_Plagiat oder nicht? Die Geschichte hinterm Titel_
Die meisten Buchtitel beschreiben, um was es im jeweiligen Buch geht, so dreht sich Dostojewskis „Schuld und Sühne“ um ebendies und „Brideshead Revisited“ zeigt eben diese Rückkehr. Aber es gibt eine Minderheit von Büchern, die recht sonderbar betitelt sind, geradeso als wären sie unabhängige literarische Artefakte. Die Geschichten hinter ihnen unterscheiden sich deutlich von den anderen. So hat Platons „Republik“ rein gar nichts mit der Republik zu tun; „Der Postbote klingelt immer zweimal“ dreht sich um die Mühen eines Drehbuchautors; und „Winnie Puuh“ schildert einen Schwan auf einem Teich.
Gary Dexter präsentiert 50 häppchengroße Texte über die Literaturgeschichte von 380 v. Chr. bis 1992, die Aufklärung bieten. (aus der Verlagsinfo)
_Der Autor_
Der britische Journalist Gary Dexter hat zahlreiche Beiträge für die Zeitungen „Guardian“, „Sunday Telegraph“ und „Spectator“ geliefert und schrieb Kolumnen für die „Times“ und die „Erotic Review“. Er ist zudem der Redakteur des Nachschlagewerks „Chambers Concise Biographical Dictionary“. Das heißt, er kennt auch die Lebensgeschichten der Autoren, deren Werke er würdigt.
_Inhalt_
Was heute als Platons „Republik“ oder „Politeia“ (380 v.Chr.) bezeichnet wird, hat mit Republikanern herzlich wenig am Hut. Der Schüler von Sokrates wollte nämlich den Mördern seines Mentors, der bekanntlich den Schierlingsbecher trinken musste, eins auswischen. So entwarf er eine ideale Staatsform, in der die Philosophen das Sagen haben. Allerdings erscheint es uns ein wenig fragwürdig, wie die Philosophen zu ihren Kindern kommen: durch öffentliche Massenorgien. Das zumindest verhindert Erbstreitigkeiten, sollte man meinen.
Eines der folgenreichsten Bücher ist zweifellos „Utopia“ von Thomas Morus. Das 1516 unter Humanisten in Latein produzierte und zirkulierende Buch zeigt schon im Titel sein Janusgesicht: „ou topos bzw. eu topos“ bedeutet sowohl „kein Ort“ als auch „schöner Ort“. Die Gesellschaftsform, die Morus entwarf, erscheint auf den ersten Blick als genau das, was wir uns sogar noch heute wünschen: gerechte Güterverteilung, selbstlose Manager, Scheidung in gegenseitigem Einverständnis, sogar die Inspektion des jeweiligen Ehegatten VOR der Hochzeit.
Andere Details sind indes irritierend: Die Nachttöpfe sind verachtungsvoll aus Edelmetall, sogar Frauen dürfen Priester werden – und der Gewährsmann, der dies alles erzählt, heißt ausgerechnet „Raphael, der Verbreiter von Unsinn“. Kann das Buch also wirklich ernst gemeint gewesen sein? Das muss sich wohl auch die Zensur gedacht haben, und so ließ sie Morus als Spaßvogel davonkommen. Vorerst …
„Gargantua und Pantagruel“ (1532) von Jean Rabelais ist eines der derbsten, lustigsten und lustvollsten Bücher, die je geschrieben wurden. Es handelt sich um gebildeten Unsinn, der immerhin das Adjektiv „gargantuesk“ hervorgebracht hat, das selbst Quentin Tarantino in „Kill Bill Vol. 2“ mit großem Effekt zu nutzen wusste (Darryl Hannah zitiert es vor Michael Madsen, der gerade am Biss einer Schwarzen Mamba krepiert.)
Doch was bedeuten all diese grotesken Namen? Wie der Autor zu zeigen weiß, bedeuten alle vorkommenden namen entweder „Durst“ oder „Gurgel“ oder „Saufen“, was den Leser schon mal auf die richtige Fährte führt: Wein wird hier symbolisch mit Literatur und Weisheit gleichgesetzt, aber Wein ist sogar noch wichtiger, um das grundlegende Problem des menschlichen Miteinanders zu lösen. Wie sagt doch das finale Orakel auf Pantagruels Frage, ob er heiraten solle: „Trink!“
_Mein Eindruck_
Und so weiter und so fort. Das Prinzip, nach dem die 50 Texte aufgebaut sind, ähnelt sich durchweg, wird aber zum Glück je nach Fall variiert. Wir erfahren natürlich, worum sich der jeweilige Buchtitel dreht, denn deshalb lesen wir ja Dexters Buch überhaupt. Außerdem bekommen wir erklärt, was sich der jeweilige Autor wohl dabei dachte, als er ihm diesen Titel gab, und welche Gründe ihn dazu brachten.
Zuletzt versucht Dexter eine Interpretation des Ganzen, nach dem Motto: Was wollte uns der Buchautor eigentlich damit WIRKLICH sagen? Denn wie schon bei Thomas Morus deutlich wird, kann der Titel auch dazu erfunden worden sein, um seinen Autor vor Verfolgung zu schützen. Die Gedanken sind zwar frei, aber die gedruckten Wörter sind es leider nicht immer und überall.
|Mein Leseerlebnis|
Ich habe mich dabei ertappt, immer weiter zu lesen. Ich hätte nicht gedacht, dass die britische Erstausgabe von „Moby-Dick“ (1851) eigentlich „The Whale“ hieß und vom Verleger um etwa ein Drittel gekürzt war, nämlich um alle schlüpfrigen Stellen. Und dass Hemingways erster Roman „Fiesta“ (1937) in den USA „The Sun Also Rises“ heißt, auf eine Bibelstelle verweist und eine sexuelle Bedeutung hat: Es geht um die Impotenz des Stierkämpfers Romero, der im Spanischen Bürgerkrieg (wie Hemingway selbst) eine Verletzung an seinen Genitalien erleidet und keinen mehr hochkriegt – was sich fatal auf seine Ehe und seine Männlichkeit auswirkt.
|Plagiat oder nicht?|
Hat T.S. Eliot abgeschrieben, als er seinen Klassiker „The Waste Land“ (1922) verfasste? Plagiate sind nicht erst seit Guttenberg ein Standardstreitpunkt im Verlagswesen und für jeden kritiker von großer Bedeutung. Ein paar Jahre vor Eliot veröffentlichte ein Südstaatendichter ein Gedicht namens „Waste Land“. In der Tat finden sich 18 parallele Motive. Dennoch handelt es sich nicht um ein Plagiat, und zwar dank der brutalen Einschnitte, die Eliots Redakteur Ezra Pound am Originalmanuskript vornahm, das noch den seltsamen Dickens-Titel „He do the police in different voices“ trug. Erst durch Pounds Bearbeitung kam der originäre Eliot-Sound zum Vorschein. Also kein Plagiat.
|Auswahl|
Richtig schräg ist manchmal auch die Auswahl. Dexter hat beispielsweise auch „The SCUM Manifesto“ (1967) berücksichtigt: Dessen Autorin Valerie Solanas schoss dreimal auf ihren Förderer Andy Warhol und hätte ihn um ein Haar getötet, sie verletzte dessen zwei Mitarbeiter / Freunde, bevor sie überwältigt werden konnte. SCUM steht für „Society for Cutting Up Men“, eine angeblich feministische Emanzipationsgesellschaft. Doch wie sich zeigt, ist die Autorin auch gegen jede Art von unterwürfigem Weibchen, die sie gleich auch mit massakrieren möchte. Das Manifest läuft auf eine paranoide Hasstirade einer einzelnen gegen den Rest der Welt hinaus.
|Missbrauch|
Solanas ist nur eines der vielen Beispiele, wie Autorinnen, aber auch Autoren von den Verlegern missbraucht worden sind. Solanas‘ Buch erschien ohne ihre Zustimmung zuerst in Frankreich. Das erste Buch eines Amerikaners, das überhaupt je veröffentlicht wurde, erschien ohne Wissen und Zustimmung der Autorin Anne Bradstreet 1650 zuerst in England. Sie selbst konnte erst später eine eigene Ausgabe veranstalten. Das Beispiel der gekürzten Erstausgabe von „Moby-Dick“ erwähnte ich bereits.
|Erstausgaben|
Überhaupt Erstausgaben: Es finden sich hier unglaubliche Geschichten dazu. So verkauften die Bronte-Schwestern Emily, Charlotte und Anne von ihrem ersten Gedichtband gerade mal zwei (!) von 1000 Exemplaren. Diese Erstausgabe ist heute eines der wertvollsten Bücher des 19. Jahrhunderts in englischer Sprache. Das erinnert an jene Buchfanatiker, die A. S. Byatt in ihrem Roman „Possession“ (sehr witzig verfilmt mit Jeremy Northam und Gwyneth Paltrow) porträtiert: Solche Leute gehen über Leichen.
|Theaterstücke und Kinderbücher|
Auch Theaterstücke hat Dexter ausgewählt, so etwa „The Homecoming“ von Harold Pinter, „Oleanna“ von David Mamet, „Waiting for Godot“ von Samuel Beckett und „Who’s afraid of Virginia Woolf?“ von Edward Albee.
Auch Kinderbücher werden nicht vergessen. So finden wir Milnes „Winnie the Pooh“ und „The Lion, the Witch, and the Wardrobe“ von C. S. Lewis gewürdigt.
|Schlüpfrigkeiten|
Als Kenner der erotischen Literatur kennt sich Dexter total auf diesem Feld aus. Er weiß um die Fallstricke, die etwa ein Erotikklassiker wie „Fanny Hill“ im 18. Jahrhundert zu umgehen hatte (was aber seinen Autor nicht vor dem Kerker bewahrte) und mit welchen Tricks der Autor Fielding im 18. Jahrhundert anwandte, um seine schlüpfrige Parodie „Shamela“ unters Volk zu bringen, das gerade voll auf den Bestseller „Pamela“ von Samuel Richardson (1740) abfuhr. Wunderbar sind die Fehden zwischen Autoren, Verlegern und Kritikern herausgearbeitet, ohne je langweilig zu werden.
_Unterm Strich_
Ich habe das Buch in nur wenigen Tagen gelesen. Der Autor hat zwar nur ein einziges deutschsprachiges Buch (das von Sigmund Freud) ausgewählt, aber als Anglist sind mir die meisten der Titel geläufig. Dennoch konnte ich selbst noch etliche Entdeckungen machen, so etwa das erste amerikanische Buch (von Anne Bradstreet) und den Sonnett-Band von Sir Philip Sidney. Dass Shakespeare auftauchen würde, war eh klar.
Überraschend viele erotische Klassiker sind hier zu finden, und auch etliche Theaterklassiker konnte ich entdecken (viele davon verfilmt, etwa „Wer hat Angst vor Virginai Woolf?“). Die Methode des Autors hilft nicht nur, einen rätselhaften Titel zu entschlüsseln (etwa „Oleanna“, das im Text des Stücks gar nicht vorkommt), sondern auch zu klären, ob sich etwa um ein Plagiat handelt.
Gerade Nabokovs „Lolita“ ist so ein Fall. Bekanntlich lebte der Russe ein Dutzend Jahre in Berlin und hatte die Gelegenheit, die 1916 veröffentlichte gleichnamige Erzählung eines gewissen Nazis namens Heinz von Eschwege alias Heinz von Lichfeld zu lesen. Diese weist verblüffende Ähnlichkeit zu Nabokovs Version auf: der Witwer, der einer blutjungen Schönheit in einem Gasthaus/Pension verfällt, was böse Folgen hat, als ihre Schwangerschaft deutlich wird.
Auch der Fall Freud ist nicht fern von einem Ruch des Plagiats. Denn der Wiener Psychoanalytiker übernahm den Begriff des Es von seinem wesentlich wilderen Kollegen George Groddek. Beide schrieben ein Buch darüber, standen in Korrespondenz, tauschten sich aus. Dies sind nur zwei Beispiele für Plagiatsverdachte.
Die Rätsel, die die Titel bilden, sind jedoch wesentlich reizvoller. Eine spannende, erhellende und mitunter amüsante Lektüre, alles in allem. Wer Literaturkritik im MTV-Stil, also häppchenweise, sucht, wird hier bestens bedient.
|Schwächen|
Bei allem Detailreichtum hat es doch der Autor (oder sein Verlag) versäumt, den Zugriff auf die einzelnen Werke etwas bequemer zu gestalten: Nirgendwo ist der Name des Autors eines Werkes vermerkt, weder im Inhaltsverzeichnis noch in der Kapitelüberschrift. (Nur Index und Bibliographie erleichtern die Suche.) In einer fleißigen Viertelstunde habe ich dies nachgeholt. Aber blöd, dass dies überhaupt nötig war. Und schön sieht’s auch nicht aus.
John Vansittart Smith war eine merkwürdige Gestalt – sicherlich wäre er der Welt noch heute, so viele Jahre nach seiner Forschungstätigkeit am Ende des 19. Jahrhunderts, ein Begriff, wenn er sich nicht durch unvorsichtige Reden über das, was er an einem trüben Oktobertag in der ägyptischen Sammlung des Louvre in Paris erlebt haben will, für alle Zeiten unmöglich gemacht hätte … (Verlagsinfo)
_Der Autor_
Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen fast 50 Erzählungen und Romanen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um seinen Einkommen aufzubessern.
_Die STIMME und die VIPER: Verbrechen im Doppelpack_
Auf einer blutgetränkten Matratze wird in grotesk verrenkter Haltung die Leiche einer Prostituierten gefunden. Die Szene erinnert bis ins Detail an eine Mordserie, die zwei Jahre zurückliegt und mit einem Schlag aufhörte, als Derek Tyler gefasst wurde. Aber Tyler kann das neue Opfer eigentlich nicht getötet haben. Er sitzt hinter Gittern im Hochsicherheitstrakt einer psychiatrischen Haftanstalt und spricht mit niemandem ein Wort. Doch seine jahrelange Erfahrung als Profiler sagt Tony Hill, dass es nur Tyler gewesen sein kann. Detective Chief Inspector Carol Jordan glaubt das nicht. Ihr Team startet eine gewagte Undercover-Action, um den Killer zu stellen. Und das wird Carol noch bereuen … (Verlagsinfo)
Fall Nr. 4 für das Ermittlerduo Tony Hill und Carol Jordan.
_Die Autorin_
Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association. (Verlagsinfo)
_Handlung_
DCI Carol Jordan ist wieder aus Berlin zurück, doch seitdem sie in Deutschland vergewaltigt worden ist, muss sie sich erst einmal wieder zurechtfinden. Auch in ihrer eigenen Polizeiorganisation, denn diese war es, die sie erst als Lockvogel benutzte und dann ins offene Messer laufen ließ. Als ihr ehemaliger Chef John Brandon von der Bradfielder Polizei sie in London besucht, ist sie daher erst nicht bereit, seinem Wunsch, sie möge zurückkehren, um eine Eliteeinheit zu leiten, nachzukommen. Doch die Aussicht, bei der Arbeit wieder auf andere Gedanken zu kommen und Tony Hill wiederzusehen, stimmt sie um.
Zehn Wochen später begrüßt sie ihr Team, das jede Menge ungelöste Fälle aufzuklären hat. Zwei Mordserien brennen Inspector Don Merrick, Sergeant Paula McIntyre und den anderen auf den Fingern. Da sind zum einen die verschwundenen Jungen Tim Golding und Guy Lefevre, von denen sich nur ein Foto auf dem PC eines Pädophilen findet; und da ist eine neue Mordserie an Prostituierten, bei der der Mörder genauso vorgeht, wie vor zwei Jahren der verurteilte und in der Psychiatrie sitzende Mörder Derek Tyler. Seine Opfer verbluten, weil sie mit einem Gegenstand schrecklich verletzt worden sind.
„Wahrscheinlich hat er sie dabei auch noch auf Video aufgenommen“, vermutet Tony Hill, der inzwischen eine Halbtagsstelle in der Bradfielder Psychiatrie angenommen hat. Carol zieht ihn zu ihren Fällen hinzu; im Gegenzug bietet er ihr ein Quartier in seinem Souterrain an, das sie nach Gusto ausbauen kann. So muss sie nicht mehr bei ihrem Bruder Michael Unterschlupf suchen. Und ja, es gibt eine Tür zwischen ihrem und Tonys Stockwerk, die man verschließen kann.
Monate lang kann Carol keine Resultate vorweisen, so dass die Medien Druck auf Chef Brandon ausüben und er seinerseits Carol nahelegt, die gute alte Lockvogelmethode wieder zu nutzen, also genau jene Methode, die ihr schon einmal zum Verhängnis geworden ist. Da Paula McIntyre (deren Homosexualität nur der Kollegin Jan Shields von der „Sitte“ bekannt ist) dem Opferschema entspricht, hat sie die zweifelhafte Ehre, sich als Nutte auftakeln zu dürfen. Natürlich wird sie entsprechend verkabelt, bevor man sie als Köder auf die Straße schickt.
Zur gleichen Zeit machen sich zwei ihrer Kollegen auf den Weg in die Berge von Derbyshire, um die Gräber von Tim Golding und Guy Lefevre zu suchen – ein forensischer Geologe vermutet sie dort. Und Dr. Tony Hill macht sich auf den Weg in den Rotlichtbezirk, um ein Auge auf die Entwicklung der Dinge zu haben.
Nach mehreren vergeblichen Anläufen Paulas ergibt sich eine denkwürdige Nacht, an die sich die Bradfielder Polizei noch lange erinnern soll …
_Mein Eindruck_
Hätte ich bloß nicht die Verfilmung zuerst angesehen! So war ich der ganzen Vorfreude auf die Enthüllung des eigentlichen Drahtziehers beraubt – und die ist mindestens die halbe Miete für die Spannung des gesamten Romans. Es gibt zwar zwei Fälle, in denen Carol Jordan ermittelt, aber im Grunde interessiert uns nur der Nuttenmörder. Folgerichtig ignoriert die TV-Verfilmung den zweiten Fall mit den getöteten zwei Jungs völlig, wenn ich mich richtig erinnere. Das ist wirklich schade, denn die Ermittlung in diesen zwei Todesfällen wird Detective Inspector Don Merrick zum Verhängnis …
Die Identität des Drahtziehers im Rotlichtbezirk von Bradfield darf von mir natürlich nicht enthüllt werden. Im Grunde handelt es sich um einen Strippenzieher und Marionettenspieler, dem es letzten Endes um die Verdoppelung seines Machtgenusses geht. Er hat nicht nur Macht über das Opfer, sondern auch über den Täter: Er ist DIE STIMME. Er lenkt und steuert, tadelt und lobt, er ist allmächtig, und sein Erfüllungsgehilfe ist für ihn lediglich „der Affe“.
Für Tony Hill ist klar, dass ein solches Täterprofil auf schwere psychologische Defizite hinweist. Dieser Hunger nach Macht muss etwas anderes wettmachen, nämlich Vertrauens- und Liebesfähigkeit. Wahrscheinlich übt dieser Täter tagtäglich Macht aus, wird gefürchtet, weil er mit Vergeltung droht. Folglich traut sich keine der Prostituierten auch nur einen Piep zu sagen, wer die VIPER ist, von der Tony Hill von Derek Tyler erfährt. Die VIPER stößt zu, wann es ihr passt, und nimmt sich, was sie will. Nur ganz am Schluss traut sich die jüngste Prostituierte, Sam Evans, einem schwarzen Polizisten, der wie sie ein Außenseiter ist, einen Tipp zu geben. Wie sie erwartet hat, traut er seinen Ohren kaum …
DIE STIMME und DIE VIPER sind zwei wichtige Symbole, die sich leicht in den christlich-jüdischen Mythologiekontext einordnen lassen. DIE STIMME ist die Gottes und perverserweise ist DIE VIPER, die Schlange im Paradies, identisch mit DER STIMME. Es gibt also für die Opfer beider Kategorien keinerlei Entrinnen.
Bis Tony Hill dies verstanden hat, vergehen über 500 Seiten, was eine Menge ist. Und da gilt es etliche Längen zu überwinden – ganz besonders dann, wenn man, wie ich, die Lösung des Rätsels bereits kennt. Aber ich kämpfte mich durch und wurde mit einem Doppel-Finale belohnt, das in der Verfilmung überhaupt nicht bzw. ganz anders realisiert wurde. DIE STIMME weigert sich bis zuletzt, irgendeine Schuld anzuerkennen. Hill und Jordan haben größte Mühe, irgendwelche Beweise zusammenzutragen.
Es erscheint daher wie ein Gnadenerweis der Autorin persönlich, dass Derek Tyler als sein letztes Vermächtnis einen Hinweis auf ein Versteck gibt, in dem sich belastendes Material gegen DIE STIMME findet. Dieses Trumpf-As sticht denn auch endlich. Denn der Pfiff am ganzen Plot besteht ja darin, dass sich der Gegner stets im engsten Kreis der Ermittler befindet und sich somit perfekt schützen kann …
Ein zweiter Schwerpunkt ist der Aspekt der Ausgrenzung. Viele von uns und viele der Romanfiguren sind Außenseiter und suchen eine Möglichkeit, dieses – reale oder vermeintliche – Manko wettzumachen. Stacey Chen ist Chinesin und tut sich als EDV-Expertin hervor. Sam Evans ist Schwarzer und schnüffelt in den Schreibtischen seiner Kollegen nach belastendem Material – nicht fein, aber effektiv. Paula McIntyre ist lesbisch und will sich gegenüber Carol Jordan hervortun. Und dann ist da noch X, der für sein Außenseitertum einen ganz besonders teuflischen Ausgleich gefunden hat …
_Die Übersetzung _
Die Übersetzerin Doris Styron ist fest auf die Romane von Val McDermid abonniert; einzige Ausnahme ist die „Kate Brannigan“-Reihe. Styron pflegt die Umgangssprache und beherrscht sie aus dem Effeff. Das macht ihren Text ungemein lesbar. Und weil es keinen einzigen Druckfehler gibt (den ich gefunden hätte), bereitet der Text pures Vergnügen.
_Unterm Strich_
Wenn man die Lösung des Rätsels eines solch spannenden Romans schon kennt, muss man das Beste daraus machen. Ich widerstand der Versuchung, das Buch beiseite zu legen oder bei der Lektüre einzuschlafen – und wurde dafür mit einem völlig anderen Doppelfinale als in der TV-Verfilmung belohnt. Das war zugleich zufriedenstellend als auch aufschlussreich. Denn der „Puppenspieler“ lehnt jegliche Schuld ab und versucht die Cops, mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Ganz schön frech.
Und um ein Haar erfolgreich, wenn die Autorin nicht ein Einsehen gehabt hätte: Sie gewährt den Ermittlern ein posthumes Geschenk des verblichenen Derek Tyler. Das fand ich wenig plausibel, aber um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, wünschte ich mir diesen Beweis auch.
Ansonsten ist der Roman ein routiniert abgespultes Spannungsgarn, das sich um die Konfigurationen der macht ebenso dreht wie um die Rettungsversuche der Opfer solcher Macht. Carol Jordan ist das Paradebeispiel für einen solchen Versuch. Sie findet den forensischen Geologen attraktiv, steigt mit ihm ins die Kiste und siehe da: Die seelische Heilung vollzieht sich auf wundersame Weise. Hätte ihr dies irgendein Mann empfohlen, wäre sie ihm natürlich ins Gesicht gesprungen und hätten ihn einen Chauvi gescholten. Sigmund Freud aber wusste Bescheid.
Apropos Psychoanalyse: Unser Oberheld Tony Hill erstellt zwar tolle Täterprofile, kommt aber bei seiner Lieblingspolizistin nicht zum Streich. Was für ein Kerl ist er überhaupt, fragt sich der enttäuschte Leser. Nun, er ist impotent, aber das bedeutet nicht, dass er seinen Charme oder seine Hinterlist eingebüßt hätte. So ist er es, der dem „Puppenspieler“ auf die Schliche kommt und ihn stellt. Einen Helden muss es mindestens in einem McDermid-Krimi geben, und Dr. Hill ist einer der schrägsten Helden, die man sich vorstellen kann. Deshalb war ja die 24-teilige Fernsehserie um ihn so erfolgreich.
Kurzum: Wer des Rätsels Lösung noch nicht kennt, wird auch mit „Tödliche Worte“ gut unterhalten. Wer die Pointe schon kennt, muss sich – wie immer in diesem Fall – auf eine Enttäuschung gefasst machen.
|Taschenbuch: 525 Seiten
Originaltitel: The Torment of Others (2004)
Aus dem Englischen von Doris Styron
ISBN-13: 978-3426629123|
http://www.droemer-knaur.de
_Val McDermit bei |Buchwurm.info|:_
[„Das Lied der Sirenen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1498
[„Echo einer Winternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=703
[„Die Erfinder des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2602
[„Das Moor des Vergessens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6607
[„Nacht unter Tag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6201
[„Schlussblende“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6609
[„Ein kalter Strom“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6662
Am Ende aller Tage: untote Soldaten und goldene Männer
In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 22 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen – Thema sind „Evil Earths“, also kaputte Erden. Dies ist der erste von zwei TITAN-Bänden zu diesem Thema (Teile 1 bis 3 des Originals). Die Originalerzählungen entstammen Magazinen, die heute nur noch schwer zugänglich sind, und zwar aus drei Jahrzehnten.
Die einfallsreichen SF-Erzählungen machen den Storyband „Die Räume des Paradieses“ zu einem schönen Lesebuch mit unverkennbar religiösem Anflug für Romantiker mit gehobenen Ansprüchen.
_Der Autor_
Der Brite Ian Watson ist wohl der phantasievollste und skurrilste Autor unter vielen ähnlichen Autoren, wie sie die englische Science-Fiction hervorbringt. Watson gleiche H. G. Wells in seinem Erfindungsgeist und in seiner Ungeduld, schrieb die Literaturbeilage der angesehenen „Times“. Bei ihm weiß man nicht so recht, ob das noch New Wave oder schon New Age ist, aber er besitzt eine gehörige Portion Humor. Der Band enthält 16 Stories.
_Die Erzählungen_
Sehr amüsant ist die Jack-London-Hommage „Der Ruf der Wildnis: Die Version des Hundeflohs“, die mit ihrer an „Wolfsblut“ erinnernden Blutrünstigkeit bezaubert.
|SPECIAL: „Die World Science Fiction Convention von 2080″|
Ein feines Gegenbeispiel zu den üblichen Science-Fiction-Con-Bericht ist die in Edgar Pangborns Post-Holocaust-Welt angesiedelter Story „Die World Science Fiction Convention von 2080“. Mit sanfter Ironie beschreibt Watson ein Zeitalter, in dem Science-Fiction aller Schattierungen endlich zu dem geworden ist, was sie in einem Hitech-Zeitalter nicht sein kann: reine Mythologie.
Das Jahr 2080 sieht dem Anfang des 19. Jahrhunderts zum Täuschen ähnlich. Nach mehreren verheerenden Kriegen versucht die Menschheit immer noch, ihre Städte Neu Boston, Neu Chicago und so weiter aufzubauen. Die Land- und Seestrecken sind von Indianern oder Piraten gefährdet, wenn man nicht gleich das Opfer hungriger Wölfe wird.
Diesen traurigen Tatbestand muss auch unser Chronist bezüglich der verhinderten Besucher der World-Science-Fiction-Convention vermelden: Drei der Mitglieder der SF-Vereinigung haben es nicht geschafft, und weitere sind noch nicht eingetroffen. Er selbst ist aus Schottland nach Neu-Boston herübergesegelt und musste sich seine Passage selbst verdienen. Ein Glück, dass die Convention nur alle drei Jahre stattfindet. Sonst gäbe es womöglich noch heftigeren Mitgliederschwund.
Aber nun zur Tagesordnung: der BASAR, das BANKETT, der EHRENGAST, die PREISVERLEIHUNG – lang lebe die Tradition. Und wie sagt doch der Preisträger Ehrenpreises Jerry Meltzer? „Die Sterne gehören uns jetzt wirklich; denn es nicht absehbar, dass noch eine Rakete zu unseren Lebzeiten dorthin fliegen wird und sie uns stiehlt.“ Daher auch der Titel des Gewinnerromans „Wohin jetzt, Sternenfahrer?“
2083, also in drei Jahren, soll die nächste Convention im Fischerdorf Santa Barbara an der Westküste stattfinden. Das dürfte eine „interessante“ Durchquerung des Kontinents erfordern, stellt sich der Chronist vor.
|Mein Eindruck|
Der Autor ist von Haus aus Soziologe, und so kann es nicht verwundern, dass er auch die regelmäßigen Treffen der Autorengemeinschaft auf ihre Rituale und Grundbedingungen untersucht. Er tut dies nicht ohne Sympathie, und wer schon einmal die familiäre Atmosphäre einer solchen Convention geschnuppert hat, der ahnt, dass das Fehlen jedes einzelnen Mitglieds wehtut. Es ist, als würde ein Glied aus der Kette brechen oder ein Puzzleteilchen aus dem Bild fallen. Deshalb ist es nicht kurios, sondern sehr traurig, wenn die Verlustmeldungen am Anfang kommen.
Die Produktionsbedingungen für die Erzeugnisse der AutorInnen sind wieder auf ein mittelalterliches Gutenberg-Niveau herabgesunken. Ach, wie gut hatten es doch die Alten Meister Heinlein, Asimov und Le Guin! Ihre Bücher wurden auf der ganzen Welt verkauft. In unvorstellbaren Mengen, wohingegen heute jedes Buch als Inkunabel zu behandeln ist, die in der Bibliothek einen Ehrenplatz erhält.
Aber einen Vorteil hatte der ganze Prozess unbestreitbar für die Phantasie, findet Jerry Meltzer. Man sei nun wieder auf der Stufe von Jules Verne angekommen, dem großen Phantasten, der mit seinen „außergewöhnlichen Reisen“ (Voyages extraordinaires) die Phantasie wie schon einst Homer und Lukian zu ihrem Recht kommen ließ. Erst seit H. G. Wells musste sich die Science-Fiction ins Joch der Wissenschaft spannen und Utopias der Technik erfinden. Was für ein müßiger Unsinn! Man sieht ja, wohin das geführt hat.
Kurzum: Die Story mag nur wenige Seiten umfassen, bietet aber mehr Gedanken- und Emotionsfülle als so mancher dickleibige Actionwälzer.
|Der Rest vom Fest|
Das beliebte Thema Wirklichkeit, Traum und Tod behandelt Watson recht eingehend mit den Erzählungen „Die Räume des Paradieses“, „Einsicht“ und „Flamme und Heiler“. Durch Räume statt durch tage bewegt sich in der Titelgeschichte der mittels Kernspintomografie wiedergeborene Fitzgerald, bis ihm klar wird, dass möglicherweise das als Realität Erlebte ein Traum und die Träume Realität sind. (Das klappt auch so lange, bis er aufs Klo muss.)
„Einsicht“, vorgeblich eine Zeitreise-Geschichte, könnte man als Traum vom Sterben auffassen, der dem Zeitreisenden die Entscheidung abverlangt, in absolute Finsternis hinauszutreten. „Flamme und Heiler“ behandelt das Uraltthema gemeinschaftliche Träume und vermittelt eine Vorstellung von Hölle und Paradies, eventuell inklusive Fegefeuer.
Dem klassischen Thema der Begegnung mit Aliens widmen sich die Erzählungen „Alptraum“, „Die Knospe“, „Die Milch des Wissens“, Frieden“ und „Die künstlerische Note“. Meist geht es darin um elementare Missverständnisse, teils mit gutem, teils mit bösem Ausgang, und einmal machen wir Menschen das Beste draus, wenn die Welt schon untergeht. „Die tausend Schnitte“ dagegen versteht die Welt als Aufzeichnung, in der die Spielfiguren dem Regisseur einmal klarmachen, was sie davon halten. Das böse Ende (auch des Buches) bleibt leider ungeschnitten.
Die Titelstory des Originals „Sunstroke“ („Sonnenstich“) ist ziemlich schwach dagegen. Es geht um den Zusammenhang von Sonnenlicht und Schizophrenie, wissenschaftlich nicht so abwegig wie es klingt. Auch „Ein Brief von Gott“ ist ein wenig unterdurchschnittlich. Ein ziemlich überflüssiger Gott offenbart sich durch Riesensäulen. Als Sprachübung à la Charles Dickens darf „In den Pumpenraum mit Jane“ verstanden werden, wobei es um die Imaginationen einer prophetisch begabten Geisteskranken geht.
Die Vereinigung von Hardcore und Mystik probiert der Autor mit der Story „Jean Sandwich, der Gönner und ich“: gezielte Virusinfektionen zur Züchtung des Homo Superior machen eine Journalistin zur Walküre und einen Millionär zum Elf, wobei die geheimen Wünsche der Versuchspersonen zu Tage treten. Im Zeitalter von AIDS ein eher schlechter Scherz.
Am besten gefallen hat mir die Story „Heimkehr“. Indem die Amerikaner die Neutronenbombe entwickelten, hatten sie die kapitalistische Waffe schlechthin: Vernichtung des Lebens, Erhalt der Sachwerte. Das ließ die Sowjets (die gab’s damals noch) nicht ruhen, eine typisch kommunistische Bombe zu bauen, mit der den Leuten alles genommen werden kann, was sie besitzen, nur nicht das Leben. Wie sähe es also nach einem Neutronenkrieg aus? Hier 200 Mio. splitternackter Amerikaner, dort eine leere, völlig intakte UdSSR. Und die Folgen? Um das glauben zu können, muss man „Heimkehr“ gelesen haben: Die Amerikaner kehren in das Land ihrer Väter zurück (was zumindest auf die Indianer zutrifft). Ein schönes Beispiel sarkastischer Ironie.
_Unterm Strich_
„Die Räume des Paradieses“ ist ein schönes Lesebuch mit unverkennbar religiösem Anflug für Romantiker mit gehobenen Ansprüchen. Die Storys mögen meist nur wenige Seiten umfassen, bieten aber mehr Gedanken- und Emotionsfülle als so mancher dickleibige Actionwälzer. Es gibt nur wenige Ausfälle.
|Taschenbuch: 269 Seiten
Originaltitel: Sunstroke and Other Stories (1982)
Aus dem Englischen übertragen von Walter Brumm
ISBN-13: 978-3453010048|
http://www.heyne.de
_Ian Watson bei |Buchwurm.info|:_
[„Feuerwurm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=848
[„Quantennetze“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1371
Man schreibt das Jahr 2130: Mark Brandis leitet als Repräsentant der VEGA den letzten Flug der INVICTUS, eines neuen Schweren Kreuzers. Mit an Bord ist der renommierte Journalist Martin Seebeck, der einen Reisebericht verfassen soll. Unter dem Kommando des Unions-Majors Jonas Degenhardt ist der Testflug zugleich eine Patrouille, die Piraten aufspüren soll. Die INVICTUS fliegt als Wolf im Schafspelz die Route ab, auf der schon mehrere unbemannte Sonden verschwunden sind.
Folge 2: Die „Sirius-Patrouille“ hat die Besatzung der INVICTUS in Kampfhandlungen geführt. Der Journalist Martin Seebeck hat seinen Verbündeten verloren. Ohne Mark Brandis, der schwerverletzt mit dem Tode ringt, liegt nun die Leitung des Einsatzes bei Major Degenhardt, der einen erbitterten Kreuzzug gegen Piratenschiffe führt. Schnell stellt sich heraus, dass auch er seine Gegner unterschätzt hat … (Verlagsinfo)
Der Verlag empfiehlt sein Werk ab 12 Jahren.
_Der Autor_
Nikolai von Michalewsky (1931-2000) war bereits Kaffeepflanzer, Industriepolizist, Taucher und Journalist gewesen, als sein erster Roman 1958 veröffentlicht wurde. Am bekanntesten wurde er ab 1970 mit den „Mark Brandis“-Büchern, der bis heute (nach „Perry Rhodan“) mit 31 Bänden erfolgreichsten deutschsprachigen SF-Reihe.
Seine konsequente Vorgehensweise, Probleme der Gegenwart im Kontext der Zukunft zu behandeln, trug Michalewskys Serie eine treue Leserschaft und hohe Auflagenzahlen ein. Seine besondere Zuneigung galt besonders dem Hörspiel. Er gehörte zu den meistbeschäftigten Kriminalhörspiel- und Schulfunkautoren Deutschlands. (Verlagsinfo)
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
Die Macher und Regisseure sind Interplanar.de:
Joachim-C. Redeker: Sounddesign und Musik
Redeker und Balthasar von Weymarn: Produktion, Regie und Schnitt
Jochim-C. Redeker, geboren 1970, lebt seit 1992 in Hannover. Gelernt hat er das Produzieren in der SAE Frankfurt, seither arbeitet er als Tonmeister für Antenne Niedersachsen. An zwei Virtual Reality Projekten hat er als Sounddesigner gearbeitet. Er gibt Audio- und Hörspielseminare und arbeitet als Werbetexter und Werbesprecher für zahlreiche Unternehmen sowie für Kino- und Radiowerbung. Musikalisch betreut er neben seinen eigenen Projekten auch Jingle- und Imageproduktionen. Bereits 1988 brachte ihm eine frühe Hörspielarbeit mit Balthasar den Sonderpreis der Jury für akustische Qualität beim Maxell Momentaufnahmen Wettbewerb ein.
Balthasar von Weymarn, geboren 1968, lebt seit 2006 im Taunus bei Frankfurt. Ausgebildeter Dramaturg und Filmproduzent (Filmstudium Hamburg); arbeitet auch als Skriptdoktor, -autor und Ghostwriter für Unternehmen wie Bavaria Film, Odeon Pictures, Tandem Communications, Storyline Entertainment u. a.
Das Hörspielmanuskript schrieb Balthasar v. Weymarn nach dem gleichnamigen Roman von Nikolai von Michalewsky. Die Aufnahmeleitung lag in den Händen von Tommi Schneefuß und Sven-Michael Bluhm.
|Die Rollen und ihre Sprecher: |
Prolog: Wolf Frass
John Harris: Gerhart Hinze
Cmdr. Mark Brandis: Michael Lott
Lt. Iwan Stroganoff: Martin Wehrmann
Cpt. Grigori »Grischa« Romen: David Nathan
Lt. Pablo Torrente: Martin Keßler
Martin Seebeck: Felix Isenbügel
Dr. Rebecca Levy: Claudia Urbschat-Mingues
Major Jonas Degenhardt: Thomas Schmuckert
Cpt. Esko Tuomi: Martin May
Lt. Louise Demnitz: Tanya Kahana
Cpt. Harbatkin: Matthias Brodowy
Dr. Yun Haneul: Luis Abril Romero
Bordsystem CORA: Mira Christine Mühlenhof
sowie Regina Schleheck, Jochim-C. Redeker, Georg Matthias
_Hintergrund und Vorgeschichte_
Die Mark Brandis – Hörspielreihe begann 2005-2007 mit Bordbuch Delta VII. Inhaltlich unterscheidet sie sich in einigen wichtigen Punkten von den Büchern.
* Die Geschichten sind um 50 Jahre in die Zukunft verlegt, die Saga beginnt also 2119;
* Die Kürzel EAAU und VOR sind zu „die Union“ und „die Republiken“ geworden;
EAAU: Die Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU) ist ein transkontinentaler Staatenverbund und wurde als Zusammenschluss der drei Kontinente Europa, Amerika und Afrika ca. 1999 gegründet – ihr assoziiert ist Australien. Während Europa der Kontinent ist, der über die längste Tradition verfügt, haben sich Afrika und Amerika zu den industriell bedeutendsten Kontinenten entwickelt.
Flagge: ein Ring goldener Planeten um drei kleeblattartig angeordnete grüne Kontinente auf weißem Grund.
Hauptstadt: Metropolis
VOR: Die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) sind ein transkontinentaler Staatenverbund und umfassen zwischen Ural und der Pazifikküste die asiatischen Staaten einschließlich Ozeaniens.
Flagge: zwei gekreuzte Mongolenschwerter vor einer gelb-roten Sonne.
Hauptstadt: Peking
VEGA: Die Strategische Raumflotte (SR) lagerte 2106 ihre Entwicklungsabteilung auf die Venus aus. Die zuständige Agentur ist die VEGA, kurz für Venus-Erde Gesellschaft für Astronautik, mit immerhin 8000 Mitarbeitern. Direktor der VEGA ist seit 2122 der ehemalige Major (SR) und Commander (VEGA) John Harris. Die Routen der Testflüge für die Neuentwicklungen sind streng geheim, da die Prototypen als begehrte Beute sowohl für die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) und die Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU), aber auch für Raumpiraten gelten. Offiziell gilt die VEGA als neutral, aber ihre Auftraggeber waren bislang immer die SR und die Raumfahrtbehörde der Union.
_Handlung_
Commander Mark Brandis wird nach dem Feuerüberfall auf die INVICTUS schwerverletzt und bewusstlos von Seebeck an Bord gebracht. Der Journalist hätte auch nicht erwartet, dass er mal Feuerwehr spielen würde, noch dazu im luftleeren Raum. Unterdessen scheint eine ganze Armada von gegnerischen Schiffen anzugreifen. Einer von drei Volltreffern lässt den Antrieb ausfallen, und Dr. Levy, die sich besorgt um Brandis kümmert, muss mit Notstrom zurechtkommen. Captain Romen meldet erleichtert das Abflauen der Kämpfe.
Doch statt nun, wie die Ärztin verlangt, Brandis in eine gut ausgestattete Medstation zu bringen, brennt der Kommisskopp Jonas Degenhardt darauf, den Angreifer seinerseits fertigzumachen. Erst als er den schon einmal verhafteten Piratenkapitän Harbanski auffischt und dieser ihn warnt, den unsichtbaren Gegner anzugreifen, kommt es zur Krise. Denn nun hat er es nicht mehr mit Piraten zu tun, sondern mit Chinesen von der republikanischen Raumflotte. Sollte er angreifen, käme es zum Kriegsfall.
Als Degenhardt den Gegner erneut ohne Rücksicht auf Verluste angreift und scheinbar schwer trifft, muss er feststellen, dass es zwei Leute gibt, die klüger sind als er: der Kommandant des gegnerischen Schiffes – und Commander Mark Brandis …
_Mein Eindruck_
Der Militär hat die wahre Lage im Weltraum völlig falsch eingeschätzt, wie wir nicht ohne Befriedigung erfahren. Die Chinesen auf dem anderen Schiff, das ebenfalls ein raffinierter Prototyp ist, sind ebenfalls auf Piratenjagd und mussten daher zwangsläufig der INVICTUS in die Quere kommen. Blöd, wenn man dann nicht übers gemeinsame Geschäft redet, sondern den jeweils anderen für den eigentlichen Feind hält. Das Reden übernimmt dann unser Oberpazifist Mark Brandis (der durchaus auch mal ballern kann, wenn’s sein muss), der lieber sein Köpfchen anstrengt, als den Abzug zu betätigen.
Merkwürdig ist nur die Sache mit dem gegenerischen Schiff, das den poetischen Namen „Himmlischer Frieden“ trägt und an unselige Pekinger Plätze gleichen Namens denken lässt. Erst haben es die Chinesen gebaut, dann wurde es von der INVICTUS aufgebracht, die dort nur Piraten, aber keine Asiaten vorfand. Kaum ist es wieder fort, kaperten also die Chinesen ihr eigenes Schiff zurück, wodurch Piraten-Captain Harbanski sich aus dem Staub machen musste. Die Chinesen am Steuer trafen dann wieder auf die INVICTUS.
Wozu all dieses Hin und Her, fragt man sich? Den Autor kann man nicht mehr fragen, wohl aber die Macher. Aber der Zickzackkurs trägt nicht gerade zur Klarheit des Handlungsverlaufs bei. Und hinterher wissen es natürlich alle Figuren besser. Jedenfalls dürfte Martin Seebeck einiges zu berichten haben.
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
|Die Sprecher|
Die Sprecher erfüllen ihre Aufgabe zu meiner Zufriedenheit. Es handelt sich um die immer wieder in der Serie auftauchenden Hauptfiguren wie der Titelheld, die Ärztin, sein Freund Romen und natürlich der Journalist. Diesmal hat sich Brandis permanent gegen Degenhardt durchzusetzen, und er tut dies mit innerer Autorität, ohne rumzuschreien – was man von Degenhardt nicht behaupten kann. Daneben ergeben sich immer wieder neue Nebenfiguren, darunter auch chinesisch klingende Sprecher. CORA, das Bordsystem, ist von Degenhardt abgestellt worden und hat leider nichts zu melden. Das ist wirklich schade, denn ihre Stimme wirkt immer ein wenig beruhigend.
Felix Isenbügel als Martin Seebeck wirkt zunächst hölzern und lahm, aber man kann das auf die Desorientierung der Figur zurückführen. Später wirkt Seebeck/Isenhügel engagiert und aufgeweckt, obwohl er ja eigentlich Distanz wahren soll. Im Unterschied zu ihm bietet Claudia Mingues-Urschat als Dr. Levy eine durchweg überzeugende und engagierte Darbietung. Wer sich dem Kapitän entgegenstellt, verdient wahrlich unseren Respekt.
|Geräusche|
Die Geräuschkulisse erstaunt den Hörer mit einer Vielzahl mehr oder weniger futuristischer Töne, so etwa Triebwerke oder Luken und Schleusen. Auch das Waffensystem der INVICTUS weiß mit einer Vielzahl neuer Töne aufzuwarten, die jedem Gamer vertraut vorkommen dürften. Doch wenn man ein Fan von SF-Fernsehserien und Games ist, dann dürfte einen dies nicht gerade umhauen, sondern eher ganz normal vorkommen. Vor allem das Dröhnen, Zischen und Jaulen von Düsen, Schleusen und Schotts ist regelmäßig zu hören, was ja auch naheliegt.
Der gute Sound trägt dazu bei, den Hörer direkt ins Geschehen hineinzuversetzen, und das kann man von den wenigsten SF-Fernsehserien behaupten. Auch das Design von verzerrten Meldungen ist ähnlich professionell gehandhabt. Ein Satz kann mittendrin seine Klangcharakteristik ändern – faszinierend. Im zweiten Teil gibt es eine Gefechtsszene, in der ein Tonfilter alle menschlichen Stimmen auf höchst sonderbare Weise verzerrt. Das fand ich recht faszinierend in seiner surrealen Wirkung, so als würden sich die Figuren in einer anderen Dimension befinden.
|Musik|
Ja, es gibt durchaus Musik in diesem rasant inszenierten Hörspiel. Neben dem Dialog und den zahllosen Sounds bleibt auf der Tonspur auch ein wenig Platz für Musik. Sie ist wie zu erwarten recht dynamisch und flott, aber nicht zu militärisch – ganz besonders im Intro und in den Intermezzi. Selten ist die Musik mal im Hintergrund zu hören, denn der Dialog soll nicht überdeckt werden. Die Musik erweist sich als eminent wichtig, um Stimmung zu erzeugen und den Übergang zwischen Szenen zu signalisieren.
Ganz am Schluss erklingt ein Outro, das den Ausklang zu dieser Episode bildet, bevor es zu einer langsamen Hintergrundmusik abbremst. Diese läuft während der relativ langen Absage (etwa zwei Minuten), bei der sämtliche Sprecher und, wo sinnvoll, ihre Rollen aufgezählt werden.
|Das Booklet|
Das Booklet bietet einen Überblick über die bereits erschienenen Folgen der Serie, über die Macher und über die Sprecher. In den Zusatzinformationen wird die Sirus-Patrouille vorgestellt und ein moderner Raumanzug beschrieben.
_Unterm Strich_
Der zweite Teil der Doppelfolge, die ingesamt rund 100 Minuten lang ist, löst den Cliffhanger ein, mit dem der erste Teil endete. Außerdem werden die diversen Rätsel gelöst, die sukzessive die Spannung aufbauten. Nun wird klar, dass hier eine Art Kalter Krieg simuliert wurde, in dessen Mitte die Piraten beide Seite gegeneinander ausspielen konnten.
Deshalb kommt es aufgrund von Degenhardts martialischer Sturheit fast zu jenem Zwischenfall, der den kalten in einen heißen Krieg verwandeln könnte. Nur dem Eingreifen von Mark Brandis und seinem Insistieren auf Verhandlungen – er muss seine Identität nachweisen – ist es also (wieder mal) zu verdanken, dass die Nationen an einer militärischen Auseinandersetzung vorbeischrammen.
Andererseits ist der Plot so schlangengleich angelegt worden, dass am Schluss schon einige Erklärungen nötig sind, um das Hin und Her beim Besitz des Schiffes „Himmlischer Friede“ begreiflich zu machen. Diese Erklärungen kann man akzeptieren oder nicht; ich bin da eher skeptisch.
Hinweis: Die nächste Doppelfolge trägt den Titel „Lautlose Bombe“.
|1 Audio-CD
Spieldauer: 48 Minuten
Tracks: 10
Empfohlen ab 12 Jahren
UPC: 0602527804200|
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[www.markbrandis.de]http://www.markbrandis.de
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_Mark Brandis in Buchform bei |Buchwurm.info|:_
Band 01: [„Bordbuch Delta VII“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6535
Band 02: [„Verrat auf der Venus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6539
Band 03: [„Unternehmen Delphin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6536
Band 04: [„Aufstand der Roboter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6618
Band 05: [„Vorstoß zum Uranus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6630
Band 06: [„Die Vollstrecker“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6636
Band 07: [„Testakte Kolibri“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 08: [„Raumsonde Epsilon“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6781
Band 09: [„Salomon 76“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 10: [„Aktenzeichen: Illegal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6801
Band 11: [„Operation Sonnenfracht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6802
Band 12: [„Alarm für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6882
Band 13: [„Countdown für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6908
Band 14: [„Kurier zum Mars“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6938
Band 15: [„Die lautlose Bombe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6962
Band 16: [„PILGRIM 2000“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7167
Band 17: [„Der Spiegelplanet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7194
Band 18: [„Sirius-Patrouille“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7267
Band 19: [„Astropolis“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7390
Band 20: [„Triton-Passage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7391
_Eine ganz besondere Pressereise: ins Piratengebiet_
Man schreibt das Jahr 2130: Mark Brandis leitet als Repräsentant der VEGA den letzten Flug der INVICTUS, eines neuen Schweren Kreuzers. Mit an Bord ist der renommierte Journalist Martin Seebeck, der einen Reisebericht verfassen soll. Unter dem Kommando des Unions-Majors Jonas Degenhardt ist der Testflug zugleich eine Patrouille, die Piraten aufspüren soll. Die INVICTUS fliegt als Wolf im Schafspelz die Route ab, auf der schon mehrere unbemannte Sonden verschwunden sind. Doch im interplanetaren Raum ist das Recht schnell auf der Seite des Stärkeren … (Verlagsinfo)
Der Verlag empfiehlt sein Werk ab 12 Jahren.
_Der Autor_
Nikolai von Michalewsky (1931-2000) war bereits Kaffeepflanzer, Industriepolizist, Taucher und Journalist gewesen, als sein erster Roman 1958 veröffentlicht wurde. Am bekanntesten wurde er ab 1970 mit den „Mark Brandis“-Büchern, der bis heute (nach „Perry Rhodan“) mit 31 Bänden erfolgreichsten deutschsprachigen SF-Reihe.
Seine konsequente Vorgehensweise, Probleme der Gegenwart im Kontext der Zukunft zu behandeln, trug Michalewskys Serie eine treue Leserschaft und hohe Auflagenzahlen ein. Seine besondere Zuneigung galt besonders dem Hörspiel. Er gehörte zu den meistbeschäftigten Kriminalhörspiel- und Schulfunkautoren Deutschlands. (Verlagsinfo)
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
Die Macher und Regisseure sind Interplanar.de:
Joachim-C. Redeker: Sounddesign und Musik
Redeker und Balthasar von Weymarn: Produktion, Regie und Schnitt
Jochim-C. Redeker, geboren 1970, lebt seit 1992 in Hannover. Gelernt hat er das Produzieren in der SAE Frankfurt, seither arbeitet er als Tonmeister für Antenne Niedersachsen. An zwei Virtual Reality Projekten hat er als Sounddesigner gearbeitet. Er gibt Audio- und Hörspielseminare und arbeitet als Werbetexter und Werbesprecher für zahlreiche Unternehmen sowie für Kino- und Radiowerbung. Musikalisch betreut er neben seinen eigenen Projekten auch Jingle- und Imageproduktionen. Bereits 1988 brachte ihm eine frühe Hörspielarbeit mit Balthasar den Sonderpreis der Jury für akustische Qualität beim Maxell Momentaufnahmen Wettbewerb ein.
Balthasar von Weymarn, geboren 1968, lebt seit 2006 im Taunus bei Frankfurt. Ausgebildeter Dramaturg und Filmproduzent (Filmstudium Hamburg); arbeitet auch als Skriptdoktor, -autor und Ghostwriter für Unternehmen wie Bavaria Film, Odeon Pictures, Tandem Communications, Storyline Entertainment u. a.
Das Hörspielmanuskript schrieb Balthasar v. Weymarn nach dem gleichnamigen Roman von Nikolai von Michalewsky. Die Aufnahmeleitung lag in den Händen von Tommi Schneefuß und Sven-Michael Bluhm.
|Die Rollen und ihre Sprecher: |
Prolog: Wolf Frass
John Harris: Gerhart Hinze
Cmdr. Mark Brandis: Michael Lott
Magnus Sauerlein: Stefan Peters
Cpt. Grigori »Grischa« Romen: David Nathan
Lt. Pablo Torrente: Martin Keßler
Lana Swanson: Sabine Ehlers
Stroganoff: Martin Wehrmann
Martin Seebeck: Felix Isenbügel
Magnus Sauerlein: Stefan Peters
Dr. Rebecca Levy: Claudia Urbschat-Mingues
Major Jonas Degenhardt: Thomas Schmuckert
Cpt. Esko Tuomi: Martin May
Lt. Louise Demnitz: Tanya Kahana
Cpt. Harbatkin: Matthias Brodowy
sowie Regina Schleheck, Jochim-C. Redeker, Georg Matthias
_Hintergrund und Vorgeschichte_
Die Mark Brandis – Hörspielreihe begann 2005-2007 mit Bordbuch Delta VII. Inhaltlich unterscheidet sie sich in einigen wichtigen Punkten von den Büchern.
* Die Geschichten sind um 50 Jahre in die Zukunft verlegt, die Saga beginnt also 2119;
* Die Kürzel EAAU und VOR sind zu „die Union“ und „die Republiken“ geworden;
EAAU: Die Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU) ist ein transkontinentaler Staatenverbund und wurde als Zusammenschluss der drei Kontinente Europa, Amerika und Afrika ca. 1999 gegründet – ihr assoziiert ist Australien. Während Europa der Kontinent ist, der über die längste Tradition verfügt, haben sich Afrika und Amerika zu den industriell bedeutendsten Kontinenten entwickelt.
Flagge: ein Ring goldener Planeten um drei kleeblattartig angeordnete grüne Kontinente auf weißem Grund.
Hauptstadt: Metropolis
VOR: Die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) sind ein transkontinentaler Staatenverbund und umfassen zwischen Ural und der Pazifikküste die asiatischen Staaten einschließlich Ozeaniens.
Flagge: zwei gekreuzte Mongolenschwerter vor einer gelb-roten Sonne.
Hauptstadt: Peking
VEGA: Die Strategische Raumflotte (SR) lagerte 2106 ihre Entwicklungsabteilung auf die Venus aus. Die zuständige Agentur ist die VEGA, kurz für Venus-Erde Gesellschaft für Astronautik, mit immerhin 8000 Mitarbeitern. Direktor der VEGA ist seit 2122 der ehemalige Major (SR) und Commander (VEGA) John Harris. Die Routen der Testflüge für die Neuentwicklungen sind streng geheim, da die Prototypen als begehrte Beute sowohl für die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) und die Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU), aber auch für Raumpiraten gelten. Offiziell gilt die VEGA als neutral, aber ihre Auftraggeber waren bislang immer die SR und die Raumfahrtbehörde der Union.
_Handlung_
Pulitzer-Preisträger Martin Seebeck bekommt von VEGA-Direktor John Harris die Genehmigung, das VEGA-Schiff INVICTUS auf seiner Testfahrt zu begleiten, damit der Journalistin eine Reportage darüber schreiben kann. Es soll eine denkwürdige Pressetour werden…
An Bord teilen sich nämlich zwei Leute das Kommando: von Seiten der VEGA ist dies Mark Brandis, doch von Seiten der Raumflotte führt Commander Jonas Degenhardt den Befehl, sollte etwas passieren, was Brandis‘ Befugnisse übersteigt. Was sollte auf einem Testflug schon passieren, wundert sich Seebeck?
Allerdings, so erfährt, begibt sich die INVICTUS ins Piratengebiet, das sich offenbar zwischen Luna und dem Asteroidengürtel erstreckt, ein riesiges Gebiet, in dem inzwischen drei Sonden der Union verschwunden sind. Bei einem Außenbordeinsatz bringt Seebeck zusammen mit Captain Grischa Romen eine Sonde auf der getarnten Außenhaut an, quasi als Köder.
Alarm! Eine als entführt gemeldete Jacht namens „Der Bolide“ wurde entdeckt. Doch statt wie befohlen beizudrehen, flüchtet die Jacht Richtung Luna und somit in neutrales Gebiet. Nach drei Wochen ergebnisloser Suche stößt die INVICTUS auf ein havariertes Frachtschiff. Alle Anzeichen deuten auf schweren Beschuss hin, doch es könnten auch Folgen einer inneren Explosion sein. Wenig später stößt die INVICTUS auf ein unbekanntes Schiff in Rochenform. Degenhardt lässt es mit einer Strahlenwaffe beschießen, die die Besatzung lähmt.
Doch das Verhör von Kapitän Harbatkin erbringt nichts, und sie müssen ihn wieder laufen lassen. Als sie auf ein weiteres Schiffswrack stoßen, geht Brandis mit Seebeck an Bord, um eine Materialprobe zu entnehmen. Kaum haben sie den Rückweg angetreten, als die INVICTUS unter schweren Beschuss gerät …
_Mein Eindruck_
Dies ist der Auftakt zu einem weiteren Zweiteiler der mittlerweile recht actionbetonten SF-Hörspiel-Reihe MARK BRANDIS. Eigentlich würde man erwarten, dass die INVICTUS ihre neuartigen Fähigkeiten zur Schau stellt, doch das ist eher nicht der Fall. Lediglich die VSI-Waffe wird vorgeführt, eine Mischung aus EMP-Pulsgeber à la „MATRIX“ und Strahlenkanone. Sie ist allerdings mit neuesten Waffensystemen der Raumflotte bestückt, was den friedliebenden VEGA-Leuten gar nicht schmeckt. Mark Brandis protestiert vergeblich gegen die kriegerische Haltung des Raumflottenkapitäns Degenhardt – nomen est omen. Und dessen Haltung erweist sich im zweiten Teil um ein Haar als verhängnisvoll …
Martin Seebeck ist eigentlich bloß als Beobachter und Gast an Bord, doch wie sich bald zeigt, wird er dringend benötigt. In mancher Hinsicht erinnert Degenhardt nämlich an Kapitän Ahab, der wie besessen Jagd auf den legendären weißen Wal Moby Dick macht. Und Ishmael, der Matrose auf dem Walfänger „Pequod“, spielt in Melvilles Roman den Beobachter, der alles getreulich berichtet – und um ein Haar mit der „Pequod“ untergeht.
Seebeck berichtet von der Einsamkeit im Weltraum und dass es keine Zeit zu geben scheint. Der Raum ist eben menschenfeindlich, und das Piratengebiet eine zwielichtige Zone, in dem sich Republiken und Union misstrauisch belauern, genau wie bei uns im Kalten Krieg. Die Action hält sich noch in Grenzen, doch das ist bei Zweiteilern immer so: Der erste Teil verspricht mit einem Cliffhanger-Ende, was der zweite Teil einzulösen hat.
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
|Geräusche|
Die Geräuschkulisse erstaunt den Hörer mit einer Vielzahl mehr oder weniger futuristischer Töne, so etwa Triebwerke oder Luken und Schleusen. Auch das Waffensystem der INVICTUS weiß mit einer Vielzahl neuer Töne aufzuwarten, die jedem Gamer vertraut vorkommen dürften. Doch wenn man ein Fan von SF-Fernsehserien und Games ist, dann dürfte einen dies nicht gerade umhauen, sondern eher ganz normal vorkommen. Vor allem das Dröhnen, Zischen und Jaulen von Düsen, Schleusen und Schotts ist regelmäßig zu hören, was ja auch naheliegt.
Der gute Sound trägt dazu bei, den Hörer direkt ins Geschehen hineinzuversetzen, und das kann man von den wenigsten SF-Fernsehserien behaupten. Auch das Design von verzerrten Meldungen ist ähnlich professionell gehandhabt. Ein Satz kann mittendrin seine Klangcharakteristik ändern – faszinierend. Im zweiten Teil gibt es eine Gefechtsszene, in der ein Tonfilter alle menschlichen Stimmen auf höchst sonderbare Weise verzerrt.
|Die Sprecher|
Die Sprecher erfüllen ihre Aufgabe zu meiner Zufriedenheit. Es handelt sich um die immer wieder in der Serie auftauchenden Hauptfiguren wie der Titelheld, die Ärztin, sein Freund Romen und natürlich der Journalist. Diesmal hat sich Brandis permanent gegen Degenhardt durchzusetzen, und er tut dies mit innerer Autorität, ohne rumzuschreien – was man von Degenhardt nicht behaupten kann. Daneben ergeben sich immer wieder neue Nebenfiguren, darunter auch chinesisch klingende Sprecher. CORA, das Bordsystem, ist von Degenhardt abgestellt worden und hat leider nichts zu melden. Das ist wirklich schade, denn ihre Stimme wirkt immer ein wenig beruhigend.
Felix Isenbügel als Martin Seebeck wirkt zunächst hölzern und lahm, aber man kann das auf die Desorientierung der Figur zurückführen. Später wirkt Seebeck/Isenhügel engagiert und aufgeweckt, obwohl er ja eigentlich Distanz wahren soll. Im Unterschied zu ihm bietet Claudia Mingues-Urschat als Dr. Levy eine durchweg überzeugende und engagierte Darbietung. Wer sich dem Kapitän entgegenstellt, verdient wahrlich unseren Respekt.
|Musik|
Ja, es gibt durchaus Musik in diesem rasant inszenierten Hörspiel. Neben dem Dialog und den zahllosen Sounds bleibt auf der Tonspur auch ein wenig Platz für Musik. Sie ist wie zu erwarten recht dynamisch und flott, aber nicht zu militärisch – ganz besonders im Intro und in den Intermezzi. Selten ist die Musik mal im Hintergrund zu hören, denn der Dialog soll nicht überdeckt werden. Die Musik erweist sich als eminent wichtig, um Stimmung zu erzeugen und den Übergang zwischen Szenen zu signalisieren.
Ganz am Schluss erklingt ein Outro, das den Ausklang zu dieser Episode bildet, bevor es zu einer langsamen Hintergrundmusik abbremst. Diese läuft während der relativ langen Absage (etwa zwei Minuten), bei der sämtliche Sprecher und, wo sinnvoll, ihre Rollen aufgezählt werden.
|Das Booklet|
Das Booklet bietet einen Überblick über die bereits erschienenen Folgen der Serie, über die Macher und über die Sprecher. In den Zusatzinformationen wird das Projekt INVICTUS von John Harris vorgestellt. Außerdem finden sich drei Biografien: zu Degenhardt, Demnitz und Tuomi.
_Unterm Strich_
Der Auftakt zu dem Zweiteiler ist wie üblich hinsichtlich der Action zurückhaltend. Vielmehr besteht seine Aufgabe eher darin, Spannung aufzubauen, indem etliche Rätsel präsentiert werden. Deren Lösungen muss der zweite Teil ebenso liefern wie die Auflösung zum Cliffhanger-Schluss dieses ersten Teils.
Wie man dem Booklet des 2. Teils entnehmen kann, hat die sogenannte „Sirius-Patrouille“ wirklich existiert. Sie wurde ab 1933 von den Dänen eingerichtet, um deren Gebietsanspruch auf Ostgrönland zu dokumentieren und zu untermauern. Die mit 80 Schlittenhunden (daher „Sirius“ nach dem Hunde-Stern) ausgerüstete Polizeitruppe stieß im Zweiten Weltkrieg auf mehrere illegale Wetterstationen der deutschen Marine und griff sie an.
Der Kniff, einen unbeteiligten Journalisten als Chronisten einzusetzen, erweist sich als sinnvoll, um als neutraler Unparteiischer den zentralen Bordkonflikt zwischen den beiden Kommandanten objektiv beurteilen zu können. Denn am Schluss kommt es darauf zu entscheiden, wer recht hat: die Kriegspartei Degenhardts oder die Friedenspartei der VEGA, vertreten von Mark Brandis.
|Das Hörspiel|
„Mark Brandis“ ist als Hörspiel professionell inszeniert, spannend, stellenweise actionreich und mitunter sogar bewegend. Im Unterschied zu den ersten Folgen wurden nun mindestens zwei größere Dialogszenen eingebaut, die mir sehr gut gefallen haben. Sie charakterisieren besonders Mark Brandis als einen moral- und verantwortungsbewussten Erwachsenen, der auch mal seine Fehler korrigieren kann.
Dies ist beruhigend weit entfernt von Kinderkram und rückt die Serie in die Nähe der POE-Hörspiele, die mir fast durchweg gut gefallen. In zehn Jahren wird man diese Serie als Vorbild für eine gelungene SF-Serie aus deutschen Landen auf gleicher Höhe mit „Perry Rhodan“ setzen. Und die Sammler werden sich die Finger danach lecken.
_Mark Brandis in Buchform bei |Buchwurm.info|:_
Band 01: [„Bordbuch Delta VII“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6535
Band 02: [„Verrat auf der Venus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6539
Band 03: [„Unternehmen Delphin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6536
Band 04: [„Aufstand der Roboter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6618
Band 05: [„Vorstoß zum Uranus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6630
Band 06: [„Die Vollstrecker“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6636
Band 07: [„Testakte Kolibri“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 08: [„Raumsonde Epsilon“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6781
Band 09: [„Salomon 76“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 10: [„Aktenzeichen: Illegal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6801
Band 11: [„Operation Sonnenfracht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6802
Band 12: [„Alarm für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6882
Band 13: [„Countdown für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6908
Band 14: [„Kurier zum Mars“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6938
Band 15: [„Die lautlose Bombe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6962
Band 16: [„PILGRIM 2000“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7167
Band 17: [„Der Spiegelplanet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7194
Band 18: [„Sirius-Patrouille“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7267
Band 19: [„Astropolis“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7390
Band 20: [„Triton-Passage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7391
Band 1: Von Gilgamesch bis Hawthorne. HSFB 90
Band 2. Von Poe bis Wells. HSFB 91
Band 3. Von Wells bis Stapledon. HSFB 92
Band 4. [Von Huxley bis Heinlein. HSFB 93]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4529
Band 5. Von Heinlein bis Farmer. HSFB 94
Band 6. [Von Clement bis Dick. HSFB 95]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2309
Band 7. Von Ellison bis Haldeman. HSFB 96
Band 8. Von Matheson bis Shaw. HSFB 97
Band 9. Von Lem bis Varley. HSFB 98
Band 10. Von Malzberg bis Benford. HSFB 99
Band 11. Von Shelley bis Clarke. HSFB 100
Band 12. Von Ballard bis Stableford. HSFB 101
_Scheues Wild: Auf der Frauenpirsch und andere Verfolgungen_
In seiner Serie „Wege zur Science Fiction“ versucht Herausgeber James Gunn sowohl die Entstehungswege der amerikanischen wie auch der britischen Science-Fiction nachzuzeichnen, die einzelnen Autoren zu charakterisieren und die Bedingungen zu erklären, unter denen die teils recht ausgefallenen Erzählungen entstanden.
In der Heyne Bibliothek der Science-Fiction ist dies Band Nummer 99. Er deckt die Zeit zwischen 1975 und 1981 ab, eine recht experimentierfreudige Zeit, wie der Leser gleich feststellen wird. Jeder Beitrag wird vom Herausgeber eingeleitet, teils um einen Aspekt der SF abzudecken, teils mit einer kurzen Vorstellung des jeweiligen Autors.
_Der Herausgeber _
James Gunn, geboren 1923, hat ein paar interessante SF-Romane geschrieben, darunter „Die Freudenspender“ (1961) und „Die Unsterblichen“, aber besonders hat mich nur „Die Horcher“ beeindruckt, ein realistischer Roman über Astronomen, die nach fremdem Leben im Kosmos suchen und eines Tages fündig werden. Bei uns ist er am bekanntesten für seine Story-Anthologien in der Reihe „Wege zur Science Fiction“, die er in den siebziger Jahren begann und die fast vollständig bei Heyne in der „Science Fiction Bibliothek“ erschienen ist.
_Die Erzählungen _
_1) Barry Malzberg: „Abkopplung“ (1975)_
Der namenlose Ich-Erzähler lebt in einer grausamen Metropole, in die Türme der faschistischen Bürokratie über alles bestimmen. Die Polizisten stehen immer Gewehr bei Fuß, und Roboter besetzen alle subalternen Positionen. Das muss unser Held feststellen, als er sich zu seiner monatlichen Ration Sex begibt, auf die er ein verbrieftes Anrecht hat. Auch die Sexualität ist für alle geregelt, wie ihm der Korridor, durch den ihn der Rezeptionsroboter führt, zeigt: Zimmer für Homos, Nekrophile, Sadomasos und ja, schließlich sogar für „normative Heterosexuelle“, also für solche wie ihn. Muss es ja auch geben.
Mit dem Mädchen redet er französisch, bevor er seine ihm zugestandenen fünf Minuten nutzt. Sie bedankt sich: „Je suis satisfee.“ Umgehend wird er wieder vom Roboter hinausgebracht, und als er zögert, verpasst ihm die Polizei einen Tritt in den Hintern. Die Passanten, vertieft in ihre eigenen Angelegenheiten, betrachten diese Behandlung billigend.
Kaum ist er wieder daheim, im 98. Stock seines Wohnblocks im Blut-Distrikt der Schlachthäuser, entdeckt er das Mädchen in einer Ecke seiner Wohnung. Sie besteht auf Verständigung, ist es zu fassen, und auf Menschlichkeit. Er meldet sie, und Momente später holt der Polizist, der ihm ebenfalls gefolgt ist, ab. Man wird sie entsorgen. Alle verstehen, aber jeder etwas anderes.
|Mein Eindruck|
Soweit der relativ dünne Plot. Doch der Leser mag verwundert sein über das Verhalten des Protagonisten. Die Erklärung des Verhaltens erfolgt natürlich nicht explizit, sondern implizit, denn der Erzähler scheut sich, sich selbst zu erklären. Dazu fehlt ihm einfach die Fähigkeit.
Nein, sein Verhalten ist eher irrational. Schon mit Wut und Stress im Bauch tritt er in den Empfangsraum des Turm und macht prompt durch sein Fehlverhalten Rabatz. Das bringt ihm die intensive Aufmerksamkeit der bis an die Zähne bewaffneten Cops ein. Dass er schauderhaft französisch zu sprechen versucht, macht die Sache nicht besser, und dass er den Empfangsroboter nach sexueller Bereitschaft fragt, dürfte ihm auch keine Pluspunkte einbringen.
Immer wenn er gestresst ist, redet er von sich in der dritten Person. Ihm ist dieses dissoziative Verhalten durchaus bekannt, er kann aber nichts dagegen tun. Es ist, als bestünde er aus zwei Hälften: einer rebellischen, aber gut verborgenen, und einer öffentlichen, speichelleckerischen. Eigentlich steht er ja daheim auf Peitschen und Gewalt, stattdessen muss er sich öffentlich bei den Heteros seine fünf Minuten Sex abholen. Als er die Sexpartnerin bei sich in der Wohnung sieht, weiß er, was er zu tun hat: Er kann Pluspunkte bei der Obrigkeit sammeln und seine Aggressionen walten lassen.
Okay, das Ganze ist nicht schön. Aber darum geht es dem Autor nicht. Er liefert ein Psychogramm, dessen Ansätze er bereits in den sechziger und siebziger Jahren bei seiner Arbeit in der Bürokratie („Amt für geistige Hygiene“, ist es zu fassen!) beobachten konnte. Und dass die Sexualität mittlerweile global industrialisiert worden ist, dürfte sich mittlerweile bis zum hinterletzten Internetnutzer herumgesprochen haben. Warum sie also nicht rationieren, wie alles andere? – Stilistisch ist die Story an Alfred Bester angelehnt, wie der Herausgeber erläutert.
_2) Michael Bishop: „Die Verwandlung“ („Rogue Tomato“, 1975)_
Als Philip K. erwacht, sieht er sich in eine planetengroße Tomate verwandelt. Sehend und atmend, mit einer Atmosphäre und eigenem Wetter versehen, kreist Philip K. um einen Roten Riesen, den er nach einer Weile als „Papa“ bezeichnet. Statt sich frustriert über seine Konversion zu ärgern, erlebt er eine ungeahnte Freude der vitalen Existenz. Er reift binnen weniger Monate zu voller Pracht heran. Zugegeben, er denkt wehmütig an Lydia P. aus Houston an, doch wenn sie ihn jetzt sehen könnte, würde er sich wünschen, dass sie in einer Form der Eucharistie verspeisen würde.
Nach Ablauf eines Jahres freudvoller Existenz hat Philip K. die Ausmaße eines Uranus angenommen. Nur schade, dass ihn die allzu weit entfernte Menschheit nicht kolonisieren wird. Da erscheinen Schwärme von Ameisenmotte von jenseits des Sternensystems und beginnen, liebevoll an Philip K. zu knabbern, zu fressen, doch ihr Speichel versetzt K. geradezu in Ekstase.
Selbst wenn er durch die vollständige Bedeckung blind ist wie der Seher Teiresias, so erlebt er doch eine höhere Ebene seiner Existenz. Man stelle sich sein Erstaunen vor, als weitere Schwärme der Myrmidopteren beginnen, ihn aus seiner angestammten Planetenbahn zu schieben. Au weia, das wird der Papa-Sonne gar nicht gut bekommen, denkt er noch, als auch schon die Nova in Gang gesetzt wird. Doch seine zwölf Erzengel beschützen ihn und nutzen den verstärkten Sonnenwind zur beschleunigten Fortbewegung ihrer kostbaren Fracht.
Doch wohin werden sie bringen, fragt sich unsere glorreiche Tomate. Sicherlich kommen seine Engel von einer anderen Dimension der Existenz und halten sicherlich die Offenbarung seiner Bestimmung bereit … Und so kommt es, dass eine riesige Tomate 500.000 Kilometer über der Erde erscheint und jede Menge Tsunamis verursacht. Doch wie soll Philip K. der Menschheit ihre herrliche Bestimmung verkünden? Doch er ist zuversichtlich: Kommt Zeit, kommt Rat.
|Mein Eindruck|
Diese brillant ausgeführte Satire nimmt sämtliche mystischen Erfahrungen, die die Science-Fiction zu bieten auf die Schippe und führt sie allein durch die Form des Protagonisten ad absurdum. Wer glaubte, allein schon die „Verwandlung“ à la Gregor Samsa würde die Vergöttlichung einleiten, dürfte nun leise Zweifel bekommen. Eine Tomate, die sieht und atmet ihr eigenes Wetter besitzt? Man sieht allmählich die Lächerlichkeit des Vorgangs ein.
Als auch noch wohlmeinende Engel in Gestalt von Ameisenmotten von jenseits der hiesigen Dimension auftauchen, um Philip K. – sein Name ist an Philip K. Dick und Kafkas Herrn K angelehnt – in die Himmel zu entführen, dürfte die Absurdität des Geschehens offensichtlich werden. Womit hätte je eine Tomate diese Ehre verdient? Doch das Clarke’sche Sternentor aus Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ wie auch Kurt Vonneguts „chronoklastisches Infundibulum“ aus „Die Sirenen des Titan“ werden bemüht, um das Geschehen in den Kontext der SF zu stellen. Alles ist möglich, und je mehr es wie eine Himmelfahrt à la Elias aussieht, umso besser.
Dass eines Tages eine riesige Tomate über dem Horizont aufgehen würde, hätten sich die Bewohner von Houston, Texas, wohl nicht träumen lassen. Was wohl der echte Philip K. Dick davon gehalten hätte? Denn auch er hat eine mystische Erfahrung gehabt, und zwar im Februar und März 1974: VALIS nannte er das göttliche Wesen, das ihn heimsuchte: Vast Active Living Intelligence System. Nicht weniger als vier Romane sowie ein gigantisches, 8000 Seiten umfassendes Logbuch („In Pursuit of VALIS“) entsprangen dieser Offenbarung. Auch darüber macht sich Bishop lustig.
Doch Bishop schrieb später mit „Dieser Mann ist leider tot“ eine Hommage an Dick. Alles halb so wild also. Nichtsdestoweniger ist „Rogue Tomato“ eine der bissigsten Satiren auf die Mystik-Auswüchse in der SSF, die gerade Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre bunte Blüten trieben.
_3) George R. R. Martin: „Dieser Turm von Asche“ („This Tower of Ashes“, 1976)_
Auf Jamison’s Welt hat sich der Jäger Johnny Bowen eine Heimstatt in einem alten Turm an der Meeresküste eingerichtet. Begleitet nur von seinem treuen achtbeinigen Kater Eichhorn, begibt er sich nächstens auf die Jagd nach den Traumspinnen, die im nahen Wald ihre Netze aufspannen, um das Wild zu fangen und mit ihrem Gift zu betäuben. Dieses Gift verkauft Johnny an Krobec, den Händler aus der Hauptstadt Port Jamison, der es wiederum auf dem Drogenmarkt verhökert. So bringen die Spinnen den Menschen ferner Welten Visionen und Träume.
Eines Tages aber kommen Johnnys Exfrau Crystal und ihr neuer Lover Gerry zu Besuch. Sofort fühlt er sich angespannt und eifersüchtig, denn Gerry ist nicht zuletzt skeptisch gegenüber dem, was Johnny hier draußen treibt: Er würde am liebsten den ganzen Wald abfackeln, mit allem, was darin kreucht und fleucht. Nur der Kater, den Crystal sofort liebkost, bewahrt Bowen vor einem Wutausbruch. Beim Wein danach kommt er auf die Schnapsidee, den beiden die Spinnen zu zeigen. Und vielleicht finden sie sogar die Erbauer des Turms, wer weiß?
Doch die Expedition steht unter keinem guten Stern. Über der Schlucht, wo, wie Bowen weiß, ein Spinnenpaar haust (das Weibchen jagt, das Männchen mag das Netz klebrig), liegt quer ein Baumstamm, von dem aus sie das Netz und die Beute beobachten können. Johnny hält seinen Bogen schussbereit, denn wer weiß, wo das Weibchen gerade jagt?
Da rutscht Gerry auf dem Baumstamm aus und fällt ins Netz! Sofort beginnt das Männchen, auf ihn zuzukrabbeln. Bowen legt auf es an. Da schreit Crystal auf, und einen Moment später sieht Bowen, wie das Weibchen auf ihn zugekrochen kommt, um ihn zu beißen. Er zögert: Welches Tier soll er zuerst erschießen, wen zuerst retten, sich oder den verhassten Gerry oder die geliebte Crystal, die er zurückgewinnen will? Die rettende Idee kommt ihm wie ein Blitzschlag. Doch sein Zögern wirkt sich fatal für alle aus …
|Mein Eindruck|
Wie schon in „Song for Lya“ und „Wenn die Flamme erlischt“ drehen sich viele von Martins Geschichten um Beziehungen, insbesondere Dreiecksgeschichten. Das ist kein Wunder, findet er (laut Herausgeber), denn erstens ist das eine alte erprobte Konstellation, die jede Außenweltgeschichte auf ein menschliches Maß reduziert, und zweitens, wichtiger noch, bestimmt die Position in solch einer Beziehung das Verhältnis des Protagonisten zur Realität. Und um die Bestimmung der Realität bzw. deren Wahrnehmung geht es Martin vor allen Dingen.
Deshalb ist es nebensächlich, ob tatsächlich Aliens als Turmerbauer auftauchen oder ob Bowen eine oder beide Spinnen erschießt. Es kommt drauf an, wie das Ergebnis der Auseinandersetzung aussieht. Hat er es geschafft, Crystal zurückzugewinnen, gegen jedes bessere Wissen? Es darf verraten werden, dass die Geschichte wieder mal so ausgeht wie viele von Martins frühen Erzählungen, nämlich mit einer bitteren Enttäuschung. Der „Turm aus Asche“, in dem Bowen wohnt, ist ein Symbol für den Zustand seines Herzens.
Bemerkenswert ist jedoch, dass er im Augenblick der Entscheidung die Realität ganz anders wahrgenommen hat als seine beiden Begleiter. Und das sagt vielleicht mehr aus über ihn als der Rest der Geschichte. Ansonsten kommt die Story völlig ohne Technik und Wissenschaft aus. Crystal beispielsweise sammelt und beurteilt Kunstgegenstände von Fremdweltlern. Das ist einer der Gründe, der sie zu ihrem Johnny zurückführt. Wirklich nur einer, wer weiß?
_4) Edward Bryant: „Teilchentheorie“ („Particle Theory“, 1977)_
Nick Richmond ist erfolgreicher Wissenschaftsautor, als seine Frau Lisa bei einem Flugzeugunglück in Colorado ums Leben kommt. Das stürzt ihn in eine tiefe Depression, die elf Jahre andauert. Denn zu dieser Zeit macht Nick zwei Entdeckungen: Die Sterne in der Galaxis explodieren der Reihe nach – und er selbst hat Prostatakrebs und muss sich einer Therapie mit Partikelbeschuss unterziehen.
Am Tag nach seinem Beschuss verwandelt sich auch die Sonne in eine Nova, was bedeutet, dass alle Sorgen um sein weiteres Leben (etwa als Eunuch und ohne Blase) enden. Als das gleißende Licht den Weltraum wie Donner anfüllt, hört er die Stimme von Lisa ein letztes Mal …
|Mein Eindruck|
„Dichtung, die die neue Technologie verherrlicht“ – das ist es, was Ed Bryant schreiben wollte. Er schreibt in einer Liga mit John Varley und Gregory Benford, nur dass Benford ein gestandener Physiker ist, der Fiction zu schreiben gelernt hat, und Bryant den umgekehrten Weg gegangen ist: ein Dichter, der über Wissenschaft schreibt.
Als solcher führt Bryant zusammen, was zunächst gar nicht zusammenzugehören scheint. Auf der einen Seite Prostatakrebs, auf der anderen explodierende Sonnen. Und dazwischen das verbindende Element: eine Anwendung der Quanten- und Teilchenphysik für das „Wegbrennen“ von Krebszellen. Bei diesem Vorgang, den Nick mit einiger sarkastischer Ironie beschreibt, hat Nick eine Erleuchtung. Sie bringt ihn dazu, in seinem Denken und Schreiben alles Mögliche zusammenzuführen, Novae, Krebszellen, Teilchenstrahlen, sogar Götter.
Als die Astronomin Jackie Denton davon hört, ist sie ungläubig – und fährt dann in den Tod. Vielleicht liegt es aber nicht an Nicks verrückten Ideen, sondern an der Nachricht, dass sich unsere Sonne in eine Nova verwandelt und die Tage des Menschen gezählt sind. Das letzte Bild vom lichterfüllten Kosmos ist besonders beeindruckend.
_5) Joan D. Vinge: „Blick aus der Höhe“ („View From a Height“, 1979)_
Emmylou Stewart ist seit 20 Jahren unterwegs im Weltraum, begleitet nur von ihrem Ara-Papagei Ozymandias alias Ozzy. Sie fliegt ihr einsames Sternenobservatorium zum Nordpol des Sonnensystems und darüber hinaus, nur alle zwölf Tage unterbrochen von einer Antwort, die Harry Weems, ihr NASA-Betreuer, ihr schickt. Sechs Lichttage ist sie schon von Zuhause entfernt, und sie hat Heimweh.
Manchmal kriegt Emmylou auch einen Wutanfall. So etwa jetzt, als Harry ihr mitteilt, dass es für ihren Zustand endlich eine Heilmethode gebe. Ihr „Zustand“ ist der des völligen Fehlens einer Immunabwehr. Schon von klein auf musste sie in einer durchsichtigen Blase leben, und nicht mal Daddy und Mami durften sie richtig in den Arm nehmen. Später ging das dann auch nicht mit ihrem Freund Jeffrey, der Astronaut werden wollte. Die Astronauten, ging Emmylou auf, waren genauso wie sie: eingehüllt in eine Blase. Dort draußen im Weltraum konnte sie wie die anderen sein, und alle waren gleich.
Die NASA schmeißt eine Feier zu Ehren der Überquerung der 1000-AE-Linie. 1000 AE oder Astronomische Einheiten entsprechen 150 Milliarden Kilometern – oder eben sechs Lichttagen. Emmylou, der Sturkopf, feiert nicht, sondern bringt ihre fliegende Arche auf Vordermann, repariert das aus Unachtsamkeit geschrottete Teleskop und dergleichen. Auf zur 2000-AE-Marke!
|Mein Eindruck|
SF und Anthropologie treffen hier einander mal wieder, denn schließlich ist die mit vielen Preisen ausgezeichnete Autorin Joan D. Vinge (die offenbar immer noch den Nachnamen ihres ERSTEN Mannes trägt) von Haus aus Anthropologin. Sie zeigt in ihrer vielfach abgedruckten Erzählung mit viel Einfühlungsvermögen, wie auch eine Frau die Grenze des Lebensraums der Menschheit nach draußen verschieben kann – etwas, was bis dato das Vorrecht von rechten Kerlen gewesen war.
Die Autorin muss eine Antwort auf die Frage finden, welche Art von Frau eine solche Reise ohne Wiederkehr antreten könnte. Die Antwort ist einfach: eine Frau, die schon immer abgesondert in einer keimfreien Blase gelebt hat. Sie kann sich von einem Ort lösen, an dem sie immer eine Fremde gewesen wäre, nur um einen Ort zu erkunden, an dem sie die Erste ist. Ihr Blickpunkt wandelt sich vom Individuellen zum Universellen. Sie hat das Privileg, das Sonnensystem, ja, das Universum allgemein aus einer Höhe zu erblicken, die unverstellt von Wolken und Streulichtern ist. Es ist ein Weg zur Erkenntnis und Transzendenz.
_6) George Zebrowski: „Der Wortkehrer“ („The Word Sweep“, 1979)_
Felix ist der Blockwart in seinem Viertel und passt auf, dass die Leute nicht zu viel reden, wenn überhaupt. Wo er hinschaut: zu Boden gefallene Wörter, die sich in der Luft materialisierten und dann wie Blätter zu Boden fielen. Ein Fall für die Kompaktoren und Aufräumkommandos. Aber es gibt ja auch noch unausgesprochene Kommunikationsformen. Von denen scheint Felix‘ Freundin June aber noch nie gehört zu haben: Als er auf ihre E-Mail nicht antwortet, stürmt sie in seine Wohnung, um ihm gefährliche Wörter an den Kopf zu werfen. Als er nicht antwortet, heißt es natürlich: „Es ist aus!“
Aber wo ist Felix‘ Freund Bruno abgeblieben, der schräge Bruno, der verrückte Bruno? Als eine Dienstanweisung Felix zur brennenden Müllkippe der Wörter ruft, findet er Bruno in einem Loch. Bruno buddelt immer noch, und was das Merkwürdige ist: Es kommen jeweils nur drei Wörter aus seinem Mund, wenn er redet. Wie kann das sein?
Bruno hat eine verrückt klingende Theorie, wonach er eine Stelle ohne Wortwirkung gefunden hat. Aber als sie an einer anderen Stelle graben, finden sie erstens noch weniger Wörterabfall und zweitens eine verborgene Maschine, die einem Generator verdächtig ähnlich sieht. Bruno zerstört sie mit seinem Spaten. Die Wirkung ist anders als erwartet: Bruno spricht jetzt in einer unverständlichen Sprache – der Babel-Effekt …
|Mein Eindruck|
Die Grundidee, dass sich Wörter materialisieren und zu Müll werden, ist kafkaesk, doch die Folgerungen sind pure Philosophie und Linguistik. Alles, was Bruno von sich gibt (außer dem Gebabbel), hat Hand und Fuß, wenn man den Linguisten Benjamin Whorf gelesen hat. Dass nämlich die Wirklichkeit nur dann erfasst werden kann, wenn es für sie auch entsprechende Wörter, Phrasen und Sätze gibt. Würde man einem naturnahen Volk bestimmte Wörter verbieten, würde sich sofort sein Erfindungsreichtum an die Arbeit machen, um neue zu kreieren.
Doch nun muss auch die Kehrseite der Medaille erwähnt werden: Die Zivilisation, die der Autor beschreibt, bringt jeden Tag so viel Wortmüll hervor, dass sich das individuelle Ich manchmal nach einem unverstellten Zugang zur Lebenswirklichkeit, zur Realität der Dinge sehnt. Und was würde geschehen, wenn es tatsächlich von Gesetzes wegen dazu käme? Das schildert die Erzählung. Es gibt nur einen Haken bei der Rückkehr aus diesem Zustand: den Babel-Effekt.
_7) Ian Watson: „Die World Science Fiction Convention von 2080“ (1980)_
Das Jahr 2080 sieht dem Anfang des 19. Jahrhunderts zum Täuschen ähnlich. Nach mehreren verheerenden Kriegen versucht die Menschheit immer noch, ihre Städte Neu Boston, Neu Chicago und so weiter aufzubauen. Die Land- und Seestrecken sind von Indianern oder Piraten gefährdet, wenn man nicht gleich das Opfer hungriger Wölfe wird.
Diesen traurigen Tatbestand muss auch unser Chronist bezüglich der verhinderten Besucher der World Science Fiction Convention vermelden: Drei der Mitglieder der SF-Vereinigung haben es nicht geschafft, und weitere sind noch nicht eingetroffen. Er selbst ist aus Schottland nach Neu-Boston herübergesegelt und musste sich seine Passage selbst verdienen. Ein Glück, dass die Convention nur alle drei Jahre stattfindet. Sonst gäbe es womöglich noch heftigeren Mitgliederschwund.
Aber nun zur Tagesordnung: der BASAR, das BANKETT, der EHRENGAST, die PREISVERLEIHUNG – lang lebe die Tradition. Und wie sagt doch der Preisträger Ehrenpreises Jerry Meltzer? „Die Sterne gehören uns jetzt wirklich; denn es nicht absehbar, dass noch eine Rakete zu unseren Lebzeiten dorthin fliegen wird und sie uns stiehlt.“ Daher auch der Titel des Gewinnerromans „Wohin jetzt, Sternenfahrer?“
2083, also in drei Jahren, soll die nächste Convention im Fischerdorf Santa Barbara an der Westküste stattfinden. Das dürfte eine „interessante“ Durchquerung des Kontinents erfordern, stellt sich der Chronist vor.
|Mein Eindruck|
Der Autor ist von Haus aus Soziologe, und so kann es nicht verwundern, dass er auch die regelmäßigen Treffen der Autorengemeinschaft auf ihre Rituale und Grundbedingungen untersucht. Er tut dies nicht ohne Sympathie, und wer schon einmal die familiäre Atmosphäre einer solchen Convention geschnuppert hat, der ahnt, dass das Fehlen jedes einzelnen Mitglieds wehtut. Es ist, als würde ein Glied aus der Kette brechen oder ein Puzzleteilchen aus dem Bild fallen. Deshalb ist es nicht kurios, sondern sehr traurig, wenn die Verlustmeldungen am Anfang kommen.
Die Produktionsbedingungen für die Erzeugnisse der AutorInnen sind wieder auf ein mittelalterliches Gutenberg-Niveau herabgesunken. Ach, wie gut hatten es doch die Alten Meister Heinlein, Asimov und Le Guin! Ihre Bücher wurden auf der ganzen Welt verkauft. In unvorstellbaren Mengen, wohingegen heute jedes Buch als Inkunabel zu behandeln ist, die in der Bibliothek einen Ehrenplatz erhält.
Aber einen Vorteil hatte der ganze Prozess unbestreitbar für die Phantasie, findet Jerry Meltzer. Man sei nun wieder auf der Stufe von Jules Verne angekommen, dem großen Phantasten, der mit seinen „außergewöhnlichen Reisen“ (Voyages extraordinaires) die Phantasie wie schon einst Homer und Lukian zu ihrem Recht kommen ließ. Erst seit H. G. Wells musste sich die Science-Fiction ins Joch der Wissenschaft spannen und Utopias der Technik erfinden. Was für ein müßiger Unsinn! Man sieht ja, wohin das geführt hat.
Kurzum: Die Story mag nur wenige Seiten umfassen, bietet aber mehr Gedanken- und Emotionsfülle als so mancher dickleibige Actionwälzer.
_8) Carol Emshwiller: „Abscheulich“ (1980)_
Eine Expedition von Politikern hat sich ins Hochland begeben, um die mystischen Frauen zu suchen und einzufangen. Sie haben sich als Marinesoldaten verkleidet, denn das soll die gesuchten Weibchen anlocken. Außerdem verfügen sie und besonders ihr forscher Kommandant über Fotos, um die gesuchten Wesen identifizieren zu können, sollten sie doch noch auf sie stoßen – sie sind schon eine Weile unterwegs. Man beachte die Brüste, die ausladenden Hüften und das, äh, Unaussprechliche. Glasperlen und ausgelegte Bananen dienen als Lockmittel, um das flüchtige Wild anzulocken. Mann ja nie wissen, was funktioniert.
Da, auf dem Hügelkamm! Da steht eine auf einem Bein, wie es scheint. Vielleicht ist aber auch nur ein Bär. Im Gegenlicht der grellen Sonne ist das schwer auszumachen. Schon ist sie fort. Wie schade. Die Suche geht weiter. Gerüchteweise haben sich die Frauen ein unterirdisches Reich geschaffen, in dem sie backen, kochen und aus tiefgefrorenen Samen Kinder aufziehen, so dass sie permanent schwanger sind.
Der Psychoanalytiker hat eine Skizze geliefert (im Text abgedruckt), wie sich das scheue Wild möglicherweise anlocken und fangen ließe. Man müsste auf schlaue Weise eine Art Ersatzziel vorgaukeln, indem ihr Id sich mit vom männlichen Superego ablenken und einem neuen Ziel zuweisen lässt. Schlau ausgedacht, doch leider scheint es nicht zu klappen. Die Bananen, die mann in der Nacht auslegte, sind alle weg.
Schließlich wird die Pirsch ergebnislos abgebrochen. Sowohl die zugemessene Zeit als auch das Budget sind erschöpft. Unser Chronist hinterlässt einer gewissen „Grace“ eine Botschaft aus möglichst einfachen Zeichnungen, wie etwa einem Herzen, Frage- und Ausrufezeichen und dergleichen. Wer weiß, auf welchem Intelligenzniveau sich die Weibchen befinden? Zusammen mit dem Psychoanalytiker macht er sich enttäuscht auf den Rückweg in die Zivilisation …
|Mein Eindruck|
Die Autorin stützt sich auf Traditionen der phantastischen Literatur, insbesondere auf die Suche nach dem „abscheulichen Schneemenschen“ (auch Yeti oder Bigfoot genannt). Andererseits gemahnt die Prämisse der Geschichte an Philip Wylies Roman „Das große Verschwinden“ aus dem Jahr 1951, in dem alle Frauen verschwinden.
Die Erzählung lässt sich wie so viele SF-Erzählungen auf zwei Ebenen lesen. Was tatsächlich geschieht, ist die Suche nach jenen legendär-mystischen Wesen. Gerüchte über ihre Existenz, ihre Einstellungen, ihr Aussehen und ihre Lebensweise und Werte kursieren unter den Männern des Suchtrupps wie Geschichten über den sagenhaften Yeti.
Auf der metaphorischen Ebene behandelt die Story die Art und Weise, auf die Männer in ihrer sexuellen Verwirrung (anno 1980), kulturellen Ignoranz und in ihren Identitätskrisen unfähig sind, Frauen und deren Bedürfnisse – etwa Zornesausbrüche und Ärger – zu verstehen. Beide Geschichtsebenen werden in einer einfachen, aber beschwörenden Sprache erzählt. Erkenntnis schleicht sich auf indirektem Wege ein – durch in Klammern gesetzte Einschübe.
Der Ich-Erzähler ist Astrophysiker am California Institute of Technology nahe Los Angeles. Er beschäftigt sich mit der Auswertung von Radioteleskop-Aufnahmen einer Galaxie namens NGC-1097. Ziemlich deutlich ist zu sehen, wie rot- und blauverschobene Partikelströme andere Materieströme in der fernen Milchstraße durchkreuzen. Etwas unheimlich.
Doch nichts im Vergleich zu dem, was er auf dem Zentralrechner vorfindet, auf dem er die Fotos bearbeiten will. Jemand hat in den ihm zugewiesenen Slot an Rechenzeit andere Fotos eingestellt, und zwar von einer Strahlenquelle im Zentrum unserer eigenen Galaxis. Sagittarius-A weist ebenfalls mysteriöse Partikelströme auf. Das Besondere an den Aufnahmen: Es ist nicht einmal von den Betreibern des Rechenzentrums festzustellen, woher sie stammen, wer sie gemacht und auf welche Weise sie in den Speicher gelangt sind. Das ist, gelinde gesagt, unmöglich. Dennoch sind sie da, und zwar in bester Qualität.
Unterdessen beschäftigt sich unser Chronist mit seinem Sohn, der gerade lernt, zu zeichnen und korrekte Sätze zu bauen. Er erfährt von ihm auch, dass seine Lehrerin Krebs hat. In der Zeichenstunde hat unser Astronom eine Erleuchtung: Was, wenn die Ursache für die roten und blauen Partikelströme ein Schwarm von Schwarzen Löchern wäre, und zwar nicht bloß in NGC-1097, sondern auch gleich in der Nachbarschaft, in Sagittarius-A?
Und der Schwarm kommt näher …
|Mein Eindruck|
Bei Ed Bryant hieß es: „Fiction trifft Wissenschaft“, bei Benford ist es umgekehrt: Wissenschaft trifft Fiction. Man merkt, dass sich der Astrophysiker total auf seinem gebiet auskennt, und wer den Jargon nicht draufhat („Dopplerverschiebung“ etc.), wird von der Geschichte nur die Hälfte verstehen. Die andere Hälfte besteht zum Glück aus leicht verständlichen Alltagsszenen: beim Elternabend, in der Episkopalkirche beim Gottesdienst, daheim beim Zubettgehen mit der Ehefrau. Sehr heimelig.
Der Reiz der Erzählung besteht natürlich aus dem Kontrast und den Parallelen. Hier das scheinbar geordnete Leben auf der Erde, dort das Chaos in den Galaxien. Doch dass Krebs ebenso wie harte Strahlung aus Schwarzen Löchern überall zuschlagen können, lässt das Leben auf der Erde ganz besonders verletzlich und kostbar erscheinen.
_Die Übersetzung _
Die Übersetzungen sind meist von ausgezeichneter Qualität, aber immer wieder finden sich Wörter mit fehlenden Buchstaben, so etwa auf Seite 179, falschen Endungen oder schlichtweg fehlerhaft korrigierten Wendungen, etwa auf Seite 178: “ …was er den >Widerspruch zwischen dem, die ich nominell un[t]errichtete und der Botschaft des umgebenden Milieus< nannte." Statt dem "die ich" muss es allerdings "das ich" heißen, dann wird ein Schuh draus.
Auf S. 63 ist sogar der Satz durcheinandergekommen: "Sie fangen und an gehn dann ..." muss heißen "Sie fangen an und gehn dann ...". Manchmal gerät der Übersetzer aber vollends aus der Spur. Auf S. 92 heißt es kryptisch: "Die Vertreter der New Wave [in der SF] überwanden ihre ehrgebietende Furcht vor allen wissenschaftlichen und technischen Dingen ..." Wenn man überhaupt stutzt, so darf man sich doch fragen, was unter einer "ehrgebietenden Furcht" zu verstehen sein soll. Für mich jedenfalls überhaupt keinen.
Anscheinend sind hier ein paar Gedanken durcheinandergeraten. Es gibt aber ein probates Mittel, der Wirrwarr zu beseitigen: weglassen! Der Rest ergibt Sinn: "Die New Waver hatten erst (Ehr-?) Furcht vor Wissenschaft und Technik, die sie irgendwie überwanden. Alles paletti.
Was ist ein BEM? Was da auf S. 139 so beiläufig erwähnt wird, ist ein zentrales Klischee der Groschenroman-SF: das "Bug-Eyed Monster", kurz BEM, oder "glubschäugiges Ungeheuer". Eine Fußnote wurde offenbar anno 1993 (und erst recht anno 1982) für nicht nötig gehalten, weil der Begriff jedem SF-Fan geläufig war. Das ist heute wohl nicht mehr selbstverständlich.
_Unterm Strich_
Die neun Erzählungen haben mir durchweg ausgezeichnet gefallen. Obwohl sie schon 1975 bis 1981 veröffentlicht wurden, wirken sie immer noch modern und relevant. Offenbar hat sich der Stil der veröffentlichten Science-Fiction seitdem nicht viel mehr weiterentwickelt. Die Experimente im Stil wurden alle bis 1980 durchgespielt, nur die Inhalte haben sich seitdem verändert.
Wenn man inzwischen eines feststellen kann, dann dies, dass der Stil unglaublich konservativ und einfach geworden ist. Ob dies eine Folge der verminderten Kommunikations- und Verständnisfähigkeit der MTV- und Internet-Generation ist, ist offen. Der konservative Stil von George R. R. Martin hat sich am besten in die Gegenwart gerettet, und das ist sicherlich kein Wunder.
Auffällig ist an den ausgewählten Beiträgen, dass die meisten ziemlich witzig sind. Man nehme nur Bishops "Die Verwandlung", Watsons "Convention" oder Emshwillers "Abscheulich" - es sind unverkennbar Satiren. Daneben gibt es noch bissigere Beiträge wie Malzbergs "Abkopplung" und Zebrowskis "Der Wortkehrer", die Misstände oder Fehlentwicklungen aufs Korn nehmen.
Schließlich gibt es noch die Gruppe der Warnungen mit hohem Emotions-Faktor. Ed Bryant erzählt von einer Kette von Sternexplosion, die auch die Erde erreicht, Benford von einem sich nähernden Schwarm Schwarzer Löcher. Beides ist emotional verknüpft mit Krebs, Tod und Verfall. Das Endstadium ist praktisch in Martins "Dieser Turm von Asche" erreicht, wo der Held an der Erneuerung einer alten Beziehung scheitert und sich in eremitische Einsamkeit zurückzieht, quasi ein Endprodukt der sozialen Entropie.
Diese Erzählungen sind nicht nur unterhaltsam und abwechslungsreich, sondern auch anrührend bis witzig. Gunns Anmerkungen zum SF-Aspekt, der mit jeder Story illustriert wird, sind ebenso erhellend wie seine biografischen Angaben und Kurzinterpretationen. Lediglich die Mängel der Übersetzung minderten mein Vergnügen am Lesen.
|Taschenbuch: 236 Seiten
Originaltitel: The Road to Science Fiction 4, 3. Teil (1982)
Aus dem US-Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453062443|
http://www.heyne.de
Folge 1: „Odin, der Göttervater“
Folge 2: _“Die Erschaffung der Welten“_
Folge 3: „Thor, der Donnergott“
Folge 4: „Vom Ende der Zeit – Ragnarök“
_Von Riesen, Göttern und richtig fiesen Drachen _
Es gab eine Zeit vor der Zeit. Da herrschte das Nichts. Es gab weder Götter noch Menschen, keine Zwerge und auch die drei Welten waren noch nicht erschaffen. Dann aber gebaren Feuer und Eis die ersten Lebewesen, und mit ihnen trat das Böse in die Welt. In jener Vorzeit war es auch, als der erste Mord geschah und die Feindschaft zwischen Riesen und Göttern begann.
Für Odin, den obersten Gott, war es nun nicht leicht, alle Wesen und Dinge zu erschaffen, denn auf ihm lastete ein Fluch, der ebenso schnell wuchs und gedieh wie Yggdrasil, die Weltesche … (Verlagsinfo)
Der Verlag empfiehlt die Lesung ab 7 Jahren.
_Die Autorin_
Katharina Neuschaefer studierte Musikwissenschaft und Germanistik und arbeitet als Radiojournalistin und Moderatorin bei Bayern 4 Klassik. Sie ist Autorin und Regisseurin zahlreicher Hörspiele und Musikgeschichten für Kinder. Für ihre journalistische Arbeit wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Sie erzählt die altisländischen Edda-Sagen neu und bietet sie sortiert dar.
_Der Sprecher_
Peter Kaempfe studierte von 1974 bis 1978 Schauspiel in Hannover. 1980 gründete er die Theater-und Musikcompagnie „Pompoffel“ in Bremen und spielte von 1984 bis 1990 bei der Bremer Shakespeare Company. 1990 gründete er gemeinsam mit zwei Kolleginnen DAS TAB. Er lebt in Bremen und arbeitet als Schauspieler, Sprecher, Autor und Regisseur. Für Igel-Genius nahm Peter Kaempfe die Reihe „Griechische Sagen“ auf, dazu die Jury der hr-2 Hörbuchbestenliste: „Die Interpretation von Peter Kaempfe muss überragend genannt werden“. Seine Aufnahme der „Ilias“ wurde 2006 für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.
Produzent war Leonhard Huber.
Zur Hörprobe: http://www.igel-records.de/nordische-sagen-die-erschaffung-der-welten
_Inhalte_
Es gab eine Zeit, da lebten die Götter, die Menschen und Elben, die Zwerge und Riesen sowie die Unterirdischen noch in verbundenen Welten. In dieser Zeit saß in jeder Vollmondnacht eine Wölwa oder Seherin auf einem Hügel nahe dem Götterreich Asgard. Ihr inneres Auge blickte in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft und nichts blieb der zauberkundigen Frau verborgen. Selbst die Götter baten sie um Rat, um an ihrem ewigen Wissen teilzuhaben. Wer in jenen besonderen Nächten zu der Seherin auf den Hügel stieg und sich zu ihr ans Feuer setzte, erhielt Auskunft …
Am Anfang (so erzählt sie) waren die Welten noch nicht voneinander getrennt, sondern es gab nur die Leere: Ginungagap. Doch dort, wo das südliche Feuer Muspelheims auf das kalte Eis Niflheims traf, befand sich der Brunnen Quergelmir, dem die elf giftigen Flüsse Niflheims entsprangen. Der Riese Ymir, sowohl Mann als auch Frau regte sich und raunte die ersten Worte, als die Temperaturen stiegen und er zu schwitzen begann. Aus seinem Schweiß entstanden Mann und Frau, der Riese Knutgelmir aber aus seinen Beinen.
Mehr Riesenarten entstanden, bevor es zur Existenz der Götter kam. Ymir hatte Hunger, da entstand für ihn die Urkuh namens Audumla. Sie sollte ihm Milch geben. Als er sie mit Eisblöcken tränkt, leckt er einen Mann namens Buri frei, dessen Sohn Bur ins Lager der Riesen zieht. Mit der Riesin Bestla, mit der er vor seinen Vettern fliehen muss, zeugt er Drillinge: Odin, Vili und Ver. Dies sind die ersten Asen.
Odin hasst das Erbteil der Riesen in ihm, was auf Gegenseitigkeit beruht: Kaum haben die Riesen ihre Kusine Bestla gefunden, kommt es zum Kampf mit ihren Kindern, die obsiegen. Odin betrachtet sich als etwas Besseres, als Anführer, und als Goot verlangt es ihn danach, sich auszuzeichnen. Doch kaum ist der Palast fertig, steht schon wieder ein Heer Riesen vor den Göttern und verlangt nach Kampf.
Odin geht diesmal gewitzter vor und entfesselt die Naturelemente. Das weckt Ymir auf, der sich bei Odin beschwert. Da der Götterchef gerade mit Kämpfen beschäftigt ist, reagiert er leicht genervt. Ymir ist leicht beleidigt und wächst über alle Maßen. Bald hat Odin genug von dem Störenfried und rammt ihm einen Eiszapfen ins Herz. Dessen Blut schwillt zu einer Flut an, die die Riesen ertränkt – bis auf Bergelmir und eine Frau, die auf einem Baumstamm entkommen.
Die Asen aber werfen Ymirs riesigen Leichnam hinab in den Ginungagap. Daraus entstehen Himmel, Erde, Wasser, und der Schädel bildet das Himmelsgewölbe. Zu dessen Tragen stellt Odin die Zwerge ab, außerdem formt er allerlei Kulissen: Wolken (aus dem gehirn Ymirs), Erde, Gras und schließlich sogar Gebirge. Ein heißer Wind aus Muspelheim weht Funken herbei, die Odin als Sonne, Mond und Sterne am Himmelsdach anbringt. Alles sehr hübsch.
Bergelmir jedoch, der entkommene Riese, sinnt auf Rache. Er würgt Odin, doch Odin siegt und hätte ihn schließlich getötet, wenn nicht Ver interveniert hätte. Stattdessen verbannt Odin Bergelmir und dessen Rasse nach Utgard, von dem er Midgard durch einen hohen Wall abgrenzt. Bergelmir aber droht den Asen den Untergang an und schwört einen blutigen Schwur, den er mit einer magischen Rune besiegelt.
Also sprach die Wölwa: Einst wird kommen die Wolfszeit, so Ragnarök genannt, wenn die Riesen zurückkehren und der Fenrirwolf den Fimbulwinter ankündigt. Dann werden die Unterirdischen, also Wolfskinder, Zwerge, Nachtgeschöpfe und alle Freunde der Totengöttin Hel, über die Welten der Asen, Menschen, Zwerge und Lichtelben herfallen.
Yggdrasil hingegen, die Weltenesche, die alle Welten verbindet, krankt bereits an ihrer untersten Wurzel. Denn dort nagt der Drache Nidhöggr an ihr. Davon berichten Odin seine beiden Raben Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung). Er wandelt von Asgard üb er die Regenbogenbrücke Bifröst nach Niflheim, bis er zur untersten Wurzel gelangt. Tatsächlich sind hier Nagespuren zu finden, die von einem großen Tier stammen.
Er muss sich in einen Adler verwandeln und hochfliegen, bis er im Gebirge den Eingang zu einer Höhle findet. Deren Tunnel führt ihn zu einer riesigen Grotte voll blauem Licht. Hier ist eine große Wurzel Yggdrasils umgeben von einem Wall. Es ist das Nest des schwarzen Drachen Nidhöggr, der ihn aus roten Augen betrachtet. „Bist du Odin?“ Er hat ihn bereits erwartet, denn das Eichhörnchen Ratatösk hat Odins Kommen angekündigt. Es weiß alles, was in Asgard vor sich geht. Doch so sehr Odin dem Drachen auch droht, so fruchtet es doch nichts. Müde und verdrossen kehrt er heim.
Dann fasst er einen kühnen Entschluss. Yggdrasil hat noch zwei weitere Wurzeln, eine in Utgard, bewacht vom allwissenden Mimir, und eine in Alfheim bei den Lichtalben, wo die drei Nornen ihm doch Auskunft geben können müssten, oder?
Als Odin die drei alten Frauen betrachtet, überläuft ihn eine Gänsehaut. Sie sitzen an der Quelle Urd und spinnen das Schicksal der Menschen, den Göttern aber sagen sie weis. Als er sie auf Yggdrasils Schicksal anspricht, beruhigen sie ihn mit einem Rätsel: Das Schicksal der Esche sei an den Himmel gehängt …
_Mein Eindruck_
Wie oben ersichtlich, ist dies der erste Teil der vierteiligen Serie über Nordische Sagen. Der Text ist leicht verständlich, wenn auch die Ereignisse, von denen die Wölwa berichtet, mitunter höchst wunderlich sind. Dies sind eben nicht die Vorstellungen der Antike oder der nordamerikanischenVölker über die Weltentstehung, sondern eben die düstere nordische Variante. Aber geschickt wird jede Art von nationalistischer Überhöhung vermieden, damit ja kein Teutonenkult geweckt wird.
Im Mittelpunkt steht von Anfang an der Konflikt mit den Riesen, der von Odin und seinen Asen bewältigt werden muss. Die Logik bleibt leider häufig auf der Strecke und viele Fragen entstehen, so etwa die nach der Herkunft gewisser Götter und Riesen. Offenbar sind diese Geschichten herzlich wenig für den Biologieunterricht geeignet.
Schön arbeitet die Autorin jedoch heraus, wie die Welt, die wir heute sehen, aufgebaut ist. Alles ist wohlsortiert nach Lebens- und Herrschaftsbereichen, für Asen, Menschen (ask und Embla waren die Ersten), Zwerge und Alben (dunkle wie helle). Dass sich dereinst die Unterwelt gegen die Oberwelten erheben werde, ist eine vertraute Vorstellung, und von Ragnarök, der Götterdämmerung, dürfte jeder Wagner-Fan schon einmal gehört haben.
Die alten Isländer, von norwegischer Abkunft, hatte eine düstere Phantasie, wie sie ihrem nördlichen Domizil wohl angemessen war: Wölfe, Drachen, Krieg – kurzum: Weltuntergang in Vollendung. Und die Erbsünde: Die Riesen kämpfen wieder mal gegen die Götter, wie es schon die Titanen gegen die Götter des Olymp taten. Bloß gut also, dass sich der Götterchef Odin um alles frühzeitig kümmert. Er opfert sogar ein Auge, um allwissend zu werden und lässt sich an die Weltenschen binden – mehr davon im nächsten Kapitel über ihn selbst.
|Der Sprecher|
Peter Kaempfe ist ein Routinier, wie man an seiner ruhigen Vortragsweise erkennt. Ert tritt hinter der Erzählerin Wölwa und dem Erzählten zurück, haucht aber unversehens den Figuren wieder Leben ein, wenn Emotionen gefragt sind. Zu diesen Figuren gehört in erster Linie der Göttervater selbst. Man merkt Odin an, dass er seinen Zorn mühsam unterdrückt, wenn er mit dem unbotmäßigen Drachen spricht. Da kann die Stimme schnell in tiefste Tiefen fallen, wohingegen der Drache, ein Reptil, ihm zischend Widerworte gibt. Das wirkt richtig unheimlich.
Aber Odin lacht auch viel, vor allem über Unterlegene und Riesen im allgemeinen. Seine bemerkenswerteste Begengung hat Odin vielleicht mit den drei Schwestern, den Nornen. Ungeachtet ihrer unbarmherzigen Tätigkeit des Schicksal-Spinnens und -Abschneidens (man denke an die griechischen Parzen Klotho, Lachesis und Atropos) sprechen sie äußerst sanft und beruhigend. Dieser Gegensatz kann einen richtiggehend nervös machen.
|Die Musik|
Die Instrumente sind ganz einfache, aber sehr alte: ein afrikanische Krugtrommel; ein Balafon, „die afrikanische Urform des Marimbaphons“ (eine Art Xylophon also); eine tibetische Handtrommel, chinesische Glocken, Zimbeln, Klangschalen und Becken, außerdem ein „traditionelles finnisches Saiteninstrument“, eine „tibetische Trompete“, ein Saxophon, Bass und „verschiedene traditionelle Flöten“.
Man sieht also, dass hier auf sehr ursprüngliche Klänge geachtet wurde. Die entsprechenden Melodien sind ebenso urtümlich, lassen sich aber noch in manchen (abgelegenen) Weltgegenden erlauschen. Es ist, als würde der Hörer in die ferne Vergangenheit lauschen. Das finde ich höchst passend, wenn es um Geschichten über die Entstehung der Welten geht.
Die Musik mischt sich niemals in den Vortrag ein. Nach einem stimmungsvollen Intro hören wir sie stets nur als Intermezzo zwischen Textabschnitten. So haben wir Zeit, das Gehörte zu verdauen. Das Outro geleitet uns wieder uns wieder aus der Lesung hinaus, als würden wir eine andere Zeit verlassen.
|Das Booklet|
Das Booklet ist ein wichtiges Hilfsmittel für den Hörer, um sich in der Vielzahl der im Vortrag geschilderten Welten zurechtzufinden. Fünf Welten sind abgebildet (von oben nach unten): Ginungagap, die Leere, aus der alles hervorging; Asgard, Heim der Asen / Götter; daneben Vanheim, Heim der Vanen; darunter Midgard alias Mittwelt, wo Menschen, Riesen (in Jötunheim) und Zwergen existieren: schließlich ganz unten Niflheim, wo Drache, Wölfe und die Totengöttin existieren.
Zweitens bietet diese Darstellung auch einen Stammbaum für die wichtigsten Asen und ihre Kinder. Odin und seine zwei Brüder stammen also von den Riesen ab, und daraus ergibt sich eine Menge Ärger. Das Booklet liefert also erhellende Zusammenhänge, die sich angesichts der verzweigten Handlung und der Vielzahl der Namen als höchst willkommen erweisen.
_Unterm Strich_
Diese Fassung der Sagas vermittelt die nordische Schöpfungsgeschichte den Kindern ab sieben Jahren sowohl gut verständlich als auch spannend und vergnüglich. Wenn sich Götter und Riesen kloppen, sorgt das für Unterhaltung, doch so richtig Spannung will erst im zweiten Teil aufkommen, wenn Odin entdeckt, dass die Welt, die er (mit-) geschaffen hat, zum Untergang verurteilt ist.
Mehrere Szenen sind recht eindringlich geschildert, so etwa die Begegnung mit dem Drachen Nidhöggr und die mit Ratatösk, dem eifrigen Eichhörnchen. Obwohl sie selten genau charakterisiert worden sind und auch hier quasi eine Dreeinigkeit bilden, sind die Nornen doch deutlich als eine Macht, die außerhalb Odins Herrschaftsbereich existiert und sich auch von ihm nicht beeinflussen lässt.
Diese Fassung macht neugierig auf mehr, insbesondere auf die makabren Streiche von Loki sowie die Taten von Thor, dem Donnergott. Man sollte sich also das gesamte Quartett der Nordischen Sagen zulegen.
|Das Hörbuch|
Peter Kaempfe trägt die Erzählung der Seherin routiniert und zurückhaltend vor. Er haucht den Figuren Leben ein, wenn es darauf ankommt, ohne sie jedoch individuell zu charakterisieren. Vor meinem geistigen Auge wurde Odin nie zu einer Gestalt, die bestimmte Eigenschaften hat – ihre Wirkung wird nämlich immer nur behauptet, aber nie gezeigt. Und auch später bleibt Odin merkwürdig passiv, was ich schade fand. Action findet man also nur am Anfang, wenn sich Asen und Riesen kloppen – nicht gerade die heroische Saga, die ich erwartet hatte. Somit wirkt die ganze Geschichte recht harmlos, genau richtig für die kleinen Steppkes.
Die bemerkenswert instrumentierte Musik hebt den musikalischen Beitrag über das gewohnte Maß hinaus. Das Booklet liefert willkommene Zusatzinformationen für den erwachsenen Hörer und Leser. Insgesamt hält sich meine Begeisterung in Grenzen, aber die Produktion ist ja auch nur ein Viertel des Gesamtwerks.
_Spannender Erstkontakt: Nur die Denkbrücke wird uns retten!_
Jacque LeFavre, ein Pionier der interstellaren Kolonisierung, entdeckt auf einem der Planeten ein molluskenartiges Wesen, das als psychisches Bindeglied, als Denkbrücke für telepathie verwendet werden kann. Aber der Preis dafür ist hoch. LeFavre erfährt ihn, als sein Freund und Partner eines unerklärlichen Todes stirbt …
_Der Autor_
Der US-Autor Joe Haldeman, geboren am 9. Juni 1943 in Oklahoma City, studierte Physik, Astronomie, Mathematik und Informatik an der Universität von Maryland. 1967 wurde er zum Militärdienst nach Vietnam eingezogen. Durch seine Erlebnisse in Vietnam wurde er zu seinem wohl bekanntesten Roman „Der Ewige Krieg“ („The Forever War“) inspiriert, für den er den Hugo-Award sowie den Nebula-Award erhielt.
„Der Ewige Krieg“ arbeitete er später zu einer Trilogie aus („Der ewige Friede“, „Am Ende des Krieges“), deren zweiter Band erhielt ebenfalls sowohl den Hugo- als auch den Nebula-Award. Bekannt ist auch seine Worlds Trilogie, die „Kreisende Welten“, „Isolierte Welten“ (beide bei Moewig) und „Worlds Enough and Time“ umfasst.
Zu seinen Romanen kommen zahlreiche Kurzgeschichtensammlungen, darunter „Unendliche Träume“ (dt. bei Heyne). Seit den 1990er Jahren erscheinen seine Romane nicht mehr auf deutsch, obwohl Haldeman in den USA und in Großbritannien nach wie vor hoch im Kurs steht. Beispielsweise erhielt er für den 1993 erschienen Roman „Graves“ den World Fantasy Award, und 2004 für Roman „Camouflage“ den Nebula-Award sowie den James Tiptree, Jr. Award.
Zurzeit lehrt Haldeman am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Schriftstellerei und Science-Fiction. Sein 2002 verstorbener älterer Bruder Jack C. Haldeman II war ebenfalls Science-Fiction-Autor. (Quelle: Wikipedia)
Romane (korrigierte Angaben):
* 1972 War Year
* 1975 The Forever War (dt. Der Ewige Krieg 1978)
* 1976 Mindbridge (dt. Die Denkbrücke 1978)
* 1977 Planet of Judgment (dt. Grenze zur Unendlichkeit / Duell der Mächtigen 1980; STAR TREK)
* 1977 All My Sins Remembered (dt. Der befleckte Engel 1978)
* 1979 World Without End (dt. Welt ohne Sterne, 1979 / Welt ohne Ende, 1980, STAR TREK)
* 1981 Worlds (dt. Die kreisenden Welten 1982 / Kreisende Welten 1984, bei Moewig)
* 1983 There Is No Darkness (dt. Und fürchtet keine Finsternis 1985) mit Jack C. Haldeman II
* 1983 Worlds Apart (dt. Isolierte Welten, bei Moewig)
* 1987 Tool of the Trade
* 1989 Buying Time (dt. Gekauftes Leben 1992, bei Heyne)
* 1990 The Hemingway Hoax (dt. Der Schwindel um Hemingway 1992, im Heyne SF-Jahresband 1992)
* 1992 Worlds Enough and Time
* 1994 1968
* 1997 Forever Peace (dt. Der ewige Friede 2000, bei Heyne)
* 1998 Forever Free (dt. Am Ende Des Krieges 2002, bei Heyne)
* 2000 The Coming
* 2002 Guardian
* 2004 Camouflage
* 2005 Old Twentieth
* 2007 The Accidental Time Machine (dt. als „Herr der Zeit“ bei Mantikore, 6/12)
* 2008 Marsbound
* 2010 Starbound
* 2011 Earthbound
_Handlung_
Um das Jahr 2034 wird per Blitzeinschlag die augenblickliche Übertragung von Materie zu fernen Orten entdeckt. Diese Levant-Meyer-Transition, kurz LMT, ermöglicht es dem Amt für außerirdische Erkundung (AAE), Leute zu Lichtjahre entfernten Welten zu schicken, um diese dahingehend zu erforschen, ob sie sich für eine Kolonisierung eignen. Auf der Erde leben immerhin elf Milliarden Menschen, die sich gegenseitig auf die Füße treten – man braucht mehr Platz.
Jacque LeFavre, von Schweizer Herkunft, aber in den USA aufgewachsen, ist einer von diesen Erforschern. Zusammen mit seinem kleinen Team erkundet er die Welt Groombridge 1618. Es steckt in seinem Allzweckanzug, in der er durch das vom LMT geformten Wurmloch geschickt wurde, und kann in praktisch jeder Art von Umgebung überleben. Diese hier lässt sich gut als „Schlammloch“ charakterisieren. Zwar ist die Gravitation erfreulich erdähnlich, aber Sauerstoff gibt es kaum und von Kohlendioxid viel zu viel.
Da findet sein chinesischer Kollege Ch’ing in dem trüben Fluss, der das „Schlammloch“ durchströmt ein molluskenartiges Lebewesen. Als Jacque es ebenfalls berührt, kann er die Gedanken Ch’ings hören. Na so was! Das Ding steht eine Gedankenbrücke her. Wie sich zeigt, hat derjenige, der den ersten Kontakt herstellt, den reinsten telepathischen Empfang, danach nimmt die Qualität kontinuierlich ab. Das Team beschließt, mehr von diesen Mollusken zu suchen und ist schon weiter gegangen, als plötzlich ein Alarm ausgelöst wird: Ch’ing ist tot! Sein Anzug meldet Hirntod und anschließenden Herzstillstand. Wie konnte es nur dazu kommen?
Durch den sogenannten „Katapulteffekt“ – was hochgeschickt wurde, muss auch wieder runterkommen – wird die Gruppe mitsamt Ch’ing wieder zur Erde geholt. Allerdings bleibt Ch’ings Todesursache ein Rätsel: Er war gesund, und ein Defekt des AFK-Anzugs wird ausgeschlossen. Zur Untersuchung des „Denkbrücke“-Lebewesens gehört auch sexuelle Aktivität unter dessen Einfluss. Als er mit Carol aus seinem Team schläft, fühlt sich Jaque jedoch quasi durch sich selbst beobachtet. Uralte Erinnerungen an seinen ersten Sex schleichen sich ein, wovon sich Carol aber nicht stören lässt.
Als das Lebewesen seziert werden soll, kommt es erst zu einem Herzinfarkt, dann zu einem Selbstmordversuch. Weiß es sich zu schützen? Dr. Jameson, das zweite Opfer, ist fest davon überzeugt, dass in dem Wesen viel mehr steckt, als bislang entdeckt worden ist.
Zwei Jahre später stößt das Expeditionsteam von Katherine O’Brien auf eine intelligente Spezies von geklonten Gestaltwandlern mit überlegener Technologie. Die Begegnung verläuft für O’Brien und ihre Kollegen tödlich, doch ihre Videoaufnahme findet durch den Katapulteffekt ihren Weg zurück zur Erde und löst dort eine gelinde Panik in der AAE aus.
Keine Frage, dass ein Freiwilliger den nächsten Vorstoß wagen muss, um eine Kommunikation mit den Aliens zustande zu bringen, und zwar mit Hilfe der Denkbrücke. Auf wen wird das Los für dieses Himmelfahrtskommando fallen?
_Mein Eindruck_
Schon nach kurzer Zeit stoßen die überlegenen Aliens zum Sirius vor, der gar nicht so weit entfernt liegt, nämlich nur wenige Lichtjahre. Zum Glück kann man jetzt schon mit ihnen kommunizieren, und Jacque und seiner Carol bleibt auch gar nichts anderes übrig, als sie in Gefangenschaft geraten.
Ich konnte das Buch am Schluss gar nicht mehr aus der Hand legen, denn das Finale ist ungemein spannend. Was oder wer sind diese gestaltwandelnden L’vrai? Die schwarzhäutigen Rasseangehörigen besitzen ein Schwarmbewusstsein, so dass sie ihre Gedanken mit der Gemeinschaft teilen. Die Idee eines Schwarmbewusstseins ist keineswegs neu, sondern wurde schon von Theodore Sturgeon in „To Marry Medusa“ 1958 ausgiebig untersucht. Auch dass sie Schwerkraft und dergleichen manipulieren, wirkt nicht umwerfend, sondern wird sogar erwartet.
In ihrer Schwarzhäutigkeit wirken die L’vrai so unheimlich wie H.R. Gigers Aliens in Ridley Scotts Film. Doch den entscheidenden Fortschritt erlaubt diesmal die Denkbrücke. Das kleine molluskenartige Biest ist doch nicht so bösartig wie behauptet, sondern erlaubt, mit Vorsicht behandelt, Verständigung mit jeder Art von intelligenter Spezies, insbesondere den L’vrai.
Das Schwarmbewusstsein droht mit der Vernichtung der Erde, denn es verfügt ebenfalls über die LMT-Technologie – dies es bereits wieder als veraltet und beschränkt verworfen hat. Wird es Jacque, der mit dem L’vrai verbunden ist, gelingen, die Vernichtung der Erde zu verhindern? Carol hat da aber noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.
|Andere Textsorten|
Eine packende Szene, die in Prosaform erzählt ist, wie es sich gehört. Doch Prosa ist in diesem Roman eher die Ausnahme, so scheint es. Vielmehr sind, ähnlich wie bei John Brunners „Morgenwelt“ und „Schafe blicken auf“, auch ganz andere Textsorten vertreten. Sie stammen aus der Bürokratie, der Wissenschaft, den Medien, und es findet sich sogar Jacques Autobiografie. Da gibt es Statements, Meldungen, Anweisungen, Tabellen, Expeditionsaufträge (komplett mit Finanzierungszuweisung wie beim Militär) und sogar Diagramme.
In der Taschenbuchausgabe sind alle diese Textsorten getreulich nachgebildet, auch in andersartigen Schrifttypen usw., und die simultane Denkbrückenkommunikation ist sogar in Zwei-Spalten-Druck realisiert. Man muss aber aufpassen: Was A sagt, ist das, was B denkt – und umgekehrt!
|Gefühle verboten|
Die Handlung ist trotz dieser Ergänzungen straff und zielstrebig erzählt. Ja, würde man sich dieses Brimborium wegdenken, könnte sogar der Verdacht aufkommen, dass es ein zu wenig an Handlung gibt. Aber dieser Eindruck ist nicht belegbar und liegt wohl nur daran, dass herzlich wenig über Gefühle gesprochen wird, geschweige denn diese demonstriert werden.
Die AAE ist ein Zwitter aus Bürokratie, Wissenschaft und Militär – eine der schlimmsten Kombinationen, die es gibt, um ein Individuum fertigzumachen. Infolgedessen bemühen sich die „Zähmer“, wie die Erforscher genannt werden, um mögliche wenige Gefühlsäußerungen, die gegen sie verwendet werden könnten. Man muss es mitgemacht haben, um diesen Aspekt der Geschichte und des Romans würdigen zu können.
Weibliche Leser könnten deshalb von dieser Art, die Geschichte zu erzählen, abgestoßen sein. Sie sollten jedoch bedenken, dass uns Jacque v.a. durch seine Autobiografie als ein Charakter vorgestellt wird, der über die einzigartige Fähigkeit verfügt, NICHT durch die Denkbrücke wahnsinnig zu werden, wenn der L’vrai mit ihm kommuniziert. Es hat also seinen guten Grund, warum Jacque so häufig im Mittelpunkt der Prosa-Handlung steht, und dementsprechend sollte man ihn würdigen.
_Unterm Strich_
Durch seinen Bestseller „Der ewige Krieg“ hat sich Joe Haldeman als eingefleischter Pazifist geoutet. Er sieht militärische Auseinandersetzungen nicht nur als Gewaltanwendung, sondern auch durch die Art ihrer Begründung und Ausführung als absurde und menschenfeindliche Tätigkeit an. Diesen Pazifismus demonstriert er in „Die Denkbrücke“ anhand der Frage: Wenn Frieden nicht mit Waffen geschaffen werden kann, dann vielleicht mit Verständigung?
Diese Antwort auf diese – zugegeben naheliegende – Frage fällt positiv aus, aber anders als erwartet. Denn nicht die Aliens sind es, die sich Richtung Friedfertigkeit ändern müssen (wie es uns Hollywood gerne suggeriert), sondern die Menschheit. Diese ist nämlich aufgrund ihrer Genetik aggressiv, wegen ihrer Religionen rechthaberisch, Männer mit Territorialinstinkt und Frauen mit einem enormen Beschützerinstinkt (wie Carol eindrucksvoll demonstriert). All dies spricht gegen einen friedlichen Erstkontakt.
Die Vernichtung der Menschen wäre also vielleicht ganz gut für den Rest des Universums. Es sei denn, man stellt sie unter Quarantäne. Irgendwann müssen sie sich ja mal auf eine fortschrittliche und friedliche Stufe weiterentwickeln. In der Tat lässt die Aufhebung der Quarantäne, die die L’vrai verhängt haben, eine ganze Weile auf sich warten. Neue Generationen von Menschen, darunter die Urenkel von Jacque und Carol aus dem Geogestaltungs-Programm der AAE, sind endlich soweit, auf den Rest des Universums losgelassen zu werden.
Insgesamt also eine pessimistische, aber vorsichtig hoffende Aussage, die der Autor in seinem spannenden und zielstrebig inszenierten Erstkontakt-Roman zu äußern wagt. Ich habe den Roman in nur zwei Tagen verschlungen, aber ich bin sicher, es geht auch schneller. Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall, wenn man mehr über Aggression, Erstkontakt und Schwarmbewusstsein erfahren möchte.
Originaltitel: Mindbridge (1976) Taschenbuch: 188 Seiten Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr ISBN-13: 978-3442232833
http://www.randomhouse.de/goldmann
Der Mensch als Erbfolger: Fremde und andere Welten
In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 21 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Galaktische Imperien“. Dies ist der Letzte von vier TITAN-Bänden zu diesem Thema.
Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.
_Enzyklopädisch: Monsterjäger gegen den König des Bösen_
„Mein Name ist Minerva McFearless. Ich bin die Tochter des weltberühmten Monsterjägers Manfred McFearless und ständig in Lebensgefahr. Vor allem jetzt, denn die Monster haben Rache geschworen: Der Zarmaglorg, die abscheulichste, grausamste Gruselbestie höchstpersönlich, hat meinen Vater entführt! Und nun sind mein kleiner Bruder Max und ich unterwegs zu den finsteren Verliesen seiner Festung, um unseren Vater zu befreien. Unsere einzige Waffe: Miss Monstroklopädia – das klügste, bissigste und gefährlichste Buch der Welt …“ (Verlagsinfo)
_Der Autor_
Ahmet Emuukha Rodan Zappa (* 15. Mai 1974 in Los Angeles, Kalifornien) ist ein US-amerikanischer Musiker, Schauspieler und Buchautor. Ahmet Zappa ist das dritte von vier Kindern des Künstlers Frank Zappa. Er wurde nach dem Produzenten Ahmet Ertegün benannt, dem Gründer und Besitzer des Plattenlabels Atlantic Records.
Zusammen mit seinem Bruder Dweezil Zappa spielte er in der Band „Z“ und auf Alben mit Musikern wie Steve Vai oder Mike Keneally. Zappa hatte in den 1990er-Jahren mehrere kleine Fernsehrollen und trat unter anderem in der Fernsehserie „Roseanne“ auf. In der Bildungsserie Robotica war er drei Jahre lang Fernsehmoderator. (Wikipedia)
Zappas erstes Buch enthält Zeichnungen des Autors und Fotos von Clay Sparks. Zum Buchschreiben kam er erst, als er aus Spaß Aquarelle von Monstern malte und sie an seine Freunde verschickte. Zappa gibt an, mit dem Buch Kindern helfen wolle, die Angst vor Ungeheuern, unter der er als Kind selbst litt, zu überwinden.
Bevor das erste Exemplar des Buches in den USA veröffentlicht wurde, hatten sich Disney und Jerry Bruckheimer Films, die Produzenten von „Fluch der Karibik“, für 1,5 Millionen US-Dollar die Filmrechte gesichert. Zurzeit schreibt Ahmet Zappa an die Fortsetzung seines Buches, in dem Max McFearless der Ich-Erzähler ist. (Wikipedia)
Mehr Info: http://www.mightymcfearless.com
_Die Sprecherin_
Sylvie Nogler, geboren 1958 in Innsbruck, absolvierte ihr Schauspielstudium von 1983 bis 1986 am Tiroler Landestheater Konservatorium Innsbruck. Es folgten Theaterauftritte am Kampnagel in Hamburg, am Altstadt-Theater Berlin und mehrere Tourneen in Deutschland und Österreich. Seit den 1990er Jahren spielt sie in TV-Serien wie „Großstadtrevier“ und ist Sprecherin für Film, Fernsehen und Hörspiele. Sylvie Nogler lebt in Hamburg. (Verlagsinfo)
Musik: Ulrich Maske
Ulrich Maske, geboren in Hannover, ist Text- und Musikautor, Musiker und Produzent. Nach seinem Studienabschluss als Diplompsychologe arbeitete er als Musikproduzent mit Hannes Wader, Zupfgeigenhansel, vielen international namhaften Folk- und Jazzmusikern und produzierte Hörbücher und Hörspiele für Kinder und Erwachsene. Seit Mitte der 1970er Jahre entwickelt er ein innovatives Repertoire für Kinder und Erwachsene, seine Produktionen erhielten diverse Auszeichnungen. Er schreibt Bücher, Kinderlieder, Reime und Gedichte. Bei JUMBO erscheinen seine Hörspiel-, Hörbuch- und Musikproduktionen. Ulrich Maske lebt in Hamburg und verantwortet die Programme JUMBO und Goya. (Verlagsinfo)
Regie: Uticha Marmon, Inga Richter
Tonmeister: Joszi Sorokowski im WunderWeltStudio, Hamburg
_Handlung_
|Prolog|
Die elfjährige Minerva McFearless und ihr Bruder Maxwell sitzen in einem großen Käfig, der sich in der finsteren Festung des Zarmaglorg befindet, der abscheulichsten, grausamsten Gruselbestie, die man sich nur vorstellen kann. Der Käfig hängt über einer Grube, an deren Grund brodelnde Lava glüht. In einem Käfig sitzt leider auch ihrer beider Vater Manfred McFearless, seines Zeichens Monsterjägers. Eigentlich wollten sie ihn ja befreien, doch nun muss er sich bemühen, sie zu befreien. Denn alle drei werden vom schrecklichsten aller Monster bewacht, dem Schnurgelschnöselsaurus.
Doch wie konnten sie nur in diese missliche Lage geraten? Alles begann vor etwa zwei Jahren.
|Haupthandlung|
An diesem Tag haben alle drei den Todestag von Mami McFearless gefeiert, doch spät abends muss Dad, wie so häufig, noch mal weg. Daher machen es sich Minerva und Maxwell in der großen, vollgestopften und mit einem Sternenhimmel bemalten Bibliothek gemütlich. An deren Wand hängt ein Gemälde, das ihren Ururgroßvater Maximilius McFearless zeigt; er trägt eine Augenklappe über einem Auge. Minerva holt gerade ein Glas Wasser, als sie ihren jüngeren Bruder schreien hört. Hoffentlich nicht wieder einer seiner Streiche! Doch nein, diesmal treibt er keinen Schabernack, sondern zeigt bloß auf den Kamin.
|Das Labor|
Dort befindet sich auf einmal eine Geheimtür, die sie nie zuvor bemerkt haben. Sie treten hindurch, folgen einem düsteren Tunnel und gelangen durch eine zweite Tür in ein verborgenes Laboratorium, mit Büchern, Schränken, Waffen und Proben von unbekannten Tieren. Während Max, der Waffennarr, es schafft, ein Schwert auf seinen Fuß fallen zu lassen, fasst Minerva ein geheimnisvolles Buch an, das sie unversehens beißt. Und dieser Biss lässt sie in Ohnmacht fallen, denn er ist giftig.
Dads Warnung ist zu spät gekommen. Jetzt verarztet er Minervas geschwollene Hand mit den Bisswunden und gibt ihr eine Medizin zu trinken, die den Schmerz abklingen lässt. Natürlich will sie wissen, was es mit dem Labor und dem Buch auf sich hat. Bei dem Labor handle es sich um sein Arbeitszimmer, denn er sei ein „MonsTerminator“, genau wie seine Vorväter. Das Buch sei ein lebendiges, intelligentes Ungeheuer: Miss Monstroklopädia. Es tue ihr sehr leid, dass sie Minerva gebissen habe. Aber wäre Minerva keine McFearless, wäre sie bereits tot.
Miss Monstroklopädia ist ein lebendiges und sprechendes Buch, das alle Informationen der McFearless über Monster enthält und darüber, wie man sie bekämpfen kann. Um darin lesen zu können, muss man von ihr gebissen werden, allerdings sei ihr Biss giftig. Manfred erzählt, dass alle Mitglieder der Familie McFearless Monster jagen, um die Menschheit vor dem Bösen zu beschützen. Und Monster gibt es bekanntlich jede Menge, besonders in letzter Zeit.
Seinen beiden Kinder allerdings verbietet er zwar, je wieder in das Labor hineinzugehen oder in Miss Monstroklopädia zu lesen, denn wenn Miss Monstroklopädia jemals wieder zu den Monstern zurückkehrt, könnten furchtbare Dinge passieren. Der König des Bösen, dem sie einst von Ururgroßvater Maximilius gestohlen wurde, will sie nämlich dringend zurückhaben, zusammen mit einem Kleinod: dem magischen Diamanten Enotslived.
|Selbstausbildung|
Doch die beiden Kinder überlisten ihr männliches Kindermädchen Randolph und schleichen sich immer wieder in das Laboratorium, um heimlich alles über Monster zu lernen. Ihr Ziel ist es, echte McFearless zu werden, um eines Tages die Familientradition fortzuführen. Nur blöd, dass sich der Schisser Maxwell weigert, sich von Miss Monstroklopädia beißen zu lassen. Wie soll da aus ihm ein echter Monsterjäger werden? Sie muss ihm alles aus dem Lexikon vorlesen, weil er erst durch den Biss Monströsisch lesen könnte.
Eines Tages bekommt Dad eine geheimnisvolle Kiste vor die Haustür gelegt. Minerva weiß Bescheid: Es muss sich um eine von diesen Täuschertrixtruhen handeln, die sich nur von Eingeweihten öffnen lassen. Als Dad von der Monsterjagd zurückkehrt und die Kiste zu sehen bekommt, tut er so, als wäre das nichts Besonderes. Er ist der schlechteste Lügner der Welt, findet Minerva. Er schickt sie natürlich ins Bett, aber kaum ist in sein Arbeitszimmer verschwunden, folgen ihm die beiden Kinder, um ihn zu beobachten.
|Der Überfall|
Tatsächlich gelingt es ihm, die Täuschertrixtruhe zu öffnen. Er entnimmt ihr einen scharlachroten Edelstein. „Der Enotslived! Das ist nicht gut“, murmelt er. In der Tat! Noch in derselben Nacht stürzt er ins Zimmer seiner Kinder, um sie rasch ins Labor in Sicherheit zu bringen. Drei Monster sind gekommen, um den Enotslived und Miss Monstroklopädia zu rauben! Sie verbarrikadieren die Tür. In dem gewonnenen Moment zeigt Dad ihnen, dass sie sich in einer Geheimkammer unter dem Schreibtisch verstecken sollen, natürlich mit den zwei gesuchten Objekten. Und sie dürfen auf keinen Fall vor Sonnenaufgang wieder hervorkommen. Denn wie jeder weiß, können Monster das Licht der Sonne nicht ertragen.
Kaum sind sie durch die Falltür gekrochen, ertönt ein Krachen und ein viertes Monster stürzt durchs Fenster ins Arbeitszimmer: ein Gräuelheuler! Minerva hört schreckliches Krachen, Brüllen, Schlagen und Knirschen, doch dann herrscht ominöse Stille. Minerva fällt in Schlaf. Als sie wieder erwacht, steht die Falltür ihrer Geheimkammer offen, das Buch ist ebenso weg wie der Samtbeutel mit dem Diamanten. War alles umsonst?
|Ein unerwarteter Besucher|
Als sie herauskabbelt, entdeckt sie eine merkwürdige Gestalt im Sonnenlicht: ein aufrecht stehender Kojote, der einen Spazierstock benutzt, einen Zylinder und eine Augenklappe trägt. Er nennt sich Mr. Devilstone. Dieser Schlaufuchs erklärt den beiden perplexen Geschwistern, dass sich ihr Vater in der Gewalt vom Zarmaglorg, dem schrecklichsten aller Monster, dem König des Bösen, befindet.
|Die Mission|
Nach anfänglichem Misstrauen machen sich Minerva und Max, zusammen mit Miss Monstroklopädia und Mr Devilstone auf eine gefahrvolle Reise, um ihren Vater zu retten. Dabei müssen sie eines der vier Monster, die ihn entführten, nach dem anderen bezwingen. Und dann ist da schließlich Zarmaglorg. Von diesem empfängt Minerva neuerdings schauerliche Visionen, wie er ihren Vater foltert, um die Kombination der Täuschertrixtruhe zu erfahren. Und ein grausiger Suzzler macht Anstalten, ihm diese Erinnerung aus dem Gehirn zu saugen …
_Mein Eindruck_
Es gibt also jede Menge Gründe, sich in diesem Hörbuch vor Monstern zu fürchten. Das ist genau der Sinn und Zweck der Geschichte: Jedes Kind macht eine Phase durch, in der sich seine Ängste (von denen es meist jede Menge besitzt) als Ungeheuer manifestieren können. Da ist das allseits bekannte Monster unter dem Bett, das in den Schatten lauert, es gibt aber auch Monster, die sich einen Spaß daraus machen, einen legasthenischen Jungen das Buchstabieren beibringen zu wollen … So erging es dem Autor, der eine Leseschwäche hatte und viel lieber Monster malte, als Aufsätze zu schreiben.
Der Sinn der Geschichte besteht also darin, die Monster materialisieren zu lassen, was sie schon mal halb so furchterregend macht. In der Monstroklopädia steht sogar ganz genau, worin ihre Eigenschaften und Stärken bestehen. Zum Glück haben MonsTerminatoren wie die McFearless auch Informationen über die Schwächen der Monster zusammengetragen. Sie geben jeweils ein Rezept zur Herstellung eines ABWEHRMITTELS an.
Jeder der zwölf Einträge sieht etwa so aus:
1) „Der Klogo: (Stärken/Schwächen); Echsenpastillentee“ (= Abwehrmittel)
2) „Der Grumpelmies: Überraschungseier des Verderbens nach Art des Grauses“
3) „Das Debilion: Die Katzenpfote des Verderbens“ usw.
Es folgen:
4) Der Urks: dreimal so groß wie ein Elefant, aber nicht mal ein tausendstel so intelligent; darf nichts essen, was er schon mal gegessen hat, sonst ist es sein Verderben.
5) Der Suzzler (der im Finale eine Hauptrolle spielen wird)
6) Der Gräuelheuler
7) Der Moderan: ein kein ganz schlechtes Monster, das als Undercover-Agent für die Guten arbeitet! Telepathische Telekineten – sehr praktisch für das Kontaktieren von Informanten!
8) Der Medighul
9) Der Schnurgelschnöselsaurus (siehe Abbildung im Booklet)
10) Das Krallummerdon
11) Der Dreckschlecker (Vorsicht: besonders hinterhältig da allgegenwärtig!)
12) Das Einhörnige Pupswampit
Da jedes Monster seine Schwäche aufweist, lässt es sich auch besiegen. Zumindest theoretisch. Voraussetzung ist natürlich, dass der Monsterjäger, etwa Minerva, genügend Mut, Kaltblütigkeit und Einfallsreichtum aufbringt, um diese Schwäche auszunützen. Etwas Glück wäre auch nicht schlecht. Indem Minerva und Maxwell ihre Antipathie überwinden, gelingt es ihnen, das eine oder andere Monster zu erledigen. Ganz ohne die Konsultation von Mr Devilstone.
Bei Minerva hapert es jedoch gewaltig an der Kaltblütigkeit. Der Grund dafür besteht darin, dass sie als „gutes amerikanisches Mädchen“ sehr reinlich erzogen wurde und auf maximale Hygiene bedacht ist. Nun, Monster sind das genaue Gegenteil von Hygiene, wie man sich leicht vorstellen kann. Und alle Abwehrmittel sind so etwas von unhygienisch, dass Minerva sich anschließend am liebsten zwei Jahre lang mit Bürste und Seife abschrubben würde. Wir lernen hier eine ganze Menge darüber, wovor sich reinliche American Girls am meisten fürchten.
Und Maxwell ist auch etwas gehandicappt: Ihm fehlt es an Besonnenheit. In jede Situation stolpert er zwar mutig hinein, doch unversehens verliert er die Kontrolle darüber. Dann ist es Minervas Geschick oder purem Glück überlassen, ihn wieder aus der Patsche zu holen. Im Finale hat er sogar einen genialen Plan – den ihm ausgerechnet Minerva wieder zunichte macht! Wenigstens sind beide mutig genug für fünf, weil sie ihren Daddy wiederhaben wollen.
|Die Story|
Soweit der originelle Teil, der für die Verfilmung (s. o.) den Ausschlag gegeben haben muss. Der Rest, den das gekürzte Hörbuch bietet, kommt dem Kenner doch recht vertraut vor: Alles nur geklaut. Da ist das Objekt der Macht, das der Oberböse haben will. Hier heißt er nicht Sauron, sondern Zarmaglorg und stammt aus der Dämonenwelt. Dieser trifft à la Darth Vader auf den besten Kämpfer der Guten, nämlich eben jenen Ururgroßvater Maximilius, der auf so mysteriöse Weise verschwand. Sie fechten mit Energiestrahlen gegeneinander, gegen die Laserschwerter ein Mumpitz sind.
Dass Max und Minnie, die Nachwuchs-Monsterjäger, erst einmal lernen müssen, versteht sich von selbst. Wer jetzt an „Harry Schotter“ denkt, liegt genau richtig. Allerdings läuft der Unterricht sehr irregulär ab, und Lehrer gibt es auch keine. Deren Stelle nimmt die liebenswürdige Miss Monstroklopädia ein, ein romantisches Frauenzimmer mit einer Reptilienhaut, welches nur zu gern eine Menschin wäre, um Maximilius, der sie einst vor Zarmaglorg rettete, ihre Liebe beweisen zu können.
Dass es diverse überraschende Wendungen in diesem Plot gibt, ist zu erwarten, doch davon soll kein Sterbenswörtchen erwähnt werden. Auch nicht, was aus dem gefressenen Mr. Devilstone wird, dessen Name eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Diamanten Enotslived aufweist … ja, und ob sie ihren Vater retten können, hängt ganz vom Gelingen von Maxwells Plan ab. Wer hätte das von diesem übereifrigen Möchtegern-Piraten erwartet? Minerva jedenfalls als Allerletzte.
_Der Sprecher_
Sylvie Nogler ist eine ausgebildete und vielfach erprobte Schauspielerin, die sich nicht scheut, die ulkigsten Stimmen nachzumachen. Sie weiß, dass man in eine Rolle entweder ganz oder gar nicht schlüpfen muss. Deswegen legt sie sich auch energisch ins zeug, um den grässlichen Monstren ebenso wie den liebevollen Monsterjägern und ihren Verbündeten charakteristische Stimmen und Ausdrucksweisen zu verleihen.
Der Urks beispielsweise spricht, aufgrund seiner mega-elefantösen Größe, sehr tief, was die Sprecherin doch einigermaßen hinbekommt. Denn auch das andere Extrem muss sie überzeugend beherrschen: Miss Monstroklopädias Stimme ist so mädchenhaft kieksig, dass es schon fast wehtut. Und Minervas Stimme ist nur eine halbe Haaresbreite tiefer.
Irgendwo in der Mitte sind die menschlichen Figuren und die zwielichtigen Monster angesiedelt. Vater Manfred McFearless soll zwar autoritär tief klingen, doch er erscheint nur sehr angestrengt, ohne die natürliche Autorität einer sonoren Stimme. Auch einen Schnurgelschnöselsaurus hätte ich mir etwas eindrucksvoller vorgestellt; stattdessen versucht Nogler das Wesen mit einer kaum verständlichen radebrechenden Sprechweise als völlig unterbelichtet zu kennzeichnen. Die Handicaps Noglers sind vielfältig.
Wenigstens gelingen ihr bei Mr Devilstone, den drei Moderanen und bei Zarmaglorg ausgezeichnete Stimmporträts. Devilstone ist nicht der, als der er sich ausgibt, die moderanischen Undercover-Agenten und was können wir von einem „König des Bösen“ schon Gutes erwarten? Nur Scheinheiligkeit. Diese macht sich in einer verdächtig sanften Sprechweise gegenüber den Kindern bemerkbar.
|Geräusche und Musik|
Geräusche gibt es keine, aber sie werden so zahlreich beschrieben, dass man sie sich leicht hinzu vorstellen kann. Ein gutes Beispiel dafür ist die Offscreen-Szene des Kampfes im Laboratorium, als Daddy Manfred vergeblich gegen die vier Monster streitet – und schließlich unterliegt.
An Musik gibt es zwei Stücke von Ulrich Maske, die als Intro und Outro fungieren. Die etwas angejazzte Instrumentierung intoniert Melodien und Kadenzen, die sowohl leicht bedrohlich à la Monster, aber auch recht schräg à la Komödie klingen sollen. Das Outro ist ein viereinhalb Minuten langer Rausschmeißer, der der turbulenten Geschichte noch die entsprechende Abrundung verleiht.
_Unterm Strich_
|Faktoren|
Ob einem die Geschichte gefällt, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Ein Rezensent fand beispielsweise die zahlreichen ekligen Ausdrücke wie „Rotz“ und „Kotze“ höchst unappetitlich. Naja, Erwachsene! Was kann man da schon erwarten? Dabei sind es genau diese ekligen Sachen, die dem jungen Antihelden die Geschichte so versüßen. So etwa die Sache mit den Pythonlederstiefeln: Nur wenn sie so richtig nach Stinkefuß stinken, wirken sie gegen eine ganz bestimmte Monsterart. Mindestens 300 Tage lang und im Umkreis eines Vorortblocks. Sagt jedenfalls die Monstroklopädia.
Neben diesem hohen Ekelfaktor sind es die Lexikonartikel der Monstroklopädia, die einem gefallen müssen. (Deren Aufbau habe ich oben beschrieben.) Sie unterbrechen den Verlauf der Geschichte doch nicht unerheblich. Obwohl sie diesen Verlauf bremsen und so die Spannung darauf erhöhen, wie es weitergeht, können sie bei geballtem Auftreten, etwa auf CD 4, die Geschichte so stark unterbrechen, dass man kaum wieder hineinfindet. Das ist etwas kontraproduktiv.
|Antipoden|
Immerhin dürften die beiden kindlichen Hauptfiguren jedem Leser / Hörer unter zehn Jahren recht vertraut vorkommen. (Mein eigenes Paar aus Neffe & Nichte ist ein Paradebeispiel dafür.) Die beiden sind so unterschiedlich, dass sie sich ohne zu wissen wie prächtig ergänzen, wenn es um die Monsterbekämpfung geht. Schließlich lassen sie sich sogar dazu hinreißen, einander ob ihres Erfolges zu loben.
|Schwächen|
Aber die Geschichte hat auch ein paar Löcher, die es zu stopfen gilt. So ist die Abwesenheit der Mutter doch recht auffällig. Nie ist die Rede davon, wie sie zu Tode kam und wie man sie vielleicht retten könnte – außer ganz am Schluss, als Ururgroßvater Maximilius den Vorschlag macht, sie zu retten. Das verblüfft einerseits, andererseits macht es gespannt auf die Fortsetzung.
Das zweite Loch ist die Vorgeschichte eben dieses Maximilius: Sie muss in einem langen Monolog nachgeliefert werden, den er den Kindern in Zarmaglorgs Höhle vorträgt. Nicht sonderlich elegant. Und von Randolph, dem Kindermädchen, ist nach einer flüchtigen Erwähnung am Anfang eh nie mehr die Rede. Was mag nur aus ihm geworden sein?
|Das Hörbuch|
Die Sprecherin bemüht sich mit allen verfügbaren Kräften, die Monster zum Leben zu erwecken, doch das gelingt ihr nur bedingt. Immerhin legt sie sich so ins Zeug, dass die Szenen mit den Figuren wirklich zum Leben erweckt werden, und mehr kann man kaum verlangen, wenn es weder Hintergrundmusik noch Geräusche gibt. Für junge Hörer bis max. zehn Jahre ist das völlig ausreichend, denke ich. Alle, die älter sind, finden den Ekelaspekt wahrscheinlich doch viel zu eklig, um sich daran freuen zu können.
Das Booklet liefert nicht nur viele Informationen über die Sprecherin, den Autor (Frank Zappas drittes Kind) und die Enzyklopädieeinträge über Monster, sondern enthält auch viel Illustrationen. Sie zeigen den Urks, den Moderan, den fiesen Suzzler und den Schnurgelschnöselsaurus, der so genauso dämlich aussieht, wie er redet. Der Rest des Booklet besteht aus Werbung für das Jumbo-Medien-Programm.
Für junge Hörer zwischen sechs und zehn Jahren könnte das Hörbuch recht lustig wirken. Alle anderen sollten sich nach etwas mit geringerem Ekelfaktor umsehen. Ich habe jedenfalls stellenweise mehrfach lachen müssen.
|4 Audio-CDs
Spieldauer: 316 Minuten
Originaltitel: The Memoirs of a Mighty McFearless (2006)
Aus dem US-Englischen übersetzt von Vanessa Walder
ISBN-13: 978-3833717994|
[www.jumboverlag.de]http://www.jumboverlag.de
Ein Hauch von Graham Greene: die Endlösung der Bevölkerungsfrage
Als Kapitän Nolan mit seinem Frachter im 22. Jahrhundert über den Atlantik schippert, fischt sein Maat einen Toten auf, der über die Wellen geht. Damit handelt sich die Besatzung eine Menge Ärger ein. Denn die mit 20 Milliarden Menschen überbevölkerte Welt ist voller Gifte, und die alten Supermächte sind längst auf den Stand von Entwicklungsländer herabgesunken. Währenddessen haben sich die afrikanischen Nationen zu Großmächten aufgeschwungen, die eifersüchtig über ihre Besitzstände wachen. Durch den Toten wird Nolan mitten in diesen Konflikt hineingezogen …
_Der Autor_
Brian W. Aldiss (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss‘ ironischen Humor.
Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner „Helliconia“-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ („Am Vorabend der Ewigkeit“) bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.
_Handlung_
Im 22. Jahrhundert schippert Kapitän Knowle Noland mit seinem vollautomatisierten Frachter „Trieste Star“ gerade auf die südwestafrikanische Skelettküste zu, um dort Sand zu laden, als der Tote auftaucht. Dieser Tote hält sich nicht an die Regeln: Er liegt nicht brav in einem stillen Grab, sondern schwebt über die Wellen des Atlantiks.
Als Nolans erster Maat den Toten an Bord holt, zeigt sich, dass dieser einen Antigrav-Anzug umgeschnallt trägt, die sein Gewicht auf etwa zehn Kilo reduzierte. Dr. Thunderpeck weiß Bescheid: So etwas können sich nur sehr reiche und herzkranke Leute leisten, und der feine Anzug des Toten spricht dafür. Wahrscheinlich machte er eine Erholungskur an der Küste, in einer Luxusferienanlage. Von dort wehte ihn vielleicht der Wind aufs Meer hinaus, wo er verhungerte. Und jetzt haben sie den Salat, denkt Noland.
Genau. Als sei der Tote ein Geist seiner schuldbeladenen Vergangenheit, balgt sich Noland mit ihm – und entdeckt die Briefe. Es sind Liebesbriefe von einer gewissen Justine an einen gewissen „Peter“. Sie muss einen Geheimauftrag im Umkreis des afrikanischen Präsidenten El Mahasset haben und der Adressat, den sie „Peter“ nennt, ein hohes Tier aus Großbritannien sein. Der letzte Brief datiert erst zwei Tage zuvor. Justines Worte verzaubern den seit 19 Monaten pausenlos auf See schippernden Kapitän. So entgeht ihm eine verhängnisvolle Entwicklung an Bord.
Der Autopilot ist ausgefallen. Noch während er mit dem Maat die unheilbringende Leiche – der Maat hat bereits rote Flecken im Gesicht – über Bord wirft, erkennt der Kapitän, dass das Land der klippenstarrenden Küste bereits in unmittelbarer Nähe ist. Jede Kursänderung kommt zu spät, wird ihm klar. Vollgas gebend lacht Noland auf: „Jetzt erst recht, Justine!“ Und rammt seinen 80.000-Tonnen-Kahn mit Karacho in die Felsen der Skelettküste, die ihren Namen vollauf verdient. Unzählige Wracks liegen hier. Und schon ist die „Trieste Star“ eines von ihnen.
|Rückblende|
In seinem Bericht blickt Noland zurück auf die Ereignisse, die ihn hierhergebracht haben. Wegen seines speziellen geistigen Zustands, der ihn unter Stress in Halluzinationen mit Schreikrämpfen verfallen lässt, war er vor zwölf Jahren aufs Land verschickt worden. Dort befinden sich nur scharf bewachte Strafkolonien in der mechanisierten Landwirtschaft. Als er per Zufall auf die vogelfreien „Wanderer“ stieß, verriet er deren Anführer und wurde von seinem Boss, dem Farmer, dafür mit dem Posten auf der „Trieste Star“ belohnt. Seit jenem Tag vor zwölf Jahren fühlt sich Noland an der Ermordung der „Wanderer“ schuldig.
|Odyssee|
Der Atomreaktor der „Trieste Star“ gerät just in dem Moment außer Kontrolle, als eine Militärpatrouille von Neu-Angola an Bord gehen will, um die leckere Prise in Besitz zu nehmen. Die Atomexplosion verschont lediglich das Leben von Noland, doch keinen sonst (ein Irrtum, wie sich herausstellt). Auf der Suche nach Nahrung wendet sich der Schiffbrüchige nach Süden und wird von einer anderen Patrouille gefangen genommen.
In dem Freistaat Walvis Bay geht etwas vor sich: Überall wird gebaut und dekoriert. Hier lernt Noland endlich seine Traumfrau kennen, die Justine aus den Briefen. Er kann nicht anders, als ihr seine Liebe anzubieten. Voll Verachtung schiebt sie diesen ahnungslosen „Plebejer“ beiseite. Aufgrund der Briefe, die man ihm abnimmt, verdächtigt sie Noland natürlich, etwas mit dem Tod jenes Mannes zu tun haben, der mit seinem Antigravgerät auf das Meer hinausgetrieben worden – er war ein Spion. Ergo muss auch Noland ein Spion sein, oder? Vergeblich beteuert er seine Unschuld, was ihn nur umso erbärmlicher wirken lässt.
Seine Häscher wollen ihn zu Justines Verbündetem bringen, der natürlich ebenfalls in den unheilvollen Briefen erwähnt wird: Es ist der Adressat Peter Mercator. Zu seinem Entsetzen stellt sich Mercator als sein früherer Boss heraus. Welche Rolle Justine und Peter an diesem schicksalhaften Vorabend spielen wollen, soll Nolan nur zu bald herausfinden. Denn sie haben ihm eine zentrale Rolle dabei zugedacht …
_Mein Eindruck_
Dieser SF-Klassiker war einer der Ersten, der sich ernsthaft und konsequent mit dem schon Anfang der sechziger Jahre absehbaren Problem der Überbevölkerung auseinandersetzte. Ein halbes Jahrzehnt später beschäftigte sich John Brunner in „Schafe blicken auf“ mit den daraus entstehenden Schwierigkeiten, die die Menschheit zu bewältigen hat. In dieser Thematik sind die britischen Autoren, zu denen auch J. G. Ballard zu zählen ist, den meisten ihrer amerikanischen Kollegen um Jahre voraus.
Aldiss schildert ein 22. Jahrhundert, in dem sich nicht weniger als 24 Milliarden menschliche Wesen in Städten drängen, die inzwischen auf Plattformen über der völlig ausgebeuteten und automatisierten Landwirtschaft gebaut werden. Die Macht der Nationen hat sich inzwischen umgekehrt: Der Westen und Asien schauen neidisch auf die vergleichsweise noch fruchtbaren Ebenen Afrikas. Deshalb spielt jenes Afrika, in dem Noland strandet, eine so entscheidende Rolle.
Und er landet hier am Vorabend eines Tages, der über die Zukunft Afrikas und somit der Erde entscheidet: Der afrikanische Präsident El Mahasset soll in Walvis Bay, einer winzigen Exklave, praktisch einen neuen Staat gründen. Gelingt ihm dies, so wäre dies eine Demonstration für den Frieden in Afrika. Scheitert er, so wird er Krieg mit Algerien und Neu-Angola führen, die nur darauf warten, ihn zu ersetzen.
Fatalerweise steht mit dieser Entscheidung auch das Problem der Überbevölkerung auf der Kippe: Die Maßnahme der Enthaltsamkeit, der sich die Abstinezler-Sekte hingibt, fruchtet nichts. Nun sinnt die Sekte auf eine weitaus radikalere Maßnahme, um die zunehmende Überbevölkerung nicht nur zu stoppen, sondern sogar zu verringern: Krieg ist das patentierte und erprobte Mittel zur Dezimierung von Menschenmassen. Und Krieg wird es geben, sobald El Mahasset in aller Öffentlichkeit ermordet wird.
Dies haben Justine und Peter Mercator im Sinn, als Noland auftaucht. Da Mercator todkrank ist, soll Noland für ihn einspringen. Und was soll er bitteschön davon haben, fragt er hartnäckig. Das ist eben die knifflige Frage, die er in intensiven Dialogen mit Mercator und Justine erörtert. Was gewinnt er, was gewinnt die Welt, wenn er El Mahasset tötet? Die Frage sei doch vielmehr, ob es mindestens einen Gewinner geben wird, erwidert Justine: die Wanderer, die Noland selbst so schnöde verraten hat. Und mit ihnen hätte die Erde eine Überlebenschance. Wird Noland schießen?
_Die Übersetzung_
Die Übersetzung, die der Lichtenberg-Verlag 1970 unter der Leitung von Günther Schelwokat anfertigen ließ, zeichnet sich durch hohes sprachliches Niveau und das Fehlen jeglicher Druckfehler aus. Das erlaubt ein höchst erfreuliches Leseerlebnis. Erst 1973 und erneut 1983 veröffentlichte Heyne diese Übersetzungsfassung.
Lediglich zwei Wörter fielen mir auf. Auf S. 37 ist von einer „Sprue“-Krankheit die Rede. Der Ausdruck war mir nicht geläufig. Das englische Wort bezeichnet eine fiebrige Erkrankung. Auf Seite 53 wird das Wort „Garage“ wieder mal im alten Sinn „Autowerkstatt“ verwendet.
_Unterm Strich_
Die Imitation des offensichtlichen Vorbilds Graham Greene, bekannt für Romane wie „Der stille Amerikaner“ und „Der Honorarkonsul“, rechtfertigt noch nicht, dass dieser Roman einen Status als Klassiker erreicht hat. Nein, es reicht nicht, einen Engländer in eine Agentensituation à la James Bond zu schicken, auch wenn die Action noch so packend ist. Es ist daher die zweite Komponente, die den Ausschlag gibt: die Figur des Knowle Noland selbst.
Er ist nicht nur das hilflose Produkt der Zustände auf einer übervölkerten, ausgepowerten Erde. Vielmehr ist er obendrein ein höchst unzuverlässiger Chronist. Er leidet an einer seltenen Geisteskrankheit, die ihm Visionen und Halluzinationen vorgaukelt, die mal poetisch, mal horrormäßig anmuten. Und einer dieser Trancezustände verzerrt seinen Geisteszustand derart, dass er eine lange „Fugue“ von Visionen erlebt. Wir können zwar annehmen, er sei zu Tode gestürzt, und er selbst nimmt das ebenfalls an, doch ist das objektiv nicht der Fall – der Leser wird genarrt.
In dieser Fugue findet ein fundamentaler Wandel in Nolands gequälter Seele statt. Die Begegnung mit dem Tod, mit Toten, mit weisen Männern voll ironischer Sprüche – all dies ermöglicht erst, dass Noland verändert zu Mercator und Justine zurückkehren kann – um mit ihnen zu kollaborieren. So eine seelische Transformation sucht man in konventionellen SF-Abenteuern vergeblich. Dieser Inner Space hebt das Buch, ebenso wie die Problematik, weit über den Durchschnitt hinaus.
Entgegen meiner Erwartung – ich war abgestoßen vom scheußlichen Titelbild – erlebte ich also einen spannenden Roman, der politisch relevant ist, eine kritische Vision der Zukunft aufweist und zudem so gut erzählt ist, dass einem die Figur des Knowle Noland unweigerlich in Erinnerung bleibt. Hinzukommt die hohe Qualität der Übersetzung. Sammler greifen am besten zur weißen Ausgabe aus der Heyne SF Bibliothek, die 1983 erschien.
Taschenbuch: 144 Seiten Originaltitel: Earthworks (1965) Aus dem Englischen von Evelyn Linke ISBN-13: 978-3453309050
www.heyne.de
Nach einer Sonneneruption erhebt sich ein weltumspannender Riesensturm, dessen Stärke pro Tag um etwa 8 km/h zunimmt. Ein Arzt und ein U-Boot-Kommandant sowie zwei Reporter, versuchen dem nachfolgenden Inferno zu entrinnen. Sie stoßen auf den geheimnisvollen Multimillionär Hardoon, der nicht nur eine Privatarmee aufgestellt, sondern auch eine riesige Pyramide gebaut hat. Doch zu welchem Zweck? Ist es eine Arche oder eine Narretei? Das versuchen die Überlebenden herauszufinden.
_Der Autor_
James Graham Ballard wurde 1930 als Sohn eines englischen Geschäftsmannes in Schanghai geboren. Während des Zweites Weltkrieges, nach der japanischen Invasion 1941, war seine Familie drei Jahre in japanischen Lagern interniert, ehe sie 1946 nach England zurückkehren konnte. Diese Erlebnisse hat Ballard in seinem von Spielberg verfilmten Roman „Das Reich der Sonne“ verarbeitet, einem höchst lesenswerten und lesbaren Buch.
In England ging Ballard zur Schule und begann in Cambridge Medizin zu studieren, was er aber nach zwei Jahren aufgab, um sich dem Schreiben zu widmen. Bevor er dies hauptberuflich tat, war er Pilot bei der Royal Air Force, Skriptschreiber für eine wissenschaftliche Filmgesellschaft und Copywriter (was auch immer das sein mag) an der Londoner Oper Covent Garden.
Erst als er Science-Fiction schrieb, konne er seine Storys verkaufen. Ab 1956 wurde er zu einem der wichtigsten Beiträger für das Science-Fiction-Magazin „New Worlds“. Unter der Herausgeberschaft von Autor Michael Moorcock wurde es zum Sprachrohr für die Avantgarde der „New Wave“, die nicht nur in GB, sondern auch in USA Anhänger fand.
Ballard und die New Wave propagierten im Gegensatz zu den traditionellen amerikanischen Science-Fiction-Autoren wie Heinlein oder Asimov, dass sich die Science-Fiction der modernen Stilmittel bedienen sollte, die die Hochliteratur des 20. Jahrhunderts inzwischen entwickelt hatte – zu Recht, sollte man meinen. Warum sollte ausgerechnet diejenige Literatur, die sich mit der Zukunft beschäftigt, den neuesten literarischen Entwicklungen verweigern?
Doch was Ballard ablieferte und was Moorcock dann drucken ließ, rief die Politiker auf den Plan. Seine Story „The Assassination of John Fitzgerald Kennedy Considered as a Downhill Motor Race“ (1966) rief den amerikanischen Botschafter in England auf den Plan. Ein weiterer Skandal bahnte sich an, als er Herausgeber von „Ambit“ wurde und seine Autoren aufrief, Texte einzureichen, die unter dem Einfluss halluzinogener Drogen verfasst worden waren. Seine härtesten Texte, sogenannte „condensed novels“, sind in dem Band „The Atrocity Exhibition“ (1970, dt. als „Die Schreckensgalerie“ und „Liebe und Napalm – Export USA“) zusammengefasst, dessen diverse Ausgaben in den seltensten Fällen sämtliche Storys enthalten …
Seither hat Ballard über 150 Kurzgeschichten und etwa zwei Dutzend Romane geschrieben. Die ersten Romane waren Katastrophen gewidmet, aber derartig bizarr und andersartig, dass sie mit TV-Klischees nicht zu erfassen sind. Bestes Beispiel dafür ist „Kristallwelt“ von 1966, das ich hier aber nicht darlegen möchte, sondern ich verweise auf meine entsprechende Rezension. Äußere Katastrophen (wie die Kristallisierung des Dschungels) wirken sich auf die Psyche von Ballards jeweiligem Helden aus und verändern sie. Dabei stehen die vier Romane „The Wind from Nowhere (1962), „The Drowned World“ (1962), „The Drought“ (Die Dürre, 1964) und schließlich „The Crystal World“ sinnbildlich für Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, ausgedrückt durch die Metaphern Luft, Wasser, Feuer und Erde/Diamant (Kristall). Ballard starb 2009.
_Handlung_
Der Arzt Donald Maitland will gerade von London Heathrow nach Vancouver fliegen, um einer gescheiterten Ehe zu entfliehen, als das Startverbot erteilt wird: Die Scherwinde sind viel zu stark, als dass ein Flieger gefahrlos abheben könnte. Also steigt er wieder ins Taxi und schafft es durch die vielen Staus zu seiner Wohnung. Er hat aber bereits seine Schlüssel an Susan abgeschickt und muss bei sich selber einbrechen. Dabei wird er von Susan und ihrem derzeitigen Lover Sylvester überrascht und niedergeschlagen. Willkommen daheim!
Eigentlich sollte die reiche Alkoholikerin Susan ja in ihrem luxuriösen Haus an der Küste der Lust frönen, doch sie klagt, der aufgekommene Wind habe alle Scheiben bersten lassen, das gestiegene Wasser habe sie sogar vom Festland abgeschnitten. Wie grässlich! Da platzen auch in Maitlands Wohnung die Scheiben, und ein kristalliner brauner Staub bläst herein. Maitland hält hier nichts mehr, schon gar nicht Susan.
Bei seinem Kollegen Andrew Symington, einem Luftfahrtingenieur mit guten Verbindungen, gibt es auch keine guten Neuigkeiten. Luxusdampfer verkehren inzwischen ebenso wenig wie Flugzeuge; man kommt nicht mehr runter von der Insel Britannien. Der Sturm trägt Lössboden aus Tibet und Nordchina nach Europa: 50 Mio. Tonnen davon. Symington erfährt, dass die britische Regierung erste „Vorsichtsmaßnahmen“ plane: Evakuierungen in Bunker und U-Bahn-Schächte. Das Radio berichtet von enormen Verwüstungen in Asien.
|Genua / Nizza |
Der amerikanische U-Boot-Kommandant Lanyon bekommt den Auftrag, von seinem Stützpunkt in genau 240 Kilometer nach Nizza zu fahren und dort einen General aus einem Lazarett abzuholen, der bei einem Flugabsturz schwer verletzt worden sei. Die Fahrt wird bei Windgeschwindigkeit von rund 185 km/h zu einem Himmelfahrtskommando. Nur weil der Wagen schwer gepanzert und geländegängig ist sowie Allradantrieb hat, kommt Lanyons Fahrer überhaupt durch.
Der General ist mittlerweile tot und wird in einem Sarg in den Panzerwagen geladen. Auf der Rückfahrt nimmt Lanyon vier Amerikaner mit, doch sie schaffen es nur bis kurz vor Genua. Der Wagen kippt um, und wer aussteigt, wird vom Sturm weggerissen. Lanyon kann sich mit einer Radioreporterin namens Patricia Olsen in einen Keller retten. Doch wie sollen sie überleben, wenn draußen die Windstärke weiter zunimmt?
|London: die Operationszentrale, die Tunnel |
Über Symingtons Verbindungen ist es Maitland gelungen, bei der Navy als Arzt unterzukommen. Auf diese Weise kann er der Operationszentrale ebenso wie den Menschen helfen. Als er jedoch einem verunglückten kommandierenden Offizier und dessen Sekretärin hilft, entdeckt er in dessen Haus Gasmasken und Minenwerfer, außerdem genug Leute für eine Privatarmee. „Haldoon“ steht auf den Kisten. Die Geräte sind von einem Multimillionär hergestellt worden, der auf dem Lande sein eigenes Bunkersystem angelegt hat, soweit sich Maitland erinnert. Er fragt sich, was dort vor sich gehen könnte.
Die Windgeschwindigkeit ist auf 180 Meilen pro Stunden angewachsen, das sind rund 290 km/h. Sie nimmt pro Tag um 5 Meilen / Stunde zu. Nun standen auch selbst relativ moderne Gebäude dem Winddruck und -sog nicht mehr stand. Die Diensttruppen bewegen sich nur noch in gepanzerten Fahrzeugen durch die dunklen Straßen Londons, und die Zivilisten bewegen sich zwischen Zementsackbarrikaden wie Ratten in dunklen Tunneln, wenn sie zwischen Keller und U-Bahnstation wechseln wollen.
Als er erfährt, dass Susan sich immer noch in seiner Wohnung befindet, eilt er zu ihr. Warum weigert sich die Millionärin, sich in Sicherheit zu bringen? Ist sie denn irre? Sie argumentiert, dass sie nichts mehr mit Männern zu tun haben wolle, die über sie bestimmen. Als er sie packen will, um sie in die Tunnel zu bringen, reißt sie sich los – und wird vom gierigen Sturm hinaus ins Nichts gerissen. Maitland kann gerade noch dem einstürzenden Haus entgehen, als er sich vor verrammelten Tunnelzugängen wiederfindet. Gefangen …
|Unterdessen|
Die Pyramide ist fertiggestellt. Ihr Erbauer blickt zufrieden aus sicherem Versteck auf sein Werk, wo nun weitere Zugangstunnel angebaut werden. Er nennt die Pyramide „Die Tore des Sturmwinds“. Doch zu welchem geheimnisvollen Zweck hat er sie erbaut? Donald Maitland und Captain Lanyon sollen es schon bald herausfinden …
_Mein Eindruck_
Der Autor hat den Roman mit einer Geschwindigkeit von 6000 Wörtern pro Tag an nur zehn Tagen rausgehauen, um das hübsche Sümmchen von 300 Pfund Sterling zu verdienen – anno 1961 noch ein Jahresgehalt wert. (Siehe dazu das Ballard-Interview mit Pringle & Goddard von 1975.) Dementsprechend anspruchslos wirkt die Story auch. Sie unterscheidet sich in beinahe nichts von all jenen britischen Katastrophenromanen, die spätestens seit H.G. Wells‘ „Krieg der Welten“ und John Wyndhams „Die Triffids“ so in Mode gekommen waren.
Immerhin sorgt dieses in fast jeder Hinsicht konventionelle Werk für beste Unterhaltung. Actionszenen und Romantik halten sich die Waage, alles unter dem Alpdruck der bangen Frage: Wird es einen Fortbestand der Menschheit geben? Das Finale steigert das Geschehen noch einmal ins Gigantomanische: Dann wird die Frage beantwortet, ob Hardoons Pyramide der Urgewalt des titelgebenden Sturms standhalten kann oder nicht. Das soll hier aber nicht verraten werden.
Entgegen den Behauptungen anderer Rezensenten gibt der Autor durchaus eine Begründung für diesen immensen Sturm an. Die stetig steigende Windstärke soll die Folge eines ungewöhnlich starken Sonnensturms sein. Das ist zwar ziemlich hanebüchen, entsprach aber damals, anno 1961, wohl dem Stand der Wissenschaft. Immerhin hatte die Astronomie sich gerade dazu durchgerungen, die tropischen Sümpfe auf der Venus, die noch Heinlein & Co. als Abenteuerspielplatz gedient hatten, ins Reich der Phantasie zu verweisen.
Ballards Debütroman (einen anderen Erstling soll er zuvor entsorgt haben) ist ein klassisches Experiment: Was passiert, wenn eine unendlich starke Kraft auf ein Objekt trifft, dessen Widerstand möglicherweise unendlich groß ist? Die Kraft des Sturms nimmt ständig zu, und wir laufend mit Informationen versorgt, welche Bauwerke bei welcher Stärke dem Druck nachgeben. Traurig aber wahr: Auch die Krönung der Architektur in Gestalt von britischen Gebäuden der Londoner City (dito in New York City) geben nach, und selbst Bunker für U-Boote sehen sich dem Einsturz gegenüber.
Muss dann nicht die Errichtung einer großen Pyramide wie pure Narretei wirken? So flach die Figur des Multimillonärs Hardoon auch gezeichnet sein mag, so erfüllt sie doch eine Schlüsselfunktion: Sie beantwortet die Frage, ob irgendetwas von Menschenhand Errichtetes Bestand haben kann – und zwar im Schnellvorlauf. Hardoon agiert aus Trotz und fordert die Götter heraus, wenn es sie noch gäbe. Sein Schicksal liefert eine Antwort auf obige Frage (und soll hier nicht preisgegeben werden). Gleich darauf legt sich der Wind. Q.E.D.
Der absurde Wind ohne Ursache ist ebenso purer Ballard wie die Halluzinationen, unter denen Maitland leidet. Ballard wollte bekanntlich Psychiater werden und kannte sich mit abweichenden Geisteszuständen aus, ebenso mit dem grafischen Surrealismus. Allerdings hält er sich mit symbolischen Umschreibungen in diesem Debüt äußerst zurück, so dass der Roman auch als Drehbuch für einen realistischen Katastrophenthriller dienen könnte.
_Unterm Strich_
Dass der Roman völlig konventionellen Vorgaben gehorcht und voller Klischees der Katastrophenliteratur steckt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es doch mit einem Ballard zu tun haben: Eine einzige Kraft transformiert die gesamte Erde, genau wie in „The Drowned World“, „The Drought“ und „The Crystal World“. Stets hat der Mensch eine Möglichkeit, sich der Landschaft anzupassen, sei es in den Tropen, im Sandmeer oder im Dschungel der Kristallwelt.
Die vorliegende Umwandlung lässt den Menschen jedoch nicht die geringste Chance, sich der entstehenden Landschaft anpassen – denn aus all den Bauwerken des Menschen und allen Formen des natürlichen Lebens entsteht nur eines: Staub. Mit anderen Worten: Die Erde wird so unbewohnbar wie der Mars, aus einem relativen Eden wird eine unbarmherzige Hölle. Nur im allerletzten Augenblick gewährt die Natur den todgeweihten Überlebenden – seien es vier oder 400 – einen Gnadenaufschub. Bis zum nächsten Mal?
Die Figur Hardoons ist sowohl konventionell als auch dramatisch wichtig. Der Millionär fordert die Urkraft des Elementes Luft heraus. Er ist jedoch weder der Magier Prospero noch Kapitän Ahab, sondern ein Trotzkopf, der der unintelligenten Natur etwas selbst Errichtetes entgegenstellt. Wird er damit bestehen oder untergehen? Das sollte man selbst lesen.
|Die Übersetzung |
Bei der Übersetzung durch Gisela Stege kommt keinerlei Freude auf. Allzu sachlich und umständlich formuliert sie die Sätze, die das Original vorgibt, nach. Was aber im Englischen als guter Stil gegolten haben mag (anno 1962), das muss nicht unbedingt für das Deutsche gelten. Ich warte also immer noch auf eine mustergültige Übersetzung.
Taschenbuch: 155 Seiten Originaltitel: The Wind from Nowhere (1962) Aus dem Englischen von Gisela Stege SBN-13: 978-3453305014 www.heyne.de
Nils Holgersson ist ein Tunichtgut. Erst als ein Wichtelmännchen ihn in einen Däumling verwandelt und er sich den Wildgänsen anschließt, machen ihn die vielen Abenteuer bei den Tieren zu einem guten Menschen. Am Schluss revanchiert er sich dafür, zum Lohn wird er in einen Menschen zurückverwandelt.
In einem verlassenen Schacht begegnet der zwölfjährige Fabian zum ersten Mal dem dunklen Vogel, einem geheimnisvollen Wesen aus dem Grenzland zwischen Leben und Tod. Entsetzt ergreift er die Flucht, doch das unheimliche Geschöpf verliert nie seine Spur. Unerbittlich konfrontiert es Fabian mit den Schattenseiten einer Welt, die mehr und mehr aus den Fugen gerät. Erst vierzig Jahre später offenbart ihm der dunkle Vogel sein grausames Geheimnis … (Info des Verlags)
Zur Leseprobe: http://www.frank-haubold.de/docs/leseprobe.pdf
Zum Video auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=YDaPHrjN-fw&feature=share (Achtung: sehr gruselig!)
_Der Autor_
Eigene Angaben: „Ich bin 56 Jahre alt und schreibe seit rund 20 Jahren überwiegend Kurzgeschichten und Erzählungen. Nach dem Abitur habe ich Informatik an der TU Dresden studiert und nach ein paar Jahren Berufspraxis an der Humboldt Universität zu Berlin promoviert. Ich bin verheiratet und lebe mit meiner Frau in einem Dorf namens Waldsachsen nahe der Stadt Meerane auf halber Strecke zwischen Gera und Chemnitz.“
Über sein erstes Buch: „Mein erstes Buch „Am Ufer der Nacht“ handelt von einem jungen Mann namens Robert, der von unheimlichen Träumen heimgesucht wird. Erst nach und nach findet er heraus, daß sie einem bestimmten Muster folgen und ihn letztlich in die Lage versetzen, sich gemeinsam mit seinen Freunden einer drohenden Katastrophe entgegenzustellen.“ Dies war der Ausgangspunkt für „Die Kinder der Schattenstadt“.
Seinen Erzählband „Die Sternentänzerin“ habe ich rezensiert, und die Berichte finden sich im Netz.
_Handlung_
In den letzten Tagen des 2. Weltkriegs vereiteln ehrbewusste Wehrmachtssoldaten, dass eine Vernichtungswaffe Hitlers zum Einsatz kommt: „Thors Hammer“ soll per Rakete einen tödlichen Kampfstoff über deutschem Boden freisetzen und so Freund wie Feind töten. Das Tunnelsystem, in dem sich die Startanlage befindet, wird durch eine Explosion verschüttet. Doch etwas hat überlebt.
Ende der 60er Jahre tut sich in einer sächsischen Kleinstadt die Talstraßenbande zusammen: Fabian, der lange Henry, Damian Martens und andere suchen Abenteuer, im Wald und anderswo. Im Wald stoßen sie auf einen abgeschlossenen Schacht, in dessen Grund ein unheimliches Licht leuchtet.
Weil sie ihn einen fetten Feigling genannt haben, gibt Damian vor, allein in das Tunnelsystem einsteigen zu wollen. Als der „Dicke“ tagelang der Schule fernbleibt, entschließen sich die anderen, ihn zu suchen und Fabian steigt in den Schacht ein. Im Tunnelsystem trifft er auf einen riesigen Raubvogel und entkommt ihm mit knapper Not. Er ahnt nicht, dass ihn der Vogel vor etwas Schlimmem bewahrt hat. Weil Damian sie in die Irre geführt hat, verprügeln sie ihn, was er ihnen niemals verzeiht. Wenig später stirbt seine Großmutter unter mysteriösen Umständen…
Die Jahre gehen ins Land. Fabian verliebt sich in Lena, doch gerade als er am Ufer eines Waldsees mit ihr schlafen will, stürzt ein Raubvogel herab, um ein Kaninchen zu schlagen. Aus ist’s mit der trauten Zweisamkeit, und ihrer beider Lebenswege trennen sich. Fabian muss für 18 Monate zum Militär. Dort bekommt er es mit Typen wie Gronau zu tun, die Spaß daran haben, Schwule wie Conrad Weissenberg fertigzumachen. Am Tag nach einer Alkoholbeschaffungsaktion an Heiligabend wird Weissenbergs Leiche entdeckt. Selbstmord, heißt es, doch Jahre später wird Fabian eines Besseren belehrt.
Während sich Damian Martens mit Hilfe eines dunklen Wesens, seines „Schattenbruders“ Rico seiner Mutter und seines Stiefvaters entledigt und sich anschließend unrechtmäßig ein Vermögen aneignet, findet Fabian seine Bestimmung im Schreiben von Romanen – eine brotlose Kunst. Als nach der Wiedervereinigung ein westdeutscher Luftfahrtkonzern namens Aerotron, der Damian Martens gehört, auf dem ehemaligen russischen Flugplatz eine Fabrik errichtet, die ungewöhnlich scharf bewacht wird, beginnt sich Fabian für die Vorgänge zu interessieren. Er sieht den langen Henry wieder, der wenig später Fotos vom Inneren der Fabrik macht: Hier wird ein Tarnkappenbomber gefertigt!
Bei einem Klassentreffen entkommen Fabian und Lena um Haaresbreite einem Anschlag, weil sich wiederum ein Raubvogel einmischt. Doch Henry hat nicht soviel Glück: Er wird von Martens‘ Handlangern ermordet und auf einem Schrottplatz „entsorgt“, Martens bereitet indes den entscheidenden Einsatz seines Tarnkappenbombers vor.
Unterdessen erhält Fabian eine aufregende E-Mail aus den USA: Der Bruder des toten Conrad Weissenberg, David, bestreitet kategorisch, dass Conrad Selbstmord begangen habe; ihre Religionsgemeinschaft verbiete dies strengstens. Vielmehr verhalte es sich so, dass sich das Böse immer weiter ausbreite, und nur drei Auserwählte könnten ihm Einhalt gebieten: der Falke, der Träumer und die Löwin. Diese würden von den Hütern beschützt, Geistwesen in Raubvogelgestalt. Jetzt endlich ahnt Fabian, um was es geht: Ist er vielleicht der Träumer aus dieser Legende (oder was immer es ist)?
Wenige Tage später ist auch David Weissenberg tot, genau wie er es vorhergesehen hat. Gemäß seinen Anweisungen speichert Fabian den Mail-Anhang und löscht die Mail. Doch er rätselt, wie er den „Sendboten der Finsternis“ entgegentreten soll, sollte er wirklich einer der drei Auserwählten sein?
_Mein Eindruck_
Vierzehn Jahre hat der Autor an diesem Roman gearbeitet, will man seinen Angaben im Nachwort glauben. Ursprünglich 1997 unter dem Titel „Das Ufer der Nacht“ veröffentlicht, war das Buch ein Episodenroman. Und so mutet uns auch das Buch in seiner heutigen Form an. Immer wieder hat der Autor daran Szenen verändert, musste aber – zu unserem Glück einsehen – dass damit kein Erfolg zu erreichen war. Und so schrieb er wohl ganze Kapitel neu.
Das Endergebnis von 14 Jahren Arbeit kann sich durchaus sehen lassen, ist solide gebaut und erzählt, doch würde man ihm noch ein weiteres Jahrzehnt der Genese wünschen. So wechselt in einem frühen Kapitel eine der Figuren plötzlich ihren Namen von Lothar zu Roman und wieder zu Lothar. Auch die Geographie würde man sich deutlicher wünschen, denn eine Landkarte fehlt. Nur wenn vom „Totenwald“ oder „Hammerholz“ die Rede ist, ahnen wir, dass hier die Nazis ihre Tunnel gebaut – und gesprengt – haben.
|Aufstieg des Bösen|
So etwa wird der Aufstieg des „Dicken“ Damian Martens nur im Ansatz erzählt, sein restlicher Aufstieg zum unumschränkten Herrscher des Bösen in Europa wird lediglich im Spiegel der Begegnungen mit ihm sichtbar. Er ist ein Besessener, und wir müssen wohl annehmen, dass der böse Geist „Riccardo“, der ihn lenkt wie ein zweites Bewusstsein, die Zerstörung der Welt im Sinn hat. Der Bürgerkrieg in Russland und der Krieg im Nahen Osten sind nur ein Anfang, die Schutzkuppel über Europa erweist sich als zweischneidiges Schwert – als Gefängnis nämlich.
|Das Team der Guten|
Der böse Geist, der in Damian gefahren ist, hat jedoch einen Widersacher, einen Hüter, der den Werdegang seiner Schützlinge lenkt und behütet. Seine Gestalt ist die eines Raubvogels, und Fabian begegnet ihm ebenfalls in dem unterirdischen Tunnelsystem. Gut gegen Böse – diese Konstellation tritt uns in jedem besseren Horror-Roman, der nicht auf Splattereffekte aus ist, entgegen.
Merkwürdig ist lediglich, dass Fabian, Lena und Martin, die den Inkarnationen „Falke, Löwin und Träumer“ entsprechen, weder selbst über ihre Rolle reflektieren, noch sich, wie jeder vernünftige Mensch es täte, untereinander darüber unterhalten. Bevor sie sich zum Showdown mit Damian begeben, scheinen daher die Figuren mehr dem Willen ihres Schöpfers zu gehorchen als einem inneren Drang. Wollen sie Europa befreien? Nein. Wollen sie dem Guten zum Sieg verhelfen, dem drohenden Grauen Einhalt gebieten? Auch nicht, denn nun, nachdem sie alles verloren haben, wollen sie lediglich dem Spuk ein Ende bereiten; dem Spuk, den Damians Aerotron AG über sie und ihre Heimat gebracht hat. Dafür sind sie bereit, ihr Leben zu geben. Ein Himmelfahrtskommando also.
|Geschichte und Generation|
Wer nun an Stephen Kings Horror-Klassiker „Es“ denkt, liegt nicht verkehrt. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte, zwischen den beiden Generationen liegen vierzig Jahre (wie der Klappentext suggeriert). Es könnte Zufall sein, aber genauso lange hatte auch die Deutsche Demokratische Republik Bestand. Wir haben es also nicht nur mit einem Horror-Roman zu tun, sondern auch mit einem alternativen Geschichtsverlauf.
Thema ist europäische und spezifisch deutsche Geschichte aus dem Blickwinkel der DDR-Bevölkerung, was bei einem Autor aus Ostdeutschland sicherlich nicht verwundert. Damit kennt er sich aus. Genau berichtet er von den Zuständen in der Nationalen Volksarmee, lässt aber das Spitzelwesen der Stasi ziemlich außer Acht. Dass Republikflucht jedoch in Sippenbestrafung resultierte, ist nur ein Aspekt des Stasi-Staats, der erwähnt wird. Damian wächst in Westdeutschland auf – und begeht doch seine erste (?) Mordtat.
|Nazi-Erbe|
Das giftige Erbe der Nazis bildet den Anfang und das Finale des Romans. Damian hat die kampfstoffbeladenen Raketen von „Thors Hammer“ reaktiviert und will die tödliche Waffe endlich auf Europa loslassen. So schließt sich der Kreis. Die symbolische Bedeutung kann dem Leser nicht verborgen bleiben: Das Nazi-Erbe wurde in der DDR offensichtlich nur begraben statt aufgearbeitet.
|Epilog|
Das Finale ist noch nicht der Schluss des Romans. Der Epilog spielt in einer Post-Holocaust-Epoche etliche Jahre danach. Doch die Raketen der Vorzeit sind immer noch aktiv. Und wer weiß, was noch über kommende Generationen kommen kann. Eine Nachfahrin Lena Kronbergs, der „Löwin“, hat keinen wissenschaftlichen Begriff mehr für die „bösen Geister und Dämonen“ der Vergangenheit, die allenthalben im Boden zu finden sind – eine Reflexion der Urszene, die Fabian und Damian in den Nazitunneln erleben.
_Unterm Strich_
Der Roman erzählt den 40 Jahre dauernden Kampf von Menschen, die einst einer Kinderbande in Sachsen angehörten, gegen den Abtrünnigen, den sie zu Beginn, in den sechziger Jahren, verprügelten und aus ihrem Kreis ausstießen. Er rächt sich furchtbar, indem er einen von ihnen nach dem anderen umbringen lässt. Doch sein besessener Racheplan reicht viel weiter: Er hat die Vernichtung des Abendlandes und der Welt mit Hilfe arabischer Terroristen im Sinn. Wissentlich oder nicht, erfüllt er damit den letzten Willen der Nazis aus den letzten Tages des Zweiten Weltkriegs. Es ist kein Zufall, dass sich Damian, der Rächer, mit islamistischen Terroristen und Killern zusammengetan hat.
„Kinder der Schattenstadt“ ist sowohl Horrorroman als auch alternativer Geschichtsverlauf, ein Generationenroman wie auch eine pazifistische Warnung vor dem Holocaust, zu dem die Menschheit in der Lage ist. Der Autor hat auf viel Realismus geachtet, deshalb findet man wenig Mystik darin. Das wiederum macht Fabians Visionen vom Wächter, der ihn warnt, umso auffälliger.
Der Haken ist, dass Fabian diese Ebene verdrängt als sie in sein Leben zu integrieren. Er wird keineswegs ein kauziger Seher, sondern bleibt einer der „Stillen im Lande“, ein Beobachter, wenn auch ein Erzählender. Schön ist, dass er in der Thai-Boxerin Sirien eine liebende Beschützerin findet. So können ihn Damians Schergen nicht erreichen. Aber warum spricht er nicht mit ihr über den Wächter und die Rolle, die ihm dadurch zugewiesen worden ist?
Fabians verhinderte Liebesgeschichte mit Lena Kronberg lässt sich gut an, wird aber spektakulär abgebrochen. Erst kurz vorm Finale gönnt ihnen ihr Schöpfer eine Liebesnacht im Biwak, um vor dem Showdown Abschied zu nehmen. Das ist alles andere als romantisch. Und Lenas Abgang ist alles andere als heroisch, sondern eher banal.
Die Wünsche des Lesers, die Hauptfiguren zu Helden zu stilisieren, werden also alle abgeblockt. Das mag gut für die Glaubwürdigkeit sein, mindert aber den Unterhaltungswert beträchtlich. Die Action im Showdown ist klasse geschildert und führt auch zum verdienten Erfolg, aber man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass sie lediglich dazu dient, dem Ganzen endlich den ersehnten Abschluss zu verleihen.
Noch ein wenig mehr Arbeit, und aus diesem Roman wäre eine homogenere Geschichte geworden, die durch mehr Tiefgang größeren Eindruck hinterlassen würde. Aber nach 14 Jahren musste ja wohl mal Schluss sein.
Buch 1: „Das Schwert im Stein“ (1938)
Buch 2: „Die Herrin von Luft und Dunkelheit“ (1939)
Buch 3: „Der missratene Ritter“ (1940)
Buch 4: „Die Kerze im Wind“ (1958)
Buch 5: „Das Buch Merlin“ (1977)
Die beste Version der Artus-Legende
Auch dies ist eine Verarbeitung der Artus-Legende, die eigentlich eine französische Erfindung war – und eigentlich die beste, einfallsreichste und vergnüglichste überhaupt. T. H. White hat sein Epos über 20 Jahre hinweg von 1938 bis 1958 geschrieben, also länger, als Tolkien für den „Herrn der Ringe“ benötigte.
Krönender Abschluss der Gesammelten Werke, aber teils überflüssig
Mit dem vorliegenden Band liegen, nach „Der Zeiter“ und „Partner fürs Leben“, sämtliche Erzählungen von Wolfgang Jeschke in einer dreibändigen, vom Autor durchgesehenen und mit Nachbemerkungen versehenen Ausgabe vollständig vor. In „Orte der Erinnerung“ wurden alle Erzählungen (nicht die Hörspiele) aus dem Sammelband „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“ aufgenommen, ergänzt um die 2010 in dem Shayol-Magazin „Pandora“ erschienene Titelnovelle.
»So bewundernswert der Erfolg des Herausgebers Jeschke ist, so hinderlich war er für den Autor Jeschke, der nur in der Freizeit und während des Urlaubs zum Schreiben kam. Erstaunlich genug, was er in dieser Zeit trotzdem hervorbringen konnte! Erst in jüngster Zeit, nachdem er 2002 sein Amt bei Heyne aus Altersgründen zurücklegte, kann er sich unbehindert den schriftstellerischen Aktivitäten widmen. Und das ist nicht nur erfreulich für ihn, sondern auch für seine Leser. Ich warte mit Spannung auf das, was wir von Wolfgang Jeschke noch erwarten dürfen.« Herbert W. Franke in seinem Vorwort.
Der Autor
Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science-Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science-Fiction Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1973 bis 2002 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Sein erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) und befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.
Der Shayol-Verlag hat alle seine Erzählungen in drei Bänden veröffentlicht:
1) Der Zeiter
2) Partner fürs Leben
3) Orte der Erinnerung
Die Hörspiele fehlen in diesen drei Bänden.
Die Erzählungen
_1) Yeti (1980, erschien in PLAYBOY)_
Ein Promoter verleitet zwei Bergsteiger, der Philosophie Reinhold Messners zu folgen, der Sauerstoffgeräte ablehnte, aber noch einen draufzusetzen: keine Schutzkleidung, keine Zelte, keine Helme – kurzum: nur den nackten Adam. Die Methode ist einfach: Gen- und Hormonbehandlungen sollen unseren zwei Helden u.a. einen Pelz wachsen.
Die zwei Bergsteiger haben den Termin die Mount-Everest-Besteigung bereits in der Tasche, müssen sich also ranhalten. Doch im 21. Jahrhundert ist die Gentechnik schon weit fortgeschritten, und so dauert es nur fünf Monate, bis ein wärmender Pelz gesprossen ist. Die Tour beginnt am Golf von Bengalen: Keine Helikopter tragen unsere Helden zum Basislager, nein, Sir, sondern sie legen den ganzen Weg zum Gipfel auf Schusters Rappen – Moment: stimmt ja gar nicht! Mit Hilfe ihrer Krallen und harten Fußsohlen brauchen sie weder Schuhe noch Kletterhilfen. Der Gipfelsturm ist also gesichert.
Ein Bergsteiger aus Simbabwe, der ihnen unter dem Gipfel begegnet, erkennt die Wahrheit, wenn er sie sieht und murmelt bestürzt: „Yeti …“
|Mein Eindruck|
Die witzige Story ist Reinhold Messner gewidmet, dem Gröbaz, also dem größten Bergsteiger aller Zeiten. Er propagiert „fair means“, also nur faire Mittel, die zum Bergsteigen eingesetzt werden sollten, daher die Ablehnung von Sauerstoffgeräten. Die Story setzt noch einen drauf und macht aus Gipfelstürmern Yetis. Folgerichtig titelte der PLAYBOY: „Nackt zum Gipfel“.
Während das Thema, die genetische Aufrüstung des Menschen, auf die Schippe genommen wird, so macht die Story Spaß, weil die Szenen wirklich authentisch wirken, so etwa sprachlich. Der Epilog liefert die Pointe: Die beiden Helden werden im Stich gelassen und ihr Fell nicht mehrlos – sie haben sich buchstäblich zum Affen machen lassen.
_2) Dokumente über den Zustand des Landes vor der Verheerung (1981)_
Man schreibt das Jahr 2436 im Jahre der Fleischwerdung Gottes, also genau 442 Jahre nach der „Verheerung des Landes“ anno 1994. Das „Land“ ist wieder auf frühmittelalterliches Niveau herabgesunken, nachdem Strom und Öl, Gas und Kohle sowie Medizin aufgebraucht worden sind. Lediglich Dampfkraft lässt sich noch erzeugen – mit Holz, versteht sich.
Ein kranker Pilger berichtet von einer neuen Seuche im Norden, als er in Österreich am Reschenpass eintrifft. Der Abt von Reschen weist ihm ein Quartier im abgelegenen Hungerturm zu, bei den Mutanten und vermutlich Kranken. Der Reisende namens Heike oder Haike, der von der Saar gekommen ist, hinterlässt ketzerische Schriften aus der Zeit vor der Verheerung. Diese Schriften stammen aus Garching bei München, erstellt von „Mäd saientists“, welche wenig später von Truppen des Bischofs von Freising niedergeworfen und in die Bergwerke von Salzburg verkauft wurden.
|Mein Eindruck|
Die Dokumente beschreiben, wie es dazu kommen konnte, dass ein mit biologischen Waffen geführter Krieg ausbrechen konnte. Sie beginnen 1972 mit den Vorhersagen und Warnungen des Club of Rome, konzentrieren sich aber auf das Jahr 1980, als die Umweltschutz- und Anti-Atom-Bewegungen zur Gründung der Grünen führen und extrapolieren dann einen Geschichtsverlauf, der in der Verheerung endet. Viele der Dokumente stammen aus SPIEGEL, ZEIT und VDI-Nachrichten, umfassen aber auch direkte Vorträge und Graffite, ja, sogar ein Zitat aus John Brunners Roman „Morgenwelt“.
Ist das wirklich eine Erzählung, fragt sich der Leser zu Recht. Die Auszeichnung mit dem Kurd-Laßwitz-Preis 1981 muss ja gerechtfertigt gewesen sein. Dazu ist eine Eigenleistung erforderlich. Diese besteht m.E. nicht nur in der Rahmenhandlung, sondern besonders auch in der Auswahl der Texte. Diese beleuchten Probleme wie Überbevölkerung, Energieversorgung (bes. Kriege ums Erdöl), Nahrungsmittel, Gentechnik, Nuklearenergie, Aufrüstung, Umweltverschmutzung usw., also alles Probleme, denen wir uns auch heute noch gegenübersehen, 30 Jahre danach.
Der Aufstieg der Informatik und der Massenkommunikation wird nur in Ansätzen registriert, aber immerhin. Das i-Tüpfelchen sind die letzten Texte, vorgebliche Reden von Amerikanern, die aus den neunziger Jahren datieren – und ergo erfunden sind. Darin lässt der Autor die Nutzung von Solarenergie, die von Weltraumspiegeln zur Erde geleitet wird, als unabdingbar bezeichnen – Stoff für eine Debatte.
Die Rahmenhandlung ist alles andere als skurril. Wenn die Kultur auf den strengkatholischen Glauben und dessen Diktate zurückfällt, dann hat das seinen guten Grund: Schutz und Segen erhoffen sich die wenigen Überlebenden. In dieser Hinsicht ähnelt die Rahmenhandlung Carl Amerys Bestseller „Der Untergang der Stadt Passau“ (siehe meinen Bericht) und Georg Zauners Roman „Die Enkel der Raketenbauer“.
|3) Osiris Land (1982)|
Man schreibt das Jahr 2036 n.Chr. und ein paar wenige Jahre nach dem atomaren und biologischen Holocaust, der mehreren Milliarden Menschen das Leben gekostet hat. An den Rändern der noch bewohnbaren Gebiete in der westlichen und mittleren Sahara treten in den verseuchten Gebieten Mutanten auf. Die Einheimischen töten sie aus Gründen des Selbstschutzes.
Die Geschichte wird erzählt von Beschir, einem Jungen aus einem Dorf in der Sahel-Zone. Seine auf die äußere Welt gerichteten Beobachtungen werden ergänzt von den Tagebucheintragungen eines Weißen, der aus dem unverseuchten Südafrika bereits Tausende Kilometer quer durch Afrika gezogen ist. Sein Name: Master Jack. Sein Ziel: das weitere Tausende Kilometer entfernte Ägypten oder was davon noch übrig ist, nachdem der zerstörte Assuan-Staudamm alles Land unter seinen ungeheuren Wasser- und Schlammassen begraben hat. Dort wurden merkwürdige Lichterscheinungen beobachtet: Raumfahrt in Zeiten nach der Apokalypse?
Zusammen mit einem Führer und Beschir als Helfer zieht Master Jack von Dorf zu Stadt, von Brunnen zu Fluss, stets die Zerstörungen beobachtend, die weißen Eunuchen-Sklaven und reichen Potentaten, die selbstherrlichen Flusskapitäne und die kannibalischen Einheimischen an den Ufern des Nils. Und schließlich treffen Jack und Beschir auf Außerirdische, Vorbilder für die altägyptischen Götter. Während Jacks Seele mit ihnen ins Herz der Galaxis fliegt, bewegt sich sein androider Körper, sein Bewusstsein mit Beschir zurück nach Südafrika.
|Mein Eindruck|
In Jeschkes wunderbar stimmungsvoll erzähltem Expeditionsbericht treffen der Orient aus Karl Mays Reiseerzählungen und die surrealen Landschaften James G. Ballards („Kristallwelt“) aufeinander und bilden eine eigenartig faszinierende Kombination, deren Zauber man sich nicht zu entziehen vermag. Die Erzählung weist den Autor als guten Stilisten und Fabulierer aus, der seine Figuren und ihre Welt mit Leben zu füllen vermag.
Doch unter der orientalisch-märchenhaften Oberfläche wartet das Grauen des Holocaust, das dem Leser vor allem durch die Tagebucheintragungen Master Jacks vermittelt wird – die Berichte, wie es den wenigen verzweifelten Überlebenden erging, die an Nordafrikas Küsten Zuflucht suchten und dort allesamt erschlagen wurden. Doch den dortigen Potentaten nützte diese „Schutzmaßnahme“ nichts, denn die Zugvögel brachten die Erreger der Beulenpest dennoch ins Land.
Wie es zu diesem globalen ABC-Krieg kommen konnte, zeichnet der Autor mit dem Kenntnisstand der Entstehungszeit Anfang der 80er Jahre (Iranische Revolution 1979) nach. Diese explosive politische Lage führte zwar zum Glück nicht zu einem Weltkrieg, wohl aber zu drei Golfkriegen. Und wer weiß: Wenn Oberst Gaddafi damals die Bombe gehabt hätte, als die Amerikaner Tripolis bombardierten…
_4) Wir kommen auf Sie zu, Mister Smith (1983)_
Ein Personalleiter bekommt den Bewerber Winston Smith [so heißt die Hauptfigur in Orwells Roman „1984“] gemeldet. Soll eine Minute warten, lässt er seine Sekretärin ausrichten. In dieser Zeit liefert ihm sein Rechercheur Rechmann per Datenleitung und telefon sämtlichen relevanten Daten über Smith, seine Frau und das Kind, die Autos, die Hypothek, die vorherigen Firmen und die anhaltende Arbeitslosigkeit.
Er empfängt Smith kurz und sagt ihm dann, er käme wieder auf ihn zu. Sobald Smith gegangen ist, versieht er dessen Bewerbung mit dem Vermerk: „ABSAGEN.“ Smith zeigt ihm viel zu wenig Selbstvertrauen, um ihn auf den Posten eines Projektleiters zu setzen. Und der nächste Bewerber wartet schon.
Mein Eindruck
Der Pfiff an dieser Geschichte ist nicht die banale Handlung, sondern die Art der Datenbeschaffung. Rechmann scheint ein „Hacker“ zu sein, der schon mal illegal Daten abzapft, so etwa bei Sparkassen-Halbjahresabschlüssen. Es geht also um den „gläsernen Bürger“. Heute mutet diese Methode vorsintflutlich an. Jeschke schrieb die Story für eine Anthologie zum Orwell-Jahr 1984, um vor den Auswüchsen zu warnen. Heute ist die Lage für den Datenschutz trotz aller moderner Gesetze keinen Deut besser geworden, hat man den Eindruck.
_5) Nekromanteion (1985)_
Anfang des 21. Jahrhunderts ist es Wissenschaftlern gelungen, nicht nur Objekte zu kopieren, zu speichern und zu übermitteln, sondern auch komplette Lebewesen, darunter auch Menschen. Die MIDAS genannte Technologie ist jedoch, wie jede Aufzeichnungstechnik, nicht perfekt. Die menschlichen Kopien, die z. B. in ferne Raumfahrzeuge gesendet werden, erweisen sich als nur für kurze Dauer lebensfähig und es kommt zu schweren Fehlern.
Die US-Regierung, die Milliarden in das Projekt gesteckt hat, stellt es ein. Dafür kauft das Privatunternehmen Nekromanteion Inc. die Rechte und bietet in aller Welt einen neuen Service an: die Wiederauferstehung der Toten. Der einmal aufgenommene Tote (Jargon: Record) wird zu beliebigen Zeiten als Kopie neu erstellt, damit seine Angehörigen etc. ihn treffen können.
Solch ein Nekromanteion gab es vor 2500 Jahren am Fluss Acheron, der in der westgriechischen Provinz Epirus aus den Bergen in die Adria fließt. Damals bezeichnete er die Grenze zum Totenreich und es gab einen florierenden Kult von Priestern, die den Besuchern gegen hohes Entgelt eine Begegnung mit dem lieben Verstorbenen verschafften – ein aufgelegter Schwindel.
Nun bekommt die Familie Katsunaris, die Nekromanteion Inc. ein Grundstück am Acheron verkauft hat, ein Sonderangebot: die kostenlose Aufzeichnung von Opa Kristos. Die Söhne des Alten, darunter unser Chronist Apostoles, sind schlüssig, bis schließlich die Tochter Elena, die das Gasthaus führt, entscheidet, dass einem ja so viel Geld nicht in den Schoß fällt.
Also fährt Apostoles, mittlerweile schon in den Fünfzigern, den Alten zum Institut, auf dass er gescannt werde. Es ist nichts dabei. Und geschah gerade noch rechtzeitig, denn schon im gleichen Herbst segnet Opa Kristos das Zeitliche und wird im Nekromanteion beigesetzt. Vorerst. Zu seinem hundertsten Geburtstag anno 2034 macht sich die gesamte Sippe auf den Weg, um seiner Wiederauferstehung beizuwohnen und seinen Geburtstag zu feiern. Es wird ein Fiasko …
|Mein Eindruck|
Die sehr anrührende und anschauliche Erzählung verweist bereits auf den Roman „MIDAS oder Die Auferstehung des Fleisches“ voraus, der 1993 bei Heyne erschien (aber vorher bereits woanders). Bemerkenswert sind nicht nur die Entsprechungen zwischen Antike und Gegenwart bzw. naher Zukunft, sondern auch die schier unmerkliche Überbrückung der Lebenszeiten der Sippe Katsunaris. Am Anfang ist Apostoles, der Erzähler, noch selbst ein junger Mann, der mit einer deutschen Archäologin schöne Schäferstunden pflegt. Am Schluss ist er selbst über siebzig und ein schläfriger alter Kerl, der als einziger Sohn keine Kinder hat.
Während eine neue Flechte sämtliche Betonbauten ringsum und auf der Welt in Trümmer fallen lässt und die Region wieder in antike Verhältnisse versinkt, stellt das Nekromanteion heute wie damals einen großen Schwindel dar. Doch die Kritik richtet sich wie zu erwarten nicht etwa gegen den Betrug an den zahlenden Lebenden. Vielmehr erweist sich die unausgereifte Technologie als mieser Verrat an den Toten selbst: Ihre zeitweilige Wiederauferstehung gerät schon nach wenigen Stunden zu einer widerwärtigen Farce mit grausigen Untertönen. Man muss es gelesen haben, um es zu glauben.
Der Tod und die mehrfach zitierte „Hinfälligkeit des Fleisches“ ist das Generalthema, aber auch die ständige Erneuerung durch Kinder. Von einem trügerischen Idyll, das erotische Intermezzi kennt, führt der Weg der Erzählung geradewegs zum Horror einer Farce der Auferstehung. Der Eindruck, den die Erzählung hinterlässt, hallt noch lange nach.
_6) The Mississippi Straightforward Society (1988)_
Die titelgebende Unternehmensberatung stellte dem Verlagsleiter Rolf Heyne aus Anlass des 30-jährigen Verlagsjubiläums (1958-1988) herrliche Wachstumszahlen in Aussicht. Schon Mitte des 21. Jahrhunderts würden die Heyne-Lagerkapazitäten den Regierungsbezirk Oberbayern abdecken und anno 2100 die Grenzen des Deutschen Reiches im Jahr 1937 überschreiten. Desgleichen tolle Wachstumsraten würden die Personalentwicklung, die Anzahl der Außenrepräsentanten, der monatlichen Buchtitel (über 1 Million in 2100) und natürlich des Holzverbrauchs aufweisen!
Doch dieser Wahnsinn hat Methode, nämlich die von Mark Twain. In dessen Buch „Das Leben auf dem Mississippi“ findet sich bereits die benutzte Extrapolationsmethode, abgeleitet vom erstaunlichen Trend des Vaters der Ströme, sich zu verkürzen. Durch Begradigung (daher auch „straightforward“) verliert der Strom im Schnitt soundso viele Kilometer. In wenigen Jahren, so ergibt sich daraus, dürften die Städte Cairo (Oberlauf) und New Orleans (Mündungsdelta) nebeneinanderliegen!
|Mein Eindruck|
Auch dieser scherzhaft gemeinte Text ist ein Beitrag zu einer Anthologie, nämlich zum „Rolf Heyne Taschenbuch“ 1988. Nach dem anfänglichen Marketinggesülze legt der Schreiber richtig los. Die prognostizierten Wachstumsresultate sind aberwitzig. Es wird angenommen, dass es keinerlei Grenzen des Wachstums geben werde. Tatsächlich wurde der Heyne-Verlag schon zwölf Jahre später, nach einer Fusion mit List und Ullstein (genannt „HEUL“) an den Bertelsmann-Konzern verkauft. Nix war’s mit Wachstum.
Doch das ist nicht der Punkt. Dem Autor geht es um die Bloßstellung der Beraterphilosophie, dass unbegrenztes Wachstums- und Profitstreben allein positiv sei. Egal, dass der Wald dabei dran glauben muss – ein Ende des Waldsterbens ist dadurch garantiert: positiv!
_7) Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan (1990)_
Die Schweizer Garde des Vatikans schiebt wieder mal eine anstrengende Nachtschicht. Während eine Hologrammprojektion die stille Erhabenheit des Petersplatzes vorgaukelt, schiebt ein Baufahrzeug mit seiner riesigen Schaufel Tausende von Leichen zusammen auf einen vier bis fünf Meter hohen Berg. Es handelt sich um fast 45.000 Babyleichen. Sie wurden aus allen Teilen der Welt hierhertransport, um entsorgt zu werden – gen Himmel.
Am Morgen ist die harte Arbeit geschafft. Die ersten amerikanischen Touristen besuchen den Petersplatz, der nun wieder leer und erhaben daliegt. Nur ein Vietnamveteran schöpft Verdacht: „Hier riecht es nach Tod, nach frischem Tod.“ Lang lebe Giovanni Paolo Secondo, der neue Papst.
|Mein Eindruck|
Die erstmals 1993 im kurzlebigen Magazin „Solaris“ veröffentlichte Erzählung ist eine bittere und mitunter eklige Anklage der päpstlichen Botschaft, dass alles Leben heilig sei und Abtreibung folglich eine Sünde, ebenso wie Empfängnisverhütung. Dem Dogma stellt der Autor die abstoßende Realität entgegen: Babys als Heroinversteck für Schmuggler missbraucht, Jungs und Mädchen als Kindersoldaten in Rebellenkriegen verheizt, der Babystrich in Asien und Afrika, Babys als Ersatzteillager für Organhändler, und noch vieles mehr (diese Untaten wurden den Nachrichten entnommen, versichert der Autor).
Zweifellos ist dies eine von Jeschkes wichtigsten und umstrittensten Geschichten, so umstritten offenbar, dass er es nötig fand, bei jedem Abdruck (auch beim Ersten) ein zweiseitiges Vorwort voranzustellen, um seinen Standpunkt klarzustellen.
_8) Die Sonne des Anaximandros (2008)_
Der Neuling Dr. Scribner stellt den Dr. Katsaros, einen Veteranen unter den Exobiologen, zur Rede, was die Erkenntnisse über das Leben auf den beiden Welten Qurat und Zaqra anbelangt. Während Katsaros infrage stellt, dass man auf den Welten intelligentes Leben gefunden habe, wagt Scribner doch auf einige ungewöhnliche Beobachtungen hinzuweisen, die genau dies nahelegen …
Es wurden doppelflügelige Riesenlibellen beobachtet und untersucht, deren Gehirn verstümmelt war. Und es schien, als ob Passagiere davon abgesprungen wären, als sie eingefangen wurde. Außerdem fand sich DNS, die auf Qurat wie auf Zaqra identisch war. Wie so etwas möglich sei, wenn die Evolution nicht den gleichen Ursprung hatte?
Nach einem kleinen Intermezzo bei den intelligenten, aber eben sehr kleinen Bewohnern von Qurat kehrt die Erzählung zu Katsaros und Scribner zurück. Der Veteran schockt seinen Besucher, indem er seinen halbierten Körper von einem Sockel zu einem anderen versetzt. Tja, das ist der Preis der Forschung. Katsaros hat sein Opfer gebracht, und was für ein Unmensch wäre Scribner, wenn er ihm dieses Opfer einweihte, indem er Katsaros‘ berufliches Verdienst schmälerte?
|Mein Eindruck|
Wie schon im Hörspiel „Jonah im Feuerofen“ (in dem Erzählband „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“) beschäftigt sich der Autor hier mit der Unfähigkeit von Spezies, einander zu erkennen. Das Besondere dabei: Diese Unfähigkeit betrifft diesmal nicht nur die Menschen und ihre wissenschaftliche Methode, sondern auch die Aliens, die sich die Existenz von riesigen Ungeheuern, die intelligent sind, gar nicht vorstellen können. Es ist das alte Gulliver & Lilliput-Problem, verstärkt durch den hierarchischen Konflikt zwischen Neuling und Veteran, wobei der Veteran immer auf seine Meriten pochen kann.
Auch dieser Text war eine Auftragsarbeit, die aus Fragmenten entstand. Dementsprechend rudimentär wirkt der erzählerische Aufbau, und von einer Handlung kann nicht gesprochen werden. Es ist noch nicht mal ein sokratischer Dialog, sondern einfach ein Austausch konträrer Ansichten.
_9) Ein Ruf aus der Dunkelheit (2010)_
Isaiah lebt auf einer Welt im Sagittariusarm der Milchstraße, zusammen mit anderen Klosterschülern. Sie sind alle Horcher, die empathische Rufe von weither empfangen können, und zwar im gleichen Augenblick, selbst wenn millionen Lichtjahre zwischen Sender und Horcher liegen.
Im Unterschied zu seinen Klosterschülern ist Isaiah schon tausend Erdenjahre alt, denn er ist fast mit Lichtgeschwindigkeit hierhergereist, und die Zeitdilatation besorgte den Rest. Nachdem er ihnen vom Tag, als er entdeckt und abgeholt wurde, erzählt hat, besteigen sie das wandernde Kloster und begeben sich auf den Berg tausende Meter über dem Meer. Zusammen mit fünf anderen Klöstern der Horcher triangulieren sie den Ursprungsort eines fernen Rufes, der aus der Dunkelheit kommt, aus einer anderen Galaxie …
|Mein Eindruck|
Wie schon in seinem Kurzhörspiel „Happy birthday, dear Alice! Happy birthday, dear Anne!“ (in „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“) geht es auch hier um das Thema der Horcher, die instantane Verständigung ermöglichen. Waren es dort Klonschwestern, so sind es hier einfach begabte Jugendliche. Die Erzählerin ist ein Mädchen, es hört dem alten Isaiah zu. Das Kloster ist ein Lebewesen und mit dem Bergkloster in der Jeschke-Erzählung „Das Geschmeide“ verwandt. Sein Name „Hièn trén máy“ ist übrigens vietnamesisch und bedeutet „das in den Wolken wohnt“.
Auch diese Story war eine Auftragsarbeit, diesmal zum Thema Verständigung mit Aliens. Wie so häufig mangelt es auch diesem Text an Handlung.
_10) Orte der Erinnerung (o. J., nach 2005)_
Der Kunstmaler Howard Szajnberg ist mit der erfolgreichen Hirnchirugin Yude Rice verheiratet, als die merkwürdigen Vorfälle beginnen. Erst hat sie einen sich wiederholenden Traum von einem schönen Tal, in dem aber zwei Zeiten nebeneinander existieren. Dann erhalten sie beiden anonyme Anrufe von einem Kerl, der es gut zu meinen scheint. Er nennt sich ihren Schutzengel. Yude wird vor einem finanziellen Verlust bewahrt, doch Howard soll sich beruflich neu orientieren: vom erfolglosen und ausgebeuteten Maler zum Fotografen.
Nur weil der „Schutzengel“ sich bereits als hilfreich erwiesen hat, willigt Howard ein. Er kauft eine teure Ausrüstung (natürlich von Yudes Geld) und lässt sich an Orte schicken, von denen der „Schutzengel“ behauptet, dass dort gleich eine Naturkatastrophe stattfinden werde. Regelmäßig trifft die Vorhersage ein. Howard ist mit seiner Kamera meist als erster und einziger Fotograf vor Ort. Die Kamera schickt die Bilder direkt per Satellit an seine Agentur, die sie wiederum Publikationen in aller Welt anbietet. Im Handumdrehen wird Howard, den man bald „Super-Ho“ nennen wird, Millionär.
Die Monate vergehen, und Howard bemerkt mit Besorgnis, dass Yude offenbar Probleme mit ihrem eigenen Gehirn hat: Die Kopfschmerzen hindern sie bald daran, ihren Beruf weiter ausüben zu können. Sie geht in eine Klinik, ohne Ho Bescheid zu geben.
Denn der Schutzengel hat Pläne mit ihm. Er schickt Howard in den Golf von Bengalen, wo ein großes Hochwasser zahlreiche Tote gefordert haben soll. Mit einem gemieteten Katamaran geht’s hinaus in das Mündungsgebiet, doch außer töten Tierkadavern und Treibholz ist nichts zu sehen. Auch die anderen Fotografen an Bord sind enttäuscht, allen voran Ho’s größter Konkurrent, ein Japaner. Ein Sturm zieht, das Bott eilt zurück in den Hafen – und erleidet Schiffbruch.
Ho erwacht auf einer Sandbank. Im Sand entdeckt er ein glitzerndes Gerät, das er in die Sonne legt, damit sich seine Akkus aufladen können. Das sprechende Ding nennt sich der Personal Digital Assistant des japanischen Fotografen. Ho wählt den Namen, den es vorher hatte: Totore, der Waldgeist aus einem Animationsfilm von Miyazaki. Nun wird Totoro zu Howards Schutzengel: Er ruft Hilfe herbei. Und so schafft es Ho endlich nach Hause.
Doch dort steht nichts zum Besten für unseren Odysseus. Yude ist ohne Nachricht verschwunden (nämlich in die Klinik). Als er ihre letzte Spur entdeckt, ist er bestürzt: Ihr Körper lebt nicht mehr – der Hirntumor war inoperabel. Sie hat aber die Chance ergriffen, das neue Verfahren von Dr. Weiskrantz zu nutzen und einen Persönlichkeits-Scan von sich anlegen und speichern zu lassen. Weiskrantz versichert Ho, dass Yude noch „lebe“, und zwar keineswegs in einer Totenwelt à la Hades. Leider führt sich der Arzt aber doch als Zerberus auf, indem er Ho den Zugang zu der geliebten Frau verweigert.
Doch mit Totoros Hilfe ist auch dieser Zugang kein Hindernis für unseren Orpheus …
|Mein Eindruck|
Ganz klar ist diese wunderschöne Erzählung, die den krönenden Abschluss dieses Bandes bildet, eine Verarbeitung des antiken Mythos von Orpheus und Eurydike. Wie schon in „Nekromanteion“ wird ein Abbild eines Menschen erstellt und gespeichert, damit es jederzeit abgerufen werden kann. Doch ist Howards Eurydike wirklich glücklich, dort, wo sie jetzt ist? Er muss es unbedingt herausfinden!
Wie sich herausstellt, befindet sich ihr Bewusstsein in eben jenem schönen Tal, von dem sie einst träumte. Zufall oder Notwendigkeit? Und denkt sie auch mal an ihn, Howard? Sie denkt, dass sie es tut, nennt ihn aber lediglich „Freund“. Und nun ergibt sich die Notwendigkeit, Weiskrantz‘ Barrieren zu umgehen und in die Vergangenheit zu telefonieren – so wird Howard sein eigener „Schutzengel“. Er war es ja, der den ledigen Ho einst anrief, um ihn zu bewegen, diese tolle Lady auf dem Züricher Flughafen anzusprechen …
So entsteht unversehens eine Zeitschleife, in der Ho an seinem früheren Liebesleben mit Yude indirekt noch einmal teilhaben kann. Doch dann geschieht etwas Unvorhergesehenes …
Diese höchst romantische Geschichte, die eigentlich als Hörspiel konzipiert war, greift Jeschkes Standardthemen (Überwindung des Todes, Zeitreisen, Virtuelle Realität usw.) auf, die ich mehrfach vorgestellt habe, erweitert sie aber um Altersweisheit, Romantik, Sinnlichkeit und einen sanften, selbstironischen Humor. Außerdem gibt es nur zu dieser Geschichte Illustrationen von Thomas Franke, der Stil einzigartig ist – sie das Titelbild.
_11) Vorwort von Herbert W. Franke_
Franke ist selbst ein Veteran der deutschsprachigen Science-Fiction und Autor einer großen Zahl von Romanen, Erzählungen und Drehbüchern (er schrieb eine Fortsetzung der Kultserie „Raumpatrouille Orion“). Zum Glück drückt er sich nicht geschwollen und professoral aus, wenn er die Maßstäbe für qualitätsvolle Literatur auf Wolfgang Jeschkes Werke anwendet.
Diese seien originell, gedanklich gehaltvoll und sprachlich hochstehend – drei der wichtigsten Voraussetzungen sind also erfüllt. Dass auch idealerweise eine Handlung und interessante Figuren vorkommen sollen, muss nicht immer unbedingt der Fall sein, wie es scheint.
Interessanter fand ich jedoch, was Franke über seinen Berufskollegen und Mitarbeiter (zwischen 1969 und 1977) zu erzählen weiß. In diesen Bemerkungen findet sich ein sehr persönlich gehaltenes Bild von Jeschke wieder, das man woanders lange suchen müsste. Am ehesten würde sich uns der Mensch Jeschke – auf literarisch abstrahierter Ebene – als Autor der Vorworte des Heyne-SF-Jahrbuchs präsentieren, meint Franke. Allerdings ist klar, dass dieser Jeschke in erster Linie Herausgeber, Lektor und Marktbeobachter war. Seine bissigen Anmerkungen waren stets ein freudig erwarteter Beitrag im Jahrbuch (das übrigens bis heute bei Heyne erscheint!).
Jeschke kam wegen seiner Auslastung aus Herausgeber nur im Urlaub etc. zum Schreiben. Seit seinem Ausscheiden 2002, das er aus Altersgründen vornahm, veröffentlicht er wieder qualitätsvolle Texte, so den Roman „Das Cusanus-Spiel“ oder die Erzählung „Orte der Erinnerung“ (s. o.). Franke freut sich auf weitere solche Werke. Ich auch.
Unterm Strich
Die ersten sieben der zehn Texte erschienen bereits in Jeschkes Collection „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“ (s. dazu meinen Bericht). Deshalb fragt man zu recht, wieso man nun zu diesem wesentlich teureren Buch „Orte der Erinnerung“ greifen sollte. Es gibt zwei gewichtige Gründe: Erstens befindet sich die Collection aus dem Jahr 1992 nach mittlerweile fast 20 Jahren ihrer Existenz nur noch im Gebrauchtbuchhandel (v. a. online), und der Sammler bekommt dort nicht immer garantiert beste Qualität, wie ich mehrfach feststellen musste (und wenn doch, dann nur zu hohen Preisen).
Zweitens enthält „Orte der Erinnerung“ drei wichtige neue Texte, die ich bislang noch nicht kannte. Deshalb habe ich sie oben auch ausführlicher vorgestellt als die anderen Texte. Die Erzählung „Orte der Erinnerung“ – ich sagte es bereits – ist für mich der krönende Abschluss dieser Gesammelte Werke. Sämtliche von Franke erwähnte Qualitätskriterien für Literatur werden erfüllt, durch die Illustrationen Thomas franke noch wertvoller gemacht, Und wer Jeschkes Empfehlung folgt und Glucks Oper „Orphée et Eurydice“ anhört (oder zumindest den „Reigen der seligen Geister“), bekommt sogar ein multimediales Werk geboten.
|SF als Literatur des Wandels|
Science-Fiction wurde einmal die Literatur bezeichnet, die das Phänomen des Wandels am angemessensten beschreibt, bezeichnet. Und da der Wandel aller Lebensbedingungen aufgrund des Internets – Stichwort „Arabischer Frühling“ – inzwischen global wahrgenommen wird, liegt es nicht fern, SF als globales Phänomen aufzufassen. SF-Filme laufen heute in den Kinos und Wohnzimmern rund um den Globus.
Doch andersherum ist es auch zur Aufgabe des Autors geworden, global zu denken, um entsprechende Probleme aufgreifen zu können. Jeschke ist mir stets als einer derjenigen deutschen Autoren bekannt gewesen, der seine Figuren in allen Weltgegenden, vorzugsweise in Asien, agieren und den Wandel erleben lässt.
|Vorreiter|
Andere Autoren, wie Frank Schätzing, Michael Iwoleit und Andreas Eschbach, sind ihm hierin gefolgt. Sie alle ersetzen den deutschen Macher als Hauptfigur nicht einfach durch einen angelsächsischen Macher, wie es noch in den sechziger und siebziger Jahre für deutsche Autoren obligatorisch war, wollten sie Erfolg haben. Nein, ihre Teams sind multinational, ihre Schauplätze auf der ganzen Welt angesiedelt und ihre Themen von zahlreichen Kulturen nachvollziehbar, so etwa der Klimawandel (Schätzings „Schwarm“), das Ende des Ölbooms (Eschbachs „Ausgebrannt“) oder die Auswüchse der Gen- und Cybertechnologie (Iwoleits „Psyhack“).
Mit Frankes Worten aus dem Vorwort kann man also heute schon anhand deutscher Autoren und ihres Erfolgs sehen, wie sich Jeschkes jahrzehntelange Herausgeberschaft auf die deutsche SF-Autorenschaft (und ebenso auf die Grafiker) positiv ausgewirkt hat. Das mag sich für den Autoren Jeschke als irrelevant anmuten, ist aber das Gegenteil: Dem Anspruch, den der Herausgeber Jeschke aufstellte, musste auch der Autor Jeschke genügen. Und durfte sich dennoch einige witzige Storys wie „Yeti“ erlauben.
|Abschluss|
Mit diesem dritten Band sind die „Gesammelten Werke“ vorerst abgeschlossen. Der neueste Text ist ja von 2010. Der Sammler hat damit ein gutes Fundament, das er nun durch die Romane „MIDAS oder Die Auferstehung des Fleisches“, „Der letzte Tag der Schöpfung“ und „Das Cusanus-Spiel“ ergänzen kann.
|Schwächen|
Punktabzug gibt es von mir nur für die Auftragsarbeiten „Anaximandros“ und „Ruf aus der Dunkelheit“ sowie „Mister Smith“. Ihnen fehlt eine Handlung. Außerdem habe ich mich über die fehlenden Jahresangaben zu den einzelnen Texten nicht gerade gefreut, was besonders bei „Orte der Erinnerung schade ist. Die ersten sieben Texte findet man jedoch in „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“ datiert und „Anaximandros“ und „Ruf aus der Dunkelheit“ werden vom Autor datiert. Ich habe diese Angaben bei jedem Text eingetragen. Auf die drei Druckfehler, die ich fand, brauche ich nicht näher einzugehen, denn es handelt sich um simple Flüchtigkeitsfehler.
|Taschenbuch: 256 Seiten
Illustriert von Thomas Franke
ISBN-13: 978-3926126917| http://www.shayol.net
_Top Science-Fiction aus deutschen Landen, mit kleinen Ausfällen_
Dieser zweite Band der Gesammelten Werke Wolfgang Jeschkes enthält neben dem Kurzroman »Meamones Auge« aus dem Jahre 1992 weitere sechs Geschichten, die Jeschke in den vergangenen fünfzehn Jahren geschrieben hat und die bisher noch nicht in Buchform vorlagen. Darin beschäftigt er sich in bester sozialkritischer Tradition mit den Möglichkeiten und Gefahren der modernen Naturwissenschaften, nicht zuletzt der Gentechnologie und der vielfältigen Gefährdung unserer Umwelt. (Verlagsinfo)
_Der Autor_
Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science-Fiction-Reihe Deutschlands beim Heyne-Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.
_Die Erzählungen _
_1) „Meamones Auge“ (Kurzroman, 1994)_
In ferner Zukunft haben die Menschen Planeten um Planeten erobert, ausgebeutet, verwüstet und wieder verlassen. Gentechnik und Terraforming-Methoden erlauben ihnen, dass ganze Planeten oder Monde mit künstlich geschaffenen Lebewesen und Pflanzen ausgestattet und schließlich als Nahrungsquellen abgeerntet werden können. Aber der Mensch ist die alte Bestie geblieben, egoistisch, machtbesessen und manchmal genial in seiner Kunst, zum Beispiel in der Gentechnik.
Auf Confringet, einem Mond des Riesenplaneten Meamone, hat sich unvorhergesehen intelligentes Leben entwickelt. Der despotische Herrscher des Planeten schickt seine Soldaten und Jäger aus, das Wesen zu fangen. Seine junge Tochter, rebellisch und eigenwillig, verdächtigt ihn, ihre Mutter vor Jahren in die ringsum liegende karge Wüste verbannt zu haben, wo sie bei den feindseligen Wüstenbewohnern unweigerlich umkommen musste.
Die junge Frau, Meta, steht auf der Seite der Entrechteten und ergreift natürlich Partei für das Wesen Om, als man es eingefangen in den Palast zurückbringt. Sie entdeckt, dass sie sich telepathisch mit Om verständigen kann. Er betrachtet sie als eine Göttin und „Geistschwester“.
Als die Kreaturenhändler sich für Om interessieren, um ihn an die Gen-Designer zu verschachern, probt die junge Frau den Aufstand – vergeblich. Oms Gene sollen den großen Gentechnikkonzernen zusätzliche Möglichkeiten bereitstellen, willfährige Intelligenz in Organismen einzubauen. Ein Horrorszenario von kompletten Planetenbevölkerungen mit künstlichem Bewusstsein, künstlicher Religion usw. wird an die Wand gemalt. Um warum sollten Metas telepathische Fähigkeiten nicht auch ihrem Vater etwas wert sein? Meta befürchtet, ebenfalls verkauft zu werden – womöglich ebenso wie ihre verschwundene Mutter.
Die Raumschiffe, die die weit entfernt voneinander liegenden Welten miteinander verbinden, indem sie mit Beinahe-Lichtgeschwindigkeit wissenschaftlich und militärisch wertvolle Güter transportieren (Gensequenzen werden hingegen digital übertragen), werden von telepathisch begabten „Rufern“ gesteuert. Sie haben Kontakt mit „Horchern“ auf den angeflogenen Welten. Meta beschließt, sich zu einer Horcherin ausbilden zu lassen und den Planeten zu verlassen. Man hat ihr gesagt, auch ihre Mutter haben diesen Weg gewählt. Nun sucht sie ihre Spur.
Nach einem relativistischen Zeitraum von 300.000 Confringet-, aber nur wenigen Bordjahren, kehrt Meta in ihr Heimatsystem zurück. Wie schon bei ihrem Abflug vorauszusehen, wurden die Meamone-Monde Confringet und Conteret, die sich den gleichen Orbit geteilt hatten, bei einem Zusammenstoß zertrümmert. Doch der große dunkle Wirbelsturm auf dem Riesenplaneten, „Meamones Auge“, besteht immer noch – und starrt Meta gleichgültig an.
|Mein Eindruck|
Jeschkes Roman enthält Anklänge an das exzentrische Himmelskörpersystem in „Helliconia“ des englischen Autors Brian W. Aldiss, an die DUNE-Navigatorengilde und die arabisch anmutenden Wüstenbewohner in den Wüstenplanet-Romanen von Frank Herbert, an die italienische Palastkultur der Renaissance sowie an die Gentechniker auf Jackson’s Hole in den „Barrayar“-Romanen von Lois McMaster Bujold. Insgesamt ist dies eine ziemlich hochkarätige Ahnenreihe. Die neuartige Mischung dieser Elemente hebt Jeschkes Roman aus der Masse der angelsächsischen Science-Fiction heraus, bleibt dieser aber verbunden. Dem Leser ist nachdenklich machende Unterhaltung ist gewährleistet.
Auffällig ist die bei fast allen Figuren außer dem Herrscher anzutreffende hohe Rationalität, wie moralisch verwerflich auch die jeweiligen Handlungen sein mögen. Doch angesichts der beständigen Bedrohung durch den ko-orbitalen Mond Conteret sollte man erwarten, dass sich eine Weltuntergangsreligion entwickelt habe, deren Priester einen beachtlichen gesellschaftlichen Einfluss ausüben. Diese Kaste fehlt ebenso wie die Ausübung irgendeiner Religion. Das wirkt etwas unplausibel.
Der alte Hessler fristet seinen Lebensabend in der Klinik von Prof. Dr. Scheufele, der an ihm die Creutzfeld-Jacob-Krankheit feststellt: BSE. Das kommt von Hesslers Vorliebe für rohes Rindfleisch. Schon macht sich Vergesslichkeit in Hesslers Hirn bemerkbar.
Zum Glück hat der alte Ingenieur in seinen besten Jahr vorgesorgt: durch die Lifelong Partnership Association, kurz LPA. Dies stellt praktisch eine Art Körperversicherung dar: Indem der Versicherungsnehmer seinem lebenslangen Partner eine bestimmte Prämie zahlt, kommt dieser mit seiner Familie zu Wohlstand und kann sich was aufbauen. Dafür verpflichtet er sich im Versicherungsfall das benötigte Organ zu spenden – in diesem Fall erst ein Auge, dann das andere.
So geschieht es, doch die Folgen unerwartet. Die Partnerschaft findet auch auf geistig-emotionalem Gebiet ihre Umsetzung. Hessler träumt von Reisfelder in Indonesien, die ein Muslim sehen würde, sowie dessen Frau, die liebliche Nining. Und Jono, sein Partner in Indonesien, verspürt auf einmal Appetit auf tierisches Eiweiß, ein unerhörter Luxus in seiner ländlichen Gemeinde …
|Mein Eindruck|
Das nenn‘ ich mal eine richtige Entwicklungshilfe: Sie funktioniert in beide Richtungen. Natürlich würde es gegen eine solche Art der Körperversicherung, wie schon der Autor voraussah, erhebliche Proteste geben, nicht zuletzt von der Kirche. Andererseits: Wer seinen Körper, wie viele im Westen, durch Fehlernährung – BSE war 1994 in den Schlagzeilen – zugrunde richtet, der kann gleichzeitig auch was Gutes tun, indem er seinen Lifelong Partner unterstützt, statt in eine Lebensversicherung einzuzahlen, in deren Genuss nur seine Verwandten und Nachkommen kämen. Es gibt dem Begriff „Leibrente“ eine ganz neue Bedeutung …
_3) „Der Geheimsekretär“ (1999)_
Zwei Leute blicken im Jahr 2100 zurück auf das Jahr 2000, als alles noch ganz anders war. Einer der beiden Leute ist ein Mensch, wie es scheint, doch der andere ist der titelgebende Geheimsekretär, eine Künstliche Intelligenz, die in einem Ring ihren Sitz hat. Der Großvater des Menschen traf damals die Großmutter, was für ein Glück.
Wenn man sich heute die Südostschweiz anschaut, dann hat sich doch einiges gebessert. Die Antigravitation macht vieles besser. So gibt es etwa kein Parkplatzproblem mehr – die Autos schweben ja über dem Dorf. Und auch Hochwasser gehören der Vergangenheit an. Der LKW-Durchgangsverkehr saust mit Schallgeschwindigkeit durchs Tal, wie eine Magnetschwebebahn auf Anti-G-Schienen. Fast geräuschlos, wenn es den Überschallknall nicht gäbe. Na, das ist doch was.
|Mein Eindruck|
Der Autor sollte einer Zeitung in der Südostschweiz um Chur, wo ja bekanntlich viel Durchgangsverkehr herrscht, eine kleine Story zur Jahrtausendwende schreiben. Herausgekommen sind einige witzige Ideen zu den Folgen der Erfindung der Antischwerkraft und zu den Folgen der Datenflut im Internet. Mehr bringt der Dialog aber auch nicht.
_4) „Allah akbar and so smart our NLWs“ (1999?)_
NLW sind non-lethal weapons, also nicht tödliche Waffen. Ihren Einsatz verfolgen die beiden Techniker von GLUE, dem genetischen Aufspür- und Ausführungskommando der USA, in Afghanistan. Der Talibanführer, den ihre miniaturisierten und als Fliegen getarnten Beobachtungsdrohnen, im Visier haben, ist nicht bloß ein Kämpfer, sondern auch ein homosexueller Pädophiler.
Das Verstecken unter Tarnnetzen, um den Spähaugen der Satelliten zu entgehen, nützt den Taliban nichts, denn sie werden ja sowohl optisch beobachtet als auch genetisch aufgespürt. Dennoch merkt der Rebellenführer, dass mit den Fliegen etwas nicht stimmt: Sie starren ihn alle an. Seine Reaktion kommt zu spät für ihn und seine Leute. Sie werden von kleinen Spinnen in Kokons eingesponnen und vom Gift künstlicher Käfer bewegungsunfähig gemacht.
Das ist zwar alles ganz nett, aber wie hält man die Gefangenen davon ab weiterzukämpfen? Gar nicht, meint der andere Techniker. Solche Gefangenen werden von anderen Taliban getötet. Weiß der Geier, warum.
|Mein Eindruck|
Die Landschaft ist zwar nicht die Afghanistans, sondern Syyriens, aber der Autor hat sie selbst gesehen (1984), deshalb wirkt sie so authentisch. Ebenso die Bewohner, auch wenn die Gedankengänge des homosexuellen Pädophilen sicher nur Spekulationen bleiben können. Aber das ist nur Nebensache.
Der Blickwinkel springt zwischen ihm und den in den USA stationierten Technikern hin und her. Der Krieg hat eine groteske Form der Telepräsenz angenommen, bei der keine physischen Soldaten mehr eingesetzt werden, sondern mikrominiaturisierte und ferngesteuerte Waffen – eben die titelgebenden NLWs.
_5) „Das Geschmeide“ (2004, Kurd-Laßwitz-Preis)_
Auf der Siedlerwelt Cartesius, die schon lange vor den Menschen besiedelt gewesen ist, geschieht ein schrecklicher Frevel. Das Geschmeide der Götter, in dem Generationen von lebenden Göttinnen eingeschlossen sind, ist mutwillig gestohlen worden. Die Diebe aus der Flotte haben es auf die Diamanten abgesehen. Doch selbst als der Abgesandte der Flotte eine wiederhergestellte Version des Geschmeides zurückbringt, ändert dies nichts. Vier der Diamanten sind nicht mehr die ursprünglichen. Die aktuelle lebende Göttin, die Keschra, stirbt an der Aufregung und die Flottenabgesandten müssen sich vor den wütenden Pilgern im abgelegenen Keschra-Kloster in Sicherheit bringen.
Palladier, der als Dolmetscher Zeuge dieser skandalösen Vorgänge wurde, liegt verletzt im Hospital und versucht, das Vorgefallene zu verstehen. Trägt er eine Mitschuld? Doch die Bürgermeisterin der Siedler versichert ihm, es verhalte sich ganz anders. Es sei eine Folge der Zeitverschiebung, dass die Angehörigen der Flotte mutwillig mit den Siedlerwelten umsprängen: Sie erleben durch die Lichtgeschwindigkeit vier oder fünf subjektive Jahre Flugzeit, während auf den Welten Zehntausende von Jahren vergingen. Ihr Zuhause sei daher das Schiff im Raum, nicht die besuchten Welten.
|Mein Eindruck|
Trotz anfänglicher Wirrnis gelingt es dem Autor, ein spannendes und interessantes Garn zu weben. Was wie eine Fantasyerzählung beginnt, weitet schrittweise den Blickwinkel aus, bis daraus eine Science-fiction-Erzählung geworden ist. Die entworfenen Welten und Kulturen könnten die Grundlage für ein DUNE-mäßiges Epos abgeben, doch der Autor hat den kleinen Rahmen gewählt – und so viel mehr gewonnen als mit einem Epos. (Die Story gewann den KLP, nachdem sie in Andreas Eschbachs Anthologie „Eine Trillion Euro“ erschienen war.)
_6) „Lucia“ (2005)_
Gerd und Linda machen sich Sorgen um ihr „Baby“ und eilen zum Ort, wo sie Lucia beobachten können. Dr. Klein und Dr. Wittig wirken sehr besorgt. Die Bilder, die sie hereinbekommen, sind nicht ganz das, was sie erwartet haben. Denn Lucia befindet sich am denkbar heißesten Ort des Sonnensystems: in den äußeren Schichten der Sonn. Sie ist eine Sonde und wird vom Orbiter, der sie filmt, beobachtet. Wird sie es schaffen, diese Feuerprobe zu bestehen?
|Mein Eindruck|
Zunächst scheinen sich Linda und Gerd um einen jungen Menschen („Baby“) zu sorgen, doch nach wenigen Seiten wird klar, dass unser Autor absichtlich irregeführt hat: Das „Baby“ ist die Sonnensonde. Die Feuerprobe gilt ihrer schützenden Haut: Wird die spezielle Beschichtung die extreme Hitze aushalten? Diese Beschichtung wird von den Amis (von wem sonst?) „Skunk Coating“, also Stinktierbeschichtung, genannt.
Der Autor hat diese kleine Story für eine Firmen-Anthologie geschrieben, und diese Firma stellt – wen wundert’s? – eben solche Beschichtungen her. Der Grund ist jedoch weniger der finanzielle Anreiz, als vielmehr eine Hochachtung vor solchen Technikern, die auf Jeschkes eigener Ausbildung in Handwerk, Technik und Uni beruht – dies erklärt sein Begleitwort im einzelnen.
_7) „post-OP“ (2007)_
Der Erzähler ist in einer deutschen Klinik operiert worden. Seltsamerweise bestehen sowohl das Personal als auch die Patientenschaft aus Menschen, die zwar deutsch sprechen, aber aus anderen Ländern stammen: Bosnien, Äthiopien, Griechenland, Albanien, Türkei usw. Er wird froh sein, wenn er wieder nach Hause darf.
|Mein Eindruck|
Auch diese Story war eine Auftragsarbeit, und es ist beileibe keine SF-Erzählung: Die Anwesenheit der vielen „Ausländer“ ist ja bereits heute Realität. Der Herausgeber Hannes Riffel bestand trotzdem darauf, den Text in diese Auswahl aufzunehmen. Immerhin: Die Wahrnehmung von Fremdheit ist eines der zentralen Themen der Zukunftsliteratur.
_8) Vorwort von Franz Rottensteiner_
Nachdem er die Misere des gewandelten Verlagsmarktes abgehandelt hat, kommt der bekannte Herausgeber („Suhrkamps Phatastische Bibliothek“, „Quarber Merkur“, usw.) auf die Spielarten der Science-Fiction zu sprechen, zwischen den Polen der Faktenpopularisierer und den Fabulierern. Dann endlich beginnt er Jeschke einen Stellenwert zuzuweisen und dessen Werke unter ihren verschiedenen Aspekten zu beurteilen.
Rottensteiner sieht Jeschke meistens unter den Fabulierern und Weltenschöpfern, besonders in „Meamones Auge“, „Der letzte Tag der Schöpfung“ usw., aber auch als Reiseführer bei einer Odysssee, etwa in „Osiris Land“. Aber Jeschke stütze sich durchaus auf wissenschaftliche Fundamente, nicht nur in „Meamones Auge“ (das an Aldiss‘ „Helliconia“ erinnert), sondern auch in „Das Cusanus-Spiel“, einem Zeitreise-Roman.
_Unterm Strich_
Der stärkste Text in diesem Mittelband der Trilogie gesammelter Jeschke-Erzählungen ist zweifellos „Meamones Auge“. Der Kurzroman greift einen Traum der Gentechnik auf und verlegt ihn zwischen die Sterne. Das ist durchaus spannend und anrührend zu lesen. Leider gibt es, wie im gesamten Band, keine einzige Illustration zu dieser Geschichte, anders als im Heyne-SF-Band von „Meamones Auge“.
Auf dem zweiten Rang finden sich die Erzählungen „Partner fürs Leben“, das auch die Medizin globalisiert, und „Das Geschmeide“, das zwischen Fantasy und Science Fiction wandert. Beide Texte erhielten zu Recht den Kurd-Laßwitz-Preis.
Die restlichen Texte kann ich leider nur als Füllsel ansehen. Mag auch ab und zu, besonders in „Allah akbar“, eine Menge Einfallsreichtum dahinterstecken, so beleuchten die handlungslosen Stories lediglich schlaglichtartig mögliche Entwicklungen. Nichtsdestotrotz steht in ihnen immer der Mensch im Mittelpunkt, als Täter wie auch als Opfer, so etwa von neuester Technik. Es sind Short Short Storys, wie sie v. a. in den USA gepflegt werden (Isaac Asimov hat davon 1984 bei Goldmann einen ganzen Band veröffentlicht).
Was Rottensteiner zu erwähnen vergisst, ist die bemerkenswerte Tatsache, dass Jeschke zu den wenigen deutschen SF-Autoren gehört, die auch in Übersee veröffentlicht worden sind, insbesondere in Großbritannien und den Vereinigten Staaten. (Rottensteiner publizierte Jeschke in den USA in mindestens einer Anthologie, wie Jeschke berichtet.) Damit befindet sich der Autor in einer Riege mit Andreas Eschbach und Frank Schätzing.
Die drei Illustrationen von Thomas Franke (zwei auf dem Umschlag, eine auf dem Frontspiz) illustrieren das Aufeinandertreffen bzw. die Koexistenz von Natur und Technik, Gestern und Heute, Tradition und Wissenschaft. Ganz besonders gefiel mir dabei der urwüchsige Schamane auf dem Frontispiz.
01 „Wie man seine durchgeknallte Familie überlebt“
02 „Acht Pfeifen an Bord und kein Land in Sicht“
Die Nöte eines Elfjährigen: Rick als Liebessaboteur
Rick ist elfeinhalb Jahre alt und wohnt mit seinem Pa, dessen Kumpel Wutz und Kater Gismo in einer hundertprozentigen Männer-WG! Rick ist Eishockeystürmer und sein Leben wirklich cool, bis sich sein Pa ausgerechnet in Ricks Lehrerin verknallt. Die hat auch noch einen nervigen Sohn, von dem Ricks Pa denkt, sie könnten Freunde werden. Alarmstufe Rot, deshalb schmiedet Rick einen perfekten Plan, damit die zwei sich schnell wieder aus seinem Leben verziehen – doch damit geht der Ärger erst richtig los … (Verlagsinfo)