Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

David Baldacci – Abgerechnet (Atlee Pine 4)

Schwestern finden sich, Schwestern hauen sich

Der fulminante Abschluss der Erfolgsserie um FBI-Ermittlerin Atlee Pine. Was wurde aus Mercy? – Ihr Leben lang hat Agentin Atlee Pine nach ihrer Zwillingsschwester Mercy gesucht. Endlich hat sie Anlass zur Hoffnung. Denn Mercy konnte ihren Entführern vor Jahren entkommen. Doch seitdem ist sie nie wieder aufgetaucht. Sinnt sie auf Rache? Ist sie wirklich noch der Mensch, an den sich Atlee erinnert? Auf ihrer Flucht hat Mercy eine Leiche zurückgelassen, und das ist nicht das einzige Verbrechen, mit dem sie in Verbindung gebracht wird. Zudem hat sie sich gefährliche Feinde gemacht. Ein Rennen gegen die Zeit beginnt. Denn nicht nur Atlee ist ihrer Schwester auf den Fersen …. (Verlagsinfo)

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Jeanne C. Stein – Lockruf des Blutes (Anna Strong, Band 2)

Inhalt:

Anna Strong versucht, ihr Dasein als Vampir und ihr Leben unter Menschen in Einklang zu bringen und die Tatsache, dass sie sich vom Blut der Menschen ernährt, vor den Personen zu verbergen, die sie liebt.

Während eines ihrer Besuche bei ihren Eltern erscheint plötzlich Carolyn Delaney auf der Bildfläche, die Ex-Freundin von Annas verstorbenen Bruder. Vom Leben gezeichnet, berichtet sie, dass sie von Annas Bruder ein Kind habe, das nun verschwunden sei. Sie bittet Anna Strong um Hilfe, die als Kopfgeldjägerin einen guten Ruf genießt. Widerwillig, aber um das Wohlergehen ihrer Nichte Trish besorgt, willigt Anna Strong schließlich ein, denn darüber hinaus wurde eine Freundin von Trish ermordet aufgefunden. Scheinbar wollte sie einen der Lehrer von der Highschool, die Trish besuchte, zur Rede stellen. Dieser Lehrer, Daniel Frey, steht unter dem Verdacht, Jugendliche sexuell zu missbrauchen. Anna Strong nimmt sich des Falles an, nicht ahnend ,was Frey in Wirklichkeit ist. Die Suche nach Trish führt in einen Sumpf menschlicher Perversion, der Anna zu verschlingen droht …

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Paul J. McAuley – Pasquales Florenz. Ein Renaissance-Roman

Eine Mordermittlung bei Machiavelli und da Vinci

Florenz anno 1518, wie man es bis dato nicht gekannt hat: Gaslaternen erleuchten die Stadt der Medici, Velozipede steuern wacklig über die Boulevards, und die Dampfkraft wird vielfach genutzt. Pasquale, der junge Malergehilfe von Maestro Rosso, wünscht sich nichts sehnlicher, als den päpstlichen Gesandten Raffael, ebenfalls einen Malerkollegen, kennenzulernen. Denn die Stadt erwartet den Besuch des Medici-Papstes Leo X. anlässlich einer Art Friedensmission: Florenz liegt mit Rom im Krieg.

Das Leben wird für Pasquale aufregend, als er zufällig Zeuge einer Auseinandersetzung wird, kurz darauf findet man einen Toten. Zusammen mit dem Journalisten Niccolo Machiavelli gerät er in den Mittelpunkt sich überstürzender Ereignisse. Die einzige Gewissheit, die den beiden auf den Straßen der Stadt bleibt, ist, dass sie die nächsten sein könnten, die aus dem Weg geräumt werden sollen… (abgewandelte & ergänzte Verlagsinfo)

Mit „Pasquale’s Angel“ errang der Autor den Sidewise Award for Alternate History.

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Linda Bier – Hexenfluch ( Töchter des Harzes – Band 2 )

Inhalt:

„Keine Beziehung beginnt schmerzhafter als die von Mutter und Kind.
Keine Verbindung ist stärker … und kein Vertrauensbruch reißt tiefere Wunden.

Zwei verfeindete Familien, eine Aufgabe und ein Monster aus der Vergangenheit.
Nach den Ereignissen in der Walpurgisnacht flüchtet Marietta nach Leipzig und hofft, dort von ihrer Mutter die Antworten zu bekommen, die sie sucht. Doch in deren neuer Familie hat eine Hexe keinen Platz. Zurück im Harz erwartet Marietta bereits die nächste Herausforderung: ausgerechnet Gabriele braucht ihre Hilfe.

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Kevin Hearne – Erschüttert (Der eiserne Druide 7)

Aufstand im Feenreich

Zweitausend Jahre lang war Atticus O’Sullivan mit Ausnahme seiner Schülerin Granuaile MacTiernan der einzige Druide auf der Erde – da taucht plötzlich sein verschollener alter Lehrmeister Owen Kennedy auf. Auch Granuaile hat Ärger mit ihrem leiblichen Vater: Der Geist eines Hexers hat von ihm Besitz ergriffen, nun verbreitet er in Südindien eine tödliche Seuche, doch Atticus weiß ein Mittel gegen den Hexer. Doch dieses Mittel ist nur bei den Yetis im Himalaya zu erhalten… (erweiterte Verlagsinfo)

Das Buch eignet sich für Jugendliche ab 14-16 Jahren.

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Philip José Farmer – Die Flusswelt der Zeit (Flusswelt 1)

Auf einer von Unbekannten erschaffenen Welt erwachen Milliarden von gestorbenen Menschen wieder, um ohne ihr Wissen an einem anthropologischen und soziologischen Experiment teilzunehmen. Richard Francis Burton, britischer Abenteurer, gestorben 1890, macht sich mit Gefährten auf den Weg, den Zweck des Experiments von den Erbauern zu erfragen. – Die ersten beiden Romane des FLUSSWELT-Zyklus wurden verfilmt.

Der Autor

Philip José Farmer wurde bereits 1918 in North Terre Haute, Indiana, als Nachkomme von deutschen, niederländischen und irischen Vorfahren geboren. 1946 verkaufte er eine Kriegserzählung an das Magazin „Adventure“, sein erster Roman „The Lovers“ (Die Liebenden) erschien 1952 in „Startling Stories“ und brachte zum ersten Mal das Thema Sexualität in die (eher prüden) Science-Fiction-Magazine seiner Zeit ein. Danach galt er als Tabubrecher. Viele seiner Werke zeichnen sich durch unterhaltende Themen und Erzählweise sowie durch Ideenreichtum aus. Das gilt auch für den fünfbändigen Flusswelt-Zyklus.

1) Die Flusswelt der Zeit (1953/1971)
2) Auf dem Zeitstrom (1971)
3) Das dunkle Muster (1977)
4) Das magische Labyrinth (1980)
5) Die Götter der Flusswelt (1983)
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Hahn, Ronald M. (Hg.) / McHugh, M. / Finch, S. / Crowley, J. / Kelly, J. P. / Reed, R. / Holland, B. – Lincoln-Zug, Der (The Magazine of Fantasy and Science Fiction, Band 96)

_Alternative Geschichte: Südstaatler ins Reservat_

Das Magazine of Fantasy and Science Fiction (MFSF) ist seit jeher bekannt für seine ausgefallenen, innovativen Storys, die beileibe nicht nur aus der Science-Fiction-Ecke kommen. Dankenswerterweise bringt der |Heyne|-Verlag eine Auswahl der Storys in regelmäßigen Abständen auf den Markt, herausgegeben von Ronald M. Hahn. Dies ist der Auswahlband Nummer 96 aus dem Jahr 1997.

_Die Erzählungen_

|1) Maureen McHugh: Der Lincoln-Zug|

Die Südstaaten haben den Bürgerkrieg verloren und mussten alle Sklaven freilassen, doch Präsident Lincoln ist einem Mordanschlag entgangen. Leider kann er seine Amtsgeschäfte nicht ausüben, sondern muss einem gewissen Seward, den Vizepräsidenten, den Job überlassen. Daher kommt es, dass Maßnahmen ergriffen werden, die nicht in unseren Geschichtsbüchern stehen.

Clara und ihre Mutter leben in Mississippi, einem der Sklavenhalterstaaten, als man sie deportiert. Sie sollen ihr Heim verlassen, in den Lincoln-Zug steigen, um nach Oklahoma zu reisen – ins Reservat für Südstaatler. Doch im schrecklichen Gedränge auf dem Bahnsteig verliert sie sowohl ihren Koffer als auch ihre Mutter, die totgetrampelt wird. Im vollgestopften Zug zeigt nur eine Frau namens Elisabeth Mitleid mit der Vollwaise.

In Oklahoma stehen wieder alle auf dem Bahnsteig, als eine abgemagerte, abgerissene Frau herbeistürzt und schreit, dass hier alle Hungers sterben würden. Die Regierung hat die Südstaatler zu den Indianern ins Reservat beim Fort gesteckt, aber nicht genug Lebensmittel, um sowohl die Armeen als auch die Deportierten zu verköstigen. Bald kommt der Winter – und der Hungertod.

Da streckt die Frau namens Elisabeth eine helfende Hand aus. Es gebe noch einen anderen Zug: die „unsichtbare Eisenbahn“. Dieses Netzwerk aus geheimen Helfern soll Clara zu ihrer Schwester nach Tennessee bringen, viele Meilen entfernt. Aber warum, so fragt sich Clara ängstlich, helfen diese Abolitionisten den Sklavenhaltern? Gute Frage …

|Mein Eindruck|

Die vollständig im Präsens erzählte Geschichte ist sehr anschaulich, mitfühlend und bewegend. Wir erleben das schreckliche Geschehen aus Claras Blickwinkel mit, und es ist fast wie an einer Deportation ins KZ teilzunehmen. (Man denke an „Schindlers Liste“.) Doch obwohl es keine Todeszüge gab wie im Dritten Reich, so doch den berüchtigten Todesmarsch der Cherokee: Diese Indianer mussten mehrere tausend Meilen aus Florida ins westlich gelegene Oklakoma-Territorium marschieren, wobei natürlich die meisten ums Leben kamen.

Die Story greift beide Motive auf und verweist durch ihren alternativen Geschichtsverlauf im Hintergrund auf die Parallelen. Doch wozu? Sollen die Südstaatler als Amerikas Juden gebrandmarkt werden? Mitnichten! Die Autorin will endlich die Versöhnung mit den Sklavenhaltern und erzählt deshalb von einer nordstaatlichen Untergrundorganisation, die den „bösen“ Südstaatlern hilft – damit endlich Versöhnung möglich ist. Und Clara ist eben eine der Unschuldigen, die es auf allen Seiten zu allen Zeiten gegeben hat. Deshalb werden nur sie und ein Junge gerettet, nicht aber die anderen. Irgendwo muss man ja mal anfangen, oder?

|2) Sheila Finch: Geistige Gemeinschaft|

Die Landefähre eines Raumschiffes setzt vier Leute auf einer Welt ab, die menschenfreundlich zu sein scheint. Vor zwei Jahren wurde ein Forschungsteam von 30 Astrophysikern hier abgesetzt. Was mag aus ihnen geworden sein? Das Landeteam besteht aus dem Piloten, dem Bordingenieur, einem Arzt und einer Expertin für Fremdkontakte, einer Xenolinguistin. Sie heißt Greer. Wir erleben das Geschehen aus ihrem besonderen Blickwinkel.

Von den dreißig Wissenschaftlern ist nur noch ein einziger Mann übrig: Sharnov. Was ist aus den anderen geworden, wenn es doch keine Aliens auf dieser grünen Welt gibt? Und Sharnov verhält sich, denkt Greer, wie ein Besessener, ein Wahnsinniger oder Schizophrener. Und er isst nichts. Als er die Landefähre entführt, kommt er nicht weit: Der per Code gesperrte Computer sprengt die Fähre. Die Überlebenden haben kein Wasser und wenige Rationen.

Als nur noch Greer und der Ingenieur übrig sind, isst dieser das Fleisch des Piloten. So weit will Greer nicht sinken. Ihr treuester Freund ist jetzt Sammy, der Hund Sharnovs, der sie seit der Landung begleitet. Und Sammy isst ebenfalls nichts. Nachdem Sammy den aggressiven Ingenieur getötet hat, macht er ihr ein besonderes Geschenk: sein Leben. Da endlich begreift die bereits stark geschwächte Greer endlich, was Sammy in Wirklichkeit ist …

|Mein Eindruck (VORSICHT, SPOILER!)|

Die Frage bei der Frage des Wirt-Seins für ein Alien ist natürlich vor allem, wie der Wirt damit zurechtkommt. Erinnern wir uns an „Alien“: Das Monster legt seine Brut in den Wirtskörper, und die Larven fressen diesen als Nahrung von innen her auf – genau wie bei den Larven der Schlupfwespe in einer Raupe. Doch bei Greers Alien-Gast kommt ein zweiter Faktor hinzu: Es ist ein Telepath und dringt in ihren Geist ein.

Jetzt müsste sie eigentlich, wie der arme Sharnov zuvor, wahnsinnig werden. Doch dies geschieht nicht, weil ein dritter Faktor ins Spiel kommt: Greer verfügt über das von ihrer Gilde gelehrte „Kalamitätsmantra“, das sie immer aufsagt, wenn sie glaubt, in der Patsche zu sitzen und Hilfe zu benötigen. (Es erinnert an das Mantra von Paul Atreides, das er von den Bene Gesserit gelernt hat: „Die Angst ist der kleine Tod …“) Nur dieses Mantra verhilft Greer zum Überleben: Sie akzeptiert das Fremde und wird ein Hybrid.

|3) John Crowley: Fort|

Ein Mutterschiff von Aliens besucht die Erde, parkt in einer Umlaufbahn um den Mond. Dort sendet es seine Vorboten aus: die Elmers. Das sind kleine, schwabellige und sehr freundliche Humanoide, die alle möglichen Dienste anbieten: Darf ich Ihre Fenster putzen? Darf ich Ihren Müll raustragen? Und dergleichen mehr. Die bieten zudem ein Glückskärtchen an, das demjenigen, der auf das Wörtchen „Ja“ drückt, Glück in der Liebe zu versprechen scheint.

Ganz bestimmt sind sie Scharlatane, denkt sich die von ihrem Mann getrennt lebende Hausfrau Pat Poynton. Das Fernsehen hat vor diesen Elmers gewarnt, die alle gleich aussehen, aber nach wenigen Tagen zu Staub zerfallen. Aber Pat ist einsam und unglücklich, und sie lässt den Elmer ihre Fenster putzen. In ihrem faszinierten Zusehen vergisst sie, die Kinder vom Schulbus abzuholen. Dafür holt Lloyd seine Kinder ab und rast mit ihnen und seiner neuen Flamme davon. Pat rastet komplett aus.

Erst nach einer langen Phase des Lernens kapiert sie, was das Versprechen der Elmers ist, die die Erde schon wieder verlassen haben: Es ist gar keins. Vielmehr bedeutet das Kärtchen, dass der Mensch ein Versprechen abgibt. Das des guten Willens. Dann erst wird alles in der Liebe gut. Nun erst kann sie Lloyd anrufen.

|Mein Eindruck|

Das sind aber außergewöhnlich gütige Aliens, wird sich jetzt so mancher Leser wundern. Aber es sind keine richtigen Aliens, denn sie wollen nichts von uns, sondern sie wollen etwas für uns tun. Die Frage ist jetzt: Lassen wir dies überhaupt zu? Denn Pat fasst ihre Zustimmung zu dem Versprechen der Aliens auf dem Glückskärtchen zunächst als Verrat an sich und ihrem Mit-Menschen auf. Das ist die übliche Paranoia und Überheblichkeit des Menschen. Dass es sich genau andersherum verhält, geht ihr erst nach dem Abflug der Aliens auf, also dann, als sie keine Bedrohung mehr darstellen. Sie haben uns nur geholfen, uns selbst zu helfen. Das ist alles. Und als Pat dies zulässt, kann sie auch den ersten Schritt des guten Willens auf Lloyd zu tun.

|4) James Patrick Kelly: Warum die Brücke nicht mehr singt|

Unter der Brücke haben sich ein paar Penner und Saufbrüder um ihr Lagerfeuer, das in einer Tonne brennt, versammelt. Der Erzähler stößt zu ihnen, zunächst unsichtbar. Er weiß zwar nicht, wer er ist, aber er hat eine kreative Phantasie, die alle Dinge poetisch überhöht, etwa die Brücke, die für ihn Lieder singt.

Dann kommt eine Frau namens Maggie mit zwei Männern. Sie spricht keinen Dialekt, sondern bemüht sich um korrekte Aussprache. Und möglicherweise ist sie Telepathin. Sie hilft den Pennern und reicht ihnen einen besonderen Whisky namens Conquistador (Eroberer). In der Tat stellt der Alkohol einiges mit den Köpfen der Penner und der Erzählers an, und als Maggie ihn küsst, um ihm Whisky einzuflößen, erinnert er sich wieder, wer er ist. Er ist Peter, doch seine Phantasie ist verschwunden. Die Brücke ist nur noch eine Brücke und singt nicht mehr.

|Mein Eindruck|

Herausragend an dieser kurzen Story ist nur wenig, und viel ist unter der Oberfläche versteckt: Eine Telepathin, die den Geist der Penner mit einem ganz speziellen „Whisky“ verändert. Man muss sehr aufpassen, um alles mitzubekommen, denn der Autor verfährt wie Hemingway in der genialen Story „Cat in the rain“. Alles wird in Fragmenten und indirekt mitgeteilt. Wie auch immer: Die Übersetzung von Horst Pukallus ist mal wieder einsame Spitze. Er ist der Beste, wenn es darum geht, Umgangssprache und Jargon authentisch im Deutschen auszudrücken.

|5) Robert Reed: Das Turnier|

Amerika, in der nahen Zukunft, wenn niemand mehr arbeiten muss, weil Roboter die ganze Arbeit verrichten. Das Turnier des Titels wird seit 50 Jahren von intelligenten „Elektronengehirnen“ gesteuert, allerdings nur, um für Zerstreuung, Sport und ab und zu einen höheren Gewinn zu sorgen. Leider scheinen die Computer parteiisch zu sein: Der Held der Geschichte ist zunächst nur ein Gewinner unter einer Million Teilnehmern aus der amerikanischen Provinz, doch er gewinnt entgegen aller Wahrscheinlichkeit jedes Mal – wenn auch zuweilen nur mit einem winzigen Vorsprung. Seine Frau Bette findet Avery überheblich und „nicht mehr er selbst“. Avery hält trotzdem durch, schließlich macht er beim Spiel schon seit 17 Jahren mit.

Gegen Ende des Turniers, als nur noch wenige Kandidaten übrig sind, gibt der oder andere Gegner bereits auf, sobald er gegen den Helden antreten soll, denn Avery wird angeblich „vom Netz geliebt“. Und war Avery zu Beginn noch überzeugt, dass er seine Siege verdient hat, so belehrt ihn seine Frau schließlich eines Besseren: Es gebe höhere Werte im Leben als bei diesem blöden Spiel zu gewinnen. Es gibt nämlich eine Lotterie namens Leben, bei dem jeder das große Los zieht, der überhaupt gezeugt wird!

|Mein Eindruck|

Die ein wenig tragikomische Story läuft ab wie ein Countdown, und wer die Potenzen von 2 (2 hoch 3 = 8, 2 hoch 10 = 1024 usw.) kennt, der kann sich genau ausrechnen, wann das Spiel für Avery gelaufen ist – falls er immer gewinnen sollte. Das Seltsame ist, dass er am Schluss gar nicht mehr das Spiel gewinnen, sondern seine Frau Bette zurückhaben will. Er lässt sie sogar kidnappen, damit sie nach Alaska kommt und und ihm bei der Finalrunde zusieht. Sie ist keineswegs beeindruckt, verrät ihm aber wenigstens, warum sie so bekümmert ist.

|6) Bruce Holland: Rettungsboot auf brennender See|

Ein Computerwissenschaftler namens Elliot Maas baut zusammen mit zwei anderen Genies, Richardson und Bierley, ein künstliches Bewusstsein, weil er panische Angst vor dem Tod hat. Er will also unsterblich werden. Wollen wir das nicht alle? Die Künstliche Intelligenz (KI), die sie bauen wollen, ist für Maas jedoch quasi sein Rettungsboot, während andere auf dem brennenden Schiff, das sich Leben nennt, zurückbleiben und untergehen.

Als Jackson Bierley eines natürlichen Todes stirbt, wird ein Konstrukt erzeugt, das auf den Ansichten, Erlebnissen und Erfahrungen seiner Freunde und Bekannten basiert. Es wirkt unglaublich echt und sichert mit seinem eindrucksvollen Video-Auftritt die Regierungsgelder zur Fortsetzung des Programms. Doch Richardson, der kreativste Denker des Teams, hat Zweifel. Tun sie wirklich das Richtige? Was ist der Tod wirklich? Was bedeutet es, tot zu sein?

Eines Morgens erreicht Maas die Nachricht, dass Richardson in einer U-Bahnstation einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen sei. Bombenattentate gibt es jetzt sehr viele, mindestens einmal am Tag. Aber als Maas mit seiner Witwe spricht, stößt er auf eine Ungereimtheit. Alle elektronischen Unterlagen, die aufzufinden sind, besagen, dass man ihr Richardsons Asche in einer Urne zugeschickt habe, aber sie streitet ab, die Urne je erhalten zu haben.

Als sich Maas mit den Konstrukten von Bierley und jetzt auch Richardson unterhält, bekommt er nicht viel Unterstützung. Aber der Zweifel, der an ihm nagt, lässt einen Plan reifen, der ihn dazu zwingt, das Richardson-Konstrukt zu überlisten. Was, wenn der echte Dr. Richardson nur VORGIBT, tot zu sein? Aber warum sollte er das tun?

|Mein Eindruck (VORSICHT, SPOILER)|

Beim ersten Lesen vor etwa zehn Jahren habe ich diese Geschichte völlig missverstanden. Ich dachte, drei Konstrukte würden untereinander streiten. In Wahrheit jedoch weigert sich Maas, überhaupt zu einer KI gemacht zu werden. Er ist bereits 95 Jahre alt, als er uns seine Geschichte von Der Anderen Seite (DAS) erzählt, hat sich also nicht zu einer Simulation digitalisieren lassen. Warum nicht, fragen wir uns grübelnd. Die Antwort muss jeder in der Geschichte finden.

Da ist zum einen, dass Bierleys Konstrukt nie er selbst ist, sondern nur eine Annäherung, die aber ein Fake ist. Und Richardson, das weiß Maas am besten, lässt sich wie jede KI durch gefälschte Input-Daten täuschen. Die Wahrnehmung (Input) der KI stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Beide KIs sind alles andere als Idealzustände für ein Bewusstsein, wie es Maas zu verewigen sucht.

Die Story ergründet auch die Frage, was es bedeutet, tot zu sein. Tot nicht nur für den „Toten“ selbst, sondern auch für die Hinterbliebenen. Der echte Dr. Richardson gilt zwar als tot, doch er ist es nicht, will aber dafür gelten – warum auch immer. Ähnlich wie ein Agent, der untertauchen will, um eine neue „Existenz“ anzufangen. Bei seinen Hinterbliebenen hinterlässt der „Tote“ eine Lücke – in Richardsons Fall eine Witwe, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hat. „Totsein“ kann also eine sehr unmoralische Handlung sein.

|7) Ron Savage: Connecticut-Nazi|

Max Kravitz ist ein krebskranker, 50-jähriger Jude aus New York und hat vor einer Woche eine wunderbare junge Frau geheiratet; Rosalie. Nun sind sie in ihr neues Haus in Connecticut gezogen, doch die Möbel fehlen noch. Rosalie hat ihm zur Hochzeit ein Teleskop geschenkt, das sie einem alten chassidischen Juden namens Yetzel Beckman, einem Antiquitätenhändler, den Max kennt, gekauft hat.

Wie Max herausfinden muss, verfügt das Teleskop über ein paar verblüffende Eigenschaften. Man könnte es fast magisch nennen.

Als er sich bei Yetzel Beckman über das Verschwinden seiner Frau beschweren will, erfährt er von dem Hintergrund des Teleskops und was es mit seiner jungen Braut auf sich hat. Seitdem schaut er durch ein anderes Teleskop und wartet, dass darin seine Braut auftaucht – und er selbst ebenfalls …

|Mein Eindruck|

Diese gefühlvoll, aber nicht keineswegs weinerlich erzählte Geschichte beleuchtet das Schicksal von jüdischen KZ-Häftlingen, die aus Treblinka entkommen konnten. Max ist das Kind von Chesia, einer Entkommenen, und einem deutschen Wachmann, der sie in Sicherheit brachte. Daher seine Bezeichnung als „Connecticut-Nazi“. Doch wo sind Chesia und Nazi jetzt? Vielleicht kann es ihm das magische Teleskop enthüllen.

Vergangenheit und Gegenwart sind eng miteinander verwoben, zusammengebunden durch jüdische Mystik (Kabbala) und das Instrument (Teleskop), aus der Gegenwart und Realität heraus in eine Vergangenheit zu schauen, in der die Geliebte noch lebendig ist. Die Story nimmt Jonathan Safran Foers „Alles ist erleuchtet“ und Nicole Kraus‘ „Die Geschichte der Liebe“ vorweg. Sie eignet sich ausgezeichnet zum Immerwiederlesen.

|8) Felicity Savage: Cyberschicksal|

Kasachstan, vielleicht in 50 Jahren. China ist zusammengebrochen, wurde aber von der Republik des Neuen Volkes Chinas neu gegründet. Die 18-jährige Xiao hat den Amerikaner Jon geheiratet, nachdem ihre Mutter gestorben war. Xiao hofft, mit ihm nach Amerika, ins Gelobte Land, zu gelangen. Doch sie muss zu ihrem Leidwesen herausfinden, dass Jon Carneira der letzte Überlebende eines Wirtschaftskriegs gegen seine Familie ist und dringend gesucht wird.

Per Anhalter werden sie von einem stinkreichen Milliardär namens Mechisedek Assad mitgenommen. Er ist der Gründer und Besitzer eines Themenparks à la Disneyland, allerdings vor der Küste von Eritrea und mit jeder Menge Virtueller Realität bestückt. Während Xiao einen kleinen, aber aufschlussreichen Ausflug in „Legende“ unternimmt und ein aus drei Schwestern bestehendes Orakel kennen lernt, findet in Assads Suite eine üble Schießerei statt. Die Kopfgeldjäger haben ihr Opfer gefunden. Da platzt Xiao herein …

|Mein Eindruck|

Dir Story ist sehr dicht erzählt. Aus der Perspektive des jungen, impulsiven Mädchens erleben wir ein Panoptikum bedrohlicher Phänomene, doch sie schlägt sich durch. Zweifel erfüllen sie, warum sie ihre Weigerung, mit Jon, ihrem Mann, zu schlafen, aufrechterhält. Schuldgefühle werden erklärt und beseitigt. Nun kann sie wieder handeln und in die Zukunft blicken – wenn da nicht das Massaker wäre, zu dem sie zurückkehrt.

Hinsichtlich der Cybertechnik erscheint mir die Story aber wie ein Déjà-vu aus seligen Cyberpunkzeiten Mitte der achtziger Jahre, also zehn Jahre zuvor. Dadurch erscheint die flott erzählte Story etwas schwächer als der Rest.

_Unterm Strich_

Auch diese Auswahl an phantasievollen Erzählungen bietet wieder einen kurzweiligen und interessanten Einblick in die amerikanische Szene der Jahre 1995 und 1996. Wer allerdings einen Querschnitt mehr internationalen Zuschnitts sucht, sollte sich an Wolfgang Jeschkes entsprechende Anthologien halten.

|222 Seiten
Aus dem US-Englischen übertragen von verschiedenen Übersetzern|
http://www.heyne.de

Ursula K. Le Guin – Die zwölf Striche der Windrose. Erzählungen

Klassische Erzählungen der Fantasy und Science-Fiction

Die Sammlung „Die zwölf Striche der Windrose“ (Band 25 der Heyne Science-Fiction-Bibliothek) stellt den außerordentlichen literarischen Rang der Autorin unter Beweis. Eine ganze Reihe dieser Erzählungen aus der Zeit zwischen 1962 und 1972 wurden mit Preisen ausgezeichnet, darunter „Der Tag vor der Revolution“, für die die Autorin den Nebula Award erhielt. Die Autorin begann also vor rund sechzig Jahren zu veröffentlichen.

Die Autorin
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Diana Wynne Jones – Die Spielleute von Dalemark (Dalemark 1)

Versetzt Berge: die Magie der Musik

Das Königreich Dalemark ist seit Jahrhunderten gespalten. Nur fahrenden Spielleuten wie Clennen und seinen Kindern ist es gestattet, zwischen dem Süden und dem Norden hin und her zu reisen. Manchmal nehmen sie in ihrem Wagen auch Passagiere mit. Ein solcher ist Kialan, ein geheimnisvoller junger Mann, der der Familie nur Unglück zu bringen scheint. Als Clennen getötet wird, sind die Kinder in einer feindlichen Welt ganz auf sich alleine gestellt.

Die Autorin

Die Britin Diana Wynne Jones, geboren 1934, kannte Tolkien und C.S. Lewis und veröffentlichte ihren Debütroman „Changeover“ bereits 1970, also mit 36 Jahren. Bis 1975 suchte sie ihre eigene, originäre literarische Stimme und fand sie ab 1975 mit dem Dalemark-Quartett (s. u.). Die meisten Elemente sind traditioneller Fantasy wie etwa von Tolkien und C. S. Lewis verpflichtet, doch gibt es bereits eigenständige Ansätze, so etwa die Magie der Musik.

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Max Barry – Die 22 Tode der Madison May

Killerjagd im Multiversum

Am grausamen Mord an Madison May scheint auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches: Die Immobilienmaklerin wird offenbar von einem potenziellen Kunden niedergestochen. Der Täter, der sich keine Mühe gegeben hat, seine Identität zu verbergen, scheint einem Kult anzugehören.

Als Journalistin Felicity dem Mann zufällig in der U-Bahn begegnet, nimmt sie die Verfolgung auf. Es kommt zum Handgemenge, sie wird aufs Gleis gestoßen, der herannahende Zug kann gerade noch bremsen. Der Verdächtige ist spurlos verschwunden – ebenso wie Felicitys Katze.

Ihre Kollegen können sich beim besten Willen nicht mehr an Madison May erinnern, und ihr langjähriger Freund hat plötzlich neue Hobbies, denen er angeblich schon seit Jahren nachgeht. Langsam wird Felicity klar, dass sie nicht mehr im selben New York ist, sondern in einer Parallelwelt – in der die junge Schauspielerin Madison May in tödlicher Gefahr schwebt …
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Brandon Sanderson – Cytonic. Unendlich weit von Zuhause (Claim the Stars 3)

Uralte Alien-Kreaturen, ein galaktischer Krieg und eine furchtlose junge Heldin:

Spensa hat sich nicht nur zu einer der besten Sternenjägerinnen ihres Planeten entwickelt – der jungen Pilotin ist es auch gelungen, ihr Volk vor der Ausrottung durch die rätselhaften Krell zu bewahren.

Doch inzwischen verfügt die galaktische Allianz, die alles menschliche Leben kontrollieren will, über eine ultimative Waffe: die Delvers, uralte außerirdische Kreaturen, die ganze Planeten-Systeme in einem Augenblick auslöschen können. Spensa, die bereits einem Delver begegnet ist, weiß, dass keine noch so große Raumschiff-Flotte diese Monster besiegen kann. Sie hat allerdings auch etwas seltsam Vertrautes in der Kreatur gespürt – etwas, das die Galaxie retten könnte, falls Spensa endlich herausfindet, was sie wirklich ist.

Dafür müsste sie jedoch alles, was sie kennt, hinter sich lassen und das Nirgendwo betreten, einen Ort, von dem nur wenige je zurückgekehrt sind …
(Verlagsinfo)

Schreckschneck ist wieder da!
Nachdem es Spensa Nightshade im letzten Augenblick geschafft hatte, ihren Häschern durch dieses Portal ins Nirgendwo zu entkommen, findet sie sich in einem unwirklichen Planetoidensystem wieder. Die hier herrschenden Gesetze sind physikalisch ähnlich denjenigen unseres Universums, jedoch gibt es gravierende Unterschiede, wie sie bald feststellen wird. Und es herrschen rauhe Sitten unter den hierher Verschlagenen. So gerät sie alsbald, auf der Flucht vor besessenen Kreaturen wie Sauriern, in Gefangenschaft einer Piratengruppierung.

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Robert B. Parker – Spensers Abschied. Ein Spenser Krimi (Spenser 11)

Bis zum Nahtod: Spensers großer Irrtum

Harte Zeiten für Spenser: Seine langjährige Freundin Susan Silverman verlässt ihn. Das macht ihm ganz schön zu schaffen. Zusätzlich muss er sich mit einer militanten Jugendsekte und einem Heroin-Ring herumschlagen. Schlechte Zeiten für die Ganoven in Boston. Denn sein Abschiedsschmerz macht Spenser ziemlich übelgelaunt… (erweiterte Verlagsinfo)

Diese deutsche Erstausgabe ist mit einem Nachwort von Friedel Middelhauve versehen.

Der deutsche Titel ist irreführend: Hier geht nicht um Spensers, sondern um Susan Silvermans Abschied. Im nächsten Band „Spenser auf der Flucht“ (A Catskill Eagle“) muss er hart um sie kämpfen, um sie zurückzugewinnen.
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Brandon Sanderson – Die Seele des Königs (3 Novellen)

Als „Die Seele des Königs“ in den Vorankündigungen auftauchte, dachte ich erst, es sei die Fortsetzung der Sturmlicht-Chroniken. Nach dem Lesen der Kurzbeschreibung war klar, dass es das nicht ist. Aber erst, als ich mein Exemplar in der Hand hielt, stellte ich fest, dass es sich hierbei nicht um einen Roman, sondern um drei Novellen handelt.

„Die Seele des Königs“ ist die erste der drei.

Nach einem Attentat liegt der König im Koma. Sollte das an die Öffentlichkeit dringen, wird der fünfköpfige Regierungsrat seine Macht verlieren. Deshalb ringen seine Mitglieder sich widerwillig dazu durch, der jungen Fälscherin Shai, die eigentlich hingerichtet werden sollte, die Freiheit anzubieten … wenn sie dafür die Seele des Königs fälscht! Brandon Sanderson – Die Seele des Königs (3 Novellen) weiterlesen

Farmer, Philip José – Auf dem Zeitstrom (Der Flusswelt-Zyklus 2)

_Parolando, das Juwel von Demokratie und Technik_

Die Flusswelt ist ein riesiger, künstlich geschaffener Planet. Nach einem Zwischenstopp in der so genannten „Matrix“ gelangen die Verstorbenen hierher, als Wiedererweckte. Sie sind alle nackt und 25 Jahre alt, Nahrung bekommen sie gratis und frei Haus von Automaten. Doch dies ist kein friedliches Paradies, denn alle haben ihre Erinnerungen behalten. Schon bald herrscht allenthalben Krieg.

Sir Richard Burton, der berühmte Reisende und Entdecker des 19. Jahrhunderts, suchte im ersten Band „Die Flusswelt der Zeit“ die Quelle des 20 Millionen Kilometer langen Stroms, doch er fand den Dunklen Turm der Erbauer nicht. Nun will Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain ein ähnliches Unternehmen starten: mit einem Dampfschiff aus Metall. Mast- und Schotbruch, Sam!

_Der Autor_

Philip José Farmer wurde bereits 1918 in North Terre Haute, Indiana, als Nachkomme von deutschen, niederländischen und irischen Vorfahren geboren. 1946 verkaufte er eine Kriegserzählung an das Magazin „Adventure“, sein erster Roman „The Lovers“ (Die Liebenden) erschien 1952 in „Startling Stories“ und brachte zum ersten Mal das Thema Sexualität in die (eher prüden) Science-Fiction-Magazine seiner Zeit ein. Danach galt er als Tabubrecher. Viele seiner Werke zeichnen sich durch unterhaltende Themen und Erzählweise sowie durch Ideenreichtum aus. Das gilt auch für den fünfbändigen Flusswelt-Zyklus.

1) Die Flusswelt der Zeit (1953/1971)
2) Auf dem Zeitstrom (1971)
3) Das dunkle Muster (1977)
4) Das magische Labyrinth (1980)
5) Die Götter der Flusswelt (1983)

Der erste Flusswelt-Roman entstand bereits 1953 anlässlich eines Romanwettbewerbs, doch Farmer wurde um Preis und Honorar betrogen. Das im Jahr 1972 mit dem renommierten Hugo Gernsback Award ausgezeichnete Werk erschien schließlich erst 1971, nachdem der Autor mehrere Teile zu einem lesbaren Ganzen verschmolzen hatte: eine so genannte Fix-up-Novel, wie sie in der phantastischen Literatur keineswegs selten ist.

_Hintergrund: die Flusswelt_

Die Flusswelt ist ein riesiger, offenbar künstlich geschaffener Planet, der keine Jahreszeiten kennt, aber ein angenehmes Klima aufweist. Diese erdähnliche Welt wird von einem über 20 Millionen Kilometer langen Flusstal durchzogen, das zu beiden Seiten von unüberwindbar hohen, steilen Gebirgszügen eingegrenzt wird. Ab und zu fallen Meteore auf die Gebirge, sie bedeuten das einzige Metallvorkommen.

Auf beiden Ufern des Flusstals sind merkwürdige Kunstgebilde auszumachen, die pilzfömig in die Höhe ragen und Schutz vor dem Regen bieten, der pünktlich um drei Uhr morgens einsetzt. Diese „Gralsteine“ sind – neben den Flussfischen – die einzige Nahrungs- und Versorgungsquelle für die künftigen Bewohner: die Menschen der Erde.

Dieser Planet wird im Jahr 2008 zur Stätte der Wiedergeburt für fast die gesamte Menschheit: bis zu 37 Milliarden Bewohner. Unter den Wiedererweckten befinden sich alle restlichen Menschen und Hominiden aus den letzten zwei Millionen Jahren auf Erden. Es wird aber bemerkt, dass es keine Kinder unter fünf Jahren und keine Alten über sechzig Jahre gibt. Der Grund dafür ist unbekannt.

Die hierher gebeamten Menschen finden sich am Wiedererweckungstag nackt, haarlos, beschnitten und 25-jährig an den Ufern des großen Flusses wieder. Die Gralsteine spenden ihnen Nahrung und Kleider. Die Ausgangsposition ist also für alle gleich. Ideal für das Experiment, das die Erbauer dieser Welt hier durchführen. „Dieser zeitliche Schmelztiegel stellt das größte anthropologische und sozialwissenschaftliche Unternehmen dar, das je gestartet wurde“, erkennt einer der Wiedererweckten. Doch zu welchem Zweck?

Denn für die Bewohner erweist sich die Flusswelt keineswegs als das Paradies, sondern als eine Art Vorhölle. Die Wiedererweckten haben ihre Erinnerungen behalten, und darin wimmelt es nur so vor Rivalität und Brutalität. Machtkämpfe sind an der Tagesordnung. Und wenn die Versklavten und Geschundenen ihrem erbärmlichen Dasein durch Selbstmord ein Ende zu bereiten, erwachen sie tags darauf neu geboren an einer anderen Stelle des Flusses. Es gibt kein Entrinnen.

Und doch hat die Flusswelt ihre Reize, wenn man gewillt ist, die Herausforderung anzunehmen, zu den Quellen des Stroms vorzustoßen und das Geheimnis jener fremden Rasse zu lüften, die mächtig genug gewesen ist, ein Projekt dieser Größenordnung durchzuführen. Wenn man mit ihnen redet, könnte man sie ja vielleicht dazu überreden, die elenden Bedingungen des Daseins auf der Flusswelt etwas zu mildern. Sie sind einem kleinen Kreis von zwölf Auserwählten als die „Ethiker“ bekannt.

_Handlung_

Auch Samuel Langhorne Clemens, besser bekannt unter seinem Autorenpseudonym „Mark Twain“, geboren 1835, hat es in die Flusswelt verschlagen. Allerdings ist er wenig glücklich, denn er vermisst seine Kinder und seine Frau Livy. Um sich durchzuschlagen, hat er sich den Wikingern des 10. Jahrhunderts angeschlossen. Deren Häuptling, Erik Blutaxt, ist ein Mordsbrocken von einem Krieger und kennt keine Furcht. Sein Drachenschiff ist „Die Blutgestählte“, und er führt Raketenwerfer mit sich. Sam hat ihm versprochen, ihm Eisenerzvorkommen zeigen zu können, damit Erik weitere Äxte aus Metall schmieden kann. Metall ist rar. Sam hat gelogen.

|Joe Miller|

Doch es gibt an Bord einen Passagier, der noch größer und stärker ist als Erik: Das Wesen, das Sam auf den Namen „Joe Miller“ getauft hat, ist ein Mittelding aus Gorilla und Neanderthaler, doch verfügt Joe über einen überraschend ausgefeilten Wortschatz, den er von einem Ägypter namens Echnaton erworben hat. Beim Sprechen hindert ihn nur ein kleiner Fehler an korrekter Aussprache: er lispelt „fum Fteinerweichen“. Und fast zum Hohn für seine Bildung verfügt Joe über einen Riesenzinken, der die Ägypter dazu gebracht hat, ihn mit dem ibisgestaltigen Gott Thoth zu verwechseln …

|Sams Plan|

Sam trägt sich mit dem Plan, ein großes Dampfschiff zu bauen, möglichst ganz aus Metall, um damit zur Quelle des Flusses zu fahren. Doch bis es so weit ist, braucht er noch viele Helfer. Einer davon fällt bei einer Seeschlacht auf sein Schiff. Es ist Lothar, der Bruder des Fliegerasses Manfred von Richthofen, den man im 1. Weltkrieg auch den „Roten Baron“ nannte. Beide lauschen andächtig der Erzählung, in der Joe Miller von seiner ägyptischen Expedition zu der Quelle des Flusses berichtet (vielfach unterbrochen von Sams bissigen Kommentaren).

|Joes Expedition|

Auf einem sehr beschwerlichen Pfad gelangte Joe zur Quelle des Stroms wie weiland die Briten zu den Quellen des Nils. Es ist ein unter Wolken liegender riesiger See, umgeben von hohen Bergen. In der Mitte des Wolkenmeers sah Joe einen dunklen Turm emporragen, auf dem ein Fluggefährt niederging. Als Joe vor Überraschung einen Fehltritt machte, stürzte er in die Tiefe – ins Wasser. Viele Meilen stromabwärts schloss er sich Erik Blutaxt an.

|Die Ethiker|

Sam Clemens hat schon Sir Richard Burton getroffen, der ebenfalls zur Quelle des Flusses unterwegs war. Und der berichtete ihm von den so genannten Ethikern und ihren Agenten. Es gebe sogar Abtrünnige unter den Ethikern, so dass man also von Fraktionen unter den Erbauern des Planeten sprechen könne. Sam sieht eine reelle Chance, die Ethiker umstimmen zu können. Und vielleicht kann er tatsächlich seine Livy mit seinem neuen Schiff finden.

Eines Nachts eröffnet ihm ein geheimnisvoller Fremder, dessen Gesicht Sam nie zu Gesicht bekommt und den er für einen der Ethiker hält, dass er dafür sorgen wolle, dass Sam seinen Traum von einem Dampfschiff verwirklichen könne. Er habe einen Meteor so umgelenkt, dass er an einer bestimmten Stelle des Stromes herabfalle, wo schon Metallerze in der Erde lagern. Sam brauche bloß noch hinzufahren. Na, dankeschön aber auch!

|Parolando|

Zusammen mit seinen Gefährten erobert Sam einen Streifen Ufer von den bisherigen Bewohnern und errichtet mit Erik Blutaxt eine Regierung. In Esperanto, das als lingua franca dient, nennt Sam das Land „Parolando“. Allerdings wird ihm schnell klar, dass Erik nicht gewillt ist, eine friedliche Herrschaft einzurichten oder sie gar mit Sam zu teilen. In einem Staatsstreich gelingt es Sams Mannen, Erik zu töten und die Herrschaft zu übernehmen. In der nun folgenden Schlacht kommt ihm unverhofft der englische König John Lackland aus dem 13. Jahrhundert (der mit der „Magna Charta“) zu Hilfe. Natürlich muss er mit John die Herrschaft teilen.

Nach wenigen Jahren hat Sam mit Hilfe seiner drei Ingenieure ein ungeheures Fabrikgelände geschaffen, das beginnt, nicht nur Sams Dampfschiff zu bauen, sondern auch Waffen, Werkzeuge und Chemikalien. Das Land ringsum ist entwaldet und das Holz muss importiert werden. Die Nachbarstaaten merken, was hier vor sich geht und lassen sich ihre Holzlieferungen gut bezahlen, erst in Waren, dann aber auch in Waffen. Allmählich entwickelt sich das Umland von Parolando zu einer hochgerüsteten Zone, die viel Ähnlichkeit mit Mitteleuropa vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat. Ringsum, so finden Sams und Johns Spione heraus, finden Eroberungskriege statt, die dazu dienen, die jeweiligen potenziellen Feinde Parolandos mächtiger zu machen.

Die wichtigsten Feinde sind ein japanisches Imperium unter der Führung von Fürst Ieyasu, dem ersten der Shogune des 16. Jahrhunderts, und ein Land, das darauf aus ist, nur von Schwarzen regiert zu werden. Der Herrscher namens Hacking hasst alle Weißen und setzt seine Holzpreise ständig herauf, bis Sam und John schier der Kragen platzt. Während seine Majestät John Lackland darauf aus ist, Hacking zu überfallen, solange Ieyasu noch schwach ist, plädiert Sam dummerweise ständig für eine Beschwichtigungspolitik. Er hat insofern Erfolg, als sein wackliger Frieden tatsächlich lange genug hält, dass das Schiff halb fertig gestellt werden kann.

|Die Invasion|

Doch das prekäre Gleichgewicht kann nicht ewig halten. Als Fürst Hacking auf Sams Einladung hin Parolando besucht, entpuppt sich sein Geleitschutz als getarnte Invasionsstreitmacht. Diese Gelegenheit lässt sich auch Ieyasu nicht entgehen und greift am nächsten Tag an. Doch beide haben nicht mit einer List des verschlagenen John Lackland gerechnet …

_Mein Eindruck_

Nun könnte man meinen, das Buch strotze nur so von Action, in der sich Mord und Totschlag die Klinke in die Hand geben. Das ist mitnichten so, und alle Actionfanatiker seien hiermit ernsthaft gewarnt. Es gibt in diesem Roman lange Strecken, in denen lediglich philosophiert wird. Denn der Autor klopft darin mehrere grundlegende Bedingungen der menschlichen Existenz daraufhin ab, ob sie sich unter den experimentellen Bedingungen der Flusswelt etwa verändert haben.

|Rassismus|

Hacking beispielsweise ist ein schwarzer Rassist, der keine Weißen oder Araber auf seinem Land duldet. Dem steht John Lacklands weißer Rassismus gegenüber, und auch Sam Clemens ist kein unbeflecktes Blatt. Hat er nicht in seinem umstrittenen Roman „Huckleberry Finn“ ständig von einem „Nigger Jim“ geschrieben? Er verteidigt sich damit, dass am Mississippi, wo er aufwuchs, alle die Schwarzen immer nur „Nigger“ nannten und sich keiner was dabei dachte. Doch nach dem Bürgerkrieg ab 1865 müssten diese Bedingungen doch anders gewesen sein, oder? Es geht also um Rassismus und soziale Toleranz.

|Pazifismus|

Der zweite Themenkomplex betrifft Pazifismus und Aggression. Parolando ist die einzige Demokratie am Fluss, ahnt Sam. Während er seinen Pazifismus ständig verteidigen muss, verficht sein Mitkonsul John Lackland, der allgemein verachtete Ex-König, eine Politik der Stärke und Aggression. Er würde am liebsten Soul City, die Hauptstadt Hackings, dem Erdboden gleichmachen und Fürst Ieyasu angreifen, solange noch Zeit ist. Damit er zugleich Holz und Erze gesichert. Hätte Sam das zugelassen, wäre ihm eine Menge Ärger erspart geblieben.

Doch Sam ist keineswegs herzlos und hat seine Prinzipien, die sich auch in seinen Romanen wiederfinden: Toleranz, Achtung vor dem Anderen, Demokratie. Obendrein findet er die Argumente der Kirche der Zweiten Chance, die am Fluss entstanden ist, recht einleuchtend. Wie Jesus Christus predigen diese Missionare, zu denen auch ein Deutscher namens Hermann Göring gehört, Nächstenliebe und Toleranz, auf jeden Fall das Gegenteil von Krieg. Aber diese Jünger lehnen Sams Schiff als Grund für Streit und Intoleranz ab, und deshalb lehnt Sam auch diese Kirche ab. Sein humanistisch-pazifistisches Zaudern kann den kommenden Krieg nicht verhindern, nur hinauszögern.

|Determinismus|

Eine wichtige philosophische Frage entzündet sich am Prinzip des Determinismus. Sam glaubt, dass alles von vornherein dadurch festgelegt ist, wie ein Mensch aufgewachsen ist und wie er geprägt wurde. Er kann sich nicht ändern. Folglich hat er auch nicht einen sehr eingeschränkten freien Willen, etwas gegen seine vorgegebene Natur zu tun.

Joe Miller tritt für das Gegenteil ein: Menschen können sich ändern, und zwar aus eigenem Antrieb. Sam braucht eine kleine Ewigkeit, um dies zu akzeptieren. Und der Mensch, der ihm dies am besten demonstriert, ist ausgerechnet seine Frau Livy. Sie war einst auf der Erde schwach und kränklich. Doch nach mehreren Wiedererweckungen und seit sie an der Seite des feschen Chevaliers Cyrano de Bergerac lebt, ist sie zu einer furchtlosen Kämpferin geworden, die in der Schlacht neben ihrem Freund steht und ihm Waffen und Munition reicht, mitunter auch selbst zusticht. Was für eine Veränderung! Sam kann es kaum fassen.

Doch er selbst verändert sich kaum. Bis zum Schluss glaubt er an das Gute im Menschen, und so kommt es, dass er auf John Lacklands größten Verrat nicht vorbereitet ist. Er muss zusehen, wie der Ex-König mit Sam fertiggestelltem Schiff davondampft und schwört ihm ewige Rache, weil er ihm seinen Lebenstraum gestohlen hat. Selber schuld, kann man da nur sagen.

|Die Übersetzung|

Diese Ausgabe bietet zwar noch die alte Übersetzung von Ronald M. Hahn, jedoch eine „vollständig überarbeitete Neuausgabe“. Will heißen, dass hier sämtliche Druckfehler ausgemerzt wurden und auf eine modernisierte Ausdrucksweise Wert gelegt wurde.

_Unterm Strich_

Aufgrund der erwähnten philosophischen Debatten ist der Roman keineswegs so flott und mühelos zu lesen, wie es sich der Freund Actionabenteuern erhofft haben mag. Andererseits freut sich natürlich der Liebhaber intelligenter Science-Fiction mit Tiefgang genau darüber, dass die Helden eines SF-Romans in der Lage sind, rational zu denken und über ihr Tun und Lassen zu reflektieren.

Die Flusswelt ist eine brutale Welt, die nur das Gesetz der Faust zu kennen scheint. Sams Parolando ist darin eine große Ausnahme: eine pazifistisch eingestellte Demokratie. Man muss sich schon wundern, dass es Sam lange gelingt, den Frieden zu erhalten. Doch der Preis, den er dafür zahlt, besteht verhängnisvollerweise in Waffen. Die so gestärkten Gegner sehen ihre Chance wachsen, je länger Sam mit einem Angriff wartet.

Der Leser muss nachdenken und selbst entscheiden, wem er den Vorzug gibt: diesem zynischen Betrüger, Verräter und Vergewaltiger namens John Lackland oder dem braven, aufrechten, pazifistischen Samuel Langhorne Clemens? Hätte Parolando weiterbestehen können unter einem König John? Wohl kaum. Es wäre weder eine Demokratie geworden noch ein friedliebender Staat, der zu einem Schiffbau imstande wäre. Stattdessen hätte König John das Umland mit Krieg überzogen, bis er mit seinem Heer auf einen Stärkeren getroffen wäre. Dann schon lieber Sams Frieden mit einer Perspektive. Auch wenn seine Niederlage viele Opfer fordert.

Ich bewunderte bei der Lektüre immer wieder die Detailkenntnis, mit der der Autor über das Leben der einzelnen Figuren schreibt, sei es Sam Clemens, John Lackland, Wolfgang Amadeus Mozart, Hermann Göring oder Cyrano de Bergerac. (Diese Figuren tauchen in der späteren Romanen wieder auf.) Dazu muss eine breite Lektüre und Recherche gehört haben. Aber auch über Sozialpolitik, Philosophie, Wirtschaft und Sexualität muss der Autor ganze Bibliotheken verschlungen haben, nach dem Wissen zu urteilen, das er in den ersten beiden Romanen der Serie, die ich bislang gelesen habe, durchscheinen lässt. Der TV-Film „Riverworld“ lässt von diesen philosophischen Aspekten nicht das Geringste ahnen und sollte mit größter Vorsicht genossen werden.

Fazit: Volltreffer.

|Fortsetzungen|

Natürlich fordert das Ende eine Fortsetzung. Diese wird sogar angekündigt: Sie trägt den Titel „Das dunkle Muster“ (The Dark Design, 1977), muss aber zusammen mit dem vierten Band „Das magische Labyrinth“ gelesen werden. Band 3 und 4 sollten ursprünglich in einem Band erscheinen, um die Trilogie zu komplettieren, doch aufgrund dessen Umfangs von 400.000 Wörtern musste er aufgeteilt werden. Am Schluss des 4. Bandes glaubt Farmer, alle Antworten gegeben zu haben, doch er hält sich ein winziges Hintertürchen offen. Dadurch ist es ihm möglich, einen 5. Band folgen zu lassen: „Götter der Flusswelt“, in dem er die Antworten wieder in Frage stellt.

|Originaltitel: The Fabulous Riverboat, 1971
291 Seiten
Aus dem US-Englischen von Ronald M. Hahn
ISBN13: 978-3-492-26658-1|
http://www.piper-verlag.de
http://www.pjfarmer.com

C. J. Cherryh – Der Koboldspiegel. Fantasyroman

Hexerei im Land der Magyaren

Caroline Cherryh schreibt nicht nur Science-Fiction-Zyklen, sei es um das Union-Allianz-Universum oder um die Rasse der Chanur, sondern auch recht düstere Fantasy, so etwa den Morgaine-Zyklus. Mit ihrer bei uns weiterhin unveröffentlichten Rusalka-Trilogie hat sie ihre Fangemeinde bereits einmal mit den osteuropäischen Sagen und Legenden vertraut gemacht. Diese Tradition setzt sie mit „Der Koboldspiegel“ fort.

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John Norman – The King. Night of the Vandals (The Telnarian Histories 3)

Action und Erotik in Balance – aber unvollendet

Im dritten Band des Telnarian Histories Zyklus wird die Handlung aus Band 2 direkt fortgesetzt, allerdings nur, was den aufmüpfigen Anführer Abrogastes anbelangt. Die Wege von Otto, dem Wolfungen-Häuptling und Hauptmann in spe, führen ihn zurück auf seine Heimatwelt, wo er König wird – allerdings nicht ohne Widerstand. Ein Plan, ihn abzuservieren, ist bereits in Gang gesetzt worden.

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Abercrombie, Joe – Königsklingen (The First Law 3)

Die „The First Law“-Trilogie:

Band 1: Kriegsklingen (The Blade Itself)
Band 2: Feuerklingen (Before They Are Hanged)
Band 3: Königsklingen (Last Argument of Kings)

Für Logen, den Barbarenkrieger, sind die Zeiten siegreicher Schlachten vorbei – und dennoch steht ihm der größte Kampf seines Lebens bevor … Zu viele Herren und zu wenig Zeit haben den zynischen Inquisitor Glokta in ganz andere Schwierigkeiten gebracht – unversehens steht er im Zentrum eines tödlichen Geheimnisses … Als die Schatten des Bösen auf das Land fallen, hat der Erste der Magier wie immer einen Plan zur Rettung der Welt – doch dieses Mal geht er ein schreckliches Risiko ein … (Verlagsinfo)

Der Brite Joe Abercrombie ist mittlerweile kein Unbekannter mehr. Mit komplexen und faszinierenden Charakteren sowie einer Abkehr vom gängigen Gut-Böse-Schema hat er hat sich in die Herzen der Fans geschrieben und folgt damit einem Trend im Fantasy-Genre, mit dessen populärsten und prominentesten Vertreter George R. R. Martin er keinen Vergleich zu scheuen braucht. Mag man einwenden, dass Martin eine noch größere und komplexere Welt geschaffen hat, während Abercrombie doch etwas weniger Charaktere in die Schlacht wirft und eine Karte der Welt von vielen Fans bislang schmerzlich vermisst wird. Abercrombie bietet dafür eine Extraprise Zynismus und kernigere Charaktere; seine Meinung zu Karten in Fantasyromanen kann man in seinem Blog nachlesen: „Call me foolish as well, but I do think having a map there can damage the sense of scale, awe, and wonder that a reader might have for your world.“

In einer Hinsicht könnte Abercrombie Martin etwas vormachen, beziehungsweise er hat es getan: Er hat seine Trilogie (vermeintlich) vollendet. Deshalb möchte ich das Buch getrennt als Abschluss der Serie sowie als eigenständiges Werk besprechen.

Kein Ende, sondern der Auftakt zur nächsten Trilogie

Witzigerweise lässt Abercrombie die Serie so enden, wie sie begann: Mit einem mehr oder minder unfreiwilligen Sturz Logens aus dem Fenster beziehungsweise in die Schlucht. Wie und warum es dazu kam, möchte ich nicht vorwegnehmen. Die Konsequenzen sind allerdings klar: Logen kommt wieder. Ebenso seine Gefährten, auf neuen Positionen, um den Kampf gegen Khalul und eventuell einen in „Königsklingen“ überraschend mächtigen und sehr listig und erfolgreich manipulierenden Bayaz aufzunehmen.

Doch zuvor kommt noch das für den 1. September 2009 angekündigte „Racheklingen“ (Best Served Cold), das allerdings keine Fortsetzung der Geschichte darstellt, sondern den Rachefeldzug der verratenen Söldnerin Monzcarro Murcatto begleitet. Ob Abercrombie mit „Styria“ die Steiermark meint, ist unklar, allerdings lehnt er sich nur an das europäische Mittelalter an, ähnlich wie Martin mit Westeros in seinem Lied von Eis und Feuer. Abercrombie plant, das komplette erste Kapitel demnächst online zu veröffentlichen. Etwas Neues darf man dabei wohl nicht erwarten, eher eine Variation der First Law-Trilogie. Wem kommt folgende Beschreibung nicht bekannt vor: Her allies include Styria’s least reliable drunkard, Styria’s most treacherous poisoner, a mass-murderer obsessed with numbers and a Northman who just wants to do the right thing. (aus der Kurzbeschreibung)

Ich frage mich, ob man Abercrombie mit solchen stereotypen Beschreibungen gerecht wird, denn sein Markenzeichen ist es, mit solchen vermeintlich klar determinierten Charakteren zu spielen und unerwartete Wendungen einzubauen. Ein Großteil des Vergnügens beim Lesen seiner Romane basiert gerade darauf.

Als abgeschlossen kann man die First Law-Trilogie nicht bezeichnen. Das Ende ist offen, der Zyklus beginnt von neuem. Im Gegenteil, der Auftakt zu einem noch größeren Konflikt ist gegeben, die Abrechnung mit Khalul steht noch aus. Der Norden ist nach wie vor eine Bedrohung, auch wenn Bethod mit seiner Hexe untergeht. Gleich zwei neue Könige wird es geben, nicht unbedingt unerwartet. Beide müssen jedoch feststellen, dass man leichter König wird, als es zu bleiben.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

In höchste Höhen befördert, Lieblinge und Helden des Volkes, und am Ende doch kein Happy End. Zynisch und überzeugend präsentiert uns Abercrombie, wie unsere Helden gnadenlos scheitern. Ironischerweise ist gerade der in „Feuerklingen“ so übel scheiternde Bayaz der große Gewinner. Auch Glokta erfährt unerwartetes Glück, wohingegen Luthar und Logen nur aufsteigen, um noch tiefer zu fallen… Logen sogar im wörtlichen Sinne aus dem Fenster. Ich habe mit Luthar gefiebert und erlebt, wie aus der Made ein Mann geworden ist. Was Abercrombie seiner Figur antut, ist eine Tragödie par excellence. Seine Liebe zu Ardee West endet tragisch, sein ehemaliger Freund Collem West wird ein Kriegsheld, aber gesundheitlich dürfte es sogar Glokta besser gehen. Luthars Freiheit wird ihm ebenfalls genommen, er wird zur Marionette der Spinne Bayaz.

Bei aller Finesse und gekonnten, oft angenehm überraschenden Wendungen, wird Abercrombie leider trotzdem durchschaubar: Er treibt den Zynismus der Serie so weit, dass er geradezu krampfhaft jedes kleine bisschen Glück brutal mit dem Vorschlaghammer oder auf eine noch perfidere Weise zerschlagen muss. Man wartet nur noch darauf, wie er es tut. Richard K. Morgan („Das Unsterblichkeitsprogramm“) könnte es nicht besser; auch dessen Romane leiden manchmal unter diesem zwanghaften Zynismus. Hier wäre weniger sicherlich mehr.

Während Gloktas und Logens innere Dialoge wieder einmal echte Highlights des Romans sind, bleibt Ferro Maljinn erneut ein relativ funktionsloser Charakter, dessen einzige Aufgabe scheinbar darin besteht, von Lesern und Rezensenten als Unsympath gehasst zu werden. Hoffentlich ist Abercrombies Söldnerin Murcatto keine zweite Ferro!

Fazit:

Als perfekt inszenierte Tragödie präsentiert sich „Königsklingen“, nur an Details kann ich mäkeln. Das Verhalten von zwei Nebencharakteren war für mich nicht wirklich nachvollziehbar motiviert; auf diese Weise die Geschichte einen Haken schlagen zu lassen, ist leider zu willkürlich und aufgesetzt. Wo in den ersten beiden Bänden Faszination über Abercrombies bemerkenswerte Charaktere den Leser in den Bann zog, ist es diesmal der Automatismus der jeweils persönlichen Katastrophe, der sie scheinbar nicht entgehen können, der den Leser mitleiden lässt und mich tief beeindruckt hat.

Mitleiden und genießen! Eine leichte Verstimmung wegen eines Übermaßes an schwarzem Humor und Zynismus muss der eine oder andere Leser aber unter Umständen befürchten. Ein wenig vermisse ich die Innovation – will Abercrombie das bewährte Schema wirklich in einer weiteren Trilogie und den „Racheklingen“ erneut breittreten? Viele Kritiker vermissten eine Handlung, einen roten Faden, dem sich Abercrombie aber konsequent verweigern muss. Seine Welt ist dynamisch und überraschend, nicht determiniert mit einem klassischen Endkampf, wie es traditionell oft der Fall ist. Ist unter solchen Voraussetzungen überhaupt ein klassisches Ende möglich? Tendenziell müsste „Racheklingen“ vielleicht gerade das bieten, aber wird uns Abercrombie wirklich eine erfolgreich vollzogene Rache präsentieren? Ich wage das zu bezweifeln.

So sehr ich mich auch auf eine Fortsetzung der Abenteuer Logens, Gloktas und Co. freue, Abercrombie hat sie bereits durch den seelischen und körperlichen Fleischwolf gedreht, und bei aller Tragik hat er die Charaktere nicht nur weiterentwickelt, sondern faktisch ebenso zurückentwickelt, insbesondere Logen, der wieder einmal ins Bodenlose fällt – ein zyklisches Schema mit Wiederholungsgefahr. Angesichts der Begeisterung, mit der ich alle Romane Abercrombies bisher verschlungen habe, möchte ich mich darüber jedoch nur auf sehr hohem Niveau beklagen.

Paperback: 944 Seiten
Originaltitel: Last Argument of Kings
Übersetzt von Kirsten Borchardt
Mit Illustrationen von Dominic Harman

Homepage und Blog des Autors:
http://www.joeabercrombie.com/

www.heyne.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (6 Stimmen, Durchschnitt: 1,50 von 5)

C.J. Cherryh – Das Tor von Ivrel (Morgaine-Zyklus 01)

Morgaine Frosthaar, Zerstörerin von Welten

Mit dem Fantasyroman „Das Tor von Ivrel“ gab Caroline J. Cherryh 1976 ihr Debüt in der SF- und Fantasy-Szene. Für dieses gute Buch wurde sie mit dem John W. Campbell Award als beste Nachwuchsautorin ausgezeichnet. Eine Kriegerin aus der Vergangenheit muss die Dimensionstore einer untergegangenen Rasse auf verschiedenen Welten vernichten, damit diese keinen Schaden mehr anrichten. Morgaines Arbeit bedeutet häufig den Untergang ganzer Zivilisationen. Ihr Lehnsmann Nhi Vanye gerät dadurch häufig in Konflikte, mit seinen Loyalitäten und mit seinem Gewissen.

Der Roman ist der erste Teil der vierbändigen Morgaine-Serie, deren weitere Bände „Der Quell von Shiuan“, „Die Feuer von Azeroth“ und „Exile’s Gate“ (unübersetzt) heißen.

Die Autorin

Caroline Janice Cherryh, geboren 1942 in St. Louis, ist von Haus aus Altphilologin und Historikerin und lebt in Oklahoma. Sie erhielt schon 1980 ihren ersten Science-Fiction-Preis für ihre umwerfende Novelle „Kassandra“*. 1983 folgte der erste |HUGO Award| für „Pells Stern“, später ein weiterer für „Cyteen“. Beide Romane gehören zu ihrem Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus, der eine Future History darstellt, wie sie schon von anderen Größen des Science-Fiction-Feldes geschaffen wurde, darunter Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov.

*: Die Story ist jetzt im Sammelband „The short fiction of C. J. Cherryh“ (Januar 2004) zu finden.

Morgaine-Zyklus

1 Gate of Ivrel (1976)
Deutsch: Das Tor von Ivrel. Übersetzt von Thomas Schlück. Heyne SF&F #3629, 1979, ISBN 3-453-30540-X.
2 Well of Shiuan (1978)
Deutsch: Der Quell von Shiuan. Übersetzt von Thomas Schlück. Heyne SF&F #3732, 1980, ISBN 3-453-30635-X.
3 Fires of Azeroth (1979, in: C. J. Cherryh: The Book of Morgaine)
Deutsch: Die Feuer von Azeroth. Übersetzt von Thomas Schlück. Heyne SF&F #3921, 1982, ISBN 3-453-30847-6.
4 Exile’s Gate (1988)
The Book of Morgaine (Sammelausgabe von 1–3; 1979; auch: The Morgaine Saga; auch: The Chronicles of Morgaine, 1987)
The Complete Morgaine (Sammelausgabe von 1–4; 2015)
Gate of Ivrel / Well of Shiuan / Fires of Azeroth
Deutsch: Tore ins Chaos : Der Morgaine-Zyklus. Illustrationen von John Stewart. Die Karte zeichnete Erhard Ringer. Übersetzt von Thomas Schlück. Heyne SF&F #4204, München 1993, ISBN 3-453-31185-X.

Graphic Novel (mit Jane S. Fancher):

1 Gate of Ivrel: Claiming Rites (1987)
2 Gate of Ivrel: Fever Dreams (1987)

Der vierte Band, „Exile’s Gate“, ist noch unübersetzt. Die ersten drei Bände wurden in einem Sammelband zusammengefasst, der in der deutschen Ausgabe „Tore ins Chaos“ betitelt ist (Heyne 06/4204, 1985).

Handlung

Die „Alten“, Angehörige der Rasse der |qhal|, die vor Jahrtausenden die Galaxis beherrschte, sind längst verschwunden. Doch verstreut über die Galaxis sind jene rätselhaften Dimensionstore zurückgeblieben, mit deren Hilfe sie sich durch Raum und Zeit bewegten, und zum Teil funktioniert dieses Transportsystem noch. Doch durch ein Tor zu gehen, bedeutet stets eine unberechenbare Versetzung in der Zeit …

Das Tor von Ivrel ist eine jener legendären Stätten, scheu gemieden von den Eingeborenen, die auf einer mittelalterlichen Stufe von Kriegerklans leben. Das Tor auf dem Berg Ivrel ist ebenso eine Stätte des Todes wie die kleineren Tore, die es beherrscht. Immer wieder gelangen seltsame Ungeheuer von anderen Welten nach Andur-Kursh und verbreiten hier Furcht und Schrecken, beispielsweise große bleiche Reptilien. Doch die meisten sterben zum Glück rasch, weil ihnen die Lebensbedingungen nicht entsprechen. Aber die Tore senden auch eine Verderben bringende Strahlung aus, die den Genen der umliegenden Klans gar nicht gut bekommt. Häufig ist auch Wahnsinn unter den Klans anzutreffen.

Das Tor von Ivrel wird vom Klan der Hjemur beherrscht, dessen Anführer Thiye ist. Und Thiye lässt sich diese Herrschaft nicht so leicht entreißen. Das Reich Hjemur wurde noch nie erobert.

Nhi Vanye

Als der junge Krieger Nhi Vanye, verstoßen von Stamm und Familie wegen Brudermordes, in der Nähe eines Tors im Süden jagt und in Not gerät, reitet eine junge Frau mit weißblondem Haar aus diesem hervor. Es ist Morgaine Frosthaar, eine legendäre Schönheit, die vor hundert Jahren verschwand. Damals war sie ein Lord unter den Menschen von Ivrel, und zusammen mit vier anderen ihrer Art soll sie zehntausend Krieger Ivrels in den Tod geführt haben. So kennt Vanye zumindest die Legende über Morgaine. Kein Wunder also, dass er diese mächtige Frau, der ein schlechter Ruf vorauseilt, fürchtet. Und wieso lebt sie überhaupt noch? Ist sie etwa ein Geist?

Zu allem Überfluss verfügt sie über Zauberwaffen und ein furchterregendes Schwert namens „Wechselbalg“. Sie besitzt eingehende Kenntnisse über die Alten, die auf Ivrel „qujal“ genannt werden. Da sie ein Lord ist und Vanye nur ein vogelfreier Ausgestoßener, macht sie Vanye zu ihrem zwangsverpflichteten Leibeigenen, ihrem „ilin“, der ihr, seinem „liyo“, für mindestens ein Jahr bedingungslos dienen muss. Sex mit ihr kommt daher nicht in Frage, wohl aber findet sich Vanye zu einer Art furchtsamer Verehrung bereit. Sie verpflichtet ihn dazu, selbst noch nach ihrem Tod den Lord Thiye zu vernichten.

Liell

Gemeinsam reiten sie durch den Winter nach Norden gen Hjemur, um ihre Mission zu erfüllen: das Tor vor weiterem Missbrauch zu schützen, kurz: es zu schließen – auf welche Weise auch immer. Knapp entgehen sie einem Anschlag eines wahnsinnig gewordenen Klansherrn in Leth. Der vermeintliche Retter, Liell, stiftet Vanye zum Verrat an Morgaine an, doch Vanye ahnt eine größere Gefahr von diesem Liell ausgehen. Warum sterben so viele Klansherren im nahen See? Doch wohl kaum eines natürlichen Todes. Er nimmt Reißaus und schlägt sich zum Volk seiner Mutter durch, den Chya.

Chya

Diese Waldbewohner kämpfen noch mit Pfeil und Bogen, doch wenigstens sind sie weder wahnsinnig noch strahlenverseucht. Allerdings stellt ihr Klansführer Vanyes Loyalität erneut auf eine harte Probe. Die Chya haben seinerzeit Vanyes Mutter an die benachbarten Nhi verloren, die Vergewaltigte und Entführte aber nie zurückgeholt. Wie ist es nun um Ehre von Chya und Vanye bestellt? Als Vanye seine Herrin Morgaine und ihre Ziele nicht verrät, steigt er in der Achtung der Chya und erhält sogar das Angebot, zu ihnen zurückkehren zu dürfen. Falls er sein Jahr Lehnsdienst überleben sollte. Was nicht sonderlich wahrscheinlich ist.

Übernahme

Nachdem sie weiter Richtung Hjemur geritten sind, erzählt ihm Morgaine mehr von sich. Hjemurs Herr Thiye wie auch Liell haben wie Morgaine eine besondere Fähigkeit, die aus den Kräften, die die qhal-Tore verleihen, herrührt: Sie können den Körper eines anderen Menschen übernehmen. Auf diese Weise können sie ihr Leben schier endlos verlängern. Ist man alt, übernimmt man den Körper eines Jüngeren. Das hat Liell mit den Klansherren von Leth gemacht. Und so hat wohl auch Thiye von Hjemur das letzte Jahrhundert überlebt.

Was Vanye aber wirklich bis ins Mark trifft, ist Morgaines Andeutung, dass auch sie nicht vor diesem Mittel zurückschrecken würde, um ihr Ziel zu erreichen. Sie würde den Körper ihres „ilin“ an sich reißen. Vanye wird es heiß und kalt, doch er hält seine „liyo“ zu dieser grausamen Tat fähig. Wer weiß, zu welch unvorstellbaren Taten diese seltsame Frau, die vielleicht nicht einmal ein Mensch ist, noch alles imstande ist. Doch er ist durch seinen Eid an sie gebunden, überwindet seine Furcht und reitet weiter. Einem ungewissen Schicksal entgegen …

Mein Eindruck

Es gibt keine losen Enden in dieser Geschichte. Alle Klans, deren Weg Morgaine und Vanye kreuzen, machen sich an die Verfolgung dieser mysteriösen Gestalt. Was hat diese Frau aus der Vergangenheit vor, ist eine der wichtigsten Fragen, die sich jeder Klanführer stellen muss, allein schon aus Selbsterhaltungstrieb. Diese Frage ist durchaus berechtigt, wie sich herausstellt.

Morgaines Schwert Wechselbalg ist eine qujalin-Waffe, die mit der gleichen furchterregenden Energie funktioniert wie die Dimensionstore der Alten. Wie man sich leicht vorstellen kann, will jeder diese Wunderwaffe in seinen Besitz bringen, sobald er ihre furchtbare Wirkung erlebt hat. Die Klinge des Schwertes selbst öffnet einen Abgrund in der Wirklichkeit, der jedes Objekt, sei es Mensch oder Waffe, in sich hinein saugt – ins Nichts. Einmal gerät sogar ein Gefährte, der sich zwischen Schwert und Angreifer stellen will, in den Sog der Waffe – und verschwindet. Das Schwert (er-)kennt, wie Morgaine, weder Freund noch Feind, wenn und solange es seinen Zweck erfüllt.

Morgaines Mission und ihre Kielwasser an Verfolgern haben natürlich weitreichende Folgen für Vanye. Er ist kein tapferer Bursche, sondern ein Überlebenstyp. Nacheinander muss er fast alle Menschen verraten, die ihm etwas bedeuten, um seinen Eid gegenüber seiner „liyo“ erfüllen zu können. Zunehmend wird er zu einem Fremdkörper in der Gesellschaft der Menschen von Andur-Kursh. Schließlich reitet nur noch sein Bruder Erij an seiner Seite, doch die Beziehung zwischen den beiden ist von Misstrauen und Furcht vergiftet. Jeder versucht den anderen zu übervorteilen, bis hin zu widersprechenden Schwüren, die Vanye leisten muss. Es ist wahrlich nicht einfach, der „ilin“ einer Frau wie Morgaine zu sein.

Die Figuren: Männer

Die Autorin erschafft in ihrem Debütroman keineswegs vollkommene männliche Charaktere. Ihre Männer sind freundlich, fähig zu großer Tapferkeit, zu Ehre, tiefen Gefühlen, Zärtlichkeit und Selbstbetrachtung. Die Männer sind auch zu großer Liebe und Zuneigung und Respekt für andere Männer fähig, ohne dass dies sexuell gemeint ist. Die Autorin ist in der Lage, Spannung zwischen Männern, die einander lieben, zu erzeugen, ohne dass dies sexuelle Konnotationen hat oder ein Wirtshausstreit ist. Solche Männer unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den Helden männlicher Fantasy-Schriftsteller, mit einer einzigen Ausnahme: Michael Moorcocks negativer Held Elric von Melniboné. Er hat ebenfalls ein tiefes und kompliziertes Innenleben.

Die Figuren: Morgaine

Morgaine hingegen ist eine Figur, die alle Menschen um sie herum, insbesondere Vanye, sowohl mit Furcht als auch mit verehrungsvoller Liebe erfüllt. Dabei ist sie im Grunde eine tragische Gestalt. Als Vernichterin und Retterin spielt sie eine Doppelrolle, die sie manchmal zu zerreißen droht. Und da die Dimensionstore für so manche Welt sehr wichtig sind, zuweilen göttlich verehrt werden, zerstört sie mitunter die Grundlage einer Religion bzw. einer Kultur.

Zugleich hat Morgaine ein existentielles Problem: Jeder Tor-Durchgang wirft sie in eine andere Zeit, eine andere Welt, in der sie sich zurechtfinden muss. Immerhin sind alle – erzählten – Welten auf einer mittelalterlichen Stufe, so dass sie mit ihren Waffen aus der Zukunft immer die Überlegene bleibt. Dies nutzt sie selten aus, denn sie ist auf die Hilfe von Führern und Beschützern wie Vanye angewiesen. Auch sie muss ja einmal schlafen. Auch wenn sie aus der Zukunft kommt, so trägt sie doch keinen Superduper-Raumanzug, der sie schier unsterblich und unverwundbar macht. Sie hat ihre menschlichen Momente, und wenn sie es zulässt, ertappt Vanye sie dabei, wie sie weint.

Schwächen

Junge Autoren bekommen für ihren Erstlingsroman meist nur das Minimum an Seiten zugestanden, damit für den Verlag das Risiko minimal ist. Das ist auch bei „Das Tor von Ivrel“ der Fall gewesen: Er umfasst in der Übersetzung und in der Erstausgabe (also nicht in „Tore ins Chaos“) nur 220 Seiten. Daher darf es nicht verwundern, dass der Erzählstil an keiner Stelle ins Schwafeln gerät, sondern stets äußerst straff formuliert ist. Die Handlung wird konsequent und druckvoll vorangetrieben. Und selbst wenn es so aussieht, als würden sich die Figuren in endlosem Streit ergehen, so führt dies doch auf psychologischer Ebene stets zu einem Durchbruch. Danach kann die Handlung auf geänderten Bahnen weitergehen.

Da Morgaine in ihrer Zielgerichtetheit in dramaturgischer Hinsicht wenig interessant ist, konzentriert sich die Autorin fast gänzlich auf Vanye. Wir sehen alles aus seinem Blickwinkel und erfahren auf diese Weise, wie das Erscheinen eines Phänomens wie Morgaine das soziale Gefüge einer Welt verändert. Insofern könnte man die vier Morgaine-Romane als Studien über das Thema „Die Figur und die Rolle des weiblichen Helden“ betrachten. Wichtiger ist aber noch: Wie kann man ein Mann an der Seite einer Heldin sein? Vanye überlebt, und deshalb muss die Antwort lauten: Indem man ihr unverbrüchlich die Treue hält und dabei versucht zu überleben. Keine leichte Aufgabe, wie die Geschichte Vanyes belegt.

Die Fixierung auf seine Perspektive bewirkt, dass Auseinandersetzungen, die woanders stattfinden, nicht eingeblendet werden. In Thiyes Burg hat so ein Kampf stattgefunden. Als Vanye und Erij hier eintreffen, stehen sie vor vollendeten Tatsachen. Das ist keine besonders befriedigende Erzählstrategie. Wir sind neugierig darauf, mitzuerleben, was Morgaine getan hat. Aber das Diktat der Kürze des Debütromans verhindert eine ausgefeiltere Erzähltechnik mit verteilten Perspektiven.

Die Übersetzung

… von Thomas Schlück ist weitgehend in Ordnung. Doch muss sich der heutige Leser mit seiner eigenartigen Verwendung des Wörtchens „da“ anfreunden. „Da“ kann im Deutschen alles Mögliche bedeuten, sogar einen Kausalzusammenhang ausdrücken. Hier setzt Schlück es aber auch relativisch ein, so etwa in der Konstruktion: „der Ort, da ein Tor offenstand“. Wir würden heute sagen: „der Ort, wo ein Tor offenstand“. Das ist recht gewöhnungsbedürftig und kann den unvorbereiteten Leser verwirren.

Unterm Strich

„Das Tor von Ivrel“ ist ein vergleichsweise uneben zu lesender Action-Fantasy-Roman, doch die Fortsetzungen sind besser: Die Autorin hatte einfach mehr Platz! Mit ihren männlichen und weiblichen Heldengestalten liest sich die vierteilige Morgaine-Serie wie eine Kombination aus Joseph Campbells Mythologie-Studie „Der Held mit den tausend Gesichtern“ und C. G. Jungs Psychologie mit ihren Archetypen. Der Stil der jungen Cherryh erinnert in „Das Tor von Ivrel“ noch ein wenig an das Beste von Tolkien, aber schon in den nächsten Büchern sollte Cherryh ihren eigenen unverwechselbaren Stil entwickeln (sie schreibt seit ihrem zehnten Lebensjahr!).

Obwohl die Spannung zwischen den Romanfiguren manchmal unerträglich ist, ist der Stil doch stellenweise auch zu einem sehr trockenen Humor fähig. Das habe ich schon immer an ihrem Stil bewundert. Doch für den unvorbereiteten Leser ist die Spannung, die sie gerne erzeugt, manchmal schier unerträglich hoch, und wenn ihre Figuren ständig mit ethischen Begriffen wie Ehre, Treue, Bindung, Verrat und Täuschung zu ringen haben, so mag dies dem einen oder anderen ebenfalls zu viel werden. Ich finde es immer wieder faszinierend.

Taschenbuch: 220 Seiten
Originaltitel: The Gate of Ivrel, 1974
Aus dem US-Englischen übertragen von Thomas Schlück.
ISBN-13: 9783453305403.
www.heyne.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

George Zebrowski – Fremdere Sonnen

Philosophische SF: Die Wunder der Raumüberwindung

Ein riesiges außerirdisches Artefakt wird unter dem Eis der Arktis gefunden. Als Wissenschaftler der UN es erforschen, lösen sie einen Effekt aus, der sie durch Raum und Zeit in ein völlig anderes Universum schleudert. Als es ihnen gelingt, den Mechanismus zu enträtseln und ins Hier und Jetzt zurückzukehren, müssen sie feststellen, dass es nicht exakt die Welt ist, die sie verlassen haben.

Das Universum, so stellt sich heraus, ist ein unendlich dickes Sandwich, in dem alternative Realitäten dicht an dicht zusammengepackt sind, wie manche Quantenphysiker vermuten. Es gibt keine Abkürzung durch das Raum- /Zeit-Kontinuum, die nicht auch ‚seitwärts‘ in alternative Paralleluniversen führte, in der die Geschichte der Erde einen fast identischen – oder einen radikal anderen Verlauf genommen hat… (Verlagsinfo)

Der Autor

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C.J. Cherryh – Weltenjäger (Hanan Rebellion 2)

Überladene Space Opera

„Weltenjäger“ (1977) ist ein früher, nahezu einzeln stehender SF-Roman, eine Space Opera, in der sich bereits die großen Stärken der vielfach ausgezeichneten Autorin zeigen: glaubwürdige Weltkonstruktion in jeder Hinsicht, keine einfachen Lösungen und keine Moralpredigten oder Belehrungen. Ein Maßstab für andere SF-Autoren.

In Cherryhs Bibliografie bildet „Weltenjäger“ einen weiteren Band in der Dilogie „Hanan Rebellion“, in dem „Brüder der Erde“ den ersten Beitrag bildet. Ich konnte aber keinen Zusammenhang entdecken, außer vielleicht einem gemeinsamen Hintergrund: das Allianz-Union-Universum. Der Sammelband aus dem Jahr 2003 trägt den englischen Titel „At the Edge of Space“. Er ist bei uns nicht erschienen.
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