Archiv der Kategorie: Belletristik

David Nicholls – Ewig Zweiter

Bereits in seinem ersten Roman [„Keine weiteren Fragen“ 3258 hat der Brite David Nicholls bewiesen, dass er sich auf sympathischen Losertypen versteht. Der Titel hat sich gut verkauft und die Filmrechte wurden bereits an Tom Hanks‘ Produktionsfirma |Playtone| abgetreten. Man darf also zu Recht erwarten, dass sich Nicholls auch mit seinem zweiten Roman „Ewig Zweiter“ gut schlägt – vor allem auch deswegen, weil es diesmal um eine Thematik geht, die auch Parallelen zu seiner eigenen Biographie offenbart – Nicholls hat jahrelang als Schauspieler gearbeitet, bevor er sich aufs Schreiben verlegte.

David Nicholls – Ewig Zweiter weiterlesen

Graeff, Alexander – Gedanken aus Schwerkraftland

Alexander Graeff hat ein schönes Büchlein mit kurzen Prosastücken vorgelegt, die leicht zu lesen sind und zugleich in die Tiefe gehen. Eine echte Bereicherung sind auch die Illustrationen von Guglielmo Manenti, bei deren Betrachtung sich ähnlich vielfältige Assoziationsräume öffnen wie beim Lesen der Texte.

Lesend und schauend tun sich Welten auf, die sonst unter der Alltagsoberfläche verborgen liegen oder gar ein noch heimlicheres Dasein in tieferen Schichten des Ichs führen. Alexander Graeff spielt mit Assoziationen und Erinnerungseinbrüchen, welche die „Realität“ für die Dauer der Geschichte an den Rand drängen, ohne jedoch das „Alltägliche“ gänzlich aus den Augen zu verlieren. Zuweilen erscheinen die geschilderten Begegnungen und Begebenheiten seltsam zeitlos, losgelöst von konkreten Orten und aktuellem Tagesgeschäft. Dann wieder liest man, leichthin eingestreut, von vertrauten Straßennamen, bekannten Plätzen, Café-Besuchen, U-Bahn-Fahrten und all jenen Dingen, die bei einem Spaziergang durch die Großstadt mit wachem Blick erfahrbar sind. Gerade dieses Wiedererkennen alltäglicher „Rituale“ trägt dazu bei, dass der Leser auch vor abstrakteren Gedankengängen nicht zurückschreckt.

Ein besonders gelungenes Beispiel für das locker verwobene Netz von Alltag und Transzendenz, Exotik und allzu Vertrautem stellt für mich die Geschichte „Die Kunstmaler“ dar: Ein Kaleidoskop an „Parallelwelten“ eröffnet sich, in dem die Bewohner einer Künstlerkolonie mit den Meistern, deren Werke sie kopieren, verschwimmen, der Erzähler sich von einem Unbekannten verfolgt glaubt und der verzweifelte Kinderwunsch eines jungen Paares in der Errichtung einer unheimlichen, halborganischen Skulptur gipfelt.

Nach dem Zuschlagen des Büchleins liegen unzählige Fragen auf der Zunge, hängen unzählige Bilder im Kopf.

Wie schon in den Worten zum Geleit dem Leser mitgegeben, sind die Texte essentiell „unabgeschlossen“, die Gedanken, die Alexander Graeff vor dem Leser ausbreitet, „in Schleifen gebettete Fragmente“. Darauf kann sich sicherlich nicht jede/r Leser/in in jeder Situation einlassen, trotz der Kürze der Texte. Mehr als intellektuelle Konzentration erfordert das Lesen eine beinahe meditative Herangehensweise. Wer sich die Zeit und Ruhe nimmt, sich auf die literarischen Kontrapunkt zur hektischen, reizüberfluteten Alltagswelt einzulassen, dem werden flüchtige Blicke hinüber in jene verschollenen „Parallelwelten“ gewährt, ähnlich jenen Erinnerungsfetzen aus der Kindheit, die überreich an Sinneseindrücken, aber aus jeglichem „vernünftigen“ Kontext gerissen, uns ein Leben lang begleiten. In diesen Erinnerungen gibt es kein klar voneinander abgegrenztes „Gut“ und „Böse“, sie sind intensiv und wunderschön und zugleich oftmals verstörend.

Mancher Leser wird sich von den hingestreuten Hinweisen, den aufgenommenen und wieder fallen gelassenen Fäden, den kurz geöffneten und wieder zugeschlagenen Falltüren sicherlich irritiert fühlen. Zu sehr sind wir darauf trainiert, Antworten auf unsere Fragen zu verlangen, und werden leicht ungehalten, wenn wir sie nicht unmittelbar und in mundgerechten Stücken serviert bekommen. Jedoch schafft es das Buch durch seine spielerische Leichtigkeit im Umgang auch mit philosophischen, metaphysischen Fragen, den Leser aus den alltäglichen Erwartungen herauszureißen und zum Versinken in eine andere Welt einzuladen.

Mehr als die Tür einen Spalt weit aufstoßen kann der Autor nicht tun. Hindurchgehen muss jeder Leser allein.

http://www.alexander-graeff.de/

_Anja Kümmel_

E.-E., Marc-Alastor – Maliziöse Märchen

|Wenn ein klassischer Traum an einer Zaunpassage steht und mit braunem Blatt beantwortet wird, wenn die Erinnerung jemanden in die Verfremdung schiebt, oder wenn die Noten verhohlen über jemanden zu sprechen scheinen, wenn ein Widergänger wieder zu gehen versucht, eine Melancholistin einen Kobold namens Freudlos trifft, einem Prediger von allen Predigern gepredigt wird oder wenn einem venezianischem Glasbläser nur noch die Liebe zu einem gläsernen Ebenbild verbleibt, dann ist Dunkles am Werk gewesen, dann ist die Moral eher eine arge Entstellung ihrer Selbst und, würde der Teufel lesen, so wären ihm diese Märchen gerade recht …|

_Inhalt_

1. Braune Blätter und eine Zaunpassage
2. Erinnerungsschub
3. Das Notengespräch
4. Der Widergänger
5. Die Melancholistin und ein Kobold namens Freudlos
6. Prediger
7. Der Glasbläser

_Erinnerungen, Kopfkino und verbale Melancholie – ein Buch, dessen Texte in das Innerste des Lesers dringt._

Marc-Alastor E.-E. schrieb mir einmal: „Jedes Buch hat seine Zeit!“, und ich kann dem nur zustimmen. Sowohl, es zu schreiben, als auch, es zu lesen! Ich hatte mit Letzterem das Vergnügen, und noch nach Wochen wirkt die verbale Melancholie, die den Seiten des Buches entströmt, in mir nach. Immer noch formieren sich neue Bilder vor meinem geistigen Auge. Wie eine Abfolge einzelner Fragmente, die nach und nach das Gesamte ausmachen.

Zeit ist wesentlich, was diese Texte angeht. Man muss sie ihnen schenken, sie sich für sie nehmen – sie fordern sie dem Leser geradezu ab. Zu Recht, wie ich betonen möchte. Denn sie verdienen sie, weil ihre Besonderheit dem |flüchtigen| Leser verborgen bliebe. Lässt man sich aber auf sie ein, folgt man ihrem speziellen Sprachrhythmus, ihrem düsteren Pfad und huldigt ihnen, treffen sie Nerven, die man längst taub und gekappt wähnte.

_Braune Blätter und eine Zaunpassage_ mag auf den ersten Blick wie ein klassisches Märchen anmuten, sieht man einmal von dem Ausgang ab. Liebe – und was daraus werden kann – ist der augenscheinliche Plot dieser Kurzgeschichte. Und dennoch beinhaltet sie all das, was damit zusammenhängt. Was Liebe auszuhalten vermag, was sie bewirkt, wie sie das Leben bestimmen kann, welche ungeahnten Facetten sie in uns zum Leben erweckt.

Aber da ist auch wie immer die Kehrseite der Medaille, über die ich nichts verraten will, die aber wie der Fluss dieser Märchen natürlich ist. Womit ich bei einem Punkt bin, der ebenfalls anspricht: die Liebe zur Natur, die nicht nur in diesem Märchen erkennbar wird und die meist auch einen Bezug zur Handlung hat.

So hier: Man tanzt mit der Prinzessin durch die hohen Süßgräser der Ebene und trägt somit wie sie die Freude im Herzen, und wenn sich dann die grauen Wolken über dem diesigen Himmel verdichten, begleiten wir die bekümmerte Prinzessin zu ihrem Lieblingsbaum – dem Lorbeer. Eben jenem, der mit ihr leidet, als die Schatten der Liebe über sie fallen, und sein Grün verliert.

_Erinnerungsschub_ lautet der Titel des zweiten Märchens, wie er nicht passender sein könnte, denn es ist eine der sieben Fabeln, die in vielen Lesern wohl eben jenen hervorrufen kann. Es ist auch der surrealistischste Text dieses Buches – und hat vielleicht gerade aus dem Grund die Bezeichnung Erinnerungs|schub| am trefflichsten verdient. Weil die Gesamtheit am nachdenklichsten stimmt und somit besonders in die Tiefe geht. Es lässt einen nicht los, und man fragt sich: warum spricht mich diese Geschichte so an?

Und dann beginnt man sich zu erinnern. An die vermeintlich kleinen Dinge, die man längst aus der Realität der Erwachsenenwelt verdrängt hat. Dank Hinrich, dem Zwölfjährigen, der gegen manche Unbillen ankämpfen muss, die so vertraut anmuten: der Spott der Gleichaltrigen, die blonde Marguerite, die Hinrich für eine falsche Prophetin hält, deren tänzelnden Schritt er aber ebenso bewundert wie ihre schon damenhafte Haltung.

Der Autor vermag es, auf präzise Weise Gefühle zu wecken, die gerade wegen ihrer Widersprüchlichkeit nicht unverfälschter sein könnten. Man leidet mit Hinrich, aber man lacht (ich sogar einige Male laut und wie befreit und frage mich, wann das ein Text das letzte Mal vermocht hat, finde darauf keine Antwort, somit muss es lange her sein) auch über ihn – man lacht nicht herabwürdigend oder schadenfroh, sondern liebevoll vertraut und menschlich erheitert (wenn Hinrich nach einer Demütigung mit seinen Hosen kämpft, die dank Nässe nicht der Erdanziehung trotzen wollen).

Und schon deutet die Gefühlsnadel des Märchenkompasses voll auf mich! Ich kann mich ihnen nicht mehr entziehen – und will es auch nicht. Womit ich wieder bei Hinrich bin. Auf der einen Seite verspürt man Mitgefühl für ihn, mehr noch, man teilt mit ihm seine Tränen über die Schande, die ihm widerfährt und möchte mit ihm zusammen seinen Widersachern das trotzige „Euch komme ich noch!“ entgegenschleudern, auf der anderen erheitert sein Missgeschick, wenn er dasteht in seiner weißen, gerippten Unterhose, der Häme der Anderen ausgesetzt.

Kindheitserinnerungen werden wach, wenn man die kleinen, liebevollen „Nebenbilder“ wahrnimmt, wie sie sich beispielsweise in der Person des Jakob Fälbling darstellen, dem es obliegt, den Kindern zu später Stunde Sand in die Augen zu streuen, damit sie einschlafen. Und man verspürt beim Lesen Wärme in sich aufsteigen, wenn man erfährt, dass Hinrich bemerkt, dass eben jener Jakob Fälbling, |“sicherlich von der Bedeutsamkeit seines Berufsstandes beflügelt, es zuweilen übertrieb. Man konnte mitunter einen Herdbesen gebrauchen, um den Sand aus den Augen zu kehren“.|

Noch etwas wird den Lesern von Marc-Alastor E.-E.s Texten gewahr – auch in diesem Märchen -: (Robert W. Chambers) „Der gelbe König“, lässt ihn nicht los (wie sehr mir das doch aus der Seele spricht!), begleitet ihn imaginär auch in anderen Texten. So schenkt mir dieses Märchen nicht nur Erinnerungs|schübe|, sondern auch das Gefühl literarischer Verbundenheit. Hier ist einer, der schreibt, wie es aus mir herausflösse, wenn es mir vergönnt wäre, ebenso schreiben zu können.

_Das Notengespräch_ ist der weitere Beweis dafür, eine literarische Besonderheit in Händen zu halten. Da ist Cathérine Montvoisin, die Pianistin aus wohlhabendem Hause, von Geburt an mit Ansehen gesegnet: Schon von Kindesbeinen an singt sie mit ihrem zarten Stimmchen, startet ihre ersten musischen Versuche an ihrem Clavichord, die ihre Eltern und deren Gäste immer mehr erfreuen. Doch ebenso eigenwillig, wie Cathérine zur jungen Frau heranreift, so kapriziös ist auch ihre Musik, als ginge das eine nicht ohne das andere.

Bis sich durch einen Schicksalsschlag alles ändert und nach und nach alles in Cathérine „verstummt“. Als sie sich nach Monaten der musischen Enthaltsamkeit wieder in die Welt der Klanggebilde begibt, begreift sie plötzlich, was die Menschen bisher an ihren nonkonformistischen Interpretationen störte, und sie beschließt, ihren inneren Klangwelten einen Rahmen zu geben, der jene auch für andere Menschen erfassbar macht … Alles scheint von dem Moment an einen guten Verlauf zu nehmen, bis Godfrey Frow die Pianistin hofiert.

Mehr möchte ich über dieses Märchen, das einen dramatischen Verlauf nimmt, nicht verraten, aber ein Punkt muss nicht nur wegen des Titels Erwähnung finden, und das sind die Szenen, in denen die Noten vor den Augen der Pianistin „lebendig“ werden, wo sie den Dialog zu ihr suchen, sich neu formieren, aufbegehren, aufdiktieren. Für mich eine der Stellen, die mir ein besonders deutliches „Bild“ schenkte. Ich sehe es vor mir, wie das |es| mit seinem Notenhals das vorlaute |d| umschlingt, höre es förmlich, wie es Einspruch erhebt, sehe, wie sich das |d| mit wild entbranntem Notenfähnchen losreißt, höre es schnauben und lausche ihnen in der nächsten Szene, wie sie über „Vivaldi“ streiten, freue mich förmlich, als sich nun auch das |a|, das |g| und das |f| einmischen.

Was mich an diesem Märchen auch erneut beeindruckt, ist die Recherche, die den Autor in allen seinen Werken auszeichnet und die seine Texten über das persönliche Herzblut hinaus mit zusätzlichem Leben erfüllt. So ist Cathérine Montvoisin keine rein fiktive Person, sondern war eine Hebamme und die Frau eines Handwerkers, die 1680 in Paris auf dem Scheiterhaufen endete, nachdem sie in die Ermittlungen anlässlich einiger Giftmorde im Umkreis des Sonnenkönigs Ludwig XIV geriet. Hier mag es nur die Namensgleichheit sein, dort mögen andere kleine Details einfließen, es mögen nur winzige Prisen sein, aber sie würzen die Texte zu einer raffinierten Komposition.

_Der Widergänger_ ist einer der beiden Texte, die mich am persönlichsten ansprachen. Weniger, weil man in die „Person“ des Widergängers mehrere Charaktere hineininterpretieren kann und sie die Phantasie dankenswerterweise mehrdimensional anregt, sondern weil er Einblick in die menschliche Psyche gewährt – und darin, wie wenig sich Menschen und Gemeinschaften verändern, wenn sie kleingeistig und zögerlich sind.

Der Widergänger bietet vielen Fragen Raum. Wer ist dieser Mann, der nach „langer Reise“ einem Zug entsteigt, in seine Heimatstadt und in die Wohnung seiner Familie zurückkehrt? Der vornehme Herr Oswald von Argtiuw, dessen penetranter Geruch den Taxifahrer, der ihn vom Bahnhof bringt, ebenso entsetzt wie sein monströses Äußeres, das an eine halb verweste Leiche erinnert.

Das Märchen lebt weniger durch die Rückblicke in das Leben des Widergängers, die angesichts der Rückkehr in seine Wohnung in ihm wach werden und somit neue Bilder vor das geistige Auge des Lesers schicken, sondern mehr von der Stimmung, in welcher der Text geschrieben zu sein scheint, die – selbst wenn Vorheriges reine Interpretation ist – er aber an den Leser weitergibt. Bedeutung erhält in der Wohnung die Tafel, an der er so manches Mal den Ärger statt eines guten Mahles in sich hineingefressen hatte – aufgrund der taktlosen und gedankenlosen Reden der Anwesenden (wer kennt |das| nicht?).

Mich sprach jedoch eine andere „Erinnerung“ des Widergängers an, die ich zum Abschluss kommentarlos wiedergeben möchte, weil sie in meinen Augen für sich steht und spricht:

|“Drum zupften seine Finger behutsam an der Vergangenheit und schufen einen kleinen, klaffenden Spalt, durch den er hinunter sehen konnte. Dort lag die Wiese, der Gehweg und die Vorwelt. Es höhlte ihn aus, danieden den Menschen gehen zu sehen. Ein letztes Mal … schwarzes Beinkleid, grauer Mantel, rotes Haar, die Geste, sich eine Haarsträhne mit schief gelegtem Haupt aus dem Gesicht zu streifen, ein herzloser, unbewusster Abschiedswink. Auf diese Weise nahm man alles mit und hinterließ nichts, worüber sich zu denken lohne. Dass es so enden würde, hatte er nie für angängig gehalten, und doch war es womöglich Zeit, gehen zu lassen. Womöglich …“|

Wenn Sie mich fragen könnten und würden: „Welches Märchen ist für Sie das beste?“, wäre ich nicht in der Lage, darauf eine klare Antwort zu geben, da für mich jedes eine eigenständige Note besitzt und andersartige Bilder in mir wachrief. Ich könnte allenfalls sagen, welches der Märchen den nachhaltigsten Eindruck in mir hinterlassen hat.

Und das ist das folgende:

_Die Melancholistin und ein Kobold namens Freudlos_

Der Beginn des Märchens bringt bereits das auf den Punkt, was Larissas Wesenheit ausmacht: |“Es war einmal eine junge Frau, die allen anderen Menschen auf eine abnorme Art und Weise sonderlich erschien, denn sie war bereits zu Kindestagen eine betrübte, kleine Person gewesen, deren Antlitz nie von einem freudigen Lachen oder einem munteren Strahlen erfüllt wurde. Ihr liebenswertes Gesicht war von jeher ein Ebenbild innerer Zufriedenheit und vollkommener Ausgeglichenheit gewesen, doch nimmer sah man Heiterkeit darauf. Natürlich sorgte man sich zunächst um die kleine Dame, die dem Lachen nichts abzugewinnen schien.“|

Doch da ist Adolina, die einzige Freundin Larissas und ihr genaues Gegenteil: |“ein frischer Springinsfeld mit stetiger Ausgelassenheit und bar jeden Ernstes“.| Wie ein Negativ – oder Positiv? – zu Larissa? Das ist eine der Fragen, die das Märchen aufwirft. Ist das Melancholische, wirklich das Beschwerliche? Das Fröhliche, das wahrlich Beschwingte? Was ist hier das Positiv, was das Negativ? Oder liegt die Wahrheit, wie so oft gepriesen, tatsächlich in der Mitte? Larissa lehnt das Glücklichsein ab, flieht vor ihm, und so nimmt ihr Leben seine Entwicklung, mit einem Ende, das es nehmen musste? Entscheiden Sie selbst!

Larissas Wesen war für mich wie ein Blick in den Spiegel; ich ertappte mich dabei, wie ich mit ihr in den Garten stolzierte, um im Schatten der Ulme (da sind sie wieder, die Liebe und der Nähewunsch zur Natur) der stetigen Melancholie zu frönen. Ich blicke ihr über die Schulter, wenn sie Schopenhauer und Nietzsche liest, und fühle eine Wesensverwandtschaft mit ihr.

Wie schon beim „Widergänger“ möchte ich Sie für den weiteren Verlauf in die Obhut des Märchens geben, weil sie am tiefsten ergreifen und aufwühlen, wenn man sich ihnen „überlässt“, und zitiere die Melancholistin in ihrer Sicht über das Glück: |“Glück ist der Moment, in dem du dich in dich selbst einfindest, um aufatmen zu können. Glück ist wie ein Rhythmus, der das Erdenfell und alle Bodenständigen darauf mit ihm vibrieren lässt Glück ist ein Lachen, in das selbst Götter einstimmen würden, weil es so reich, so wahr und so unteilbar rein ist, dass die meisten ihm nur selten teilhaftig werden. Ich kenne das Glück, da ich es oft vorübergehen sah, doch besser noch als das Glück kenne ich die Leere, die danach gekommen ist, das Unverständnis über ihre Verteilung oder den Geiz ihrer Äußerung. Und indem ich dem Glück entsage, bin ich nicht mehr, allein auch nicht weniger als zufrieden. Und diese Zufriedenheit bezieht ihre Kraft aus der Melancholie …“|

_Prediger_

Das Märchen über Tadeusz Spindelsinn, der als Junge von seiner Tante in die Kunst der Photographie eingewiesen wurde, hat erneut eine Parallele zur Natur darin, wie ein Mensch durch sie sensibilisiert und zusammen mit ihr erblühen kann, aber auch den Bezug durch „menschliche Zivilisation“ und „gesellschaftliche Zwänge“ verliert und somit auch immer mehr sich selbst.

Natürlich, das wird keinen Leser erstaunen, der bis zu diesem – dem vorletzten – Märchen vorgedrungen ist, steckt in der Geschichte über Tadeusz viel mehr. Da ist zum Beispiel Vira Dochiella, der er eine besondere Liebeserklärung macht, über deren Ausgang ich schweigen will, ebenso über das Ende des „Predigers“. Es sei nur so viel verraten: Letzteres wird Sie überraschen!

Kommen wir (leider schon) zum letzten Märchen: _Der Glasbläser_, über den ich das Wenigste verraten möchte, vor allem nicht, wie es ihm gelingt, künstlerische Perfektion zu erreichen, weil das – für mich – in einer derart düsteren Reinheit (nein, nein, das widerspricht sich nicht!) erzählt wird, die mir ebenso die Tränen in die Augen trieb wie dem Verblühen der „Königin der Nacht“ beizuwohnen. Was mich an dem Ende des Märchens so sehr fasziniert hat, kann ich leider nicht schildern, das nähme alles vorweg, auch wenn es mich nicht zufrieden stimmt, mir in dem Fall Verschwiegenheit auferlegen zu müssen.

Somit beende ich meine kleine verbale Reise durch die „Maliziösen Märchen“ und hoffe, auch Sie fühlen sich angesprochen, sich oder einem besonderen Menschen dieses außergewöhnliche Buch zuteil werden zu lassen.

Ich habe zu Marc-Alastor E.-E,. nachdem mich seine Märchen wieder „aus ihrer verbalen Wortgewalt ließen“, gesagt, wie sehr ich es bedaure, nicht „mehr“ davon lesen zu können, und er antwortete sinngemäß und auf den Punkt gebracht, dass es dann |des Guten zu viel| gewesen wäre. Zuerst wollte ich – wie es „manchmal“ meine Art ist – protestieren, doch ich spürte zeitgleich zu meinem spontanen Widerspruch, dass er mit seiner Aussage völlig Recht hatte. Weniger ist auch hier auf jeden Fall mehr.

Wenn ich es jedoch recht betrachte, ist „weniger“, im Falle der „Maliziösen Märchen“ selbst in der zutreffenden Aussage unpassend, denn selten haben es Texte vermocht, so viele Erinnerungen in mir wachzurufen, so viele Bilder in meinen Kopf zu schicken und mich so viel Lebendigkeit und dennoch Melancholie „atmen“ zu lassen. Es ist wohl genau das, was an Marc-Alastor E.-E.s Texten so „ergreift“: dieses vermeintlich schwer Verständliche, aber auch die spezielle bildhafte Ausdrucksform, mit der auch jede kleinste Geste, Mimik oder Bewegung bedacht wird und die den Charakteren Leben einhaucht (|Ihr Lachen klang wie das Geläut der Feuerglocke im Spritzenhaus|), und die erkennen lässt, dass hier ein Autor schreibt, genau so, wie es aus ihm herausfließt, genau in der Stimmung, in der er sich selbst befindet, genau |das| sagt, was er zu sagen gedenkt und was von ihm gesagt werden muss – und nicht, was und wie es – dem Zeitgeist unterworfen – gerade „en voque“ ist. Und genau das macht die Texte authentisch, macht sie glaubwürdig und lässt in ihnen „Wertigkeit“ erkennen. Eine Wertigkeit, die auch in ihren dunkelsten Stunden und Szenen „richtig“ ist, selbst wenn sie von Tod oder Schmerz zeugt, weil gerade sie das Leben bedingen.

Und endlich vermochte ich es wieder, Literatur zu lesen. Düstere Phantastik auf hohem Niveau und einem Sprachbild, das Hermann Hesse zur Ehre gereicht hätte. Lässt man sich darauf ein, entsteht ein Magnetismus zwischen Leser und Text, wie der zweier Pole, die sich anziehen und nicht voneinander lassen können. Es ist wie eine Zugfahrt, man steigt ein, und jede Zeile, jedes Bild, das diese Texte in den Kopf zaubern, ist wie eine Station, die einen näher bringt – zu sich selbst!

Man spürt darüber hinaus wieder Freude am Lesen und Dankbarkeit über die geschenkten Stunden, die einen erfüllen, noch lange, nachdem man das Buch zugeklappt, versonnen dagesessen, über den wunderschönen Einband gestrichen und es wieder an einen besonderen Platz gestellt hat. Die Literatur braucht mehr dieser Autoren, dieser Bücher, die Schwingungen erzeugen, die nachhaltig erreichen und Verlage – wie der von Gerhard Lindenstruth -, die sich nicht scheuen, jenseits des Mainstreams Texte zu veröffentlichen, die das sind, was jeder Leser als Kleinod empfinden wird.

Als ich mich von den „Maliziösen Märchen“ löse – bedächtig, beinahe ehrfürchtig -, fühle ich mich so wie der Widergänger – |ich bin wieder draußen, hinausgeflogen aus dem Paradies der schönen Bilder.|

|Verlag Lindenstruth
Düstere Phantastik
Fester Einband, 203 Seiten
ISBN: 9783934273283
Okt. 2006, limitierte Auflage

7 Märchen für Erwachsene,
fulminant illustriert in 7 S/w-Bildern
und mit 7 höchstzweifelhaften Moralen versehen

Limitierte Vorzugsausgabe,
offenes Leinen m. Prägedruck,
4-Farb-Schutzumschlag,
S/w-Illustrationen|

http://www.verlag-lindenstruth.de/

Stott, Rebecca – Und Blut soll dich verfolgen

Isaac Newton ist einer der bekanntesten Wissenschaftler, selbst Laien kennen die Geschichte von dem Apfel, der Newton angeblich auf den Kopf gefallen sein soll und der dann zur Idee der Gravitation geführt hat. Aber Newton umranken noch andere Geschichten; so fand sein Aufstieg am Trinity College in Cambridge unter mysteriösen Umständen statt. Was ist damals wirklich passiert und hatte Newton womöglich seine Finger im Spiel in der Reihe ungeklärter Todesfälle, die seine Berufung erst ermöglichten? Rebecca Stott geht in ihrem Erstlingswerk „Und Blut soll dich verfolgen“ dieser Frage nach.

_Wenn die Vergangenheit dich einholt_

Die bekannte Elizabeth Vogelsang wird tot aufgefunden, leblos treibt sie im Wasser und niemand kann sich ihren Tod erklären. Hat sie etwa Selbstmord begangen? Doch dies ist kaum vorstellbar, hat Elizabeth doch gerade an ihrem größten Werk gearbeitet – einer Biografie über Isaac Newton, welche die gesamte Wissenschaftswelt auf den Kopf stellen sollte. Nur ein einziges Kapitel fehlte noch, und dieses sollte sich Newtons Berufung als Fellow an das Trinity College widmen. Diese Berufung kam damals mehr als überraschend, denn Newton stand nicht wirklich weit oben in der Wunschliste damaliger Wissenschaftler. Eine Reihe ungeklärter Todesfälle am Trinity College hatte den Weg freigemacht für Newton. Hatte er etwa seine Finger im Spiel? Elizabeth Vogelsang hat es herausgefunden, denn sie war die Erste, die auch das letzte Geheimdossier Newtons entschlüsseln konnte.

Ihr Sohn Cameron Brown vertraut die Arbeit an Elizabeth‘ Opus Magnum der Schriftstellerin Lydia Brooke an, mit der er einst eine Affäre hatte. Lydia ist Expertin für das 17. Jahrhundert und stürzt sich sogleich in die Arbeit, da sie eine tiefe Freundschaft mit Elizabeth Vogelsang verbindet und sie die Person Newton ebenfalls reizt. Zunächst kämpft sie sich durch Elizabeth‘ bisherige Kapitel, die sich Newtons Forschung widmen und von seinen Experimenten mit dem Prisma erzählen. Diese Passagen berichten detailreich, wie Newton sich eine Nadel ins Auge geschoben hat, um Farberscheinungen zu untersuchen. Je weiter Lydia vordringt in die Geschichte, umso mehr unerklärliche Dinge geschehen um sie herum. Elizabeth‘ Aufzeichnungen scheinen verschwunden zu sein, auch sieht Lydia immer wieder eine Gestalt in roter Robe. Wer verfolgt sie in Cambridge?

Auch Cameron Brown wird verfolgt und bedroht. Er experimentiert mit Tieren und sieht sich bedroht von einer Tierschutzorganisation mit dem merkwürdigen Namen NABED. Selbst die Haustiere seiner Kinder sind nicht mehr sicher, eines muss sein Leben lassen, was Camerons Frau dazu bewegt, sich mit den gemeinsamen Kindern in Sicherheit zu bringen. Doch NABED ist nicht nur der Name der Tierschutzorganisation, dieses Wort taucht auch in Newtons verschlüsselten Schriften auf. Was verbirgt sich dahinter? Und wer will verhindern, dass Elizabeth Vogelsangs Newton-Biografie veröffentlicht wird? Irgendwann wird Lydia es herausfinden, aber vielleicht ist es dann schon zu spät für sie …

_Dieses Buch wird dich nicht weiter verfolgen_

Rebecca Stott, die als Professorin für Englische Literatur an der Universität tätig ist, hat sich für ihren ersten Roman eine faszinierende historische Figur herausgegriffen. Isaac Newton kennen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch wissenschaftlich Interessierte; seine Person umgibt ein großes Geheimnis, dem Stott hier auf die Spur kommen möchte. Im Anhang macht sie schließlich auch deutlich, wo die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit in ihrem Roman liegen, was reine Spekulation ist und wo wir die historischen Fakten finden.

Hauptfigur im Roman ist Lydia Brooke, die Elizabeth Vogelsangs Opus Magnum redigieren und vervollständigen soll. Mit viel Eifer und Neugierde stürzt sie sich in die Arbeit, pendelt zwischen Bibliothek und Elizabeth‘ Haus, wo sie die Biografie beenden möchte. Doch schnell merkt sie, dass es eine Macht gibt, welche die Veröffentlichung des Buches verhindern möchte. Elizabeth‘ Haustier wird ebenso brutal ermordet wie das Haustier von Cameron Browns Kindern, doch um Cameron diesen weiteren Verlust zu ersparen, verschweigt Lydia ihm, was wirklich vorgefallen ist. Auch als sie selbst Opfer eines Angriffs wird, erzählt sie ihm nichts davon. Dass dies ein großer Fehler ist, der ihre Feinde schützt, merkt sie allerdings zu spät.

Wer wirklich zu den Guten und wer zu den Bösen gehört, das lässt Rebecca Stott lange Zeit im Dunkeln. Sie sät Misstrauen und beleuchtet ihre Charaktere von unterschiedlichen Seiten, doch erst spät offenbart sie ihren Lesern die wahren Zusammenhänge.

_Brieftagebuch_

Schon früh deutet Stott an, dass unheimliche Mächte am Werkeln sind, dass Lydia und Elizabeth mächtige Gegner haben, welche die Veröffentlichung der Biografie verhindern wollen, und früh wird auch klar, dass Cameron Brown dieses Buch nicht überleben wird. Denn das gesamte Buch ist in einer Art Briefform aus Sicht Lydias geschrieben. Sie erzählt in der Ich-Form von ihren Erlebnissen, von den mysteriösen Erscheinungen in Elizabeth Vogelsangs Haus und von ihren Ängsten, die sie anfangs noch versucht zu unterdrücken.

Rebecca Stotts Schreibstil ist gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig, da das Buch einem Brieftagebuch von Lydia an Cameron gleicht. Alles ist in der Vergangenheitsform geschrieben, was darauf hindeutet, dass zumindest Lydia die Gefahren offensichtlich überstehen wird. Auch ist wörtliche Rede nicht so häufig zu finden, da Lydia die Gespräche oftmals in der Passivform wiedergibt. Hinzu kommt Rebecca Stotts bemüht poetischer und ausschmückender Schreibstil, der die wahren Geschehnisse oftmals in einer Flut von Adjektiven und Umschreibungen verschwinden lässt. Ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel:

S. 235: |“Ich stellte mir vor, wie du deine SMS an mich poliertest, sie auf der Zunge schmecktest, den Text löschtest und noch einmal von vorn anfingst. Die Kurzmitteilungen gingen zwischen uns hin und her, durchzogen die Tage und Nächte. Assoziationen, Fragmente, Verszeilen. Ob auch du in diesem heiklen Austausch das Mahlen der Steine, die Auflösung von Stein zu Pulver hörtest, die Anfänge jenes über Jahrhunderte in den heißen italienischen Glashütten betriebenen, immer weiter verfeinerten, vervollkommneten Verfahrens spürtest? Ich meinte, das weiße Pulver an den Händen zu fühlen, Soda und Quarzsand zu riechen, als ich in jener Nacht, in den vielen langen Nächten danach zu dir ins Bett kam.“|

Derartig lange Sätze und schwülstige Beschreibungen sind im vorliegenden Buch an der Tagesordnung. Hinzu kommen die permanenten Andeutungen von Beginn an, dass etwas Schlimmes passieren würde. Bis es tatsächlich aber mal so weit kommt, dass außer den Angriffen der Tierschützer etwas passiert, dauert es (zu) lange.

_Gepflegte Langeweile_

Über rund 400 Seiten zieht sich Rebecca Stotts Newton-Thriller, der stets krampfhaft bemüht ist, ein wenig Spannung aufzubauen. Wahrscheinlich aus diesem Grund schreibt Lydia von Anfang an, dass sie durch ihr Handeln das Böse erst beschworen hat, dass sie durch ihr Schweigen Schlimmeres ermöglicht hat und dass sie all dies hätte verhindern können. Doch was sie hätte verhindern können, welches Blut sie verfolgt und wer der Mann in der roten Robe ist, von dem Lydia sich verfolgt fühlt, das erfahren wir erst sehr spät. Rebecca Stott belässt es lange Zeit bei inhaltslosen Ankündigungen, sie wirft uns auch kaum Hinweise hin, die zu eigenen Spekulationen hätten animieren können. Über mehr als 300 Seiten tappen wir im Dunkeln und verheddern uns in Stotts überfrachteten Wortkonstrukten. Von Spannungsbogen kann hier keine Rede sein, zumindest mich konnte Rebecca Stott kaum bei der Stange halten.

Nur um endlich zu erfahren, wie die Geschichte ausgeht, ob Newton wirklich an den mysteriösen Todesfällen beteiligt war und welche gefährliche Macht hinter Elizabeth her war und nun Lydia verfolgt, habe ich mich durch 400 schwerfällig zu lesende Seiten gekämpft. Doch am Ende blieb Ernüchterung, Stotts Finale verpufft und hinterlässt gähnende Leere. Natürlich hat sie keine erschütternden neuen Erkenntnisse über Isaac Newton zutage gefördert und natürlich blieb der große Knall am Ende aus. Auch die Geisterbeschwörung und das Auftauchen einer mysteriösen Gestalt aus Newtons Zeit trugen nicht gerade dazu bei, mir das Buch schmackhaft zu machen.

Rebecca Stotts Debütroman ist eine misslungene Mischung aus Historien- und Mysterythriller, die zwar beide Genres bedient, aber historisch wenig Neues zu berichten hat, kaum Spannung aufbaut und insbesondere sprachlich absolut fehlgeschlagen ist.

http://www.blessing-verlag.de

Sniadanko, Natalka – Sammlung der Leidenschaften

Was darf man von einem Buch erwarten, das den Titel „Sammlung der Leidenschaften“ trägt? Einen Porno? Leidenschaften in Form von bizarren Hobbies wie dem Sammeln von Totenköpfen? Eine Antwort erhält man, wenn man das Buch der ukrainischen Autorin Natalka Sniadanko liest.

An dieser Stelle kann eine Entwarnung gegeben werden: „Sammlung der Leidenschaften“ ist ein regelrecht keusches Buch. Sniadanko geht es weniger um aufmerksamkeitsheischende Darstellungen von Geschlechtsverkehr, vielmehr zeichnet sie im Plauderton ein unterhaltsames Portrait von Ich-Erzählerin Olessja und ihren Erfahrungen mit der Liebe. Das beginnt bereits im Grundschulalter mit Tolja, dem dicklichen Mitschüler mit einer Vorliebe für Bücher. Diese teilt er mit Olessja, aber es bringt die beiden einander nicht näher. Tolja ist einfach zu dickfellig, um Olessjas (in ihren Augen) gewitzte Anmachversuche zu verstehen. Anders sieht es da mit dem Mathematikdozenten Kostja aus, der trotz mittleren Alters noch stolz bei seinen Eltern wohnt und in Olessja die Frau seines Lebens sieht – egal, ob sie auch dieser Meinung ist oder nicht.

Wie man sieht, geht es in Olessjas Liebesleben auf und ab. Die Sammlung ihrer Leidenschaften reicht von Rockmusikern bis zu deutschen Adligen, von schwulen Sängern bis zu skurrilen Vermietern – Sniadanko lässt sich etwas für ihre Ich-Erzählerin einfallen, ohne dabei unrealistisch zu werden. Sie bleibt stets auf dem Boden der Tatsachen und zieht die Ereignisse trotz ihres feinen Sinnes für Humor niemals ins Lächerliche. Allerdings fehlt es der „Sammlung der Leidenschaften“ an manchen Stellen an Relevanz: Olessjas Erlebnisse sind ganz interessant, aber es fehlen der Schwung oder ein übergreifendes Thema, ein roter Faden, der die Kapitel verbindet. Dadurch kommt es immer wieder zu Längen und man hat keine große Lust weiterzulesen, da sich nichts Großes ankündigt und auch der Schreibstil an solchen Stellen nicht immer genug Zugkraft entwickelt.

Insgesamt kann Sniadankos Erzählweise jedoch überzeugen. Das hängt vor allem mit der sympathischen Olessja zusammen, die offen und in gehobenem Plaudertonfall berichtet. Sie ist eine sehr angenehme Erzählerin, die sich nie zu sehr in den Vordergrund drängt, mit ihrer Meinung aber auch nicht hinter dem Berg hält. Das ganze Buch ist von einem (selbst-)ironischen Tonfall durchzogen und reitet gerne auf verschiedenen Klischees, vornehmlich die der Ukraine und Deutschlands, herum. Teils gelingt dies, teils wird es aber auch zu einseitig, und nicht immer lässt sich das Augenzwinkern erkennen.

Natalka Sniadanko, die als Journalistin unter anderem auch für die |Süddeutsche Zeitung| geschrieben hat, legt trotzdem einen sehr reifen, durchdachten Schreibstil an den Tag, dem man die Übung anmerkt. Sie benutzt ein gehobenes, sehr vielfältiges Vokabular und drückt sich häufig humorvoll aus. Außerdem weiß sie Stilmittel wie Metaphern und Vergleiche in ihre Geschichte einfließen zu lassen, ohne dass sie diese beschweren.

In der Summe ist „Sammlung der Leidenschaften“ kein schlechtes Buch. Die Idee dahinter ist interessant, aber die Ausarbeitung nicht immer sauber. An einigen Stellen gibt es Längen und auch der Schreibstil hätte manchmal ein wenig flotter sein können. Dennoch sollte man Natalka Sniadanko im Auge behalten, denn ihr Roman verspricht definitiv einiges.

http://www.dtv.de

Anne Fine – Schwesternliebe

So verschieden sie auch sind, die vier Schwestern Liddy, Heather, Stella und Bridie, alle um die vierzig, halten seit ihrer Kindheit zusammen wie Pech und Schwefel. Fast jedes Wochenende verbringen sie gemeinsam. Die sensible, grundehrliche Liddy ist geschieden und hat zwei kleine Kinder, Bridie ist verheiratet und engagierte Sozialarbeiterin, Heather ist der unterkühlte Single und Stella die brave Harmoniesüchtige, die in ihrem Mann Neil das perfekte Gegenstück gefunden hat. Als Liddy den netten George kennenlernt und eine Beziehung eingeht, freuen sich ihre Schwestern für ihr neues Glück.

Anne Fine – Schwesternliebe weiterlesen

Hein, Corinna – Jules Suche

Jule braucht nicht viel zum Leben. Alvus ist ihr Zuhause, ein kleines gottverlassenes Dorf irgendwo im Nichts. Das zumindest glaubt Jule, denn für sie existiert nur das: der kleine Teich, die Ziegen, mit denen sie den Stall teilt, die Dorfbewohner, die Mücken, die ihr den Arm zerstechen. Ihre Welt ist klein, sie reicht nur so weit, wie Jule blicken kann, und doch führt sie ein überaus zufriedenes Leben.

Im Dorf dagegen hält man sie für verrückt. Ist einfach eines Tages aufgetaucht, mit dieser riesigen Narbe am Kopf, und kann sich an nichts erinnern. Trotzdem scheint niemand beunruhigt genug, die Polizei zu rufen. Man kümmert sich um sein eigenes Leben, Jule wird geduldet, und keiner kommt auf die Idee, dass jemand sie vermissen könnte. Am allerwenigsten Jule selbst.

Jule könnte bis an ihr Lebensende so weiterleben, in ihrem eigenen kleinen Paradies, in dem sich alles fügt und die Dinge ihren Platz haben. Wäre da nicht … natürlich ein Mann. Wostok kommt aus dem Wald, aus diesem dunklen Nichts, direkt auf Jule zu. Sie verbringen eine gemeinsame Nacht und am nächsten Morgen schnappt er sich sein Moped und verschwindet wieder. Ohne ein Wort.

Doch Jule ist erwacht. Sie will diesen Wostok wiederfinden, will wissen, woher er gekommen ist, was sich hinter dem Wald befindet. Und so beginnt sie zu laufen. Der Waldweg wird bald zu einer asphaltierten Straße, die asphaltierte Straße führt in eine Stadt und als der LKW-Fahrer, der sie freundlicherweise mitgenommen hat, sie in diesem Betondschungel ausspuckt, weiß sie zunächst nicht, wohin sich wenden.

Jule jedoch ist ein Glückskind. Ihr scheint das Schicksal immer hold. Und so landet sie zunächst bei einer Gruppe Hausbesetzern, später dann bei einem Schnellimbiss. Die Jahre vergehen und aus dem Schnellimbiss wird ein Restaurant. Sie versteckt ihr verdientes Geld in einer Keksdose, weil sie nicht weiß, was damit anfangen, aber sie vergisst nie ihre Suche.

„Jules Suche“, der Debütroman einer jungen Schriftstellerin aus dem allertiefsten Osten, ist auf nur reichlich hundert Seiten vieles auf einmal, ohne je überfrachtet zu wirken. Er ist Entwicklungsroman, verfolgt er doch das Erwachsenwerden dieser geheimnisvollen Jule. Er ist Wenderoman, spielt sich doch die Handlung in den frühen 90er Jahren ab. Da sind die Anklänge des magischen Realismus, die Jules Geschichte zuweilen fast märchenhaft wirken lassen. Selbst einige versteckte religiöse Motive sind zu finden, wenn Jule zu Anfang des Buches in diesem paradiesischen Zustand von gleichzeitiger Ahnungslosigkeit und völliger Zufriedenheit lebt. Doch wie in der Bibel auch, kann es so nicht bleiben. Bei Jule zerstört der Einbruch von außen, nämlich Wostoks plötzliches Auftauchen, das Gleichgewicht ihres Lebens. Das Ereignis lässt sie erwachen – Wostoks Gegenwart erweckt ihren Geist, seine Berührung ihren Körper – und schickt sie auf die Suche.

Diese Suche scheint zunächst etwas diffus – sie sucht nach diesem Mann und nach dem, was sich außer ihrem Dorf in der Welt befindet –, doch wird bald klar, dass der Sinn ihrer Suche ein ganz anderer ist. Sie sucht ihren Platz und letztendlich sich selbst. Denn was ihr nicht bewusst war, ist die Tatsache, dass sie selbst verloren war.

Die Autorin erzählt die Geschichte einer jungen Frau vor dem Hintergrund der Wendezeit. Vieles ist mittlerweile über die DDR und über den Fall der Mauer geschrieben worden. Im Vergleich mit all den kuriosen, kritischen, reflektierenden, erschöpfenden Ansichten über die DDR und die Wendezeit wirkt „Jules Suche“ geradezu zurückhaltend. Die deutsch-deutsche Geschichte drängt sich nie in den Vordergrund, gleichzeitig fungiert sie aber auch nicht nur als Schablone, vor der die Charaktere agieren sollen. Die Wende ist etwas, das einfach passiert, das die Menschen überrollt, an Jule jedoch vorbeirollt. Für sie finden Politik und gesellschaftliches Leben nicht statt, und so nimmt sie zwar Veränderungen wahr, kann sie auch benennen, sie ist jedoch nicht fähig, diese Veränderungen bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen.

Ungemein knapp und ökonomisch werden Prozesse nachgezeichnet, die in den Jahren nach der Wende überall in Ostdeutschland zu beobachten waren: der rückkehrende Wessi, der die unbedarften Zonis übers Ohr hauen und den großen Schnitt machen will, der ABV, der plötzlich nichts mehr zu beobachten hat, der Aufsteiger, der die Gunst der Stunde nutzt. Sie alle sind versammelt und der Leser darf ihren Aufstieg (und Niedergang) verfolgen. Geradezu als Überdosis gestaltet Corinna Hein hier den ganzen Wahnsinn der 90er Jahre, konzentriert auf ein unbedeutendes Dorf irgendwo in Ostdeutschland.

Corinna Hein, Jahrgang 1977, hat einige Veröffentlichungen im Kurzgeschichten- und Lyrikbereich vorzuweisen. Ihr erster Roman, „Jules Suche“, hat im |Ronald Hande|-Verlag ein Zuhause gefunden, der einige Titel zum Thema DDR-Geschichte im Programm hat. Wie so oft bei kleinen Verlagen, darf man auch vom RH-Verlag keine Perfektion verlangen. Ein fähiger Lektor hätte den Text sicherlich noch an der ein oder anderen Stelle abrunden und schlichte Satzfehler korrigieren können. Trotzdem vermag das schmale Bändchen den Leser zu fesseln. Sprachlich einfach traumhaft, spickt Corinna Hein ihren Text mit Bildern, die erst im Kopf des Lesers ihre ganze Farbenpracht entfalten werden. Fast meint man, der Nebel der Geschichte würde schon über Jule und ihrem Dorf Alvus hängen, so verträumt und märchenhaft kommen manche Passagen daher. Doch dann werden lakonisch und mit messerscharfer Zunge Lebensschicksale rezitiert und man realisiert, dass man sich doch fast noch im Hier und Heute befindet.

Jule hat ihre Unschuld verloren, und diesen Riss kann auch alles spätere Glück nicht kitten. Ihre Reise ist exemplarisch für eine ganze Generation, und doch bleibt sie als Einzelschicksal märchenhaft schön. Definitive Leseempfehlung!

http://www.rh-verlag.de
http://www.corinnahein.net

Moehringer, J. R. – Tender Bar

Der siebenjährige JR lebt mit seiner Mutter in Manhasset auf Long Island im Haus seines Großvaters, einem meist mürrischen alten Mann, mit dem schwer auszukommen ist. JRs Mutter versucht immer wieder, sich und ihren Sohn alleine zu versorgen und auszuziehen, kehrt jedoch früher oder später aus Geldmangel zurück. Seinen Vater, einen Radio-Moderator aus New York, hat sie wegen dessen Gewalttätigkeiten bereits kurz nach seiner Geburt verlassen. JRs Vater weigert sich, Unterhalt zu zahlen und nimmt keinen Anteil an seinem Sohn. Dafür verfolgt JR seine Radiosendungen als Ersatz für die väterliche Zuwendung.

Ein wichtiger Punkt in JRs Leben ist sein Onkel Charlie. Nachdem Charlie als junger Mann durch eine Krankheit sämtliche Kopf- und Körperhaare verloren hat, zieht er sich in die Bar zurück, in der er hinter der Theke arbeitet. Im „Dickens“ treffen sich Männer, um über bei Alkohol über Frauen, Wetten, Sport und das Leben an sich zu reden. Bereits als Kind ist JR fasziniert von diesem Ort. Mit neun wird sein Traum war und er darf das „Dickens“ betreten und wird sofort von der Atmosphäre gefangen genommen. Später nimmt ihn sein Onkel regelmäßig mit seinen Kumpels zu Ausflügen an den Strand und zu Baseballspielen ins Stadion mit.

Während JRs Mutter zum Geldverdienen nach Arizona zieht, um sich endlich ein wenig Unabhängigkeit zu verschaffen, besucht er die High School und arbeitet nebenbei in einem Buchladen. Die skurrilen Betreiber, Bud und Bill, unterstützen JRs Wunsch, an der Universität von Yale zu studieren. Wider Erwarten wird JR angenommen, die Freude durch die harte Arbeit in Yale aber gedämpft. JR begegnet hier seiner ersten Liebe und dem ersten Liebeskummer. Nach dem College zieht es ihn als Journalist zur Zeitung. Und immer wieder findet er Halt im „Dickens“, wo er sein erstes Bier trinkt, sein erstes Baseballspiel sieht, Sinatra hört und die Gesellschaft der Männer sucht, die ihm wie Ersatzväter sind …

Ein Junge und kein Vater, dafür eine gemütliche Bar und ein Haufen trinkfester Männer, welche die Vaterrolle gerne übernehmen – das ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Werkes, das in den USA wie mittlerweile auch in Deutschland gefeiert wird und bereits zu einem der am höchsten gelobten Werke des frühen Jahrhunderts aufgestiegen ist.

|Eindrucksvolle Charaktere|

JR berichtet von seinem Leben, angefangen von seiner Kinderzeit bis er Mitte zwanzig ist und New York verlässt. In kleinen Episoden erzählt er von den Menschen, die ihn auf diesem Weg umgeben. Da ist sein knurriger Opa, der sein Vermögen gekonnt hinter seinem reparaturbedürftigen Haus und schmuddeliger Kleidung verbirgt und nur selten mal Anwandlungen von Zärtlichkeit für JR zeigt, die sich ihm dafür intensiver einprägen. Da ist Onkel Charlie, ein kahlköpfiges Abbild von Humphrey Bogart, mit Sonnenbrille und Hut vermummt, der sich in Opas Haus krankhaft zurückzieht und erst abends aufblüht, wenn er seiner Arbeit im Dickens nachgeht, den Gästen vorsingt, ihnen Spitznamen verpasst und lakonische Bemerkungen abgibt.

Da ist Joey D, ein liebenswerter Riese mit Muppet-Gesicht, der seine Worte in Hochgeschwindigkeit stets an seine Brusttasche zu richten scheint, was JR als Kind zur Überzeugung bringt, dass dort eine kleine Schmusemaus wohnt, mit der er sich unterhält; der Hausmeister „Fuckembabe“, der eben jenen Ausdruck bei jeder Gelegenheit in sein Kauderwelsch einflechtet; der Vietman-Veteran Cager, der vom Schrecken des Krieges erzählt; Bob the Cop, der Polizist mit dem dunklen Geheimnis, das er JR eines Tages anvertraut, und nicht zuletzt Steve, der rotgesichtige Besitzer der Bar, der jedem Gast sein herzliches Lächeln schenkt und dem „Dickens“ sein Herzblut opfert.

JR wird früh zu einer Sympathie- und Identifikationsfigur für den Leser. Durch sein ganzes Leben zieht sich ein permanenter Wechsel von Licht und Schatten. Wünsche, Hoffnungen und Träume wechseln sich mit Erfolgen und schmerzlichen Niederlagen ab. Mit dem Studiumsplatz in Yale scheint JR zunächst das Glück gepachtet zu haben, bis er feststellt, dass er weder zu den elitären Kreisen seiner Kommilitonen gehört noch die Professoren mit seinen Arbeiten beeindrucken kann. In Yale begegnet JR der bildhübschen Sidney, einer reichen Oberschichtstochter mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, die ihn gekonnt um den Finger wickelt und ihm den Kosenamen „Trouble“ verpasst – mit Recht, denn Sidney verschafft JR den ersten ernsthaften Schmerz und Kummer in seinem Leben, und wieder ist es das Dickens mit den Männern darin, das er als Zuflucht wählt. In Yale trifft er auch auf seinen verehrten Frank Sinatra, der einen Vortrag über Kunst hält und plötzlich so viel greifbarer und menschlicher erscheint als auf Plattencovern und im Fernsehen und gleichzeitig nichts von seinem Charisma einbüßt. JRs Bewunderung für den Sänger ergibt sich fast von selbst, denn seine eigene Geschichte gleicht den melancholischen Sinatra-Songs, die von Liebe und Leid erzählen, ohne sich dabei in Selbstmitleid zu suhlen, sondern Würde und Haltung bewahren.

Mehr schlecht als recht quält sich JR durch das Studium, ohne sich darüber im Klaren zu werden, welchen Beruf er wählen soll. Schreiben möchte er, beschließt er schließlich, aber keine Gedichte oder Belletristik, sondern als Journalist arbeiten. Wieder scheint ihm das Glück zu winken, als er für ein Volontariat bei der |New York Times| genommen wird. Monatelang besteht sein Leben, abgesehen von den unvermeidlichen Ausflügen ins „Dickens“, aus Sandwichholen für die Reporter und kleinen Büroarbeiten. Seine erste Story wird ein blamabler Reinfall, der sich als Ente entpuppt, und auch in seiner Probe-Reporterzeit leistet er sich einen kapitalen Ausrutscher, der an seinem Selbstbewusstsein nagt. JR ist beileibe kein Gewinner, aber auch kein blasser Verlierer, sondern ein Kämpfer, der sich immer wieder aufrappelt, wenn alles verloren zu sein scheint.

Ein besonderes Schmankerl ist das Nachwort, in dem Moehringer eine kurze Bilanz seines Lebens nach seiner Zeit in New York zieht und den 11. September als traurigen Aufriss wählt, denn bei den Anschlägen starben auch Menschen, die er aus seiner Zeit im „Dickens“ kannte. Der Leser erfährt die weiteren Schicksale der Figuren, die er zuvor begleitet hat, manche stimmen froh, andere fanden leider kein glückliches Ende, aber in jedem Fall ist es schön zu erfahren, dass hier keine Romanfiguren, sondern echte Charaktere agierten. Erfreulich ist auch das anhängende Glossar, das die wichtigsten Namen und Anspielungen kurz erläutert, manche wie „Popey“ sicher populär genug, um nicht notwendig zu sein, andere dagegen eine nette Bereicherung.

|Kleine Längen|

„Tender Bar“ ist ein autobiographischer Roman, was in der deutschen Ausgabe, die auf die Originalbeigabe „A Memoir“ verzichtet, nicht sogleich offensichtlich ist. Moehringer gibt an, nichts als die nackte Wahrheit aufgeschrieben zu haben, sogar nur drei Namen wurden geändert, wie er im Epilog erklärt. Darin liegt einerseits der Reiz des Buches, die besondere Zusatzfreude, wenn man weiß, dass es all diese originellen Figuren tatsächlich gab und überwiegend heute noch gibt. Allerdings ist der autobiographische Stil auch dafür verantwortlich, dass „Tender Bar“ nicht frei von Längen ist. Manche Episoden sprühen vor Charme und leisem Humor, andere bewegen und berühren, aber manchmal ziehen sich belanglose Schilderungen allzu zäh über die Seiten und man wünscht, Moehringer würde der Lesefreundlichkeit zuliebe ein wenig straffen, denn nicht alle eigenen Erlebnisse sind für den Leser genauso interessant wie für den Autobiographen. Vor allem zu Beginn ist Geduld gefordert, denn Moheringer ist ein sehr gemächlicher Erzähler, der sich Zeit für seine Schilderungen nimmt, so unspektakulär sie manchmal auch daherkommen.

_Als Fazit_ bleibt ein ruhiger und bewegender autobiographischer Entwicklungsroman und zugleich eine liebevolle, nostalgisch-verklärte Hommage an die Bar, die den Erzähler von klein auf durch sein Leben begleitet. Vor allem die Vielfalt der faszinierenden Charaktere vermag zu überzeugen, ebenso wie die gelungene Mischung aus Humor und Melancholie. Kleine Abstriche gibt es für die manchmal ausufernden Abschweifungen und Längen, denen ein paar Straffungen gutgetan hätten.

_Der Autor_ J. R. Moehringer wurde 1964 in New York geboren, studierte in Yale und arbeitete als Reporter für die |Rocky Mountain News| und die |New York Times|. Heute schreibt er für die |Los Angeles Times|. 2000 wurde er für eine Reportage mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Sein autobiographisches Werk „Tender Bar“, der 2005 erschien, ist sein erster Roman.

http://www.tenderbar.com
http://www.fischerverlage.de

Kümmel, Anja – weiße Korsett, Das

In der klassischen Gothic Novel werden Geistergeschichten erzählt. Der Verlauf ist einfach, zumeist tragen sich an geheimnisumwitterten Orten unfassbare Ereignisse zu: der Poltergeist im Gemäuer, die weiße Frau im Garten oder das Gespenst im Schrank.

Anja Kümmels Buch handelt von einer jungen Ausländerin in Amerika. Kein einfacher Verlauf: abgebrochenes Studium, notorischer Geldmangel, unstetes Leben und mancher Ausflug in die subkulturelle Musikszene der Stadt. Doch damit nicht genug. Überdies wird die Protagonistin von einer mysteriösen Erscheinung heimgesucht. Ein Alp, der ihrer eigenen Vergangenheit entsprungen scheint, an die sie sich nur bruchstückhaft erinnern kann.

„Das weiße Korsett“ ist eine moderne Gothic Novel. Hier lebt die Protagonistin im Schrank, nicht der Geist; und doch knüpft Anja Kümmel – klischeefrei – bei den Geisternovellen des 19. Jahrhunderts an: „Dabei hätte ich es wissen müssen – körperlose Seelen fristen zumeist nur ein begrenztes Erdendasein, bevor sie verblassen …“ (S. 203). Sprache und Stilistik sind aber die eines zeitgenössischen Romans.

Anja Kümmel versteht es, dem Leser die Geheimnisse, die eine geisterhafte Erscheinung wohl unweigerlich umranken (heute wie im 19. Jahrhundert), portionsweise zu verabreichen. Die Gedanken und Erinnerungen der Protagonistin bauen spannend aufeinander auf, eine Andeutung verschachtelt sich in der nächsten; so entsteht ein fast abstrakt anmutender Handlungsstrang.

Leider nicht immer plattitüdenfrei beschreibt Anja Kümmel das von Orientierung und Abgrenzung geprägte junge Leben der Protagonistin. Der Gebrauch szenetypischer Kodierung, welche die Autorin einsetzt, steht der intelligent-abstrakten Handlung und der originellen Beschreibung des Geistes hier und da im Wege. Am Ende des Buches wird aber deutlich, warum Anja Kümmel manche Gothic-Szenefloskel verwendet: Sie stellt auf der Metaebene den selbst gewählten Entwicklungsweg durch eine ambivalente Jugendkultur in Frage. „Auch hier sind es die Ideen, Auswüchse der Fantasien von Kindern, die sich langweilen – Kinder, die vergessen haben, dass sie längst erwachsen sind – …“ (S. 205). Die Protagonistin reift an ihrer Erinnerung, an einer unglaublichen Begegnung genauso wie an der Verarbeitung eines „sehr realen“ Geheimnisses.

http://www.teamofdestruction.de/

Lewycka, Marina – Caravan

Nachdem Marina Lewycka mit ihrem Debütroman [„Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ 2970 einen großartigen Erfolg gelandet hat, der mittlerweile schon in 33 Sprachen übersetzt wurde, hat sie nun mit „Caravan“ ihren zweiten Roman abgeliefert. Die Thematik ist eine ganz ähnliche wie schon in ihrem Erstlingswerk. Es geht wieder einmal um ukrainische Einwanderer und ihren Lebensalltag in England – ein Themenkomplex, der Marina Lewycka schon aufgrund ihrer eigenen Biographie am Herzen liegen dürfte. Sie ist selbst Kind ukrainischer Flüchtlinge, in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren und in England aufgewachsen.

Auch die Protagonisten ihres aktuellen Romans sind nach England gekommen, weil sie sich dort ein besseres Leben erhoffen. Irina möchte eigentlich Schriftstellerin werden, verdient ihren Unterhalt aber mehr schlecht als recht zusammen mit anderen Leidensgenossen auf den Erdbeerfeldern des skrupellosen Bauern Leapish. Für einen ausbeuterischen Lohn, für die Unterbringung in einem heruntergekommenen Wohnwagen am Rand des Erdbeerfeldes und die ziemlich magere Versorgung mit Lebensmitteln schuftet sie mit anderen Ukrainern, Polen, Chinesen und einem Afrikaner von früh bis spät auf den Feldern.

Dabei hatte sich Irina ihr Leben in England doch ganz anders erträumt: Sie wollte ihr Englisch verbessern und sich verlieben – in einen romantischen Engländer. Auch Andrij hatte sich das Leben in England irgendwie besser vorgestellt. Er hat die Ukraine verlassen, um auf keinen Fall als Bergmann in den Stollen des Donbass zu enden, wie sein Vater, und natürlich auch, um die große Liebe zu finden: seine „Angliska rosa“. Dann wären da noch der alternde polnische Hippietyp Tomasz, die erfahrene polnische Erdbeerpflückerin Jola mit ihrer frommen Nichte Marta, die der Truppe mit ihren Kochkünsten aus wenigen Zutaten so manches Festmahl bereitet, zwei asiatische Mädchen, von denen eines aus Malaysia kommt, und der gottesfürchtige Teenager Emanuel aus Malawi.

Als ihr ausbeuterischer Arbeitgeber Bauer Leapish eines Tages überfahren wird, ergreifen sie zusammen die Flucht – in einem klapprigen Wohnwagen. Doch das Leben in England ist nicht einfach und die Verwirklichung ihrer Träume scheint in immer weitere Ferne zu rücken. Überall lauern ausbeuterische Arbeitgeber, maßregelnde Behörden und zwielichtige, bewaffnete Gangster, und so wird die Flucht der Erdbeerpflücker durch England zu einem aufregenden Abenteuer …

Was Marina Lewyckas Debütroman „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ so liebenswürdig macht, ist Lewyckas gelungene Verquickung aus einer ironischen Betrachtungsweise ihrer Protagonisten und der Ernsthaftigkeit des Alltags. Auch in ihrem aktuellen Roman sind genau das wieder die Zutaten, die die Lektüre so interessant machen.

Etwas naiv betrachten die Erdbeerpflücker ihr Leben in England und die Möglichkeit, dort ihre Träume zu verwirklichen, ohne zu sehen, dass sie nie eine Chance darauf haben, wirklich Teil der Gesellschaft zu werden. Sie fallen auf dubiose Jobangebote herein, glauben „Jobvermittlern“, die ihnen das Blaue vom Himmel herunterlügen, und wundern sich dann, dass die versprochene Luxusunterkunft eine billige, überfüllte Absteige ist.

Eine traurige Ironie zieht sich durch das ganze Buch, wenn man sieht, wie blind die Erdbeerpflücker sich auf solche Offerten einlassen und es dabei schaffen, sich ihre Träume von einem besseren Leben zu bewahren, während sie in Wahrheit von Gangstern ausgenommen werden. Dennoch schafft Lewycka den Balanceakt, dass nicht der Eindruck entsteht, sie würde sich über die Naivität der Einwanderer lustig machen.

Diese Perspektive der außenstehenden, ausländischen Arbeitskräfte, die sämtliche Arbeiten verrichten, für die sich kein Engländer mehr opfern würde, ermöglicht Lewycka auch einen kritischen Blick auf die westliche Konsumgesellschaft, der sich vor allem in der Familie der MacKenzies manifestiert. Die MacKenzies sind reiche Leute, mit deren Sohn Emanuel während dessen freiwilligem Sozialdienst in Malawi Freundschaft geschlossen hat. Eine reiche Familie, im Luxus lebend, aber unglücklich, erzeugt bei Andrij nur ein müdes Kopfschütteln. Dennoch sind auch die Erdbeerpflücker voller naiver Bewunderung für die westlichen Konsumgüter.

Die Art der Jobs, die die Erdbeerpflücker im Laufe ihrer Reise durch England verrichten, ist ein nächster Ansatzpunkt für unterschwellige Gesellschaftskritik. Tomasz‘ Erlebnisse auf der Hühnerfarm und später auch im Schlachthof können einem schon gehörig den Appetit verderben. Lewycka gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit, in einem unterhaltsamen und teilweise humorvollen Roman immer wieder ernsthafte Untertöne anklingen zu lassen. All das meistert Lewycka mit einem so lockeren Plauderton, dass man an manchen Stellen über den unverhofften Tiefgang der Geschichte staunt.

„Caravan“ ist ein Roman, der sich in viele einzelne Handlungsstränge gliedert. Mal beobachtet man die eine Figur, mal steht eine andere im Mittelpunkt. Jeder geht mit der Zeit seine eigenen Wege, jeder versucht auf eigene Art in England glücklich zu werden. Nett ist dabei auch immer wieder, wie die gleiche Situation aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben und jeweils anders beurteilt wird. Die Erlebnisse der Erdbeerpflücker muten teilweise schon recht skurril an und sie begegnen allerhand interessanten Figuren. Ein Leckerbissen für alle, die schon den Vorgängerroman „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ mochten, ist das unverhoffte Wiedersehen mit Nicolai Majevski – mittlerweile ein paar Jahre älter, aber noch genauso herrlich schräg.

Trotz aller positiven Aspekte bleiben an „Caravan“ aber auch ein paar vereinzelte Schwachpunkte festzuhalten. Da wäre zum einen der plötzliche Wandel von Vittali. An einem Tag noch Erdbeerpflücker, am nächsten Tag geschniegelter „Mobilfon-Mann“. Der Wandel geht derart schnell, dass man geneigt ist, prompt noch mal zurückzublättern, weil man glaubt, man hätte einen größeren zeitlichen Sprung übersehen, aber den gibt es nicht.

Dann wäre da der Hund, der der Truppe zuläuft und fortan mitreist. Auch dessen Gedanken werden dem Leser offenbart, aber das ist oft wenig relevant und in abgehacktem Stil in Großbuchstaben geschrieben und stört somit irgendwie den Lesefluss. Und zu guter Letzt wären da die vielen Zufälle. Immer wieder laufen die Protagonisten den gleichen Figuren über den Weg, was bei einer Reise quer durch England irgendwie eigenartig anmutet. Diese Schwachpunkte tragen dazu bei, dass „Caravan“ nicht ganz so ein hochkarätiger Lesegenuss ist wie die „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“.

Bleibt unterm Strich ein positiver, wenn auch schwächerer Eindruck zurück, als es noch beim Debütroman von Marina Lewycka der Fall war. Sie erzählt zwar eine unterhaltsame Geschichte, die gleichermaßen mit ernsten und traurigen wie mit humorvollen und ironischen Momenten gespickt ist, dennoch ist die „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ insgesamt noch etwas besser.

http://www.dtv.de

Michal Zamir – Das Mädchenschiff

Der Wehrdienst für Frauen ist in Deutschland erst seit einigen Jahren ein Thema und im Gegensatz zu den Männern, die verpflichtet sind, dem Vaterland in irgendeiner Form zu dienen, steht es den Frauen frei, ob sie zur Bundeswehr gehen möchten oder nicht. In Israel ist das anders. Dort müssen beide Geschlechter jeweils zwei Jahre Dienst ableisten.

So auch die achtzehnjährige Ich-Erzählerin, die ihrer Verpflichtung als Bürokraft auf einem Fortbildungsstützpunkt nachkommt. Sie ist nicht besonders motiviert, obwohl sie sich vorstellen könnte, später Medizin zu studieren. Doch ihre Zukunft interessiert sie nicht sonderlich. Ihr Leben spielt sich momentan in einem kleinen Büro ab, wo sie Kaffee kocht und Gläser spült. Zwischendurch gibt sie sich den Offizieren hin, was in schöner Regelmäßigkeit in Schwangerschaften endet, da sie die Pille nicht verträgt. Nicht immer ist sie dabei mit dem Geschlechtsverkehr einverstanden, aber so läuft das nun mal bei der Armee.

Michal Zamir – Das Mädchenschiff weiterlesen

Bardola, Nicola – Schlemm

|“Genug für andere gelebt, leben wir wenigstens dieses letzte Stück Leben für uns selbst … packen wir unsere Sachen; nehmen wir rechtzeitig Abschied von der Gesellschaft; machen wir uns los von diesen aufdringlichen Banden, die uns an anderes fesseln und uns von uns selbst entfremden.“| Montaigne

Paul Salamun hat Krebs. Er ist 75 und hat sein Leben gelebt, sodass er beschließt, sich nicht operieren zu lassen, keine lange Therapie durchzustehen und ohne Schmerzen und weiteres Leid aus dem Leben zu scheiden. Gemeinsam mit seiner Frau Franca beschließt er, sich am 9. Dezember das Leben zu nehmen, Franca will es ihm gleichtun, obwohl sie gesund ist. Sie informieren nur ihre beiden Söhne von dem geplanten Selbstmord, damit die Familie voneinander Abschied nehmen kann. Die Salamuns wenden sich an die „Right of Way Society“ (ROWS), die ihnen am festgesetzten Sterbetag den Todescocktail mixen und die beiden auf ihrem Weg aus dem Leben begleiten wird. Moderne Sterbehilfe, das ist möglich in der Schweiz, sorgt aber auch dort noch für Aufsehen.

Elf Tage vor dem 9. Dezember erfährt Sohn Luca von den Plänen seiner Eltern, mit denen er schon lange keinen guten Kontakt mehr hat. Nur noch elf Tage lang wird er das Kind seiner Eltern sein, danach werden sie ihrem Leben eigenhändig ein Ende setzen. Luca ist aufgewühlt, nur wenig Zeit bleibt ihm, um mit seinen Eltern ins Reine zu kommen, um Abschied zu nehmen und sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass seine Eltern ihren Todeszeitpunkt selbst bestimmt haben. „Lebenssatt“ sind die beiden, wie Franca es bezeichnet. |“Eine späte Variante der eisernen Lunge. Kinder längst aus dem Haus. Erste Gebrechen, die Hüfte, Gallensteine. Mehr Falten. Alles erledigt. Alles Sehenswerte gesehen. Alles gelebt. Aufgaben erfüllt. Vieles nur noch Routine. Auch die kleinen Freuden – nur Wiederholungen. Neugier abhanden gekommen“.|

All dies erfährt Luca aus den Tagebüchern seines Vaters, die Paul seinem Sohn vermacht hat, um von seinem Leben zu erzählen und um seinem Sohn seine innersten Gedanken und Erlebnisse mitzuteilen. Einst war Paul ein begabter Mathematiker und leidenschaftlicher Bridge-Spieler, doch mit dieser Welt seines Vaters kann Luca nichts anfangen. Lange braucht es, bis er diese Begabungen seines Vaters nachvollziehen kann und bis er sein eigenes Interesse am Kartenspiel entdeckt.

Der Schweizer Autor Nicola Bardola hat ein – für deutsche Verhältnisse – heißes Eisen angefasst. Aktive Sterbehilfe ist hierzulande verboten, nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn sich auch hier eine Organisation bildete, die Menschen mit Todeswunsch auf ihrem Weg begleiten und ihnen dann sogar den Todescocktail mixen würde. Doch ist es wirklich so abwegig, dass Menschen lieber ohne langes Leid sterben wollen? Wenn sie es noch selbst entscheiden können? Wenn sie noch selbst wissen, was sie tun und ihnen Gelegenheit bleibt, von ihren Freunden und Verwandten Abschied zu nehmen? Paul und Franca entschließen sich in „Schlemm“ dazu, genau dies zu tun. Und Bardola weiß, wovon er schreibt, denn seine eigenen Eltern sind diesen Weg gegangen. Bardola selbst findet sich in Luca wieder, dem Sohn, dem es so schwer fällt, den Wunsch seiner Eltern zu verstehen und der lange braucht, um dies zu verdauen.

Paul und Franca haben an alles gedacht, sie konnten ihre eigene Beerdigung planen. Am Tag vor ihrem Tod haben sie ihre Söhne und deren Ehefrauen zu einem letzten gemeinsamen Abendessen eingeladen. Anschließend haben sie alles beiseite geräumt, die Küche geputzt und die Briefe an die Bekannten zum Briefkasten gebracht, die erst dann ankommen würden, wenn bereits alles zu spät wäre. Wie aber lebt es sich mit dem Wissen, dass die eigenen Eltern diesen Schritt tun wollen? Wie soll man sich wirklich von ihnen verabschieden? Diese Frage versucht Bardola zu klären. In vielen Rückblicken erzählt er aus Pauls und Francas Vergangenheit, er beleuchtet ihre Ehe und lässt durchblicken, dass diese eigentlich gar nicht die beste gewesen ist. Doch wieso folgt Franca dann ihrem Mann, obwohl sie selbst doch noch gesund ist? Wieso dieser Wunsch, einem Mann zu folgen, der vielleicht gar nicht zu ihr gepasst hat? Die beiden unternehmen vor ihrem Tod einen langen Spaziergang zusammen, blicken über ihre Heimat, lassen ihr Leben Revue passieren, rauchen noch ein paar Zigaretten gemeinsam und stellen sich auf das nahende Ende ein.

Bardola ist sehr nah an den Menschen dran, er schildert ihre Gedanken, blickt in die Vergangenheit zurück und beschreibt ihre Handlungen und Gefühle. Doch missglückt dieser Versuch meiner Meinung nach. Bardola springt von einer Szene zur nächsten, er wechselt ständig die Zeitebenen, macht nur sehr kurze Kapitel, die kurzen, abgerissenen Gedankenfetzen gleichen. So mutiert „Schlemm“ zu einem Stück Prosa, dem jedweder Zusammenhang fehlt. Ich bin nie mit den Charakteren warmgeworden, die Handlung und Zeitebenen sind chaotisch und schwer nachvollziehbar. Und auch Nicola Bardolas teils recht kühle Sprache stand in einem zu krassen Gegensatz zu dem Thema, das er hier abhandeln möchte.

Auch wenn das Thema das Buches so wichtig ist, so beladen mit Gefühlen, mit Trauer, Verzweiflung, Abschied, so wenig schafft es Bardola letztlich, diese Gefühle zum Leser zu transportieren. Die permanenten Gedankensprünge stören immer wieder den Lesefluss und auch die vielen Exkurse über das Bridgespielen passen so gar nicht zum Thema Sterbehilfe. Die widersprüchlichen Kritiken – insbesondere über Bardolas Sprache – sind in einem Anhang im Buch zusammengefasst und machen nochmals deutlich, wie unterschiedlich sein Stil beurteilt wird. Mir persönlich war seine Sprache zu distanziert und abgeklärt, obwohl dies vielleicht für Bardola der Weg gewesen ist, um selbst eine Distanz zu diesem Buch herstellen zu können. So sehr ich es mir auch gewünscht hätte, ließ mich dieses Buch kalt und berührte mich trotz der dramatischen Thematik überhaupt nicht. Nur kurze Zitate, überaus treffende Beobachtungen, wie ich sie oben angeführt habe, ließen mich aufhorchen und stimmten mich nachdenklich, doch zu selten sind diese Passagen, die den Leser berühren, als dass ich dieses Buch weiterempfehlen könnte.

http://www.heyne.de

Gier, Kerstin – Für jede Lösung ein Problem

Gerri glaubt, sie habe nichts mehr zu verlieren. Ihr Job als Heftromanautorin ist futsch, sie ist immer noch Single und irgendwie läuft auf einmal alles schief. Die junge Frau beschließt sich umzubringen, und da kommt die Sammlung von Schlaftabletten, die ihr ihre Mutter vermacht, gerade recht. Gerri bereitet alles vor, was es für einen guten Selbstmord braucht: Sie kündigt ihre Wohnung, kauft sich ein teures Kleid und geht zum Friseur. Sie mietet ein Hotelzimmer, kauft Wodka zu den Schlaftabletten – und schreibt Abschiedsbriefe an Freunde, Verwandte und Bekannte. Dabei geht sie nicht gerade zimperlich mit ihnen um. Was kümmert sie das auch? Schließlich wird sie bereits tot sein, wenn die Adressaten die Briefe bekommen.

Leider kommt im Leben aber nicht immer alles so wie geplant. Als die junge Frau am Abend ihres Ablebens in die Hotelbar geht, um ein letztes Glas Champagner zu genießen, trifft sie auf Ole, mit dem sie beinahe mal eine Beziehung hatte und der immer noch zu ihrem Freundeskreis gehört. Damals entschied er sich statt für Gerri für seine Ex Mia, die ihn just in dem Hotel, in dem Gerri sich umbringen möchte, betrügt. Er ist Mia gefolgt, wie in einem schlechten Film, und jetzt klammert er sich an mehrere Gläser Whiskey und an Gerri, um mit seiner kaputten Ehe zurechtzukommen. Ihre Selbstmordpläne sind damit erstmal abgehakt, und nachdem die Putzfrau am nächsten Morgen auch noch Gerris Schlaftabletten aufsaugt, hat die Heldin von „Für jede Lösung ein Problem“ wirklich ein Problem. Denn ihre Abschiedsbriefe an unliebsame Onkel und Tanten, nervige Freundinnen und den neuen, gutaussehenden Cheflektor, der sie gekündigt hat, sind bereits unterwegs – und sie dummerweise immer noch am Leben.

„Für jede Lösung ein Problem“ ist ein Buch in schönster Bridget-Jones-Marnier: Die Hauptfigur ist über dreißig und verzweifelter Single mit chaotischem Leben und noch chaotischeren Freunden, einem Faible für Fettnäpfchen und einer schrecklichen Familie. Gerri lässt sich gerne unterdrücken, doch nach ihrem Selbstmord ist Schluss damit. Geschubst von ihrer resoluten Freundin Charly lernt sie auf eigenen Beinen zu stehen und macht in der Geschichte eine authentische Wandlung durch. Ob man Gerri dabei mag, liegt am Leser persönlich. Kerstin Gier schreibt Bücher, die man, ohne wertend zu werden, der Sparte „Frauenroman“ zuordnen muss. Wer dieses Genre von vornherein nicht mag, der wird auch an „Für jede Lösung kein Problem“ keine Freude finden.

Lässt man sich auf das Buch ein, bekommt man eine lustige Geschichte serviert, die ab und an zum Schmunzeln einlädt. Die Handlung ist witzig und chaotisch, wenn auch sicherlich nicht besonders realistisch. Über Giers Umgang mit dem ernsten Thema Selbstmord lässt sich ebenfalls streiten, dennoch ist die Geschichte witzige Unterhaltung. Mehr als einmal muss man lachen, da aus der Perspektive von Gerri erzählt wird und man all ihre Gedanken mitbekommt. Diese sind meist bissig, sarkastisch und stehen im Gegensatz zu dem, was sie eigentlich tut. Was Gier einigen ihrer Kolleginnen voraus hat, ist dabei, dass ihr Humor richtig schwarz und böse sein kann, so böse, wie man es vielleicht nicht unbedingt in einem „Frauenroman“ erwartet. Das macht dann sogar Leuten Spaß, die solche Bücher normalerweise nicht lesen.

Kerstin Giers Schreibstil gefällt aufgrund des hohen technischen Niveaus. Gier benutzt ein großes, aber der Geschichte angepasstes Vokabular und klare, schlüssige Satzstrukturen. Trotz der Selbstironie und der guten Portion Humor verliert sich das Buch nie in Witzeleien. Die Autorin kommt stets auf den Punkt und erzählt gerafft, aber nicht zu schnell aus dem chaotischen Leben von Gerri.

„Für jede Lösung ein Problem“ gehört zu den wenigen deutschen „Frauenromanen“, die an die Bridget-Jones-Bücher von Helen Fielding heranreichen. Die Geschichte ist witzig, selbstironisch, gut erzählt und präsentiert eine sympathische Hauptfigur. Die Handlung ist sicherlich für manche etwas zu abgeschmackt oder zu unrealistisch, aber wer sich daran nicht stört, wird mit Kerstin Giers Roman ein paar amüsante Stunden erleben.

http://www.bastei-luebbe.de

_Kerstin Gier auf |Buchwurm.info|:_
[„Die Mütter-Mafia“ 4328
[„Die Patin“ 4344

Gier, Kerstin – Patin, Die

Wenn man die Widmung in Kerstin Giers Roman „Die Patin“ liest, bekommt man es als Rezensent mit der Angst zu tun. Dort rät sie einer Kritikern: „Geh und schaufle dir doch ein Loch!“. Da bleibt nur zu hoffen, dass dieses Buch gut genug ist, um es nicht verreißen zu müssen …

Constanze Bauer, die chaotische Protagonistin aus [„Die Mütter-Mafia“, 4328 wurde vor kurzem von ihrem Mann Lorenz wegen eines jüngeren, gutaussehenden Models namens Paris sitzengelassen und lebt nun mit ihrer schwerpubertierenden, vierzehnjährigen Tochter Nelly und ihrem vierjährigen Sohn Julius in einem frisch renovierten Haus in der Kölner Insektensiedlung. „Die Patin“ führt die Geschichte, die im Vorgängerbuch begann, direkt weiter. Mimi, Karrierefrau mit Kinderwunsch, ist endlich schwanger, die esoterische Trudi glaubt, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben, Nelly hat Liebesleid und Constanze geht zwar mit dem wahnsinnig gut aussehenden Anwalt Anton aus, schafft es mit ihm aber nicht über die Schwelle des Schlafzimmers. Es gibt folglich viel zu tun auf den 314 Seiten: Anton möchte herumgekriegt, Mimis Ehe geflickt werden, ein geschiedener Vater braucht die Hilfe der Patin, um das Sorgerecht für seine Tochter zu bekommen, und Nelly hängt in letzter Zeit auffällig oft mit dem Sohn der asozialen neuen Nachbarn der Wohnsiedlung herum …

Durch den nahtlosen Übergang zwischen den beiden Büchern mit Constanze Bauer ist der Lesegenuss sicherlich geschmälert, wenn man den ersten Band nicht kennt. Zu viele Dinge bauen aufeinander auf, auch wenn die Tagebucheinleitung von Nelly wirklich ein geschickter Schachzug ist, um die Ausgangssituation in wenigen, aber deutlichen Worten zu erklären. Im Gegenzug zu „Die Mütter-Mafia“ finden sich in diesem Roman wesentlich mehr und vor allem ernstere Konfliktherde. Während Gier im ersten Buch hauptsächlich darauf abzielte, übertrieben fürsorgliche Mütter zu bespötteln, geht es diesmal um zerstörte Ehen, Sorgerechtprobleme und arme Familien. Der Grundton der Geschichte wird damit wesentlich seriöser und tiefgründiger, wenn auch auf heitere Art und Weise erzählt. Gerade diese heitere Art und Weise wird für einige Leser ein Problem sein: Darf man solche teilweise sensiblen Themen denn in einem augenzwinkernden Frauenroman verpacken?

Man darf, wenn man Kerstin Gier heißt. Dank ihrer erzählerischen Leistung, die auch dann funktioniert, wenn es mal nicht so witzig wird, schifft sie das Buch gekonnt durch unsichere Gewässer. An der einen oder anderen Stelle kommt sie den Klippen dabei ein wenig zu nahe. Beispielsweise, wenn Constanze eine Schlägertruppe anheuert und den Liebhaber der Frau bedroht, gegen die es im Sorgerechtsstreit geht. Diese Stelle ist ein wenig zu überzogen. Constanze putzt sich beispielsweise richtig heraus, in einem schwarzen Kleid und mit einer großen Sonnenbrille.

Ansonsten ist Gier gewohnt bissig, witzig, böse und selbstironisch. In der Ich-Perspektive von Constanze nimmt sie wirklich alles, was sie finden kann, aufs Korn. Das Buch animiert an mehr als einer Stelle zum Lachen, was vor allem mit der Hauptfigur zusammenhängt. Sie ist chaotisch, ein wenig prüde und ziemlich unsicher, wenn es um Anton geht. Außerdem hat sie ein Faible für Fettnäpfchen und einen bunten Freundeskreis. Zusammen mit dem herrlichen Schreibstil bietet sie eine gute Grundlage für die „Patin“, auch wenn einige Szenen etwas übertrieben sind.

Das ist nicht das einzige Manko: Während [„Die Mütter-Mafia“ 4328 eine geradlinige Handlung hatte – wenn auch mit offenem Ende -, wirkt die Handlung von „Die Patin“ oft mehr wie eine Ansammlung verschiedener Ereignisse als wie ein von vorne bis hinten durchdachtes Buch. Das verringert die Spannung. Die steht zwar aufgrund des Sujets nicht im Vordergrund, dennoch wird das Buch manchmal ein bisschen lang.

Es bleibt zu hoffen, dass Kerstin Gier die Rezensentin nicht beauftragt, sich auch ein Loch zu graben. „Die Patin“ ist nach wie vor sehr witzig und herrlich bissig und kitschfrei geschrieben. Trotzdem hinkt die Handlung an manchen Stellen ein wenig. Es wäre schön gewesen, wenn nicht so viele Konflikte auf einmal zusammengekommen wären, sondern es eher eine klar erkennbare Handlungslinie gegeben hätte. Wer jedoch ein begeisterter Fan der „Mütter-Mafia“ war, wird auch „Die Patin“ lieben. Wer zu Frauenromanen keinen besonderen Draht hat, aber einen Versuch mit der Autorin wagen möchte, sollte sich lieber an „Die Mütter-Mafia“ halten.

http://www.bastei-luebbe.de/

Gier, Kerstin – Mütter-Mafia, Die

Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen. In dieser Hinsicht hat Constanze, die Heldin aus „Die Mütter-Mafia“, doppeltes Pech. Sie hat sowohl einen vierjährigen Sohn, der sich gerne mal grundlos übergibt, als auch eine vierzehnjährige Tochter, die aufgrund ihrer Pubertätshormone manchmal nicht so ganz zurechnungsfähig scheint. Und sie hat keinen Mann mehr. Lorenz hat ihr vor kurzem eröffnet, dass er sich scheiden lässt und dass sie doch deshalb bitte mit den Kindern in das Haus seiner verstorbenen Mutter ziehen möge.

Constanze ist völlig baff und fest davon überzeugt, dass Lorenz an einem Gehirntumor leidet, der seine Sinne vernebelt. Doch als sie nach dem Urlaub bei ihren Eltern nach Köln zurückkehrt, stellt ihr Ex-Mann sie vor vollendete Tatsachen und lädt sie in dem wuchtigen, hauptsächlich mit Mahagoni eingerichteten Haus seiner Mutter ab. Das Haus ist nicht nur unglaublich hässlich, nein, Constanze ist auch so gut wie pleite, hat keine Freunde und keinen Führerschein. Gottseidank freundet sie sich schnell mit der lebenslustigen Mimi und der zupackenden Anne an. Gemeinsam entrümpeln sie nicht nur das Haus, sondern auch Constanzes Leben. Allerdings nicht ohne Turbulenzen. Neben den Versuchen, mit den Supermamis des Viertels Kontakte zu knüpfen, die in einem Fiasko enden, verscherzt es sich Constanze gleich mit ihrem von Mimi empfohlenen Anwalt, der leider auch noch ziemlich gut aussieht …

Zugegeben: „Die Mütter-Mafia“ ist ein ziemlich vergnügliches Buch. Die Fettnäpfchen, in die Constanze mit schöner Regelmäßigkeit tritt, sind wirklich herrlich dargestellt. Beispielsweise das „Verhältnis“ zu ihrem Anwalt, das sich über das ganze Buch zieht. Es beginnt damit, dass Constanze seinen Jaguar demoliert, als sie versucht, ihr Fahrrad an einen Fahrradständer anzuschließen, geht nahtlos über in Beleidigungen von ihrer Seite, dass er sich eine asiatische Frau gekauft und seine Mutter ihn zu früh aufs Töpfchen gesetzt hätte, und endet damit, dass sie ihm in seinem protzigen Büro gegenübersteht und den Mund nicht mehr zukriegt. Bis jetzt war er für sie nämlich nur der schnöselige Jaguarmann gewesen und nicht ihr Anwalt.

Peinlich, peinlich, doch das soll nicht das letzte Missgeschick der plötzlich Alleinerziehenden sein. Das Buch ist gepflastert von solchen Ereignissen. Meistens kann man darüber lachen, manchmal schlägt die Autorin aber auch etwas über die Stränge und bemüht die gute alte Mottenkiste. Während Constanze als Charakter gut gelungen ist, übertreibt Gier es an der einen oder anderen Stelle etwas mit den Klischees. Nun kann man natürlich entschuldigend sagen, dass Klischees zu Büchern im Stile von „Bridget Jones“ einfach dazugehören, aber Gier beginnt vielversprechend. Hätte sie durchgehalten und weniger Charaktere wie den pädophilen Klavierlehrer oder die dicke, handarbeitsbegeisterte Gitti vorgebracht, hätte „Die Mütter-Mafia“ in die Fußstapfen von „Bridget Jones“ treten können.

Den bissigen, stellenweise satirischen Humor dazu hat die Autorin jedenfalls. Sie konzentriert sich dabei besonders stark auf das, was im Klappentext als „die perfekten Mamis und Bilderbuch-Mütter“ bezeichnet wird. Innerhalb ihrer Wohnsiedlung gibt es die so genannte Mütter-Society, ein elitäres Netzwerk von Müttern, in das man aufgenommen werden muss. Constanze und Anne scheitern daran, denn sie sind zu normal. Sie halten ihre Kinder nicht für hochbegabt und schicken sie nicht vierjährig zum Japanischlernen oder Klavierspielen. Trotzdem sind ihre Kinder besser entwickelt als die dieser „braven Muttertiere“, um noch einmal den Klappentext zu bemühen. Julius und sein neuer Freund Jasper, Annes Sohn, sprechen ein gutes Deutsch, prügeln sich nicht den lieben langen Tag und haben auch kein Übergewicht.

Was das Buch neben der passablen Handlung – an einigen Stellen zündet das Feuerwerk, an anderen nicht – selbst für Leser, die nicht unbedingt der typischen Zielgruppe des Genres Frauenromane angehören, zu einem schönen Erlebnis werden lässt, ist Giers fantastischer Sinn für Humor. Sie schreibt bissig, respektlos und schlagfertig und nimmt dabei so ziemlich alles aufs Korn, was sie in einer hübschen Vorortsiedlung finden kann. Aus den Augen der chaotischen Constanze lässt sich das sehr gut schildern, wobei Constanze nicht nur ihr Umfeld, sondern auch sich selbst nicht besonders ernst nimmt. Da aus der Ich-Perspektive erzählt, finden sich deshalb in diesem Buch immer wieder selbstironische Dialoge, die einem mehr als einmal ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubern.

Es gibt Frauenromane, die sind so voller Klischees und angestrengtem Witzigsein, dass man sie bereits nach wenigen Seiten wieder aus der Hand legt. Nicht so bei Kerstin Gier. „Die Mütter-Mafia“ kann vielleicht nicht in allen Punkten überzeugen, aber der Schreibstil der Autorin ist unglaublich spitz und amüsant. Dadurch bietet das Buch, das vor allem die Kindererziehung in der reicheren Mittelschicht belächelt, lustige Unterhaltung für ein paar Stunden.

http://www.bastei-luebbe.de

Sendker, Jan-Philipp – Flüstern der Schatten, Das

Paul Leibovitz lebt einsam und alleine, in freiwillig gesuchter Isolation auf einer kleinen Insel nahe bei Hongkong. Kein Ereignis, keine Menschen sollen seine Erinnerungen stören – Erinnerungen an seinen kleinen Sohn, der starb, bevor sein Leben richtig begonnen hatte. Justin war schon immer ein schmächtiger Junge, deswegen fielen die Symptome spät auf, doch bei Leukämie spielt die Früherkennung keine große Rolle. Dennoch plagt Paul sich auch Jahre nach Justins Tod noch mit Schuldgefühlen. Pauls Frau Meredith hat eine andere Art der Trauerbewältigung gewählt; sie hat sich noch mehr in die Arbeit gestürzt und sich noch häufiger im Ausland aufgehalten. Das Ende der Ehe war nur noch eine Frage der Zeit. Der große Schicksalsschlag hat die beiden sich entfremdenden Erwachsenen noch weiter voneinander entfernt.

Nur wenige Rituale sind es, die fortan Pauls Leben bestimmen, eines davon ist eine traditionelle Wanderung an Justins Todestag. Es ist heiß und Paul schwitzt schon, während er noch auf der Fähre nach Hongkong ist, doch dieser Tag wird sein Leben verändern. Auf der Spitze des Berges lernt er eine amerikanische Frau kennen, die dort in Ohnmacht fällt. Aus Hilfsbereitschaft bietet Paul an, sie ins Krankenhaus zu begleiten. Langsam beginnt die Frau zu erzählen, und zwar von ihrem 30-jährigen Sohn Michael Owen, der vor ein paar Tagen spurlos verschwunden ist. Sie bittet Paul, der sich in Hongkong besser auskennt, Nachforschungen anzustellen und sich bei der Polizei zu erkundigen, ob sie Michael schon gefunden haben. Tatsächlich ist Kommissar David Zhang einer der wenigen Freunde, zu denen Paul noch Kontakt hat. Auch wenn es ihn viel Überwindung kostet, weil er den Kontakt zur Außenwelt so weit wie möglich meiden möchte, ruft Paul seinen alten Freund an. Und dieser berichtet ihm dann von einer bisher nicht identifizierten Leiche eines Mannes, dessen Beschreibung der Michael Owens auf erschreckende Weise gleicht. Doch ein ausländischer Toter ist in China eine Sache, die es nicht geben darf. Der Fall soll also so schnell wie möglich unter den Teppich gekehrt werden. So beschließen David und Paul, der Sache gemeinsam auf den Grund zu gehen.

Noch ahnen die beiden nicht, welche Gefahren ihnen bei ihrer Suche drohen, denn Michael Owen war sehr vermögend und bewegte sich in den höchsten Kreisen Hongkongs, seine Freunde (oder doch Feinde?) sind mächtige Menschen, die man sich besser nicht zum Feind machen sollte. Auch Pauls Freundin Christine Wu, die Paul bislang immer auf Distanz gehalten hat, ängstigt sich (zu Recht) um Paul. Doch bei der Suche nach den Gründen für Michaels Ermordung kommen sich auch Paul und Christine langsam näher …

Zunächst beginnt „Das Flüstern der Schatten“ als gefühlvoller Roman, der die Trauer Paul Leibovitz‘ in so einfühlsamen und wortgewaltigen Sätzen beschreibt, dass es einem beim Lesen die Tränen in die Augen treibt. Jan-Philipp Sendker lässt sich hier viel Zeit, um Paul und seine Trauer zu entfalten. Sendker beschreibt Pauls Leben, seine Rituale, seine Gedanken an Justin und seine Verzweiflung, die nichts durchbrechen kann. Auch die Besuche und Telefonanrufe Christines werden Paul meist zu viel, da sie ihn in seiner Trauer und in seinen Gedanken an Justin stören. Es ist wirklich erstaunlich, welch überzeugende Worte Sendker findet, um all diese Gefühle und Facetten glaubwürdig ins rechte Licht zu rücken.

Doch mit der Begegnung zwischen Paul Leibovitz und Frau Owen wendet sich der Roman. Ein Mordfall ist aufzuklären, der eigentlich nicht geschehen durfte. Ein toter Ausländer ist schlecht fürs Image, es muss also schnellstmöglich ein Schuldiger her, und tatsächlich sitzt bald ein Verdächtiger im Gefängnis, der ein Geständnis unterschreibt. Bei seinen Nachforschungen hat David Zhang allerdings bereits erfahren, dass dieser Verdächtige ein wasserdichtes Alibi für die Tatzeit und das Geständnis mit großer Sicherheit nicht freiwillig unterschrieben hat. Schon hier wird die Bedrohung deutlich, die von dem Fall ausgeht. David und Paul müssen verdeckt ermitteln, um nicht selbst zur Zielscheibe zu werden.

Ganz langsam entwickeln sich die Motive, wir kämpfen uns immer weiter in Michael Owens Leben vor, wir lernen seine Geliebte kennen, seine Arbeit und seinen Geschäftspartner, doch noch können wir die Zusammenhänge nicht durchschauen. Die meisten Protagonisten scheinen etwas verbergen zu wollen, sie geben David und Paul keine Auskunft und füttern sie nur häppchenweise mit Informationen, doch langsam kommen David Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit und er muss erkennen, dass Michaels Geschäftspartner für ihn kein Unbekannter ist. Langsam fügen sich die Puzzleteilchen zusammen und der Schuldige wird immer weiter eingekreist. Es ist eine unglaubliche Spannung, die Sendker aufbaut, denn der Leser weiß von Anfang an, was die beiden aufs Spiel setzen, indem sie gegen den Willen aller anderen auf eigene Faust ermitteln.

Obwohl in Pauls Leben schon genügend Aufregung Einzug gehalten hat, nimmt auch Christine Wu immer mehr Platz ein. Während er sich früher immer versteckt hat, wenn sie zu Besuch kam, sucht Paul nun von sich aus den Kontakt. Er verbringt die erste Nacht mit ihr, scheitert jedoch bei seinen Annäherungsversuchen, weil er sich auf diese Affäre noch nicht genügend einlassen kann. Seine Verzweiflung und Verwirrung wachsen weiter, doch erkennt Paul, dass er gar nicht anders kann, als Christine eine echte Chance zu geben. Wie zwei Jugendliche vor dem allerersten Kuss nähern die beiden sich zaghaft und behutsam an, gehen mal einen Schritt vorwärts, dann aber auch zwei zurück. Und all dies findet noch Platz in Jan-Philipp Sendkers Roman, der sich langsam zu einem Kriminalfall entwickelt, der auch an der Vergangenheit Chinas rüttelt. Der Mord an Michael Owen führt viel weiter; im Hintergrund passieren so viele Dinge, die Paul und David nur mühsam auseinander klamüsern.

„Das Flüstern der Schatten“ lässt sich keinem Genre zuordnen, es beginnt als Portrait eines trauernden Menschen, entwickelt sich dann zu einem Kriminalfall, rollt politische Hintergründe auf, schildert aber auch die Liebesgeschichte zweier Menschen. Obwohl dies sehr viele Elemente für ein Buch von nur knapp 450 Seiten sind, schafft es Sendker, die meisten davon überzeugend auszubauen. Die Krimi-Anteile konnten mich persönlich nicht vollauf überzeugen, da der Schuldige zu offensichtlich ist und sich gleich als Erster anbietet. Die Hintergründe aufzuklären, ist dabei schon deutlich aufwändiger. Sprachlich gefällt das Buch aber ausgesprochen gut; Sendker gelingt es, jede Gefühlsregung, jede Situation und jede Figur glaubwürdig und in beeindruckender Wortwahl zu beschreiben. Wer etwas über China lesen und lernen möchte, der ist hier genau richtig.

http://www.blessing-verlag.de

Cacciatore, Giacomo – Sohn, Der

„Wenn man das Böse nicht sieht, existiert es nicht“! Eine Botschaft, die sich als Grundlage und bestimmende Aussage in Giacomo Cacciatores Roman „Der Sohn“ wiederfindet.

Palermo – viel gerühmte Stadt Siziliens. Ein Ort der Künste, Paläste und Museen mit einer bewegenden Geschichte. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die größte Stadt in Sizilien zugleich eine Hochburg der Mafia. Verfeindete Clans, auch „Familien“ genannt, kämpften mit Brutalität, Morden und Vergeltungsaktionen um die Vorherrschaft in der Stadt.

Wenn die Rede von Familie ist, so ist dies zugleich mehrdeutig, denn es handelt sich hierbei um eine streng hierarchische Struktur mit einem Paten an der Spitze und mehreren Clans, die operativ die Befehle und Anweisungen von oben durchführen. Sicherlich gab und gibt es unter diesen Clans auch starke familiäre Bande, die Werte und Sitten wie beispielsweise einen Ehrenkodex auch wirklich leben. Doch auch diese und die Omerta (das Schweigen) wurden von z. B. dem Corleone-Clan gebrochen und ignoriert; ganze Familien mit vielen unbeteiligten Verwandten wurden vernichtet.

Der Staat und die politische Macht Italiens sahen sich gezwungen zu reagieren, denn auch diese war durchsetzt von Korruption und Gewalt. Die Mafia macht keinen Halt vor Richtern, Staatsanwälten, der Polizei und Politikern. Die Öffentlichkeit Italiens wurde nun auf das Morden in Palermo aufmerksam und der Druck auf die Mafia stieg. Doch diese schlug noch erbarmungsloser zurück; der berühmte Jurist und berüchtigte Mafia-Gegner Giovanni Falcone wurde zusammen mit seiner Frau auf dem Weg in sein Ferienhaus durch einen Bombenanschlag getötet, nur kurze Zeit später kam auch sein Mitarbeiter und Vertrauter Richter Paolo Barselloni bei einem Mordanschlag um. Beide waren Symbolpersönlichkeiten im mutigen Kampf gegen die Mafia.

Der italienische Autor Giacomo Cacciatore gibt mit seinem Roman einen prägnanten und mutigen Einblick in die „familiären“ Strukturen der mafiösen Gesellschaft Palermos, einer nebulösen Zwischenwelt, in der alles anders ist, als es zu sein scheint.

_Inhalt_

Italien: Palermo in den siebziger Jahren. Giovanni Vetro, ein neunjähriger Junge, lebt mit seinem Vater und seiner Mutter in Palermo. Sein Vater lebt zwischen den „Familien“, als Polizeibeamter steht er für das Gesetz ein, doch arbeitet er auch als Informant heimlich für das organisierte Verbrechen in der Stadt – ein schmaler Grat zwischen Gesetz und Kriminalität. Seinem Sohn erklärt er, dass das Böse nicht existiere, wenn man es nicht sehe, und tatsächlich offenbart sich das „Böse“ eher getarnt in Gefälligkeit und Verpflichtungen.

Geschickt versteht es sein Vater, dem gegenwärtigen Mafiaboss zu dienen und dessen Gefälligkeiten – z. B. ein langersehnter Farbfernseher im Wohnzimmer – erscheinen abrupt und überraschend. Giovanni flüchtet sich in eine fiktive Welt der amerikanischen Fernsehserien, und seine Realität verwischt sich sehr bedenklich, denn seine Fragen und Ängste werden vom Vater entweder nicht ernst genommen oder aggressiv im Keim erstickt.

Sein Vater, so bemerkt er sehr bald, hat Sorgen mit sich herumzutragen und verrennt sich in den Gedanken, dass seine Handlungen allen nur dienen und er damit zugleich seine Familie beschützt und finanziell fördert. Giovannis Mutter, die das Doppelspiel ihres Mannes schon längst durchschaut hat, ist alles andere als froh über diese Entwicklung und begreift schnell, dass die täglichen Drohanrufe erfolgen, zum Ziel haben, ihren Mann einzuschüchtern und in die vorgesehenen Schranken zu weisen.

Langsam beginnt auch Giovanni zu ahnen, dass sein Vater in Gefahr sein könnte. Naiv und wohlwollend versucht er, hinter die Fassade seines Vater zu blicken, doch der reagiert forsch und abweisend auf die Ängste seines eigenen Sohnes. Auch seine Mutter, die sich inzwischen hysterisch benimmt, ist keine große Hilfe; medikamentös eingestellt flüchtet sie sich in ihre eigene wünschenswerte Welt.

Als die ersten Morde vor seinen Augen in Palermo geschehen, vermischen sich die beiden Familien, in denen sich sein Vater bewegt …

_Kritik_

„Der Sohn“ ist ein weiträumiges Psychogramm, in dem die Grenzen zwischen Wunschdenken und Realität fließend zu sein scheinen. Giovannis Motivation, sich schützend vor seinen Vater zu stellen, ihn aber zugleich auch für sein Verhalten abzulehnen, ist bewundernswert herausgearbeitet. Völlig auf sich alleine gestellt, findet er weder zu sich selbst noch zu einer Lösung der grenzwertigen Situation.

Der Vater/Sohn-Konflikt spitzt sich immer weiter zu, aber der Eindruck trügt nicht, wenn man zu der Einsicht gelangt, dass weder der Vater noch der Sohn als Gewinner aus dem familiären Konflikt heraustreten. Sie verlieren beide auf unterschiedlicher Art; der Vater verliert den Respekt und das Vertrauen seines Sohnes, und bei diesem wächst natürlich das Misstrauen. Auch verliert er sein Selbstbewusstsein, denn davon zeugt seine Flucht in amerikanische Krimiserien. Sein Vater hingegen verhält sich ähnlich wie der Sohn; er zieht sich zurück und wirkt, zu Hause nachdenklich im Fernsehsessel sitzend, unsicher und nervös. Es spielt eine gewissen Tragik darin mit, dass weder Vater noch Sohn sich gegenseitig ausreichend vertrauen können, um sich Mut zuzusprechen. Giovanni findet in den Jahren der Kindheit und seiner Entwicklung zum Erwachsenen zu sich selbst; wenn auch auf Umwegen, so trifft ihn die Realität schwerer, als er es sich selbst einzugestehen vermag, und die ihn oft vor Ratlosigkeit verzweifeln lassen.

Die ganze Erzählung ist einem ruhigen Ton gehalten, der nur aus Dialogen besteht; und diese sind nicht immer einfach zu verfolgen, man muss schon genau darauf achten, wer nun gerade in die Rolle des Sprechers schlüpft. Auch der Sprachstil ist eher umständlich und wirkt oft schwerfällig, so, als würden dem Autor die passenden Formulierungen ausgehen. Wer hier eine blutige und actionreiche Handlung vermutet, wird enttäuscht sein. Sicherlich geschehen hier Morde, aber im Vordergrund stehen immer die Empfindungen, die Ängste und das Verstehenwollen, aber nicht -können von Giovanni. Die Stadt Palermo, die für Touristen sicherlich eine der attraktivsten Siziliens ist, wird dem Leser nur einseitig dargestellt als eine Stadt, in der das Verbrechen eine geduldete und akzeptierte Lebensweise ist, in der Politiker, Polizisten und die Bürger selbst schweigend ausharren. Hier sind die Grenzen zwischen Gesetz und Kriminalität fließend dargestellt.

Giacomo Cacciatore beschreibt uns die alltägliche Gegenwart in Palermo mit einer nicht mehr wegzudenkenden ehrenwerten Gesellschaft darin. Als Außenstehender und Tourist dürfte es schwerfallen, hinter die hier aufgebaute Fassade schauen zu können. Der Staat steht nahezu ohnmächtig daneben und obendrein sieht es so aus, dass die Mafia ohnehin nur deswegen überleben konnte, weil die Politik schon viel zu sehr Teilhaber der illegalen Geschäfte geworden ist. Ohne den Schutz und die Unterstützung staatlicher Organe wäre die Mafia ein wenig überlebensfähiges Syndikat.

Trotzdem gelingt es dem Autor ansatzweise, dem Leser einen Blick auf die familiären Strukturen der Mafia werfen zu lassen. Vieles wird nur angedeutet, fast schon zu vieles, wodurch der Leser sich zugleich Interpretationen hingeben muss, aber damit regt Cacciatore auch den Entdeckungswillen an, auch wenn die unmittelbare Spannung dafür auf der Strecke bleibt.

_Fazit_

„Der Sohn“ ist ein psychologischer Roman um die Abgründe einer Vater-Sohn-Beziehung. Wie zerbrechlich eine Familie sein kann, wenn sie von außen her bedroht wird und innerhalb dieses Gefüges niemand bereit ist, Mut und Gegenwehr aufzubringen, vermittelt der Autor sehr gekonnt und spürbar realistisch.

Wer einen spannenden Roman erwartet, der transparent und bildlich die Handlung wiedergibt, der wird enttäuscht sein. Vieles bleibt unausgesprochen und nur angedeutet, die Dialoge zwischen den Protagonisten sind nicht einfach gehalten, was die Leselust desjenigen durchaus trüben kann, der auf der Suche nach einem aufregenden Mafiakrimi war, ebenso wie die Tatsache, dass der Handlungsfokus auf die persönliche, familiäre Ebene gerichtet ist und weniger auf die mafiösen Strukturen und Vorkommnisse.

_Der Autor_

Giacomo Cacciatore wurde 1967 in Polistena, Kalabrien geboren. Seine Studienfächer waren Literatur und Sprachwissenschaften. Er lebt als Journalist und Korrespondent u. a. von |La Repubblica| in Palermo. Neben diversen Sachbüchern hat er bereits zwei Romane veröffentlicht und gilt als eines der großen literarischen Talente Italiens.

http://www.rowohlt.de

Allende, Isabel – Inés meines Herzens

Letztes Jahr erst war Isabel Allende mit ihrem Buch [„Mein erfundenes Land“ 2979 in Deutschland auf Lesereise. Und schon ein Jahr später, zu ihrem 65. Geburtstag, ist sie wieder unterwegs: Dieses Mal hat sie den historischen Roman „Inés meines Herzens“ im Gepäck.

Ganze fünfhundert Jahre in die Vergangenheit entführt Allende den Leser in ihrem neuesten Roman, um ihm Inés Suárez vorzustellen, die historisch verbürgte Mitbegründerin Chiles. Als Autobiographie getarnt, schildert Allende Inés‘ Leben – ihre Lieben, Leidenschaften und Abenteuer – und läuft damit einmal wieder zu literarischer Hochform auf: „Inés meines Herzens“ ist mit Leichtigkeit Allendes bester Roman seit langem.

Inés wird 1507 in Plasencia in der Extremadura geboren. Sie ist Analphabetin, kann aber gut nähen, kochen und heilen. Sie heiratet Juan de Malaga, einen Spieler und Weiberheld, der jedoch im Bett ein echter Verführer ist und Inés in die Künste der körperlichen Liebe einweiht – eine Unterweisung, von der sie ihr ganzes Leben lang zehren soll. Die beiden haben, außer ihrer Kompatibilität im Bett, kaum etwas gemein, und so ist Inés kaum geknickt, als sich Juan ohne ein Wort des Abschieds in die „Neuen Indien“ = Südamerika) einschifft. Wie so viele andere vor ihm, hofft auch Juan darauf, in der Neuen Welt schnell das ganz große Geld zu machen. El Dorado lockt …

Die lebenslustige Inés sieht sich in einer Zwickmühle. Zwar ohne Mann, aber doch keine Witwe, kann sie nicht wieder heiraten. Als sie erkennt, dass sie in Spanien nur noch Nähen und Kochen erwarten, setzt sie alles daran, ihrem Mann nach Amerika zu folgen. Im Gegensatz zu Juan locken sie weder Geld noch Gold. Stattdessen ist es die zweite Chance, die sie reizt – die Möglichkeit eines Neuanfangs weit weg von ihrer Heimat.

Schon bald nach der Überfahrt stellt sich heraus, dass Juan das Zeitliche gesegnet hat. Inés findet, etwas Besseres hätte ihr kaum widerfahren können, schließlich ist sie als Witwe nun wieder frei. Sie lässt sich zunächst in Cuzco (Peru) nieder und verdingt sich als Näherin und Köchin. Als ihr eines Nachts ein aufdringlicher Schürzenjäger nachstellt, wird sie von Pedro Valdivia gerettet. Der schlägt den Lüstling kurzerhand in die Flucht und sinkt sodann mit Inés in die Federn.

Inés wird die Geliebte des Kommandeurs und gibt zunächst die Liebeslektionen ihres verstorbenen Mannes an Pedro weiter. Dieser hat zwar eine Frau in Spanien, doch hält sich in den Neuen Indien jeder Spanier eine ganze Armada von Mätressen, und so stößt sich niemand an dem Paar. Selbst als Pedro eine Expedition nach Chile auf die Beine stellt, ist Inés mit dabei. Sie findet für die wandernde Schar Wasser in der Wüste (per Wünschelrute), sie kämpft an vorderster Front gegen die Indios und sie ist Valdivias Vertraute. Und doch hält das Schicksal noch einen dritten Mann für Inés bereit …

Wieder einmal hat sich Isabel Allende des Schicksals einer starken Frau angenommen. Eine wie Inés gibt es in jedem Allende-Roman: Sie ist stark, unabhängig, mutig, abenteuerlustig, leidenschaftlich, loyal und auch etwas skurril und verschroben. Überlebensgroß, so stellt sie Allende dar. Manche Kritiker werfen ihr genau dies vor: aus einer historischen Figur des 16. Jahrhunderts eine moderne Heldin gemacht zu haben. Sicher, diese Taktik wirft einige Probleme auf. Inés ist zu feministisch, teilweise zu kritisch gegenüber der Eroberung des Kontinents, als dass der Leser tatsächlich glauben mag, hier wirklich authentische Empfindungen eines Zeitzeugen zu lesen. Inés ist mitfühlend, ja gar verständnisvoll gegenüber den Mapuche, den Eingeborenen Chiles, die es zu vertreiben gilt. Umso seltsamer mutet dann an, wenn sie (wie historisch belegt ist) beim Angriff der Mapuche auf das neugegründete Santiago sieben Geiseln eigenhändig die Köpfe abschlägt, um sie den Angreifern als Abschreckung vor die Füße zu werfen. Solche Episoden vertragen sich nicht mit der sonst so empfindsamen Inés. Allende ist sich der Diskrepanz bewusst und muss sich mit einem Kniff behelfen: In der Retrospektive kann sich Inés ihre Tat selbst nicht mehr erklären, und so macht es nichts, wenn der Leser sie auch nicht nachempfinden kann.

Trotzdem, Inés als moderner Charakter, als Sympathieträger für den Leser bricht dem Roman keineswegs das Genick. Ganz im Gegenteil, Inés ist das Zentrum, um das sich die Handlung dreht. Wäre dieser Charakter kein Sympathieträger, böte er keine Identifikationsfläche für den Leser, würde der ganze Roman daran kranken. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Allende entscheidet, ihre Hauptfigur so faszinierend wie möglich zu gestalten. Das Buch profitiert davon.

„Inés meines Herzens“ ist auch als historischer Roman überzeugend. In einem Genre, das viel zu oft mit 1000-Seiten-Büchern daherkommt, die sich leicht auf die Hälfte zusammenkürzen ließen, liefert sie einen Schmöker mit kaum 400 Seiten ab, der sich so schlank präsentiert, dass sich nirgends etwas Überflüssiges finden lässt. Das führt natürlich auch dazu, dass die Lektüre immer spannend und unterhaltsam bleibt. Darüber hinaus erscheint Allende auf den Seiten des Romans so erzählfreudig wie lange nicht mehr, und so ist es eine wahre Freude, ihr in die Extremadura, auf den Atlantikkreuzer, nach Peru, in die Wildnis zu folgen.

Apropos Wildnis: Schon immer legte Isabel Allende besonderen Wert auf Sinnlichkeit. Wenn sie die Liebe beschreibt, dann sind das Passagen, die das Wiederlesen und das Lautlesen lohnen. In „Inés meines Herzens“ kommt nun eine neue Form der Sinnlichkeit dazu: die Sinnlichkeit der unberührten Natur. Wenn Allende Inés von Peru und Chile erzählen lässt, von der Wildnis, die erst noch gebändigt werden will, dem Artenreichtum von Flora und Fauna, dann wähnt man sich fast mit ihr an diesem vergangenen Ort. Alles ist lauter, chaotischer, farbenprächtiger und beeindruckender, als wir es von unserer heutigen Natur kennen. Und so schwingt immer auch ein wenig Bedauern mit, dass es immer weniger Möglichkeiten gibt, unberührte Natur derartig zu erleben.

„Inés meines Herzens“ ist ein Roman, der zum genüsslichen Schmökern einlädt. Sicher, man könnte darüber diskutieren, ob die Eroberung der neuen Welt (und die damit einhergehende Entrechtung der Eingeborenen) nicht kritischer behandelt werden müsse. Man könnte darüber diskutieren, wo die historische Inés aufhört und die Allende-Inés anfängt. Doch mal ehrlich, will man das, wenn man stattdessen auch einen fesselnden Roman genießen kann?

http://www.suhrkamp.de/

Bruno Preisendörfer – Die Vergeltung

Der Volksmund ist sich sicher: „Gut Ding will Weile haben.“ Die Sache mit der Weile trifft auch auf Michael Keller zu, einen der Protagonisten von „Die Vergeltung“, aber ob das, worauf er wartet, gut ist, liegt wohl im Auge des Betrachters.

Die Geschichte beginnt damit, dass Michael Keller am Frankfurter Hauptbahnhof in ein Taxi steigt und eine Fahrt zur Düsseldorfer Messe verlangt. Das ist nicht gerade eine kurze Strecke, aber Sebastian Neubert, der Taxifahrer, ist froh über das Geld. Er ahnt nicht, was unter dem Jackett seines Fahrgastes verborgen ist und was in dessen Kopf vorgeht. Denn die beiden kennen sich, Sebastian ahnt nur nichts davon. Vor neunzehn Jahren wurde Michaels Freundin Vanessa umgebracht, als sie einen Einbrecher in ihrer Wohnung überraschte. Dieser Einbrecher war Sebastian Neubert, der ursprünglich zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war, wegen guter Führung aber vorzeitig entlassen wurde und nun versucht, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Er hat geheiratet, zwei Stiefkinder, liest gerne. Nichts erinnert mehr an den kriminellen Sechundzwanzigjährigen, bei dessen Anblick im Gerichtssaal sich Michael geschworen hat, eines Tages Vergeltung für den Mord an seiner Frau zu üben.

Bruno Preisendörfer – Die Vergeltung weiterlesen

Hustvedt, Siri – unsichtbare Frau, Die

Die Amerikanerin mit dem norwegischen Namen Siri Hustvedt hat sich mittlerweile einen großen Fankreis erschrieben. Das Buch, mit dem 1992 alles anfing, ist „Die unsichtbare Frau“, das sich mit dem Leben einer Studentin im New York der Achtziger Jahre beschäftigt.

Iris Vegan, die Ich-Erzählerin, möchte an der Columbia-University promovieren, doch sie ist stets knapp bei Kasse. Sie lebt noch nicht lange in New York, aber da sie immer auf der Suche nach einem Job ist, erfährt sie sehr bald, was für sonderbare Menschen in dieser Stadt leben. Ein Professor, der sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin einstellt, möchte zum Beispiel, dass sie Gegenstände, die einer Toten gehörten, für ihn auf Tonband beschreibt. Iris geht Liebschaften ein, die sie an den Rand ihres Verstandes bringen, und ehe sie sich versieht, ist sie ebenfalls eine sonderbare Gestalt geworden. Mit einem Herrenanzug bekleidet, zieht sie durch die New Yorker Bars und nennt sich Klaus – nach einer Person aus einem Manuskript, das sie übersetzt hat.

Eine wirklich zusammenhängende Handlung hat das Buch nicht. Vielmehr besteht es aus vier Teilen, die mehr oder weniger unabhängig voneinander vier Zeiträume in Iris‘ Leben erzählen. Diese umfassen bestimmte Ereignisse und Personen, die manchmal an anderer Stelle erneut auftauchen. Zum Beispiel der Kunstkritiker Paris, eine undurchsichtige Person, aus der Iris nicht besonders schlau wird. Mag er sie nun oder mag er sie nicht? Muss sie Angst haben, dass er sie jeden Moment hereinlegt? Allerdings sollte man sich nicht vom Klappentext täuschen lassen. Der behauptet, in dem Buch würde sich „eine Reihe von erotischen Abenteuern“ finden. Tatsächlich gibt es aber kaum Sex in dem Buch, und wenn, dann wird er so beiläufig dargestellt, dass die Bezeichnung ‚Abenteuer‘ doch ein bisschen wagemutig ist.

Siri Hustvedt bewies bereits in ihrem Debüt, dass sie ein unglaublich gutes Händchen für authentische Figuren hat. Der schnörkellose Roman konzentriert sich stark auf die einzelnen Charaktere und beleuchtet sie stets von allen Seiten. Hustvedt schafft es, die Figuren im Buch bis ins kleinste Detail zu beschreiben, denn sie ist eine sehr gute Beobachterin. Jede Person wird mit Ecken und Kanten, Geschichten und Lastern ausgestattet, und für die zwischenmenschlichen Beziehungen gilt das Gleiche. Auch sie sind wunderbar ausgearbeitet, und auch wenn es keine lineare Handlung gibt, sind es diese Beziehungen, die den Leser das Buch nicht mehr aus der Hand legen lassen.

Iris steht als Protagonistin und Ich-Erzählerin natürlich im Vordergrund. Am Anfang wirkt sie wirklich wie eine unsichtbare Frau. Sie verschwendet nur wenig Worte auf ihre eigene Persönlichkeit. Der Leser muss sich Iris Vegan selbst erlesen, aber das gelingt anhand der schönen Beschreibungen von Hustvedt und der oft reflektierenden Rückblicke – Iris schreibt quasi ihre Erinnerungen an diese Zeit nieder – sehr gut. Iris verbirgt nichts. Sie gibt alles ganz offen zu, auch wenn es sie nicht in einem guten Licht dastehen lässt oder sie es sich selbst nicht erklären kann. Dadurch wird sie dem Leser sehr vertraut. Wenn er das Buch zuschlägt, wird er glauben, Iris schon seit vielen Jahren zu kennen.

Getragen wird der anschaulich aufbereitete Inhalt von einem sehr ästhetischen Schreibstil. Hustvedt schreibt zeitlos und ohne unnötigen Ballast. Sie drückt sich gewählt aus, verstrickt sich aber nicht in Schachtelsätzen oder Fremdwörtern. Vielmehr ist „Die unsichtbare Frau“ eine glasklare Angelegenheit. Die Worte wirken wie ein Gerüst, welches das gesamte Buch stützen soll, und das gelingt geradezu tadellos. Hustvedts Debütroman lässt keine Fragen offen. Er ist eine in sich abgeschlossene Lektüre, bei der alles einfach alles stimmt.

http://www.rowohlt.de