Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Kizer, Amber – Meridian 2 – Flüsternde Seelen

_|Meridian|:_

Band 1: [„Meridian – Dunkle Umarmung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5877
Band 2: _“Flüsternde Seele“_

_Das Dunklebarger-Sanatorium_ ist so eine Art letzte Station für alte Menschen ohne Angehörige. Außerdem aber ist es auch noch so etwas wie ein Waisenhaus. Juliet ist mit ihren fast sechzehn Jahren das älteste der Kinder dort und kümmert sich so ziemlich um alles: ums Waschen und Kochen, um die alten Leute und die kleineren Kinder. Das wäre ja noch nicht einmal so schlimm, wenn die Heimleiterin nicht so eine boshafte Frau wäre …

_Da ist sie also,_ die Fortsetzung, mit der ich schon am Ende des letzten Bandes gerechnet hatte. Diesmal muß sich Meridian die Hauptrolle mit Juliet teilen.

Juliet zeichnet sich vor allem durch enorme innere Stärke aus. Obwohl sie für sich selbst keine Hoffnung mehr hat, tut sie alles, um diese den jüngeren Kindern zu erhalten: sie erzählt ihnen Geschichten, tröstet und beschützt sie, so gut sie kann.

Leider ist die Heimleiterin eine derart bösartige Person, daß es schon übertrieben wirkt, zumal man von ihren Gedanken und Motiven überhaupt nichts erfährt. Es wird lediglich festgestellt, sie sei gierig, aber das allein kann es nicht gewesen sein, denn Gier läßt sich auch ohne Sadismus befriedigen.

Meridian und Tens versuchen, Juliet zu helfen. Das ist aber nicht ganz einfach, denn zum einen weiß Juliet nichts über Fenestrae und deren Kampf gegen die Aternocti, und zum anderen hat auch Meridian in der kurzen Zeit längst nicht alles gelernt, was sie als Fenestrae wissen müßte. Und dann haben Meridian und Tens auch noch mit ihrer recht jungen Beziehung zu kämpfen.

Am Ende blieb die Charakterzeichnung eher durchwachsen. Juliet war in ihrer Verzweiflung sehr gut getroffen, und auch Meridians und Tens private Schwierigkeiten sind recht glaubhaft geraten, obwohl ich sie in der vorliegenden Ausführlichkeit nicht unbedingt gebraucht hätte. Die Heimleiterin konnte ich allerdings nicht ganz ernst nehmen, eine so extrem gezeichnete Person konnte eigentlich nur eine Ablenkung für den tatsächlichen Bösewicht sein. Manchmal ist weniger eben doch mehr.

Auch die Handlung als solche mutet beinahe märchenhaft an, so stark ist sie überzeichnet. Wie kommt es, daß Juliet nahezu zehn Jahre lang unauffindbar war, obwohl ihr Adoptivvater nach ihr gesucht hat? Außerdem war sie nicht das einzige Kind, das einfach verschwand. Einer Sozialarbeiterin ist das sogar aufgefallen. Warum also gibt es diesbezüglich keine polizeilichen Ermittlungen? Und was ist mit den Angestellten des Sanatoriums geschehen, die mißtrauisch geworden waren? Darüber schweigt die Autorin sich aus, was nicht schwierig ist, da dieser Part aus Juliets Sicht erzählt wird, und diese es schlicht nicht weiß. Hier treffen so viele Unwahrscheinlichkeiten zusammen, daß eine Verschwörungstheorie nötig wäre, um sie alle plausibel zu machen.

Enttäuscht war ich auch vom Showdown. Da ist von einem Plan die Rede, letztlich bestand dieser aber offenbar bloß darin, daß Juliets Verbündete sich zunächst versteckt halten, um dann der Reihe nach aufzutauchen und sich neben sie zu stellen. Unter einem Plan verstehe ich eigentlich etwas Aufwändigeres. Außerdem hätte ich wesentlich stärkere Bemühungen in Bezug auf Juliets Freund Kirian erwartet. Wenn sich eine Schlinge nicht lösen läßt, könnte man sie ja vielleicht auch abtrennen, auf die verschiedensten Arten. Aber nichts dergleichen.

_So bleibt unterm Strich_ eigentlich nicht mehr allzu viel übrig außer der gelungenen Charakterzeichnung der Hauptfiguren und der bedrückenden Atmosphäre im Sanatorium, die Amber Kizer hervorragend herausgearbeitet hat. Da sich die Erzählsicht so stark auf Meridian und Juliet konzentriert, ist alles, was unmittelbar mit ihnen zu tun hat, ebenfalls gut gelungen. Dafür wurden Nebencharaktere wie die Heimleiterin, aber auch Rumi und Joi so stark an den Rand gedrängt, daß sie nur oberflächlich beschrieben sind und dadurch unecht wirken: die Gutmenschen und ihr Gegenteil. Diese Klischeehaftigkeit hat der Geschichte genauso geschadet wie die extrem unwahrscheinlichen Grundvoraussetzungen, auf denen Juliets Situation und damit auch die gesamte Handlung aufgebaut sind. Schade. Wäre es der Autorin gelungen, ein glaubwürdigeres Szenario für ihre Figuren zu entwerfen, und hätte sie auch ihren Nebenfiguren etwas mehr Aufmerksamkeit gegönnt, hätte das ein richtig gutes Buch werden können.

Amber Kizer schreibt seit neun Jahren. Außer den beiden Bänden ihres Zyklus |Meridian| schreibt sie an einem weiteren Zyklus, der inzwischen ebenfalls zwei Bände umfaßt. Derzeit arbeitet sie an einem Einzelroman, der im Frühjahr 2012 erscheinen soll. Zu ihren Hobbies gehören Rosen und Kuchen Backen. Sie lebt mit zwei Hunden, zwei Katzen und einer Schar Hühner in der Nähe von Seattle.

|Taschenbuch: 425 Seiten
Originaltitel: Meridian – Wildcat Fireflies
Deutsch von Karin Dufner
ISBN-13: 978-3-426-28365-3|
[www.pan-verlag.de]http://www.pan-verlag.de
[www.amberkizer.com]http://www.amberkizer.com

Prineas, Sarah – Auf der Spur der silbernen Schatten (Der magische Dieb 2)

_|Der magische Dieb|-Trilogie:_

Band 1: „Auf der Jagd nach dem Stein der Macht“
Band 2: _“Auf der Spur der silbernen Schatten“_
Band 3: „Auf der Suche nach dem goldenen Drachen“ (08.02.2013)

_Ein Zauberlehrling im Clinch mit dem Osama bin Laden der Wüste_

Im ersten Band der Trilogie wurde der junge Dieb Connwaer von dem Zauberer Nevery als Lehrling angenommen. Er gerät in den Machtkampf zwischen den Magiern, der Herzogin und dem finsteren Underlord Crowe, der einen unlizensierten Magier beschäftigt, wie Conn weiß. Alles hat damit zu tun, dass die magische Energie im Herzogtum Wellmet rapide abnimmt und Verfall einsetzt. Doch wer steckt dahinter?

Conn hat es herausgefunden und den Schaden behoben. Doch nun tauchen (in Band 2) furchtbare Schattenwesen auf, die ihre Opfer in Stein verwandeln. Die Magie von Wellmet versucht Conn zu warnen, stößt aber auf taube Ohren. Erst ein schrecklicher Unfall zwingt ihren Jünger Conn, Wellmet zu verlassen und in der Wüstenstadt Desh nach der Herkunft der Schattenwesen zu suchen …

_Die Autorin_

Sarah Prineas lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Iowa City und unterrichtet an der dortigen Universität u.a. Literatur und kreatives Schreiben. „Der magische Dieb – Auf der Jagd nach dem Stein der Macht“ war ihr Romandebüt und Auftakt zur gleichnamigen Trilogie. Mehr Infos: [www.der-magische-dieb.de]http://www.der-magische-dieb.de

_Handlung_

Connwaer, der magiebegabte Dieb, hat in seinem letzten Abenteuer die Stadt Wellmet vor dem Verschwinden der Magie, die sie wärmt und erhellt, bewahrt. Allerdings kam es bei seiner Rettungsaktion zu einer Explosion, bei der er seinen Zauberstein, den Locus magicalicus, verlor. Ohne diesen ist er nicht mehr als Zauberer qualifiziert.

Außerdem verbreitet er noch ketzerische Reden, die den Rat der Magier in rasende Wut versetzen: dass nämlich die Magie ein eigenständiges Wesen sei, und dass Zaubersprüche nur eine Methode, um mit diesem Wesen zu kommunizieren. Frechheit! Für seine Aufstiegschancen in der Zauberer-Community sieht es denkbar schlecht aus.

Bei der Explosion hat er direkten Kontakt mit der Magie von Wellmet aufgenommen. Diesen Erfolg will er nun wiederholen, denn er glaubt, dass die Magie etwas mitteilen will. Womöglich sogar eine Warnung. Denn es ereignen sich unerklärliche Todesfälle in Wellmet und zwar nicht nur im Armen- und Arbeiterviertel Twilight, sondern auch im Reichenviertel Sunrise: Menschen werden versteinert. Aber wodurch und von was?

Um dies herauszufinden, will Connwaer eine klitzekleine, wirklich nur eine winzige Explosion in seiner Stube in Magier Neverys Haus zustande bringen. Leider machen die Zutaten flüssiges Silbes und Tourmalefine ihm einen dicken Strich durch die Rechnung, indem sie sich verselbständigen. Die Detonation ist recht beachtlich und verwüstet die Stube. Immerhin gibt es einen Erfolg: Die Magie versorgt Connwaer mit einem ellenlangen Zauberspruch. Leider versteht er davon nur den Namen „Desh“. Dies ist die nächstgelegene Stadt im Süden. Sie wird von dem Zauberkönig Jaggus beherrscht.

Entgegen der Proteste von Meister Nevery besorgt sich Connwaer mit der finanziellen Unterstützung seiner Freundin Rowan, der unternehmungslustigen Tochter der Herzogin, eine Menge Nachschub für seine Explosionen. Den bekommt er nur in Twilight. Dort warnt man ihn vor den Schatten, den Bösen. Und tatsächlich versucht ihn so ein Schattenwesen zu überwältigen und in Stein zu verwandeln. Bei dem Jungen Dee ist es ihnen bereits gelungen. Er entdeckt, dass diese tödlichen Wesen aus dunklem Silber bestehen, einer verdrehten Form von flüssigem Silber. Doch wem gehorchen sie? Nevery sagt, dass der Hauptlieferant von flüssigem Silber die Minen von Desh seien …

Die nächste Explosion zerstört Nevrys Haus vollständig und verletzt den Hausdiener Benet schwer, von Neverys Bibliothek ganz zu schweigen. Connwaer kann von Glück sagen, dass er noch am Leben ist. Nun ist seine Verbannung unvermeidlich, Connwaer muss fort und die Wärme der Wellmet-Magie verlassen. Das mit Benet tut ihm von Herzen leid. Aber da Rowan im Auftrag ihrer Mutter bereits nach Desh unterwegs ist, um als Diplomatin Jaggus nach den Schatten zu befragen, braucht er sich ihr nur anzuschließen.

Denkt er. Doch wie sich herausstellt, ist er bei Rowan und ihren Beschützern alles andere als willkommen. In Desh allerdings ist es nur Connwaers Schlossknackerkunst zu verdanken, dass Rowan überhaupt etwas herausfindet. Und was sie dort erfahren, ist alles andere als ungefährlich …

_Mein Eindruck_

Wie schon im ersten Band der Trilogie (siehe meinen Bericht) freute ich mich über den unerschrockenen Einfallsreichtum des Zauberlehrlings, der überhaupt nicht brav ist. Seine Situation ist weit entfernt von den geregelten Abläufen einer Internatsschule wie Hogwarts. Und Harry Schotter wäre niemals Weltmeister im Schlösserknacken geworden.

Wenigstens hat Connwaer in Rowan eine mindestens ebenso unternehmungslustige Gefährtin, auch wenn er sie nicht immer fair behandelt. Aber sie ahnt im Herzen, dass er der einzige Magier ist, der Wellmet retten kann. Denn die alten, verknöcherten Magier-Knacker sperren sich für jede Idee, die auch nur im Ruch steht, neu zu sein – und somit ihre Autorität infrage stellt.

Als Tochter der Herzogin bricht Rowan nach Desh auf. Sie hat dort eine diplomatische Mission zu erfüllen, und ihre Fechtkünste sollen ihr ebenfalls gute Dienste erweisen. Die Fechtlektionen, die sie ihren Lehrer Argent dem ungeschickten Connwaer erteilen lässt, sind allerdings kein Quell der Freude für die beiden, sondern nur für uns, die Leser. Connwaer kommt eben aus der Gosse von Twilight, und als Gossenkind befleißigt er sich durchaus unlauterer Kampfmethoden.

Diese Szenen dienen der Vorbereitung auf das, was die Wellmet-Delegation in Desh erwartet. Von König Jaggus ist kein verräterisches Wort herauszubekommen, und auch sein Locus Magicalicus ist nirgendwo zu finden. Erst als es Conn gelingt, in dessen geheimes Arbeitszimmer einzudringen, wird ihm klar, was Jaggus vorhat: Er produziert dunkles Silber, um damit die Magie von Desh in seine Gewalt zu bringen, Nicht genug damit, schickt er auch noch Schatten aus, um auch Wellmet zu terrorisieren. Erst als Jaggus den Zauberlehrling gefangen nimmt, wird klar, dass noch mehr dahintersteckt: Die Magie des Schreckens hat Jaggus in Besitz genommen, und der genießt nun scheinbar unbegrenzte Macht.

Spannend wird es, als Jaggus Arhionvar, die Magie des Schreckens, auf Conn loslässt. Wird sie ihn ebenfalls verschlingen?

|Terroristen aus der Wüste|

Dass diese Handlung eine Parabel, lässt sich unschwer erkennen. Schon im ersten Band war die Aussage sehr deutlich: Die Magie ist dort nur eine weitere Form von Energie, die Wärme und Helligkeit spendet. Hier geht es nun um das Gegenteil. Die Schatten sind eine pervertierte Form von Magie, die Terror verbreiten sollen. Ihre Opfer erstarren buchstäblich vor Angst zu Stein. Die Parallele zum Terrorismus unserer Tage ist unübersehbar.

Deshalb ist es interessant zu schauen, wie die Autorin Terrorismus Begriffen der Magier-Fantasy erklärt. Jaggus, der Entsender der Schatten (= Agenten), genießt die Macht, die er durch seine Schreckensherrschaft erlangt. Doch er erweist sich selbst nur als Nutznießer und Agent einer größeren Macht. Ahrionvar, die Magie des Schreckens, hat von ihm Besitz ergreifen können, weil er es zuließ.

Jaggus weist Conn eindringlich auf die Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden hin. Sie waren beide einsame Waisenkinder, die Hilfe und Anerkennung suchten. Jaggus ließ sich von Arhionvar besitzen, um nicht mehr einsam und allein sein zu müssen. Und auch Conn sucht den Kontakt zur Magie von Wellmet. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Conn hat Rowan, Nevery und Benet, die ihn alle unterstützen.

Nicht nur dies hilft ihm, Arhionvars Angriff zu parieren. Conn hat beinahe Benets Leben auf dem Gewissen, einen Mann, den er liebt wie eine Mutter. (Nevery stellt die Vaterfigur dar.) Conn hat eine Schuld auf sich geladen. Würde er sich in die Hand des Schreckens begeben, dann wird er nicht nur diese Schuld verraten, sondern sich auch noch auf jene Seite stellen, die Benet so schwer verletzt hat. Es würde sich selbst doppelt verraten.

Man sieht also, dass die Autorin nicht nur eine Beschreibung des Terrorismus liefert, den sie als Herrschaftsinstrument interpretiert. Sie zeigt auch auf, wie es gelingen sollte, dem Terrorismus standzuhalten und sich nicht mit ihm und seinen Mechanismen gemein zu machen. Die Opfer verpflichten die Überlebenden, dem Terror abzuschwören – und ihm zu widerstehen. Wer dies unterlässt, verliert die Essenz dessen, was ihn menschlich macht – siehe Jaggus.

|Die Sendboten|

Die gute Magie hat ihre eigenen Sendboten, und sie treten in vielfältiger Zahl auf. In Wellmet sind es die Raben, die Conn auf Schritt und Tritt beobachten und später auch als Brieftauben dienen. In Desh nehmen ihre Stellen die Eidechsen ein, die überall zu finden sind – und die Jaggus abgrundtief hasst. Das ergibt einen Sinn, denn Jaggus ist als Diener der bösen Magie ein Feind aller Sendboten des Guten. Allerdings vermeidet die Autorin es, alles in gut und böse einzuteilen, als gäbe es weiße und schwarze Magie. Bei ihr ist der Übergang fließend, genau wie in der Realität.

|Schwächen|

Das Buch ist gut, aber nicht perfekt. So empfang ich den Schluss als Cliffhanger: Die Auflösung einer zentralen Frage fehlt nämlich meines Erachtens. Wenn Ahrionvar in Conns Kopf und Seele eingedrungen ist, wie soll es ihm gelingen, sie von dort wieder zu entfernen? Diese Frage scheint sich gar nicht zu stellen. Aber warum die böse Magie auf einmal verschwinden sollte, wird nie begründet. Meines Erachtens hat sie keinen Grund dazu. Ich hoffe sehr, dass der dritte Band, der im Februar 2013 bei uns erscheinen soll, die fehlende Antwort liefert.

Außerdem fand ich es ungewöhnlich, um nicht zu sagen: unplausibel, dass Rowan ihrem Freund praktisch alles durchgehen lässt und ihm alles nachsieht. Sie ist wie eine gütige Mutter oder ein guter Geist, die keinerlei Kritik übt, obwohl sich Conn dich einiges zuschulden kommen lässt. Aber wenigstens rettet er ihrer Mutter das Leben. Vielleicht ist sie ja einfach nur dankbar?

|Anhänge|

In den vier Anhängen findet der junge Leser Angaben über die wichtigsten Personen, die herausragenden Orte wie etwa die Akademie, sodann die Erklärung zum Runenalphabet, das wir unter Neverys Tagebucheinträgen sehen und zuletzt vier Backrezepte: Benets Brötchen und Conns Brötchen. Brötchen wirken zwar unscheinbar, doch unserem Helden verleihen sie auf seinen Schleichwegen Kraft und Durchhaltevermögen. Den Abschluss bilden Rowan Forestals Anmerkungen zum Schwertkampf, in denen die wichtigsten Grundbegriffe erklärt werden.

|Illustrationen|

Das Buch ist wunderschön illustriert. Die Bleistiftzeichnungen zeigen die wichtigsten Gebäude in Wellmet sowie diverse Wesen, beispielsweise die Schattenwesen. Allerdings tauchen diese Zeichnungen immer wieder als Leitmotive auf, quasi als Embleme, die eine bestimmte Örtlichkeit oder Person signalisieren. Da zahlreiche Briefe und Botschaften ausgetauscht werden, sind diese auch zu reproduzieren – inklusive Tintenflecken und Eidechsenfährten.

|Die Übersetzung |

Die Übersetzung ist außerordentlich gut gelungen. Ich stieß nur auf nur drei, vier Fehler, die meisten davon Endungsfehler.

_Unterm Strich_

Ich habe nur einen Nachmittag für diese flott geschriebene, actionreiche und spannende Geschichte benötigt. Die zahlreichen Botschaften und Briefe, die auf Pergament-Faksimile so groß gedruckt sind, sparen jede Menge Seiten, ebenso die umfangreichen Anhänge. So bleiben für die eigentliche Story nur etwa 260 Seiten übrig, die ratzfatz ausgelesen sind.

Das soll nicht bedeuten, dass die Handlung geradlinig vor sich hinplätschert. Es gibt durchaus ein paar Komplikationen, aber sie sind so schnell bewältigt, dass sie den Lesehunger nicht stoppen können. Es sind immer wieder die Auseinandersetzungen mit den Handlangern von Jaggus, der eine Art Osama bin Laden der Wüste darstellt, die für Spannung und Action sorgen. Diese Spannung wird immer wieder durch ironisch-humorvolle Szenen, in denen sich Conn entweder als Fechter-Niete, als gemeingefährlicher Chemiker oder als Schlossknackergenie erweist.

Ich würde das Buch ab etwa zehn Jahren empfehlen.

Wegen des Cliffhanger-Charakters des Buchschlusses bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung, der allerdings erst im Febriuar 2013 bei uns erscheinen soll.

|Taschenbuch: 287 Seiten
Originaltitel: The Magic Thief: Lost (2009)
Vom Verlag empfohlenes Lesealter: 10 – 12 Jahre
Aus dem Englischen von Knut Krüger
ISBN-13: 978-3570223376|
[www.randomhouse.de/cbjugendbuch]http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/index.jsp

Campbell, Jack – Hinterhalt, Der (Die verschollene Flotte 5)

_|Die verschollene Flotte|:_

Band 1: [„Furchtlos“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6124
Band 2: „Black Jack“
Band 3: [„Fluchtpunkt Ixion“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7009
Band 4: [„Gearys Ehre“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7364
Band 5: _“Der Hinterhalt“_ („Relentless“, 2009)
Band 6: „The Lost Fleet: Victorious“ (2010)
Band 7: „The Lost Fleet: Beyond the Frontier“ (04/2011)

_Die Relativität von Treue und Verrat _

Seit hundert Jahren kämpft die Allianz verzweifelt gegen die Syndikatswelten, und die erschöpfte Flotte ist in Feindgebiet gelandet. Ihre einzige Hoffnung: Captain John Geary. Seit seinem heldenhaften letzten Gefecht hält man ihn für tot. Doch wie durch ein Wunder hat er im Kälteschlaf überlebt. Nun soll er als dienstältester Offizier das Kommando über die Flotte übernehmen, um sie sicher nach Hause zu bringen. In einem Krieg, der nur in einem Fiasko enden kann …

Band 5: Nachdem „Black Jack“ Geary erfolgreich die Kriegsgefangenen der Allianz befreit hat, muss er feststellen, dass die Syndics mit ihrer mächtigen Reserveflotille angreifen wollen. Ihr Ziel: Gearys Verband ein für alle Mal zu zerstören. Doch der Kommandeur springt mit seinen Schiffen von einem Sternensystem zum nächsten, in der Hoffnung, die unausweichliche Konfrontation zu vermeiden. Bis Saboteure seinen Plan vereiteln … (erweiterte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Hinter dem Pseudonym „Jack Campbell“ verbirgt sich der ehemalige U.S. Navy-Offizier John G. Hemry. In seinem aktiven Dienst bei der Marine sammelte er viel Erfahrung, die er in seine SF-Romane einfließen ließ. Campbell lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Maryland, unweit Washington, D. C.

Zyklus „Stark’s War“

1. Stark’s War (April 2000)
2. Stark’s Command (April 2001)
3. Stark’s Crusade (March 2002)

Zyklus „Paul Sinclair“

1. A Just Determination (May 2003)
2. Burden of Proof (March 2004)
3. Rule of Evidence (March 2005)
4. Against All Enemies (March 2006)

_Vorgeschichte_

Captain John „Black Jack“ Geary ist ein Kriegsheld aus jenen Tagen vor hundert Jahren, als der Krieg der Allianz mit den Syndikatswelten begann. Damals rettete er sich an Bord einer Rettungskapsel, die ihn im Kälteschlaf hielt, und wurde hundert Jahre später aufgefischt. Jetzt hat ihn die Flotte wieder aufgetaut, weil ein Notfall eingetreten ist: Die Allianz-Flotte ist im Feindgebiet umzingelt, nachdem sie verraten wurde. Ihr bleibt nur die Wahl zwischen bedingungsloser Kapitulation und völliger Vernichtung durch die zahlenmäßig überlegene Syndic-Flotte.

Geary verlässt seine Kabine an Bord des Flaggschiffs „Dauntless“ (= Furchtlos) und geht zur Brücke. Dort übergibt ihm Admiral Bloch als dem dienstältesten Offizier das Kommando über die Flotte und verrät ihm ein ungemein wichtiges Geheimnis: Die „Dauntless“ darf um keinen Preis in die Hand des Feindes fallen, sonst ist die Allianz verloren. Dann fliegt Bloch mit einer Fähre zum Flaggschiff des Gegners, um zu verhandeln. Hilflos muss Geary auf dem Bildschirm die Videoübertragung mit ansehen, wie der Vorstandsvorsitzende (CEO) des Syndikats Bloch und seine Adjutanten kaltblütig abknallen lässt. Es gibt keine Verhandlungen, sondern ein Ultimatum: eine Stunde bis zu Kapitulation oder Vernichtung.

Eine Stunde kann eine Menge Zeit sein, wenn es drauf ankommt, denkt Geary. Nach einer Rücksprache mit Captain Desjani, der Kommandantin der „Dauntless“, über das Geheimnis lässt er eine Videokonferenz der anderen Kapitäne einberufen. Er bringt trotz des Widerstands einiger Offiziere – wer traut schon einem Aufgetauten? – alle auf seine Linie und lässt einen Rückzugsplan ausarbeiten: Operation Ouvertüre. In einem Vier-Augen-Gespräch mit der Ko-Präsidentin zweier verbündeter Flotten muss er zu seinem Missvergnügen feststellen, dass auch sie das Geheimnis der Flotte kennt – oder zumindest gut geraten hat. Immerhin ist Ko-Präsidentin Victoria Rione abschließend bereit, den Gegner hinzuhalten.

Während sich die Flotte umformiert, um den Massensprungpunkt anzuvisieren, der sie aus dem feindlichen System herauskatapultiert, führt Geary ein Gespräch mit dem CEO des Gegners. Der ist zunächst verständlicherweise ungläubig, dass ein vor hundert Jahren gestorbener Offizier nun das Kommando über die Allianz-Flotte übernommen haben will. Das soll wohl ein Trick oder schlechter Scherz sein? Geary pflegt nicht zu scherzen, aber es gibt ihm Gelegenheit, den CEO eine weitere halbe Stunde aufzuhalten. Bis dieser die Verbindung entnervt unterbricht, um Gearys Offiziere einzeln zur Aufgabe zu überreden. Geary unterbindet diesen Versuch energisch.

Mit einem verlustreichen Rückzugsgefecht gelingt es Geary, seine Flotte fast komplett aus dem Feindsystem springen zu lassen. Doch er verliert dabei seinen Großneffen, der sich für die Flotte opfert und in Gefangenschaft geht. Geary verspricht ihm, ihn rauszuholen und Michaels Schwester zu kontaktieren, die auf einer der Allianzwelten lebt.

Doch jenseits des Zielpunktes nach dem Sprung muss Geary feststellen, dass hundert Jahre Krieg ihre Spuren hinterlassen haben, nicht nur auf den Welten, sondern vor allem in Gearys eigener Flotte …

_Handlung_

Nach der doppelten Schlacht bei Lakota und einer Passage des Diwalla-Systems befindet sich die Allianz-Flotte auf ihrem Rückzug nur noch drei Sprungpunkte von der Grenze zum Allianz-Raum entfernt, wo sie auf Hilfe hoffen darf. Mit Sorge sieht Commander Geary, wie die Vorräte an Energie und Waffen zusammengeschmolzen sind. Und jetzt bittet ihn Captain Tanya Desjanai auch noch, im System Heradao 2000 Allianz-Kriegsgefangene zu befreien. Die würden die geringen Proviantvorräte noch stärker strapazieren.

Aber es führt kein Weg daran vorbei. Zwar gäbe es im System Kalixa ein Hyperportal, doch diese Transporteinrichtung wird bekanntlich von den Syniks als gigantische Massenvernichtungswaffe missbraucht. So haben die Syndiks ihre eigene Lakota-Hauptwelt vernicht. Sie schrecken vor nichts zurück – und werden womöglich von den unsichtbaren Aliens fehlgeleitet, die im Hintergrund die Fäden ziehen.

Im System Heradao muss sich Gearys Flotte zwei Syndik-Flotten stellen. Aus der ersten macht er mittels ungewöhnlicher Taktik Kleinholz, erleidet jedoch beträchtliche Verluste, darunter eines der wenigen Hilfsschiffe. Aber sein Schlachtkreuzer „Dauntless“ ist weiterhin intakt. Er kann die zweite, kleinere Syndikflotte nicht ignorieren, denn sie könnte Minen legen, um den Weg zum Sprungpunkt Richtung Allianz-Raum zu verlegen. Doch diese Flotte verkrümelt sich. Schon bald zeigt sich der Grund dafür.

Der Sieg der Allianz-Flotte bleibt im Heradao-System nicht ohne Folgen: Die Herrschaft der Syndiks bricht zusammen. Ein Bürgerkrieg bricht auf zwei Planeten aus, was zur Folge hat, es niemanden gibt, mit dem Geary verhandeln könnte. Aber der Grund, warum er hergekommen ist, sind ja die Kriegsgefangenen auf der dritten Welt. Es stellt sich als extrem schwierig heraus, sie herauszuholen. Und als sie endlich an Bord sind, muss er drei davon in Schutzhaft nehmen: Sie haben mit dem Feind kollaboriert, nun will jeder Kriegsgefangene sich an ihnen rächen.

Beim Weiterflug nach Atalia eröffnet ihm sein Geheimdienstoffizier Iger, dass aus abgefangenen Syndik-Übermittlungen hervorgehe, dass eine Art Reserveflotte ausgerüstet werde. Aus Ortsangaben ist zu schließen, dass diese Syndik-Flotte per Hypernet vom anderen Ende des Syndik-Raumes, wo sie Wache gegen die mutmaßlichen Aliens schob, an die Grenze zum Allianz-Raum verlegt worden sei. Und dort, im Atalia-System, soll sie wohl Gearys Flotte den Weg versperren. Geary stöhnt: Seine Energie- und Waffenvorräte könnten gerade mal für eine Schlacht reichen.

Der Sprung nach Atalia verwirrt Geary und Desjani erst, denn dort ist gerade eine Schlacht zwischen Syndiks und Allianz im Gange. Dann versagt der Antrieb der „Dauntless“: Die Lichter gehen aus, als sich der Hauptantrieb notabschaltet. Als wäre dies nicht schon Anlass zur Sorge genug, explodiert in der Nähe der Kreuzer „Lorica“ in einem Lichtblitz. Geschockt suchen Geary und Desjani nach der Ursache.

Es gibt nur eine bestürzende Erklärung: Verrat in den eigenen Reihen, und das im Angesicht des Feindes …

_Mein Eindruck_

|Eine Frage der Treue|

Das Generalthema dieses vorletzten Bandes der Serie ist Treue. Und natürlich ihr Gegenteil: Verrat. Treue kann sich in vielerlei Form manifestieren, grübelt Geary, als er die drei Kollaborateure unter den Kriegsgefangenen von Heradao verhören lässt. Aber auch der Verräter, der die „Lorica“ auf dem Gewissen hat, hat eine ganz eigene Auffassung von Treue.

Die haarigste Definition von Treue, deren Analyse sich Geary notgedrungen widmen muss, ist jedoch die gegenüber der Allianz: Bleibt er der Flotte treu, die er befehligt, oder wird er der derzeitigen Regierung der Allianz gehorchen? Lässt er sich von den Offizieren zum Diktator ausrufen? Die Macht dazu und das nötige Charisma hätte er durchaus. Immer wieder fragen ihn alle wichtigen Leute danach.

Geary antwortet stets, dass es nicht die Leute und Schiffe seien, die die Allianz ausmachten, sondern ihre Prinzipien. Und denen sei er verpflichtet: Achtung vor dem Leben und dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Diese Antwort stellt in zahlreichen Variationen die ewigen Frager zufrieden, so dass sie ihrerseits loyal zu Geary sein können.

|Schachzüge|

Dieser Band beginnt und endet mit einer Schlacht. Noch drei Hüpfer, dann darf Gearys Flotte hoffen, in Sicherheit zu sein. Doch diese Hoffnung trügt. Vom Verrat in den eigenen Reihen ganz abgesehen, hat ihm die Reserveflotte der Syndiks einen Hinterhalt gelegt. Sobald er sich im heimatlichen System Varandal in Sicherheit wähnt, wollen die Syndiks dort das Hypernet-Portal zur Explosion bringen. Diese Nova würde sowohl sämtliche Einrichtungen des Systems vernichten, als auch die eintreffende Allianz-Flotte und die bereits vor Ort befindliche Heimatflotte (beziehungsweise deren Überreste nach der Schlacht von Atalia). Ein Schlag, von dem sich die Allianz wohl nicht so schnell erholen dürfte.

Schachzug um Schachzug muss Geary nun die Syndiks durchschauen und seinerseits überlisten, um Varandal und seine ausgepowerte Flotte zu retten. Man verrät nicht zuviel, wenn man zusammenfasst, dass ihm dieses Kunststück bravourös gelingt. Wie sonst könnte die Serie weitergehen? Denn noch muss der Abschlussband „Victorious“ (wörtlich: siegreich) bei uns erscheinen. Ich werde nicht verraten, was Geary und Desjani als Nächstes vorhaben. Aber ein Kenner der Serie kann es sich an fünf Fingern ausrechnen.

|Aliens|

Die Hypernet-Portale, die die Syndiks nun schon zum zweiten Mal zerstören wollen, sind Danaergeschenke der bis dato unsichtbaren Aliens. Ahnungslos haben Syndiks und Allianz-Mitglieder diese Technik für sich adaptiert und genutzt, ohne zu ahnen, dass sich ein explodierendes Portal in eine Sternenexplosion verwandeln lässt, wenn man es darauf anlegt.

Und darüber hinaus verstehen die Aliens einiges von Computertechnik: Sie haben Würmer in zahlreiche Systeme der Allianzflotte eingeschleust. Diese wurden erst in Band 4 eliminiert. Aber es gibt offenbar weitere Würmer, eingeschleust von Mitgliedern der Flotte der selbst – von Verrätern. Gaery muss sich fragen, was die Aliens vorhaben. Wollen sie, dass sich Syndiks und Allianz weiterhin permanent an die Gurgel gehen? Dann könnten sie als lachende Dritte deren Territorien übernehmen. Geary nimmt sich vor, den Aliens einen dicken Strich durch die Rechnung zu machen.

_Die Übersetzung _

Ralph Sander hat einen guten, wenn auch nicht sonderlich anspruchsvollen Job erledigt. Seine falschen Endungen halten sich in Grenzen, aber es gibt eine Reihe von Kommafehlern. Auf Seite 58 sieht es zudem nicht besonders toll aus, wenn ein Wort „v-ollem“ getrennt wird. Auf Seite 185 gibt es in der letzten Zeile einen typischen Flüchtigkeitsfehler zu besichtigen: „Uns“ statt „Und“.

_Unterm Strich_

Der Auftakt besteht aus der obligatorischen Raumschlacht, diesmal im System Heradao, Das Finale bestreitet ebenfalls eine Raumschlacht, denn der Ex-Marineoffizier kennt sich damit einfach am besten aus. Zwischen diesen beiden Action-Höhepunkten, die jeder Leser der Reihe erwartet, soll die Spannung jedoch nicht erlahmen. Hier flicht der Autor eine Gefangenenbefreiung und eine Sabotageakt ein, die jedoch ohne weitere Folgen für den Verlauf der Story bleiben. Sie illustrieren jedoch das Generalthema der Treue und des Verrats.

In den bisherigen vier Bänden hat der Autor eine deutliche Weiterentwicklung seiner Figuren gezeigt: Vom legendären „Black Jack“, den die „lebenden Sterne“, also Götter, geschickt haben müssen, wird er zu einer Art Hoffnungsträger der Flotte (v.a. Cpt. Desjanis), der sich durchaus auch mal von seiner menschlichen Seite zeigen darf, und zwar nicht nur gegenüber Kolleginnen, sondern auch gegenüber dem sogenannten Feind.

Schade, dass sich Geary und Tanya Desjani nicht weiter annähern dürfen: Sie muss die eiserne Jungfrau spielen, will sie ihre Ehre nicht aufs Spiel setzen. Dafür kabbelt sie sich ständig mit Rione, ihrer Vorgängerin in Gearys Gunst – Anlass für zahlreiche ironische Seitenhiebe und etwas Humor in der grimmigen Szenerie.

In diesem fünften Band fasst sich der Autor viel kürzer und lässt die Weiterentwicklung beiseite. Zur Freude des Lesers widmet er sich am Anfang in der Mitte und vor allem im Finale der Action. Obwohl mich der Band nicht sonderlich gerührt hat, so hat er mich doch mit den Raumschlachten spannend unterhalten.

|Taschenbuch: 382 Seiten
Originaltitel: The Lost Fleet: Relentless;
Aus dem US-Englischen von Ralph Sander
ISBN-13: 978-3404206421|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de

McDonald, L. J. – Falkenherz (Die Krieger der Königin 2)

_|Die Krieger der Königin|:_

01 [„Die Krieger der Königin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7079
02 _“Falkenherz“_
03 „Schattenmacht“ (03.08.2012)

_Solie ist es gelungen,_ die Siedlung von Flüchtlingen, über die sie herrscht, als eigenständiges Königreich Sylphental zu etablieren. Die Menge an Kriegersylphen, über die sie gebietet, verursacht allerdings Neid. Und so kommt es, dass ein Kapitän vom südlichen Kontinent die Gelegenheit beim Schopfe packt, und ein junges Mädchen aus Sylphental entführt. Pech für seinen Kaiser, dass es sich dabei ausgerechnet um Lizzy handelt, Leons Tochter. Der und sein Krieger Ril denken gar nicht daran, das junge Mädchen seinem Schicksal zu überlassen …

_Wurde Solie_ bereits im ersten Band ziemlich an den Rand gedrängt, ist sie jetzt nur noch eine Randerscheinung. In der Hauptsache dreht sich die Geschichte um Lizzy.

Lizzy ist zwar inzwischen achtzehn Jahre alt und mokiert sich darüber, dass ihre ältere Freundin Loren noch so unreif sei. So richtig erwachsen ist Lizzy aber auch noch nicht, irgendwie weiß sie nicht so recht, was sie will. Die Regeln ihrer Eltern empfindet sie als Bevormundung, und auch ihre Pflicht, auf ihre jüngeren Schwestern aufzupassen, ist ihr lästig. Sie will einfach mal das tun, was sie selbst will. Die Schwierigkeiten, in die sie dadurch gerät, lassen sie zwar reifen, allerdings hat sie eine Menge Unterstützung, ohne die sie die ganze Sache wohl nicht so gut überstanden hätte.

Ril hat sich zwar mit seinem Meister ausgesöhnt, leidet jedoch massiv unter den Einschränkungen, die seine Verletzung im ersten Band ihm auferlegt hat. Das Gefühl, nicht würdig zu sein, hat ihn dazu bewogen, sich von Lizzy fernzuhalten, hindert ihn aber nicht daran, alles zu riskieren, um sie zu retten. Und auch nicht daran, eifersüchtig zu sein!

Justin ist ebenfalls in Lizzy verliebt und will mithelfen, sie zu retten. Allerdings fehlt es ihm ganz entschieden an Mut, er kann nicht kämpfen, und er weiß auch nicht, wann er besser den Mund hielte. Im Grunde ist er für diese Mission völlig ungeeignet.

Mit Gefühlen und Gedanken ist die Autorin bei all ihren Figuren eher zurückhaltend, tatsächlich sind diese fast ausschließlich auf Lizzy und Leon beschränkt. Das ist insofern schade, als Justin dadurch kaum mehr ist als ein schlapper Waschlappen, und auch Ril ist nicht mehr so intensiv dargestellt wie noch im ersten Band. Dadurch verliert auch die Liebesgeschichte zwischen Lizzy und Ril an Intensität.

Was L. J. McDonald dagegen sehr gut gelungen ist, ist die Ausarbeitung einer neuen Kultur: Die streng hierarchisch organisierte Gesellschaft der Wüstenstadt Meridal fußt auf straff organisierter Massenausbeutung, nicht nur von Sylphen, sondern auch von Menschen. Die fliegende Oberstadt der Adligen über den Armenvierteln am Boden zeugt von extremer Dekadenz. Der Kaiser und sein Adel verlassen die Oberstadt nur, um den Kampfspielen in der Arena zuzusehen, das dafür aber gern und häufig. Regieren scheint nicht im Terminkalender zu stehen.

Ins Detail gegangen ist die Autorin auch hier nicht, sie beschränkt sich größtenteils auf die Geschehnisse im Zusammenhang mit Arena, Harem und Sklavenquartieren. Dafür hat sie andere Aspekte in ihre Handlung eingebracht, von denen ich mich fragte, wozu sie eigentlich erwähnt wurden. Dazu gehört vor allem Gabralina, die von Leon aus der Beschwörung eines Kriegersylphen gerettet wurde. Anfangs wird sie recht ausführlich beschrieben, fast genauer als mancher Nebencharakter, dabei ist sie für die eigentliche Geschichte letztlich völlig irrelevant. Ab dem Moment, wo sie Sylphental erreicht, kommt sie überhaupt nicht mehr vor, sodass ich mich fragte, warum die Autorin sie wohl eingebaut hat. Als Ausblick auf den nächsten Band?

Die Handlung selbst schließlich gibt an Bewegung und Spannung nicht allzu viel her. Leon und seine Begleiter haben zwar zunächst ein paar Schwierigkeiten, letztlich gelingt es ihnen aber ohne größeren Aufwand, Lizzy zu befreien. Die Methode ist einfach und im Grunde bereits absehbar, als einer der Krieger, die regelmäßig den Harem besuchen, die Bindung zwischen Lizzy und Ril bemerkt. Dass auch die Haremswärterinnen fast zeitgleich zur Umsetzung des Planes den geheimen Zirkel von Kriegern und Konkubinen entdecken, sorgt immerhin für ein klein wenig Zeitdruck, für echte Spannung reicht es aber nicht. Auch das „Verhör“ Lizzys durch eine der Wärterinnen, das eine Menge Möglichkeiten geboten hätte, um Lizzy ernsthaft in Schwierigkeiten zu bringen und so die Spannung ein wenig hochzutreiben, verpufft völlig wirkungslos, weil die Wärterin Lizzys Ausrede sofort widerspruchslos akzeptiert.

_Insgesamt_ war dieser zweite Band des Zyklus nicht gehaltvoller als der erste. Abgesehen von der Szene, in der Leon, Ril und Justin in der Arena landen und dem Showdown gibt es keinerlei Turbulenzen. Fast die gesamte restliche Handlung spielt sich in Gesprächen zwischen den Protagonisten ab. Das kann sich eine Geschichte, die von intensiv beschriebenen, starken Charakteren getragen wird, problemlos erlauben, McDonalds Darstellung ihrer Figuren ist dafür aber zu schwach. Immerhin war der Entwurf von Meridol so gelungen, dass es etwas gab, wofür es sich lohnte, die knapp vierhundert Seiten ganz durchzulesen. Kurzfazit: nicht gerade fesselnd, aber ganz nett.

_L. J. McDonald_ ist Kanadierin und begann mit dem Schreiben auf die Ermunterung ihres Englischlehrers hin. Ein Schreibwettbewerb im Jahr 2008, den sie nicht gewann, brachte dennoch den Durchbruch. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Geschichte um Solie und ihre Kriegersylphen bereits aus vier Bänden, die auch auf Englisch noch nicht alle veröffentlicht sind. Der nächste Band erscheint auf Deutsch unter dem Titel „Schattenmacht“ voraussichtlich im August 2012. Die Autorin arbeitet derweil an neuen Ideen für ihren nächsten Zyklus.

|Taschenbuch 378 Seiten
Originaltitel: The Shattered Sylph
Deutsch von Vanessa Lamatsch
ISBN-13: 978-3-426-50947-0|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de
[ljmcdonald.blogspot.com]http://ljmcdonald.blogspot.com

John Masefield – Das Mitternachtsvolk

Phantasievolles Jungenabenteuer: Die Jagd nach dem Schatz von Santa Barbara

Um das Jahr 1927 in England auf dem Lande. Wenn es dunkel wird und das Mitternachtsvolk sein Unwesen treibt, ist dem kleinen Kay Harker bange. Tiger lauern unter dem Bett, und im Betthimmel hat sich bestimmt eine Pythonschlange verborgen. Mit der Hilfe seiner Spielgefährten und den Tieren des Hauses, zu denen auch zwei charakterlose Katzen zählen, gelingt es Kay jedoch, seine Kinderängste zu bewältigen. Die aufregende Schatzsuche, in die er hineingerät, hat ein gutes Ende, und Kay wird ein gutes Stück erwachsener … (abgewandelte Verlagsinfo)
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John Crowley – Great Work of Time. Alternativweltroman

Finger weg von Zeitkorrekturen!

Alles beginnt damit, dass der mittellose Mathematiker Caspar Last ins Jahr 1856 reist, um dort einen ganz bestimmten Brief an sich selbst abzuschicken. Doch diese winzige Tat ändert den Geschichtsverlauf, den wir kennen. Im Jahr 1956 reist der Polizist Denys Winterset durch ein Afrika, das fast komplett dem British Empire angehört und in dem Luftschiffe die luxuriöseste Fortbewegungsweise gewähren. Doch weitere hundert Jahre später herrscht die Otherhood über ein weltumspannendes Imperium voller Magi, Engeln und Hominiden …

„Great Work of Time“ erhielt 1990 den „World Fantasy Award for Best Novella“.
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Gibson, William – Quellcode

„Science-Fiction handelt von dem Moment, in dem sie geschrieben wird.“ Das erklärt William Gibson in einem Interview mit dem Spiegel, als es darum geht, ob seine Werke Prognosen für die Zukunft seien. Man mag bei dieser Aussage zurückzucken, wenn man an all die visionären Dinge denkt, die Gibson entworfen hat, als er seinen „Neuromancer“ 1987 auf einer mechanischen Schreibmaschine geschrieben hat. Spätestens jedoch, wenn man sich „Mustererkennung“ und dem Nachfolger „Quellcode“ widmet, wird einem klar, was Gibson damit meint: Ein Spiel mit dem Aktuellen, eine Überspitzung, ein Zerrbild der Gegenwart, von dem man weiß, dass es mit der „wirklichen Zukunft“ nur wenig zu tun haben wird.

|Von Netzwerk-Kraken und Locative Art|

Beginnen wir also mit Hollis Henry, einer ehemaligen Rock-Musikerin, die sich nun als freie Journalistin verdingt. Ihr erster Auftrag führt sie und den Leser in die Welt der „Locative Art“ ein, eine Kunstform, in der per GPS und W-LAN dreidimensionale Kunstwerke in die Umwelt gemalt werden, die nur dann zu bestaunen sind, wenn man einen entsprechenden VR-Helm aufsetzt.

Hollis wird schnell klar, dass es nicht nur darum geht, über eine Kunst-Avantgarde zu berichten, die Leichen von Berühmtheiten oder dreidimensionale Kraken auf Straßen projizieren: Spätestens als sie den Auftrag bekommt, sich mit Bobby Chombo in Verbindung zu setzen, einem zurückgezogenen Nerd, der die Grundlagen der Locative Art-Technik geschaffen hat, ahnt sie, dass hinter dem Technologie-Magazin „Node“ weit mehr steckt, als die Fassade andeutet. Mit Chombo soll sie sich die „Muster des internationalen Frachtverkehrs“ ansehen; sie nimmt den Auftrag an, recherchiert dabei über das Magazin, das ihr den Auftrag gegeben hat, und findet bestätigt, dass ihre Auftraggeber von bedeutend anderen Dingen angetrieben werden, als von journalistischen Absichten.

Dann gibt es da noch den Junkie Milgrim und den undurchsichtigen Brown. Brown lässt Milgrim nicht aus den Augen, versorgt ihn mit der Droge, die er benötigt, und verlangt dafür von ihm, dass er die schräge Kunstsprache Volapuck entschlüsselt, die Brown auf den Handys der Zielpersonen vorfindet, die er observiert. Ist Brown Polizist? Mitglied eines anderen Regierungsorgans? Brown weiß es nicht, wird unterdrückt und gehorcht seinem ultra-paranoiden Gefängniswärter.

Tito schließlich ist einer der Schmuggler, die von Brown und seinem Junkie-Sklaven observiert werden. Der Leser taucht mit Tito in die Welt des organisierten Verbrechens ein, in die Welt der Schmuggler und Piraten.

Nach und nach wird klar, dass sich alles um einen geheimnisvollen Fracht-Container dreht, hinter dem alle her sind: Hollis Henrys Auftraggeber, Brown und viele mehr. Dieses Netzwerk aus zwielichtigen Motiven und Hintergründen läuft am Ende des Romans zusammen; all die Handlungsstränge treffen aufeinander, und die Verstrickung der Figuren untereinander offenbart sich.

|Die Kunst der indirekten Erzählweise|

Gibson ist ein Meister darin, den Leser direkt in seine Geschichte hineinzuwerfen. Keine Erklärungen von einem Erzähler, der seine Leser aus der Gegenwart an der Hand nimmt, nein, die Figuren reden in der Sprache der skizzierten Zukunft, handeln nach den Richtlinien dieser skizzierten Zukunft so selbstverständlich, wie es sich für natürlich gezeichnete Figuren gehört. Das ist manchmal anspruchsvoll, weil man sich viele Dinge aus den Zusammenhängen herleiten muss; manchmal schickt Gibson seine Leser mit einem dicken Fragezeichen auf der Stirn aus einer Szene hinaus und löst es erst ein paar Szenen später auf, aber genau das macht auch den Reiz dieses Romans aus. Es ist ein Puzzle. Ähnlich wie die Zusammenhänge zwischen all den Figuren und Handlungssträngen, schält sich die Welt nur allmählich aus dem Erzählten heraus. Dabei entsteht nie der Eindruck von aufgeblasenem Techno-Babble oder gewollt kompliziertem Kunst-Getue, Gibson hat die Gratwanderung zwischen Anspruch und Erklärung hervorragend gemeistert.

_“Quellcode“ ist also_ ein würdiger Mittelteil einer Trilogie geworden, die mit „Mustererkennung“ begonnen hat, und aktuell mit „Systemneustart“ ihr Ende findet, es ist ein schillernder und vielschichtiger Roman, der seinen Lesern auch mal Geduld abverlangt. Wer die jedoch aufbringt, wird mit einer spannenden Vision von einer nahen Zukunft belohnt. Pardon, mit einem kunstvollen Zerrbild unserer Gegenwart natürlich. Für Freunde anspruchsvoller Gedankenspielereien jenseits des Sci-Fi-Mainstreams unbedingt empfehlenswert!

|Taschenbuch: 464 Seiten
Originaltitel: Spook Country
ISBN-13: 978-3453526808|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Alf Stiegler_

_William Gibson bei |Buchwurm.info|:_
[„Neuromancer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=280
[„Mustererkennung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=463
[„Neuromancer“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=521
[„Die Differenzmaschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1339
[„Idoru“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1445
[„Virtuelles Licht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1686
[„Cyberspace“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4745

Minte-König, Bianka – Louisa – Mein Herz so schwer (Die dunkle Chronik der Vanderborgs 3)

_|Die dunkle Chronik der Vanderborgs|:_

Band 1: [„Estelle – Dein Blut so rot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6693
Band 2: [„Amanda – Deine Seele so wild“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7283
Band 3: _“Louisa – Mein Herz so schwer“_

Mit „Louisa – Mein Herz so schwer“ hat Bianka Minte-König nun den dritten und abschließenden Teil ihrer Chronik um die Familie Vanderborg vorgelegt und ihr einen würdigen (und für manche vielleicht überraschenden) Abschluss verliehen.

Zeitlich macht Minte-König diesmal einen gewaltigen Sprung nach vorn, denn das neue Buch spielt nach der Wiedervereinigung. Louisa, die letzte Nachfahrin der Vanderborgs studiert gerade in Berlin Schauspiel, als ihre Mutter Post von einer Anwaltskanzlei bekommt. Man informiert sie, dass eventuell Ansprüche auf die Rückgabe des Guts Blankensee bestünden. Ob sie Interesse hätte? Louisas Mutter will mit dem Gut nichts zu tun haben und lehnt weitere Schritte kategorisch ab. Louisa selbst – offensichtlich von der Energie der Jugend ergriffen – sieht sich bereits als Gutsbesitzerin und ist ihrerseits von der Idee begeistert. Also nimmt sie Kontakt mit der Kanzlei auf, bis ihr schließlich das Gut zugesprochen wird. Die Tatsache, dass es eigentlich nur noch eine Ruine ist, wird gemildert von dem glücklichen Zufall, dass in ihrer WG auch ein angehender Architekt wohnt, der Blankensee sofort zu seinem Projekt erklärt.

Noch während ihr das Gut überschrieben wird, ereilen sie plötzlich erotische Träume. Ihre Überraschung ist groß, als sie feststellt, dass sich unter dem Gut ein geheimes Gewölbe befindet, unter dem der geheimnisvolle Mann ihrer Träume auf sie wartet. Er stellt sich als Amadeus vor und Louisa soll bald lernen, dass er ein Vampir ist. Er will ihr unbedingt den Blutkuss geben, da er überzeugt ist, sie beide seien füreinander bestimmt. Auch Louisa fühlt sich von Amadeus magisch angezogen, doch gleichzeitig wird auch ihre Beziehung zu dem Architekten Marc immer enger. Für wen soll sie sich also entscheiden?

Und auch alte Feinde und Freunde spielen in „Louisa – Mein Herz so schwer“ natürlich wieder eine Rolle, denn auch Karolus Utz sinnt immer noch darauf, das Geschlecht der Vanderborgs auszulöschen. Das bringt Louisa genau in die Schusslinie und so hat sie einige Abenteuer zu bestehen, bis sie in die Arme ihres Erwählten fallen darf.

Zunächst erscheint der Zeitsprung in die Gegenwart wie eine kalte Dusche, die den Leser recht unvorbereitet trifft. Schließlich hatte man es sich im historischen Setting so gemütlich eingerichtet. Offensichtlich hatte auch die Autorin ihre liebe Not, sich der Gegenwart anzunähern. Zwar bringt sie Zeitbezüge, um ihre Handlung zu verorten (so sieht sich Louisa im Kino „Fluch der Karibik“ an), doch sprachlich fühlt sie sich offenbar in der Vergangenheit wohler. So tauchen von Zeit zu Zeit veraltete Redewendungen oder Wörter auf, die ein zwanzigjähriges Mädchen wohl so nicht gebrauchen würde (z. B. „unschicklich“ oder „delektieren“). Doch ein großer Teil des Charmes der Reihe war ja bisher die verschnörkelte, fast antiquierte Sprache und so kann man diese Ausrutscher der Autorin verzeihen.

Besonders schön gelungen ist Minte-Königs Beschreibung von Gut Blankensee. Zwar bleibt schleierhaft, wie es Louisa mit ihrem BAFÖG schafft, ein Gut zu renovieren (auch eine Muskelhypothek schützt schließlich nicht davor, Baumaterial kaufen zu müssen), doch Louisas ganz altmodische Bindung an die „Scholle“ ist ein wunderbares Thema des Romans. Zunächst sieht sie sich – ganz naiv – als Gutsbesitzerin auf der Freitreppe stehen und Gäste begrüßen, doch je mehr Zeit sie in Blankensee verbringt, desto mehr wächst ihr das Haus tatsächlich ans Herz. Dass sie sich trotz aller Widrigkeiten – und der dunklen Vergangenheit des Guts – für den Besitz entscheidet, ist in einer von Rastlosigkeit geprägten Zeit vielleicht altmodisch, aber darum umso sympathischer. Letztendlich ist das Gut das eigentliche Zentrum der Trilogie, denn es ist die Konstante, die sich durch alle drei Romane zieht. Die Charaktere wechseln und die Zeit vergeht, doch das Gut ist eine steinerne Erinnerung an die Vergangenheit und ein Versprechen an die Zukunft. Louisa hat das begriffen. Ohne Familiengeschichte oder Verwandtschaft aufgewachsen findet sie in Blankensee das, wonach sie ein Leben lang gesucht hat – einen Ort, an den sie gehört.

Überraschend ist wohl, dass Minte-König mit „Louisa“ einen Anti-Vampir-Liebesroman geschrieben hat. Denn auch wenn sich Louisa magisch zu Amadeus hingezogen fühlt, so weiß sie doch, dass seine Liebe eine zerstörerische ist, die keine Zukunft hat. Hat nicht der Blutkuss bisher allen in ihrer Familie nur Unglück gebracht? Gilt nicht das gleiche für die alles verzehrende Liebe, der sich die Vanderborg-Frauen bisher immer unterwarfen und die stets zu ihrem Untergang führten? Louisa entscheidet sich schließlich für die vermeintlich langweiligere Alternative: Sie gibt Amadeus den Laufpass und bindet sich an Marc – den bodenständigen, menschlichen Marc. Diese Beziehung ist vielleicht unspektakulär, aber sie ist zukunftsfähig. Damit hat Louisa begriffen, was tausende Twilight-Mädels noch erkennen müssen: Dass nämlich die überlebensgroße, alles verzehrende Liebe zerstörerisch ist und in eine Sackgasse führt. Es gibt sie auch in „Louisa“ – Amadeus propagiert sie unablässig, indem er Louisa die vermeintliche Schicksalhaftigkeit ihre Liebe vor Augen zu führen versucht. Doch in ihrer Intensität haben Amadeus‘ Gefühle etwas Beängstigendes, da Absolutes. Er akzeptiert kein Nein – nicht einmal von Louisa selbst. Dass Mensch (und Vampir) sich widerstandslos dem Gefühl unterwerfen müssen, ist ein Topos der Dark Romance. Umso erfrischender ist, dass Binka Minte-König sich hier gegen den Mainstream stellt und die normale, menschliche, alltägliche Liebe siegen lässt. Denn diese ist es, die ein Leben lang wärmen kann. Wohingegen Amadeus‘ Liebe alles in ihrem Umkreis verbrennt.

Und damit ist auch der Vampirfluch gebrochen, denn es wird keine weiteren Blut trinkenden Frauen in der Familie geben. Die tragischen Geschichten von Estelle und Amanda werden versöhnt durch Louisa, die sich nach einem Jahrhundert der schicksalhaften Unglücke wieder dem Licht und dem Leben zuwendet. Demnach sei das Buch allen ans Herz gelegt, die meinen, von einem selbstzerstörerischen und überdramatischen Vampir geküsst zu werden, sei das Maß aller Dinge.

|Taschenbuch: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3800095476|
[www.otherworld-verlag.com]http://www.otherworld-verlag.com

Raven, Lynn – Blutbraut

Fort! Nur fort von hier, ist Lucinda Moreiras einziges Bestreben, nachdem sie entführt und auf das Anwesen von Joaquin de Alvaro gebracht wurde – dem mächtigen jungen Magier, dessen Blutbraut sie werden soll und der für sie alles Böse zu verkörpern scheint. Doch je näher sie Joaquin kennenlernt, desto mehr gerät das Bild, das Lucinda von ihm hatte, ins Wanken und stürzt sie in ein Wechselbad der Gefühle. Die aufregendste Liebesgeschichte des Jahres! Der neue Fantasyroman von der Autorin der „Kuss des Dämonen“- Bestseller. (Klappentext)

_Meine Meinung_

Lynn Raven weiß, wie man die Leser in den Bann zieht. Das Buch hat 736 Seiten und sie schafft es, so zu schreiben, dass keine einzige Seite langweilig ist.

Lucinda ist eine Blutbraut, auserkoren für Joaquin de Alvaro. Musste sie mit ansehen, wie ihre Tante von einem Vampir gebissen und getötet wurde, ist es zu verstehen, dass es ein Graus für sie ist, eine Blutbraut zu sein. In Chicago führt sie ein beschauliches Leben, lernt einen jungen Mann kennen und verliebt sich. Alles so weit so gut, aber dann wird sie entführt, von den Männern Joaquin de Alvaro. Auf dem Weg zu ihm muss sie dann auch feststellen, dass ihre Liebe, Christopher der Bruder von Joaquin ist. Sie fühlt sich verraten. Klar folgen immer wieder Fluchtversuche, die schiefgehen.

Je weiter man im Buch vorankommt, desto besser lernt man Joaquin kennen. Auch zeigt sich, dass er nicht so kalt ist, wie man denken könnte. Er versucht, trotzdem er sich in ein Nosferatu verwandelt, immer freundlich ihr gegenüber zu sein. Er zeigt ihr seine Welt, die Welt der Magie. Langsam lernen sich Lucinda und Joaquin besser kennen und Lucinda erkennt, das Joaquin ein netter Mensch ist.

Für Joaquin wird es immer schwerer sich zu beherrschen. Will doch der Nosferatu in ihm, Lucindas Blut mehr, als er sich erlauben will. Auch wird, je weiter man im Buch kommt, klar das Joaquin Lucinda schon länger kennt, als ihr bewusst ist. Bei Lucinda kommen Bilder hoch, die sie an die Vergangenheit erinnern. Darauf lässt Joaquin sie ihre Erinnerungen wiederbekommen. Waren die beiden sehr gut befreundet wurde dieses Band zerschnitten als Lucinda von ihrer Tante entführt wurde. Jahrelang versuchen Joaquin und sein Vater Lucinda zu finden. Als Joaquin herausfindet, dass sie es nicht ertragen kann, eine Blutbraut zu sein, webt er einen Schatten über sie, sodass andere Vampire sie nicht finden können.

Bei ihrer ersten Begegnung nach der Entführung sagt Joaquin: „Sie hätten dich niemals finden dürfen, mi corazón.“ Der Satz gab mir zu denken. Warum will ein Vampir, der zum Nosferatu wird, nicht, dass seine Blutbraut gefunden wird? Aber nachdem sie ihre Erinnerungen wiedererlangt hat, weiß Lucinda damit umzugehen. Trotzdem möchte sie nicht Joaquins Blutbraut werden, deswegen lässt Joaquin sie ziehen und sie hat die Möglichkeit, sich ein neues Leben aufzubauen. Natürlich geht es auf den letzten Seiten nicht ohne Dramatik zu, wobei ich hier nicht zu viel verraten will.

_Fazit_

Dieses Buch gehört für mich zu den besten Fantasyromanen des Jahres. Lynn Raven hat es geschafft, mehrere Fantasy-Geschöpfe miteinander zu verbinden. Der mächtige Magier, mit dem sexy Vampir gemischt und dem einfühlsamen Mann. Einfach klasse. Dieses Buch verspricht ein wahres Lesevergnügen.

|Broschiert: 736 Seiten
ISBN-13: 978-3570160701|
[www.cbt-jugendbuch.de]http://www.cbt-jugendbuch.de
[www.lynn-raven.de]http://www.lynn-raven.de

_Lynn Raven bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Kuss des Dämons“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4698

China Miéville – Der Krake

Mittlerweile schreibt der britische Schriftsteller produktive und ambitionierte phantastische Literatur, die in schöner Regelmäßigkeit mit Preisen gewürdigt wird. Sein erst 2010 in Deutsch erschienener Roman „Die Stadt und die Stadt“ wurde mit den wichtigsten Preisen ausgezeichnet wie Locus Award, Hugo Award und World Fantasy Award sowie in Deutschland dem Kurd Laßwitz Preis – wobei sich bei diesem Rundumschlag die Frage stellen könnte, ob es im entsprechenden Jahr keine Konkurrenz gab … China Miéville – Der Krake weiterlesen

Goodman, Alison – letzte Drachenauge, Das (Eona 2)

_|Eona|:_

Band 1: „Drachentochter“
Band 2: _“Das letzte Drachenauge“_

In Zeiten, in denen Trilogien und Serien sehr prominent sind, hat sich die australische Autorin Alison Goodman dazu entschieden, eine Dilogie herauszubringen. Nach „Drachentochter“ erzählt sie nun in „Das letzte Drachenauge“ die Geschichte der 16-jährigen Eona weiter, die sich in einer vom alten Asien inspirierten Fantasiewelt vor eine abenteuerliche Aufgabe gestellt sieht.

_Nachdem Kaiser Sethon_ seinen Vorgänger getötet und die Macht unrechtmäßig an sich gerissen hat, befinden sich nicht nur Eona und ihre Freunde auf der Flucht vor dem rachsüchtigen Herrscher. Auch Kygo, der Sohn des ermordeten Kaisers und eigentlicher Thronerbe, versteckt sich. Eona möchte ihn finden und ihm dabei helfen, Sethon zu vertreiben und Kaiser zu werden.

Eona ist ein Drachenauge, eine Art Magierin, die mit ihrer Kraft zum Beispiel das Wetter lenken kann. Doch sie weiß nicht, wie sie ihre Kräfte beherrschen kann. Die einzige Person, die ihr helfen könnte, ist die, die bei Sethons Machtergreifung alle anderen Drachenaugen getötet hat: der hinterlistige Lord Ido. Er wird allerdings von Sethon gefangen gehalten.

Gemeinsam mit anderen Widerstandskämpfern macht sich Eona auf die beschwerliche Suche nach Kygo. Doch als sie ihn gefunden hat, wird schnell klar, dass das kleine Rebellenheer gegen Sethons Armeen nichts ausrichten kann. Eona muss lernen, ihre Kräfte einzusetzen und dafür braucht sie Lord Ido. Der wiederum hat seine ganz eigenen Pläne …

_“Das letzte Drachenauge“_ beginnt langsam und verhalten, entwickelt mit der Zeit aber immer mehr Spannung. Das es am Anfang etwas zäh ist, hängt vor allem mit Goodmans Schreibstil zusammen. Sie lässt sich häufig zu längeren Erklärungen hinreißen, die zwar interessant, aber eben nicht wirklich spannend sind. Notwendig sind sie zumeist trotzdem, da die Autorin der Geschichte einen sehr eigenen Hintergrund gegeben hat. Inspiriert von der asiatischen Geschichte hat sie eine detailreiche und interessante Kultur entwickelt. Vor allem die Tradition der Drachenaugen bedarf der Erklärung, die sie gerne und ausführlich gibt. Gerade wenn man den ersten Band nicht kennt, ist das sehr hilfreich.

Goodmans Schreibstil kann, wie bereits erwähnt, langatmig sein. Hat man sich aber erstmal eingelesen, hat er durchaus seine Vorzüge. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive Eonas. Das junge Drachenauge ist eine gute Beobachterin und ihre Gedanken und Gefühle werden ausführlich dargestellt. Sie ist eine sympathische, nachdenkliche Hauptfigur, in die man sich gut hineinversetzen kann. Goodman schafft es, ihre Protagonistin auch durch das, was sie sagt, zum Leben zu erwecken. Auffällig ist dabei, dass die ruhige, präzise Art, die Eona an den Tag legt, zu der Vorstellung passt, die man in Europa von Asien hat. Trotzdem ist die Figur leicht zugänglich, da sie viele Probleme und Sorgen hat, die sich auf die heutige Welt übertragen lassen. Dies macht es einfach, ihr auch bei den langatmigeren Stellen zu folgen.

Eona ist allerdings nicht die einzige Figur, die in der Geschichte überzeugt. Während Ido, das „böse“ Drachenauge, sich nicht wirklich von anderen Bösewichten aus Fantasybüchern abhebt, sind es vor allem die Randfiguren, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dazu gehören beispielsweise Vida, eine von Eonas Gefolgsleuten, die aber nicht besonders gut auf das Drachenauge zu sprechen ist; Ryko, der, obwohl er Eona hilft, nicht wirklich damit zurechtkommt, dass sie, nachdem sie ihn geheilt hat, Macht über ihn besitzt; Kygo, dem man seine Jugend und Unerfahrenheit anmerkt, ohne dass er dabei an Status verliert; und vor allem Dela, die Contraire. Eine Contraire ist in Goodmans Geschichte ein Mann, der als Frau lebt. Seit sie vom Hof geflohen sind, muss Dela allerdings ihr „inneres“, weibliches Geschlecht verbergen und stattdessen als Mann auftreten. Das fällt ihr nicht immer leicht. Abgesehen davon, dass eine Person in einem Jugendfantasybuch ungewöhnlich ist, beschreibt Goodman sehr anschaulich die Gefühle und die Zerrissenheit Delas.

Die Handlung des über 600 Seiten starken Buchs orientiert sich stark an klassischen Fantasyszenarios. Ein böser Herrscher ist illegal an die Macht gekommen und nun möchte der legitime Kaisernachfolger mithilfe von Rebellen seinen Platz zurückerobern. Goodman setzt durch überraschende Wendungen, gute Einfälle und schlussendlich auch durch ihre Fantasie bezüglich der Drachenaugen trotzdem gute Impulse, die der Geschichte eine gewisse Eigenständigkeit geben.

_Letztendlich glänzt der Roman_ durch andere Dinge. Die tollen Figuren etwa oder der sorgfältig ausgearbeitete Hintergrund der Geschichte, der vor allem durch die komplexe Kultur beeindruckt. Wer lange, aber schön erzählte Fantasygeschichten wie „Eragon“ mag, wird sicherlich auch an „Das letzte Drachenauge“ Gefallen finden.

|Gebunden: 605 Seiten
Originaltitel: Eona. The Last Dragoneye
Deutsch von Andreas Heckmann
ISBN-13: 978-3570136829|
[www.cbj-verlag.de]http://www.cbj-verlag.de

Turner, Megan Whalen – Gebieter, Der (Die Legenden von Attolia 3)

_|Die Legenden von Attolia|:_

Band 1: [„Der Dieb“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7530
Band 2: [„Die Königin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7531
Band 3: [„Der Gebieter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7532
Band 4: „A Conspiracy of Kings“ (noch ohne dt. Titel)

_Gen hat tatsächlich_ Attolia geheiratet. Die Attolier halten allerdings gar nichts von ihrem neuen König, woran Gen selbst nicht ganz unschuldig ist, denn er führt sich auf wie ein verzogener Lümmel. Und während Relius, der Spionagechef, täglich damit rechnet, vom König beseitigt zu werden, und der Hauptmann der Garde, Teleus, um seiner Königin willen grimmig die Zähne zusammenbeißt, beginnen andere umgehend damit, an der Beseitigung des Königs zu arbeiten!

_Erwartungsgemäß hat_ sich die Personenriege in diesem dritten Band noch einmal um einige Namen erweitert, denn schließlich spielt die Handlung nun ausschließlich am Hof von Attolia.

Der wichtigste Neuzugang ist Costis, ein junger Gardist, aus dessen Sicht dieser Band hauptsächlich erzählt ist. Wie die meisten anderen Attolier verabscheut er den König, doch nachdem er auf einen Sonderposten versetzt wurde und ständig mit dem König zu tun hat, verändert sich seine Sichtweise ganz allmählich.

Sejanus, einer der Kammerherren des Königs, hat zwar auch ständig mit diesem zu tun, fühlt sich aber durch dessen Verhalten eher in seiner abschätzigen Meinung bestärkt, und lässt keine Gelegenheit aus, den König zu sabotieren und lächerlich zu machen. Relius und Teleus lehnen den König ebenfalls ab, allerdings hauptsächlich aus Sorge um die Königin und das Reich. Sie fürchten, dass die Barone des Reiches versuchen werden, das Machtvakuum, das Gens offensichtliche Schwäche bedeutet, auf ihre Weise zu füllen.

Und Gen? Nun, wer die beiden Vorgängerbände gelesen hat, weiß, dass Gen eigentlich gar nicht scharf darauf ist, König zu sein. Aber ist das wirklich der einzige Grund, warum er sich so albern benimmt? Ist es überhaupt der Grund?

Dem aufmerksamen Leser wird bald klar, dass mehr hinter Gens seltsamem Verhalten stecken muss. Und eigentlich sollte es auch den Attoliern klar sein. Sie wissen schließlich, dass ihr neuer König der ehemalige Dieb von Eddis ist, und kennen seinen Ruf. Zum Beispiel sollte man von jemandem, der in den Jahren zuvor immer wieder heimlich im attolischen Königspalast spioniert hat, wohl annehmen können, dass er den Weg zu seinen eigenen Gemächern findet! Dass die Kammerherren samt und sonders auf eine solche Scharade hereinfallen, spricht weder für ihre Menschenkenntnis noch für ihre Intelligenz.

Auch der Plan des Barons Erondites dem Älteren erschien mir etwas unausgegoren, aber vielleicht lag das auch nur daran, dass die Autorin nicht weiter darauf einging, was genau der Baron für einen Vorteil von einem Austausch der Kammerherren erwartet hätte.

Trotzdem war dieser Band des Zyklus gut gemacht. Megan Turner geht niemals etwas direkt an. Sie lässt ihren Helden, der ja schließlich ein Dieb ist, immer Schleichwege nehmen, im wirklichen wie im übertragenen Sinne. Dass ihre überraschenden Enthüllungen zumindest teilweise darauf beruhen, dass Gen über Informationen verfügte, die dem Leser nicht zugänglich gemacht wurden, fällt zwar auf, stört aber nicht wirklich. Eine genaue Erklärung, wie Gen an diese Informationen gekommen ist, hätte womöglich nur zu logischen Problemen geführt, also nehmen wir lieber an, dass Gen durch seine Fähigkeit, sich jederzeit unbemerkt durch den Palast zu bewegen, Möglichkeiten hatte, diese Dinge in Erfahrung zu bringen.

Zusätzlich zur eigentlichen Geschichte hat die Autorin es außerdem verstanden, die noch immer bestehende Bedrohung durch die Meder gelegentlich mit einfließen zu lassen. Zwar spielt das Kaiserreich in diesem Band keine Rolle, es würde mich allerdings nicht wundern, wenn es zum Beispiel bei Sophos‘ Entführung zumindest im Hintergrund die Fäden gezogen hätte. Auf diese Weise kann der vierte Band nahtlos an den Dritten anschließen.

Was mir auch gut gefallen hat, war der trockene Humor, der an manchen Stellen aufblitzt, vor allem, wenn Gen mit Phresine oder Ornon zu tun hat. Die Kammerfrau der Königin und der eddisische Botschafter sind zwar eher unwichtige Nebenfiguren, haben aber einiges zum Charme dieses Buches beigetragen.

_Mit anderen Worten_, „Der Gebieter“ ist auf völlig andere Art und Weise genauso interessant und abwechslungsreiche wie der Zweite, wenn auch nicht ganz so spannend. Tatsächlich unterscheidet sich jeder der drei Bände inhaltlich ganz gravierend von den anderen, dennoch zieht sich der rote Faden der zeitlichen Entwicklung durch alle drei Bände und verbindet sie so miteinander. Die Darstellung der Figuren, die im ersten Band noch so flach wirken, vertieft sich mit fortschreitender Handlung immer mehr. Und was der dritte Band dem Zweiten an Spannung nachsteht, macht er durch die intensivierte Charakterzeichnung wieder wett.

Ich muss zugeben, dass ich nach dem ersten Band nur deshalb weitergelesen habe, weil ich die anderen beiden Bände bereits daneben liegen hatte. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich durchaus etwas versäumt hätte, hätte ich nach dem Einstiegsband gleich wieder aufgehört. Vielleicht wäre es in diesem speziellen Fall von Vorteil gewesen, man hätte jeweils zwei Teile in einem Buch zusammengefasst, schließlich sind sie alle vergleichsweise schlank. Das hätte das Risiko vermindert, dass jemand vorzeitig die Flinte ins Korn wirft, was wirklich schade wäre. Ich jedenfalls habe die Lektüre der |Legenden von Attolia| zunehmend genossen und werde sicherlich auch den vierten Band lesen.

_Megan Whalen Turner_ stammt aus den USA, studierte Anglistik und arbeitete zunächst als Buchhändlerin, ehe sie sich dem Schreiben zuwandte. Zunächst veröffentlichte sie Kurzgeschichtensammlungen, mit „Der Dieb“, dem Auftakt zum Zyklus |Die Legenden von Attolia|, schrieb sie ihren ersten Roman. Der dritte Band, „Der Gebieter“, ist ebenfalls bereits auf Deutsch erhältlich, der vierte Band erschien im März des vergangenen Jahres auf Englisch unter dem Titel „A Conspiracy of Kings“.

|Taschenbuch 383 Seiten
Originaltitel: Attolia 3: The King of Attolia
Deutsch von Maike Claußnitzer
ISBN-13: 978-3-442-26852-8|
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Turner, Megan Whalen – Königin, Die (Die Legenden von Attolia 2)

_|Die Legenden von Attolia|:_

Band 1: [„Der Dieb“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7530
Band 2: [„Die Königin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7531
Band 3: [„Der Gebieter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7532
Band 4: „A Conspiracy of Kings“ (noch ohne dt. Titel)

_Gen neigt zwar_ generell zu großen Risiken, dieser letzte Einsatz allerdings ist nicht auf seinem Mist gewachsen. Angesichts der Konsequenzen ist das aber überhaupt kein Trost für ihn. Jetzt ist er ein nutzloser Krüppel, zumindest fühlt er sich so. Seltsamerweise ist es ausgerechnet der Magus von Sounis, der ihn nach einem Winter des Selbstmitleids aus der Reserve lockt …

_Der zweite Band_ des |Attolia|-Zyklus ist nicht mehr in der Ich-Form geschrieben, was der Geschichte ausgesprochen gutgetan hat. Die Handlung teilt sich nun in vier Stränge: Einer dreht sich um Gen, einer um seine Königin Eddis, einer um die attolische Herrscherin und einer um den medischen Gesandten, der sich an ihrem Hof aufhält.

Der medische Gesandte ist der einzige wirklich neue Charakter, ein Mann mit geöltem Bart und ebenso öligem Benehmen und ein wenig zu sehr von sich selbst überzeugt.
Zusätzlich ist Attolia stärker in den Mittelpunkt gerückt und entwickelt sich dadurch von einer eiskalten Herrscherin zu einer echten Persönlichkeit.

Wirklich tiefschürfend kann man die Charakterzeichnung zwar immer noch nicht nennen, aber im Vergleich zum ersten Band hat sie sich wesentlich verbessert. Vor allem sind die Handlungen der einzelnen Figuren weit besser nachzuvollziehen, da Letztere durch ihre eigenen Gedanken beschrieben werden, und nicht nur durch die Beobachtung eines anderen, der nur die Hälfte seiner Beobachtungen reflektiert.

Dasselbe lässt sich von der Handlung sagen. Nicht nur, dass sie durch die größere Zahl an Erzählfäden an Komplexität gewonnen hat. Sie ist auch weit weniger vorhersehbar als im Vorgängerband. Tatsächlich ist es so, dass Gens Heimatland Eddis durch seine Lage zwischen zwei rivalisierenden Königreichen, die jeweils sowohl einander als auch Eddis ganz gerne dem eigenen Staatsgebiet einverleiben würden, ohnehin schon damit zu kämpfen hat, ein gewisses Gleichgewicht und damit seine Selbständigkeit zu wahren.

Die Meder bringen dieses Gleichgewicht empfindlich ins Wanken, natürlich nicht ohne Hintergedanken, was sowohl Sounis als auch Eddis und Attolia durchaus bewusst ist. Angestoßen von dem, was Gen bei seinem letzten Auftrag widerfahren ist, entwickelt sich nun ein kompliziertes Wechselspiel aus Aktion und Reaktion. Es ist, als versuchten alle Beteiligten, mit je vier Bällen zu jonglieren, während sie auf einer großen Kugel balancieren, der jemand einen Schubs gegeben hat. Ein wahrer Eiertanz!

Jedes Mal, wenn Eddis neue Maßnahmen ergreift, um der Bedrohung durch einen ihrer drei Gegenspieler zu begegnen, scheint es, als würde sie dadurch einem der anderen einen Vorteil verschaffen, den derjenige natürlich sofort ausnutzt. So schaukelt sich die Entwicklung immer weiter hoch, bis Gen schließlich eine Verzweiflungstat plant und durchführt. Die ganze Zeit sitzt der Leser da und erwartet, dass jeden Moment irgendetwas schiefgehen wird an diesem Himmelfahrtsplan, den der Leser im Detail gar nicht kennt, und das, während er schon Seite um Seite erlebt hat, wie die Meder ihrem Ziel allmählich immer näherkommen.

Natürlich hat die Autorin auch diesmal wieder ein paar Andeutungen fallen lassen, aber so fein und beiläufig, dass sie vom Nahen der drohenden Katastrophe fast völlig überlagert werden. Aber nur fast, und so kam die überraschende Wende in diesem Band nicht ganz so überraschend wie im Vorgänger. Hier ging es eher um das wie als um das ob.

_Unterm Strich_ war der zweite Band trotzdem wesentlich interessanter, abwechslungsreicher und spannender als der Erste. Sogar die Legende, die auch diesmal wieder eingeflochten war, hat mir besser gefallen als die im ersten Band. Allein die Romanze fand ich ein wenig zweifelhaft, vor allem, weil in diesem Zusammenhang keinerlei Andeutungen vorhanden waren, die den Leser darauf hätten vorbereiten können. Dieser Teil der Geschichte wirkte daher eher ein wenig willkürlich als wirklich überraschend.

Insgesamt war die Steigerung, die hier stattgefunden hat, recht ermutigend, was die Lektüre des dritten Bandes angeht. Sollte sich das so fortsetzen, dürfte „Der Gebieter“ richtig gut werden.

_Megan Whalen Turner_ stammt aus den USA, studierte Anglistik und arbeitete zunächst als Buchhändlerin, ehe sie sich dem Schreiben zuwandte. Zunächst veröffentlichte sie Kurzgeschichtensammlungen, mit „Der Dieb“, dem Auftakt zum Zyklus |Die Legenden von Attolia|, schrieb sie ihren ersten Roman. Der dritte Band, „Der Gebieter“, ist ebenfalls bereits auf Deutsch erhältlich, der vierte Band erschien im März des vergangenen Jahres auf Englisch unter dem Titel „A Conspiracy of Kings“.

|Taschenbuch 348 Seiten
Originaltitel: Attolia 2: The Queen of Attolia
Deutsch von Maike Claußnitzer
ISBN-13: 978-3-442-26849-8|
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Turner, Megan Whalen – Dieb, Der (Die Legenden von Attolia 1)

_|Die Legenden von Attolia|:_

Band 1: [„Der Dieb“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7530
Band 2: [„Die Königin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7531
Band 3: [„Der Gebieter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7532
Band 4: „A Conspiracy of Kings“ (noch ohne dt. Titel)

_Gen hat einfach_ nicht gelernt, den Mund zu halten. Nun sitzt er im Gefängnis und denkt über seinen Übermut nach. Da wird er überraschend aus seiner Zelle und zum Magus des Königs geschleppt. Der bietet ihm die Freiheit an, wenn Gen ein kostbares, mythisches Artefakt für ihn stiehlt …

_Man kann_ von diesem Buch nicht unbedingt behaupten, dass es sich durch Komplexität auszeichnete. Die Geschichte ist in der Ich-Form aus Gens Sicht erzählt und Gen beschränkt sich dabei auf das Offensichtliche. Zwar beobachtet er die Mitglieder seiner Reisegesellschaft, aber seine Schlussfolgerungen behält er für sich.

Das führt dazu, dass die Charakterzeichnung eher dürftig geraten ist. Der Magus, ein Gelehrter und königlicher Berater, wirft zwar zu Beginn noch mit Drohungen um sich, stellt sich mit der Zeit aber als gar nicht so unfreundlich heraus. Sophos ist ein Lehrling des Magus, schüchtern, freundlich und sehr intelligent, dafür aber ein schlechter Reiter und Fechter. Ambiades, der andere Lehrling, ist eingebildet und unzufrieden und nutzt deshalb jede Gelegenheit, Sophos dessen „Mängel“ unter die Nase zu reiben. Pol dagegen gibt den schweigsamen, kompetenten Kämpfer.

Auch Gen selbst bleibt eher blass, denn alle seine Gedanken, die über die Beurteilung der aktuellen Situation hinausgehen, sind so vage, dass sie so gut wie nichts über ihn aussagen. So zeichnet er sich den größten Teil der Zeit durch seine große Klappe und sein ständiges Gemaule aus.

Da Gen seine Geschichte selbst erzählt, besteht die Handlung auch nur aus einem einzigen Handlungsstrang. Und die Hälfte dieses Strangs handelt von der Reise zum Ort des Diebstahls. Außer einiger mehr oder weniger heftiger Geplänkel zwischen Gen und Ambiades sind nur die Legenden erwähnenswert, die sowohl als Abendunterhaltung als auch als Unterricht für die Lehrlinge dienen und nebenbei die Welt etwas auszubauen, in der die Geschichte spielt.

Leider hat die Autorin sich da zu einem ganz erheblichen Teil von der altgriechischen Geschichte inspirieren lassen. Das Götterpantheon bis hin zu den Namen der Götter, aber auch andere Figuren wie Asklepios und Archimedes sind dort entliehen und teilweise – wenn überhaupt – nur geringfügig modifiziert. Das Nachwort der Autorin legt nahe, dass all dies für den durchschnittlichen Amerikaner durchaus neu und interessant sein könnte, dem durchschnittlichen Europäer dagegen dürfte fast alles davon bekannt vorkommen.

Immerhin zieht ab der Mitte des Buches die Spannung ein wenig an. Das Versteck der Geheimtür war zwar ziemlich offensichtlich, trotzdem war es nicht einfach für Gen, das Artefakt zu finden und zu bergen, und der Rückweg verläuft auch nicht mehr so glatt wie der Hinweg.

Mit den Komplikationen nehmen allerdings auch logische Haken zu. Der Magus hat ein solches Geheimnis um das Artefakt gemacht und trägt es nun offen über der Kleidung um den Hals? Und wie passen Pols Maßnahmen an der Klippe zu seinem eigentlichen Auftrag, nämlich zuerst und vor allem Sophos zu beschützen? Und wieso wurde Gen bei seiner Gefangennahme sein Werkzeug nicht abgenommen, obwohl seine Identität offenbar bekannt war? Den gravierendsten Punkt kann ich an dieser Stelle allerdings nicht erwähnen, ohne den Clou des gesamten Buches zu verraten.

Anderes, wie zum Beispiel die Art und Weise, in der es Gen gelingen konnte, schwer verletzt und gleichzeitig unbemerkt aus einem Gästezimmer in einen schwerbewachten Kerker zu gelangen, hat die Autorin erst gar nicht beschrieben.

Sehr gelungen fand ich dagegen den Schluss des Buches. Da Gen stets so knauserig mit gehaltvollen Gedankengängen war, kommt die Auflösung der Handlung wirklich überraschend. Und so manche Äußerung, die mir während des Lesens nicht besonders auffiel oder mit der ich zunächst nicht wirklich etwas anfangen konnte, ergab in diesem Zusammenhang plötzlich einen neuen oder überhaupt erst einen Sinn.

_Insgesamt gesehen_ fand ich diesen ersten Band des |Attolia|-Zyklus nicht übermäßig gehaltvoll. Die lineare, einfach gestrickte Handlung und die starke Anlehnung an Teile der griechischen Mythologie sowie die oberflächliche Charakterzeichnung verhinderten, dass der Text die Art von Sog entwickelte, die ein gutes Buch auszeichnet. Auch die Spannung entwickelte sich nicht stark genug, um mich wirklich zu fesseln, dafür verlief vieles einfach zu glatt, Höhepunkte gab es keine. Allein das überraschende Ende bot einen echten Lichtblick, was zumindest diesen ersten Band des Zyklus bestenfalls zu einem leichten Happen für Zwischendurch macht.

Der zweite Band weitet den Handlungsrahmen auf den schwelenden Konflikt zwischen den drei Kleinstaaten und die Bedrohung durch den mächtigen Nachbarn jenseits des Meeres aus. Vielleicht gelingt es der Autorin, aus dieser Konstellation etwas mehr Spannung zu erzeugen, als sie bei der Queste des ersten Bandes zustande gebracht hat.

_Megan Whalen Turner_ stammt aus den USA, studierte Anglistik und arbeitete zunächst als Buchhändlerin, ehe sie sich dem Schreiben zuwandte. Zunächst veröffentlichte sie Kurzgeschichtensammlungen, „Der Dieb“ ist ihr erster Roman. Zwei der Folgebände, „Die Königin“ und „Der Gebieter“, sind ebenfalls bereits auf Deutsch erhältlich, der vierte Band erschien im März des vergangenen Jahres auf Englisch unter dem Titel „A Conspiracy of Kings“.

|Taschenbuch 297 Seiten
Originaltitel: Attolia 1: The Thief
Deutsch von Maike Claußnitzer
ISBN-13: 978-3-442-26843-6|
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Elspeth Cooper – „Die Lieder der Erde“ (Die wilde Jagd 1)

Die wilde Jagd:

Band 1: „Die Lieder der Erde“
Band 2: „Trinity Moon“ (19.04.2012, noch ohne dt. Titel)
Band 3: „The Dragon House“ (angekündigt, noch ohne dt. Titel)

Gair besitzt magische Fähigkeiten, was in seiner Heimat einem Todesurteil gleichkommt. Nur durch ein Wunder, wie es scheint, ist er dem Scheiterhaufen entgangen und hat in dem alten Alderan auch noch einen freundlichen Helfer gefunden. Nun ist er auf dem Weg nach Westen, denn Alderan hat ihm einen Platz an seiner Akademie angeboten, und Gair mag Bücher. Doch seine Alpträume lassen ihn nicht los. Und auch die Kirche scheint sich nicht damit abfinden zu wollen, dass er dem Tod entronnen ist, denn sie hat ihm einen Hexenjäger hinterhergeschickt …

Laut Klappentext ist Elspeth Coopers Buch „einer der größten Fantasy-Romane“ unserer Zeit. Ein ziemlich vollmundiges Lob! Zu Beginn der Lektüre kamen mir da allerdings gelinde Zweifel.

Der Anfang der Geschichte liest sich irgendwie holperig und zusammenhanglos. Die Erzählsicht wechselt innerhalb der ersten Kapitel ziemlich häufig, nicht nur zwischen unterschiedlichen Personen, sondern auch zwischen verschiedenen Zeitebenen. Diese Wechsel sind bestenfalls durch eine Leerzeile und einen neuen Absatz gekennzeichnet, die sich aber auch an Stellen finden, an denen die Erzählsicht nicht wechselt. Das führt dazu, dass der Leser sich immer wieder mal überraschend in einem völlig anderen Zusammenhang wiederfindet. Nachdem Gair den Einflussbereich der Stadt Dremen verlassen hatte, wurde es etwas besser, aber auch in den späteren Kapiteln war die Handlung ab und an immer noch gut für einen überraschenden Sprung.

Nach dem holperigen Einstieg verläuft die Handlung grob gesagt in drei Strängen. Einer dreht sich um einen Mann namens Masen, einer zeigt die Ereignisse in Dremen nach Gairs Flucht, und der Hauptstrang erzählt natürlich von Gair.

Der Strang um Masen dient vorwiegend der Erklärung der Welt. Hier erfährt der Leser Details über den Schleier und seine Funktion sowie über die Wesen in der Welt auf der anderen Seite des Schleiers. Nicht unbedingt ausführlich und erschöpfend, aber die Skizze ist deutlich genug, um eine spürbare Bedrohung aufzubauen und gleichzeitig eine Differenzierung zu ermöglichen. Nicht alle Geschöpfe der anderen Seite sind bösartig.

Die Ereignisse in Dremen bestehen hauptsächlich aus Politik. Anfangs störte mich die Darstellung der Kirche. Ihre Lehren sind dogmatisch und intolerant, ihre Methoden grausam. Gleichzeitig stammt ein Großteil der Begriffe aus dem christlichen Bereich: das Gebet, das Gair so oft wiederholt, klingt extrem nach Rosenkranz, es gibt ein heiliges Buch, dessen Zitate teilweise aus der Bergpredigt stammen könnten, es gibt eine Inquisition und ein Sakrament, das nahezu völlig dem Abendmahl der katholischen Messe entspricht. Dass die Gottheit dieser Kirche eine Göttin ist, macht da auch keinen großen Unterschied mehr. Falls die Autorin die Absicht hatte, hier ihre eigene persönliche Kirchenkritik zu formulieren, hat sie meiner Meinung nach das falsche Medium gewählt. Und falls sie diese Absicht nicht hatte, hätte sie sich vielleicht ein wenig mehr Mühe geben können, um sich eine eigene Art von Kirche auszudenken.
Dieser erste Eindruck mildert sich zum Glück mit fortschreitender Handlung. Und letztlich bietet dieser Strang die meisten Facetten, nicht nur, weil hier die meisten Personen aktiv sind, sondern auch, weil zusätzlich zur Politik auch noch Geschichtsforschung betrieben wird. Worum es bei all dem genau geht, hat die Autorin noch nicht verraten, aber das macht die Sache eigentlich nur interessanter.

Auch der Hauptstrang hatte seine Mankos. Der Weg zu den westlichen Inseln wirkt noch immer ein wenig holprig, weil zwischen den einzelnen Etappen, die gelegentlich mit ein wenig Action aufgepeppt wurden, jedes Mal größere Zeitsprünge liegen. Die treten auch nach Gairs Ankunft an der Akademie noch gelegentlich auf, wirken aber nicht mehr so störend, weil ab diesem Punkt wenigstens der Ort immer derselbe ist. Dafür focussiert sich die Handlung – nach einer eher kurzen und letztlich geradezu unbedeutend wirkenden Schwertkampfepisode mit einem Mitschüler, der Gair nicht mag – bald ziemlich stark auf Gairs Beziehung zu Aysha. Die Entstehung und Entwicklung dieser Beziehung wird sehr ausführlich dargestellt. Das störte mich aus mehreren Gründen: Zum einen war diese Beziehung absehbar ab dem Augenblick, in dem die beiden sich das erste Mal trafen, selbst, wenn Aysha nicht bereits im Klappentext als Gairs erste große Liebe bezeichnet worden wäre. Zum anderen entwickelt sich die Liebe zwischen den beiden zu einem ziemlich großen Teil, während sie in Tiergestalt unterwegs sind, was nicht unbedingt gesprächsfördernd wirkt, da Gair zu diesem Zeitpunkt die Telepathie noch nicht beherrscht. Vor allem aber drängt sie fast alles andere in den Hintergrund, auch die Sache mit Darrins Kristall, die für den Verlauf der Handlung eigentlich viel wichtiger war als spielende Wölfe im Schnee.

Ein wenig hatte es vielleicht auch mit den Charakteren zu tun: Gair ist ja ganz nett. Ein wenig naiv, da er in einem klösterlichen Ritterorden aufgewachsen ist, und auch unsicher, weil er als Findelkind seine Herkunft nicht kennt, weil er sein Leben lang gelernt hat, dass seine Fähigkeiten Sünde seien, und weil er ein Brandmal trägt, das ihn zum Ausgestoßenen macht. Aber er ist mutig, freundlich und hat einen ziemlich sicheren Instinkt für Gefahr. Aysha dagegen mochte ich nicht besonders. Sie ist charismatisch, schön und stolz, aber auch ziemlich egoistisch, zum Beispiel wenn sie Gair von anderen Unterrichtsstunden wegholt, um ihn selbst zu unterrichten. Nicht, dass ich die Gründe nicht verstehen könnte, selbstsüchtig fand ich sie trotzdem. Auch sonst ist sie ziemlich rücksichtslos, wenn es darum geht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen, wenngleich sie damit niemandem schadet. Tanith fand ich viel sympathischer. Sie ist genauso stark und mutig und genauso schön, aber sanftmütiger und nicht so selbstbezogen. Eigentlich würde sie viel besser zu Gair passen.

Ein ziemlich interessanter Charakter ist Ansel, das Oberhaupt der Kirche. Bevor er Präzeptor wurde, war er Kirchenritter und hat Krieg gegen die Wüstenstämme geführt, dementsprechend sind seine Umgangsformen. Von den Dogmatikern innerhalb des Rats von Kirchenmännern hält er gar nichts. Außerdem scheint er wesentlich weitsichtiger zu sein als die meisten Räte, denn während die sich mit kleinlichen Intrigen beschäftigen, versucht er, die Lösung für ein Problem zu finden, von dessen Existenz die anderen offenbar noch gar nichts gemerkt haben. Dadurch trägt Ansel ganz massiv dazu bei, den ersten Eindruck von der Kirche als Gesamtheit zu differenzieren.

Und dann ist da noch Savin. Er taucht zu Beginn einmal kurz auf und ist dann fast das gesamte Buch über verschwunden, nur um zum Showdown überraschend wieder aufzutauchen. Sein Verhalten ist allerdings ziemlich unlogisch. Warum sollte jemand versuchen, seinen Gegenüber erst zu umgarnen, dann, ihn umzubringen, und zuletzt, ihn zu benutzen? Falls es dafür einen triftigen Grund gibt, erfährt der Leser ihn erst in den Folgebänden.

Immerhin ist Savin durchaus für eine Überraschung gut. Und nachdem er wieder aufgetaucht ist, zieht auch die Spannung an, und zwar ganz gehörig. An dieser Stelle kommt zum ersten Mal richtig Bewegung und Dramatik in die Handlung. Nicht, dass es vorher langweilig gewesen wäre. Wirklich uninteressant fand ich eigentlich nur das ausgiebige Geplänkel zwischen Gair und Aysha. Ein echter Sog entwickelte sich aber erst auf den letzten hundert Seiten, dafür dann aber gleich richtig.

Unterm Strich war der Eindruck ein wenig durchwachsen. Nachdem ich das Geholper der ersten paar Kapitel hinter mich gebracht hatte, las sich das Buch zunehmend flüssig und interessant. Die Charaktere waren zwar nicht allzu intensiv gezeichnet, aber immerhin sympathisch, und Alderans Geheimniskrämerei sorgte dafür, dass ich neugierig blieb. Die kleinen Actionszenen auf Gairs Reise reichten zwar nicht aus für einen echten Spannungsbogen, hielten die Handlung aber immerhin abwechslungsreich. Über den späteren Durchhänger, den Gairs Liebesbeziehung für mich bedeutete, rettete mich Ansel hinweg. Und der Showdown war wirklich gelungen, und das nicht nur, weil der Angriff aus einer völlig unerwarteten Richtung kam.

Zu den „größten Fantasy-Romanen unserer Zeit“ würde ich es also nicht zählen. Aber ich denke, ich werde dem nächsten Band eine Chance geben. Da Aysha nicht mehr da ist, dürfte das störende Gebalze als stärkstes Gegenargument wohl wegfallen. Ansels Geschichtsforschungen und sonstigen Maßnahmen klingen interessant und vielversprechend. Und der Hexenjäger und Savin sind bisher so wenig zum Zug gekommen, dass ihr Potenzial noch nahezu unverbraucht ist. Falls die Autorin tatsächlich die Romantik zu deren Gunsten etwas drosselt, könnte die Fortsetzung des Zyklus so spannend werden wie das Ende des ersten Bandes.

Elspeth Cooper stammt aus dem Nordosten Englands und ist vernarrt in Bücher, seit sie allein lesen kann. Vor allem Epen haben es ihr angetan. Nach der Schule arbeitete sie zunächst für eine Softwarefirma, bis die Diagnose Multiple Sclerose ihre Bewegungsfähigkeit einschränkte, woraufhin sie sich dem Schreiben widmete. „Die Lieder der Erde“ ist ihr erster Roman und der erste Band ihrer Trilogie |Die wilde Jagd|. Ein deutsches Veröffentlichungsdatum für die Folgebände „Trinity Moon“ und „The Dragon House“ steht noch nicht fest.

Taschenbuch 557 Seiten
Originaltitel: Songs of the Earth – The Wild Hunt 1
aus dem Englischen von Michael Siefener
ISBN-13: 978-3-453-26713-8

http://elspethcooper.com/blog
http://www.heyne.de

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Wilhelm, Kate – Inseln im Chaos

_Chaostheorie und Mädchenmord: spannender Justizthriller_

Fünf Jahre lang hat man Lucas Kendrick unter Drogen gehalten, angeblich im Rahmen eines Forschungsprojekts. Doch dann gelingt ihm die Flucht. Kaum ist er zu Hause angekommen, findet man ihn ermordet auf, und man verdächtigt Nell, seine Frau, der Tat. Barbara Holloway, die Nells Verteidigung zunächst lustlos übernimmt, stößt bald auf merkwürdige Ungereimtheiten, die sie stutzig machen – und in tödliche Gefahr bringen … (abgewandelte Verlagsinfo)

Dieser Roman wurde 1997 mit dem deutschen Kurd-Laßwitz-Preis als bester ausländischer Roman des Jahres ausgezeichnet.

_Die Autorin_

Die amerikanische Schriftstellerin Kate Wilhelm, geboren 1928, zeichnet sich durch eine sehr nah am Menschen orientierte Thematik und Darstellungsweise aus. Das hebt ihre vielfach ausgezeichneten Erzählungen und Romane über die Bindung an Moden und Tagesereignisse hinaus auf ein überzeitlich gültiges Niveau der Aussagekraft. Mit dem Post-Holocaust-Roman „Hier sangen früher Vögel“ errang sie zahlreiche Preise, aber der Großteil ihres Werkes besteht aus Kriminalromanen und Thrillern. Sie ist die Gattin des Autors und Herausgebers Damon Knight.

Wichtige Werke:

1) „Hier sangen früher Vögel“ (HUGO Award)
2) „Der Clewiston-Test“
3) „Inseln im Chaos“
4) „Huysmans Schoßtierchen“
5) „Margaret und ich“
6) „Somerset träumt“ (Storys)
7) „Kinder im Wind“ (Novellen)

Die |Barbara Holloway|-Reihe:

1. „Death Qualified: A Mystery of Chaos“ (1991)
2. „The Best Defense“ (1994)
4. „Defense for the Devil“ (1999)
5. „No Defense“ (2000)
6. „Desperate Measures“ (2001)
7. „The Clear and Convincing Proof“ (2003)
8. „The Unbidden Truth“ (2004)
9. „Sleight Of Hand“ (2006)
10. „A Wrongful Death“ (2007)
11. „Cold Case“ (2008)
12. „Heaven Is High“ (2011)

_Handlung_

|Lucas|

Alle hier am College in Denver nennen ihn nur Tom. Alle, vor allem die Psychiaterin Dr. Karen Brandewyne, die ihn am schärfsten kontrolliert, dann aber auch der Computerspezialist Dr. Herbert Margolis und der Physiker Dr. Schumaker von der naturwissenschaftlichen Fakultät. Tom arbeitet als Handlanger für alles am College, vor allem als Fensterputzer und im Garten. Er hat immer brav seine roten Pillen genommen, und sie fragten ihn, ob er Träume und Episoden gehabt habe.

Dann fand er den Zettel in seiner Hand: „Nimm die Pillen nicht!“ Seitdem er diesen Rat befolgt und die Entzugserscheinungen überstanden hat, kann er sich zunehmend an mehr Dinge erinnern, so etwa an den Namen seiner Frau: Nell. Und Travis? Travis ist sein Sohn! Aber wie heißt er selbst mit richtigem Namen? Schumaker spricht ihn im Scherz aus: Lucas. Lucas Kendrick. Und er kann immer noch seine „Schale“ ausdehnen und zusammenziehen, wie er will, um die anderen zu belauschen.

Er ist zum Minimarkt gegangen und hat sich Zeitungen gekauft. Man schreibt inzwischen 1989. Sieben Jahre ist er bereits hier. Die Erinnerungen sind ein einziges Chaos, aber da war mal die Rede von Blut, viel Blut. Alles wurde vertuscht, und er durfte nicht mehr Lucas heißen, nur noch Tom. Doch diese Zeit ist jetzt vorbei. Er muss abhauen. Die Bänder sind immer noch in ihrem Versteck im Doppelboden des Wandschranks und die Disketten sind in der Scheune von Brandewyne. Dann macht er sich in seinem alten Honda nahezu unbemerkt davon auf zu Nell.

|Nell|

Nell hat Lucas seit Jahren nicht mehr gesehen, seit er sie das letzte Mal besuchte und ihr ein zweites Kind machte: Carol. Inzwischen hat sie mit dem Doc in der Nachbarschaft ein Verhältnis angefangen, von dem aber keiner wissen darf, vor allem nicht Docs Ehefrau, die gelähmte Jessie. Nell ist unabhängig, mit eigenem Haus und einem zweiten, an einen Tierarzt vermieteten Haus. Außerdem verfügt sie in Gestalt eines Waldes über ein Vermögen. Und das erzeugt Neider.

Dieser Tag jedoch bringt eine Menge Ungemach: Erst treibt eine Frauenleiche im Fluss, dann wollen zwei Männer die große Kiefer auf ihrem Grundstück fällen und schließlich taucht auch noch Lucas auf. Sie hat ihn erwartet, denn ihre Schwiegereltern John und Amy haben sie vorgewarnt und sie konnte ihre Kinder zu ihnen in Sicherheit bringen. Was führt Lucas im Schilde, fragt sie sich, als sie im Wald auf ihrem Lieblingsfelsen sitzt. Da kommt er auch schon. Er lacht sie an und ruft: „Pass auf!“ Doch da fällt ein Schuss – und in den Kopf getroffen stürzt Lucas hinterrücks in eine Schlucht!

|Barbara |

Barbara Holloway befindet sich gerade in Phoenix, Arizona, als ihr Vater Frank, ein Rechtsanwalt, anruft: „Ich brauche deine Hilfe. Es gibt hier einen Fall, den ich nicht übernehmen kann.“ Denn Barbara hat ebenfalls einige Jahre als Strafverteidigerin gearbeitet. Wie sich herausstellt, ist der nicht übernehmbare Fall der von Nell Kendricks. Sie steht unter dem dringenden Verdacht, ihren Mann Lucas erschossen zu haben. Und dass sie eine exzellente Schützin ist, hat sie ja an jenem verhängnisvollen Tag demonstriert, als sie eine Bierdose vom Lastwagen jener zwei unerwünschten Holzfäller schoss.

Nicht genug damit, ist Lucas Kendricks dringend verdächtig, der Mörder jener im MacKenzie-Fluss treibenden Frau gewesen zu sein. Die junge Frau war eine Wanderin, die zusammen mit ihrer Begleiterin auf einer Wandertour durch den Westen der USA unterwegs war. Lucas nahm sie auf der anderen Seite des Gebirgskammes in seinem Wagen mit. Dann müssen sich in den Bergen schreckliche Dinge zugetragen haben, denn die Autopsie der Leiche hat grausame Verletzungen zutage gefördert. Nell Kendricks glaubt keine Sekunde, dass Lucas zu solchen Dingen in der Lage war. Doch wer war es dann?

Nachdem sich Barbara die Ereignisse aus Franks und Nells Sicht hat darstellen lassen, übernimmt sie den Fall, fährt zum Sheriff jenes Landkreises, wo Lucas und das Mädchen Janet zuletzt gesehen wurden – und wo Lucas‘ Eltern leben. Sheriff LeMans kennt die Familie von John Kendricks schon lange, und so ist er auf dem Laufenden, was einige Merkwürdigkeiten anbelangt.

Lucas‘ Auto etwa wurde nach der eingehenden Untersuchung an John Kendricks freigegeben. In der Nacht darauf wurde der Wagen still und leise völlig auseinandergenommen und auch die Wohnung der Kendricks auf den Kopf gestellt. Das gleiche Bild bot sich bei den Lagerstellen von Lucas. Jemand sucht etwas, und zwar ganz dringend.

Waren es Lucas‘ Verfolger?

_Mein Eindruck_

Es gilt also für Barbara Holloway und ihren Vater und Lehrmeister, zwei Rätsel zu lösen: erstens die Tode von Lucas und der jungen Frau, welche zusammenzuhängen scheinen; und zweitens, was überhaupt mit Lucas in jenem obskuren College in Denver passiert ist. Denn offenbar passierten dort zwei weitere Morde im Herbst 1982. Wie hängen diese Ereignisse miteinander zusammen, fragt sich Barbara fortwährend und setzt einen Privatdetektiv ein, der die Fakten aufdecken soll.

Unterdessen forscht sie selbst nach der Sache, mit der sich Lucas nach Nells Angaben beschäftigte, nämlich Fraktalen und Chaostheorie. Hier kommt der Wissenschaftsaspekt des Grundthemas zum Tragen, wird aber nie so dominant, dass man unbesehen sagen könnte: Ja, dies ist ein Science-Fiction-Roman. Nein, die Chaostheorie führt vielmehr dazu, dass Barbara den jungen Mathematiker Mike Dinesen kennen und lieben lernt. Nicht nur der Sex ist toll, sondern durch ihn fasst Barbara wieder neuen Lebensmut, den sie vor fünf Jahren verlor.

Durch Mike wird ein weiteres Element eingeführt: die fachliche und experimentelle Beschäftigung mit der Chaostheorie und den Versuchen, die ein gewisser Dr. Emil Frobisher in Denver anstellte. Frobishers Computerprogramm ist auf Disketten gespeichert, hinter denen Schumaker und Brandewyne her sind. Und Lucas hat Nell Tonbandaufnahmen hinterlassen, auf denen er seine Erlebnisse in Denver und auf seiner Heimreise schildert – bis er schon fast bei ihr war.

Aber warum sind die Disketten so brisant, dass dunkle Hintermänner bereit sind, dafür zu morden, fragt sich Barbara. Sie selbst entgeht dem tödlichen Ausgang eines Anschlags nur um Haaresbreite. Denn die Fakten, die sie in der langen und wendungsreichen Gerichtsverhandlung, die das gesamte mittlere Drittel des Buches einnimmt, auf den Tisch legt, belasten Dr. Brandewyne und ihre Mitverschwörer schwer.

Um die Frage nach der Chaostheorie und den Experimenten an Lucas zu beantworten, unterzieht sich Mike zur Barbaras Bestürzung selbst den Originalversuchen. Ihre Beklemmung wächst, als Brandewyne sie warnt, dass Programm paranoide Schizophrenie hervorrufen könne. Wird der geliebte Mike nun dem Wahnsinn verfallen? Doch es soll alles ganz anders kommen …

ACHTUNG, SPOILER!

Um das SF-Etikett zu rechtfertigen, ist es notwendig, zumindest anzudeuten, worin denn die Folgen von Lucas‘ und Mikes Behandlung bestehen. Das Frobisher-Programm verändert die Wahrnehmung der Welt, sollte man meinen. Aber die Folge davon ist verblüffend: Der Mensch, der diese Kunst beherrscht, kann sich willkürlich im Raum bewegen, wie es dem Beobachter scheint.

Dies ist jedoch nicht Teleportation, also die eigenständige und willentliche Bewegung durch den Raum, sondern eine Art Versteckspiel – von unserer Dimension in eine benachbarte (daher auch Lucas‘ Idee von der „Schale“). Folglich ist dieses Subjekt von einem Beobachter äußerst schwer zu sehen. Und das könnte im Showdown gegen den wahren Mörder Mikes und Barbaras Leben retten.

_Die Übersetzung _

Die Übersetzung durch Walter Brumm hat mir durchweg sehr gut gefallen. Aber wer Brumm kennt, weiß, dass er auf manchen Feldern Schwächen aufweist. So nennt er etwa einen „strange attractor“ (aus der Chaostheorie) nicht etwa „seltsamen Attraktor“, sondern „fremden Attraktor“. Diesen Fehler macht ich zuletzt in der 6. Klasse.

Auf S. 229 verwirrte mich ein weiterer „Brummismus“: „die Finger um die STECHER ihrer Waffen gekrümmt“. Gemeint ist wohl der „Abzug“.

S. 253: „ohne Belag für den Sachverhalt“. Korrekt müsste es „Belang“ heißen. Ein weiterer Buchstabe fehlt in dem Satz „Warum ließen Sie die Waffe auf [d]er Couch liegen?“ Auch vergessene Kommata sind bei Brumm recht beliebt.

Manchmal fragte ich mich, ob Brumm über das Geschlecht mancher Wörter Bescheid weiß. So etwa in dem Satz auf Seite 484: „Okay, schließen wir ein[en] Kompromiss.“ Aber wahrscheinlich ist auch dies nur ein weiterer Fall von vergessenen Buchstaben. Genau wie in folgendem Satz auf 522: „Die Beamten werden ein[en] irre redenden Verrückten vor sich haben.“

_Unterm Strich_

Dieser Roman hat mich wider Erwarten von der ersten Seite an gefesselt. Ich habe ihn in nur wenigen Tagen ausgelesen, so befriedigend und wendungsreich fand ich die Lektüre. Die Erzählung bleibt immer sehr nah an den Figuren dran und teilt uns ihre Gemütsverfassung, Gedanken, Gefühle und Empfindungen minutiös mit. Deshalb ist der Roman auch für einen Thriller ungewöhnlich umfangreich.

Das Interesse an den Figuren geht einher mit der eingehenden Schilderung ihres Lebensraumes: Oregon in der Nähe der Hauptstadt Eugene, direkt unten am Fluss McKenzie, der in jeder Jahreszeit anders aussieht. Zuweilen dachte ich, die Autorin habe quasi einen Heimatroman geschrieben, denn schließlich lebt sie in dieser Gegend. Dass sie sich bestens mit der Landschaft und ihren Menschen auskennt, merkt man in jeder Zeile. Das vermittelt ein Vertrauen in ihre Darstellung ein, die man bei vielen Schriftstellern, zumal in der Phantastik, vergeblich sucht.

Der innovative Wissenschaftsaspekt, den man bei einem Buch mit SF-Etikett erwartet, spielt wirklich nur ganz am Rande eine Rolle. Vielmehr sind es die Wissenschaftler selbst, die auf den Prüfstand gestellt werden. und das ganz wörtlich, nämlich im Gerichtssaal. Hier liefert Barbara Holloway, die Serienheldin, eine fulminante Vorstellung als Verteidigerin – nicht zuletzt gegen einen Staatsanwalt als Gegner, mit dem sie noch ein Hühnchen zu rupfen hat. (Er war mit der Grund, warum sie vor fünf Jahren ihre Heimat verließ.)

Langer Rede kurzer Sinn: Selbst noch nach 20 Jahren – das Original erschien 1991 – wirkt die menschliche Interaktion in diesem Roman taufrisch und weiß mit Überraschungen aufzuwarten. Da fallen solche Details wie frühe IBM-PCs mit Disketten nicht so ins Gewicht. Ich hab selbst mit diesen Kisten gearbeitet – wenn man mit ihnen umgehen konnte, lieferten sie einwandfreie Ergebnisse. Und die zwei Kinder, die im Buch das Frobisher-Programm ausprobieren (Mikes Vermächtnis), könnten auch heute leben – und eine wundersame Wandlung durchmachen.

|Gebunden: 589 Seiten
Originaltitel: Death Qualified. A Mystery of Chaos (1991)
Aus dem US-Englischen von Walter Brumm
ISBN-13: 978-3453118775|
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Harkness, Deborah – Seelen der Nacht, Die (All Souls 1)

_|All Souls|-Trilogie:_

Band 1. _“Die Seelen der Nacht“_
Band 2: „Shadow of Night“ (2012)
Band 3: geplant

|“Es beginnt mit Mangel und Verlangen.
Es beginnt mit Blut und Angst.
Es beginnt mit einem Hexenfund.“|

_Diana Bishop ist nicht nur Historikerin_ mit Leib und Seele, in ihr fließt auch das Blut eines alten und mächtigen Hexengeschlechts. Seit dem grausamen Tod ihrer Eltern unterdrückt Diana ihre Kräfte so gut sie kann und hat der Hexerei größtmöglich den Rücken zugewandt.

Bei ihren Studien in Oxford bekommt sie ein mysteriöses magisches Hexenbuch in die Hände und fortan ist es ihr unmöglich, ihre Wurzeln zu verleugnen. Seit über 150 Jahren war das Manuskript verschwunden und mit dem Moment, als Diana es in den Händen hält, ist jede Hexe, jeder Dämon und auch jeder Vampir hinter ihr her, um das geheime magische Wissen zu entschlüsseln.

Doch ein Vampir scheint Diana helfen zu wollen. Matthew Clairmont, ebenfalls Akademiker und zudem mit der Lebenserfahrung von 1500 Jaren gesegnet, will mit ihr die düstern Gestalten bekämpfen und zudem ihre Macht entfesseln. Aus anfänglich großer Abneigung wird Sympathie, was die Sache allerdings noch kritischer macht, als sie ohnehin schon ist. Der Konvent der magischen Wesen, die Kongregation, verbietet das Mischen der Rassen und verfolgt Diana und Matthew nur um so intensiver.

_Kritik_

Deborah Harkness erzählt in „Die Seelen der Nacht“ von großen Abenteuern, einer mächtigen Liebe und Geheimnissen, die sich erst langsam offenbaren. Hexen, Vampire und Dämonen kämpfen mit- und gegeneinander.

Kaum zu glauben, dass es sich bei „Die Seelen der Nacht“ um einen Debütroman handeln soll. Die Autorin erzählt die Geschichte um Diana Bishop in einer unglaublichen Komplexität. Die Sprache ist dabei einfach gehalten, aber trotzdem bildgewaltig. Mit viel Liebe zum Detail führt die Autorin ihre Leser facettenreich in die Geschichte ein. Nicht nur die charmanten Darsteller werden gründlich eingeführt, auch die unterschiedlichen Stimmungen und die ansprechenden Schauplätze werden mit viel Liebe facettenreich beschrieben. Besonders einfallsreich wurde zum Beispiel das Haus der Familie Bishop charakterisiert, dieses führt ein Eigenleben und entscheidet so auch, wer es betreten und dort verweilen darf. Da werden im Zweifel auch mal ein paar Zimmer angebaut. Schnell merkt der Leser auch, dass man es mit einer Weinkennerin zu tun hat, Deborah Harkness bescheibt die im Roman getrunkenen Weine so genau in Farbe, Duft und Geschmack, dass der Leser meinen könnte, diese riechen und schmecken zu können. Sinnliche Beschreibungen wie diese machen den Roman unter anderem aus.

In den vielseitigen Plot lässt die Autorin nicht nur die Fantasy einfließen, sie legt sehr viel Wert auf Wissenschaft, historische Ereignisse und überlieferte Persönlichkeiten. Dabei kratzt sie nicht nur an der Oberfläche dieser Themen, sondern führt die Leser in die Materie ein. Dass die Autorin sich mit mittelalterlicher Alchemie und Historie auskennt, merkt der Leser so schnell. In intelligente Dialoge verpackt wird so Wissen vermittelt. Manchmal kommt es da allerdings auch zu Längen, die überwunden werden wollen. Blickt der Leser am Ende dann aber auf das gebotene Gesamtpaket, sind diese im Nu verziehen. Die ausführlichen und detailverliebten Beschreibungen machen unter anderem den Charme der Geschichte aus.

Ohne in altbekannte Klischees der Fantasy zu verfallen, wurden die drei neben den Menschen bestehenden Arten entwickelt. Vampire, Dämonen und auch Hexen wurden in einem ganz anderen, neuen Licht gezeigt. Authentisch, gerne auch mit Hilfe modernster Wissenschaft wie DNA-Proben, erklärt die Autorin die Entstehung und Fähigkeiten der Arten. Dieses vermag sie so gekonnt, dass der Leser ihr dieses gerne abnehmen möchte.

Glaubwürdig wurde auch die Liebesgeschichte zwischen Diana und Matthew konzipiert. Anfängliches Misstrauen wird erst langsam zu Sympathie und Freundschaft, um dann in Liebe umzuschlagen. Eilig hat die Autorin es dabei nicht, sondern gibt ihren Figuren die nötige Zeit. Zarte Gefühle und eine wunderbare Romantik sind unerwartet greifbar und präsent.

Erzählt wird die Geschichte zum größten Teil aus der Perspektive Dianas. Diese Figur lernt der Leser so sehr genau kennen und ihr umfassender Blick auf die Gesamtsituation lässt kaum Fragen offen. Manche Kapitel sind dann aus dem Blickwinkel einer beobachtenden dritten Person geschrieben, diese kommt zu Wort, wenn Matthew getrennt von Diana auftritt.

Der Spannungsbogen verläuft in „Die Seelen der Nacht“ mit Höhen und Tiefen. Hochspannende Szenen werden durch ruhigere und erklärende abgelöst. Passend zu dem 800 Seiten starken Schmöker wird dem Leser so die Möglichkeit gegeben, aus der Geschichte aufzutauchen und zu pausieren.

Mit einem Cliffhanger endet der erste Teil der Trilogie „All Souls“, dieser ist schon fast als grausam anzusehen. Der nächste Teil der Trilogie sollte daher nicht zu lange auf sich warten lassen, schließlich ist die Geschichte um Diana und Matthew noch lange nicht zu Ende erzählt.

Facettenreich werden die vielschichtigen Figuren, die den Roman bevölkern, beschrieben. Dabei achtet die Autorin auch darauf, dass die Nebenfiguren einen Wiedererkennungswert haben. Besonders lebendig sind allerdings die Hauptdarsteller gezeichnet. Aber egal ob Haupt- oder Nebendarsteller, jeder hat eine Geschichte zu erzählen, die auch gerne mal Jahrtausende zurückreicht. Dazu kommen vielschichtige Charaktereigenschaften.

Diana Bishop ist eine moderne Frau, die glaubt, ihr Leben fest in der Hand zu halten. Geprägt von dem frühen Verlust ihrer Eltern, hat sie sich ein Leben fernab der Magie aufgebaut. Trotzdem stellt sie sich mutig ihren Aufgaben. Fernab von Zauberstab und Hexenkessel stellt sie sich den Begebenheiten und zeigt eine beeindruckende Stärke.

Matthew Clairmont ist kein verweichlichter Möchtegernvampir, sondern besticht durch Reife und durch über die Jahrhunderte angesammeltes Wissen und Erfahrungen. Charme und Intellekt zeichnen ihn aus. Nach einer Frau und besonders nach einer Hexe verlangt es ihm nicht, geprägt durch seine Erfahrungen hält er lieber großen Abstand zu der Liebe. Bei Diana erwacht bei ihm jedoch ziemlich schnell ein exorbitanter Beschützerinstinkt.

Die Covergestaltung ist ein wahrer Eyecatcher, die pinken Blüten auf dunklem Hintergrund strahlen geradezu.

_Autorin_

Deborah Harkness ist Professorin für europäische Geschichte an der University of Southern California in Los Angeles. Für ihre wissenschaftlichen Arbeiten erhielt sie bereits mehrfach Stipendien und Auszeichnungen. Sie schreibt außerdem einen preisgekrönten Wein-Blog (http://goodwineunder20.blogspot.com).

„Die Seelen der Nacht“ ist Deborah Harkness‘ erster Roman, weitere Bücher der Autorin sind bei Blanvalet bereits in Vorbereitung.

_Fazit_

Der Roman „Die Seelen der Nacht“ sollte genossen werden wie ein alter Rotwein, langsam, um alle Facetten wahrzunehmen. Deborah Harkness vermag es, die Sinne ihrer Leser anzusprechen und zu verführen.

Glaubwürdige und vielseitige Charaktere, ein origineller Plot, Spannung und eine zauberhafte Romanze machen den Roman aus. Gepaart mit dem Wissen der US-Historikerin und einem Schreibstil, der keine Wünsche offen lässt, wurde hier ein Roman veröffentlicht, der das Zeug hat, die Bestsellerlisten anzuführen.

|Gebundene Ausgabe: 800 Seiten
Originaltitel: A Discovery of Witches
ISBN-13: 978-3764503918|
[www.randomhouse.de/blanvalet]http://www.randomhouse.de/blanvalet
[www.deborah-harkness.de]http://www.deborah-harkness.de

Pearce, Jackson – Blutrote Schwestern

_|Fairytale Retellings|:_

Band 1: _“Blutrote Schwestern“_
Band 2: „Sweetly“ (2011)
Band 3: „Fathomless“ (2012)

_Inhalt_

Rosie und Scarlett sind unzertrennlich. Die beiden Schwestern wohnen zusammen in einer kleinen Hütte in einem Dorf, das recht ruhig erscheint. Doch der Schein trügt: Regelmäßig verschwinden im Dorf und der Umgebung junge Mädchen, die ungeklärte Fälle bleiben. Nur Rosie, Scarlett und deren bester Freund Silas kennen die Wahrheit. Werwölfe, genannt Fenris, machen Jagd auf junge Mädchen, um diese zu töten.

Da Scarlett und Rosie durch Fenris bereits ihre Großmutter verloren haben, machen sie es sich zur Aufgabe, die Fenris anzulocken und zu töten. Als immer mehr Mädchen verschwinden und immer mehr Fenris in der Umgebung auftauchen, zieht es Silas, Rosie und Scarlett in die Großstadt. Hier wollen sie weitere Leben retten und die Stadt von den Fenris befreien, doch dann kommt es zum Bruch zwischen den Schwestern und die Freundschaft zu Silas steht auf dem Spiel …

_Eindruck_

„Blutrote Schwestern“ ist der erste Band der „Fairytale Retellings“-Reihe. Jackson Pearce hat sich mit dieser Reihe die Aufgabe gemacht, Märchen zu modernisieren, was ihr beim ersten Band mehr als gelungen ist. In „Blutrote Schwestern“ geht es um „Rotkäppchen“, das spannend, ereignisreich und sehr blutig umgesetzt wurde.

Jackson Pearce hat einen wahnsinnig tollen Schreibstil. Sie schreibt spannend, lebendig, flüssig und unglaublich unterhaltsam. Die düstere Stimmung hat sich direkt auf mich übertragen und ich bin nur so durch die Seiten geflogen. Charaktere, Orte und vor allem die Jagd werden sehr gut beschrieben, als wäre man mittendrin. Obwohl in dem Buch viele blutige und brutale Szenen vorkommen, versucht die Autorin dennoch, die Geschichte jugendfreundlich zu gestalten.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Scarlett und Rosie erzählt. Ihre Gedanken und Gefühle werden hierbei glaubhaft erzählt und man muss die beiden einfach gerne haben. Allerdings ist Rosie in meinen Augen die deutlich sympathischere Schwester.
Sie sind unzertrennlich und halten wie Pech und Schwefel zusammen. Nach der Ermordung ihrer Großmutter ist Scarlett wie eine Ersatzmutter für Rose geworden, obwohl die beiden Schwestern gerade mal zwei Jahre auseinander sind. Trotz aller Ähnlichkeit und Gemeinsamkeit sind die beiden Mädchen auch sehr unterschiedlich.

Für Scarlett gibt es nur die Jagd. Sie liebt den Schmerz, das Anködern und die Kämpfe mit den Fenris. Sie braucht das Ganze wie die Luft zum Atmen und braucht neben ihrer Schwester und ihrem besten Freund Silas nichts anderes auf der Welt. Durch ihre Verbissenheit nimmt sie häufig keine Rücksicht auf Rosie und merkt nicht, wie sehr das Mädchen ihre Freiheit vermisst. Durch die Jagd ist Scarlett, im Gegensatz zu Rosie, schwer entstellt. Auf ihrem Körper befinden sich unzählige Narben und sie hat nur noch ein Auge.

Rosie ist dagegen anders. Zwar ist sie ebenfalls die geborene Jägerin und geht regelmäßig auf die Jagd, aber dennoch ist dies nicht ihre Erfüllung. Sie möchte mehr aus ihrem Leben machen und möchte Hobbys wie jedes andere 16-jährige Mädchen. Da Rosie ihre Schwester jedoch nicht verletzen möchte, verzichtet sie oftmals auf andere Beschäftigungen.

Die Geschichte und das Leben der Fenris wird interessant dargestellt, aber auch sehr vorhersehbar, was ich ein wenig schade fand. Da aber gleichzeitig keine andere Lösung Sinn gemacht hätte, ist die Entwicklung in der Geschichte nachvollziehbar.

Das Cover hat mich zunächst etwas abgeschreckt, mittlerweile gefällt es mir jedoch richtig gut. Es wirkt düster und passt sich der Stimmung im Buch an. Je mehr ich über die Handlung erfahren durfte, umso mehr wusste ich die Buchgestaltung zu schätzen.

_Fazit_

Insgesamt konnte mich Jackson Pearce erneut von ihrem Talent überzeugen. Dieses Buch kann ich jedem empfehlen, der Märchen und Fantasyromane liebt. Ich freue mich bereits auf den zweiten Band, in dem „Hänsel und Gretel“ thematisiert wird.

|Hardcover: 368 Seiten
Originaltitel: Sisters Red
Ins Deutsche übertragen von Momo Evers, Falk Behr
ISBN 978-3426283523|
[www.pan-verlag.de]http://www.pan-verlag.de
[www.jackson-pearce.com]http://www.jackson-pearce.com

_Jackson Pearce bei |Buchwurm.info|:_
[„Drei Wünsche hast Du frei“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6687

Rex Gordon – Der Mars-Robinson (TERRA 79)

Gordon Mars-Robinson Cover kleinDas geschieht:

„Projekt M 76“ bezeichnet den Versuch Großbritanniens, den Nachbarplaneten Mars zu erreichen. Weder die US-amerikanischen Verbündeten noch die bösen Sowjets ahnen etwas von dem Raumschiff, das mit sieben Astronauten an Bord sein Ziel ansteuert. So wird es auch bleiben, denn ein Unfall im All kostet fast die gesamte Besatzung das Leben. Es überlebt nur Ingenieur Gordon Holder, der ohne Pilotenausbildung eine Bruchlandung auf dem Mars hinlegt.

Dort ist er nun gestrandet und gilt als tot. (Funk gab es seltsamerweise nicht an Bord.) Auf dem öden Mars ist die Luft dünn, das Wasser knapp und die Luft schneidend kalt. Es existieren nur seltsame, halbwegs essbare Pflanzen und phlegmatische Insekten. Aber Holder entdeckt den Robinson Crusoe in sich und beginnt, sich mit seinen beschränkten Hilfsmitteln aber viel Hirnschmalz ein Refugium zu schaffen. Er errichtet eine Wasser-Destille, stellt Sauerstoff her und baut sich einen Raupenbuggy, mit dem er die nähere und weitere Entfernung erkundet.

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Jeschke, Wolfgang (Hrsg.) – Ikarus 2001. Best of Science Fiction

Best of Classic SF, mit seltsamen Lücken

Wolfgang Jeschke, der ehemalige Herausgeber der SF- & Fantasy-Reihe im Heyne-Verlag, hat als seine letzten Herausgebertaten drei Bände mit den besten SF-Erzählungen veröffentlicht:

1) Ikarus 2001
2) Ikarus 2002
3) Fernes Licht

Die Beiträge in diesen drei Auswahlbänden stammen von den besten und bekanntesten AutorInnen in Science-Fiction und Phantastik. In diesem ersten Band sind Beiträge aus den Jahren 1955 bis 1987 vertreten.

Der Herausgeber

Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science-Fiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z. T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

Die Erzählungen

1) Walter M. Miller: Der Darfsteller (The Darfsteller, 1955)

In der nahen Zukunft hat das von programmierbaren Schaufensterpuppen ausgeführte „Autodrama“ das traditionelle Theaterschauspiel abgelöst – und mit ihm auch die menschlichen Darsteller. Thornier, der einst große Mime, hat dadurch seine Berufung verloren, doch er arbeitet immer noch im Theatergebäude: als Reinigungskraft. Dass er sich erniedrigt fühlt, versteht sich von selbst. Sein Kumpel Rick erklärt, wie das Autodrama im einzelnen funktioniert, und ein tollkühner Plan.

Als das neue Stück namens „Der Anarchist“ seine Premiere hat, will er die Puppe der Hauptfigur ausfallen lassen und für sie einspringen. Soweit klappt sein Plan auch hervorragend, denn die Koproduzentin spielt mit, ist sie doch eine alte Bekannte von Thornier. Doch dann taucht auch seine frühere Geliebte Mela auf, die ebenfalls in diesem Stück durch eine Puppe verkörpert wird. Und an diesem Punkt beginnen die Dinge schiefzugehen …

Mein Eindruck

In jeder Zeile verrät der Autor seine genaue Kenntnis des Theaters, und zwar nicht nur von dessen äußerer Mechanik und Verwaltung, sondern auch vom Innenleben der Schauspieler – wie sie „ticken“, was sie motiviert, was sie zum Versagen und zum Weitermachen bringen kann. Diese Psychologie erfüllt den Charakter der Hauptfigur der Geschichte auf glaubwürdige Weise und bringt den Leser dazu, mit ihm zu fühlen: sich zu freuen, mit ihm zu bangen.

Der Autor verschließt auch nicht die Augen vor der Notwendigkeit der Veränderung durch neue Technik: Rechner, Fernsehen, Schreibmaschine, was auch immer – nun ist es eben Autodrama. Doch er sagt auch, dass jede unabwendbar erscheinende Veränderung nicht immer zum Besten ausschlagen muss. Die Hauptsache ist doch meist, dass sie Geld einbringt. Wenn dadurch einige tausend Leute ihren Job verlieren – nun ja, dann müssen sie eben umsatteln. Leichter gesagt als getan.

Was die Geschichte inzwischen antiquiert erscheinen lässt (anno 1982 wohl nicht so sehr als jetzt, 2007), sind natürlich die technischen Details. Die Programmierung der „Mannequins“, die wie frühere Stars aussehen, erfolgt noch mit Lochstreifenbändern wie anno dazumal und noch nicht mit magnetischen (Festplatte) oder optischen Medien (mit Laserabtastung) wie heute. Auch das ein paar verwirrende Druckfehler den Leser stören, gehört zu den Schwächen dieses Textes. Auf Seite 388 muss es z.B. statt „mit einem … Federhütchen und dem Kopf“ natürlich „auf dem Kopf“ heißen.

2) David J. Masson: Ablösung (Traveller’s Rest, 1965)

Der Soldat H kämpft in vorderster Front einen Grenzkrieg, von dem er nicht weiß, wer der Feind ist und wer ihn angefangen hat. Endlich wird er abgelöst und darf zurück in die Heimat. Erst den Berg hinab, weiter unter Beschuss, dann ins Teil, wo er seinen Kampfschutzanzug loswird und Zivilkleidung bekommt. Er kann sich jetzt an seinen Namen erinnern: Hadol oder Hadolaris, richtig? Der Zeitgradient scheint auch seine Erinnerung zu beeinflussen.

Ganz oben an der Bergfront ist die Zeit aufgrund der Konzeleration am dichtesten: Sie vergeht kaum. Je weiter er ins Tal und dann in die Ebene gelangt, desto mehr Zeit vergeht für ihn subjektiv. Deshalb versucht er auch, so weit wie möglich von der Front wegzukommen, um eben mehr Zeit für sein Leben zu haben. Nicht jeder wird abgelöst, das muss er ausnutzen. An der Südostküste findet er einen Job in einer Firma und steigt dort im Laufe der Jahre auf, die nun vergehen. Er gründet eine Familie und zieht drei Kinder groß, für deren Zukunft er mit seiner Frau Mihanya schon Pläne schmiedet.

Doch nach 20 Jahren holen sie ihn wieder: drei Soldaten, die ihm seinen Einberufungsbefehl zeigen. Er muss sofort mitkommen, ohne seine Familie zu benachrichtigen. Alles verläuft wieder umgekehrt. Die Konzeleration schlägt wieder zu: Im Bunker an der Front sind seit seiner Ablösung lediglich 22 Minuten vergangen, rechnet er nach. Jetzt ist er nur noch Had, dann bloß noch H, als er lossprintet, um seine Stellung zu erreichen.

Mein Eindruck

Die Parallelwelt, in der Hadolarison lebt, hat einige Ähnlichkeit mit den Vereinigten Staaten, doch es gibt einen gravierenden Unterschied: die Zeitgradienten zwischen der Grenze in den Bergen und dem Hinterland. Dadurch vergeht die Zeit unterschiedlich schnell und sehr relativ. Das betrifft sogar den Aufenthalt im Nordosten im Gegensatz zum Südosten.

Merkwürdig kommt es Hadolaris vor, dass an der Grenze der Gradient praktisch gegen unendlich geht, so dass dort fast keine Zeit vergeht. Es ist, als wäre die Grenze ein Spiegel. Und wenn das stimmt, dann wären die Geschosse, die der Feind abfeuert, im Grunde die eigenen. Als er diesen ketzerischen Gedanken äußert, wird ihm gesagt, er solle sich nicht lächerlich machen.

Besonders interessant fand ich, dass zusammen mit der Zeitdehnung auch der Name des Soldaten immer länger wird: von H zu Had zu Hadol zu Hadolaris zu Hadolarisón und so weiter. In umgekehrter Richtung verkürzt sich der Name bis hin zum Einzelbuchstaben H. Hadols Bezeichnung allerdings lautet XN2. Die Entpersönlichung, die hier angedeutet wird, ist ein typisches Merkmal militärischer Strukturen, wie sie etwa in Kubricks „Full Metal Jacket“ erschreckend dargestellt wurden. Der Mensch darf nicht als Individuum existieren, sondern muss als Rädchen im Getriebe funktionieren, und das geht nur, wenn er austauschbar ist: eine Nummer.


3) Roger Zelazny: Der Former (He Who Shapes, 1965)

Bedeutende Forschungen auf dem Gebiet der Psychiatrie haben zur Einführung einer neuen Technik, der Neuro-Partizipations-Therapie, geführt. Mit ihrer Hilfe kann der Therapeut direkt in das Unterbewusstsein des Patienten eindringen, von dort aus den Heilungsprozess beginnen und den Patienten langsam umformen. Ein solcher „Former“ ist Charles Render. Er spielt Gott, indem er realistische Traumwelten in der Psyche seiner Patienten modelliert, die, richtig angewendet, zur allmählichen Gesundung führen sollen. Bis eines Tages …

Dr. Eileen Shallot, eine blinde Psychiaterin, bittet Charles Render, ihr über den Umweg der Geistesverbindung das Sehen zu ermöglichen, ein lang gehegter Wunsch der Blinden. Trotz der Gefahren, welche die Therapie bei willensstarken Personen mit sich bringt – die von Geburt an blinde Eileen verfügt über ein Realitätsempfinden, das stark von der tatsächlichen Realität abweicht – ist Render bereit, die Therapie zu beginnen. Um Eileens geistige Gesundheit zu erhalten, muss er ihre ‚idyllische‘ Weltsicht durch das Aufzeigen realer Dinge korrigieren. Aber sie erweist sich als stärker als er und zieht ihn in ihre Traumwelt hinein, bis es für Render kein Entkommen mehr gibt. Der Psychiater endet im Wahn. Aber in einem schönen.

Mein Eindruck

Ist dies nun eine Drogenstory, die sich auf einen Trip begibt, wie ihn Timothy Leary mit Hilfe von LSD verwirklichen wollte und anpries? Oder geht es doch „nur“ um den inner space, also die Bewusstseinswelt, die ähnlich bizarr ausfallen kann wie eine fremde Welt? Darin folgt Zelazny der britischen New Wave und ihrem wichtigsten Autor J. G. Ballard.

Der Autor zieht C.G. Jungs Psychologie heran, um den Leser durch eine Galerie mythischer Elemente zu führen, die teils aus der Artussage, teils aus der nordischen Götterdämmerung stammen. Es ist ein ganz schön bunter Trip, voll faszinierender Erlebnisse, und manchmal wünschte ich mir, auch so einen Former zu kennen, der mal mein eigenes Unterbewusstsein aufräumen würde. Zelazny hat die Novelle zu einem Roman ausgebaut: „The Dream Master“ erschien 1966.

4) Alfred Bester: Die Mörder Mohammeds (The Men Who Murdered Mohammed, 1967)

Henry Hassel, Professor am Psychotic Center der Unknown University irgendwo im Mittelwesten, ist eifersüchtig: Er hat seine Frau Greta in den Armen eines Fremden entdeckt. Doch statt sie beide über den Haufen zu schießen, fällt ihm als verrücktes Genie etwas viel Besseres ein: eine Reise in die Zeit, um Gretas Vorfahrinnen zu töten. Die Zeitmaschine ist rasch erfunden und Großvater sowie Großmutter getötet. Der Effekt? Gleich null. Greta und der Fremde liegen sich weiterhin in den Armen.

Nach einem Anruf bei der Künstlichen Intelligenz Sam ändert Henry seine Methode: Er setzt auf Masseneffekte. Daher erschießt er als nächsten George Washington im Jahr 1775. Die Wirkung? Absolut null. Ebenso auch bei Napoleon, Mohammed, Caesar und Christoph Kolumbus. Woran kann es nur liegen, fragt er sich frustriert.

Ein Anruf bei der Bibliotheks-KI bringt ihn auf die Spur eines weiteren Zeitreise-Genies: Israel Lennox, Astrophysiker, der 1975 verschwand. Zudem erfährt er, dass auch der Liebhaber seiner Frau ein Zeitspezialist ist, William Murphy. Könnte er ihn ausgetrickst haben? Lennox belehrt Henry eines Besseren: Henry Problem liegt nicht an seiner Methode, sondern an der Natur der Zeit: Sie ist stets individuell. Eine Veränderung betrifft stets nur den Zeitreisenden selbst, nicht aber die anderen Zielpersonen. Und weil jeder „Mord“ den Zeitreisenden weiter von seinen Mitmenschen entfernt, ist Henry Hassel jetzt ebenso wie Israel Lennox ein Geist …

Mein Eindruck

Die Story ist zwar völlig verrückt, aber eminent lesbar, wie so häufig bei Alfred Bester. Neu ist hier das Konzept, dass Zeit völlig individuell sein soll. Jedem Menschen ist wie einer Spaghettinudel im Kochtop seine eigene Zeit zugewiesen (von wem, fragt man sich). Das macht die Einwirkung auf andere Zeit-Besitzer, quasi also auf andere Nudeln im Topf, unmöglich. Noch irrsinniger ist die Vorstellung, dass all die Versuche, auf andere einzuwirken, zum Verschwinden des „Mörders“ führen könnten. Aufgrund welcher Gesetzmäßigkeit? Hat es etwas mit Entropie zu tun? Der Autor erklärt mal wieder nichts, obwohl er mit Formeln um sich wirft, was den Spaß nur halb so groß werden lässt.

5) J. G. Ballard: Der Garten der Zeit (The Garden of Time, 1967)

Graf Axel lebt mit seiner klavierspielenden Frau in einer prächtigen Villa, zu der ein See und ein bemerkenswerter Garten gehören: In diesem Garten wachsen die Zeitblumen. Eine Zeitblume speichert in ihrer kristallinen Struktur Zeit und wenn Graf Axel eine Blüte bricht, so dreht er die Zeit ein wenig zurück, mal eine Stunde, mal nur wenige Minuten, je nach der Größe und Reife der Blume.

Diesmal bricht er wieder eine, denn über die Anhöhe des Horizonts drängt eine Lumpenarmee auf die Villa zu, die alles in ihrem Weg zu zertrampeln und zu zerstören droht. Schwupps, ist die Armee wieder auf den Horizont zurückgeschlagen. Aber das nicht ewig so weitergehen. Leider sind nur noch ein halbes Dutzend Zeitblumen im Garten der Zeit verblieben. Seine Frau bittet ihn, die letzte Blüte für sie übrigzulassen …

Als die Lumpenarmee den Garten erobert und die Villa plündert, findet sie nur noch eine Ruine vor, der Garten ist verlassen und verwildert. Nur mit größter Vorsicht umgehen die namenlosen Plünderer ein Dornendickicht, das zwei Steinstatuen umschließt: einen Mann und eine edel gekleidete Frau, die eine Rose in der Hand hält …

Mein Eindruck

Das Szenario des Grafen und seiner Gräfin in ihrem Garten aus konservierter Zeit sind eine elegische Metapher auf die gesellschaftliche Überholtheit der adeligen Klasse. Sie huldigt Idealen von Schönheit, die dem „Lumpenproletariat“ – ein begriff von Marx & Engels – völlig fremd sind. Dieses sucht lediglich materielle Werte, zerstört Bilder und Musikinstrumente ebenso wie Bücher, um Heizmaterial zu erhalten. Der Gegensatz ist klar: Bei den Adeligen bestimmt das Bewusstsein das Sein, bei den Proleten ist es umgekehrt: Der Materialismus triumphiert. Die hinfortgespülte Klasse existiert nur noch als Statuen, genau wie heutzutage.

Ein SF-Autor also, der der Revolution das Wort redet? Wohl kaum, denn sonst würde er den zerbrechlichen Zeitblumen solche schönen Worte widmen, die an Poesie nichts zu wünschen übriglassen. Er trauert den vergangenen Idealen nach, doch der Garten macht seine eigene Aussage: Sobald die letzte Blume vergangen ist, bricht die aufgeschobene Zeit mit aller Macht über die Adeligen herein und lässt sie zu Stein erstarren. Wie immer bei Ballard ist dieser abrupte Übergang überhaupt nicht kommentiert oder gar einer Erwähnung wert. Der Leser muss ihn sich dazudenken.

6) George R. R. Martin: Abschied von Lya (A Song For Lya, 1973)

Robb und Lyanna sind Talente – er kann Gefühle anderer erspüren, sie deren tiefste Gedanken. Auf Bitten des Planetaren Administrators der erst vor zehn Jahren erschlossenen Welt der Shkeen sollen sie herausfinden, was die menschlichen Siedler in die Arme der Religion der Ureinwohner treibt – und wie man dies verhindern kann. Denn bei dieser Religion geht es darum, sich mit einem Parasiten zu verbunden und nach Ablauf weniger Jahre sich in den Höhlen von Shkeen, einem Riesenparasiten, dem Greeshka, hinzugeben – und absorbiert zu werden.

Nicht auszudenken, wenn sich dieser Kult auf andere Welten der Menschheit ausdehnen würde. Immerhin hat sich Gustaffson, einer der Vorgänger des Administrators, diesem Kult angeschlossen. Und immer mehr Menschen scheinen ihm folgen zu wollen.

Robb findet einige Dinge an dieser Welt bemerkenswert. Die Zivilisation existiert hier bereits 14.000 Jahre, ist also weitaus älter als die menschliche, doch sie befindet sich auf dem Niveau unserer Bronzezeit. Zudem glauben die Shkeen weder an ein Jenseits noch an einen Gott, sondern lediglich an das Glück der Verbundenheit mit dem Greeshka und an die abschließende Vereinigung. Aber was haben sie davon? Und warum sind die „Verbundenen“ so glücklich?

Als sich Robb und Lyanna mit dem Seelenleben der Verbundenen befassen und sogar auf Gustaffson selbst stoßen, müssen sie sich mit einem grundlegenden Problem aller denkenden und fühlenden Lebewesen auseinandersetzen: dass das fortwährende Alleinsein nur durch die Liebe oder den Tod überwunden werden kann. Was aber, wenn Liebe und Tod ein und dasselbe sind?

Mein Eindruck

Dieser detailliert geschilderte Kurzroman ist wunderbar zu lesen, denn der Autor befasst sich sehr eingehend mit dem Gefühlsleben des zentralen Liebespaares und dem Dilemma, in dem es sich plötzlich wiederfindet. Denn Lya hat im Geist der Verbundenen von dem Glück gekostet, das die Vereinigung mit dem Greeshka spendet.

Dieses Glück besteht offenbar nicht nur in der grenzenlosen Liebe der Vereinigung, die über die Liebe zu Robb hinausgeht, sondern auch in der Überwindung des Todes und der irdischen Begrenztheit. Kurzum: Sie ist mit einem Gott vereint, wenn sie den Übergang wagt. Aber dafür muss sie Robb verlassen, falls er ihr nicht folgt. Wie wird er sich entscheiden?

Die zunehmend elegische Stimmung ist charakteristisch für die tiefschürfenden Erzählungen des frühen George R. R. Martin. Sie brachten ihm zahlreiche Auszeichnungen und wirtschaftlichen Erfolg ein – bis er dann Drehbuchautor wurde. Aus dieser Erfahrung wiederum erwuchs ihm die Routine, um das gewaltige Epos von Winterfell zu erschaffen, das in der deutschen Ausgabe etwa zehn Bände umfasst – und offenbar immer noch nicht abgeschlossen ist.

7) Ursula K. Le Guin: Das Tagebuch der Rose (The Diary of the Rose, 1976)

Dr. Rose Sobel ist medizinische Psychoskopin und hat die Aufgabe, das Bewusstsein von Patienten ihrer Vorgesetzten Dr. Nades zu untersuchen, d. h. sowohl die bewusste als auch die unbewusste Ebene. Die neuesten Patienten sind die depressive Bäckerin Ana Jest, 46, und der paranoide Ingenieur Flores Sorde, 36, ein angeblich psychopathischer Gewalttäter.

Ana Jest bietet keinerlei Überraschungen, was man von F. Sorde nicht behaupten kann. Nicht nur ist er ein überaus verständiger, friedlicher und intelligenter Mann, sondern bietet Dr. Sobel auch ein besonderes Erlebnis: Aus seinem Bewusstsein generiert er das perfekte Abbild einer großen roten Rose, wie sie Dr. Sobel noch nie gesehen hat. Was hat das zu bedeuten? Doch das weitere Vordringen verhindert Sordes deutliche Blockade: „ZUTRITT VERBOTEN!“

Sobel beschwert sich über dieses Ausgeschlossenwerden und Sorde muss ihr erklären, wovor er Angst hat: vor dem Eingesperrtsein, vor Gewalt, vor Unfreiheit und vor allem vor dem Vergessen, das die Elektroschocktherapie bringen wird. Sie dementiert, dass es eine ETC geben werde, doch er lächelt nur über ihre Naivität. Sie mag ja eine Diagnose stellen, aber die Entscheidung über die Behandlung treffen andere, so etwa Dr. Nades. Oder die TRTU, was wohl die Geheime Staatspolizei ist. Durch Einblicke in seine Kindheit erkennt sie, wonach er sich sehnt: nach einem Beschützer, der ihm alle Angst nimmt. Seine Idee von Demokratie demonstriert er mit dem letzten Satz von Beethovens neunter Sinfonie: Brüderlichkeit, Freiheit usw. Au weia, denkt, Rose, er ist also doch ein gefährlicher Liberaler.

Dennoch schafft sie es, ihn aus der Abteilung für Gewalttäter in die normale Station für Männer verlegen zu lassen. Dort lernt er Prof. Dr. Arca kennen, den Autor des Buches „Über die Idee der Freiheit im 20. Jahrhundert“, das Sordes gelesen hat. Das war, bevor es verboten und verbrannt wurde. Prof. Arca hat durch die Elektroschocktherapie sein Gedächtnis verloren. Sordes befürchtet stark, dass er genauso werden wird wie Arca. Rose ist verunsichert. Sie versteckt ihr Tagebuch. Denn dieses Tagebuch enthält auch ihre eigenen geheimen Gedanken und Gefühle, und wer weiß schon, was die TRTU davon hielte?

Mein Eindruck

Rose Sobel denkt, sie wäre eine unbeteiligte Beobachterin, wenn sie einem Menschen ins Bewusstsein blickt. Aber das ist, wie wir durch Heisenbergs Unschärferelation wissen, eine Selbsttäuschung. Der Beobachter beeinflusst das zu Beobachtende und umgekehrt. Ganz besonders bei Menschen. So kommt Rose nicht umhin, von Sordes beeinflusst zu werden, und sich verbotene Fragen zu stellen. Fragen, die auch die klugen Ratgeber, die ihre Chefin empfiehlt, nicht beantworten: Warum haben alle so viel Angst?

Dass etwas mit ihrer eigenen Welt nicht in Ordnung sein könnte, geht ihr nur allmählich auf. Dass die TRTU ihren Patienten vielleicht völlig grundlos wegen „Verdrossenheit“ eingewiesen hat und ihn schließlich fertigmachen will, entwickelt sich nur allmählich zur schrecklichen Gewissheit. Ebenso wie die Erkenntnis, dass es keine unpolitische Psychiatrie mehr geben kann. Deshalb will sich Rose zur Kinderklinik versetzen lassen. Ob dort die Patienten weniger Angst haben werden?

Die Erzählung ist typisch für Le Guin: Sie zeigt die politische, ethische und zwischenmenschliche Verantwortung der Mitarbeiterin in der staatlichen Psychiatrie auf. Diese Verantwortung ist auf heutige Verhältnisse zu übertragen, falls es dazu kommt, dass in den USA ein Polizeistaat errichtet wird. Und wenn man den Patriot Act von 2001 mal genau durchliest, dann kann es sehr leicht dazu kommen. Ich liebe solche warnenden Geschichten. Sollen sie mich doch dafür einsperren und „therapieren“ …

8) John Varley: Die Trägheit des Auges (The Persistence of Vision, 1977)

Ende des 20. Jahrhunderts herrscht in den USA mal wieder Wirtschaftskrise, zumal der Raktor von Omaha in die Luft geflogen ist und eine verstrahlte Zone erzeugt hat, den China-Syndrom-Streifen. Unser Glückssucher, der sich von Chicago gen Kalifornien aufgemacht hat, passiert die Flüchtlingslager von Kansas City, die nun als „Geisterstädte“ tituliert werden. In der Gegend von Taos, New Mexico, lernt er zahlreiche experimentelle Kommunen kennen, wo man leicht eine kostenlose Mahlzeit bekommen kann. Von den militanten Frauenkommunen hält er sich klugerweise fern.

Auf dem Weg nach Westen stößt er mitten im Nirgendwo auf eine Mauer. So etwas hat er im Westen höchst selten gesehen, so dass er neugierig wird. Ein Navaho-Cowboy erzählt ihm, hier würden taube und blinde Kinder leben. Eisenbahnschienen führen um das ummauerte Anwesen herum, so dass er ihnen einfach zum Eingang folgen kann. Dieser ist offen und unbewacht, was er ebenfalls bemerkenswert findet. Gleich darauf erspäht er mehrere Wachhunde.

Um ein Haar hätte ihn die kleine Grubenbahn überfahren, die von einem stummen Fahrer gesteuert wird. Dieser entschuldigt sich überschwenglich und vergewissert sich, dass dem Besucher nichts passiert ist. Dieser versichert ihm, dass dem so ist. Der Fahrer schickt ihn zu einem Haus, in dem Licht brennt. Der Besucher bemerkt, wie schnell sich die blinden und tauben Bewohner der Kuppelgebäude bewegen. Sie tun dies aber nur auf Gehwegen, von denen jeder seine eigene Oberflächenbeschaffenheit aufweist. Unser Freund nimmt sich vor, niemals einen solchen Gehweg zu blockieren.

In dem erleuchteten Gebäude gibt es etwas zu essen. Er muss sich jedoch von vielen Bewohnern abtasten lassen. Sie sind alle freundlich zu ihm. Ein etwa 17-jähriges Mädchen, das sich weigert, wie die anderen Kleidung zu tragen, erweist sich als sprech- und sehfähig, was ihm erst einmal einen gelinden Schock versetzt. Sie nennt sich Rosa und wird zu seiner Führerin und engsten Vertrauten, schließlich auch zu seiner Geliebten.

Im Laufe der fünf Monate seines Aufenthaltes erlernt er die internationale Fingergebärdensprache, aber er merkt, dass die anderen noch zwei weitere Sprachen benutzen. Das eine ist die Kurzsprache, die mit Kürzeln arbeitet, die nur hier anerkannt sind. Die andere, viel schwieriger zu erlernende ist die Einfühlungssprache, die sich jedoch von Tag zu Tag ändert.

Als er sie schließlich entdeckt, ahnt er, dass er sie nicht wird völlig erlernen können. Denn dazu müsste er ja selbst blind und taub sein. Und dass die Sprache des Tatens auch den gesamten Körpers umfasst, versteht sich von selbst. Deshalb gehört auch die körperliche Liebe dazu.

Eines Tages erfährt er, welche Stellung er in der Kommune einnimmt. Er stellt aus Gedankenlosigkeit einen gefüllten Wassereimer auf einem der Gehwege ab und widmet sich seiner Aufgabe. Als ein Schmerzensschrei ertönt, dreht er sich um, nur um eine weinende und klagende Frau am Boden liegen zu sehen. Aus ihrem Schienbein, das sie sich am Eimer gestoßen hat, quillt bereits das Blut. Es ist die Frau, die ihn als Erste in der Kommune begrüßt hat. Nun tut es ihm doppelt leid, und er ist untröstlich. Doch Rosa informiert ihn, dass er sich einem Gericht der ganzen Kommune von 116 Mitgliedern stellen muss …

Mein Eindruck

Die vielfach ausgezeichnete Erzählung stellt dar, wie sich allein aus der Kommunikation eine utopische Gemeinschaft entwickeln lässt. Dass natürlich auch ökonomische, legale und soziale Randbedingungen erfüllt sein müssen, versteht sich von selbst, aber dass Außenseiter ihre eigene Art von Überlebensstrategie – in einer von Rezession und Gewalt gezeichneten Welt – entwickeln, schürt die Hoffnung, dass nicht alles am Menschen schlecht und zum Untergang verurteilt ist.

Der Besucher, ein 47-jähriger Bürohengst aus Chicago, findet in der Gemeinschaft der Taubblinden nicht nur sein Menschsein wieder, sondern auch eine Perspektive, wie er in der Außenwelt weiterleben kann. Er arbeitet als Schriftsteller, und dessen Job ist die Kommunikation.

Neben den drei Ebenen der Sprache, die die Taubblinden praktizieren, gibt es noch eine Ebene der Verbundenheit, die er nur durch die Zeichen +++ ausdrücken kann. Auf dieser Ebene findet mehr als Empathie statt, weniger als Telepathie. Aber es ist eine Ebene, erzählt ihm Rosa bei seiner Rückkehr, die es den Taubblinden (zu denen sie und die anderen Kinder nicht zählen) erlaubt hat, zu „verschwinden“. Wohin sind sie gegangen, will er wissen. Niemand wisse es, denn sie verschwanden beim +++en.

Es handelt sich also eindeutig um eine SF-Geschichte, nicht etwa um eine Taubblindenstudie, die in der Gegenwart angesiedelt ist. Für ihre Zeit um 1977/78 war die Geschichte wegweisend. Nicht nur wegen des Gruppensex und die Telepathie, die an das „Groken“ in Heinleins Roman „Fremder in einem fremden Land“ erinnert. Auch Homosexualität wird behandelt – und in der Geschichte praktiziert.

Wichtiger als diese Tabuthemen ist jedoch der durchdachte ökologische Entwurf für die Kommune und die Anklage gegen die Vernachlässigung bzw. Fehlbehandlung der Taubblinden – nicht nur in den USA.

9) James Tiptree alias Alice Sheldon: Geteiltes Leid (Time-Sharing Angel, 1977)

Die 19-jährige Jolyone Schram liebt die Natur und arbeitet in Los Angeles beim Rundfunksender. Dieser Sender ist neu, liegt auf einem hohen Berg und verfügt über die stärkste Sendeleistung der Stadt. Wahrscheinlich deshalb kann es an diesem zu dem ungewöhnlichen Ereignis kommen.

Erst hat Jolyone, die in einer Zahnfüllung einer Sender empfängt, eine schreckliche Vision: Die Erdoberfläche wird unter Massen von Menschen begraben. Als ein SF-Autor im Sender die finstere Zukunft der Menschheit ausmalt, hält Jolyone gerade ein Stromkabel in der Hand. Erschüttert fleht sie zu Gott, er möge all dies aufhalten. Eine unbekannte Stimme antwortet ihr auf ihrem gefüllten Zahn, dass das in Ordnung gehe.

Schon bald machen sich die ersten Anzeichen des Wirkens des Engels bemerkbar. Von jeder Familie, und sei sie noch so groß und verbreitet, bleibt nur das jüngste Kind bei Bewusstsein, alle anderen fallen in Tiefschlaf. Weltweite Panik! Doch nach ein paar Tagen verbreitet sich die Kunde von einem wieder erwachten Kind irgendwo in West-Virginia. Ein Mathegenie berechnet die Arithmetik: Wenn Mrs. McEvoy 26 Kinder hat, dann jedes davon nur etwa 14 Tage im Jahr wach sein (weil zweimal 26 genau 52 Wochen = 1 Jahr ergibt). Wer zwei Kinder hat, der kann sich an sechs Monaten Wachsein der Kinder erfreuen und so weiter. Dieser Effekt hat eine verblüffende Folge: Da nur das Wachsein als Lebenszeit zählt, können die Schläfer bis zu 3000 Jahre alt werden!

Die Welt verändert sich beträchtlich, das Wachstum kommt zu einem knirschenden Halt, Wirtschaften brechen fast zusammen, doch die Ressourcen bleiben erhalten. Die Ich-Erzählerin trifft eines Tages Jolyone im Park, und diese erzählt ihr alles. Endlich darf sich Jolyone auf die Zukunft freuen.

Mein Eindruck

Die Autorin Alice Sheldon hat die Erde schon viele Male untergehen lassen. Hier gewährt sie ihr wenigstens eine Gnadenfrist, eine Art Nothalt. Die Geschichte mit den Schläfern erinnert an die Romane von Nancy Kress, in denen eine Schläfer-Generation dem alten Homo sapiens Konkurrenz macht. Allerdings handelt es sich um Leute, die keinen Schlaf benötigen, also pro Tag acht Stunden mehr zur Verfügung haben. Auch daraus ergeben sich diverse Folgen.

10) Dean R. Lambe: Tefé Lauswurz (Damn Shame, 1979)

Die zwei amerikanischen Studienfreunde Albert und Frederick haben verschiedene Wege in der Medizin eingeschlagen. Al wurde Allgemeinarzt in Wisconsin, Fred ist in Kalifornien in die Krebsforschung gegangen. Nun meldet Fred in einem Brief den Durchbruch: Die Versuchsreihe mit dem Präparat AC337 führt zu sagenhaften Remissionen bei den Krebszellen! Das haut Al noch nicht vom Hocker. Erst als er zwei Patienten mit Krebs im Endstadium bekommt, wendet er sich an Fred. Die nicht ganz legal gelieferte Menge reicht aus, um eine vollständige Heilung zu bewirken.

Al ist hin und weg. Doch dann schreibt er Fred, dass seine Frau Ruth Brustkrebs im Anfangsstadium habe. Er brauche mehr von AC337. Fred schreibt seinen Lieferanten an, doch der muss passen: von dem pflanzlichen Grundstoff werde aus Brasilien nichts mehr geliefert, v. a. wegen der anti-amerikanischen Unruhen. Es gebe aber noch einen Arzt …

Leider ist auch dieser Arzt verstorben, erfährt Fred. Dr. Linhares habe sich umgebracht, als der große Amazones-Staudamm geflutet wurde – und damit auch das winzige Vorkommen des pflanzlichen Wunderstoffs von AC337 …

Mein Eindruck

Die Moral von der Geschicht‘ ist einfach: Die Menschheit opfert ihre Gesundheit dem Gott des Fortschritts. Ein soeben entdecktes Krebsheilmittel wird für immer unter den Fluten des Amazones-Stausees verschwinden. Die bittere Ironie dieser Erkenntnis wird konterkariert von der freundschaftlichen Verbindlichkeit, die sich im Schriftverkehr der beiden Freunde spiegelt. Dort scheint die Welt in Ordnung zu sein. Doch draußen, wo fremde Kräfte walten, ist sie es nicht. Eine Geschichte, die uns zur Warnung dienen sollte. Denn weiterhin werden Wälder vernichtet – und mit ihnen Heilmittel.

11) Michael Swanwick: Der blinde Minotaurus (The Blind Minotaur, 1984)

Der blinde Minotaurus ist ein Unsterblicher auf einer Menschenwelt in ferner Zukunft. Nachdem er seinen Freund, den Harlekin bei einer Gauklertruppe, in der Arena aufgrund einer Hormonmanipulation getötet hat, reißt er sich zur Selbstbestrafung die Augen heraus. Geblendet nimmt ihn seine Tochter Schafgarbe an der Hand. Doch wo ist ihre Mutter?

Er sitzt von nun an als Bettler am Straßenrand. Doch die Herrschaft der Adligen wankt. Vorbei sind die Zeit, da sie von allen als überlegen angesehen wurden, und seltsame Sekten und Rebellen gedeihen im entstehenden Chaos. Unter den Attacken junger Tunichtgute und seltsamen Sekten leidend, richtet sich der blinde Unsterbliche zum Protest auf. Er ruft die Bürger dazu, ihre Freiheit zu verteidigen. Im Hafenviertel erzählt er seiner Tochter und den anderen Bürgern der Stadt, was mit ihm geschah und wie es dazu gekommen konnte.

Mein Eindruck

Der Autor Michael Swanwick erzählt häufig Geschichten von Außenseitern. Hier schildert er in Rückblenden die Geschichte eines Unsterblichen, der in eine Art Umsturzbewegung gerät. Aus den Momentaufnahmen muss sich der Leser selbst ein Bild dessen zusammensetzen, was eigentlich passiert. Die Handlung verläuft aufgrund der Rückblenden auf zwei verschiedenen Zeit-Ebenen, und so heißt es aufpassen, auf welcher man sich gerade befindet.

Einer der wichtigsten Aspekte des Minotaurus ist seine sexuelle Potenz. Deshalb beglückt er auch in seinem sehenden Leben zahlreiche Frauen. Das eigentliche Rätsel besteht nun in dieser Hinsicht darin, wie es zur Zeugung seiner Tochter kommen konnte, wenn er doch, wie er sagt, stets „vorsichtig“ war. Könnte die Lady mit der Silbermaske, die ihm zweimal begegnet, die Mutter Schafgarbes sein?

Auch die Sache mit den Hormonen und Pheromonen bildet ein interessantes Element. Und für den Blinden ist das Riechen einer der wichtigsten Sinne geworden. So führt uns die Geschichte in zwei Welten, in die vor und die nach der Blendung der Hauptfigur.

12) David Brin: Thor trifft Captain Amerika (Thor Meets Captain America, 1986)

Man schreibt den Spätherbst des Jahres 1962, und noch immer wütet der Zweite Weltkrieg zwischen den Nazis und den Alliierten. Der Grund: anno ’44, kurz vor der Invasion der Normandie, als der Krieg bereits gewonnen schien, erschienen die Fremdweltler in Gestalt der nordischen Götter, der Asen. Der Gott der Stürme fegte die riesige Armada von der Oberfläche des Ärmelkanals. Thor zerschlug die vorgerückten Armeen der Russen, so dass sich in Israel-Iran das Zentrum des Widerstands bildete.

Doch es gibt seit 1952 einen Helfer auf Seiten der Alliierten, mit dem man nicht gerechnet hat: Loki, der Gott des Trugs. Er war es, der die Amis vor dem Einsatz der H-Bombe warnte, denn der Nukleare Winter würde auch sie vernichten. Nun haben die Amis in einer letzten verzweifelten Aktion ein Dutzend U-Boote ausgesandt, um die Asen in ihrem Zentrum anzugreifen, auf der schwedischen Insel Gotland. Vier sind davon noch übrig, und in einem davon sitzt Loki neben Captain Chris Turing, dem Leiter dieses Himmelfahrtskommandos. Sie haben eine zerlegte H-Bombe bei sich, um die Unsterblichen ins Jenseits zu blasen.

Doch die zusammengewürfelte Truppe des Kommandos wird entdeckt, und die Dinge entwickeln sich völlig anders als geplant. Hat Loki sie etwa verraten?

Mein Eindruck

Dieser Alternativgeschichtsentwurf ist an die Marvel-Comics angelehnt, deren Verfilmungen wir ironischerweise jetzt erst in den Kinos besichtigen dürfen – ein Vierteljahrhundert nach dieser Pastiche. Oder sollte ich sagen „Persiflage“? Denn weder Thor ist der aus den Comics, sondern ein echter Alien, der nicht mal ein Raumschiff brauchte, um zur Erde zu gelangen. Und wer ist der „Captain America“ des Titels? Natürlich Catain Chris Turing – ein Kerl, der von Dänen abstammt statt von echten Amis.

Allerdings ist das Szenario angemessen grimmig. Nazis überall, vor allem Totenkopf-SS, die dem Asen- wie dem Todeskult anhängt, und natürlich nordische Priester – für die Blutopferzeremonie. Aber diese Wichte haben bei den Asen, die sie gerufen haben, nichts mehr zu melden. Sie machen dementsprechend säuerliche Mienen zur Opferzeremonie.

Da die Lage sowieso aussichtslos ist, kommt es für Chris Turing auf einen guten Abgang an. Er überlegt sich, was es sein könnte, das die Asen so mächtig macht. Als er auf den Trichter kommt – dank eines kleinen Hinweises von Loki -, fällt ihm auch das einzige passende Gegenmittel ein, das dagegen hilft: Gelächter …

Entfernt man all diesen mythologischen Überbau, bleibt eine zentrale Szene übrig: Ein jüdischer KZ-Insasse, der den sicheren Tod schon vor Augen hat, lässt die Hose herunter und zeigt seinen Mörder den Hintern und ruft: „Kiss mir im Toches!“ Na, das nenn ich mal Todesverachtung.

13) Kim Stanley Robinson: Der blinde Geometer (The Blind Geometer, 1987)

Carlos Nevsky ist von Geburt an blind und hat sich mit seiner „Behinderung“ ausgezeichnet eingerichtet, ja, er ist sogar Professor für Geometrie an einer Washingtoner Universität geworden. Sein räumliches Vorstellungsvermögen ist ausgezeichnet. In letzter Zeit fällt ihm auf, dass sein Kollege Jeremy Blasingame ihn auffällig aushorcht, wie dieser glaubt. Dann tauchen Carlos‘ Ideen in dessen Veröffentlichungen auf – sicher kein Zufall, oder?

Carlos ist ein begieriger Leser alter Detektivgeschichten, insbesondere über Carrados, den blinden Detektiv. Was also lässt sich aus Jeremys Verhalten deduzieren? Dass er in jemandes Auftrag handelt? Carlos weiß, dass Jeremy mit dem militärischen Geheimdienst im Pentagon zu tun hat. Aber was hat das Pentagon, das sich ja vor allem für Waffen interessiert, mit n-dimensionaler Vervielfältigungsgeometrie am Hut?

Eines Tages gibt ihm Jeremy eine geometrische Zeichnung. Sie stamme von einer Frau, die gerade verhört werde. Alles gedruckte kopiert Carlos mit seinem Spezialkopierdrucker in Braille-Schrift. Die Zeichnung ist nichts besonderes, nur etwas Grundlegendes. Er besteht darauf, die Frau persönlich zu sprechen. Jeremy bringt sie und stellt sie als Mary Unser vor, eine angebliche Astronomin. Ihre Ausdrucksweise ist ungrammatisch. Ist das Absicht? Kann er ihr trauen? In einem unbeobachteten Augenblick, als Jeremy Trinkwasser holt, gibt Mary Carlos Signale per Handdruck. Was will sie ihm sagen?

Allmählich weiß Carlos, dass etwas nicht stimmt, und entdeckt zwei Abhörgeräte in seinem Büro. Er kauft sich selbst eine Wanze, die er in Jeremys Büro platziert. Dieser telefoniert mit einem Mann in Washington, der sich nie identifiziert. Um mehr herauszufinden, macht sich Carlos an Mary heran. Aber auch jetzt muss er sich fragen, ob sie verdrahtet ist. Erst während eines heftigen Gewitters, das alle Abhörgeräte außer Gefecht setzt, kann sie ihm die erstaunliche Wahrheit anvertrauen …

Mein Eindruck

Dieser Blinde ist so ziemlich das Gegenteil von der Blindenkolonie in John Varleys Erzählung „Die Trägheit des Auges“. Sogar dessen Heldin Helen Keller (1880-1968) wird als textbesessene Träumerin kritisiert, die viktorianische Wertvorstellungen nachhing. Dagegen nimmt sich Carlos Nevsky doch ziemlich modern aus. Wenn er auch eine eigene virtuelle Welt in seinem Kopf errichtet hat, so weiß er sich doch in der sogenannten Realität ausgezeichnet zu bewegen, denn auch davon hat er ein geometrisch exaktes Abbild in seinem Gedächtnis gespeichert.

Doch all dies gerät durcheinander, als ihm Jeremy eine Wahrheitsdroge verabreicht, die ihn dazu bringen soll, seine kühnsten Entwürfe offenzulegen. Das passiert zwar nicht, aber Carlos wankt dennoch völlig desorientiert durch Washingtons Straßen. Und dann ist da ja noch Mary, die ihn seelisch schwer aus dem Gleichgewicht bringt. Mir ihr zu schlafen, ist nicht schwer, doch kann er ihr auch sein Leben anvertrauen?

In einem dramatischen Showdown zeigt sie ihm, was sie drauf hat: Zwei Blinde gegen drei bewaffnete Männer – ob das wohl gut geht? (Denn dass auch sie blind sein muss, ahnen wir von Anfang an.)

14) Bruce Sterling & Lewis Shiner: Mozart mit Spiegelbrille (Mozart In Mirrorshades, 1985)

Die Zeitreisenden aus der Zukunft haben die Festung Hohensalzburg als Stützpunkt eingenommen, um von hier die Stadt Salzburg in den Griff zu bekommen. Rice, der Ingenieur, hat eine Ölraffinerie hingestellt, so dass nun Pipelines durch die Gassen bis ins Zeitportal führen – in die Zukunft. Im Gegenzug haben die Zeitreisenden den Einheimischen alle Segnungen amerikanischer Kultur zugutekommen lassen: Bars, Klubs, Elektronik, Drinks, Klamotten, Musik – einfach alles. Das 18. Jahrhundert wird nie mehr sein, wie es mal war. Sogar die Französische Revolution ist fast unblutig verlaufen, und Thomas Jefferson ist der erste Präsident der USA – von Zukunfts Gnaden.

Wolfgang Amadeus Mozart ist der spezielle Schützling Rices und übt schon mal, seine Art von Pop mit den Mitteln der Zukunft herzustellen. Parker wird sein Manager und sagt ihm eine große Zukunft voraus. Mozart schwärmt Rice von Maria Antonia alias Antoinette vor, der Tochter der Kaiserin Maria Theresia, die jetzt, nach der Revolution, wohl in Versailles ein bisschen sein könnte. Prompt macht sich Rice auf den Weg und verliebt sich in das Luxus-Hippie-Girl.

Doch zehn Tage später kommt ein Video-Anruf von Mozart: In Salzburg sei die Kacke am Dampfen, die Raffinerie unter Beschuss, die Trans Temporal Army verteidige die Festung, deren Kommandantin Sullivan unter Kuratel gestellt worden sei. Als sich Rice in panischer Hast auf den Weg von Versailles nach Salzburg macht, trickst ihn Marie Antoinette aus und so fällt er den Masonisten-Freischärlern in die Hände. Wird Rice es jemals zurück in die Zukunft schaffen?

Mein Eindruck

Auch diese Story über einen alternativen Geschichtsverlauf bringt richtig Schwung in die Lektüre. Da trifft das bekannte Inventar des ausgehenden 18. Jahrhunderts auf die modernen USA, abgesehen mal vom Zeitportal, und im fröhlichen Culture Clash entstehen skurrile Szenen. Diese Story nimmt Sophia Coppolas Film über Marie Antoinette schon um Jahre vorweg. Und Mozart wird zum Popstar der Zukunft, so wie er das ja schon zu seiner Zeit war.

Zeitparadoxa – was soll damit sein? Der Zeitverlauf, erfahren wir, hat sowieso zahlreiche Verzweigungen, wie ein Baum Äste. Deswegen mache die Kontamination DIESES 18. Jahrhunderts den vielen anderen 18. Jahrhunderten gar nichts aus. Klar soweit? Und man kann sogar zwischen verschiedenen Zeitzweigen wechseln. Daher auch das Auftauchen der Trans Temporal Army.

Im Grunde jedoch zeigen die Autoren anhand der Kulturinvasion der modernen USA, wie ja vielfach in den Achtzigern zu beobachten, verheerende Auswirkungen auf die lokale Kultur – auch im soziopolitischen Bereich. So entsteht etwa die Widerstandsbewegung der Freimaurer alias Masonistas, gegen die Thomas Jefferson schon wetterte. Und es gibt die Trans-Temporalarmee, die sich als eine Art Sechste Kolonne der Manager aus der Zukunft engagiert – und so Rices Hintern rettet. Insgesamt also ein richtiger Dumas’scher Abenteuerroman, auf wenige Seiten komprimiert.

15) Karen Joy Fowler: Der Preis des Gesichts (Face Value, 1986)

Der Alien-Forscher Taki und seine Frau, die Dichterin Hesper, sind auf die neu entdeckte Welt der Meine gekommen, um diese rätselhaften Wesen zu erforschen. Unter dem Doppelsternsystem ist es heiß und staubig, doch den insektenartigen Menen macht das nichts aus. Die fliegenden Wesen mit den Flügelzeichnungen, die wie Gesichter aussehen, leben in unterirdischen Tunnelsystemen, deren Mittelpunkt Taki noch nicht hat erreichen können. Das frustriert ihn. Die Art und Weise ihrer Kommunikation könnte Telepathie sein.

Ebenso frustriert ist er vom Verhalten seiner Frau. Sie weint der Erde hinterher, besonders ihrer längst verstorbenen Mutter, die sie sehr liebt. Sie schreibt kaum noch Gedichte, und auch lieben will sie sich nicht mehr lassen. Nach einem weiteren zudringlichen Besuch eines Mene-Schwarms verliert sie nicht nur die Beherrschung. Sie verliert buchstäblich den eigenen Verstand. Aus ihrem Mund sprechen nun die Mene: „Wir haben sie. Wir können verhandeln …“

Mein Eindruck

Mit in der SF seltener Feinfühligkeit stellt die amerikanische Autorin den Prozess dar, wie einer sensiblen Frau der Verstand geraubt wird. Das geht überhaupt nicht gewaltsam vor sich, sondern ganz sachte, fast unmerklich für Taki. Bis es auf einmal zu spät ist. Die Kommunikation verläuft in beide Richtungen, sagt er, deshalb müssen die Menschen für die Mene zugänglich sein.

Doch die Identität einer Frau scheint sich von der eines Mannes zu unterscheiden. Eine Frau wie Hesper stört es, wenn die Mene ihre Fotos, Gedichte, ihren Schmuck und ihre Kleider durchwühlen. Nicht so bei Taki, der gleichmütig hinnimmt, wenn Mene seine Bänder mitnehmen und bald wieder in den Staub fallen lassen. Ding für Ding, Stück für Stück nehmen die telepathischen Mene also die Identität Hespers an sich. Dadurch wird die Geschichte zu einer Demonstration über den Geschlechterunterschied, vor allem in psychologischer Hinsicht.

16) Lucius Shepard: R & R (R & R, 1986) = [Life During Wartime]

Diese mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Novelle bildet das Mittelstück von Shepards Roman „Das Leben im Krieg“ (Life During Wartime, 1987).

Es geht um kein triviales Thema, sondern quasi um „Apocalypse Now“ in Mittelamerika, im Dschungel Nicaraguas und El Salvadors, als die Reagan-Truppen die kommunistischen Sandinistas bekämpften. David Mingolla ist einer der amerikanischen Soldaten, Durchschnitt, er versucht, die Hölle des Krieges zu überleben. Seinesgleichen versucht mit Drogen vollgepumpt und im Direktkontakt mit ihrer Elektronik ihrer Waffen, gleichen sie eher Kampfmaschinen als Menschen. Die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Liebe und Haß und zwischen Mythos und Realität lösen sich auf – alles wird möglich, alles ist relativ.

Was von den Soldaten übrig bleibt, falls sie die sinnlosen Gefechte und Massaker an der Zivilbevölkerung überleben, sind leergebrannte Zombies. Sie werden nie mehr fähig sein, in ein normales bürgerliches Leben zurückzukehren, es sei denn, sie springen rechtzeitig ab und desertieren. Mingolla aber desertiert nicht, sondern schlägt sich durch. Bis er schließlich zu seinem Entsetzen herausfindet, dass der Krieg nur die Fortsetzung einer jahrhundertelangen Blutfehde zweier verfeindeter mittelamerikanischer Familien ist, zwar mit anderen Mitteln, aber immerhin: Die Weltmacht USA als Handlanger von Provinzfürsten mit privaten Rachegelüsten!

Mein Eindruck

Shepards Interesse gilt nicht so sehr den (waffen-) technischen, militärischen oder wirtschaftlich-sozialen Aspekten dieses speziellen Krieges, den er schon 1984 in seiner Story „Salvador“ verarbeitete. Es geht um die Psyche, die sich in diesem Hexenkessel verändert – bis zur Unkenntlichkeit. Hier findet der amerikanische Traum sein Ende: im Dschungel, im Drogenrausch, im Kampf mit einem Jaguar, unter dem Einfluss eines Voodoo-Magiers, kurz: im Herzen der Finsternis.

17) Walter Jon Williams: Dinosaurier (Dinosaurs, 1987)

Der irdische Botschafter Drill landet auf dem Planeten der Shar, um Friedensverhandlungen zu führen. Die Shar, mit denen er sich per Übersetzungsgerät verständigt, sind pelzige, dreibeinige Wesen mit großen Augen, spitzer Schnauze und einer komplexen Sozialstruktur. Ihre Präsidentin Gram begrüßt Drill. Der massige Zweibeiner mit seiner schwarzen Haut und dem langen Penis zwischen den Beinen hört auf seine zwei eingebauten Gehirne, das Metahirn im Beckenbereich und die Erinnerung im Kopf. Die Erinnerung sagt ihm, dass er sich diplomatisch verhalten soll.

Und bald stellt sich in den Verhandlungen heraus, dass die Shar bereits Millionen Opfer auf ihren Welten zu beklagen haben. Der Grund sind die Terraformerschiffe der „Menschen“, die nicht intelligent genug sind, um die Shar als intelligente Rasse zu identifizieren nund zu respektieren. Daher wurden sie als Schädlinge „exterminiert“.

Als die Präsidentin, die mehr Geduld als ihre Minister aufbringt, nachhakt, was denn diese Unterscheidung zwischen intelligent und nicht-intelligent zu bedeuten habe, antwortet ihr Drill in aller Unschuld, dass dies eine Folge der Spezialisierung sei. Nach acht Millionen Jahren habe sich die menschliche Rasse eben zwangsläufig in spezialisierte Unterspezies aufgespalten. Manche davon, wie die Terraformer, benötigen für ihre Tätigkeit nur einfach Instruktionen, andere, wie die Diplomaten, benötigten beispielsweise auch eine komplexe Erinnerung, also die gesammelten Erfahrungen der Menschheit.

All diese Erklärungen reichen nicht, um die Koalition der Präsidentin zusammenzuhalten. Ihre Regierung zerbricht, als Drill – wieder in aller Unschuld – berichtet, woher er die Koordinaten für die Shar-Welt habe. Na, von gefangenen Shar. Und was wurde aus denen? Sie wurden liquidiert, weil man den Garten brauchte, in dem sie untergebracht waren. Dieser erneute Beweis der ahnungslosen Grausamkeit der Menschen führt dazu, dass sich General Vang an die Macht putscht und den Menschen den Krieg erklärt …

Mein Eindruck

„Menschen“ ist in sieben Millionen Jahren ein sehr relativer Begriff geworden: Drill ist ein Abkömmling der Saurier, und zwar ein ganz besonders hässlicher. Dagegen sind die Shar ja richtig putzige Menschlein, mit denen wir uns identifizieren können. Drill jedoch hält sie für primitiv, weil sie noch an seltsame Dinge wie Moral glauben. Als ob dies im Laufe der Evolution irgendeine Rolle spielen würde. Sie sind wie einst die Saurier, zum Aussterben verurteilt. Was schon ziemlich ironisch ist.

Die eigentliche Kritik des Autors, der im Grunde keine Seite einnimmt, ist jedoch das, was den Shar so widerwärtig erscheint: die ahnungslose Grausamkeit der „Menschen“. Da diese keine Vorstellung mehr von Moral und Prinzipien haben, sondern vor allem durch Protein und Sex – Drills Metahirn quengelt regelmäßig danach – befriedigt werden, muss es etwas anderes sein, das das Verhalten der „Menschen“ steuert. Am Ende ihres letzten Zwiegesprächs erkennt Präsidentin Gram mit bitterer Trauer, um was es sich handelt: Instinkt und Reflex. So weit hat sich also die prächtige „Menschheit“ entwickelt!

Die Übersetzungen

Auf Seite 508ff. ist mehrfach von der iranischen Stadt „Tehran“ die Rede. Sie heißt bei uns Teheran. Man kann diese Schreibweise aber stehen lassen, weil es sich um eine alternative Welt handelt.

Auf der Seite 509 ist von dem „Gott der Trugs“ die Rede, aber gemeint ist Loki, also der „Gott des Trugs“!

Auf Seite 770 heißt es: „Die Welten auf beiden Seiten sind der Sicherheitspfand.“ Also, bei uns in der Schule war DAS Pfand immer sächlich, nicht männlich.

Unterm Strich

Diese Best-of-Auswahl wird ihrem Anspruch durchaus gerecht – was ja nicht selbstverständlich ist. Alle Texte sind durchweg top, ganz besonders die herausragenden Novellen von Robinson, Zelazny, Shepard, Martin und Miller. Alle anderen sind meist sehr bekannt und vielfach abgedruckt, ausgenommen die Stories von Fowler, Lambe und Masson, die man nur selten findet.

Zwei Aspekte fallen auf: Alle Erzählungen sind von nicht-technischen Themen charakterisiert, also meist psychologischer, soziologischer oder biologischer Natur. Das heißt, wenn nicht gerade wieder mal ein alternativer Geschichtsverlauf eine Rolle spielt, wie etwa bei Brin oder Williams. Durch dieses Übergewicht unterscheidet sich diese Auswahl von vielen, die man heute in den USA finden würde. Keine einzige Story von Bear, Benford oder Niven ist hier zu finden, Autoren, die für Hard SF stehen, also naturwissenschaftlich orientierte Science-Fiction.

Was betrüblich zu konstatieren ist, ist das Fehlen jeglicher Beiträge von Philip K. Dick und John Brunner, zwei im Heyne SF Programm nicht gerade unterrepräsentierten Autoren. Heyne hat fast das komplette Werk von Brunner veröffentlicht sowie einige der wichtigsten Arbeiten von Dick. Wieso fehlen sie hier? Vielleicht sind sie ja in „Ikarus 2002“ oder „Fernes Licht“ zu finden. Stay tuned.

Taschenbuch: 782 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453179844|
http://www.heyne.de

_Wolfgang Jeschke (als Herausgeber) bei |Buchwurm.info| [Auszug]:_
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