Archiv der Kategorie: Belletristik

Goldberg, Myla – Buchstabenprinzessin, Die

Eliza Naumann ist eine mittelmäßige Schülerin. Unscheinbar schwimmt sie im Mittelfeld, bringt mittelmäßige Noten mit nach Hause und ist mittelmäßig interessiert, so dass selbst ihr Vater Saul kaum mehr darauf hoffen möchte, dass Eliza vielleicht etwas Besonderes sein könnte. Sie scheint so ganz anders als ihr älterer Bruder Aaron zu sein, dem schon von Anbeginn seiner Schullaufbahn die Begabtenförderung zuteil wurde. Für Saul ist Eliza damit eine Enttäuschung. Das ändert sich, als Eliza den Buchstabierwettbewerb an ihrer Schule gewinnt und zur Regionalausscheidung fahren darf.

Als sie auch den Regionalwettbewerb für sich entscheiden kann, steigt sie in der Gunst des Vaters, sieht der Rabbi und Kabbala-Forscher in dem jungen Buchstabiertalent doch seine Hoffnungen genährt, dass er endlich eine Gemeinsamkeit gefunden hat, die er mit seiner Tochter teilen kann. Beide teilen schließlich ihre Buchstaben-Faszination und so vertiefen Vater und Tochter sich fortan in die Geheimnisse des Buchstabierens und rücken dabei auch den Geheimnissen der Kabbala immer näher – sehr zum Leidwesen von Aaron, der sich in der Gunst des Vaters zurückgesetzt fühlt.

Das gemeinschaftliche Gitarrengeklimper von Vater und Sohn verschwindet im Ehrgeiz der Vorbereitungen auf den Nationalen Buchstabierwettbewerb völlig aus Sauls Zeitplan und damit auch Aaron fast unmerklich aus dem Leben seines Vaters. Galt er sonst in der Synagoge als Vorzeige-Jude, orientiert Aaron sich fortan an anderen religiösen Weltbildern, auf der Suche nach einem tieferen Sinn für sein Leben. Ehe Saul überhaupt etwas von der Veränderung bemerkt, hat Aaron sich auch schon einer Sekte zugewandt.

Doch Aaron ist nicht der Einzige, der sich unmerklich aus dem Familienleben der Naumanns herauszulösen beginnt. Auch Sauls Ehefrau Miriam, die als Rechtsanwältin arbeitet, entgleitet immer mehr in ihr verborgenes Dasein fernab der Familie, bis sie schließlich an ihrem geheimen Doppelleben zu zerbrechen droht. Ohne dass Saul es hätte kommen sehen, steht er eines Tages vor den Trümmern dessen, was einmal eine vorbildliche Familie war …

Myla Goldberg spinnt in ihrem Debütroman „Die Buchstabenprinzessin“ ein Familiendrama, welches das kaum spürbare, stetige Auseinanderbrechen familiärer Strukturen thematisiert. Die Naumanns sind eine Familie, in der jeder freizügig seinen eigenen Interessen nachgeht. Der Vater verrammelt sich stundenlang im Arbeitszimmer über seinen Schriften und will auf keinen Fall gestört werden, so dass er kaum mitbekommt, dass seine Tochter einen Buchstabierwettbewerb gewonnen hat, während die Mutter sich in ihrem Job verkriecht und selten pünktlichen zum Abendessen zu Hause ist.

In gewisser Hinsicht sind die Naumanns eine moderne Familie. Saul kümmert sich um Abendessen und Schulsorgen, während Miriam den Großteil des Unterhalts bestreitet. Souverän, weltgewandt und in gewisser Weise lässig wirkt das Familienleben der Naumanns. Die Eltern gehen selbstbewusst ihre Wege, nur die Kinder hadern noch mit den Tücken von Kindheit und Pubertät.

Doch wie labil das auf den ersten Blick noch so robuste familiäre Gefüge ist, zeigt Myla Goldberg innerhalb recht weniger Romanseiten. Elizas Triumph bei den Buchstabierwettbewerben bringt das empfindliche, eingespielte Gleichgeweicht zwischen den Familienmitgliedern aus der Balance. Saul widmet seine volle Aufmerksamkeit nur noch seiner Tochter und die Konsequenzen sind fatal. Goldberg zeigt, wie leicht zwischenmenschliche Beziehungen vor die Hunde gehen können, sobald sie einmal aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Die Art, wie Goldberg dem Leser ihre familiäre Beziehungsstudie serviert, ist im Großen und Ganzen wirklich gelungen. Sie macht die Charaktere greifbar und begreifbar. Wie ein Puzzle fügt sich im Laufe der Zeit das Bild einer Familie zusammen, in der die Erwachsenen immer mehr mit sich selbst als mit den anderen beschäftigt sind. Skizzenhaft entwickelt die Autorin ihre Figuren, streut Rückblenden in das Geschehen ein und springt zwischen den einzelnen Familienmitgliedern hin und her. Die Erzählung bekommt auf die Art einen erfrischenden episodenhaften Charakter.

Verhaltensweisen und Gedanken der Protagonisten werden dabei größtenteils durchaus begreiflich. Lediglich Miriam bleibt dem Leser irgendwie fremd. Sie ist eine ausgesprochen sonderbare Personen und der Plot rund um ihre Geschichte wirkt etwas überzogen und unglaubwürdig. Man wird nicht so recht warm mit ihr und auch wenn Goldberg am Ende sämtliche Facetten ihres Familiengemäldes freilegt, bleibt Miriam ein verschwommener Punkt des Bildes, der den Gesamteindruck etwas trübt.

Sprachlich macht Goldberg dagegen wieder einiges an Boden gut. Sie formuliert treffsicher und immer wieder auch mit einer gewissen Prise Witz. Sie versteht sich auf bildhafte Beschreibungen und skizziert vor dem Auge des Lesers ein recht lebhaftes Bild von Protagonisten und Handlung. So entpuppt sich „Die Buchstabenprinzessin“ als durchaus unterhaltsame Lektüre, mit einem nicht zu leugnenden sprachlichen Pepp.

Als zusätzliche Würze enthält der Roman obendrein einen kleinen Einblick in das Leben jüdischer Familien in Amerika. Goldberg schildert den Familienalltag auch unter dem Augenmerk des jüdischen Glaubens, was einen durchaus interessanten Nebenaspekt des Romans ausmacht.

Für Cineasten ist übrigens interessant zu wissen, dass „Bee Season“, wie das Buch im amerikanischen Original heißt, im letzten Jahr in Hollywood verfilmt wurde und in den US-Kinos auch schon lief. Dürfte also nur noch eine Frage der Zeit sein, wann auch der deutsche Kinogänger Richard Gere in der Rolle des Saul dabei beobachten darf, wie um ihn herum seine Familie zerfällt, während er mit seiner Tochter |Aquädukt| buchstabiert.

Bleibt als Fazit festzuhalten, dass Myla Goldberg mit „Die Buchstabenprinzessin“ ein durchaus interessantes Debüt geglückt ist. Sie skizziert ein Familiendrama mit lebhaften Figuren, von denen lediglich Miriam einen faden Beigeschmack zurücklässt. Ansonsten überzeugt Goldberg durch ihre lockere Art zu erzählen und ihre fein geschliffene Sprache, die das Buch zu durchaus unterhaltsamer Lektüre macht.

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Shriver, Lionel – Wir müssen über Kevin reden

Auch wenn es dafür keinen aktuellen Anlass gibt, veröffentlichte der |List|-Verlag im Februar das Buch „Wir müssen über Kevin reden“, welches das Thema Schulmassaker aus einer ungewöhnlichen Perspektive behandelt.

Eva ist das, was man eine emanzipierte Frau nennt. Sie hat ihren eigenen Verlag für Reiseführer aufgemacht, der Marktführer ist, sie hat einen liebenden Mann und ein gutes Leben. Nur eins scheint ihr zu fehlen: ein Kind. Ihr gesamter Freundeskreis ist von der Krankheit Schwangerschaft befallen, und obwohl ihnen das kinderlose Leben sehr bekommt, bekniet sie Franklin, etwas daran zu ändern.

Schnitt. Sechzehn Jahre später setzt sich Eva am Anfang des Buches an den Schreibtisch und schreibt einen Brief an Franklin, in dem sie berichtet, wie ihr Leben jetzt aussieht. Dass sie als normale Angestellte in einem Reisebüro arbeitet, dass sie Angst hat, in den örtlichen Supermarkt zu gehen, dass Mary Woolford sie angezeigt hat.

Diesem Brief folgen viele weitere, in denen sie ihrem Mann die Missverständisse der letzten sechzehn Jahre gesteht und dem Leser Fragezeichen in die Augen zaubert. Immer wieder lässt sie durchschimmern, dass an einem „Donnerstag“ etwas Ungeheuerliches passiert ist, an dem ihr Sohn Kevin schuld war.

Kevin – wie der Titel des Buchs schon sagt, spielt der Junge die Hauptrolle. Kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag hat er in seiner Schule in Gladstone mehrere Mitschüler erschossen und sitzt deshalb nun im Jugendgefängnis. Wie immer in solchen Fällen versucht man die Schuld bei den Eltern zu suchen – auch bei Eva, die sich daraufhin vor Gericht rechtfertigen muss.

Doch in ihren Briefen rechtfertigt sie sich letztlich vor sich selbst und offenbart Dinge, die sie vor Gericht nicht hat laut werden lassen dürfen. Dinge wie zum Beispiel Kevins sonderbares Verhalten, das schon bei seiner Geburt beginnt, als er sich weigert, von seiner Mutter gestillt zu werden. Die Abneigung gegen Eva nimmt nicht ab und entwickelt sich mit der Zeit zu Hass. Kevin stellt sich dümmer an, als er ist, doch Franklin übersieht diese Tatsache und nimmt ihn ständig in Schutz, wenn Eva sich darüber beschwert, dass er ihr Arbeitszimmer zerstört hat, oder ihn verdächtigt, Schuld daran zu sein, dass ihre Tochter Celia ein Auge verliert.

Mit der Zeit offenbart sie ein Familienleben, das auf den ersten Blick zwar ganz normal scheint, auf den zweiten aber höchst ungewöhnlich ist. Sie sucht nach Gründen, wie es zu diesem Massaker kommen konnte und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Aufrichtig gegenüber sich selbst und einer schmerzenden Wahrheit erzählt sie Franklin ihre Sicht der letzten sechzehn Jahre.

Evas Monolog geht über 560 Seiten und dafür schafft es die Autorin ausgesprochen gut, den Leser bei der Stange zu halten. Besonders später, wenn man sich dem Massaker nähert und Eva aufhört, jede Erinnerung doppelt und dreifach auszuwalzen, kommt sogar etwas Spannung auf. Die Länge ist das wohl größte Manko von „Wir müssen über Kevin reden“. Normalerweise freut sich ein Buchwurm natürlich über viele Seiten, doch wenn sie sich stellenweise derart in die Länge ziehen, kann er drauf verzichten.

Hierbei fällt außerdem noch Shrivers ausschmückender Schreibstil ins Gewicht. Sie schreibt sehr persönlich aus der Ich-Perspektive in einer guten, klaren Sprache, die jeder versteht und die ein flüssiges Lesen ermöglicht. Allerdings werden Längen noch länger, wenn sie mit viel Ausschweifung und Schmuck versehen sind. Unnötige Details und ein Übermaß an Metaphern, die nicht immer glatt eingebunden sind, trüben das Vergnügen.

Denn davon abgesehen, kann sich Lionel Shrivers Roman durchaus sehen lassen. Die Metaphern stören nicht immer, sondern unterstreichen die interessante Handlung an den meisten Stellen. Die häufige Benutzung der indirekten Rede bringt Vitalität und Farbe ins Geschehen.

Der einzige Kritikpunkt, den ich noch anzubringen habe, bezieht sich auf die Thematik des Buchs. Leider habe ich das Gefühl gehabt, dass die Autorin es sich mit den Schuldzuweisungen etwas zu leicht macht. Richtig gelesen. Wir reden hier über die Autorin, denn schließlich ist sie es, die die Charaktere kreiert, und mit der Darstellungsweise von Kevin bin ich nicht einverstanden. Die Behauptung, dass ein Kind von Geburt an nur Böses im Schilde führen kann, ist mir etwas zu plakativ, zu schwarzweiß gezeichnet. Böses Baby wird zu bösem Killer – das klingt etwas zu sehr nach der amerikanischen Feindbildmafia! Doch nun gut. Es liegt wohl bei jedem Leser selbst, was er darüber denkt. Mich hat diese simple Erklärung für ein Blutbad aber sehr enttäuscht und außerdem verärgert, weil sie es sich ein bisschen zu einfach macht.

Gerade bei einem derart sensiblen Thema kann ich deshalb bei der Bewertung nicht einfach darüber hinwegsehen. Zusammen mit den Längen und dem ab und an zu ausschmückenden Schreibstil ist „Wir müssen über Kevin reden“ trotz der ganzen Lobeshmynen nur ein durchschnittliches Buch in meinen Augen. Thematik und Perspektive sind durchaus interessant, aber der Umgang damit missfällt. Schade.

Boyden, Joseph – lange Weg, Der

Eine alte Indianerin holt einen jungen Mann in der Stadt am Bahnhof ab. Er ist ihr Neffe. Und er ist am Ende! Auf dem Weg zurück in die Wildnis, in der sie zu Hause sind, spürt sie, wie sie ihn immer mehr verliert. Um seine Seele zurückzuhalten, erzählt sie ihm von der Vergangenheit, während er selbst gefangen ist in seinen eigenen schrecklichen Erinnerungen, von denen er sich nicht lösen kann…

„Der lange Weg“ erzählt eigentlich zwei Geschichten, die parallel nebeneinander herlaufen und sich gelegentlich berühren.
Die eine ist die von Niska. Sie beginnt in ihrer Jugend, erzählt von ihrem Vater, dem Schamanen des Stammes, von den Weißen und ihrer Stadt, die immer mehr das Leben der Indianer bestimmen und die alte Kultur untergraben; von ihren Erfahrungen mit der Nonnenschule der Weißen und ihrer Flucht zurück in die Wildnis; von ihrer kurzen Beziehung zu einem französischen Trapper; von Verrat, Rache und dem Kampf ums Überleben. Und sie erzählt von Xavier, ihrem Neffen; von seiner Kindheit unter ihrer Obhut, von seiner Jugend und von seinem Freund Elijah …
Die andere ist die von Xavier. Von seiner Reise in die Stadt, von der Ausbildung zum Soldaten, der Schiffsreise nach Europa, der Front. Und von der Beziehung zu seinem Freund Elijah, der sich in der Fremde immer mehr verändert, bis er vom Freund zum Feind zu werden droht.

Elijah ist einer von den Menschen, denen jeder gern imponieren und mit denen jeder gern befreundet sein möchte. Er redet gern, viel und gewandt, er lächelt und scherzt. Das macht ihn beliebt. Gelegentlich aber zeigt sich auch die Neigung, seinem Freund Xavier Streiche zu spielen, und die sind nicht unbedingt sehr nett. Auch in anderer Hinsicht nimmt er es nicht immer so genau; so klaut er zum Beispiel einer der Nonnen das Gewehr, ehe er die Schule verlässt. Die anderen Männer ihrer Einheit wissen nichs von diesem etwas unangenehmen Charakterzug. Sie bewundern Elijah und verehren ihn als Helden, und Elijah genießt das. Dass sein Freund Xavier dieselbe Arbeit tut, denselben Mut beweist und nebenbei noch der bessere Schütze ist, fällt dabei völlig unter den Tisch.

Xavier dagegen ist eher schüchtern und extrem schweigsam, was unter anderem auch daher rührt, dass er zu Anfang so gut wie kein Englisch spricht. Er kennt Elijah seit seiner Kindheit. Deshalb, und weil Elijah ihm als Einzigem alles erzählt, was er tut, bleibt ihm auch die Veränderung nicht verborgen, die mit seinem Freund vorgeht. Je länger sie an der Front sind, desto mehr Gefallen findet Elijah am Töten. Während alle anderen sich nichts mehr wünschen, als diesem verdammten Krieg zu entkommen, kann Elijah, so scheint es, kaum genug davon kriegen und wird immer wagemutiger, fordert das Schicksal geradezu heraus. Xavier fühlt sich in seiner Nähe immer unwohler, ja, er fürchtet sich vor ihm. Und er fühlt sich zurückgesetzt, weil Elijah sämtliche Lorbeeren für sich allein einheimst.

Während Elijah in der Vernichtungsmaschinerie des Krieges aufgeht und seinen Lebenszweck im Töten findet, fühlt Xavier sich abgestoßen. Er kann die Denkweise und das Tun der Weißen nicht begreifen, geschweige denn es mit seinem eigenen Denken und seinen Wünschen in Einklang bringen. Er hasst das, was er tut und was er nicht tut, und fühlt sich schuldig. Mit der Entfremdung von Elijah verliert er seinen letzten Ankerpunkt im Leben. Er sucht halt in der Tradition seines Volkes, doch in diesem fernen Land kann er die Geister nicht erreichen. Auf sich allein gestellt muss er eine Entscheidung treffen …

Die zerstörerische Wucht dieses Krieges, der die Unmenschlichkeit auf ein bis dahin nicht dagewesenes Maß gesteigert hat, zeigt sich in diesem Buch auf vielerlei Weise. Es scheint nur noch Schmerz und Tod zu geben. Alles andere geht zu Bruch: Liebe, Freundschaft, der Glaube an das Gute; menschliche Körper und menschliche Seelen.
Joseph Boyden geht nicht ins Detail, aber das ist auch gar nicht nötig. Die nüchternen Tatsachen allein sind erschütternd genug. Spätestens nach der Lektüre dieses Buches weiß der Leser, warum man einen solchen Ort Schlachtfeld nennt. Schlacht kommt von schlachten! Erstaunlich, dass es Soldaten gab, die den Krieg überlebten, ohne morphiumsüchtig oder wahnsinnig zu werden!
Xavier berichtet sachlich, fast trocken, was sie tun und was passiert. Gelegentlich erwähnt er, dass er nachts nicht schlafen kann. Fast könnte man glauben, dass es ihn nicht wirklich berührt. Nur in Niskas Worten wird deutlich, dass Xavier nicht nur körperlich, sondern vor allem seelisch verwundet ist. Das Grauen um ihn her, seine eigenen Taten, das alles sucht ihn in seinen Fieberträumen heim, verfolgt ihn bis in die Wildnis. Wie soll er mit solchen Erinnerungen weiterleben?

Niska weiß, dass etwas an ihm frisst. Ihr ist klar, dass es nicht allein die körperlichen Schmerzen sind, die ihn im Schlaf wimmern und schreien lassen. Als Schamanin hat sie Visionen dieses Krieges gesehen, doch sie kann das, was sie sieht, nicht begreifen, weil es ihrer eigenen Welt so fremd ist. Alles, was sie tun kann, ist ihre eigene Welt dagegen zu halten: die Stille der Natur, die Bäume, den Fluss, die Tiere, den Himmel, die Sonne; Erinnerungen an die eisige Kälte des Winters, an tiefen Schnee und nagenden Hunger, aber auch an eine erfolgreiche Jagd, an das Überwinden der eigenen Angst. Letztlich aber gibt es nur eines, was Xavier am Leben erhalten kann: die Aussöhnung mit sich selbst! Xavier muss sich den Geistern seiner Erinnerungen stellen …

Selten wurde die Sinnlosigkeit des Krieges in einer Erzählung deutlicher als in dieser Gegenüberstellung zweier verschiedener Kulturen. Auch der Sieg schützt die Soldaten nicht davor, als haltlose, am Boden zerstörte Wracks nach Hause zu kommen, ebenso unfähig, in ihr altes Leben zurückzukehren wie sich ein neues aufzubauen. Jeder Soldat zahlt im Krieg mit seinem Leben, auf irgendeine Weise. Es ist unmöglich, unversehrt zu bleiben und als jener zurückzukehren, als der man aufgebrochen ist.
Selten auch wurde irgendwo deutlicher, dass die endgültige Beendigung eines solchen Exzesses nur durch Vergebung möglich ist. Selbst, wenn die Waffen längst schweigen und die Haut vernarbt ist, ist der Krieg noch nicht vorbei. Erst wenn der Kampf gegen die eigenen Erinnerungen, gegen Hass, Trauer und Schuldgefühle gewonnen wurde, ist Frieden!

Mit anderen Worten: dieses Buch ist keine leichte Lektüre! Das gilt nicht nur für den Inhalt. Die Handlung pendelt zwischen der Gegenwart, in der Niska mit Xavier den Fluss hinunterpaddelt, zwischen Niskas Vergangenheit und Xaviers Erinnerungen. Während Niskas Erinnerungen in der Vergangenheitsform erzählt werden, stehen Xaviers in der Gegenwartsform, wie die übrige Handlung auch. Der Autor unterstützt den Leser lediglich dadurch, dass der Erzählerwechsel zwischen Niska und Xavier mit den Kapitelenden zusammenfällt, und fordert damit vom Leser Konzentration. Die Sprache ist dafür eher schlicht und direkt.

„Der lange Weg“ ist zu Recht ein Bestseller geworden! Es zeigt nicht nur den ersten Weltkrieg aus einer ungewohnten Perspektive – ich wusste weder, dass Kanada sich am ersten Weltkrieg beteiligt hat, noch, dass indianische Soldaten an der Front waren – sondern beinhaltet viele verschiedene Facetten, von der Chronik einer zerbrechenden Freundschaft über die charakterliche Entartung eines Einzelnen bis zum unüberwindbaren Widerspruch zwischen der technischen Lebensart der Weißen und der natürlichen der Indianer, ohne dass dabei Letztere romantisch verklärt oder idealisiert wird. Es bietet nicht unbedingt das, was man gemeinhin als spannend bezeichnet, aber es fesselt den Leser, fordert ihn, sowohl geistig als auch seelisch, und lässt ihn betroffen und schweigend zurück, aber nicht ohne Hoffnungsschimmer.
Prädikat: sehr wertvoll.

Joseph Boyden ist gebürtiger Kanadier indianischer Abstammung und lebt in New Orleans. „Der lange Weg“ ist sein erster Roman. Inspiration dafür war der indianische Kundschafter und Scharfschütze Pegahmagabow, späterer Häuptling der Wasauksing. „Der lange Weg“ wurde nominiert für den Governor General’s Award for Fiction 2005.

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Tokarczuk, Olga – Letzte Geschichten

Drei Geschichten erzählt Olga Tokarzuk in ihrem neuen Roman. Drei letzte Geschichten – Geschichten vom Tod, vom Sterben, vom davor, danach und währenddessen. Mit ihrer einfühlsamen Sprache lässt sie den Tod zurück in unser Leben; einen Exilanten, der so gern tabuisiert oder schlicht verdrängt wird.

Im ersten Teil des Romans, „Das reine Land“, kommt die Reiseführerin Ida vom rechten Weg ab. Sie ist auf dem Weg zum Haus ihrer Kindheit. Jahre zuvor hatte sie es nach dem Tod ihrer Eltern verkauft, doch nun ist sie in der Nähe und verspürt plötzlich so etwas wie Neugier, Nostalgie, Heimweh gar. Der geliehene Wagen kommt jedoch im Schneegestöber von der Straße ab und verwandelt sich in einen Haufen teuren Schrott. Ida bleibt unverletzt und sucht bei einem Rentnerehepaar Unterschlupf, bis sie die Polizei und die Besitzerin des Wagens informieren kann.

Doch etwas hält sie bei dem gastfreundlichen Ehepaar. Die Tage verstreichen, ohne dass sie die nötigen Telefonanrufe getätigt hätte. Wie in einer Luftblase lebt sie plötzlich dahin, neben der Zeit schwebend, während ihr Leben innehält und abwartet. Statt sich fortzubewegen, weiterzumachen, verfällt Ida in Stillstand. Oder ist das vielleicht nur ein Irrglaube?

Denn auch wenn das alte Ehepaar scheinbar von den Wirren der äußeren Realität unberührt bleibt, so helfen sie doch bedüftigen Kreaturen auf den Weg. Sie sind Reiseführer anderer Art, nehmen todkranke Haustiere bei sich auf und lassen sie sterben: in ihrem eigenen Tempo. Die beiden Alten stehen an der Tür zwischen Leben und Tod, sie bereiten dem Sterben einen Ort und eine Zeit. Und Ida, die Großstädterin, nimmt für ein paar Tage teil an diesem Prozess.

Im zweiten Teil, „Parka“, ist es Idas Mutter, deren Umgang mit dem Tod wir beobachten. Wir befinden uns in einem einsamen Haus in den Bergen. Im Sommer kommt unter Umständen mal die Post und regelmäßig wird auf Vorrat eingekauft. Doch im Winter ist das alte Ehepaar eingeschneit – selbst der Fernseher zeigt nur Schneeflocken. Petro, über 90, stirbt in diesem Winter, und da seine Frau keine Möglichkeit hat, das Dorf zu verständigen, schiebt sie Petros Bett (mitsamt Petro selbstverständlich) schließlich auf die Veranda. Das Leben geht weiter wie bisher. Sie fragt Petro um Rat, beschwert sich über sein Schweigen, rasiert seine Bartstoppeln und schneidet die Fingernägel. Sie lebt mit der Leiche, und schlussendlich scheint es kaum einen Unterschied zu machen, ob Petro nun tot oder lebendig ist. Der tote Ehemann auf der Veranda ist ein Anlass zur Reflektion und Erinnerung und wir erfahren von dem tiefen Keil, den die Repatriierung zwischen die beiden getrieben hat. Aus der Ukraine sind sie gekommen, damals nach dem Zweiten Weltkrieg. Paraskewia kann in Polen keine Wurzeln schlagen, doch die ehemalige Heimat in der Ukraine bleibt ihr ebenfalls verschlossen. Tokarczuk beschreibt hier ein herausgerissenes Leben, einen abgesägten Baum.

Und dann ist da im letzten Teil „Der Magier“ Maja, Idas Tochter. Mit ihrem Sohn bereist sie eine asiatische Insel. Sie arbeitet, sagt sie. Maja schreibt nämlich Reiseführer. In der tropischen Hitze liegt sie da, während Insekten sie plagen und die Geräusche des Dschungels ihr den Schlaf rauben. Ein Buch aus der Heimat verschafft ihr Linderung, es beschreibt die Stadt im Norden, mit ihrer balsamischen Kühle und all den bekannten kleinen Dingen, die einem sagen, man ist zu Haus.

Und doch ist Maja losgelöst, eine treibende Seele in dieser globalisierten Welt. Sie ist überall, doch nirgends zu Hause. Während Maja in der Schwermut versinkt, die Tokarczuk so liebevoll über ihr Südseeparadies legt, freundet sich ihr Sohn mit einem todkranken Magier an. Der bringt dem Jungen ein paar Taschenspielertricks bei (darunter die klassische zersägte Jungfrau) und vollführt am Ende das größte magische Kunststück überhaupt: Er stirbt.

In einem Interview sagte Tokarczuk einmal, sie schreibe in Bildern. Als Autorin übersetze sie Bilder in Wörter. Diese sensible Herangehensweise an Sprache und die damit verbundene Verknüpfung von innerer mit äußerer Welt machen Tokarzcuks Erzählungen so lesenswert. Ob sie einen schreienden Affen an Majas Fenster beschreibt oder Paraskewias Umsiedlung nach Polen: Als Leser wird man nie das Gefühl los, dass selbst der kleinste Nebensatz, das nebensächlichste Bild noch auf größere Zusammenhänge verweisen kann. Träume sind für Tokarzcuk eine wichtige Inspiration, und wie im Traum kann auch in ihren Geschichten jede Kleinigkeit eine tiefere Bedeutung haben. Vor allem aber wirken diese kraftvollen und doch so leisen Bilder intuitiv auf den Leser. Ihre suggestive Sprache bohrt sich geradezu in die Erinnerung, setzt sich fest und erstrahlt irgendwann zu voller Blüte. Selbst wenn die Handlung stagniert (eigentlich „passiert“ kaum etwas in „Letzte Geschichten“), treibt die Sprache selbst den Leser immer weiter voran, tiefer in das Herz der Finsternis, hinein in die Erinnerungen, Ängste und enttäuschten Hoffnungen seiner Protagonisten.

Wie immer zeichnet Esther Kinsky für die Übersetzung verantwortlich, die seit Jahren Tokarczuk meisterlich ins Deutsche überträgt. Man muss nicht unbedingt ein Fan polnischer Literatur sein, um Tokarczuk zu mögen. Was sie beschreibt, ist universell. Es sind immer Menschen, die zwar lose in der polnischen Geschichte verankert sind. Doch letztendlich ist ihre Welt die unsere. Ihre Probleme sind die unsrigen.

Wer auf sprachliche Meisterschaft Wert legt und statt eines Glases Wein lieber einmal einen sorgfätig komponierten Roman genießen möchte, der ist bei Olga Tokarczuk immer gut aufgehoben. „Letzte Geschichten“ macht da keine Ausnahme.

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Santiago Roncagliolo – Vorsicht

„Vorsicht“ ist der zweite Roman des jungen peruanischen Autors Santiago Roncagliolo und mit ebensolcher Vorsicht auch zu genießen. Spitzfindig wird auf dem Buchrücken bereits die Frage gestellt, ob Roncagliolo in diesem Buch die Geschichte einer normalen Familie erzählt, doch kann man wohl nur hoffen, dass dem nicht so ist …

Auf nur 184 Seiten erzählt Santiago Roncagliolo die Geschichte einer nicht ganz alltäglichen peruanischen Familie, die kurz vor dem Auseinanderbrechen scheint. Im ersten Kapitel stirbt in Anwesenheit des kleinen Sergio seine Oma und von nun an sieht der kleine Mann vermeintlich Gespenster. Was sich jedoch wirklich hinter diesen ominösen Gespenstern verbirgt, erfahren wir erst später im Laufe der Erzählung. Opapa leidet offensichtlich an Alzheimer, denn den Tod seiner Frau vergisst er schnell wieder, stattdessen erinnert er sich an seine letzte Gelegenheit zu einem Seitensprung, die bereits einige Jahre zurückliegt und die durch ein kaputtes Leitungsrohr erfolgreich zunichte gemacht wurde. Doch Opapa möchte sein Liebesglück noch nicht aufgeben. Als er herausfindet, dass seine ehemalige Liebe Doris in ein Seniorenheim zieht, quartiert er sich dort gegen den Willen seiner Familie und der Heimleitung ein.

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King, Owen – wahre Präsident von Amerika, Der

Mit dem Namen |King| lassen sich Bücher gut verkaufen. Das belegt auch die aktuelle Platzierung von Stephen Kings neuem Roman [„Puls“ 2383 in den Bestsellerlisten. Doch im Schatten des |“großen King“| geht derzeit noch ein |“kleiner King“| auf dem deutschen Buchmarkt an den Start: Owen King. Und dieser kleine King ist tatsächlich ein Ableger des großen King – weniger literarisch, dafür umso mehr biologisch. Der Spruch „ganz der Vater“ lässt sich hier übrigens nicht anwenden, es sei denn, man meint den Umstand des Schreibens an sich und nicht das Geschriebene. Vater und Sohn dürften auf gänzlich unterschiedliche Zielgruppen abzielen und so verwundert es auch nicht, dass um das Debüt von King junior auch kein allzu großes Brimborium gemacht wird.

Owen King dürfte mit seinem Debüt „Der wahre Präsident von Amerika“ vor allem die Freunde zeitgenössischer amerikanischer Autoren wie Jeffrey Eugenides, Jonathan Franzen, Matthew Sharpe, etc. ansprechen. Ein wenig schräge Figuren, eine augenzwinkernde Erzählweise, gespickt mit liebevollen Details, und eine Geschichte, die im Grunde doch ganz alltäglich zu sein scheint – das macht den Lesegenuss von „Der wahre Präsident von Amerika“ aus.

Mag man dem Äußeren nach zunächst einmal einen Roman erwarten, so entpuppt sich das Buch bei näherer Betrachtung als Band mit fünf Erzählungen. „Der wahre Präsident von Amerika“ stellt den Auftakt dar und nimmt zwei Drittel des Buches ein. Daran schließen sich vier kürzere Erzählungen an. Die Gemeinsamkeit aller Erzählungen ist, dass sie Ausschnitte aus dem ganz normalen amerikanischen Alltag zeigen – zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten und anhand unterschiedlicher Figuren.

_Der wahre Präsident von Amerika_

George ist fünfzehn und der einzige Sohn einer alleinerziehenden Mutter. Wir schreiben das Jahr 2000 und Georges Großvater, ein alter Gewerkschafter, ärgert sich maßlos über den Ausgang der letzten Präsidentschaftswahl. In seinen Augen ist der Wahlausgang Betrug (womit er ja nicht so ganz falsch liegt) und er tut seinen Unmut kund, indem er in seinem Vorgarten Al Gore auf einem übergroßen Plakat zum wahren Präsidenten Amerikas erklärt. Als ein Unbekannter das Plakat beschmiert, entbrennt ein regelrechter Kleinkrieg, in den auch George hineingezogen wird.

Doch das ist nicht Georges einziges Problem. Sein Hauptkriegsschauplatz ist vielmehr das Haus, in dem George mit seiner Mutter bei deren Verlobten Dr. Vic wohnt. Dr. Vic ist nun wirklich nicht die Sorte Mann, die George sich als seinen zukünftigen Stiefvater vorstellen möchte, und so tut er sein Möglichstes, um die bevorstehende Heirat der beiden zu verhindern. Doch als George sein Ziel erreicht zu haben scheint und eigentlich allen Grund hätte zu triumphieren, kommt es alles ganz anders als erwartet …

„Der wahre Präsident von Amerika“ zeigt zum einen, wie George versucht, seinen Platz im Leben zu finden. Er weiß nicht so recht, wo er hingehört, und ist das Nomadenleben, das er dank wechselnder Liebhaber seiner Mutter führen musste, satt. Doch als sich George die Chance bietet, sesshaft zu werden und endlich ein richtiges Familienleben ansteuern zu können, ist ihm das auch wieder nicht recht. George ist jemand, der enge Bindungen und tiefer gehende Kontakte scheut und sich auf diese Weise den Verantwortungen des Erwachsenenlebens entzieht.

Doch George macht im Laufe der Geschichte einen Reifungsprozess durch. King skizziert den Moment in Georges Leben, in dem er beginnt, erwachsen zu werden und zu reifen, und diese Veränderung demonstriert er ganz glaubwürdig. King staffiert seine Geschichte mit einer Reihe skurriler Figuren aus, die gewissermaßen das Salz in der Suppe sind. King zeigt die Menschen, wie sie sind, mit ihren Ecken und Kanten. Georges Großvater Henry und sein Nachbar Gil sorgen dabei mit ihren Schrullen immer wieder für Heiterkeit. Liebevoll beschreibt King die Figuren, aber auch ohne die Realität auszusperren oder zu beschönigen. Da wird im Schlaf gesabbert und die alten Herrschaften dürfen ihre von Inkontinenz geplagte Blase auch schon mal auf dem Gehsteg entleeren. Alles ohne dass man das Gefühl hat, der Autor würde sich über seine Protagonisten lustig machen. Feinfühlig versetzt King sich in seine Figuren und kehrt ihre komischen wie auch ihre tragischen Seiten hervor.

Letztendlich skizziert King anhand seiner Figuren ein Stück des heutigen Amerikas. So wie er sich einen Wendepunkt in Georges Leben herausgegriffen hat, thematisiert er auch einen Wendepunkt der amerikanischen Geschichte – den „Putsch“ der Konservativen, die sich in einem denkwürdigen historischen Prozess ins Weiße Haus geschlichen haben, obwohl Gegenkandidat Al Gore eigentlich mehr Stimmen hatte.

Henry will sich damit nicht einfach abfinden und rebelliert in seinem Vorgarten gegen diese Art der Machtergreifung. King zeigt ein Stück weit auch die Zerrissenheit, in der das Land politisch steckt, die Gegensätzlichkeiten der unterschiedlichen Seiten und die Gleichgültigkeit, mit der ein Volk einen Putsch hingenommen hat, nur weil man ihn als rechtmäßigen Wahlausgang verkauft hat. Und so dokumentiert King das heutige Amerika eben auf zwei Ebenen, der großen, politischen und der kleinen, persönlichen. Der Erzählung fügt das einen reizvollen Aspekt zu.

King ist ein Autor, der genau beobachten kann, der sich auf treffende Formulierungen versteht und den Leser durch seine punktgenaue und wohlakzentuierte Erzählweise das heutige Amerika begreifen lässt. Und das ist stets unterhaltsam und hat eine gewisse Klasse. Er versteht es, Gefühle zu vermitteln, würzt seine Erzählung mit Tragik und Humor, so dass die Lektüre eine durchaus lohnenswerte Erfahrung ist.

_Das Weitere_

In den folgenden vier Erzählungen beleuchtet King weitere Aspekte der amerikanischen Alltagswelt. Er portraitiert Menschen, teils in ganz alltäglichen Situationen, teils darin, wie sie markante Punkte ihres Lebens meistern. In _“Eiskalte Tiere“_ erzählt der Autor von einem reisenden Zahnarzt, der irgendwo in der amerikanischen Einöde praktiziert. Zwei Trapper begleiten ihn durch einen Schneesturm auf einen Berg, wo die hochschwangere Frau des einen Trappers auf eine dringend notwendige Zahnbehandlung wartet. Der Zahnarzt ist ein gebrochener Mann, der vor den Trümmern seines Lebens steht und für den der Trip in die verschneite Wildnis zu einer ganz besonderen Erfahrung wird.

In _“Wunder“_ erzählt King die Geschichte des Baseballspielers Eckstein, der in den Dreißigerjahren für die Coney Island Wonders spielt. Eckstein interessiert sich eigentlich nur für Baseball und Kino und dort besonders für Filmvorführerin Lilian. Doch die will so recht nichts mehr von ihm wissen, seit er sie „versehentlich“ geschwängert hat. Eckstein bemüht sich um eine Lösung des Problems.

_“Schlange“_ erzählt von einem Nachmittag im Einkaufszentrum. Der Jugendliche Frank, Kind geschiedener Eltern, wird dort von seinem Vater abgesetzt, damit beide den Nachmittag nach ihren ganz eigenen Vorstellungen verbringen können. Im Einkaufszentrum trifft Frank einen Kerl in Bikerklamotten, der dort mit einer Boa Constrictor posiert. Die beiden kommen ins Gespräch und der alte Hippie hat eine interessante Geschichte zu erzählen, die Frank nicht mehr loslässt.

In der abschließenden Erzählung _“Meine zweite Frau“_ erzählt King die Geschichte eines Mannes, der mit seinem Bruder eine Reise nach Florida unternimmt. Keine gewöhnliche Reise, denn der Bruder will in Florida das Auto eines Mannes kaufen, der gerade hingerichtet werden soll – für Taten, bei den denen das Auto gewissermaßen als Mordwaffe diente. Während also der Bruder in Florida seinen Autokauf tätigt, hofft die Hauptfigur selbst, endlich ein wenig abschalten zu können, nachdem seine Frau ihn verlassen hat.

Auch die vier angeschlossenen Erzählungen vereinen Skurriles mit Alltäglichem in sich. Herausragend ist besonders „Wunder“. Die Welt von Coney Island in den Dreißigerjahren ist ein faszinierender Mikrokosmos, den auch Sarah Hall in [„Der Elektrische Michelangelo“ 1808 schon so wunderbar beschrieben hat. Auch bei King kommt die Skurrilität und Verschrobenheit dieser Insel sehr schön zum Tragen. Der Handlungsbogen ist hier wunderbar geformt und die Geschichte findet einen sehr schön akzentuierten Ausgang.

Auch „Meine zweite Frau“ wirkt in Erzählverlauf und Komposition durchaus stimmig. King verwebt hier wieder auf wohldosierte Art Verrücktes mit Alltäglichem und schafft es damit, das heutige Amerika zu karikieren. Bei den übrigen zwei Erzählungen bleiben dagegen eher gemischte Gefühle zurück. Die geschilderten Begebenheiten sind interessant genug, um den Leser bei Laune zu halten, aber die Schlusspointe lässt den Leser etwas in der Luft hängen. Den uneingeschränkt wohlwollenden Eindruck, den noch „Der wahre Präsident von Amerika“ hinterlassen hat, trüben sie dadurch leider ein wenig, auch wenn unterm Strich immer noch ein positives Gesamturteil dabei herauskommt.

So kann man als Fazit festhalten, dass Owen King durchaus ein talentierter Schreiber ist. Er formuliert treffsicher, kreuzt auf wohlakzentuierte Art und Weise Skurriles mit Alltäglichem, beweist ein großes Herz für seine Figuren und zeichnet sich durch eine genaue Beobachtungsgabe aus. Alles in allem hat er ein wirklich vielversprechendes Debüt abgeliefert. Auch wenn von den weiteren Erzählungen nicht alle restlos überzeugen können, so ist das Gros der Geschichten wirklich sehr lesenswert.

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Heller, Jane – geliehene Mann, Der

Amy Sherman arbeitet in einem großen Verlagshaus, besitzt ein nettes Apartment in Manhatten und führt eigentlich ein glückliches Leben – bis sie auf der Straße zufällig ihrer Erzfeindin begegnet. Tara Messer war früher seit Schulzeiten ihre beste Freundin, bis Amy sie vor vier Jahren eines Tages mit ihrem damaligen Verlobten Stuart im Bett erwischte. Die Freundschaft zerbrach auf der Stelle, Stuart und Tara heirateten und Amy blieb verlassen zurück, betrogen von den zwei wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Tara moderiert inzwischen eine Radiosendung, während Stuart als Vorstand der familieneigenen Feinkostkette fungiert. Tara sieht nicht nur blendend aus, sondern schwelgt auch noch in Reichtum und offenbar in einer glücklichen Ehe. Um ihrer Rivalin keinen Triumph zu gönnen, erzählt Amy, sie sei mit ihrem Traummann verlobt und heirate demnächst. Da sie davon ausgeht, dass sie Tara nie wieder sehen wird, macht sie sich über ihre Lüge keine weiteren Gedanken.

Leider erfährt Amy kurz darauf, dass ihre Notlüge Folgen nach sich zieht. Ihre Chefin eröffnet ihr, dass ausgerechnet ihr Verlag Taras Lifestyle-Buch „Einfach schön“ mit Tipps zum schöneren Leben herausbringen wird. Amy soll die Promotion dafür übernehmen und alle weiteren Pläne mit Tara abklären. Um ihren Job nicht zu gefährden, lässt sich Amy widerwillig darauf ein. Dabei steht sie aber bald vor einem Problem, denn Tara will unbedingt Amys Verlobten kennen lernen und gleichzeitig die alte Freundschaft wiederbeleben. Für Amy steht fest: Ein Mann muss her und zwar am besten einer, der Tara schwer beeindruckt. Nach und nach scheiden alle Männer in Amys Bekanntenkreis dafür aus. Da erfährt sie per Zufall, dass Tara von Tony Stiles, einem Krimiautor aus Amys Verlag, schwärmt. Tatsächlich ist Tony Stiles sehr attraktiv, beruflich erfolgreich, hat oft mit Amy zu tun und wäre ideal für die Rolle ihres Alibi-Verlobten. Es gibt nur einen Haken – Amy und Tony können sich nicht leiden.

Doch Amy will sich diese Chance nicht entgehen lassen. Sie setzt alles ein, um Tony zu umgarnen und sein Vertrauen zu gewinnen, damit er sich auf das Spiel einlässt. Dabei stellt sich überraschend heraus, dass Tony gar nicht so unsympathisch ist, wie es den Anschein hatte …

Das Prinzip von Jane Hellers Romane funktioniert immer ähnlich: Im Mittelpunkt steht eine Frau zwischen dreißig und vierzig, beruflich erfolgreich, aber Langzeitsingle, die in humorvollem Tonfall von ihrem Leben erzählt und auf überraschenden Umwegen zu ihrem Traummann kommt. Ein Happy-End ist, trotz aller Wirrungen, unvermeidlich, weshalb Jane Hellers Romane sehr vorhersehbar sind. Dass sie trotzdem für gute Unterhaltung sorgen, liegt vor allem an der witzigen und lockeren Präsentation und der auf Sympathie getrimmten Hauptfigur.

|Durchschnittsfrau als Identifikationsfigur|

Wer bereits andere Romane der Autorin gelesen hat, wird bei der Ich-Erzählerin womöglich ein Déjà-vu verspüren. Ihr Hauptziel ist es, die Leserin zu ihrer Verbündeten zu machen und zur Identifikation einzuladen. Aus diesem Grund ist Amy Sherman eine sympathische Frau mit beruflichem Erfolg, aber keine überragende Schönheit und vor allem mit diversen Macken ausgestattet. Sie ist keine perfekte Barbiepuppe wie ihre einstige Freundin Tara, sondern eine natürliche Frau, die ihre Umwelt mit viel Ironie und sich selber mit ebenso viel Eigenhumor betrachtet und kommentiert. Der geneigten Leserin fällt es leicht, sich zu Amy hingezogen zu fühlen, vor allem im Kontrast zu Tara Messer, die geradezu dem Klischee einer Konkurrentin entspricht. Trotz des guten Ausgangs, an dem man nie wirklich Zweifel hat, muss sich Amy im Verlauf der Handlung durch einige Probleme quälen und brenzlige Situationen meistern, von denen man viele aus dem eigenen Leben erkennt. Umso erfrischender ist es, dass Amy mit ihrer trockenen Art diesen Widrigkeiten mit Sarkasmus begegnet, die alles halb so schlimm aussehen lassen. Ob es die aufgetakelte Erzfeindin, die stressige Chefin oder der Klatsch verbreitende Assistent ist, alles wird mit einer ordentlichen Portion Galgenhumor betrachtet, die man sich selber in solchen Lagen herbeizuwünschen pflegt. Dabei darf man nicht vergessen, dass das Thema des Romans den Stoff für ein Drama geboten hätte – Fremdgehen und Betrug von der besten Freundin, Liebeslügen und berufliche Strapazen sind hier auf dem Parkett vereint, allerdings wohlbemerkt immer mit einem Augenzwinkern und schwarzem Humor präsentiert.

|Vorhersehbare Lovestory|

Dennoch reicht dieser Roman in keiner Hinsicht an andere Werke von Jane Heller heran. Einer der Gründe dafür ist, dass die meisten der Vorgänger die altbekannte Lovestory mit Hindernissen mit einer kriminalistischen Handlung kombinierten. Stets gerät dabei die Protagonistin per Zufall in ein Mordkomplott hinein, ermittelt auf eigene Faust, lernt dabei den Mann ihrer Träume kennen und überführt am Ende, nach einem furiosen Showdown, den Mörder. Selten wurden Mörderjagden amüsanter beschrieben als bei Jane Heller, sodass es letztlich fast nebensächlich ist, wer der Täter war, weil man es bedauert, dass seine Festnahme die witzigen Ermittlungen der Ich-Erzählerin beenden. Die Romane aber, in denen Jane Heller diese soliden Pfade verlässt und sich auf die Lovestory allein konzentriert, fallen in ihrem Charme und ihrer Überzeugungskraft deutlich dagegen ab. Das gilt in eingeschränktem Maß für „Fahr zur Hölle, Liebling“ und offensichtlicher für „Wer zuletzt lacht“ und so auch hier. Zwar tangiert auch hier im letzten Drittel ein mögliches Verbrechen die Handlung, doch dieses kriminalistische Element wirkt aufgesetzt und kann keinem Vergleich mit den Killerjagden früherer Werke standhalten. Dieses Prinzip wirkt sich auch negativ auf die Vorhersehbarkeit aus. War es früher nicht so schlimm, dass man den guten Ausgang schon ahnte, weil man immerhin noch rätseln konnte, wer der Täter ist und wer ihm bis zu seiner Ergreifung noch zum Opfer fällt, so ist es hier schon schwerer, sich von der Handlung fesseln zu lassen. Gerade die anfängliche offenkundige Abneigung zwischen Amy und Tony ruft eher Langeweile hervor. Bereits bei der ersten Begegnung der beiden weiß man, dass es letztlich auf eine Beziehung zwischen ihnen hinauslaufen wird. Zunächst sorgen noch die bissigen Wortduelle der beiden für Unterhaltung, aber auch das hat ein Ende, als sich Tony viel zu rasch auf das Verlobungs-Spiel mit Amy einlässt. Dabei legt er auch noch, um die Übertreibung zu vervollständigen, eine solche Bereitwilligkeit an den Tag, dass man sich als Leser fast über diese Konstruktion ärgert. Selbst wenn sich die beiden plötzlich extrem sympathisch finden, ist das noch kein plausibler Grund, damit sich Tony ohne Zögern über Monate hinweg als Verlobter ausgibt – und das auch noch, wo er ihr zuvor erklärte, dass er eine entschiedene Abneigung gegen Lügen besitzt. Zwar treten gegen Ende des Buches noch einmal Schwierigkeiten und Vertrauensprobleme zwischen dem frischgebackenen Pärchen auf, aber auch hier ist klar, dass das Happy-End nur verzögert, nicht verhindert wird.

|Aus Feind wird Freund|

Zu geradlinig verläuft auch die Versöhnung zwischen Amy und Tara. Ein uneingeschränktes Happy-End gibt es hier zwar nicht, aber dafür, dass Amy sich einst zutiefst von ihr verraten fühlte, kommen sich die Frauen wieder sehr nah. Um diese Entwicklung zu unterstützen, findet etwa in der Mitte des Romans ein Perspektivenwechsel statt. Statt Amy erzählt nun Tara aus ihrer Sicht die Dinge, die zu ihrer Ehe mit Stuart geführt haben und wie sie die Wiederbegegnung mit ihrer einst besten Freundin empfunden hat. Der Clou dabei ist, dass Tara natürlich in mancherleih Hinsichten nicht ganz so schuldig ist wie von Amy gedacht und hinter ihrer Fassade so manches Problem lauert, das man angesichts des perfekt inszenierten Barbie-Lebens nicht vermuten würde. Allerdings erwartet man bei einem solchen Perspektivenwechsel beinah zwangsläufig, dass der Erzähler die Dinge anders sieht und man mit einer ganz neuen, gegensätzlichen Sicht konfrontiert wird. Eine echte Überraschung hat Taras Erzählung daher für den Leser kaum zu bieten. Spätestens nach den ersten Seiten hat man begriffen, worauf ihre Darstellung der Ereignisse hinausläuft, sodass der Unterhaltungswert in dieser Phase noch einmal gebremst wird. Die Handlung an sich ist natürlich extrem unrealistisch, was man sich auf jeden Fall schon vor dem Lesen klarmachen muss.

|Lockere Unterhaltung|

Ein Plus dagegen ist wiederum der Schreibstil, der keine weiteren Anforderungen an den Leser stellt. Die Ich-Erzählerin spricht mit lockerer Zunge und wendet sich hin und wieder mit einer rhetorischen Frage sogar direkt an die Leser, angenehmerweise aber ohne damit zu penetrant zu werden. Wenn einem dieser joviale Tonfall zusagt, wird man leicht dazu verführt, das Buch in einem Rutsch herunterzulesen

_Fazit_

Ein leicht zu lesener und mit lockerer Feder geschriebener Frauenroman, der sich mit viel Humor mit dramatischen Themen wie Fremdgehen, Betrug in Freundschaften und problematischen Liebesbeziehungen befasst. Der flüssige Stil sorgt dafür, dass man das Buch innherhalb kurzer Zeit ohne große Konzentration durchlesen kann. Abzüge gibt es allerdings für die Vorhersehbarkeit und die mangelnde Spannung. Alles in allem ein durchschnittlicher Roman der Autorin, die es in ihren Krimis sehr viel besser kann.

_Jane Heller_ wurde 1950 in New York geboren. Sie arbeitete mehrere Jahre lang im Verlagsgeschäft, ehe sie selber zu schreiben begann. Heute lebt sie mit ihrem Ehemann in Florida. Weitere Werke sind u. a.: „Die Putzteufelin“, „Wie Feuer und Wasser“, „Willkommen im Club“ und „Liebe im Preis inbegriffen“.

Nasaw, Jonathan – Blutdurst

Wenn man es mal genau betrachtet, dann ist Vampirismus eine Abhängigkeit wie jede andere auch: Als Vampir ist man ständig auf der Suche nach Stoff, und lässt man einmal eine Mahlzeit aus, muss man sofort mit schweren Entzugserscheinungen rechnen. Sämtliche Gedanken kreisen nur um die Beschaffung von Blut, es ist Lebenselixier und Fluch zugleich.

Diese Analogie ist nicht gerade eine neue Erkenntnis, schon Abel Ferrara hat ihr in dem Film mit dem bezeichnenden Titel „The Addiction“ ein Beispiel gesetzt. Doch jetzt buchstabiert Jonathan Nasaw in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Roman „Blutdurst“ das ganze Suchtpotenzial des Vampirs bis zur totalen Erschöpfung durch.

Die Grundidee ist eigentlich ganz sympathisch: Nach dem Beispiel der Anonymen Alkholiker trifft sich in San Francisco wöchentlich ein kleiner Haufen Vampire, um ihrer Droge Blut abzuschwören. Denn wenn sie auch eigentlich ganz normale Menschen sind, d. h. sich weder in Fledermäuse verwandeln können noch unsterblich sind, so besitzen sie doch ein außergewöhnliches Gen, das ihnen beim Genuss von Blut ein unglaubliches High verschafft. Alles ist auf Blut besser, schärfer, klarer und überhaupt erträglicher – wie das eben bei Drogen so ist. Am besten wirkt das Blut von Babys, und für einen Babyblutrausch würde ein Vampir so ziemlich alles riskieren.

Nick Santos, seines Zeichens abstinenter Vampir und Romanautor a. D., ist der Kopf von VA, den anonymen Vampiren von San Francisco. Er selbst hat die Zeit des exzessiven Blutrausches bereits hinter sich und ist nun ein fundamentalistischer Verfechter des nüchternen Lebensstils. Um anderen Vampiren die Vorteile des blutfreien Lebens nahe zu bringen, entführt er sie auch schon mal und zwingt sie zum kalten Entzug.

James Whistler, ebenfalls Mitglied von VA und Nicks Nemesis, sieht die ganze Sache etwas anders. Ihm geht nicht ganz auf, was so Verwerfliches daran sein soll, seinem (einverstandenen) Partner beim Sex ein paar Tropfen Blut abzuzapfen. Und so schnappt er sich den VA-Neuzugang Lourdes, füttert sie mit Blutbeuteln an, macht sie zu seiner Geliebten und beschließt, mit ihrer Hilfe VA zu sprengen. Nach und nach nehmen sie sich die Mitglieder der Gruppe vor und machen ihnen schmackhaft, doch rückfällig zu werden.

Was sonst noch passiert? Alles und nichts. Nick schwängert eine Pastorin, schreibt ein Buch über seine Welt auf Blut, Whistler führt Lourdes in die Vampirpraktiken auf einer obskuren Karibikinsel ein und schwängert sie nebenbei, es gibt eine kleine Fehde zwischen der Wicca-Hohepriesterin Selene und Nick, es wird viel über Süchte und Abstinenz philosophiert und dazwischen gibt es Sex, Sex und nochmal Sex. Ach, und ein bisschen Gewalt. Und Drogen eben.

„Blutdurst“ soll offensichtlich, zu einem gewissen Grade, eine Satire auf die Hochzeit der 12-Schritte-Programme in den USA sein. Vollkommen legitim, würde sich dieses Vorhaben nicht nach ungefähr 200 Seiten absolut totlaufen. Die Charaktere des Romans sammeln Süchte (und die dazugehörigen Selbsthilfegruppen) wie andere Leute Briefmarken, und irgendwann wird es für den Leser schwer, all dem pseudopsychologisch-verständnisvollen Gelaber über Co-Abhängigkeit und sonstigen Unfug mit irgendeinem Wohlwollen zu folgen. Das Leben dieser Figuren besteht nur aus Sex und Drogen, und so verführerisch das für den ein oder anderen auch klingen mag – ein fast 600 Seiten starker Roman lässt sich damit nicht unterhaltsam füllen.

Folglich mäandert die Handlung mehr schlecht als recht dahin und man kann sich nie ganz sicher sein, wo Nasaw denn nun eigentlich hinwill. Mal geht es um den schwulen Nick, der spontan die Freuden des Sexes mit einer ordentlich beleibten Frau entdeckt. Dann geht es um Whistlers schrulliges High-Society-Leben, das uns offensichtlich demonstrieren soll, dass Männer auf Blut sexy und erfolgreich sein können. Dann wieder geht es wahlweise um entführte Babys, Wicca-Rituale, Sexorgien und Gesprächstherapie. Eine Zeit lang nimmt man an, dass Selenes Rache an Nick der Knackpunkt der Handlung sei (er hatte ihr im Blutrausch einst fast die Kehle herausgerissen), doch dieser Konflikt wird in einem solchen Antiklimax aufgelöst, dass man sich fragt, warum Nasaw dieses Problem überhaupt eingeführt hat, nur um es dann so gelangweilt abzuarbeiten.

Nasaw zitiert kurz vorm Ende Tolstoi, offenbar um dem Leser zu verstehen zu geben, wie er „Blutdurst“ verstanden wissen will: „Eine Geschichte hinterlasse einen tieferen Eindruck, wenn sich unmöglich sagen lässt, auf wessen Seite der Autor steht.“ Da ist natürlich was dran, nur muss man als Autor dafür auch einen fesselnden Plot und überzeugende Charaktere liefern. Bei Nasaw ist man nie ganz sicher, ob nun die Süchtigen oder die 12-Schrittler auf der moralisch richtigen Seite stehen. Whistler als egoistischer Hedonist steht dem moralgebeutelten, aber durchaus auch mal korrupten Nick gegenüber. Doch letztendlich lässt sich Tolstois Motto hier nicht anwenden, sind dem Leser schlussendlich doch alle Charaktere und damit auch ihr Schicksal egal.

„Blutdurst“ ist ein Roman, der, um ein Vielfaches gekürzt, durchaus seine Momente hätte haben können. So aber verlieren sich satirische Spitzen und moralische Fragen in einem unüberschaubaren Wust aus Sexorgien und Psychosprech, die sich ewig wiederholen – wie das Leben auf Droge eben.

Ellis, Bret Easton – Lunar Park

Auf seiner aktuellen Homepage dupliziert sich Skandalautor Bret Easton Ellis selbst. Durch sein Gesicht verläuft ein Riss; links und rechts können zwei verschiedene Vita zu ein und derselben Person eingesehen werden. Schnell wird deutlich, dass eine der beiden nicht ganz der Realität entsprechen kann – die Frage lautet nur: Welche? Was hier auf einer visuellen Ebene dargestellt wird, spiegelt bereits die Struktur seines neuen Romans „Lunar Park“ wieder.

Erfolgreiche Autoren stecken in einem ähnlichen Dilemma wie erfolgreiche Bands: Werden diese von Album zu Album immer progressiver, verschrecken sie eventuell ihre alten Fans. Sind die Unterschiede zwischen den Alben hingegen marginal, ist schnell von „Selbstkopie“ und „Ideenlosigkeit“ die Rede. Auch Ellis hatte mit seinem Debütroman [„Unter Null“ 2026 Neuland betreten, aber sowohl Stil als auch Thematik (schöne, gelangweilte Yuppies, die sich mit Sex und Drogen über ihr sinnloses Leben hinwegtäuschen wollen) wiederholten sich auch in den Folgeromanen. Zwischen „American Psycho“ und „Glamorama“ schien zuletzt nur noch der Wechsel der Dekade eine Neuerung darzustellen. Schlecht ist dieser Roman beileibe nicht, aber eben auch nicht innovativ. Es stand also durchaus zu befürchten, dass auch Ellis‘ nächster Output ein „Unter Null vol. 6“ werden würde.

Zum Glück scheint Ellis diese Problematik selbst erkannt zu haben, denn sein neues Werk bricht völlig mit „Glamorama“ & Co. „Lunar Park“ ist indes nicht nur ein Roman, sondern auch eine fiktive Autobiographie mit realen Versatzstücken. Noch nie hat Ellis seinen Figuren ein derart komplexes Innenleben verliehen. Es ist zugleich der erste Roman von Ellis, welcher in der Vergangenheit erzählt wird. Bereits nach kurzer Lektüre wird deutlich: Diesmal geht es Ellis um echte Emotionen.

Der kalte Hass aus seinen früheren Werken scheint dabei einer gemütlichen Resignation gewichen zu sein: Starautor Bret Easton Ellis durchlebt, nachdem sein früher Ruhm ihn von seinem tyrannischen Vater emanzipiert hat, eine Sinnkrise. Die Oberflächlichkeit seiner Protagonisten spiegelt sich in seinem eigenen Lifestyle wider. Drogenexzesse, prestigeträchtige Bekanntschaften mit Prominenten und selbst die eigenen Lesereisen geben ihm nichts mehr. Da entsinnt er sich der attraktiven Schauspielerin Jayne, mit der er vor etlichen Jahren einen Sohn gezeugt hat. Damals hat er die Verantwortung nicht tragen wollen, aber nun sieht er in dieser Option einen Rettungsanker. (Spätestens hier gewinnt die Fiktion überhand, da Ellis im wirklichen Leben nie Vater wurde und zudem Männer zu bevorzugen scheint.)

Jayne verzeiht ihm, sie heiraten und besorgen sich ein Familienhaus in einem ruhigen Vorort. Ellis erhält eine Dozentenstelle bei einer Universität und versucht sich daran, seine Frau und seinen Sohn Robby kennen zu lernen. (Konflikte sind dabei natürlich vorprogrammiert.) Parallel dazu verdichten sich Anzeichen dafür, dass es im Haus und in Ellis näherer Umgebung spukt: Möbel verändern über Nacht ihre Position, Robbys Spielzeug „Terby“ scheint ein Eigenleben zu entwickeln, Kinder verschwinden in der Nachbarschaft und der PKW von Ellis` verstorbenem Vater taucht immer wieder auf.

Außerdem meint Ellis, seinen berüchtigtsten Protagonisten – Patrick Bateman – wirklich gesehen zu haben. Diese Figur ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der Person Bret Easton Ellis. Wer „Lunar Park“ wirklich verstehen will, sollte daher mindestens [„American Psycho“ 764 zuvor gelesen haben. Patrick Bateman spiegelt nicht nur die seelischen Abgründe seines Schöpfers wider, er hat auch dafür gesorgt, dass Ellis mit extremen Anfeindungen (teilweise sogar Morddrohungen) konfrontiert wurde. In „Lunar Park“ zieht Ellis daher für alle, die „American Psycho“ nicht verstanden haben, Bilanz:

|“[Niemand] draußen in der wirklichen Welt war so verrückt und grausam wie diese Kunstfigur. Davon abgesehen war Patrick Bateman ein notorisch unglaubwürdiger Erzähler, und wenn man das Buch tatsächlich las, konnten einem durchaus Zweifel kommen, ob die geschilderten Verbrechen wirklich passiert waren. Es gab genügend Hinweise, dass sie nur in Batemans Phantasie existierten. Die Morde und Folterungen waren bloße Phantasien, in denen sich seine Wut und sein Zorn darüber entluden, wie das Leben in Amerika beschaffen war, in dem er sich trotz seines Wohlstands gefangen fühlte. Die Phantasien waren eine Flucht. Diese Idee lag dem Buch zugrunde.“| (S.190)

„Lunar Park“ ist ein literarisches Experiment. Einer seiner altbewährten Techniken bleibt Ellis jedoch treu: Der Vermischung verschiedener Realitäts- bzw. Fiktionsebenen. Nun erklärt er aber erstmals, was ihn dazu immer wieder motiviert:

|“Die physische Existenz eines Schriftstellers ist im Grunde eine statische, und um gegen diese Einschränkung anzukämpfen, müssen wir jeden Tag eine Gegenwelt und ein anderes Ich konstruieren.“| (S.227)

Das Schreiben ist für ihn also eine existenzielle Notwendigkeit. Der Plot des Romans tritt denn auch recht schnell in den Hintergrund. Das, was hier wirklich zählt, sind Bilder, die Gefühle transportieren. Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, konnte auch im Nihilismus der früheren Romane stets ein ironisches Augenzwinkern entdecken. „Lunar Park“ geht aber über die reine Kritik des Zeitgeistes hinaus. Das Verwischen der Grenze zwischen Schriftsteller und Werk ist zwar in der Geschichte der Literatur kein wirkliches Novum, wird hier aber einer erfrischenden Neuinterpretation unterzogen:

|“Ich lebte in einem Film, in einem Roman, im Traum eines Idioten, den ein anderer schrieb, und ich war langsam erstaunt – überwältigt davon -, wie ich mich verfranst hatte.“| (S.291)

|“Der Schriftsteller fand mich unsympathisch, weil ich versuchte, nach einem vorgefassten Plan vorzugehen. […]
Der Schriftsteller verlangte nach Chaos, Geheimnis, Tod. Daraus bezog er seine Inspiration. […] Der Schriftsteller wollte, dass Patrick Bateman wieder in unser Leben trat. Der Schriftsteller hoffte, die schiere Entsetzlichkeit des Ganzen würde mich aus meiner Lethargie reißen.
Ich war an einem Punkt, wo ich bei allem, was der Schriftsteller wollte, einfach nur Schuldgefühle hatte.“| (S.321)

Einige Rezensenten haben angemerkt, der „Horror“-Anteil von Lunar Park sei nicht überzeugend, sondern eher unfreiwillig komisch. Damit haben sie zwar nicht Unrecht, aber diese Kritik geht am Thema vorbei. Ellis wechselt mit „Lunar Park“ keineswegs das Genre; er fügt seiner Palette lediglich ein paar neue Farben hinzu. Die „Hommage“ an Stephen King – das Element des Phantastischen – soll folgerichtig nicht nur unterhalten, sondern vor allem einen Einblick in die Psyche des Schriftstellers gewähren.
Stephen King selbst hat einmal in einem Interview angemerkt, Gespenster seien für ihn ein Symbol für ungelöste Probleme. Und siehe da: Das Thema „ungelöste Probleme zwischen Vater und Sohn“ zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Handlung des Romans.

Die Antwort auf die Frage „Wer ist das Gespenst?“ scheint dabei zunächst offensichtlich: „Natürlich, es muss Ellis Senior sein!“ Nach und nach kommen aber Zweifel auf. Ist es vielleicht doch der Sohn von Ellis, welcher denselben Namen wie sein Großvater (Robert) trägt? Aber Robert Ellis Jr. ist fiktiv – also doch Bret selbst? Welcher Bret könnte es dann aber sein? Der Privatmensch? Der Schriftsteller? Der Schriftsteller in der Fiktion? Der fiktive Schriftsteller in der Fiktion des fiktiven Schriftstellers? Alle Figuren zusammen? Keine von ihnen?

Zuletzt kulminiert die Geschichte wieder – entgegen dem Vorsatz, mit dem Ellis sie eingeleitet hat – in eine endlos verschachtelte Satzkonstruktion. Der letzte Absatz jedoch gehört zu dem Schönsten und Ergreifendsten, was ich je gelesen habe. Bret Easton Ellis war bisher dafür bekannt, die Oberflächlichkeit als literarisches Stilmittel perfektioniert zu haben. Nun aber ist es ihm irgendwie gelungen, alle Bedeutungs- bzw. Fiktionsebenen (mitsamt der ihnen innewohnenden Sehnsucht) seines Gesamtwerkes in einem einzigen Begriff zu vereinen: Lunar Park.

Irving, John – Bis ich dich finde

Nach dem für Irvingsche Verhältnisse recht dünn geratenen Buch „Die vierte Hand“ ist Anfang des Jahres der elfte Roman des amerikanischen Erfolgsschriftstellers in deutscher Übersetzung erschienen. Zumindest äußerlich wird es seine Fangemeinde erfreuen, denn es ist mit 1140 Seiten mal wieder ein richtiger Wälzer geworden. Doch ist das Lesevergnügen ebenso groß, wie der Einband dies verheißt?

_Wovon es handelt_

Im Mittelpunkt des Romans steht die Geschichte des Schauspielers Jack Burns von seiner Geburt in den Sechzigern bis ins Jahr 2003.

Typisch für Irving, dass die Kindheit seines Helden weit mehr Raum einnimmt, als es üblicherweise der Fall ist, knapp die Hälfte des Romans beschäftigt sich mit Burns‘ Jugendjahren.

Mit ihrem vierjährigen Sohn und diversen Tätowierutensilien macht sich Jacks Mutter Alice auf eine ausgedehnte Europareise, um Jacks Vater und ihre Jugendliebe, den Kirchenorganisten Williams Burns, ausfindig zu machen. Alice ist Tätowiererin und heuert in nahezu allen Studios in europäischen Hafenstädten an: Amsterdam, Kopenhagen, Hamburg, Helsinki. Denn William ist ein „Tintensüchtiger“, einer, der sich von Kopf bis Fuß tätowieren lässt, bis sein ganzer Körper wie ein einziges Notenblatt aussieht. Doch wo immer die beiden auch ankommen, heißt es, William sei bereits wieder abgereist. Die Suche bleibt erfolglos und die beiden kehren ins heimische Toronto zurück, wo Jack bald eingeschult werden soll und Alice sich als Tätowiererin niederlässt.

Die nächste Station in Jacks Leben ist die Mädchenschule St. Hilda, die seit kurzem auch Jungs aufnimmt, wenn auch nur sehr wenige. Er findet sich wieder in einem „Meer von Mädchen“ und dort ist er keineswegs so sicher, wie ihn seine Mutter glaubt. Schon nach kurzer Zeit findet er sich von einer Clique älterer Mädchen umringt, die seine sehr langsam erwachende Sexualität im Auge behalten. Seine kindliche Unschuld verliert Jack noch im Grundschulalter, ausgerechnet in einem Selbstverteidigungskurs an die kräftig gebaute Mrs. Machado. Doch auch seine viel ältere „Sandkastenfreundin“ Emma zeigt frühzeitig Interesse an Jacks Penis, macht ihn zum Hauptinteresse des Jungen in einem Alter, in dem er normalerweise noch keine allzu große Rolle spielt.

„Mr. Penis“ steht hier auf eine Weise im Mittelpunkt, die für den Leser die Grenzen des Erträglichen zuweilen überschreitet. Damit meine ich nicht Pornographie, davon ist Irving zum Glück meilenweit entfernt. Viel schockierender ist die Perspektive eines Kindes, welches nicht begreift, dass es sich um sexuellen Missbrauch handelt. Eine Perspektive, welche die widerstrebenden Gefühle dabei schildert, und zwar nicht nur die negativen. Natürlich entbehrt diese sehr tragische Situation auch nicht einer gewissen Komik, zum Beispiel dann, wenn die älteren Mädchen Jack nötigen, ein Mädchen mit Zahnspange zu küssen, was zu Verletzungen führt. Die liebenswert-schrullige Emma weist Jack daraufhin zurecht: „Was machst du da, Zuckerbär? […] Sie haben ihre Lippe mit vier Stichen genäht! Da haben wir ja einen ganzen Berg Hausaufgaben vor uns. Du kannst doch ein Mädchen nicht so küssen, als wäre es ein Steak!“
Zugleich macht Jack in St. Hilda erste zweifelhafte Erfahrungen mit Religiosität und wird von seiner verehrten Lehrerin Caroline als Schauspieler entdeckt – in Frauenrollen.

Dass Jacks Jugend und sein Eintritt ins Erwachsenenalter nicht eben komplikationslos verlaufen, ahnen wir schon. Aus dem „Meer von Mädchen“ gerade entstiegen, schickt ihn seine Mutter auf ein Jungeninternat, wo er Ringen lernt und ein paar andere Dinge fürs Leben; er vermisst jedoch dort gelegentlich „sein früheres Leben als missbrauchtes Kind“. Diese Sehnsucht nach sexuellen Aktivitäten dauert nicht lange an. Scheinbar magisch fühlen sich ältere Frauen von dem gut aussehenden Teenager angezogen – und umgekehrt. Zugleich tut sich der Junge schwer mit gleichaltrigen Mädchen – der in ihren Anfängen gescheiterten Beziehungen mit der geradezu perfekten Michele Maher jedenfalls trauert er noch lange hinterher.

Als junger Erwachsener und Student verfestigt sich Jacks nicht ganz platonische Freundschaft zur immer noch ziemlich eigenwilligen Emma. Jack feiert als Travestiestar erste Erfolge, während Emma als Romanschriftstellerin weitaus berühmter wird. Doch Emma stirbt früh, ebenso wie Jacks Mutter.

Nach dem Tod der beiden Menschen, die ihm am meisten bedeutet haben, macht sich Jack auf die Suche nach seiner Vergangenheit – und nicht zuletzt auf die Suche nach seinem Vater. Und stellt fest, dass seine Erinnerung nicht immer das war, wofür er sie gehalten hat, und dass seine Mutter daran nicht ganz unschuldig war – um es einmal milde auszudrücken und den eigentlichen Wendepunkt des Romans nicht vorwegzunehmen.

_Die Rose von Jericho_

Eine Rose von Jericho ist im Tätowierer-Jargon eine Rose, die erst bei genauem Hinsehen zwischen den Blütenblättern ihr Geheimnis offenbart: Eine weibliche Vulva, die nur demjenigen auffällt, der danach sucht. Jacks Mutter beherrscht diese Kunst geradezu perfekt, und obwohl Jack schon als kleiner Jack gelernt hat, wie eine Rose von Jericho aussieht, muss er später feststellen, dass jede Vulva einzigartig und nicht vergleichbar ist.

Auch die Geschichte dieses Romans birgt eine weitere Geschichte in sich, so wie eine Rose von Jericho. Die eine Seite der Geschichte kennt Jack in- und auswendig, aus seiner trügerischen Erinnerung und dem, was seine Mutter erzählt hat, seit er denken kann. Die andere Seite der Geschichte erfährt der erwachsene Jack, als er die Stationen seiner Europareise noch einmal abklappert. Dazwischen bleibt trotz der detailreichen Schilderung noch Platz für die eigene Phantasie des Lesers. Für Mutmaßungen und Spekulationen. Ganz klar, John Irving gehört zu den ganz großen zeitgenössischen Geschichtenerzählern und stellt hier seine Kunst erneut eindrucksvoll unter Beweis.

Ein paar Widerhaken hat das Buch trotzdem, vielleicht sogar ein paar Längen. Angeblich hofft ein wahrer Irving-Fan laut Verlagswerbung, das Buch möge niemals zu Ende gehen. Ich muss gestehen, manchmal habe ich das Gegenteil gehofft. Manchmal gerät das ausufernd Fabulierende eben doch einen Tick zu langatmig, stellenweise wiederholt er sich gar. Ganz abgesehen davon, dass die für seine Romane typische Kombination aus Sex, Ringen und Identitätssuche so manchem Irving-Leser ohnehin bekannt vorkommen dürfte.

Manchmal berührt sie einen einfach nicht genug, die Geschichte des Schauspielers, der darunter leidet, dass ihn eigentlich nichts so richtig berührt. Die eindrucksvollsten und auch witzigsten Szenen finden rund um die beiden Beerdigungen statt. Bei denen war ich voll und ganz im literarischen Irving-Taumel, war begeistert, lachte, weinte, fühlte mit. Witzig und berührend zugleich, wie die Rockerfreunde von Jacks Mutter Alice deren Beerdigung in der Kapelle der Mädchenschule durcheinander bringen. Außerdem ist es einfach eine tolle Idee, Jack dieselbe Geschichte gewissermaßen zweimal durchleben zu lassen. Genial, wie er im ersten Teil die Köder dafür auslegt, wir ihm auf den Leim gehen und schließlich … nein, das verrate ich natürlich nicht. Nur so viel: Dafür haben sich dann auch die seitenlangen … ähm … Ergüsse über Jacks Penis gelohnt.

Angeblich ist „Bis ich dich finde“ Irvings persönlichster Roman. Irving selbst hat seinen Vater nie kennen gelernt und als Erwachsener noch Kontakt zu seinen Halbgeschwistern aufgenommen. Somit ist die Vatersuche als Sinnsuche ein Thema, mit dem sich der Autor intensiv auseinander gesetzt haben wird. Kann sein, dass er in seiner literarischen Verarbeitung ein klein wenig zu sentimental wird.

Dennoch ist und bleibt Irving natürlich ein fantastischer Geschichtenerzähler, dem man gern und meistens atemlos lauscht. Immer wieder.

Taschenbuch ‏ : ‎ 1152 Seiten

Etteth, Shankar Ravi – Dorf der weißen Witwe, Das

Ein Diplomat der madagassischen Botschaft in Neu Delhi wurde in einem verschlossenen Zimmer mit einer nicht auffindbaren Waffe ermordet. Die Polizei schickt Anna Khan, die neue stellvertretende Kommandeurin, um den rätselhaften Mord zu lösen. In der Botschaft trifft Anna auf Jay Samorin, der von seinem Freund, dem madagassischen Botschafter, ebenfalls zur Klärung des Mordes gerufen wurde. Samorin ist Karikaturist im Ruhestand, der als selbsternannter Hobby-Profiler das Böse erforscht. Und auf mirakulöse Weise kann Samorin den Fall tatsächlich mit höchster Konzentration im Schnellverfahren lösen.

Bestanden zunächst einige Misstöne zwischen der Kommandeurin Khan und Samorin, entwickelt sich bald eine Liebesbeziehung zwischen den unterschiedlichen Ermittlern. Anna hat mehrere Jahren Polizeidienst in Kaschmir geleistet. Im Kampf gegen Terroristen, die ihren Ehemann ermordeten, hat sie dort im Einsatz 58 Menschen getötet. Als Top-Ermittlerin macht sie Karriere. Der feinsinnige Karikaturist Samorin, der ausgebildeter Kalari-Kämpfer ist und eine Fossa, eine seltene und überaus tödliche Wildkatze, als Haustier hält, hat sich vor einiger Zeit fast völlig aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Dennoch scheint die beiden mehr als die ‘Faszination am Bösen’ zu verbinden.

Während sich die Protagonisten näher kommen, lösen sie weitere, auf eigenwillige Art verstrickte Verbrechen um Leidenschaft, Untreue, Erpressung, Mord und Genmanipulation. Bei diesen Ermittlungen wird immer deutlicher, dass Samorin das Geheimnis seiner Kindheit lösen muss: den Mord an seiner Mutter, für den man seinen Vater erhängte. Und auch der berühmte Künstler Dhiren Das, den Samorin ebenfalls seit seiner Kindheit kennt, scheint bei all diesen Verbrechen eine seltsame Rolle zu spielen. Über allem schwebt das Böse, aber kann die Lösung aller Rätsel im Dorf der geächteten Witwen liegen?

Und kann derartiger Stoff funktionieren? Das moderne Delhi, mit seinen Bars, Ausstellungen und schillernden (Schwulen-)Szenen. Der Kaschmir-Konflikt, Kriege mit Pakistan, Terroristen. Zwei traumatisierte Protagonisten, die zu Superhelden stilisiert sehr menschlich agieren. Eine nymphomane Schwägerin, eine tödlich erkrankte Schwiegermutter, ein eitler Künstler, der Samorins alter ego zu sein scheint. Politik, Genmanipulation, Krishna. Indiens wechselvolle Geschichte voller Mythen und Legenden. Verstoßene Witwen in Brindaban, auf denen ein Fluch liegt und die man zur Prostitution zwingt.

Es schwant einem nichts Gutes. Und in der Tat wirkt „Das Dorf der weißen Witwe“, betrachtet man allein Handlung und Storyline, wie eine ungeschickt überladene Komposition. Aber Etteth spielt nicht nur mit allem, was zur Hand ist, mit allen Genres à la Bollywood-Kino, er karikiert und stilisiert nicht einfach, er zaubert auch auf mysteriöse, poetische Weise ein indisches Paradies voller Farben, Licht und Schatten, flirrender Hitze und Schwüle. Man hört, man riecht, man schmeckt ein Indien, das derart mit Exotika überladen scheint, dass es sich selbst entlarvt und doch als traumähnliche Vision erhalten bleibt. Vor allem die Kindheitserinnerungen Samorins sind von feinster poetischer Kraft, die in ihrer strahlenden Schönheit der Oberfläche gerade eben das Grausame darunter verbergen. So grandios und voller Zauber findet man selten Texte; wer z. B. die Romane der Hawaii-Trilogie von Susanna Moore kennt, kann sich eine Vorstellung von Etteths Sprachvirtuosität machen.

Als Krimi ist „Das Dorf der weißen Witwe“ jedoch besser nicht zu lesen, das könnte zu Enttäuschungen führen. Die Lösung des Diplomatenmordes ist eine Farce oder eine Parodie, und die vielen Wendungen des Romans verwirren zwar in ihrer Vielzahl, bleiben jedoch nie lange undurchschaubar, so dass sich wirkliche Spannung nicht einstellt.

Was bleibt ist Etteths Stil – von Licht und Schatten durchflutet, melancholisch schwebend, voll subtiler Details und prächtiger Schönheit. Bloß, was wollte Etteth sagen? Ich weiß es nicht. Aber das „Das Dorf der weißen Witwe“ könnte ein wahrer Bestseller sein, so kühn und intensiv wie Murakamis „Gefährliche Geliebte“. Vielleicht wollte der Autor, wie er es seinem Protagonisten Samorin in den Mund legt, ein Kritiker des Universums sein und hat sich dabei in seinem eigenen Text verzettelt. Das allerdings wohl nicht willkürlich, sondern eher mit reflektierter Methode, aber unergründlicher Absicht. Das ist schade, sollte aber nicht vom opulenten Lesegenuss abhalten!

© _Anna Veronica Wutschel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Kem Nunn – Giganten – Wo Legenden sterben

„Surf-Roman“ – so manch einen dürfte schon allein die Bezeichnung an sich mehr als abschrecken, malt man sich doch als unbedarfter Leser beim Klang dieses Begriffs in seiner Phantasie vermutlich Bilder von sonnengebräunten Mädels im Bikini und muskulösen Jungs mit Surfbrettern unterm Arm aus. Dazu ein sonnenbeschienener Strand irgendwo in Kalifornien, eine sanfte Briese und im Hintergrund leises Gedudel von den Beach Boys – fertig ist das Klischee. Und ehe man sich versieht, ist man auch schon ganz zielstrebig an all dem vorbeigerauscht, was den so genannten Surf-Roman „Giganten – Wo Legenden sterben“ von Kem Nunn ausmacht.

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Praxenthaler, Matthias – Horst der Held

Horst Gurk ist nicht gerade ein Name von heldenhafter Ausstrahlung. Jemand, der 1970 noch auf den Namen Horst getauft wird, dessen Eltern können nur der Gipfel deutschen Mittelschicht-Spießertums sein. Das Gefühl hat auch Horst Gurk, Protagonist und titelstiftender „Held“ von Matthias Praxenthalers Roman „Horst der Held“.

„Horst der Held“ ist kein neuer Roman. Praxenthaler veröffentlichte ihn erstmals 1998 im Selbstverlag, um ihn anschließend in den Straßen Münchens eigenhändig zu verkaufen. Laut eigenem Bekunden verkaufte er rund 1500 Exemplare und benutzt die übrigen ca. 5842 Exemplare seither als Bett, worauf es sich angeblich vorzüglich schläft.

Wie man sich bettet, so liest man (oder hieß das anders?) und so soll im nun Folgenden der Frage nachgegangen werden, ob sich „Horst der Held“ als Lektüre gleichermaßen eignet wie zum Bettenbau.

Horst Gurk wird direkt in die wilden 70er hineingeboren – wobei selbige zugegebenermaßen in seinem Elternhaus alles andere als wild ausfallen. Horsts Vater ist Beamter im Postministerium, seine wehrte Gattin noch eine waschechte Hausfrau und das Häuschen im rheinischen Troisdorf eine Ausgeburt provinziellen Spießbürgertums und kleinbürgerlicher Mittelmäßigkeit.

Horst hat keine leichte Kindheit. Dank Segelohren, Zahnspange und Brille gibt er von der ersten Klasse an das perfekte Opfer diverser Schülerspäße ab. Horst wird zum Einzelgänger, was sich auch später auf dem Gymnasium nicht mehr ändern soll. Keine Freunde, keine Partys, kein erster Sex und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, nerven ihn seine Eltern mit ihrer Spießigkeit.

Erst mit 22 scheint sich das Blatt zu wenden. Horst, mittlerweile Maschinenbaustudent (aber selbstverständlich immer noch zu Hause wohnend), beschließt, seiner Jungfräulichkeit mit einem Puffbesuch ein feierliches Ende zu setzen. Und wie das Glück es so will, ist Horst der Zehntausendste Besucher des Troisdorfer Puffs und gewinnt zur Belohnung eine Reise nach Vietnam. Dieser Trip entpuppt sich als ungeahntes Abenteuer und verwandelt Horst schon bald darauf in einen wahrhaftigen Helden …

Schon die ersten Seiten offenbaren, dass „Horst der Held“ absolut erheiternde Lektüre ist. Praxenthaler skizziert Horsts Kindheits- und Jugendjahre und bestraft den armen Horst mit jeder Facette deutschen Spießbürgertums. Die Eltern sind langweilig, religiös und ein harter Brocken für jemanden, der zu Zeiten aufwächst, in denen Coolness ein stetig bedeutender werdender Faktor ist. Horsts Eltern sind all das, was man sich an gebündelter Spießigkeit überhaupt vorstellen kann.

Man bekommt als Leser viel zu Lachen. Praxenthaler formuliert gewitzt und kurzweilig und weiß schon mit so mancher Formulierungsart zu erheitern. Sein Humor ist ein sehr direkter und so konfrontiert er den Leser geradeheraus mit der Lachhaftigkeit seiner Figuren und dem Humor, welcher der langweiligen Alltäglichkeit ihres Daseins innewohnt.

Freunde des feinsinnigeren Humors werden Praxenthalers Roman aber vermutlich nicht über die ganze Länge als besonders erheiternd empfinden. Es ist schon recht derbe, was der Autor teilweise an Humor auspackt, und als dann schon nach wenigen Seiten der Troisdorfer Schlachter seiner Frau in einem alkoholgeschwängerten Wutanfall eine Brust mit dem Schlachtermesser abschneidet, bekommt man einen Vorgeschmack darauf, wie derbe Praxenthaler wirklich werden kann.

Praxenthaler wandelt mit seinem Humor eng an der Grenze des guten Geschmacks, und so versammelt sein Roman zum Schreien komische Momente neben überzogenen und derben Witzen, über die wohl so mancher streiten mag, ob das alles noch wirklich lustig ist. Wandelt er anfangs noch leichtfüßig durch die Kapitel, so wird der Humor mit zunehmender Derbheit auch schwerfälliger. Die unelegante Art, mit der Praxenthaler sich Horsts Eltern vom Hals schafft, wirkt genauso wenig komisch wie das völlig überzeichnete Finale.

Was so herzerfrischend lustig und locker anfängt, wird mit zunehmender Seitenzahl brachialer und unlustiger. Mangelnden Realismus sollte man einem Roman dieser Art sicherlich nicht ankreiden, um sich nicht gänzlich mit humorlosen Moralisten in eine Reihe zu stellen, dennoch kommt man nicht umhin, zu kritisieren, dass Praxenthalers Humor anfangs, als er es noch schafft, die Spießbürgerlichkeit der deutschen Provinz zu karikieren, wesentlich lustiger und bodenständiger ist. Je abgedrehter sich aber die Handlung entwickelt, desto weniger vermag der Humor zu belustigen.

Ansonsten ist „Horst der Held“ ein Roman, der außer knapp 200 Seiten humoristischer Abhandlung nicht viel zu bieten hat. Entweder man kann über Praxenthalers Humor lachen und amüsiert sich köstlich oder man liest ungeduldig weiter bis zum Ende, um herauszufinden wie tief das Humorniveau wohl noch sinken mag. Immerhin ist man nicht so leicht geneigt, die Lektüre abzubrechen, denn Praxenthaler schreibt so locker drauflos, dass man als Leser absolut keine Mühe hat zu folgen. Und so bleibt „Horst der Held“ letztendlich unterhaltsame Lektüre, aber eben auch nicht immer unbedingt lustig.

Bleibt als Fazit festzuhalten, dass Praxenthaler in „Horst der Held“ einige absolut irrsinnig komische Momente zu Papier gebracht hat. Streckenweise macht der Roman wirklich Vergnügen, aber je mehr Praxenthaler in die Schiene des derben, geschmacklosen Humors abrutscht, desto unlustiger wird er leider auch. „Horst der Held“ ruft also gemischte Gefühle wach und bleibt als durchaus locker-flockige Lektüre im Gedächtnis, die aber ihr humoristisches Potenzial der ersten Kapitel im weiteren Verlauf leider verspielt.

Website des Autors:
[www.praxvalley.de]http://www.praxvalley.de/

Monika Wunderlich (Hrsg.) – Eiszeit – drinnen und draußen. 24 böse Dezembergeschichten

Dezember steht nicht nur für Frost, Schnee, Kindheit, Freude, Weihnachten, Advent, Geschenke, Nikolaus, Christkind …

Dezember steht auch für EISZEIT – und viel öfter, als wir es wahrhaben wollen, bleibt die Kälte nicht nur draußen, wir finden sie auch drinnen – in den Stuben, den Herzen, den Gedanken, den Erinnerungen …

Eine unabhängige Jury hat aus der Vielzahl der Einsendungen Texte folgender Autoren für die Anthologie in der VIRPRIV-Reihe DUNKLE STUNDEN ausgesucht:

Monika Wunderlich (Hrsg.) – Eiszeit – drinnen und draußen. 24 böse Dezembergeschichten weiterlesen

Niemi, Mikael – Populärmusik aus Vittula

|Tjus lätmi isamatö råckönråll mjosik!| – So in etwa klingt es, bzw. sieht es in schriftlicher Form aus, wenn ein Junge aus einem der abgelegensten Winkel Schwedens, genaugenommen irgendwo aus dem Nichts zwischen Schweden und Finnland, einen Beatles-Song nachsingt, ohne Englisch zu können. Charmant, nicht wahr? Nicht minder charmant ist das Buch, in dem man die Kindheits- und Jungendgeschichte eben dieses Jungen nachlesen kann: „Populärmusik aus Vittula“. Eine Chronik der ersten musikalischen Gehversuche, der ersten ernüchternden Alkoholerlebnisse und des ersten Sex.

Pajala ist ein nichts sagendes Kaff in einer nichts sagenden Gegend Schwedens, dem Tornedal. Hier liegt der sprichwörtliche Hund begraben. Die Einheimischen reden Schwedisch oder Finnisch bzw. ein Kauderwelsch, das unter dem Namen Tornedalfinnisch läuft. In Pajala arbeiten die Menschen hart und auch die im Tornedal verbreitete religiöse Bewegung des Laestadianismus macht mit ihrer übertriebenen Strenge und Lustfeindlichkeit das Leben nicht unbedingt angenehmer. Wenn da nicht der Alkohol wäre, die ständige Versuchung, die auch in Pajala, das sich dem über Finnland nach Russland verlaufenden „Wodka-Gürtel“ zugehörig fühlt, locken würde.

In diesem Umfeld wachsen Matti und sein nicht sonderlich redseliger Freund Niila auf. Und das mitten in den wilden 60ern, von denen man im äußersten Norden Schwedens logischerweise wenig mitbekommt – bis zu dem Tag, an dem Niilas Großmutter beerdigt wird und seine beiden Cousins aus Amerika mit einer Beatles-Single als Gastgeschenk für Niila anreisen. Die beiden Jungs sind völlig aus dem Häuschen und gründen kurzerhand selbst eine Band. Im Keller von Mattis Eltern zimmern sie sich aus Sperrholz so etwas ähnliches wie eine Gitarre zusammen und träumen fortan ihren Traum vom Leben: Rock ’n‘ Roll Music bzw. Roskn Roll Musis …

Niemi erzählt einzelne Episoden aus Mattis Kinder- und Jugendzeit in Pajala, bzw. dem im Volksmund Vittulajänkka (zu deutsch in etwa: „Fotzenmoor“) genannten Ortsteil von Pajala. Er pickt sich einzelne Begebenheiten heraus, die besonders erzählenswert erscheinen, so dass die Kapitel theoretisch vielleicht auch als Kurzgeschichten für sich stehen könnten. Dennoch gibt es Überleitungen, Niemi stellt Zusammenhänge her und baut die Kapitel aufeinander auf, so dass daraus am Ende ein zusammenhängender Roman entsteht.

Und das hat er offenbar so gut gemacht, dass er von seinem Werk in Schweden 700.000 Exemplare verkauft und den bedeutendsten Literaturpreis des Landes eingeheimst hat. Und auch die |Brigitte| hat sich von so viel Euphorie anstecken lassen und beurteilt „Populärmusik aus Vittula“ als |“Das großartigste Buch des Jahres – und auch des letzten und des kommenden Jahres dazu.“| Auch wenn ich mich nicht dem Urteil der Brigitte anschließen will (mit Superlativen sollte man schließlich sorgsam umgehen), kann ich nicht leugnen, dass mir das Buch sehr gut gefallen hat. Niemis Roman hat so eine skurrile, charmante, warmherzige und kauzige Art, dass man sich dem Charme der Geschichte kaum entziehen kann.

Begeistern kann Niemi dabei schon gleich im Prolog mit seinem etwas schrägen Humor, der auch im weiteren Verlauf des Buches immer wieder durchschimmert. Er setzt gekonnte Pointen, die so witzig sind und teilweise vor Einfallsreichtum strotzen, dass den Leser immer wieder das Lachen oder Schmunzeln überkommt. „Populärmusik aus Vittula“ ist dabei gar kein durch und durch komischer Roman, sondern eher tragikkomisch. Niemi kann trotz seiner amüsanten Erzählweise auch sehr ernst sein, wenn er das Leben der Menschen in Pajala schildert, so dass einem manchmal das Schmunzeln zu gefrieren droht.

Die Geschichten, die Niemi aus Mattis Kindheit erzählt, drehen sich dabei einerseits um Land und Leute, andererseits um Musik und die Zeit der Pubertät. Der Leser beobachtet, wie Matti und Niila langsam halbwegs erwachsen werden. Beide erscheinen dabei eher als Antihelden. Ihre spielerischen ersten Versuche, eine Band zu gründen, ihr erster Auftritt vor der versammelten Klasse, der noch als Playback abläuft, all das wirkt eher peinlich als mutig. Grundsätzlich scheint ihr musikalisches Interesse ohnehin in einem unvereinbaren Widerspruch zum Lebenswandel der Tornedalbewohner zu stehen. Hier kommt es vor allem darauf an, als Mann körperliche Arbeit zu leisten, wen interessiert da schon dieses mädchenhafte Rumgeklimper?

Matti und Niila stammen beide aus eher schwierigen familiären Verhältnissen, so dass die Musik für sie die Möglichkeit zum Ausbruch ist. Sie ist ihre Art der Rebellion, auch wenn die beiden sich das wohl nicht ausgemalt hatten, als sie zum ersten Mal im Keller von Mattis Vater mit der Sperrholzgitarre Elvis-Posen imitiert haben.

Was die beiden in den folgenden Jahren erleben, ist durchaus schon einen Roman wert, der einerseits locker-flockig skurrile Geschichten mit viel Witz erzählt, andererseits aber auch einige düstere und tragische Momente enthält. Niemi bewegt sich oft auf einem sehr schmalen Grat zwischen Tragik und Komik. Sein Humor bekommt dadurch eine schwarzhumorige Note, und tragische Momente verlieren trotz der leichtfüßigen Erzählart nichts von ihrer Dramatik.

Vereinzelt hat Niemi dabei sogar schon einen Hang zum Surrealen. Einzelne Kapitel spielen mehr in der Phantasie als in der Realität und mögen im ersten Moment nicht so recht in das Buch passen. Schlägt man es dann am Ende zu, kann man aber dennoch sehr zufrieden sein. Es ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild, in das auch Niemis scheinbar verrückte Phantastereien wieder ganz gut hineinpassen.

Wenn Übersetzung und Lektorierung etwas sorgfältiger gemacht worden wären, wäre das Buch nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich rundum ein Genuss. So bleibt leider ein etwas fader Beigeschmack zurück. Nicht nur, dass die deutsche Ausgabe teilweise haarsträubende Rechtschreib- und Grammatikfehler aufweist und sich hier und da etwas holprig liest, auch die Übersetzung an sich bietet Anlass zur Kritik. Niemi verwendet viele schwedische und tornedalfinnische Ausdrücke, die teilweise einfach so unübersetzt und unerklärt stehen gelassen werden. Welcher durchschnittlich sprachbegabte Deutsche kann schon etwas mit Begriffen wie „ummikko“, „meän kieli“ oder „ulosveisu“ anfangen? Wenn man solche Ausdrücke schon nicht übersetzt, weil sie evtl. im Deutschen nicht entsprechend existieren, wäre es dann unmenschlich zu erwarten, dass sie in einem Glossar erklärt werden? Wohl kaum.

Bleibt abschließend festzuhalten, dass Niemi einfach den richtigen Ton trifft. Er zaubert dem Leser ein Lächeln aufs Gesicht und rührt ihn, er stimmt ihn nachdenklich und lässt ihn lauthals loslachen. Er kreiert ein wunderbares Wechselbad der Gefühle, das auch nach der Lektüre im Gedächtnis haften bleibt. Wer schöne Geschichten mit komischen Käuzen an merkwürdigen Orten mag, der wird an diesem Buch seine Freude haben. Wer obendrein Mattis und Niilas Musikbegeisterung teilt, muss dieses Buch eigentlich lieben.

Mason, Richard – unsichtbare Vierte, Die

Bereits sein erster Roman „Der Liebesbeweis“, den Richard Mason mit gerade achtzehn Jahren verfasste, überzeugte Kritiker und Leser von der erzählerischen Virtuosität des Jungautors. Und tatsächlich erzählt Mason so kraftvoll und dabei so feinsinnig und federleicht, dass man seine Bücher – einmal begonnen – nur äußerst ungern aus der Hand legt.

„Die unsichtbare Vierte“ brilliert durch unendlich viele kleine Szenen, die sich vielversprechend wie schimmernde Perlen aneinander reihen. Szenen, die sich dann jedoch leider nicht gänzlich zur strahlenden Kette, zum überzeugenden Ganzen zusammenfügen wollen.

Denn auch wenn Richard Mason sich fünf Jahre Zeit genommen hat, um „Die unsichtbare Vierte“ zu komponieren – fünf Jahre übrigens, die er als Albtraum voller Selbstzweifel beschreibt -, verführt der Roman vorwiegend durch sein kunstvolles Arrangement, das mit Sprache, mit Zeitebenen sowie den Perspektiven seiner Figuren, drei unterschiedlichen Stimmen, gewandt zu jonglieren weiß.

In vier große Kapitel unterteilt Mason die Handlung. In ICH lernt der Leser zunächst die drei Protagonisten kennen: Julian, den etwas blassen Lehrer; Jake, den süchtigen, einst gefeierten inzwischen jedoch konzeptlosen Konzept-Künstler, und Adrienne, die Tochter aus mondäner New Yorker Gesellschaft, die einen erfolgreichen, viel älteren Filmproduzenten geheiratet hat. So unterschiedlich sich ihr Leben gestaltet hat, verbindet sie doch ein tragisches Ereignis, das mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt. Denn alle drei fühlen sich in gewisser Weise für den Tod von Maggie – der unsichtbaren Vierten – verantwortlich.

In den Kapiteln DAMALS und WIR lässt Mason seine Figuren aus ihrer Jugend erzählen. Die Wege der vier kreuzten sich endgültig in Oxford, wo sich ihr Schicksal auf dramatische Weise für immer miteinander verknüpfte. In WIR nimmt der Roman die Züge des im englischsprachigen Raum sehr beliebten College-Mystery an, weshalb man „Die unsichtbare Vierte“ wohl des Öfteren mit Donna Tartts Weltbestseller „Die geheime Geschichte“ verglichen hat. In dem letzten Teil, HEUTE, treffen Julian, Jake und Adrienne nach über einem Jahrzehnt wieder zusammen – und erneut nimmt ihr Treffen einen schrecklichen Ausgang.

Ein US (WIR – so der Originaltitel) hat es letztlich niemals gegeben. Eigentlich war Maggie, Julians Schwester, die mit ihrem ungestüm charmanten wie dominanten Charakter Jake zu ihrem Liebhaber und Adrienne zu einer ihrer Freundinnen machte, das Bindeglied dieses tragisch endenden Quartetts.

„Die unsichtbare Vierte“ bezaubert – wie gesagt – durch Masons Geschick, mit Sprache wunderbare Atmosphäre und elegante, anekdotenhafte Szenen zu schaffen. Als Geschichte jedoch überzeugt „Die unsichtbare Vierte“ nicht gänzlich. Unzählige Zufälle lassen teilweise Zweifel an dem Plot aufkommen. Und auch die Figuren bleiben eher blass, ihre Motive und Beziehungen nicht immer nachvollziehbar – Was z. B. treibt Adrienne in Julians Arme und über Monate in sein Bett? Da klingen auch die ein oder andere philosophisch moralische Betrachtung und Hobbes zitiertes Weltbild zu kurz und zu unmotiviert an, um dem Text ernsthaft mehr Tiefe zu verleihen. Tragisch ist die Geschichte in vielfacher Hinsicht. Vor allem, da die drastisch grausamen, aber doch letztlich banalen College-Streiche, die Maggie inszeniert, um Gerechtigkeit herbeizuführen, für alle Beteiligten ein so schlimmes Ende nehmen. „Der kurze, reizvolle Augenblick, in dem aus einem Spiel das Leben wird – und dann der Tod.“ Wobei jedoch eigentlich die Unfähigkeit der Figuren zur Kommunikation das tragischste Moment der gesamten Geschichte ist.

„Die unsichtbare Vierte“ ist ein tragisch schöner, virtuos erzählter Roman, der jedoch an Logiklücken und der zu zahmen Umsetzung eines extremen Charakters kränkelt. Hätte Mason auf das Nachbeben, das die übrig gebliebenen drei Figuren noch Jahre später erschüttert, verzichten wollen, wäre der Roman vielleicht ein spannender Krimi aus der Sparte College-Mystery geworden. Mason jedoch zielt auf die erzählte Gegenwart ab, um die Auswirkungen von Maggies Tod zu verdeutlichen. „Die unsichtbare Vierte“ ist spannend, aber trotz Todesfällen nur bedingt als Krimi zu lesen. Denn Mason konzentriert sich nicht explizit auf Spannung und Thrill, sondern verlässt sich ganz auf seine Figuren. Ob diese Konstellation den Leser letztlich in den Bann zieht, muss jeder selbst entscheiden, so wie der Autor sich das vorstellt: ‚Ich möchte, dass die Leser bewegt sind, aber ich möchte auch, dass jeder Leser den Text auf seine eigene Weise erfährt.‘

© _Anna Veronica Wutschel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.X-Zine.de/ veröffentlicht.|

Henrike Wöbking – Auf Eis

Frauen und Eishockey – das passt so gut zusammen wie saure Gurken mit Sahne, möchte man zumindest meinen. Doch Henrike Wöbkings aktuelles Buch beweist das Gegenteil. Wöbking legt mit „Auf Eis“ ihren inzwischen zweiten Roman vor und schafft es, ein Frauenbuch zu schreiben, ohne auf die typischen Klischees zurückzugreifen. Zwar stehen auch hier wieder Männer im Mittelpunkt, doch spielen diese nicht deshalb eine Rolle, weil sie verdammt gut aussehen, sondern weil sie gute Eishockeyspieler sind.

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Ruiz Zafón, Carlos – Schatten des Windes, Der

Joschka Fischer ist nicht unbedingt derjenige, den man fragen würde, welches Buch man lesen sollte. Der ehemalige Außenminister mag für vieles bekannt sein, aber sicherlich nicht unbedingt wegen seiner Literaturtipps. Dennoch ist es schon ein wenig ermutigend und ansteckend, wenn man im Klappentext zu „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón seine Empfehlung liest: |“Sie werden alles liegen lassen und die Nacht durch lesen!“| Das entpuppte sich zumindest in meinem Fall als Empfehlung prophetischen Charakters, denn gerade im letzten Drittel des Buches war ich doch sehr geneigt, der Müdigkeit mittels erhöhter Espressoration den Garaus zu machen, um das Buch so schnell wie möglich zu Ende zu bringen. Da hat es sich doch mal gelohnt, Herrn Fischer zu glauben …

„Der Schatten des Windes“ ist auf den ersten Blick ein recht unspektakuläres Buch. Die Handlung klingt nach gehobener Belletristik für die intellektuelle Oberschicht und weniger nach einem Roman zum Verschlingen. Die Geschichte spielt zur Zeit Francos in Barcelona. Der junge Daniel Sempere besucht zusammen mit seinem Vater, dem Buchhändler, den geheimnisvollen „Friedhof der Vergessenen Bücher“. Noch ahnt Daniel nicht, wie sehr dieser Besuch sein weiteres Leben verändern wird. Von all den Büchern, die dort in den Regalen ihr trostloses, staubiges Dasein fristen, darf Daniel sich eins aussuchen. Er entscheidet sich für „Der Schatten des Windes“ von einem Autor namens Julián Carax.

Daniel ist fasziniert von dem Roman und liest ihn wieder und wieder. Weil er gerne mehr von Julián Carax lesen würde, macht Daniel sich mit Hilfe seines Vater auf die Suche nach Carax‘ literarischen Spuren. Doch keiner weiß so recht, wo Carax lebt und ob er nicht schon längst tot ist. Daniel gerät in den Bann dieser sonderbaren Figur und trägt hier und da immer neue Bruchstücke einer faszinierenden Biographie zusammen.

Daniels Suche nach der mysteriösen Gestalt Julián Carax entwickelt sich immer mehr zu einem Spiel, dessen Regeln der Junge nicht zu durchschauen vermag. Merkwürdige Personen tauchen auf, legen falsche Fährten, versuchen zu vertuschen und stoßen gar Drohungen aus. Daniels Leben entwickelt sich dabei zunehmend analog zu „Der Schatten des Windes“, und ehe er sich versieht, steckt er schon mittendrin in der Handlung seines Lieblingsromans – im Kern einer Geschichte, die einem Strudel gleich ihre Protagonisten einem düsteren, furchtbaren Schicksal entgegentreibt …

Es stimmt schon, die Handlung mutet etwas sonderbar an, wenn man zum ersten Mal mit dem Klappentext konfrontiert wird. Ein Roman über einen Roman. Dass es dabei spannend zugeht und das Buch den Leser zum Ende hin so sehr in Beschlag nimmt, dass er sich kaum von den Seiten zu lösen vermag, möchte man auf den ersten Blick kaum glauben. Aber genau so ist es. Ruiz Zafón versteht es, den Leser auf eine Reise mitzunehmen, ihn aus seinem Alltag zu entführen und mitten in einen Plot zu ziehen, von dem der Leser absolut nicht ahnt, in welche Richtung er sich entwickeln mag.

Mit „Der Schatten des Windes“ ergeht es dem Leser genau so, wie es Daniel bei der Lektüre von Carax‘ Roman ergeht: |“Je weiter ich in der Lektüre kam, desto mehr erinnerte mich die Erzählweise an eine dieser russischen Puppen, die immer weitere und kleinere Abbilder ihrer selbst in sich bergen. […] Unter dem gelben Licht der Tischlampe tauchte ich in eine Welt von Bildern und Gefühlen, wie ich sie nie zuvor kennen gelernt hatte. […] Seite um Seite ließ ich mich vom Zauber der Geschichte und ihrer Welt einhüllen …“| (S. 12/13)

Auch Ruiz Zafóns Erzählweise erinnert an eine russische Puppe. Schicht um Schicht offenbart er dem Leser weitere Facetten seiner Geschichte, die sich mit jedem Kapitel weiter verschachtelt und den Leser gefangen nimmt. Seine Geschichte spielt sich dabei auf zwei Ebenen ab. Zum einen wird Daniels Suche nach Julián Carax beschrieben, zum anderen erhält der Leser immer wieder neue Einblicke, wie Carax‘ Leben seinerzeit verlaufen ist. Beide Erzählebenen laufen nebeneinander her und werden mit der Zeit immer mehr zu einem Ganzen verknüpft.

Ruiz Zafóns Verknüpfung der beiden Erzählebenen gelingt dabei ausgesprochen gut. Er schafft es, zwischen beiden Ebenen eine tiefe Bindung herzustellen, klärt die Zusammenhänge schlüssig auf und lässt es dabei nicht an dramatischen Überschneidungen mangeln.

„Der Schatten des Windes“ ist ein Roman, der sich diverser Zutaten bedient und gerade auch durch seine ausgewogene Mischung zu glänzen weiß. Ein bisschen Hommage an die Literatur, eine ordentliche Prise Liebesgeschichte, ein wenig politische Brisanz, die der zeitliche Kontext der Herrschaft Francos in sich birgt, ein guter Schuss Kriminalgeschichte, abgeschmeckt mit einem Hauch klassischem Schauerroman. Das mag nach einem heillosen Mischmasch klingen, ist in der Ausführung aber dann doch angenehm ausbalanciert. Gerade auch aufgrund dieser vielfältigen Zutaten dürfte Ruiz Zafón eine recht breite Leserschaft ansprechen. Irgendwo findet hier jeder genau die Komponente, die er besonders schätzt.

Zu einem besonderen Genuss wird „Der Schatten des Windes“ auch aufgrund Ruiz Zafóns sprachlichen Geschicks. Der Mann versteht es, mit Worten umzugehen, bedient sich einer sehr lebhaften und bilderreichen Sprache und sorgt so dafür, dass sich der Leser in den Roman und die Figuren richtiggehend hineinfühlen kann. „Der Schatten des Windes“ ist wahres Kopfkino und ein Hochgenuss für jeden, der die Gabe besitzt, in einem Roman sprichwörtlich zu versinken.

Ruiz Zafón versteht sich nicht nur auf plastische Bilder, sondern auch auf eine ausgefeilte Figurenzeichnung. Seine Figuren sind vielgestaltig und wirken, obwohl sie tendenziell eher plakativ schwarzweiß gezeichnet sind, nicht eindimensional. Man bekommt einen sehr plastischen Eindruck der Handelnden, wobei mir besonders eine Figur ans Herz gewachsen ist: der vom mittellosen Bettler zum „bibliophilen Berater“ von Sempere Senior aufgestiegene Fermín. Eine Figur mit großem Herzen, überragender Intelligenz und einem losen Mundwerk, das ihm so manchen Ärger einhandelt, aber den Leser immer wieder zum Schmunzeln bringt. Ruiz Zafón schafft Figuren, die man schnell in sein Herz schließt und an die man gerne zurückdenkt.

Ruiz Zafón fein geschliffene Ausdrucksweise thront über all dem und rundet die Raffiniertheit des Romans gelungen ab. Ein wenig poetisch wirkt sein Satzbau manchmal, geradezu melodisch und melancholisch. Das Barcelona, das Ruiz Zafón vor dem Auge des Leser skizziert, hat feine Nuancen, wird aber von vielen düsteren Tönen bestimmt. Die Zeit Francos hinterlässt einen bedrückenden Eindruck, dem der Autor mit dem Charme und Witz einer Figur wie Fermín einen schönen Gegenpol entgegenstellt.

So ziemlich alle Emotionen spiegeln sich in den Zeilen wider, und wenn Ruiz Zafón dann zum großen Finale ansetzt, darf auch schon mal die eine oder andere Träne weggeblinzelt werden. „Der Schatten des Windes“ ist ein Roman, der auf wunderbare Art und Weise nicht nur Gefühle beschreibt, sondern auch weckt. Dem einen mag das ein wenig kitschig erscheinen, den anderen reißt es dafür richtig mit. Wer sich noch vorbehaltlos auf eine Geschichte einlassen kann, wer einer Geschichte voller Phantasie, Melancholie, Witz und Dramatik offen gegenübersteht, der wird seine Freude an diesem Buch haben und für den könnte die Lektüre ein wahrer Hochgenuss sein.

Und, um zum Ende hin noch einmal Daniel Sempere höchstselbst zu Wort kommen zu lassen: |“Einmal hörte ich einen Stammkunden in der Buchhandlung meines Vaters sagen, wenige Dinge prägen einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seinem Herzen bahne. Diese ersten Seiten, das Echo dieser Worte, die wir zurückgelassen glauben, begleiten uns ein Leben lang und meißeln in unserer Erinnerung einen Palast, zu dem wir früher oder später zurückkehren werden, egal, wie viele Bücher wir lesen, wie viele Welten wir entdecken, wie viel wir lernen oder vergessen.“| In meinem Fall ist dieser Platz zwar schon belegt, aber „Der Schatten des Windes“ kommt immerhin schon recht nah daran …

Gerald Axelrod / Liane Angelico – Die Nacht des Blutmondes

Wer kennt dieses Gefühl nicht? Man betrachtet mit relativ emotionslosem Interesse ein historisches Gebäude, und plötzlich, von einem bestimmten Standpunkt aus, ergibt sich ein majestätischer Eindruck. Oder man spaziert unter einem alten Gewölbe entlang und verspürt unerwartet etwas Unheimliches. Und die Standbilder der Helden, Heiligen und Dämonen scheinen irgendwie zu leben.

Die Bilder

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Lindquist, Mark – Carnival Desires

Mark Lindquist ist hierzulande noch ein recht unbeschriebenes Blatt. In Amerika dagegen ist er weitaus bekannter. Bret Easton Ellis bekennt, dass Lindquist sein Lieblingsautor ist, und so wie Ellis auch, wurde Lindquist Ende der 80er und zu Beginn der 90er zum so genannten |“literarischen Brat Pack“| gezählt. Zum |“Brat Pack“| zusammengefasst wurden seinerzeit Autoren, die mit ihrem postmodernen Prosastil die Literaturkritik in wahre Verzückung versetzten. Neben Ellis und Lindquist zählte auch noch Jay McInerney dazu.

Lindquist tauchte als Romanautor zuerst 1987 mit „Sad Movies“ auf der Bildfläche auf. 1990 folgte der 2005 nun endlich auch auf Deutsch bei German Publishing veröffentlichte Titel „Carnival Desires“. Nach zehnjähriger kreativer Pause folgte 2000 dann „Never Mind Nirvana“. Der vierte Roman scheint in Arbeit zu sein.

Lindquists Biographie ist recht ungewöhnlich und dient ihm immer wieder als Inspirationsquelle für seine eindeutig autobiographisch gefärbten Romanfiguren. Bis Anfang der 90er schrieb Lindquist Drehbücher für große Hollywood-Studios. 1991 folgte dann ein radikaler Schnitt. Lindquist zog sich völlig zurück, studierte Jura und arbeitet heute als stellvertretender Staatsanwalt in Seattle.

Lindquist ist jemand, der hinter die Kulissen Hollywoods geschaut hat, und diese Erfahrungen und Eindrücke sind Teil seiner Romane. Seine Hauptfiguren arbeiten bei Filmgesellschaften, sind Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren, wie Lindquist selbst. Nur bei „Never Mind Nirvana“ kommt die Hauptfigur aus einer anderen Ecke und ist – welch eine Überraschung – Staatsanwalt in Seattle.

Ausgangspunkt von „Carnival Desires“ ist Tim, der im Roman selbst aber keine allzu lebendige Rolle mehr einnimmt. Kein Wunder, denn Tim, der als Schauspieler tätig war, hat sich an Heiligabend erschossen – aus Langeweile. An Silvester kommen Tims Freunde zusammen, denken zurück an ihre gemeinsamen Jahre und grübeln über die Zukunft. Tims Freunde sind allesamt Endzwanziger und Teil von Hollywoods Film- und Partyszene. Tims Tod lässt sie einen Moment inne halten und über ihr Leben, ihre Träume und Ziele nachgrübeln.

Und so kommt es, wie es an Silvester zwangsläufig kommen muss: Es werden gute Vorsätze fürs neue Jahr gefasst. Der Drehbuchautor Bick will sich zur Ruhe setzen, in den Norden ziehen und ein religiöseres Leben führen, der Regisseur Oscar will eine Freundin finden, Mona will endlich einen Job ergattern, Schauspielerin Libby will eine Sprechrolle an Land ziehen und das Schauspielerpaar Merri und Willie will endlich erwachsen werden, was für Willie bedeutet, Merri zuliebe den Drogen entsagen zu müssen. Joys Vorsatz ist es, einen Vorsatz zu finden.

Ein paar Monate später wollen die Freunde sich wieder treffen und über Erfolg und Misserfolg ihrer Vorsätze urteilen. Die einen vergessen ihre Vorsätze so schnell, wie sie sie gefasst haben, andere arbeiten darauf zu, sie zu erfüllen und wiederum andere enden in einer absoluten Katastrophe …

„Carnival Desires“ ist ein Roman, der auf den ersten Blick einfach nur locker-flockige Lektüre zu sein scheint. Knappe Dialoge, gepfefferte Wortwechsel mit Witz und Ironie und eine Handlung, die mehr oder weniger daraus besteht, in Momentaufnahmen die unterschiedlichen Figuren der Geschichte zu beleuchten und zu Wort kommen zu lassen. Leichtgängige Unterhaltung über das schräge Leben in Hollywood.

Doch das würde dem Roman nicht ganz gerecht werden. Lindquists Roman hat zweifelsohne seine witzigen Momente, die vor allem im Partygeplänkel der Hauptfiguren und den flotten Wortwechseln durchschimmern, aber das ist eben noch längst nicht alles, was diesen Roman ausmacht.

Lindquist weiß, wovon er spricht. Die Hauptfigur Bick könnte er selbst sein. Die biographischen Parallelen sind offensichtlich. Lindquist hat durch diese Nähe zu seiner eigenen Biographie Charaktere erschaffen, die (gemessen an ihrer Umgebung) überraschend menschlich und real wirken. Man kann sich erstaunlich gut in sie hineinversetzen.

Lindquist versetzt seine Hauptfiguren in alltägliche Situationen und lässt seine Figuren ganz natürlich darin agieren. Bei einem Roman, der in einer realitäts-vakuumverpackten Welt wie Hollywood spielt, mag das ein wenig verwundern, aber es verleiht dem Roman eine besondere Note. Natürlich gibt es auch abgedrehte Figuren, wie den Schauspieler Willie, der alles, was er macht, gleich bis zum Exzess durchlebt, aber auch hinter seiner überdrehten, zugedröhnten Fassade schlummert ein überraschend menschlicher Kern. Bei Lindquist bietet fast jede Figur ihre eigenen Identifikationspunkte.

Jeder ist auf der Suche nach seinem persönlichen Glück. Jeder versucht auf seine individuelle Art, sich selbst zu verwirklichen, insofern ist Lindquists Blick hinter die Hollywood-Gesichter ein durch und durch menschlicher. Jeder hat irgendeinen wunden Punkt, jeder einen schwarzen Fleck auf der Seele und muss mit seinen eigenen Problemen fertig werden; und wie es scheint, ist es kaum irgendwo schwieriger glücklich zu werden als in Hollywood. Der Wert echter Freundschaft ist dabei unermesslich und genau das müssen auch die Figuren in Lindquists Roman erkennen.

Gewürzt wird „Carnival Desires“ durch Lindquists gewitzte und intelligente Art. Er schreibt in einem recht schlichten Stil, verschachtelt sich nicht im Satzbau, sondern bringt seine Aussagen zielsicher auf den Punkt. Ein großer Teil des Romans besteht aus Dialogen und so ist Lindquists Art, seine Ideen und Gedanken zu vermitteln, eine sehr direkte. Seitenhiebe auf Hollywood gibt es da natürlich in Hülle und Fülle, aber auch kritische Töne über die Funktionsweise und Machtstrukturen der Traumfabrik.

Alles in allem ist „Carnival Desires“ in all seiner Einfachheit überraschend vielschichtig. Lindquist treibt die Geschichte mit viel Schwung voran, erzählt direkt und gewitzt, mal nachdenklich, mal humorvoll und stets sehr menschlich. Wer mal einen halbwegs realistischen Blick hinter die Kulissen Hollywoods werfen will, der ist mit diesem Roman gut bedient und bekommt gleichzeitig noch ein unterhaltsames Werk zeitgenössischer Literatur in die Finger.

Lindquist hat eine ganz eigentümliche Mischung aus Witz und Melancholie, die durchaus Lust darauf macht, auch mal zu seinen beiden anderen Romanen „Sad Movies“ und „Never Mind Nirvana“ zu greifen. Freunden von Douglas Coupland und Konsorten sehr ans Herz zu legen.