Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

SunQuest – Quinterna 1: Der dunkle Mond

„SunQuest“ ist eine größer angelegte Geschichte der fernen Zukunft der Menschheit, doch kann man sie nicht ausschließlich der Science Fiction zuordnen. Zumindest der vorliegende Band spielt planetengebunden und liest sich eher wie Fantasy denn Science Fiction. Schwerter, Bögen, Burgen, wenig Technik – und dazwischen blinzelt überlegene Technik, zum Beispiel in Form eine Nano-KI, eines Sternportals oder Raumschiffes. Science Fantasy könnte man sagen.

Erdacht und geleitet wurde und wird die Serie von Uschi Zietsch (die unter dem Pseudonym Susan Schwartz selbst Romane beisteuert) und ihrem Ehegatten Gerald Jambor, die gleichfalls zusammen den Fabylon Verlag darstellen. Mit dem sechsteiligen Zyklus „Quinterna“ geht die SunQuest-Sage in die zweite Runde. Die Handlung schließt mehr oder weniger direkt (zehn Jahre später) an den ersten Zyklus an und setzt teilweise deren Kenntnis voraus, wobei auch der Neueinsteiger die Möglichkeit hat, mit diesem ersten Quinterna-Band den Sprung in den Kosmos zu schaffen. Denn Schwartz und Haensel, die Autoren des Romans, lassen immer wieder kleine Rückblicke auf die Ereignisse zu, die zu den aktuellen Zuständen führten. Ob Leser des ersten Zyklus‘ mehr von der Fortsetzung haben, als Neueinsteiger, ist nicht auszuschließen, da manche Anspielungen deutlich auf vergangene Bände hinweisen, für mich allerdings bedeutungslos sind.

Quinterna, erster Band

Shanija Ran heißt die Protagonistin, und sie ist eine ehemalige Kommandantin im Dienst der irdischen Marines, ehe sie auf Less strandete und dort mit ihrer übernatürlichen Gabe die Vereinigung zweier Universen verhinderte. Nun ist sie ein Star auf dem Planeten, der zumindest im vorliegenden Roman an einen Wüstenplaneten erinnert mit seiner Kargheit und den einfachen Gebräuchen und Sitten der Einheimischen. Shanija lebt mit ihrem Sohn Darren in der Metropole des Planeten, nahe des Archivs, wo das spirituelle und wissenschaftliche Zentrum zu sein scheint. Hier bildet sie Novizen in den Kampfkünsten aus, die sie scheinbar meisterhaft beherrscht: Sei es mit Schwert oder anderer Waffe oder auch der waffenlose Nahkampf.

Sie führt ein ruhiges Leben, bis eines Tages ihr Sohn entführt und gerade von seinem Großvater (unbekannter Weise) gerettet wird. Shanija beginnt mit ihrem „Schwiegervater“ eine Affäre, während anderswo ein kleines Fürstentum von fremden, stummen Wesen auf Maschinenvögeln nieder gemetzelt wird. Die Nachrichten bündeln sich schließlich bei Shanija und ihren Mitstreitern der Geschehnisse vor zehn Jahren, so dass sich gleich alle unversehens wieder im Zentrum des erneuten Auftauchens einer übermächtigen Gefahr finden und auf verschiedenen Wegen den Kampf beginnen. Dabei taucht ein Gegner auf, den Shanija noch aus alten Tagen kennt und der gnadenlos alle Menschen vernichtet – auf der Suche nach ihr …

Der Leser findet sich unversehens in einer geschichtsträchtigen Welt wieder und diese Geschichte ist mit sechs Romanen im Hintergrund nicht zu vernachlässigen. So muss man sich von Anfang an fragen, ob die handelnden Figuren nun bereits bekannt sind oder nicht, ob sie Wichtigkeit aus früheren Romanen mit bringen oder bisher Randfiguren waren, ob in ihrem jeweiligen Handlungsstrang eine wichtige Bedeutung zu erwarten ist oder ob sie nur dem Kontext dient … So dauert es ein paar Seiten, bis man sich einigermaßen zurecht findet und die Bedeutung beurteilen kann.

Der Roman liest sich gut an und inszeniert den Beginn eines Abenteuers, das der Leser nun gelöst haben möchte. Dabei lässt sich leicht erkennen, dass die Autoren größten Teils aus dem Lager der Episodenromanschreiber/-leser kommen, denn von Aufbau und Erzählcharakter erinnert zumindest dieser erste Roman an eine weltbekannte, jahrzehntelang erfolgreiche und von monströsen Ausmaßen befallene Science-Fiction-Serie (mit der SunQuest natürlich inhaltlich keine Gemeinsamkeiten hat, um das deutlich zu machen). Der Vergleich bezieht sich ausschließlich auf die oben genannten Charakteristika!

Ein wichtiges Attribut ist die grundlegende Einführung eines Rätsels, mit dem die Leserschaft gefangen werden soll. Das gelingt diesem Roman ausgezeichnet, denn wer begnügt sich als Leser (und damit als gieriger Konsument) gern mit den ersten von zwölf Kapiteln einer Geschichte? Bleibt natürlich die persönliche Frage an jeden einzelnen Leser, ob er sich in eine Serie ziehen lassen will oder lieber unabhängige Romane liest.

Unzweifelhaft nutzen die Autoren von SunQuest den Raum, um ihr Universum auszugestalten und mit einer spannenden, unterhaltsamen Geschichte zu füllen. Die Charakterisierung der Protagonisten gelingt mal besser, mal schwächer, und so gewann die Geschichte enorm von der Einführung der fremdartigen Wesen, die stets in Fünfergruppen agieren bis auf ihr – was? Maskottchen? – „Nur-Eins“, dessen Name schon seine Individualität anzeigt. Hier bin ich gespannt, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Mit diesem Aspekt aus dem zweiten Teil des Romans verlagert sich der Schwerpunkt auch ein wenig von der üblichen Fantasygeschichte einer Gruppe reizender Frauen hin zu faszinierenden Schöpfungen und fremdartigen Intelligenzen.

Insgesamt bedient sich der Roman durchaus alter Ideen, wie die Kommunikationsschwierigkeit als Auslöser eines Vernichtungskrieges oder die Anreicherung übernatürlicher Energien in Einzelpersonen mit dem Effekt, dass diese Personen zu Schlüsselfiguren in weitreichenden, geradezu kosmischen Geschehnissen werden. Doch die erzählte Geschichte ist unterhaltsam und entwirft eine spannende Welt, deren Ausbau sich lohnt zu verfolgen.

Broschiert: 240 Seiten
ISBN-13: 978-3927071278

http://www.fabylon-verlag.de/

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Weeks, Brent – Weg in die Schatten, Der (Schatten-Trilogie 1)

Azoth ist elf und gehört damit zu den Kleinen in der Gilde des schwarzen Drachen. Und wie alle Kleinen hat er entsetzlich unter dem sadistischen sechzehnjährigen Ratte zu leiden. Kein Wunder, dass der Junge davon träumt, von Durzo Blint als Lehrling angenommen zu werden. Doch Durzo Blint ist eine lebende Legende und hat noch nie einen Lehrling angenommen. Als Durzo Azoth die Bedingung nennt, unter der er eine Ausnahme zu machen bereit wäre, muss Azoth feststellen, dass das, was seinen Traumberuf ausmacht, ihm gar nicht so leicht fällt wie er gedacht hatte …

Eigentlich ist Azoth ein freundlicher, mitfühlender Kerl. Er teilt sein bisschen Essen nicht nur mit seinem Freund Jarl, sondern auch mit der stummen Kleinen, die alle nur Puppenmädchen nennen. Der einzige Mensch, den er wirklich hasst, ist Ratte. Er hat entsetzliche Angst vor dem viel stärkeren Jungen; dass er es trotzdem wagt, sich zu widersetzen, zeigt seinen Mut. Doch als der Konflikt sich immer mehr zuspitzt, zögert Azoth, die Sache konsequent zu Ende zu bringen.

Ratte dagegen ist ein skrupelloses Scheusal. Das Einzige, was ihn davon abhält sich wie ein wildes Tier zu verhalten, ist der Plan, an den er sich halten muss um das Ziel zu erreichen, das er sich gesteckt hat. Denn Ratte hat durchaus nicht vor, sich mit der Anführerschaft einer Kinderdiebesgilde zufrieden zu geben. Ratte will mehr, viel mehr …

Auch Durzo Blint scheint so etwas wie Skrupel nicht zu kennen. Schließlich kann ein gedungener Attentäter es sich generell nicht leisten, seine Aufträge in Frage zu stellen, doch Blint hat auch kein Problem damit, in einem solchen Zusammenhang noch weiteren Menschen das Leben zu nehmen, wenn er es für nötig hält, auch wenn für ihn das Eintreten einer solchen Notwendigkeit ein Zeichen für Pfusch bei der Arbeit ist. Im Laufe der Zeit stellt sich allerdings heraus, dass Durzo Blint nicht ganz so abgebrüht ist, wie er gern möchte, dass die Welt es von ihm glaubt.

Und dann ist da noch Logan Gyre. Der zwölfjährige Junge ist der Sohn eines der mächtigsten und beliebtesten Adligen des Reiches und nur deshalb nicht der Kronprinz, weil sein Vater einst, um einen Bürgerkrieg zu vermeiden, auf seinen Anspruch auf den Thron verzichtet hat. Und Logan schlägt ganz nach seinem Vater: Er ist ausgesprochen loyal dem Reich und seinen Freunden gegenüber, absolut frei von jeglichem Ehrgeiz, stark wie ein Ochse, aber gutmütig, ehrlich und durchaus nicht dumm.

Brent Weeks hat hier eine respektable Charakterzeichnung abgeliefert. Seine Charaktere haben vielleicht nicht ganz dieselbe Tiefe wie bei Jenny-Mai Nuyen oder Anne Bishop, aber es ist ihm gelungen, sie sehr lebendig und fassbar zu zeichnen und dabei jedes Klischee zu vermeiden, und das bis hinein in die Nebencharaktere. Besonders Durzo Blint ist in seiner Zerrissenheit sehr gut gelungen.

Die Welt, in der seine Geschichte spielt, ist dagegen nur grob skizziert. Cenaria ist ein Land, das bisher kaum auf bemerkenswerte Eigenleistungen zurückgreifen kann. Seine Kultur ist ein Mosaik aus kulturellen Bruchstücken, die es von den Nachbarländern kopiert hat, seine Armee ist kaum vorhanden und so schwach wie ihr unfähiger König. Die wenigen Magier des Landes sind Blutjungen und ihre Magie das Einzige, was sie von anderen käuflichen Mördern unterscheidet. Fast alle stehen sie im Dienste einer Gruppe von Unterweltbossen, genannt der Sa’kagé. Die Macht des Sa’kagé ist größer als die des Königs, doch die Unterwelt kümmert sich nur um ihre eigenen Interessen und da gehört Außenpolitik nicht unbedingt dazu.

Das nördliche Nachbarland Khalidor dagegen wird von einem Gottkönig regiert, der zwar alt ist, aber dennoch die Absicht hat, zu seinen Lebzeiten noch den gesamten Kontinent zu erobern. Außerdem hat er es auf einen Ka’kari abgesehen, das sich in Cenaria befinden soll. Die Ka’kari sind mächtige, magische Artefakte, die sich an ihren Besitzer binden und ihm besondere Fähigkeiten verleihen.

Und im südlichen Nachbarland Modai gibt es scharenweise Magier, von denen drei beschlossen haben, sich in den Lauf der Geschichte einzumischen. Auch sie besitzen ein magisches Artefakt, das Schwert Curoch.

Damit hat sich die Ausarbeitung des Hintergrundes auch schon erschöpft. Zumindest vorerst. Wahrscheinlich hat der Autor sich die Details über das magische Schwert, den Verbleib der übrigen Ka’kari sowie die Vin, die die Magier Khalidors an ihren Armen tragen, für den nächsten Band aufgehoben.

Der Handlung hat das nicht geschadet, sie ist ohnehin voll gepackt bis zum Rand. Brent Weeks erzählt recht zügig. Nachdem Azoth erst geschafft hat, von Durzo als Lehrling angenommen zu werden, dreht der Autor an der Zeitschraube. Azoths Lehre wird großteils lediglich gestreift und fast fragt sich der Leser, warum der Autor manche Szenen überhaupt einflicht, sie scheinen keine wirklichen Auswirkungen auf die spätere Handlung zu haben. Tatsächlich dienen sie der Charakterzeichnung, der Gegenüberstellung von Azoth und Durzo, die zunächst grundverschieden scheinen.

Aber kaum ist Azoths Lehre so gut wie beendet, kommt der bis dahin nur angedeutete Plot in die Gänge und erstaunlich schnell zieht sich die Schlinge zu. Der Spannungsbogen strafft sich kontinuierlich Seite für Seite immer weiter, während der Leser Zeuge wird, wie Cenaria unaufhaltsam in die Katastrophe schlittert. Dabei hat Brent Weeks seine Geschichte so dicht geschrieben, dass sie sich kaum in einzelne Handlungsstränge unterteilen lässt, obwohl sie mal von Azoth, mal von Durzo, mal von den Magiern berichtet. Und genauso wenig lässt sich Azoths innere Entwicklung von den äußeren Ereignissen trennen, in die er hineingezogen wird.

Unterm Strich kommt ein Roman mit einer recht düsteren Grundstimmung heraus, der genauso durch seine gebeutelten, ums Überleben kämpfenden Charaktere getragen wird wie durch die massive Bedrohung von außerhalb; mit einem viel versprechenden Entwurf der Magie und einer ganzen Menge Rätsel, die noch zu lösen sind – wie zum Beispiel das um die Herkunft des Magiers Dorian -; mit einer Menge temporeicher Kampfszenen, aber auch mit einer Menge Brutalität und Blutvergießen. Wer es finster, actionreich und kämpferisch mag, ist hier auf jeden Fall richtig. Freunde weniger blutiger Spannung sollten sich die Lektüre vielleicht noch einmal überlegen.

Brent Weeks wollte schon als Junge Schriftsteller werden und hat sich deshalb nach dem Collage nicht mit dem Erlernen eines anderen Berufes aufgehalten, sondern gleich mit dem Schreiben begonnen. Bis jemand bereit war, ihm etwas dafür zu bezahlen, hielt er sich als Barkeeper über Wasser. „Der Weg in die Schatten“ ist seine erste Veröffentlichung und der Auftakt zur Schatten-Trilogie, deren zweiter Band unter dem Titel „Am Rande der Schatten“ im Juli 2010 in die Buchläden kommt. Der Autor schreibt derweil an seiner nächsten Serie, deren erster Band unter dem Titel „The Black Prism“ im August dieses Jahres auf Englisch erscheint.

Taschenbuch: 704 Seiten
Originaltitel: Night Angel 01. The Way of Shadows
Deutsch von Hans Link
ISBN-13: 978-3442266289

www.brentweeks.com
www.randomhouse.de/blanvalet

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (3 Stimmen, Durchschnitt: 3,33 von 5)

Mike Resnick – Wilson Cole 3: Die Söldner

3000 Jahre in der Zukunft: Die Menschheit hat sich in Form einer Republik über die Galaxis ausgebreitet. Der große Krieg gegen die Teroni-Föderation erfordert die Wehrpflicht der Menschen, doch ihr berühmtester Offizier Wilson Cole wurde wegen Meuterei (die einem Planeten mit mehreren Milliarden Bewohnern das Leben rettete) lebenslänglich verknackt. Seine Mannschaft befreite ihn aus dem Untersuchungsgefängnis und flüchtete mit ihm als Captain an Bord der Theodore Roosevelt in den Grenzbereich der Republik. Für Cole stellt sich eine wichtige Frage: Wie soll er das Schlachtschiff unterhalten und seine Mannschaft ernähren, geschweige denn bezahlen? Als Pirat hielt er sich mehr schlecht als recht, doch was kann ein Soldat besser, als seine Wehrkraft zu verkaufen? Kurzerhand werden sie zu Söldnern …

Auch als Söldner gibt es einiges an Bürokram zu erledigen, und so übernimmt der ehemalige Hehler David Copperfield den Job, die lukrativsten Aufträge an Land zu ziehen. Zum Leidwesen Coles und der Mannschaft geht Copperfield hierbei sehr unrealistisch zu Werke, denn obwohl sie es noch immer schaffen, ihren Auftrag zu erfüllen, gerät die Teddy R in immer stärkere Bedrängnis, je mehr der Job einbringen soll. Offenbar hat der Hehler kein Gespür für die militärische Stärke des Schiffes und demnach für die Jobs, bei denen sie auch eine Chance haben.

Um das Schiff zu überholen und neue Aufträge einzuholen lässt Cole die wichtigste Sektorstation mit dem Eigennamen Singapur ansteuern. Das Konglomerat aus tausenden einzelner Stationen ist neutrales Territorium für alle Interessenten, es bietet neben jeglichen Kontaktmöglichkeiten Bars, Spielkasinos, Hurenhäuser aller denk- und undenkbaren Ausrichtung sowie Hotels und Vergnügungsbezirke für jeden Geschmack. Mit ihrem Chef, dem „Platinherzog“, gelingt Cole ein wichtiges Arrangement für die Zukunft: Gegen eine Gewinnbeteiligung vermittelt der Herzog Kontakte und bietet der Teddy R die Station als Hauptquartier.

Während der Erfüllung seiner Aufträge gewinnt Cole einige kleinere Schiffe und ihre Mannschaften als neue Gefolgschaft hinzu, doch er muss auch zwei seiner Soldaten in einer stationären Krankenbehandlung lassen. Seine beste Kampfpartnerin, die eigenwillige Walli, geht im Suff einen Deal mit einem lokalen Kriegsherren ein und verlässt Coles Geschwader. Dumm nur, dass dieser Kriegsherr gerade den Planeten, den die Krankenstation umkreist, zum Ziel erkoren hat und Cole sich ihm deshalb in den Weg stellen muss. Aus Walli und Cole werden direkte Gegner mit ungewissem Ausgang …

Resnick produziert bisher nur einige wenige ausgefeilte Charaktere wie Cole selbst, seinen besten Freund Four Eyes, die Walküre Walli und Coles Freundin und Sicherheitschefin Sharon Blacksmith. Auch David Copperfield erhält in diesem dritten Band deutlich mehr Profil und zeigt der in Brutalität groß gewordenen Walküre (Resnicks „Piratenkönigin“), was echte Loyalität – und noch darüber hinaus gehendes Gemeinschaftsgefühl – erstens bedeuten und zweitens bewirken können.

Der neue Charakter, der Platinherzog, ist erneut eine aufgestaute Kuriosität wie zuvor Walli und David Copperfield. Sein Körper besteht aus Prothesen, deren sichtbare Oberflächen aus Platin bestehen. Offenbar gibt es noch natürliche Innereien, denn sowohl sind seine natürlichen Lippen durchblutet, als er auch mit menschlichem Wesen und den ebenfalls erhaltenen Geschlechtsteilen gesegnet ist. Bisher übernimmt dieser Charakter einen Teil der Rolle, die Copperfield noch zukam: Kontakte knüpfen, Beziehungen spielen lassen, den Vermittler für den doch noch immer recht fremden, da republikserzogenen Cole abgeben. Eigene Persönlichkeit entwickelt er dabei wenig.

Wieder sind Coles Gegner überwiegend brutale Kriegsherren, die sich einige Planeten der Zone unter den Nagel gerissen haben und ihnen Schutzgelder abpressen. Dabei stellt Resnick erneut die Überlegenheit von Coles Intelligenz über deren tumbe Gnadenlosigkeit heraus, auch wenn es in manchen Situationen durchaus auf Körperlichkeit ankommt, wie er Cole erleben lässt. Und natürlich ist und bleibt die Theodore Roosevelt als Militärschiff den meisten regionalen Schiffen überlegen. Man trifft hier also bis auf die zahlenmäßige Überlegenheit, die Cole mit Geist auszuschalten hat, nicht auf echte Schwierigkeiten – bis Walli zur direkten Konfrontation mit Cole gezwungen wird, was das entscheidende Konfliktthema des Romans ist.

Hier entwickelt Resnick aus den Charaktereigenschaften dieser Piratenkönigin einen Konflikt, auf den er schon seit Einführung von Walli hinarbeitet: Zwar führt ein im Suff geführter Streit mit Cole zu ihrer Entscheidung, sich dem Gegner anzubieten, doch hat Resnick sie schon vorher deutlich machen lassen, was sie von Coles Lebensachtung hält. Und in der folgenden Nüchternheit ist es ihre Ehre, die sie an einem Rückzieher hindert, und ihre Ehre bleibt ihr eigentlicher Gegner bis zuletzt.

Cole selbst merkt es nicht, aber seine Freunde, allen voran der Molarier Four Eyes, bemerken, wie seine Kräfte unter der Verantwortung schwinden, die er für das Schiff und seine Tätigkeiten übernommen hat. Der Molarier schließlich bringt das Problem zur Sprache und artikuliert auch Coles eigene Unzufriedenheit mit der Sinnlosigkeit ihrer Mühen. Nicht nur einmal wird scheinbar lapidar der Kommentar eingeworfen, bald könne Cole der Republik entgegentreten. Und auch der Titel des folgenden Bandes „Die Rebellen“ deutet in diese Richtung …

Es ist bemerkenswert zu lesen, wie sich die Ausrichtung von Coles Tätigkeitsschwerpunkten verschiebt und wohin (laut folgender Titel) das Ganze noch führen kann: Vom ungünstig positionierten und missverstandenen Offizier der Republiksflotte über den parasitären Piraten, als der er seine Fähigkeiten vergraben muss, bis zum jetzigen Söldner, der bereits deutlich mehr militärisches Geschick verlangt, sich aber keinem größeren Ziel unterordnen kann und darum in seinem Tun keinen Sinn sieht – deutlich zeichnet sich der Weg bereits jetzt ab, den Cole und seine Mitstreiter werden gehen müssen, um die Erfüllung zu finden. Während Cole als Captain auch mal zwiespältige Entscheidungen zu treffen hat, ist Four Eyes sein handelndes Gewissen. Cole würde dem widersprechen und sagen, er brauche kein Gewissen, und von seiner Mentalität her gesehen, müssten wir ihm zustimmen. Auch der dritte Band der Wilson-Cole-Geschichte ist ein Feuerwerk aus Action und spannender Unterhaltung, wie man es sich nur wünschen kann.

Broschiert: 366 Seiten
ISBN-13: 978-3404233373
Originaltitel:
Starshhip: Mercenary
Übersetzt von Thomas Schichtel

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (4 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Chadda, Sarwat – Teufelskuss

Das Genre Fantasy lebt zurzeit von Romanen, in denen zumeist Vampire die tragenden Rollen spielen. Doch was wird als nächster Trend die romantischen, nahezu unsterblichen Blutsauger ablösen? Die Weichen sind derweil schon gestellt: Engel und Dämonen stehen derzeit im Wartesaal und lauern nur auf ihren literarischen Eintritt.

Fantasy und Mystik sind eng miteinander verbunden, und oft werden Fakten mit Fiktion verbunden, besonders dann, wenn es sich um Gruppierungen und Personen handelt, bei denen sich immer ein Hauch von Geheimnissen und dunklen Legenden hinzugesellte.

Im Verlag |Penhaligon| ist dieses Jahr zu diesem Themenkreis der Debütroman „Teufelskuss“ von Sarwat Chadda erschienen.

_Inhalt_

Die Welt von Billi SanGreal hat aufgehört, sich zu drehen, als sie gerade erst fünf Jahre alt war. Ihre Mutter wurde von Ghulen getötet und einige Jahre später offenbart sich ihr Vater Arthur als Großmeister der Tempelritter, die es sich zum Ziel gemacht haben, alles Dämonische zu töten. Dazu gehören bekanntermaßen Vampire, Werwölfe, Ghule und noch jede Menge mehr Wesen, die die Menschheit bedrohen.

Seit diesen Jahren lebt Billi SanGreal zwischen den Welten; einerseits geht sie wie jede andere junge Frau von fünfzehn Jahren zur Schule, andererseits wird sie von den Mitgliedern des Ordens der Tempelritter in verschiedenen Kampfkünsten praktisch und theoretisch ausgebildet – nicht unbedingt etwas für eine junge Frau auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Das Doppelleben bringt Schwierigkeiten mit sich; manch blauer Fleck und so manche Schramme oder Prellung bleibt ihren aufmerksamen Mitschülern natürlich nicht verborgen, und so rettet sich Billi in immer neue Ausflüchte und Erklärungen, sodass sie schnell zum Sonderling abgestempelt wird.

Einzig ihr alter Freund Kay, der einige Zeit außerhalb von London lebte und bei den Ordensrittern die Funktion eines Sehers innehat, versteht seine Jugendfreundin. Als Seher der Tempelritter verfügt er über immense geistige Kräfte, wie Telepathie oder Telekinese sowie den Blick in die Zukunft, der die Prophezeiung ausspricht, dass Billi jemanden töten muss, den sie liebt, um viele andere zu retten. Ein Damoklesschwert, das an einem seidenen Faden über dem Haupt der jungen Frau rotiert.

Die kleine Gruppe von Ordensrittern ist inzwischen ratlos. Unheimliches geht in London vor: In den Krankenhäusern erkranken immer mehr Kinder und sterben wenig später an einer mysteriösen Krankheit. Die Ärzte sind ratlos, die Eltern verzweifelt und die Bevölkerung schon alarmiert.

In der gleichen Zeit lernt Billi den attraktiven und charismatischen Mike Omen kennen. Billi fühlt sich hingezogen zum dem verständnisvollen, jungen Mann, der sie als Frau und Person wahrnimmt. In ihrem Träumen stellt sie sich schon lange ein ganz normales, langweiliges Leben vor, ohne Kämpfe und Bedrohungen durch dämonische Wesen, das ihr Gelegenheit gibt, Freunde zu finden und vielleicht eine Familie zu gründen. Sie fühlt sich alleine und einsam; das Verhältnis zu ihrem Vater ist angespannt: Scheinbar liebt Arthur seine Tochter nicht, und nicht selten zeigt er ihr die kalte Schulter, wenn sie Fragen oder Ängste hat.

Doch Billis Hoffnungen zerplatzen, als sich Mike Omen ihr offenbart. Mike ist ein Engel, gar der Erzengel Michael, bei Gott in Ungnade gefallen und zusammen mit einigen anderen Engeln aus dem Himmel verbannt worden. Michael will alle Erstgeborenen töten lassen, so wie damals im alten Ägypten, weil der Pharao Ramses nicht auf Moses‘ Bitten reagierte. Michael möchte erreichen, dass die Menschen Gott wieder achten und ihn preisen und er dadurch wieder in den Himmel aufgenommen werden kann. Billi soll für Michael die anderen Engel, die in ein Spiel aus Salomos Zeiten gebannt wurden, befreien.

Als sich Billi den Tempelrittern und ihrem Vater anvertraut, ist es fast schon zu spät, und ausgerechnet Satan, der gefallene Engel, bietet Billi einen Handel an, doch der Preis dafür ist ein Leben …

_Kritik_

Dass „Teufelskuss“ der Debütroman des Autors Sarwat Chadda ist, merkt man schon nach wenigen Kapiteln. Chadda bedient sich hier ziemlich vieler Mythen, und manche seiner Ideen sind nicht gerade neu. Fangen wir beim Namen an: SanGreal = der heilige Gral, eine Querverbindung zu recht vielen Legenden um die Tempelritter, dicht gefolgt von „Arthur“, dem Vater Billis, der recht viel Ähnlichkeit mit dem legendären König Arthur hat, und natürlich spielt hier ein berühmtes Schwert eine nicht unbedeutende Rolle. Es gibt noch die eine oder andere inhaltliche Verwandtschaft, über die der Leser stolpert. Die Tempelritter selbst, denen sowieso so manches nachgesagt wird, dürfen hier natürlich nicht fehlen. Ein kleine elitäre Gruppe mit einer Aufgabe, bei der sie sich glorreich opfern müssen, um die Welt einmal mehr zu retten.

Der Kampf im Himmel, gleichbedeutend mit dem Sturz Luzifers, ist auch kein neues Thema; ebenso die Rolle eines ‚gestrauchelten‘ Erzengels, der um die Liebe Gottes buhlt und die Menschen als niedere Wesen ansieht. Dass die vermeintlichen guten Engel in diesem Fall die bösen sind, birgt eigentlich ziemlich viel Potential, aber der Autor nimmt diese Chance vor seinen müden Augen wohl nicht wahr. Viel zu schnell sind die Szenenwechsel, zu flüchtig die Erklärungen, die dem Leser ansatzweise aufzeigen wollen, wie das Verhältnis Billis zu ihrem Vater und den anderen Rittern des Ordens ist.

Zwar fängt der Roman recht spannend an, aber was nach wenigen Seiten folgt, wirkt dann doch eher enttäuschend. Das Tempo ist, gemessen an der Handlung, viel zu schnell, die Dialoge sind nicht ausgereift genug und die Charaktere lassen wirklich inhaltliche Tiefe vermissen. Eingepackt in eine komplizierte Vater-Tochter-Beziehung, in der sich die Tochter überfordert, nicht geliebt und nicht verstanden fühlt, ist all das zwar nett zu lesen, doch nicht gerade überzeugend.

Sarwat Chadda hätte gerade mit seinen Protagonisten, allen voran der Erzengel Michael, vieles interessant und spannend erzählen können, stattdessen konzentriert er sich manchmal auf actionreiche Waffengänge mit konventionellen historischen Waffen, die zudem etwas zu deplatziert wurden.

„Teufelskuss“ ist trotz all der angerissenen Themen keinesfalls spannend, sondern vor allem eine Aneinanderreihung von phantastischen Personen, Wesenheiten, Gegenständen und Prophezeiungen. Sicherlich kommt im Laufe der Handlung so manche erzählerische Gelegenheit an die Oberfläche, die, wenn sie weiter verfolgt worden wäre, für Überraschungen hätte sorgen können, aber auch diese Möglichkeit wird schlicht nicht genutzt.

Interessant für alle jugendlichen Leser ist sicherlich die Figur von Billi, die auf ihrem Weg zur erwachsenen Frau ihre Stellung im Leben sucht und sich später in ihrer Rolle als Schlüsselperson ihrem Schicksal zu stellen weiß, aber auch hier vermisst man noch so manches Mal inhaltliche Tiefe, obwohl sie wie viele andere junge Menschen an der Schwelle zur Verantwortung steht und etwas Angst davor hat, den nächsten Schritt zu tun, um sich ihrem Schicksal zu stellen. Doch manchmal ist es dann das Schicksal, das den notwendigen Schritt tut …

Die Religion spielt in dieser Geschichte eine tragende Rolle. In diesem Fall jongliert jedoch der Autor gleich mit dreien der großen Weltreligionen: Christentum, Islam und der jüdische Glaube (als Wurzel dieser drei Religionen). Doch wie bei den anderen Zutaten auch, bleibt in diesem Fall ein bitterer Nachgeschmack zurück, denn auch hierbei gelingt es dem Autor nicht, mit einer stimmigen Zubereitung zu überzeugen.

Was übrig bleibt, ist eine kurzweilige Geschichte, mit der sich gerade jugendliche Leser identifizieren können, die sich vielleicht vor ähnliche Herausforderungen und Probleme gestellt sehen wie Billi in „Teufelskuss“. Aber viele andere Leser werden von der wenig spannenden Handlung und den noch weniger anzufindenden Überraschungen und Wendungen enttäuscht sein.

„Teufelskuss“ ist als Debüt zwar kein allzu gelungenes, aber ich hoffe, dass sich der Autor beim nächsten Roman mehr Zeit nimmt, um seine Erzählung konzentriert niederzuschreiben, sodass wirkliche Spannung aufkommt und man mit den Protagonisten mitfiebern kann. Der Autor hat viel gewollt, sein Ziel jedoch zu hoch gesteckt und ist dabei mehrfach deutlich von seiner Marschroute abgekommen.

|Originaltitel: The Devil’s Kiss
Deutsch von Maike Claußnitzer
318 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-7645-3031-0|
http://www.penhaligon.de
http://www.sarwatchadda.com

Mike Resnick – Wilson Cole 2: Die Piraten

3000 Jahre in der Zukunft: Die Menschheit hat sich in Form einer Republik über die Galaxis ausgebreitet. Der große Krieg gegen die Teroni-Föderation erfordert die Wehrpflicht der Menschen, doch ihr berühmtester Offizier Wilson Cole wurde wegen Meuterei (die einem Planeten mit mehreren Milliarden Bewohnern das Leben rettete) lebenslänglich verknackt. Seine Mannschaft befreite ihn aus dem Untersuchungsgefängnis und flüchtete mit ihm als Captain an Bord der Theodore Roosevelt in den Grenzbereich der Republik. Für Cole stellt sich eine wichtige Frage: Wie soll er das Schlachtschiff unterhalten und seine Mannschaft ernähren, geschweige denn bezahlen? Er sieht einen Ausweg: als Pirat …

Der Job als Pirat stellt Cole und seine Mannschaft vor unerwartete Probleme: Zwar ist die alte, ausmusterungswürdige Teddy R hier außerhalb der Republik ein überlegenes Kriegsschiff, doch lässt es sich nicht mit der Moral der Besatzung verbinden, Unschuldige auszurauben, zu töten oder anders zu schädigen. Coles Idee: Man beraube Piraten und verkaufe die Beute an Hehler.

Schon beim ersten Versuch – sie geraten an einen außerirdischen Hehler, der sich David Copperfield nennt und alle echten Bücher Charles Dickens‘ mit völliger Verrücktheit sammelt – stellt Cole fest, dass dieser Weg nicht lukrativ genug ist, um dauerhaft für das Schiff sorgen zu können. Die neue, bessere Idee: Man beraube weiterhin Piraten, verkaufe die Beute aber an die zugehörige Versicherung, die den Betroffenen für den Schaden aufkommen muss und billiger davonkäme, wenn sie die Ware bei Cole zurückkaufte.

Nach wenigen Versuchen gerät Cole bei einer solchen Transaktion in einen Hinterhalt, aus dem er sich nur mit Hilfe einer außergewöhnlichen Piratin, die er auf Grund ihres Aussehens und ihrer Fähigkeiten „Walküre“ (kurz: Walli) nennt, retten. Sie wurde um ihr Schiff betrogen und lässt sich auf der Teddy R als Zweiter Offizier anstellen mit der Option, ihr Schiff bei Gelegenheit zurückzuerkämpfen. Der Gegner, ein berüchtigter Pirat mit dem Namen „Hammerhai“, bringt nicht nur Cole und seine Meute in Bedrängnis …

Dieser zweite Band des Fünfteilers um Wilson Cole bestätigt schnell den Eindruck, der schon im ersten Band „Die Meuterer“ entsteht: Eine kurzweilige, handlungs- und actionreiche Geschichte, angesiedelt in einem galaktischen Universum, dem es nicht an kreativen und ausgefallenen Details fehlt. Dabei kann man zwar den Eindruck gewinnen, mit Wilson Cole hätte Resnick einen übermächtigen Charakter geschaffen, doch entwickelt sich dieser Charakter im Laufe der Geschichte ständig weiter, da aus seiner Sicht erzählt wird und Resnick seine Entscheidungsfindung immer wunderbar illustriert.

Cole ist ein durchschnittlicher Mensch, der aber stets die passende Antwort parat hat, meist jedoch nicht die Antworten gibt, sondern die Fragen stellt. Er ist der Captain des Raumschiffs Theodore Roosevelt und sollte sich als solcher nach Meinung seiner Mitstreiter weitgehend aus der eigentlichen Handlung heraushalten, doch findet er immer wieder Argumente, die seinen persönlichen Einsatz rechtfertigen, so dass man hier einen echten Space-Opera-Captain vorfindet, der alle wichtigen Angelegenheiten selber regelt. Immerhin stellt er sich als ausnehmend menschlich dar wie ein Old Shatterhand der alten Garde, vergießt er doch nie ohne Not das Blut seiner Gegner, ohne allerdings zu zögern, wenn es ihm nötig erscheint. Gegen brutale Widersacher wie den Hammerhai setzt er sich geistig überlegen und energisch durch frei nach dem Motto: „Unter all den unbewussten Lebensformen gibt es wenige, die des Denkens fähig sind. Ich habe ein Gehirn und halte es für eine Straftat, es nicht zu benutzen.“

Die anderen Charaktere kann man weitgehend vernachlässigen, sie agieren meist im Hintergrund oder geben ihre Gedanken zu Coles Überlegungen hinzu, was schließlich für ihn und für den Leser zur Erkenntnis der neuen Strategie (oder des zum Erfolg führenden Tricks) führt. Die wichtigsten wurden bereits im ersten Band eingeführt und haben sich seither nicht merklich weiter entwickelt. Neu sind David Copperfield und Walli, die Piratenkönigin.

Copperfield ist zwar ein verrückter Außerirdischer, findet aber keinen richtigen Zugang zum Flair der Geschichte. Er wirkt etwas konstruiert und bleibt überwiegend uninteressant.

Walli bringt das in die Handlung, was Cole fehlt und was aus den beiden ein karrierefähiges Duo macht: überragende Kampfkunst und Angriffslust, bei Verhandlungen spielt sie Coles Rückendeckung und den aggressiven Verhandlungspartner. Sie kommt zwar erst in der zweiten Hälfte des Romans dazu, wird uns aber hoffentlich noch einige interessante Kämpfe liefern. Bis zu ihrem Auftritt gab es tatsächlich keinen Cole ebenbürtigen Charakter in der Geschichte, und so musste Resnick quasi mit Cole allein zurechtkommen. Mit Walli steht ein echter Partner bereit, der die Handlung auch mal übernehmen kann und ihr dadurch zu einem breiteren Spektrum verhilft.

Insgesamt bietet die Handlung ein fast klischéehaftes Umfeld mit ebensolchen Protagonisten, doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich mehr Tiefgang als erwartet. Wilson Cole ist schnelle, spannende Unterhaltung mit mal wieder interessanten und außergewöhnlichen Gedankengängen und überraschenden Tricks. Warum ist Mike Resnick hierzulande so überaus unbekannt? Seine Produktivität und die gelobte und bepreiste Qualität seiner Geschichten sollten doch auch hier ihre Fangemeinde finden.

Taschenbuch: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3404233298
Originaltitel: 
Starship: Pirate
Übersetzt von Thomas Schichtel

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (4 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Sarah Singleton – Das Haus der kalten Herzen

Der Buchtitel ist „Das Haus der kalten Herzen“, die Hauptpersonen schlafen tagsüber und leben in der Nacht, auf dem Cover ist eine blasse junge Frau abgebildet – Sarah Singletons Jugendbuch lässt sich ohne Probleme in die Vampirschiene einordnen. Trotzdem kommt kein einziger spitzer Eckzahn in der ungewöhnlichen Geschichte vor …

Mercy lebt mit ihrer jüngeren Schwester Charity, der Hauslehrerin Galatea, ihrem Vater und einer Angestellten in einem alten Haus namens Century. Freunde hat das junge Mädchen keine. Eingeschlossen lebt sie mit ihrer Familie in einer ganz eigenen Welt, in der es ewiger Winter ist und die Sonne nie scheint. Sie fragt sich nie, wieso sie so lebt, doch als sie eines Tages bei einem Spaziergang den gut aussehenden Claudius kennen lernt, beginnt sie nachzudenken.

Sarah Singleton – Das Haus der kalten Herzen weiterlesen

Belitz, Bettina – Splitterherz

Ellies Laune ist absolut unterirdisch. Sie ist gerade von ihren Eltern gegen ihren Willen von Köln in die totale Prärie verpflanzt worden, ein Kuhdorf, in dem absolut nichts los ist und wo die Nachbarschaft fast ausschließlich aus Rentnern besteht. Nicht mal ihr Handy hat Empfang!

Gleich an ihrem ersten Wochenende in der neuen Umgebung muss sie sich von einem unbekannten Reiter aus einem Gewittersturm retten lassen. Allerdings ist der Kerl für einen ritterlichen Helden ganz schön ruppig. Die zweite Begegnung verläuft auch nicht gerade viel versprechend. Und doch fühlt Ellie sich von dem unnahbaren Typen angezogen. Als ihr Vater jedoch heraus findet, mit wem seine Tochter da im Begriff ist anzubandeln, schmeißt er ihn raus und verbietet Ellie jeden Kontakt, jedoch ohne ihr eine Antwort auf ihre Fragen zu geben. Wutentbrannt beschließt Ellie, die Antwort selbst herauszufinden. Und muss feststellen, dass nicht nur ihr Ritter ein Geheimnis hat …

Es dauert eine Weile, bis der Leser merkt, mit wem er es da eigentlich zu tun hat. Und das gilt weniger für den geheimnisvollen Colin, von dem Ellie so fasziniert ist, als vielmehr für Ellie selbst.

Wirkt sie zunächst noch wie eine vollpubertierende Großstadtzicke, die dumm genug ist, einen Waldspaziergang mit Stöckelsandalen zu versuchen und panische Angst vor Insekten, Spinnen und Pferden hat, so relativiert sich dieser Eindruck mit der Zeit immer mehr. Ihr Benehmen an der neuen Schule ist völlig verkrampft und spätestens beim ersten Besuch ihrer alten Freundinnen aus Köln zeigt sich, dass sie sich auch dort auf unnatürlichste Weise verrenkt hat. Je weiter sich die Geschichte entwickelt, desto mehr schält sich aus der hippen Schickimickitussi ein echter Charakter heraus. Und der ist gar nicht so übel.

Colin dagegen ist gerade wegen seines Geheimnisses ziemlich vorhersehbar geraten. Einzige Überraschung ist, dass er – dem Himmel sei Dank – kein Vampir ist! Ansonsten ist er, wie erwartet, sexy, gefährlich und einsam.

Eine weit größere Überraschung wiederum war Ellies Vater, dessen ungewöhnliche Arbeitszeiten zwar auffielen, den Leser aber kaum auf das vorbereiten, womit er letztlich konfrontiert wird, obwohl im Nachhinein betrachtet alles so wunderbar passt.

Den meisten Charakteren kann man nicht allzu viel Tiefgang bescheinigen. Abgesehen davon, dass Ellies Vater durch sein Geheimnis ein wenig aus der Reihe fällt, was sich jedoch hauptsächlich auf die Entwicklung der Handlung auswirkt und weniger auf die Figur als solche, sind Ellies Eltern vor allem besorgte Eltern. Mehr nicht, das dafür aber ziemlich gut. Colin ist zwar eindringlich und gut gezeichnet, verliert aber dadurch, dass er trotz der ausdrücklichen Distanzierung der Autorin von der derzeitigen Mode des Softievampirs doch ein wenig in genau dieses Klischee hinein gerutscht ist. Hervorragend gelungen fand ich dagegen Ellie. Ihre Entwicklung vom ängstlichen, unsicheren Mädchen hin zu einer selbstbewussten jungen Erwachsenen ist ausgesprochen gut gemacht.

Dazu trägt auch die sprachliche Gestaltung bei. Bettina Belitz schreibt durchaus junge Sprache, klingt aber niemals gekünstelt oder erzwungen jugendlich. Durch den trockenen Wortwitz, der immer wieder mal aus dem in Ich-Form erzählten Text heraus blitzt, wirkt die Hauptfigur Ellie, aus deren Sicht erzählt wird, zunehmend intelligent und sympatisch.

Die Stimmung innerhalb des Buches ist jedoch, von den erwähnten kurzen Funken Humors abgesehen, eher ernst, ja düster gehalten. Sie spiegelt Ellies Ängste wider, die sich nicht allein auf ihre Pferde- und Spinnenphobie beschränken oder darauf, dass sie fürchtet, nicht akzeptiert zu werden. Ellie ist überdurchschnittlich sensibel und spürt deutlich, dass sie, ja ihre ganze Familie anders ist. Die Nachbarn meiden die Familie, und sämtliche Jungs, die Ellie je mit nach Hause gebracht hat, schienen sich vor Ellies Vater zu fürchten wie die Maus vor der Schlange. Im Haus ist es niemals wirklich hell und freundlich, da beim ersten Sonnenstrahl sämtliche Vorhänge zugezogen werden, und ihre Ferien hat Ellie bisher stets am Rande des ewigen Eises verbracht statt am Mittelmeer.

Colin bildet den Anstoß zu Ellies Suche nach der Wahrheit, und obwohl diese Wahrheit sie durchaus erschreckt, scheint sie sich zunehmend besser zu fühlen. Gleichzeitig lüftet die Autorin auch Colins Geheimnis, allerdings ist es hier eher andersherum. Je mehr der Leser über Colin erfährt, desto mehr verschiebt sich der Schatten in dessen Richtung. Plötzlich ist Colin nicht mehr allein eine Gefahr, er ist auch selbst gefährdet.

Viel mehr, als dass Ellie einige Geheimnisse lüftet, tut sich letztlich gar nicht. Der größte Teil des Buches spielt sich zwischen den Charakteren ab: Zwischen Ellie und ihren Mitschülern, neuen wie alten; zwischen Ellie und ihrem Vater; und natürlich zwischen Ellie und Colin. Dieser Teil erzählt letzten Endes, wie Ellie ihre alles beherrschenden Ängste überwindet und endlich Selbstvertrauen entwickelt. Insofern ist dieses Buch geradezu ein psychologisches Buch, gekleidet in eine Mysteryromanze, als Zugeständnis an den Zeitgeist.

Ich fand das Buch klasse. Der intelligente Kern der Geschichte hebt es – trotz der klischeegefährdeten Figur des Colin – ein gutes Stück über das Gros der sonstigen seichten Teeniesoaps hinaus, wozu auch das angenehm kitschfreie Ende beiträgt. Dabei war es niemals langweilig, nirgendwo war ein erhobener Zeigefinger zu sehen. Es erzählt einfach nur glaubwürdig und ehrlich von der Emanzipation eines Mädchens von den Erwartungen ihrer Umgebung und seiner Selbstfindung. Die Mysterieverpackung ist dabei nur die Würze in der Suppe. Beides hat die Autorin ausgesprochen gut ausbalanciert und nahtlos miteinander verwoben, sodass trotz der Gegensätze zwischen Grundthema und Ausschmückung, zwischen Realität und Phantastik, das Ganze wie aus einem Guss wirkt.

Ausdrücklich lobend erwähnen möchte ich auch das ausgezeichnete Lektorat des Verlages. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir im Laufe des Buches auch nur ein einziger Fehler begegnet wäre!

Bettina Belitz war nach einem Germanistik- und Geschichtsstudium mehrere Jahre als Journalistin tätig, ehe jemand in ihrem Blog Auszüge aus ihren Büchern entdeckte. Seither arbeitet sie als freie Autorin. Ihre Hobbies Reiten und Gärtnern haben ebenso deutliche Spuren in „Splitterherz“ hinterlassen wie ihr Lebensumfeld Westerwald.

|Gebundene Ausgabe: 630 Seiten
ISBN-13: 978-3839001059
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren|

Lektorat & Mentoring für Autoren von wertvollen Büchern


http://www.splitterherz.com/

Gleason, Colleen – Blutrote Dämmerung (Das Buch der Vampire 3)

Lady Victoria Gardella sollte wohl eigentlich Teekränzchen und Bälle besuchen. Doch das Schicksal hat etwas anderes für sie bereit gehalten, denn sie ist die Illa Gardella, die Anführerin einer Schar von Vampirjägern, die es auf die Vampire und Dämonen von Rom abgesehen haben. Und so läuft Victoria auch am liebsten in weiten Hosenröcken herum und ihre Zofe hat es sich zur hehren Aufgabe gemacht, allerlei Waffen und Gimicks in den Kleidern ihrer Herrin unterzubringen.

Victoria trauert immer noch um ihre Großtante Eustacia, die vorige Illa Gardella, von der Victoria nun den Titel geerbt hat. Doch der Tod Eustacias bekommt bald eine weitere Dimension, als sich heraus stellt, dass die Vampire von Rom versuchen, in ein alchemistisches Labor einzudringen, das sich nur mit drei bestimmten Schlüsseln öffnen lässt. Einen davon trug Eustacia immer am Körper, doch nun ist er unauffindbar. Also versucht Victoria den geheimnisvollen Sebastian Vioget ausfindig zu machen, denn er war Zeuge von Eustacias Tod und weiß deshalb vielleicht vom Verbleib des Schlüssels. Auf jeden Fall muss es den Jägern vor den Vampiren gelingen, das Labor zu öffnen!

Gleichzeitig tobt in Rom der Karneval und die ganze Stadt scheint auf den Beinen. Solch eine Veranstaltung ist für die Vampire der Stadt natürlich ein gefundenes Fressen (im wahrsten Sinne) und so sind Victoria und ihre Venatoren ständig unterwegs, um Vampire zur Strecke zu bringen.

„Blutrote Dämmerung“ von Colleen Gleason ist bereits der dritte Band ihrer Reihe „Das Buch der Vampire“. Die Grundidee erinnert ein bisschen an „Buffy“ in einem historischen Setting: Seit die erste Vampirjägerin eine Frau aus der Gardella-Familie war, wird die Begabung weiter vererbt. Wie auch bei „Buffy“ wird damit eine junge Frau aus ihrem normalen Leben gerissen, um plötzlich Vampiren und anderen Monstern den Garaus zu machen. Und wie Buffy muss auch Victoria hart darum kämpfen, ihre Familie im Ungewissen zu lassen – zu ihrem eigenen Schutz. Um das Ganze mit etwas religiösem Hintergrund aus zu polstern ist das Hauptquartier der Venatoren eine alte Kirche und sie beziehen ihre übermenschliche Kraft aus der vis bulla, einem Silberkreuz, dessen Rohstoff aus einer Mine unter dem Berg Golgotha stammt. Doch natürlich schmückt Gleason ihr Universum noch mit allerlei anderen Ideen aus. So macht sie bespielsweise eine ganze Hierarchie von Vampiren und Dämonen auf, von denen jede „Sorte“ ihre eigenen Stärken hat.

„Blutrote Dämmerung“ wird in den USA als Paranormal Romance vermarktet, doch tatsächlich lassen sich Gleasons Bücher nicht so einfach einordnen. Sicher, sie lässt eine Handvoll attraktiver Männer auftauchen, die alle auf ihre Art um Victoria werben und manchmal auch erhört werden. Allerdings gibt es keine Romanze, keine schicksalhafte Liebe, die irgendwann komplett die Handlung unterwandert, um der Leserin eine Liebesszene nach der anderen zu liefern. Statt dessen behält Gleason ihre Handlung immer im Auge und lässt romantische Szenen quasi auf Nebenschauplätzen stattfinden, als kleine Pausenfüller, bevor Victoria wieder auf Vampirjagd muss. Das ist ein wirklich erfrischender Gegensatz zur Paranormal Romance, vor allem auch, weil Gleason durchaus eine talentierte Autorin ist und sich die Mühe macht, ein umfangreiches Universum für ihre Romanreihe zu entwerfen. So hat man als Leser nicht den Eindruck, die Charaktere würden in einem stereotypen Setting mit Elementen aus historischen und fantastischen Romanen agieren. Gleason überzeugt mit einer ausgewogenen Geschichte, die sowohl spannend, unterhaltsam als auch erotisch ist.

Zwar ist nicht alles gelungen – oder eher: Einiges ist zu gelungen. So wird Victoria in ihrem Haus von ihrer Mutter und deren zwei Busenfreundinnen heimgesucht. Da sie schon so lange nichts mehr von ihrer Tochter gehört hat und sich nun langsam sorgt, hat sich ihre Mutter spontan zu einem unangekündigten Besuch entschlossen. Natürlich ist sie wenig begeistert, als sie fest stellt, dass ihre hübsche Tochter im heiratsfähigen Alter praktisch gar nicht am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, und so versucht sie, Victoria in die Rolle einer hübschen Modepuppe zurück zu drängen, während Victoria verzweifelt versucht, ihre nächtlichen Aktivitäten aufrecht zu erhalten, ohne ihrer Mutter Anlass zum Misstrauen zu geben. Gleason beschreibt hier einen vollkommen legitimen – und eigentlich auch interessanten – Konflikt, doch leider sind die drei Besucherinnen als solche Karikaturen geraten, dass man als Leser ständig hofft, sie würden endlich von einem Vampir ausgesaugt und in die ewigen Jagdgründe befördert werden. Da Victorias Mutter auch die schlafwandlerische Gabe hat, immer in Schwierigkeiten zu geraten, wird man als Leser immer frustrierter, wenn es Victoria mal wieder gelingt, ihre Mutter vor dem sicheren Tod zu retten. Die Geheimnisse, die Victoria vor ihrer Mutter haben muss, machen deren Beziehung zu einer tickenden Zeitbombe – ein Thema mit Potenzial, an dem man sich als Autor sicherlich wiederholt abarbeiten kann. Ist es jedoch zu viel verlangt, die Frau Mama wenigstens ein bisschen sympathisch zu gestalten? Da Victorias Mutter nun aber als solch ignorante Schreckschraube daherkommt, stellt man sich als Leser immer wieder auf Victorias Seite und das nimmt dem Mutter-Tochter-Konflikt den Pfiff.

Trotzdem, „Blutrote Dämmerung“ ist ein wirklich überzeugendes Stück Unterhaltung. Die Helden sind heldenhaft, die Leidenschaften leidenschaftlich und die Vampire ordentlich böse. Und Victoria ist eine Heldin, die man lieb gewinnen kann. Eine klare Leseempfehlung!

|Taschenbuch: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3442372720
Originaltitel: |The Gardella Vampire Chronicles 03. The Bleeding Dusk|
Deutsch von Patricia Woitynek|

Friedman, Celia – Seelenjägerin, Die (Magister-Trilogie 1)

Die Magister-Trilogie:

Band 1: „Die Seelenjägerin“
Band 2: „Wings of Wrath“ (noch ohne dt. Titel)

Vor der Tür des Einsiedlers Aethanus steht ein junges Mädchen namens Kamala. Sie besteht darauf, von ihm zum Magister ausgebildet zu werden. Der Blick aus ihren grünen Augen ist so diamanthart, dass Aethanus sich überreden lässt. Tatsächlich gelingt ihr, was noch keiner Frau je gelungen ist. Doch das heißt noch lange nicht, dass sie sich auch unter all ihren männlichen Kollegen durchsetzen kann. Eine Einsiedelei ist nur eine unvollkommene Vorbereitung auf die Welt, und so verläuft gleich ihr erstes Zusammentreffen mit anderen Vertretern ihrer Zunft katastrophal …

Während am einen Ende des Kontinents die erste Magisterin der Geschichte ihre ersten Schritte tut, erleidet am anderen Ende Prinz Andovan, dritter Sohn des Großkönigs Danton, plötzlich Schwächeanfälle, ohne dass einer der vielen Ärzte eine körperliche Ursache dafür finden könnte. Ramirus, der Magister des Großkönigs dagegen weiß ziemlich genau, worum es sich handelt, und genau das ist sein Problem. Denn es handelt sich dabei um eines der bestgehütetsten Geheimnisse der Magie überhaupt, was die Angelegenheit zu einer ziemlichen Zwickmühle macht. Doch noch ehe Ramirus eine Lösung für das Dilemma finden kann, nimmt der kranke Prinz die Sache selbst in die Hand, mit ungeahnten Folgen …

Der Titel lässt vermuten, dass das Buch Kamalas Geschichte erzählt. Das stimmt nur bedingt. Bei genauer Betrachtung stellt sich heraus, dass der Originaltitel – falls überhaupt – miserabel übersetzt wurde. Wörtlich übersetzt müsste er „Seelenschmaus“ lauten, was wohl nicht als verkaufsfördernd eingestuft wurde, den Inhalt aber wesentlich besser beschreibt.

Denn hier geht es um eine Art von Magie, die genau das tut: Sie verschlingt Seelen. Magie kann nur mit Hilfe von Athra gewirkt werden. Athra ist ein hübsches Wort für Lebensenergie oder auch für Seele. Die einfachen Hexen und Hexer verbrauchen ihre eigene Lebensenergie, wenn sie zaubern, deshalb altern sie alle vor ihrer Zeit und sterben früh. Die Magister haben sich damit offenbar nicht zufrieden gegeben, sie sind einen Schritt weiter gegangen und haben sich, nachdem sie ihre eigene Lebenskraft vollständig verbraucht haben, die Kraft einer fremden Seele unter den Nagel gerissen. Wobei es das nicht ganz trifft, denn die Magister saugen ihre Opfer nicht auf einmal aus wie ein Vampir. Man könnte sie eher mit Parasiten vergleichen. Wie ein Blutegel hängen sie sich an ihren Konjunkten und bedienen sich an seinem Athra. Dazu muss der Konjunkt nicht einmal in der Nähe sein. Tatsächlich weiß ein Magister in der Regel gar nicht, wer sein Konjunkt ist, und der Konjunkt weiß es erst recht nicht. Die wachsende Schwäche, die ihn mit der Zeit befällt, je nachdem, wie verschwenderisch der Magister Magie einsetzt, wird im Volk als unheilbare Krankheit betrachtet, die Schwundsucht genannt wird. Stirbt der Konjunkt, muss der Magister sich einen neuen suchen.

Das klingt nach Unsterblichkeit und tatsächlich sind einige Magister mehrere Jahrhunderte alt. Doch unverwundbar sind sie nicht, auch nicht außerhalb der Translatio, wie man den Wechsel eines Konjunkten nennt. Ein äußerst angenehmer Umstand, der dafür sorgt, dass die Magister weder allmächtig noch unbesiegbar sind.

Die Magister sind allerdings nicht die einzigen, die von der Seelenkraft ihrer Mitmenschen leben. Ikati, Ungeheuer mit hypnotischen Kräften, die wie überdimensionierte Libellen aussehen, nähren sich ebenfalls davon. Und obwohl man die Magister bezüglich der Ausbeutung ihrer Opfer wahrhaftig nicht als rücksichtsvoll bezeichnen kann, sind sie im Vergleich zu den Ikati geradezu fürsorglich. Ein Mensch, der einem Magister als Konjunkt dient, kann noch Jahre leben. Ein Mensch, der einem Ikata begegnet, ist so gut wie tot.

Gegen diese Ungeheuer hat die Menschheit bereits einen grausamen Krieg hinter sich, der nur durch die Selbstaufopferung zahlloser Hexen und Hexer gewonnen werden konnte. Wobei gewonnen relativ ist, denn die Ikati wurden nie vollständig ausgelöscht, sondern nur vertrieben, in die eisigen Gefilde des äußersten Nordens, wo seither die Protektoren und die Heiligen Hüter darüber wachen, dass keines jemals den Heiligen Zorn überschreitet, eine magische Grenze, die der Legende nach die Götter selbst errichtet haben. Doch dieselbe Legende besagt, dass die Ikati einst zurückkehren werden …

Die meisten Menschen glauben nicht mehr an diese Dinge. Königin Gwynofar jedoch ist in dem Glauben an die Wahrheit der alten Legenden erzogen worden und hat die Macht in den bizarren Felsnadeln, die man den Heiligen Zorn nennt, selbst gespürt. Die starke, aufrechte Frau ist überzeugt davon, dass die Legenden Recht haben, vorerst jedoch scheint alles in Ordnung. Bis ihr Sohn Andovan erkrankt und plötzlich alles aus dem Ruder läuft …

Andovan ist ein freundlicher junger Mann mit einem starken Drang zur Unabhängigkeit, der darauf besteht, sich ohne die Hilfe von Dienern anzuziehen und dem die Jagd wesentlich lieber ist als ein Thron. So froh er ist, dass er letzteren wohl niemals besteigen muss, da er ja noch zwei ältere Brüder hat, so unerträglich ist ihm der Gedanke, langsam dahin zu siechen und irgendwann hilflos im Bett zu verenden. Lieber will er gleich sterben.

Colivar hegt durchaus Sympathien für den jungen Prinzen, was ungewöhnlich ist, denn die meisten Magister blicken recht überheblich auf die Sterblichen herab. Auch im Gebrauch seiner Magie ist er bescheidener als manche anderen, die sie auch dazu benutzen, um möglichst eindrucksvoll zu wirken und ähnliches. Letztlich ist ihm aber nach einer Jahrhunderte umfassenden Lebensspanne genauso langweilig wie allen anderen Magistern. Wirklich reizen kann ihn außer dem rivalisierenden Gerangel mit Seinesgleichen nur noch das bisher nie Dagewesene … wie zum Beispiel ein weiblicher Magister! Und so entspringt seine Unterstützung für das Vorhaben Andovans eher egoistischen Motiven als echter Menschenfreundlichkeit, so wie er auch für Siderea Sympathie empfindet, sie aber im entscheidenden Augenblick im Stich lässt.

Siderea, die Hexenkönigin von Sankara, hat ihre Fähigkeiten kaum genutzt. Die verführerische Frau und gewiefte Politikerin hat panische Angst vor dem Tod, weshalb sie sich alles, was großen, magischen Kraftaufwand erfordert hätte, von Magistern hat abnehmen lassen, im Austausch gegen Informationen, an die sie Dank der strategischen Lage ihrer Stadt als dem Handelszentrum der Welt problemlos und in großem Umfang herankommt. Doch irgendwann geht auch einer Hexe, die ihre Kräfte nicht eingesetzt hat, das Athra aus …

Und dann ist da natürlich noch Kamala. Seit sie mit erlebt hat, wie eine Hexe für die Heilung von Kamalas kleinem Bruder mit dem Leben bezahlt hat, ist sie von dem Gedanken besessen, Magister zu werden und ihre Macht einsetzen zu können, ohne dafür mit dem Leben zu bezahlen. Die grausame Kindheit, die sie erlebt hat, hat sie auf eine Weise gehärtet, die sie tatsächlich zur Magisterin befähigt. Aber sie hat sich nicht durch die Wandlung zum Magister ablegen lassen und beeinflusst noch immer ihre Gefühle, Gedanken und Handlungen.

Bei so vielen zentralen Charakteren kann sich die Handlung natürlich unmöglich auf einen einzigen Strang konzentrieren. Flüchtig betrachtet sind es fünf, für jeden der genannten Charaktere einen. Bei genauerem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass die Handlung nicht ganz so stark gesplittet ist.

Dass die Stränge von Kamala und Andovan miteinander verbunden sind, ist schon von Anfang an klar. Seltsamerweise allerdings kommt der Verbindung zwischen diesen beiden keine allzu große Bedeutung zu. Im Grunde spielt Kamala Andovan voll an die Wand. Was ihr widerfährt, ist wesentlich ausführlicher dargestellt als Andovans Erlebnisse. Letzten Endes zeigen aber auch sie lediglich, dass Kamala durch ihr Dasein als weiblicher Magister in jeder Hinsicht eine Außenseiterin geworden ist.

Viel bedeutsamer sind die Vorgänge, die durch Andovans Weigerung, sein Schicksal zu akzeptieren, ausgelöst wurden. Diese spielen sich allerdings unabhängig von dem ab, was um Kamala und Andovan herum geschieht. Aus der Sicht von Gwynofar erlebt der Leser mit, wie sich das Verhängnis im Schloss einschleicht, sich einnistet und immer weiter ausbreitet. Gwynofar scheint trotz ihrer inneren Stärke dagegen völlig hilflos.

Die Handlung um Colivar und Siderea ergänzt die Geschehnisse im Schloss durch die in der Außenwelt, die eine ebenso bedrohliche Entwicklung nehmen.

Celia Friedman hat ihren Plot langsam entwickelt. So langsam, dass ich mich anfangs etwas schwer tat, bei der Sache zu bleiben. Erst nach Kamalas erstem Zusammentreffen mit anderen Magistern nimmt die Handlung etwas mehr Fahrt auf. Von da an steigert sich die Spannung kontinuierlich. Die Bedrohung bleibt dabei vorerst noch gänzlich gesichtslos, denn der Antagonist besitzt keinerlei eigene Persönlichkeit und reicht deshalb nicht über seine Funktion als Bösewicht hinaus. Bis zum Ende des Bandes hat der Leser gerade mal erfahren, womit er es überhaupt zu tun hat, ja selbst das nur teilweise. Absichten und Motive des Gegners bleiben im Dunkeln. Das Ende selbst ist dann so dramatisch, dass ich mich an griechische Tragödien erinnert fühlte. Und der kurze Anflug von Triumph angesichts des besiegten Gegners, den der Leser vielleicht dabei empfunden haben mag, wird auf den letzten Seiten komplett zunichte gemacht.

Bleibt zu sagen, dass die Autorin nach einer längeren Anlaufzeit regelrecht zur Hochform aufgelaufen ist. Die Ausarbeitung der Charaktere fand ich sehr gelungen, selbst Nebenfiguren wie Kamalas Mentor und Ramirus waren gut getroffen und frei von Klischees. Die Handlung ist sauber aufgebaut und trotz der häufigen Sprünge nie unübersichtlich oder verwirrend. Der Plot ist vielschichtig und wenig vorhersehbar.

Allein der Entwurf der Magie hat, so interessant die Grundidee ist, einen logischen Haken: Denn wenn das Athra eines Menschen verbraucht ist, stirbt er. Das heißt, ein Magister, der diesen Zustand ja bewusst herbeigeführt hat, braucht das Athra seines Konjunkten nicht nur, um Magie zu wirken, sondern auch für ganz grundlegende Körperfunktionen wie Herzschlag und Atmung. Wenn also das Athra eines Konjunkten nicht mehr nur einen, sondern zwei Körper am Leben erhalten muss, dann ist es nicht möglich, daß Aethanus die Leben seiner Konjunkten durch sein Einsiedlerleben nur um wenige Wochen verkürzt. Eigentlich müsste es sich halbieren. Und auch das nur, wenn er gar nicht zaubert, ansonsten würde es noch kürzer.

Trotzdem bin ich neugierig auf den nächsten Band. Schließlich will ich wissen, wer wirklich hinter dem erneuten Auftauchen der Ikati steckt. Und ich will wissen, wie alt genau Colivar ist, der so erstaunlich viel über eine Vergangenheit weiß, an die selbst er sich eigentlich nicht erinnern können sollte.

Celia Friedman hat lange als Kostümbildnerin gearbeitet, ehe sie sich gänzlich dem Schreiben zu wandte. Zunächst schrieb sie Science Fiction, später auch Fantasy, darunter die Coldfire-Trilogie, die in der deutschen Übersetzung wieder mal zerpflückt und auf sieben Bände aufgeteilt wurde. Derzeit schreibt sie an einem weiteren Band zu diesem Zyklus. Der Magister-Zyklus soll ebenfalls drei Bände umfassen, der zweite erschien im November 2009 auf Englisch unter dem Titel „Wings of Wrath“.

Broschiert: 555 Seiten
ISBN-13: 978-3492701341
Originaltitel: Feast of Souls
Deutsch von Irene Holicki

//www.csfriedman.com
http://www.piper-verlag.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Dillard, J. M. – Star Trek – Next Generation: Widerstand

_Das geschieht:_

Endlich ist die |Enterprise|, das Flaggschiff der Föderation, nach langwieriger Reparatur der Schäden, die es im Kampf gegen den Usurpatoren Shinzon davongetragen hat, wieder startbereit. Auch die neue Besatzung ist vollständig. Die erste Reise ist eine Friedensmission und gilt als Routine-Unternehmen.

Captain Jean-Luc Picard kämpft mit dem Fortgang der meisten Senior-Offiziere, die gleichzeitig seine Freunde waren. Data ist tot, und gerade hat sich ein offenkundig seelisch angeschlagener Worf geweigert, die Position des 1. Offiziers zu übernehmen, die Picard ihm angetragen hatte. Gern würde der enttäuschte Captain den verschlossenen Klingonen vom Counselor aushorchen lassen, doch auch Deanna Troy hat die |Enterprise| verlassen. Die Vulkanierin T’Lana soll sie ersetzen – und sie lehnt Worf mit unvulkanischer Deutlichkeit ab.

Sein größtes Problem hält Picard sorgfältig geheim: Seit einiger Zeit plagen ihn Albträume oder Visionen, in denen die Borg ihn, der einst als „Locutus“ in ihr Kollektiv assimiliert war, zu kontaktieren versuchen. Spätestens seit ihnen Captain (jetzt Admiral) Janeway im Delta-Quadranten eine vernichtende Niederlage bereiten und ihre Königin töten konnte, gelten die Borg als zerstreut und gefahrlos. Offensichtlich konnten sie sich neu konsolidieren, und nun richtet sich ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Alpha-Quadranten.

Mit seinem Verdacht steht Picard allein. Trotzdem bricht er die Friedensmission eigenmächtig ab und fliegt dorthin, wo tatsächlich die Borg nicht nur an einem gewaltigen Kubus arbeiten, sondern auch eine neue Königin heranzüchten, um anschließend rachedurstig über die Erde herzufallen …

_“Next Generation“ 3.0_

Schon wieder die Borg und ihre auf Captain Picard zwangsfixierte S/M-Queen? Was nach dem Willen des „Star Trek“-Franchises für Freude, Spannung und gesteigerte Kauflust bei den Trekkies sorgen soll, lässt den nicht am Nasenring vom „ST“-Marketing geführten Leser die Stirn runzeln. Leider nicht zu Unrecht. Aus dem großen „Nemesis“-Knall, der es 2002 implodieren und beinahe enden ließ, hat das Franchise offenbar nicht wirklich seine Lehren gezogen. Im Film gelang inzwischen der Neustart, aber dort wurde ein radikaler Schnitt gewagt, der auf dem Buchmarkt ausblieb. Hier sollen diejenigen Trekkies aufgefangen werden, denen J. J. Abrams mit dem „Star Trek“-Spielfilm von 2009 zu weit ging.

Dabei wurde der Relaunch der „Next Generation“ generalstabsmäßig geplant. Dem gescheiterten „Nemesis“-Film folgte keine eigenständigen und separaten Abenteuer. Stattdessen erhielt die „NG“ eine achte Serienstaffel. Das hatte mit „Deep Space Nine“ gut funktioniert und wurde deshalb wiederholt. Ab 2005 entstand eine Folge von „NG“-Romanen, die sich zwar unabhängig voneinander lesen lassen, aber inhaltlich einem roten Faden folgen.

_Gemächlich statt abenteuerlich_

Das Konzept wirkt narrensicher: Anders als in Kino oder Fernsehen können Romanautoren problemlos auf Figuren zurückgreifen, deren Auftritte als Schauspieler viel zu teuer kämen. Da die Trekkies ihre bekannten Figuren lieben, wimmelt die neue „NG“-‚Serie‘ förmlich von ihnen. Die Autoren mussten sich nicht auf das „NG“-Universum beschränken. Crossover mit den anderen „ST“-Serien sind deshalb an der Tagesordnung. In „Widerstand“ bleibt es noch beim Namedropping – Data-Surrogat B-4 hat einen Gastauftritt, Admiral Janeway meldet sich über Funk und kündigt Seven of Nine an, selbst Katze Spot schleicht durch die Gänge -, aber das wird sich mit dem Fortschreiten der übergreifenden Handlung ändern.

Kühl kalkuliert strich das Franchise diverse „NG“-Hauptfiguren, um mit ihnen weitere Buchserien zu bevölkern; das Verfahren ähnelt der Anlage einer Pflanzung durch Ableger. So durchstreifen William Riker und Deanna Troy das All nunmehr an Bord der |Titan|; entsprechende Romane lassen sich käuflich erwerben.

Die Lücken werden mit neuen Figuren gefüllt. Sie sind jünger und müssen das aufwendige Procedere des Einlebens an Bord hinter sich bringen. Wieder einmal soll eine vulkanische Schönheit in allerlei emotionalen Verwicklungen keimfreie „ST“-Erotik generieren – geschenkt! Für weitere Seifenoper-Elemente sorgen private Traumata, die der Handlung in möglichst hohen Dosen beigemischt werden. Das drosselt das Tempo und zieht das Geschehen in die Länge. Außerdem liebt es ein nicht geringer Teil des „ST“-Publikums, wenn seine Lieblinge im Netz zwischenmenschlicher Probleme zappeln; das gibt der Zukunft angeblich ein ‚menschliches‘ Gesicht und schafft Freiräume, in die emotional eher auf den Traum als auf die Tat setzende Leser/innen eigene Sehnsüchte & Sorgen projizieren können.

_Die Furcht vor dem Neuen_

Sind schon diese schaumigen Einlagen viel zu bekannt, kann auch der eigentliche Plot nicht begeistern. Richtig gute Bösewichte glänzen im „ST“-Universum schon lange durch Abwesenheit. Deshalb werden die alten Schurken wieder und wieder hervorgekramt. Die Borg waren einst ein guter Einfall. In einem Nachwort erzählt Julian Wangler ihre „ST“-Geschichte. Schon dabei wird freilich deutlich, wie das Franchise seit jeher von der Angst vor der eigenen Courage gebremst wird: Ursprünglich war das Borg-Konzept deutlich radikaler. Es wurde durch die Schöpfung der Borg-Queen verwässert. Aus gleichgeschalteten, geschlechtsneutralen, emotionsfreien und erschreckend fremdartigen Geschöpfen wurden die Drohnen einer diktatorischen, macht- und menschenmännergeilen Königin.

Auf diese Weise sollten die Borg dem Massengeschmack angeglichen werden. Tatsächlich verloren sie ihre eiskalte Bedrohlichkeit. Mit „Widerstand“ geht J. M. Dillard im Auftrag des Franchises einen Schritt weiter: Die von Picard und Janeway zweifach gekillte Borg-Queen reinkarniert und wirft sämtliche Assimilierungs-Gewohnheiten über den Haufen. Stattdessen steht Rache auf dem Programm: Die Borg tanzen nach der Pfeife einer Königin, die nur noch Menschen morden und vernichten will. Was der Bedrohung auf eine neue Ebene hieven soll, gibt den Borg den Rest: Sie degenerieren zu Allerwelts-Finsterlingen.

Dazu passt eine ebenfalls wiedergekäute |Enterprise|-Handlung. Picard wird wieder Locutus, seine Gefährten ringen geschockt die Hände, die Queen benimmt sich wie eine betrogene Geliebte. Das kennen wir, und der Aufguss ist keineswegs stärker. Klischee reiht sich an Klischee. Nur Dillards intime Kenntnis der „NG“-Historie rettet die lahme Geschichte über die volle Distanz: Nein, auch im zweiten Band ihrer neuen Abenteuer nimmt die „NG“-|Enterprise| nicht wirklich Fahrt auf! Darüber trösten auch die gute Übersetzung der deutschen Ausgabe und die ungewöhnliche Cover-Gestaltung nicht hinweg.

_Die Autorin_

J. M. Dillard ist das Pseudonym der Schriftstellerin Jeanne Kalogridis, die am 17. Dezember 1954 im US-Staat Florida geboren wurde. An der University of South Florida studierte sie Mikrobiologie und Russische Literatur. Ab 1976 arbeitete sie zwei Jahre als Sekretärin, bevor sie für ein Studium der Sprachwissenschaft an die Universität zurückkehrte. Anschließend ging Kalegridis nach Washington und lehrte acht Jahre Englisch an der American University.

Sie gab ihre Stellung auf, nachdem ihre parallel verfolgte Laufbahn als Schriftstellerin so gut Fahrt aufgenommen hatte, dass Kalegridis freie Autorin werden konnte. Zunächst verdingte sie sich als „J. M. Dillard“ in den Minen der „tie-in“-Industrie und produzierte Romane zu Filmen und Fernseh-Serien. Dabei spezialisierte sie sich auf das „Star Trek“-Universum. Für das Franchise schrieb sie nicht nur für sämtliche Serien, sondern verfasste auch die Romane zu den Kinofilmen „Star Trek“ V bis X. Ihre Beiträge beschränken sich nicht auf die genaue Kenntnis der „Star Trek“-‚Fakten‘ und schriftstellerische Routine. Deshalb gehören Dillard-Romane zu den lesenswerteren Franchise-Buchprodukten.

Unter ihrem Geburtsnamen veröffentlichte Kalogridis zwischen 1994 und 1996 eine Chronik der Familie Dracul, die lose auf Bram Stokers Horror-Klassiker „Dracula“ basiert. Ebenfalls unter ihrem richtigen Namen schrieb Kalegridis ab 2001 Historienromane. Sie verbinden Fakten mit Schmalz und sind sehr umfangreich, sodass sie eine große, vorwiegend weibliche Leserschaft finden.

_Impressum_

Originaltitel: Resistance (New York : Pocket Books 2007)
Dt. Erstausgabe: November 2009 (Cross-Cult Verlag/Star Trek – The Next Generation 2)
Übersetzung: Bernd Perplies
Cover: Tom Hallman
277 Seiten
EUR 12,80
ISBN-13: 978-3-941248-62-5
http://www.cross-cult.de

_Mehr |Star Trek| auf |Buchwurm.info|:_

[„40 Jahre STAR TREK – Dies sind die Abenteuer …“ 3025
[„Jenseits von Star Trek“ 1643
[„Star Trek – Next Generation: Tod im Winter“ 6051
[„Star Trek – Titan 1: Eine neue Ära“ 5483
[„Star Trek – Vanguard 1: Der Vorbote“ 4867
[„Star Trek Voyager: Endspiel“ 4441
[„Star Trek Deep Space Nine: Neuer Ärger mit den Tribbles“ 4171
[„Star Trek V – Am Rande des Universums“ 1169
[„Star Trek Voyager – Das offizielle Logbuch“ 826
[„Sternendämmerung“ 673
[„Sternennacht“ 688
http://www.startrekromane.de

Gößling, Andreas – Dämonenpforte, Die

Der alte Marthelm Hegendahl war bei seiner spießigen Verwandtschaft nicht besonders beliebt, sein Nachlass dagegen schon. Doch der einzige Verwandte, dem der wunderliche Alte etwas vermacht hat, ist ausgerechnet sein Großneffe Marian. Als dieser den dicken Umschlag öffnet, hält er nicht nur irgendein ekliges, muschelähnliches Ding in der Hand, sondern auch noch die Aufforderung, die Welt zu retten! Wovor und wie, das muss Marian erst noch heraus finden … und dafür hat er gerade mal zwei Wochen Zeit!

Marian ist in mancherlei Hinsicht ein ungewöhnlicher Teenager. Welchem Fünfzehnjährigen ist es schon ehrlich egal, wenn Gleichaltrige ihn auslachen, weil er keine Markenklamotten trägt und nicht das neueste, superschicke Handy sein Eigen nennt. Noch weit ungewöhnlicher jedoch ist sein Interesse an Alchemie, Okkultismus und magischen Praktiken, und das nicht des Gruselfaktors wegen, sondern rein wissenschaftlich. Was bedeutet, dass er an nichts davon glaubt. Zumindest vorerst …

Auch Billa ist alles andere als gewöhnlich. Das junge Mädchen, das Marian am Wohnort seines verblichenen Uronkels kennen lernt, ist nicht einfach nur hübsch und keck. Sie hat etwas Ungezähmtes, Hitziges an sich, das Marian sowohl verwirrt als auch anzieht, außerdem neigt sie offenbar zu heftigen Stimmungsschwankungen.

Und dann wäre da noch Julian, der Lehrling des Apothekers, der bis über beide Ohren in die Tochter seines Lehrherrn verliebt ist. Der Bursche ist zwar mutig bis zum Leichtsinn, aber gleichzeitig auch naiv und gutgläubig, ja fast ein wenig dumm.

Damit hat sich die Charakterzeichnung auch schon erschöpft. Andreas Gößling hat sich bei der Darstellung seiner Figuren auf das für die Handlung absolut Notwendige beschränkt. Marian scheint außer seinem Faible für Übernatürliches keinerlei andere Interessen zu haben, weder Musik noch Sport oder etwas in der Art, seine Wünsche für die Zukunft werden lediglich in einem einzigen Satz kurz erwähnt. Ähnliches gilt für Billa, die nichts anderes als ihren verschwundenen Zwillingsbruder Jakob im Kopf zu haben scheint. Selbst der Antagonist zeichnet sich allein durch eine typische Eigenschaft eines Bösewichts aus, nämlich Machtgier. Das fand ich – vor allem nach Gößlings „Faust, der Magier“ – sehr enttäuschend!

Zum Glück ist die Handlung etwas interessanter ausgefallen. Marian hat nämlich nicht nur das Rätsel um den drohenden Weltuntergang zu lösen, sondern auch das um Billa. Letzteres ist wesentlich einfacher zu lösen, denn schließlich ist er ja, was Magie betrifft – zumindest in der Theorie – , nicht ganz unbedarft, und der Schlüssel zur Lösung des Rätsels sitzt direkt vor ihm.

Das Erstere dagegen ist genau dreihundertdreiunddreißig Jahre und neun Tage alt! Die Hinweise seines Urgroßonkels sind ausgesprochen spärlich, und obwohl Marian die Bibliothek des Verblichenen zur Verfügung steht, findet er dort nichts, das ihm weiter helfen würde, vor allem deshalb, weil das meiste sowohl in alten Sprachen wie Latein oder Hebräisch abgefasst als auch verschlüsselt ist. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als direkt in der Vergangenheit zu suchen.

Das wichtigste Hilfsmittel hierfür ist das muschelähnliche Ding, das der alte Marthelm ihm vermacht hat. Er nannte es ein Talmibro. Durch Zufall findet Marian heraus, dass er damit seinen Geist in genau die Zeit zurück schicken kann, aus der der Fluch stammt, den er aufhalten soll. Dumm nur, dass er dabei so gut wie keine Einflussmöglichkeit besitzt, denn er steckt dort im Körper eines Apothekerlehrlings namens Julian fest …

Abgesehen davon, dass der Autor seine Geschichte auf zwei Zeitebenen verteilt hat, hat er sie auch noch mit allerhand düsterem Beiwerk ausstaffiert.
Da wären zum Einen die Mitglieder einer Freimaurer-Loge, die Marian zwar jederzeit einlassen, ihm aber strickt verbieten, sich frei im Haus zu bewegen. Trotzdem bekommt Marian mit, dass die alten Herren im Keller einiges mauscheln … ausgerechnet im Keller!

Zum Anderen hat Gößling seiner Geschichte ein paar äußerst unangenehme alte Damen angedeihen lassen, die nicht nur Billa ausgesprochen biestig behandeln, sondern so ziemlich jeden, dem sie begegnen. Von ihren seltsamen Praktiken draußen im Moor mal ganz abgesehen.

Dazu kommt noch ein verzauberter Wald, der selbst bei Windstille ächzt und stöhnt und einen so schlechten Ruf hat, dass man ihn komplett eingezäunt hat. Nicht, dass wirklich jemand wüsste, wie es dort drin aussieht, denn es traut sich keiner rein. Wer allerdings aus Versehen dort hinein gerät, kommt in der Regel nur in geistig verwirrtem Zustand wieder raus.

Auch die übrige Umgebung wirkt höchst schauerlich: Drückende Hitze, Moor, abgestorbene Bäume, dichter, gelber Dunst, der nach Schwefel riecht. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass es dort einen Badesee geben sollte, an dem man es tatsächlich aushalten kann.

Im Vergleich zu all dem wirkt Marthelms alter Freund Hanno Bußnitz, der grässliche Schreie auf Tonband sammelt und Baumsärge ausgräbt, um die darin enthaltenen Moorleichen in seinem Backofen zu konservieren, richtig knuffig!

Insgesamt ein sehr gelungenes Szenario, von dessen Intensität ruhig ein gut Teil auf die Charaktere hätte abfärben dürfen.

Aber trotz des gelungenen Hintergrunds und des sauberen Handlungsaufbaus bin ich mit dem Buch nicht recht warm geworden. Vielleicht lag es daran, dass die beiden Zeitebenen sprachlich so unterschiedlich sind. Der Wechsel zwischen moderner Jugendsprache und altmodischer Ausdrucksweise ist zwar eigentlich nur konsequent, ich empfand ihn aber trotzdem als störend. Vielleicht lag es auch daran, dass mir ein Sympathieträger fehlt. Der blasse Marian ist einfach kein ausreichender Ausgleich zu dem gefühlstoten Hexenmeister, den grässlichen alten Weibern und dem unheimlichen Wald.

Auch logische Brüche sind mir aufgefallen. Wie sollten zum Beispiel die alten Weiber an eine Babylocke von Billa gekommen sein, selbst wenn sie tatsächlich ihr Vorhaben so weit im Voraus geplant hätten? Und wieso hat der Bösewicht ausgerechnet Julian geschickt, um die Golems zu holen, wo diese dem Lehrling doch überhaupt nicht gehorchen dürften, weil er nicht an ihrer Erschaffung beteiligt war?

Das Ende gibt der Geschichte schließlich den Rest. Obwohl durchaus überraschend, wird der Plot dadurch auf eine Weise in sich verkehrt, die ihn letzten Endes unwahrscheinlich macht. Denn um einen solchen Plan zu entwickeln, hätte der Planer ein Zeitzeuge sein müssen, sonst hätte er nichts von dem Lehrling Julian wissen können, der für die Durchführung des Planes absolut unverzichtbar ist.

Unterm Stich bleibt also nicht viel mehr übrig als der stimmungsvolle und gelungene Hintergrund für die Geschichte sowie der magische Aspekt. Die Charakterzeichnung bleibt nicht nur weit hinter meinen Erwartungen sondern auch weit hinter der Ausarbeitung des Schauplatzes zurück, und die im Grunde interessante Handlung wird letztlich dadurch verdorben, dass mit Gewalt ein überraschender Schluss erzwungen und der Plot dadurch ad absurdum geführt wird.

Schon allein deshalb finde ich dieses Buch nicht wirklich empfehlenswert, noch gewagter erscheint mir allerdings, dass das Buch als Jugendbuch ab 12 Jahre ausgewiesen ist. Mag ja sein, dass die heutige Jugend bereits ziemlich hart gesotten ist, aber was Marian da auf dem Weg zum Drachenmaul so alles über den Weg läuft, ist schon starker Tobak. Da muss der junge Mensch schon ein echter Horrorfan sein, um damit glücklich zu werden.

Andreas Gößling ist promovierter Literatur- und Kommunikationswissenschaftler und äußerst bewandert in Mythen und Kulturgeschichte. Außer diversen Sachbüchern in diesem Bereich hat er auch einige Romane geschrieben, darunter „Der Alchimist von Krumau“, „Die Mayapriesterin“ und „Der Sohn des Alchemisten“. Sein neuestes Werk „Opus – Das verbotene Buch“ kam Mitte Februar 2010 in die Buchläden.

|Taschenbuch: 512 Seiten
ISBN-13: 978-3570304914
Vom Hersteller empfohlenes Alter: ab 12 Jahre|
http://www.andreas-goessling.de

_Andreas Gößling beim Buchwurm:_

[Faust der Magier 3904
[Die Freimaurer. Weltverschwörer oder Menschenfreunde? 4791

Howard, Jonathan L. – Seelenfänger (Johannes Cabal 1)

Johannes Cabal hat ein Problem: Für das Wissen über die Kunst der Nekromantie hat er dem Satan seine Seele überlassen. Jetzt will er sie zurück haben und geht dafür sogar bis in die Hölle. Nur leider verläuft sein Handel mit dem Satan überhaupt nicht so, wie Johannes sich das vorgestellt hat, und als er die Hölle wieder verlässt, ist es ausgesprochen zweifelhaft, ob er nun besser dran ist als zuvor. Doch er ist entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, Realist genug, um zu erkennen, dass er Hilfe braucht, und verzweifelt genug, um ein hohes Risiko einzugehen …

Jonathan Howards Protagonist ist ein komischer Vogel. Einerseits wirkt er steif und strohfad, er hasst Jahrmärkte, Tanz und alles, was sonst so mit Vergnügen zu tun hat. Er bezeichnet sich selbst als Wissenschaftler, ist stolz auf seinen scharfen Verstand und betrachtet alles Gefühlsmäßige, besonders die Liebe, mit einer gewissen hochmütigen Verachtung. Gleichzeitig blitzt immer wieder sowas wie Menschlichkeit in ihm auf, dass man meinen könnte, der Bursche hat zwei Seelen in seiner Brust, obwohl er natürlich zur Zeit überhaupt keine hat, was seine Anflüge von Humanität nur noch seltsamer erscheinen lässt.

Sein Bruder Horst ist das ganze Gegenteil von ihm, ein wenig unstet und er bringt so gut wie nie etwas Angefangenes zu Ende. Aber er ist lebenslustig, charmant und kann hervorragend mit Menschen umgehen. Vor allem aber ist er mitfühlend und freundlich und fungiert in dieser Rolle als Johannes‘ Gewissen, was wiederum etwas verdreht anmutet, denn Horst ist ein Vampir …

Satan dagegen hat – von seinem Äußeren abgesehen – nicht viel Satanisches an sich. Natürlich ist er boshaft, falsch und grausam, aber nur ein ganz klein wenig. Die meiste Zeit wirkt er wie eine Mischung aus Gangsterboss und schlauem Bäuerlein, wobei der Gangster überwiegt. Satan gibt sich jovial und einigermaßen umgänglich, mit einer Prise unterschwelliger Drohung und kaum verhohlener Hinterlist.

Und dann ist da auch noch Frank Barrow, der moralische und prinzipientreue Polizist im Ruhestand, der noch immer eine ausgezeichnete Nase dafür hat, wenn irgendwo etwas nicht stimmt. In seiner Unbeirrbarkeit, die sich selbst durch Horsts Charisma nicht irritieren lässt, hat er etwas von einer Bulldogge, wenn sie sich irgendwo fest gebissen hat.

Mir hat die Charakterzeichnung ausnehmend gut gefallen. Zum Einen, weil sie so menschlich ist, vor allem in Bezug auf Johannes mit seinen vielen Widersprüchen. Zum Anderen, weil der Autor so vieles einfach in sich verkehrt hat, wie bei Horst, dem anständigen und menschenfreundlichen Vampir. Selbst Barrow wirkt trotz seiner moralischen Grundsätze niemals klischeehaft, was vor allem an seinem kläglichen Versuch liegt, seiner Tochter Leonie seine Bedenken im Hinblick auf Cabal begreiflich zu machen.

Auch die Handlung als solche hat mir sehr gefallen. Einhundert Seelen muss Johannes im Austausch für seine eigene sammeln, was schon anstrengend genug ist. Zu allem Übel bekommt er als Hilfsmittel ausgerechnet einen Jahrmarkt aufgedrückt, wo er solcherlei doch als völlige Zeitverschwendung ansieht. Jetzt muss er sich also nicht nur mit etwas herum schlagen, was er verabscheut und wovon er keine Ahnung hat, sondern auch mit Helfern, über deren Dummheit man Haarausfall bekommen könnte! Ob er allerdings mit den schlaueren Helfern besser dran ist? Schließlich stammen die aus der Hölle …

Obwohl sich das Ganze zunächst recht gut anlässt, ist natürlich abzusehen, dass es nicht so bleiben wird. Satan wäre schließlich nicht Satan, wenn er die Spielregeln nicht auf seine eigene Art auslegen würde.

Abgesehen von den diversen Turbulenzen, die Cabals Jahrmarkt ihrem Gegenspieler aus der Hölle zu verdanken hat, glänzt das Buch aber auch noch – gänzlich frei von erhobenen Zeigefingern – durch Einblicke in die menschliche Natur, teils ernsthafte, wie im Zusammenhang Ted und Rachel oder mit Nea Winshaw, teils augenzwinkernde, wie bei Johannes‘ Einladung ins Abnormitätenkabinett.
Und dazu kommt noch eine wahre Flut von Anspielungen und ironischen Seitenhieben in alle möglichen Richtungen. Die Bürokratie bietet sich da natürlich besonders an, was zu der ungemein treffsicher skizzierten und ausgesprochen drolligen Figur von Arthur Trubshaw geführt hat.

Ein weiteres Highlight ist die Abrechnung mit den Managern dieser Welt. Und auch der Cthulhu-Mythos bekommt kräftig sein Fett weg, was angesichts der Tatsache, dass die erste Geschichte über Johannes Cabal in Lovecrafts Magazine of Horror erschienen ist, schon wieder selbstironische Züge trägt.

Heraus gekommen ist bei all dem eine knallbunte Mischung aus einer Studie menschlicher Schwächen und schrägem Humor, gewürzt mit einem kleinen Geheimnis und einer Prise Spannung. Der Autor hat dabei jederzeit gekonnt die Balance gehalten und die Übergänge zwischen abgedrehtem Witz und den ernsthafteren Tönen glatt und fließend gestaltet. Mit seinem etwas widersprüchlichen Protagonisten hat er eine Figur geschaffen, die trotz ihrer spröden, fast menschenfeindlichen Art ein hervorragender Sympathieträger ist. Tatsächlich ist Johannes Cabal, dem der Rest der Welt eigentlich egal ist, der aber dennoch immer wieder Anflüge von Güte zeigt und dessen Zwiespalt mit fortschreitender Handlung immer deutlicher, immer tiefer wird, der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Geschichte, um den herum das schmückende und das entlarvende Beiwerk drapiert ist.

Keine ausgeklügelten Intrigen, keine Kriege, keine detailliert ausgearbeitete, eigene Fantasywelt, und weder eine Vielzahl an Charakteren noch an Handlungssträngen. Und dennoch habe ich dieses Buch regelrecht verschlungen und dabei sowohl nachdenklich genickt, als auch mich köstlich amüsiert. Obwohl Jonathan Howard sich nicht die Mühe gemacht hat, etwas neu zu erfinden, enthält dieses Buch Witz, Esprit und Fantasie satt. Ich habe jede Seite genossen.

Jonathan L. Howard lebt in Bristol ist seit 1990 ein fester Bestandteil in der Branche Computerspiele, außerdem schreibt er Drehbücher. 2005 erschien seine erste Kurzgeschichte „Johannes Cabal and the Blustery Day“, und nach einer weiteren Kurzgeschichte folgte der erste Band einer Romanreihe über seinen ungewöhnlichen Helden. Der zweite Band des Zyklus mit dem Titel „Ein Fall für Johannes Cabal: Totenbeschwörer“ ist für September 2010 angekündigt.

|Taschenbuch: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3442469963
Originaltitel: Johannes Cabal the Necromancer – Trilogie Band I
Deutsch von Jean-Paul Ziller|
http://www.johannescabal.com/

Singleton, Sarah – Haus der kalten Herzen, Das

Mercy ist verwirrt. Dass sie Geister sehen kann, ist nichts Neues für sie, doch der Geist der jungen Frau unter dem Eis in dem kleinen Teich begegnet ihr zum ersten Mal. Und sie hat beim Aufwachen ein Schneeglöckchen auf ihrem Kopfkissen gefunden! Als sie schließlich in der Familienkapelle auch noch auf einen jungen Mann trifft, der ihr irgendwie bekannt vorkommt, ist klar: Etwas verändert sich. Und Mercy ist sich keineswegs sicher, ob sie sich darüber freuen soll …

Die Geschichte wird lediglich von einer Handvoll Charaktere getragen:

Zunächst ist da natürlich Mercy. Ein brummiges Mädchen mit überbordender Fantasie, das gerne liest, nicht besonders gut zeichnen kann und das seine Gouvernante nicht besonders mag. Und ein Mädchen mit Mut und Durchsetzungsvermögen, das, nachdem es erst einmal Wind von etwas bekommen hat, keine Ruhe gibt, bis es der Sache auf den Grund gegangen ist.

Charity ist impulsiv und redselig, nicht so neugierig wie ihre große Schwester, doch sie besitzt ebenfalls eine gehörige Portion Mut und einen kindlichen Charme, mit dem sie ihre Gouvernante regelmäßig um den Finger wickelt.

Die Gouvernante Galatea ist eine Verwandte der beiden Mädchen, groß und hager und selbst zu Zeiten, in denen Mercy noch gehorsam und still ist, wirkt sie etwas biestig. Als Mercy beginnt aufzubegehren, wird sie regelrecht zur Furie. Gleichzeitig ist sie dem Herrn des Hauses unendlich treu ergeben und stellt keine einzige seiner Anweisungen jemals in Frage.

Der Herr des Hauses ist Mercys Vater, ein im Grunde freundlicher, aber gebrochener Mann, der sich irgendwo im Haus vergräbt und sich so gut wie nie bei seinen Töchtern blicken lässt. Auch das ändert sich, als Mercy ihren Gehorsam aufkündigt. Plötzlich isst der Vater zusammen mit den Kindern, er beordert Mercy immer wieder zu sich, um ihr ins Gewissen zu reden, doch da er ihr seine Gründe nicht erklären will, sind seine Versuche von wenig Erfolg gekrönt.

Und dann ist da noch Claudius, der junge Mann aus der Kapelle, der Mercy dazu ermutigt, Fragen zu stellen und nach der Wahrheit zu suchen. Von ihm erhält Mercy wesentlich mehr Antworten als von ihrem Vater, aber … meint Claudius es wirklich ehrlich?

Die Charakterzeichnung ist einerseits sehr gut gelungen. Mit Ausnahme von Galatea, die stellenweise ein wenig ins Klischee der Fräulein Rottenmeier abzudriften droht, sind die Figuren erfreulich eigenständig. Leider mangelt es ihnen ein wenig an Tiefe. Außer Mercys wachsendem Freiheitsdrang und Lebenswillen gibt es nichts, was das Mädchen besonders auszeichnen, sie zu einer eigenständigen und unverwechselbaren Persönlichkeit machen würde, sie bleibt austauschbar. Das gilt noch mehr für Charity. Und auch der Vater und Claudius kommen nicht über Nachvollziehbarkeit hinaus, es fehlt ihnen an Intensität.

Das ist sehr schade, denn das Buch lebt von den Charakteren und ihren Beziehungen untereinander. Die Langlebigkeit und die magischen Fähigkeiten von Claudius, Mercy und ihrem Vater sind die einzigen Aspekte, die die Geschichte in den Bereich der Fantasy rücken, ansonsten handelt es sich hier eher um ein Familiendrama. Mercy, angestupst von Claudius, versucht herauszufinden, warum es auf dem Familiensitz Century niemals Frühling wird, warum das Leben der Familie sich nachts abspielt und nicht tagsüber, und was wirklich mit ihrer Mutter geschehen ist. Ihre wachsende Neugier verdrängt bald ihre anfängliche Angst und das Misstrauen gegen Claudius. Dieses Stöbern in der Vergangenheit ist hervorragend gemacht, Schicht für Schicht dringt Mercy immer weiter vor und eine Schlüsselszene nach der anderen enthüllt wie eine sich öffnende Blüte, wie und warum es zu der seltsamen Lebenssituation kam, in der sich Mercy und ihre Familie befinden.

Leider fehlt es der Geschichte trotz der faszinierenden Idee und des sorgfältigen Aufbaus an Flair. Nicht, dass ich das Buch langweilig gefunden hätte, im Gegenteil. Ich war ausgesprochen neugierig darauf, was Mercy auf ihrer Suche wohl herausfinden wird. Nur hat die Autorin ihren ausgesprochen interessanten Inhalt in etwas blasses Papier verpackt. Der Hintergrund der Geschichte, die Familie Verga und ihr Anderssein, sind lediglich grob angerissen, die Geschichte selbst ist recht zügig und straff erzählt und lässt ebenso wenig Raum für Stimmung wie für die Entfaltung und Vertiefung ihrer Charaktere. Hier hätte ich mir anstelle der raschen Entwicklung etwas mehr Verweilen und ein paar zusätzliche Details gewünscht. Das gilt zum Beispiel für Mercys Flucht aus der Dienstbotenkammer, die auf dem Dachboden endet. Leider geht die Autorin auf diesen spannenden Ort weniger genau ein als auf den nicht allzu fesselnden Kaminschlot. Das Augenmerk liegt eindeutig auf dem Fortschreiten der Handlung, nicht auf der Ausstattung. Schade, denn damit hat die Autorin eine Menge Potential verschenkt, obwohl bei nur knapp dreihundert Seiten noch genug Platz gewesen wäre.

Alles in allem empfand ich Sarah Singletons Jugendbuch-Debut als ausgefallene, intelligente Geschichte, die fesselt, aber nicht verzaubert. Dennoch finde ich das Buch empfehlenswert. Es bietet keinen besonderen sprachlichen Schliff, aber ein sorgfältig verborgenes Geheimnis, das angenehm aus den Massen an Fantasy-Einerlei herausfällt und in seiner Entwicklung nicht so vorhersehbar ist. Auch dürfte die Thematik, der Umgang mit Schmerz und Verlust und die Flucht vor sich selbst, gerade für Jugendliche interessant sein, wobei die Umsetzung wohl hauptsächlich Mädchen ansprechen dürfte.

Sarah Singleton hat einen Universitätsabschluss in Literaturwissenschaften und ist nach diversen Reisen durch Europa und Asien sowie diversen Tätigkeiten, unter anderem als Zimmermädchen, beim Journalismus hängen geblieben. Außer ihrem Jugendroman „Das Haus der kalten Herzen“, für das sie mit dem Booktrust Teenage Prize ausgezeichnet wurde, hat sie diverse Kurzgeschichten geschrieben. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Töchtern in Wiltshire.

|Taschenbuch: 288 Seiten
ISBN-13: 978-3570306475
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 – 13 Jahre
Originaltitel: Century
Deutsch von Catrin Fischer|
http://www.crowmaiden.plus.com/

Robin Hobb – Der Nachtmagier (Die Chronik der Weitseher 3)

Die Chronik der Weitseher

Band 1: Der Weitseher“
Band 2: Der Schattenbote“
Band 3: „Der Nachtmagier“

Fitz hat überlebt, aber nur Dank der alten Macht und der Hilfe von Burrich und Chade. Und er hat einen hohen Preis dafür bezahlt. Nur langsam findet er zu sich selbst zurück, und eines der ersten Dinge, die er tut, nachdem er seine Erinnerungen wiedergefunden hat, ist, sich von Burrich und Chade zu lösen. Statt weiterhin ganz und gar im Dienst für seinen König aufzugehen, will er sein eigenes Leben leben, selbst wenn es nur ein kurzes sein sollte. Denn der einzige, brennende Wunsch, der ihn jetzt noch beseelt, ist, Edel zu töten, koste es, was es wolle!

Von den neuen Charakteren, die in diesem Band noch auftauchen, sind zwei von größerer Bedeutung:

Zum Einen ist da Merle, eine fahrende Sängerin. Sie betreibt ihre eigene Art von Altersvorsorge, indem sie sich auf die Suche nach einem großen Lied begeben hat. Nur der Ruhm, Zeuge großer Ereignisse gewesen und als erste ein Lied darüber gedichtet zu haben, wird ihr im Alter irgendwo einen Platz als Hofsängerin sichern. Sie wittert ihre Chance, als sie Fitz‘ Tarnung durchschaut, und so verrät sie ihn nicht, sondern heftet sich an seine Fersen. Was nicht heißen soll, dass sie Fitz nicht mag …

Außerdem trifft Fitz im Laufe seiner Reise auch noch auf Krähe, eine alte Frau, die ebenfalls aus dem Herzogtum Bock stammt. Doch Krähe ist ausgesprochen zugeknöpft, außerdem schroff und ruppig, aber auch erstaunlich zäh für ihr Alter. Und sie scheint erstaunlich viel über die Gabe zu wissen, zumindest mischt sie sich überall ein und gibt gute Ratschläge oder verteilt Rüffel. Fragen weicht sie jedoch regelmäßig aus, was Fitz mit der Zeit zur Weißglut bringt.

Man kann nicht behaupten, dass diese beiden neuen Figuren besonders tiefgründig geraten wären, aber immerhin haben sie eine Vergangenheit und auch Hoffnungen und Träume, und sie sind frei von Klischees. Das lässt sie lebendiger wirken, als es manche Hauptperson von sich sagen kann.

Die Handlung erschien mir diesmal fast ein wenig langatmig. In aller Ausführlichkeit schildert Robin Hobb, wie Fitz sich auf seine Reise nach Farrow vorbereitet, dann den Aufbruch immer wieder verschiebt und sich letztlich doch auf den Weg macht. Ebenso ausführlich erzählt sie von der Reise selbst und wie die Reise plötzlich zur Flucht wird. Manche Abschnitte sind gut gemacht, so zum Beispiel Fitz‘ Zerissenheit in Bezug auf Molly, von der er immer wieder Gabenträume hat, gegen die er sich einerseits wehrt, weil sie Edels Zirkel zu ihr führen könnten, die er andererseits aber auch nicht missen möchte, weil er sich immer noch nach Molly sehnt. Auch die Szene im Palast von Fierant fand ich sehr gelungen. Manche Details auf der Reise dagegen hätten wie gesagt ein wenig Straffung vertragen.

Dem eigentlichen Kern der Geschichte nähert sich die Autorin erst wieder, als Fitz ins Bergreich gelangt und sich endlich auf die konkrete Suche nach Veritas macht. Auch diesen Teil fand ich wieder etwas durchwachsen. Die vielen Gespräche mit dem Narren und auch die Andeutungen Krähes bringen die Lösung kein Deut näher, ihr einziger Effekt ist, dass ich Fitz‘ Gereiztheit irgendwann verstehen konnte. Der Showdown legt dann wieder etwas an Tempo zu, die endgültige Konfrontation mit Edel dagegen empfand ich fast als ein wenig schwach und unspektakulär, sodass ich mich am Ende fragte, warum das nicht schon viel früher jemand versucht hat!

Dazu kommt, dass die Erklärung für das Verhalten der roten Korsaren einen logischen Bruch enthält. Denn die roten Korsaren verwenden dasselbe Material, aus dem die Drachen erschaffen werden, um Menschen zu entfremden. Das dürfte meiner Ansicht nach aber gar nicht funktionieren, denn die Städte der Uralten waren ebenfalls aus diesem Material erbaut, was bedeuten würde, dass sämtliche Einwohner dieser Städte nach und nach hätten entfremdet werden müssen. Das war aber offensichtlich nicht der Fall. Auch fragte ich mich, warum man zum Erwecken eines alten Drachen die Alte Macht benötigt, wenn die Drachen doch eigentlich mit der Gabe geschaffen wurden.

So ist dieser letzte Band doch ein klein wenig hinter seinen beiden Vorgängern zurück geblieben. Die Handlung selbst ist nicht schlecht und bietet auch einige Höhepunkte, wäre aber mit neunhundert statt tausendzweihundert Seiten besser ausgefallen. Die Idee der Drachen und ihrer Belebung ist durchaus interessant, aber nicht ganz konsequent durchdacht.

Der Zyklus insgesamt gehört jedoch definitiv zu den besten im Genre der Fantasy. Robin Hobb erzählt flüssig und bildreich und ihre Figuren bleiben jederzeit menschlich, anstatt zu Überhelden zu werden.

Das Lektorat, das in den ersten beiden Bänden noch einige Schnitzer übersehen hat, war im letzten und längsten der drei Bände dann erstaunlich fehlerfrei. Die Karte im Umschlag ist nicht allzu ergiebig, hätte sie gefehlt, ich hätte sie nicht vermisst.

Robin Hobb war bereits unter dem Namen Megan Lindholm eine erfolgreiche, mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, ehe sie mit der Weitseher-Trilogie erfolgreich ins Genre der Fantasy einstieg. Neben dem bereits erwähnten Zyklus der Zauberschiffe stammen aus ihrer Feder Die zweiten Chroniken von Fitz, dem Weitseher und die Nevare-Trilogie, sowie unter dem Namen Megan Lindholm der Windsänger– und der Schamanen-Zyklus. Derzeit schreibt sie an ihrem neuen Zyklus The Rain Wild Chronicles, dessen erster Band unter dem Titel „Dragon Keeper“ im Juni 2009 auf Englisch erschienen ist. Sie lebt mit ihrem Mann in Tacoma/Washington.

Taschenbuch: 1181 Seiten
Originaltitel: The Assassin’s Quest
Deutsch von Eva Bauche-Eppers
ISBN-13: 978-3453525214

http://www.robinhobb.com/index.html
http://www.randomhouse.de/penhaligon/index.jsp

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Andreas Eschbach – Die blauen Türme (Das Marsprojekt 2)

Spannende Agenten-Action auf dem Mars

Arianna, Ronny, Carl und Elinn – alle zwischen 13 und 15 Jahren alt – sind als erste Kinder auf dem Mars geboren worden und aufgewachsen. Doch im Jahr 2086 sollen sie gemeinsam mit anderen Marssiedlern zur Erde zurückkehren, weil machthungrige Politiker behaupten, das Marsprojekt sei gescheitert. Die Vorbereitung zur Stilllegung der Forschungsstation laufen bereits auf Hochtouren – aber die vier Jugendlichen sind fest entschlossen, auf dem Roten Planeten zu bleiben. Besonders Elinn, die aus medizinischen Gründen auf der Erde nicht überleben könnte. Sie büchsen aus und kommen einem verborgenen Geheimnis des Planeten auf die Spur.

Andreas Eschbach – Die blauen Türme (Das Marsprojekt 2) weiterlesen

Harris, Charlaine – Ein Vampir für alle Fälle

_Charlaine Harris auf |Buchwurm.info|:_

|Sookie Stackhouse|

1. „Dead Until Dark“ ([„Vorübergehend tot“, 788 2006, ISBN 3937255141
2. „Living Dead in Dallas“ ([„Untot in Dallas“, 939 2006, ISBN 393725515X)
3. „Club Dead“ ([„Club Dead“, 1238 2005, ISBN 3937255168)
4. Dead to the World ([„Der Vampir, der mich liebte“, 2033 2005, ISBN 3423244747)
5. „Dead as a Doornail“ ([„Vampire bevorzugt“, 3157 2006 ISBN 342324545X)
6. „Definitely Dead“ ([„Ball der Vampire“, 4870 )
7. „All Together Dead“ ([„Vampire schlafen fest“, 5450 )
8. _“From Dead to Worse“ („Ein Vampir für alle Fälle“)_

„Wenn das hier ‚Der Herr der Ringe‘ wäre…“ So beginnt „Ein Vampir für alle Fälle“, der achte Band in Charlaine Harris‘ ebenso unterhaltsamer wie erfolgreicher Romanreihe um die gedankenlesende Südstaatenkellnerin Sookie Stackhouse. Tja, wenn dieser Roman „Der Herr der Ringe“ wäre, gäbe es wohl viel mehr Herumgelaufe und Schwertgeschwinge, aber viel weniger Witz und Erotik. Auf welche Komponenten er mehr Wert legt, muss jeder Leser allerdings selbst entscheiden. Sookie Stackhouse jedenfalls bietet in gewohnter Manier wieder eine flotte Handlung mit einem umfangreichen Arsenal an übernatürlichen Charakteren, erzählt mit spitzer Zunge von der Ich-Erzählerin Sookie.

Und wenn es sich hier tatsächlich um „Der Herr der Ringe“ handeln würde, begänne das Buch sicherlich nicht mit einer Hochzeit. Einer Doppelhochzeit sogar! Harris nimmt sich die Zeit, Sookie ein wenig das kleinbürgerliche Ambiente von Bon Temps genießen zu lassen, mit einer spießbürgerlichen Hochzeit im Garten, Kleidern mit vielen Rüschen und in schreienden Farben und einer total durchschnittlichen Feier. Daran ändern auch die Vampire nichts, die ebenfalls eingeladen sind. Im Gegenteil, sie köpfen einfach eine Flasche teures französisches Blut (von echten Adligen – ein ganz edler Tropfen) und freuen sich ihres Unlebens. Doch als die Feier schon fast vorbei ist, macht Sookie dann doch noch eine Entdeckung. Halb im Gebüsch versteckt sieht sie nämlich einen unglaublich schönen Mann, der sich wenig später als ihr Urgroßvater heraus stellt. Niall Brigant ist doch tatsächlich ein Elf und ganz erpicht darauf, seine Urenkelin endlich kennen zu lernen. Sookie ist ziemlich baff, aber auch hingerissen und erfreut – schließlich hat sie außer ihrem missratenen Bruder Jason ja keine leiblichen Verwandten mehr. Und so führt Harris eine neue übernatürliche Komponente ins Sookie-Universum ein. Zwar kamen schon vorher Elfen vor (Sookie hat nämlich eine Elfe als Schutzengel), doch mit Nialls Auftauchen eröffnen sich natürlich ganz neue Möglichkeiten. Doch steckt die Beziehung zwischen Sookie und Niall in „Ein Vampir für alle Fälle“ noch in den Anfängen. Die beiden beschnuppern sich, Niall taucht immer wieder auf. Doch einen ganzen Handlungsstrang darf er noch nicht füllen. Das wird sich Harris sicherlich für einen der nächsten Bände aufsparen – schließlich ist Niall ausreichend geheimnisvoll und auch ambivalent angelegt, um später voll ins Geschehen einzugreifen.

Statt dessen findet Sookie sich bald in einem Krieg zwischen konkurrierenden Werwolfrudeln wieder. Zwar hat sie mit Alcide Herveaux, ihrem Ex, eigentlich nichts mehr zu tun. Doch sie ist immer noch eine Freundin des Rudels, und so landet sie eher unbeabsichtigt zwischen den Fronten. Und als wäre das nicht genug, sieht es auch bei den Vampiren nicht friedvoller aus. Sophie-Anne Leclerq, die Königin von Louisiana, wurde bei dem Bombenanschlag in Dallas schwer verletzt und ist immer noch so geschwächt, dass der König von Nevada seine Chance sieht, Louisiana ohne große Gegenwehr übernehmen zu können. Doch kann so etwas ohne Blutvergießen über die Bühne gehen? Werden sich die Vampire von Louisiana nicht gegen eine solche feindliche Übernahme wehren?

Mittlerweile hat Charlaine Harris‘ Universum ungeahnte Ausmaße angenommen. Es gibt zahllose Charaktere und Nebenschauplätze, denen wenigstens ein bisschen Raum zugestanden werden muss. Das führt zu einigen Problemen in der Erzählung und verhindert leider über weite Strecken, dass man als Leser das Gefühl hat, einer zielgerichteten Handlung zu folgen. So hat man schon Schwierigkeiten, die Haupthandlung überhaupt auszumachen: Ist es der Werwolfkrieg, der Vampirkrieg oder das Auftauchen von Sookies Urgroßvater? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine überzeugende Haupthandlung fallen gelassen wurde zu Gunsten vieler Fäden, die aus vergangenen Bänden übrig geblieben waren und die nun weiter gesponnen und neu verknüpft werden. Teilweise scheint es tatsächlich so, als hätte Harris ihr umfangreiches Personal per Liste abgehakt, um auch sicherzustellen, dass jeder Charakter der nun doch sehr umfangreichen Serie wenigstens einmal kurz vorkommt. Das führt jedoch dazu, dass die Romanhandlung sehr episodisch daherkommt und man als Leser zwischen all den Handlungssträngen und Charakteren reichlich verloren herumspringt.

Da wäre zum Beispiel Quinn, Sookies eigentlich Aktueller (ein Wertiger). Quinn ist seit dem Bombenanschlag verschwunden. Nicht verschollen, denn Sookie hat ja noch mit ihm gesprochen, doch hat er sich danach einfach nie wieder gemeldet. Was soll sie davon halten? Und wird er irgendwann wieder auftauchen?

Ähnlich ergeht es Sookies Mitbewohnern Amelia, die Besuch von ihrer Hexenvorgesetzten bekommt und sich einen Rüffel dafür abholen darf, dass sie einen Bettgenossen in eine Katze verwandelt hat (ohne zu wissen, wie sich das wieder rückgängig machen lässt). Außerdem bekommt Amelia Besuch von ihrem Vater und fängt eine Affäre mit Erics rechter Hand Pam an.

Auch Eric dreht meistens Däumchen. Er darf das Treffen zwischen Sookie und Niall arrangieren und mutiert zum Vieltelefonierer, als die Übernahme durch den König von Nevada droht. Er scharwenzelt von Zeit zu Zeit um Sookie herum, doch bewegt sich die (Nicht)Beziehung der beiden weder vor noch zurück. Beziehungen und Nichtbeziehungen sind jedoch Harris‘ Stärke. Alles Zwischenmenschliche (oder auch „Zwischenübernatürliche“ – aber das ist ein ziemliches Wortmonstrum) gelingt ihr spielend und bei dem umfangreichen Personal ihres Buches gibt es natürlich reichlich Möglichkeiten, Figuren miteinander agieren zu lassen. Trotzdem bleibt „Ein Vampir für alle Fälle“ in Liebesdingen ziemlich blass – weder bewegen sich die Beziehungen zwischen Sookie und ihren diversen Verehrern in irgendeine Richtung, noch wird ein neuer Mann an ihrer Seite eingeführt.

So plätschert die Handlung über weite Strecken dahin und bietet nur vereinzelte actiongeladene Höhepunkte. Der Großteil des Romans besteht dagegen aus häuslicher Routine und Alltagssituationen. So darf der Leser beispielsweise Sookie beim Einkaufen, beim Ausleihen von Büchern und beim Kirchgang begleiten. Dass das nicht wirklich spannend ist, ist ein nahe liegender Gedanke. Dabei ist es keineswegs so, dass Harris‘ ihr Schreibtalent abhanden gekommen wäre. Sie erzählt mit gewohntem Witz und flottem Charme, so dass nebensächliche Szenen nicht vollkommen irrelevant erscheinen. Trotzdem, dem Roman fehlt ein zentraler Konflikt, der sich durch die gesamte Handlung zieht und den Leser bei Laune hält. Statt dessen werden viele einzelne Handlungselemente abgearbeitet, was dazu führt, dass der Roman ziellos wirkt. Schade.

|Taschenbuch: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3423211482
Originaltitel: From Dead to Worse
Übersetzer: Britta Mümmler|

McGuire, Seanan – Winterfluch (October Daye 1)

Vampire, Werwölfe, Dämonen – bislang sind die übersinnlichen Wesen, die die Urban Fantasy bevölkern, vor allem groß und gefährlich. Das ändert sich allmählich. Das kleine Volk drängt sich ins Bücherregal, zuletzt Seanan McGuires Reihe „October Daye“, in deren Mittelpunkt ein Wechselbalg steht.

October Daye, genannt Toby, hat einen Menschen als Vater und eine Elfe als Mutter. Sie ist ein Wechselbalg und ihr Stand in der Welt der Fae ist ungefähr so schmeichelhaft wie diese Bezeichnung. Wechselbälger gelten als niedere Kaste in San Francisco, da ihre magischen Kräfte beschränkt und sie nicht unsterblich sind. Nur einige der Fae lassen sich dazu herab, sie gut zu behandeln. Eine davon ist Evening Winterrose, eine strenge, aber gerechte Fürstin in der adligen Welt der Feen. Eines Tages wird sie kaltblütig ermordet, doch sie hat ihren Tod vorausgeahnt und eine Nachricht auf Tobys Anrufbeantworter hinterlassen. Und einen Fluch, der dafür sorgt, dass Toby sterben wird, sollte es ihr nicht gelingen, Evenings Mörder zu stellen.

Eigentlich hatte sich Toby seit einem Vorfall vor einigen Jahren sowohl von Menschen als auch Fae zurück gezogen. Nun muss sie unfreiwillig wieder unter Leute gehen. Gut ist, dass sie sich auf alte Freunde verlassen kann. Sylvester, ihr Lehnsherr und Herzog des Feenreichs Schattenhügel, bietet ihr sofort jede Hilfe bei der Suche nach Evenings Mörder an. Auch Devin, ebenfalls ein Wechselbalg, mit dem Toby eine unglückliche Beziehung hatte, steht ihr zur Seite. Doch nicht alle sind ihr gewogen. Ein Unbekannter hat es auf sie abgesehen, und er macht keine halben Sachen …

Nach den Erfolgen von Holly Black und Melissa Marr veröffentlicht die Amerikanerin Seanan McGuire ihr Debüt „Winterfluch“. Ähnlich wie Marr bezieht sie sich dabei sehr stark auf Sagen und Legenden über Feen. Die Verwundbarkeit durch Eisen, die Verwendung von Salbe unter den Augen, damit Sterbliche die Wesen sehen können, das Feudalwesen – dies alles ist bekannt. Leider schafft die Autorin es nicht, diesen Elemente ein neues Gesicht zu geben. Die Kulisse wirkt zwar gut recherchiert, doch es möchte kein rechter Zauber entstehen. Es gelingt McGuire nicht, das verzauberte San Francisco so dar zu stellen, dass der Leser darin versinkt wie in einer komplett neuen Welt. Auch die Verknüpfung mit dem Großstadtsetting hätte besser sein können. „Winterfluch“ erweckt den Eindruck, dass es auch in jeder anderen amerikanischen Großstadt hätte spielen können, da das entsprechende Lokalkolorit nicht richtig herauskommt.

Toby Daye hat eigentlich alles, was einen guten Charakter ausmacht: Eine düstere Vergangenheit, ein überhöhtes Misstrauen gegenüber Menschen und Feen und eine clevere, kämpferische Persönlichkeit. Wie viele Protagonisten im Genre ist sie eine Einzelgängerin. Obwohl die Autorin ihre Wesenszüge und Eigenschaften gut darstellt und sie durchaus von anderen Figuren abgrenzt, springt der Funke nicht über. Ähnlich wie bei der Kulisse hat man das Gefühl, dass Toby in gewisser Weise austauschbar ist. Das ist auch bei anderen Charakteren so. Die Personen sind nicht schlecht, aber einfach nicht originell genug, um die Geschichte lebendig werden zu lassen. Das hängt möglicherweise auch damit zusammen, dass McGuires Schreibstil nicht gerade besonders sprühend ist. Sie erzählt aus Tobys Perspektive, allerdings sehr ruhig und beherrscht mit gemäßigtem Humor. Dadurch hält sie den Leser auf Distanz, was nicht gerade geschickt ist.

Die Handlung hingegen kann punkten. Sie besitzt einen guten Spannungsaufbau, der zwar am Anfang etwas flach verläuft, gegen Ende aber ordentlich anzieht. McGuire macht nicht den Fehler, die Geschichte durch Nebenhandlungen ausfransen zu lassen. Sie konzentriert sich auf die Suche nach dem Mörder und deckt parallel dazu wichtige Details aus Tobys früherem Leben auf. Außerdem gestaltet sich das ganze wie ein Spaziergang durch San Franciscos übersinnliche Welt. Schrittweise führt sie neue Arten von Wesen oder Fae ein, dies jedoch so geordnet und ruhig, dass man als Leser nicht den Überblick verliert. Am Ende steht ein Finale, bei dem man das Buch nicht aus der Hand legen kann und das vor allem durch seine überraschenden Wendungen gefällt.

Eine gute Handlung auf der einen, schwache Charaktere und eine austauschbare Welt auf der anderen Seite – „Winterfluch“, der Auftakt der „October Daye“-Reihe, ist nicht unbedingt ein Pageturner. Gerade die Protagonistin, die in einer Serie sehr wichtig ist, schafft es nicht, den Leser an sich zu binden. Das Ende der Handlung besitzt zwar einige wirklich spannende Stellen, doch das entschädigt nicht dafür, dass die Geschichte auf weiten Strecken nicht überzeugen kann.

|Originaltitel: Rosemary and Rue – An October Daye Novel
Aus dem Englischen von Michael Krug
339 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3802582882|
http://www.egmont-lyx.de
[„Website der Autorin“]http://www.seananmcguire.com

Richardson, Kat – Underground

_Harper Blaine:_
Band 1:[„Greywalker“ 5500
Band 2: [„Poltergeist“ 5763

Kat Richardson ist mit der Romanreihe um Harper Blaine ein Schuss ins Schwarze gelungen. Schon die beiden Vorgängerbände überzeugten mit dreidimensionalen Charakteren, spannenden Kriminalfällen und einem originellen übernatürlichen Setting. In dem dritten Roman der Serie, „Underground“, behält Richardson diese Eigenschaften bei und entwickelt ihr Universum konsequent weiter – sehr zur Freude des Lesers.

Erst einmal jedoch läuft es in „Underground“ für die Protagonistin Harper Blaine in Liebesdingen nicht wirklich gut. Schon im letzten Band kriselte es zwischen ihr und Will und das hat sich auch jetzt nicht geändert. Harper hasst es, einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit – nämlich ihre Fähigkeit, im Grau zu wandeln – vor Will geheimhalten zu müssen. Diese Geheimniskrämerei tut ihrer Beziehung gar nicht gut. Doch als den beiden dann zufällig ein Zombie über den Weg läuft und Harper ihn kurzerhand kalt stellt, hilft das auch nicht weiter. Ganz im Gegenteil: Nun weiß Will zwar Bescheid, doch kann er mit diesem Einbruch des Übernatürlichen in sein geordnetes Leben nicht umgehen. Harper und Will trennen sich. Und auch wenn Harper nicht völlig am Boden zerstört ist, so ist sie doch alles andere als guter Laune.

Doch da betraut ihr Kumpel Quinton sie mit einem delikaten Kriminalfall. In einem U-Bahn Schacht hat er die Leiche eines Obdachlosen gefunden – angeknabbert und in Stücke gerrissen. Da Quinton nichts mit der Polizei zu tun haben will und außerdem davon ausgeht, dass diese sich nicht wirklich bemühen wird, den Mord an einem Obdachlosen aufzuklären, bittet er Harper um Hilfe. Zusammen machen sie sich also auf die Suche im Untergrund von Seattle und sprechen mit Obdachlosen, um die Spur des Mörders aufzunehmen, wobei bald klar wird, dass es sich keineswegs um einen Menschen handeln kann. Was nur gut ist, schließlich ist das Übernatürliche Harpers Spezialität!

Kat Richardson lässt sich für ihre Romane immer wieder neue spannende Themenfelder einfallen. So beackerte sie im vorangegangenen Band „Poltergeist“ das Feld von Parapsychologie und Spiritismus in wirklich umfassender – und natürlich unterhaltsamer – Form. In „Underground“ nun erfährt der Leser sehr viel über die Mythen und Legenden der indianischen Volksstämme aus der Gegend um Seattle sowie viel Interessantes zu Seattles illustrer Stadtgeschichte. Wieder ist offensichtlich, dass dem Schreiben des Romans eine umfassende Recherchearbeit vorangegangen ist. Und so ist der Roman vollgepackt mit Fakten, Hinweisen und Beschreibungen, ohne jedoch darüber die fesselnde Handlung aus den Augen zu verlieren. Auf sehr elegante Art gelingt es der Autorin, tausenderlei Fakten in ihren Roman zu schmuggeln, ohne dass sich der Leser belehrt vorkommt. Nie entsteht das Gefühl, Richardson würde Informationen referieren. Stattdessen sind Hintergrundinformationen immer dicht mit der Handlung verwoben und wirken dadurch als integraler Teil des Romans und nicht als pures Füllsel.

Richardsons Handlungsort ist diesmal der Untergrund Seattles – auf der einen Seite das tatsächliche Wegenetz der U-Bahn und auf der anderen Seite die teilweise noch zugänglichen alten Bebauungsschichten der Stadt, die nun hauptsächlich von Obdachlosen genutzt werden, um den Elementen zu entfliehen. Natürlich ist einem solchen Setting eine ganz besondere Faszination zu eigen, schließlich handelt es sich um eine Art Stadt unter der Stadt, die man normalerweise nicht zu Gesicht bekommt. Wie auch in Paris oder Berlin gibt es in Seattle jedoch Touristentouren, bei denen man diese alten, heutzutage unterirdischen, Teile der Stadt besichtigen kann. Richardson versteht es außerordentlich gut, das Surreale und gleichzeitig Faszinierende dieses Untergrunds in ihre Erzählung einfließen zu lassen. Ihre Beschreibungen sind ungemein plastisch und sie schafft es, die verschiedenen Zeitebenen (das heutige oberirdische Seattle sowie alte verschüttete Straßenzeilen) miteinander zu verknüpfen und für den Leser vorstellbar zu machen, selbst wenn er noch nie in Seattle war. Natürlich empfiehlt sich der Roman dadurch auch für jeden interessierten Touristen, der sich nicht nur mit dem Baedeker auf den geplanten Seattle-Urlaub vorbereiten will.

Selbstverständlich konzentriert sich Richardson nicht nur auf ihr Setting. Mindestens ebenso wichtig sind die Charaktere, allen voran Harper und Quinton. Letzterer war ja bisher ein Enigma. Der Leser hat nicht wirklich viel über ihn erfahren – wo kommt er her, arbeitet er, und wenn ja als was? Auf diese Fragen gibt Richardson in „Underground“ erstmals Antworten, wenn auch die Neugierde mancher Leser damit sicher noch nicht befriedigt sein wird. Wie Harper nämlich frühzeitig feststellt, wohnt Quinton – freiwillig – im Untergrund. Er hat sich sozusagen aus der Gesellschaft ausgeklinkt: keine Arbeit, keine Sozialversicherungsnummer, nirgends registriert. Dafür hat er seine Gründe, doch wird ihn seine Vergangenheit bald einholen.Und dann braucht es plötzlich viel Glück, Verstand und einige Zufälle, um die Vergangenheit wieder loszuwerden.

„Underground“ bietet wieder gute und spannende Unterhaltung aus der Feder von Kat Richardson. Was ihre Romane aus der Masse der Urban Fantasy heraushebt, ist einerseits ihre umfassende Recherche und andererseits ihre Fähigkeit, sympathische Charaktere zu schreiben. So kommt auch bei stolzen 500 Seiten niemals Langeweile auf. Als Leser folgt man Harper Blaine mit Vergnügen auf ihrer Wanderung durch den Untergrund von Seattle. Es wird zwar dunkel, kalt und feucht, aber dafür ist die Geschichte spannend – ein echter Pageturner eben.

|Taschenbuch: 480 Seiten
ISBN-13: 978-3453533158
Originaltitel: Underground
Übersetzt von Franziska Heel|

Schuhmacher, Nicole – Sturmträume

Rika kommt von der Schule nach Hause und findet an Stelle ihres Zuhauses nur rauchende Trümmer vor. Jixur haben die Pferdefarm überfallen, ihren Vater und seine Knechte getötet und sämtliche Pferde weg getrieben. Verzweifelt reitet das junge Mädchen in den nächstgelegenen Ort, um den Bürgermeister aufzusuchen, von dem sie erfährt, dass der Überfall auf den Hof ihres Vaters nicht der erste dieser Art war. Und prompt findet sich das überraschte Mädchen am nächsten Tag auf dem Weg in die Provinzhauptstadt wieder, wo sie um Verstärkung bitten soll. Der Beginn einer Odyssee …

Rika ist ein recht burschikoses junges Mädchen, das eine Menge seiner Zeit damit verbringt, sich aufregende Abenteuer auszudenken, in denen sie die Hauptrolle spielt. Die Realität ernüchtert sie schnell und ihre Abenteuerlust wird von Rachedurst verdrängt. Doch Rika hat auch immer wieder Alpträume, und das nicht nur Nachts, und diese Alpträume entwickeln mit der Zeit recht bedrohliche Nebenwirkungen. Irgendetwas scheint mit dem Mädchen nicht so ganz zu stimmen.

Micael, der junge Bursche, der es sich in den Kopf gesetzt hat, Rika zu begleiten in der glühenden Hoffnung, vom Herzog in die Armee aufgenommen zu werden, hat eine ziemlich große Klappe und glaubt, alles zu wissen. Ein Großteil davon sind allerdings Vorurteile, und davon, dass ein Soldat den Befehlen eines Vorgesetzten zu gehorchen hat, scheint er auch noch nie gehört zu haben. Zwar ist er mutig und nicht ungeschickt, doch es fehlt ihm an Selbstkontrolle. In seiner Naivität scheint er das Soldatenleben als eine ununterbrochene Abfolge erfolgreich bestandener Abenteuer zu betrachten, und als die Realität ihn einholt, kommt er kaum klar damit.

Shoran dagegen ist ein ausgebildeter Kämpfer und hat eine Kindheit hinter sich, die ihm einiges mehr an Lebenserfahrung beschert hat als dem behütet aufgewachsenen Micael. So kommt es, dass Shoran ständig mit dem unreifen Jungen und seinen beleidigenden Vorurteilen in Klintsch liegt. Aber auch Rika scheint der Krieger gerne zu necken, er ist eigentlich fast niemals wirklich ernst, es sei denn, es droht Gefahr. Und er hütet ein Geheimnis …

Der Anführer der Jixur, Sarrias, wiederum fühlt sich gar nicht wohl in seiner Haut. Die „Halbe“, wie die Jixur die Menschen nennen, hat er zwar selber aufgezogen, doch dass sie ständig mit dem Oberhaupt seiner Herde Pläne ausheckt, ohne ihn einzubeziehen, und dass sie ihm teilweise in seine Befehlsgewalt über die Krieger drein redet, stört ihn gewaltig, und das nicht nur, weil es seine Autorität untergräbt, sondern auch, weil es allen althergebrachten Verhaltensweisen seiner Art widerspricht. Sein Instinkt sagt ihm, dass mehr dahinter steckt, als die Halbe offenbart …

Die Charakterzeichnung hat mich nicht überzeugt. Am gelungensten fand ich eigentlich den greisen König von Craiglin mit seinem an Verfolgungswahn grenzenden Misstrauen gegen das Nachbarland der Thäler, seiner mürrischen Laune und seinem Altersstarrsinn. Dabei ist dieser Mann kaum eine eigene Persönlichkeit, sondern eher ein für den Plot unentbehrliches Objekt. Die Hauptperson Rika dagegen empfand ich als ausgesprochen blutleer. Zwar wird kurz erwähnt, dass sie als einzige den weicheren Kern ihres mürrischen, verbitterten Vaters kennt, bei dem es kein Knecht lange aushält, eine wirklich enge Verbindung zwischen den beiden, die Rikas Rachsucht erklären würde, zeigt sich jedoch nirgends. Andererseits kommt Rikas Rachsucht ebenso fad daher wie der Rest des Mädchens, allein Micaels Schicksal scheint sie zumindest kurzzeitig zu kümmern. Gleiches gilt für die „Halbe“ namens Millayn, deren Motive ich zwar mit dem Kopf nachvollziehen, aber nicht nachfühlen konnte.

Ähnliches gilt für den Hintergrund.

Die Autorin liefert zu Beginn des Buches einen kurzen Schöpfungsmythos. Doch der beschreibt nicht wirklich die Eigenschaften der verschiedenen Götter und erklärt auch nicht, warum Elane, die Königin der Thäler, alle Kulte außer dem der Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin Cyn verboten hat. Gut, die vom Gott der Stürme Gesegneten haben offenbar mit ihren magischen Kräften ziemlich üble Kriegsmaschinen gegen sie ins Feld geschickt, aber was haben die anderen angestellt?

Verwirrend fand ich auch die Darstellung der Jixur. Sie haben ein Fell, Krallen, Gesichter wie Katzen und Schwänze wie Löwen. Aber einer von ihnen mit geflecktem Fell wird als Schecke bezeichnet, und ihre Jungen nennen sie Fohlen. Ich wusste nie so richtig, wie ich mir diese Geschöpfe vorstellen sollte, zumal sie nicht nur vier Beine, sondern auch noch vier Arme haben. Letztlich kam ich zu dem Schluss, dass sie wohl so eine Art Katzencentauren sein müssen. Dazu kommt noch, dass die Jixur nicht die einzigen mit mehreren Gliedmaßen sind. Die Hiranyer haben ebenfalls vier Arme, allerdings nur zwei Beine. Und die Verjig – wo wir schon mal dabei sind – haben ebenfalls vier Arme und zwei Beine, sie sind aber offenbar größer und dunkelhäutiger als die Hiranyer. Man könnte sich fast fragen, ob diese massive Häufung von Gliedmaßen vielleicht aus einer lang zurückliegenden Mischung der Rassen resultiert, aber darüber erfährt der Leser nichts.

Auch mit Informationen über die Historie ihrer Welt war die Autorin ausgesprochen sparsam. Ein Sturmwerkerkrieg wird erwähnt, in dem das Reich der Thäler gegen Gavenne gekämpft und gesiegt hat, trotz derer magischer Kriegsmaschinen. Über die Völker selber, ihre Kultur und Religion erfährt der Leser jedoch so gut wie nichts, nicht einmal über die für die Geschichte ziemlich wichtigen Jixur. Hiranya ist nicht einmal auf der Karte verzeichnet.

Bleibt die Handlung.

Nach den üblichen Einführungen von Personen, Situationen und dem Aspekt des Magischen lässt sich der Plot zunächst recht vielversprechend an. Leider wusste ich schon nach der Ankunft der Jixur bei ihrer Herde, dass Millayn im Auftrag von Jemandem handelte, und spätestens nach dem Gespräch zwischen dem Herzog von Hochthal und der Königin der Thäler wusste ich auch, für wen sie arbeitet. Das nahm der Geschichte zwar einiges von ihrer Spannung, aber das war es nicht allein.
Als extrem störend weil unwahrscheinlich empfand ich das Verhalten der Erwachsenen Rika gegenüber. Ein Kommandant, dessen Stadt belagert wird, wird sich von einer sechzehnjährigen Zivilistin vielleicht Bericht erstatten lassen, aber er wird sie sicherlich nicht zu Beratungen seines Stabes hinzu ziehen oder gar auf sie hören. Und kein Soldat wird dulden, dass ein Rangniedrigerer seinen Befehlen widerspricht. Die sanfte Ermahnung des Soldaten Killarne im Hinblick auf militärische Disziplin fand ich total unpassend. Und dass ein Offizier, der einem politischen Komplott auf die Spur kommt, ohne Rücksprache mit seinem Herrscher einfach in einen Krieg zieht, ist vollkommen abwegig, selbst wenn er eine Generalvollmacht besitzt.

Die größte Enttäuschung jedoch war letztlich der Drahtzieher des Komplotts. Seine Motive und Ziele waren dermaßen kindisch und einfach nur unmöglich, dass ich nur den Kopf schütteln konnte und mich fragte, wie eine solche politische Niete jemals so hoch aufsteigen konnte! Und seine Aufforderung an Rika, ihn einfach entkommen zu lassen, war so ausgesprochen lächerlich, dass ich am Ende nicht mehr in der Lage war, die Autorin noch ernst zu nehmen.

Um das Maß voll zu machen, stolperte ich so manches Mal über Formulierungen wie „zum Vorschein treten“ oder „das Pony durchritt die Kurve“. Ich dachte eigentlich immer, Pferde werden geritten, und in diesem Fall handelt es sich nicht um eine Übersetzung aus dem Englischen, das heißt, hier hat nicht der Übersetzer gepfuscht und auch nicht allein das Lektorat.

Bleibt zu sagen, dass von meiner Freude darüber, endlich mal wieder auf ein Fantasybuch ohne Orks, Elfen, Drachen oder Vampire gestoßen zu sein, nicht mehr allzu viel übrig geblieben ist. Die meisten Ideen der Autorin, die eigentlich durchaus neu und vielversprechend klangen, sind fast völlig auf der Strecke geblieben, weil ihre Ausarbeitung zu schwach war, um wirklich Farbe in die Geschichte zu bringen. Das gilt auch für den Plot, der durch die Erklärung am Ende des Buches dermaßen ins Lächerliche abglitt, dass nicht mal mehr sein ordentlicher Aufbau den Schaden ausgleichen konnte. Und obwohl die Gruppe um Rika dankenswerterweise nicht aus einem Zauberer, einer Heilerin, einem Elfen und einem Krieger bestand, wirkten die Charaktere aufgrund ihrer fehlenden Tiefe dennoch wie eine Gruppe von Rollenspielfiguren, die auf Abenteuer ausgezogen sind. Sogar die Szenen im Palast von Glaesmon erinnerten mich an |Dungeons and Dragons|. Nur die Ungeheuer fehlten. Vielleicht treten die ja im nächsten Band auf. Ich glaube allerdings nicht, dass ich den wirklich lesen will.

Nicole Schuhmacher ist von Beruf Diplomsoziologin und hatte schon als Kind eine Vorliebe für Märchen und Fantastisches. Zum Schreiben kam sie durch ihre Bekanntschaft mit Markus Heitz. „Sturmträume“ ist ihr erster Roman. Der zweite Band erscheint voraussichtlich im Juli diesen Jahres unter dem Titel „Sturmpfade“.

|Taschenbuch: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3453525726|

Deas, Stephen – Adamantpalast, Der (Drachenthron 1)

Königin Shezira macht sich auf den Weg nach Osten, um ihre jüngste Tochter Lystra an den Prinzen Jehal zu verheiraten. Im Gepäck das Brautgeschenk: Ein makellos weißer Drache samt Knappe. Doch während Shezira im Adamantpalast Halt macht, wird die Eskorte des Weißen angegriffen. Am Ende ist der kostbare Drache verschwunden.
Aber das Fehlen des Brautgeschenkes ist nur eine Sorge. Der Sprecher, oberste Autorität in einem Gebilde, das aus neun Königreichen mit je einem eigenen Souverän besteht, wird alle zehn Jahre neu gewählt, und diese Wahl steht kurz bevor. Doch die Nachfolge ist längst nicht so sicher, wie ursprünglich von allen erwartet. Und was hat es mit dem seltsamen Fläschchen auf sich, das auf einer einsamen Lichtung den Besitzer wechseln soll?

Shezira ist eine ehrgeizige und starke Persönlichkeit, allerdings kühl, distanziert und sachlich. Nicht, dass sie ihre drei Töchter nicht mag, doch das hindert sie nicht daran, zwei davon mit politischem Kalkül zu verheiraten. Immerhin aber ist Shezira ehrlich und steht zu ihrem Wort, was man von anderen nicht unbedingt behaupten kann.

Der noch amtierende Sprecher Hyram hat sich in einer alten Abmachung dazu verpflichtet, Shezira als seine Nachfolgerin vorzuschlagen. Doch Hyram ist ein schwacher Mann, der Jahre alte seelische Wunden noch immer nicht verkraftet hat. Das und die Tatsache, dass er seit einem Jahr zunehmend die Kontrolle über seinen Körper verliert, machen ihn angreifbar für Intrigen.

Auch Zafir hat eine Schwäche, und die heißt Jehal. Nicht, dass Zafir nicht ehrgeizig wäre, sie hat durchaus nichts dagegen, den Platz ihrer Mutter als Königin einzunehmen und ist auch beileibe nicht zimperlich, was die Methoden zur Erreichung dieses Zieles angeht. Doch aus eigenem Antrieb hätte sie sich die Mühe nicht gemacht. Dafür ist sie durchaus bereit, sich persönlich die Mühe zu machen und Jehals junge Braut aus dem Weg zu räumen, denn auf die ist sie unendlich eifersüchtig.

Jehal scheint derjenige zu sein, um den sich alles dreht. Er ist noch ehrgeiziger als Shezira und im Gegensatz zu ihr nicht im geringsten wählerisch in seinen Mitteln. Der gut aussehende und charmante Prinz ist sehr geschickt darin, andere um den Finger zu wickeln, vor allem Frauen, die er dann, wenn er sie nicht mehr braucht, einfach fallen lässt. Auch an Absprachen und Verträge hält er sich lediglich, so lange sie seinen Zielen dienen. Jehal will Sprecher werden, um jeden Preis und mit allen, wirklich allen Mitteln.

Wirklich sympatisch ist eigentlich nur Sheziras sture und ungebärdige Tochter Jaslyn mit ihrer Leidenschaft für Drachen. Jaslyn ist genauso unverblümt und ehrlich wie ihre Mutter, allerdings nicht so kaltherzig.

Im Grunde war die Charakterzeichnung ganz in Ordnung. Vor allem der schwächliche Hyram mit seiner Obsession für eine unerreichbare Frau und der skrupellose Jehal waren gut getroffen. So richtig mitfiebern kann der Leser allerdings mit niemandem, denn Jaslyn, die einzige, die sich als Sympathieträger anbietet, rückt erst gegen Ende des Buches etwas mehr in den Vordergrund und könnte noch einiges an zusätzlicher Intensität vertragen. Andere, wie der Knappe Kailin oder der Söldner Sollos, leben einfach nicht lang genug, um ein echtes eigenes Profil zu entwickeln.

Der Ort der Handlung ist nicht unbedingt spektakulär. Die Geographie besteht aus der üblichen Mischung Wüste-Gebirge-Meer, und das einzige, was den Handlungshintergrund von der Realität unterscheidet, ist die Existenz von Drachen und Magie. Die Magie stellt bisher lediglich eine winzige Randerscheinung dar. Nur zweimal tauchen kurz echte Magier auf, und nur in einem dieser beiden Fälle erfährt der Leser überhaupt, was der Magier tut. Wobei ich in diesem speziellen Fall die Alchemisten nicht zu den Magiern gezählt habe.

Bisher ist nicht ganz sicher, ob die Alchemisten bei ihrem Tun auch Magie einsetzen. Fest steht nur, dass sie die gezähmten Drachen mittels ihrer Tränke unter Kontrolle halten. Die Tiere sind sozusagen ununterbrochen zugedröhnt. Nur so ist es möglich, sie abzurichten und zu reiten. Diese Praxis ist schon ziemlich alt, und da nur aus etwa einem Drittel aller Dracheneier auch ein Drache ausschlüpft, sind Drachen ziemlich wertvoll. Sie werden sorgfältig gezüchtet und dementsprechend auch mit Stammbäumen versehen. Kein Wunder, dass Königin Shezira ihre Weiße unbedingt wiederhaben will. Und kein Wunder, dass der Alchemist, der den Suchtrupp begleitet, es so schrecklich eilig hat. Denn was wird wohl geschehen, wenn die Wirkung der Drachendrogen nach lässt?

Darauf erhält der Leser tatsächlich eine Antwort. Was allerdings vom Verlag angepriesen wurde als die „geheimnisvollsten, mächtigsten und gefährlichsten Geschöpfe der Fantasy“, wirkt vorerst noch ein wenig dünn. Denn alles, was von den Drachen selbst bisher zu hören ist, ist Rachsucht. Nur einige wenige Sätze lassen ein paar echte Informationen über die Drachen erahnen, doch die sind so spärlich und vage, dass sie nicht ausreichen, um ein deutliches Bild dieser Geschöpfe zu zeichnen. So bestehen die Drachen – zumindest im Augenblick – hauptsächlich aus Mordgier.

Das hat Konsequenzen.

Dass die Drachen vor allem damit beschäftigt sind, nach den Alchemisten zu suchen und dabei eine Menge Leichen zurücklassen – zu denen man noch diejenigen dazu zählen muss, die sie fressen! – lässt sie, zumindest was mein Interesse anging, ein gutes Stück in den Hintergrund treten. Die Intrigen und Ränkespiele im Zusammenhang mit der Sprecherwahl geben da wesentlich mehr her. Zafir ist auch ohne Jehal schon ein Miststück, und Jehal übertrifft sie darin noch. Beide zusammen sind schlicht gemeingefährlich. Was Jehal vor allem so erfolgreich macht, ist seine Indirektheit, er erreicht seine Ziele stets auf Umwegen und hat die unendliche Geduld einer lauernden Spinne. Zusätzlich interessant wird Jehals Intrigenspiel dadurch, dass er in seiner eitlen Selbstzufriedenheit nicht merkt, dass er ebenfalls benutzt wird.

Das ist der Punkt, der beide Handlungsstränge miteinander verbindet.

Nirgendwo wird erwähnt, wer die Eskorte des weißen Drachen überfallen hat und warum. Hätte der Angreifer den Drachen stehlen wollen, hätte er ihn wohl kaum entkommen lassen. Und wie hätte er ein solch ausgefallenes Tier auch verstecken sollen?

Und die Taiytakey von jenseits des Meeres, die Jehal ein so ausgefallenes Geschenk zur Hochzeit überreichen ließen? Jehal sagt selbst, dass die Taiytakey keine Geschenke machen, und diese bestreiten das nicht einmal. Was also wollen sie dafür? Jehal scheint es nicht zu interessieren, und das dürfte ein Fehler gewesen sein!

Und dann ist da auch noch das Fläschchen mit dem seltsamen Inhalt.

Der aufmerksame Leser merkt nur zu bald, dass die eigentliche Bedrohung von außerhalb kommt, auch wenn sie lediglich ganz am Rande auftaucht, und da sie alle so sehr mit ihren eigenen kleinlichen Machtkämpfen beschäftigt sind, fällt es natürlich keinem der Beteiligten auf.

Unterm Strich kann ich sagen, dass Stephen Deas mit „Der Drachenthron“ einen interessanten und verwickelten Roman abgeliefert hat. Die Charakterzeichnung ist nicht überragend intensiv, aber durchaus lebendig und glaubwürdig. Der Handlungsverlauf wirkt zwar durch die häufigen Szenen- und damit verbundenen Ortswechsel etwas sprunghaft, ich hatte aber keine allzu großen Probleme damit, das Ganze ist sauber aufgebaut und frei von Logikfehlern. Und auch wenn der Spannungsbogen nicht allzu straff gespannt ist, wird es nie wirklich langweilig. Allein die Tatsache, dass das Wesen der Drachen so eingleisig dargestellt ist, find ich schade. Hier hätte ich mir anstelle des vielen Bratens und Fressens etwas mehr Bandbreite und mehr Detailreichtum gewünscht, da darf sich noch einiges tun.

Stephen Deas ist Engländer und arbeitete nach einem abgeschlossenen Physikstudium in der Raumfahrttechnik, ehe er mit „Der Drachenthron“ seinen ersten Roman veröffentlichte. Seither ist er fleißig mit Schreiben beschäftigt. Im April erscheint in England der zweite Band der Trilogie Drachenreiche, außerdem im Herbst der erste Band einer weiteren Trilogie.

Broschiert: 591 Seiten
ISBN-13: 978-3453525306
Originaltitel: The Adamantine Palace
Übersetzt von Beate Brammertz

Stephen Deas.com
http://www.heyne.de

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