Archiv der Kategorie: Comics / Graphic Novels

Dunn, Philip (Autor) / Lawrence, Don (Zeichner) – Storm 1: Die tiefe Welt

Seitdem sich der |Splitter|-Verlag auf französische Fantasy-Comics konzentriert und diese in edlen Designs und schmucken Hardcover-Ausgaben unters hiesige Volk gebracht hat, gilt das Label als oberster Qualitätsgarant in Sachen Aufmachung und Inhalt. Mittlerweile hat man auf Basis des starken Feedbacks und der weiterhin steigenden Popularität der verlagseigenen Serien sogar das Veröffentlichungstempo noch mal steigern können, was an der großen Zahl neuer Serien festzumachen ist, deren Potenzial sich geradezu dafür aufdrängt, in diesem Rahmen publiziert zu werden. Doch nicht nur das französische Independent-Programm soll künftig mit dem Verlag in Verbindung gebracht werden; auch legendäre, fast schon in Vergessenheit geratene Klassiker sollen von nun an ins Verlagsprogramm stoßen und hier den gepriesenen modernen Ablegern zur Seite stehen.

Den Anfang macht dieser Tage das Science-Fiction-Epos „Storm“, welches jahrelang über den |Ehapa|-Verlag veröffentlicht wurde, mit dem Tod des illustrierenden Schöpfers Don Lawrence aber für längere Zeit verschüttet war. Doch die Zukunft der Serie ist gesichert, und jetzt, wo endlich der neue, nunmehr schon 23. Band der erfolgreichen Reihe geschrieben und gezeichnet wurde, kommen auch die Herrschaften von |Splitter| wieder ins Spiel. Neben dem Comeback-Album erscheint dort auch die komplette Serie im neuen Design und zeichnerisch durch gezieltes Feintuning von Grund auf überarbeitet. Der Auftakt „Die tiefe Welt“ wird sogleich als |Collector’s Edition| herausgebracht und mit einer Menge informativer wie optisch reizvoller Extras bestückt – prima!

_Story_

Storm ist ein gefragter Astronaut, dem die große Ehre zuteil wird, einen roten Fleck auf dem Jupiter zu untersuchen, der die Behörden schon länger vor ein Rätsel stellt. Doch die Expedition missglückt, und nachdem der Funkkontakt abgebrochen ist und Storm bereits für tot erklärt wurde, scheint eine Rückkehr zur Erde ausgeschlossen. Doch der willensstarke Astronaut schafft das Unmögliche und kann sich tatsächlich aus den Weltraumstrudeln retten, in die sein Raumschiff gerät. Ein ganzes Jahr später kehrt er zur Erde zurück, muss sich jedoch über deren neues Landschaftsbild wundern. Die Ozeane sind verschwunden, und statt der geplanten Landung in Florida stürzt Storm mit seinem Raumschiff mitten in einer Zivilisation ab, die überhaupt nicht mehr mit der Erde des 21. Jahrhunderts zu vergleichen ist.

Dabei sind auch die ersten Fremdkontakte merkwürdig. Einige primitive Stammesbrüder entführen den Astronauten und lassen ihn in den Kerker des tyrannischen Herrschers Ghast sperren. Dort lernt Storm seine neue Gefährtin Rothaar kennen und begibt sich mit ihr auf die Flucht ins Ungewisse …

_Persönlicher Eindruck_

Als verwöhnter Liebhaber bombastisch arrangierter und gerade zeichnerisch detailreicher Alben wird man sich bei „Storm“ erst einmal in Acht nehmen müssen. Die Serie hat schon einige Jahre auf dem Buckel, ist beileibe nicht so spektakulär inszeniert wie manch inhaltlich vergleichbare Science-Fiction-Serie heutiger Zeit, ist mitunter auch ein wenig trocken erzählt, in Sachen Unterhaltungswert aber auch nach all den Jahren eine echte Wucht. Die Ursache ist aber nicht nur darin zu suchen, dass „Storm“ noch aus dem 20. Jahrhundert stammt, sondern verstärkt darin, dass die Serie sich noch viel deutlicher an der klassischen Science-Fiction orientiert und zwischenzeitlich sogar den einen oder anderen Exkurs in Sachen „Star Trek“ wagt – und gerade das letztgenannte Kultformat schimmert in der ersten Ausgabe von Don Lawrences Meisterwerk immer wieder durch.

Die Geschichte ist hierbei schnell erzählt: Die gestrandete Titelfigur wird bei ihrer Rückkehr in eine rückständige, primitive Zivilisation katapultiert, die allerdings dennoch in gewisser Weise mit dem Jahrhundert ihrer persönlichen Herkunft in Verbindung steht. Zwar gibt es statt bekannter Verkehrsmittel berittene Echsen und anstatt feuerkräftiger Waffen nur die bloße Faust, doch spätestens nach er Flucht aus dem Gefängnis offenbaren sich dem neuen Gespannn Storm/Rothaar diverse Errungenschaften der Moderne, die das Ganze erst interessant, bisweilen auch komplexer machen. Derweil sorgen die steinzeitlichen Gefechte gegen den nimmermüden Kontrahenten Ghast für einen Bonus an Unterhaltung, den man alleine deswegen schon nicht missen möchte, weil dieser kleine Tyrann genau für jene Zeit steht, die aus heutiger Sicht eine der primitivsten der Menschheit ist – und diese Diskrepanz zwischen Storm und ihrem Widerpart gibt der Story einen großen Teil ihres Gehalts.

Die Frage ist aber dennoch: Was macht „Storm“ letzten Endes zum Kult-Comic? Die Antwort hierauf gibt die erste Episode eigentlich schon recht deutlich: Es ist die Simplizität der Story und ihrer Charaktere, die auch ohne aufgeblasene Nebenelemente glänzen und überzeugen können, dies im vergleichsweise abgespeckten Setting auch müssen. Dass „Die tiefe Welt“ bei der Erstveröffentlichung vor über 20 Jahren als innovativ galt, kann man dementsprechend auch heute noch nachvollziehen, und das in erster Linie dank der inhaltlichen Qualität.

Bei der Aufmachung der neuen Serie hat sich der Verlag schließlich auch die größte Mühe gegeben. Die Original-Zeichnungen wurden digital bearbeitet, haben ihren Charme aber dennoch nicht verloren. Der Effekt: ein visuelles Optimum für eine Serie, die hier gerade den Quantensprung zwischen drei Comic-Jahrzehnten vollzieht. Doch auch sonst ist die Ausstattung des ersten bandes fantastisch: Abseits der Handlung gibt es noch einige kleine Specials mit Infos zur Entstehungsgeschichte, eine kleine Abhandlung über Don Lawrence und als Gimmick einen exklusiven, separat entnehmbaren Druck mit den beiden Hauptfiguren. Fazit: Diese |Collector’s Edition| ist auf alle Fälle jeden einzelnen Cent wert und fordert geradezu den Wunsch nach weiteren derart überzeugend präsentierten Neuauflagen heraus.

|64 Farbseiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-940864-46-8|
http://www.splitter-verlag.de

Bichebois, Manuel (Autor) / Poli, Didier (Zeichner) – Kind des Blitzes 1: Blutsteine

_Story_

Bei einer Hirschjagd im angrenzenden Wald entdeckt einfache Bauer Moskip einen zurückgelassenen Säugling, der mit der Leiche seiner Mutter und zwei seltsamen roten Steinen in der Nähe eines Baumes liegt und noch atmet. Gegen die Überzeugung der übrigen Jäger bringt er das Kind ins Dorf und übergibt es dort seiner Gattin, die ihrem Mann dankbarer nicht sein könnte, da sie selber keine Kinder bekommen kann.

Doch der auf den Namen Laith getaufte Junge wird in den folgenden Jahren immer deutlicher geschnitten, da er nicht nur rein äußerlich ein Sonderling ist. Seine Fähigkeiten liegen weit über denen der gleichaltrigen Gefährten, und als die Dorfbewohner von seinen eigenartigen Anfällen erfahren und schließlich sogar mitbekommen, dass er einen Jungen wieder zum Leben erweckt, möchten sie ihn aus Furcht vor weiteren Ereignissen ein für allemal loswerden. Moskip schert sich jedoch nicht um das Gerede des Volkes, sondern führt Laith zu dem Ort, an dem er ihn einst gefunden hat. Doch genau dieser Entschluss entpuppt sich alsbald als Beginn des Unheils …

_Persönlicher Eindruck_

Manuel Bichebois ist hierzulande noch ein echter Neuling im Comic-Bereich, was in erster Linie daran festzumachen ist, dass sich bislang noch kein Vertrieb für seine erfolgsgekrönte Debüt-Reihe gefunden hat. Knappe fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Blutsteine“, dem ersten Band des Dreiteilers „Kind des Blitzes“, erscheint die Trilogie nun auch im deutschen Handel und sollte alleine deswegen schon Interesse wecken, weil sie den begehrten |Uderzo Award ‚Sanglier de Bronce’| eingestrichen hat.

Warum diese Auszeichnung eindeutig verdient ist, machen Bichebois und sein zeichnender Sidekick Didier Poli konsequenterweise auch schon auf den ersten Seiten des einleitenden Kapitels klar. Die Illustrationen sind gewaltig und führen den Leser ohne wirklich viele Details sofort in die düstere Grundstimmung der Handlung ein. Insbesondere die ersten Passagen sind bewusst wortkarg gehalten, um die Aussagekraft der Bilder sprechen zu lassen, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Bevor man überhaupt in den Plot hineinkommt, ist man schon verzaubernd – blendende Aussichten.

Die Geschichte als solche beginnt indes vergleichsweise dezent und zurückhaltend, steigert sich aber mit zunehmender Dauer immer deutlicher zu einer richtig brisanten Angelegenheit. Obschon „Kind des Blitzes“ nur als Trilogie konzipiert wurde, nimmt sich der Autor in den ersten Momenten genügend Zeit, um auf das Phänomen des im Wald gefundenen Jungen einzugehen und einige prägende Momente aus dessen Kindheit aufzugreifen. Nichtsdestotrotz nimmt die Handlung in den entscheidenden Phasen Fahrt auf und unterstreicht recht bald auch den Abenteuercharakter der Geschichte, der sich wiederum in sehr vielen Bereichen niederschlägt.

Grundsätzlich geht es darum, die Vergangenheit von Laith und dessen Mutter zu entschlüsseln und herauszufinden, welchen Ursprungs seine Familie ist beziehungsweise woher seine Kräfte rühren. Doch genau dieses Thema wird ständig in den Hintergrund gemischt und macht Platz für die naiven, ängstlichen Diskussionen in seinem neuen Heimatdorf, für die Flucht vor der feindlichen Armee, die beim Besuch des Grabs der leiblichen Mutter auf den Plan tritt, und schließlich für einige fanatische Gelehrte, die bereits erahnen, was genau in dem Jungen steckt und wie hilfreich er für ihre intriganten Pläne sein kann. Wohlgemerkt: „Blutsteine“ ist lediglich auf 48 illustrierte Seiten angelegt – es passiert also in kürzester Zeit eine ganze Menge.

Und genau hier setzen Bichebois‘ Qualitäten dann auch an: Er nimmt sich einerseits Zeit, um die wesentlichen Inhalte auszuschmücken, treibt die Story aber mit immer mehr Tempo an, ohne dass dabei die Übersicht oder die Atmosphäre in irgendeiner Weise verschwimmen. Selbst die Motive der wichtigsten Figuren werden bereits herausgearbeitet, und auch wenn noch genügend Raum für spannungsvolle Spekulationen bleibt, so wird im ersten Drittel der Serie schon so viel Input beigesteuert, dass man für die kontrollierte und dennoch umfassende Präsentation des Abenteuers applaudieren muss.

Es scheint regelrecht so, als hätten Bichebois und Poli sich gesucht und gefunden. Eine solche Harmonie zwischen Text und Bild ist nämlich selbst im ausgefallenen Programm des |Splitter|-Verlags eine echte Ausnahme. Und es sei noch mal betont: Wir stehen gerade erst am Anfang einer offenkundig sagenhaften Fantasytrilogie …

|Originaltitel: L’enfant de l’orage – Pierres de sang
46 Farbseiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-940864-25-3|
http://www.splitter-verlag.de/

Marazano, Richard / Ponzio, Jean-Michel – Schimpansenkomplex, Der – Band 2: Die Söhne von Ares

[Band 1: „Paradoxon“ 5515

_Story_

Helen Freemans lang gehegter Traum einer menschlichen Marsmission hat sich im Zuge der unglaublichen Entdeckungen der jüngsten Tage schneller erfüllt, als die ambitionierte Astronautin je gedacht hätte. Allerdings sind die Umstände des Trips alles andere als erfreulich: Helens Tochter Sofia fühlt sich von ihrer Mutter verlassen und missachtet. Zudem weiß das Forscherteam nicht, was die strapaziöse Reise zum roten Planeten bringen wird. Noch vor der Ankunft verlangt das Projekt ein erstes Opfer, aber auch die seltsamen Entdeckungen an der Marsoberfläche treiben die Astronauten zur Skepsis.

Helen und ihre Begleiter entdecken schließlich ein florierendes Treibhaus in den Modulen, welche die Sowjets einst bei ihrer ersten Besiedlung hinterlassen haben, und wandeln gleichzeitig auf den Spuren von Gagarin, der entgegen aller bekannten Informationen damals nicht umgekommen war. Als man schließlich tatsächlich zwei überlebende Russen trifft, die von Gagarins heimlichem Experiment berichten, scheint sich der Kreis zu schließen. Doch während Sofia auf der Erde jegliche Hoffnung auf ein versöhnliches Ende des Mutter-Kind-Konflikts aufgibt, geraten Helen und ihre Männer unerwartet in einen gemeinen Hinterhalt …

_Persönlicher Eindruck_

Im zweiten Teil des außergewöhnlichen Science-Fiction-Gebildes geht Autor Richard Marazano eine Spur konkreter und zielgerichteter vor als noch im recht komplexen ersten Part von „Der Schimpansenkomplex“, dessen Aufgabe nicht nur darin bestand, die unglaublichen Wahrheiten aufzudecken, welche der Geschichte zugrunde liegen, sondern der auch das dramatische Beziehungsgeflecht zwischen Helen Freeman und ihrer Tochter Sofia ins Auge fasste, um die dahinter verborgene Tragödie fokussiert anzugehen.

Beide Faktoren spielen auch in „Die Söhne von Ares“ eine übergeordnete Rolle, müssen an dieser Stelle aber nicht mehr ausgiebig vorgestellt werden, so dass sich der Autor nunmehr darauf konzentrieren kann, den Kern der Handlung stetig auszubauen. Auf Basis der sich häufenden Skandale ist die Marsmission schneller als erwartet in Schwung gekommen, bringt aber die bereits zuvor befürchteten Schwierigkeiten mit sich. Die Moral ist aufgrund der unfreiwilligen Wendungen während der Reise kurzzeitig zu Boden gesunken, und auch die Stimmung an Bord ist deutlich angeknackst, was sich in einzelnen impulsiven Ausbrüchen der Mitreisenden entlädt.

Marazano lässt sich allerdings auch auf Basis dieser inhaltlichen Entwicklungen nicht davon abhalten, die Handlung mit weiteren pikanten Steigerungen zu schmücken und somit den Überraschungseffekt ständig an die Grenze zum Maximum zu pushen. Zwischen dem brisanten Einstieg in die Atmosphäre, den Entdeckungen in der sowjetischen Raumstation und den teils unschönen Begegnungen mit den dort gestrandeten Raumfahrern liegen quantitativ nur wenige Momente, die der Autor aber so lebendig und wechselhaft gestaltet, dass selbst der vergleichsweise simpler gestrickte Hauptstrang keine Zeit zum Atmen lässt.

Verstärkt wird dieser Effekt schließlich von den kurzen Einwürfen von der Erde, auf der die traurige Sofia zwischen Unverständnis, Hoffnungslosigkeit und von Enttäuschungen gezeichneter Melancholie schwankt und sich schließlich dazu aufrafft, den Weg in ein neues Leben ohne ihre Mutter zu suchen. Nicht ahnend, in welcher Gefahrenlage die erfolgreiche Astronautin aktuell steckt, revanchiert sie sich außerhalb des Sichtfelds von Helen für deren fehlende Rücksichtnahme und sieht diesen Schritt als endgültige Chance, endlich ihrer Verbitterung zu entfliehen. Allerdings ist genau dieser Entschluss ein fataler Irrtum für das zunehmend verstörte Mädchen …

Im Gegensatz zur ersten Episode verlaufen die beiden elementaren Kapitel der Handlung recht unabhängig voneinander und hängen nur noch an einigen losen, aber sichtbaren Fäden zusammen. Beide Stränge entwickeln zunehmend ein Eigenleben, sowohl inhaltlich als auch atmosphärisch, wodurch die inhaltliche Achterbahnfahrt auf dem Mars sogar noch maßgeblich unterstützt wird. Das Auf und Ab bzw. das permanente Hin und Heer ist zwar im zweiten Comic dieser faszinierenden Serie nicht mehr ganz so extrem, jedoch hat sich an der grundsätzlichen Ausrichtung kaum etwas verändert – was letztendlich natürlich zu begrüßen ist. Im Bezug auf Inhalt, Storyboard und Charakterdesign ist nämlich auch „Die Söhne von Ares“ ein gewagter illustrierter Gewaltakt!

|Originaltitel: Le complexe du chimpanze – Les fils d’Ares
56 Farbseiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-940864-29-1|
http://www.splitter-verlag.de

Diggle, Andy / Sudzuka, Goran – John Constantine: Hellblazer 4 – Lady Constantine

Band 1: [„Hölle auf Erden“ 3621
Band 2: [„Der Rote Tod“ 4253 (1. Rezension)
Band 2: [„Der Rote Tod“ 4413 (2. Rezension)

_Story_

England, 1785: Johanna Constantine hat das magische Erbe ihrer Familie verinnerlicht, ist dem Adel aber nach wie vor ein Gräuel. Dennoch bleibt der Regierung nichts anderes übrig, als die einstige Lady zurate zu ziehen, als ein unglaublicher Fund auf hoher See die gesamte irdische Existenz auszulöschen droht. Die Büchse der Pandora wurde in einem gekenterten Schiff entdeckt und schlummert nun in den Tiefen des Ozeans, wo Johanna das berüchtigte Artefakt wieder bergen soll.

Unter der Aussicht auf anstehenden Reichtum und auf Rückgabe ihres Adelstitels sticht Constantine mit ihrem ehemaligen Mitstreiter McCallister in See, um die Bergungsaktion vor der Küste Spitzbergens zu starten. Doch schon während der ersten Seemeilen macht die unbeliebte Hexe Bekanntschaft mit der Blackwood-Sippe, die unmittelbar mit der Herkunft der Büchse in Verbindung steht …

_Persönlicher Eindruck_

Der vierte Band der „Hellblazer“-Reihe präsentiert diese in einem leicht abgewandelten Gewand. Die ständig wiederkehrenden Horror-Inhalte wurden nahezu komplett gekippt, und auch der bislang aktive Held John Constantine wurde bis auf Weiteres ausrangiert, um einem direkten Verwandten Platz zu machen, der bzw. die sich in der Debüt-Vorstellung aber durchaus achtbar aus der Affäre zieht.

Der Auftakt des Ablegers um die tüchtige Johanna Constantine ist in seinem Story-Arrangement aber auch gar nicht mit den Abenteuern ihres Namensvetters zu vergleichen. Die aktuelle Geschichte ist ein ganzes Stück gradliniger als der bisherige „Hellblazer“-Katalog, lässt dafür aber auch mehr Spielraum für die Etablierung der Charaktere. Die Protagonistin und ihre maskulin verkleidete Tochter verbergen sich zwar hinter einem recht nebulösen Schleier, doch insgeheim verrät Autor Andy Diggle schon eine ganze Menge über die Herkunft und die Einstellungen seiner Hauptfiguren, die hier Schritt für Schritt zum Hauptplot hinzustoßen. Nichtsdestotrotz lässt er es verhältnismäßig ruhig angehen und spart sich die Action zum größten Teil für das rasante Finale auf, welches schließlich all die Hektik mit sich bringt, die in den ebenfalls lebhaften Intermezzi noch tunlichst vermieden wird. Constantine und ihre Gefährten sind zwar stetig bedroht, doch alles in allem wirkt das Vorgehen des Autors recht kontrolliert und beruhigend, ganz so, als wären jegliche Komplexität und jeder chaotische Impuls Störenfriede für den Verlauf der Story.

Von mangelnder Spannung kann aber keinesfalls die Rede sein, und das gleich in zweierlei Hinsicht: Diggle hat nämlich einerseits die schwere Aufgabe, die Legende von Pandoras Büchse in seiner Interpretation nicht zu absurd und abwegig zu interpretieren, andererseits aber auch eine Story zu konzipieren, die sich ins „Constantine“-Universum einfügt und den Balanceakt zwischen Linientreue und Eigenständigkeit meistert – und das ist ihm grundsätzlich geglückt. Gerade auf den ersten Seiten gelingt es sehr gut, den großen Schatten langsam aber sicher verschwinden zu lassen und „Lady Constantine“ als tragende Persönlichkeiten heranzuführen. Gepaart mit einigen unscheinbaren Mysterien, einem soliden Background und flotten Sprüchen, kommt hier schnell ein vergleichbares Feeling auf, wenngleich die Story insgesamt simpler als gewohnt ist.

In der Gesamtbetrachtung sticht allerdings ganz klar die eigenwillige Neuinterpretation hervor, die mit obskuren Inhalten gespickt ist, das übliche Horror-Flair teilweise sogar mit humorvollen Passagen schmückt und auch im Charakterdesign Akzente zu setzen weiß. Die wandelbare, bösartig sympathische Hauptdarstellerin ist ein echter Gewinn für die Serie, auch wenn sie innerhalb der Story nur einen begrenzten Anteil ihres Potenzials ausschöpft. Und damit wären wir auch schon beim einzigen bedeutenden Kritikpunkt angelangt: Sobald „Lady Constantine“ nämlich so richtig Fahrt aufnimmt, bahnt sich auch schon das Ende des Plots an, und der wäre quantitativ definitiv noch ausbaubar gewesen, ohne dabei einen Qualitätsverlust zu riskieren.

Für ein Debüt ist der vierte Teil der ““Hellblazer“-Reihe aber durchaus gelungen, nicht zuletzt wegen der starken Illustrationen des kroatischen Neulings Goran Sudzuka. Wer Action also gerne auch außergewöhnlich und ein wenig bizarr mag, sollte dringend mal ein paar tiefere Einblicke riskieren.

ISBN-13: ISBN 978-3-86607-630-3
http://www.paninicomics.de
[Verlagsseite zur Reihe]http://www.paninicomics.de/?s=gruppen&gs__gruppe=10457

Miller, Frank / Darrow, Geof – Hard Boiled

Bei dem Namen Frank Miller denkt man an Titel wie „300“, „Batman“ und „Sin City“. Mit der Neuauflage von „Hard Boiled“ findet nun ein weniger bekanntes Werk den Weg zurück in die Regale. Gewalt und Gesellschaftskritik gibt es auch hier, wie nicht anders zu erwarten von dem hartgesottenen US-Comic-Star.

Hinter dem Titel „Hard Boiled“ könnte man so ziemlich jede Art von Geschichte verstecken, die mit harten Kerlen, Action und Gewalt zu tun hat. Vielleicht haben Frank Miller und Geof Darrow diesen nichtssagenden Titel ausgesucht, weil sie nichts zu sagen hatten. Beim flüchtigen Drübergucken denkt man jedenfalls nicht lange nach, hat bloß harte Kerle, Action und Gewalt im Kopf. Und siehe da, beim Durchblättern: Auch zwischen den Buchdeckeln hält der Titel, was er verspricht! Harte Kerle, Action und Gewalt! Wurde da etwa Philip K. Dicks Science-Fiction-Satire hirnlos verwurstet und auf ein unterhaltsames Prügelvergnügen reduziert?

Zunächst soll etwas Klarheit geschaffen werden. Der harte Kerl in dem neuen Band von| Cross Cult| hat mehrere Namen. Mal heißt er Nixon, mal Harry Seltz, mal Harry Burns, mal Carl Burns und am Ende auch Einheit Vier. Trotz der vielen Namen ist es immer dieselbe Figur. Einheit Vier ist Zweierlei. Auf der einen Seite ist er ein knallharter, knallroter Roboter unter einem Fleischkostüm. Auf der anderen Seite ist er ein Steuerbeamter, der ein friedliches Leben in der Vorstadt führt. Ehefrau, zwei Kinder, Eigenheim. Die letztgenannte Person ist er nur in seiner Phantasie. Das Bewusstsein, Familienvater und ein echter Mensch zu sein, ist bloß eine Illusion, implantiert von skrupellosen Wissenschaftlern, um den Killer-Roboter besser kontrollieren zu können. Für Einheit Vier (und den Leser) ist dieser Unterschied marginal. Nixon schliddert von einem Fiebertraum in den nächsten, die Grenze zwischen Fiktion und Phantasie weicht langsam auf.

Zu Action und Gewalt braucht man eigentlich nicht viel zu sagen. In außergewöhnlich detailreichen und realistischen Bilder schildert Geof Darrow Verfolgungsjagden, Schlägereien und Schusswechsel. Trotz der realistischen Bilder werden die expliziten Szenen immer so weit übertrieben, dass man beim Lesen nie in die Verlegenheit gerät, sie für realistisch zu halten. Es ist ein ganz und gar künstliches Universum, in das Autor und Zeichner da den Leser werfen. Zur Gewalt gesellt sich übrigens auch noch Sex, nicht als zentrales Thema, aber doch wahrnehmbar, mit einer ähnlichen Gewichtung wie bei Frank Millers „Sin City“, wo Sex eben auch eine Rolle, aber nicht die entscheidende Rolle spielt.

Zwischen den Zeilen klang bereits an, dass „Hard Boiled“ Satire ist. Satire versucht, sich durch bestimmte Methoden über bestimmte Personen und Anschauungen lustig zu machen. Beispielsweise durch Ironie und Übertreibung. Und es ist herrlich ironisch, wenn Nixon auf dem Boden sitzt, das künstliche Fleisch vom Gesicht und den Händen abgelöst, so dass man seine roten Metallknochen sieht, und vor sich hinsagt: »Ich dachte, ich wäre ein Durchschnittstyp!« Es ist herrlich übertrieben, wenn der Chef von Nixons Firma gezeigt wird, unglaublich fett, angehängt an eine Apparatur, die endlos Pepsi und Pommes nachschiebt. Miller übertreibt nicht nur die Gewalt, sondern er übertreibt, wo er nur kann.

Die Person, über die sich in „Hard Boiled“ lustig gemacht wird, ist der Durchschnittstyp, für den Nixon sich hält. Dieser Durchschnittstyp hat ein Haus in der Vorstadt, eine Frau und zwei bezaubernde Kinder. Er fährt tagtäglich zu seinem langweiligen Job bei der Steuerbehörde, ohne dass sich irgendetwas verändert. Extreme sind ausgeschlossen, die Tage gleichen einander wie ein Ei dem anderen. Das Ende der Geschichte entlässt den Leser in fabelhafte Zweifel. Haben wir wirklich einem Super-Roboter zugeguckt, der sich für einen Durchschnittstypen hält? Oder haben wir einem Durchschnittstypen zugeguckt, der sich ausmalt, wie es wäre, ein Super-Roboter zu sein? Brillant, dass diese Kehrseite der Medaille in „Hard Boiled“ auch sichtbar wird. Hirnlose Verwurstung ist das auf gar keinen Fall. Ein unterhaltsames Prügelvergnügen bleibt es natürlich trotzdem.

|Originaltitel: Hard Boiled, Dark Horse Comics 1990
Ausgezeichnet mit dem Eisner Award
128 Seiten, farbig, 28,5 cm
Empfohlen ab 16 Jahren
ISBN-13: 978-3-936480-90-0|
http://www.cross-cult.de/

Marazano, Richard / Ponzio, Jean-Michel – Schimpansenkomplex, Der – Band 1: Paradoxon

_Story_

Helen Freeman ist seit Jahren die vielleicht beste und wichtigste Astronautin der NASA. Nach längerer Vorbereitungszeit steht sie nun endlich davor, ihren großen Traum von der ersten Marsreise zu realisieren, als der Institution von Seiten der Regierung das Budget gekürzt wird. Ihre Tochter Sofia sieht in dieser dramatischen Entscheidung jedoch endlich eine gemeinsame Zukunft an der Seite ihrer Mama, die in ihrer Position kaum noch Zeit für ihr Familienleben aufbringen kann. Doch ihre Hoffnung ist nur von kurzer Dauer …

Als im Indischen Ozean eine Raumkapsel abstürzt, wird Helen mehr oder weniger unfreiwillig in eine neue Mission hineingezogen, die sie in Verbindung mit den beiden Überlebenden dieses Absturzes bringt. Diese behaupten allen Ernstes, sie würden der ersten Mondexpedition angehören und auf die Namen Neil Armstrong und Buzz Aldrin hören. Fassungslos realisieren sie zudem, dass mittlerweile 66 Jahre ins Land gestrichen sind, seit sie zuletzt die Erde betreten haben. Während die Abgeordneten der Geheimoperation noch glauben, zwei geistig verwirrte Menschen vor sich zu haben, scheinen sich die Fakten bei den DNA-Analysen zu bestätigen. Doch als sie am nächsten Tag erneut Kontakt aufnehmen wollen, finden Helen und Co. nur noch die Leichen der beiden Männer. Kein Weg geht von nun an daran vorbei, zügig eine Raumexpedition zu starten und den Spuren der elften Apollo-Reise zu folgen – ganz zum Leidwesen von Sofia Freeman, die immer mehr befürchtet, dass das Band zwischen ihrer Mutter und ihr endgültig zerschnitten ist …

_Persönlicher Eindruck_

Bereits die recht ausführliche Einleitung zum neuen |Splitter|-Ereignis „Der Schimpansenkomplex“ weckt Hoffnungen auf einen echten Monster-Event im Verlagsprogramm und somit auf die erste wirkli ernsthafte SciFi-Konkurrenz zum eigenen Branchenführer [„Universal War One“. 4969 Allerdings entpuppt sich das neue Gedankenkonstrukt von Richard Marazano entgegen allen Erwartungen als eine durchaus realistischere Geschichte, die aufgrund ihrer außerordentlich authentischen Präsentation zugleich bedrohlicher, ja, auch gewaltiger wirkt. Zwar ist das Fundament des hier eröffneten Plots weiterhin rein fiktiv. Aber wenn man mal etwas tiefer in die Welt von „Der Schimpansenkomplex“ abtaucht und sich von der Handlung gefangen nehmen lässt – was aufgrund ihrer Brisanz ein echtes Kinderspiel ist – entdeckt man irgendwie doch immer wieder ein verstecktes Stückchen Wahrheit, das sich dieser oberflächlichen Betrachtung entzieht.

Die Story ist in diesem Fall mal wieder sehr gewagt, in diesem Sinne aber erst einmal sehr theoretisch. Marazano stellt in seiner Grundaussage infrage, dass die Mondlandung Armstrongs tatsächlich in der Form abgelaufen ist, die damals von den Medien publiziert wurde, und macht mit dieser riskanten These ein richtig großes Fass auf. Als wäre dieser Ansatz nicht schon umfangreich genug, führt der Autor diese Angelegenheit nur als einen der unterschiedlichen Ausgangspunkte seiner Geschichte auf, die abseits der Science-Fiction-Inhalte auch auf die menschliche Tragödie zwischen Helen und Sofia zugeschnitten ist. Die Diskrepanz zwischen dem Lebenstraum der Mutter und dem Versagen in ihrer Erzieherrolle wird von Marazano ähnlich leidenschaftlich inszeniert wie das Drama um die beiden abgestürzten Astronauten. Als dann auch noch das Dilemma der unplanmäßigen Missionen bzw. den plötzlichen Tod der vermeintlich ersten Mondbesucher in den Plot einsickert, entwickelt sich dieser zu einer tickenden Zeitbombe – und in diesem Fall zu einem explosiven Gemisch, das in der Folge fast von Seite zu Seite neue Sprengkraft findet.

An dieser Stelle soll über die inhaltliche Entwicklung noch nicht zu viel verraten werden, bis vielleicht auf die Tatsache, dass die fortwährende Veränderung in den Zeichnungen der Charaktere ein echtes Paradestück dieser neuen Serie ist. Ausgehend vom ersten Kapitel „Paradoxon“ (welch treffender Titel!) hat Marazano mit seinem illustrierenden Sidekick Jean-Michel Ponzio hier wahre Vorzeigefiguren entworfen, die ihre Menschlichkeit auch in diesem stellenweise sehr düsteren Zukunftsszenario nicht geopfert haben. Gerade diese sehr lebensnahe Seite, die das ganze fiktive Drumherum gekonnt unterwandert, ist eines der beeindruckendsten Elemente in „Der Schimpansenkomplex“ und bereits hier sehr gut herausgearbeitet.

Für „Paradoxon“ bleibt noch zu sagen, dass die Einführung in den tatsächlich recht komplexen Handlungsstrang durch die Bank gelungen ist, da sich das zeichnende/schreibende Team einerseits geschlossen homogen präsentiert, dem Leser aber dennoch auf jeder Seite neue Überraschungen bietet. Man kommt in vielen Passagen aus dem Staunen nicht mehr heraus und muss gelegentlich auch kräftig schlucken, weil das Thema so unheimlich, ja, all-umfassend ist. Deshalb braucht es auch bei der Auswahl der Zielgruppe keine Konkretisierungen: „Der Schimpansenkomplex“ ist auf jeden Fall ein Muss für alle Liebhaber anspruchsvoller, innovativer Science-Fiction im Comic-Format!

|Originaltitel: Le complexe du chimpanze – Paradoxe
56 Seiten, farbig
ISBN-13: 978-3-940864-28-4|
http://www.splitter-verlag.de

Téhy / Lalie – Engel und der Drache, Der – Buch 1: Und der Tod wird nur ein Versprechen sein

_Story_

An den Grenzen des Heidelands tobten einst die brutalsten Schlachten, geführt von Männern, die den Frieden in ihrer Heimat schützen wollten und die zerstörerischen Kräfte von Plünderern und vermeintlichen Eroberern vernichten mussten. Doch wider Erwarten kehrten die Männer alsbald zurück, unter ihnen auch Licomte, einer der tapfersten Kämpfer, den seine große Liebe Hana-Rose sehnsüchtig erwartet hat.

Doch die leidenschaftliche Zweisamkeit soll nur von kurzer Dauer sein. In den Gemächern seines Anwesens analysiert Licomte die letzten verbliebenen Spuren der Drachen. Seine Obsession für die verschollene Brut soll ihm bei einem seiner Tauchgänge nämlich bald zum Verhängnis werden. Ein Erdrutsch kostet ihn das Leben und stürzt seine Geliebte in Trauer und wachsenden Wahnsinn. In ihrer Verzweiflung sucht sie die gespenstische Alte auf, hinter der Hana-Rose eine Hexe vermutet. Ohne Erwartungen und Hoffnungen sucht sie hier nach einem Rettungsanker für ihr grausames Schicksal …

_Persönlicher Eindruck_

„Der Engel & der Drache“ – ein geradezu poetischer Titel, der überraschenderweise auch im Rahmen einer düster-romantischen Inszenierung einen gewissen Halt findet. Ausgerechnet Téhy, bei |Splitter| bereits bekannt für sein Endzeit-Kommando [„Yiu“, 5485 versucht sich hier an einer philosophisch angehauchten Story, in deren Zentrum weniger das effektreiche Drumherum steht, sondern vielmehr die wenigen, dafür aber umso intensiver angeführten Charaktere.

Allerdings begibt sich der Autor erneut auf sehr dünnes Eis, da er es geradezu vermeidet, seiner neuen Geschichte einen echten Spannungsbogen zu verpassen und den Aufbau der Erzählung etwas überraschender zu gestalten. Einmal mehr wählt er stattdessen eine Art Berichtsform und stellt den Leser größtenteils vor vollendete Tatsachen, die es hinzunehmen gilt. Raum für spontane Improvisationen oder rasche Story-Breaks? Platz für etwas mehr Freiheit, was die Entwicklung des Plots betrifft? Nein, Téhy hat mal wieder an den wesentlichen Fronten gespart und sein Konzept mitunter zu steif durchgearbeitet.

Dabei startet dieser erste Band noch regelrecht Eindruck erweckend: Ein majestätisch gestalteter, in fesselnden Grafiken festgehaltener Prolog eröffnet die gerade visuell wirklich hervorragende Episode und leitet nahtlos über in das Liebesdrama der beiden Protagonisten – zweifelsfrei ein guter, wenn auch sehr ausladend und pathetisch formulierter Start. Doch schon danach machen sich die ersten, bereits bekannten Schwächen bemerkbar, die sich einmal mehr auf die Strukturierung der Geschichte beziehen und wieder verhindern, dass der Funke problemlos überspringt.

Es sind alleine die Bilder, die große Worte sprechen und in ihren Bann zu ziehen vermögen, insbesondere die fabelhaft präsentierte Kulisse der Heimat der beiden Hauptdarsteller. Doch was den Schicksalsschlag, die Hintergründe und das Potenzial für die weitere Entwicklung angeht, scheint alles zu abgehackt und zu unflexibel. Die Texte sind eh recht spärlich ausgearbeitet, was grundsätzlich zu vertreten wäre, würden die Worte eine ähnliche Gewalt besitzen wie ihre optische Umgebung. Doch gerade im zweiten Abschnitt verschwimmt die oberflächliche Poesie viel zu deutlich und kann sich nicht als elegantes Mittelding aus philosophischer, animierter Literatur und anspruchsvoller Novelle etablieren. Dafür fehlt der entscheidende Tiefgang, vor allem aber der letzte Funke Leidenschaft in der Konzeption der Handlung.

Zum grafischen Konzept sei noch gesagt, dass Téhys Sidekick Lalie mit digitaler Technik gearbeitet und die Tusche gegen den modernen Laser eingetauscht hat. Das mag in gewisser Weise abschrecken, ist aber kein Grund zur Skepsis, da die Atmosphäre der Story dadurch nicht beeinträchtigt wird. Und da die Bilder stellenweise wirklich einzigartig sind, ist diese Vorgehensweise sogar zu begrüßen.

„Der Engel & der Drache“ bietet einen bittersüßen Kontrast aus einem nicht bis ins letzte Detail ausgearbeitetem Storyboard und gewaltigen Grafiken. Das mag für denjenigen, der epische Fantasy-Themen im Comic begrüßt, einerseits enttäuschend, für den Optik-Ästheten aber durchaus ein Grund sein, sich diesen visuell recht lohnenswerten ersten Band zuzulegen. Oder anders gesagt: Téhys neuer Comic bietet eine bekannte Diskrepanz. Man weiß, was man hat – aber auch, was man nicht hat!

|Originaltitel: L’ange & le dragon – Et la mort ne sera que promesse
48 Farbseiten
ISBN-13: 978-3-939823-26-1|
http://www.splitter-verlag.de/

Téhy / Vax / Vee, J. M. – Yiu 5 – Operation Geisha

Band 1: [„Die Armee des Neo-Mülls“ 4289
Band 2: [„Die Auferstehung des Unreinen“ 4290
Band 3: [„Die Kaiserin der Tränen“ 4920
Band 4: [„Der Schwur der Söhne“ 5114

_Story_

Sein Name ist Nero-Empurio-Dai-A; er ist ein vollkommener Psychopath, einer der brutalsten Gangster in der gesamten Geschichte, und alles, was seinem Leben noch bleibt, sind die 19 Minuten bis zur tödlichen Injektion, die sein Henker für ihn vorbereitet hat. Umzingelt von den 4000 Elitesoldaten der chinesischen Streitkräfte, repräsentiert er die Zukunft des freien Tibet – denn sein Nachfahre soll der künftige Dalai Lama sein, und nur in ihm ist das Wissen über die Geisha gespeichert, die seiner Vergewaltigung erlag und nun den Embryo in sich trägt.

Im Auftrag des Klerus begibt sich Yiu nun auf eine weitere suizidale Mission: Sie soll Nero vor dem Tod retten, die Geisha aufspüren und den heiligen Embryo nach Jerusalem bringen. Doch gegen eine Armee aus 4000 entschlossenen Kriegern scheinen selbst sie und ihre tapferen Begleiter machtlos …

_Persönlicher Eindruck_

Nach dem ständigen Auf und Ab der wohl actionreichsten und auch brutalsten Serie im Programm des |Splitter|-Verlags scheint „Yiu“ mit der fünften Episode endlich in die Spur zu kommen. Das aktuelle Kapitel bietet nach dem zuletzt veröffentlichten Zweiteiler wieder einen abgeschlossenen Plot, der erneut relativ heftige Kampfszenen bietet, dafür aber auch zum ersten Mal den ersehnten Tiefgang in der Story – auch wenn man das auf Anhieb noch nicht erkennen sollte.

Allerdings darf man zu Beginn schon über den Background staunen, den Téhy innerhalb der knallharten Auftaktaktion aufbaut. Schritt für Schritt erfährt man ein wenig mehr über Yius Auftrag und die Personen, die unsere Top-Agentin lokalisieren soll, wird aber gleichzeitig Zeuge, wie die Titelheldin in ein grausames Inferno hineinsteuert und einmal mehr am Rande der puren Apokalypse agiert. Explosionen, fliegende Körper, Leichen am Fließband – der Bodycount ist zum wiederholten Male enorm hoch und würde auch ein Verbot der Jugendfreigabe für diesen Comic rechtfertigen, jedoch bekommt man dieses Mal nicht den Eindruck, der schockierende Effekt der Bilder müsste die zahlreichen Schönheitsfehler in der Handlung kaschieren. Letztere bleiben in „Operation Geisha“ nämlich von Beginn an außen vor!

Stattdessen integriert Téhy in der fünften Folge seiner Serie erstmals gesellschaftspolitische Inhalte von aktueller Bedeutung, wenn auch versteckt hinter einem rasanten Science-Fiction-Spektakel. Der Konflikt in Fernost und die geistige Unabhängigkeit Tibets rücken in den Fokus und werden auch im futuristischen Szenario des Agenten-Infernos noch als zentrales Thema der asiatischen Außen- und Innenpolitik eingefügt, was der ganzen Angelegenheit eine zusätzliche Brisanz beschert. Zwar ist die Geschichte in ihrer Natur völlig fiktiv und in gewisser Weise auch ohne authentischen Realitätsbezug, doch es lässt sich nicht verleugnen, dass das Schicksal des Dalai Lama durchaus emotional stimmt, was wiederum bei einer anderen Themenwahl nicht in diesem Maße hätte geschehen können. Man kann zwar nun mutmaßen, dass der Autor hier ein bestimmtes Kalkül in seine Konzeption einbezogen hat, doch geschadet hat es der Story auch mit diesem Wissen definitiv nicht.

Davon mal ganz abgesehen, ist die allgemeine Strukturierung dieses Mal weitaus weniger hektisch als noch in den beiden ersten Einteilern der Serie, deren Spannungsaufbau schon abgeschlossen war, bevor der Kern der Story herausgeschält werden konnte. Zwar ist das Tempo mal wieder unverschämt hoch und gewährt dem Leser gerade in den actionreichen Szenen zu Beginn und im Finale keine Verschnaufpause, allerdings wirkt die Zusammenstellung ruhiger und kontrollierter. Die einzelnen Fragmente greifen ineinander und das Fundament des Plots droht zu keiner Zeit aus den Fugen zu geraten. Außerdem wurden erstmals einige völlig überraschende Wendungen eingeschoben, die in einer verheerenden Pointe kulminieren und den Aha-Effekt erzielen, den man über bislang vier Bände mehr oder weniger vergeblich suchte.

Daher darf man es am Schluss auch betont kurz machen: „Operation Geisha“ stellt die teils überfrachteten Vorgänger-Kapitel deutlich in den Schatten und ist mit Abstand das Highlight aus fünf Bänden brutaler Sci-Fi-Action.

|Originaltitel: Yiu, premieres missions – Exfiltration Geisha
44 Farbseiten
ISBN-13: 978-3-939823-69-8|
http://www.splitter-verlag.de

Krökel, Charly – Erwischt

Während Comic-Superhelden wie „Hulk“ oder „Die Spinne“ im Kino auferstehen und „Illustrierte Klassiker“ eben Klassiker sind und bleiben, ist im |HolzheimerVerlag| ein neuer/alter Comic von Charly Krökel erschienen.

Charly Krökel, geboren 1960, ist seit 1987 als freier Künstler, Grafikdesigner und Illustrator tätig. Viele seiner Logos schmücken bekannte Firmen, seine Designs Bühnen oder CDs, wie zum Beispiel Carsten Papes „Große Jungs weinen nicht“.

Alt ist der Comic insofern, als er schon Ende der 80er entstand, damals aber keinen Verleger fand, da der Comicmarkt einerseits stagnierte, der Comic aber vielleicht auch damals aufgrund seiner Frivolität Ablehnung erfuhr. Er ist in diesem Sinne auch kein Mainstream-Comic, denn durch die Textkohäsion und geschlossene, romanhafte Handlung eher das, was man in den USA eine ‚Graphic Novel‘ nennt. Im Gegensatz zu heutigen Veröffentlichungen ist auch zu sehen, dass der Zeichenstil von damals, der doch mehr an den Stil diverser U-Comics erinnert, wesentlich verfeinert wurde.

Die Geschichte könnte das Leben selbst geschrieben haben. Zwei junge Paare, Horst und Vera sowie Kurt und Nicole, mit Kindern, Menschen wie du und ich, sind mit ihrem Leben unzufrieden. Sie sind mehr oder weniger erfolglos, unbefriedigt und schwelgen in der Vergangenheit. Horst hat ein Verhältnis mit Nicole und Vera mit Kurt, wovon ihre Partner jeweils nichts wissen. Doch durch einen dummen Zufall kommt alles bei einem gemeinsamen Essen auf den ‚Tisch‘. Die Partner werden offiziell ‚getauscht‘ und …

Erzählt wird diese Geschichte in sieben Kapiteln. In medias res wird der Leser durch das ‚Vorspiel‘ mittels eines Quickies ‚eingeführt‘, der nicht ohne Folgen bleibt, denn Nicole wird schwanger. Es folgen vier Kapitel, in denen die familiären bzw. zwischenmenschlichen Probleme von jedem Protagonisten erzählt werden. Das sechste Kapitel führt diese vier Personen zu einem gemeinsamen Essen an einen Tisch, wo auch die Wahrheit aufgedeckt wird und die Partner getauscht werden. Das letzte Kapitel zeigt, dass eigentlich alles beim Alten geblieben ist, der Reiz und Zauber des Neuen ist verflogen, Sehnsüchte und ungestilltes Sexualverlangen sind geblieben.

Der moralische Finger wird dabei nicht gehoben, auch wenn in diesem Fall gezeigt wird, dass eine moderne ‚Patchwork‘-Familie nicht unbedingt funktionieren muss. Die Kinder bleiben jedoch nicht ganz außen vor, denn neben Partnertausch wird auch ein ‚Rollentausch‘ vorgenommen, wobei sich Horst um den Haushalt kümmert und Nicole arbeiten geht. Somit wird auch das Rollenverhalten der Kinder aus dem Vorspiel gespiegelt (Sie: „Darf ich mitspielen?“; Er: „Nö, das geht nicht. Feuerwehrautos fahren, das können nur Männer.“)

Die Geschichte wird in einer ihr eigenen Tragik und Komik erzählt, welche die Handlung langsam vorantreibt und bei einem gemeinsamen Essen eskalieren lässt, wobei das Comicelement der Onomatopoetika („klonk“, „Autsch“, „Rabää“), das bis dahin doch mehr im Hintergrund blieb, verbal und farblich sinnvoll ausgeschöpft wird. Die Sprache ist sowohl den Erwachsenen als auch den Kindern angemessen, teils restringiert und teils vulgär. Klischees werden überzogen in eine Komik, die sich durch das ganze Werk zieht. Einfach wunderbar.

Obwohl es für diesen Comic keine eingeschränkte Altersfreigabe gibt, würde ich ihn ob einiger mehr als frivolen Darstellungen für Kinder nicht empfehlen. Es bleibt zu hoffen, dass Charly Krökel einen weiteren Comic auf den Markt bringt, denn ich habe lange nicht mehr so gelacht.
Mehr Informationen gibt es auch unter der Webseite http://www.erwischt-der-comic.de.

|64 Seiten, schwarzweiß
Paperback mit Farbcover
ISBN-13: 978-3-938297-61-2|

_[Martinus]http://www.my-lands.de/index.php?phantastische-dimensionen _

Whedon, Joss / Jeanty, Georges / Goddard, Drew – Buffy: Wölfe! (Staffel 8, Teil 3)

Teil 1: [„Die Rückkehr der Jägerin“ 4670
Teil 2: [„Wie tötet man eine Jägerin?“ 5075

Sieben Staffeln und ebenso viele Jahre lang hat |Buffy| das Bild der Fernsehlandschaft geprägt. Nach dem Ende der Serie 2003 war es einige Zeit still, 2008 kehrte die Vampirjägerin dann zurück, allerdings als Comic-Heldin. Die noch immer große Fangemeinde war erfreut, entwickelte doch nicht zuletzt Erfinder Joss Whedon, selbst großer Comic-Fan, die offizielle achte Staffel mit.

Vieles hat sich verändert, Buffy, Xander und Dawn sind älter und erwachsener geworden, die Handlung der einzelnen „Folgen“ hat an Rasanz gewonnen, ist bunter und abgedrehter als früher. Die Kernelemente sind jedoch geblieben: |Buffy| begeistert wie in alten Zeiten mit Witz, Ironie und einer Menge Spaß. Vorhang … pardon: Heftseiten auf für „Wölfe“, den mittlerweile dritten Teil des Buffy-Comics.

_Handlung_

Nachdem in den ersten beiden, jeweils fünf Einzelepisoden umfassenden Sammelbänden mit der |Dämmerung| eine neue, noch weitgehend unbekannte Vereinigung auf den Plan getreten ist, die Buffy und ihrer Jägerinnen-Kompanie Ärger bereitet, kommt in „Wölfe“ eine weitere Gruppe hinzu. Auf den ersten Blick scheint es sich nur um ganz gewöhnliche Vampire zu handeln, doch dann offenbaren sie ihre besonderen Eigenschaften: Sie können ihre Gestalt ändern. Über kurze Zeiträume ist es ihnen sogar möglich, körperlos zu werden und so nicht nur tödlichen Angriffen auszuweichen, sondern auch unüberwindbare Hindernisse wie verschlossene Türen zu meistern. Dass die Vampire über solch exklusive Fähigkeiten verfügen, macht sie zu extrem gefährlichen Gegnern. Dabei besaß bis vor kurzem nur einer von ihnen diese ausgesprochen nützlichen Talente: Dracula.

Gut, dass Xander mit dem alten Meister eine fast schon freundschaftliche Beziehung unterhält. So erfährt er bei einem kleinen Plausch auf Draculas Schloss auch wenig später, dass der Vampirfürst seine Gabe nicht freiwillig herausgerückt hat. Einige Asiaten, die ihn kürzlich erst aufsuchten, müssen ihm irgendwie seine Talente entlockt haben. Wütend machen sich Xander und Dracula in Richtung Japan auf, um die Gruppe der asiatischen Vampire zu stoppen. Zur Herstellung des Status quo ist der Vampirmeister sogar dazu bereit, auf derselben Seite wie Buffy zu kämpfen – zumindest für kurze Zeit.

Nicht weniger aufregend als der Kampf gegen die Supervampire entwickelt sich das Privatleben der Scooby-Gang. Dawn hat noch immer mit ihrer Riesengröße zu kämpfen, weiß ihre damit verbundenen Vorteile aber allmählich zu nutzen und als Chance zu sehen. Xander hat den Tod von Anya endlich hinter sich gelassen und verbringt ein Date mit Renee, wenngleich es nicht unbedingt den Ansprüchen eines romantischen Rendezvous genügt. Und Buffy entdeckt eine neue Seite an sich, die ihr Liebesleben komplett auf den Kopf stellt. Gut, dass Andrew einen klaren Verstand behält und sich als Mentor der Jägerinnen einen Platz in der Gruppe sucht, für den er mit seinem zugegebenermaßen eher unwichtigen Wissen glänzen kann.

_Bewertung_

Mit „Wölfe“ kommt der |Buffy|-Comic mehr und mehr in Fahrt und weiß das neue Medium voll auszuschöpfen. Die Handlung ist rasant, bunt, tragisch, komisch und actionreich in zugleich. Weder geht der |Buffy|-Charme verloren, noch büßt der Comic den so typischen Humor Joss Whedons ein. Im Gegenteil, das Format erweitert das Buffyversum um neue Elemente und verleiht |Buffy| einen frischen, modernen Anstrich. Dem einen oder anderen Leser mag die Charakterentwicklung zwar etwas zu hastig und vor allem zu drastisch erscheinen, bricht sie doch stellenweise mit dem Charakteraufbau aus den Zeiten der TV-Serie. Doch dieser neue Kurs ist der richtige Weg, um nicht den alten Zeiten hinterherzutrauern, sondern mutig nach vorne zu blicken.

Dawn in Riesengestalt, fliegende (mit Superkräften ausgestattete) Vampire, schnelle Szenenwechsel vom düsteren Schloss Draculas bis hin zur neonleuchtenden Innenstadt Tokios tragen den Möglichkeiten des Comicformats Rechnung und wären im Fernsehen in dieser Form und mit einem begrenzten Budget nicht möglich gewesen. So hingegen kann Whedon seine Geschichte ohne Einschränkungen erzählen und seiner mitunter überdrehten Fantasie freien Lauf lassen. Denn trotz aller neuen Freiheiten vergisst er niemals die Grundelemente, die |Buffy| über sieben Staffeln am Leben gelassen und für eine riesige Fangemeinde gesorgt hat: liebevolle, fürsorgliche Charaktere, die trotz Ecken und Kanten ihre Freundschaft zueinander über alles andere stellen. Buffy und ihre Jägerinnen mögen es sich zur Aufgabe gemacht haben, Vampire bekämpfen; doch hinter allem stehen die Bewältigung von Alltagsproblemen, die Sorgen und Nöte pubertierender Jugendlicher und junger Erwachsener, die ihren Platz in der Welt zu finden versuchen.

Dass der Wechsel von einer erfolgreichen TV-Serie in ein Comicformat fünf Jahre nach der Ausstrahlung der letzten Episode auch kommerziell geglückt ist, zeigen die weiteren Ankündigungen. Neben der Fortsetzung der |Buffy|-Reihe wird es nicht nur einen Sonderband um Fray, einen der neuen Bösewichte, geben. Auch Angel erfährt nach seiner TV-Absetzung eine Auferstehung als Comic-Held. 2009 wird ein gutes Jahr für Buffy und ihre Scooby-Gang werden.

|128 Seiten, Softcover
ISBN-13: 978-3-86607-656-3|
http://www.slayerverse.org/
http://buffy.wikia.com/
http://www.foxtv.de/buffy.html
[Buffy bei Panini]http://www.paninicomics.de/?s=serie&gs__gruppe=287&t=buffy-s287.html

Moore, Alan / Campbell, Eddie – From Hell

_Apokalypse im Londoner East End_

Herbst 1888, London – Whitechapel. Eine Stadt hält den Atem an. In den dunklen Gassen des East Ends werden innerhalb weniger Wochen fünf Frauen ermordet – alle auf brutale Weise verstümmelt. Die Polizei tappt im Dunkeln und streitet sich um Zuständigkeiten. Der Täter bleibt bis heute ein Phantom: Jack the Ripper.

Die wahren Hintergründe von Jack the Ripper dürften wohl nie befriedigend aufgeklärt werden. Teilweise, weil die Ripper-Morde einfach schon zu lange zurückliegen, teilweise, weil es damals bei den Ermittlungen einige Schlampereien gab. Es gibt die vielfältigsten Theorien von den unterschiedlichsten Autoren. Nicht wenigen hat dabei der Mythos Jack the Ripper ein bisschen zu sehr die Phantasie beflügelt. Plausible und nachvollziehbare oder gar beweisbare Theorien sind rar.

Als wichtigste Grundlage für „From Hell“ kann vor allem ein Autor genannt werden: Stephen Knight. In seinem Buch „Jack the Ripper – The Final Solution“ gibt er seine Theorie der Ripper-Morde wieder und deckt eine Verschwörung auf, die bis ins englische Königshaus hinaufreicht. Sein Buch ist bis heute umstritten, auch wenn seine Argumentation plausibel klingt. Jack the Ripper bleibt bei allem Enthusiasmus für Knights Werk auch weiterhin ein Phantom …

_Melodrama in Schwarzweiß_

Licht in das Dunkel versuchen Alan Moore und Eddie Campbell mit ihrem Comic-Buch „From Hell“ zu bringen, das häppchenweise erstmals von 1989 bis 1992 in der amerikanischen Comic-Anthologie Taboo erschien. Moore und Campbell lassen den Herbst 1888 auf dem Papier noch einmal aufleben und den Leser durch die Gassen des East Ends wandeln – auf den Spuren von Jack the Ripper. Mit einfachen Schwarzweiß-Zeichnungen, teils nur schemenhaft mit einigen Strichen angedeutet, teils intensiv und düster, wird die Handlung zum Leben erweckt.

Nach einem Prolog beginnt die eigentliche Geschichte mit Hintergründen, die Stephen Knight recherchiert hat. Prince Albert nimmt 1884 Malstunden bei dem Maler Walter Sickert und lernt bei seinen Besuchen Annie Elizabeth Crook kennen, die im Süßwarenladen gegenüber des Ateliers arbeitet. Die beiden beginnen eine Beziehung, aus der ein Kind hervorgeht, und heiraten heimlich, ohne dass Annie wirklich weiß, wen sie da ehelicht. Die Queen erfährt von der Affäre ihres ohnehin schon skandalträchtigen Sohnes und lässt Annie wegschaffen, um zu verhindern, dass die Geschichte publik wird.

Anschließend wird Sir William Gull vorgestellt, der Mann, der auch im weiteren Verlauf des Buches immer wieder im Mittelpunkt steht. Der Leser erhält einen Einblick in Gulls Lebenslauf, angefangen von seiner Kindheit über seinen Aufstieg zum Außerordentlichen königlichen Leibarzt bis hin zu seiner Initiierung bei den Freimaurern.

Jahre später (1888) setzt die Handlung wieder ein und erzählt die Geschichte einer Erpressung. Annie, die mittlerweile Prostituierte im East End ist, schmiedet mit ihren Freundinnen einen Plan, um an Geld zu kommen, damit sie ihre fälligen Schutzgelder an die Old-Nichol-Bande bezahlen können. Sie wollen das Königshaus mit ihrem Wissen um das Kind und die heimliche Heirat von Prince Albert erpressen. Als die Queen davon erfährt, gibt sie Sir Gull den Auftrag, sich um die Angelegenheit zu kümmern – auf seine Art.

Und so begleitet der Leser Gull in den folgenden Kapiteln zusammen mit dem Kutscher Netley auf seinen nächtlichen Touren durch das East End. Sir Gull kümmert sich in der Tat auf seine Art um die Angelegenheit und verbreitet für mehrere Wochen Angst und Schrecken in den dunklen Gassen von Whitechapel. Der Rest ist Geschichte …

_|“Ein abgründiges, 600-seitiges Monster“|_

… mit diesen Worten hat der |Guardian| eine sehr treffende Beschreibung für „From Hell“ geliefert. Atmosphärisch dicht, vor Spannung geradezu knisternd, so werden dem Leser die Geschehnisse von 1888 präsentiert. Es geht dabei weniger um die Frage, wer der Täter war (das weiß der Leser schon sehr früh), sondern mehr um seinen Antrieb. Was kann einen hochangesehenen, intelligenten Mann aus gutem Hause zu so einer unbeschreiblichen Brutalität bringen? Diese Hintergründe versuchen Moore und Campbell zu erleuchten. Das Verbrechen an sich bleibt dabei unfassbar. Die Taten des Rippers werden mit geradezu kriminalistischer Genauigkeit geschildert und in verwirrenden und erschreckend realen Bildern dargestellt.

In Sachen Täter-Theorie stützen sich die beiden Autoren auf unterschiedliche Bücher, am stärksten sind aber die Bezüge zu Stephen Knight, dessen Buch ich vor ein paar Jahren ebenfalls gelesen habe. Das Schöne an „From Hell“ ist, dass die Handlung in Bezug auf die wirklichen damaligen Geschehnisse sehr nachvollziehbar bleibt. Es gibt einen 56 Seiten starken Anhang, in dem zu jeder Seite des Comics Anmerkungen gemacht werden. Man kann daran sehr gut nachvollziehen, auf welche Quellen sich die Handlung stützt und wo aus dramaturgischen Gründen etwas „interpoliert“ wurde. Man merkt dem Buch an, dass viel harte Recherche dahinter steckt und es nicht nur darum geht, eine spannende Geschichte zu erzählen, sondern auch um den Versuch, die tatsächlichen damaligen Geschehnisse nachzuzeichnen.

Das Packende an „From Hell“ bleibt aber die düstere und beklemmende Atmosphäre. Man wird als Leser sofort in den Bann der Geschichte gezogen. Moore versteht sich darauf, eine dichte Atmosphäre aufzubauen, Andeutungen einzustreuen und das Ganze mystisch auszuschmücken. Abgerundet von Campbells intensiven und düsteren Darstellungen, entsteht ein wahres Meisterwerk. Die schwarzweißen Bilder verleihen der Geschichte eine gewisse Tiefe, die das Buch mit Farbbildern wahrscheinlich nicht zu erreichen vermocht hätte. Aus feinen Strichen und wilden Schraffuren entsteht vor dem Auge des Betrachters das Londoner East End am Vorabend des 20. Jahrhunderts.

Moore und Campbell vermögen es, so gut wie alle Facetten der Ripper-Saga auszuleuchten. „From Hell“ ist keine kriminologische Dokumentation, aber auch keine Horror-Geschichte. Vielmehr wird das Buch zu einer Gesellschaftsstudie, zu einem Blick auf die dunkle Seite des viktorianischen Zeitalters. Moore und Campbell wollen zeigen, wie die Gesellschaft sich zu der Zeit gewandelt hat, am Beginn „des Jahrhunderts des Massenmordes“. Die These der Autoren, dass mit den Ripper-Morden im Grunde das 20. Jahrhundert eingeläutet wurde, wird sehr deutlich und überzeugend vermittelt. Sir Gull bildet dabei den zentralen Punkt, um den sich alles dreht. Moore und Campbell erstellen eine Art Psychogramm und leuchten die Person Gulls bis in den letzten Winkel aus.

Dieser Anspruch der Autoren schlägt sich sehr deutlich in dem Werk nieder. „From Hell“ ist alles andere als seichte Unterhaltung. Auch wenn vieles im Anhang erläutert wird, so sind viele Passagen, insbesondere mit Bezügen auf Freimaurertum, philosophische und mystische Sachverhalte nicht gerade leicht verständlich. Es werden einzelne Stränge unterschiedlicher Verschwörungstheorien aufgegriffen und in den Zusammenhang eingeordnet. Verwirrend wirken auch immer wieder die Halluzinationen, die Gull im Laufe der Handlung mehrmals durchlebt, insbesondere während der Morde, die einen fast schon rituellen Charakter annehmen. Wer sich in Sachen Freimaurertum und Verschwörungen gar nicht auskennt, wird sicherlich hier und da Probleme haben, Andeutungen und Symbole zu verstehen. Der unheimlichen und mysteriösen Gesamtstimmung des Buches tut das aber vermutlich keinen Abbruch.

Doch auch ganz banale und offensichtliche Andeutungen würzen immer wieder die Geschichte. Sei es Walter Sickert, der vor Beginn der Morde in einer Unterhaltung mit Marie Jane Kelly (dem letzten Ripper-Opfer) sagt: „1888 scheint ein teuflisches Jahr zu sein“, oder Bilder, die unkommentiert zunächst eine gewisse Zweideutigkeit in sich bergen, z. B. Walter Sickert, der mit einem Messer hantiert oder Sir William Gull, der mit blutigen Händen eine Ratte seziert. Es gibt viel in den Abbildungen und zwischen den Zeilen zu lesen.

Auch viele der Abbildungen sind harter Tobak. Gnadenlos wird das Leben der damaligen Zeit in all seiner Härte dokumentiert. Nichts wird beschönigt, nichts wird aufgebauscht, nichts wirkt verzerrt. Diese Härte in der Darstellung zeigt unvermittelt den brutalen und trostlosen Alltag der Frauen im East End und ist damit sicherlich authentisch. Das Buch hat keine wirklich schöne Szene, selbst wenn es um Liebe und Sex geht. Es erschüttert und stimmt nachdenklich, und gerade wenn man sieht, wie Gull im Wahn seine Opfer mit dem Messer traktiert, möchte man oft am liebsten wegschauen. „From Hell“ ist also nicht unbedingt Lektüre für zartbesaitete Gemüter.

Bleibt unterm Strich ein durchweg positiver Eindruck zurück. „From Hell“ ist ein außergewöhnlich mitreißender und spannender Comic. Gesellschaftsstudie, Mörder-Psychogram und visualisierte Geschichte in einem: Unbedingt empfehlenswert.

|Ein Melodrama in sechzehn Teilen
Ausgezeichnet mit dem Max-und-Moritz-Preis
ISBN-13: 978-3-936068-29-0|

Vargas, Fred / Baudoin, Edmond – Zeichen des Widders, Das

_Sieht man sich die Rezensionen_ bei |Amazon| zu Fred Vargas‘ neuestem Werk „Das Zeichen des Widders“ an, so wird schnell deutlich, dass die Grande Dame des französischen Kriminalromans zu polarisieren weiß. Entsetzt musste da so mancher Leser feststellen, dass der vermeintliche Roman „nur“ ein Comic ist, und sich darauf einzulassen, scheint so manchen eingeschworenen Romanleser leider zu überfordern.

Umso schöner ist es zu sehen, dass eine Autorin, die seit 1994 mit immerhin neun Romanen national wie auch international so manchen Literaturpreis einheimsen konnte, so mutig und offen neue Wege beschreitet. Wer ihr vorhält, dass ihr neuestes Werk ja „nur“ ein Comic sei, der verkennt die enormen Möglichkeiten dieses Genres.

Was Fred Vargas in Zusammenarbeit mit dem Zeichner-Urgestein Edmond Baudoin auf die Beine gestellt hat, ist mehr als ein schnöder Comic. Vielmehr hält der Leser eine düstere, atmosphärisch dichte und spannende Graphic Novel in den Händen, die viel zu sehr Roman ist, um ein Comic zu sein, und viel zu sehr Comic, um ein Roman zu sein.

_“Das Zeichen des Widders“_ erzählt die Geschichte des jungen Grégoire. Zusammen mit seinem Kumpel Vincent versucht er sich als Kleinkrimineller auf den Straße von Paris. Ihr Leben nimmt eine Wende, als sie einem alten Mann eine Tasche stehlen, deren Inhalt sie in Angst und Schrecken versetzt: vier Haarbüschel, ein Tierschädel, eine Polizeimarke, eine Filmdose voller Zahnsplitter und 30.000 Francs.

Als Grégoire am nächsten Morgen Vincent tot in dessen Wohnung auffindet, nimmt er Tasche und Geld an sich. Der Beklaute heftet sich derweil an Grégoires Fersen, um seine Tasche bei günstiger Gelegenheit möglichst unauffällig zurückzuergattern. Unterdessen versucht Grégoire auf eigene Faust, etwas über den Besitzer der ominösen Tasche herauszufinden, ohne zu ahnen, wie gefährlich das für ihn werden kann.

Kommissar Adamsberg hingegen hat so eine Ahnung, wer hinter dem Mord an Vincent stecken könnte, und wähnt nun auch Grégoire in Gefahr. Doch der sucht lieber das Weite anstatt sich Adamsberg anzuvertrauen …

_Im Prinzip_ gibt es zwei unterschiedliche Ansätze, Vargas‘ neuestes Werk zu betrachten: als Vargas-„Roman“ oder als das, was es ist, nämlich eine Graphic Novel. Freunde der Vargas’schen Kriminalromane werden hier sicherlich eine ganze Menge Vertrautes vermissen. Zum einen bekommen Adamsberg und sein Team nun plötzlich ein Gesicht (zum Teils wie zum Beispiel im Fall von Danglard recht derb und unschön gezeichnet) und zum anderen muss Vargas‘ textlicher Beitrag zu diesem Werk schon aufgrund der anderen Darstellungsweise anders ausfallen als sonst. Insofern kann es eigentlich nur sinnvoll sein, das Ganze ein wenig von Vargas‘ bisherigem Wirken zu lösen und als eigenständiges Werk zu betrachten.

Und dann sieht das Urteil gar nicht so schlecht aus. „Das Zeichen des Widders“ funktioniert als Graphic Novel wunderbar, und Fred Vargas macht ihre Sache als Autorin in fremden Gefilden sehr gut. Von der Umsetzung her kann das Team Vargas/Baudoin es durchaus mit anderen Genregrößen aufnehmen. Baudoins Zeichnungen steuern dazu natürlich einen ganz großen Teil bei. Mit groben Strichen skizziert er die Geschichte und legt dabei eine etwas raue Darstellungsweise an den Tag. Vieles wird mit scheinbar wirren Strichen angedeutet, und die schwarz-weiße Darstellung trägt das Ihrige zur eher düsteren Atmosphäre der Geschichte bei.

Gesichter bleiben oft schemenhaft, viele Details werden verwischt, und dennoch entwickelt die Geschichte, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, eine beachtliche Tiefe. Mit Grégoire hat Vargas eine sympathische Hauptfigur geschaffen, deren Leben sie hier und da mit liebenswürdigen und skurrilen Details versieht. Natürlich funktioniert die Figurenskizzierung nicht ganz so tiefgreifend wie in ihren Romanen, aber betrachtet man das Ganze im Rahmen der Möglichkeiten der Graphic Novel, so gelingt die Darstellung der Charaktere durchaus gut.

Etwas comic-untypisch ist teilweise die Art der Dialoge. Auf vielen Seiten werden einzelne Szenen nur anhand eines Bildes angedeutet. Man sieht, in welcher Situation die Figuren miteinander sprechen, aber der folgende Dialog spielt sich dann zum Teils auch nur in Worten und weniger in Bildern ab. „Das Zeichen des Widders“ kann sich damit als eigenständiges Werk behaupten, das mit den Möglichkeiten des Genres spielt. Man sieht hier wirklich auf ganz eigenwillige Weise eine Verknüpfung zweier Welten – der des Romans und der des Comics.

Und so sind Geschichte und Darstellung über weite Strecken auch durchaus überzeugend. Was auch in der Graphic Novel typisch für Vargas bleibt, ist die teilweise vorherrschende Unergründlichkeit von Adamsbergs Gedankengängen. Er folgt wie üblich seiner Intuition, und als Leser schaut man ihm dabei mitunter etwas verwundert zu.

_Dennoch ist „Das Zeichen des Widders“_ ein insgesamt durchaus zufriedenstellendes Lesevergnügen. Die Leserschaft wird es sicherlich weiter spalten – die Graphic Novel ist halt ein Format, dessen Vorzüge viele nicht zu schätzen wissen, weil sie sich nie wirklich ernsthaft darauf eingelassen haben. Wer genau das aber einmal macht, der wird mit einer düsteren und spannenden Geschichte belohnt, die zwar einerseits durch ihre Umsetzung als Graphic Novel sehr viel bildhafter ist, als man das von Fred Vargas sonst gewohnt ist, aber aufgrund der teils sehr schemenhaften Darstellung auch noch vieles der Fantasie des Lesers überlässt.

Fred Vargas‘ Ausflug in neue Gefilde ist nicht zuletzt auch durch die ausdrucksstarken Zeichnungen von Edmond Baudoin durchaus geglückt. Dennoch werden sicherlich viele ihrer angestammten Leser inständig hoffen, dass es ihr letztes Experiment dieser Art war …

|Originaltitel: Les quatre fleuves
Mit Zeichnungen von Baudoin
222 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-351-03250-0|
http://www.aufbau-verlag.de

_Mehr von Fred Vargas auf |Buchwurm.info|:_

[„Die schöne Diva von Saint-Jacques“ 2880
[„Die dritte Jungfrau“ 3517
[„Die schwarzen Wasser der Seine“ 4430

Arleston, Christoph / Latil, Dominique (Autoren) / Labrosse, Thierry (Zeichner) – Morea 4: Der Duft der Ewigkeit

Band 1: [„Das Blut der Engel“ 4350
Band 2: [„Das Rückgrat des Drachen“ 4561
Band 3: [„Das Feuer der Zeit“ 5028

_Story_

Nach ihrem kurzen Exkurs ins Weltall ist Morea Doloniac wieder ins Heer der DWC zurückgekehrt, sieht sich dort aber direkt mit den nächsten Schwierigkeiten konfrontiert. Ein Teil des Firmenkomplexes wird von einer gewaltigen Explosion auseinandergerissen, und es soll nicht bei diesem einen Anschlag bleiben. Bei den Recherchen entdeckt Morea, dass ihr langjähriger Butler Jeeves ebenfalls den Drachen angehört und lediglich in ihre Dienste getreten ist, um die junge Miss Eoloniac zu beschützen. Er ist es auch, der auf die geheime Substanz stößt, die sich in der explosiven Mischung befindet und für die Zerstörung ganzer drei Etagen verantwortlich ist.

Kurz darauf begeben sich Terkio und Morea zum einzigen Untergrund-Händler Südamerikas, der mit dem gefährlichen Thoratex dealt, bekommen hier jedoch eine fürchterliche Abfuhr erteilt. Auf der Flucht vor den Handlangern des berüchtigten Mr. Mong stößt Morea auch schon auf das nächste Desaster: Während sie die Angriffe auf die DWC aufzuklären versucht, hat Gregor Noche die Gelegenheit genutzt, um seine Intrige innerhalb des Konzerns von innen heraus auszubreiten. Dieses Mal jedoch sind Morea, ihr Verehrer Theo und der grobschlächtige Terkio ihrem Nebenbuhler allerdings einen Schritt voraus …

_Persönlicher Eindruck_

Im vierten Teil von Arlestons immer stärker werdenden Serie „Morea“ blendet der Autor den übergeordneten Streit zwischen Engeln und Drachen einmal kurzzeitig aus, um das Action- und Humorpotenzial so richtig schön auszuschlachten und in einer atemberaubenden, 007-ähnlichen Agenten-Story an den Mann zu bringen. Das Tempo schießt schlagartig in die Höhe, die komplexen Inhalte werden zwischenzeitlich in den Hintergrund gedrängt, aber auch die Dialoge gewinnen merklich an Spritzigkeit, unter anderem bedingt durch die ständigen Streitigkeiten zwischen Theo und Terkio.

Der Direktor, der insgeheim eine Affäre mit der DWC-Inhaberin pflegt, ist geplagt von Eifersuchtsgefühlen und kann überhaupt nicht vertragen, dass seine Geliebte mit dem eigenartigen Söldner ihre Zeit verbringt. Allerdings will er auch nicht die Bedeutung von Terkios Einsatz verstehen, so dass einerseits der Nährboden für humorvolle Missverständnisse und eine ausgesprochene sprachliche Dynamik ausgelegt ist, andererseits aber auch die emotionale Komponente an Bedeutung gewinnt und die Story ordentlich würzt. Oder kurz gesagt: Arleston hat eine Menge Feuer in den vierten Band seiner populären Reihe gepumpt – und das hat, auch abseits der Hauptgeschichte, an dieser Stelle prima funktioniert!

Allerdings ist der Erfolg dieser Entwicklung nicht selbstverständlich und lässt sich hier nur vor dem Hintergrund einer fantastischen Mini-Story innerhalb des Hauptplots realisieren. Zwar werden im Hintergrund weiter die Fäden des eigentlichen Strangs gesponnen, insbesondere auf der intriganten Führungsebene der DWC, jedoch kann man „Der Duft der Ewigkeit“ auch als unabhängige Geschichte betrachten, für die man nur geringfügige Vorkenntnisse über die Personenkonstellationen benötigt. Diese sollen sich in Episode Nummer vier im Übrigen noch einmal ändern. So lüftet beispielsweise der Butler ein verblüffendes Geheimnis, aber auch das ungleiche Verhältnis zwischen Morea und Theo macht die Beziehungskisten noch einmal zu einer ganz eigenwilligen Angelegenheit im Rahmen der Story, die für das hohe Niveau, welches man inzwischen erreicht hat, bürgt.

Unterdessen ziehen auch die Zeichnungen bei der hohen Geschwindigkeit der Handlung mit. Viele Details verstecken sich in den Illustrationen von Labrosse, der den franko-belgischen Stil mit viel Pfeffer ausprägt und auch auf grafischer Ebene für das bisherige Maximum im Serienverlauf sorgt. Merkwürdig eigentlich: Da reißt der Autor einen ordentlichen Komplex auf und erzielt seinen besten Treffer genau dann, als er wieder mit gradlinigen Inhalten zur Basis zurückkehrt. Aber wie auch immer: „Der Duft der Ewigkeit“ ist ein erstklassiger Comic und der Höhepunkt aller vier bislang veröffentlichten „Morea“-Ausgaben.

|Originaltitel: Moréa – Un parfum d’éternité
48 Seiten, farbig
ISBN-13: 978-3-939823-93-3|
http://www.splitter-verlag.de

Mignola, Mike / Davis, Guy – Froschplage, Die (B.U.A.P. 2)

Band 1: [„Hohle Erde“ 2571

_Inhalt_

|“Dunkles Wasser“|

In Shiloh wird ein altes Schlammloch ausgehoben, um die Stadt attraktiver zu gestalten. Doch die Maßnahme schockiert die gesamte Bevölkerung, als auf dem Boden des Tümpels drei gut erhaltene Frauenleichen entdeckt werden. Das Team der B.U.A.P. wird engagiert, um der Sache nachzugehen, und stößt dabei auf die Spuren von Hexen. Diesen Gedanken verfolgt auch der fanatische Pfarrer Blackwood, der die Leichen wieder verschwinden lassen möchte und ihnen keine an gemessene Bestattung gönnt.

|“Im Osten nichts Neues“|

In Moldawien initiiert ein Grabräuber eine Zombie-Plage, die von den B.U.A.P.-Mitarbeitern umgehend gestoppt werden soll. Dabei entflieht auch ein einstiger Tyrann seinem Grab, der dem Team schon bald Ärger bereiten soll …

|“Die Froschplage“|

Der Mord an einem populären Wissenschaftler ruft das Team der B.U.A.P. ein weiteres Mal auf den Plan. Bei der Verfolgung des eigenartigen Mörders stoßen die Agenten auf einen merkwürdigen Pilz, der seine Macht scheinbar aus den verborgensten Winkeln der Erde bezieht und für die Froschmutationen vieler Menschen verantwortlich ist. Infolge dieser seltsamen Begebenheiten hat vor allem Abe Sapien einen schweren Stand; während seine Kollegen den Feind und den Dämon, der die Froschplage eingeleitet hat, bekämpfen, wird der erfahrene Agent von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt und erfährt auf dem Weg ins tödliche Nirwana mehr über sein Schicksal und seine Bestimmung. Nur seine Freunde können ihn noch vor dem schier unvermeidlichen Aus retten. Doch die mutierten Grünlinge geben derweil ebenfalls keine Ruhe.

_Persönlicher Eindruck_

Ein rasanter Umschwung bevölkert Mika Mignolas neue Comicwelt namens „B.U.A.P.“ Zunächst nur als Ableger zur mittlerweile legendären „Hellboy“-Serie geplant und in einer recht eigenwilligen Schwarzweiß-Variante aufbereitet, nimmt die Reihe in der zweiten Veröffentlichung nun schon ganz konkrete Formen an und feiert mit „Die Froschplage“ den an dieser Stelle sicherlich unerwarteten Schritt in die Unabhängigkeit. Der Autor selber greift hierzu auf einige externe Mitarbeiter zurück, so zum Beispiel Zeichner Guy Davis, der dem Hauptplot der zweiten Ausgabe einige fantastische Illustrationen schenkt und entscheidenden Anteil daran hat, dass „B.U.A.P.“ schon nach dem zweiten Hardcover-Release das Zeug zum Klassiker hat.

Dabei beginnt der 160 Seiten starke Band noch recht gewöhnlich. Zwei relativ kurze Geschichten läuten die ersten farbigen Seiten ein und können dabei mehr („Dunkles Wasser“) oder weniger („Im Osten nichts Neues“) überzeugen. Insbesondere die Story um die osteuropäische Zombie-Plage wirkt ein wenig gedrungen und komprimiert, so dass ihr Potenzial sich erst gar nicht entfalten kann. Wären hier nicht die fantastischen Zeichnungen und so manch gute Idee, hätte man das Ganze auch gerne zugunsten einer etwas detailreicher aufgebauten Geschichte fallen lassen können. Letztere hört auf den Titel „Dunkles Wasser“ und glänzt mit einem kompakten, aber dennoch spannungsreichen Aufbau. Mignola baut genügend Freiräume für plötzliche Wendungen ein, erstellt unterdessen einige klare Charakterprofile und kann nach ungefähr 20 Seiten beruhigt zum Schluss kommen, ohne dabei die Quintessenz der Erzählung auszusparen. Respekt für den Mut zum Einleitungsprogramm für eine solch geniale Geschichte wie „Die Froschplage“! Diesen Part meistert „Dunkles Wasser“ nämlich mit Bravour.

Als Mignola dann jedoch zur Titelstory übergeht, kann er endlich aus dem Vollen schöpfen. Die Geschichte ist herrlich komplex geraten, wimmelt nur so von Querzitaten zur „Hellboy“-Serie und enthält von emotionalen Inhalten über Lovercraft’sche Finsternis bis hin zu rasanter Action alles, was man von Autor und Serie erwarten durfte. Allerdings sei hier erwähnt, dass ein gewisses Basiswissen Voraussetzung ist, um die vielen Anspielungen einordnen zu können und auch die Reflektionen der Story und der Hauptdarsteller zu begreifen. Leichte Kost ist „B.U.A.P.“ bzw. „Die Froschplage“ nämlich ganz sicher nicht, auch wenn es die ersten Eindrücke der Kurzgeschichten vermuten lassen.

Damit wären wir auch schon beim Kern der Kritik, nämlich dem Hinweis auf die außergewöhnlichen Kombinationen, die der Autor hier zusammensetzt. Horror, Thriller, Action und eine Spur Galgenhumor werden stellenweise noch intensiver als beim Pendant „Hellboy“ miteinander verflochten und in diesem Fall zu einer hervorragenden Hauptgeschichte verwoben, die nicht nur als Alternativprogramm zu Mignolas Serienhighlight zu empfehlen ist. Liebhaber stilübergreifender Comics werden im zweiten Teil von „B.U.A.P.“ ganz bestimmt voll und ganz auf ihre Kosten kommen!

http://www.cross-cult.de/

Card, Orson Scott / Ellis, Warren / Ferry, Pasqual / Nord, Cary – ultimative Iron Man, Der – Band 2

_Inhalt_

|“Ultimate Iron Man II 1-2″|

Schwer gebeutelt, erholt sich Tony Stark gerade von einer schweren Explosion, die der Entwicklung eines neuen Iron-Man-Prototypen folgte. Doch der junge Stark findet kaum Zeit zur Rehabilitation, da sein Vater des Mordes an seinem größten Konkurrenten Zebediah Stane angeklagt wurde. Die Spur des Iron Man führt zu Stanes Jüngling Obediah, der zweifelsohne in die Intrige involviert ist, sich im anrüchigen Spiel mit dem Großindustriellen jedoch raffinierter und abgezockter gibt, als Stark zeitweise verkraften kann. Für den Iron Man reift nun die Zeit für extremere Maßnahmen …

|“Ultimate Human 1-2″|

Iron Man Tony Stark erhält Besuch von seinem langjährigen Freund Bruce Banner, der nach seinem letzten Gewaltausbruch in der mutierten Form des Hulk nach Lösungsstrategien sucht, um sein Alter Ego zu kontrollieren. Bei einem Experiment versucht Stark, das Verhalten zu analysieren und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Doch schnell gerät die Situation außer Kontrolle, als der Hulk die Fesseln sprengt und seine Umgebung erneut attackiert.

_Persönlicher Eindruck_

Eine ganze Weile ist vergangen, seit der ersten Sammelband um den ultimativen, jüngst zu Kinoehren gekommenen Iron Man das Licht der Welt erblickte, weshalb es schon fast befremdlich anmutet, dass die Geschichte nach mehr als zwei Jahren nun doch noch fortgeführt wurde. Die Inhalte sind inzwischen ein wenig verschwommen, und zudem dürften beinharte Fans auch ein wenig missmutig sein, denn nach dem spannenden Cliffhanger der ersten Ausgabe ist es umso unverständlicher, dass die Auflösung der Geschichte so viel Zeit in Anspruch nehmen musste.

Sei’s drum: Die Intrige um Zebediah und Obediah Stane findet in den letzten beiden Kapiteln einen recht interessanten Abschluss, dessen Intensität jedoch im Gesamtverlauf ein wenig schrumpft. Das psychische Wrack Obediah beispielsweise ist in seiner Charakterentwicklung ziemlich unstet und scheint manchmal sinnbildlich für den teils wackligen Plot, dem der rote Faden gleich mehr als einmal abhanden zu kommen droht. Gerade zum Ende hin ist der Fortschritt der Story ein wenig unbefriedigend und hinterlässt bei erwartungsvollen Anhängern des Vorgängers sicherlich einige gemischte Gefühle. Interessant sind die Ideen allemal, konsequent ausgearbeitet aber keineswegs.

Im zweiten Abschnitt kommt es dann zu einem legendären Gipfeltreffen; der Hulk trifft auf den klügeren Iron Man, da sich ihre jeweiligen ‚Insassen‘ entschlossen haben, eine Testreihe zur Bewältigung des Banner’schen Problems durchzuführen. Die Geschichte ist jedoch über weite Strecken sehr vorhersehbar gestaltet, während die Dialoge bei weitem nicht das Niveau erreichen, für das ein Starautor wie Warren Ellis eigentlich geschätzt wird. Auch wenn die Handlung noch einige überraschende Wendungen nimmt und sich unerwarteterweise noch halbwegs anständig entwickelt, hätte man hier definitiv mehr herausholen können.

Somit bleiben ein nicht ganz zufriedenstellender Abschluss und eine bisweilen fragwürdige neue Mini-Serie, die nicht so recht in die Gänge kommt, bei der Action dann aber doch noch verlorenen Boden gutmacht. Rechtfertigt dies zwei Jahre Wartezeit? Nun, wahrscheinlich nicht, womit „Der ultimative Iron Man 2“ definitiv nur ein Thema für die Die-Hard-Anhängerschaft des stählernen Riesen bleiben sollte. Durchweg überzeugen konnte dieser zweite Sammelband nämlich leider nicht.

http://www.paninicomics.de/?s=serie&gs__gruppe=124&t=ultimative-iron-man-s124.html

Wein, Len – Simpsons Comics 141

_Inhalt_

|“Weine nicht, wenn der Regen fällt, Damm Damm“|

Merkwürdige Ereignisse tragen sich in Springfield zu: Aufgrund des massiven Regens droht der örtliche Staudamm überschwemmt zu werden. Dazu macht ein merkwürdiger Schlund inmitten der Stadt den Bürgern große Sorgen, droht in ihm doch alles zu versinken, was in seiner Nähe auftaucht. Lisa scheint die Einzige zu sein, die sich mit diesem Problem ernsthaft beschäftigt, und gründet mit einigen Freunden eine Bürgerinitiative, die den Damm stabilisiert. Ttrotzdem bricht der Damm und verursacht eine mittelschwere Katastrophe. Selbst Flanders, der vorab eine Arche errichtet hat, scheint nicht mehr sicher zu sein ..

_Persönlicher Eindruck_

Ein ziemlich bekloppter Titel, eine ebenso merkwürdige Story und dazu wirklich ungewohnt viele Skurrilitäten charakterisieren die nunmehr 141. Ausgabe der „Simpsons Comics“. Erneut ist es Len Wein, die ihre Leserschaft mit einem äußerst sonderbaren Skript überfällt und dabei auf Tempo und reichlich Bizarres setzt.

Dabei tendiert die Ernsthaftigkeit der Geschichte weitestgehend gen null, zu spüren einerseits in der Sorglosigkeit der Beteiligten um die bevorstehende Naturkatastrophe, andererseits aber auch greifbar in den vielen kurzen Zwischensequenzen, die nicht mal am Rande etwas mit der Story zu tun haben, aber trotzdem fest ins Programm aufgenommen werden. So wird beispielsweise zum 342. Mal Moes Antrag abgelehnt, seine Taverne zur historischen Kultstätte zu ernennen, um so die Steuerausgaben zu verringern. Homer wiederum hält den allmächtigen Evan (hüstel) für den Erbauer der Arche und unternimmt somit einen weiteren Querschläger in Richtung Kinowelt. Und dass Mr. Burns insgeheim einen Tunnel baut, um die radioaktiven Dämpfe nach Shelbyville zu pusten, erscheint in diesem Zusammenhang auch ein wenig, nun, bescheuert.

Doch wie gehabt: Die Mischung macht’s, und die ist auch in der aktuellen Heftausgabe wirklich fantastisch. Ganz nebenbei ist nämlich auch der Plot richtig gut und geht nicht – wie man angesichts der besagten Ausnahmesituationen befürchten mag – im Gag-Feuerwerk von Wein unter. Außerdem sind nahezu alle wichtigen Simpsons-Schauplätze aktiv. Bürgermeister Quimby zeigt sich gewohnt korrupt, die Fehde mit Flanders und dessen versessene Religiosität leben auf, Lisa mimt den Moralapostel und Homer erweist sich erneut als der tollpatschigste Taugenichts, der in Springfield herumlatscht. Kurzum: Fans der Serie kommen wiederholt voll auf ihre Kosten und können mit der Nr. 141 grundsätzlich nichts falsch machen!

http://www.paninicomics.de

Abnett, Dan / Edginton, Ian – Warhammer 40.000: Tod und Verderben (Band 2)

Band 1: [„Kreuzzug der Verdammten“ 4361

_Story_

Bei einem Angriff auf die Industriemakropole Senshu werden die imperialen Streitkräfte nahezu vollständig vernichtet und ihre Geschütze dem Erdboden gleichgemacht. Doch der Sieg schürt den Konkurrenzkampf auf Seiten der siegenden Orks, denn jeder einzelne von ihnen verlangt nach einer führenden Position im Gefüge der grünen Horde und setzt diesen Wunsch auch mit äußerster Gewaltbereitschaft um.

Schließlich ist es Skyva, der seine Mitstreiter hintergeht und selbst seinen Boss mit einer Hinterlist täuscht. Als Grund für seinen Erfolg nennt er seinen dürren Grot, den Glücksbringer, den er von seinem alten Boss für seine Clevernes bekommen hat und hinter welchem sich insgeheim der letzte verbliebene Imperiumssöldner Izraell Honor Castillian verbirgt. Monatelang verbringt er in der beschwerlichen Gefangenschaft der Orks und beobachtet, wie es dem naiven Skyva tatsächlich gelingt, die Stämme seines Volkes zusammenzurotten, um die Menschheit endgültig auszulöschen. Doch nach Monaten des stillen und flehenden Wartens werden die Hilferufe des Offiziers endlich erhört und der Rachefeldzug gegen die Orks eingeläutet …

_Persönlicher Eindruck_

Mit „Tod und Verderben“ liefert der renommierte „Warhammer“-Autor Dan Abnett bereits die zweite Vorlage zu einem Comic-Abenteuer aus dem 40.000-Universum, welches zumindest inhaltlich ein wenig Wiedergutmachung für den eher verkorksten ersten Band der neuen Serie leistet. Die Story des neuen Bandes ist zwar ebenfalls nicht furchtbar tiefgründig und bietet gerade im Bereich der Dialoge allerlei Banalitäten, überzeugt aber zumindest durch eine ausgewogene Erzählung und eine ziemlich stimmige, zeichnerische Aufarbeitung. Immerhin!

Dabei ist „Tod und Verderben“ zunächst extrem gewöhnungsbedürftig und gerade sprachlich ein Grund für erneute Skepsis. Die Orks pflegen untereinander einen ziemlich umgangssprachlichen Dialekt, der zwar aufgrund der Lautierung schnell verständlich ist, den Lesespaß aber dennoch ein Stück weit beeinflusst. Um das Ganze authentischer zu gestalten, nimmt man dieses kleine Hindernis gerne an, aber dringend notwendig war dieser seltsame Auswuchs sicherlich nicht. Derweil geht es in der Erzählung ziemlich rabiat zur Sache. Die Orks meucheln alles und jeden und nehmen nicht einmal Rücksicht auf ihre eigenen Brüder, die aus Eifersuchtsgründen teilweise ebenfalls dran glauben müssen. Dazu gibt es zahlreiche Schlachtszenarien, Explosionen und Gemetzel, was jedes Tabletop-Spielerherz höher schlagen lassen wollte, an dieser Stelle aber wieder deutlich von der Handlung ablenkt.

Letzteres ist eigentlich auch das elementare Problem dieser Fortsetzung: Viel zu häufig erleidet die Plotentwicklung einen radikalen Stillstand, weil die fiesen Geschöpfe mal wieder Banales austauschen oder der Machttrieb der Orks sie dazu treibt, ihresgleichen abzumurksen. Die Art und Weise, wie dies geschieht, entbehrt zwar nicht gerade eines gewissen Humors, aber im Laufe der Zeit scheint diese Vorgehensweise nur bedingt abwechslungsreich und stellt sich dem Ausbau der Geschichte mehrfach in den Weg.

Was den zweiten Teil der illustrierten „Warhammer 40.000“-Serie letztendlich rettet, sind die schönen, düsteren Grafiken, die mit unzähligen Details gespickt sind und für eine richtig starke Erzählatmosphäre sorgen. Gleich drei Zeichner standen Mr. Abnett zur Seite, um seine teils recht deftigen Ideen zu skizzieren und mit kontrastreichen Farben zu versehen, was insbesondere im Finale der Hauptstory richtig gut funktioniert. Selbst die Defizite in der Handlung sowie die phasenweise recht routinierte Gradlinigkeit der Story fallen in diesem Zusammenhang nicht mehr so schwer ins Gewicht.

Im Gegensatz zur vorangegangenen Ausgabe ist daher auch eine leicht eingeschränkte Empfehlung für die eindeutig formulierte Zielgruppe angebracht, die sich im Übrigen noch auf eine zusätzliche Kurzgeschichte namens „Die Besucher“ freuen darf. Auch wenn sprachlich berechtigterweise Bedenken bestehen und die Geschichte so manches Mal von ihren vielfältigen Effekten niedergerungen wird, ist „Tod und Verderben“ schon eine ganz klare Steigerung zu „Kreuzzug der Verdammten“ und bringt die Serie langsam aber sicher auf den richtigen Weg.

|132 Seiten, Softcover
ISBN-13: 978-3-86607-576-4|
http://www.paninicomics.de/warhammer-40000-s10517.html

Vincent – Albatros 3: Seelengeflüster

Band 1: [„Shanghait“ 4355
Band 2: [„Der böse Blick“} 4540

_Story_

Die Leiche der jungen Rosaline wird kurz nach ihrem Auftritt im Kabarett gefunden und versetzt die Besitzerin und die Ermittler in Panik und Schrecken. Blutüberströmt liegt die Tänzerin auf dem Boden des Etablissements, abgeschlachtet von ihrer einst so guten Freundin Ombaline, die lediglich ein Fläschchen Morphium aus ihrer alten Heimat stehlen wollte.

Auf dem Weg zurück zu ihrer neuen Behausung, dem Luftschiff, wird ihr Ziehvater Louis geschnappt und des Mordes an Rosaline angeklagt. Die Beweise sind erdrückend, und nur mit großem Glück und Louis‘ ganzem Einsatz kann Ombaline den Gendarmen entkommen. Derweil startet das Team des fliegenden Schiffes eine Meuterei und begeht Hochverrat an Kapitän Emerance. Diese jedoch lässt ihre Vögel ein weiteres Mal fliegen, um sich vor den Verfolgern zu schützen. Doch die Möwen sollen nicht das letzte Mal eingegriffen haben. Louis soll dem Henker vorgestellt werden – und Ombaline erkennt endgültig ihre Fähigkeiten und ihre Bestimmung …

_Persönlicher Eindruck_

Mit „Seelengeflüster“ geht Vincents „Albatros“-Serie nach gerade mal drei Ausgaben bereits in die letzte Runde, schafft es aber auch im finalen Abschnitt nicht mehr, die eher durchschnittlichen Eindrücken noch einmal zum Positiven zu wenden. Erneut verstrickt sich der Autor in zu viel unnützem Geplänkel und lenkt ständig von der eigentlichen Dramaturgie des Hauptplots ab, der eigentlich viel mehr Potenzial aufbietet, als letztendlich hier genutzt wird.

In diesem Fall wird unheimlich viel Zeit damit verbracht, die Frage nach dem Mörder zu klären, obschon diese für alle Seiten längst befriedigend beantwortet wurde. Dennoch wird das Thema in mehreren offiziellen Gremien vermehrt aufgegriffen, bis es schließlich kaum mehr ernst genommen werden kann. Derweil ist der Werdegang der vermeintlichen Heldin ebenfalls äußerst fragwürdig. Ihre Selbstzweifel werden kaum weiter ausgearbeitet, ihre Verzweiflung ob ihrer überraschenden Herkunft spielt auch keine bedeutende Rolle mehr, und da ihr Verhalten mit wachsender Dauern immer ambivalenter wird und überhaupt kein homogenes Charakterbild entstehen will, bleiben auch über das Ende hinaus einige dicke Fragezeichen stehen, die von einer mangelnden Ausarbeitung der wesentlichen Inhalte zeugen.

Als Letztes wird auch der Schwenk in die Vergangenheit nur unvollständig vollzogen. Einzelne Passagen und Ereignisse werden kurzzeitig wieder ins Gedächtnis gerufen, ihre Bedeutung für die Handlung jedoch nicht mehr transparent gemacht. Blickt man währenddessen mal auf das traurige Schicksal, von dem Ombaline ihr gesamtes Leben verfolgt wird, fragt man sich, warum dieser einzelne Aspekt nicht vordergründiger beleuchtet wird. Alleine dies hätte ja schon ausgereicht, um ein richtig starkes Drama um die Verzweiflung des Mädchens zu konzipieren. Doch diese Chance hat Vincent zu großen Teilen deutlich verschenkt.

Immerhin: Auf zeichnerischem Gebiet macht dem Urheber der Story so schnell keiner etwas vor. Die bedrückte Atmosphäre, das einzig wirklich hervorragende Element der Serie, wird auch im letzten Band richtig stark in das visuelle Konzept eingebunden und mit vielen herbstlichen Tönen entsprechend melancholisch untermalt. Die Grafiken sind wirklich stimmig in das traurige Konzept der Geschichte integriert und machen losgelöst von der Handlung einen fantastischen Eindruck.

Leider jedoch lebt ein Comic nun mal von der Symbiose aus Zeichnungen und Text. Und Letzterer ist und bleibt auch mit dem Abschluss der Story vorwiegend durchschnittlich.

|Originaltitel: Le murmure des ames
47 Seiten, farbig, gebunden
ISBN-13: 978-3-939823-88-9|
http://www.splitter-verlag.de

Arleston, Christophe (Autor) / Floch, Adrien (Zeichner) – letzte Geheimnis, Das (Die Schiffbrüchigen von Ythaq 5)

Band 1: [„Terra Incognita“ 3722
Band 2: [„Die falsche Ophyde“ 3744
Band 3: [„Seufzer der Sterne“ 3777

_Story_

Die Schiffbrüchigen haben wieder zusammengefunden, dies jedoch unter höchst unglücklichen Umständen. Der brutale Khengis und seine Söldnerarmee haben das Schiff nämlich umstellt und warten nur darauf, bis die Energiereserven der Überlebenden aufgebraucht sind, um endlich zuschlagen zu können.

Unterdessen suchen der Kommandant und sein Gefolge händeringend nach einer Lösung, um das Energieproblem in den Griff zu bekommen. Der Bordtechniker Narvarth scheint tatsächlich eine Lösung in petto zu haben, die der Mannschaft neue Hoffnung schenkt.

Zur gleichen Zeit zeigt sich der anrüchige Präsident Dhokas bestens regeneriert und genießt an Bord der |Kometenstaub| Narrenfreiheit. Granit äußert öffentlich ihr Misstrauen und greift den einst Gejagten an. Doch ihre Folter ist nicht von langer Dauer; Granit wird als Deserteurin eingesperrt, während Dhokas still und heimlich die Infiltration seines eigenen Schiffes inszeniert …

_Persönlicher Eindruck_

Die Serie geht in die entscheidende Phase, das spürt man sowohl in der atemberaubenden Erzählatmosphäre als auch in der noch einmal deutlichen Verschärfung des Tempos innerhalb der Handlung. Gleichzeitig erreicht auch die Action in „Das letzte Geheimnis“ ihren vorläufigen Höhepunkt, zeigt sich in ihrer Darstellung allerdings auch ungleich brutaler, als man dies von „Die Schiffbrüchigen von Ythaq“ bislang gewohnt ist. Im wahrsten Sinne des Wortes rollen in der fünften Ausgabe einige Köpfe, während Zeichner Adrien Floch auch mit der blutroten Farbe kaum spart.

Andererseits schwelt im Vorläufer zum endgültigen Finale tatsächlich ein kleiner Krieg vor sich hin, dessen Ernsthaftigkeit hier passend inszeniert wird, und in dem der Humor vorheriger Episoden einfach nicht mehr angebracht ist. Dies betont Autor Arleston einerseits in den erneut sehr deutlichen Charakterentwicklungen, andererseits aber auch im harten Ton, den die Protagonisten mitunter anzuschlagen gedenken. Insbesondere Hauptakteurin Granit zeigt sich von ihrer bis dato heftigsten Seite und ist in manchen Passagen kaum wiederzuerkennen.

Unterdessen verändert sich auch das inhaltliche Gesamtbild wieder beträchtlich. Endlich werden erste Details über die Geheimnisse von Ythaq preisgegeben, und endlich wird auch die Rolle des abtrünnigen Präsidenten Dhokas ein bisschen klarer. Dennoch gewinnt die Story aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse noch einmal an Komplexität, da sich die Rollenverteilung doch noch einmal entscheidend verändert und damit auch die Ausgangslage noch einmal grob verschoben wird. Außerdem schließt sich der Kreis zu manchen Mysterien aus der Vergangenheit, die aufgrund der gestaffelten Veröffentlichungen der einzelnen Kapitel womöglich aus dem Fokus geraten sind, an dieser Stelle aber wieder präsent werden. Konsequent also, wie Arleston sämtliche Inhalte seiner Geschichte miteinander verknüpft und dabei trotzdem die Überraschungen auf seiner Seite hat.

Dementsprechend ist auch Band fünf eines der vielen Highlights in der Biografie des französischen Autors und trotz der offenkundigen Brutalität der Handlung auch eine der besten Ausgaben dieser Serie. Einmal mehr sieht man sich deshalb bestätigt, eine ganz klare Empfehlung für „Die Schiffbrüchigen von Ythaq“ und in diesem Fall für „Das letzte Geheimnis“ auszusprechen.

|Originaltitel: Les Naufrages d‘ Ythaq – L‘ ultime arcane
56 Seiten, farbig
ISBN-13: 978-3-939823-10-0|
http://www.splitter-verlag.de/

Wein, Len – Futurama Comics 32

_Inhalt_

|“Fry & das wirklich sehr, sehr rare Heft“|

Fry und seine Freundin reisen auf einen Planeten voller Krempel, auf dem der verrückte Sammlerfreak Granville Byers IV eine konservierte Fassung des einstigen Baseball-Helden Barry Bonds in Empfang nimmt. Byers berichtet den Gefährten von der letzten Lücke in seiner großen Sammlung, nämlich die 150. Ausgabe der ‚Spaceboy‘-Comics. Fry erinnert sich, genau diese Ausgabe damals in der Toilette vor seinem Bruder versteckt zu haben – und reist mit dem gierigen Bender, Leela und Zoidberg ins alte New York, um dort das rare Heft zu finden, welches dem Team unendlichen Reichtum bringen soll.

_Persönlicher Eindruck_

Ein Comic, der in erster Linie darauf abzielt, die absurdesten Sammelleidenschaften auf die Schippe zu nehmen und letztendlich wieder sehr konkret beim Medium Comic zu landen? Na dann, willkommen in der neuen Ausgabe der „Futurama“-Comics, die dieses Mal von Len Wein ziemlich souverän beherrscht wird.

Allerdings ist der Humor in diesem Fall eher ein wenig hintergründig und nicht immer durch die frechen Bemerkungen eines Bender oder die Situationskomik durch tollpatschige Aktionen von Hauptdarsteller Fry definiert. Stattdessen werden einmal mehr gesellschaftliche Abnormalitäten durch den Kakao gezogen, und dies erneut mit einer langen Reihe Insider-Anspielungen gewürzt, die in diesem Fall eben das oftmals närrische illustrierte Genre betreffen.

Die Geschichte zeichnet sich dabei ungewöhnlicherweise durch einen hohen inhaltlichen Abwechslungsreichtum und, zumindest für einen solch kompakten Comic, recht häufige Wendungen in der Storyline aus, welche sich gerade im letzten Abschnitt deutlich und positiv bemerkbar machen. Zumindest ist wieder für ein äußerst bizarres Finale gesorgt, welches den Verlauf der Handlung mal wieder so richtig auf den Kopf stellt und die Sinnfrage berechtigterweise in den Vordergrund rückt. Typisch „Futurama“, mag man da sagen, und in der Tat: Dieser Plot könnte kaum typischer für den Aufwärtstrend der nunmehr 32-teiligen Comicserie sein. Kurz und knapp daher: Auch wenn es nicht ganz die beste Geschichte der letzten Monate war, so sollte man „Fry und das sehr, sehr rare Heft“ auf jeden Fall gelesen haben!