Archiv der Kategorie: Kinder- und Jugendliteratur

Rosenboom, Hilke – Teeprinzessin, Die

|Reisen ist besonders schön, wenn man nicht weiß, wohin es geht. Aber am allerschönsten ist es, wenn man nicht mehr weiß, woher man kommt.| Lao Tse

Mit diesen Worten beginnt Hilke Rosenbooms zweiter Jugendroman „Die Teeprinzessin“, und welche Worte könnten die Traumwelt, die Rosenboom uns eröffnet, besser beschreiben als die obigen? Wir werden in das 19. Jahrhundert versetzt und reisen gemeinsam mit der Protagonistin von Deutschland über Indien und China in die USA und schließlich wieder zurück nach Deutschland. Einmal rund um die Welt geht es, ständig weht uns ein leichter Duft kostbaren Darjeelingtees um die Nase und immer jagen wir der großen Liebe hinterher. Fast hört es sich an wie ein Märchen, und genau das ist es auch.

_Es war einmal ein hübsches Mädchen …_

Elisabeth Henningson, von allen nur Betty genannt, ist vierzehneinhalb Jahre alt, als wir sie kennenlernen. Ihr Vater ist Silberschmied in Emden, doch das Geschäft läuft schlecht, weil sich niemand mehr die schimmernden Kostbarkeiten leisten kann. Trotzdem wird Betty auch an dem Morgen eines ganz besonderen Tages um fünf Uhr in der Früh durch das Klappern der Silberhämmer geweckt. Eigentlich hasst Betty diese frühe Ruhestörung, doch an diesem Morgen hat sie sich mit ihrem Jugendfreund Anton verabredet, um vor Sonnenaufgang Fotografien von ihr zu machen. Als sie bei Anton im Teehandelshaus ankommt, ist dieser jedoch so aufgeregt und abgelenkt, dass die Fotos in weite Ferne gerückt sind. Antons Vater empfängt einen geheimnisvollen Gast, der ihm von Tee aus Darjeeling erzählt. Davon hat Antons Vater noch nie gehört, hat er sich doch auf feinen Chinatee spezialisiert. Bettys und Antons Neugierde ist jedenfalls so stark, dass sie sich auf den Lagerboden schleichen, um dem Gespräch zwischen Antons Vater und dem mysteriösen Fremden zu lauschen. In einem unbedachten Moment rutscht Betty allerdings vom Boden und fällt dem Fremden – John Francis Jocelyn – direkt in die Arme.

Dies ist wohl der Moment, der sowohl Antons wie auch Bettys Leben vollkommen verändern wird, denn Betty hat vor ihrem Sturz ihre Haarspange verloren, die Anton hektisch zu suchen beginnt. Um besser sehen zu können, zündet er eine Kerze an, vergisst jedoch, diese wieder zu löschen. Später am Tag brennt das ganze Teehandelshaus nieder und Anton wird zur Strafe zu einer Ausbildung nach Hamburg geschickt. Betty hat derweil Hausarrest und ahnt noch gar nicht, dass ihr Freund bereits die Stadt verlassen hat. Aber auch Betty muss Emden bald verlassen, denn der Wandergeselle ihres Vaters beginnt ihr nachzustellen, und da ihr Vater unheilbar krank ist, sieht er keine andere Möglichkeit, als sie zu einer Familie nach Hamburg zu schicken, damit Betty dort als Haustochter lebt.

Schweren Herzens begibt Betty sich also nach Hamburg, ahnt aber noch nicht, dass sie dort nicht als Haustochter leben wird, sondern als einfaches Hausmädchen schwere Arbeit zu verrichten hat. Betty ist verzweifelt, sie vermisst ihren Vater und Anton, fühlt sich im Stich gelassen und träumt immer noch von dem geheimnisvollen Fremden, der Tee in Darjeeling anbaut. Einige Zeit dauert es noch, einige Hindernisse sind zu überwinden, schwierige Situationen zu überstehen, bevor Betty die Gelegenheit hat, als Junge verkleidet gen Osten zu reisen, um dort mit Tee zu handeln. Eigentlich ist China ihr Ziel, doch als ihre wahre Identität unterwegs enthüllt wird, setzt der Kapitän sie kurzerhand in Kalkutta ab. Nachdem der erste Schreck überwunden ist, begibt sich Betty nach Darjeeling und auf die Suche nach John Francis Jocelyn.

_Bunte Bilder und Wohlgerüche_

Hilke Rosenboom entführt uns in eine faszinierende Welt. Zu Beginn befinden wir uns noch in deutschen Landen und lernen die Protagonisten in Emden kennen, doch später werden wir uns gemeinsam mit Betty auf eine weite und abenteuerliche Reise begeben. Zunächst nimmt sich Rosenboom viel Zeit, um ihre Geschichte und ihre Charaktere zu entwickeln. In schillernden Farben beschreibt sie Bettys Leben in der Silberschmiede und ihre Vorliebe für Tee. Dieser ist allerdings so kostbar geworden, dass sie daheim keinen mehr trinken darf. Umso besser gefallen ihr die Besuche bei Anton im Teehandelshaus, wo sie zumindest die Wohlgerüche des teuren chinesischen Tees erschnuppern darf. Anton hat dafür allerdings nicht viel übrig, er würde viel lieber Fotograf werden, doch dafür hat sein Vater nur leider gar kein Verständnis.

Betty ist erst vierzehn Jahre jung, doch träumt sie bereits von der großen, weiten Welt. Als sie John Francis Jocelyn von Darjeeling sprechen hört und den ungewohnten Duft des neuartigen Tees in die Nase bekommt, träumt sie sich bereits nach Darjeeling, das für sie zum Inbegriff des Teeparadieses wird. Bevor sie diesen Träumen allerdings nachgeben kann, bricht zunächst ihre kleine, heile Welt zusammen. Anton wird fortgeschickt und sie hat Hausarrest, weil sie ebenfalls schuld am Brand im Handelshaus gewesen ist.

_Eine kleine Prinzessin_

Im Mittelpunkt der gesamten Erzählung steht Betty Henningson, die viele Abenteuer zu überstehen hat. Besonders groß ist ihre Not, als sie bei der Hamburger Familie in einem ungemütlichen Kellerverschlag hausen und schwere Hausarbeit erledigen muss. Erst später erfährt sie, dass es eine Verwechselung gegeben hat und sie bei der falschen Familie gelandet ist, doch zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits ihre Fühler ausgestreckt nach einer Familie in Hamburg, die mit Tee handelt. Mit viel Liebe zum Detail entwickelt Hilke Rosenboom ihre Hauptfigur. Obwohl ihr Roman aus Sicht eines neutralen Beobachters geschrieben ist, verlassen wir Betty in keiner Szene, wir fühlen mit ihr, wir kennen ihre Gedanken, Wünsche und Träume und wissen von Anfang an, dass ihr Herz am Tee und schließlich auch an John Francis Jocelyn hängt, der für sie den köstlichen Darjeeling verkörpert. Später sind es schließlich Antons Liebe zur Fotografie und zu einem gewissen Fotografen, die es Betty ermöglichen, ihren Teeträumen hinterherzureisen.

Im Laufe der Geschichte wird Betty nicht nur zwei Jahre älter, sondern auch viel erwachsener und reifer. Sie muss alleine in der Fremde zurechtkommen und später den Tod ihres Vaters verkraften, doch Betty lässt sich nicht unterkriegen. So wird sie zur perfekten Identifikationsfigur, da sie die Träume wahr werden lässt, die so manches Mädchen hegen mag.

Verglichen mit Betty wird allen anderen Figuren sehr wenig Platz eingeräumt. Selbst Anton, der zunächst ihre große Liebe zu sein scheint, wird schnell zu einer Nebenfigur degradiert, die zudem immer mehr Schwächen zeigt und dadurch einige Minuspunkte zu verbuchen hat. Auch John Francis Jocelyn bleibt leider ziemlich im Dunkeln. Später trifft Betty ihn zwar wieder und wir lernen ihn als eine Art indischen Teebaron kennen, doch sein Charakter entfaltet sich nicht voll. Schade, aber einzig Betty gewinnt so richtig an Profil.

_In achtzig Tagen um die Welt_

Die Schauplätze dagegen sind gut gewählt. Auch wenn Emden zunächst etwas bieder scheinen mag, so verlassen wir die kleine Stadt im Norden doch bald und begeben uns zumindest erst einmal nach Hamburg. Später führt uns die Reise dann einmal rund um den Globus. Im Gepäck hat Betty eine kostbare Lieferung an Darjeelingtee, den sie eigentlich gerne nach Hamburg transportieren möchte, doch auf ihrer Reise hat sie mindestens so viele missliche Abenteuer zu überstehen wie Phileas Fogg in Jules Vernes [Erfolgsroman. 944 Unterwegs geht alles schief, was nur schiefgehen kann, was zugegebenermaßen die Geduld des Lesers mitunter etwas überstrapaziert. Betty macht Bekanntschaft mit chinesischen Gefängnissen, mit der Teemafia und einigen üblen Gesellen. Wie aber schon bei Jules Verne, so fügt sich hier am Ende alles zusammen. Das mutet schon ein wenig unrealistisch an, auf der anderen Seite schildert Hilke Rosenboom ein traumhaftes Märchen, das sich an den jugendlichen Leser richtet, sodass man ihr diese Realitätsferne verzeihen mag.

Um noch einmal auf das Zitat zurückzukommen: Als Betty sich auf das Schiff gen Osten begibt, meint sie zwar zu wissen, wohin ihre Reise sie bringen mag, allerdings kommt dann alles anders, als sie denkt. Als sie dann erst einmal in Darjeeling angekommen ist, weiß sie sofort, dass dies ihre Heimat ist; dort findet sie genau das, was sie sich immer erträumt hat und sie befindet sich im schönsten Teeparadies, das sie sich je ausgemalt hat. Dieses „Nachhause-Finden“ schildert Hilke Rosenboom sehr überzeugend.

_Stilblüten_

Hilke Rosenbooms Sprache ist ausgesprochen blumig und ausschmückend und passt damit perfekt zu der geschilderten Geschichte, denn auch diese ist märchenhaft. Kaum ein winziges Detail entgeht Rosenbooms Aufmerksamkeit, und sie schafft es fast, uns beim Lesen den Teeduft in die Nase zu zaubern, doch in ihrem Überschwang der Gefühle passieren ihr nebenbei auch einige Patzer, die bei genauer Lektüre auffallen. So lernen wir eine Dame kennen, die ‚in Gewänder gewandet‘ ist oder entdecken Sätze, in denen sich (offensichtlich ungewollte) Wortdoppelungen finden. Wenn es einem auffällt, stört es den Lesefluss doch ein wenig, aber wenn man so richtig in der Tiefe des Buches versinkt, mag man auch oftmals über diese Kleinigkeiten hinweglesen.

_Unter dem Strich_

Insgesamt gefiel mir „Die Teeprinzessin“ ausgesprochen gut, auch wenn das Buch sich offenkundig eher an jugendliche Leser richtet, da die Geschichte doch ein wenig eindimensional gestrickt ist. Schon von Anfang an ist klar, dass es ein Happy-End für Betty geben wird; so ist es dann schließlich auch keine große Überraschung, als sich auf ihrer abenteuerlichen Reise doch alles zum Guten wendet. Auch die Charakterzeichnung, die sich einzig auf Betty beschränkt, trübt ein wenig den Gesamteindruck, dennoch macht es Spaß, in die faszinierende Welt, die Rosenboom uns schildert, einzutauchen. Besonders gut haben mir die exotischen Schauplätze gefallen, in die Betty und John Francis Jocelyn sich hervorragend einfügen.

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Susan Gates – Dusk. Jagd in der Dämmerung

Curtis ist ein ziemlicher Versager. Er ist Alkoholiker, lebt von seiner Familie getrennt und droht demnächst wegen schlampiger Arbeitsweise seinen x-ten Job zu verlieren. Da sowieso schon alles egal zu sein scheint, verschafft der nachlässige Laborassistent sich aus purem Trotz Zugang zu einem Raum, der ihm eigentlich streng verboten ist. Aber ehe ihn jemand dort erwischen kann, führt seine eigene Unachtsamkeit zu einem Großbrand …

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Babendererde, Antje – verborgene Seite des Mondes, Die

_Einst bevölkerten_ sie den amerikanischen Kontinent, bevor die Europäer kamen: die Indianer. Es gibt sie auch heute noch, aber von Wild-West-Romantik ist wenig zu spüren. Die wenigsten leben noch in Tipis und in Einklang mit der Natur. Meistens sind sie kaum von den europäischen Amerikanern zu unterscheiden, unter denen sie nicht nur damals, sondern auch noch heute zu leiden haben.

Die Jugendbuchautorin Antje Babendererde zeigt in ihrem Buch „Die verborgene Seite des Mondes“, wie die Indianer heute leben. Im Mittelpunkt steht Julia, die zur Hälfte Deutsche und zur Hälfte Indianerin ist. Als ihr Vater John stirbt, bricht eine Welt für sie zusammen, denn im Gegenteil zu ihrer Mutter war ihr Vater stets für sie da und hat sie an seinen indianischen Wurzeln teilhaben lassen. Daraus hat sie sich ein idealistisches Bild aufgebaut, doch als sie nach seinem Tod endlich ihre Familie in Amerika kennenlernt, wird dieses schnell zerstört. Ihre bereits alten Großeltern erhalten eine verfallene Ranch in der Wüste von Nevada aufrecht, obwohl die Repressalien der amerikanischen Regierung dies fast unmöglich machen. Ada, Julias Großmutter, ist eine bekannte Freiheitskämpferin, doch privat ist sie eine ruppige Person, die Julias Mutter Hanna die Schuld daran gibt, dass John die Ranch im Stich gelassen und ihr nach Deutschland gefolgt ist. Deswegen trifft Julia auch erst mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal ihre Großeltern.

Auf der Ranch herrschen eine Menge Spannungen. Mit der Zeit merkt Julia, dass ihr Vater ihr lange nicht alles erzählt hat, was mit seiner Vergangenheit zu tun hat. In ihre Trauer mischen sich Wut und Unverständnis. Sie fühlt sich nicht sonderlich wohl auf der Ranch, doch als sie den stillen Simon kennenlernt, ändert sich das. Simon, ein Einzelgänger, der sich wegen seines Sprachfehlers schämt, gibt sich anfangs eher abweisend, doch es gelingt Julia, ihm näherzukommen. Sehr nahe, um ganz ehrlich zu sein. So nahe, dass es die beiden in ungeahnte Gefahr bringt …

_Von Jugendbüchern_ ist man eine Menge gewohnt. Viele dieser ‚Werke‘ sind kitschiger Herzschmerz vor einer kaugummirosafarbenen Kulisse. Nicht so der vorliegende Roman von Antje Babendererde. Die Autorin widmet sich einem ernsten Thema: der Unterdrückung der amerikanischen Ureinwohner durch die amerikanische Regierung. Allerdings wird sie dabei nicht zu politisch. Sie lässt immer wieder interessante Informationen einfließen, beschreibt im Allgemeinen aber mehr den Alltag von zähen Kämpfern wie Julias Großeltern. Sie malt ein farbiges, sehr detailreiches Bild vom Ranchleben und übergeht dabei nichts. Sie erzählt von indianischen Kindern, die behindert zur Welt kommen, weil sie in einem atomverseuchten Gebiet geboren werden. Sie erzählt von Drogensucht und Alkoholismus, der Hoffnungslosigkeit, den schlimmen Zuständen, jungen Müttern, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder behandeln sollen – und sie erzählt eine wunderschöne Liebesgeschichte zwischen zwei Teenagern, die beide ihr Päckchen zu tragen haben.

Julia ist ein nettes, manchmal etwas naives Mädchen. Sie hat in ihrem bisherigen Leben nur wenig Leid gesehen und der Tod ihres Vaters bedeutet einen starken Einschnitt für sie. Die Reise nach Amerika öffnet ihr die Augen und lässt sie wachsen. Babendererde hat Julia nicht besonders originell gestaltet, aber das sollte man ihr verzeihen, denn dafür ist das Mädchen sehr sympathisch und unglaublich lebendig. Sie ist das nette Mädchen von nebenan, das die Autorin als nachdenklich und überhaupt nicht oberflächlich darstellt. Ihre Ausarbeitung ist bewundernswert gelungen.

Gleiches gilt für den siebzehnjährigen Simon, der sich mit Julia die Erzählperspektive des Buchs teilt. Im Gegensatz zu ihr ist er in Armut und unter sehr harten Umständen aufgewachsen. An ihm zeigt sich, wie sich eine solche Vergangenheit auf das Verhalten und auch auf die Psyche niederschlägt. Simon denkt selten an sich selbst und ist menschenscheu. Seine Stotterei isoliert ihn noch mehr von anderen Menschen und die Tiere sind seine einzigen Freunde – bis Julia kommt. Sie hilft dem Jungen mit ihrer unbekümmerten Art, und Babendererde stellt sehr anschaulich und mit viel Gefühl dar, wie er sich verändert. Die Stille und die Trauer, die in ihm stecken, werden unglaublich stark dargestellt, sind stellenweise sogar poetisch angehaucht.

Die Autorin zeigt mit ihrer tragischen Geschichte auch die dunklen Seiten des Lebens auf. Sie begeht allerdings nicht den Fehler, sich auf die Liebesbeziehung der beiden Protagonisten zu verlassen, sondern baut zudem einige kurze Handlungsstränge ein. Diese sorgen für ein gewisses Maß an Spannung, sind aber nicht überladen, sondern sehr sorgfältig dosiert. Sie bringen Bewegung in die Geschichte und runden das Buch ab, das in einer klaren, gut lesbaren Sprache verfasst ist. Babendererde verzichtet auf rhetorischen Schnickschnack und bleibt oft sehr nüchtern, beobachtend. Sie geht allerdings auch stark auf die Gefühle und Gedanken der Protagonisten ein und verwendet an diesen Stellen häufig eine etwas poetischere Sprache. Gerade Simon denkt immer wieder in Metaphern, was sehr gut zu seiner nachdenklichen Persönlichkeit passt.

_In der Summe_ ist Antje Babendererde ein unglaublich atmosphärisches und schön erzähltes Buch gelungen. Sie verklärt das heutige, harte Leben der Indianer nicht, lässt aber Platz für Gefühle. Neben der romantischen Seite des Buches beschreibt sie aber auch den Freiheitskampf von Ada und ihrem Volk, ohne darüber zu urteilen. Somit ist „Die verborgene Seite des Mondes“ mehr als ein kitschiger Mädchenroman. Dafür ist die Geschichte zu seriös, zu tiefgehend und vor allem zu interessant. Es kommt schließlich nicht jedes junge Mädchen in den Genuss, wie Julia nach Amerika zu fliegen und auf einer echten Ranch zu leben.

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Delaney, Joseph – Spook 3 – Das Geheimnis des Geisterjägers

Mit „Spook – Das Geheimnis des Geisterjägers“ legt Joseph Delaney nun den dritten Band seiner „Spook“-Reihe vor, mit deren ersten beiden Teilen er sich schmeichelnde Worte redlich verdient hat. „Spook“ erzählt von den Abenteuern des jungen Thomas Ward, der als siebter Sohn eines siebten Sohnes mit besonderen Gaben gesegnet ist und deshalb eine Ausbildung zum Geisterjäger absolviert.

Bereits in den ersten beiden Teilen [„Der Schüler des Geisterjägers“ 2303 und „Der Fluch des Geisterjägers“ hat Tom erfolgreich seinen Mut bewiesen, wenn es darum ging, bösartige Hexen und skrupellose Boggarts zu bannen. In „Das Geheimnis des Geisterjägers“ zieht Tom mit seinem Lehrmeister, dem alten Spook, nach Anglezarke, in das Winterquartier des Geisterjägers.

Tom wäre zwar lieber im beschaulichen Chipenden geblieben als in das düstere und unwirtliche Anglezarke zu ziehen, aber ihm bleibt logischerweise keine andere Wahl. Der Spook hingegen hat triftige Gründe für einen Ortswechsel. In Anglezarke sind die Winter lang und dunkel und in dieser Zeit treiben sich dort so allerlei unheimliche Kreaturen herum, die das Volk in Angst und Schrecken versetzen. Für den Spook und seinen Lehrling gibt es also eine Menge Arbeit.

Dass Tom sich nicht so recht wohlfühlt in Anglezarke, verwundert nicht. Im Keller des Hauses hocken jede Menge gebannte Boggarts und gefährliche Hexen in ihren Gruben. Doch das ist nicht das einzige Problem, dem sich Tom stellen muss. Eines Tages taucht ein eigenartiger Mann auf, dessen Erscheinen nun auch beim alten Spook Sorgenfalten verursacht. Es offenbart sich ein Geheimnis aus der Vergangenheit des Spooks, das dieser lieber für sich behalten hätte, und ehe Tom sich versieht, steckt er auch schon mittendrin in einer schier ausweglosen Situation …

Schon mit den beiden Vorgängerromanen hat Joseph Delaney bewiesen, dass er spannende und schaurige Geschichten zu erzählen vermag. Der dritte Teil der „Spook“-Reihe steht dem in nichts nach. Für Spannung ist wieder einmal zur Genüge gesorgt, und was Tom alles erlebt, dürfte zumindest der anvisierten Zielgruppe doch einen gehörigen Schauer über den Rücken jagen. Auch wenn die Gruselszenen es teilweise durchaus in sich haben, ist die „Spook“-Reihe vor allem auch durch Delaneys einfach gehaltenen Erzählstil in erster Linie für (nicht zu zart besaitete) Kinder und Jugendliche gedacht.

Doch auch als Erwachsener kommt man bei „Spook“ auf seine Kosten. Die drei „Spook“-Bände sind ein spannendes und kurzweiliges Lesevergnügen, das nicht nur wegen der optisch herausragenden Aufmachung aus der Masse anderer Fantasy-Jugendbücher hervorsticht.

Zum einen wären da die interessanten Figuren, die der Leser durch alle drei Bände begleiten darf. Tom als Hauptfigur muss sich immer wieder seinen Ängsten stellen und lernen, was die Arbeit des Spooks bedeutet, nämlich nicht nur die Konfrontation mit den Mächten der Dunkelheit, sondern auch die Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Er hat einen gut geschulten Lehrmeister mit reichlich Lebenserfahrung an seiner Seite, der aber auch stets von der Aura seiner geheimnisvollen Vergangenheit umweht wird. Genau die steht dann auch im Mittelpunkt des dritten „Spook“-Bandes, nachdem Delaney bereits im Vorgängerband diverse Andeutungen eingestreut und die Neugier des Lesers angestachelt hat.

Doch es sind nicht nur die beiden Titelhelden, die zu überzeugen wissen. Delaney baut für ein Jugendbuch überraschend ambivalente Figuren ein. Nicht nur der alte Spook hat seine schwache Seite, die sich vor allem in seinem Verhältnis zu der Lamia-Hexe Meg widerspiegelt, die er sanfter behandelt, als es einer Hexe ihres Kalibers eigentlich gebührt. Tom weiß oft nicht, was er vom alten Spook halten soll, und so ist das Vertrauen in seinen Meister nicht zu jeder Zeit völlig uneingeschränkt.

Auch Alice, die junge Hexe, die Tom schon aus so mancher brenzliger Situation geholfen hat, ist eine interessante Figur, die Schlechtes wie Gutes in sich vereint. Der Spook traut ihr nicht über den Weg, und auch als Leser hegt man hin und wieder Zweifel an ihrer Loyalität. Und doch hat Alice viele gute Charakterzüge vorzuweisen. Nicht minder interessant ist Toms Mutter, deren geheimnisvolle Vergangenheit im Vorgängerband eine Rolle spielte. Auch in diesem Teil steht sie ihrem Sohn wieder mit Ratschlägen und Vorausahnungen zur Seite. Sie ist eine Figur, die irgendwie über den Dingen zu stehen scheint.

Delaney treibt mit jedem Teil der Reihe auch die Figurenentwicklung ein Stückchen voran. Tom wird allmählich reifer, und diesmal sind es vor allem die Geschehnisse rund um seine eigene Familie, die ihn erwachsener werden lassen.

Die Geschichte verläuft auch diesmal wieder außerordentlich spannend. Spätestens mit [„Der Fluch des Geisterjägers“ 3535 hat Delaney bewiesen, was er an Spannung aus seinem Plot herauskitzeln kann, und das zeigt er auch diesmal wieder konsequent. „Das Geheimnis des Geisterjägers“ ist von vorne bis hinten spannend erzählt, mit einem stetig aufwärts strebenden Spannungsbogen. Der Plot ist straff und temporeich, Spannungsabfälle sucht man vergebens.

„Spook“ macht also auch mit dem dritten Band noch immer Spaß. Ein herrlich-schauriger Lesegenuss, der sich auch mit fortschreitender Seitenzahl nicht totläuft. „Das Geheimnis des Geisterjägers“ ist übrigens noch nicht das Ende der Reihe. In England ist im Juli der vierte Teil „The Spook’s Battle“ erschienen, der sich am Ende dieses Buches schon andeutet. In „Spook“ steckt noch genug Potenzial, die Geschichte weiterzuerzählen, und so kann man sich schon auf die Fortsetzung freuen.

Bleibt unterm Strich also festzuhalten, dass „Spook – Das Geheimnis des Geisterjägers“ die Erwartungen voll erfüllt. Eine spannende Geschichte mit dezentem Gruselfaktor und interessanten Figuren. Ich warte gespannt auf den nächsten Teil.

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Schwindt, Peter – Gwydion 03 – König Arturs Verrat

Band 1: [„Der Weg nach Camelot“ 2556
Band 2: [„Die Macht des Grals“ 3509

_Story_

Nachdem sich die Prophezeiung um Gwyns undurchsichtige Herkunft erfüllt hat und dem einstigen Schweinehirten gewahr wird, dass er in Wirklichkeit der Nachkomme des letzten Gralshüters ist, wird dem unscheinbaren Knappen Lancelots erst bewusst, welche Verantwortung auf ihm lastet. Doch auch mit diesem Hintergedanken scheint Gwyn am Schicksal Camelots kaum mehr etwas ändern zu können.

Das Attentat auf Sir Kay, Arturs engsten Vertrauten, hat die Harmonie ein für allemal zerstört, zumal es sich bei Kays Mörder augenscheinlich um seinen Sohn Rowan handelt. Gwyn und Lancelot begeben sich alsbald auf die Suche nach dem verschollenen Jungen und landen in der finsteren Festung Chumleigh. Bereit, die Geheimnisse der Burg endgültig zu lüften, treffen sie auf den grausamen Herrscher Sir Gore.

Aber auch ein anderer Konkurrent trifft überraschend auf Chumleigh ein: Mordred scheint Gwyn und seinen Gefährten bereits einen Schritt voraus und in seiner Machtgier nun endlich am Ziel angelangt zu sein. Während der König auf Camelot dem Wahn verfällt, müssen seine treu ergebenen Ritter auf Chumleigh um ihr Leben bangen. Diesmal nämlich kennt Mordred keine Gnade …

_Persönlicher Eindruck_

Zeichnete sich in den vorangegangenen beiden Bänden bereits eine dezente Distanzierung bezüglich der klassischen Artus-Sage ab, vollzieht Peter Schwindt im dritten Teil seiner „Gwydion“-Reihe nun einen recht radikalen Schnitt, der das gesamte Bild der britischen Legende komplett verändert. Deutlicher als je zuvor sticht die Eigenständigkeit des Autors in „König Arturs Verrat“ hervor, belegt durch mutige Wendungen, überraschend extreme Charakterzeichnungen und eine durchweg alternative Improvisation des traditionellen Sagenstoffs.

Dabei weicht der dritte Band inhaltlich kaum von den eingeschlagenen Pfaden ab: Gwyn erfährt an Lancelots Seite stetig mehr über das Schicksal seiner Herkunft und wird sich zum ersten Mal bewusst, welche Last tatsächlich auf seinen Schultern liegt. Es ist seine Bestimmung, den Kelch zu finden und Camelot als vermeintlich letzter Gralshüter vor dem Untergang zu bewahren. Jedoch muss Gwyn erst einmal für klare Verhältnisse am Hofe des Königs sorgen.

Ränke und Intrigen überschatten die einstige Heimat der Tafelrunde, und immer deutlicher zeichnen sich auch vereinzelte Methoden des höfischen Verrats ab, die den künftigen Gralshüter von seinem eigentlichen Lebensweg abhalten. Erschreckend ist dabei vor allem die Darstellung des Königs. Artur ist dem Suff verfallen, kaum mehr imstande, sein Land zu führen und den Thron zu verteidigen. Der Mord an Sir Kay hat das Fass zum Überlaufen gebracht und den höchsten Regenten Camelots in eine tiefe Krise gestürzt, die letztendlich breitere Bahnen einnimmt, als die Protagonisten vorab befürchtet hatten. Blind für die verräterischen Interaktionen ihrer Vorgesetzten, stürzen sie in Chumleighs Übel, laufen dem heimtückischen Mordred fast ins offene Messer und ahnen noch nichts von der großen Enttäuschung, die ihnen infolge eines diebischen Deals des Königs widerfahren soll.

An dieser Stelle kommt nämlich der Titel des Romans zum Tragen; Schwindt eröffnet einige erstaunlich finstere Facetten um den viel besungenen König und zerstört in „König Arturs Verrat“ das idealistische Erscheinungsbild des einst so mächtigen Königs. Im Zuge dessen verdüstert sich auch die allgemeine Erzählatmosphäre. Niederträchtige Figuren intrigieren gegen die Sympathieträger, die Handlung gewinnt in allen Strängen an Brisanz, und bedingt durch die Unstetigkeit der sich wandelnden Hauptdarsteller hat der Autor an vielen entscheidenden Eckpunkten häufig gleich mehrfach die Überraschung auf seiner Seite.

Letzten Endes ist „König Arturs Verrat“ daher auch mit Abstand die spannendste Geschichte dieser Reihe, gleichsam aber auch ganz klar jener Roman, dem es aufgrund der vielen Erzählstationen sicherlich am wenigsten an Abwechslung mangelt. Unser Titelheld kämpft gegen den Mörder Kays, rüstet insgeheim gegen den König, sieht sich Mordred mit einem Mal schutzlos ausgeliefert und gerät alsbald in die Verlegenheit, an der Seite von Prinzessin Aileen abseits der Blutlinie das Thronerbe anzutreten. Doch auch hier lauert schließlich – wie in Band drei so häufig – der Verrat …

Denjenigen, die schon die ersten beiden Teile verschlungen haben, muss man wohl nichts mehr über die tolle Alternativversion der Artus-Sage erzählen. Dennoch sei an dieser Stelle noch einmal erwähnt, dass Schwindt gerade in dieser dritten Episode sehr mutige Wege beschreitet, die im Rahmen des viel zitierten Literaturklassikers mit entsprechender Aufmerksamkeit gewürdigt gehören. Nicht nur an das jugendliche Publikum ergeht hier eine ganz klare Empfehlung!

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Jonas Torsten Krüger – Der Racheengel von Venedig

Die italienische Stadt Venedig ist ein beliebtes Touristenziel. Das ist nicht weiter verwunderlich. Immerhin gibt es eine Menge Kunst und Kultur in der Stadt, die auf Stelzen steht. Zu viel Kunst, wenn es nach der vierzehnjährigen Bea geht. Sie kann ihrer Heimatstadt nichts abgewinnen, schon alleine deswegen nicht, weil ihre verwitwete Mutter als Beauftragte für die Kirchenkunst Venedigs viel zu wenig Zeit für ihre Tochter hat. Doch das junge Mädchen weiß sich abzulenken. Wie sich das in einer Stadt gehört, in der das Boot das Auto ersetzt, ist sie gerne auf und im Wasser. Außerdem ist sie begeisterte Naturschützerin – und Hobbydetektivin!

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Wortberg, Christoph / Theisen, Manfred – Geist der Bücher, Der

Seit Ben vor einigen Jahren seine Eltern verloren hat, lebt er bei seiner Tante Lynn, einer berühmten Schriftstellerin. Aber noch immer kommt er weder mit dem Verlust noch mit seiner Tante klar. Vergeblich versucht seine Tante, ihm ihre Liebe zur Literatur nahezubringen, bis sie eines Tages plötzlich verschwindet! Erst jetzt erkennt Ben, dass seine Tante etwas Besonderes war. Er macht sich auf die Suche nach ihr und schlittert Hals über Kopf in ein haarsträubendes Abenteuer …

Ben ist nicht unbedingt der durchschnittliche Teenager. Offenbar hat er weder Hobbies noch irgendwelche besonderen Interessen. Seine Abneigung gegen Bücher und das Trauma, das er offenbar beim Unfalltod seiner Eltern erlitten hat, sind die einzigen Details, die man über ihn erfährt. Später kommt noch seine wachsende Zuneigung zu Julia dazu. Alle übrigen Eigenschaften – wie Ehrlichkeit, Mut, Hartnäckigkeit und Einfallsreichtum – definieren mehr seine Funktion als Held der Geschichte und weniger die Person Ben als solche.

Julia Capulet will natürlich zunächst vor allen Dingen nach Verona zurück. Erst später, als sie von Romeos Ende erfährt, löst sich diese Fixierung; sie beginnt, sich mehr auf ihre momentane Situation zu konzentrieren, und schon bald kommen sie und Ben sich näher. Dieser Hauch einer Romanze genügt allerdings nicht, um der Julia einen wirklich eigenständigen Charakter zu verleihen. Im Grunde wurde nur die Person ihrer Zuneigung ausgetauscht, ansonsten bleibt sie unverändert das schöne, verliebte, gutherzige aber passive Mädchen.

Mercutio ist nicht ganz so einfach gestrickt. Im Gegensatz zu Julia hat die Herauslösung aus dem Kontext seiner eigentlichen Geschichte bei ihm eine Charakteränderung bewirkt. Sein Verhältnis zu Romeo ist extrem zwiespältig, und auch das zu Ben entwickelt sich mehr und mehr in diese Richtung. Mal hilft Mercutio Ben, dann wieder bleibt er tatenlos. Außerdem lügt er ganz ungeniert. Das Einzige, was man über Mercutio sicher sagen kann, ist, dass er völlig in Julia verliebt ist.

Der Bösewicht der Geschichte namens Gondar zeichnet sich vor allem durch ein grausliches Äußeres aus sowie durch einen ungeheuren Rachedurst. Sein Name hat allerdings – auch wenn er fast genauso klingt wie Aragorns Hauptstadt – keinerlei Verbindung zu Tolkien, sondern leitet sich aus einer völlig anderen, viel interessanteren Ecke ab.

Die übrigen Charaktere sind lediglich Gaststars aus den verschiedensten Winkeln der Literatur, sie tauchen nur kurz auf und verschwinden dann wieder.

Tiefgründigkeit kann man der Charakterzeichnung also nicht gerade bescheinigen. Die Geschichte wird – verständlicherweise – ausschließlich aus Bens Sicht erzählt; das macht seine Gedanken und Gefühle etwas deutlicher als die aller anderen, allerdings nicht wirklich intensiv. Immerhin verleiht Mercutios unvorhersehbare Art der Sache ein wenig Pfiff.

Der Grund liegt wohl in der turbulenten Handlung verborgen. Kaum hat Ben sich entschlossen, seine Tante zu retten, überstürzen sich die Ereignisse. Als Erstes landet der Junge in Verona, wo Mercutio und Julia das Trio komplettieren. Gleich von Anfang an sind die drei auf der Flucht, stolpern von einem Buch ins nächste. Das wirkt zunächst fahrig und konfus, aber so ist das eben, wenn man ständig auf der Flucht ist. Der Trubel legt sich ein wenig, als Ben in der einen oder anderen kurzen Verschnaufpause anfängt, seinen Kopf zu benutzen und nach Wegen zu suchen, um die Ortswechsel irgendwie zu beeinflussen.

Zu diesem Zeitpunkt fängt auch der Kern der Geschichte an, sich herauszuschälen. Allmählich kommt Ben dahinter, worum es bei der Entführung seiner Tante und den Überfällen auf Romanfiguren überhaupt geht. Und warum ihre Verfolger unbedingt die Hälfte des Amuletts haben wollen, das er um den Hals trägt.

Konkreter ausgearbeitet haben die Autoren die Rahmenhandlung allerdings nicht. Die Detailverliebtheit der epischen Fantasy fehlt hier völlig. Zwar sind die logischen Zusammenhänge nachvollziehbar und ohne Brüche, auch bietet die Geschichte eine gewisse Entwicklung im Hinblick darauf, dass Ben die Situation allmählich in den Griff bekommt und dadurch ganz nebenbei mit seinem Trauma fertig wird. Das Hauptaugenmerk liegt aber eindeutig auf dem rasanten Handlungsverlauf, der zusammen mit der zügigen Erzählweise nicht viel Zeit für Ausschmückung oder Abschweifung lässt. Ja, selbst der Spannungsbogen geht darin zunächst unter und strafft sich erst unmittelbar vor dem Showdown.

Trotzdem fand ich die Idee des Buches ausgesprochen interessant. Nicht nur, weil es Spaß gemacht hat, anhand der knappen Einführung nach einem Ortswechsel zu erraten, in welchem Buch Ben und seine Freunde sich gerade befinden, auch die Art und Weise der Ortswechsel steckten voller Ideen und boten genügend Vielfalt, um den Leser immer wieder zu überraschen.

Zudem steckte das Buch voller unerwarteter Details, die aus der Störung des Ursprungsromans resultieren und mal befremdlich, mal dramatisch, mal amüsant wirken. Es hat schon was, wenn Julia Capulet sich mit Werther über die Tragik unerfüllbarer Liebessehnsucht unterhält, und der Wortschwall, mit dem Ben in „Oliver Twist“ eine Haushälterin geradezu überfährt, war wirklich erheiternd. Und auch die Herkunft Gondars und seiner Schattenkrieger war eine Idee, die mir gut gefallen hat, auch wenn die Darstellung derselben eher eklig bis gruselig geraten ist.

Ganz ohne kleinere Unebenheiten ging es allerdings auch hier nicht ab. So war die Wirkungsweise von Bens Amuletthälfte stellenweise etwas widersprüchlich, und die Anwesenheit der rothaarigen Frau auf dem Hausdach in New York wird zwar später von den Autoren selbst hinterfragt, letztlich aber ohne Antwort ins Leere laufen gelassen. Wirklich störend wirkten diese Kleinigkeiten aber nicht.

So ist „Der Geist der Bücher“ hauptsächlich eine wilde Verfolgungsjagd durch ein buntes Sammelsurium von diversen literarischen Szenen. Vielleicht hätte die Reduzierung dieses Sammelsuriums um zwei oder drei Exemplare ein wenig den Eindruck gemildert, dass hier möglichst viele berühmte Romane mit mehr oder weniger Gewalt zu einer neuen Geschichte zusammengequetscht werden sollten. Dieser Eindruck entsteht vor allem zu Beginn, verliert sich allerdings im Verlauf der Geschichte wieder, als Ben anfängt nachzudenken und die einzelnen Romanszenen nicht mehr so willkürlich aufeinander folgen, sondern durch die Rahmenhandlung einen gewissen inneren Zusammenhang erhalten. Und wem es gelingt, sich von der Hast des Anfangs nicht ganz mitreißen zu lassen, dem entgehen auch die kleinen Perlen, die Details am Rande, nicht so leicht.

Mit anderen Worten: Für wen eine intensive Charakterzeichnung ein absolutes Muss ist, dem wird dieses Buch wahrscheinlich weniger zusagen. Alle anderen erwartet eine vielleicht nicht unbedingt anspruchsvolle oder vielschichtige, zumindest aber abwechslungsreiche Geschichte mit vielen Ideen, die zwar nicht bis ins Kleinste ausgearbeitet sind, sich aber trotzdem sehen lassen können. Ich würde das Buch in der Jugendsparte einordnen, auch wenn es nicht ausdrücklich als solches bezeichnet wird.

„Der Geist der Bücher“ ist nach „Der König der Welt“ (|Ueberreuter|) die zweite Zusammenarbeit von Christoph Wortberg und Manfred Theisen. Christoph Wortberg studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte, und absolvierte außerdem eine Schauspielausbildung. Er schreibt Krimis für Hörfunk und Fernsehen und seit 2004 auch Jugendromane, unter anderem „Novembernacht“ und „Keine Wahl“. Manfred Theisen studierte Germanistik, Anglistik und Politik und wurde zunächst Journalist. Diverse Reisen führten ihn unter anderem nach Äthiopien, Russland und Malaysia und prägten sein Leben und sein Werk spürbar. Seit 2001 arbeitet Manfred Theisen als freier Schriftsteller, aus seiner Feder stammen unter anderem „Regenzeit“, „Checkpoint Jerusalem“ und „Täglich die Angst“.

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Bellairs, John – Geheimnis der Zauberuhr, Das

Glück im Unglück hat Luis Barnavelt, der in diesem Jahre des Herrn 1948 gerade zehn Jahre alt geworden ist und gerade seine Eltern bei einem Autounfall verloren hat: Sein Onkel Jonathan van Olden Barnavelt nimmt den Waisenknaben zu sich ins kleine Städtchen New Zebeedee im idyllisch-verschlafenen Capharnaum County, US-Staat Michigan. Dort bewohnt er an der High Street Nr. 100 ein altes Herrenhaus, in dem sich Luis zwar sogleich heimisch fühlt, das jedoch einige Besonderheiten aufweist; Spiegel, die fremde Länder in fernen Zeiten zeigen, sind nur eine davon.

Beunruhigender findet Luis allerdings das seltsame Verhalten seines Onkels, den er dabei ertappt, wie er des Nachts durch das dunkle Haus schleicht, an den Wänden horcht und diese mit Hammer und Meißel aufstemmt. Ganz offensichtlich sucht er etwas. Was es ist, erfährt Luis, als Jonathan seinen Neffen dabei entdeckt, wie er ihn beobachtet. High Street Nr. 100 wurde einst erbaut von Isaac Izard, der in New Zebeedee als Zauberer verschrien war, und das wohl zu Recht. Aus Gründen, die Jonathan und seiner Nachbarin und Freundin, der freundlichen Florence Zimmermann, unerfindlich bleiben, hat Izard irgendwo in den Mauern seines Hauses eine Uhr versteckt, deren beständiges Ticken die Bewohner zur Weißglut treibt. Sie lässt sich einfach nicht orten, obwohl Jonathan und Mrs. Zimmermann schon seit Jahren nach ihr suchen.

Die Lösung dieses Rätsels muss unbedingt gefunden werden, nachdem Luis beim Versuch, einen Freund zu beeindrucken, versehentlich den Geist der bösen Selenna Izard aus ihrem Grab befreit. Diese erweist sich als noch wesentlich unangenehmer als ihr Gatte, der die Uhr – so viel steht bald fest – mit einer magischen Weltuntergangs-Maschine gekoppelt hat. Gelingt es Selenna, die Uhr zu finden und den Mechanismus korrekt zu justieren, wird der Tag des Jüngsten Gerichts anbrechen. Genau dies versucht sie, und dabei geht sie nicht zimperlich vor, wobei sie sich auch noch als Hexe mit vielen unangenehmen Verbündeten entpuppt …

John (Anthony) Bellairs (1938-1991) gehört in den USA auch ein Jahrzehnt nach seinem frühen Tod zu den bekannten und viel gelesenen Kinderbuch-Autoren. Was hierzulande fast wie eine Abqualifizierung klingt, ist tatsächlich eine echte und schwierige Kunst: Geschichten zu erzählen, die Kinder – diese seltsame Mischung aus Mensch und Alien – einbeziehen, als zwar noch im Wachsen begriffene, aber bereits existente Persönlichkeiten ernst nehmen und vor allem nicht der fixen Idee unterliegen, ihr Publikum um jeden Preis belehren zu wollen.

Die besondere Qualität des John Bellairs wird nicht zuletzt durch sein Talent offenbar, auch ältere Kinder oder fast schon wieder kindlich gewordene Erwachsene (wie Ihren Rezensenten) zu fesseln. „Das Geheimnis der Zauberuhr“ ist nicht ’nur‘ ein Kinderbuch, sondern auch ein veritables „Weird Fantasy“-Abenteuer, das geschickt Elemente milden Horrors in eine ansonsten realistische, nur leicht verfremdete Alltagswelt bringt. Kinderängste, die sich beileibe nicht ausschließlich ums Übernatürliche drehen, sondern auch die Furcht vor dem Allein- und Fremdsein in einer leicht aus den Fugen geratenden Welt mit einschließen, werden beschworen, bewältigt und damit gebannt, und das ohne den berühmt-berüchtigten erhobenen Zeigefinger. Die Figuren sind schlicht, aber kraftvoll gezeichnet, wobei angenehm auffällt, dass die Erwachsenen weder zu Respektspersonen, vor denen Kinder stramm zu stehen haben, erhöht noch zu Trottel herabgewürdigt werden, die rein gar nichts von dem kapieren, was um sie herum vor sich geht. Die Kinder – allen voran Luis Barnavelt – sind weder tumbe Disney-Zombies noch altkluge Spielberg-Goonies, sondern stehen mit beiden Beinen fest im Leben, wobei dieses auch seine unangenehmen Seiten hat, die ebenso wie gewisse charakterliche Schwächen der Protagonisten nicht harmoniesüchtig ausgeblendet werden (auch wenn vielleicht ein wenig zu viel heißer Kakao serviert wird).

„Das Geheimnis der Zauberuhr“ bildet den Auftakt zu einem Dreiteiler um den Waisenknaben Luis Barnavelt, der in und um die archetypische US-amerikanische Kleinstadt New Zebeedee allerlei fantastische Abenteuer erlebt. Mit beachtlicher Verspätung erschienen sie ab 2000 endlich in Deutschland |(1)|. Der Blick auf das Titelbild macht deutlich, wem wir dies verdanken: Es zeigt eine Jungengestalt mit wirrer Zackenfrisur, aber immerhin ohne Brille und Nimbus 2000 und zeugt vom durchsichtigen aber verständlichen Wunsch des |Heyne|-Verlags, auch ein paar Krümel vom Harry-Potter-Kuchen abzubekommen. (Damit noch der Dümmste hört, was die Glocke geschlagen hat, wurde vorsichtshalber der Satz „Ein Muss für jeden Harry-Potter-Fan!“ auf den hinteren Umschlagdeckel gedruckt.) In diesem Fall darf der Leser das Gebrüll der Werbe-Ochsen aber gnädig überhören und sich über die unverhoffte Gelegenheit freuen, einen echten Kinder- oder Jugendbuch-Klassiker kennen zu lernen.

Die weiteren Bände der ‚echten‘ Barnavelt-Trilogie erschienen bei |Heyne| unter den Titeln „Der magische Schatten“ („The Figures in the Shadows“, 1975) und „Das Rätsel des verwunschenen Rings“ („The Letter, the Witch and the Ring“, 1976). Da niemand, der auch nur bescheidenen Ruhm auf sein Haupt häufen konnte, heutzutage in Frieden ruhen darf, wurde Luis Barnavelt nach dem Tod seines Schöpfers wieder belebt: In postumer ‚Zusammenarbeit‘ mit dem Vielschreiber Brad Strickland erschien zwischen 1993 und 1995 ein weiterer dreibändiger Romanzyklus, der inzwischen ebenfalls bei |Heyne| als „Das Gespenst im Spiegel“ („The Ghost in the Mirror“, 1993), „Der Spuk im Irrgarten“ („The Vengeance of the Witch-Finder“, 1993) und „Der Fluch der alten Oper“ („The Doom of the Haunted Opera“, 1995) auf Deutsch vorliegt.

|Anmerkung|

|(1)| Dieser erste Teil erschien bereits 1977 im |Diogenes|-Verlag unter dem Titel „Das Haus, das tickte“; durch die mehr als nur leicht morbiden Illustrationen Edward Goreys hinterlässt diese Ausgabe einen ausgesprochen düsteren Eindruck.

Blazon, Nina – Maskenmörder von London, Der

Nina Blazon, Wolfgang-Hohlbein-Preisträgerin, ist vielen vielleicht nur wegen ihrer erfolgreichen Fantasybücher ein Begriff. Tatsächlich schreibt die Autorin aber auch historische Romane wie zum Beispiel „Der Maskenmörder von London“.

Die Geschichte spielt im 18. Jahrhundert. Die Stadt London steht Kopf, denn der italienische Staropernsänger Giacomo Maria Amorelli singt in Prinz Fredericks Theaterhaus. Auch Isobel Burlington, eine betuchte Witwe, ist großer Fan des Sängers, während ihr Neffe Lucius bei der bloßen Erwähnung des Namens die Augen verdreht.

Der junge Mann, der aus ärmeren Verhältnissen aus Dover stammt und in London seine Ausbildung zum Kaufmann machen soll, interessiert sich nicht sonderlich für Opern und das adlige Getue seiner Tante. Doch als bei der Premiere von Amorellis neustem Stück dessen Rivale Ferrante ums Leben kommt, ist Lucius‘ Neugierde geweckt.

Mithilfe der Schleifenmacherin Sisí und dem Volk auf der Straße versucht er den rätselhaften Fall zu lösen. Denn anders als die Polizei unter dem raubeinigen Constable Avory glaubt Lucius nicht daran, dass Amorelli der Mörder ist …

Erneut gelingt es Nina Blazon, in den Mittelpunkt ihrer Geschichte einen jungen, gewitzten Helden zu stellen, der eine knifflige Aufgabe lösen muss. Lucius ist frech und mutig und nicht gerade der Kaufmannslehrling, der er eigentlich sein sollte. Sein Charakter ist gut ausgearbeitet und weist Ecken und Kanten auf. Außerdem ist er sehr sympathisch und interessant, weil er gerne ein wenig über die Stränge schlägt.

Ihm zur Seite stehen weitere Figuren, die ebenfalls sehr schön und zeitgerecht gezeichnet sind. Um Spannung in die Besetzung zu bringen, lässt Blazon die eine oder andere Person etwas undurchsichtig erscheinen, webt persönliche Tragödien ein und stellt Lucius eine tapfere junge Dame an die Seite. Sisí, eine einfache Bürgerin, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie sich gerne über ihre Standesgrenzen hinwegsetzt und Dinge tut, die einem jungen Mädchen eigentlich nicht gebühren.

Die ganze Handlung wird davon geprägt, dass Lucius und Sisí Dinge tun, die sie eigentlich nicht tun sollten. Munter brechen sie die Traditionen des 18. Jahrhunderts, um den wahren Mörder von Ferrante zu finden. Trotz dieser leicht verruchten Komponente und des schönen Erzählstils bleibt die Handlung aber recht blass. Den Ereignissen fehlt oft der zündende Funke. Dadurch kommt kaum Spannung auf beziehungsweise erst am Ende. Hier schlägt Blazon ein paar Haken und sorgt für die Überraschungen, die sie lieber vorher schon hätte einfließen lassen sollen.

Insgesamt lässt die Geschichte auch ein wenig an der Dichte missen, die man sonst von der Stuttgarter Autorin gewohnt ist. Ihre überbordende Fantasie, die ihre Fantasybücher zu kleinen Sensationen werden lässt, scheint in Angesicht einer realen Welt geschrumpft zu sein. Dadurch wirkt der Hintergrund, vor dem sich die Geschichte abspielt, etwas farblos und starr. Blazon bemüht sich zwar, witzige Besonderheiten des 18. Jahrhunderts in die Geschichte einzuweben, aber es gelingt ihr nicht, diese entsprechend zu präsentieren. Die Besonderheiten wirken lose und es fehlt der Geschichte an Dichte.

Immerhin der Schreibstil ist genauso gut wie in Nina Blazons Fantasybüchern. Leichtfüßig und beschwingt mit einer guten Prise Humor schreibt sie aus Lucius‘ Perspektive. Das Buch ist angenehm zu lesen, wenn auch ein wenig ernster als zum Beispiel Blazons „Die Taverne am Rande der Welten“-Reihe. Dieser neue Ernst tut dem Erzählstil aber keinen Abbruch. Nina Blazon beweist erneut, dass sie anspruchsvoll, aber doch jugendfreundlich schreiben kann.

„Der Maskenmörder von London“ gehört nicht zu Blazons besten Büchern. Die Handlung erzeugt dafür zu wenig Spannung und auch der geschichtliche Hintergrund ist vergleichsweise blass. Trotzdem kann sie mit ihrem leichtfüßigen Schreibstil und den sympathischen Charakteren punkten.

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Blazon, Nina – Im Land der Tajumeeren (Die Taverne am Rande der Welten 2)

Wenn man in der Taverne am Rande der Welten wohnt, kann man jeden Tag ein neues Abenteuer erleben. Nicht umsonst gibt es im Flur des Gasthauses eine Unmenge von Türen, die in alle möglichen Länder führen.

Das dreizehnjährige Findelkind Tobbs wohnt in der Taverne am Rande der Welten. Er arbeitet dort als Schankjunge und wundert sich den lieben langen Tag, wer seine Eltern sind und was der Wirt Dopoulos hinter der zugemauerten Tür versteckt. Nicht umsonst glaubt er, dass das Geheimnis der Tür etwas mit seiner Herkunft zu tun hat.

Eines Tages prescht ein dickes Botenpony mit einem von einem Pfeil durchbohrten Boten in die Taverne. Der Bote scheint an Gedächtnisverlust zu leiden, denn das Einzige, was er sagt, ist „Iwan!“ Nur Wanja, die starke Schmiedin in der Taverne, kann etwas mit dem Namen anfangen. Sie glaubt, dass ihre Tante Baba Jaga den Reiter geschickt hat. Das kann nur heißen, dass die Hexe, die in einem Haus mit Hühnerbeinen lebt, in Gefahr ist. Wanja sattelt ihr rotes Pferd Rubin und macht sich auf nach Rusanien – ohne zu wissen, dass Tobbs ihr folgt. Er hat sich das arbeitslose Botenpony gesattelt und reitet ihr hinterher, denn er hofft, auf diesem Weg etwas über seine Vergangenheit zu erfahren.

Damit liegt er nicht mal so falsch. Die Truhe, die Baba Jaga in ihrem Haus versteckt hatte, enthielt einen wichtigen Hinweis auf seine Herkunft, wie Wanja ihm erzählt. Doch die Kiste ist weg. Die Roten Reiter, die auch den Boten erschossen haben, haben sie mitgenommen und Baba Jaga ist ebenfalls verschwunden. Wanja und Tobbs finden sie in Tajumeer, einem Land, das an eine Südseetrauminsel erinnert. Dort lässt sich die Hexe die Sonne auf den Pelz scheinen. Als Wanja und Tobbs sie treffen, stellt sich heraus, dass ihr Schatz doch nicht den Roten Reitern in die Hände gefallen ist, sondern am Grund des Meeres liegt. Und das wird von den grausamen Haigöttern bewacht …

„Im Land der Tajumeeren“ ist in der Reihe |Die Taverne am Rande der Welten| erschienen. Wie im Vorgängerband [„Die Reise nach Yndalamor“ 3463 mischt Blazon auch dieses Mal heitere Fantasy mit alten Sagengestalten und ähnlichem.

Der eine oder andere mag den Namen Baba Jaga deshalb schon mal gehört haben. Es handelt sich dabei um eine mythologische Gestalt aus Russland, die in einem Mörser fliegen kann, wie Blazon im Anhang erzählt. Die Autorin, die slawische Sprachen studiert hat, orientiert sich aber nicht nur an diesem Kulturkreis. Ebenfalls mit von der Partie sind die Haselhexe aus Tirol und ein paar römische Gottheiten.

Nina Blazon mixt also alles wild durcheinander. Heraus kommt ein spritziges Fantasybuch, rasant erzählt und mit einem heiteren Unterton. Blazon schreibt leichtfüßig, treffsicher und humorvoll, was ihre Bücher auch für erwachsene Leser zu einem Genuss werden lässt.

Im Mittelpunkt steht wieder Tobbs, ein eher ängstlicher Junge, der auf der Suche nach einer eigenen Identität ist. Er ist kein richtiger Held, denn er hat Angst vor Pferden und kann nicht schwimmen. Ein tragischer Antiheld ist er aber auch nicht, denn er beweist sehr wohl Mut, wenn es brenzlig wird. Blazon stattet ihn mit einer Vielzahl verschiedener Wesenszüge aus und gestaltet ihn rund und anschaulich.

Ihm zur Seite stehen Freunde und Feinde, die durch ihre sauber ausgearbeiteten Charaktere und ihre Originalität bestechen. Blazon ist sich dabei nicht zu schade, ihre Figuren an der Grenze der Lächerlichkeit anzusiedeln. Baba Jaga zum Beispiel benimmt (und kleidet) sich bei den Tajumeeren so, wie man sich eine klischeehafte Seniorin auf einer Südseeinsel vorstellt. Durch solche mutigen Charaktere macht es besonders viel Spaß, das Buch zu lesen.

Die Handlung ist auch dieses Mal sehr rasant. Die Ereignisse passieren Schlag auf Schlag, und es werden nur wenige Absätze für gedankliche Ausschweifungen verschwendet. Blazons lobenswerter Einfallsreichtum ist verantwortlich dafür, dass man das Buch nicht aus den Händen legen möchte. Sie malt ihre Fantasywelt in den buntesten Farben und stattet sie liebevoll mit Details und Witz aus. Ab und an baut sie kleine Erinnerungen an die reale Welt ein, zum Beispiel auf Seite 32. Dort erzählt Dr. Dian von der neusten „Magie-Technologie“, dem „Magimnesie-Granulat“, das zu einer „magischen Amnesie“ führt.

Was Blazons Bücher, vor allem die aus der Reihe |Die Taverne am Rande der Welten|, besonders auszeichnet, ist ihre Leichtfüßigkeit in Bezug auf den Schreibstil. Sie tänzelt geradezu von einem Satz zum anderen. Sie benutzt ein einfaches Vokabular, dem sie mit ihrem heiteren Humor eine Menge Lebendigkeit einhaucht.

Allerdings ist das Lesevergnügen dieses Mal nicht völlig ungetrübt. An einigen wenigen Stellen benutzt Blazon Wörter, die für die angepeilte Zielgruppe ab elf Jahren noch etwas zu komplex sein dürften. |Salto mortale| (Seite 18) und |konspirativ| (Seite 29) dürften nicht gerade zum Wortschatz eines durchschnittlichen Fünftklässlers gehören.

Was auf der einen Seite amüsiert, auf der anderen aber leicht deplatziert wirkt, ist der Einsatz von Anglizismen. Die Begriffe |Drama-Queen| (Seite 26), |Cowboy| (Seite 49) oder |Playboy| (Seite 237) wirken ein bisschen fehl am Platze in der ansonsten sauber geschriebenen Geschichte.

Insgesamt hat die Wahlstuttgarterin Nina Blazon erneut ein entzückendes Fantasybüchlein für Kinder und Jugendliche abgeliefert. Die rasante Handlung, der heitere Schreibstil und vor allem die blühende Fantasie der Autorin sind Grund dafür, warum „Im Land der Tajumeeren“ ein einziges Lesevergnügen ist.

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Somper, Justin – Vampiraten 1: Der Fluch des Ozeans

Grace und Connor haben gerade ihren Vater und ihr Zuhause verloren. Jetzt haben sie die Wahl zwischen einem trostlosen Waisenhaus und einem reichen, aber verlogenen Bankiersehepaar. Da ihnen keines von beidem behagt, ziehen sie es vor, sich auf dem Boot ihres Vaters davonzumachen. Doch kaum haben sie den schützenden Hafen verlassen, bricht ein Sturm los und zertrümmert das Boot.

Die beiden haben Glück im Unglück: Sie werden gerettet. Allerdings jeweils von einem anderen Schiff.

Connor ist bei den Piraten gelandet und fühlt sich dort bald recht wohl. Grace dagegen findet sich auf einem Schiff voller Vampire wieder. Es dauert nicht lange, da gerät sie in Schwierigkeiten …

_Die Charaktere_

Connors herausragendste Eigenschaft ist seine sportliche Begabung, er ist kräftig und durchtrainiert. Aber segeln kann er offenbar nicht, und vom Wetter hat er auch nicht viel Ahnung. Dafür beweist er eine gewisse Hartnäckigkeit, aufzugeben ist nicht seine Sache. Abgesehen davon scheint er noch eine besondere Begabung zu haben, die sich vorerst am besten mit einem siebten Sinn umschreiben lässt: Er kann die Stimme seines toten Vaters hören und bis zu einem gewissen Grad Grace und ihre Umgebung wahrnehmen. Woher diese Begabung kommt und was genau es damit auf sich hat, bleibt noch unklar.

Grace ist diejenige mit Köpfchen, zumindest wird sie am Anfang als sehr intelligent und kenntnisreich beschrieben. Sie ist bei weitem nicht so sportlich wie ihr Bruder, aber auf ihre Weise genauso zäh. Ihr Angst zu machen, ist keine leichte Sache, und Resignation liegt ihr genauso wenig wie ihrem Bruder. Übernatürliche Fähigkeiten zeigt sie bisher keine. Und segeln kann sie offenbar genauso wenig wie ihr Bruder.

Mehr gibt es über die beiden vorerst nicht zu sagen. Die Charakterzeichnung bleibt ziemlich blass und flach. Die Vergangenheit der beiden fehlt völlig, wahrscheinlich, um der gewissen Aura des Geheimnisvollen willen. Das funktioniert sogar ein wenig. Abgesehen davon aber bleibt auch die Gegenwart recht unpersönlich und fad. Die beiden scheinen – von Connors sportlichen Aktivitäten abgesehen – keine Hobbys zu haben. Sie vermissen zwar ihren Vater, fragen aber nie nach ihrer Mutter. Die Schulden ihres Vaters haben sie zwar ihr Zuhause gekostet, aber offenbar keinerlei Träume oder Zukunftspläne zunichte gemacht. Das Einzige, woraus diese beiden zu bestehen scheinen, sind ihre äußerst enge Bindung zueinander und das alte Shanty über die Vampiraten, das sie von ihrem Vater gelernt haben und ständig zum Besten geben. Das ist nicht gerade viel, womit der Leser sich identifizieren könnte.

_Auch die Handlung_ fand ich nicht unbedingt mitreißend:

Die Piraten auf der |Diablo| sind erstaunlich gemütliche Gesellen. Zwar gibt es Spannungen zwischen dem Kapitän und seinem ersten Offizier, die sind aber vorerst noch recht harmloser Natur. Bösewichter scheint es auf diesem Schiff keine zu geben; eine erstaunliche Tatsache, wenn man bedenkt, dass man es eigentlich mit Verbrechern zu tun hat. Nicht, dass Justin Somper aus seinen Seeräubern edle Ritter nach dem Vorbild eines Robin Hood gemacht hätte, das nicht. Aber diese Mannschaft, allen voran der Kapitän, wirkt, als ob sie nichts ernst nähme. Keiner von ihnen will reich werden oder etwas rächen oder gar seine Mordlust befriedigen. Das Einzige, worum es zu gehen scheint, ist, möglichst viel Spaß zu haben!

Konfliktstoff bietet da vorerst nur die Tatsache, dass die Piraten der Weltmeere sich dieselben offenbar in Einflusszonen aufgeteilt haben. Der Kapitän der |Diablo| findet das allerdings höchst albern und wildert ohne Rücksicht in fremden Gewässern, was die anderen Kapitäne und ihre Besatzungen ziemlich wütend macht. Das klingt fast ein wenig nach organisiertem Verbrechen, wo die einzelnen Paten ebenfalls ihre Sphären streng gegen Übergriffe von anderen schützen. Leider ist die Ausarbeitung in dieser Hinsicht bisher nicht über Andeutungen hinausgekommen.

Das gilt auch für Cheng Li, den ersten Offizier der |Diablo|. Cheng Li hat an der Piratenakademie studiert und redet ständig von einer neuen Art von Piratentum, das die Welt der Piraterie revolutionieren wird. Wie genau das allerdings aussehen soll, wird nicht genauer erläutert.

Ein wenig mehr zur Sache geht es da auf dem Schiff der Vampire. Wobei diese Mannschaft sich nicht als Vampire bezeichnet, sondern als Vampiraten. Eine nette Wortschöpfung. Ich fragte mich allerdings, warum sie sich so nennen, denn in all der Zeit, die Grace bei ihnen verbringt, haben sie offenbar kein einziges Schiff überfallen. Die Piraten der |Diablo|, die von Connor das Shanty über eben diese Vampiraten gehört haben, wissen nichts von einem solchen Schiff und halten es für eine Legende, was sicher nicht so wäre, wenn die Vampiraten entsprechend aktiv wären.

Genau genommen handelt es sich also doch um ganz gewöhnliche Vampire, die sich auf diesem Schiff vor den Nachstellungen durch den Rest der Welt in Sicherheit gebracht haben. Der Kapitän ist ein sehr kultivierter Mann, so kultiviert, dass er sogar ohne Blutsaugen auskommt. Er hat sehr zivilisierte Regeln aufgestellt, aber natürlich gibt es da einen Quertreiber, der sich nur äußerst ungern daran hält. Der Kapitän verspricht Grace Schutz. Warum er sie aber nicht einfach in der Nähe des nächst besten Hafens an Land setzt, was wahrscheinlich der beste Schutz wäre, wird nicht erklärt.

Um die Sache etwas spannender und geheimnisvoller zu machen, hat der Autor diese Details natürlich zunächst einmal nicht verraten. Stattdessen muss Grace einen Teil davon ihrem Bewacher/Beschützer Lorcan Furey mühsam aus der Nase ziehen und den Rest selbst herausfinden. Trotz des Shantys und der Klugheit, die ihr zu Anfang zugeschrieben wurde, hat sie dafür erstaunlich lange gebraucht. Ein Knacks in der Logik, der eine Steigerung der Spannung oder Dramatik sofort wieder untergräbt.
Erst als der Quertreiber unter den Vampiren, Sidorio, meutert, wird die Sache interessanter …

_Insgesamt betrachtet_, wirkt dieser erste Band der |Vampiraten|-Serie wie eine ellenlange Einleitung. Das versuchte Attentat auf den Kapitän der |Diablo| und der erste Kampfeinsatz Connors, die ein wenig Schwung in die Geschichte brachten, liefen so glatt und waren so schnell erledigt, dass es für den Aufbau eines echten Spannungsbogens nicht gereicht hat. Zwar deuten die vielen vagen Hinweise in der Geschichte – Connors ungewöhnliche Begabung, das seltsame Verhalten des Vampiratenkapitäns in Bezug auf Grace, Cheng Lis Andeutungen – sowie der Unmut der anderen Piratenkapitäne und Sidorios Ankunft an Land die Entstehung von ein paar größeren Verwicklungen an, die Auswirkungen werden allerdings erst dem nächsten Band zugute kommen.

Nun handelt es sich hier um ein Kinderbuch, und natürlich erwartet man in einem solchen Fall weder Ströme von Blutvergießen noch echten Grusel. Immerhin sollen die jungen Leser nach dem Ende des Buches noch einschlafen können. Aber auch davon abgesehen kann die Geschichte mit dem „Fluch der Karibik“, mit dem sie verglichen wird, nicht mithalten. Auch wenn der Kapitän der |Diablo| zugegebenermaßen ein sympatischer Kerl ist, kann er mit Käpt’n Sparrow nicht wirklich konkurrieren. Der Handlung fehlt es – zumindest in diesem ersten Band der |Vampiraten| – an Erzähltempo und turbulenten Wendungen, um dem Vergleich mit dem Filmvorbild standhalten zu können. Bisher zumindest sind die |Vampiraten| kein „Fluch der Karibik“ für Kinder.

Aber das kann sich ja noch ändern. Eigentlich hat Justin Somper genug Konfliktpunkte und Geheimnisse angelegt, um im nächsten Band für einige Bewegung im Handlungsverlauf zu sorgen und den Leser mit unerwarteten Erkenntnissen zu überraschen. Falls es ihm zusätzlich gelingt, seinen Figuren, vor allem den beiden Hauptpersonen, noch etwas mehr persönliches Profil zu geben, könnte sich dieser Zyklus vielleicht noch berappeln.

Justin Somper ist Hobbyschwertkämpfer und war in mehreren Verlagen als Kinderbuchlektor und PR-Manager tätig, ehe er selbst anfing zu schreiben. Die |Vampiraten|-Serie ist inzwischen bis Band vier gediehen. Auf Deutsch erschien Band zwei im Juni dieses Jahres, die Folgebände sollen ab Februar 2008 erhältlich sein.

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Pullman, Philip – Ich war eine Ratte

Der englische Autor Philip Pullman ist hauptsächlich durch seine Trilogie „His Dark Materials“ bekannt geworden, für die er viele Preise gewonnen hat und deren erster Teil Ende 2007 als opulentes Fantasyspektakel in die Kinos kommt. Dass er auch ansprechende Kinderbücher schreiben kann, beweist der Autor mit „Ich war eine Ratte“.

Das alte kinderlose Ehepaar Bob und Joan führt ein ruhiges, bedächtiges Leben, bis eines Abends ein mysteriöser Junge in einer dreckigen Pagenuniform vor ihrer Haustür steht. Als sie ihn fragen, woher er kommt oder wie seine Eltern heißen, antwortet er immer nur das Gleiche: „Ich war eine Ratte.“

Aus Mitleid nehmen die beiden den Jungen auf und nennen in Roger. Roger ist ein nettes, unbedarftes Kerlchen, auch wenn er sich manchmal ein wenig komisch verhält. Er kennt keine Tischmanieren, zerfetzt seine Bettwäsche und hat ein Faible für Bleistifte, an deren Spitzen er gerne herumknabbert.

Trotzdem wächst er dem Ehepaar ans Herz, und als sich herausstellt, dass der Junge nirgends vermisst wird, behalten sie ihn. Doch eines Tages will der königliche Hofphilosoph ihn untersuchen, doch Roger flieht aus dem Schloss und fällt Mr. Tapscrew in die Hände, der ein Kuriositätenkabinett leitet …

„Ich war eine Ratte“ ist ein niedliches kleines Märchen, das vor allem durch seinen heiteren Grundton und die originelle Grundidee besticht.

Die rasante, kurzweilige Handlung beinhaltet viele wunderbare Elemente, ohne sich allzu weit von der realen Welt zu entfernen. Trotzdem gibt es weder eine konkrete Orts- noch Zeitangabe, so dass die Geschichte sehr zeitlos wirkt. Sie ist aufgebaut wie ein Märchen, das bedeutet, sie beginnt mit einer friedlichen Ausgangssituation, die durch ein plötzliches Ereignis, das Verschwinden Rogers, gestört wird. Um die Ausgangssituation wieder zu erreichen, muss sich der Held, also Roger, durch eine Menge Missstände kämpfen.

Dadurch, dass bei Märchen darauf verzichtet wird, die Gedanken und Gefühle der Charaktere breitzutreten, legt „Ich war eine Ratte“ ein sehr flottes Tempo vor. Kurzweilig und witzig sind die Erlebnisse, in die Roger verstrickt ist. Sehr oft entstehen Missverständnisse, weil er auf das Verhaltensrepertoire einer Ratte zurückgreift. Er knabbert zum Beispiel gerne an allen möglichen Dingen herum und bringt eine Beamtin zur Verzweiflung, als er den gesamten Inhalt ihres Stiftbechers annagt. Als sie daraufhin sagt, dass ihre Nerven strapaziert sind, assoziiert der Junge das mit den Stiften und redet im weiteren Verlauf des Buches immer wieder von Nerven, wenn er Stifte meint.

Dieser Running Gag funktioniert vor allem dank der naiven Unbedarftheit Rogers. Der Junge, der keinem etwas tun möchte, aber ständig ins Fettnäpfchen tritt, wächst dem Leser schnell ans Herz und hat einen Großteil der Handlung zu tragen.

Auf ähnliche unschuldige und einfache Art und Weise schreibt Philip Pullman, und von der Schwermut, die bei „His Dark Materials“ vorherrscht, ist nur wenig zu spüren. Das Buch nimmt sich selbst nicht besonders ernst mit dem heiteren, oberflächlichen Humor, der hier zur Anwendung kommt. Da es immer noch ein Kinderbuch bleibt, auch wenn Erwachsene ebenfalls Spaß daran haben werden, benutzt Pullman einen simplen, aber runden Stil, der sich durch kurze Beschreibungen und unkomplizierte Satzbauten auszeichnet. Wirklich prägnant ist und bleibt aber das Augenzwinkern, mit dem der Autor erzählt und das sich in dem wunderbaren, da daueranwesenden und nicht überzogenen Humor manifestiert.

Das Gegengewicht zur Märchenhaftigkeit stellen die Zeitungsartikel des |Morgen-Echo| dar, die immer wieder eingestreut werden. Sie sind illustriert und ungefähr auf dem Niveau der Zeitung mit den vier Großbuchstaben gehalten. Die Themen sind entweder die Flitterwochen des Königspaars oder Volksverhetzung, aber Pullman nimmt sich an dieser Stelle erneut nicht ernst und gestaltet die Artikel so überspitzt und satirisch, dass sie die Geschichte unheimlich auflockern. Einige seiner Übertreibungen beinhalten dabei durchaus eine leichte Kritik an der heutigen Gesellschaft, zum Beispiel beim Thema der „Jugendkriminalität“. Aufhänger ist der Einbruch einer Kinderbande in ein Haus, worauf sich Experten zu Wort melden und wahlweise den Eltern, der Schule, der Kirche und der Regierung die Schuld an der Morallosigkeit der Jugend zuschieben. Nur das |Morgen-Echo| hat den Durchblick:

|»Unsinn! Unsere so genannten Experten haben wie gewöhnlich Unrecht. Das ewige Gejammer über die Lage der Welt, die ewigen Schuldzuweisungen – kein Wunder, dass unser Land im Chaos versinkt, wenn es von solchen Menschen geführt wird.
Und nun ein Wort zur Jugendkriminalität.
Es sind doch die Kinder, die das anstellen.
Also, warum weiter nach Ursachen suchen?
DIE KINDER SIND SCHULD!«| (Seite 111)

„Ich war eine Ratte“ ist ein vergnügliches, märchenhaftes Kinderbuch, das aufgrund seiner Originalität und der Spitzen gegenüber der heutigen Gesellschaft auch Erwachsenen Spaß macht. Pullmans flotter Erzählstil und der naive Humor sorgen dafür, dass keine Langeweile aufkommt und man immer wieder herzhaft lachen darf.

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|Siehe ergänzend dazu auch unsere Rezension von Philip Pullmans [„Graf Karlstein“. 3374 |

Berkeley, Jon – gestohlene Lachen, Das (Die unglaublichen Abenteuer von Miles und Little 1)

Der zehnjährige Miles lebt seit seiner Flucht aus dem Waisenhaus in einem Holzfass. Seine besten Freunde sind sein Teddybär Mandarine, den er stets bei sich trägt, und Lady Partridge, eine ältere Frau, die mit ihren hundert Katzen in einem riesigen Baumhaus lebt. Eines Nachts zieht der Wanderzirkus Oscuro in die Stadt. Der neugierige Miles schleicht sich in die Vorstellung und sieht dort die Hochseilnummer eines kleinen Mädchens.

Mitten im Auftritt stürzt die Artistin, doch sie rettet sich auf wundersame Weise durch ihre Flügel – was das Publikum für einen netten Trick hält, ist offenbar tatsächlich Realität. Später beobachtet Miles, dass das Mädchen vom Zirkusdirektor, dem skrupellosen Großen Cortado, gefangen gehalten wird. Es gelingt ihm, die kleine Artistin zu befreien und mit ihr zu Lady Partridge zu flüchten.

Dort erfährt er die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das sich „Little“ nennt. Little ist ein Engel, gemeinsam mit ihrem Engelfreund Silverpoint aus den Wolken gestürzt und auf dem Zirkusplatz gelandet. Während Little als Hochseilartistin auftreten musste, wurde Silverpoint in den „Palast des Lachens“ verschleppt, der zum Zirkus gehört. Für Miles und Little steht fest, dass sie Silverpoint befreien müssen. Ein sprechender Tiger hilft den beiden auf ihrer Reise zu diesem unheimlichen Ort, an dem der Große Cortado regiert. Wer hier eine Vorstellung besucht, verliert die Fähigkeit zu lachen und glücklich zu sein …

Mit dem Auftakt zu einer Trilogie versorgt Jon Berkeley alle Freunde des phantastischen Kinderromans mit einem unterhaltsamen Lesestoff, der neugierig auf die folgenden Teile macht.

|Liebevolle Charaktere|

Im Mittelpunkt steht der zehnjährige Miles, ein Waisenjunge, dem nach sieben Versuchen endlich die Flucht aus dem ungastlichen Waisenhaus geglückt ist und der seitdem zufrieden in seinem Weinfass lebt. Sein Leben ist nicht komfortabel, aber annehmbar und sein größter Schatz ist sein geliebter Bär Mandarine, die letzte Erinnerung an die Zeit vor dem Waisenhaus. Wer seine Eltern waren, weiß er nicht, und manchmal stimmt ihn dieser Gedanke traurig. Sein unbekümmertes, neugieriges Wesen macht ihn sofort sympathisch, und für Kinder stellt er schnell eine ideale Identifikationsfigur dar – ähnlich wie Huckleberry Finn lebt er ohne große Zwänge und genießt die Freiheit, eine für Kinder natürlich beneidenswerte Situation.

Die kleine Little sieht zwar aus wie ein süßes Mädchen, doch da sie zum ersten Mal auf der Erde ist, sind ihr viele Dinge fremd, was Miles immer wieder in Verwirrung bringt. Sie kann mit Tieren sprechen und fliegen, unter Wasser atmen und Miles Teddybär Mandarine zu Leben erwecken. Über die Menschen wusste sie bislang nur die Gerüchte, die sich die anderen Engel erzählen – von zweiköpfigen Wesen und pelzigen Gesichtern, von Menschen, die essen, bis sie platzen, und von anderen, die wie Gerippe herumlaufen. Ihre naive und zugleich liebenswerte Art ist nicht immer leicht für Miles zu begreifen, doch schon bald stehen sich die beiden nah wie Geschwister und sie wissen, dass sie nur gemeinsam eine Chance haben, gegen den Großen Cortado zu bestehen.

Eine Reihe von nicht weniger sympathischen und orginellen Nebenfiguren ergänzt die Liste der Charaktere. Da ist die kugelrunde Lady Partridge, die mit ihren hundert Katzen in einem Baumhaus lebt und eine zuverlässige Helferin in schwierigen Lagen ist. Mit Vorliebe lacht sie über ihre eigenen Witze, die außer ihr sonst niemand wirklich komisch findet, aber davon abgesehen, ist sie eine rundum liebenswerte, wenn auch schrullige ältere Dame. Da ist der distinguierte, sprechende Tiger, der Miles und Little auf ihrem Weg zum Palast des Lachens auf dem Rücken trägt, der aber bei jeder Gelegenheit erwähnt, dass sie ihn bloß nicht als Freund betrachten sollen, falls er doch einmal hungrig werden sollte. Und da ist der alte Bolzenglas von Arabien, ein früherer Forschungsreisender und ehemaliger Werber um Lady Patridge, der Miles‘ Expedition mit Begeisterung unterstützt.

|Fantasievolle Details|

Es ist in Grundzügen die Welt, die wir kennen, die im Roman präsentiert wird, doch nach und nach schleichen sich die fantastischen Elemente ein. Den sprechenden Tiger hält Miles zunächst noch für einen Traum, und auch ein Engelsmädchen hat er nie zuvor gesehen, ganz zu schweigen davon, dass er auf einmal die Gespräche auf der Katzenversammlung verstehen kann. Es ist kein reiner Märchenroman, sondern die Grenzen zwischen der unserigen Realität und jener der Fantasy-Details verschwimmen. Immer ist man gespannt darauf, welche skurrile Figur als Nächstes auftauchen mag, welche Hindernisse sich Miles und Little in den Weg stellen oder vom wem sie überraschend Hilfe erhalten – auch wenn von Anfang an klar ist, dass alles ein gutes Ende finden muss. Die Einbindung des Wanderzirkusses sorgt für eine zusätzliche aufregende Atmosphäre mit ihren bunten Gestalten, etwa den netten drei Clowns, die immer durcheinander reden und dabei vom Thema abschweifen, der baumlangen Riesenfrau Baumella und dem geheimnisvollen Zero, einer monsterhaften Mischung, die an an eine Hyänen-Yeti-Kreuzung erinnert.

Der Stil ist ideal für Leser ab etwa 10 Jahren geeignet. Hin und wieder spricht der Erzähler den Leser direkt an, aber so selten und dezent, dass es keineswegs aufdringlich ist. Sehr positiv ist außerdem, dass der erste Teil in sich abgeschlossen ist. Alle wichtigen Fragen werden geklärt und man kann das Buch nach dem Lesen befriedigt zur Seite legen, bis der zweite Teil erscheint. Am Ende werden Andeutungen gegeben, was im nachfolgenden Roman passieren wird, sodass sich der Leser schon mal Gedanken machen kann.

|Nur kleine Schwächen|

Echte Mankos weist das Buch erfreulicherweise keine auf. Allerdings reagieren die Figuren nicht immer ganz logisch. Als Little von ihrem Schicksal erzählt, stellt Miles kaum weitere Fragen, sondern es steht für ihn sofort fest, dass er ihr bei der Suche nach Silverpoint helfen wird. Dabei wäre es naheliegend, sich zu erkundigen, ob Little niemandem aus dem Wolkenreich zu Hilfe rufen kann. Ähnlich verhält es sich bei einer Hilfsaktion gegen Ende des Buches. Anstatt sogleich zu fragen, woher seine Freunde wussten, dass sie zur Rettung herbeikommen mussten, erfährt er die Umstände bloß zufällig und etwas später. Gerade für ungeduldige Kinder, die rasch Antworten auf logische Fragen haben wollen, ist das nicht sehr geschickt konstruiert, fällt aber zum Glück nicht stark ins Gewicht.

Ein wenig schade ist die Eindimensionalität der bösen Charaktere, deren Darstellung längst nicht so originell ausfällt wie jene der Sympathieträger. Vor allem der böse Zirkusdirektor Cortado und sein Gehilfe Dschingis sind recht oberflächlich gezeichnet, knubbelig und hässlich vom Äußeren, Dschingis außerdem sehr beschränkt und naiv. Es fehlt den Bösen vor allem an Zwiespältigkeit und einer etwas geheimnisvolleren Attitüde, die sie interessanter gemacht hätte.

_Als Fazit_ bleibt ein gelungener Auftakt zu einer kindgerechten Trilogie, an der auch Jugendliche und Erwachsene ihre Freude haben können. Obwohl es sich um den ersten von drei geplanten Teilen handelt, ist das Buch in sich abgeschlossen und besitzt ein eigenständiges und befriedigendes Ende. Liebevolle Charaktere, ein leicht verständlicher Stil und märchenhafte Elemente machen den Roman trotz ein paar kleiner Schwächen zu einem spannenden und abwechslungsreichen Lesegenuss.

_Der Autor_ Jon Berkeley, geboren in Dublin, liefert mit „Das gestohlene Lachen“ seinen Debütroman ab, zwei weitere Bände sollen folgen. Zuvor arbeitete er über zwanzig Jahre lang als Illustrator und lebte unter anderem in Sydney und Hongkong. Heute hat er sich mit seiner Familie und seinen Tieren in Katalonien niedergelassen.

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Berkeley, Jon – gestohlene Lachen, Das (Die unglaublichen Abenteuer von Miles und Little 1)

Miles lebt schon seit drei Jahren in einem leeren Weinfass auf dem Hügel oberhalb von Larding, einem kleinen, verschlafenen Provinzstädtchen. Eines Nachts taucht ein merkwürdiger Zirkus in Larding auf, der nur von Miles bemerkt wird, denn er kommt mitten in der Nacht und ganz still und heimlich!

Neugierig schleicht sich Miles am nächsten Tag in die Vorstellung, nur um hochkant hinausgeworfen zu werden. Aber immerhin hat er mitbekommen, dass die kleine Artistin nur deshalb nicht abgestürzt ist, weil sie … Flügel hat! Und offenbar wird sie gefangen gehalten, denn kaum hat sie die Manege verlassen, wird sie gefesselt und eingesperrt!

Für Miles ist es selbstverständlich, dass er die Kleine rettet. Und das ist der Anfang eines erstaunlichen Abenteuers …

Jon Berkeley hat seine Geschichte mit ein paar _skurrilen Gestalten_ bevölkert:

Miles ist davon noch der normalste. Abgesehen davon natürlich, dass er bereits siebenmal aus dem Waisenhaus ausgebüchst ist. Ein Ausreißer wie er kann selbstverständlich hervorragend rennen. Aber Miles hat es nicht nur in den Beinen, sondern auch im Köpfchen. Und vor allem gibt er nicht so leicht auf, selbst dann nicht, wenn er erwischt wurde und man meinen könnte, dass er jetzt so richtig tief in der Tinte sitzt!

Little, die kleine Artistin, ist eigentlich ein Liedengel, der nur deshalb auf der Erde gelandet ist, weil er seine neugierige Nase zu weit vorgestreckt hat. Aber obwohl es im Himmel vor allem Pflicht und Treue gibt, und Freundschaft eher ein Fremdwort ist, geht sie nicht einfach nach Hause, sondern hilft Miles bei der Rettung seines gestohlenen Teddybären namens Mandarine. Abgesehen davon ist Little ein richtiger kleiner Sonnenschein, immer fröhlich, immer munter und mit einem ungewöhnlichen Blick für die kleinen Details des Lebens ausgestattet.

Als wäre ein leibhaftiger Engel nicht schon ungewöhnlich genug, gibt es auch noch Lady Partridge, eine äußerst beleibte alte Dame, die früher mit einem großen Erfinder verheiratet war. Leider hatten dessen Erfindungen die Angewohnheit, höchst unangenehme Nebenwirkungen zu entfalten, weshalb die Lady nach dem Tod ihres Gatten ihr gesamtes Vermögen in Schadensbegrenzung investierte. Nun lebt sie auf dem Grundstück ihrer verfallenen Villa in einem Baumhaus, umgeben von einem Berg von Trödel und hundert Katzen. Bei ihr hat Miles Lesen gelernt, aus einem Lexikon, weshalb er jetzt über fast alles Bescheid weiß, das einen Anfangsbuchstaben von A bis R hat.

Der ulkigste Kerl aber ist Bolzenglas von Arabien, ein blinder alter Mann, der früher Weltreisender war, jetzt aber in einem kleinen Dorf lebt und Apfelgelee mit Thymian verkauft. Sein fehlendes Augenlicht kann ihn allerdings nicht davon abhalten, noch immer mit einem Säbel herumzufuchteln und erstaunlicherweise auch sehr genau dabei zu zielen und zu treffen! Und seine Zunge ist mindestens genauso treffsicher wie sein Säbel!

Der Bösewicht ist natürlich der Zirkusdirektor, der die kleine Little gefangen gehalten hat. Das ist aber nicht sein eigentliches Kapitalverbrechen. Bis Miles und Little herausfinden, was dieser Kerl tatsächlich vorhat, müssen sie bis in die Großstadt reisen, in den Palast des Lachens.

Aber nicht nur die Charaktere sind drollig, auch die Sprache ist mit einem trockenen, augenzwinkernden Humor ausgestattet, der nicht mal durch den kleinsten Rechtschreibfehler getrübt wird.

_Die Handlung_ ist nicht übermäßig kompliziert geraten, aber trotzdem spannend gestaltet, angefangen bei Miles‘ Verfolgung, nachdem er Little befreit hat, über all die Verwicklungen mit den Straßenbanden der Großstadt bis hin zum Geschehen im Palast des Lachens. Der Leser ist abwechselnd mit Schmunzeln und Mitfiebern beschäftigt. Dabei wirken selbst die unwahrscheinlichsten Ereignisse niemals gekünstelt. Selbst der unglaubliche Zufall, dass sich genau vor Miles‘ Nase die gesuchte Tür befindet, deren Versteck nur zufällig entdeckt wird, ist so natürlich und locker beschrieben, dass der Leser im schlimmsten Fall nachsichtig schmunzelt.

_Mit anderen Worten:_ „Das gestohlene Lachen“ ist ein liebenswertes und spannendes Buch für Kinder ab zehn Jahren. Es ist leicht nachvollziehbar, lustig geschrieben und bietet Charaktere, mit denen die jungen Leser sich gut identifizieren können. Grausamkeiten und Blutvergießen fehlen völlig, und selbst der Zero, ein behaartes, kicherndes Ungeheuer, scheint eher bemitleidenswert als erschreckend. Und zu guter Letzt gibt die Geschichte ein paar Gedanken über das Lachen mit auf den Weg.

_Fazit:_ sehr empfehlenswert.

_Jon Berkeley_ stammt aus Dublin und lebt in Katalonien. Nach zwanzigjähriger Tätigkeit als Illustrator ist „Das gestohlene Lachen“ sein erster Roman. Der zweite Band der Serie „The Tiger’s Egg“ erscheint im September dieses Jahres erst einmal auf Englisch.

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Preußler, Otfried – kleine Wassermann, Der

Tief unten auf dem Grund des Mühlenweihers steht ein kleines Haus. Dort wohnt die Wassermannfamilie mit dem Vater, der Mutter und dem kleinen Wassermannjungen. Der kleine Wassermann sieht genauso aus wie ein normaler Menschenjunge, nur dass er grüne Haare und zwischen den Fingern Schwimmhäute hat. Am liebsten trägt er seinen schilfgrünen Rock, gelbe Stiefel und eine lange, rote Zipfelmütze.

Schnell wächst er heran und bald ist es soweit, dass der kleine Wassermann mit seinem Vater zum ersten Mal das Haus verlassen und durch den Mühlenweiher schwimmen darf. Endlich lernt er all die Fische persönlich kennen, die er bisher immer nur vom Fenster aus beobachten konnte. Einer von ihnen wird sein ganz besonderer Freund: der alte, ehrwürdige Karpfen Cyprinus, auf dessen Rücken er nach seinem ersten Ausflug nach Hause reiten darf.

Von da an durchstreift der kleine Wassermann jeden Tag den Mühlenweiher und erlebt stets ein neues Abenteuer. Der Weiher ist zwar nicht sehr groß, aber für den Jungen gibt es allerhand zu entdecken. Dabei gibt es auch unerfreuliche Begegnungen, wie mit dem hässlichen Neunauge, das dem kleinen Wassermann schreckliche Albträume beschert – aber eines Tages nimmt ihn sein Vater sogar mit zu einem Abstecher auf Land, wo der staunende Wassermann die Menschen kennen lernt und noch aufregendere Dinge erlebt …

„Der kleine Wassermann“ ist mittlerweile einer der Klassiker der deutschen Kinderbuchliteratur. Der Erfolg ist nicht verwunderlich, denn das Buch enthält alles, was Kinder zur Unterhaltung brauchen: eine sympathische Hauptfigur, einfache kindgerechte Sprache, lustige und aufregende Episoden sowie zahlreiche Illustrationen.

|Sympathische Hauptfigur|

Das Entscheidende am kleinen Wassermann ist, dass er für Kinder eine ideale Identifikationsfigur darstellt. So wie die Menscheneltern ihre Kinder vor bestimmten Dingen warnen, so gelten auch für den kleinen Wassermann gewisse Regeln. Und ganz wie Menschenkinder, ist er so neugierig, dass er sie ein ums andere Mal übertritt.

Gleich bei seinem ersten Ausflug in den Mühlenweiher verleitet ihn sein Übermut dazu, sich so tief in den Schlingpflanzen zu verstecken, dass er alleine nicht mehr herauskommt. Erst sein Vater kann ihn befreien und der kleine Wassermann erfährt zum ersten Mal, was passieren kann, wenn man es zu toll treibt.

Auch bei seinen Ausflügen in die Menschenwelt lauern Gefahren. Nicht umsonst warnen ihn seine Eltern davor, sich den Menschen zu zeigen. Doch der kleine Wassermann kann es nicht lassen. Zu seinem Glück glauben die meisten Menschen nicht an Wassermänner, sondern halten ihn bloß für einen komischen Knirps mit grünen Haaren, und der kleine Wassermann ist so flink, dass er blitzschnell entwischt, als ihn einmal ein Menschenmann zu jagen beginnt.

|Humorvoll und lehrreich|

Sehr humorvoll geht es an den Stellen zu, an denen der Wassermann unbekannte Gegenstände der Menschenwelt erforscht. In der Wasserwelt ist man natürlich ganz anderes Essen gewohnt, so dass er die gebratenen Kartoffeln zunächst für Steine hält. Als die Kinder ihm welche zum Probieren anbieten, schmecken sie ihm wider Erwarten ganz vorzüglich. Selbstverständlich will er sich dafür revanchieren und bringt seinen neuen Freunden etwas von seinen eigenen Köstlichkeiten mit – oder zumindest etwas, das in seiner Welt als Köstlichkeit gilt: Voller Stolz präsentiert er den Jungen Kröteneier mit eingesalzenen Wasserflöhen, gedünsteten Froschlaich und Algengerichte. Leider will keiner seiner Freunde davon probieren. 😉

Bezeichnenderweise reagieren die Menschenjungen viel freundlicher auf den kleinen Wassermann als die Erwachsenen. Sie stutzen keinen Augenblick, als er ihnen verrät, wer er ist. Vielmehr freuen sie sich, einen neuen Kameraden gefunden zu haben.

In liebevoller Weise mahnt das Buch den respektierlichen Umgang mit der Natur an. Der kleine Wassermann lebt mit allen Tieren im Weiher in friedlicher Harmonie, auch wenn sich darunter so unheimliche Gesellen wie das Neunauge befinden. Menschen, die diese Natur bedrohen, werden bestraft, so wie ein Angler, mit dem sich der kleine Wassermann einen Streich erlaubt.

Ein netter Charakter ist der Karpfen Cyprinus. Sehr ruhig und bedächtig, voller Vorurteile über die Menschenwelt und immer ein bisschen grummelig, steht er im direkten Gegensatz zu seinem kleinen, naseweisen Freund. Dennoch oder gerade deswegen verstehen sich die beiden prächtig, denn der kleine Wassermann weiß, dass er immer auf den Karpfen vertrauen kann. Umgekehrt registriert der alte Cyprinus anerkennend, dass der kleine Wassermann trotz seiner Flausen ein anständiger Junge ist.

|Kaum Schwächen|

Die Darstellung der Menschenwelt ist etwas zu bieder geraten. Die Kinder sind alle freundlich zum kleinen Wassermann, die Erwachsenen dagegen unangenehme Zeitgenossen, die mit ihm schimpfen oder ihn verjagen. Diese Schwarz-Weiß-Malerei kommt ein bisschen zu dick aufgetragen daher, was aber vermutlich bei einem Kinderbuch nicht so stark ins Gewicht fällt.

Auch ein bisschen mehr Spannung hätte dem Werk gut getan. Die Abenteuer des kleinen Wassermanns sind lustig und lehrreich, aber für die Leser nicht wirklich aufregend. Er gerät nie ernsthaft in Gefahr. Vor den Menschen hat er von Anfang an keine Scheu und außer dem Neunauge scheint er alle Tiere im Weiher zu mögen. Vielleicht hätte man ein zusätzliches Abenteuer, etwa mit einem gefährlichen großen Fisch, einbauen können, damit die etwas älteren Leser, die sich nach mehr Action sehnen, auch auf ihre Kosten kommen.

|Einfache Sprache|

Die Sprache ist ideal für Grundschulkinder geeignet. Die Sätze sind einfach und kurz gehalten und es werden keine schwierigen Worte verwendet. Sätze wie: „Hei, wie der Moormann dem kleinen Wassermann aufspielte“ werden bewusst mit umgangssprachlichen Ausschmückungen versehen, um das Erzählte gegenüber dem Kind noch lebendiger zu gestalten. Durch diesen Stil eignet sich das Buch auch hervorragend zum Vorlesen. Alle paar Seiten befindet sich eine meist halbseitige Federzeichnung, die die Erlebnisse des kleinen Wassermanns jeweils untermalt.

_Insgesamt_ handelt es sich bei dem „kleinen Wassermann“ um ein für Kinder sehr lesenswertes Buch. Viele schöne Episoden in und außerhalb der Wasserwelt sorgen für kindgerechte Unterhaltung. Mit Liebe zum Detail kreiert der Autor eine gemütliche Unterwasserwelt. Lustige und lehrreiche Epsioden ranken sich um den Alltag eines kleinen Wassermannjungen, der trotz seiner Herkunft die gleichen Eigenschaften wie Menschenkinder aufweist und ihnen deshalb schnell vertraut sein wird.

_Der Autor_ Otfried Preußler zählt zu den bekanntesten Kinderbuchautoren Deutschlands. Er wurde 1923 in Böhmen geboren. Später zog er nach Oberbayern, wo er noch heute zuhause ist. Bis 1970 arbeitete er als Volkschullehrer, ehe er sich dem Schreiben widmete.

„Der kleine Wassermann“ war sein erstes Kinderbuch. Es folgten zahlreiche weitere Werke, die allesamt erfolgreich wurden, u. a.: „Die kleine Hexe“, „Das kleine Gespenst“, „Der Räuber Hotzenplotz“, „Hörbe mit dem großen Hut“, „Die Abenteuer des starken Wanja“ und „Krabat“.

Für den „kleinen Wassermann“ erhielt Preußler den Deutschen Kinderbuchpreis. Es folgten zahlreiche weitere Auszeichnungen, u.a. der Deutsche sowie der Europäische Jugendbuchpreis („Krabat“), Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, Eichendorff-Literaturpreis, Konrad-Adenauer-Preis für Literatur der Deutschland-Stiftung e. V.
Viele seiner Werke wurden erfolgreich vertont bzw verfilmt.

Mehr über den Autoren erfährt man auf seiner Homepage: http://www.preussler.de.

http://www.thienemann.de/

Siehe auch:

[„Krabat“ 2446

Delaney, Joseph – Spook 2 – Der Fluch des Geisterjägers

Nachdem der junge Geisterjäger-Azubi Tom Ward sein erstes Abenteuer in [„Spook – Der Schüler des Geisterjägers“ 2303 wohlbehalten überstanden hat, läutet Autor Joseph Delaney mit „Spook – Der Fluch des Geisterjägers“ nun die zweite Runde der Geisterjagd und Dämonenbannung ein.

Tom Ward ist mittlerweile seit einem guten halben Jahr bei dem alten Spook in der Lehre und hat schon eine Menge gelernt. Wenn notwendig, lässt Mr. Gregory seinen Schüler sogar schon alleine losziehen, um einen Dämon zu bannen, und der Junge macht seine Sache durchaus gut. Vor ihrer größten Herausforderung stehen die beiden aber schon bald gemeinsam. Sie reisen nach Priestown, um einen Dämon zu besiegen, vor dem einst selbst der alte Spook kapitulieren musste.

In den Katakomben unterhalb der Kathedrale von Priestown treibt der Bane sein Unwesen. Dort hockt er zwar in einer Art Verbannung, da er aber zunehmend mächtiger wird und er die Fähigkeit besitzt, sich in die Gedanken der Menschen einzuschleichen und sie sich gefügig zu machen, ist für den Spook die Zeit gekommen, zu Ende zu führen, was ihm einst versagt bliebt: Den Bane endgültig zu besiegen.

Doch der Bane ist nicht die einzige Sorge des Spooks in der Stadt. Der Inquisitor ist in Priestown eingetroffen, um Hexen und Zauberern auf dem Scheiterhaufen den Garaus zu machen. Der Spook ist für ihn ein besonders prächtiges Opfer, pflegt er doch ganz offensichtlich stetigen Kontakt mit den Mächten der Dunkelheit. Und so kommt es, wie der Leser befürchten müssen: Der Inquisitor verhaftet den Spook und verurteilt ihn zum Tode durch Verbrennen. Nun steht Tom mit seiner Freundin Alice ganz alleine da und muss gleich zwei dringliche Probleme lösen: Den Spook befreien und sich mit dem Bane befassen, und das ist alles andere als einfach …

Schon rein äußerlich steht „Der Fluch des Geisterjägers“ dem Vorgängerroman in keiner Weise nach. Ein schöner Schutzumschlag in der Optik abgegriffenen Leders – das sieht vergleichsweise edel aus und ist eine hübsche Entsprechung zur ohnehin schon sehr liebevoll grafisch aufgepeppten Aufmachung des Innenlebens. „Spook“ ist also schon allein von der Art der Präsentation her ein Leckerbissen.

Erfreulich ist auch, dass der Verlag hier nicht nach dem Schema „außen hui, innen pfui“ verfahren ist, denn der Inhalt steht den Äußerlichkeiten in kaum einer Hinsicht nach. Schon der Auftaktroman war eine schaurig-schöne Geschichte mit einer ordentlichen Prise Fantasy, einem Spritzer historisch angehauchtem Roman und einer wohldosierten Portion Grusel. Aus der Vielzahl an Jugend-Fantasyromanen sticht „Spook“ gerade auch wegen des Gruselfaktors heraus, und das lässt sich auch auf den Nachfolgeband „Der Fluch des Geisterjägers“ beziehen.

Delaney lässt hier wieder die im ersten Roman vertraut gewordenen Figuren agieren: Den alten Mr. Gregory, in dessen Diensten Tom Ward steht, Tom Ward selbst, seine Freundin Alice, die der Leser auch schon aus dem ersten Band kennt, und nicht zuletzt Toms Familie. Insgesamt fasst Delaney den Horizont diesmal etwas weiter. Es geht nach Priestown, in eine Stadt, die Tom vorher noch nie gesehen hat und in der vieles anders ist, als er es kennt.

Gerade für ihn als Schüler eines Geisterjägers ist Priestown ein gefährliches Pflaster. Ein Spook ist hier nicht nur ungern gesehen, sondern lebt in ständiger Angst vor Entdeckung durch die Inquisition, die hier durch die Allgegenwart der vielen Priester der Stadt (der Name kommt schließlich nicht von ungefähr) zahlreiche wachsame Augen hat. Tom und Mr. Gregory gehen ein enormes Risiko mit ihrem Besuch der Stadt ein, und das sorgt für zahlreiche Spannungsmomente.

Überhaupt ist die Spannung sehr zum Greifen. Delaney dreht gleich von Anfang an mächtig an der Spannungsschraube und fesselt dadurch den Leser an die Seiten. Man steckt sofort wieder drin in der Welt des Tom Ward, und wird durch den aufregenden Plot gleich mitgerissen. Die Spannung wird noch greifbarer als im ersten Band, weshalb man das Buch kaum aus der Hand legen möchte – und das dürfte gleichermaßen für Kinder wie für erwachsene Leser gelten.

Der Plot ist zwar größtenteils recht einfach gestrickt, also auch für Kinder bzw. Jugendliche gut zu begreifen, aber das kann den erwachsenen Leser bei all den schönen, schaurig-spannenden Momenten der Geschichte höchstens marginal stören. Delaney lässt zu keinem Moment Langeweile aufkommen und hält das Tempo der Erzählung auf einem gleichmäßig hohen Niveau.

Besonders schön für den Leser ist auch, dass er zu verschiedenen Figuren, vor allem Mr. Gregory und Toms Mutter, einige Hintergrundinformationen bekommt. Die werden sicherlich auch noch für den nächsten Band „Das Geheimnis des Geisterjägers“, der für August 2007 angekündigt ist, von Bedeutung sein.

Bleibt abschließend festzuhalten, dass Joseph Delaney seine „Spook“-Reihe mit dem zweiten Band wunderbar fortgesetzt hat. Die Geschichte ist noch spannender und atmosphärisch dichter als die des ersten Teils, und das stets hohe Erzähltempo fesselt den Leser förmlich an die Seiten.

Insgesamt betrachtet, ist der zweite Band noch düsterer und schauriger als der erste. Wer das Buch also Kindern zur Lektüre geben will, sollte sicherstellen, dass das hier nicht zu harter Tobak ist. „Der Fluch des Geisterjägers“ macht auf jeden Fall Lust darauf, bei „Spook“ am Ball zu bleiben. Wie schön, dass man auf den nächsten Band nicht mehr lange warten muss …

|Originaltitel: The Wardstone Chronicles – The Spook’s Curse, 2005
ca. 350 Seiten
Aus dem Englischen von Tanja Ohlsen
Illustriert von Patrick Arrasmith|
http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/

Risa Wataya – Hinter deiner Tür aus Papier

Die japanische Schriftstellerin Risa Wataya gehört zu den Gefeierten in ihrem Land. 2003 erhielt sie, mit nur neunzehn Jahren, den bedeutendsten japanischen Literaturpreis für das Buch, das der |Carlsen|-Verlag 2007 auch in Deutschland veröffentlicht.

„Hinter deiner Tür aus Papier“ erzählt aus der Sicht der Teenagerin Hatsu, die sich bewusst dagegen entscheidet, Teil des Cliquengeflechts ihrer Oberschule zu sein. Damit riskiert sie zwar die Freundschaft zu Kinuyo, die gerade eine neue Clique gefunden hat, doch das ist ihr egal. Hatsu empfindet ihre Mitschüler als oberflächlich und verlogen – bis auf einen: Ninagawa mit dem überlangen Pony und den Stromausfallaugen.

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Laura Gallego García – Finis mundi oder Die drei magischen Amulette

Michel ist um Haaresbreite der Zerstörung seines Klosters entgangen. Gerettet hat er außer seinem Leben nur eine kostbare Handschrift mit Kommentaren zur Apokalypse und, was weit wichtiger ist, ein paar lose Blätter mit der Niederschrift eines alten Einsiedlers aus Thüringen. Die Niederschrift besagt, dass zum Jahrtausendwechsel die Welt untergehe. Es sei denn … jemand finde die drei Achsen der Zeit, bringe sie zusammen und rufe den Geist der Zeit an, um der Menschheit weitere tausend Jahre Frist zu erflehen, in der sie sich zum Besseren verändern könne!

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Michael, Livi – Flüstern der Engel, Das

Kate lebt in Manchester, zusammen mit ihrem Vater, der allerdings nicht gerade das ist, was man als treusorgend bezeichnen könnte. Wenn er nicht gerade betrunken ist oder versucht, Kate die Welt zu erklären, ist er mit der Suche nach einem Mittel zur Erlangung der Unsterblichkeit beschäftigt. Kein Wunder, dass Kates Leben alles andere als geregelt verläuft, sodass sie sich gezwungen sieht, an einem Projekt über die Zeit der Pest teilzunehmen, um ihre vielen Fehlzeiten in der Schule auszugleichen. Wer will schließlich schon mit dem Sozialamt zu tun haben?

Nur, was hat es mit der seltsamen Frau auf sich, die Kate seither immer wieder begegnet, und die dann plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist? Was ist so besonders an dieser seltsamen, unfertigen Engelsstatue in der Kathedrale von Manchester, und warum fühlt Kate sich in der Krypta so extrem unwohl?

Als dann auch noch ihr Vater verschwindet, beschließt Kate, dass sie etwas unternehmen muss …

|Die Charaktere|

Im Grunde beschreibt dieser kurze Abriss allerdings nur die Rahmenhandlung, denn die eigentliche Geschichte spielt im Mittelalter. Sie erzählt von Marie und ihrem Sohn Simeon, der so wunderschön singen kann, von Kit, dem Waisenkind und besten Schüler des College mit Aussicht auf ein Stipendium in Oxford, und von Dr. Dee, dem weitgereisten Gelehrten und jetzigen Kirchenvorsteher mit dem schlechten Ruf.

Simeon ist ein ungewöhnlicher Junge. Die meisten Leute halten ihn für blöde, aber im Grunde ist er nur anders. Man könnte ihn als übersensibel bezeichnen. Er ist tief verbunden mit der Natur – selbst im Lärm und Gedränge der Stadt kann er die Mäuse auf den Feldern wahrnehmen – und mit seiner Mutter, deren Herzschlag er beständig neben seinem eigenen spürt. Simeon besitzt die Fähigkeit, die Wahrheit hinter der Fassade zu erkennen. Er als Einziger erkennt, dass Kit ein Geheimnis hat, und auch den bedrohlichen Schatten hinter dem Kirchenvorsteher, dessen wahre Natur er erkennt, ohne die weitergehende Bedeutung dieser Tatsache zu begreifen. Simeon lebt schlicht in einer anderen Welt!

Kit dagegen ist nicht nur klug, sondern auch mutig. Niemand sonst, nicht einmal die Erwachsenen, trauen sich, dem Kirchenvorsteher offen in die Augen zu sehen. Außerdem zeichnet sich das Kind katholischer Eltern durch Anpassungsfähigkeit – immerhin lebt es in einer anglikanischen Schule – und durch Verantwortungsbewusstsein aus. Sein Gefühl für Recht und Unrecht sorgt dafür, dass es sich um Simeons Willen mit seinem besten Freund Chugg überwirft und sogar duelliert.

Dr. Dee (basierend auf der Person des Universalgelehrten und Mystikers [Dr. John Dee)]http://de.wikipedia.org/wiki/John__Dee dagegen ist der Prototyp des mittelalterlichen Alchemisten. Sein ganzes Leben hat er mit Studien und Forschungen verbracht, ohne jedoch eine Antwort auf die eine ihn beherrschende Frage zu finden: wie kann der Mensch unsterblich werden! In seiner Besessenheit erinnert er fast ein wenig an Doktor Faust, nur dass Dr. Dee nicht vom Satan persönlich heimgesucht wird, sondern von einem Dämon in Gestalt seines früheren Partners Kelly, und dass er ein paar Skrupel mehr hat.

Alles in allem ist die Charakterzeichnung recht ordentlich geraten. Das gilt auch für die Nebenfiguren wie die Magd Susan, die Gastwirtin Mrs. Butterworth oder den puritanischen Prediger.

|Handlung & Geschichte|

Gestützt wird die Charakterzeichnung der Hauptpersonen durch den Handlungsverlauf, den ich einerseits als interessant aber auch als gewöhnungsbedürftig empfand. So beginnt das Buch mit Kate, die Ereignisse in diesem ersten kurzen Kapitel wirken allerdings zunächst vor allem verwirrend und ergeben erst einen Sinn, wenn man sich dem Ende des Buches nähert. Der Teil danach widmet sich Simeon, erzählt von seiner Ankunft in Manchester bis zu dem Zeitpunkt, wo seine Mutter ihn in die Schule gibt. Nach einem kurzen Abstecher zu Kate wird im Folgenden von Kit erzählt, und zwar ab dem Zeitpunkt, wo Dr. Dee anbietet, ihm Zusatzunterricht zu erteilen, bis zum Ausgang des Duells mit Chugg, um nach einer erneuten Szene mit Kate von Dr. Dee zu erzählen.

Das Interessante daran ist, dass jedes Mal über ein und denselben Zeitraum berichtet wird, und nur die Perspektive wechselt. Das ist keinesfalls langweilig, denn die Überschneidungen im Leben der drei Beteiligten sind vorerst äußerst gering, dafür aber in der Regel wortgenau identisch, was einen ganz eigenen Effekt ergibt. Erst nachdem alle drei Handlungsstränge sich getroffen haben, wechselt die Perspektive sich ab, während die entstandenen Verwicklungen auf den Höhepunkt zutreiben. Der ist dann kurzzeitig noch einmal etwas verwirrend geraten, da sich hier einiges zeitlich überschneidet, letztlich aber löst sich der Knoten in Wohlgefallen auf.

Vordergründig geht es in der Geschichte um das Streben nach Wissen, etwas, das Kit und Dr. Dee durchaus gemeinsam haben. Nur über die Art des Wissens, nach dem zu streben sich lohnt, können sie sich nicht ganz einigen. Kit teilt Dr. Dees Besessenheit nicht, was dieser darauf schiebt, dass die Jugend noch so viel Lebenszeit vor sich hat – was in jener Zeit so natürlich nicht unbedingt stimmt -, dass sie sich um den Tod nicht kümmert. Kit dagegen kann zwar nicht das erkennen, was Simeon erkannt hat, spürt aber trotzdem deutlich die Bedrohung, die von dem Dämon ausgeht, gegen den Dr. Dee zu kämpfen hat. Dr. Dees Wissen und der Gegenstand seiner Forschung schrecken Kit mehr ab als seine Wissbegierde ihn anzieht. Flankiert von Simeon, dessen Wissen völlig verschieden ist von dem Dees und Kits, und Kate, die mit dem Erlangen von Wissen zunächst einmal überhaupt nichts am Hut hat, ergibt sich daraus eine gewisse Spannung, welche die Geschichte bereits zu einem Zeitpunkt trägt, als der Höhepunkt noch zig Seiten entfernt ist.

Ganz nebenbei hat die Autorin außerdem eine treffende Skizze jener Zeit geliefert. Markttage, Wirtshaustrubel und Schulalltag sind lebendig beschrieben, aber auch historische Details wie das Massaker an den Zigeunern, die nach Schottland kamen, weil ihnen dort Land versprochen wurde, oder das Erstarken der Puritaner, die gut dreißig Jahre später in einem blutigen Bürgerkrieg unter Cromwell an die Macht gelangen werden und dabei solch tiefe Wunden zurücklassen, dass sie nach Cromwells Sturz mit Gewalt unterdrückt wurden und schließlich massenweise auswanderten. Ob allerdings die Maßnahmen dieser Splittergruppe der Anglikanischen Kirche bereits zu diesem frühen Zeitpunkt so ausarteten wie hier beschrieben, weiß ich nicht.

_Mit anderen Worten:_ Wenn man sich erst einmal eingelesen hat, entwickelt sich auch eine ganz eigene Faszination. Ich würde diese Lektüre nicht unbedingt als besonders spannend oder hochdramatisch bezeichnen, aber sie hat ein gewisses Flair und – abgesehen von der Beziehung zwischen Kate und Kit – einen Mangel an Vorhersehbarkeit, der durchaus geeignet ist, den Leser bei der Stange zu halten. Jugendliche, denen diese Art von Thematik zusagt, sind hier sicherlich nicht falsch.

_Livi Michael_ stammt selbst aus Manchester und unterrichtet Englisch und Kreatives Schreiben. Ursprünglich schrieb sie für Erwachsene, wandte sich aber schließlich ihren Kindern zuliebe auch der Jugendbuchsparte zu. Von ihren Büchern, für die sie diverse Preise erhielt, ist auf Deutsch außer „Das Flüstern der Engel“ bisher nur „Die flüsternde Straße“ erschienen.

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Rosoff, Meg – Was wäre wenn

Das heutige Leben ist so voller Möglichkeiten zu sterben, dass man sich manchmal die gleiche Frage stellen möchte wie der Held aus Meg Rosoffs Jugendbuch: „Was wäre wenn“ …

Der fünfzehnjährige David Case wohnt in dem kleinen englischen Dörfchen Luton und ist kein besonders auffälliger Teenager. Schlaksig und antriebslos, nicht besonders beliebt, aber auch nicht unbeliebt. Keine nennenswerten Hobbys, keine nennenswerten Vorlieben.

Doch alles ändert sich, als sein einjähriger Bruder Charlie eines Tages in einem unbeobachteten Moment auf die Fensterbank klettert und beinahe aus dem geöffneten Fenster fällt. David kann ihn gerade noch zurückhalten, doch dieses Ereignis ist der Auslöser für eine gewaltige Veränderung bei dem Teenager.

David wird bewusst, dass er dem Schicksal ausgesetzt ist, dass mit nur einem Wimpernschlag sein Leben komplett zerstören kann. Um dem Schicksal, das im Buch als Kismet kurze Auftritte hat, zu entkommen, beschließt er, seinen Namen und sein ganzes Leben zu ändern, damit es David Case nicht auf die Spur kommen kann. Stattdessen nennt er sich nun Justin Case, pflegt einen sehr sonderbaren Klamottenstil, legt sich einen imaginären Windhund zu und beginnt mit dem Marathonlaufen. Außerdem freundet er sich mit der vier Jahre älteren Agnes Bee an, einer schrägen Fotografin. Er ist in sie verliebt, doch sie lehnt ihn ab. Das verletzt den Jungen und langsam, aber sicher treibt er in seinem Unglück auf eine Katastrophe zu …

Meg Rosoff greift in ihrem Jugendbuch ein Thema auf, das die Zielgruppe ansprechen wird: das Erwachsenwerden, auch wenn David a.k.a. Justin dieses Problem auf sehr eigene Art zu lösen scheint. Er macht eine totale Veränderung durch, nachdem er durch den Beinaheunfall geweckt wurde.

Damit diese Veränderung authentisch erscheint, sollte sie aber dementsprechend aufrüttelnd geschildert sein. Leider misslingt dies Rosoff, so dass das Buch keinen besonders guten Start hat. Das Ereignis wird dafür, dass es so starke Wirkung auf David hat, nicht intensiv genug dargestellt. Es fehlen aufwühlende Gedanken und Raum, damit diese sich festsetzen können. Dabei hätte ein wenig mehr Vorgeschichte, in der Davids Persönlichkeit besser hätte dargestellt werden können, vermutlich schon gereicht, um dem großen Bruch die entsprechende Plattform zu bieten.

Die übrige Handlung kann ebenfalls nicht wirklich überzeugen. Es fehlt an interessanten Ereignissen, und die „Beziehung“ zwischen Justin und Agnes gibt auch nicht genug her. Dafür wird sie zu eindimensional, zu unpackend dargestellt. Manchmal hat man das Gefühl, dass Rosoff mehr auf den Außenseiterstatus ihrer Charaktere als auf die Handlung setzt, und das ist das Problem. Außerdem fehlt so etwas wie ein Strang, an dem alle ziehen. Der Plot selbst ist folglich nicht unbedingt als solcher zu bezeichnen, sondern ist sehr lose und scheint in seine kurzen Kapitel zu zerfallen.

Bei den bereits erwähnten Charakteren setzt die Autorin vor allem auf einen sehr eigenen Stil und unangepasste Lebensweise. Das ist an und für sich keine schlechte Idee. Originelle Persönlichkeiten haben schließlich schon so manches Buch gerettet. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Charaktere dementsprechend vielschichtig und scharf umrissen dargestellt werden.

Justin Case, aus dessen Perspektive hauptsächlich erzählt wird, ist ein verwirrter Teenager, der nicht weiß, wo er aufhört und wo er anfängt. Agnes gibt ihm so etwas wie eine Identität, doch in der literarischen Darstellung kommt er sehr farblos rüber. Es fehlt an einer wirklich kräftigen Darstellung, genau wie bei Agnes, deren Stil noch etwas paradiesvogelmäßiger ist. Das Schillerndste an ihr sind die Beschreibungen ihrer Klamotten, ansonsten wirkt auch sie sehr blass. Meg Rosoff schafft es einfach nicht, klar abgegrenzte Charakterzüge zu schaffen, wodurch das Buch sehr konturlos erscheint.

Die einzige Person, die gut ausgearbeitet wirkt, ist der kleine Bruder Charlie, der die Rolle eines (fast) allwissenden Philosophen übernimmt. Da er mit einem Jahr natürlich noch nicht besonders viel sprechen kann, denkt er die meiste Zeit und legt dabei die Intelligenz eines erwachsenen Menschen an den Tag. Das ist natürlich nicht besonders authentisch, aber tut dem Buch gut. Dadurch bekommt er die Rolle des unbeteiligten Beobachters, der dem Leser einen anderen Blickwinkel auf Justin-David erlaubt als dessen eigene Perspektive.

Unglücklicherweise wirkt Charlie manchmal ein bisschen zu bemüht philosophisch und metaphernschwanger. Letzteres soll wohl ein Bezug zu seinem eigentlichen Alter sein, indem Rosoff hier vermehrt auf einen kindgerechten Wortschatz setzt, leider aber immer noch zu kompliziert klingt.

Charlies Perspektive setzt sich dadurch stark vom Rest des Buchs ab, der mit einem einfachen, aber nicht simplen Vokabular auskommt. Meg Rosoff setzt auf Jugendnähe, ohne dabei viel zu fluchen oder großartig Teeniesprache zu benutzen. Stattdessen schreibt sie sehr trocken, wobei sie ab und an aber wirklich witzig und schlagfertig klingt. Viel passiert über die Dialoge und über die Gedanken von Justin-David, wobei sie diese gerne mit Metaphern ausschmückt. Meistens gelingt ihr das gut, in genügend Fällen klingt sie aber etwas zu bemüht und gezielt jugendbuchmäßig.

Insgesamt gelingt es ihr nicht, dem Leser wirklichen Zugang zu den Charakteren, allen voran Justin-David, zu verschaffen. Das ist sehr schade, denn wenn ein Buch so eine ausgefallene Handlung und (eigentlich) originelle Charaktere besitzt, sollte der Schreibstil dafür sorgen, dass auch ein durchschnittlicher Leser sich mit dem Geschehen identifizieren kann.

In der Summe ist „Was wäre wenn“ von Meg Rosoff ein Jugendbuch der schlechteren Sorte. Die Handlung weist einige Schwächen auf und auch der Schreibstil und die Personen sind nicht hundertprozentig gelungen.

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