau Sirje, 35, seit Anfang Januar vermisst. Sie ist spurlos verschwunden. Selbst die Polizei hat die Suche aufgegeben, denn sie mischen sich nicht in die Angelegenheiten von Gangstern ein.

Gangster?, stutzt Viktor und schaut noch mal in Larssons detaillierten Unterlagen nach. Da steht’s: Sirjes estnischer Mädchenname lautet Lillepuu. Ihr Bruder ist der estnische Drogenkönig Jaak Lillepuu. Au Backe, denkt Viktor. Auch sein Auftraggeber Gennadi Ryschkow warnt ihn vor Jaak Lillepuu. Ein knallharter Typ, mit dem man sich nicht anlegen sollte. Na, prächtig.

Ryschkows Partner Karpow beklagt sich, dass ihm und Ryschkow unbekannte Gangster eine Lagerhalle voll geschmuggelten Alkohols und gefälschter Zigarettenpackungen ausgeräumt hätten. Und den Wächter Jura hätten sie gleich mitgenommen. Dieser Jura taucht im Kofferraum eines japanischen Autos in einer Tiefgarage wieder auf. Allerdings in Einzelteilen. Was die Kriminalbeamten Teppo Korhonen und Ypi Parjanne neugierig darauf macht, ob wohl Kärppä etwas darüber weiß. Immer nett, wenn die Kripo morgens um drei auf einen Plausch vorbeischaut. Besonders ohne Schlüssel. Dass selbst Korhonen, der Viktor als Informant benutzt, über die Suche nach Sirje Bescheid weiß, findet Viktor auch nicht gerade beruhigend. Wer weiß noch davon?

Die letzte Spur von Sirje Larsson verliert sich in einem verfallenden Mietsblock voller Esten, Finnen und Ingermanländer. In der bezeichneten Wohnung ist sie nicht, wohl aber eine attraktive Psychologiestudentin namens Marja Takal, die Viktor äußerst interessant findet. (Er wird sie später heiraten.) Mit ihrer Hilfe hört er sich weiter um.

Aufschlussreicher ist ein Besuch in Estland bei Sirjes Eltern. Während ihr Vater recht verschlossen und abweisend wirkt, ist ihre Mutter recht besorgt. Aber hier finden sich keine Spur und kein Hinweis auf Sirje. Der Vater erwähnt, dass Sirjes Bruder Jaak Lillepuu am Telefon meinte, das interessiere ihn nicht. Doch als Jaak auf der Fähre zurück nach Helsinki persönlich auftaucht, klingt das ganz anders. Er legt Kärppä über die Reling, so dass dieser einen intensiven Blick auf die trügerischen Wellen der kalten Ostsee werfen kann. Die mit einem Messer unterstrichene Botschaft ist deutlich: Finger weg von dieser Sirje-Sache!

Die Botschaft kommt durchaus an. Doch als Kärppä sieht, dass Jaak eine Zigarette aus einer Packung raucht, die kürzlich aus Karpows Lagerhaus geklaut wurde, zählt er zwei und zwei zusammen. Hier ist etwas oberfaul, und er gedenkt, der Sache auf den Grund zu gehen. Er stößt auf gefälschte Leichen und einige unangenehme Wahrheiten …

_Mein Eindruck_

Wer seinen Dashiell Hammett und Raymond Chandler kennt, der weiß, dass kaum eine der Figuren, die in dieser Geschichte auftauchen, die ist, die sie zu sein vorgibt. Viktor Kärppä lernt noch auf die harte Tour, dass das Leben einen doppelten Boden hat und er sich beeilen sollte, dies mal nachzuprüfen, auf dass er nicht ins Bodenlose falle. Sein Fehler ist nur, dass er nicht annimmt, dass selbst der doppelte Boden noch eine weitere Ebene haben könnte.

Jeder verfolgt seine eigenen Absichten und andere müssen dafür die Zeche zahlen. Das war schon in den alten Noir-Krimis von Chandler & Co. so. Nach dem Fall des Eisernen Vorhang schicken sich die Russen und Esten an, Finnland zu überrennen und mit gefälschter Schmuggelware zu überschwemmen. Kein Wunder, dass ihnen Nationalisten wie Larsson in die Quere kommen können.

Zu den Russen zählt Kärppä natürlich selbst, und dass er einst bei einer Spezialeinheit der Russischen Armee ausgebildet wurde, kommt ihm jetzt zupass. Tarnen, spionieren, täuschen und tricksen, das liegt dem „Wiesel“, wie sein Name bedeutet, im Blut. Und diese Tatsache reibt ihm Teppo Korhonen bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase. Allerdings verdankt es Viktor diesen Fähigkeiten sowie seinen guten Kontakten in die Leningrader Unterwelt, dass er noch am leben ist.

Eine der wichtigsten Szenen, die Kärppäs Hintergrund beleuchten, dreht sich um sein in Ingermanland zurückgebliebenes Mütterchen. Die alte Frau hat das Putzen übertrieben und einen Herzanfall erlitten. Wer kümmert sich um sie, wer kommt für die Klinikkosten auf, wer transportiert ihre Söhne Alexej und Viktor hin und zurück? Viktor ist auf viele zwielichtige Leute angewiesen, in deren Schuld er ungern stehen möchte.

Zu diesen Leuten gehören auch sein Auftraggeber, Mentor und Chef Ryschkow. Kann Kärppa diesem Mann, der in vielen Halbweltprojekten seine Finger drin hat, wirklich trauen? Chandler-Kenner würden rufen: „Niemals!“ Warum sollte Kärppä auf solche Rufer hören? Nun, spätestens dann, als er sich in Jaak Lillepuus Organisation einschleusen lässt und dort unerwartet viele Gesichter sieht, die er ganz woanders vermutet hatte. Die Rückfahrt mit der estnischen Fähre mündet in einen spannenden Showdown.

_Die Übersetzung_

Die Übersetzerin legt ein großes Gespür für die korrekte Wortwahl an den Tag, so dass der deutsche Stil meist ganz natürlich klingt. Mit zwei dubiosen Ausnahmen. Auf S. 16 heißt es: „Ich verkaufe also kaum fiktive Prosa“, sagt der Antiquar Larsson. Bei uns sagt man allerdings nicht „fiktive Prosa“, denn dass Prosa-Geschichten fiktiv sind, versteht sich ja von selbst. Man sagt daher „fiktionale Prosa“, also erzählende Prosa. „Fiktiv“ steht nur deshalb da, weil am Ende des Absatzes die Rede von Fiktion vs. Fakten ist.

Auf S. 67 steht der Satz “ …Ryschkow hatte möglicherweise zu enge Verbindungen zur FSP oder anderen Nachfolgeorganisationen des KGB.“ Korrekt wäre FSB, wie es ja dann auch in späteren Rönkä-Romanübersetzungen heißt. Den FSB gibt es bis heute.

_Unterm Strich_

Für sein Krimidebüt verlässt sich Matti Rönka auf die erprobten Kniffe der Altvorderen und Meister dieses Fachs. Trau keinem, der dich beauftragt oder dich um einen Gefallen bittet, sollte sich Viktor Kärppä hinter die Ohren schreiben. Und was du siehst, ist nicht unbedingt das, wofür du es hältst. Es ist eine Welt der Fälschungen, in der es keine festen Identitäten mehr gibt, keine festen Loyalitäten, und schon gleich gar keine Wahrheiten.

Aber es gibt die Stimme des Blutes. Sie ruft rein und wahr über viele Meilen hinweg. So findet Viktor Kärppä flugs ans Krankenbett seiner Mutter und trifft dort seinen Bruder. Schon bald werden sie in Rönkäs Romanen Seite an Seite auftauchen. Aber auch die Liebe kann ehrlich sein, und so kommt es nicht von ungefähr, dass Viktor Kärppäs letzter und dringendster Hilfruf nicht an Alexej gerichtet ist, sondern an seine Freundin Marja. Was wird sie damit machen? Diese Seite der Geschichte ist Rönkäs unverwechselbarer Beitrag zum Genre.

Jeder Krimi von Matti Rönkä bietet lohnende Krimilektüre (siehe meine Berichte). Das vorliegende Debüt erhielt so viele Auszeichnungen und Lorbeeren, dass ich sie hier lieber nicht aufzählen möchte. Sie könnten unglaubwürdig wirken. Das soll keinesfalls davor abschrecken, sich den 220-Seiten-Krimi in ein bis zwei Tagen zu Gemüte zu führen.

|Taschenbuch: 222 Seiten
Originaltitel: Tappaja näiköinen mies, 2002;
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-3894255602|
http://www.grafit.de

_Matti Rönka bei |Buchwurm.info|:_
[„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947
[„Entfernte Verwandte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7955

Martin, George R. R. – Sturm der Schwerter (Das Lied von Eis und Feuer 5)

_|Das Lied von Eis und Feuer|:_

01 [„Die Herren von Winterfell“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3637
02 [„Das Erbe von Winterfell“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7222
03 [„Der Thron der Sieben Königreiche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3651
04 [„Die Saat des goldenen Löwen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7864
05 _“Sturm der Schwerter“_
06 „Die Königin der Drachen“
07 „Zeit der Krähen“
08 „Die dunkle Königin“
09 „Der Sohn des Greifen“
10 „Ein Tanz mit Drachen“ (23.07.2012)

_Viele Anfänge, keine Entscheidungen: Aufmarsch zum Showdown_

„Das Lied von Eis und Feuer“, so heißt das ambitionierte Großprojekt von George R. R. Martin auf dem Gebiet der epischen Fantasy. Die vier ersten Bände davon sind bereits auf Deutsch erschienen (hier auf acht Bände verteilt), die nächsten zwei erscheinen im Mai und Juli 2012 auch bei uns. „Sturm der Schwerter“ ist die erste Hälfte des Originalbandes „Storm of Swords“.

Der Zyklus lässt sich zum Besten einordnen, was diese Literaturgattung bisher hervorgebracht hat. Mehrere Handlungsstränge aufgreifend, bietet Martin einen Blick auf eine farbenprächtige Welt voller Gegensätze, ein buntes Gewimmel verschiedenster Schicksale, verstreut vom kargen, frostklirrenden Norden bis zu den orientalisch prächtigen Ländern des Sommers.

Eine Welt, in der die Jahreszeiten sich über Jahre erstrecken können und auf einen milden langen Sommer ein umso härterer Winter folgt. In diesen Wintern erwachen im Norden dunkle Mächte. Und der jetzige Sommer währt bereits die Rekordzeit von zehn Jahren … Doch noch ist die Witterung wohlgesonnen, und die Menschen sind mit ihrem eigenen Streit beschäftigt. Aber das Blatt wendet sich allmählich …

_Der Autor_

George R. R. Martin, 1948 in Bayonne/New Jersey geboren, veröffentlichte seine ersten Kurzgeschichten im Jahr 1971 und gelangte damit in der Fantasy-Szene zu frühem Ruhm. Gleich mehrfach wurde ihm der renommierte Hugo Award verliehen. Sein mehrteiliges Epos Das Lied von Eis und Feuer wird einhellig als Meisterwerk gelobt, dessen neunter Band im Mai 2012 auf Deutsch erscheint. George R. R. Martin lebt in Santa Fe, New Mexico. (Erweiterte Verlagsinfo)

_Handlung_

Davos der Schmuggler, der in der Schlacht um die Hauptstadt Königsmund, ein Schiff kommandiert hat, ist auf einem einsamen Felsen gestrandet und stillt seinen Durst aus Regenwasserpfützen, als sich am Horizont ein Segel abzuzeichnen scheint. Ist dies seine Rettung aus den Qualen von Hunger, Durst und Einsamkeit? Davos hat noch eine Mission vor sich: eine Hexe zu töten.

|Jon Schnee|

Lord Starks Bastard Jon Schnee, der sich der Schwarzen Bruderschaft angeschlossen hat, ist an der größten Expedition der Grenzer von der Mauer beteiligt, die man in den letzten Jahren gesehen hat. Jon ist ein Warg und mit dem Zweiten Gesicht begabt, so dass er mit den Augen seines Schattenwolfs Geist „sehen“ kann, wie sich die größte Ansammlung von Wildlingen, Riesen usw., die man bislang gesehen hat, jenseits der Mauer in Bewegung setzt, um die Mauer anzugreifen. Wehe dem Königreich von Westeros, wenn sie sie überwinden können!

Doch die Patrouille von Qhorin Halbhand, der er sich angeschlossen hat, wird von einem anderen Geistwandler in Adlergestalt entdeckt und verfolgt. Ihre Chancen auf ein Überleben in der eisigen Wildnis jenseits der Mauer sind gleich null. Damit wenigstens Jon, immerhin der Spross eines Fürsten, überlebt, greift Qhorin zu einer verzweifelten Maßnahme: Jon soll überlaufen, um die Pläne von Manke Rayder, dem König-jenseits-der-Mauer, zu erfahren. Und um ein glaubwürdiger Verräter zu sein, soll Jon seinen Bruder Qhorin vor Zeugen töten. Wird der verwegene Plan aufgehen?

|Daenerys|

Die einzig wahre Thronerbin von Westeros, Daenerys Targaryen, segelt mit ihren drei Drachen – den einzigen auf der Welt – vom äußersten Osten zurück nach Pentos. Sie befindet sich mit ihren getreuesten Untergebenen an Bord von drei Handelsschiffen Illyrios, eines Kaufmanns, der bereits ihren Bruder Viserys unterstützte. Seine zwei Söldner, ein alter „Knappe“ und ein Eunuch, haben ihr in Quarth das Leben gerettet, sagen sie.

Doch Ser Jorah, der verbannte Ritter und treuester Berater, traut den beiden nicht und vertraut Daenerys seine Zweifel an. Ihr wurde prophezeit, sie werde dreimal verraten werden, wegen Blut, wegen Gold und in der Liebe. Was, wenn Illyrio, der scheinbar so loyale Mäzen, sie an den Feind meistbietend verraten hätte? Was erwartet Daenerys in Pentos – eine Invasionstruppe für Westeros oder der Kerker? Schon einmal hat es ein Kaufmann in Quarth auf ihre unschätzbar wertvollen Drachen abgesehen.

Ser Jorahs Vorschlag lautet daher: „Segelt Astapor und heuert mit Illyrios Handelsware eine Armee treuer Unbefleckter an, also Sklavensöldner, und reist dann über Land nach Pentos, was wenigstens nicht so gefahrvoll ist wie zur See.“ Dann küsst er die halbnackte Königin und macht ihr einen Heiratsantrag. Denn schließlich müssen für DREI Drachen auch DREI Reiter gefunden werden …

|Bran Stark|

Winterfell ist zerstört und niedergebrannt, nur Bran und zwei Begleiter konnten entkommen. Bran Stark ist zwar ein Krüppel, seit Jaime Lennister ihn aus dem Turmfenster gestoßen hat, doch wenn er als Warg seinen Geist in seinen Schattenwolf versenkt, kann er laufen wie ein Prinz der Wälder. Immer öfter und länger unternimmt er deshalb diese köstlichen Geistreisen mit Sommer.

Leider reißen ihn seine zwei Begleiter Meera und Jojen Reet, zwei „Froschfresser“ aus dem östlichen Mündungsdelta, immer wieder aus diesen Trancen, denn schließlich muss auch sein eigener Körper bei Kräften bleiben. Vor die Wahl gestellt, sich durch Kriegsgebiet nach Norden durchzuschlagen oder seiner Vision zu folgen, entscheidet er sich für Letzteres. Doch um die dreiäugige Krähe zu sehen, muss er die Mauer des Nordens überwinden und ins gesetzlose Land dahinter vorstoßen.

|Sansa Stark|

Prinzessin Sansa, die ältere Tochter des enthaupteten Lord Eddard Winterfell, sieht sich in der Gefangenschaft zu Königsmund, wo die Königin sie als Geisel hält, unvermittelt von neuen Freundinnen umgeben: den Angehörigen der neuen Braut von König Joffrey, Margaery Tyrell von Rosengarten. Die Brautmutter besonders erweist sich als erfahrene Intrigantin und verkuppelt die nunmehr solo lebende Sansa an einen Gutserben, der nur den winzigen Nachteil hat, ein Krüppel und Schöngeist zu sein. Sansa freut sich schon auf ein angenehmes Eheleben im sonnigen Süden.

Zu dumm, dass Lord Tywin Lennister, mittlerweile die Hand des Königs, genau die gleiche Idee hat – für die verwitwete Königin. Und wer soll nun Sansas Hand erhalten? Sein Sohn Tyrion glaubt, sich verhört zu haben …

|Arya Stark |

Sansas unternehmungslustige Schwester Arya befindet sich derweil auf einem Kurs, der sie nach Norden führen soll, doch nachdem ihre Identität von versprengten Resten des Nord-Heeres aufgedeckt worden ist, nimmt man sie und Gendry, den Bastardsohn von König Baratheon, gefangen, um sie Lord Beric Dondarrion auszuliefern. Und der lebt nun mal weit im Süden. Und es heißt, er sei unsterblich. Unverhofft stößt sie bei ihm auf Sandor Clegane, den Bluthund des früheren Königs. Und mit dem hat Arya noch eine alte Rechnung zu begleichen.

|Lady Catelyn|

Die Mutter der beiden, Lady Catelyn, hat unterdessen eine verzweifelte Entscheidung getroffen, um Sansa und Arya aus der Gefangenschaft auszulösen: Sie will Jaime Lennister, den Königsmörder und Bruder der Königin, nach Königsmund schicken, damit Königin Cersei im Austausch die zwei Mädchen freigibt. Doch der Auftrag, den sie der bewaffneten Kämpferin Brienne gegeben hat, stößt in den vom Krieg verwüsteten Landen auf unerwartete Hindernisse …

|Tyrion Lennister|

Tyrions Liebe zu Shae nimmt verzweifelte Ausmaße an. Er ist zwar durch die fehlende Nase entstellt, doch sie liebt ihn immer noch. Allerdings sind ihre Treffen, die der undurchsichtige Eunuch Varys arrangiert, eine ständige Gefahrenquelle für sie beide. Sollte Tyrions Vater Tywin oder gar die Königin von Shae erfahren, wäre ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert – und das von Tyrion womöglich mit.

Deshalb steht Tyrion dem Vorschlag bzw. der Forderung seines Vaters, Sansa Stark wegen ihres Anspruchs auf ein Königreich im abtrünnigen Norden zu heiraten, gar nicht ablehnend gegenüber. Und die zur Frau erblühte Sansa ist kein Mädchen, das Tyrion von der Bettkante stoßen würde (anders als etwa Lady Arryn). Aber kann Tyrion wirklich Shae behalten, wenn er verheiratet ist? Der Versuch, seinen Kuchen zu essen und zugleich behalten, ist schon des öfteren schiefgegangen.

_Mein Eindruck_

Die Heere sind in Bewegung gesetzt, zumindest diejenigen, die nach den ersten Schlachten noch übrig geblieben sind. Das wichtigste und am wenigsten beachtete Heer ist das von Manke Rayder, dem König jenseits der Mauer. Es schickt sich an, eben diesen Schutzwall zu überwinden, die Schwarze Wache wegzufegen und das Tor zum Süden zu öffnen. Dann werden Zombies und die Anderen über den Norden herfallen, der nicht mehr von den Starks bewacht wird: Winterfell wurde niedergebrannt.

Tief im Süden rollt neuer Ärger auf Königsmund zu, wie Tyrion Lennister feststellen muss: Die Adligen der südlichsten Region Dorne kommen zu König Joffreys Hochzeit und werden in der Hauptstadt auf ihre Erzfeinde, die Adligen aus Roesengarten treffen. Das sollte für einen hübschen Konflikt sorgen, freut sich Tyrion, der seiner Schwester, Königin Cersei, jedes Unglück von Herzen gönnt.

Auch weit im Osten braut sich Ungemach zusammen. Daenerys ist es endlich gelungen, eine schlagkräftige Streitmacht aufzustellen. Das heißt, sie hat sie einfach von den Sklavenhändlern „gekauft“ – und dann eben diese Händler eliminieren lassen. Nun stehen ihr die Unbefleckten zur Verfügung, Eunuchen, die keinen Schmerz und kein Mitgefühl kennen, dafür aber jede Menge Waffenkünste. Und es sind nicht bloß Hunderte, sondern Zehntausende. Mit ihnen könnte sie es sogar gegen die Dothraki aufnehmen. Allerdings braucht sie nun einen Weg, um sie alle nach Westeros zu transportieren. Doch dabei wird ihr Ser Jorah gerne Rat geben.

Die einzigen Enttäuschungen, die ich in dem Buch bislang erlebte, sind die unvollendeten Handlungsfäden von Arya, Bran und Jaime sowie das seltsame Geschick von Sansa. Statt nämlich mit der 13-jährigen die Ehe zu vollziehen, verspürt der Gnom Tyrion Mitgefühl für das an ihn verschacherte Kind und überlässt ihr die Wahl, wann es dazu kommen soll. Er hat ja immer noch seine Hure Shae. Allerdings muss er sich nun allerlei Spott und Kritik anhören. Und eine Ehe, die nicht „nach angemessener Frist“ vollzogen worden ist, kann vom Hohen Septon annulliert werden. Das würde Lord Tywin sicher nicht gefallen, der sich das Erbe der Starks unter den Nagel reißen will.

_Die Übersetzung _

Ein umfangreicher Anhang mit den einzelnen Herrscherhäusern von Martins Phantasiewelt macht es deutlich: Hier treten sehr viele Leute auf die Bühne, die die Welt bedeutet. Und nicht alle treten lebend ab. Denn wie das unter den Edlen so ist und dem Leser von Shakespeare sattsam bekannt: Es kann der Klügste nicht in Frieden regieren, wenn es dem Ehrgeizigen nicht gefällt.

Der Interessent sollte darauf achten, die überarbeitete Fassung zu lesen, denn in ihr sind alle Eigen- und Ortsnamen auf den drei Landkarten eingedeutscht und Fehler der Erstauflage ausgemerzt. Äußerst hilfreich sind die Landkarten, auch wenn man sich so manche davon etwas detaillierter gewünscht hätte.

|Fehlerübersicht|

Auf S. 450 steht „Marum“ statt „Warum“.

S. 583: „Der Mann war klein [ -] obzwar für Tyrion jeder Mann groß war -, hatte – spärliches braunes Haar …“. Zunächst fehlt ein Gedankenstrich, dann haben wir einen zu viel. Die beiden Lektoren hätten hier besser aufpassen müssen.

Auf S. 584 steht „größzügig“ statt „großzügig“. Es gibt noch einige solche Flüchtigskeitsfehler mehr.

Kein Fehler ist jedoch auf S. 608, dass das Wort „Dolch“ zweimal in einem Satz auftaucht. Die Figur, ein Bruder der Nachtwache, wird einfach so genannt. Und natürlich geht es um Sams Dolch aus valyrischem Stahl, mit dem er einen der unheimlichen Anderen getötet hat.

_Unterm Strich_

Für diese erste Hälfte des Gesamtbandes habe ich mehrere Wochen benötigt. Der Grund ist einfach: Es finden lediglich Auf- und Umstellungen von Figuren statt, aber keine eigentlichen Entscheidungen von Konflikten. Der Autor baut jede Menge Spannungsbögen auf, doch die wenigsten davon werden auch zu Ende geführt. Am Schluss hat man zwar eine ganze Reihe von Entwicklungen gesehen, aber deren Ziele und Zwecke sind noch unklar. Deshalb kann mein Rat nur lauten: sofort weiterlesen!

Hinweis: Die 2. Hälfte von „Storm of Swords“ trägt den deutschen Titel „Die Königin der Drachen“.

|Taschenbuch: 768 Seiten
Originaltitel: A Storm of Swords, pp. 1-438 inkl. Appendix (2000)
Aus dem US-Englischen von Andreas Helweg, in überarbeiteter Übersetzung
ISBN-13: 978-3442268467|
[www.randomhouse.de/blanvalet]http://www.randomhouse.de/blanvalet

_George R. R. Martin bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Heckenritter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4443
[„Fiebertraum“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5451
[„Adara und der Eisdrache“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5857

Rönkä, Matti – Entfernte Verwandte

_Finnen-Krimi für den langen Atem_

Helsinki 2006: Viktor Kärppä führt gerne mal billigen Fusel aus Russland ein, um ihn teuer weiterzuverkaufen. Ansonsten sind seine Geschäfte durchaus legal. Okay, da sind die zwei Wohnungen, die er an einen russischen Gangster vermietet hat. Aber was geht das Viktor an? Das ändert sich, als er dort kiloweise Drogen findet. Und kurz darauf ein entfernter Verwandter ermordet wird … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Matti Rönkä, geboren 1959 in Nord-Karelien, ist Journalist. Er hat sowohl in den Printmedien als auch beim Radio gearbeitet und ist heute Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. Jeder Finne kennt ihn als „Mister Tagesschau“ – und als Autor sehr erfolgreicher Krimis. Rönka lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Helsinki. Er wurde mit dem Finnischen, dem Nordischen und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Bereits erschienen:

„Der Grenzgänger“
„Bruderland“
[„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947
„Zeit des Verrats“

Hinsichtlich des Hintergrunds bitte meine Rezension zu „Russische Freunde“ lesen. Danke.

Folgendes Wissenswertes berichtet der Autor in seinem Nachwort zu „Entfernte Verwandte“:

Auf mütterlicher Seite ist Viktor Gornojewitsch / Kärppä ein Karelier. Diese bilden ein eigenes Volk, dessen Sprache eng mit dem Finnischen verwandt ist. Nach dem finnischen Bürgerkrieg von 1917/18, der auf die Unabhängigkeit von Schweden folgte, flohen viele der unterlegenen „Roten“ vor den bürgerlichen „Weißen“ nach Russland. Hier wollten sie das Arbeiterparadies aufbauen. Während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre kamen selbst Finnen aus den USA und Kanada hierher nach Karelien.

Auf der väterlichen Seite jedoch ist Viktor Ingermanländer. Diese siedelten in einem schmalen Streifen nordöstlich von St. Petersburg. Es sind Finnen, die im 17. und 18. Jahrhundert von den Schweden angesiedelt wurden, um die lutherische Kirche im Osten zu stärken. Rund 200.000 Finnen pflegten die finnische Kultur usw. Doch besonders zu Stalins Zeiten wurden Finnen verfolgt, in Lager gesteckt, Familien auseinandergerissen und Bevölkerungsteile in ferne Gegenden Russlands vertrieben.

Im II. Weltkrieg eroberte die deutsche Wehrmacht Ingermanland, um Leningrad einzuschließen. Die dort lebenden Menschen wurden nach Finnland umgesiedelt. Dort schlossen sie Ehen mit Finnen und adoptierten verwaiste Kinder. Ingermanländische Männer, die (1939/1940) in finnische Gefangenschaft geraten waren, schlossen sich der finnischen Armee (1941-45) an, wo sie „Stammesbataillone“ bildeten. Den Ingermanländern wurde insgeheim eine gesicherte Zukunft in einem „Großfinnland“ versprochen.

Nach dem verlorenen Krieg 1944 mussten allen Sowjetbürger zurück in die Sowjetunion, darunter an die 60.000 Ingermanländer mit zahlreichen Adoptivkindern. Manche blieben mit gefälschten papieren in Finnland oder flohen nach Schweden. In der Sowjetunion wurden die Ingermanländer erneut zerstreut, doch vielen gelang es, sich in Russisch-Karelien, Estland oder Ingermanland niederzulassen. Nach 1990 erlaubte Finnland den Ingermanländern die Rückkehr nach Finnland. Etwa 30.000 Ingermanländer erlangten so die finnische Staatsangehörigkeit, doch sie sprachen kein Finnisch und waren entwurzelt. So erging es auch Viktor.

_Handlung_

Der Bauunternehmer Viktor Kärppä kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig. Seit seine Lebensgefährtin Marja eine kleine Tochter namens Anna hat, fordert sie von Vitjuha mehr Erfüllung seiner Vaterpflichten. Doch in der Firmenkasse herrscht Ebbe, die nach Flutung verlangt. Das Baugeschäft bringt wenig ein, also hat Viktor an den Exilrussen Maxim Frolow zwei Wohnungen vermietet. Weil ihm Frolow auch noch Schwarzarbeiter andrehen will, schaut Viktor mal nach dem Rechten. Was er findet, schockt ihn.

In Wohnung Nr. 1 hat Frolow ein Bordell eingerichtet. Wenigstens verrät ihm die Prostituierte, was es mit Frolows Geschäften auf sich hat: Menschen- und Drogenhandel beispielsweise. In Wohnung Nr. 2 findet er einen Junkie im Heroinrausch vor. Na prächtig, denkt Viktor, und es ist auch noch Slawa, den er als Hausmeister eingestellt hat, um ihn von der Straße zu holen. Das hat man nun von der Nächstenliebe. In einem Versteck findet er mehrere Kilo Rauschgift, das Frolow hier wohl gebunkert hat.

Bevor man jemanden verrät, sollte man unter Russen immer erst prüfen, über welche Verbindungen das Ziel verfügt. Deshalb schaltet Viktor den Kulturattaché der russischen Botschaft in Helsinki. Mit anderen Worten: den Chefspion Putins in Finnland. Alexander Malkin liefert auch die entsprechenden Informationen über Frolows Verbindungen: einen Esten und einen Tschetschenen. Der Este Wadim besorgt das Rauschgift, aber der Tschetschene Imran ist wahrscheinlich ein Terrorist. Das baut Viktor richtig auf. Er verweist Slawa sicherheitshalber des Landes, bevor der sich zusammenbrauende Ärger blutig wird.

Eines Tages steht eine Frau mit einem Jungen vor der Tür, und Marja ärgert sich erneut: Is Viktors Haus jetzt zum Asylantenheim erklärt worden? Aber nein. Xenja ist die Frau von Pawel, seinem Vetter 2. Grades, und Sergej ist ihr Sohn. Pawel, der aus dem russischen Ingermanland (s. o.) stammt, sollte hier in Finnland ein paar Wochen oder Monate auf dem Bau schwarz arbeiten, erzählt sie, doch er habe nie wieder etwas von sich hören lassen. Blutsbade verpflichten ihn, Xenja und Sergej aufzunehmen. Wenigstens dies versteht Marja.

Inzwischen sind die Cops Viktor auf den Fersen, denn sie versuchen, etwas über seinen angeblichen „Partner“ Maxim Frolow herauszufinden. Als auch noch Frolows Handlanger Wadim und Imran ihn einzuschüchtern versuchen, weil sie alles über Slawas Verschwinden erfahren haben, ist das Maß voll. Viktor besorgt sich eine Lebensversicherung in Gestalt des gebunkerten Heroins in seiner Wohnung. Die Prostituierten bringt er bei seiner Sekretärin Oksana unter.

Doch wo ist nur Vetter Pawel abgeblieben, fragt sich Viktor, der von seine Kusine Xenja täglich neu daran erinnert wird. Als ein Pärchen die verbrannte Leiche von Pawel auf einer versteckten Baustelle findet und gleich danach der Cop Teppo Korhonen bei Viktor auftaucht, äußert Viktor seinen Verdacht gegen Frolow, der ja solche Schwarzarbeiter als moderne Sklaven ausbeutete.

Kurz darauf ist Xenja verschwunden. Viktor und sein Assistent Matti Kiuri ahnen Schlimmes. Sie bewaffnen sich bis an die Zähne und rasen los, um Maxim Frolow einen längst überfälligen Besuch abzustatten …

_Mein Eindruck_

Wie schon in „Russische Freunde“ und „Zeit des Verrats“ setzt sich der Autor kritisch mit dem neuen Finnland auseinander, das offenbar von vielen Russen besiedelt wird. Nicht zuletzt auch von Russen, die ehemals Finnen waren, also Karelier und Ingermanländer (s. die Hintergrundinformation). Welche Moral und Absichten hegen diese Zugewanderten, fragt der Autor, und das Urteil fällt nicht immer positiv aus.

Maxim Frolow ist der ultimative Gangster, der sich als Biedermann ausgibt. Doch Drogen- und Menschenhandel sind für ihn kein Problem. Hauptsache, seine Schergen, der Tschetschene und der Este, machen für ihn die Drecksarbeit, solange er seine weiße Weste behalten kann. Natürlich versucht er, auch so „aufrechte“ Zuwanderer wie Viktor Kärppä zu korrumpieren. Doch dabei löst er einen alten Konflikt aus, der ihn Viktor zum Feind macht: die entfernten Verwandten erheben ein Anrecht auf Viktor – und ausgerechnet einen davon, Pawel, hat Frolow als modernen Sklaven ausgebeutet und dessen Witwe und Waisensohn hinterlassen. (Wer jetzt an antike Mythen denkt, liegt genau richtig.)

Sicher, Viktor ist selbst kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Ex-Karelier. Und ebenso wenig sind es wohl seine Vorväter gewesen, wie wir aus seinen Erinnerungen und Träumen erfahren. Darutner waren Rebellen, aber auch Kollaborateure mit dem russischen System. Und schließlich hat Mütterchen Russland selbst dafür gesorgt, dass aus Viktor etwas Rechtes wurde: Es bildete ihn zum Soldaten der Spezialtruppen ebenso aus wie zum Skilaufweltmeister – eine körperliche Kondition, die ihm auch heute noch, rund 20 Jahre später, zustatten kommt.

Die causa Frolow zwingt Kärppä, das listenreiche Wiesel, sich für eine Seite zu entscheiden. Der Moment dafür lässt sich genau bezeichnen. Viktor hat Frolows Drogenversteck in Ruhe gelassen, obwohl das Rauschgift ein Vermögen wert ist. Erst als der Tschetschene und der Este ihm und Matt Kiuri drohen, sieht Kärppä den Zeitpunkt gekommen, sich die Heroin-Kilos anzueignen – sie liegen ja in seiner eigenen Wohnung – und als Lebensversicherung zu verwenden. Er denkt nicht im Traum daran, das Teufelszeug selbst zu verhökern. Damit würde er sich auf eine Stufe mit Frolow stellen.

Eine zweite, finale Wendung erfolgt, als Pawel, Xenjas mann, tot aufgefunden wird und Xenja selbst verschwindet. Wurde sie entführt, fragen sich Viktor, Matti, Sergej und schließlich auch Marja. Nur ein Besuch bei Frolow kann Aufklärung bringen. Doch was dann folgt, ist alles andere als das, was der Leser, der amerikanische Krimikost gewöhnt ist, erwartet hat.

_Die Übersetzung_

Zur Übersetzung gilt, was ich bereits über „Russische Freunde“ und „Zeit des Verrats“ schrieb:

„Die Übersetzerin hat nicht nur die wechselnden Ebenen des sprachlichen deutschen Stils gut getroffen, sondern auch unzählige kulturelle Details Finnlands und Russland sicher übertragen. Inwieweit sie dabei eigene Formulierungen hat einfügen müssen, bleibt unklar. Jedenfalls hat sie dazu keine Fußnoten bemüht, die manchen Lesern ja so lästig fallen.

Weil es keine Fußnoten gibt, muss man sich aber auch mit der Tatsache abfinden, dass manche der russischen Ausdrücke, die Viktor benutzt, einfach so stehen bleiben. Es sind allerdings nie ganze Sätze, so dass man die Wörter leicht online nachschlagen kann.“

Diesmal hat Gabriele Schrey-Vasara zwei Fehler gemacht. Der Erste findet sich auf Seite 154: „… den Gegner mit einem skrupellosen Angriff überrempeln.“ Korrekt wäre natürlich „überrumpeln“. Das (An-) Rempeln wäre viel zu schwach und wirkungslos.

Das erste Wort auf S. 233 lautet „Kriminalmeister“. Unter diesem finnischen Polizeidienstgrad, dem offenbar untersten bei der Kripo, kann sich der deutsche Leser leider nichts vorstellen. Hier wäre die deutsche Dienstgradentsprechung besser gewesen.

_Unterm Strich_

Für meinen dritten Rönka-Roman habe ich etwas länger als sonst benötigt. Der Auftakt scheint kein Ende zu nehmen, und die Mitte scheint nirgendwohin zu führen. Erst der Abschluss der vielen ausgeworfenen Handlungsfäden erfolgt mit der angemessenen Spannung und Action. Andererseits lebt dieser Roman von seinen inneren Kontrasten.

Der Handlungsstrang um den Karelier Pawel Wadajew beispielsweise ist sehr subjektiv im Erzählstil des persönlichen Erzählers gehalten, so dass wir zwar viel von seiner schlichten Denkungsart mitbekommen, aber reichlich wenig von Außenwelt. Es ist fast schon ein innerer Monolog, ähnlich einem der zahlreichen Träume, die Viktor Kärppä erlebt.

Dann wieder erlebt Kärppä mit seinem Spezialfreund Korhonen von der Kripo einen merkwürdigen Dialog nach dem anderen. Der kleine Sergej, Xenjas Sohn, erklärt Teppo Korhonen für „plemplem“, und damit hat er völlig recht. Allerdings versteckt der Finne mit seiner überdrehten Art nicht nur seine Verzweiflung über seine eigene Familie (drei Frauen!), sondern auch die wachsende Frustration über permanente dienstliche Zurücksetzungen. Muss er sich doch neuerdings von einem jungen Schnösel herumkommandieren lassen!

Dem stehen die harten Fakten gegenüber, die Kärppä schrittweise über Frolow ans Tageslicht fördert: der Handel mit harten Drogen aus Estland, die Zuhälterei mit russischen und estnischen Frauen, schließlich der Menschenhandel mit Fremdarbeitern wie Pawel Wadajew. Kärppä, das alte Wiesel, erkundigt sich erst einmal, wie die Russen überhaupt zu Frolow stehen, bevor er ihn sich vornimmt. Weder die Petersbürger Unterwelt noch die Spione in der russischen Botschaft würden Frolow auch nur eine Träne nachweinen, ganz im Gegenteil.

Deshalb scheint Viktor der Menschheit in Form der finnischen Gesellschaft einen Gefallen zu tun, wenn er Frolow zur Rede stellt, wo Xenja abgeblieben sei. Doch das, was er vorfindet, entspricht ganz und gar nicht seinen Erwartungen. Mehr darf nicht verraten werden. Man sieht also, dass man für diesen Kärppä-Krimi einen etwas längeren Atem mitbringen sollte. Aber das Finale entlohnt für die Mühe voll und ganz.

|Hinweis|

„Entfernte Verwandte“ sollte um der Chronologie der Ereignisse willen nach „Russische Freunde“ und vor „Zeit des Verrats“ gelesen werden. Der Hauptgrund ist der, dass der kleine Sergej, Xenjas Sohn, in „Russische Freunde“ noch nicht da ist, in „Zeit des Verrats“ aber gar nicht mehr erklärt wird. Die Erklärung liefert nur der Roman dazwischen, eben „Entfernte Verwandte“.

|Originaltitel: Isä, poika ja paha henki, 2008;
Taschenbuch: 253 Seiten
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-3404166633|
http://www.luebbe.de

_Matti Rönkä bei |Buchwurm.info|:_
[„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947

Rönkä, Matti – Russische Freunde

_Die finnisch-russische Connection: Buddy Movie oder Actionkrimi? _

Viktor Kärppä ist cool und smart – und hat eine Spezialausbildung der Russischen Armee hinter sich. Nun lebt er friedlich in Helsinki. Bis das Haus, das er mit seiner Lebensgefährtin Marja eingerichtet hat, niederbrennt. Ursache: Brandstiftung. Kärppä hat sich in Russland offenbar jemanden Großes zum Feind gemacht. Er musst dorthin reisen und sich in die Höhle des Löwen begeben … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Matti Rönkä, geboren 1959 in Nord-Karelien, ist Journalist. Er hat sowohl in den Printmedien als auch beim Radio gearbeitet und ist heute Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. Jeder Finne kennt ihn als „Mister Tagesschau“ – und als Autor sehr erfolgreicher Krimis. Rönkä lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Helsinki. Er wurde mit dem Finnischen, dem Nordischen und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Bereits erschienen:

1) Zeit des Verrats
2) Entfernte Verwandte
3) Bruderland
4) Der Grenzgänger

_Handlung_

Der Mann, der sich jetzt Viktor Kärppä nennt und in einem Vorort von Helsinki mit seiner Lebensgefährtin Marja lebt, frönte nicht immer einer so friedlichen Existenz als Hersteller von Fertigbauhäuschen. Er war mal in einer Spezialeinheit der russischen Armee, hat auch noch Verbindungen zur dortigen Halb- und Unterwelt. Russische Freunde, denkt Vitja, kann man immer brauchen.

Ganz besonders dann etwa, als zwei geschniegelte Typen in Geschäftsanzügen bei ihm auftauchen und verlangen, dass er alle seine Firmen – und es sind schon eine ganze Reihe – auf sie überschreibt. Wenn er wisse, was gesund für ihn ist. Viktor denkt gar nicht daran und hält die beiden Typen hin, die bald von handfesten Typen in Anoraks gefolgt werden. Er überschreibt seine Firmen in ein zugriffssicheres Dickicht von Holdings und Briefkastenfirmen, während er sich in St. Petersburg erkundigt, wer eigentlich dahintersteckt.

Als die Russen sein schönes neues Haus abfackeln, befindet sich zum Glück Marja nicht darin. Aber jetzt ist klar, dass sein Bruder Aleksej Marja bei ihrer russischen Familie verstecken und Viktor schleunigst abhauen muss. Bevor sie ihn in seiner Lagerhalle aufspüren, wo er seine falschen Pässe und Kreditkarten hervorholt, stößt er auf Teppo Korhonen, den finnischen Polizisten, der unbedingt Lorbeeren mit der Lösung eines „großen Falls“ ernten möchte. Der alte Cop hat neue Ehren offenbar dringend nötig. Und so tut sich Viktor notgedrungen mit ihm zusammen. Denn Korhonen hat wenigstens einen fahrbaren Untersatz.

Allerdings sind ihnen die russischen Verfolger auf den Fersen. Während sich das ungleiche Duo seinen Weg freikämpft, versucht Kärppä herauszufinden, wer ihm ans Leder will. Und die Hinweise sind nicht gerade vielversprechend. Er wird sogar bereits entlang der finnisch-russischen Grenze von den Leningrader Mafiabossen und ihren Helfern erwartet, heißt es.

Aber ein Ass hat Viktor noch im Ärmel, denn er war nicht umsonst in der Roten Armee Hauptmann. Im hintersten Nordfinnland macht er zusammen mit Korhonen über die Grenze und begibt sich mit Hilfe seiner ehemaligen Armeegenossen in die Höhle des Löwen. Das ist bestimmt das Letzte, was der unbekannte Feind von ihm erwarten würde, oder?

_Mein Eindruck_

Falsch gedacht, denn der „Feind“ sitzt ganz woanders, wie ja schon der Buchtitel andeutet. Genug verraten! Die Figur des Viktor Kärppä alias Kornojewitsch macht die Krimireihe, die Matti Rönkä kontinuierlich ausbaut, so einzigartig und unverwechselbar. Er ist ein Grenzgänger, der es aus der ehemaligen Sowjetunion in den reichen Westen geschafft hat.

Denkt er. Leider findet das nicht jeder gut, den er hinter gelassen zu haben meint. Es gibt „russische Freunde“ jenseits der finnischen Grenze, die ihm mal so, mal so gegenüberstehen. Viele sind in der Halbwelt, in die Militärangehörige und Geheimdienstler gerutscht sind. Manche sind immer noch beim Militär und retten Viktor den Hintern. Sogar alte Geheimdienstcodes des FSB kann er noch (wenigstens einmal) verwenden. Dieser Hintergrund zusammen mit seiner Spezialausbildung zu einem eiskalten Killer machen Viktor zu einem Protagonisten, von dem sich der Actionfreund einiges erwarten darf.

Dummerweise will Viktor ein friedlicher Zivilist sein, dem nichts so zuwider ist wie aufzufallen. Ganz besonders in Finnland, seiner neuen Heimat, wäre es äußerst lästig, wenn die Behörden auf ihn aufmerksam würden, denn er denkt gar nicht daran, irgendwelche Steuern zu bezahlen. Auch Marja, seiner Angebeteten, ist ein Besuch vonseiten der Cops – oder gar von Gangstern – nicht zuzumuten, findet er.

Leider hat er aber dann doch eine polizistische Klette am Hintern, und das ist kein anderer als der unverwechselbare Teppo Korhonen. Teppo scheint der übliche trinkfreudige Saunagänger zu sein, als den man sich mancherorts einen typischen finnischen Mann vorstellt. Doch unter seiner sangesfreudigen Art verbirgt Teppo großen Schmerz, ein humanes Gemüt und sogar einen Cop, der, wenn’s darauf ankommt, auch mal die Knarre zum Einsatz bringt. So rettet er etwa Viktors Hintern, als der in der Klemme steckt. Teppo ist dafür sogar barfuß durch Brennnesseln getapst – wie er nicht aufhört, Viktor jammervoll in Rechnung zu stellen.

Dieses dynamische Duo verkörpert das neue Finnland, das voller Fremder ist. Viele Exilrussen stoßen auf alteingesessene Finnen, die ihnen erst einmal misstrauisch gegenüberstehen. Diese Russen bringen natürlich ihre Eigenheiten mit, so etwa die Steuerhinterziehung, die Schwarzarbeit und vieles mehr. Andererseits bieten sie Cops wie Korhonen einen Zugang zum Riesenreich der Russen, von dem ja ein kleiner Teil, nämlich Karelien, einmal finnisches Staatsgebiet war.

Vielfach wird im Buch an die Winterkriege 1941 bis 1944 hingewiesen, als Sowjets und Finnen (und zeitweilig auch die deutsche Wehrmacht) dieses Gebiet umkämpften (es gibt dazu auch den Spielfilm „Beyond the Frontline“ von 2004). Die finnischen Soldaten, die sich damals für Karelien und die finnische Freiheit „opferten“, sind in den finnischen Legenden längst zu Märtyrern und Helden verklärt worden, ganz besonders der Nationalheld General Mannerheim.

Über den Umweg Viktor Kärppä gelingt es dem Autor, diese finnische Eigenart zu relativieren und einer ganz leisen Kritik zu unterziehen: Übertreiben es die Finnen nicht ein bisschen mit ihrer Heldenverehrung? Der Autor, selbst ein bekannter TV-Journalist, hält seinen Landsleuten den Spiegel vor.

Doch er vergisst nicht, dass er den Leser auch unterhalten muss. Nach einem Mittelteil mit vielen verschlungenen Wendungen und tröpfchenweise errungenen Informationen, der einem humorvoll-ironischen Budday Movie sehr ähnelt, findet der Roman doch noch zu einem mit Action und Spannung geladenen Finale. Hier trifft Viktor endlich auf seinen eigentlichen Gegner. Er denkt, er hat alle Trümpfe in der Hand, doch er lässt sich ablenken. Unversehens hat der Gegner die besseren Karten. Korhonen zum Einsatz!

_Die Übersetzung _

Die Übersetzerin hat nicht nur die wechselnden Ebenen des sprachlichen deutschen Stils gut getroffen, sondern auch unzählige kulturelle Details Finnlands und Russland sicher übertragen. Inwieweit sie dabei eigene Formulierungen hat einfügen müssen, bleibt unklar. Jedenfalls hat sie dazu keine Fußnoten bemüht, die manchen Lesern ja so lästig fallen.

Weil es keine Fußnoten gibt, muss man sich aber auch mit der Tatsache abfinden, dass manche der russischen Ausdrücke, die Viktor benutzt, einfach so stehen bleiben. Es sind allerdings nie ganze Sätze, so dass man die Wörter leicht online nachschlagen kann.

_Unterm Strich_

Der Krimianteil eines solchen Spannungsroman wird vom Autor zwar nie vernachlässigt, aber auch nicht allzu sehr hervorgehoben, vor allem nicht im Mittelteil. Dort merken wir dann, dass es dem Autor um den Kultur-Clash geht, wenn ehemalige Russen wie Viktor Kärppa und alteingesessene Finnen wie Teppo Korhonen aufeinandertreffen. Dann bekommt jede Kultur mitsamt ihren Helden ihr Fett weg. Der Leser, der schon einiges über die Finnen weiß, etwa durch Arto Paasilinnas humorvolle Romane, ist dabei zweifellos im Vorteil. Denn es gibt im Buch weder ein Glossar noch Fußnoten.

Ich fand diese Konstellation jedenfalls recht erfrischend. Kärppä ist einerseits nicht der eiskalte russische Killer, sondern ein Möchtegern-Zivilist, der sich widerwillig russischer Eigenheiten bedienen muss. Sein Buddy wider Willen, der finnische Polizist Teppo Korhonen, andererseits verdeckt seine Fachkompetenz gekonnt hinter dem Klischee des sanges- und trinkfreudigen Saunagängers.

Von dieser Fassade sollte man sich nicht täuschen lassen. Wie in einem Road Movie müssen sich die beiden Männer, der russische Beinahegangster und der finnische Kommissar, miteinander anfreunden. Da kann es schon mal passieren, dass Teppo friedlich einkaufen geht, während Viktor kurz mal die Verfolger zu Kleinholz zerlegt – mit einer Botschaft an deren Auftraggeber, versteht sich.

Diese Doppelbödigkeit macht den eigentlichen Reiz des Romans aus. Das Finale jenseits der Grenze liefert dann das Sahnehäubchen auf der Spannungsseite. Ganz nebenbei lernen wir genau diese Grenzgegend genau kennen, und hier scheinen sich noch eine Menge zwielichtige Gestalten herumzutreiben. Wer will, könnte also locker mal rübermachen, entweder nach Russland oder in den glorreichen Westen. Viktors Wohlergehen jedoch hat bei alten Freunden Neid und Minderwertigkeitsgefühle geweckt. Ob die ihn einfach so ungeschoren reich werden lassen? Zweifel sind angebracht.

|Originaltitel: Ystävat kaukana, 2005
189 Seiten
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-3404160273|
http://www.bastei-luebbe.de

Milne, Alan Alexander – Pu der Bär. Illustriert und mit einem Nachwort von Harry Rowohlt

_Ein abenteuerlicher Ausflug zu seltsamen Tieren_

Der Autor Milne schrieb die Geschichten für seinen kleinen Sohn Christopher Robin Milne, dessen Stofftiere als Vorbilder für die Figuren des Buches dienten. Im Mittelpunkt steht Winnie der Pu alias Pu der Bär. Pu ist ein gutmütiger, etwas langsamer und vergesslicher Zeitgenosse, der in seiner Freizeit vor allem gefällige Lyrik verfasst und Honig nascht:
Singt Ho! Der Bär soll leben! / Es ist mir egal, ob Schnee oder Regen, / Meine Nase riecht Honig auf allen Wegen! […] Singt Ho! Leben soll Pu! / Er braucht einen kleinen Mundvoll ab und zu! (Pu der Bär, Hamburg 1989, S. 111)
Pus bester Freund ist „Ferkel“ (engl. Piglet), ein ängstliches, niedliches Schweinchen. In und um den Hundertsechzig-Morgen-Wald leben außerdem:
• die altkluge Eule „Oile“ oder „Eule“ (engl. Owl),
• der depressive und schnell gelangweilte Esel „I-Aah“ (engl. Eeyore),
• Kaninchen (engl. Rabbit), ein Kaninchen mit harter Schale, aber ausgesprochen weichem Kern,
• die Kängurumutter „Känga“ (engl. Kanga) und ihr Junges Klein-Ruh (engl. Roo),
• sowie der kleine Junge Christopher Robin als ursprünglicher Adressat der Geschichten.

http://en.wikipedia.org/wiki/Winnie-the-Pooh

_Der Autor_

Alan Alexander Milne, 1882 in London geboren und 1956 gestorben, war 1906 bis 1914 Journalist beim Satiremagazin „Punch“, Autor mehrerer Lustspiele und bedeutender englischer Kinderlyriker. Inspiriert zu den Pu-der-Bär-Geschichten wurde er von seinem Sohn Christopher Robin.

„Die Originalausgabe erschien am 14. Oktober 1926 im Londoner Verlag Methuen & Co. unter dem Titel Winnie-the-Pooh. Der zweite Band The House at Pooh Corner folgte 1928. Vom selben Autor erschienen die Kindergedichtbände „When We Were Very Young“ (1924) und „Now We Are Six“ (1927), die zum Teil auf demselben Figurenkosmos aufbauen. Alle vier Bände wurden von Ernest Shepard illustriert.

Die Geschichten um Pu wurden mit großem Erfolg in zahlreiche Sprachen übersetzt; auf Deutsch erschien Band 1 als „Pu der Bär“ bereits 1928, Band 2 als Pu baut ein Haus erstmals 1954. 1996 erschien eine Gesamt-Neuübersetzung von Harry Rowohlt. Die beiden Gedichtbände wurden 1999 in einem gemeinsamen Band unter dem Titel „Ich und Du, der Bär heißt Pu“ übersetzt.“ (Wikipedia)

_Die Geschichten_

Es ist nun mal so, dass Christopher Robin seinen Dad bittet, Winnie-der-Pu Geschichten zu erzählen. Und da Christopher Robin ein ganz lieber Junge ist und weil Pu-der-Bär am liebsten Geschichten über sich selbst hört, erzählt Dad Geschichten über Pu – der aber eigentlich Eduard Bär heißt und ein Teddy ist, der Christopher Robin gehört.

|1) Pu und die Bienen|

Es gibt nichts, was ein Bär lieber mag als Honig. Als Pu nun ein Gesumm hört und feststellt, dass sich das Gesumm hoch oben in einem Baum befindet und von Bienen stammt, schließt er daraus messerscharf, dass wo Bienen hoch oben sind, dort auch Honig sein muss – und er folglich hinaufklettern muss.

Bären sind wirklich große Denker, wie jedes Kind weiß. Aber nicht so gute Kletterer. Und deshalb bricht der Ast, auf den Pu klettert, und er fällt und fällt und fällt noch tiefer, bis er auf den Boden plumpst. Er denkt nach und hat eine Idee. Er bittet seinen lieben Freund Christopher Robin, ihm einen Luftballon zu leihen. Christopher Robin hat sogar zwei von einer Party übrig. Damit schwebt Pu auf die Höhe des Bienennestes – aber weiter kommt er nicht, denn es weht kein Wind. Was jetzt? Christopher Robin hat eine treffsichere Lösung …

|2) Pu und der Kaninchenbau|

Pu besucht seinen Freund, das Kaninchen, in seinem Bau. Kaninchen ist sehr vorsichtig, wie sich das für Tiere, die im Hundertsechzig-Morgen-Wald leben, gehört. Aber schließlich steckt Pu seinen Kopf durch den Vordereingang, so dass es sehen kann, wer es ist. Pu zwängt sich durch das Loch und isst. Weil das Essen bei Kaninchen so hervorragend ist, kommt er aber nicht wieder hinaus, sondern bleibt stecken. Was jetzt?

Der herbeigerufene Christopher Robin sagt ihm, dass er eine Woche warten müsse, bis er wieder so dünn sei, dass er durchpasse. Zum Glück hat jeder Kaninchenbau einen Hinterausgang, sonst wären für Kaninchen magere Zeiten angebrochen!

|3) Pu und Ferkel jagen ein Wuschel |

Pu besucht seinen Freund Ferkel im Wald. Es lebt in einer großen Buche und vor seiner Wohnung steht das Schild BETRETEN V. So habe sein Großvater geheißen, beteuert Ferkel. Soso. Und wie wärs mit einer Jagd auf Wuschel? Ferkel ist sofort dabei, und zusammen ziehen sie los, um Wuschelspuren zu suchen.

Tatsächlich stoßen sie fast sofort auf eine vielversprechende Spur in der Nähe der Buche. Als sie ihr neugierig, kommen erst eine Spur, dann noch eine und noch eine hinzu, bis sie vier Spuren folgen. Das sind aber eine Menge Wuschel hier! Bloß ist kein Einziges zu sehen. Das schon etwas müde Ferkel verabschiedet sich, um eine „Morgensache“ zu erledigen. Kaum ist es fort, als Pu von oben einen Pfiff hört. Es ist Christopher Robin, der auf einem Ast der Buche sitzt. Christopher Robin erklärt ihm, wie die vier Spuren der unsichtbaren Wuschels zustande gekommen sind. Pu nennt sich „verblendet“. Christopher Robin nennt ihn den besten Bär der ganzen Welt. Und wer könnte Christopher Robin widersprechen?

|4) I-Ah verliert einen Schwanz und Pu findet einen|

Pus Freund I-Aah, der alte graue Esel, weiß nicht, wie er sich fühlen soll: Er kann seinen Schwanz nicht finden. Pu ist ein feiner Kerl und verspricht, den verlorenen Schweif wiederzubeschaffen. Als Erstes geht er zu Eule, denn Eule weiß alles, was irgendjemand im Hundertsechzig-Morgen-Wald über irgendwas wissen kann.

Pu ist verblüfft von den zwei Schildern an Eules Tür im Baum. Wer klopft, signalisiert, dass er „KAINE NTWORT“ erwartet, und wer den Klingelzug betätigt, will, dass ihm NTWORT zuteilwird. Also tut Pu beides, nur um sicherzugehen. Eule erzählt, Christopher Robin habe die Schilder beschriftet. Das erklärt die Rechtschreibung. Eule meint, man müsse eine Belohnung auf den verlorenen Schwanz aussetzen, dann, wieso er sowohl eine Klingel als auch einen Türklopfer habe. Daraufhin schaut sich Pu den Klingelzug noch einmal GANZ GENAU an …

|5) Ferkel trifft ein Heffalump|

Christopher Robin bemerkt beim Picknick mit seinen Freunden Pu und Ferkel, er habe ein Heffalump gesehen. Die Freunde gehen nach Hause, rätseln aber, wie so ein Wesen aussehen mag. Um es herauszufinden, beschließt Pu, eines zu fangen. Aber wie, wenn man nicht weiß, was es mag, wo es lebt und wie groß es ist? Deshalb erbittet er Hilfe von Ferkel, der stolz darauf ist, dass Pu ihn fragt.

Sie beschließen, eine tiefe Grube zu graben und darin einen Köder aufzustellen. Da Pu Honig mag, dürfte das mysteriöse Heffalump auch nichts gegen Honig haben, und so holt er aus seinem Regal im Speisezimmer einen ganzen Topf voll Honig. Leider überlebt der Honig die Reise zur Grube nicht, denn Pu will sicher sein, dass nicht etwa ein Stück Käse am Boden des Topfes verborgen ist. Nur ein kleiner Rest am Boden des Topfes ist übrig.

In der Nacht findet Pu keinen Schlaf. Er träumt von riesigen Heffalumps, die sich über den Honigtopf hermachen. Er springt aus dem Bett, um die Grube zu kontrollieren. Am Morgen findet Ferkel tatsächlich ein schreckliches Wesen in der Grube, das schreckliche Laute ausstößt. Entsetzt eilt er zu Christopher Robin. Als der das „Heffalump“ erblickt, fängt er an zu lachen …

|6) I-Aah hat Geburtstag und bekommt zwei Geschenke|

I-Aah, der alte graue Esel, bläst Trübsinn am Bach. Als Pu das sieht und nach dem Grund fragt, erzählt I-Aah, dass er heute Geburtstag hat. Aber sieht Pu vielleicht Frohsinn und Tanz? Nein, denn es ist niemand da, um mit ihm diesen Anlass zu feiern. Da beschließt Pu, I-Aah mit einem Geschenk aufzumuntern, geht nach Hause und findet dort Ferkel vor der Tür. Dem erzählt er von I-Ads Trübsinn.

Während Pu einen Honigtopf besorgt – an dem sich Ferkel nicht beteiligen kann, danke – , überlegt Ferkel, was es dem alten Grauohr schenken kann, um ihn aufzumuntern. Einen Ballon vielleicht? Ja, einen schönen roten Ballon!

Doch als es bei I-Aah eintrifft, ist der Ballon nur noch einen geplatzter Fetzen und Pu bringt keinen vollen, sondern einen leeren Honigtopf. Dennoch freut sich I-Aah, dass sich so viele Leute an seinen Geburtstag erinnert haben. Und der leere Topf erweist sich in der Tat als nützlich: Der leere Ballon passt exakt hinein …

|7) Känga und Klein Ruh kommen in den Wald und Ferkel nimmt ein Bad|

Als Känga und ihr Kind Klein Ruh im Hundertsechzig-Morgen-Wald auftauchen, fragen sich die Tiere, woher sie kommen und was sie hier wollen. Sie beschließen, dass die beiden wieder verschwinden sollen. Kaninchen als der Schlaueste heckt einen genialen Plan aus, um dies zu erreichen. Sobald sie Klein Ruh entführt haben, wollen sie Känga dazu erpressen, wieder zu verschwinden, dann könne sie Ruhs Aufenthaltsort erfahren.

Für die Ausführung des Plans sind der Einsatz von Pu-Bär als Ablenkung und Ferkel als Ruh-Ersatz vorgesehen. Alles klappt wie am Schnürchen, doch als Ferkel in Kängas Wohnung eintrifft, während Ruh bei Kaninchen weilt, dreht Känga den Spieß um …

|8) Christopher Robin leitet eine Expotition zum Nordpohl|

Eines Tages beschließt Christopher Robin, mit allen seinen Freunden eine Expedition zu unternehmen, um den Nordpohl zu entdecken. „Was ist eine Expotition?“ will Pu wissen. Christopher Robin versucht es ihm zu erklären: „Alle gehen hintereinander, um etwas zu entdecken. Hol Proviant!“ „Proviant?“ „Sachen zum Essen.“ Das lässt sich Pu nicht zweimal sagen, und er sagt seinen Freunden, was abgeht und dass sie mitkommen sollen.

Nur einmal fragt Christopher Robin seinen Freund Kaninchen an einer Stelle des Weges heimlich: Wie sieht er aus, der Nordpohl?“ Kaninchen wusste es mal, beteuert er, aber er hat es vergessen. Pu singt ein Lied über die Expotition, das sehr schön ist, aber das Ferkel nicht versteht.

O-Ton: „Nach kurzer Zeit waren alle oben im Wald versammelt, und die Expotition fing an. Zuerst kamen Christopher Robin und Kaninchen, dann Ferkel und Pu; dann Känga mit Ruh in ihrem Beutel und Eule; dann I-Ah; dann, zum Schluss, Kaninchens sämtliche Bekannten-und-Verwandten.“

Als sie sich am Bach ausruhen, geht Klein Ruh, der Sohn von Känga, ins Wasser, um sich zu waschen. Und kaum hat man sich’s versehen, schwimmt er auch schon davon! Känga schreit auf, er werde ertrinken, und alle beeilen sich, den Kleinen zu retten. Bis es Pu gelingt, einen Stock über den Bach zu halten, an den sich Klein Ruh klammern und an dem er herausklettern kann.

Während Klein Ruh jubelt, dass er erstmals geschwommen sei, schaut Christopher Robin Pu genau an und fragt ihn, woher den Stock genommen hat. Pu weiß es nicht. Christopher Robin erklärt, dass Pu den Nordpohl gefunden hat und stellt ein Schild auf, um dies zu dokumentieren. Ein historischer Augenblick im Hundertsechzig-Morgen-Wald.

|9) Ferkel ist völlig von Wasser umgeben|

Es regnet und regnet und regnet, tagelang. So lang, bis Ferkel in seiner Baumwohnung völlig von Wasser umschlossen ist. Es fühlt sich einsam. Was jetzt wohl seine Freunde machen? Mit einem Freund wäre es viel angenehmer. Da fällt ihm ein, was Christopher Robin machen würde: eine Botschaft in einer Flasche verschicken! Diese Flaschenpost verschickt Ferkel als Hilferuf. Wird sie ankommen?

Jedenfalls nicht so bald. Denn Pu, der glorreiche Entdecker des Nord-Pohls, schläft den Schlaf der Gerechten, dann wartet er auf einem Ast, auf dem ihm zahlreiche Honigtöpfe Gesellschaft leisten. Es regnet weiter, bis sich der Fluss auch zu Christopher Robin ausgebreitet hat, der plötzlich auf einer Insel lebt!

Pu entdeckt Ferkels Flaschenpost, und weil er nur den Buchstaben P in „PFERKEL“ lesen kann (er ist ja von kleinem Verstand), denkt er, sie sei für ihn. Was völlig zutreffend ist. Mit einem kleinen Schiff namens „Der Schwimmende Bär“, das aus einem leeren Honigtopf besteht, segelt er zu seinem besten Freund. Christopher Robin liest sie ihm vor. Ferkel ruft sie zu Hilfe! Doch wie sollen sie zu Ferkel gelangen?

Da hat Pu erneut einen umwerfenden Gedankenblitz. Und Christopher Robins Regenschirm spielt dabei eine wichtige Rolle …

|10) Christopher Robin lädt zu einer Pu-Party ein|

Weil es Pu gelungen ist, sowohl den Nord-Pohl zu entdecken als auch Ferkel zu retten, will Christopher Robin Pu zu Ehren eine Party feiern. Eule soll alle Freunde einladen. Was der weise Freund auch tut, auch wenn sich der griesgrämige alte I-Aah sehr darüber wundert. Alle, alle kommen. Christopher Robin hat für Pu ein tolles Geschenk. Das kann er ihm aber erst überreichen, nachdem sich I-Aah, der ein wenig verwirrt ist, für diese Feier zu SEINEN Ehren bedankt hat …

_Mein Eindruck_

Die Tiere in diesem kleinen Arkadien des Hundertsechzig-Morgen-Waldes (auf der gleichen Farm übrigens, auf deren Anwesen Rolling-Stones-Gitarrist Brian Jones den Tod fand) erinnern an kleine Erwachsene. Sie haben ihre Eigenarten und werden durch sie charakterisiert. Der kindliche Leser kann sie leicht als verkappte Erwachsene durchschauen: I-Aah ist der einsame Griesgram, Eule verbirgt sein Nichtwissen hinter langen, komplizierten Wörtern und Kaninchen ist praktisch die Schlange im Paradies. Es ist das einzige Wesen, das kein Vertrauen für Fremde und Zugezogene aufbringt (in der Känga-Episode).

Känga und Ruh sind eine alleinstehende Mutter und ihr Kind – etwas sehr Ungehöriges in postviktorianischen Zeiten. Vielleicht dachten sich die erwachsenen (Vor-) Leser, sie sei eine Soldatenwitwe, deren Mann im 1. Weltkrieg fiel. Und dann sind da noch das kleine Ferkel und natürlich die Titelfigur Pu. Ferkel ist so klein und schutzbedürftig, dass er praktisch zu Pus kleinem Neffen oder Patenkind wird.

Pu ist „ein Bär von sehr wenig Verstand“, wie er behauptet, aber eine um die andere Episode belegt, dass dies ganz und gar nicht der Fall ist. Er hat zwar ein sehr kurzes Gedächtnis, aber dafür ein großes Gemüt und einige geniale Geistesblitze, so etwa die Sache mit dem Regenschirm, der als Boot dienen kann. Pu ist auch ein feiner Dichter. Seine Verse sind zwar sehr schlicht, aber für jedes Kind nachvollziehbar.

Und er sorgt dafür, dass die Komödie nicht zu kurz kommt. Durch seine Gier nach dem letzten Rest Honig, der sich in dem als Köder aufgestellten Honigtopf befinden muss, fällt er in die selbstgegrabene Grube, stülpt sich den Topf übern Kopf – und torkelt unversehens als schröckliches „Heffalump“ herum. Das kindliche Ferkel ist zu jung, um Bär und Heffalump zu unterscheiden, Christopher Robin ist jedoch alt und klug genug, den Bär im Heffalump zu erkennen.

Für seine Tiere spielt der etwa vier Jahre alte Christopher Robin den Vater, aber auch Freund und Partner. Er kann zwar keine Rechtschreibung – statt „Nord-Pohl“ schreibt er „Not-Pohl“ – , aber dafür leitet er Partys und „Expotitionen“. Wie viele Kinder fallen ihm fiktive Dinge ein, so etwa Heffalumps und Wuschel, denn die Welt ist noch ein magischer Ort.

|Das Rätsel|

Der eigentliche Knackpunkt des Buches ist jedoch die Erzählsituation. Sie ist ebenso merkwürdig, wie die Geschichten erzählt sind. Christopher Robins Vater hat früher schon Geschichten von Pu erzählt (in „When We Were Very Young“ und „When We Were Six“), denn Pu ist bekanntlich Christopher Robins Teddybär. Aber diesmal bittet ihn sein Sohn, Geschichten FÜR Pu zu erzählen.

Bisher dachte Vater, dass Pu „Eduard Bär“ geheißen habe, aber jetzt erfährt er von Christopher Robin, dass Pu jetzt „Winnie DER Pu“ heiße und sich „J. Sanders“ nenne, weil dieser Name an seiner Wohnung stehe. Hm, was für ein Durcheinander, denkt Vater vielleicht insgeheim, aber er will seinem lieben Sohn keinen Wunsch abschlagen und beginnt, ihm Geschichten ÜBER und MIT Pu zu erzählen.

Der Schluss ist ebenso seltsam. Ohne jeden Übergang springt der Erzähler, also Vater, zusammen mit Christopher Robin aus der letzten Geschichte heraus und wieder zurück in die Erzählsituation. 18 Zeilen sind diesem Epilog, der eigentlich keiner ist, reserviert. Christopher Robin geht zurück zur Tür, den Teddybär Pu hinter sich herziehend. Jetzt heißt es genau aufpassen! Und dann geht erst Christopher Robin die Treppe hoch, eine Sekunde später jedoch auch Pu hinter ihm her, rumpeldipumpel. Ist Pu nun lebendig oder nicht? Diese Frage muss der kleine Leser selbst entscheiden.

|Abenteuer|

Nur scheinbar leben Pu und seine Freunde abgeschieden am Waldrand. Es ist ein idealisiertes Britannien, wie man es nur südlich und westlich von London findet, in den sogenannten „Home Counties“, also Gründer-Grafschaften Sussex, Essex, Surrey, Berkshire (und früher gab es auch Middlesex). Die Endsilbe -sex weist auf die Sachsen hin, die das Gebiet eroberten und besiedelten. Das Königreich Wessex hat nur in der Literatur existiert, etwa bei Thomas Hardy.

Diese Gegend scheint so sicher zu sein, sicherer geht’s gar nicht. Und doch gibt es Gefahren. Da ziehen Fremde wie Känga und ihr Klein Ruh zu, werden gleich verdächtigt und Opfer einer Kindesentführung. Eine riesige Überschwemmung macht alle zu vereinsamten Opfern – was den ewigen Pessimisten I-Aah überhaupt nicht aus der Fassung bringt. Nur gute Einfälle wie die Flaschenpost Ferkels und die zwei „Schiffe“ Pus helfen den Bewohnern.

Auch Expeditionen bringen nicht immer nur Freude. Klein Ruh nutzt sie beispielsweise, um schwimmen zu lernen. Schon wieder spielt Wasser eine unheilvolle Rolle: Es nimmt ihn mit auf eine Reise, die ihn das Leben kosten könnte. Ein Glück, dass ihn die solidarische Hilfe der Freunde aus dem Fluss klettern lässt – an jenem Pfahl, der wenig später zu solchem Ruhm als der „Nord-Pohl“ kommen soll. Und Pu ist sein Entdecker! (Mehr zum „Pohl“ unter „Übersetzung“.)

Gegenseitige Hilfe aus Freundschaft und Solidarität ist die positive Kraft in dieser kleinen Gemeinschaft. Aber es gibt auch entgegengesetzte Kräfte. Pus unersättlicher Appetit auf Honig entfremdet ihn sich selbst und lässt ihn als „Heffalump“ erscheinen. Die Angst vor Fremden führt zur Kindesentführung, unter der Känga zu leiden hat. Und die alten Gestalten Eule und I-Aah sind nicht wirklich eine Hilfe, sondern verwirren lediglich den Verstand.

_Die Übersetzung_

Harry Rowohlt hat das Buch kongenial erzählt, mit viel Lautmalerei wie „rumpeldipumpel“ oder „holterdiepolter“. Auch Pus Gedichte fand ich sehr gelungen. Aber nicht immer erschließt sich einem der Wortwitz des englischen Originals. Das beste Beispiel ist die Sache mit dem Nord-Pohl.

Im Englischen bezeichnet das Wort „pole“ sowohl einen Pfahl als auch einen Pol. Der Autor machte daraus ein Wortspiel, das im Deutschen nur dann nachzuvollziehen ist, wenn man ein Norddeutscher ist. Denn dort bezeichnet „Pohl“ einen Pfahl, wie es der Übersetzer auch an einer Stelle gleichsetzt. Wenn also Christopher Robin den Nordpohl mit einem Pfahl (Pohl) bezeichnet und das zugehörige Schild daran mit „Notpohl“ beschriftet, so ist das nichts als die reine Wahrheit.

_Schilder_

Überhaupt Schilder. Es gibt in diesem Kinderbuch jede Menge davon, viel mehr als in jedem anderen Kinderbuch, das ich kenne. (Man erinnert sich vielleicht an Bilbo Beutlins Schild am Garteneingang „Betreten verboten. Außer für Verwandte.“) Aber von diesen Schildern ist kein Einziges ernstzunehmen, was auf die satirische Absicht des Autors schließen lässt.

Alle Aufschriften sind nämlich entweder bruchstückhaft und erhalten darum eine andere, erdichtete Bedeutung. Oder sie sind so unkorrekt geschrieben, dass sie jeden Sinn verlieren (wie „Notpohl“). Hier führt der Autor erwachsenes Streben nach Ordnung ad absurdum. Der Gipfel in dieser Hinsicht bildet das Schild „J. Sanders“ an der Tür von Pus Wohnung: Es hat rein gar nichts mit dem Bewohner zu tun.

Semiotiker hätten ihre helle Freude daran: Das Bezeichnete (Pu) stimmt mit dem Bezeichnenden (Schild) nicht überein und überführt so den Bezeichner (Urheber) als Narren – oder als spielenden Schalk.

_Die Zeichnungen_

Dieses Buch war von Anfang ohne die Zeichnungen von Ernest H. Shepard undenkbar. Die meist niedlichen kleinen Figuren sind zur Inkarnation der erzählten Figuren geworden, ähnlich wie die Figurenzeichnungen Tenniels zu den beiden ALICE-Büchern. Aber es gibt auch große Zeichnungen, so etwa ganze Bäume, die so hoch wie die Seite sind. Das wird etwa nötig, wenn Pu zu den Bienen hinaufkraxelt oder wenn Christopher Robin Eule besucht.

Manchmal sind auch ganze Handlungsabläufe zu bewundern, die fast an ein Daumenkino erinnern. Das wird besonders deutlich, wenn man sich anschaut, wie Pu versucht, auf einem Honigtopf Boot zu fahren. Die beiden können sich nicht entscheiden, wer oben sein und steuern soll. Dinge entfalten unversehens eine geheime Tücke des Objekts. Das passt bestens zur Erzählung.

Die einzige Figur, die nie in Erscheinung tritt, ist der Erzähler selbst: Christopher Robins Vater. Vielleicht war das der Grund, warum der Autor eifersüchtig auf den Zeichner wurde, wie Peter Hunt in „An Introduction to Children’s Literature“ (siehe meinen Bericht) auf Seite 114 (Anmerkung 18) berichtet. Und da Christopher Robin eine echte Person war, hat er zeit seines Lebens unter den Pu-Geschichten zu leiden, das Opfer des Kults, den sein Vater ausgelöst hatte (ebenda, Anmerkung 19).

_Unterm Strich_

Ich bespreche die Ausgabe der Süddeutschen Zeitung von 2005. Sie folgt der Ausgabe des Züricher Atrium-Verlags von 1987 sowie des Dressler-Verlags von 1999 und umfasst sowohl die Gedichte und Kapitelüberschriften als auch sämtliche klassischen Zeichnungen von Ernest H. Shepard. Es handelt also um eine Fassung, die dem Original und dessen Bestandteilen so nahe wie möglich entspricht.

Man findet Versionen, die viel modernere Zeichnungen aufweisen. Aber kaum eine kommt mit dem lebhaften Sprachduktus daher, den Harry Rowohlt seinem Text verliehen hat. Bei der „verrückten Teeparty“ im letzten Kapitel etwa „knallt“ Christopher Robin seinen Löffel auf den Tisch, statt dezent damit zu klopfen. Sofort herrscht Schweigen in der seltsamen Tier-Runde.

Es gäbe noch zahlreiche weitere Beispiele. Aber es zeigt, dass der Text zum VORLESEN gedacht und auch entsprechend übersetzt worden ist. Bei seinen Lesungen hat Rowohlt wohl auch die Tierstimmen entsprechend nachgemacht: das Brummen von Pu, das griesgrämige Wiehern von I-ah, das Quieken von Ferkel, die Stottern und Zischen von Eule, das schnelle Mümmeln von Kaninchen usw. Er hat mehrere Hörbücher aufgenommen, die bestimmt sehr lustig sind.

Die Eigenarten dieser Figuren ergeben ein kleinen Mikrokosmos, in dem zunächst alles harmlos idyllisch zu sein scheint, Doch die Idylle trügt: Hier finden Kindesentführungen, Expeditionen, Rettungsaktionen, ein Honigraub sowie Überschwemmungen statt. Fallgruben werden ebenso gebaut wie riskante Flugexpeditionen unternommen.

Der einzige Souverän in diesem Land ist ein Mensch, nämlich das Kind Christopher Robin. Erwachsene haben hier nichts zu melden, wie ihre absurden Schilder beweisen. Deshalb tritt der Erzähler auch nie selbst auf, allenfalls in der Einleitung und am Schluss. Hier gibt es für das kleine Kind viel zu lernen, es wird dargeboten auf fantasievolle, schalkhafte Art und Weise. Es ist so viel zu lernen, dass ich jedes Mal nur ein oder zwei Kapitel zu lesen wagte, um ordentlich darüber nachdenken zu können. So hat die Lektüre mehrere Tage gedauert. Aber sie war den Ausflug in den sonderbaren Hundertsechzig-Morgen-Wald wert.

Hinweis: Es gibt zwei Fortsetzungen, nämlich „Pu baut ein Haus“ und „Warum Tieger nicht auf Bäume klettern“.

|Gebunden: 135 Seiten
Originaltitel: Winnie the Pooh, 1926
Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Harry Rowohlt
ISBN-13: 978-3866151024|

_|A. A. Milne bei |Buchwurm.info|:_
[„Das Geheimnis des roten Hauses“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5617

Allan & Barbara Pease – Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken

Von Beutejägern und Nesthüterinnen: Info und Ratgeber

„Wenn Sie sich je gefragt haben, warum Frauen so viel reden, Männer aber lieber schweigen, warum Männer immer Sex wollen, Frauen aber lieber kuscheln – in diesem Buch finden Sie endlich eine einleuchtende Antwort. A. und B. Pease erklären wissenschaftlich fundiert die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Sie erkunden, warum sie unterschiedliche Fähigkeiten besitzen, sich in vielen Situationen völlig unterschiedlich verhalten, anders denken und fühlen. Zugleich geben die Autoren praktische Tipps, wie man am besten mit diesen unterschieden umgehen sollte, damit ein harmonisches Zusammenleben der Geschlechter möglich ist.“ (gekürzte Verlagsinfo)

Die Autoren

Allan & Barbara Pease – Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken weiterlesen

Preyer, J. J. – Sherlock Holmes und die Moriarty-Lüge

_Unberechenbarer Holmes vs. Mathegenie Moriarty: Showdown im Grabmal_

Hier ist sie endlich: Die Wahrheit über das finale Duell zwischen Sherlock Holmes und seinem teuflischen Gegenspieler Professor Moriarty, bei dem die Statue eines Engels sowie der Schriftsteller Oscar Wilde eine nicht unerhebliche Rolle spielen – neben dem Meisterdetektiv, versteht sich. (Erweiterte Verlagsinfo)

_Der Autor_

J. J. Preyer wurde 1948 in Steyr, Österreich, geboren. Nach einem Studium der Germanistik und Anglistik übte er eine Lehrtätigkeit in der Jugend- und Erwachsenenbildung aus. Ab 1976 arbeitete er als Lektor in Großbritannien, gründete 20 Jahre später den Oerindur Verlag und gab unter anderem Romane von C. H. Guenter heraus. Seit 2010 schreibt er für die Jerry-Cotton-Reihe des Bastei-Lübbe-Verlags, seit 2012 für den Blitz-Verlag auch die Reihe „Der Butler“.

Weitere Werke:

– „Sherlock Holmes und die Freimaurer“
– „Das Kennedy-Rätsel (mit Cisa Cavka“
– [„Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5513
– [„Sherlock Holmes und der Fluch der Titanic“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6914

_Handlung_

In jener verzweifelten Zeit nach dem Verschwinden seiner Frau Mary Morstan-Watson und vermeintlichen Tod seines Freundes Sherlock Holmes wälzt sich Dr. John Henry Watson in quälenden Fieberträumen in seinem Bett, unfähig zu jedweder Tätigkeit. Im Traum erscheint ihm Prof. Moriarty als Schlange, die ihn vor die Wahl stellt, einen der beiden Lieben zu retten, wenn Watson den anderen opfert. Niemals, weigert sich der Träumer.

Da erscheint ihm in einem gesünderen Traum Holmes und zwingt ihn zur Logik und Faktenbewertung. Ist Mary Watson tot? Nein, nur verschwunden. Und er, Holmes? Seine Leiche wurde nie gefunden. Und was ergibt sich daraus? Klarer Fall: Watson muss sich endlich aufraffen und nach Mary gemäß den Gesetzen der Logik suchen, auch wenn die Logik mit ihm auf Kriegsfuß stehen mag.

Wenig später erblickt Watson seinen Freund leibhaftig an seinem Bett. Holmes kümmert sich freundlich um den Fiebernden und verspricht ihm, Mary zu finden. Er habe bereits einen Verdacht, wer hinter der Entführung stecken könnte: Moriarty natürlich. Denn Mary Watson ist keine andere als die Tochter von Moriartys Stabschef Oberst Sebastian Moran (aus dem „Abenteuer in dem leeren Haus“). Sie sollte Watson ausspionieren, verliebte sich aber in ihn und wurde daher zurückgezogen. Also ist es nur eine Frage der Höhe des Lösegeldes, wie man diese Geisel wieder auslösen kann. 5000 Pfund erweisen sich als die ausreichende Summe, wie sich zeigt: Mary kehrt wieder zu Watson zurück.

Doch dieser glückliche Ausgang der Entführung löst nicht das Grundproblem: Prof. Moriarty und seine verzweigte Organisation aus Verbrechern und geschmierten Speichelleckern unterminieren die Grundmauern der Gesellschaft. Soeben hat er die Herrschaft über die angesehene „Times“ erlangt und schickt sich an, die „Encyclopedia Britannica“, die von der Zeitung herausgegeben wird, umzuschreiben!

Der Times-Chefredakteur, Charles Bell, ist ein guter Freund von Holmes und berichtet, wie ihm Moriarty zusetzt. Daher verwundert es den Detektiv nicht, als der Leibdiener und Lehrer der Queen selbst, ein Inder namens Abdul Karim, von einem Times-Artikel ins Zwielicht gerückt wird. Hatte die Queen, Gott behüte!, etwa ein Techtelmechtel mit ihm? Holmes beschließt einzuschreiten und besucht seinen Bruder Mycroft, der ja immerhin der Chef des königlichen Geheimdienstes ist. Doch Mycroft wird selbst von seinem Diener abgehört …

Von Mycroft erfährt Holmes mehr über den tragischen Sturz des Dichters und Dandys Oscar Wilde, der mittlerweile wegen Homosexualität im Gefängnis sitzt. Erneut eine Intrige von Moriarty, fragt sich Holmes, und stößt tatsächlich auf eine Verbindung aus ferner Vergangenheit, als Moriarty noch ein sehr junger Mathematiklehrer in der irischen Kleinstadt Enniskillen war. Dort muss sich etwas Schlimmes zugetragen haben, das Moriarty der Familie Wilde immer noch nachträgt, ein dunkles Geheimnis, das niemals entdeckt werden darf.

In Enniskillen entdeckt Holmes erstmals die unheilvolle Rolle, die seit jeher Moriartys Mutter Elena, die Schlangenbeschwörerin, gespielt hat – und dass Moriarty mit den Wildes verwandt ist, darf niemand jemals erfahren. Fortan schwebt Holmes in Lebensgefahr …

_Mein Eindruck_

Der Autor setzt von Anfang zwei Metaphern ein, die den ganzen Text durchziehen: Schlangen und Mathematik. Es handelt sich stets um Giftschlangen, versteht, und ihr Gift besteht in einer Lüge. Bemerkenswert daran ist die Verbindung zu Moriarty, dem Mathematiker. James Moriartys Mutter Elena weist eine gespaltene Zunge auf, beherrscht ihren Sohn von jeher und ersinnt Böses für alle, von denen sie glaubt, dass sie zu viel wissen. Ihr Sohn ist ihr völlig ergeben, nicht zuletzt, weil sie ihn noch stillte, als er bereits 20 Jahre alt war, aber auch, weil sie stets einen Dolch bei sich trägt, den sie auch kaltblütig einzusetzen weiß.

Psychologisch gesehen ist es kein Wunder, wenn sich James Moriarty der Berechenbarkeit der Zahlen, Menschen und anderer Dinge widmet. Er muss sich dann nicht mit der Unberechenbarkeit seiner Mutter beschäftigen. Vielmehr denkt er, dass ihn die Mathematik und ihr Kalkül stärker machen, zumindest bei seinen Untergebenen und gegenüber den schwachen Menschen, die dieses Privileg noch nicht genießen.

Sherlock Holmes erkennt Moriartys Stärke als seinen schwachen Punkt. Er muss alles versuchen, um nicht selbst berechenbar zu handeln und zu denken. Das widerspricht jedoch seiner bisherigen Grundeinstellung und entspricht eher der Natur seines Freundes Watson. Watson ist Gefühl pur, wohingegen Holmes bislang stets das Gehirn dieses dynamischen Duos gewesen ist. Sobald Watson auf berechenbare Weise handelt, indem er sich, statt an den kühnen Plan Holmes‘, lieber an Scotland Yard wendet, hagelt es regelmäßig Opfer.

Aufgrund dieser leidvollen Erfahrung muss sich Watson, um seine erneut entführte Mary wiederzubekommen, wohl oder übel in Holmes‘ Hände geben. Dieser hat im ehemaligen Henker von London, einem weiteren Opfer Moriartys, den idealen Ausführenden seiner Pläne gefunden. Es kommt, nach einigen „unberechenbaren“ Wendungen, zu einem Showdown, der passenderweise in einem Grabmal mit einer Statue des Schlangentöters Michael stattfindet …

|Schwächen|

Diese Metaphorik und Umkehrung der Charakter-Vorzeichen ist klug ausgedacht und umgesetzt. Leider reicht das nicht ganz, um dem Leser auch das entsprechende Vergnügen daran zu vermitteln. Diese Umkehrungen müssen auch begründet und plausibel dargestellt werden. Daran hapert es vor allem in den entscheidenden Dialogen, die Holmes mit Watson führt.

Man kann natürlich sein diebisches Vergnügen daran finden, dass Holmes sich seinem besten Freund, Biographen und Chronisten gegenüber so verwirrend und „unberechenbar“ zeigt. Aber andererseits muss auch der hinterletzte Leser (der „dümmste anzunehmende User“, kurz: DAU) kapieren, welches schräge Spielchen Holmes treibt. Leider erwies auch ich mich als zu sehr DAU, um Holmes zu begreifen, vor allem am Anfang. So wird beispielsweise das wahre Geschehen, das sich an den Reichenbach-Fällen zugetragen haben muss, nur scheinbar erklärt – anhand der offiziellen Erklärung, die sich Watson für seine Geschichte „Sein letzter Fall“ ausgedacht hatte (S.23/24).

Zweitens erweist sich die Sprache selbst als Hindernis. Um den DAU zu bedienen, bedient sich der Autor eines Kniffs, den er aus den JERRY-COTTON-Heftromanen kennt, die er für den Bastei-Verlag schreiben darf: Er benutzt immer wieder den vollen Namen seines Protagonisten, wo es gefühlsmäßig gar nicht nötig wäre. Der volle Name stellt eine unwillkommene Distanz her, wo gerade Nähe hergestellt worden war oder Nähe wünschenswert wäre. Gleichwertig ist das Synonym „Der Detektiv“, was ebenso Distanziertheit erzeugt.

Ein Taschenbuch von 230 Seiten hätte theoretisch Platz genug, um die Figuren psychologisch besser zu charakterisieren. Doch der Autor fand es angebracht, sie wie in einem Groschenroman zu präsentieren: als Handlungsträger ohne Innenleben. Das zeigt sich besonders krass im Finale, wenn die Spielfiguren nacheinander fallen, als hätte ein Gott sie angeordnet. Da geht es holterdiepolter, bis nur noch die Guten übrig bleiben – ähm, zumindest die Männer …

Der Satz auf S. 157, den Elena Moriarty sagt, ist kein korrektes Deutsch: „Ich VERBIETE mir derart respektlose Reden!“ Nun, sie kann sich selbst alles Mögliche verbieten, aber wenn sie anderen etwas verbieten will, sollte sie „Ich VERBITTE mir derart respektlose Reden!“ sagen.

|Hinweis|

Schon zu Beginn erhalten wir Hinweise, dass die Handlung anno 1895 spielt, exakt vier Jahre nach dem verhängnisvollen Sturz an den Reichenbach-Fällen im Frühjahr 1891, bei sowohl Moriarty als auch Holmes den Tod gefunden haben sollen – falls man Watsons Geschichten Glauben schenkt. Die Jahreszahl 1895 passt auch zu Moriartys 50. Geburtstag und seinem Geburtsdatum 13. Juni 1845.

_Unterm Strich_

Über den Umweg der Familie von Oscar Wilde stößt also Holmes auf das Geheimnis, das die Familie Moriarty um jeden Preis – auch um den vieler Menschenleben – hüten will. Interessant ist dabei die Beschäftigung mit Oscar Wildes Werken mit darin verschlüsselten Hinweisen, Holmes‘ Begegnung mit dem inhaftierten Dichter selbst und natürlich die Konfrontation mit Moriarty selbst. Dessen Mutter wird als giftige Schlange dämonisiert, bis wir selbst ein wenig Mitgefühl mit dem „Napoleon des Verbrechens“ entwickeln.

Etwas erstaunlich für den Holmes-Kenner kommt das neuartige „unberechenbare“ Verhalten des Meisterdetektivs. Dass Holmes riskante Pläne ausheckt, gegen die Watson gerne sein Veto einlegen darf, empfand ich durchaus als neu und interessant. Der Grund dafür: Holmes will kein Spiegelbild seines Gegenspielers sein, sondern etwas Eigenständiges, etwas nicht Kalkulierbares. Nur dann kann er hoffen, alle Pläne, die das Mathegenie Moriarty gegen ihn bereithält, auszutricksen. Aber einmal ist er zu unvorsichtig und geht beinahe den Weg aller Sterblichen …

Dieser Roman der „Sherlock Holmes“-Reihe hat mich nur zu etwa 60 Prozent überzeugt, denn die sprachliche Ausführung und die Charakterisierung entsprechen zu sehr dem Niveau von Groschenromanen. Etwas mehr Zeit und Mühe für die Überarbeitung hätte sich bestimmt positiv bemerkbar gemacht.

|Taschenbuch: 221 Seiten
ISBN-13: 978-3898403368|
http://www.blitz-verlag.de

Über 30 weitere Rezensionen mit und über den Meisterdetektiv Sherlock Holmes findest du in [unserer Datenbank]http://buchwurm.info/book

Haldeman, Joe – The Accidental Time Machine

_Intelligente Wells-Parodie: Zeitreise per Zufall_

Hochschulabbrecher Matt Fuller schlägt sich als einfacher Forschungsassistent am Massachusetts Institute of Technology durch. Als er sich gerade mit den Quantenbeziehungen zwischen Gravitation und Licht beschäftigt, verschwindet plötzlich sein Kalibrator – und taucht eine Sekunde später wieder auf. Und jedes Mal, wenn Matt den Reset-Knopf drückt, verschwindet die Maschine zwölfmal länger. Nachdem er mit dem Kalibrator herumexperimentiert hat, kommt Matt zu dem Schluss, dass er nun in Besitz einer Zeitmaschine ist, mit der er Dinge in die Zukunft schicken kann …

Nichts scheint dagegen zu sprechen, dass Matt selbst eine kleine Zeitreise unternimmt. Also landet er in der nahen Zukunft – wo er wegen Mordes am Besitzer des Autos verhaftet wird, welcher tot umgefallen ist, als Matt direkt vor seinen Augen verschwunden ist. Die einzige Möglichkeit, der Mordanklage zu entgehen, besteht darin, weiter in die Zukunft zu reisen, bis er einen Ort in der Zeit findet, an dem er sich in Ruhe niederlassen kann. Doch was ist, wenn solch ein Ort gar nicht existiert? (Gekürzte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Der US-Autor Joe Haldeman, geboren am 9. Juni 1943 in Oklahoma City, studierte Physik, Astronomie, Mathematik und Informatik an der Universität von Maryland. 1967 wurde er zum Militärdienst nach Vietnam eingezogen. Durch seine Erlebnisse in Vietnam wurde er zu seinem wohl bekanntesten Roman „Der Ewige Krieg“ (The Forever War) inspiriert, für den er den Hugo Award sowie den Nebula Award erhielt.

„Der Ewige Krieg“ arbeitete er später zu einer Trilogie aus („Der ewige Friede“, „Am Ende des Krieges“), deren zweiter Band erhielt ebenfalls sowohl den Hugo- als auch den Nebula-Award. Bekannt ist auch seine Worlds Trilogie, die „Kreisende Welten“, „Isolierte Welten“ (beide bei Moewig) und „Worlds Enough and Time“ umfasst.

Zu seinen Romanen kommen zahlreiche Kurzgeschichtensammlungen, darunter „Unendliche Träume“ (dt. bei Heyne). Seit den 1990er Jahren erscheinen seine Romane nicht mehr auf deutsch, obwohl Haldeman in den USA und in Großbritannien nach wie vor hoch im Kurs steht. Beispielsweise erhielt er für den 1993 erschienen Roman „Graves“ den World Fantasy Award, und 2004 für Roman „Camouflage“ den Nebula Award sowie den James Tiptree, Jr. Award.

Zur Zeit lehrt Haldeman am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Schriftstellerei und Science-Fiction. Sein 2002 verstorbener älterer Bruder Jack C. Haldeman II war ebenfalls Science-Fiction-Autor. (Quelle: Wikipedia)

Romane (korrigierte Angaben):
* 1972 War Year
* 1975 The Forever War (dt. Der Ewige Krieg 1978)
* 1976 Mindbridge (dt. Die Denkbrücke 1978)
* 1977 Planet of Judgment (dt. Grenze zur Unendlichkeit / Duell der Mächtigen 1980; STAR TREK)
* 1977 All My Sins Remembered (dt. Der befleckte Engel 1978)
* 1979 World Without End (dt. Welt ohne Sterne, 1979 / Welt ohne Ende, 1980, STAR TREK)
* 1981 Worlds (dt. Die kreisenden Welten 1982 / Kreisende Welten 1984, bei Moewig)
* 1983 There Is No Darkness (dt. Und fürchtet keine Finsternis 1985) mit Jack C. Haldeman II
* 1983 Worlds Apart (dt. Isolierte Welten, bei Moewig)
* 1987 Tool of the Trade
* 1989 Buying Time (dt. Gekauftes Leben 1992, bei Heyne)
* 1990 The Hemingway Hoax (dt. Der Schwindel um Hemingway 1992, im Heyne SF-Jahresband 1992)
* 1992 Worlds Enough and Time
* 1994 1968
* 1997 Forever Peace (dt. Der ewige Friede 2000, bei Heyne)
* 1998 Forever Free (dt. Am Ende Des Krieges 2002, bei Heyne)
* 2000 The Coming
* 2002 Guardian
* 2004 Camouflage
* 2005 Old Twentieth
* 2007 The Accidental Time Machine (dt. als „Herr der Zeit“ bei Mantikore, 6/12)
* 2008 Marsbound
* 2010 Starbound
* 2011 Earthbound

_Handlung_

Matt Fuller ist eher mit der Generation X verwandt als mit den Nobelpreisaspiranten. Nach Jahren als Physiker am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston hat er es im Jahr 2051 immer noch nicht geschafft, seine Doktorarbeit bei Prof. Jonathan Marsh abzuliefern. Stattdessen schlägt er sich bei seinem Mentor als „Technischer Assistent“ durchs Leben.

In dieser Eigenschaft ist er für die Genauigkeit eines sogenannten Kalibrators zuständig. Das supergenaue Gerät misst, dass nur je ein Photon, also Lichtteilchen, pro Chronon, also Zeiteinheit, durch den Sensor geht. Auch Gravitonen spielen eine Rolle. Bei einer dieser Messungen drückt er den Reset-Knopf – und die Maschine verschwindet kurz. Wo war sie, als Matt gerade mal nicht hinschaute, will Prof. Marsh natürlich als erstes wissen. Matt kann es ihm nicht sagen – und wird deshalb auch nicht ernstgenommen. Ein Fehler, wie sich bald zeigen soll.

|Don’t try this at home|

Matt nimmt den Kalibrator mit nach Hause, stellt Versuche an und erhält eine Kurve von jeweils zwölfmal (genau 11,8) längeren Aufenthalten seiner Maschine im Nirwana. Das heißt, dass die sechsten und siebten Versuche schon wesentlich längere Aufenthalte erzeugen. Weder Handy noch Kamera liefern aufschlussreiche Daten. Und als er seiner Freundin Kara davon erzählt, sagt sie ihm, dass sie ihn bereits verlassen hat – für einen langweiligen Streber.

Matt sieht nicht ein, warum er einer solchen Freundin eine Träne nachweinen soll, noch dazu, nachdem sie dafür gesorgt hat, dass Prof. Marsh ihn feuert. Und da es als Alternative nur brutal hartes Arbeiten an ungesicherten Daten gibt, um seine Doktorarbeit zu schreiben, sieht die Arbeit mit dem Kalibrator richtig attraktiv aus. Die nächste Stufe sieht vor, ein Versuchskaninchen mit seiner Zeitmaschine mitzuschicken. Da er nichts Besseres zur Hand hat, handelt es sich dabei um Herman, eine mit List und Tücke erstandene Landschildkröte. So wird Hermann zum ersten Zeitreisenden, und es scheint ihm nicht zu schaden. Allerdings stellt Matt besorgt eine räumliche Versetzung der Maschine um einen Millimeter fest. Das könnte noch eine gewisse Rolle spielen …

|Zeitreise im Selbstversuch|

Als Nächstes beschließt Matt, selbst mit der Maschine zu reisen. Die Vorsichtsmaßnahmen dafür sind umfangreich: Für den Fall, dass er mit seiner Zeitmaschine im Ozean landet und weil er nicht schwimmen kann, steckt er sich in einen Taucheranzug und nimmt ein Schlauchboot mit. Diese Ausrüstung steckt er in das coolste Auto, das für ihn greifbar ist: den 1956er Thunderbird seines Kumpels und Lieblingsdrogendealers: Dennis. Die Stahlkarosserie dieses geilen Oldie-Schlittens soll zugleich als Faradayscher Käfig gegen irgendwelche Stromschläge und Strahlen dienen.

Alles klappt wie am Schnürchen, nachdem sich Dennis noch eine Line von ungetestetem Stoff reingezogen hat. Knapp vier Wochen später erscheint Matt in seinem Thunderbird wieder – mitten auf einer Durchgangsstraße im Stoßverkehr. Der von ihm verursachte Unfall ruft die Polizei, die Kripo und die Psychiater auf den Plan. Denn obendrein hat Dennis inzwischen wegen des Stoffs den Löffel abgegeben. Weil er dabei die Visitenkarten von Prof. Marsh, die Matt ihm für den Fall der Fälle gegeben hatte, bei sich trug, wurde der Prof von der Kripo verhört – was Matts Ruf nicht eben förderlich ist.

|Besuch aus der Zukunft?|

Eigentlich wäre Matt ja jetzt ein Fall für die Klapse, aber ein Scheck über eine Million Dollar von Unbekannt deckt gerade mal die Kautionssumme, die die Richterin festgesetzt hat. Wer konnte davon wissen, fragt sich Matt und vermutet die mafiösen Verbindungen von Dennis. Jedenfalls kommt er wieder frei und muss sich um die Konsequenzen kümmern. Der Mob dürfte nun hinter ihm her sein. Und da inzwischen Karas neuer Lover (mit ihrer hinterlistigen Hilfe) sein Nachfolger bei Prof. Marsh wird, hält Matt nichts mehr in diesem Boston. Er baut ein Duplikat seiner Zeitmaschine, liefert alle seine Beobachtungen an Prof. Marsh und verduftet.

Erst fünfzehn Jahre später taucht er wieder auf, obwohl für ihn selbst nur ein Moment vergangen ist. Und die Kulisse, die Prof. Marsh zu Matts Empfang aufgebaut hat, weiß seinen Exschüler zu beeindrucken: Es ist ein ganzes Stadion voller Fans – und alle sind 15 Jahre älter als Matt selbst …

_Mein Eindruck_

Man merkt gleich, dass der MIT-Professor Joe Haldeman, sich in diesem humorvollen Garn ein paar Freiheiten gegenüber seinem eigenen, durchaus geliebten, Institut herausnimmt. Die Witze, die er einstreut, verraten eine intime und tiefreichende Kenntnis über die Geschichte des MIT und der Harvard-University, die im benachbarten Cambridge beheimatet ist. Diese humorvolle Seite ist zwar nur für Fans des MIT und der theoretischen Physik goutierbar, aber wer sich als Science-Fiction-Fan damit auskennt, kommt aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus.

An niemanden erinnerte mich der Slacker-hafte Matt Fuller so sehr wie an Justin Long, den Hacker, dem Bruce Willias als John McClane in „Stirb langsam 4.0“ das Leben rettet. Matt hat in seinem Leben noch nichts zustande gebracht, hat die Graduierung und die Übernahme von Verantwortung wohl auch gar nicht vor, ebenso wenig wie die Heirat mit Kara. Irgendwie hat er andere Prioritäten. Deshalb werden für ihn seine wiederholten Zeitreisen auch eine Reise zu sich selbst. Vielleicht werden seine Prioritäten ja irgendwann mal gebraucht.

|Rücksturz in die Vergangenheit?|

Zumindest in der nahen Zukunft kommt er mit seinem Physikerverstand gut zu Rande, doch je weiter er sich von seiner Zeit entfernt, desto mehr Probleme bekommt er mit der Kultur der USA – bis er schließlich im 24. Jahrhundert in einer Kultur landet, die nichts so sehr ähnelt wie dem sittenstrengen 17. Jahrhundert. Hier herrschen nach einem Krieg puritanische Sitten über die Überlebenden, die sich einer Mischmaschkultur aus mittelalterlicher Landwirtschaft, geerbter Hochtechnik und versteckter Unterdrückungstechnologie zurechtfinden müssen. Jesus ist zur Erde wiedergekehrt – und er herrscht absolut. Das erinnert an die Zeit der Salemer Hexenprozesse, die nicht weit von Boston im 17. Jahrhundert stattfanden.

Zu Matts Glück gib es auch hier ein MIT, allerdings ein Institut für Theosophie – was auch immer das sein mag, wundert sich der Zeitreisende, der tatsächlich erwartet worden ist und als Professor akzeptiert wird, wenn auch ohne Lehrerlaubnis. Matt agiert sehr vorsichtig, um nicht wie Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen zu enden. Er glaubt nicht, dass er diese Prozedur durchstehen könnte. Zu seinen Vorrechten als MIT-Professor gehört es, einen graduierten Assistenten an die Seite gestellt zu bekommen. Ihr Name ist Martha.

Sie betrachtet es als ihre Pflicht, in seiner Gelehrtenhütte auf dem Boden zu schlafen. Die Nacktheit, die sie wie selbstverständlich an den Tag, erfordert bei Matt einen gewissen Gewöhnungsprozess – einen von vielen. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er seine Position niemals ausnutzt. Er wartet, bis sie bereit ist. Jesus zitiert Matt zu sich, als Hologramm, und er verlangt die Übergabe der Zeitmaschine. No way, denkt Matt. Als ein Cop im Pissoir entdeckt, dass Matt nicht beschnitten ist (obwohl er Jude ist) und folglich ein Fremder sein muss, ist es für Matt höchste Zeit zu verschwinden.

Dabei lässt es sich nicht vermeiden, dass Martha mitkommt. Zusammen bestehen sie Abenteuer in den nächsten drei Millionen Jahren. Genügend Zeit, um die Jungfrau Martha über die Feinheiten des Zusammenlebens von Mann und Frau aufzuklären. Eine der komischsten Szene ist sicherlich jene mit der Ejakulation in der Schwerelosigkeit. Eine schöne Sauerei in jeder Hinsicht.

|Die echte Vergangenheit |

Matt (und sein Schöpfer) weiß genau, dass theoretisch unmöglich ist, in die Vergangenheit zu reisen. Denn durch die Begegnung mit sich selbst würde ein Paradoxon ausgelöst, das das Universum nicht zulässt. Zum Glück gibt es eine Instanz, die Matt und Martha davon erlöst, für immer und ewig in die Zukunft zu reisen. Diese Instanz, die sich per Telepathie als „Jesus“ vorstellt, ist wohl der schwächste Punkt in der fiktionalen Argumentation der Handlung: Die Gründe für die Existenz dieses Helfers und seiner Begleiter sind leider viel zu dünn, um plausibel zu wirken.

Aber die Rücksreise ins echte Boston des Jahres 1898 gibt Matt und Martha die Chance, von Neuem zu beginnen. Und diesmal hat Matt nicht nur Vorsprung durch Wissen, sondern auch den Charakter, um eine Professur anzustreben und eine Familie zu gründen. In der Physik kommen Planck und Einstein zu Ehren, was eine Rehabilitierung der deutschen Wissenschaftler gleichkommt. Und fast alle Werktitel sind sogar korrekt gedruckt. Matts Zeitabenteuer nimmt ein gutes Ende, selbst wenn einige seiner Äußerungen auf seine Zeitgenossen etwas kryptisch wirken.

_Unterm Strich_

Wer H. G. Wells‘ Roman „Die Zeitmaschine“ aus dem Jahr 1895 gelesen hat (und sich nicht mit den beiden Verfilmungen abspeisen ließ), der wird beim Vergleichen mit Haldemans Zeitmaschinenroman erfreut feststellen, dass Wells weitaus düsterer und pessimistischer ist, was die Zukunft der Erde angeht. Andererseits verfügt Haldemans Held wider Willen über eine ausgezeichnete Fluchtmethode, um unangenehmen Konsequenzen aus dem Weg zu gehen: Er drückt einfach den RESET-Knopf auf seinem Kalibrator und reist weiter.

|Kulturelle Relativität|

„The Accidental Time Machine“ bzw. die Übersetzung „Herr der Zeit“ (eine reichlich unzutreffende Bezeichnung, denn Matt ist eher Opfer der Umstände als deren Beherrscher) ist eine unterhaltsame Kombination aus Zukunftsvision, Liebesromanze, witziger Parodie auf H. G. Wells‘ Vorlage und humorvollen Seitenhieben auf die Theoretische Physik im Allgemeinen und das MIT im Besonderen.

Daneben zeigt uns der Autor Boston und das MIT in verschiedenen Zeitebenen, vom 17. über das 19. und 21. bis zum 24. Jahrhundert. In diesen Epochen erweist sich der Stellenwert der Physik bzw. der Naturwissenschaft an sich, den ihr die jeweilige Gesellschaftsform zumisst, als sehr relativ und variabel. Am Massachusetts Institut für Theosophie etwa ist „Wissenschaft“ an sich Teufelswerk, und alle Seminare drehen sich ums Beten, die Bibelauslegung (Martha und Matt analysieren die Geschichte von David und Bathseba sehr intelligent und kritisch) sowie um Metaphysik – von der die Physik und die Mathematik lediglich Unterkategorien sind. Nix war’s mit der „Königin der Wissenschaften“.

Es ist ein professoraler Roman, der auf Ausgewogenheit bedacht ist, das Drama und die Action auf ein Minimum begrenzt, aber mit (wohlweislich gut versteckten) Weisheiten nicht geizt. Nirgendwo ist ein erhobener Zeigefinger zu bemerken, und das muss man dem Prof hoch anrechnen: Stets steht die Geschichte im Vordergrund, und das Wohlergehen seiner Figuren liegt ihm am Herzen, so kurios es auch verlaufen mag.

Es sollte mich nicht wundern, wenn auch dieses Zeitreiseabenteuer bald mal verfilmt wird. Bis dahin müssen aber die Spezialeffekte noch ein wenig besser werden – und die Menschen noch ein wenig mehr über Stringtheorie lernen.

|Info: 288 Seiten
Sprache: Englisch
ISBN-13: 9780441016167|
[Verlagshomepage]http://us.penguingroup.com/static/pages/publishers/adult/ace.html

_Joe Haldeman bei |Buchwurm.info|:_
[„Der ewige Krieg“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=488
[„Die Datenbrücke“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7747

Martin, George R. R. – Saat des goldenen Löwen, Die (Das Lied von Eis und Feuer 4)

_|Das Lied von Eis und Feuer|_ (überarbeitete Neuauflage):

01 [„Die Herren von Winterfell“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3637
02 [„Das Erbe von Winterfell“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7222
03 [„Der Thron der Sieben Königreiche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3651
04 _“Die Saat des goldenen Löwen“_
05 „Sturm der Schwerter“
06 „Die Königin der Drachen“
07 „Zeit der Krähen“
08 „Die dunkle Königin“
09 „Der Sohn des Greifen“ (21.05.2012)
10 „Ein Tanz mit Drachen“ (23.07.2012)

_Im Original:_

01 „A Game of Thrones“
02 „A Clash of Kings“
03 „A Storm of Swords“
04 „A Feast for Crows“
05 „A Dance with Dragons“
06 „The Winds of Winter“ (der Autor wird 2012 daran arbeiten)
07 „A Dream of Spring“

_Das Schicksal der Stark-Kinder – der Winter naht_

„Das Lied von Eis und Feuer“, so heißt das ambitionierte Großprojekt von George R. R. Martin auf dem Gebiet der epischen Fantasy. Die vier ersten Bände davon sind bereits auf Deutsch erschienen (hier auf acht Bände verteilt), die nächsten zwei erscheinen im Mai und Juli auch bei uns. „Die Saat des goldenen Löwen“ ist die zweite Hälfte des zweiten Bandes.

Der Zyklus lässt sich zum Besten einordnen, was diese Literaturgattung bisher hervorgebracht hat. Mehrere Handlungsstränge aufgreifend, bietet Martin einen Blick auf eine farbenprächtige Welt voller Gegensätze, ein buntes Gewimmel verschiedenster Schicksale, verstreut vom kargen, frostklirrenden Norden bis zu den orientalisch prächtigen Ländern des Sommers. Eine Welt, in der die Jahreszeiten sich über Jahre erstrecken können und auf einen milden langen Sommer ein umso härterer Winter folgt. In diesen Wintern erwachen im Norden dunkle Mächte. Und der jetzige Sommer währt bereits die Rekordzeit von zehn Jahren … Doch noch ist die Witterung wohlgesonnen, und die Menschen sind mit ihrem eigenen Streit beschäftigt.

_VORGESCHICHTE: Handlung von Band 3_

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht auch im dritten Band die Familie der Starks. Seit Tausenden von Jahren stellt sie die Könige des Nordens, eine harte, ehrenhafte, aber auch pragmatische Sippe. Der sich seit dem Anfang der Serie aufbauende Zwist zwischen den Starks und der mächtigen Adelsfamilie der Lennisters eskaliert zu einem mörderischen Krieg, der einen Großteil der Sieben Königreiche verheert. Robb Stark, gerade mal 16 Jahre alt, wird von seinen Vasallen zum „König des Nordens“ erklärt und verzeichnet überraschende Erfolge gegen die Lennisters.

Und noch mehr Heere sind im Anmarsch. Denn Stannis, der ältere Bruder des verstorbenen Königs Robert Baratheon, schickt sich an, den Thron an sich zu reißen, mit der Begründung, der Thronfolger und neue König Joffrey sei nicht seines Bruders Sohn, sondern das Produkt aus der Verbindung der Königin mit ihrem Bruder Jaime. Nicht zu Unrecht, wie der Leser aus der Vorgeschichte weiß.

Gleichzeitig ruft sich auch Stannis‘ jüngerer Bruder Renly zum König aus und kann durch die Unterstützung der südlichen Provinzen auf eine riesige Armee zurückgreifen. Der Kampfverlauf ist allerdings anders, als die Beteiligten erwarten. Es gibt also bislang vier Könige, doch dabei soll es nicht bleiben.

Derweil nehmen die Männer der Nachtwache, welche das Land seit altersher gegen den Norden schützt, erschreckt Veränderungen war. Nicht nur dass Männer verschwinden und als Untote wiederkehren, auch die Wildlinge, die Menschen auf der anderen Seite der Mauer, sind spurlos verschwunden, wie eine Expedition feststellt. Diese ist mit Jon Schnee, dem Bastard Eddard Starks, losgezogen, um die Vorgänge jenseits der Mauer zu erforschen.

Die junge Daenerys Targaryen, eine Favoritin unter den Handlungsträgern und frischgebackene „Mutter“ von drei Drachen, macht sich mit ihrer kleinen Gefolgschaft auf eine ungewisse Reise nach Osten durch die Wüste. Zwar finden die geplagten Reste des ehemaligen Khalazars von Drogo bald fruchtbares Land, doch die ehrgeizige Daenerys treibt es weiter. Eine gewisse Gleichgültigkeit, was ihre Untertanen betrifft, lässt sich bei ihr nicht verleugnen. Dennoch wünscht man ihr alles Gute. Doch die Erfüllung ihrer Träume bedeutet noch mehr Krieg für die Sieben Königreiche.

_Handlung von Band 4_

Ein bisher eher am Rande agierender Handlungsträger bekommt mehr Aufmerksamkeit zugemessen: der junge Theon, das Mündel Eddard Starks, zieht heimwärts, um als kommender Erbe des Thrones der Eisen-Inseln zu Ruhm zu kommen. Doch sein Vater schickt ihn gleich wieder los, um zusammen mit seiner wilden Schwester Asha die Küsten der Stark-Vasallen zu plündern. Diese Schandtaten sind dem vom Ehrgefühl der Starks infizierten Theon ein Gräuel, und so schickt er sich an, andersartigen Ruhm zu erwerben: Nachdem er den grausamsten Kapitän überredet hat, ihm zu helfen, lockt er erst die Burgbesatzung von Winterfell heraus und erstürmt dann nachts die Mauern.

|Die Starks|

Der junge Bran, der das „dritte Auge“ eines Leibwechslers (Warg) entwickelt hat, warnt die schlafende und halb verlassene Burg vergeblich vor den Eroberern. Während Bran die Burg übergibt und gleich danach wie vom Erdboden verschluckt verschwindet, begibt sich sein Halbbruder Jon Schnee mit einer stark bewaffneten Truppe tiefer ins wilde Land nördlich der Mauer, um seinen Onkel Benjen Stark zu suchen.

Unterhalb eines befestigten Platzes stößt er auf Grenzer-Waffen, die unter frischer Erde begraben sind – in einem Grenzer-Mantel. Jons Schattenwolf Geist hat sie gefunden. Kann Jon auch die Wildlinge aufspüren, die sich laut Späherberichten zu einer Armee formiert haben, um die Mauern zu durchbrechen – mit Hilfe von Magie? Auch Jon entwickelt Warg-Fähigkeiten. Leider besitzt diese auch der Feind …

Brans und Jons Halbschwester Arya Stark wurde gefangen genommen und muss als Putz- und Küchenmagd schuften. Doch auf Burg Harrenhal ist sie den Lennisters unverhofft ganz nah: Dort versammelt sich der bunte Kriegshaufen von Lord Tywin Lennister zum Krieg gegen den erfolgreichen König des Nordens, Robb Stark, jetzt das Oberhaupt der Sippe. Arya fällt ein unerwarteter Bonus in den Schoß: Weil sie drei jungen Männern das Leben gerettet hat und sie diese Schuld begleichen wollen, darf sie wählen, wer von ihren Feinden in Harrenhal sterben soll. Schon bald heißt es, der böse Geist der Harrenhals gehe in der Burg um …

Sansa Stark hat es wahrlich nicht leicht in Königsmund. Ihr Verlobter, König Joffrey, ist ein Monster, das sie ein ums andere Mal malträtieren und demütigen lässt. Nicht nur, dass er ihren Schattenwolf Lady, ihren Vater Eddard und ihre Zofe töten ließ, nun scheint auch sie selbst ihm zuwider zu sein. Der Grund dafür bleibt ihr vorerst verborgen. Zum Glück findet sie in Tyrion Lennister, der neuen Rechten Hand des Königs, einen unverhofften Beschützer und ebenso in Sandor Clegane, den sie den „Bluthund des Königs“ nennen.

|Die Lennisters|

Tyrion, der hässliche Gnom, ist der mit weitem Abstand Klügste und Gerissenste unter den fiesen Lennisters. Wir können ihm unsere Bewunderung nicht verweigern. Er mag zwar die Hure Shae lieben, doch dafür nimmt er es mit Königin Cersei, ihrem Geliebten Lancel Lennister (jawohl: ihrem Cousin) und mit König Joffrey auf. Joffrey hat das Land durch den Bürgerkrieg verkommen lassen, die Bevölkerung der Hauptstadt hungert, und das Einzige, was ihm dazu einfällt, ist Terror.

In einer dramatischen Szene fällt der Pöbel über die Lennisters her, und es kommt zu Toten, während die Königin als „Bruderfickerin“ geschmäht wird. Der Hohepriester der Kirche wird neben weiteren Adeligen erschlagen. Tyrion seufzt: Wenigstens ist Prinzessin Myrcella in Sicherheit, denn er hat sie per Schiff nach Sonnspeer ins südlichste Westeros geschickt, damit sie dort durch Heirat einen Verbündeten gewinnt.

Und Verbündete können die Lennisters, die in der Hauptstadt hocken, weiß Gott gebrauchen. König Stannis hat seinen Bruder Renly zur Schlacht herausgefordert. Zwar ist Renly der Jüngere, doch er hat das größere Heer. Wer die Schlacht gewinnt, bekommt die strategisch wichtige Festung Sturmkap – und den jüngsten Thronerben, Edric Sturm, König Roberts Bastard. Immer gut, wenn man einen weiteren Rivalen ausschalten kann, findet Stannis, der gerne geradlinig denkt.

|Der Killer aus Schatten|

Robb Stark hat seine Mutter, Lady Catelyn Tully Stark, ins Heerlager von Renly Baratheon geschickt, um beide Baratheons als Verbündete gegen die Lennisters und König Joffrey zu gewinnen. Schon bald muss sie einsehen, dass sich die beiden Brüder lieber an die Gurgel gehen, als die Existenz von Vernunft anzuerkennen. Stannis hat sich zudem eine neue Religion zugelegt: Der Herr des Lichts führe ihn nun, sagt er – und lasse sein Schwert erstrahlen. Neben ihm reitet eine ganz in Rot gewandete Frau namens Melisandre, die sehr fromm tut. Eine schlaue Verkleidung …

Der Morgen der Schlacht dämmert herauf. Die Leibwächterin von König Renly, die stets in Leder und Stahl gerüstete Brienne, legt gerade ihrem geliebten König in Gegenwart der herbeizitierten Catelyn Stark die verschiedenen Komponenten der prächtigen Rüstung an, ebenso den königlichen Umgang und den von einem Hirschgeweih gekrönten Helm.

Da bemerkt Catelyn verwirrt einen Schatten, der sich Renly nähert, gleich darauf spritzt ein Blutschwall unter der Halsberge des Königs hervor. Der Schatten verschwindet, doch Brienne schreit auf, Catelyn ruft Hilfe herbei. Die Zeltwachen stürzen herein – und sehen zwei Frauen, die es offensichtlich auf den König, der am Boden liegt, abgesehen haben. Sie zücken ihre Schwerter, um sie zu erschlagen …

_Mein Eindruck_

Seit Mitte der achtziger Jahre ist der Autor ein gewiefter Drehbuchschreiber in Hollywood geworden. Seiner Routiniertheit verdankt auch „Game of Thrones“ alias „Das Lied von Eis und Feuer“ seine eminente Lesbarkeit. Szene für Szene baut der Autor Handlungsfäden und Spannungsbögen auf, führt auch schon mal den Leser in die Irre. Das gereicht dem Roman zur wachsenden Spannung und zu starken, emotionalen Szenen.

|Action|

Aber ein „Ritterroman“ lebt nicht bloß von Wortgefechten, sondern auch von Action und Romantik. Und die gibt es in Band 3+4 ebenso wie in Band 1+2 (nach deutscher Bandzählung). Das erster Drittel findet seinen Höhepunkt in der dramatischen und rätselhaften Ermordung von König Renly Baratheon. Wer war’s, lautet die unmittelbare Frage. Renlys Mannen tippen auf die naheliegende Antwort: Catelyn und Brienne müssen es gewesen sein. Mehr darf nicht verraten werden.

Doch später sehen wir Catelyn auf Burg Schnellwasser, die von Edmure Tully, ihrem jüngeren Bruder, erfolgreich gegen die Lennister-Armeen verteidigt wird. Und hier ist auch Jaime Lennister eingekerkert, mit dem Lady Catelyn ein sehr aufschlussreiches Gespräch hinsichtlich gewisser Todes- und Unglücksfälle führt. Denn Catelyns Ermittlung gilt immer noch der Frage: Wer hat ihren Sohn Bran in die Tiefe gestoßen und – noch wichtiger – wer hat den Mörder mit dem valyrischen Dolch geschickt, dessen Schnittnarben ihre Hände verunzieren? Jaime liefert Antworten, aber sind es die richtigen?

Der Höhepunkt des mittleren Drittels ist der Volksaufstand des Pöbels gegen die Lennisters und ihre Entourage. Weitere Action liefert der von der zehnjährigen Amazone Arya Stark angezettelte Angriff der Gefangenen auf die Besatzung von Burg Harrenhal. Die kleine Kriegerin kann sich über fehlende Erfolge nicht beschweren.

|Die Schlacht um Königsmund|

Doch das letzte Drittel liefert den absoluten Höhepunkt des Gesamtromans: die Schlacht um Königsmund. König Stannis‘ Heer steht der Hauptstadt am Nordufer des Flusses Schwarzwasser gegenüber, welche das Südufer verteidigt. Doch nun segelt auch seine Flotte in die Flussmündung, um die Invasionstruppe an Land zu setzen. Ein Gefolgsmann, der einen der Segler kommandiert, macht uns zu Zeugen des Angriffs, der einen unerwarteten Verlauf nimmt. In einer anderen Szene sieht sich Tyrion Lennister gezwungen, einen Ausfall anzuführen, der ihn bis zum Fluss hinunter führt – und in die Hände eines Verräters …

Dieser Schluss lässt uns ebenso rätselnd wie gebannt zurück. Denn ohne Zweifel ist Tyrion einer der Lieblinge des Autors. Soll es jetzt schon mit ihm zu Ende sein? Der Autor schreckt nicht davor zurück, auch Hauptfiguren zu opfern, wie wir gelernt haben, sonst wäre Eddard Stark nicht in Königsmund enthauptet worden.

|Winterfell|

Deshalb ist es wichtig zusehen, welchen Verlauf die Dinge auf Burg Winterfell nehmen. Werden auch die beiden dort verbliebenen Söhne Ned Starks und Lady Catelyns ins Gras beißen müssen? Es sieht ganz so aus, denn Catelyn erhält auf Schnellwasser düstere Nachrichten aus Winterfell mit eben jenem Inhalt: Bran und Rickon seien von Theon Graufreud nach einer missglückten Flucht hingerichtet und auf den Zinnen aufgespießt worden. Aber ist das wirklich so? Wir dürfen den Nachrichten nicht trauen.

Theon hat die Burg mit 30 Mann erobert, doch seine Schwester lässt ihm nur zehn weitere da, um sie zu halten: Er sollte die Burg niederbrennen und ans Meer eilen, rät sie ihm. Doch Theon ist zu stolz auf seine Eroberung, mit der den Starks heimzahlen will, dass sie ihn zehn Jahre lang als Mündel „gefangen hielten“, wie er es nennt. In Wahrheit machten sie ihn zu einem Mann und Krieger. Eines Tages sieht er sich den 600 Mann gegenüber, die der Kastellan der Burg zurückbringt. Die Übergabe lehnt Theon stolz und trotzig ab, denn er hat eine wertvolle Geisel. Doch dann geschehen mehrere unerwartete Dinge nacheinander – und auf Winterfell ist nichts mehr wie zuvor …

|Magie und ähnliches|

Die Magie kommt nie zu kurz, auch wenn die bisherige Schilderung den Eindruck erweckt haben mag. Leibwechsler, Schattenkiller, das dritte Auge – all das ist Mumpitz im Vergleich zu dem, was Daenerys in der Stadt Qarth erlebt. Sie sucht immer noch nach einer Überfahrt nach Westeros und einem Heer, das sie aufstellen kann. Um ihre Zukunft zu erfahren, bemüht sie eine Art Orakel. Dies ist keine Pythia in einem griechischen Tempel, sondern das „Haus der Unsterblichen“, in dem derjenige, der sich darin im Drogenrausch verirrt, durch verlorengehen kann.

Begleitet von ihrem treuen Drachen Drogon begibt sich Dany in ein Labyrinth, das so manche gruselige und erotische Szene bereithält. Der Besuch der Drachenkönigin endet mit einem Finale, das den Besitzer des Hauses schier zur Verzweiflung treibt …

_Unterm Strich_

Ich habe nur etwa drei Tage für rund 620 Seiten Text gebraucht (der Rest geht für die Karten und die Anhänge drauf), und am letzten Tag konnte ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Höhepunkte, die ich oben aufgezählt habe, sorgen für Action, Spannung, Romantik und auch Irreführung des Lesers. Denn natürlich muss die Geschichte von Bran und Rickon, den beiden Leibwechslern oder Wargen, weitergehen, ebenso wie die von Jon Schnee, Arya und Sansa. Alle Kinder, Bastarde und Mündel von Ned Stark, also genetische wie ideelle Erben der Stark-Tradition, folgen ihrem Schicksal, mehr oder weniger erfolgreich.

Ihre Gegenstücke dürfen auch nicht fehlen, als da wären die beiden Baratheons, die Lennisters, v.a. Tyrion, und Daenerys. Andere wichtige Spieler wie etwa Robb Stark tauchen in der zweiten Hälfte des Gesamtromans gar nicht auf, doch wir hören immer wieder von ihnen. Der „Versager des Monats“ ist zweifellos der abtrünnige „Stark“ Theon Graufreud, der vom Leser die wenigsten Sympathiepunkte erhält. In dieser Hinsicht liegt er etwa gleichauf mit Joffrey, dem Muttersöhnchen auf dem Eisenthron.

Dieser Eisenthron entpuppt sich zunehmend als eine Art Prüfstein für einen König und seine Rechte Hand. Dies ist kein gewöhnliches Möbelstück aus dem 18. Jahrhundert, sondern wurde der Legende nach von den drei letzten Drachen vor Jahrtausenden aus den Schwertern der Besiegten mit Drachenfeuer zusammengeschmolzen. Folglich weist der Thron zahlreiche Schneiden und Kanten auf.

Nur wer sich stur und skrupellos an ihn klammert, kann ihn auch halten, alle anderen müssen ins Gras beißen. So ergeht es Tyrion, der Rechten Hand, um ein Haar – und wir fragen uns mit ihm, wer hinter dem Verrat steckt und wie ihn die Folgen innerlich verändern werden. Äußerlich ist er bereits kaum wiederzuerkennen. Dass ein Gnom noch hässlicher werden kann, dürfte die Damenwelt, die ihm bislang so hold war, kaum erfreuen.

Merkwürdig, dass die wichtige Mission, die Lord Baelish Kleinfinger, Herr aller Bordelle von Königsmund, so tapfer auf sich nimmt, überhaupt nicht geschildert wird. Dafür ist seine Rückkehr dann umso überraschender und erfolgreicher, als er Stannis in den Rücken fällt. Merke: Der Autor, ein gewiefter Drehbuchautor, opfert manche Handlungsstränge um des Effektes willen. Deshalb ist es zu verstehen, dass hier manche Szenen auch mit einem Cliffhanger enden, so etwa bei Lady Catelyn, die plötzlich ein Schwert verlangt.
Ausblick

Ich bin schon sehr gespannt auf die Verfilmung dieses zweiten Gesamtromans in der Staffel 2 der TV-Serie, die im Mai auf Sky-TV ausgestrahlt wird. Ich konnte feststellen, dass mehrere Ziatete aus Band 4 bereits in Staffel 1 übernommen worden sind. Darunter ist etwa Tyrions traurige Geschichte darüber, wie er sich erstmals verliebte und wie er Tysha wieder verlor.

|Die Neuauflage|

Ein umfangreicher Anhang mit den einzelnen Herrscherhäusern von Martins Phantasiewelt macht es deutlich: Hier treten sehr viele Leute auf die Bühne, die die Welt bedeutet. Und nicht alle treten lebend ab. Denn wie das unter den Edlen so ist und dem Leser von Shakespeare sattsam bekannt: Es kann der Klügste nicht in Frieden regieren, wenn es dem Ehrgeizigen nicht gefällt.

Der Interessent sollte darauf achten, die überarbeitete Fassung zu lesen, denn in ihr sind alle Eigen- und Ortsnamen auf den drei Landkarten eingedeutscht und Fehler der Erstauflage ausgemerzt. Äußerst hilfreich sind die Landkarten, auch wenn man sich so manche davon etwas detaillierter gewünscht hätte.

Hinweis: Die erste Hälfte von „Storm of Swords“ trägt den deutschen Titel „Sturm der Schwerter“.

|Taschenbuch: 672 Seiten
Originaltitel: A Clash of Kings, Teil 2 (Seite 332 – 728)
ISBN-13: 978-3442268214|
[www.randomhouse.de/blanvalet]http://www.randomhouse.de/blanvalet

_George R. R. Martin bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Heckenritter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4443
[„Fiebertraum“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5451
[„Adara und der Eisdrache“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5857

Neuschaefer, Katharina – Odin (Nordische Sagen 1)

_Von Odin, dem Göttervater, der um seinen Kopf wettete_

Es gab eine Zeit vor der Zeit. Da herrschte das Nichts. Es gab weder Götter noch Menschen, keine Zwerge und auch die drei Welten waren noch nicht erschaffen. Dann aber gebaren Feuer und Eis die ersten Lebewesen, und mit ihnen trat das Böse in die Welt. In jener Vorzeit war es auch, als der erste Mord geschah und die Feindschaft zwischen Riesen und Göttern begann.

Für Odin, den obersten Gott, war es nun nicht leicht, alle Wesen und Dinge zu erschaffen, denn auf ihm lastete ein Fluch, der ebenso schnell wuchs und gedieh wie Yggdrasil, die Weltesche. Die Seherin erzählt, wie Odin sein linkes Auge verlor, um ewige Weisheit zu erlangen; wie er den Krieg nach Asgard brachte und später den Frieden wiederherstellt; warum er an der Weltesche hing; und schließlich, wie es dazu kam, dass Odin mit dem Riesen Vafthrudnir um seinen Kopf wettete. (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt die Lesung ab sieben Jahren. Ich nicht.

_Die Autorin_

Katharina Neuschaefer studierte Musikwissenschaft und Germanistik und arbeitet als Radiojournalistin und Moderatorin bei |Bayern 4 Klassik|. Sie ist Autorin und Regisseurin zahlreicher Hörspiele und Musikgeschichten für Kinder. Für ihre journalistische Arbeit wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Sie erzählt die altisländischen Edda-Sagen neu und bietet sie sortiert dar.

Weitere NORDISCHE SAGEN:

1) Die Erschaffung der Welten
2) Thor, der Donnergott
3) Vom Ende der Zeit – Ragnarök

_Der Sprecher_

Peter Kaempfe studierte von 1974 bis 1978 Schauspiel in Hannover. 1980 gründete er die Theater-und Musikcompagnie „Pompoffel“ in Bremen und spielte von 1984 bis 1990 bei der Bremer Shakespeare Company. 1990 gründete er gemeinsam mit zwei Kolleginnen DAS TAB. Er lebt in Bremen und arbeitet als Schauspieler, Sprecher, Autor und Regisseur. Für Igel-Genius nahm Peter Kaempfe die Reihe „Griechische Sagen“ auf, dazu die Jury der |hr-2|-Hörbuchbestenliste: „Die Interpretation von Peter Kaempfe muss überragend genannt werden“. Seine Aufnahme der „Ilias“ wurde 2006 für den |Deutschen Hörbuchpreis| nominiert.

Produzent war Leonhard Huber.

_Inhalte_

Es gab eine Zeit, da lebten die Götter, die Menschen und Elben, die Zwerge und Riesen sowie die Unterirdischen noch in verbundenen Welten. In dieser Zeit saß in jeder Vollmondnacht eine Wölwa oder Seherin auf einem Hügel nahe dem Götterreich Asgard. Ihr inneres Auge blickte in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, und nichts blieb der zauberkundigen Frau verborgen. Selbst die Götter baten sie um Rat, um an ihrem ewigen Wissen teilzuhaben. Wer in jenen besonderen Nächten zu der Seherin auf den Hügel stieg und sich zu ihr ans Feuer setzte, erhielt Auskunft …

|Wie Odin sein Auge verlor|

Odin merkt durch die Berichte seiner klugen Raben Hugin und Munin, dass er nicht genug weiß, um Ragnarök, die Götterdämmerung, verhindern zu können. Als Erstes geht er zum Quell der Weisheit, der an den Wurzeln der Weltenesche entspricht. Dieser wird von dem Riesen Mimir bewacht. Der ist nicht nur hässlich wie die Nacht, sondern hat auch noch eine grausame Ader. Er lehnt als Bezahlung für einen Schluck aus dem Quell alles ab, was Odin anzubieten weiß, und fordert dessen linkes Auge.

Zunächst ist Odin empört und denkt daran, Mimir zu töten. Dieser, weil weise, weiß das natürlich und sagt es Odin ins Gesicht. Aber ohne ihn, so Mimir, erfahre Odin nie, was am Ende der Zeiten passiert. Odin hat kaum eingewilligt, als der Riese, der ja zaubermächtig ist, das linke Auge mit einer Geste entfernt. Odin trinkt und Mimir lobt ihn, nun habe er zu seinem äußeren auch ein inneres Auge. Mimir zeigt ihm, was am Ende der Zeiten passieren wird, und Odin schützt fortan Mimirs Quelle.

|Wie Odin das Wissen über die Runen gewann|

Odin will noch mehr Wissen, vor allem aber die Zauberkraft der Runendeutung. Als er dies von den drei Nornen, geheimnisvollen Jungfrauen, fordert, warnen sie ihn, dass der Preis dafür sehr hoch sein werde. Er müsse sich selbst opfern: „Erhänge dich selbst an der Weltenesche und spieße dich mit deinem Speer auf!“, fordern sie. Protest ist auch diesmal zwecklos, denn die Jungfern lösen sich in Nebel auf.

Odin klettert in die Esche und rammt sich seinen Speer in die Seite, bevor er sich dort aufhängt. Neun Tage lang hängt dort der leidende Gott und niemand hilft ihm. Weisheit wächst in ihm und er dichtet. Deshalb liegen alsbald neun Holztafeln an der Esche. Schmerzvoll berührt er sie, um die Weisheit zu erfassen, und stürzt zu Boden. Die Wunde verheilt. Fortan nennt er sich „Herr der Zauberer“, und das zu Recht.

|Wie der Krieg in den Himmel kam: Odin und der Wanenkrieg|

De Wanen sind im Unterschied zu den Asen Naturgötter. Njörd etwa ist ein Meeresgott. Gulveig kann sich in einen Vogel verwandeln und besitzt seherische Kräfte. Das macht sie in Odins Augen zu einer ernsthaften Rivalin. Sie solle dies gefälligst unterlassen, fordert er, wird aber besänftigt. Wenig später melden die Raben: „Mord in Midgard!“ Der Grund: Gulveig verteilt freigebig goldene Armreifen unter den habgierigen Menschen, die sich für das wertvolle Metall die Köpfe einschlagen. Weder Balder noch Thor, Odins Söhnen, gelingt es, die bockige Gulveig zum Aufhören zu bewegen. Per Runenspruch zitiert Odin sie zu sich, doch sie verteilt noch mehr Gold! Kurzerhand durchbohrt er sie mit seinem Speer.

Das Durchbohrtwerden zeigt keinerlei Wirkung. Ebenso wenig das Verbrennen etc. Odins Urteil ist nicht vollstreckbar und er bittet die Wanen um Verzeihung, doch Njörd reicht das nicht, sondern er verlangt Gleichberechtigung mit den Asen. Natürlich lehnt Odin ab, doch seine Gattin Frigg bewegt ihn zu Verhandlungen. Vergebens: Es kommt zum Krieg. Und dann zum Frieden, für einen hohen Preis.

|Odin und Mimirs Haupt|

Der Krieg verläuft unentschieden, doch Asgard und Wanenheim werden verwüstet. Beim widerwilligen Friedensschluss werden wie üblich Geiseln als Unterpfänder ausgetauscht. Njörd, Frey und Freya kommen nach Asgard und Hönir und Mimir nach Wanenheim. Doch Hönir ist so ein Trottel, dass er nichts ohne den schweigsamen Mimir entscheidet. Die Wanen fühlen sich betrogen und schlagen Mimir kurzerhand den Kopf ab, den sie Odin als Gruß schicken. Odin gelingt es, den Kopf des Orakels zu retten – und bekommt von nun an exklusive Weissagungen.

|Odin und der Dichtermet|

Odin schickt den Riesen Quasir zu den Menschen, um sie Verstand zu lehren. Quasir hat einen Kessel voller Götterspucke dabei, der die Weisheit enthält. Alle Menschen bedanken sich, doch nicht die zwei fiesen Zwerge Fjallar und Gallar. Sie erschlagen Quasir und kochen aus seinem Blut, der Spucke und Honig einen Zaubertrank, der jedem Dichter seine Kunst ermöglicht. Sie sind sogar so frech, zu Odin zu eilen und ihre Unschuld zu beteuern. Odin befiehlt seinen Raben, diese sonderbaren Zwerge zu beschatten. Insgeheim hat er es auf den Dichtermet abgesehen.

Den Zwergen gelingt es, ein Paar Riesen zu töten, doch deren Sohn Suttung rächt sich an ihnen. Um sich freizukaufen, geben sie ihm den Dichtermet. Suttung akzeptiert und versteckt die Töpfe tief in einer Berghöhle, wo seine Tochter Gunnlöd sie bewacht. An die macht sich Odin, von seinen Raben informiert, heran, aber erst nachdem er durch Suttungs Bruder Böji Zutritt erlangt hat. Odin ist als Knecht verkleidet und nennt sich Bulverk, Übelstifter. Doch Suttung zeigt ihm zwar die Töpfe Met, weigert sich allerdings, ihm etwas davon abgzugeben. So kriecht Odin als Schlange in die Höhle, durch einen Tunnel, den Böji graben lässt.

Als Bulverk umschmeichelt und umgarnt er die arglose Gunnlöd. Weil er verspricht, sie zu heiraten, darf er vom Met kosten. Er säuft wider Erwarten beide Kessel aus und verwandelt sich in einen Adler. Während er nach Asgard fliegt, jammert die betrogene Gunnlöd ihrem Vater was vor. Wütend fliegt Suttung dem Asen hinterher, doch Odin schafft es, den Großteil des Mets in bereitstehende Kessel zu spucken. Doch nicht alles: Einen Tribut zahlt er, und den bekommen seitdem die irdischen Dichter.

|Odin verwettet seinen Kopf|

Nach einem weiteren Krieg gegen die Riesen stellt Odin eine eigene Armee auf: aus im Kampf gefallenen Menschen. Seine Söhne fragen ihn, wie er das Einsammeln wohl besorgen will, doch Odin antwortet, das würden seine Walküren erledigen, in Rüstung gewandete Jungfrauen, die über besondere Kräfte, die er ihnen verleiht, verfügen.

Odin denkt mal wieder über die Riesen nach. Einer unter ihnen fällt ihm besonders auf, denn Vafthrudnir soll der klügste von ihnen sein. Klüger als Odin? Der Gott beschließt, dies in einem Wettstreit herauszufinden. Es wird ein denkwürdiges Aufeinandertreffen, denn der Riese ist nicht nur schier allwissend, sondern auch listig. Der Einsatz bei dem Wettstreit soll Odins Kopf sein, aber der Gott macht sich keine Sorgen: Es gelingt ihm, alle Fragen des Riesen zu beantworten. Schließlich hat er die Welt selbst miterschaffen.

Aber er hat nicht erwartet, dass auch Vafthrudnir alles weiß, was er ihn fragt. Deshalb wird er unfair. Er stellt eine Frage, deren Antwort nur er wissen kann. Doch eines hat er vom Riesen gelernt: Dass Ragnarök mit Gewissheit kommen wird, ist allein die Schuld der Asen.

_Mein Eindruck_

Wie oben ersichtlich, ist dies der erste Teil der vierteiligen Serie über Nordische Sagen. Der Text ist leicht verständlich, auch wenn die Ereignisse, von denen die Wölwa berichtet, mitunter höchst wunderlich und sogar komplex sind. Dies sind eben nicht die Vorstellungen der Antike oder der nordamerikanischen Völker über die Weltentstehung, sondern eben die düstere nordische Variante. Aber geschickt wird jede Art von nationalistischer Überhöhung vermieden, damit ja kein Teutonenkult geweckt wird.

Diesmal geht es um die sechs wichtigsten Abenteuer des Obergottes und Allvaters. Sicherlich hat er als Unsterblicher noch andere erlebt, wie man in „Die Entstehung der Welten“ erfährt. Aber diese sechs Abenteuer sind doch ein ganz anderes Kaliber.

In stark geraffter Form erfahren wir so, wie Odin zu seiner Allwissenheit gekommen ist und was seine Gründe waren, dies überhaupt anzustreben. Dazu zählt vor allem das Damoklesschwert der Götterdämmerung, die die Nornen fest eingeplant haben – ohne jemals einen Starttermin zu nennen. Das ist schlecht für die Planung, vor allem wenn man eine Welt zu regieren hat.

Mit seinem Tod an Weltenbaum liefert Odin so eine Art Vorlage für römische Kreuzigungen, und man fragt sich, was zuerst da war: die Römer oder die Göttersagen (auch die Römer waren ja Indogermanen aus Asien). Er opfert sich und erleidet große Schmerzen. Na, wenn uns das nicht irgendwie bekannt vorkommt! Auch der Speer und die Auferstehung dürfen nicht fehlen.

|Der Sprecher|

Peter Kaempfe ist ein Routinier, wie man an seiner ruhigen Vortragsweise erkennt. Er tritt hinter der Erzählerin Wölwa und dem Erzählten zurück, haucht aber unversehens den Figuren wieder Leben ein, wenn Emotionen gefragt sind. Zu diesen Figuren gehört in erster Linie der Göttervater selbst. Man merkt Odin an, wenn er seinen Zorn mühsam unterdrückt, wenn er mit dem oberschlauen Vafthrudnir spricht. Da kann die Stimme schnell in tiefste Tiefen fallen, wohingegen der Riese ihm grollend Widerworte gibt.

Aber Odin lacht auch viel, vor allem über Unterlegene und Riesen im Allgemeinen. Seine bemerkenswerteste Begegnung hat Odin vielleicht mit den drei Schwestern, den Nornen. Ungeachtet ihrer unbarmherzigen Tätigkeit des Schicksal-Spinnens und -Abschneidens (man denke an die griechischen Parzen Klotho, Lachesis und Atropos) sprechen sie äußerst sanft und beruhigend. Dieser Gegensatz kann einen richtiggehend nervös machen.

Die beiden Raben krächzend heiser, die Wölfe heulen, doch am lustigsten sind die beiden fiesen Zwerge Fjallar und Gallar. Sie sind so böse, wenn sie morden, und heuchlerisch, wenn sie ihre Unschuld beteuern, dass man ihnen kaum böse ist, wenn sie sich über die Blödheit der Götter und Riesen halbtot lachen.

|Die Aussprache|

Eine der erstaunlichsten Feststellungen, die man über Kaempfes Vortrag machen kann, ist die über seine korrekte Aussprache des Norwegischen. Alle Us werden als Ü ausgesprochen, und wenn ein Konsonant doppelt vorhanden ist, wie etwa TT oder LL, dann kommt ein Anlaut davor (ähnlich wie im Walisischen). Aus ‚Suttung‘ wird gemäß dieser Regel die Aussprache ‚Süchtjung‘, was zunächst wie ‚Züchtigung‘ klingt. Was durchaus passend wäre, denn der Riese ist die Nemesis der Mordzwerge. Deren Namen werden dementsprechend ‚Fjadlar‘ und ‚Gadlar‘ ausgesprochen.

|Die Musik|

Die Instrumente sind ganz einfache, aber sehr alte: ein afrikanische Krugtrommel; ein Balafon, „die afrikanische Urform des Marimbaphons“ (eine Art Xylophon also); eine tibetische Handtrommel, chinesische Glocken, Zimbeln, Klangschalen und Becken, außerdem ein „traditionelles finnisches Saiteninstrument“, eine „tibetische Trompete“, ein Saxophon, Bass und „verschiedene traditionelle Flöten“.

Man sieht also, dass hier auf sehr ursprüngliche Klänge geachtet wurde. Die entsprechenden Melodien sind ebenso urtümlich, lassen sich aber noch in manchen (abgelegenen) Weltgegenden erlauschen. Es ist, als würde der Hörer in die ferne Vergangenheit lauschen. Das finde ich höchst passend, wenn es um Geschichten über die Entstehung der Welten geht.

Die Musik mischt sich niemals in den Vortrag ein. Nach einem stimmungsvollen Intro hören wir sie stets nur als Intermezzo zwischen Textabschnitten. So haben wir Zeit, das Gehörte zu verdauen. Das Outro geleitet uns wieder uns wieder aus der Lesung hinaus, als würden wir eine andere Zeit verlassen.

|Das Booklet|

Das Booklet ist ein wichtiges Hilfsmittel für den Hörer, um sich in der Vielzahl der im Vortrag geschilderten Welten zurechtzufinden. Fünf Welten sind abgebildet (von oben nach unten): Ginungagap, die Leere, aus der alles hervorging; Asgard, Heim der Asen / Götter; daneben Vanheim, Heim der Vanen; darunter Midgard alias Mittwelt, wo Menschen, Riesen (in Jötunheim) und Zwergen existieren: schließlich ganz unten Niflheim, wo Drache, Wölfe und die Totengöttin existieren.

Zweitens bietet diese Darstellung auch einen Stammbaum für die wichtigsten Asen und ihre Kinder. Odin und seine zwei Brüder stammen also von den Riesen ab, und daraus ergibt sich eine Menge Ärger. Das Booklet liefert also erhellende Zusammenhänge, die sich angesichts der verzweigten Handlung und der Vielzahl der Namen als höchst willkommen erweisen. Achtung: Die Namen von Suttung, Fjallar und Gallar werden anders geschrieben als ausgesprochen – siehe dazu oben unter „Aussprache“.

_Unterm Strich_

Diese Fassung der Götter-Saga vermittelt die nordische Schöpfungsgeschichte den Kindern ab sieben Jahren sowohl gut verständlich als auch spannend und unterhaltsam. Der Humor bleibt allerdings weitgehend auf der Strecke, wenn man das fiese Lachen der Zwerge über ihre Untaten nicht zählt.

Allerdings bin ich nicht so sicher, ob selbstmordgefährdete Götter, mordende Zwerge und Kriege im Himmel der richtige Stoff sind, um ein siebenjähriges Kind zu unterhalten. Da kann man geteilter Meinung sein. Die CD über die „Erschaffung der Welten“ war jedenfalls wesentlich lustiger.

Diese Fassung macht neugierig auf mehr, insbesondere auf die makaberen Streiche von Loki sowie die Taten von Thor, dem Donnergott – die mit 145 Minuten bei weitem längste Geschichte. Man sollte sich also das gesamte Quartett der Nordischen Sagen zulegen.

|Das Hörbuch|

Peter Kaempfe trägt die Erzählung der Seherin routiniert und zurückhaltend vor. Er haucht den Figuren Leben ein, wenn es darauf ankommt, ohne sie jedoch individuell zu charakterisieren. Vor meinem geistigen Auge wurde Odin diesmal zu einer Gestalt, die bestimmte Eigenschaften hat, und zwar vor allem deshalb, weil ich in schon aus „Die Erschaffung der Welten“ kannte. Er ist ein Rechthaber, der über alles bestimmen und alles wissen möchte, eben Numero uno sein.

Seine Abenteuer, in denen er relativ große Risiken eingeht, sind aber auch nicht von Pappe. Er verwettet seinen Kopf, opfert ein Auge und hängt sich auf – nicht gerade die übliche Existenzform eines Obergottes. Dafür gewinnt er jede Menge Weisheit und Macht, so etwa mit Hilfe der Runen. Wer mehr darüber erfahren möchte, ohne sich zu langweilen, der lese Joanna „Chocolat“ Harris‘ wundervolles Jugendbuch [„Feuervolk“.]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4254

Die bemerkenswert instrumentierte Musik hebt den musikalischen Beitrag über das gewohnte Maß hinaus. Das Booklet liefert willkommene Zusatzinformationen für den erwachsenen Hörer und Leser. Insgesamt hat sich meine Begeisterung gegenüber „Die Erschaffung der Welten“ gesteigert, was vor allem an der episodischen Geschichtenform liegt, in der wir von Odins Abenteuern erfahren.

|Info: 2 CDs, 94 Minuten
ISBN-13: 978-3893532674|
http://www.igel-records.de

Rick Riordan – Die letzte Göttin (Percy Jackson 5)

Finale: Die letzte Schlacht um den Olymp

Percys Todfeind Kronos, der Titan, holt zum letzten Schlag aus und marschiert auf den Göttersitz Olymp zu, mitten ins Herz von New York City – dabei sind doch die olympischen Götter alle ausgezogen, um gegen das wiedererstandene Monster Typhon zu kämpfen!

Gemeinsam mit den Jägerinnen der Jagdgöttin Artemis/Diana und den zum Leben erweckten Denkmälern der Stadt versuchen die jungen Halbblute, den Sitz der Götter zu verteidigen. Aber zu allem Unglück haben sie auch noch einen Spion in den eigenen Reihen. Gut, dass wenigstens eine Göttin im Olymp zurückgeblieben ist … (erweiterte Verlagsinfo)

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Mass, Wendy – Leben ist kurz, iss den Nachtisch zuerst; Das

_Witziges Jugendbuch: Weisheiten aus New York_

Jeremy Fink steht vor einem unglaublichen Rätsel: Eine verschlossene Holzkiste, die den Sinn des Lebens verspricht – das ist alles, was sein verstorbener Vater ihm zu seinem 13. Geburtstag hinterlassen hat. Doch die Schlüssel dazu sind spurlos verschwunden!

Neugierig machen sich Jeremy und seine beste Freundin Lizzy auf die Suche danach – und geraten in eine abenteuerliche Odyssee quer durch New York, voll skurriler Ereignisse, köstlicher Süßigkeiten, abgegriffener Spielkarten und wundersamer Begegnungen. Doch was sie am Ende ihrer Reise finden, übertrifft alles, was sie jemals zu hoffen gewagt hätten. (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Buch für das Alter zwischen 12 und 15 Jahren.

_Die Autorin_

Wendy Mass, geboren 1967, wuchs in Livingstone, New Jersey auf. Schon als Kind liebte sie Bücher, was sie – nach einigen Schreibkursen – zur Schriftstellerin machte. Heute lebt die mehrfach ausgezeichnete Jugendbuchautorin in New Jersey mit ihrem Mann, ihren Zwillingen und ihrer Katze. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Jeremy Fink, der noch einen Monat bis zu seinem 13. Geburtstag Zeit hat, mag keine Veränderungen. Seit sein Vater vor knapp sechs Jahren bei einem Autounfall mit nur 39 Jahren starb, lebt er mit seiner Mutter in einem New Yorker Mietshaus, in dem auch seine Seelengefährtin Lizzie bei ihrem Vater wohnt. Ihre Kinderzimmer grenzen an die gleiche Wand, und durch ein Loch darin können sie auf Schulheftpapier geschriebene Botschaften austauschen. Keine SMS, keine E-Mails, nein, sondern altmodisches Papier. Während Jeremy nicht genug Wissen – insbesondere über Zeitmaschinen – in sich hineinstopfen kann, findet Lizzie, unnützes Wissen sei nur Ballast.

Heute kommt Postbote Nick mit einem größeren Pappkarton vorbei. Eigentlich sei das Paket an Jeremys Mutter adressiert und sie müsse auch den Empfang quittieren, doch Jeremy und Lizzie bequatschen ihn so lange, bis er Jeremy das Paket übergibt. Die Neugierde siegt über den Respekt vor der Mutter, und so öffnet Jeremy das Paket. Ein Brief von Onkel Harold, einem Freund seiner Eltern, der als Anwalt oder so arbeitet. Und dann diese Holzkassette, auf der eingeschnitzt draufsteht: „DER SINN DES LEBENS. FÜR JEREMY FINK. ZU ÖFFNEN AN SEINEM 13. GEBURTSTAG.“

Wow, der Sinn des Lebens, hübsch verpackt in einer Kassette! So etwas kann auch nur sein Vater fertigbringen, denkt Jeremy, bevor er den Brief weiterliest. Onkel Harold hat offenbar die vier Schlüssel verloren, die nötig sind, um den Deckel der Kassette zu öffnen. Und wie er später herausfinden soll, nützt es nichts, eine Axt oder Säge oder ein Brecheisen zu benutzen, um an den klappernden Inhalt heranzukommen: Diese Kassette ist durch einen inwendigen Metallkasten verstärkt. Bestimmt hat Vater sie auf einem der geliebten Flohmärkte oder Garagenverkäufe gefunden und aufgemöbelt.

Lizzie, stets gewitzt und zu allen Schadtaten bereit, macht eine Liste mit Plänen, um die Kassette aufzubekommen. Plan C bedeutet, den größten Flohmarkt der Stadt abzugrasen, um Ersatzschlüssel zu finden. Doch nach Chelsea kommt man nur mit der U-Bahn, die Jeremy bislang praktisch nie benutzt hat. Und da er keine Veränderungen mag, sträubt er sich erst einmal. Es ist wieder mal Lizzie, die ihn rumkriegt, nach Chelsea zu fahren. Komisch, dass alle denken, Lizzie sei entweder seine Schwester oder sein „Schatz“. Können die Leute sich nichts anderes vorstellen?

Auf dem Flohmarkt in Chelsea beginnt ein Abenteuer, das Jeremy und Lizzie verändern soll. Doch was tut man nicht alles, um herauszufinden, worin der „Sinn des Lebens“ besteht …

_Mein Eindruck_

So werden Lizzie und Jeremy beispielsweise zur gemeinnützigen Arbeit für den sympathischen Pfandleiher Mr. Oswald verdonnert, weil sie in das (schon längst verlassene) Büro des Anwalts Harold Forland – der die Kassette verwahrte und abschickte – eingebrochen sind, um dort Schlüssel zu suchen. Mr. Oswalds Aufträge bestehen darin, alte Dinge, die in den dreißiger Jahren von Jugendlichen versetzt wurden, zurückzuerstatten. Im Zuge dieser Zustellungen geht Jeremy auf, dass Leben lang sind, Erinnerungen ebenfalls, Schicksale niemals zu enden scheinen und es darauf ankommt, wie man sich entscheidet. Alle diese Beobachtungen, so verlangt es der Polizist, trägt er in ein Notizheft ein.

|Sucher und Sammler|

Aber das ist erst der Anfang von Jeremys Odyssee durch das moderne New York City. Zum Glück artet diese jedoch in eine bedrückende Vergangenheitsbewältigung aus, wie sie Jonathan Safran Foer in seinem 9/11-Roman [„Extrem laut und unglaublich nah“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2168 zelebrierte. Da sowohl Jeremy als auch Lizzy fanatische Sammler sind – in seiner Sammlung sind Fehlproduktionen von Süßigkeiten, in ihrer ein fast kompletter Satz von Spielkarten -, gibt es immer etwas zu finden. Und die Funde erweisen sich als sehr wichtig.

|Lebensweisheiten|

Die Figuren, welche die beiden Zwölfjährigen antreffen, sind nicht einfach nur Lieferanten von weisen Zitaten, sondern bringen jeweils ihre Lebensgeschichte mit ein. So musste sich etwa Mabel vor sechzig Jahren zwischen ihrer Freundin und einem potentiellen Mann entscheiden, denn sie heiraten konnte: Sie brauchte ein Abendkleid und versetzte dafür ihre signierte Erstausgabe von „Pu der Bär“, die heute ein Vermögen wert ist. Merke: Nicht jede Wahl ist eine leichte, aber manchmal erringt man etwas, das das ganze Leben verändert.

Ein anderer Junge versetzte ein wertvolles Fernrohr. Als Jeremy und Lizzy ihn besuchen, ist er der Direktor der Astronomieabteilung des Nationalen Wissenschaftsmuseums in New York City, eines der größten weltweit. Dr. Grady ist zwar zu Tränen gerührt, aber er hat auch etwas Wichtiges über den sogenannten „Sinn des Lebens“ zu sagen. Und da Jeremy sowieso Physikfan und Zeitmaschinensucher ist, fallen diese Weisheiten auf offene Ohren. Ich werde euch nicht langweilen, indem ich sie wiederhole, aber es läuft auf einen Satz hinaus: Wir sind hier, weil wir hier sind – denn wir haben in der Evolutionslotterie den Hauptpreis gezogen. Nun sollten wir das Beste draus machen. Aber worin besteht das?

|Humor|

Die Großmutter auf dem Lande hätte dazu einiges zu sagen, aber sie schickt die beiden Beinahe-Geschwister auf einen Jahrmarkt des Bundesstaates New Jersey, damit sie an einem Talentwettbewerb teilnehmen. Dieser erweist sich als komischer Höhepunkt des Buches, ein schönes Gegengewicht zu all den gewichtigen Worten, die zuvor gefallen sind. Das Talent von Lizzy? Hula-Hoop-Tanz. Wie sich herausstellt, ist jedoch Jeremy noch viel besser in dieser Disziplin. Er muss einspringen, weil ausgerechnet jetzt bei Lizzy ihre erste Periode einsetzt. Es wird unvergessliches Erlebnis – und er gewinnt 35 Dollar für den zweiten Platz! Es gibt noch etliche weitere solcher Szenen.

|Ente gut, alles gut?|

Mr. Oswalds Krimskramskoffer enthält drei der vier gesuchten Schlüssel, und Lizzy hat den vierten über eine Woche lang verborgen gehalten – ist es zu fassen?! Endlich gelangen wir zu jener Szene, die wir schon im Prolog geschildert bekommen: Jeremy kann endlich die Kassette aufschließen, die ihm sein Vater vor sechs Jahren vermacht hat. Es klappert etwas darin. Aber was sich als viel wichtiger erweist, sind ein langer Brief von Dad und eine kurze Notiz von einem alten Bekannten. Die ganze Schnitzeljagd nach den Schlüsseln erweist sich nun als etwas völlig anderes – und darauf wäre Jeremy nie im Leben gekommen (wir aber schon!).

_Die Übersetzung _

Der Sprachstil ist einfach, anschaulich und die Geschichte ist stets im Präsens erzählt, was alle Vorgänge unmittelbar wirken lässt. Kein reflektierender oder gar zensierender Erzähler weit und breit, so scheint es (die Autorin versteckt sich sehr clever).

Daher bot die Übersetzung wenig Schwierigkeiten, selbst bei Themen wie Astronomie und Astrophysik. Dennoch schaffte es die Übersetzerin, eine dicken Fehler zu produzieren – Glückwunsch! Er findet sich auf Seite 264: „Die Frau [eine Wahrsagerin in Atlantic City] versucht, uns nicht aufzuhalten.“ Das klingt schon reichlich merkwürdig – weil es nämlich nicht geht. Richtig wird der Satz, wenn man das Komma und ein Wörtchen versetzt: „Die Frau versucht nicht, uns aufzuhalten.“

_Unterm Strich_

Das Buch ist einigermaßen spannend, stets lustig, wartet mit zwei sonderbaren, aber sympathischen Hauptfiguren auf und liefert dem junger Leser, was er von Anfang an wissen will: Worin besteht der Sinn des Lebens? Angesichts des Umstands, dass Jeremys Vater mit erst 39 Jahren ums Leben kam und er sich seitdem selbst Vorwürfe macht, ist auch für Jeremy diese Frage von höchster Bedeutung: Wozu überhaupt leben, wenn es doch so kurz ist?

Dann doch lieber gleich den Nachtisch essen. Jeremy futtert nämlich Unmengen von Süßigkeiten das ganze Buch über und ist erst zufrieden, wenn er sich mit Zucker vollstopfen kann. Wir bekommen es zwar nie verraten, wie viel Jeremy wiegt, aber ich stelle ihn mir als zumindest moppeligen Proto-Diabetiker vor. Lizzy scheint hingegen mehr eine Bohnenstange zu sein, deshalb tritt sie als rothaariges Energiebündel auf. Was nicht verhindert, dass sie kleptomanisch agiert und wie eine Elster stiehlt. Auch ihr fehlt ein Elternteil, so dass die Diebstähle einen Ausgleich für fehlende Mutterliebe zu bieten scheinen.

Was den Plot angeht, der an ein Wunder grenzt, so hätten wir (und Jeremy) uns ja gleich denken können, dass irgendein Trick dabei ist. Wie sonst könnte es sein, dass Jeremy und Lizzy in kürzester Zeit alle vier Schlüssel finden UND noch die letzte Karte, die Lizzy in ihrem Spielkartensatz fehlt? Ich werde mich allerdings hüten zu verraten, wer dahintersteckt. Es ist auf jeden Fall ein guter Geist.

Und alle haben sich wieder lieb und wischen sich die Tränen aus den Augen. Das ist die unausweichlich sentimentale Seite, auf die man sich offenbar in jedem Jugendbuch, das von einer Amerikanerin geschrieben wird, gefasst machen muss. Nichts gegen ehrliche Gefühle, aber es gibt ja noch ein paar harte Realitäten am Rande des Geschehens. Dass Mr. Oswald eine Stretch-Limousine vorfahren lässt, um die zwei Kinder zu ihrer Strafarbeit abzuholen, kommt uns ebenfalls spanisch vor. Warum nicht gleich eine Kutsche, die von Mäusen gezogen wird? Aber auch dies gehört, wie so vieles, zum Komplott des guten Geistes.

Was der Leser mitnimmt, sind einige Einsichten, die durchaus wertvoll zu nennen sind. Da ist die Evolutionstheorie Dr. Gradys, da ist das völlig lächerliche Ouija-Brett, der sonderbare Mr. Rudolph, der von allem nur ein Exemplar hat, vor allem aber das beruhigende, ja, erhebende Gefühl, dass alles miteinander zusammenhängt. Es gibt Schlechteres, was man mitnehmen könnte. Aber vor allem bietet das Buch Heranwachsenden einige Stunden witziger Unterhaltung. Und das ohne eine einzige E-Mail oder SMS.

|Originaltitel: Jeremy Fink and the Meaning of Life, 2006
352 Seiten
Aus dem US-Englischen von Barbara Küper|
http://www.cbj-verlag.de

Jeschke, Wolfgang / Aldiss, Brian W. (Hgg.) – Titan-23

_Classic SF: Expeditionen ans Ende der Zeit_

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 23 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Evil Earths“. Dies ist der zweite von zwei TITAN-Bänden zu diesem Thema. Und der letzte TITAN-Band überhaupt!

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der |Heyne|-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im |Lichtenberg|-Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science-Fiction-Reihe Deutschlands beim |Heyne|-Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und zum Teil für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Sein erster Roman [„Der letzte Tag der Schöpfung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1658 (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Brian W. Aldiss (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss‘ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ bekam Aldiss den |HUGO Award|. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

_Die Erzählungen_

|Teil 4: Gestern, morgen und die Wüste|

_1) Henry Kuttner: Die Zeitfalle (The time trap, 1938)_

Kent Mason ist ein junger amerikanischer Archäologe, der schon etliche Länder auf der Suche nach Altertümern besucht hat. Im Jahr 1939 befindet er sich in der Nähe der arabischen Wüste Rubh al-Khali, doch die Grabung nach den sagenhaften Stadt Al-Bekr, in der einst Wissenschaft und Handel geblüht haben sollen, verläuft ergebnislos. Während der Expeditionsleiter den Aufbruch vorbereitet, will Mason noch nicht aufgeben und läuft ein letztes Mal hinaus in die Sandwüste. Als er nach Tagen auch dort nichts findet, bricht er vor Wassermangel an einem Pfeiler zusammen.

Ein Pfeiler? Mason untersucht gerade die uralten Schriftzeichen im Metall, als ein Gewittersturm losbricht. Zwischen Masons und einem zweiten Pfeiler entsteht eine elektrische Spannung – ein Blitz – ein blendendes Licht, dann nichts. Mason findet sich in Al-Bekr wieder, wo ein sumerisch sprechender Krieger ihn ins Innere eines unterirdischen Gebäudekomplexes bringt.

Offenbar haben der Blitz und die Pfeiler Mason in der Zeit versetzt, denn hier leben Menschen, wie sie vor 4500 Jahren existiert haben mögen. Doch mit seinen Sumerischkenntnissen kann sich Mason verständlich machen. Der Krieger heißt Erech, und er berichtet, dass hier ein Tyrann namens Greddar Klon mit seinen Robotern über die versklavten Bewohner von Al-Bekr herrsche. Wer nicht gehorche, dem werde ein grausames Schicksal zuteil, und ihre Königin Alasa sei gefangen.

Eine Priesterin namens Nirvor, ganz in Silber gekleidet und von zwei intelligenten Leoparden beschützt, versucht, Mason zu verführen. Doch gerade als es zum Kuss kommen soll, erblickt er in ihren Augen etwas Fremdartiges, Abstoßendes. Er stößt sie angewidert von sich. Die Zurückgewiesene droht ihm Rache an, und ihre beiden Leoparden suchen ihn.

Unterdessen führt ihn der Krieger Erech, der zu seinem Freund geworden ist, zum Richtplatz, wo Greddar Klon persönlich erscheint, um eines seiner Urteile auf grausame Weise an einer jungen Frau und deren Vater zu vollstrecken. Hier sieht Mason aber auch das eiförmige Gefängnis der jungen Königin. Greddar Klon befiehlt Mason zu sich: Er habe ihn mit seiner Zeitfalle eingefangen, nun soll er ihm helfen, seine Schreckensherrschaft über die Epochen der Zeit, über die der Tyrann mit seinem Zeitschiff gebietet, auszubauen. Und die nächste Epoche, die Greddar Klon angreifen und unterwerfen will, soll das 20. Jahrhundert sein!

Wenig später führt ihn Erech zum Anführer der Untergrundbewegung, einem Astrophysiker namens Murdach. Der hat eine Waffe gebaut, um die Roboter auszuschalten, und gemeinsam mit Mason baut er eine Kopie des Zeitschiffs, mit dem die Rebellen dem Tyrannen nachfliegen können. Zuerst aber müssen sie die Königin befreien.

Wie schön sie ist, denkt Mason, als die nur spärlich bekleidete junge Dame endlich befreit ist – und küsst sie. Und schon muss er sie gegen die Intrigen der perfiden Priesterin Nirvor, die sich mit dem Tyrannen verbündet hat, verteidigen. Kaum sind sie dem Angriff eines Zentauren entronnen, können sie mit Erech und Murdach in ihrem Zeitschiff nachfliegen.

Die Odyssee ans Ende der Erde führt die Liebenden durch zahllose Gefahren. Doch werden sie gegen den Zeittyrannen bestehen und Al-Bekr befreien können?

|Mein Eindruck|

Die 150 Seiten dieses Kurzromans sind voller Abenteuer, Sinnlichkeit und Dramatik. Stellenweise erinnern sie an John Carters Abenteuer auf dem Mars und sein Bemühen, die schöne Marsprinzessin Dejah Thoris zu erobern. John Carter heißt hier allerdings Kent Mason und ist eine Art Indiana Jones, der durch die Zeit reist.

Bedenkenlos kombiniert der Autor die grundlegende Abenteurer-Story mit der [„Zeitmaschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3578 von H. G. Wells und sogar mit Motiven aus dessen Roman „Dr. Moreaus Insel“. Nirvor, die silberne Priesterin aus dem 22. Jahrhundert, erscheint unserem Helden völlig zu Recht als etwas Fremdes und Falsches: Sie war einst ein Leopard!

Dieser Clou, der in einem weiteren sinnlichen Rendezvous enthüllt wird, wird nur übertroffen vom Zweikampf Masons mit Greddar Klon, dem Möchtegerntyrannen über alle Zeitalter. Doch auch diesen kann er überlisten. Doch dann erlebt er eine böse Überraschung, als Murdach sein wahres Gesicht zeigt …

Alle möglichen Gefahren wie etwa riesige geflügelte Ameisen sowie Tiermenschen tauchen auf, um die schöne Alasa gefangen zu nehmen. Regelmäßig wird ihr der letzte Fetzen Kleidung vom schlanken Leib gerissen, Kleidung, die sie gerade nach ihrem letzten Abenteuer wiederergattert hat. So wird der Voyeurismus des jungen Lesers, der so um die zwölf Jahre alt sein dürfte, bedient. Wird Alasa, die Königin, am Schluss doch noch Kent Mason gehören und mit ihm gehen? Darauf dürfen wir jede Wette eingehen.

Dieses abenteuerliche Garn strotzt nur so vor Klischees, die uns heute ein Gräuel sind (ganz besonders die verführerischen Mädels). Doch im Jahr 1938 war es (noch) genau diese Art von Pulp Fiction, die reißenden Absatz fand. Noch, denn schon im Folgejahr begann ein gewisser John W. Campbell jr. als Herausgeber von „Astounding Stories“ einen ganz anderen Ton von seinen Autoren zu verlangen. Sie sollten Geschichten über Ingenieure und Forscher schreiben, die nachvollziehbare und plausible Prozesse schildern. Autoren wie Asimov, Heinlein und A.E. van Vogt vollzogen diese Wende nach, andere wie Henry Kuttner schrieben lieber woanders – aber auch nicht schlechter, sondern ebenso einfallsreich.

|Teil 5: Der Nacht entgegen|

_2) Jack Vance: Die Menschen kehren zurück (1957)_

Die Erde passiert vorübergehend eine kosmische Zone, in der die Abfolge von Ursache und Wirkung aufgehoben ist. Alles, was auf dieser Kausalität basiert, also 100 Prozent aller Technik und 90 Prozent aller Verhaltensweisen, funktioniert nicht mehr. Infolgedessen kommen zahllose Menschen um, nur zwei Arten überleben: die Wahnsinnigen, die eh nicht an Kausalität glauben, und die Relikte.

Die Relikte weisen noch Züge von Vernunft auf, können sogar planen, aber weil sich die physische Umwelt so unberechenbar verhält – Obsidian, der hart sein müsste, ist weich -, haben sie denkbar geringe Überlebenschancen. Ein letztes Häuflein von fünf Relikten trifft auf ein Häuflein von „Organismen“, also Tieren. Die beiden Alten gehen schnell drauf, doch dann wollen sich die beiden Frauen auf den letzten Mann, Finn, stürzen: Was für ein Leckerbissen! Und das meinen sie nicht mal sexuell.

Just in diesem Augenblick verlässt die Erde die Chaos-Zone, die Sonne scheint, die gewohnten Naturgesetze aus alter Zeit treten wieder in Kraft – und die letzten drei Menschen können wieder Pläne schmieden. Welche wohl?

|Mein Eindruck|

Diese ironische Geschichte vom Meister des bunten Planetenabenteuers entwirft eine radikal andersartige Zukunftsvariante, nämlich eine, in der alle Kausalität aufgehoben worden ist. Die Idee, dass die Erde eine kosmische Zone durchfliegt, in der andere Naturgesetze gelten, hatte schon Poul Anderson 1954 in „Brain Wave“ aufgebracht.

Vance demonstriert, dass der Mensch nicht auf die neuen Naturgesetze vorbereitet, geschweige denn dafür eingerichtet ist. Außerdem verrät sich in den tödlichen Ereignissen, die er trocken und kommentarlos schildert, ein lakonischer Sarkasmus, wie mir scheint. Am Ende obsiegt amerikanischer Optimismus: „Lasst uns Pläne machen!“ Europäer hätten vielleicht eher darüber nachgedacht, was diese Strafe des Universums zu bedeuten hatte und ob sie nicht vielleicht Buße tun sollten – so wie in der nächsten Geschichte.

_3) Brian W. Aldiss: Die Häresien des riesigen Gottes (1966)_

Harad IV, der Schreiber der Universellen katholischen Opferkirche, bereitet ein Konzil vor und zählt die vier Häresien (Ketzereien) gegen den Riesigen Gott auf. Vor 901 Jahren nämlich landete ein gigantisches Alien auf der Erde. Es war an die 7000 Kilometer lang und dementsprechend schwer. Als es sich zwischen Tunis und Aden im Süden sowie Italien und dem Balkan im Norden niederließ, erschütterten Erdbeben und Flutwellen Südeuropa, von Nordafrika ganz zu schweigen.

Es bewegte sich nicht, was den Verdacht der nicht betroffenen Amerikaner nährte, es könne sich um einen Roboter handeln. Prompt griffen sie es mit Atomraketen an, jedoch ohne sichtbare Wirkung. Die ersten Ketzereien wurden ausgestoßen: Es sei weder lebendig noch heilig, sondern dumm. In den Jahren danach verlagerte es sich, verschwand einmal für 20 Monate, kehrte zurück, verlagerte sich erneut. Die Verwüstungen waren von unvorstellbarem Ausmaß, doch es kam, wie es kommen musste: Zwei Fraktionen der Anbeter des Aliens erklärten ihn zum Riesigen Gott und verlangten seine Anbetung. Unmengen von Jungfrauen wurde in den Vulkanen geopfert, um den Gott zu besänftigen und ihn zur Abreise zu bewegen.

Doch wie sollte die Anbetung korrekt aussehen? Über den Streit, ob der Mensch noch über Technik, Maschinen, ja, sogar Metall und Kleidung verfügen dürfe, entzündeten sich Kreuzzüge und das große Schisma. Erst vor 400 Jahren besiegte die europäische Fraktion die amerikanische, seither herrscht Ruhe in der Kiste. Weiterhin werden Frauen geopfert, die allmählich ausgehen, wie man Harad schreibt. Doch seit zehn Jahren ist das Alien wieder verschwunden. Nun fleht Harad, es möge zurückkehren – die Kirche könne ohne ihren Riesigen Gott nicht existieren.

|Mein Eindruck|

Na, das ist mal ’ne große Küchenschabe! Das dachte ich, als ich die Story las: ein riesiges Insekt (bug) auf dem Erdball, das nichts tut außer Verwüstung anzurichten. Da möchte man doch gleich den kosmischen Kammerjäger rufen.

Aber so einfach macht sich der Autor die Sache nicht, denn er lässt die Nachwelt in Gestalt eines Kirchenschreibers (Vorsicht: parteilich) die Historie von 900 Jahren fremder Besatzung nachzeichnen. Der Unterschied zu gängigen Gottesbeschreibungen à la Bibel: Dieser Gott ist derart konkret, konkreter geht’s gar nicht, und selbstredend will er/sie/es angebetet werden, weiß die neue Kirche.

Aber ist das wirklich so, sollten wir uns fragen. Doch wer so fragt, macht sich per definitionem der ersten Häresie schuldig – der Gott sei gar keiner, sondern bloß eine sehr groß geratene Küchenschabe – und gehört ins Feuer. Mit ein wenig Nachdenken entpuppt sich die Erzählung bzw. das Dokument als Hilferuf einer hilflosen Kirche, der der Gott abhandengekommen ist, der ihre Existenz rechtfertigte. Würde man diese Erkenntnis auf heutige Religionen übertragen, könnte man ganz schön kritische Fragen stellen. Aber am besten nicht in Kabul oder Bagdad …

_4) Arthur C. Clarke: „Wenn ich dich je vergesse, Erde …“ (1951)_

Auf dem Mond ist es meist still, und die Tätigkeiten in der Kolonie finden in aller Regel unter seiner Oberfläche statt. Deshalb findet es der zehnjährige Marvin besonders aufregend, als ihn sein Vater mit hinaus auf die Oberfläche nimmt. Sie rasen im Mondauto übers Plateau, kreuzen den Kraterrand und düsen weiter unterm kalten Licht der Sterne, vorüber an alten Raketen und Kreuzen.

Bis sie zu jener Zone kommen, in die das Licht der Sonne nicht mehr reicht, sondern ein anderer Himmelskörper sein silbernes Licht auf den Mondstaub wirft: die Erde. Marvin schaut bewegt auf die blauen Ozeane und weißen Wolken, die auf der im Halbschatten liegenden Erde zu sehen sind. Doch auf der Nachtseite sind ebenfalls Lichter zu sehen, atomar strahlendes Feuer von glühenden Felsen und toten Städten, die das Armageddon übrigließ. Deren traurige Geschichte erzählt ihm sein Vater.

Nun wird Marvin blitzartig klar, dass er nie selbst auf die alte Heimat des Menschen zurückkehren kann, sondern allenfalls seine Enkel und Urenkel. Und nur diesem Traum kann er sein Leben widmen. Als sie gemeinsam zurückfahren, hat er ein neues Lebensziel.

|Mein Eindruck|

Diese schöne, kurze Geschichte konnte so nur Arthur C. Clarke schreiben. Jeder physikalisch vorgebildete Autor kann eine Fahrt mit dem Mondauto schildern, doch die wehmütige Wendung und die Erkenntnis, dass die Erde nur noch ein Traum sein kann, ist typisch Clarke – oder very British.

Auffällig ist, dass der Vater nur eine kurze Rede zu halten braucht, aber sie wird nie direkt dargestellt. Der Sohnemann kapiert von alleine: die Folgen des Atomkriegs, die auf der Nachtseite glühend und radioaktiv strahlend sichtbar sind; die Unmöglichkeit einer Rückkehr auf Jahrhunderte hinaus; und die Notwendigkeit, die Nachkommen darauf vorzubereiten. All dies erfahren wir ohne eine einzige Dialogzeile. Und es ist dennoch wunderschön.

Wichtig sind zwei Zitate. „Twinkle, twinkle, little star“ ist ein altes englisches Kinderlied. Bemerkenswert ist jedoch Marvins Reaktion auf den Text: „Das Glitzern eines Sterns gibt’s doch gar nicht.“ Kein Wunder, denn auf dem luftlosen Mond kann keine Atmosphäre das Sternenlicht zum „Glitzern“ bringen.

Der Titel ist ein weiteres Zitat, ein jüdisches: „Sollte ich dich je vergessen, o Jerusalem, dann soll meine Zunge an meinem Gaumen festkleben und meine rechte Hand verdorren.“ Diese Bedeutung habe ich jedenfalls im Netz gefunden; es gibt sogar ein YouTube-Video dazu. Und irgendwie passt die Bedeutung genau zur Geschichte.

_5) John W. Campbell, jr.: Nacht (1935)_

Die Erprobung der neuen Antischwerkraftspule scheint schiefgegangen zu sein. Don Talbot rast mit Major Condon zur Absturzstelle. Das Fluggerät, mit dem Bob, der Ingenieur, geflogen ist, ragt zerstört aus dem Boden, und Don und Jeff, der andere Assistent, starren die Trümmer an. Wo ist die Leiche des Piloten?

Erst als sie wieder im Institut sind, erreicht sie die Meldung, dass der Pilot aufgetaucht sei. Sie rasen hin: Bob steckt in einem Stratosphärenanzug, umringt von Bauern. Nur Don hat daran gedacht, eine Sauerstoffflasche mitzunehmen und kann jetzt Bob beatmen. Nach einer Weile erst kommt Bob wieder zu sich und beginnt zu erzählen …

Statt die Schwerkraft aufzuheben, katapultierte er sich mit seinem neuen Gerät geradewegs ans Ende der Zeit. Er landete auf einer kühlen, menschenleere Erde, deren Sonne blutrot am Horizont hing. Selbst die Sterne waren erloschen. Hinter einer Metallmauer entdeckte er eine Stadt, die völlig ohne Menschen, aber voller Maschinen war. Warum aber waren die Maschinen ebenfalls stehengeblieben, fragt er sich, und tippt auf die große Kälte, die den elektrischen Widerstand aufhob. Dieses Ereignis legte alle Stromkreise lahm.

In einem der Gewölbe entdeckt er ein Kommunikationsgerät, mit dem man eine Botschaft zu den anderen acht Planeten des Sonnensystems schicken kann. Er funkt Neptun an – und bekommt tatsächlich eine Antwort. Eine Maschine erscheint, die ihn zum Neptun bringt: Nur dort gibt es noch Wärme und Bewegung. Doch ohne Menschen ist natürlich alles sinnlos. Diese Maschine brachte ihn dann wieder zur Erde und schickte ihn in seine eigene Zeit zurück.

|Mein Eindruck|

Wer, wie ich, John W. Campbell schon immer für einen elenden Zeilenschinder gehalten hat, wird hier vollauf erneut in seiner Ansicht bestätigt. Wer sich die Mühe machen würde zu zählen, wie oft er die Wörter „Tod“ und „Nacht“ bemüht, würde wohl auf jeweils mindestens hundert kommen. Q.e.d. Einen derart repetitiven Stil, um eine spezielle Stimmung zu erzeugen, findet man selten woanders. Die einzige gute Story, die Campbell je geschrieben hat, ist „Who goes there?“, das die Vorlage für den SF-Horror-Klassiker „Das Ding aus einer anderen Welt/Das Ding/The Thing“ lieferte.

Campbell liebt es, düstere Panoramen an die Wand zu malen, in denen die besten Menschen, nämlich Ingenieure, im Bild fehlen. Folglich gibt es nur noch führungslose Maschinen, doch auch denen wird bald der Saft ausgehen. Unter dem Niveau des totalen Untergangs des Universums tut es Campbell nicht. Er wirft mit Begriffen der Atomphysik um sich, lässt auch den fünf Jahre zuvor entdeckten Pluto nicht unerwähnt und bemüht Energie-Masse-Umwandlungen, wie es ihm gerade passt.

Auch Aldiss lässt in seiner Einleitung durchblitzen, dass der berühmte Herausgeber ein Rechthaber war. Campbells Unterstützung des Null-A-Mumpitz eines A. E. van Vogt („nichtaristotelische Logik“, weiß der Geier, was das sein soll) und der Scientology eines L. Ron Hubbard haben Campbell in meinen Augen längst zur Lachnummer werden lassen. Das einzig Gute an ihm ist sein Stall von erstklassigen Autoren, allen voran Heinlein, Asimov und Sturgeon.

_Die Übersetzung _

Wie bei fast allen TITAN-Bänden (ich muss Band 17 erst noch lesen) ist das Quantum an Druckfehlern extrem niedrig. Ich fand nur einen (Seite 160). Aber der Stil, den der Übersetzer Heinz Nagel 1985 noch pflegte, zieht einem schier die Schuhe aus. Er ist viel zu nah dran am Original, so dass manchmal Käse rauskommt. So etwa auf Seite 165, wo von einer „alten kasuellen Dynamik“ die Rede ist. Während völlig nebulös ist, was „kasuell“ sein soll, brauchte man nur „kasuell“ durch „kausal“ zu ersetzen, und schon wird ein Schuh draus: Es geht um den abhanden gekommenen Ablauf aus Ursache und Wirkung.

_Unterm Strich_

Dieser allerletzte Band der TITAN-Reihe hinterlässt bei mir einen gemischten Eindruck. Das Haupt- und Prunkstück des Bandes ist zweifellos Henry Kuttners Roman „Die Zeitfalle“, ein Stück Pulp Fiction der 30er-Jahre, das vor allem junge Leser mit sehr niedrigen Ansprüchen begeistern dürfte. Man merkt der Struktur an, dass sie auf Episoden ausgerichtet ist, und jede Episode bietet mindestens ein gefahrvolles Monster und/oder eine unbekleidete junge Dame. Was könnte also besser sein, wenn Dame und Monster ein und dasselbe sind?! Es kommt eben darauf an, das eine vom anderen unterscheiden zu können.

Kuttner spielt gekonnt mit Urängsten (amerikanischer?) Jungs um die zwölf Jahre, die sich für das andere Geschlecht interessieren und in einen Zwiespalt geraten: Furcht und Anziehungskraft der Schönen wechseln sich ab, und manchmal wird die „gute“ Schöne zur Bestie, bis sich schließlich die „böse“ Schöne als Monster entpuppt. Fall gelöst, Junge kriegt braves Mädchen. Und wenn sie nicht gestorben sind …

Die restlichen vier Erzählungen sind aber auch nicht zu verachten. Während die beiden Amerikaner Vance und vor allem Campbell wenig Eindruck machten, wissen die beiden Briten Clarke und Aldiss mit eigenständigen Ideen zu punkten. Dabei zeigt sich Clarke stimmungsvoll und Aldiss modern-bissig. Diese Geschichten sollte man zumindest einmal gelesen haben – mit Campbell als abschreckendem Gegenbeispiel.

|Originaltitel: Evil Earths (II), 1975
235 Seiten
Aus dem Englischen von Heinz Nagel|
http://www.heyne.de