„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.“ So beginnt Stephen Kings berühmter erster Band seines Zyklus‘ um den Dunklen Turm, nach eigenem Bekunden sein Magnum Opus. Auf mindestens 3000 Seiten hat King Rolands Suche nach dem Dunklen Turm bemessen – eine Vorhersage, die angesichts von „Schwarz“ und der Folgebände „drei“, „tot“ und „Glas“ durchaus berechtigt erscheint. An diesen Umfang reicht zur Zeit nur noch Tad Williams‘ Tetralogie „Otherland“ heran, die es auf stolze 4000 Seiten bringt und auch sonst einiges mit Kings Zyklus gemeinsam hat.
_Viele Höhen und Tiefen: die Geschichte der Zukunft_
Dieser Sammelband umfasst vier Romane und 17 Erzählungen. Diese Erzählungen wurden früher in verschiedenen Bänden zusammengefasst, und diese Unterschiede merkt man ihnen schnell an. Heinleins FUTURE HISTORY begann er bereits 1939 mit seiner ersten Story „Life-Line“. Die letzte Story in diesem Band stammt von 1962. Der Autor entrollte mit dieser Serie ein detailliertes Panorama der Zukunft bis weit ins 23. Jahrhundert hinein. Der Wälzer stellt die Werke in ungekürzter (stets ein Problem bei Heinlein) Neuübersetzung vor.
Das Werk wird ergänzt durch eine Zeittafel des Autors, in der er nicht nur die Handlung der einzelnen Erzählungen, sondern auch die handelnden Personen und die Ereignisse vor einem fiktiven politischen, sozialen und kulturellen Hintergrund eingebunden hat. Eine informative Einleitung von Damon Knight, einem legendären Herausgeber des Science-Fiction-Feldes, ergänzt den Band sinnvoll. Die Anmerkungen des Autors selbst, die sich in der Originalausgabe von „Revolt in 2100“ finden, fehlen jedoch. Mehr dazu weiter unten.
_Der Autor_
Robert Anson Heinlein (1907-1988) wird in den USA vielfach als Autorenlegende dargestellt, sozusagen der „Vater der modernen Science-Fiction“. Allerdings begann er bereits 1939, die ersten Storys im Science-Fiction-Umfeld zu veröffentlichen. Wie modern kann er also sein?
Wie auch immer: Heinleins beste Werke entstanden zwischen 1949 und 1959, als er für den |Scribner|-Verlag (bei dem auch Stephen King veröffentlicht) eine ganze Reihe von Jugendromanen veröffentlichte, die wirklich lesbar, unterhaltsam und spannend sind. Am vergnüglichsten ist dabei „The Star Beast / Die Sternenbestie“ (1954). Auch diese Romane wurden vielfach zensiert und von |Scribner| gekürzt, so etwa „Red Planet: A Colonial Boy on Mars“ (1949/1989).
Allerdings drang immer mehr Gedankengut des Kalten Krieges in seine Themen ein. Dies gipfelte meiner Ansicht nach in dem militärischen Roman „Starship Troopers“ von 1959. Im Gegensatz zum Film handelt es sich bei Heinleins Roman keineswegs um einen Actionknaller, sondern um eine ziemlich trockene Angelegenheit. Heinlein verbreitete hier erstmals ungehindert seine militaristischen und antidemokratischen Ansichten, die sich keineswegs mit denen der jeweiligen Regierung decken müssen.
Mit dem dicken Roman [„Stranger in a strange Land“ 43 (1961/1990), der einfach nur die Mowgli-Story auf mystisch-fantastische Weise verarbeitet, errang Heinlein endlich auch an den Unis seines Landes Kultstatus, nicht nur wegen der Sexszenen, sondern weil hier mit Jubal Harshaw ein Alter Ego des Autors auftritt, der als Vaterfigur intelligent und kühn klingende Sprüche von sich gibt. „Stranger …“ soll Charles Manson zu seinen Mordaufträgen 1967 im Haus von Sharon Tate motiviert haben. Sharon Tate war die Gattin von Regisseur Roman Polanski und zu diesem Zeitpunkt schwanger.
Als eloquenter Klugscheißer tritt Heinlein noch mehrmals in seinen Büchern auf. Schon die nachfolgenden Romane sind nicht mehr so dolle, so etwa das völlig überbezahlte „The Number of the Beast“ (1980). Einzige Ausnahmen sind „The Moon is a harsh Mistress“ (1966, HUGO), in dem der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg auf dem Mond stattfindet, und „Friday“ (1982), in dem eine weibliche und nicht ganz menschliche Agentin ihre Weisheiten vertreibt.
Größtes Lob hat sich Heinlein mit seiner Future History (1967) verdient, die er seit den Vierzigern in Form von Storys, Novellen und Romanen („Methuselah’s Children“, ab 1941-1958) schrieb. Dieses Modell wurde vielfach kopiert, so etwa von seinem Konkurrenten Isaac Asimov.
Heinleins Werk lässt sich sehr einfach aufteilen. In der ersten Phase verarbeitet er auf anschauliche und lebhafte Weise physikalische und soziologische Fakten, die zweite Phase ab 1947 wurde bis 1958 mit Jugendromanen bestritten, die ebenfalls sehr lesbar sind. Die dritte Phase beginnt etwa ab 1959/1960 und ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass, wie ein Kenner anmerkte, Heinlein Meinungen als Fakten ausgibt. Daher lesen sich diese überlangen Schinken wie Vorlesungen und Traktate statt eine gute Geschichte zu erzählen.
Hinzu kommt, dass Heinlein rekursiv wird: Er klaut bei sich selbst und besucht, etwa in „Die Zahl des Tiers“ (1980), die Universen seiner Zunftkollegen – hier wird die Science-Fiction inzestuös. Das mag für eingefleischte SF-Fans ganz nett sein, die ihre Insider-Gags sicherlich genießen, doch für Outsider ist es einfach nur langweilig zu lesen.
Robert A. Heinlein auf |Buchwurm.info|:
[„Fremder in einer fremden Welt“ 43
[„Starship Troopers – Sternenkrieger“ 495
[„Zwischen den Planeten“ 663
[„Reiseziel: Mond“ 768
[„Der Marionettenspieler“ 2625
[„Gestrandet im Sternenreich“ 3808
_Die Beiträge_
Zu den FUTURE HISTORY-Büchern gehören die drei Sammelbände „Der Mann, der den Mond verkaufte“, „Die grünen Hügel der Erde“ sowie „Revolte im Jahr 2100“. Abschließend ist noch der Roman „Methusalems Kinder“ aufgenommen worden, dessen Hauptfigur Lazarus Long später in einem weiteren Roman mit dem Titel „Die vielen Leben des Lazarus Long“ wiederkehrte (1973 als „Time enough for Love“).
1) _Lebenslinie_ (Life-Line, 1939)
Als Dr. Pinero behauptet, er sei mit seiner neuen Maschine in der Lage, sowohl den Zeitpunkt der Geburt eines Menschen wie auch den genauen Zeitpunkt seines Todes abzulesen und vorherzusagen, schlägt ihm eine Welle des Unglaubens, der Ablehnung und schließlich auch der Missgunst entgegen. Denn als immer mehr Menschen merken, dass seine Methode hundertprozentig funktioniert, kapieren sie auch, dass sie keine Lebensversicherung mehr brauchen. Das finden die Lebensversicherer reichlich geschäftsschädigend, und einer davon, Bidwell, belässt es nicht bei Worten, sondern greift zu Maßnahmen. Dr. Pineros Tage sind leider gezählt. Vermutlich hat er es gewusst.
|Mein Eindruck|
Ähnlich wie Asimovs Story „Tendenzen“ muss das Neue eine Menge Widerstand überwinden, bevor es sich durchsetzen kann. Doch es geht um mehr. Für den Erfinder selbst hat seine Fähigkeit tragische Aspekte. So versucht er etwa den ihm bekannten Sterbezeitpunkt eines frischgebackenen, jungen Elternpaares hinauszuzögern – vergeblich. Die Reaktion der Menschen, die erfahren können, wann sie sterben würden, ist typisch: Sie weigern sich, das bereits aufgeschriebene Datum zu veröffentlichen, wollen lieber unbeschwert von diesem Wissen weiterleben. Die Bibel verspricht: „Die Wahrheit macht euch frei“, aber es gibt offenbar eine Wahrheit, die niemand wissen will. Nicht wirklich.
2) _Die Straßen müssen rollen_ (The Roads must roll, 1940)
Im 21. Jahrhundert ist Öl knapp geworden und steht nur noch der Regierung und ihren Truppen zur Verfügung. In der Übergangsphase haben sich die Städte daher etwas Neues einfallen lassen müssen, um ihre Bürger und Arbeiter von ihren Heimen zu den Arbeitsstätten zu transportieren und umgekehrt. Was lag näher, als eine Art mobilen Gehweg anzulegen? Doch beim Gehweg, der mit gemächlichen 10 km/h durchs Land zieht, ist es natürlich nicht geblieben. Vielmehr sind inzwischen rollende Überlandstraßen mit einer Spitzengeschwindigkeit von 100 Meilen, also über 160 km/h, gebaut worden, und sie bringen die Reisenden und Güter von Chicago bis nach Los Angeles. Am Rand der Straßen schießen Läden und Restaurants aus dem Boden.
Diese gigantische neue Infrastruktur wird solarbetrieben und jemand muss sich um sie kümmern. Das sind zwei Kasten technischen Personals, zum einen auf der oberen, leitenden Ebene die paramilitärisch ausgebildeten Ingenieure und ihre Kadetten, zum anderen, auf der unteren Ebene, die einfachen Techniker. Im folgenden Konflikt wird die obere Ebene der Region Kalifornien von Chefingenieur Gaines geleitet, die untere Ebene der Techniker von seinem Stellvertreter Van Kleeck, der zugleich Personalchef ist.
Gaines zeigt gerade dem Verkehrsminister von Australien, wie wunderbar die 20. Geschwindigkeitsstraße der STRASSE funktionieren, als Streifen 20 plötzlich scharf abbremst und zum Stillstand kommt. Da gleich daneben Streifen 19 mit unverminderten 95 Meilen dahinrast, kommt es zu verhängnisvollen Kontakten, die auf der Hunderte von Kilometern langen Strecke zu Ketten von Unglücken führen. Viele Passagiere sterben, noch mehr werden verwundet.
Gaines verliert keineswegs den Kopf, sondern ergreift die Initiative. Sein bedauernswerter Besucher, ein Oxfordmann mit Hut und Regenschirm, hat alle Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Doch als Gaines sein eigenes Leben einsetzt, muss auch der Besucher zurückbleiben.
|Mein Eindruck|
Ähnlich wie Heinleins Novelle „Katastrophen kommen vor“ ein AKW-Unglück schildert, so setzt sich auch „Die Straßen müssen rollen“ mit den möglicherweise katastrophalen Folgen des Einsatzes einer neuen Technologie auseinander. Wenn Technik und Gesellschaft aufeinandertreffen, dann werden Brüche und Defizite sichtbar, und es wird deutlich, welche Änderungen vorzunehmen sind. Mit der Schilderung solcher Szenarien betätigte sich Heinlein in seiner fruchtbaren frühen Phase (1939-1941) als kenntnisreicher und glaubwürdiger Warner, der mit realistischen Szenarien zu überzeugen und zugleich zu unterhalten wusste.
In zwei „Kapiteln“ seiner Novelle zeigt der Autor, was er draufhat. Zunächst liefert er den Hintergrund über die Entwicklung der Straßentechnologie und die Entstehung zweier Kasten von Technikern und Ingenieuren. Deren Konflikt ist quasi synonym mit dem zwischen gewerkschaftlich organisierten Arbeitern und paramilitärisch organisierten Führungskräften, wie sie noch heute vielerorts in der Wirtschaft der Vereinigten Staaten vorzufinden ist (die Führungskräfte heißen z. B. stets „Officer“).
Allerdings stellt sich der Autor, selbst ein langjähriger Offizier, klar auf die Seite der Ingenieure. Der autoritäre, aber stets kontrollierte Gaines bewältigt die Krise, und sein Gegenspieler Van Kleeck wird als introvertiert, labil und mit einem Minderwertigkeitskomplex behaftet gezeichnet. Klar, dass wir keinerlei Sympathie für dieses „arme Würstchen“ aufbringen können, das zahllose Menschenleben auf dem Gewissen hat und als nächste Untat die Straßen komplett zu sprengen gewillt ist.
Dass der Konflikt hauptsächlich mit militärischen Mitteln gelöst wird, ist bei einem Ex-Offizier wie Heinlein abzusehen, aber Gaines‘ Endkampf gegen Van Kleeck wird völlig unblutig und mit einem psychologisch fundierten Gespräch geführt. Das hat mir sehr gut gefallen, denn schließlich sollte in Zukunft Schluss mit Wildwestmethoden sein. Gaines kommt zu dem Schluss, dass es nicht reicht, Wächter über Personal und Sicherheit einzusetzen, man muss, getreu den alten Römern, auch die Wächter selbst überwachen, auch auf Kosten der Effizienz.
3) _Katastrophen kommen vor_ (Blow-ups happen, 1940)
Im größten Atomkraftwerk Südkaliforniens kommt es immer wieder zu neurotischen Anfällen der Ingenieure. Dr. Silard, der überwachende Psychologe, erklärt dem Direktor King, dass es an der permanenten Gefahr liege, die vom Reaktor ausgehe. Dies lasse die Leute paranoid und psychotisch werden. Auf Dauer könne das nicht gutgehen. Der von ihm hinzugezogene Psychologieprofessor Lentz von der Harvard-Uni kommt zu dem Schluss, dass die einzige realistische Möglichkeit, dem Problem abzuhelfen, in der Abschaltung des Reaktors liege, der einfach eine Fehlkonstruktion sei. Eine Marineoffizier bestätigt sogar einen Fehler in den zugrunde liegenden Gleichungen.
Nach anfänglichem Zögern schlägt King diese Maßnahme den Betreibern vor. Doch im Aufsichtsrat wird knallhart zurückgeschlagen. Die Mehrheitsinhaber wollen ihn ersetzen. Da ergeben sich zwei Alternativen. Zwei Techniker haben einen atomaren Brennstoff gefunden, der sicher ist und den gegenwärtigen Reaktortyp überflüssig macht. Und Dr. Lentz sieht einen Weg, wie er den Aufsichtsrat auf seine Seite bringt. Es ist alles eine Frage der Überzeugungskraft.
|Mein Eindruck|
Wieder einmal stellt Heinlein unter Beweis, dass er sich in Ingenieurskunst, Wissenschaft, Psychologie, Astronomie und Betriebswirtschaft hervorragend auskennt. Das ist einer der Gründe, warum er so großen Einfluss auf die neuen Autoren ausübte (bis er 1941-1946 wegen des Krieges pausieren musste). Außerdem ist seine Novelle zielgerichtet und spannend geschrieben. Am Anfang und am Ende gibt es ein wenig Action, und dazwischen geht es um Wege zur Problembewältigung. Saubere Arbeit.
Mich hat immer wieder verwundert, wie Heinlein fünf Jahre vor der ersten Atombombe derartig kenntnisreich und detailliert über Kernspaltung und Atomenergie schreiben konnte. Allerdings konnten dies auch Lester del Rey in „Nerven“ und Clive Cartmill in „Deadline“ (1944). Cartmills Story rief wegen der Erwähnung gewisser Feinheiten bei der Kernspaltung sogar das FBI auf den Plan.
Daher ist diese Story vielfach als Beispiel für die angebliche Fähigkeit der SF herangezogen worden, die Zukunft vorherzusagen. Viele Autoren würden ihr diese Fähigkeit absprechen, denn schließlich schreibt man für heutige Leser und nicht für künftige. Aber dennoch wird „Deadline“ immer wieder erwähnt. Asimov hatte sie in seinen Auswahlband „SF aus den goldenen Jahren“ (|Heyne| 06/4600) aufgenommen.
4) _Der Mann, der den Mond verkaufte_ (The Man who sold the Moon, 1949)
Delos David Harriman, ein erfolgreicher amerikanischer Unternehmer, hat es sich in den Kopf gesetzt, so bald wie möglich eine Rakete zum Mond zu schicken. Aber was er seinen Kollegen vom Industriellensyndikat vorstellt, geht noch weit darüber hinaus: eine Kolonie auf dem Mond namens Luna City, mit ihm selbst als Bürgermeister, sowie eine Fluglinie zwischen Erde und Trabant. Sie schütteln lediglich ihre Köpfe ob solcher Phantastereien. Doch am Schluss verkaufen sie ihm ihre Ansprüche für zehn Dollar das Stück.
Und als es ihm gelingt, einen Chefingenieur und einen Generalmanager einzustellen, die eine richtige Konstruktionsfirma für Raketen auf die Beine stellen, da vergeht den Konzernchefs das Grinsen. Gegenüber jeglicher Einmischung seitens der Regierung der Vereinigten Staaten und des Militärs hat sich Harriman ebenfalls abgesichert. Er will alles in privatwirtschaftlicher Eigeninitiative auf die Beine stellen, und wenn die Regierung Ansprüche auf den Mond erheben will, so wird sie feststellen, dass es eine gemeinnützige Gesellschaft der UNO gibt, die alle Ansprüche vertritt – und die Harriman dirigiert.
Die erste Rakete erhebt sich mit dem Piloten LeCroix in den Himmel über Colorado, doch Harriman ist nicht an Bord. Tatsächlich ist es ihm vorerst nicht vergönnt, einen Fuß auf den Erdtrabanten zu setzen, den er selbst zu erobern half. (Das gelingt ihm erst in der Erzählung „Requiem“.) Durch einen Trick streut er das Gerücht, auf dem Mond gebe es möglicherweise Diamanten – und der Run geht los.
|Mein Eindruck|
Wieder einmal zeigt Heinlein, was privatwirtschaftliche Eigeninitiative auf die Beine zu stellen vermag – wenn man es von Behördenseite zulässt. Harriman hat einige Kämpfe auszufechten, doch nur einer davon wird stellvertretend geschildert, nämlich jener mit der Atomenergiekommission. Dieses langweilige Zeug lässt Heinlein lieber weg, was dem Leser nur recht sein kann. Besonders der Anfang mit DDs tollkühn erscheinendem Vorschlag ist brillante Unterhaltung, doch mir fiel auf, dass hier knallharte Yankee-Geschäftemacherei den Ton angibt. Von sozialer Marktwirtschaft kann keinerlei Rede sein. Hier geht’s nur um den Dollar, zumindest für die Industriellen. Aber wenigstens einer behält die große Idee im Auge: Harriman selbst. Das ist der einzige Grund, warum wir ihm Sympathie entgegenbringen.
Diese Textfassung ist 23 Seiten länger als diejenige, die von Fritz Steinberg angefertigt und zuletzt im „Heyne SF Jahresband 1980“ abgedruckt wurde. Dennoch hat Rosemarie Hundertmarck, die Übersetzerin, auf Seite 251 und 253 Fehler gemacht. Da ist die Rede von Raketenstufe eins, doch dabei sollte Stufe fünf gemeint sein. Und auf Seite 253 wird eine Radarstation zu einem Neutrum gemacht.
5) _Delila und der Raummonteur_ (Delilah and the Space-Rigger, 1949)
Die erste Raumstation wird von Tiny Larsen und „Dad“ Witherspoon in der Kreisbahn gebaut. Larsen hat seine Männer alle fest im Griff, doch als mit dem nächsten Shuttle eine Frau eintrifft, rastet er selbst aus. Gloria Brooks McNye soll die neue Funkerin werden, doch angeblich gefährdet sie die Moral von Tinys Truppe. Sie selbst ist nicht auf den Mund gefallen und gibt ihm Saures. Schließlich kündigt er ihr, doch das löst unerwartete Folgen aus: Viele der Monteure, die sich in Gloria verliebt haben, wollen lieber kündigen als die Schikanen Tinys länger zu ertragen. Es ist kein Streik, und deshalb kann Tiny nichts gegen diese Solidaritätskundgebung unternehmen. Was tun? Dad schlägt vor, weitere Frauen auf die Station zu holen. Dann wäre die Gefahr, die angeblich von einer einzigen Frau ausgehe, beseitigt. Am besten lässt man auch gleich einen Pfarrer kommen …
|Mein Eindruck|
Die Story ist ein typisches Beispiel, wie Heinlein Technik und Gesellschaft verknüpft. Frauen auf der Baustelle – ein Graus! Aber nicht für Heinlein, der mit der selbstbewussten Virginia verheiratet war.
6) _Raum-Jockey_ (Space Jockey, 1947)
Jake Pemberton will gerade mit seiner Frau Phyllis ins Theater gehen, als ihn der Ruf erreicht, sich zum Dienst zu melden. Er ist Pilot für die Raumschiffe, die zwischen den Raumstationen von Erde und Luna verkehren, also Kurzstrecke. Während sich Phyllis aufregt und um ihn sorgt, düst Jake zur Station Supra-New-York, lässt sich seinen Kurs vom Computer geben und nimmt auf dem Schiff seinen Pilotensitz ein. Kapitän Kelly heißt ihn an Bord willkommen.
Doch auf halber Strecke besucht ein VIP mit seinem 13-jährigen Sohn den Kontrollraum. Jake denkt, er hätte an alles gedacht, indem er die Stromzufuhr zu den Kontrollen abstellte, doch der Junge ist erfinderisch: Er löst den Meteoralarm aus. Sofort zünden die Triebwerke automatisch, und wegen der einsetzenden Schwerkraft purzeln alle Anwesenden durch die Gegend. Jake wird kurz bewusstlos.
Als er wieder erwacht, befindet sich das Schiff auf dem falschen Kurs. Nachdem er es geschafft hat, die verwünschten VIP von der Brücke zu schaffen, berechnet er einen neuen Kurs auf eigene Faust und ohne Computerhilfe. Er hofft, keinen Ballast abwerfen zu müssen, wie der Kapitän befürchtet …
|Mein Eindruck|
Die Story ist eine typische Home-Story über die Ehepartner, die auf verschiedenen Welten leben und deren Ehe einer Zerreißprobe ausgesetzt wird. Aber es ist auch ein Abenteuer auf einem Passagierschiff, das zeigt, was alles auf der Kurzstrecke passieren kann. Die astrogatorischen Angaben erscheinen höchst glaubwürdig. Vielleicht hatte der Autor auch Hilfe, um sie zu berechnen. Der technische Realismus der Schilderung trägt viel dazu bei, die Handlung für männliche Leser interessant zu machen. Aber die psychologische Seite, für die vor allem die Frauen zuständig sind, wird ebenfalls nicht vernachlässigt.
Es gibt einen kleinen Widerspruch. Erst denkt Jake, dass seine Frau auf dem Mond verrückt werden würde, doch dann holt er sie dorthin. Der Widerspruch lässt sich auflösen, weil Jake seinen Job wechselt – vom Raumpiloten zum lunaren Oberflächenpiloten. Er wird also Phyllis viel häufiger sehen können. Was das Verrücktwerden wohl verhindern soll.
7) _Requiem_ (Requiem, 1939)
Delos David Harriman ist „Der Mann, der den Mond verkaufte“ (s. o.). Er begründete die Raumfahrt und erschloss den erdnahen Raum für regelmäßige Flüge von der Erde nach Luna City. Nun ist Harriman ein alter Mann, war aber selbst noch nie auf dem Erdtrabanten. Ihm gilt daher seine größte ungestillte Sehnsucht.
Als er in Missouri auf einem Jahrmarkt eine Mondrakete als Attraktion ausgestellt sieht, engagiert er die beiden Männer, denen sie gehört, vom Fleck weg: den Piloten McIntyre und seinen Techniker Charlie. Sie stecken laufend in Geldschwierigkeiten und sind froh über den Auftrag, Harriman – sie haben natürlich von ihm gehört – helfen zu können. Nachdem sie eine gebrauchte Rakete zurechtgebastelt und als Stratosphärenyacht getarnt transportiert haben, stellen sie sie im Südwesten der USA zum Start bereit. Aber als der Hilfssheriff des Marshals mit Haftbefehlen und Pfändungssiegel auftaucht, wissen sie, dass es Zeit ist abzudüsen.
Für den alten Mann ist der Start eine Riesenbelastung, die ihm zwei Rippen bricht und Herzrasen verursacht. Aber die Landung auf dem Mond klappt, wenn auch etwas holprig. Doch hier wiegt Harriman nur zehn Kilo – ein Klacks. Er darf sich im Sand ausstrecken und die Erdsichel bewundern. Sie ist wunderschön. Rundum zufrieden schläft er ein. Für immer.
|Mein Eindruck|
Ursprünglich erschien „Requiem“ als Nachspiel zum oben erwähnten Kurzroman „Der Mann, der den Mond verkaufte“. Und das ist auch sehr passend, schildert die Story doch die letzten Tage des berühmten D. D. Harriman. Die Geschichte beginnt mit einer Grabinschrift über die letzte Ruhestätte eines Seemanns. Die Story ist die Grabinschrift für den Pionier der Raumfahrt.
Klar, dass sie daher sein Leben ein wenig nachskizziert, seine Kämpfe und Opfer streift, aber auch seine Errungenschaften aufzählt. Dann endet das Requiem, was sinngemäß „Lied für die Grablegung“ bedeutet. Es ist keine Totenklage, sondern die Entsprechung zum Spruch „Er ruhe in Frieden“. Der Autor macht keine große großen Worte, sondern stellt dar, worauf es ankommt, statt dies zu behaupten. Das war schon immer Heinleins früher Stil, jedenfalls bis 1959, als er „Starship Troopers“ veröffentlichte (und prompt den |HUGO Award| dafür bekam). Danach begann er zu predigen.
8) _Die lange Wache_ (The long Watch, 1948)
Im Jahr 1999 versucht die militärische Raumpatrouille, die auf Luna stationiert ist, einen Umsturz, um die Kontrolle über die Erde zu gewinnen. Anführer der Rebellen ist der Stellvertretende Kommandant Towers. Er stellt den Bombenoffizier John Ezra Dahlquist vor die Wahl, sich ihnen anzuschließen oder liquidiert zu werden. Dahlquist erbittet Bedenkzeit. Towers verrät ihm, dass von den Atombomben, die auf der Basis stationiert sind, ein oder zwei auf Städte der Erde abgeschossen werden sollen – als Warnung.
In seiner Bedenkzeit eilt Dahlquist zum Bombenlager, überlistet den Wachposten und schließt sich ein. Dann macht er alle Bomben außer einer unschädlich. Doch dabei zieht er sich eine tödliche Strahlenvergiftung durch das Plutonium zu. Nur durch eine Totmannschaltung kann er Towers‘ Männer davon abhalten, das Lager zu stürmen. Würden sie Dahlquist erschießen, verlöre er den Griff um die T-Schaltung, die dann wiederum die letzte Atombombe zur Explosion brächte.
In der Zwischenzeit gelingt es einem regierungstreuen Raumschiff, die Rebellion niederzuschlagen. Dahlquist stirbt nicht umsonst.
|Mein Eindruck|
Obwohl nicht allzu viel passiert, ist die Story doch spannend. Ganz besonders der Umgang mit dem tödlichen Plutonium macht den Nervenkitzel aus. Die Zeitgenossen wussten anno 1948 noch gut über das „Manhattan“-Projekt zum Bau der ersten amerikanischen Atombombe Bescheid. Dahlquist wird wie zahlreiche Vorgänger zum Nationalhelden. Dadurch erhält die Story einen patriotischen Tenor, der sich nur dadurch erklären lässt, dass der Autor die Geschichte der American Legion geschenkt hat, die nun das Copyright innehat.
9) _Nehmen Sie Platz, meine Herren!_ (Gentlemen, be seated!, 1948)
Reporter Jack Arnold will eine Story über den Mond schreiben, der Zahlmeister des Richardson-Forschungsprojekts, Mr. Knowles, führt ihn herum. Natürlich nur in den unterirdischen Tunneln. Diese werden unter der Leitung von Mr. Fatso Konski vorgetrieben. Das Einzige, was diese Tunnel beschädigen kann, seien Mondbeben, sagt Knowles. Plötzlich wackelt die Welt und die Lichter gehen aus.
Als Arnold wieder zu sich kommt, sieht er im Schein von Konskis Taschenlampe, wie dieser ein Leck im Tunnelboden inspiziert. Es ist mehr als fingerdick, saugt kostbare Atemluft und Wärme ab. Eines der den Tunnelabschnitt verschließenden Schotts ist zu, und durch das andere muss jemand gehen und Hilfe holen. Gleichzeitig muss aber auch jemand dafür sorgen, dass das Leck abgedichtet wird. Konski teilt die Aufgaben, dann beginnt ein Wettlauf um Leben und Tod. Doch woher rührt die Beschädigung?
|Mein Eindruck|
Das ist wirklich ein winziges Abenteuerchen, das der Autor hier erzählt. Und er tut es auch noch auf so läppische Weise, die angestrengt humorvoll sein will, dass absolut kein Vergnügen aufkommt. Hier biedert sich Heinlein an die Arbeiterklasse an, die sich mit dem fettarschigen (daher der ach so lustige Titel!) Konski identifizieren soll. Schwamm drüber.
10) _Die schwarzen Klüfte Lunas_ (The black pits of Luna, 1947)
Die Familie von Richard Logan unternimmt einen Ausflug auf den Mond. Sogar der etwa 13- bis 15-jährige Sohn Dickie und der Knirps dürfen mit, aber nur weil sie Mutter und Vater überreden. Das Gleiche passiert auf dem Mond selbst und dann, wenn es darum geht, auf der Mondoberfläche einen Spaziergang zu machen. Mr. Perrin, der Ranger, führt sie zum Naturdenkmal des Teufelsfriedhofs und zu einem Mahnmal, das anlässlich einer Katastrophe aus dem Jahr 1984 errichtet wurde.
Plötzlich ist der Knirps verschwunden. Während die Mutter einen Schwächeanfall nach dem anderen erleidet, beginnt eine hektische Suche, denn der Knirps hat nur Luft für vier Stunden …
|Mein Eindruck|
Noch so eine Familiengeschichte, noch dazu auf dem Niveau von kleinen Kindern. Für die könnte das kleine Abenteuerchen ganz unterhaltsam sein, für Erwachsene ist es todlangweilig oder nervend.
11) _“Wie schön, wieder zu Hause zu sein!“_ („It’s great to be back!“, 1946)
Allan und Josephine McRae haben drei Jahre auf dem Mond gelebt und sich an das dortige Leben gewöhnt. Doch nun hat Jo so großes Heimweh nach dem blauem Himmel der Erde entwickelt, dass sie zurückkehren. Was – zurück zu den „Erdschweinen“?, spottet man. Doch ihr Entschluss steht fest. Allan nimmt seine Forschungsunterlagen mit, denn er plant, auf der Erde ein Buch daraus zu machen.
Auf dem Flug zur Erde wird beiden schlecht, denn mit dem freien Fall kommen sie nicht zurecht. Und als sie dann auf der Erde stehen, brechen sie fast zusammen. Sie sind die sechsmal höhere Schwerkraft physisch nicht gewöhnt. An all dies könnten sie sich gewöhnen, aber es ist auch die Borniertheit der Erdschweine, die den rückfälligen „Mondsüchtigen“ den letzten Nerv raubt. Als sie dann aufs Land in ein geerbtes Haus ziehen, bekommen sie es mit feindseligen Dorfbewohnern zu tun. Die wollen die Mondsüchtigen einfach nicht mehr bedienen.
Schon bald steht ihr Entschluss: schnellstens zurück nach Luna City, wo es wenigstens Zivilisation gibt! Dort werden sie schon erwartet.
|Mein Eindruck|
Die Ironien in dieser Geschichte zwischen Erde und Mond nehmen fast kein Ende, und das macht sie so amüsant. Allerdings gibt es auch ein paar Merkwürdigkeiten. So wird die Erde etwa als „grüner“ Planet beschrieben, während sie in Wahrheit blau und braun ist. Liegt das am Wunschdenken des Autors? Außerdem kommen mir die beiden McRaes sehr naiv vor. Wissen sie nichts von der höheren Schwerkraft auf der Erde? Wahrscheinlich schon, denn sie sind intelligent, aber warum haben sie dann nicht ihre Muskulatur und ihren Kreislauf dafür gestärkt? Schließlich wird heute auf jeder Raumstation auf diese Fitness geachtet.
12) _“Wir führen auch Hunde spazieren“_ („We also walk Dogs“, 1941)
General Services ist ein Dienstleistungskonzern der besonderen Art. Die Feldagenten führen nicht nur Hunde aus, wie es das Firmenmotto vorschreibt, sondern organisieren auch mitunter exklusive Partys in letzter Sekunde. Heute bekommt Firmenchef Jay Clare Besuch von einem Geheimagenten der Regierung. Der bittet um Mithilfe bei der supergeheimen Vorbereitung einer supergeheimen Konferenz aller supergeheimen Teilnehmer aller besiedelten Welten, also auch von den Jupitermonden etc.
Damit gibt es natürlich ein kleines Problem: die irdische Schwerkraft. Sie würde die Niedrigschwerkraftbewohner einfach zerquetschen. Ausweichen gilt nicht, der Mond kommt nicht infrage, sagt der Agent der Regierung. Der Boss bittet um 24 Stunden Bedenkzeit, ob es sich machen lässt. Wie sich herausstellt, lässt es sich machen. Das Problem besteht allerdings darin, den entsprechenden Physikexperten O’Neil zur Zusammenarbeit zu bewegen. Dafür muss General Services auf unorthodoxem Wege besorgen, was sein Herz begeht: eine kleine Porzellan-Schale aus der Ming-Epoche. Sie ist Eigentum des Britischen Museums …
|Mein Eindruck|
Diesmal beschäftigt sich der Autor wieder mit Erwachsenen und technischen Problemen. Die Story ist ein weiteres Beispiel für Heinleins Credo: dass Ingenieure Lösungen für fast alles liefern können und dass es besser sei, die Privatwirtschaft für diese Lösungen zu engagieren statt die Regierung (die aus unfähigen Politikern, zwielichtigen Agenten und überflüssigen Bürokraten besteht).
Schon die bemannte Raumfahrt zum Mond wurde von dem Privatmann Harriman auf die Beine gestellt, dagegen ist doch die Erfindung einer Antischwerkraft-Vorrichtung ein Klacks für einen Konzern wie General Services. Allerdings hütet sich der Autor davor, auch nur ansatzweise das Funktionsprinzip des Apparats zu beschreiben. Aber ihm ist zumindest klar, wie groß der wirtschaftliche Nutzen dieser Erfindung ist, da sie sich auf allen möglichen Gebieten einsetzen lässt.
13) _Suchscheinwerfer_ (Searchlight, 1962)
Die blinde Konzertpianistin Betty Barnes, ein junges Wunderkind, ist auf dem Mond verschollen. Ihre von einem erfahrenen Piloten gesteuerte Rakete verschwand von den Radarschirmen. Kein Notsignal verrät ihre Position, und die Oberfläche des Mondes ist 15 Mio. Quadratmeilen groß. Das Militär sucht dringlich nach ihr und hat auch eine Methode, um Betty zu finden. Mit Hilfe eines Laserstrahls, der von einer Sonde abgestrahlt wird, schickt man einen Trägerstrahl mit Musiknoten, der von Bettys Anzugempfänger aufgefangen wird. Je nach Gebiet wird eine andere Musiknote gesendet. Betty braucht bloß die richtige Note zu wählen, und schon gelingt die Ortung und Einkreisung.
|Mein Eindruck|
Die nur wenige Seiten lange Geschichte verleiht dem Begriff „Suchscheinwerfer“ eine ganz neue Bedeutung. Sie ist aber ansonsten belanglos. Warum die Rakete vom Kurs abkam, wird nie erklärt.
14) _Zerreißprobe im All_ (Ordeal in Space, 1947)
Bill Cole war Ersatzpilot auf dem Passagierschiff „Walküre“, als ihn die Höhenangst befiel. Er tauschte eine Außenantenne auf der Hülle des Schiffs aus, als ihm der Schraubenschlüssel aus der Hand rutschte und er in den Abgrund der Sterne blickte. Fortan war er unfähig, sich zu bewegen und zurück in die Sicherheit des Schiffsinneren zu gelangen. Ein Patrouillenboot des Mars fischte ihn auf.
Nun hat Bill den Raumdienst quittiert. Er will sich nicht den merkwürdigen Blicken und dem Getuschel der Veteranen aussetzen. Unter falschem Namen tritt er in eine Elektronikfirma ein und verrichtet einen sehr einfachen Job. Seine Kollegin Tully verschmäht ebenfalls den Fallschacht und zieht den Lift vor, daher gehen sie regelmäßig zusammen zum Essen. Tully lädt ihn zum Abendessen ein.
In der Nacht, nach einem weiteren Albtraum, hört er ein Miauen. Ein kleines Kätzchen hat sich auf einem Außensims des Hochhauses verirrt. Schon der Anblick lässt es Bill schlecht werden. Doch wenn er daran zurückdenkt, wie es zu seiner Höhenangst gekommen ist, merkt er, dass er ja nicht ewig damit leben kann. Er beschließt, alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, das Kätzchen zu retten – und so auch sich selbst.
|Mein Eindruck|
Diese feine Story widerlegt das Vorurteil, dass Ingenieursgeschichten keine tiefere Psychologie aufweisen würden. Sie ist spannend, aber einfach gestrickt. Und der Autor hat eine Rückblende eingebaut, einen literarischen Kniff, den man bei Heinlein nur selten findet.
15) _Die grünen Hügel der Erde_ (The green Hills of Earth, 1947)
„Noisy“ Rhysling ist der Barde, der die Hymne „Die grünen Hügel der Erde“ schuf, die inzwischen jedes Schulkind und jeder Raumfahrer kennt. Doch wer war Rhysling und wie entstand dieses wundervolle Lied? Davon erzählt diese Geschichte.
Rhysling war ein Raumschifftechniker, der alle Häfen zwischen Mars, Jupiter, Venus und Erde besuchte und die Bars mit seinem Durst beehrte. Daher war er bei allen anderen Technikern relativ bekannt. Doch als er einen defekten Raumantrieb reparierte und so das Schiff rettete, erblindete er. Nun lebte er nur noch von einer kleinen Abfindung und den Almosen, die ihm seine Lieder in den Bars und Kneipen einbrachten. Er wurde wesentlich bekannter.
Schließlich wurde er ein alter Mann und will zurück in seine Heimat, die terranischen Ozark Mountains. Er besteigt ein Schiff auf der Venus, doch der Kapitän ist ein junger Schnösel, der direkt von der Harriman-Akademie kommt, und will ihn nicht an Bord bleiben lassen. Doch als er seinem Profos befiehlt, den bekannten Barden rauszuwerfen, entschuldigt sich dieser mit einer verrenkten Schulter und die Mannschaft macht sich dünne. Rhysling beruft sich auf eine Sonderklausel für die Passagierbeförderung. Wider Erwarten kann er doch mit.
Er begibt sich an seine gewohnte Arbeitsstation, wo er sich als Blinder eben am besten auskennt: im Reaktorkontrollraum. Der dortige Mechaniker Macdougal hat jedoch einen Fehler gemacht, und es kommt zu einem Notfall. Nur Rhysling kann das Schiff vor einem explodierenden Reaktor bewahren, aber dafür muss er bis zum letzten Moment in einer Strahlenhölle ausharren. Die letzten Worte, die er durchgibt, sind die der Hymne „Die grünen Hügel der Erde“.
|Mein Eindruck|
Die letzten Zeilen sind wirklich ergreifend, wie sich leicht vorstellen lässt, und setzen dem blinden Barden des Weltraums und seiner Eroberer ein bleibendes Denkmal. Deshalb taucht Rhysling als eine der wenigen Figuren in der Chronologie der FUTURE HISTORY auf. Es ist eine sentimentale Story über einen Helden der besonderen Art, halb Ingenieur, halb Dichter. Eine Story voll Stimmung und vielen Liedern, so dass sie lange in Erinnerung bleibt – passend als Titelgeschichte für die gleichnamige Story-Sammlung.
16) _Imperialistische Logik_ (Logic of Empire, 1941)
Humphrey Wingate ist ein Rechtsanwalt von der Erde. Leider wettet er betrunken in einer Kneipe, dass es keine Sklaven mehr gebe. 24 Stunden später findet er sich zwangsverpflichtet, und zwar zum Arbeitsdienst auf der Venus. Als ihm der zuständige Beamte den entsprechenden Vertrag zeigt, befindet sich Humphreys Unterschrift darauf. Die moderne Sklaverei sieht nicht viel anderes aus als die im Jahre 1864: Er wird an den Meistbietenden auf einer Auktion verkauft. Sein neuer Herr ist ein Unternehmen namens Van Huysen. Die Vertragslaufzeit lautet auf fünf Jahre.
Tagsüber schuftet Humphrey nun in den Sümpfen, zusammen mit den amphibischen Eingeborenen der Venus. Sie ernten eine bestimmte Wurzel. Doch nachts muss sich Humphrey erst mit Alkohol betäuben, um einschlafen zu können, aber der Schnaps wird ihm auf die Vertragslaufzeit draufgeschlagen – ein Teufelskreis. Deshalb beschließt Humphrey, der sich mit der Tochter des Gutsbesitzers angefreundet hat, zu fliehen. Sie hilft ihm, Hartley und Jimmie. Zusammen schaffen sie es in die nebligen Sümpfe.
Zu Humphreys Erstaunen existiert hier eine Rebellenregierung, die sogar einen eigenen Gouverneur hat. Aber auch diese Kolonie ist in Gefahr, durch ihren Funkverkehr von der Company aufgespürt und zerschlagen zu werden. Humphrey erinnert sich an seine technischen Fähigkeiten beim Bau eines Funkgeräts. Nach sechs Wochen hat er ein abhörsicheres Gerät fertig und installiert es in anderen Rebellennestern. Außerdem schreibt er ein Buch über seine Erlebnisse.
Wenig später taucht endlich sein Kumpan Sam Houston Jones auf, der mit ihm in die Bredouille und in die venusianische Sklaverei geraten ist. Er will Humphrey befreien. Das stellt Humphrey vor eine ungewöhnliche Wahl – er hat die Venus liebgewonnen.
|Mein Eindruck|
Die lange Erzählung liest sich stellenweise wie der Entwurf zu einem Roman. So erfahren wir nie, wie der Name des Rebellen-Gouverneurs lautet. Er ist also nur aufgrund seiner Funktion für die Handlung wichtig. Auch Abläufe wie die Gründe, die zur Rückkehr von Sam Houston Jones führten, werden nur gerafft dargestellt, so dass sie mitunter wenig realistisch erscheinen. Aber was ist an einer tropischen Venus, wie man sie sich noch 1941 vorstellte, realistisch?
Wichtig ist jedoch das Grundthema, auf das der Titel hinweist: Logik des Imperiums impliziert, dass dieses Imperium Kolonien besitzt, die es ausbeutet: Venus & Co. Dort schuften die Sklaven als billige Arbeitskräfte, während auf der Zentralwelt hochbezahlte, teure Arbeitskräfte die Produkte dieser Kolonien verwalten und für ihre Weiterverarbeitung sorgen. Der wirtschaftliche Mechanismus ist seit dem 17. Jahrhundert bekannt, seit in Frankreich und Großbritannien Manufakturen errichtet wurden.
Trotzdem stellt Heinlein diese Art der Kolonialwirtschaft als einen Auswuchs von Dummheit dar (Wingate will das System als Auswuchs von Schlechtigkeit hinstellen, aber das wird als moralische Diffamierung abgelehnt). Wenn Sklavenwirtschaft „dumm“ ist, warum hat sie dann seit der Antike funktioniert? Und zur Sklaverei zählen auch Lohn- und Zinsknechtschaft sowie Leibeigenschaft in einem Feudalsystem.
Wie man sieht, packt Heinlein auf halbwegs unterhaltsame Weise ein heißes Eisen an. Er hätte auch einen Schundroman schreiben können, so wie ihn Wingates Ghostwriter fabriziert. Bemerkenswert ist die Story u. a. auch, weil in ihr der Fernsehprediger Nehemiah Scudder zweimal erwähnt wird. Mehr dazu weiter unten.
17) _Das Ekel von der Erde_ (The Menace from Earth, 1947)
Luna City ist inzwischen eine blühende Metropole, allerdings unter der Oberfläche, die vom Meteorschild bedeckt wird. Zwanzig Stockwerke tief erstreckt sich die Stadt, und ein Stadtplan ist dafür ziemlich sinnlos. Genau so einen Stadtplan will aber die Erdtouristin Ariel Brentwood, die an die 16-jährige Lunarierin Holly Jones verwiesen wird.
Die Fremdenführerin Holly erzählt uns, was sie mit diesem Erdschwein-Playgirl alles erlebt. Den Guide-Job macht Holly nur als Zubrot, um ihr Studium der Raketenkonstruktion zu finanzieren. Sie hat mit Jeff Hardesty ein eigenes kleines Konstruktionsbüro und entwirft das nächste Generationenraumschiff, die „Prometheus“. Kein Wunder, dass sie sich am Riemen reißen muss, als das Erdschwein Brentwood ihr die üblichen dummen Fragen stellt.
Doch dann will die Dame einen Ausflug auf die Oberfläche machen. Weil Holly dafür keine Lizenz hat, springt ihr Partner Jeff ein. Der verliebt sich allerdings in die kurvenreiche Schönheit von der Erde. Holly, die dachte, sie wäre über Eifersucht erhaben, versucht sich mit Arbeit abzulenken. Aber eine Woche später bittet Jeff Holly, Brentwood das Fliegen beizubringen. Dies geht im Lüftungsschacht, der drei Kilometer hoch und mehrere Kilometer breit ist, ausgezeichnet. Die Frau stellt sich auch nicht dumm an, aber als sie dann mal nach unten schaut, wird sie von Panik ergriffen und stürzt ab. Obwohl die Schwerkraft nur ein Sechstel der auf der Erde beträgt, kann Holly sie nur in letzter Sekunde vor einem Aufschlag bewahren, der ihr sämtliche Rippen gebrochen hätte …
|Mein Eindruck|
In eine simple Dreiecksgeschichte eingebettet, greift Heinlein die alte Rivalität zwischen Erdschweinen und Mondsüchtigen auf, verknüpft diese mit einer höchst anschaulichen und unterhaltsamen Freiflugszene und lässt ganz nebenbei die Idee mit dem Generationraumschiff anklingen. Diese Mischung haben ihm viele Autoren wie Niven, Pournelle, John Barnes, Spider Robinson und John Varley abgeschaut – und nur selten mit der gleichen Qualität erreicht. Es ist eine von Heinleins gelungensten Geschichten, vor allem weil die Ich-Erzählerin ein ungewöhnlicher Typ Frau ist: selbstbewusst, selbständig, eine Ingenieurin im Teenageralter, die aber auf reizvolle Weise erst noch ihre Gefühle erkunden muss.
_HINWEIS:_ Hier endet der zweite Sammelband von FUTURE-HISTORY-Geschichten (in manchen Ausgaben ist es sogar der dritte Band). In der Chronologie tritt eine Lücke von 75 Jahren bis zum Zeitpunkt ein, an dem die nächste Erzählung beginnt. Diese Lücke sollten ursprünglich die Erzählungen „The Sound of His Wings“, „Eclipse“ und „The Stone Pillow“ füllen. Sie schildern den Absturz der USA von einer imperialen, interplanetaren Großmacht in eine isolationistische Theokratie unter dem Fernsehprediger Nehemiah Scudder.
Diese Diktatur der Fundamentalisten nach dem Vorbild des heutigen Iran wird erst durch die Zweite Amerikanische Revolution beendet, welche durch eine Untergrundorganisation initiiert wird. Dabei scheint es sich nicht um die Langlebigen zu handeln, die in „Methusalems Kinder“ beschrieben werden.
Weitere Details sind der grafischen Chronologie zu entnehmen sowie Heinleins Postskriptum (Okt. 1952) zu „Revolte im Jahr 2100“, dem dritten Band der FUTURE HISTORY-Storybände.
18) _“Wenn das so weitergeht“_ („If this goes on“, 1939 / revidiert 1953)
Nehemiah Scudder, ehemals Fernsehprediger, ist zum Heiligen und Propheten aufgestiegen, in seiner Burg in New Jerusalem residiert er als Priesterdiktator über ganz Amerika. Aber selbst nach drei Generationen ist seine Herrschaft nicht unumstritten. Die Gazetten munkeln etwas von einer „Loge“, die im Untergrund seinen Sturz vorbereite.
John Lyle, der Ich-Erzähler, gehört zur Wache von New Jerusalem. Er kommt frisch von der Militärakademie und ist noch ziemlich feucht hinter den Ohren. Doch sein Kollege Zebadaiah ist schon länger hier und kennt die ganzen Tricks und Schliche hier auf der Burg. Als John Lyle sich in die schöne, aber ängstliche Novizin Judith verliebt, vertraut sich John seinem Kumpel wegen seiner Gewissensbisse an. Zeb winkt ab: Wenn Johnny wüsste, was zwischen den Priestern des Heiligen und den Schwestern des Ordens laufe, würde er mit den Ohren schlackern.
Eines Nachts hört John Schreie aus den Korridoren vor den Gemächern des Propheten. Es ist Judith, die jammert und weint. Die anderen Schwestern verscheuchen John, der ihr helfen will, und er tritt den Rückzug an. Zeb findet mit Hilfe seiner Freundin Margarete heraus, was passiert ist. Judith sollte dem Heiligen auch im Bett zu Diensten sein – schließlich hat der ja das Recht, die Menschheit mit Hilfe jeder Frau zu vermehren, die ihm beliebe. Doch Judith drehte durch und verließ in Panik die Gemächer. Das werde sie wohl schon bald büßen müssen.
Für John ist die Sache klar: Judith muss fliehen! Am liebsten würde er mit ihr fliehen, doch sein Kumpel Zeb rät handgreiflich davon ab. Das könnte böse Folgen für die ganze Burgwache haben. Die Inquisition ist eh schon überall wegen der Loge gegenwärtig. Einen Schnüffler haben Zeb und John bereits erledigt, doch das zieht bestimmt eine Untersuchung nach sich. Wie sich herausstellt, kann nur eine Gruppierung Judith und John helfen: die Loge. Zum Glück ist auch der Chef der Wache, ein gewisser Peter van Eyck, Mitglied der Loge, ja sogar deren lokaler Chef. Aber John ist derjenige, der Judith zur Flucht verhelfen muss.
In den Geheimgängen verschwinden sie und treten der Loge bei. John und Judith schwören feierliche Eide, doch dann trennen sich ihre Wege. Judith wird sofort außer Landes geschafft, doch John wird von der Inquisition in die Mangel genommen …
|Mein Eindruck|
So weit, so gut. Dieses erste Drittel des Kurzromans ist anschaulich, actionreich, voller Wendungen. Doch dann versackt die Erzählung in einer beschreibenden Prosa, in welcher der Autor meist summarisch zusammenfasst statt anschaulich zu schildern. Nur die persönlichen Höhepunkte des Erzählers John Lyle während dessen Aufstiegs in der Hierarchie der „Loge“ erlangen den Status von Szenen. Die meisten haben mit Lyles Verhältnis zu Männlein und Weiblein zu tun. Bemerkenswert ist hierbei für die Leser des Romans vor allem die Nacktbadeszene in einer unterirdischen Höhle. Solche Szenen dienen dazu, Lyles weiterhin konservative Konditionierung durch die Religion des Propheten zu veranschaulichen.
Erst ganz am Schluss beginnt der Angriff auf die Burg des Propheten. Doch auch hier wird die Action sehr zurückgenommen geschildert, so dass von Kampfhandlungen keine Rede sein kann. Insgesamt konnte ich dem Kurzroman daher nur am Anfang etwas abgewinnen, doch nach Lyles Flucht wird die Erzählung nur zu einer weiteren Militärstory, wie Heinlein sie so oft verbraten hat.
Immerhin beschäftigt sich der Autor mit zwei heiklen Themen: Religion und deren Unterdrückungspotenzial sowie mit Sex und dessen Befreiungspotential. In beiden Fällen nimmt er die Position des rechtskonservativen Liberalen ein, der die Freiheit des Individuums auch und besonders gegen Bevormundung durch Armee (auch die der Befreier) und jegliche Regierung verteidigt. Dazu gehören besonders auch die Verwirklichung von Religionsausübung und das Ausleben von Sexualität. Die Frauen in dieser Erzählung erscheinen durchaus realistisch, erinnern aber allesamt an Kriegsbräute, sei es nun Schwester Judith oder die Rebellin Margarete, die Lyle schließlich heiratet.
19) _Coventry_ (Coventry, 1940)
Nach der Zweiten Revolution – siehe oben – hat die Gesellschaft einen Vertrag geschlossen, der das Konzept der Gerechtigkeit und das Strafgesetzbuch abschaffte. Als David McKinnon also einem Mann, der ihn beleidigt hat, mit einem Schlag die Nase bricht, wird er nicht in den Knast gesteckt. Vielmehr stellt ihn der Richter vor die übliche Wahl: sich der psychiatrischen Reorientierung zu unterziehen oder nach Coventry zu gehen. Nachdem er gegen diese Behandlung protestiert hat, wählt er Coventry. Ein Hubschrauber des Militärs bringt ihn und seine Habseligkeiten hin.
Coventry ist eine riesige Reservation für charakterlich labile Personen, wie David eine ist. Sie existiert hinter einer Barriere, die durch ein Kraftfeld gebildet wird. Ein Tor öffnet sich, und McKinnon kann mit seinem Krempel hindurchfahren. Die Hügel sind leer, doch schon bald stoppt ihn eine Zollpatrouille, die ihm die Hälfte seiner Sachen abknöpft. Weil er sich auch jetzt zur Wehr setzt, kommt sein Fall vor Gericht. Er befindet sich in Neu-Amerika, doch der Richter kennt keine Gnade mit Störenfrieden wie ihm. David verliert seine restlichen Sachen und landet im Knast.
Sein Zellengenosse Magee wird nur „Schatten“ genannt. Er verhilft David nicht nur zu einigen Einsichten, sondern auch zur Flucht. Neben Neu-Amerika gebe es in Coventry noch den Freistaat, eine absolutistische Diktatur, und die Engel, eine theokratische Diktatur, genau wie jene, die durch die Zweite Revolution überwunden wurde. So gesehen, hat es David also noch recht gut getroffen, als er in Neu-Amerika landete. Magee versteckt ihn bei den Dieben. Doch als Magee verletzt von einem „Ausflug“ zurückkehrt, muss ihn David, der sich wandelt, zum Doktor schaffen. Dessen Tochter Persephone ist eine wandelnde Bibliothek in einem Teenagerkörper.
Nun steht David vor der Wahl: Will er bleiben und sich verstecken oder die Vereinigten Staaten im Draußen vor dem Angriff warnen, den Neu-Amerika und Freistaat vorhaben? Die richtige Wahl könnte sein ganzes Leben verändern.
|Mein Eindruck|
Diese Erzählung setzt sich mit dem Problem der Gerechtigkeit auseinander. Wie könnte sich dieses immaterielle Konzept verändern, wenn man die Bestrafungsmethoden, die heute angewendet werden, abschafft, weil es eine neue Wissenschaft erlaubt und empfiehlt? Eine riesiges Gebiet an Außenseiter abzutreten, erscheint uns wie ein großer Luxus, aber nach dem Krieg der Zweiten Revolution dürfte das Gebiet relativ menschenleer sein. Erzähltechnisch und philosophisch gesehen, ist Coventry eine Art soziologisches Experimentierlabor.
David MacKinnon ist eine Art Gulliver, der bislang klassische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts studiert hat. Er erwartet in Coventry ein anarchistisches Utopia. Darin wird er grob enttäuscht, und wenn er kurz nachgedacht hätte, hätte es ihm einleuchten müssen, dass nur „antisoziale“ Personen nach Coventry gehen – was zu einer entsprechenden Gesellschaftsform führt. Geradezu satirisch mutet die Idee an, einer Diktatur den Namen „Freistaat“ zu geben und den Diktator als obersten „Befreier“ zu bezeichnen (und das bereits 1940!). Könnte Heinlein an die sowjetischen Säuberungen unter Berija und Stalin oder an Hitler gedacht haben?
Wie so oft bei Heinlein, wird der Held nur dadurch aus seiner Verdammnis erlöst, dass er sich für das Wohl der Gemeinschaft einsetzt. David MacKinnon rehabilitiert sich, indem er die Vereinigten Staaten warnt. Und dort erlebt er eine Überraschung. Die Erzählung ist spannend und lehrreich, doch den wissenschaftlichen Hintergrund hat der Autor irgendwo in die Mitte gepackt und in einem kurzen Unterkapitel abgehandelt. Dennoch hat das Sozialexperiment „Coventry“ Hand und Fuß und verdient eine Diskussion.
20) _Außenseiter_ (Misfit, 1939)
Eine Gruppe unangepasster junger Männer wird im 21. Jahrhundert in die Space Marine aufgenommen, um sich dort zu bewähren. Man steckt sie in einen Raumtransporter, der zum 200 Millionen Meilen entfernten Asteroidengürtel fliegt. Nachdem sie die Raumkrankheit überwunden haben, dürfen sie auf dem Felsbrocken mit dem schönen Namen HS-5388 eine große Grube ausheben, in der eine Raumstation gebaut und der Antrieb des Felsbrockens eingebaut wird. Denn der Planetoid soll eine der drei künftigen Raumstationen zwischen Erde und Mars bilden, muss also vorher noch ein paar Kilometer Richtung Erde gewuchtet werden.
Bei diesem Unternehmen erweist es sich, dass der Rekrut Andrew Jackson Libby ein natürliches, aber leider bislang verkanntes Mathematikgenie ist. Er rettet nicht nur Leben, sondern ersetzt sogar einen ganzen Navigationscomputer – sobald man ihn erstmal ausgebildet hat.
|Mein Eindruck|
Wer jetzt an Heinleins Jugendbuch „Starman Jones / Gestrandet im Sternenreich“ denkt, liegt genau richtig. Darin bringt es ein verkapptes Mathegenie sogar zum Raumschiffkapitän und Obernavigator. Auch in der Story wird die Raummarine – Heinlein war selbst ein Navy-Akademieabsolvent – als Ort und Chance für die Bewährung von jungen Männern dargestellt. Mutter Navy sorgt für ihre Jungs, selbst wenn sie sich die Seele aus dem Leib kotzen. In den Groschenheften ist die Story gut aufgehoben, doch mit dem Mathe- und Navigationsjargon dürfte so mancher Leser auch heute noch seine Probleme haben.
In der Mitte des 22. Jahrhunderts gibt es von Langlebigen schon rund hunderttausend Mitglieder. Sie sind in Familien organisiert, denn sie alle sind aus den Anfängen des genetischen Programms hervorgegangen, das die „Howard-Stiftung“ im Jahr 1870 ins Leben rief. Daraufhin wurden Langlebige mit Langlebigen gepaart, so dass schließlich im 22. Jahrhundert ein zweihundert Jahre alter Kerl auftreten kann, der anno 1912 geboren wurde: Er nennt sich „Lazarus Long“, wurde aber als Woodrow Wilson Smith geboren. Er ist ein Überlebenskünstler, denn natürlich darf keiner der Kurzlebigen erfahren, dass es so etwas wie ihn gibt.
Bis jetzt. Etwa neuntausend Mitglieder der Howard-Familien haben sich geoutet. Zunächst ist die Nachricht kaum registriert worden, doch nach einigen Monaten zeigen sich starke Emotionen unter der Bevölkerung Nordamerikas. Sie neiden den Langlebigen die zusätzlichen Jahren und wollen ihnen unbedingt das Geheimnis ihrer besonderen Fähigkeit abluchsen, um es einer ausgewählten Elite (= Regierungsbeamte und ihre Frauen) zugute kommen zu lassen.
Doch was dies im Einzelnen bedeutet, wird erst im Verlauf der Verfolgung der geouteten Howard-Familienmitglieder deutlich. Es bedeutet Aberkennung der Bürgerrechte, Verfolgung und Unterbringung in KZs (genannt „Coventry“) sowie Folterung, um die geheime Droge der Langlebigen in die Hände zu bekommen. Die Führung der Langlebigen, der Rat, ist entsetzt, doch zunächst ohne Entschluss. Lazarus Long allerdings ist es gewohnt, pragmatisch zu handeln und zeigt dem Rat die Optionen auf. Alle außer einer scheiden aus: Sie müssen das Sonnensystem in einem Langstreckenraumschiff verlassen. Ein solches befindet sich zum Glück gerade im Bau und ist in einer Erdumlaufbahn leicht zu erreichen.
Doch werden die Kurzlebigen sich das vermeintliche Geheimnis des Jungbrunnens so einfach entziehen lassen? Nein, natürlich nicht, aber die führenden Köpfe der Langlebigen erreichen einen geheimen Pakt mit dem Administrator der Regierung …
Eines Tages lässt die Regierung alle hunderttausend Mitglieder der Howard-Familien verhaften und in ein Reservat in Oklahoma deportieren. Lazarus Long gelingt es, den Häschern zu entkommen und macht sich nun ans Werk, um seinen Schicksalsgenossen zur Freiheit zu verhelfen. Doch wie schafft man es, hunderttausend Leute von der Erdoberfläche in ein Raumschiff zu transportieren, das diese Leute weder besitzen noch überhaupt bemannen wollen?
|Mein Eindruck|
Wieder einmal tobt sich Heinlein auf seinen Spielwiesen Technik, Quasi-Mutanten und künftige Gesellschaft aus. Die Gesellschaft der Bürgerlichen hat faschistische Züge angenommen (diesbezügliche Erzählungen wurden leider nie realisiert), und die Langlebigen leben halb im Verborgenen, halb im Untergrund. Das kommt jedem Dissidenten, Studenten und Dropout sehr entgegen, wie man später an dem Erfolg von Heinleins Roman „Stranger in a strange Land“ (1961) gesehen hat.
Aber die Reise selbst und dann der Aufenthalt auf einer fremden Welt voller Aliens sind denn doch etwas andere Kost. Auf der Fremdwelt kann man zwar nackt herumlaufen, wenn einem der Sinn danach steht, doch eine Sache haben die Kolonisten von der Erde nicht bedacht: Dass die Eingeborenen eine ebenso verborgen gehaltene Religion besitzen, die unter anderem Menschenopfer verlangt … Wieder einmal obliegt es Lazarus Long, seine Mitmenschen zu retten. Das Paradies hat eine finstere Seite. Wie es scheint, ist dies eigentlich überall so, wohin Heinlein seine Protagonisten schickt.
Leider zieht sich die Story des Roman auf der Fremdwelt so langweilig hin, dass ich wenig Lust hatte weiterzulesen, doch schließlich bekam sie doch noch die Kurve. Leider macht ein solcher Handlungsverlauf wenig Appetit auf die Fortsetzung „Die Leben des Lazarus Long“ (Time enough for love, 1973).
_Unterm Strich_
Manche Storys würde man heute sicherlich nicht mehr in dieser Form schreiben, aber das tut der Bedeutung dieses Zukunftsepos keinen Abbruch. Diese klassischen Novellen – beispielsweise „Katastrophen kommen vor“ über einen AKW-Unfall – dürften viele Leser zufriedenstellen, die seine letzten Romane nicht so gelungen fanden. Und einen Klassiker wie „Methuselah’s Children“, der erstmals die laufend bei Heinlein wiederkehrende Gestalt des Lazarus Long einführte (siehe „Time for Love“), kann man hier in der Urfassung von 1941 bewundern. Für Sammler ein absolutes Muss und für jeden, der in der SF mitreden will.
Für junge Leser eignen sich meiner Ansicht nach nur jene Erzählungen, die sich um „Die grünen Hügel der Erde“ und „Das Ekel von der Erde“ gruppieren lassen. Diese Geschichten sind von deutlich leichterem Gewicht als solche soziologischen Abenteuer wie „Coventry“ oder „… wenn das so weitergeht“. Zudem hat die Sammlung eine paar chronologische Löcher, die sich um das Auftauchen jenes falschen Propheten namens Nehemiah Scudder Ende des 20. Jahrhunderts, Anfang des 21. Jahrhundert lokalisieren lassen. Da hatte der Meister nach eigenem Bekunden (in der Originalausgabe von „Revolt in 2100“) selbst keine Lust, dieses Thema noch weiter zu vertiefen.
Rosemarie Hundertmarcks Neuübersetzung aus dem Jahr 1988 ist den früheren Übertragungen haushoch überlegen, denn diese waren meist gekürzt – eine übliche Praxis im deutschen Taschenbuchmarkt.
|Originaltitel: The Past through Tomorrow – Future History Stories – Complete in one Volume, 1967
1114 Seiten
Aus dem US-Englischen übertragen von Rosemarie Hundertmarck|
Wer das Wort „Märchen“ hört, denkt jetzt vielleicht an Rotkäppchen, den bösen Wolf oder an Hänsel und Gretel. Das ist Kinderkram. Denn die vorliegenden Märchen richten sich nicht an Kinder von Menschen, sondern an die neuprogrammierten Sprösslinge von Robotern. Es sind Märchen von Robotern für Roboter, und Menschen, die Bleichlinge, kommen darin nur am Rande vor, und das nicht einmal in einer positiven Rolle. Dennoch interessieren sie uns brennend und bereiten uns Vergnügen. Und warum? Weil die hier geschilderten Silbrigen, Eisernen und Kupfernen noch menschlicher sind als Menschen es je sein können.
Der zwergenhafte Privatdetektiv Mongo, vormals der Kriminologe Dr. Robert Frederickson, kommt in diesem SF-Thriller illegalen Experimenten auf die Spur. Es scheint um die Kreuzung von Menschen mit Tieren zu gehen (siehe Titelbild). Doch die Spur führt ins ewige Eis, nach Grönland…
_Satirische Klassiker und mahnende Horrorvisionen_
In seiner Serie „Wege zur Science Fiction“ versucht Herausgeber James Gunn sowohl die Entstehungswege der amerikanischen wie auch der britischen Science-Fiction nachzuzeichnen, die einzelnen Autoren zu charakterisieren und die Bedingungen zu erklären, unter denen die teils recht ausgefallenen Erzählungen entstanden. Man erfährt zum Beispiel den Unterschied zwischen Anti-Utopie und Dystopie – die meisten Leute bringen das immer wieder durcheinander, doch Gunn präsentiert eine klare Unterscheidung.
_Der Herausgeber_
James Gunn, geboren 1923, hat ein paar interessante SF-Romane geschrieben, darunter „Die Freudenspender“ (1961) und „Die Unsterblichen“, aber besonders hat mich nur „Die Horcher“ beeindruckt, ein realistischer Roman über Astronomen, die nach fremdem Leben im Kosmos suchen und eines Tages fündig werden. Bei uns ist er am bekanntesten für seine Story-Anthologien in der Reihe „Wege zur Science Fiction“, die er in den siebziger Jahren begann und die fast vollständig bei |Heyne| in der |Science Fiction Bibliothek| erschienen ist. Band 102 und 103 sind noch nicht erschienen.
_Die Erzählungen_
|Hal Clement: Der kritische Faktor| (Critical factor, 1953)
Die rein naturwissenschaftlich orientierte Story erzählt von jenen halbflüssigen Wesen, die im Untergrund unserer Erde leben und gerade ein kleines Problem haben: Eroberer aus dem Norden bedrohen ihr Territorium. Ein Späher namens Pentong kehrt aus der Antarktis zurück und berichtet den Ältesten, was er dort gefunden hat: eine Schicht über dem Gestein, die durch heißes Magma in Ozean verwandelt wird – im Klartext: Eis. Was Pentong vorschlägt, ist revolutionär: Man könnte durch Eisschmelzen doch den Ozean so weit ausbreiten, dass der für die Untererdbewohner giftige Sauerstoff nicht mehr an das Erdreich gelangen könnte. Mithin würde sich ihr Lebensraum vergrößern.
Eigentlich eine geniale Idee. Doch Derel der Denker bezweifelt ihre theoretische Grundlage ebenso wie die praktische Ausführung. Er stellt ein paar Experimente mit dem Verhalten von Flüssigkeiten in Hohlräumen an und stößt auf eine neue unheimliche Kraft, die ihn fast das Leben kostet: Schwerkraft!
Wie schon in „Demolition“ greift der Autor ein psychologisches Motiv auf: Paranoia und Projektion, also die Übertragung des eigenen Wahns auf einen anderen. Zunächst denkt der Leser, er habe es mit drei Figuren zu tun, dann sogar mit vier, aber das stimmt nicht. Es geht immer nur um zwei Figuren: um James Vandaleur und seinen „vielseitig anwendbaren“ Androiden, der sich als wahrer Killer herausstellt. Auf dem Planeten Paragon III ermordet er sogar ein kleines Mädchen, danach eine Erpresserin, schließlich zwei Studenten, die ihm auf die Schliche kommen. Doch der Android ist alles, was Vandaleur geerbt hat und noch besitzt. Er will nicht von ihm lassen.
Doch was stimmt nicht mit dem Androiden? Anscheinend entspricht seine ursprüngliche Programmierung den drei Asimovschen Gesetzen der Robotik, doch unter einer bestimmten Bedingung versagen die entsprechenden Schaltkreise: Wenn die Temperatur 90° Fahrenheit übersteigt. Dann beginnt er zu singen und zu tanzen, dass einem angst und bange wird. Das Ende des Androiden in einem brennenden Schilfgürtel ist höchst bizarr. Aber da ist noch die Frage, ob sein Herr, James Vandaleur, nicht ebenfalls eine Schraube locker hat.
Der Grund, warum diese Story so verwirrt, ist der perfide Umstand, dass die Identität dessen, der gerade ICH sagt, wechselt: mal ist es Vandaleur, dann wieder sein Android. Projektion, q.e.d. Am besten liest man die Geschichte mehrmals.
|Tom Godwin: Die kalten Gleichungen| (Cold equations, 1954)
Dies ist eine der bekanntesten und umstrittensten Storys in der klassischen SF überhaupt. Eine blinde Passagierin muss über Bord gestoßen werden, weil das winzige Raumschiff, dessen Frachtgewicht und Brennstoffvorrat exakt bemessen sind, sonst nicht an seinem Ziel ankommen würde. Durch ihr Zusatzgewicht würde das Schiff mehr Treibstoff als bemessen verbrauchen. Nicht nur würde dadurch das Schiff mangels Bremskraft auf den Planeten stürzen, sondern auch die Forschungsgruppe, die auf die Fracht angewiesen ist, wäre zum Untergang verdammt: Das rettende Serum würde sie nicht erreichen.
Der Pilot hat die Entscheidung zu fällen, wen er opfert: Das Schiff, das Serum und die Forscher – oder Marilyn Lee Cross. Ist es das Leben des Mädchens wert, dass so viele Menschen sterben müssen? Die Antwort der physikalischen Gesetze lautet nein. Aber er kann etwas für sie und den Bruder, den sie auf dem Planeten besuchen wollte, tun: Sie können per Funk voneinander Abschied nehmen. Es ist ein sehr bewegender Funkkontakt. Danach ist sie gefasst, sieht ihrem Schicksal ins Auge und geht freiwillig in die Luftschleuse …
Weil dieser Ausgang der Story viele Leser und Autoren auf die Palme brachte, schrieb ein Autor – mir ist sein Name entfallen – eine alternative Story, in der die Sache gut ausgeht. Warum zum Beispiel hat das NES-Rettungsboot nicht genug Treibstoff an Bord, um zu seinem Kreuzer, das es ausgesetzt hat, zurückkehren zu können? Warum kann das NES nicht die Atmosphäre des Planeten nutzen, um abzubremsen? Oder warum macht der Pilot nicht wenigstens ein Foto von Marilyn Lee Cross und entnimmt ihr Erbgut, damit man sie wieder klonen kann? Daran dachte wohl im Jahr 1954 noch niemand.
|Cordwainer Smith: Das Spiel „Ratte und Drache“| (The game of rat and dragon, 1955)
Die Erde der Zukunft wird von der „Instrumentalität“ gesteuert und schickt ihre Kolonisten- und Handelsschiffe hinaus zu anderen Welten. Doch die Menschheit befindet sich im Krieg. Die Gegner sind die Aliens, die unversehens aus den Tiefen des Raums und der Zwischendimensionen auftauchen. Sie hinterlassen Tod oder Wahnsinn unter den Passagieren der Schiffe.
In einem Rüstungswettlauf entwickelte die Menschheit Waffen und Taktiken, um den Angriffen der „Drachen“ zu begegnen. Die Geschütze sind mit Laser und einer Art Photonuklearbombe ausgestattet, doch der Schuss muss innerhalb von Millisekundenbruchteilen erfolgen. Dazu sind nur Telepathen in der Lage. Sie steuern das Geschütz: Sie sind die Lichtschützen.
Aber sie brauchen Hilfe, um die Langsamkeit des menschlichen Gehirns auszugleichen. Diese Hilfe bieten die „Partner“, freundliche Kreaturen. Sie sind uns als Katzen bekannt. Nunmehr herrscht Zuversicht unter den Menschen, die meisten Angriffe abwehren zu können. Doch der Dienst der Lichtschützen ist hart: Underhill und Woodley brauchen nach einer halben Stunde im Gefecht erstmal zwei Wochen Urlaub.
Und wieder einmal zieht Underhill ins Gefecht, begleitet von seiner Partnerin Lady May. Ein Kampf auf Leben und Tod …
Das Besondere an dieser bekannten Story ist weniger die entworfene Zukunft oder die Idee, Katzen als telepathische Kampfgefährten einzusetzen, sondern vielmehr die Verbindung aus Aktion und Gefühl. Bevor die Aktion beginnen kann, durchlaufen Underhills Gefühle eine ganze Skala von Nuancen, so dass man keinesfalls von einem physischen Kampfgeschehen sprechen kann. Kampf ist vielmehr eine spirituelle Erfahrung. Diese teilt der Mensch mit einem anderen Lebewesen. Dass dies eine Katze ist, ist ein notwendiger Vorteil. Am Schluss erfährt man den hohen Preis, den der Mann zahlt. Keine lebende Menschenfrau kann sich mit dieser Partnerin vergleichen. Folglich hassen die Menschenfrauen die Katzen. Und da der Mann weder das eine noch das andere bekommt, ist der ultimative Preis Einsamkeit.
|Robert Sheckley: Pilgerfahrt zur Erde| (Pilgrimage to Earth, 1956)
Alfred Simon ist ein braver Bürger der Kolonistenwelt Kazanga, der sich über weibliche Zuwendung nicht beklagen kann. Doch etwas scheint ihm noch zum vollkommenen Glück zu fehlen: wahre Liebe. Als ihm ein fahrender Sternenkaufmann einen Gedichtband verkauft und ihm erzählt, auf der Mutterwelt gebe es selbstverständlich auch Liebe, packt Alfred seine Siebensachen und fliegt zur Erde.
New York City ist eine wunderliche Stadt, findet er. An einem Stand wird er aufgefordert, echte Frauen mit echten Patronen zu erschießen, ein anderer Mann bietet ihm eine Heldenrolle bei einer Revolution oder in einem Krieg an. Aber es ist offensichtlich, was Alfred in Wahrheit will: Liebe. Wahre Liebe unter einem wahnsinnigen Mond, an einem dunklen Meeresstrand, in der bleichen Dämmerung – schon klar. Der Söldnerwerber schickt ihn zu Mr. Tate und der bietet tatsächlich den gesuchten Artikel an. Seine Firma heißt schließlich nicht umsonst „Liebe Inc.“.
Zu Alfreds grenzenlosem Erstaunen verliebt er sich auf der Stelle in die herbeigerufene Penny Bright, diese verliebt sich auf der Stelle in ihn, und zusammen erleben sie eine wunderbare Liebesnacht miteinander. Danach wundert sich Alfred bei Mr. Tate, warum Penny, die Frau seines Lebens, gleich wieder verschwindet. Ist doch klar, meint Tate, sie hat gleich den nächsten Kunden. Sie erinnere sich aufgrund eines posthypnotischen Befehls nicht mehr an Alfred, und Alfred täte besser daran, sie zu vergessen. Alfred geht zum Schießstand, wo man Frauen abknallen kann …
Die Story überführt auf satirische Weise einen nur natürlich herzustellenden Gemütszustand – gemeinhin als „Liebe“ bezeichnet – in die Produktionsbedingungen des Kapitalismus. Liebe ist kaum von Prostitution zu unterscheiden, doch der Bewusstseinszustand für die „Liebes“-Dienerin ist ein völlig anderer – aber auch für den „Freier“. Der Autor schafft es durch die Überspitzung der Zustände, das Wesen der Liebe darzustellen und zugleich die Praktiken des Kapitalismus zu kritisieren.
|Brian W. Aldiss: Wer kann einen Menschen ersetzen| (Who can replace a man?, 1958)
Nach dem Atomkrieg sind die Menschen fast vollständig ausgestorben. Das kapieren die Robotmaschinen aber erst nach und nach. Sie können nicht arbeiten, weil ihnen niemand mehr Anweisungen gibt, und weil das Klasse-eins-Zentralgehirn in der Hauptstadt sich im Krieg mit zwei Klasse-zwei-Gehirnen befindet, kommt es als Befehlsgeber auch nicht in Frage. Die verwaisten Maschinen machen sich auf nach Süden, weil es dort noch eine winzige Kolonie überlebender Menschen geben soll. Als sie einen zerlumpten, halbnackten, verletzten und ungeniert pinkelnden Mann treffen, sind sie glücklich, endlich ihren Meister gefunden zu haben.
Teils eine traurige Post-Holocaust-Satire, teils eine Lewis-Carroll-Fantasie, liest sich die Story kurzweilig und wie ein Märchen. Sie wäre lustig, wenn der Anlass dafür nur nicht so ernst wäre.
|Kurt Vonnegut jr.: Harrison Bergeron| (Harrison Bergeron, 1961)
In einer totalitären Version der USA werden alle klugen, starken und schönen Menschen künstlich gehandikapt, damit sie dem Gleichheitsprinzip gehorchen, das zum obersten Staatsziel erhoben wurde. Alle müssen Kopfhörer tragen, in die ihnen von der Regierung alle 20 Sekunden grässliche Geräusche gesendet werden. Dadurch werden alle gefährlichen Gedanken bereits in der Entstehung zerstört. Niemand kann denken, wenn ihm eine Sirene ins Ohr dröhnt.
Die Bergerons haben deshalb bereits vergessen, dass die Leute des Generalhandikappers ihren Sohn Harrison abgeholt und eingesperrt haben. Obwohl erst 14 Jahre alt, ist er bereits 2,10 Meter groß – eindeutig nicht gleich. Zum Ausgleich muss er wie alle anderen schwere Gewichte um den Hals tragen, die sein Wachstum stoppen sollen.
An diesem Abend wird die abendliche Nachrichtensendung massiv gestört: Harrison ist aus dem Knast ausgebrochen und hat das Fernsehstudio gestürmt. Alle haben schreckliche Angst vor ihm und ducken sich. Er erklärt sich zum Kaiser und ernennt seine Kaiserin: eine wunderschöne Ballerina. Dann tanzen sie zu den Klängen eines befreiten Orchesters. Leider hat die Generalhandikapperin keinerlei Kunstverständnis und knallt die Tänzer eiskalt ab.
Die Story ist eine bitterböse Satire auf die gleichmacherischen Tendenzen in der amerikanischen Kleinbürgerschicht der fünfziger Jahre – oder auf deren Propagierung durch die Eisenhower-Regierung. Wenn der Nachbar einen neuen Wagen hat, müssen wir auch einen neuen haben – und wehe, der ist nicht genauso groß! Genial ist der Einfall, alle Gedanken durch schreckliche Geräusche zerstören zu lassen.
|Harry Harrison: Die Straßen von Askalon| (The streets of Ashkelon, 1962)
Garth ist der einzige menschliche Händler auf dem Planeten der Wesker. Die Wesker sind intelligente, wenn auch etwas langsam denkende Amphibienwesen, und Itin ist Garths besonderer Freund. Er mag das klare, unschuldige Denken und Fühlen Itins. Eines Tages landet eine Rakete, aus der Pater Mark von der „Brüderlichen Missionsgesellschaft“ steigt. Nachdem sein wütender Versuch, den Geistlichen am Aussteigen zu hindern, misslungen ist, muss Garth dulden, dass dieser die heimischen Wesker missioniert.
Eines Tages kommt Itin zu ihm mit einer wichtigen Frage: „Gibt es Gott?“ Garth sagt nein. Itin verschwindet wieder und diskutiert wohl mit dem Pater über den Widerspruch zwischen dem, was der Pater und was Garth gesagt hat. Da der Widerspruch nicht aufgelöst werden kann, machen die praktischen Wesker die Probe aufs Exempel und versuchen, ein Wunder von Gott zu bekommen. Sie kreuzigen den Pater. Als sich kein Wunder ereignet und Garth Itin klar macht, dass der Mann nicht wiederauferstehen wird, weiß Itin, was die Wesker nun sind: „Mörder.“
Im Grunde ist dies die Geschichte vom Sündenfall mit umgekehrten Vorzeichen. Waren die Wesker vorher rein, sind sie nun Sünder. Wäre es nicht besser gewesen, wenn Garth ihnen ihren Glauben gelassen hätte, dass der Pater auferstehen würde? Sozusagen die Illusion statt der Wahrheit? Wie man es auch dreht und wendet, so macht der Autor doch klar, dass Wissenschaft und echter Glaube nicht koexistieren können.
|J.G. Ballard: Endzeitstrand| (Terminal Beach, 1964)
Der frühere Bomberpilot Traven hat seine Frau und seinen Sohn bei einem Unglück verloren. Etwas treibt ihn dazu, das verlassene Eniwetok-Atoll zu besuchen, wo er strandet. Das Atomversuchsgelände ist eine gespenstische Szenerie, in der er sich notgedrungen einrichten muss. Kameratürme ragen wie Obelisken in den verstrahlten Himmel, und hunderte von Betonblöcken säumen die Seen um den Bodennullpunkt. Zwischen ihnen richtet er sich ein, wird schwächer, halluziniert seine Familie. Zwei Biologen besuchen ihn, doch die Erholung durch ihre Medikamente ist nur zeitweilig. Vor einem Navy-Suchtrupp versteckt er sich erfolgreich. Mit der Leiche eines japanischen Bomberpiloten – Dr. Yosuda – verständigt er sich über Familien im Osaka des Jahres 1944, vor exakt 20 Jahren. Die Leiche leistet ihm stille Gesellschaft, bis es mit Traven auf dem Endzeitstrand zu Ende geht.
Diese Condensed Novel des britischen New-Wave-Protagonisten Ballard verschmilzt auf faszinierende Weise Metaphern aus Natur, Philosophie und Physik. So ist etwa von „quantaler Zeit“ die Rede. Die zentrale Metapher aber ist der Endzeitstrand selbst: Er ist das in die Gegenwart geworfene Menetekel eines künftigen Post-Atomkrieg-Szenarios, den Lebenden zur Warnung. Doch da Traven alles Lebenswerte genommen worden ist, begibt er sich freiwillig in den psychischen Sog dieser Todeszone. Dort nimmt er einerseits das Schicksal der Strahlentoten eines Atomkriegs vorweg, wiederholt aber auch das Schicksal der Ermordeten von Hiroshima, die von Dr. Yosuda verkörpert werden. Das Bild eines zyklischen Geschichtsverlaufs – welches auch in Millers [„Lobgesang auf Leibowitz“ 1592 gezeichnet wird – ist der reine Horror: Der Mensch ist offenbar unfähig, aus seinen Fehlern zu lernen, und gezwungen, sie zu wiederholen.
|Gordon R. Dickson: Durch die Delfine| (Dolphin’s way, 1964)
Malcolm Sinclair ist Meeresbiologe auf einer Delphin-Forschungsstation in der Karibik. Die Station erforscht die Verständigung mit Delfinen und wird aus einer Stiftung finanziert. Doch in letzter Zeit fehlen die Fortschritte und Mal fürchtet, die Finanzierung könne eingestellt werden, was das Aus für die Station bedeuten würde.
Eines Tages taucht eine Reporin auf, die sich Jane Wilson vom „Bankground Monthly“ nennt. Sie sucht den Forscher, wendet sich aber an den Leiter der Station Corwin Brayt, einen Verwalter. Erst als sie ihren Irrtum erkennt, setzt sie sich mit Mals Forschung auseinander. Während sie weg ist, um Recherchen anzustellen, gelingt Mal der Durchbruch in der Verständigung mit zwei wilden Delfinen, die er Castor und Pollux getauft hat.
Als sie zurückkehrt, erklärt sie ihm, dass, obwohl die Station geschlossen wird, seine Arbeit nicht umsonst war. Er allein hat bewiesen, dass die Menschheit in der Lage ist, friedlichen Kontakt zu einer fremden Spezies aufzubauen. Aber aus einem ganz bestimmten Grund könne sie ihm nicht sagen, warum sie Mals Liebe nicht erwidern kann. Dann schwimmt sie hinaus mit den Delfinen, weit hinaus …
Ein Geschichte von Dickson zu lesen, ist immer ein besonderes Erlebnis, so auch diesmal. Die Story liest sich wie der Beginn eines wunderschönen Romans und könnte immer weitergehen. Und auf fatale Weise erinnert sie mich an die Grundidee des Kinofilms „Star Trek 4“, in dem ein Alien nach Walen ruft – nur dass diese in der irdischen Zukunft längst ausgerottet sind. Aber warum ruft es ausgerechnet die Wale? Weil diese – nach Auffassung bestimmter Forscher – möglicherweise intelligenter und vor allem friedliebender sind als der homo sapiens. Der Ruf nach den Walen ist also zugleich ein soziologischer Test – genau wie in Dicksons Story.
Von wegen „langsam“! Die Nacht vergeht mit affenartiger Geschwindigkeit. Deshalb kann von so etwas wie einer zusammenhängenden Handlung keine Rede sein: Es passiert einfach zu viel. Der Bettler Basil Bagelbaker leiht sich tausend Dollar und gründet damit binnen Minuten ein Vermögen, aus dem er seine Schulden sofort zurückzahlt. Diese Gelegenheit, einen Reichen zu heiraten, ergreift Signora Ildefonsa Impala sofort beim Schopf – die Flitterwochen sind aber schon nach einer Stunde vorbei, und das Bagatellgericht scheidet die beiden in Nullkommanix. Schließlich warten noch andere Männer darauf, geheiratet zu werden. Die Nacht ist kurz.
Man wird sich fragen, wie es zu dieser Zukunft kommen konnte. Grund scheint die Abebaios-Barriere gewesen zu sein oder vielmehr deren Entfernung aus dem menschlichen Geist. Die Operation erfolgt bereits im Kindesalter und danach spezialisiert sich der befreite Bürger auf eine Tageszeit: vormittags (Auroreer), nachts (Nyktalopen wie Ildefonsa und Bagelbaker) oder nachmittags (Hemerobier).
Die Story sprüht vor witzigen Einfällen, aber wer sie wörtlich nehmen würde, wäre natürlich schwer auf dem Holzweg. Alles ist metaphorisch gemeint. Würde man die Geschehnisse dieser speziellen Dienstagnacht auf unsere Zeit übertragen, so würden mehrere Dekaden vielleicht gerade noch ausreichen. Der verblüffende Trick besteht also lediglich in enormer Komprimierung dessen, was in der Upper Class der US-Gesellschaft gang und gäbe ist. Nur entsteht durch die Kompression ein komischer Effekt, wie er im Stummfilm, als die Bilder schneller als heute abliefen, zu beobachten ist: Aus der Beschleunigung entsteht a) Komik und b) Lächerlichkeit.
Diese Darstellung sozialer Vorgänge wird dadurch zugänglich für Kritik: Wozu soll all diese Hektik gut sein, fragt sich der gesunde Menschenverstand. Die Kritik ist durchaus angebracht, denn die Geschichte wird durch diese „langsame Dienstagnacht“ keineswegs vorangebracht, der Mensch nicht weiser, sondern nur verbrauchter. Aber dann sollten Sie mal die Auroreer am Mittwochmorgen sehen – die machen vielleicht Action!
|Frederik Pohl: Tag Million| (Day million, 1966)
Das Thema dieser Story ist einfach: Liebe zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau. Der Unterschied: Der Mann – nennen wir ihn Don, von aDONis – ist schon über hundert Jahre alt, weil er ständig durch den Raum fliegt, und zwar mit annähernder Lichtgeschwindigkeit oder sogar schneller. Und das Mädchen – nennen wir sie Dora, von S Doradus – lebt in der Tiefsee, woran sie optimal angepasst ist. Man merkt schon, dies ist nicht unsere Gegenwart. Nein, dies ist der Tag Million, also in etwa siebenhundert Jahren. (Wir leben heute ungefähr 730.000 Tage nach Christus.)
Ach ja, fast hätte ich es vergessen: die Liebe. Don und Dora heiraten, indem sie ihre Identitätsaufzeichnungen austauschen. Danach gehen sie auseinander, können aber jederzeit auf die Aufzeichnungen zurückgreifen – was sicherlich viel befriedigender sein dürfte, als ständig vom jeweils anderen getrennt leben zu müssen. Und wem das komisch vorkommt, der denke mal daran, was Attila oder Dschingis-Khan über unsere Televisions- und Internet-Gegenwart denken würden …
Dies ist wohl die berühmteste Story von Fred Pohl. Sie erschien 1966 im Magazin „Rogue“. Da es sich dabei um ein Herrenmagazin gehandelt haben dürfte, passt die Thematik „Liebe in der Zukunft“ sehr gut dazu.
|Philip K. Dick: Mr. Quails Erinnerungen| (We can remember it for you wholesale, 1966)
Die Handlung verläuft ein wenig anders als in der von Paul Verhoeven inszenierten Action-Brutalo-Oper „Total Recall“ mit Arnold Schwarzenegger als Douglas Quail. Quail wünschte sich in der reglementierten Realität der Erde schon immer, einen aufregenden Job zu haben, zum Beispiel auf dem Mars. Seine bodenständige Frau Kirsten spottet ihn aus.
Und so geht Dougie zur Memoria GmbH (von „memory“: Erinnerung). Dort erhebt sich die Frage: Verfügt Douglas Quail über vom Militärgeheimdienst implantierte Erinnerungen, ein Agent auf dem Mars zu sein, oder ist er wirklich einer? In jedem Fall ist die Antwort sowohl interessant als auch verblüffend. Das Ersatzprogramm erweist sich als Desaster …
Die Story, die der Verfilmung „Total Recall“ als Inspiration diente, ist eine Extrapolation der Gehirnwäsche, die das Militär und dessen Geheimdienst an seinen Mitgliedern vornehmen könnte. (Nix Genaues weiß man nicht.) In die gleiche Kerbe schlug übrigens 1968 John Brunner mit seinem Mega-SF-Roman [„Morgenwelt“ 1274 („Stand On Zanzibar“), in dem ein harmloser Knowledge Worker, Donald Hogan, vom Militär zu einem paranoiden Superkiller umgekrempelt wird.
Der Name der Agentur, welche die Erinnerungsimplantate einpflanzt, wechselt von Übersetzung zu Übersetzung: mal ist es die Endsinn AG, dann die Rekal AG, hier ist es die Memoria GmbH. Ich finde den Namen eindeutig und deshalb gelungener als etwa Rekal (vom englischen „to recall“ = sich erinnern) oder das gezwungene Endsinn (von entsinnen).
_Unterm Strich_
Zusammen mit der Historie „Der Milliarden-Jahre-Traum“ von Brian W. Aldiss kann der SF-Neuling mit der Reihe „Wege zur Science Fiction“ einen Überblick über die Entwicklung seines Lieblings-Genres von den Anfängen (Gilgamesch-Epos) bis in die siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhundert erwerben. Die zwei abschließenden Bände, die sich mit der europäischen Phantastik befassen, sind leider bis heute nicht erschienen.
Der vorliegende Band enthält eine ganze Reihe absolut klassischer Erzählungen, so etwa von Pohl, Dick und Aldiss. Es sind aber auch einige recht unbekannte Erzählungen weniger bekannter Autoren wie Clement oder Dickson darin aufgenommen worden, die es lohnen, sich mit ihnen näher zu beschäftigen – und damit sind sowohl die Story als auch ihr jeweiliger Autor gemeint.
|Frauenmangel|
Was in Zeiten politischer Korrektheit auffällt, ist der eklatante Mangel an weiblichen Autoren. Dazu ist anzumerken, dass wirklich gute Autorinnen einerseits in den vierziger Jahren (C.L. Moore und Leigh Brackett) oder erst in der zweiten Hälfte der sechziger Jahren publizierten, so etwa Ursula K. Le Guin und Joanna Russ. Dieser Band deckt also eine Zeit genau dazwischen ab. Wer eine Anthologie mit Frauen-SF-Storys sucht, der greife zu Pamela Sargents ausgezeichneter Reihe „Women of Wonder“ (USA).
|Originaltitel: The road to science fiction 3, Teil 2, 1979
Aus dem Englischen von Mary Hammer, Charlotte Winheller, Michael K. Iwoleit, Wulf H. Bergner, Walter Brumm|
Eine erstklassige Sammlung von Stories, die Alice Sheldon da unter ihrem Autorenpseudonym James Tiptree jr. da ablieferte. Viele davon wurden mit Preisen ausgezeichnet, so etwa „Die Goldfliegen-Lösung“.
Inhalt
„Angel Fix“ (1974, as Sheldon)
„Beaver Tears“ (1976, as Sheldon)
„Eure Gesichter, meine Schwestern! / Your Faces, O My Sisters! Your Faces Filled of Light!“ (1976, as Sheldon)
„Die Goldfliegen-Lösung / The Screwfly Solution“ (winner of the Nebula Award for novelette in 1978) (1977, as Sheldon)
„Time-Sharing Angel“ (1977)
„We Who Stole the Dream“ (1978)
„Sphärenklänge / Slow Music“ (1980)
„A Source of Innocent Merriment“ (1980)
„Aus dem Überall / Out of the Everywhere“ (1981, Gewinner des Seiun Award, 2000)
„With Delicate Mad Hands“ (1981, Gewinner des Hayakawa Award, 1993)
Im Jahr 2114 sind Kriege und Hungersnöte vom Antlitz der Erde verschwunden, Frieden und Wohlstand sind die Regel – mehr noch: Sie sind Pflicht. Es gibt Mittel, dafür zu sorgen, dass jedermann zufrieden ist. Allen Purcell hat besonderen Grund, zufrieden zu sein, ist glücklich und erfolgreich.
Doch eines Tages wird die Statue von Major Jules Streiter, dem Vater dieses Wohlstands, geschändet. Die Jagd auf den Systemfeind beginnt. Allen Purcell macht sich Sorgen. Könnte sein Unterbewusstsein dafür gesorgt haben, dass er, Purcell, diese abscheuliche Tat beging? Doch warum und wozu?
_Der Autor_
Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als [„Eine andere Welt“ 198 bei |Heyne|) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon.
Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967. Ab 1977 erlebte einen ungeheuren Kreativitätsschub, der sich in der VALIS-Trilogie (1981, dt. bei |Heyne|) sowie umfangreichen Notizen (deutsch als „Auf der Suche nach VALIS“ in der |Edition Phantasia|) niederschlug.
Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu [„Blade Runner“ 1663 umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck spielte in einem Thriller namens „Paycheck“ die Hauptfigur, der auf einer gleichnamigen Dick-Story beruht. Als nächste Verfilmung kommt „A scanner darkly“ (Der dunkle Schirm) in unsere Kinos, möglicherweise noch in diesem Jahr.
_Handlung_
Im Jahr 1972 hat der Atomkrieg mit Japan stattgefunden. Dabei wurde das Kaiserreich radioaktiv verseucht, aber auch die USA mussten schwere Verluste hinnehmen: Noch 130 Jahre später fahren die Autos mit Dampf. Deshalb organisierte Major Jules Streiter 1985 die Moralische Restauration, kurz MoRes genannt (im Original MoRec, von Moral Reclamation). Sie schaltete alle Volksgenossen gleich, stellte eine militärische Organisation auf – die „Kohorten“ – , schuf mechanische Spitzel (die „Pimpfe“) und errichtete als Propagandaministerium die Telemedia, kurz T-M genannt. Alle Unangepassten und geistig Verwirrten landeten in der „Zuflucht“, wo man sie psychiatrisch behandelt: einer anderen Welt weit weg von der Erde.
Myron Mavis ist im Jahr 2114 der Chef der T-M, und für Agenturchef Alan Purcell ist er der wichtigste Kunde. Purcells kreative Forschungsagentur erarbeitet Konzepte für Sendungen und Kampagnen seit zwei Jahren, und bislang konnte sich die T-M auf die Qualität verlassen. Beim neuesten Konzept kommen jedoch Zweifel auf, ob es mit den strikten ideologischen Vorgaben der MoRes in Einklang steht. Doch Sue Frost, eine führende Angestellte der T-M, sieht das Potenzial und schlägt sogar Purcell als Nachfolger des gesundheitlichen angeschlagenen Mavis vor. Purcell erbittet sich Bedenkzeit, denn etwas Wichtiges ist passiert.
Am 8. Oktober erscheint nämlich ein Zeitungsartikel, der berichtet, dass die bekannte Statue von Major Jules Streiter, die im Park von Newer York steht, geschändet wurde. Seiner Frau Janet beichtet Alan, dass er der Täter war. Aber er könne sich einfach nicht daran erinnern, was er mit der Statue angestellt habe, geschweige denn, aus welchem Grund er so etwas Systemfeindliches getan haben könnte. Janet hat die roten Farbspritzer und das Gras auf seinen Schuhen gesehen und weiß bereits Bescheid. Die Sache bringt sie seelisch aus dem Gleichgewicht, aber ein paar Beruhigungspillen schaffen da Abhilfe.
Purcell geht in den Park, um herauszufinden, was passiert ist. Dort trifft er eine junge Frau, die es ihm erklärt: Jemand hat der Statue den Kopf abgesägt und alles rot angestrichen, dann hat derjenige das Bein so erhitzt, dass das Plastik schmolz und das Bein einknickte. Nachdem er den Kopf in die ausgestreckte Hand des Visionärs gelegt hatte, sah es so aus, als wolle Streiter seinen eigenen Kopf wegkicken. Kein Wunder, dass die ersten Zuschauer über diesen Anblick gelacht haben, aber jetzt verstellt eine Verschalung den Blick auf die Statue.
Sie fragt Purcell, ob er Hilfe benötige. Als er bejaht, gibt sie ihm einen Zettel mit ihrem Namen: Gretchen Malparto. Aber ihre Adresse ist der brisante Teil: Sie kommt aus dem weggesperrten Teil des Systems. Sie kommt aus „Zuflucht“, der Anderen Welt, wo Psychiater sich um die Bewohner kümmern. Der Psychiater, den er auf der Erde besucht, stellt sich als ihr Bruder heraus. Er ist ganz versessen darauf, bei Purcell eine verborgene parapsychische Fähigkeit festzustellen. Doch wie ihm Gretchen sehr viel später erklärt, verfügt Purcell als einzige „psionische“ Fähigkeit über etwas Außergewöhnliches: einen Sinn für Humor.
Wie außergewöhnlich gut entwickelt Purcells Sinn für Humor, erweist sich, als er der bereits am ersten Tag in Ungnade gefallene Direktor der Telemedia wird. Er holt aus Hokkaido zwei alte Freunde, gräbt ein paar Fakten über Major Streiter aus und fabriziert eine Satiresendung, die es in sich hat. Was mag wohl „Aktive Assimilation“ sein, fragen sich die braven Bürger der MoRes-Kultur.
_Mein Eindruck_
Es ist schon interessant, dass ich zuerst dachte, dieser Roman stamme aus Dicks schlechtester Schaffensphase Mitte der sechziger Jahre. Der Grund dafür ist der, dass die Story die gleiche typische Zweiteilung wie jene Romane aufweist (z. B. in „Die rebellischen Roboter“). Auf den ersten hundert Seiten langweilte mich der Autor mit einer schrecklich drögen Story über einen Mann, der bislang brav die Arbeit des Propagandaministeriums unterstützt hat, aber nur eine schier unglaubliche Tat aus seinem Unterbewusstsein heraus begeht, für die er keine Erklärung hat.
|Der radikale Bruch|
Erst um die Seite 100 herum ereignet sich der für Dick so typische Bruch mit der bisherigen Realität, und der Held findet sich in einem Traumland wieder, das eine fatale Ähnlichkeit mit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat. Und potztausend: Die Bewohnerin seines Traumhauses behauptet, sie sei seine, Johnnys, Frau – es ist Gretchen Malparto! Von nun an geht es in der Handlung drunter und drüber. Ich hatte den Eindruck, mich in einer von A.E. van Vogts Abenteuergeschichten zu befinden, in der sich die Handlung quasi im Zickzackkurs vorwärtsbewegt. Dass Dick seinen Kollegen van Vogt kannte, ist belegt und auch, dass der ältere Meister aus dem Stall von John W. Campbell seinem jüngeren Azubi ein paar Tricks beibrachte.
Daher weist die zweite Hälfte des Romans eine wesentlich höhere Spannung als die erste auf. Und auch jede Menge Ironie schimmert hindurch. Die verlogenen Exponenten der MoRes nämlich bekommen ihr Fett ebenso weg wie die braven Bürger im Allgemeinen. Eine der spannendsten Szenen ist jene, die wie einer jener Volksprozesse unter Stalin in den dreißiger Jahren abläuft.
|Schauprozesse|
Auch an die Nazis erinnert die Szene, in der der weibliche Blockwart Mrs. Birmingham Berichte der Schnüffler vorliest und Anklage gegen den Bürger Alan Purcell erhebt: wegen „anstößigen Treibens“ mit einer Frau, die nicht seine eigene sei (gemeint ist Gretchen, die Alan in seinem Telemedia-Büro geküsst hat). Die Inquisition hatte wenigstens den Vorteil physischer Folter, aber die Strafe, die Purcell verpasst bekommt, ist auch nicht von Pappe: Sein Mietvertrag wird für ungültig erklärt. Das kommt einer Exkommunikation gleich.
Am Schluss hätte er die Chance, mit Mavis auf eine andere Welt auszuwandern. Aber etwas bringt ihn dazu, seinen Entschluss zu überdenken. Er will nicht davonlaufen, sondern für seine Taten einstehen. Ob er damit das Regime der MoRes stürzen kann, ist zu bezweifeln, aber wenigstens stellt er sich seiner Verantwortung.
|Ein gemeiner Vorschlag|
Die Satiresendung, die er über den Sender von Telemedia verbreitet hat, bevor man ihm den Saft abdrehte, erinnert einerseits an Kubricks „Dr. Seltsam“, andererseits ist die Idee aber von Jonathan Swift geklaut. In Swifts Satire „A modest proposal“ aus dem Jahr 1729 schlug Swift vor, die Probleme der Armut, des Hungers und der Überbevölkerung in Irland (wo er Prediger war) auf einen Schlag dadurch zu beheben, dass man die Kinder als Essen für die Armen verwendet.
Purcell unterstellt, dass Major Streiter nach dem Atomkrieg seine Anhänger nur ernähren konnte, weil er die Feinde gefangen nahm und sie an seine Freunde und seine Familie verfütterte. Purcell (also Dick) verfährt bei dieser Darstellung exakt nach Swifts Vorbild. Er nimmt eine absurde Vorstellung und präsentiert sie auf absolut ernst zu nehmende Weise. Dazu hat er seine Angestellten und die Freunde aus Hokkaido ins Sendestudio eingeladen und gibt sie als Kapazitäten auf dem Gebiet der Geschichtsforschung usw. aus.
Die Vorstellung, Major Streiter, der Vater des Vaterlandes, könne Menschen gegessen haben, untergräbt natürlich dessen moralische Autorität aufs Schärfste. Dass dies nur bildlich zu verstehen ist, braucht Purcell nicht klar zu machen: Es würde sowieso niemand außer seinen Freunden verstehen, die immerhin James Joyces „Ulysses“ gelesen haben.
Dass Dick Swifts Idee geklaut und seinem Zweck angewandelt hat, sollte man ihm allerdings nur bedingt vorwerfen. Viele andere Autoren sind ähnlich verfahren. Die Frage ist, ob es funktioniert. Und es funktioniert ganz hervorragend, solange man die Ironie versteht, die dahintersteckt. Nähme man die Sendung – wie Mrs. Birmingham – für bare Münze, erlitte man wohl den Schock seines Lebens.
|Der sinnliche Mr. Dick|
Gretchen Malparto (= der schlechte Teil?) ist das verführerische „dunkelhaarige Mädchen“, das zu Phil Dicks lebenslanger Obsession wurde. Meist erscheint diese Verkörperung der Großen Mutter als ein aktives Frauenzimmer, das den männlichen Helden verführt und ihn dann mehr oder weniger verrät. Selbstredend lässt sie ihre beträchtlichen weiblichen Reize spielen, und so verwundert es nicht, dass Purcell, der Held, ständig von Brüsten und Busen umgeben zu sein scheint.
Ja, an einer Stelle stößt er im Chicago der fünfziger Jahre – also in der Anderen Welt – sogar auf eine junge Frau, die splitternackt in ihrem Garten sonnenbadet, aber Purcell gerne den Weg zeigt. Er muss sich vorkommen wie im Garten Eden vor dem Sündenfall, und definitiv geht Mr. Dick hier die sinnliche Phantasie durch.
_Unterm Strich_
Ein zweigeteilter Roman – wie ist der wohl zu bewerten? Soll man als Maßstab die besten Romane Dicks heranziehen, wie Lawrence Sutin es tut? Dann erhielte dieser Roman nur zwei von zehn möglichen Punkten. Oder sollte man ihn an den besten SF-Romanen jener Zeit messen? Das waren nämlich äußerst wenige, so etwa „Lobgesang auf Leibowitz“ (1959) von Walter M. Miller. Dann erhielte „Der heimliche Rebell“ gerade mal noch fünf von zehn Punkten und zwar vor allem für die einfallsreiche Darstellung des moralisch-totalitären Regimes der heiligen MoRes. Und dafür, dass ich mich im zweiten Teil köstlich amüsiert habe.
|Originaltitel: The Man Who Japed, 1956
Aus dem US-Englischen übertragen von Karl-Ulrich Burgdorf|
In einer fernen Zukunft, irgendwo auf von Menschen besiedelten Welten, ist die Wissenschaft so weit fortgeschritten, dass sie nach einer Weile nicht mehr von Magie zu unterscheiden ist – gemäß dem Clarke’schen Axiom, das genau dies besagt. An diesen Orten hat die Menschheit andere gesellschaftliche Verhaltensweisen entwickelt, um zu überleben. Von Menschen und Drachen und von Drachen und Menschen berichten Vances abenteuerliche Erzählungen. Jack Vance – Drachenbrut. Vier Romane weiterlesen →
Zusammen mit ein paar Freunden schlendert Zero durch das nächtliche New York. Sie gehen in eine neue Disco, die keinen Eintritt kostet, sogar die Getränke sind frei. Sie lachen, sie tanzen. Dann entdecken sie, dass sie nicht mehr hinaus können, eine Art Hotel California: Die vermeintliche Discothek ist eine Falle. Sie erwachen an einem unbekannten Ort voller Raubtiere, alptraumhafter Parasiten, Gestaltveränderer und Ungeheuer. In einer Welt voller Schmerzen suchen sie Zuflucht – und die Wahrheit! (Verlagsinfo)
Steward ist ein Beta, der Klon eines Eisfalken, wie die Angehörigen eines Elitekorps des Sicherheitsdienstes genannt werden, und er ist ein ausgebildeter Einzelkämpfer. Steward forscht nach dem Verbleib seines Alpha, der bei einem Spezialauftrag in dem Asteroiden Vesta auf mysteriöse Weise verschwunden ist. (Verlagsinfo)
Von dem Amerikaner Donald Barthelme (1931-1989) sind bei Klett-Cotta schon einige Storybände wie „Amatöre“, „Der Kopfsprung“ und „Über Nacht zu vielen fernen Städten“ erschienen – da wurde es wohl langsam Zeit für einen Roman. Hier ist er endlich. Das Thema: „Kann ein Mann eine Art Paradies für sich selbst erschaffen, und wenn ja, wo und mit wem?“ Schauplatz ist immerhin New York City.
Das Jahr 2040, San Francisco. Die experimentelle Nano-Droge Nexus ermöglicht es Menschen, sich von Bewusstsein zu Bewusstsein auszutauschen. Es gibt aber einige Neurowissenschaftler, die Nexus verbessern wollen. Und es gibt Behörden wie das Heimatschutzministerium (DHS), die Nexus auslöschen wollen. Und es gibt welche, die Nexus für ihre eigenen Zwecke ausbeuten wollen.
Als der junge Neurowissenschaftler Kaden Lane von der DHS-Agentin Samantha Cataranes erwischt wird, wie er Nexus 5 auf einer illegalen Party verteilt und verwenden lässt, verhaftet sie ihn. Kadens einziger Ausweg, um die Leben und Karrieren seiner Freunde zu retten: völlige Kooperation und Übergabe aller Nexus-5-Materialien. Kaden sieht nur einen Ausweg: Er macht den Quellcode von Nexus 5 v0.7 öffentlich zugänglich.
Sechs Monate später kündigt der US-Präsident seinen Kampagne gegen den Transhumanismus an, d.h. gegen Mittel wie Nexus-5. Denn Nexus 5 ist bereits in über 10 Mio. Menschen implementiert. Kinder werden bereits mit Nexus geboren. Der Präsident wird schon in der Pressekonferenz das Ziel eines Anschlags der Posthumanen Befreiungsfront (PLF) und überlebt nur um Haaresbreite. Kaden Lane wird klar, dass es einen neuen Akteur im Machtspiel geben muss. Aber wie kann er die PLF-Terroristen aufspüren und stoppen, wenn ihn gerade die Kopfgeldjäger des Präsidenten zur Strecke bringen wollen? Ramez Naam – Crux. Upgrade (Nexus-Trilogie 2) weiterlesen →
(Relativ) optimistischer Neuanfang nach dem Weltuntergang
Was geschieht, wenn die Bombe fällt, wenn ein weltweiter Nuklearkrieg unsere Städte dem Erdboden gleichmacht? Bedeutet dies das Ende – oder geht es danach weiter, anders, vielleicht sogar besser? Nur Philip K. Dick weiß es. Und erzählt es in dieser ungekürzten Neuübersetzung. Dick, Philip K. – Nach der Bombe weiterlesen →
Die Botschaft scheint einfach: Don Harvey soll die Erde verlassen und zu seinen Eltern auf den Mars fliegen. Man sagt ihm, sein Leben hinge davon ab. Doch stellt sich die Ausführung dieses Auftrags als schwierig, ja geradezu lebensgefährlich heraus. Aus unerfindlichen Gründen ist die Geheimpolizei der Erde hinter Don her. Als der Krieg mit der Venusrepublik ausbricht und die venusianischen Rebellen ihn entführen, erkennt er, dass er sich mitten in einem Krieg der Planeten befindet. Ob er seine Eltern jemals wiedersehen wird? (abgewandelte Verlagsinfo)
_Der Autor_
Robert Anson Heinlein (1907-1988) wird in den USA vielfach als Autorenlegende dargestellt, sozusagen der „Vater der modernen Science-Fiction“. Allerdings begann er bereits 1939, die ersten Storys im Science-Fiction-Umfeld zu veröffentlichen. Wie modern kann er also sein?
Wie auch immer: Heinleins beste Werke entstanden zwischen 1949 und 1959, als er für den |Scribner|-Verlag (bei dem auch Stephen King veröffentlicht) eine ganze Reihe von Jugendromanen veröffentlichte, die wirklich lesbar, unterhaltsam und spannend sind. Am vergnüglichsten ist dabei „The Star Beast / Die Sternenbestie“ (1954). Auch diese Romane wurden vielfach zensiert und von |Scribner| gekürzt, so etwa „Red Planet: A Colonial Boy on Mars“ (1949/1989).
Allerdings drang immer mehr Gedankengut des Kalten Krieges in seine Themen ein. Dies gipfelte meiner Ansicht nach in dem militärischen Roman „Starship Troopers“ von 1959. Im Gegensatz zum Film handelt es sich bei Heinleins Roman keineswegs um einen Actionknaller, sondern um eine ziemlich trockene Angelegenheit. Heinlein verbreitete hier erstmals ungehindert seine militaristischen und antidemokratischen Ansichten, die sich keineswegs mit jenen der jeweiligen Regierung decken müssen.
Mit dem dicken Roman „Stranger in a strange land“ (1961/1990), der einfach nur die Mowgli-Story auf mystisch-fantastische Weise verarbeitet, errang Heinlein endlich auch an den Unis seines Landes Kultstatus, nicht nur wegen der Sexszenen, sondern weil hier mit Jubal Harshaw ein Alter Ego des Autors auftritt, der als Vaterfigur intelligent und kühn klingende Sprüche von sich gibt. „Stranger“ soll Charles Manson zu seinen Morden 1967 im Haus von Sharon Tate motiviert haben. Sharon Tate war die Gattin von Regisseur Roman Polanski und zu diesem Zeitpunkt schwanger.
Als eloquenter Klugscheißer tritt Heinlein noch mehrmals in seinen Büchern auf. Schon die nachfolgenden Romane sind nicht mehr so dolle, so etwa das völlig überbezahlte „The Number of the Beast“ (1980). Einzige Ausnahmen sind „The moon is a harsh mistress“ (1966, HUGO), in dem der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg auf dem Mond stattfindet, und „Friday“ (1982), in dem eine weibliche und nicht ganz menschliche Agentin ihre Weisheiten vertreibt.
Größtes Lob hat sich Heinlein mit seiner Future History (1967) verdient, die er seit den Vierzigern in Form von Storys, Novellen und Romanen („Methuselah’s Children“, ab 1941-1958) schrieb. Dieses Modell wurde vielfach kopiert, so etwa von seinem Konkurrenten Isaac Asimov.
Heinleins Werk lässt sich sehr einfach aufteilen. In der ersten Phase verarbeitet er auf anschauliche und lebhafte Weise physikalische und soziologische Fakten, die zweite Phase ab 1947 wurde bis 1958 mit Jugendromanen bestritten, die ebenfalls sehr lesbar sind. Die dritte Phase beginnt etwa ab 1959/1960 und ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass, wie ein Kenner anmerkte, Heinlein Meinungen als Fakten ausgibt. Daher lesen sich diese überlangen Schinken wie Vorlesungen und Traktate statt eine gute Geschichte zu erzählen.
Hinzukommt, dass Heinlein rekursiv wird: Er klaut bei sich selbst und besucht, etwa in „Die Zahl des Tiers“ (1980), die Universen seiner Zunftkollegen – hier wird die Science-Fiction inzestuös. Das mag für eingefleischte SF-Fans ganz nett sein, die ihre Insider-Gags sicherlich genießen, doch für Outsider ist es einfach nur langweilig zu lesen.
|Robert A. Heinlein auf Buchwurm.info:|
[„Fremder in einer fremden Welt“ 43
[„Starship Troopers – Sternenkrieger“ 495
[„Zwischen den Planeten“ 663
[„Reiseziel: Mond“ 768
[„Der Marionettenspieler“ 2625
[„Gestrandet im Sternenreich“ 3808
_Handlung_
Don Harvey ist etwa 18 Jahre alt und reitet durch New Mexico, als ihn die Nachricht erreicht. Ein Telegramm, das sein Eltern, die auf dem Mars leben, geschickt haben, beruft ihn aus seiner Schule ab und zu ihnen. Sie nennen ihm den Grund nicht, aber er solle sich beeilen. Don verschenkt sein Pferd und nimmt nur das Nötigste mit. Auf Bitten seiner Eltern besucht er vor dem Start mit der Rakete „Glory Road“ seinen „Onkel“ Dudley Jefferson in New Chicago.
|New Chicago|
Dr. Jefferson ist ein Gelehrter mit einer riesigen Bibliothek und zeigt Don die Stadt. Als sie ein Varieté besuchen, bemerkt Don zu seiner Verwunderung, dass sie von einem Sicherheitspolizisten des IBI beobachtet werden, den er schon auf dem Raumflughafen gesehen hat. Wird er etwa beschattet? Dr. Jefferson weiß Rat. Als es einen Probealarm gibt und die Lichter ausgehen, schlüpft er mit Don zur Hintertür hinaus und entkommt in die Tunnels, die zu seinem Haus führen. Offenbar sind überall Überwachungskameras angebracht, und natürlich werden auch die Taxis vom IBI überwacht.
Doch in Jeffersons Haus warten die IBI-Agenten bereits. Während Don sich ins Unvermeidliche fügt, wird Jefferson verhört und abgeführt. Später erfährt Don, dass er gestorben sei. Doch worin bestand das Verbrechen dieses freundlichen Mannes? Er war einfach nur von fragwürdiger Loyalität, meint der IBI-Lieutenant, der nun Dons Verhör übernimmt. Don wehrt sich vergeblich gegen diese entwürdigende Behandlung und erzählt dem Agenten fast alles. Allerdings sagt er nichts von dem Päckchen, das ihm Jefferson nach New Mexico geschickt hat.
Das IBI lässt ihn wieder laufen, was Don in Erstaunen versetzt. Das Päckchen kann er nun in seinem Hotel in Empfang nehmen: Es enthält einen Ring und ein weißes Blatt Papier. Das Papier, das vielleicht Geheimschrift enthält, beschreibt er mit einem netten Brief an die Eltern und den Ring versteckt er. Daran hat er gut getan, denn am Raumflughafen filzt ihn das IBI noch einmal. Von dem Brief sieht er nie wieder etwas. Endlich darf er an Bord der „Glory Road“, die ihn zur Raumstation Circum-Terra bringt. Dort soll er das Interplanetare Raumschiff „Valkyrie“ besteigen, das ihn zum Mars bringen soll.
Passagiere von allen besiedelten Welten des Sonnensystems gehen an Bord der „Glory Road“. Darunter ist auch ein Drache, der von der Venus stammt. Die Ureinwohner sind Don vertraut, denn er wuchs auf der Venus auf, und er kann ihre „wahre Sprache“ pfeifen. Der Drache, der sich als „Sir Isaac Newton“ vorstellt, kann sich mit Hilfe einer Sprachbox verständlich machen. Auf dieser kurzen Reise findet Don Gelegenheit, mit Sir Isaac zu plaudern und ihm sogar das Leben zu retten. Don ahnt nicht, dass der Drache in direkter Linie von ersten Ei abstammt und auf der Venus über immensen Einfluss verfügt.
|Circum-Terra|
Die Raumstation wird von Rebellenstreitkräften der Venusrepublik erobert. Sofort werden die Passagiere an Bord selektiert, doch Don kann gerade noch verhindern, dass er wieder zurück zur Erde geschickt wird. Stattdessen darf er mit dem Drachen, der ein anderes Schiff besteigt, zur Venus. Das rettet ihm das Leben, denn die Rebellen sprengen die Raumstation. Da diese mit Atomraketen bestückt ist, gibt es eine enorme Explosion. Die Rebellen hätten damit die Erde angreifen können, taten es aber aus humanitären Gründen nicht. Sie hoffen, die Erd-Föderation werde jetzt alle Hände voll zu tun haben, die Aufstände auf der Erde niederzuschlagen. Dadurch hätte sie keine Zeit, eine Strafexpedition zur Venus zu schicken. Falsch gedacht!
|Die Venus|
Seine Föderationsgelder sind auf der Venus, die sich für unabhängig erklärt hat, nichts mehr wert, höchstens auf dem Schwarzmarkt. Zwielichtige Subjekte hätten gerne sein Geld, aber auch seinen Ring, und so gibt Don beides in die Obhut von Isobel Costello, der Tochter eines Bankdirektors. Sie erweist sich als sehr vertrauenswürdig. Und hübsch ist sie auch. Aber der Kurs, den Mr. Costello anbieten kann, ist sehr ungünstig (und ein Telegramm zum Mars kann er auch nicht schicken), daher muss Don als Tellerwäscher arbeiten.
Wochen vergehen, und die politische Lage spitzt sich zu. Wird die Erde angreifen? Don lauscht den Streitgesprächen in der Imbisstube, und es sieht so aus, als würde die Venus mobil machen. Falls das passiert, will er sich zur Raumflotte, der Hohen Garde, melden, denn dann hat er die beste Chance, es bis zum Mars zu schaffen. Dummerweise denken das alle anderen Männer ebenfalls, und als sich Don meldet, sind alle Raumposten vergeben. Zu den Plattfüßen von der Infanterie will er nicht.
|Die Erde greift an|
Die venusianischen Raumschiffe werden noch in der Kreisbahn über dem Planeten abgeschossen. Dann landen die Terraner mit ihren Föderationssoldaten. Sie stecken New London, die Stadt am Raumhafen, in Brand. Don überlebt zwar, wird aber gefangen genommen. Schon wieder fragt man ihn nach dem Ring, als wäre der das kostbarste Objekt im Universum, dabei ist er bloß aus Plastik. Er verrät Isobel Costello natürlich nicht, sondern sieht zu, dass er aus dem Gefangenenlager entkommt.
In den Sümpfen der Venus kann er den Verfolgern entkommen. Nun muss er Sir Isaac finden und von Isobel den Ring zurückholen. Doch bevor es so weit ist, muss er noch viel mehr darüber erfahren, warum er selbst eigentlich so wichtig ist.
_Mein Eindruck_
Im Jahr 1947 begann Heinlein für den Verlag |Scribner’s| eine Reihe von Zukunftsromanen für Jugendliche zu schreiben, die allesamt sehr lesbar sind. Die Reihe, die 1959 mit dem unsäglichen „Starship Troopers“ und seinem Weggang von |Scribner’s| endete, begann 1947 mit „Rocketship Galileo“, das auch prompt verfilmt wurde. Es folgten 1948 „Space Cadet“, 1949 „Red Planet“ (Text 1989 wiederhergestellt) und 1950 „Farmer in the Sky“ („Farmer im All“, ebenfalls gekürzt). Als Heinlein 1951 „Between Planets“ veröffentlichte, war er schon ein alter Hase in diesem Metier und leistete bahnbrechende Arbeit für nachfolgende Autoren wie Asimov („Lucky Starr“-Serie) und John Christopher ([„Tripods“-Serie). 3727
So manchen heutigen Leser mag es vielleicht verwundern, wieso ein Jugendbuch vom Krieg zwischen Welten handelt. Doch die damaligen Leser hatten wohl alle schon H. G. Wells‘ Klassiker [„Krieg der Welten“ 1475 gelesen. Außerdem hatten viele gerade erst einen Weltkrieg überstanden und wussten ziemlich genau, was ein Krieg bedeutet: ständige Verfolgung und Bedrohung, vielleicht Gefangennahme, von Zerstörung und dem Verlust von Menschenleben ganz zu schweigen.
|Gedankenpolizei|
Ein Krieg bringt auch die Angst vor dem Feind im Inneren mit sich. Das mussten beispielsweise die japanischstämmigen Amerikaner am eigenen Leib erfahren, die einfach aus ihren Häusern entführt und in Internierungslager irgendwo in Kalifornien gesteckt wurden. Guttersons verfilmter Roman „Schnee, der auf Zedern fällt“ erzählt davon auf bewegende Weise. Die Frage der Loyalität wird hier vielfach gestellt, und so geschieht es auch in „Zwischen den Planeten“.
Donald Harvey muss sich mehrfach einer Loyalitätsprüfung unterziehen. Das erinnert nicht von ungefähr an die Furcht der Amerikaner vor dem Kommunismus und an Senator McCarthys „Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten“. Wo Don auch hinkommt, ständig wird er verhört, als habe er etwas Falsches getan. Das Einzige, womit die Prüfer nicht rechnen, ist seine Staatenlosigkeit – er wurde auf einem Raumschiff geboren. Er ist ein echter Bürger der Föderation der Planeten. Deshalb gelingt es ihm immer wieder, der Internierung, ja sogar der Vernichtung zu entkommen.
Aber er hat unwissentlich eine Verbindung zur einer umstürzlerischen Geheimorganisation: den Ring. Dr. Jefferson, selbst ein Opfer der Gedankenpolizei IBI, hat ihm den Ring gegeben. Und weil Don den Ring seinen Eltern bringen soll, müssen auch diese Teil der „Organisation“ sein. Das Rätsel, was es mit diesem Ding auf sich hat, baut einen Spannungsbogen auf, der den Roman im mittleren Drittel trägt. Nur dies lässt den Leser den langsamen Mittelteil bewältigen, denn er ist neugierig darauf, was es damit auf sich hat. Und weil der Ring für Menschenaugen ganz gewöhnlich aussieht, muss sich ein Spezialist das Ding ansehen: der Drache Sir Isaac Newton. Er ist eine Art König der Venus. Sein Auftauchen war ja zu erwarten, denn kein Erzähler kann eine so mächtige Figur aufbauen und sie dann einfach wieder in der Versenkung schwinden lassen, ohne von seinem Leser mit Kopfschütteln getadelt zu werden.
|Die Sümpfe der Venus|
Anfang der fünfziger Jahre glaubten die Astronomen noch, der zweite Planet des Sonnensystems, der ständig in Wolken gehüllt ist, müsse ein feuchtheißes Klima besitzen, ganz einfach deshalb, weil er vielleicht eine Wasserwelt wie die Erde war, aber weitaus näher zur heißen Sonne liegt. Ein solches tropisches Klima war den amerikanischen Soldaten und ihren Sprösslingen aus dem Krieg im Pazifik völlig vertraut. Dementsprechend „realistisch“ konnten sie den Planeten beschreiben. Dass die Atmosphäre der Venus für Menschen tödlich ist, stellte sich erst wenig später heraus.
|Draco veneris|
Die „Drachen“ auf der Venus stellen ein vertrautes Fantasyelement dar, doch sie können sich im Unterschied zu den meisten Drachen mit Hilfe eines Übersetzungsgeräts gut verständlich machen. Das brachte den Drachen der Venus eine bedeutende Stellung im Verkehr mit den Menschen ein, statt sie zu deren Beute zu degradieren. Diese Drachen sind die wahren Herrscher des Planeten und obendrein schon vor dem Homo sapiens intelligent gewesen. Wenn Sir Isaac vom ersten Ei abstammt, so kann man von Uradel sprechen. Dennoch ist er Don, seinem Lebensretter, gegenüber äußerst freundlich und zuvorkommend.
In einem Fantasykontext betrachtet, bürstet der Autor das Drachenklischee, die Viecher seien blutrünstig und verräterisch (siehe Glaurung in Tolkiens [„Die Kinder Húrins“), 4496 gehörig gegen den Strich. Er tut dies noch einmal, ebenso erfolgreich, in seinem Jugendroman „Die Sternenbestie“. Vielleicht weil Sir Isaac so gut bei den Kids ankam. Wie dessen Name schon sagt, ist er ein Wissenschaftler, noch dazu ein unabhängiger und nicht verfolgter, was in der Föderation rar ist. Und er lüftet das Geheimnis des Rings (das hier nicht verraten werden soll).
|Dons Alter|
Sir Isaac hat einen menschlichen Kollegen namens Montgomery Phipps. Der behauptet Don gegenüber jede Menge Dinge, die er nicht beweisen kann, verlangt aber dringend die Herausgabe des Dings. Don ist mittlerweile jedoch schon Soldat der venerianischen Rebellen und ein erprobter Kämpfer. Er geht auf Phipps‘ Forderungen nicht mehr ein und fordert Beweise, damit er Phipps trauen kann.
An dieser Stelle zeigt sich Dons wahres Alter. Anfangs scheint er 13 oder 15 Jahre alt zu sein, doch das kann nicht stimmen, denn Don darf sich schon zum Militär melden, wenn er wollte. Also müsste er schon 18 oder 19 sein. In der Szene vor Phipps erscheint er uns zwar immer noch jung, aber älter als 20 Jahre. Der Autor macht niemals Altersangaben, denn sonst könnte er seine jüngsten Leser verprellen.
|Showdown|
Der Roman geht nach der Enthüllung des Geheimnisses des Rings in eine Wartephase, um sodann endlich auf die Zielgerade einzuschwenken. Don und seine Freunde müssen die Kriegsschiffe der Erde abfangen, welche die Wissenschaftlerkolonie auf dem Mars – Dons Eltern – auslöschen wollen. Das muss natürlich um jeden Preis verhindert werden. Aber wie soll das gehen, wenn die Erdflotte doch einen so großen Vorsprung hat? Natürlich nur mit einem Trick. Und den sollte der Leser selbst nachlesen. Es bleibt also bis zum Schluss spannend.
_Unterm Strich_
Ich habe den Jugendroman, der in ziemlich großen Lettern gedruckt ist, binnen weniger Stunden gelesen. Das Buch ist leicht verständlich, und die knapp 290 Seiten lesen sich wie von alleine. Natürlich erschienen mir Ideen wie eine tropische Venus und dortselbst lebende intelligente Drachen als etwas unplausibel, aber ich schon ältere Science-Fiction gelesen, die noch wesentlich seltsamer und lächerlicher erscheinen würde, würde man sie heute veröffentlichen.
Außerdem ist es ein Buch über den Krieg und die Verwicklung eines jungen Mannes in die Kriegshandlungen. Der Autor war zwar nicht an Kriegshandlungen beteiligt (er durfte aus Gesundheitsgründen nicht zur Navy, was ihn tierisch wurmte), aber er arbeitete an Land für die Streitkräfte, genau wie viele andere SF-Autoren, so etwa Asimov. (Jack Vance wurde sogar versenkt!) Grundlegende Elemente, die das Leben im Krieg bestimmen, wie etwa Gefangenenlager und Loyalitätsprüfungen, sind hier wiederzufinden und werden absolut ernst genommen. Hiermit macht Heinlein niemals Scherze, wie jeder, der die – relativ frivole – Verfilmung von „Starship Troopers“ gesehen hat, bestätigen dürfte.
Zusammengenommen tragen diese Elemente dazu bei, diesen Roman zu einem der guten SF-Jugendromane Heinleins zu machen. Allerdings ist er nur für Jungs geeignet, denn Frauen kommen nur sehr am Rande vor. Isobel Costello wird von Don sogar scherzhaft „Großmutter“ genannt – na, wenn das nicht asexuell ist! Der Verlag |Scribner’s| achtete peinlich genau auf die Einhaltung solcher Feinheiten, denn Schulbüchereien gehörten zu seinen Hauptabnehmern. Und man hat in Schulbüchereien schon Bücher von Mark Twain verbrannt …
Die Übersetzung von Edda Petri ist ganz in Ordnung, aber sprachlich nicht gerade überragend. Sie hat sich auf anspruchslose Unterhaltungsliteratur spezialisiert, und da ihr Gatte Winfried Petri seit den Neunzigern nichts mehr für |Heyne| übersetzen durfte (er hatte bei Robinsons „Mars“-Trilogie Mist gebaut, der |Heyne| teuer zu stehen kam), rackerte Edda Petri bis 2000 für zwei, als ihr Mann starb. Die Druckfehler sprießen dennoch üppig allenthalben, und hier muss der Leser ein Auge zudrücken.
Anmerkungen: Warum der |Lübbe|-Verlag bislang noch nicht Heinleins Jugendbuchklassiker „Citizen of the Galaxy“ wiederveröffentlicht hat, ist mir ein Rätsel. Die erste deutsche Ausgabe stammt aus dem Jahr 1958 und erfolgte durch den Verlag |Gebrüder Weiß|. Auch „Podkayne of Mars“ alias „Bürgerin des Mars“ harrt meines Wissens noch der Wiederveröffentlichung bei |Lübbe|, denn die letzte Ausgabe erfolgte laut „Heyne SF-Lexikon“ durch |Goldmann| als Taschenbuch mit der Nr. 23354 und 23485, zwischen 1981 und 1985.
|Originaltitel: Between Planets, 1951
287 Seiten
Aus dem US-Englischen von Edda Petri|
http://www.bastei-luebbe.de
Dieses Buch besteht aus zwei Novellen, nämlich „Waldo“ (1940) und „Magie GmbH“ (1942). Sie wurden 1950 zusammengefasst veröffentlicht.
„Waldo“: Ein wissenschaftliches Genie umkreist die Erde in seiner privaten Raumstation und löst die Probleme der Welt – gegen hohe Honorare. Doch plötzlich bricht das ganze Fundament zusammen, und Waldo F. Jones ist gezwungen umzudenken.
„Magie GmbH“: Die Magier beherrschen Handel und Wirtschaft der USA, und sie scheuen weder schmutzige Tricks noch todbringenden Zauber, um ihr Monopol aufrechtzuerhalten. Bis zwei Geschäftsleute, eine Hexe und ein „Dämonenschnüffler“, sich gegen die Wirtschaftsdiktatur der Magier verschwören und den Monopolisten den Kampf ansagen (Verlagsinfo)
_1) |Waldo|_
Als die Flugzeuge vom Himmel fallen, ahnen die Techniker von North American Power-Air, dass etwas mit ihrer Technik nicht stimmt. Aber was, fragt sich der Ingenieur James Stevens. Und wenn er seinen Job behalten wolle, droht sein Chef, sollte er das schleunigst herausfinden, sonst hat es die Firma die längste Zeit gegeben.
Power-Air schickt die Energie, die die Flugzeugmaschinen benötigen, per Strahl in die Atmosphäre; dort wie sie aufgefangen und genutzt, um zu fliegen. Klar, dass dafür Unmengen billigster Energie nötig sind. Diese wird von Atomkraftwerken geliefert, die über die ganzen USA verteilt sind. Das Ergebnis ist ein WLAN für Energie, das man nur anzapfen muss, um alles Mögliche damit zu betreiben. Und Power-Air hat das Monopol dafür.
Stevens schlägt vor, sich mit dem größten technischen Genie der Welt, mit Waldo F. Jones, in Verbindung zu setzen. Au weia, stöhnen die Kollegen – jeder weiß, wie verschroben und einzelgängerisch Waldo ist. Außerdem lebt er im Orbit. Stevens gewinnt Waldos einzigen Freund, den Dozenten Augustus Grimes, für seine Sache und fliegt mit ihm zu Waldos Habitat in der Kreisbahn.
In der Tat sträubt sich Waldo zunächst, irgendjemandem auf der Erde zu helfen. Er hat künstliche Arme und Beine, die er per Gedankenbefehl steuert. Mit Power-Air hat Waldo noch ein Hühnchen zu rupfen: Er denkt, die Firma habe ihn um Tantiemen aus Patenten geprellt. Deshalb beleidigt er Stevens ziemlich. Doch als Onkel Gus ihn herausfordert, er KÖNNE gar nicht leisten, worum ihn Stevens bitte, muss sich Waldo der Herausforderung stellen. Er lässt sich also die entsprechenden Informationen schicken.
Gleich bei seiner Ankunft wird Stevens von der Information überrascht, ein alter Knacker, der in der Heimat eines seiner Piloten lebt, habe ein Antriebsaggregat OHNE TECHNISCHE HILFSMITTEL repariert – ein Wunder! Stevens schaut sich das Aggregat an: Die Antenne ringelt und windet sich, als wäre sie lebendig. Als Waldo davon hört, will er den Alten besuchen. Gramps Schneider oder Snyder redet mit ihm: Über Magie und die Andere Welt. Waldo zweifelt, aber als er die Geisteshaltung anwendet, die Snyder predigt, selbst anwendet, funktioniert es …
Und nicht nur Aggregate lassen sich mit der Energie aus der Anderen Welt heilen, sondern auch gelähmte Muskeln wie die von Waldo …
|Mein Eindruck|
Der Kurzroman hat vier grundlegende Ideen, von denen zwei oder gar drei noch heute relevant sind. Erstens heißen die hier vorgestellten, wenn nicht sogar erfundenen Waldos, also künstliche Gliedmaßen, bis heute noch so. Sie werden in allen Hochsicherheitsbereichen der Medizin, Chemie und Physik eingesetzt.
Zweitens ist der Gedanke, Elektrizität durch die Luft wie ein Gas zu übertragen, um verschiedene Geräte anzutreiben, bis heute nicht verschwunden. Tatsächlich wird bis heute daran geforscht – sozusagen eine Art WLAN oder Funknetz für Energie. Zwei Haken an dem Konzept hat Heinlein schon 1940 entdeckt: Es sind ungeheure Mengen von Energie zu produzieren, um entfernte Motoren anzutreiben – der Energieverlust auf dem Übertragungsweg ist enorm. Folglich muss dieses Grundproblem als erstes beseitigt werden.
Das zweite Problem ist die Auswirkung solcher freier Energiemengen auf den menschlichen Organismus. Es handelt sich ja um elektromagnetische Wellen, genau wie beim Mikrowellenherd oder beim Handy. Und so, wie man hierzulande schon lange vor zu starker Srahlung gewarnt hat (und immer noch warnt), so hat schon Heinlein eine fatale Auswirkung vorausgesehen: Muskelschwäche, hier Myasthenie genannt.
Waldo F. Jones erkennt in dieser Krankheit das gleiche Problem, unter dem er selbst leidet. Würde er dessen Ursache beheben, könnte er sich selbst heilen – ein starkes Motiv! (Tatsächlich besteht die Eröffnungsszene in dem Auftritt des artistischen Tänzers Waldo auf einer irdischen Bühne – und ebenso der Schluss.) Mit Hilfe der Energie aus der Anderen Welt schafft er dies.
Was ist die Andere Welt? Manche Unwissende könnten den Umgang damit „Magie“ nennen, doch Waldo zieht es wohlweislich vor, Ingenieuren gegenüber von einem „anderen Kontinuum“ zu sprechen. Tatsächlich hat die Teilchenphysik, insbesondere die Quantentheorie Platz für dieses Konzept geschaffen. Wie es allerdings dem Paralleluniversum ergeht, wenn ihm die Energie abgezapft wird, steht auf einem anderen Blatt.
_2) |Magie GmbH|_
Archibald Fraser ist ein unbescholtener, aber geschäftstüchtiger Bauhändler, der sich in einer Welt, die von Magie bestimmt wird, zu behaupten weiß. Schließlich bleibt im Baugeschäft nicht allzu viel Profit hängen. Als ein zwielichtiger Typ ihm eine Schutzgelderpressung aufzwingen will, schickt er ihn zum Teufel. Schließlich hat Archie gute Kontakte zu freischaffenden Magiern. Doch als er am anderen Morgen zu seinem Betrieb zurückkehrt, ist es nur noch ein Haufen Schutt.
Archies bester Kumpel ist Joe Jedson, ein Textilienhändler in der gleichen Straße. Joe untersucht den Schutthaufen mit Archie und entdeckt, dass gleich drei Elemente eingesetzt wurden, um diesen Schaden anzurichten: Wasser, Erde und Feuer – ganz schön aufwendig, findet er. Jemandem muss wirklich etwas an Archies Laden gelegen sein. Vielleicht dieser seltsame Mr. Ditworth, von dem der Schutzgelderpresser etwas erwähnte?
Den ersten Zauberer, den sie um Hilfe bitten, ist Mr Biddle. Leider taugt der rein gar nicht, sondern will bloß für eine Auskunft à la „Da kann man leider nichts machen“ 500 Kröten haben. Joe und Archie schicken ihn in die Wüste. Wenigstens bringen sie Archies Versicherung zum Einlenken, sodass sie weitere Magierhonorare übernimmt. Ein wohlmeinender Junior-Magier namens Jack Bodie gibt ihnen den Tipp mit einer Wahrsagerin, die aber auch Hexerei praktiziere.
Mrs Amanda Todd Jennings liest erst die Teeblätter, dann schreitet sie zur Tat. Sie findet heraus, dass ein Dämon hinter dieser Angelegenheit stecken muss. Doch wer hat ihn geschickt? Unterdessen ändert sich die Lage auf dem Markt für Magie grundlegend, und dahinter steckt kein anderer als Mr. Ditworth. Er errichtet ein Monopol. Schließlich wird es Joe und Archie, Amanda und Jack zu bunt: Sie beschließen, Ditworth das Handwerk zu legen. Leider sind Mr. Ditworth und der gesuchte Dämon ein und dasselbe …
|Mein Eindruck|
Der Markt für Magie ist nur einer wie viele andere, und so wird er von Heinlein auch behandelt. Der Markt unterliegt den gleichen kapitalistischen Prinzipien, wie sie in den USA gelten und wirken: Schutzgelderpressung, Monopole, Einschüchterung, Lizenzmissbrauch und vieles mehr. Der Witz dabei: All dies hat ein höllischer Dämon vollständig begriffen und konsequent in die Tat umgesetzt, ohne dass ihm Polizei und Justiz das Handwerk legen konnten.
Hinter der vordergründig so phantasievollen Story verbirgt sich eine handfeste Kritik des verhinderten Politikers Heinlein (er kandidierte 1938 für ein politisches Amt in Kalifornien) an den Auswüchsen des kapitalistischen Systems, vor allem an den Monopolen. Dabei gab es doch schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine amerikanische Anti-Trust-Gesetzgebung.
Wohlgemerkt: Heinlein redet hier nicht von dem Sozialismus als Wort, also der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, sondern dem fairen Wettbewerb als Grundprinzip kapitalistischer Privatwirtschaft. Beste Vertreter dafür sind Joe und Archie.
Ein weiterer Witz an dieser netten Geschichte von anno 1942 ist die Lösung des Problems. Der Dämon Nebiros alias Mr. Ditworth hat sich ohne Erlaubnis Seiner satanischen Majestät auf der Erde breitgemacht. Folglich muss er nun zurechtgestutzt werden. Mit Hilfe eines afrikanischen „Dämonenschnüfflers“ (und des Schädels seines Großvaters) finden die Freunde den gesuchten Dämon selbst noch unter den sieben Millionen Soldaten von Satans Legionen.
Vor versammelter Heerschau macht Seine teuflische Lordschaft den unbotmäßigen Diener zur Schnecke und verbannt ihn für eine gewisse Zeit (welche allerdings sehr relativ ist, da Erde und Hölle bekanntlich ebenso abweisende Zeitabläufe wie zu den Leutchen im Himmel aufweisen). Wie auch immer: Es herrscht nun wieder eitel Sonnenschein, der Wettbewerb funktioniert wie die Magie prächtig.
Nur Archie ist ein wenig traurig: Amanda Jennings hatte sich in der Hölle in ein gar wunderschönes junges Weib verwandelt, mit dem er nur allzu gerne sündige Machenschaften ausgeführt hätte. Doch Hölle ist Hölle und Erde Erde – die Jugendpracht ist hienieden bald wieder verschwunden, und mit einer alten Schachtel will er nun klugerweise nichts anfangen. Das sagt sie ihm auch. Dafür gedeiht sein Geschäft. Man muss eben Prioritäten setzen, wenn man ein Amerikaner ist.
_Die Übersetzung _
Neben den allfälligen Ungenauigkeiten und falschen Endungen finden sich gerade nach Seite 150 doch einige Fehler, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen.
Seite 150: „Ditworth mti (sic!) seinem hochgestochenen Geschwätz …“ Es sollte natürlich „mit“ heißen.
Seite 152: „Sie gab ihre Absicht bekannt, das Niveau der magischen Praxis in allen Bereichen aufzuheben …“ Gemeint ist natürlich „anzuheben“.
Seite 160: „Schilddrüsenwucherung“. Besser bekannt als „Kropf“. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?
_Unterm Strich_
So mancher heutige Leser mag sich wundern, wieso in diesem Buch keine Hexenmeister vorkommen. Stets ist nur die Rede von ehrenwerten Magiern, seien sie nun ein verschrobener Greis auf dem Land, ein Ingenieur in der Kreisbahn oder nicht lizenzierte „Dämonenschnüffler“. Seit Arthur C. Clarke wissen wir allerdings, dass zwischen Technik und Magie nur das Maß der Betrachtungsweise liegt: „Jede hinreichend fortgeschrittene Technik ist von Magie nicht zu unterscheiden“, lautet Clarkes Axiom. Folglich ist es einem entsprechend fortschrittlich denkenden Ingenieur nicht unmöglich, technische Herausforderungen zu meistern: „Dem Indschenör ist nix zu schwör.“
Soweit die lustige Seite des Buches. Heinlein sah schon anno 1940/42 voraus, welche Krankheiten die ungehinderte Ausbreitung von elektromagnetischer Strahlung verursachen könnte. Strahlung, wie sie von PCs, Handys, Stromleitungen, Funkmasten, CAT-Scannern und vielen anderen elektronischen Dingen gestreut wird. Die Krankheit heißt bei ihm Myasthenie: „Eine Myasthenie ist ein Symptom verschiedener Erkrankungen, welches eine belastungsabhängig abnorm rasche Muskelermüdung und Muskelschwäche beschreibt“, schreibt die Wikipedia. Und die Deutsche Myasthenie-Gesellschaft nennt es sogar eine Autoimmunkrankheit.
Wie schon Heinlein schreibt, ist die Ursache eine fehlerhafte Übertragung des Bewegungsimpulses zwischen Nerv (Befehl) und Muskel (ausführendes Organ). Diese Übertragung, so Heinlein, werde durch die hochfrequente Strahlung gestört. Beunruhigend daher, was die Wikipedia schreibt: „Ungeklärt ist der Auslöser der schwankenden Symptomatik bei Umwelteinflüssen, Infekten, Entzündungen, seelischen und psychischen Belastungen.“ Welche Umwelteinflüsse könnten damit wohl gemeint sein?
In der zweiten Story nimmt sich Heinlein der Auswüchse der Privatwirtschaft an. Der verhinderte Offizier und Politiker – eine Krankheit versagte ihm den unaufhaltsamen Aufstieg – kritisiert das Monopol über die Magie, das ein Dämon errichtet. Pfui Deibel, mag da ein rechtschaffener Yankee fluchen. Folglich geht es bald darum, Seine Satanische Majestät dazu zu bringen, dem Übel des Monopols ein Ende zu bereiten und die höllischen Zustände auf Erden wiederherzustellen. Satan sieht die Nützlichkeit dieses Ansinnens sogleich ein und verbannt den unbotmäßigen Dämon aus der Unterwelt. Schon bald herrscht wieder fröhlicher Wettbewerb unter den Menschen – und folglich jede Menge Sündhaftigkeit. Q.E.D.
Vielleicht verbarg sich in Heinlein in seinen Anfangsjahren ja doch ein kleiner Satiriker. Wir sollten aber nicht zu viel erhoffen. Sein erster Roman „Die Nachgeborenen / For Us, the Living“ (1938, dt. Ausgabe bei Shayol), der fast 50 Jahre verschollen war, ist ein utopischer Entwurf für die ideale Gesellschaft. Und wie jeder weiß, haben Utopien die Eigenheit, nicht nur sehr streng gegenüber den Erdlingen der Gegenwart zu sein, sondern auch ungeheuer statisch. Zu ihrer Erleichterung erfuhren die Nachgeborenen erst spät, nach des Meisters Tod, welche Geißel ihnen in Form dieses Romans erspart geblieben ist.
Wie auch immer: Beide Erzählungen sind für Heinleins Verhältnisse äußerst lesbar und sowohl für Ingenieure als auch Fantasyliebhaber mit Gewinn zu genießen, selbst wenn die Übersetzung manchmal Ausrutscher aufweist. Kein Wunder also, dass die Heyne-Ausgabe vielfach neu aufgelegt wurde.
|Taschenbuch: 174 Seiten
Originaltitel: Waldo & Magic, Inc. (1940, 1942)
Aus dem US-Englischen von Walter Brumm
ISBN-13: 978-3453301092|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne
_Robert A. Heinlein bei |Buchwurm.info|:_
[„Fremder in einer fremden Welt“ 43
[„Starship Troopers – Sternenkrieger“ 495
[„Zwischen den Planeten“ 663
[„Reiseziel: Mond“ 768
[„Die Marionettenspieler“ 2625
[„Titan-10“ 3687
[„Gestrandet im Sternenreich“ 3808
[„Tunnel zu den Sternen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6109
Dies ist die letzte und 1988 posthum erschienene Story-Sammlung der großartigen Erzählerin Alice B. Sheldon, die seit 1967 unter dem Pseudonym James Tiptree Jr. schrieb. (Tiptree ist der Herstellungsort einer leckeren englischen Marmeladensorte, so die Auskunft der Autorin.) Ihr Eindruck auf die Zeitgenossen war anfangs so stark, dass unter anderem Robert Silverberg sie, weil ihre Identität unbekannt war, für einen Mann hielt, der für das Pentagon arbeitete.
Die Szene kommt einem aus Ray Bradburys berühmter Dinojäger-Story „A Sound of Thunder“ vertraut vor: Ein Mann, der nicht daran glaubt, dass man Dinosaurier finden und jagen könne, wird vom Gegenteil überzeugt. „Bones of the Earth“, entstanden aus der Novelle „Scherzo with Tyrannosaur“, ist aber nicht nur ein Zeitabenteuer junger Paläontologen im Dinoparadies à la „Jurassic Park“. Der Roman öffnet ein Panoramafenster auf das Leben auf der alten Erde während einer guten Milliarde von Jahren. „Bones of the Earth“ ist Swanwicks Variante von Crichtons „Jurassic Park“ – eine sehr gute obendrein – aber weitaus anstrengender zu begreifen.
Dieser Roman ist leider noch nicht übersetzt worden. Er war nominiert für den Nebula Award, 2002, sowie für HUGO, Locus und Campbell Award, 2003.
Während der Proben zu dem Shakespeare-Stück „Der Sturm“ kommt auf merkwürdige Weise fast die gesamte Schauspielerriege ums Leben. Kevin Gore ist einer der wenigen Überlebenden. Elf Jahre später will er das Theaterprojekt wieder aufnehmen. Doch plötzlich wird die Welt von Massenhalluzinationen heimgesucht, und die Stimmen in Kevins Kopf geben verwirrende Hinweise auf deren Ursache: Außerirdische? CIA? Oder ist er einfach nur verrückt? Was aber alles nicht erklären würde, warum sein Blut sich blau färbt… (erweiterte Verlagsinfo) Das soll vermutlich komisch wirken.
Ein Meteor aus reinem Gold nähert sich der Erde. Zwei Hobbyastronomen entdecken ihn zur gleichen Stunde und beanspruchen die Ehre jeweils für sich selbst, so lange, bis ihre Familien entzweit sind. Als endlich klar wird, wo der Meteor abstürzen wird, setzt ein Wettrennen vieler Staaten und Mächte nach dem 4000 Milliarden Francs teuren Klunker ein – im hohen Norden geht die Jagd zu Ende.
_Der Autor_
Jules Verne wurde 1828 in Nantes geboren und starb 1905 in Amiens. Bereits während seines Jurastudiums schrieb er nebenher, manchmal mit einem Freund, Theaterstücke und Erzählungen. Sein erster Erfolgsroman „Fünf Wochen im Ballon“ erschien 1863. Seine großen Romane waren in der Folge Bestseller. Heute wird er neben H. G. Wells als einer der Begründer der modernen Science-Fiction-Literatur angesehen.
Mit „Die Eissphinx“ schrieb er eine Fortsetzung von E. A. Poes Horrorerzählung [„The Narrative of Arthur Gordon Pym“. 781 Sein erster Zukunftsroman „Paris im 20. Jahrhundert“ lag lange Zeit verschollen in einem Tresor und wurde erst vor ca. 20 Jahren veröffentlicht. Die Lektüre lohnt sich, auch wegen der erhellenden Erläuterungen der Herausgeberin.
|Zur Ausgabe|
„Die Jagd nach dem Meteor“, geschrieben 1901, erschien erst nach Vernes Tod im Jahr 1908, allerdings in einer verstümmelten Fassung. Erst 1986 erschien die vollständige Fassung auf französisch. Mit der |Piper|-Ausgabe liegt die erste und einzige vollständige deutsche Ausgabe vor, noch dazu mit Kommentaren. Das Vorwort von Andreas Eschbach erhellt die Zusammenhänge auf leicht verständliche Weise.
_Handlung_
Die meiste Zeit spielt die Handlung in der braven Stadt Whaston im US-Bundesstaat Virginia. Das genaue Jahr ist unbestimmt, doch es gibt einen kleinen Hinweis: Die US-Flagge hat zu diesem Zeitpunkt nur 45 Sterne statt der heutigen 50. Und es ist Frühling. März, um genau zu sein.
|Prolog|
Obwohl es wenig zur Haupthandlung beiträgt, sei doch erwähnt, dass die Geschichte mit einer Blitztrauung am 27. März in Whaston beginnt. Miss Arcadia Walker, 24 und ebenso schön wie wohlhabend, heiratet Seth Stanfort, einen ebenso gutbetuchten Globetrotter, und zwar vor dem Haus des ehrenwerten Friedensrichters John Proth – zu Pferde. Will heißen, keiner der beiden Brautleute fühlt sich bemüßigt, vom Ross zu steigen. Im Pferdeland Virginia werden diese Dinge eben pragmatisch erledigt. Es kann aber auch ganz anders laufen. Im späteren Verlauf der Handlung begegnen wir den beiden wieder, so etwa bei ihrer – ebenso rasch erledigten – Scheidung. Richter John Proth fällt eine wichtige Rolle im nun folgenden Drama zu.
|Die Entdeckung des Meteors|
Das bis dato noch friedliche Whaston beherbergt zwei Hobbyastronomen: Dean Forsyte, 45, und Dr. Stanley (an wenigen Stellen auch „Sidney“ genannt) Huddleson, 47. Forsytes Neffe Francis Gordon, 23, gedenkt am 31. Mai die hübsche Jenny, Huddlesons Tochter, zur Frau zu nehmen. Durch die Ereignisse an und nach diesem 2. April scheint sich dieses freudige Ereignis jedoch in ernster Gefahr zu befinden, niemals stattfinden zu können. Morgens um sieben beobachten die beiden Astronomen unabhängig voneinander einen Meteor, der die Erde umkreist.
Nach dieser epochalen Beobachtung gehen dem Direktor der Sternwarte von Pittsburgh am 9. April zwei Briefe beinahe identischen Inhalts zu: Sowohl Forsyte als auch Huddleson beanspruchen das Recht, den Meteor entdeckt zu haben, jeweils für sich. Diese Tatsache ist auch umgehend Gegenstand eines Artikels in der Lokalzeitung Whastons. Noch bleibt alles friedlich, wenn sich auch die beiden Entdecker und ihre wachsende Schar von Anhängern bald nicht mehr grün sind. Schon bald macht sich die Satirezeitschrift „Punch“ über ihren Ruhmeseifer lustig, und das heizt die Gemüter noch stärker an.
|Goldrausch|
Die Lage ändert sich, als die Sternwarte von Boston in alle Welt hinausposaunt, der gesichtete Meteor bestehe aus purem Gold. Natürlich nicht in geschmolzener Form, sondern durchsetzt mit Löchern und Rissen. Zunächst schätzen die Amateure einen falschen Durchmesser, doch dann entscheidet Boston: Wenn die Masse des Himmelskörpers bei einem Durchmesser von 50 m 126.436 Tonnen beträgt, so liegt sein Goldwert bei nicht weniger als 3907 Milliarden Francs!
|Milliardäre|
Sofort erklären sich Forsythe und Huddleson zum Besitzer des Meteors und zu Multimilliardären. Wäre die Bevölkerung von Whaston nicht schon längst in zwei Parteien zerfallen, spätestens jetzt gingen der Streit und die Schlägereien los. Wenigstens kommt keiner der beiden an das Gold heran, sonst wäre alles noch viel schlimmer. Aber jeder fragt sich jetzt: Wo wird der Meteor abstürzen? Der eine sagt: Japan, der andere sagt: Patagonien. Die Sternwarte Boston mischt sich ein und sagt: Alles Blödsinn!
Für die Besitzansprüche der Astronomen auf noch nicht abgestürzte Flugkörper erklärt sich das Whastoner Gericht unter dem wackeren Richter John Proth nicht zuständig, ganz einfach deswegen, weil es sich um einen Himmels- und nicht um einen Erdkörper handle. Und wer wisse zu sagen, wem der Grund und Boden der Absturzstelle gehöre? Dessen Nation werde wohl auch Besitzansprüche erheben.
Huddleson und Forsyte sehen sich veranlasst, alle Beziehungen ihrer Familien abzubrechen. An die Hochzeit von Francis und Jenny am 31. Mai ist somit – vorerst? – nicht mehr zu denken: König Chaos regiert. Aber noch lassen die Verlobten die Hoffnung nicht fahren, denn irgendwann MUSS der Meteor doch fallen, oder?
|Der Tag des Absturzes|
Unterdessen ist eine internationale Konferenz einberufen worden, die entscheiden soll, wie mit dem zu erwartenden Goldsegen zu verfahren sei. Da verkündet Boston, der Meteor werden etwa am 19. August bei Uppernarvik in Westgrönland niedergehen. Dänemark, die Kolonialmacht Grönlands, jubelt und entsendet als Bevollmächtigten Erich von Schnack ins Polargebiet.
Innerhalb weniger Wochen finden sich trotz schneidender Kälte rund 3000 Ausländer in dem kleinen Städtchen ein. In Boston steigt auch Seth Stanfort zu, um sich die Zeit zu vertreiben. Er freut sich, Miss Arcadia Walker wiederzutreffen. Alle erleben eine Überraschung: Uppernarvik liegt auf einer Insel und ist ringsum von Meer umgeben, das bis in eine Tiefe von über 1000 Metern reicht. Was, wenn der himmlische Goldklumpen von dieser winzigen Insel ins Wasser fiele? Huddleson, Forsyte und alle Abenteurer, die sich hier eingefunden haben, beginnen nervös und trotz der Kälte zu schwitzen.
Doch sie bleiben nicht lange allein. Nach dem Absturz des Meteors um exakt 6:57:35 Uhr am 4.8. finden sich unvermittelt mehrere Kriegsschiffe aller wichtigen Nationen des Erdballs ein. Da wird Herr von Schack viel protestieren müssen. Doch man stelle sich seine Überraschung vor, als er mit einer Horde von 3000 Neugierigen (darunter den Erstentdeckern) durch Eis, Wind und Schnee zur Absturzstelle eilt – und von einer Hitzewelle gestoppt wird, die die Annäherung an den glühenden Goldklumpen unmöglich macht …
_Mein Eindruck_
„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles!“ Mit diesem Goethevers ließe sich die Handlung, die Verne in einem seiner letzten Romane ausgearbeitet hat, im Groben umschreiben. Es ist nicht nur eine Kritik an der verbreiteten Gier nach materialistischer Werten. Verne starb 1905, als sich die Nationalstaaten nicht nur Westeuropas so ziemlich den ganzen Rest der Welt angeeignet hatten. Nur noch neun Jahre bis zum großen Knall, dem Ersten Weltkrieg. Der Roman lässt sich als Warnung auffassen.
Was Verne voraussah, waren der Zank um den Besitz fremder Menschen, Völker oder Länder, der sich im Zuge des Kolonialismus über die ganze Welt ausgebreitet hatte. Überall sah er Zwist statt Einigkeit, sogar auf den internationalen Konferenzen, von denen er eine in seinem Roman stattfinden lässt und die ergebnislos im Sande verläuft, da die Teilnehmer hoffnungslos zerstritten sind.
|Die Parabel|
Er braucht für seine warnende Parabel nur noch zwei Faktoren: ein Ding von ungeheurem Wert und jemanden, der es sich zu beschaffen weiß. Schon geht das schönste Wettrennen los, wie es die Welt anlässlich des Goldrausches in Alaska anno 1890 erlebt hatte. Und was, wenn sich jemand diesen Reichtum mit Hilfe einer genialen Erfindung unter den Nagel reißen könnte? Würde er mit seinem Fang glücklich werden? Kaum ist der Goldmeteor abgestürzt, fällt nämlich der Goldpreis um drei Viertel!
Dies ist der Makrokosmos, doch der Mikrokosmos eines Gemeinwesens wie Whaston kann ebenso in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Astronomenstreit spaltet die Stadt ebenso wie die Familien und lässt Francis‘ und Jennys Vermählung zunehmend unwahrscheinlich erscheinen. Auf einmal ist die private Zukunft unmittelbar gefährdet: Es ist eine andere Art von Krieg, die hier stattfindet, die aber dennoch eine klare Folge hat: Zwar nicht den Tod von Menschen (noch ist niemand bei den Schlägereien zu Tode gekommen), aber zumindest das Ausbleiben von Nachwuchs. Und was wird dann aus den Alten?
|Die Figuren|
Sprachlich ist der Text recht einfach gehalten, er weicht auch in Sachen Charakterisierung nicht von Vernes Methode ab, seine Figuren kurz und knapp zu definieren (es fehlen nur noch die Playmate-Maße von Jenny Huddleson und Arcadia Walker). Aber durchweg ist Vernes geradezu sarkastischer Humor zu spüren, wenn er die Figuren einem Wechselbad von Gefühlen aussetzt. Jenny und ihre Schwester weinen „Wasserfälle“, und selbstredend raufen sich die Entdecker die ergrauenden Haare. Es geht sehr emotional zu, besonders als sich die Entdecker dem Objekt ihrer Begierden und Träume selbst gegenübersehen und ob der glühenden Hitze des Meteoriten schier verzweifeln.
|Die Urfassung|
Doch in dieser echten, unbearbeiteten Fassung fehlt von dem dandyhaften Erfinder Zephyrin Xirdal jede Spur. Diese Figur hatte Vernes Sohn Michel auf Wunsch des Verlegers Hetzel hineinmontiert. Doch Xirdal ist kein Wissenschaftler, sondern ein Magier, allerdings ohne irgendwelche Legitimation oder Autorität – einfach lächerlich und ärgerlich. Bei der Gelegenheit des „Überarbeitens“ strich Michel Verne auch viele philosophische und charakterisierende Passagen, die das menschliche Drama zwischen den Familien Huddleson und Forsyth beleuchten. Dadurch verlagerte Verne junior das Schwergewicht von der menschlichen Komödie zu einer letztlich sinnlosen Actionjagd.
|Das Vorwort|
Andreas Eschbach beleuchtet diesen Krimi von Entstehung (1904), Verstümmelung (1908) und Wiederentdeckung (1978) bzw. Wiederveröffentlichung (1986) mit lebendigen Bildern und anschaulichen Sätzen, so dass wir beurteilen können, wie dieser Vorgang zu bewerten ist. Er erklärt auch, warum es für den |Piper|-Verlag nötig war, zwei Seiten mit Anmerkungen anzuhängen. Die Diskrepanzen, die im unfertigen Manuskript des Romans vorhanden waren, werden erst dadurch erklärlich. Damit muss der Leser der Originalfassung zurechtkommen, ob er nun will oder nicht.
Dass Eschbach ein paar sachliche Fehler in seinem Vorwort unterlaufen, verzeihe ich ihm gern, denn hier handelt es sich um Details, über die sich nur Experten streiten. Die drei Details finden sich allesamt auf Seite 7 des Buches.
Es ist richtig, dass Mary Shelley ihren Roman [„Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ 2960 bereits 1816 verfasste, aber veröffentlichen konnte sie ihn erst 1818. Es ist aber unzutreffend, dass „sie es bei diesem Ausflug dahin [in die SF] belassen“ habe. Die Dame veröffentlichte 1826 einen klassischen Post-Holocaust-Roman mit dem Titel „The last man“, der auch ins Deutsche übersetzt wurde (als Taschenbuch bei |Bastei Lübbe|).
Dass der Begriff der Science-Fiction erst „über drei Jahrzehnte“ nach Vernes Tod anno 1905 erfunden worden sein soll, nehme ich Eschbach nicht ab. Standardwerke wie die „Encyclopedia of Science Fiction“ und John Clutes „Science Fiction – Die illustrierte Enzyklopädie” (Heyne) sind sich einig, dass 1926 mit „Amazing Stories” das erste SF-Magazin erschien, und schon 1925 gab es den Begriff „Scientifiction”, ebenfalls erfunden vom Verleger Hugo Gernsbach bzw. Gernsback, einem Luxemburger Einwanderer, der schon 1911 einen ersten SF-Roman veröffentlicht hatte. Ich empfehle Andreas Eschbach wärmstens die Lektüre dieser Standardwerke, zusätzlich auch die von Brian W. Aldiss‘ SF-Historie „The Trillion Year Spree“ (deutsch bei |Bastei Lübbe|).
_Unterm Strich_
Verne fragt ganz einfach: „Was würde die Menschheit tun, wenn sie wie Sterntaler einen Goldsegen empfinge und könnte alle Armut und Elend verbannen?“ Die Antwort fällt pessimistisch aus: Die Gier wird immer siegen und dieses Utopia verhindern, denn die Besitzgier ist stärker als der schönste Altruismus. Die Dänen möchten lieber ihre 1866 an Deutschland verlorene Provinz Schleswig-Holstein zurückkaufen, als ihren Reichtum verschenken – so ihr Plan. Er geht natürlich nicht auf, wie auch kein anderer.
Auch eine warnende Satire wie „Die Jagd nach dem Meteor“ kann Spaß machen, wenn sie richtig erzählt und dargeboten wird. Ob dies nun auch wirklich der Fall ist, wie uns Andreas Eschbach versichert, wage ich zu bezweifeln. Denn die zu erwartende Freude darüber, den Roman vollständig und restauriert vorliegen zu haben, hielt sich mit meiner von Ärgernissen getrübten Leseerfahrung die Waage.
Nicht einmal die vielen, bereits erwähnten Abweichungen in Namensgebung, Daten, Entfernungsabgaben usw. fallen so sehr ins Gewicht – sie werden alle durch die Anmerkungen erklärlich. Es sind vielmehr die behäbig erzählten häuslichen und zwischenmenschlichen Szenen, die engstirnigen Auseinandersetzungen zwischen den grob gezeichneten Astronomen und ihren Familien, die mich zunehmend gelangweilt und genervt haben.
Der Humor in ihnen ist sehr zeitspezifisch (oho, die Bediensteten begehren gegen den allmächtigen Hausherrn auf!), und wenn der Leser kein Gespür für jene versunkene Epoche mitbringt, so bedeuten sie ihm rein gar nichts, vielmehr scheinen sie ihnen nur davon abzuhalten, zu erfahren, was denn als nächstes geschieht. Das halbe Buch ist schon vorbei, als wir erfahren, der Meteor sei aus Gold und Unsummen wert.
Auch an der Absturzstelle droht keineswegs der Weltkrieg auszubrechen, sondern alles geht sehr friedlich und gesittet zu. Ja, sogar die beiden frisch Geschiedenen Miss Walker und Mr. Stanfort finden wieder zueinander. So endet das Buch zwar mit einer Antiklimax auf der Actionseite, aber mit einem dicken Plus auf der Seite menschlichen Miteinanders: Es gibt nicht nur eine, lange geplante Hochzeit, sondern gleich zwei.
Ich habe immer wieder Seiten überschlagen, so etwa die Beschreibungen der Eskimos oder die Kalkulationen über das Gewicht des Himmelskörpers. Ich kann durchaus nachvollziehen, welche Gründe den Verleger bewogen, die Handlung zu entschlacken und zu beschleunigen. Doch die Mittel dafür lagen in den falschen Händen, denn Michel Verne war ein literarischer Stümper. In dieser Einschätzung hat Andreas Eschbach völlig Recht. Aber auch die Originalfassung konnte mich nicht begeistern. Wollte ich wirklich wissen, dass ein literarischer Pionier wie Jules Verne auch nur mit Wasser kochte und etliche Fehler beging, wie die Endnoten belegen? Eigentlich nicht. Beide Fassungen lassen mich unzufrieden zurück.
Dennoch hat das Buch als erste deutsche Veröffentlichung der Originalfassung seine Berechtigung. Aber es scheint mir eher ein Kandidat für Universitätsbibliotheken und Literaturseminare zu sein als für die Unterhaltung von Durchschnittslesern. Die fühlen sich bei Eschbach und Crichton sicher besser aufgehoben.
|Originaltitel: La chasse au météore, 1908 u. 1986
280 Seiten
Aus dem Französischen von Gaby Wurster|
http://www.piper.de
Worte sind Waffen: brillanter Action-Satire-Thriller
Wil Parke ist ein einfacher Zimmermann. Oder zumindest glaubt er das. Bis er auf einer Flughafentoilette in Portland von zwei Männern angegriffen wird. Sie behaupten, er sei der Schlüssel in einem geheimen Krieg, ein »Ausreißer«, immun gegen die Kraft der Worte. Sie zwingen ihn mitzukommen in die Geisterstadt Broken Hill, deren gesamte Bevölkerung bei einem Chemieunfall vor zwei Jahren ausgelöscht wurde. Dort soll ein mächtiges Artefakt verborgen liegen, das den Krieg ein für alle Mal beenden könnte. Doch der Feind ist ihnen bereits auf den Fersen … (Verlagsinfo)