Archiv der Kategorie: Belletristik

Szerb, Antal – Pendragon-Legende, Die

Ende 2004 erschien im |Deutschen Taschenbuchverlag| eine Neuübersetzung der „Pendragon-Legende“, die der ungarische Literaturprofessor Antal Szerb bereits im Jahre 1934 verfasste. Szerb ist in Ungarn bis heute berühmt, obwohl er bereits 1945 im Alter von nur 43 Jahren im Internierungslager Balf in West-Ungarn starb.

Im Alter von 32 Jahren lernt János Bátky auf einer Soiree bei Lady Malmsbury-Croft den Earl of Gwynedd kennen, der auch unter dem Namen Owen Pendragon bekannt ist. Die beiden unterhalten sich gut und diskutieren unter anderem über Fludds Naturphilosophie. Am Ende des Abends erhält Bátky eine Einladung nach Wales auf das Schloss Llanvygan der Pendragons, wo ihm eine ausführliche Sichtung der dortigen Bibliothek ermöglicht werden soll. Bátky freut sich zwar über das Angebot, fühlt sich allerdings viel zu träge, um wirklich nach Wales zu reisen. Dennoch wird seine Neugierde geweckt, als er erfährt, dass die Pendragon-Bibliothek weltweit berühmt ist für ihre Werke aus dem Gebiet der Mystik und des Okkultismus im 17. Jahrhundert. Kurze Zeit später erhält Bátky einen mysteriösen Anruf, der ihn vor einer Reise nach Wales warnen will, da dort sein Leben in Gefahr sei. Doch Bátky versucht, dieses Telefonat wieder zu vergessen.

Durch einen Zufall (?) lernt er bei seinen Studien zur Familiengeschichte der Pendragons im |British Museum| den lebens- und reiselustigen George Maloney aus Connemara kennen, der sogleich von seinen zahlreichen und aufregenden Auslandsaufenthalten erzählt. Bei einem gemeinsamen Abendessen stellt Maloney seinem neuen Bekannten Bátky den Neffen des Earl of Pendragon vor. Der gebildete Osborne Pendragon studiert in Oxford, möchte aber seine Ferien auf Llanvygan verbringen und hat dazu auch seinen Freund Maloney eingeladen. So beschließen Maloney und Bátky, gemeinsam nach Wales zu reisen.

Schon die Begrüßung auf dem Schloss verläuft nicht so erfreulich, wie Bátky sich das erhofft hat, und gleich in der ersten Nacht wird er von merkwürdigen Geräuschen geweckt. Als er seinen Revolver aus dem Nachtschrank holen will, muss Bátky erstaunt feststellen, dass sämtliche Patronen aus der Waffe entfernt worden sind und auch ein Päckchen fehlt, das er für Maloney mit sich geführt hat. Auf dem Gang vor seinem Zimmer trifft er auf eine mittelalterlich gekleidete Gestalt, die sich als Hausdiener vorstellt, doch bei einem Blick aus seinem Zimmerfenster kann Bátky einen schwarzen Reiter mit Fackel und Hellebarde beobachten. Kurz darauf wird ein Mordanschlag auf den Earl verübt, dem er nur mit viel Glück entkommen kann. Es scheint, als könnte der Earl drohendes Unglück spüren, denn dies war bereits der dritte Mordversuch, den er vereiteln konnte. Langsam aber sicher verdichten sich die Verdachtsmomente, bald ist ein angeblich Schuldiger gefunden, doch was steckt wirklich hinter den Mordanschlägen?

„Die Pendragon-Legende“ ist aus der Sicht des János Bátky geschrieben, der seine Lebensgeschichte erzählen möchte. In seinen ersten 32 Lebensjahren ist außer dem ersten Weltkrieg nichts Entscheidendes passiert; so entschließt sich Bátky, gleich beim Soiree der Lady Malmsbury-Croft einzusetzen und damit bei seiner ersten Begegnung mit dem Earl of Pendragon. Obwohl sofort offensichtlich wird, dass dieses Kennenlernen für den Ich-Erzähler von entscheidender Bedeutung gewesen sein muss, lässt Szerb sich in seiner Erzählung viel Zeit. Zunächst entwickelt er seine Charaktere und verleiht Bátky einige selbstkritische Züge, da er immer wieder einstreut, mit welchen Charakterzügen er an sich selbst unzufrieden ist. Die Charakterzeichnungen sind ein Punkt, der sofort positiv auffällt an diesem Buch, denn neben János Bátky lernt der Leser auch die anderen Hauptfiguren recht gut kennen. Eine besonders sympathische Figur ist dabei Maloney, der immer wieder unglaubliche Geschichten aus Connemara von sich gibt, die ihn ein wenig spleenig, aber auch nett erscheinen lassen. Aufgrund der abstrusen Geschichten bezeichnet Bátky Maloney wenig schmeichelhaft als Münchhausen, doch kommt der Leser nicht umhin, diesen Geschichten doch ein wenig Glauben zu schenken. Maloneys extravagante Hobbys tragen dazu bei, dass der Leser sich ein gutes Bild von diesem überdrehten und lebenslustigen Charakter machen kann. Szerb entwickelt Charaktere, wie es sie im wahren Leben möglicherweise eher weniger geben mag, dennoch kann man ihm dies nicht übel nehmen, da einem die Personen einfach ans Herz wachsen durch ihre menschlichen Macken und Eigenarten. Der Autor zeigt an vielen Stellen eine erstaunliche Beobachtungsgabe, da er in etlichen weiteren Situationen Eigenschaften und Merkmale seiner Charaktere anbringt. Als dritte Figur tritt Osborne Pendragon in Erscheinung, der zwar gebildet und intelligent ist, aber seine Schwierigkeiten mit Frauen zu haben scheint; auch er vermag es durch sein leicht schrulliges Verhalten, dem Leser in einigen Situationen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Besonders Lene Kretzsch weiß eine sehr amüsante Episode über Osborne zu berichten, als sie nämlich versucht, den reservierten und wohlerzogenen Osborne zu verführen, was sich als äußerst kompliziert erweist. Natürlich fehlen auch nicht die Frauenfiguren in diesem Roman; so treten die ominöse Eileen St. Claire, die bezaubernde Cynthia Pendragon und die toughe Lene Kretzsch in Erscheinung. Hier prallen drei völlig unterschiedliche Frauentypen aufeinander, die sich Antal Szerb wahrlich meisterhaft ausgedacht hat.

Szerbs Erzählweise ist gemächlich, aber unheimlich sympathisch, in vielen Sätzen verstecken sich sensibler Humor und feine Ironie, die uns nicht vor lauter Lachen vom Sofa fallen lassen, aber immer wieder zum Schmunzeln bringen. Der besondere Reiz liegt hier in den Feinheiten, die am Rande fallen und auf die man genau Acht geben sollte. „Die Pendragon-Legende“ sollte daher mit etwas erhöhter Aufmerksamkeit gelesen werden, da Szerb viel zu sagen hat und dem Leser zahlreiche Informationen mit auf den Weg gibt. So erfährt der Leser während Bátkys ausführlicher Literatursichtung vor seiner Reise nach Wales einiges aus der Familiengeschichte der Pendragons, die eng verwoben ist mit der Geschichte der Rosenkreuzer. Stein um Stein baut Szerb dadurch seine Geschichte auf. Oftmals wird die eigentliche Erzählung ein wenig unterbrochen durch diverse Einschübe, wenn beispielsweise eine neue Person auftaucht, die János Bátky zunächst vorstellen möchte, oder wenn aus der Historie der Pendragons berichtet wird. Obwohl ich derlei Einschübe sonst eher lästig finde, muss ich zugeben, dass sie hier in die Geschichte passen, zumal die eingeschobenen Szenen meist interessant oder auch amüsant sind.

Allmählich wird fast schon unmerklich Spannung aufgebaut durch kleine Hinweise auf mysteriöses Treiben im Hause Pendragon. Bátky kommt im Schloss kaum zum Schlafen, da nächtens die merkwürdigsten Dinge geschehen, darüber hinaus schwebt der Earl of Pendragon in Lebensgefahr, da er bereits drei Mordanschlägen durch schicksalhafte Mithilfe entkommen konnte. In Pendragons Labor entdeckt Bátky unglaubliche Dinge, die mit der Geschichte der Rosenkreuzer zusammenzuhängen scheinen. Doch bleibt lange unklar, worauf das Buch eigentlich hinauslaufen möchte.

Eine Einteilung in ein Genre ist bei der „Pendragon-Legende“ äußerst schwierig, da Szerb auf der einen Seite eine Geistergeschichte schreibt, auf der anderen aber auch ein Familienbild der Pendragons entwirft. Beide Handlungszweige sind eng verwoben und werden gleichberechtigt weitergeführt. Obwohl die Rosenkreuzer auftauchen und eine nicht unwesentliche Rolle spielen, darf man keinen Verschwörungsthriller im Stile eines Dan Brown erwarten, denn Szerb lässt seine „Pendragon-Legende“ in eine völlig andere Richtung gehen. Im Grunde genommen kann man das Buch als eine Gruselgeschichte mit ausführlichen Charakterzeichnungen und sympathisch erzählter Rahmengeschichte bezeichnen.

Die „Pendragon-Legende“ reißt nicht durch übergroße Spannung mit, sondern hat ihren ganz eigenen Charme, das Buch ist eine kleine literarische Perle, die man aufmerksam lesen sollte, um alle Feinheiten aufzunehmen. Antal Szerb lässt herrliche Charaktere entstehen, die allesamt irgendwo sympathisch werden, allen voran der philosophisch interessierte, schüchterne und ängstliche Ich-Erzähler Bátky, der auch den Reizen einer schönen Frau nicht widerstehen kann. Die eigentliche Gruselgeschichte passiert fast schon am Rande, obwohl sie doch eigentlich Anlass gegeben hat zu Bátkys Erzählung. Doch der besondere Reiz dieses Buches liegt in den Geschichten, die drumherum erzählt werden. Der Leser sollte sich allerdings auf Szerbs Erzählweise und die manchmal etwas schwerfällig anmutende Sprache einlassen, dann wird die „Pendragon-Legende“ für einige sehr unterhaltsame und interessante Stunden sorgen.

Hennig von Lange, Alexa – Woher ich komme

Alexa Hennig von Lange ist die wohl schillerndste unter den jungen Autorinnen Deutschlands. So jung ist die 1973 in Hannover geborene, ehemalige „Bim Bam Bino“-Moderatorin aber auch nicht mehr. Inzwischen lebt sie nach langem Aufenthalt in Berlin mit ihrem Mann und den zwei Kindern wieder in Hannover.
Literarisch ist man 1997 auf sie aufmerksam geworden, ihr Debüt „Relax“ hielt sich lange in den Bestsellerlisten und bestach durch die authentische und schonungslose Jugendsprache der Autorin. Wie es so häufig ist, wurden die folgenden Romane „Ich bin’s“ und der Tagebuchroman „Mai 3D“ zu echten Enttäuschungen und ließen am Talent des Rotschopfes zweifeln. Zurück zu alter Stärke hatte sie zum Glück mit dem Jugendbuch „Ich habe einfach Glück“ im Jahre 2001 gefunden, für das sie schließlich mit dem Jugendliteratur-Preis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschienen „Erste Liebe“ und „Mira reicht’s“ 2004. Die Erstausgabe zu „Woher ich komme“ wurde 2003 veröffentlicht.

Die Handlung des 100 Seiten kurzen Romans ist gar keine. Die 30-jährige, namenlose Protagonistin fährt mit ihrem Vater ans Meer, wie es die Familie jeden Sommer getan hat. In der Gegenwart hält man sich aber nicht lange auf, auf den gesamten Text bezogen nur wenige Seiten. Es ist ein stiller und träger Ausflug, den Vater und Tochter hier unternehmen. Das Meer, der Ort, zu dem es die Beiden gezogen hat, ist der Ort der Erinnerungen, die wie Schatten immer wieder, meist nur kurz, an der Oberfläche erscheinen.
Jede Erinnerung ist nur wenige Sätze lang, bricht so unvermittelt, wie sie aufgetaucht ist, ab und wird von einer anderen abgelöst. Die Protagonistin geht in Gedankensprüngen ihre Kindheit durch. Diese ist auf den ersten Blick eine glückliche. Man erfährt, dass sie einen kleinen Bruder hatte, der im Sommer, immer wenn die Familie zum Urlaub ans Meer gefahren ist, Geburtstag hatte. Liebevoll, fast poetisch werden Situationen dieser Sommertage geschildert, aber es klingt auch viel Wehmut darin an. Eines Sommers wird die Familie während des geliebten Sommerurlaubs für immer auseinander gerissen. Bei einem Spaziergang im Watt wird man von der Flut überrascht. Die Protagonistin kann sich an den Strand retten und muss zusehen, wie nur ihr Vater aus dem Wasser zurückkehrt.
Es tun sich inmitten dieser tragischen Gegebenheit und Schilderungen einer oberflächlich normalen und glücklichen Kindheit aber auch noch weitere düstere Abgründe auf. So zum Beispiel die Affäre der Mutter mit dem Nachbarn.

„Woher ich komme“ ist ein ruhiges und schlichtes, so zerbrechlich wie die Erinnerungen der Protagonistin wirkendes Buch. Es ist ebenfalls eine authentische Erzählung. Die Erinnerungen wurden ausgezeichnet von der Autorin gestaltet und angeordnet. Die von der Protagonisten erinnerten Dinge liegen schon mehr als ein Jahrzehnt zurück. Durch diesen Umstand wirken sie auf den Leser oft unklar und schemenhaft, an einigen Stellen aber bemerkenswert detailliert. Es sind meist die schönen Erinnerungen, wie die tiefe Verbundenheit mit dem Bruder oder Gesten der Mutter, die sich in das Gedächtnis eingebrannt haben, die präzise und emotional berührend wiedergegeben werden.
Angesichts der letztendlich mehr als tragischen Kindheit verbergen sich viele Dinge im Kopf der Protagonistin, die sie scheinbar noch nicht für sich abschließen konnte. Durch die räumliche Nähe zu diesen Erinnerungen (das Meer) brechen sie unweigerlich und geballt hervor. So wird es für den Leser schwierig, diese in einen Kontext einzuordnen, denn sobald sich Klarheit anbahnt, wird eine Erinnerung von der anderen abgelöst. Zeitliche und räumliche Sprünge folgen dabei aufeinander, bis sich das Angedeutete gegen Ende des Romans mehr und mehr entblättert, aber immer noch viel Raum für die Fantasie des Lesers lässt.
„Woher ich komme“ ist kein Buch, das sich mit der dramaturgischen Entwicklung einer Handlung oder der von Charakteren aufhält. Die Handlung ist die Vergangenheit, und die muss sich der Leser schon selbst erarbeiten. Wer sich darauf einlässt, kann einige gute Stunden mit einem höchst interessanten und für die Autorin außerordentlich erwachsenem Buch verbringen.

|Leseprobe| aus der Taschenbuchausgabe Februar 2005, Seiten 9/10.

»Meine Mutter und ich sahen, wie sich der Priel mit Wasser füllte, und der Sand war nicht mehr da, und mein Vater war weit draußen, hörte unsere Rufe nicht, und der Himmel war blau. „Lauf so schnell du kannst!“ Meine Mutter schubst mich in die Richtung, in der sie den Strand vermutet, und das ist die richtige Richtung, und ich renne so gut es geht, im feuchten Sand, und Mama versinkt in die andere Richtung, in Richtung meines Vaters, meines Bruders. Der war klein und wusste von nichts. Ging an Papas Hand und hatte uns zugewinkt. Die Sonne stand über uns, flirrend, keine Wolken, einfach nur Himmel und sehr viel Raum. Zwischen Mama und mir, zwischen mir und meiner Familie wurde der Abstand immer größer.
Mein Vater kam allein zurück.«

Eugenides, Jeffrey – Middlesex

Gekauft – aber noch nicht gelesen? Angelesen, aber irgendwie nicht weitergekommen? Mit belletristischen Bestsellern machen wohl viele Käufer solche Erfahrungen. Angelockt von hymnischen, begeisterten oder einfach nur positiven Besprechungen wird gekauft, aber dann …

Mit „Middlesex“, dem 2003 erschienenen zweiten Roman des Amerikaners Jeffrey Eugenides, mag es sich ähnlich verhalten. Aber: Er hat diese mögliche Missachtung nicht verdient. Im Gegenteil.
Abschreckend mag am Anfang wirken, dass das Buch recht umfangreich ist. Es bietet 529 Seiten im Original, 816 in der deutschen Übersetzung von Eike Schönfeld, als Taschenbuch mit 736 Seiten im November 2004 bei |Rowohlt| erschienen. Aber das sollte doch die eifrigen Leser langer Schmöker, von denen es unter unseren Lesern durchaus einige geben soll, nicht abhalten. Zurückhaltung mag auch durch das vordergründig nicht so wahnsinnig spannende Thema gefördert werden: Der Roman erzählt die Familiengeschichte eines griechischstämmigen Hermaphroditen, dessen Kindheit und Adoleszenz, sehr knapp durchschossen von einigen Sequenzen im Berlin von heute (die sind aber nur schmückendes Beiwerk).

_Wer schreibt da?_

Jeffrey Eugenides ist hierzulande seit Erscheinen des Buches auf Deutsch im Sommer 2003 ein immer wieder gerne präsentierter Vorzeige-Amerikaner. 1960 in Detroit geboren, seit einigen Jahren in Berlin lebend und arbeitend. Griechische Herkunft, Intellektuellen-Kinnbärtchen, Halbglatze.
Warum das wichtig ist? Nun ja, die Hauptfigur des Romans („Calliope“ oder einfach „Cal“) teilt mit ihm das Geburtsjahr, den spitzen Künstlerbart, annähernd die Herkunft – aber nicht die Halbglatze.

Eugenides wurde vor rund zehn Jahren mit seinem Romandebüt „The Virgin Suicides“ (auch verfilmt, mit ordentlichem Soundtrack der geschmäcklerischen Franzosen |Air|) schon recht bekannt. Da hatte er ein Thema, das sich auch in Middlesex wiederholt: Den Beginn der bewussten Wahrnehmung eigener Sexualität, das Leben in geordneten amerikanischen Vorstadt-Verhältnissen, und die Turbulenzen darunter. Vereinfacht könnte man sagen: Der Kerl schreibt ja Jugendromane! Aber so ganz stimmt das natürlich nicht. Und mit „Middlesex“ übertrifft er meiner Meinung nach das vor zehn Jahren hoch gelobte (und von mir damals auch erfreut aufgenommene) Debüt doch erheblich. Reifer ist er geworden, tiefer, schärfer, brillanter.

_Worum es geht_

Nein, die Story in allen Verästelungen darf ruhig ein anderer nacherzählen, am besten lässt sie sich ohnehin im Buch selbst nachlesen. Da dies keine klassische Spannungs- oder Abenteuerliteratur ist, sind die Wendungen des Plots ohnehin nicht das Wichtigste.
Kurz gefasst spannt sich die Erzählung über einen Rahmen von etwa 80 Jahren, beginnend mit der Vertreibungsgeschichte der kleinasiatischen Großeltern des Helden / der Heldin. Zwei Geschwister wachsen auf in einem Dorf, leben von der Seidenraupenzucht, bis der Krieg (Atatürk) sie aus der Heimat vertreibt. Auf dem Schiff nach Amerika heiraten die Geschwister, kommen an in Amerika, genauer in Detroit. Dort beginnen sie ihr neues Leben, arbeiten für Ford, als Schmuggler, in der eigenen illegalen Kellerbar (Prohibition), für eine falsche schwarze Erweckungsgemeinschaft, im eigenen Imbiss.
Die zweite Generation (Cals Eltern) ist schon richtig amerikanisch, verlässt nach Rassenunruhen das Zentrum Detroits (wie so ziemlich alle anderen auch), kommt zu jährlich neuen Cadillacs und zu zwei Kindern. Eins davon ist das Wunschmädel Calliope, deren Kindheit und ganz besonders frühe Teenjahre ausführlich geschildert werden. Sie verliebt sich in eine junge rothaarige Kettenraucherin, einem liebevollen Sommer (samt Entjungferung Cals) folgt das jähe Erwachen: Cal ist genetisch ein Mann – und die zugehörigen Geschlechtsorgane sind auch da, nur ein wenig versteckt. Jetzt sind schon über achtzig Prozent des Plots herum, die männlichen Jahre Cals bis heute werden nur noch in kurzen Impressionen geschildert.

_Und worum geht es wirklich?_

Die eigentlichen Themen von Eugenides’ Roman sind durchaus vielschichtig. Nach meinem Verständnis geht es unter anderem um

– sexuelles Erwachen
– Immigration
– Identitätswechsel
– sich entvölkernde Städte
– Selbstfindung in Suburbia
– Nature vs. Nurture
– letzte Chancen

Und am Rande lernen interessierte Leser natürlich auch noch einiges über Hermaphroditen, die Geschichte Kleinasiens und Detroits, griechisches Essen, Kultur, und und und.

_Zur Bewertung_

In der Rückschau darf „Middlesex“ als eine der besten Neuerscheinungen des Jahres 2003 gelten – wenn nicht |die| beste.
Vieles, wenn nicht das meiste an der Story dieses breit angelegten Romans ist durchaus nicht im alltäglichen Erfahrungsfeld der allermeisten Leser zu finden – und doch fühlt zumindest dieser Rezensent sich konstant angesprochen. Die Charaktere sind fast durchgängig mehr als glaubhaft, interessant bis fesselnd. Die Sprache ist souverän, so soll Erzählen heute klingen. Die Geschichte, die Jeffrey Eugenides ausbreitet, ist bei aller Entfernung eine Geschichte, die mich schon nach wenigen Seiten wirklich interessiert und stellenweise fasziniert.
Und hatte ich mich anfangs noch hauptsächlich wegen des in guter Erinnerung gebliebenen Autors und des etwas exotischen Sujets für „Middlesex“ interessiert, so wich diese oberflächliche Neugier doch bald dem unbedingten Weiterlesen-Wollen.

„Middlesex“ unterhält, es macht nachdenklich, es öffnet neue Blickwinkel. Der |Pulitzer|-Preis dafür ist mehr als gerechtfertigt, und ich bin froh, dass der Detroit-Berliner Vorzeige-Autor noch jung genug ist, weitere Bücher zu schreiben. Wenn er in dieser Form weitermacht, dann kommt da alle paar Jahre mal wieder ein wirkliches literarisches Ereignis. Von denen gibt es nicht genug, also sage ich schon im Voraus einmal: Danke.

Und damit zur abschließenden Empfehlung (in vier Worten):

Nicht bloß kaufen – |LESEN!|

Bausch, Richard – Kannibalen, Die

Der Titel des Buches lässt sehr viel Raum zur Interpretation. „Die Kannibalen“, da vermutet man schnell eine Horror-Geschichte über kompromisslose Menschenfresser oder aber eine Dokumentation über so manches menschenunwürdige Leben in der afrikanischen Zivilisation oder die Brutalität, mit der sich die Menschen gegenseitig zerfressen und zerstören. All dies trägt ein wenig Wahrheit in sich, denn der preisgekrönte Autor Richard Bausch spielt mit dem Titel und nimmt ihn symbolisch dafür, wie die Menschen sich kannibalenähnlich mehr und mehr selbst auffressen, ohne dabei die echten Werte im Leben zu erkennen. Sicherlich eine gewagte Annahme, die Bausch aber mit seiner Geschichte immer wieder zu bestätigen weiß.

Die Story handelt von der jungen Lily, der Tochter zweier angesehener Schauspieler, die in ihrer Umgebung nie so richtig akzeptiert wird, weil sie eben anders ist als ein durchschnittlicher Teenager. Sie widersetzt sich der gängigen Mode und lebt nach ihrer eigenen Weltvorstellung, die vor allem durch das Lesen von Büchern geprägt wird. Eines Tages bekommt sie ein Buch über berühmte Forscher geschenkt, durch das sie auf eine Frau namens Mary Kingsley aufmerksam wird, die seinerzeit allein zu einem Kannibalenstamm nach Westafrika aufgebrach, nachdem sie sich jahrelang aufopferungsvoll um ihre Familie gekümmert hatte. Lily erkennt mehr und mehr Parallelen zu ihrem eigenen Leben und ist zunehmend von der Erscheinung der Forscherin angetan.

Mit der Zeit grenzt Lily sich immer weiter von ihrer Umgebung ab und startet, geprägt durch die Trennung ihrer Eltern, ein Leben in Einsamkeit. Sie hat die Hoffnung an die wahre Liebe aufgegeben und auch ihre überstürzte Hochzeit mit ihrem neuen Freund Tyler erfüllt sie nicht vollends. Als sie dann auch noch erfährt, dass sie mit Tyler keine Kinder haben kann, weil dieser zeugungsunfähig ist, bricht für sie eine Welt zusammen. Die einzige Chance, den Kinderwunsch erfüllt zu bekommen, besteht darin, einen anderen Mann mit einzubeziehen, was für Lily undenkbar ist.

Über all die Jahre hat sie sich die Begeisterung für das Leben von Mary Kingsley erhalten, und als sie im weiteren Verlauf der Handlung immer wieder in bedrücktende, ausweglose Situationen gerät, beginnt sie der längst verstorbenen Forscherin Briefe zu schreiben, in der Hoffnung, sich bei ihr verstanden zu fühlen, jedoch wohl wissend, dass sie nie eine Antwort erhalten wird.

Richard Bausch beschreibt sehr eindrucksvoll die Beziehung zweier Frauen, die sich nie kennen gelernt haben, deren Schicksal und deren Leidenschaft für ihren aufopferungsvollen Kampf um Liebe und Geborgenheit sie aber dennoch verbindet. Die philosophische Betrachtungsweise des Autors gibt dabei reichlich Denkanstöße über das eigene Leben, und nicht selten steht die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Daseins im Vordergrund. Leider braucht Bausch eine ganze Weile, um die Verbindungen deutlich zu machen, grob gesagt sogar an die 400 Seiten, was es natürlich erst einmal recht anstrengend macht, der Geschichte von Lily zu folgen. Doch mit der Verknüpfung der Parallelen zwischen dem Leben dieser beider Frauen steigt auch der Anspruch, und gleichzeitig entwickelt sich dieser Roman zu einem fesselnden, unvergleichlichen Dokument menschlicher Schicksale. Einhundert Jahre liegen zwischen den Leben beider Frauen, und dennoch haben sie so viel gemeinsam; das ist einerseits erschreckend, andererseits aber auch phänomenal bewegend.

Dennoch, es dauert eben eine Weile, bis man Bauschs Geschichte folgen kann, und das ist leider auch das große Manko dieses Buches. Manche haben nämlich unter Umständen auf der fast 900 Seiten langen Reise aufgegeben; diejenigen jedoch, die bis zum Ende durchhalten, werden schon bald wissen, wovon ich rede, wenn ich sage, dass „Die Kannibalen“ auch über die Zeit des Lesens hinaus beschäftigt und Fragen aufwirft, die man erst nach längerer Denkphase beantworten kann.

Den Lesern kann ich also nur empfehlen, sich tatsächlich die Zeit zu nehmen und die beiden Charaktere Lily und Mary näher kennen zulernen. Ich behaupte nämlich ruhigen Gewissens, dass es sich im Endeffekt definitiv lohnen wird, tiefer in dieser Geschichte zu versinken.

Fischer, Marc – Jäger

Ein Mann steht auf den Bahamas einige Meter vom Ufer entfernt im Wasser und schneidet sich mit einem Messer zwei Wunden in die Oberschenkel. Er lässt das Messer fallen, breitet die Arme aus und wartet. Er wartet auf die Haie, die in der Bucht zu der Zeit unterwegs sind. Er wartet darauf, dass sie die Witterung aufnehmen und zu ihm kommen. Er wartet auf den Tod.

Mit dieser düsteren Szene beginnt „Jäger“, nach „Eine Art Idol“ der zweite Roman des deutschen Autors Marc Fischer. Eine Szene, die ihre Schatten vorauswirft bzw. vielmehr zurück, denn auf den folgenden 249 Seiten erfährt der Leser weniger, wie es weitergeht, sondern eher, wie es dazu kommen konnte, dass der Protagonist mit dem Messer in der Hand und dem Tod vor Augen ins Meer steigt.

Und das ist eine lange Geschichte. Sie handelt von Gursky. Gursky ist der Mann mit dem Messer, aber bevor er auf den Bahamas seinem Leben ein Ende setzen wollte, war er Moderator bei einem Musiksender. Starmoderator zudem. Gursky war einer der Moderatoren, die umso erfolgreicher wurden, je mehr sie ihre prominenten und semiprominenten Gäste beschimpften. Polemik als Erfolgsrezept. Respektlosigkeit als Quotengarant. Gursky wurde dadurch zum Star.
Als er diesen Job kündigt, scheint sein Leben wieder in geordnetere Bahnen einzuschwenken. Gursky scheint ernsthafter zu werden, endlich bereit dazu, Verantwortung zu übernehmen und erwachsen zu werden. Er will seine Freundin Nathalie heiraten. Das erste Kind ist bereits unterwegs. Im Angesicht der zukünftigen Vaterrolle will Gursky seine wilden Jahre würdig beschließen und macht sich ganz allein nach Kuba auf. Seine Mission: Er will einen Hai fangen – aus ganz persönlichen Gründen.

Auf Kuba angekommen, trifft Gursky rein zufällig seinen alten Widersacher von Schweitzer. Was in der Heimat nie geklappt hat – trotz stetiger Bemühungen der Freunde – klappt nun in der Ferne. Der Schriftsteller und der Moderator kommen ins Gespräch und schließen sogar Freundschaft. Schon bald ist von Schweitzer fasziniert und mitgerissen von Gurskys Jagdziel.
Doch die Jagd, die als harmloses (obgleich illegales) Touristenabenteuer beginnt, droht schon bald zu eskalieren. Von Schweitzer und Gursky entwickeln eine Art Besessenheit und legen einen Schwur ab, dem zufolge sie erst dann die Heimreise antreten wollen, wenn sie „ihren“ Hai gefangen haben …

Im ersten Moment weckt Fischers Roman Erinnerungen an Alex Garlands „The Beach“. Auch „The Beach“ setzt eine zunehmend düstere, eskalierende Handlung in den harten Kontrast einer paradiesischen Umgebung. Der Himmel, der sich als Hölle entpuppt, weil Menschen eine Grenze überschreiten, die sie besser nicht überschritten hätten. Fernab der vertrauten Welt tun sich die Abgründe der menschlichen Seele auf, die Nebenwirkungen der modernen Gesellschaft, die im gleißenden Sonnenschein der paradiesischen Szenerie umso düsterer und beklemmender wirken.

Bei Alex Garland ist diese Mischung wunderbar aufgegangen und da „Jäger“, egal ob absichtlich oder nicht, gewisse Assoziationen hervorruft, kommt man nicht umhin, die Parallelen zu bemerken. Doch „Jäger“ ist kein zweites „The Beach“ und Marc Fischer nicht die deutsche Ausgabe von Alex Garland. Auch wenn gewisse Gemeinsamkeiten durchaus augenfällig sind, unterscheiden sich beide fundamental – weniger in der Qualität, denn auch Fischer hat seine Vorzüge, dafür mehr in Handlung und Intention.

Fischer schickt Gursky auf einen Selbstfindungstrip in Richtung Erwachsenwerden. Der Hai bzw. die Jagd nach selbigem soll Gurskys wilde Jahre zu einem würdigen Abschluss bringen, wobei es ihm weniger um sein zurückliegendes als um sein zukünftiges Leben geht. Gursky will seinem Kind später eine Geschichte erzählen können. Nicht irgendeine, sondern die Geschichte, wie er einen Hai fing. Darin mag man sehen was man will: Männlichkeitswahn, übersteigertes Geltungsbedürfnis oder Angst vor kleinbürgerlichem Spießertum, vielleicht will Gursky einfach nur einmal in seinem Leben wirklich etwas riskieren und Mut beweisen, um nicht als das gleiche Weichei zu enden, als das er seinen Vater früher gesehen hat.

Doch ebenso geht es ihm darum, seine von Kindesbeinen an gepflegte Haifaszination einmal auszuleben. Haie haben für Gursky eine besondere Bedeutung. Sie faszinieren und erschrecken ihn zugleich, durch ihre Schnelligkeit, ihre Eleganz und ihren Instinkt. Vielleicht ist es gar nicht so sehr der Hai, sondern mehr das Ideal, hinter dem Gursky her jagt. Besonders von Schweitzer, der erst nach dem ersten gemeinsamen, erfolglosen Jagdtag auf dem Meer so richtig von dieser Faszination gepackt wird, scheint es gerade auch darum zu gehen.

Von Schweitzer befindet sich quasi zu Therapiezwecken auf Kuba. Betrogen von der Freundin, hat er einfach das Weite gesucht, ist dabei auf Kuba gelandet und weiß dort nicht so recht etwas mit sich anzufangen, außer Drogen und Alkohol in den Bars von Havanna zu konsumieren. Nach den ersten gemeinsamen Tagen auf Kuba scheint zwischen beiden ein Austausch stattzufinden. Von Schweitzer übernimmt von Gursky den Jagdeifer, den er obendrein noch steigert, Gursky erkennt die „Vorzüge“ bestimmter bewusstseinserweiternder Substanzen. Achtet Gursky beim ersten Ausflug noch besorgt darauf, dass von Schweitzer nüchtern das Boot betritt, erkennt er nach einiger Zeit die scheinbaren Vorteile von durch Koks geschärften Sinnen bei der Jagd. Damit überschreiten beide in gewisser Weise eine Grenze, die sie durch ihren Schwur besiegeln.

Die Atmosphäre der ganzen Geschichte, die düstere Vorahnung, dass etwas Schlimmes passieren wird, macht letztendlich den besonderen Reiz und die Spannung des Buches aus. Zeigt „The Beach“ die Abgründe der menschlichen Seele, die sich in einer Kommune fernab der Zivilisation in einem scheinbaren Paradies offenbaren, so befasst sich auch Fischer letztendlich mit dem Thema Seele, wenngleich anders als Garland.

Dabei wirken die Figuren auf den ersten Blick gar nicht so, als ob sie auf tief greifendere Betrachtungen ausgelegt wären. Sowohl Gursky als auch von Schweitzer entstammen einer gewissen elitären, sozialen Oberschicht. Von Schweitzer wurde dort schon hineingeboren, während Gursky erst durch seine Karriere als respektloser Moderator in diesen Kreis vordringt. Menschen am Puls der Medienlandschaft, die in ihrer Art und ihrem Verhalten viele gängige Klischees zu bestätigen scheinen, die wir aus der Boulevardpresse zur Genüge kennen: Groupies, Drogen, Partys – im ersten Moment ist man versucht, Fischer vorzuwerfen, er würde seine Protagonisten mit allzu vielen breitgetretenen Klischees ausstaffieren.

Doch was bei anderen Romanen leicht zum Kritikpunkt werden kann, wird von Fischer überzeugend ausgearbeitet. Er beschränkt sich nicht auf die Klischees, er zeigt die Menschen, die dahinter stecken. Auch wenn seine Figuren zunächst etwas eindimensional wirken, wie Abziehbilder der modernen Gesellschaft, schafft er es im Laufe der Zeit, den Menschen dahinter zu entblättern. Klischees ja, aber bitte mit Tiefgang. So liefert Fischers Ausgestaltung der Figuren auch schon mal Gedanken, die die moderne Welt in Frage stellen.

Fischers Stil entpuppt sich als sehr locker und flüssig lesbar. Er schreibt sehr direkt und ohne Umschweife, beschreibt nicht lang und breit, sondern versteht es, mit wenigen Worten und trotz seines etwas kühlen, nüchternen Stils eine dichte Atmosphäre aufzubauen – genau passend für seine Protagonisten und ihr Hai-Abenteuer. Gurskys und von Schweitzers Jagd strebt unaufhaltsam ihrem unweigerlich unheilvollen Höhepunkt entgegen. Fischer gelingt ein dichter, stetig aufstrebender Spannungsbogen, der erst am Ende wieder gelockert wird.

Das ganze Bild seiner Figuren offenbart sich erst zum Ende hin und bleibt auch dann noch ansatzweise in der Schwebe. Letztlich lässt Fischer den Leser mit seinen Gedanken allein. So klingt der Roman zwar nach, lässt aber auch ein klein wenig das unbefriedigende Gefühl unbeantworteter Fragen zurück. Nichtsdestotrotz ein lesenswertes Buch, und Fischers zukünftige Publikationen im Auge zu behalten, könnte sich durchaus lohnen. „Jäger“ macht zumindest Hoffnung darauf, dass man von Marc Fischer noch einige interessante Werke erwarten darf.

Elrod, P. N. – endlose Tod, Der (Jonathan Barrett 2)

Autorin P. N. Elrod hat sich auf Vampire spezialisiert. In ihrer umfangreichen Serie um [Jack Fleming 432 begleitet sie den vampirischen Detektiv bei der Aufklärung seiner Fälle. In den Romanen um den amerikanischen Vampir Jonathan Barrett dagegen zeichnet sie ein faszinierendes Sittenbild frühester US-amerikanischer Geschichte, in das sie die Abenteuer ihres Protagonisten einbettet.

[„Der rote Tod“, 821 der erste Roman der mehrteiligen Serie, war ein furioser Auftakt. Jonathan Barrett, den naiven jungen Helden, verschlägt es zum Studium nach England und geradewegs in die Arme der unwiderstehlichen Nora Jones. Deren Affäre findet zwar ein Ende, als Jonathan nach seinen Studien nach Long Island zurückkehren muss, doch hinterlässt Nora bei ihm einen bleibenden Eindruck: Als er nämlich bei einem Scharmützel (die Handlung spielt während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs) tödlich verwundet wird, erhebt er sich eine Nacht später wieder aus seinem Grab, um zu seiner Familie zurückzukehren. Sein Vater und seine Schwester sind außer sich vor Freude und akzeptieren ohne Murren Jonathans neue Lebensgewohnheiten. So hat er keinen Herzschlag mehr, verschläft den Tag in seinem Zimmer bei zugezogenen Gardinen und erleichtert in der Nacht die familieneigenen Pferde um ihr Blut.

„Der endlose Tod“ knüpft nahtlos an die Ereignisse aus „Der rote Tod“ an und verfolgt zunächst weiter, wie sich Jonathan mit seinem neuen vampirischen Zustand arrangiert. Zusammen mit Vater und Schwester stellt er einige Versuche an, um herauszufinden, welche Kräfte er besitzt (so kann er beispielsweise andere per Hypnose beeinflussen oder sich in Luft auflösen). Doch außer der Tatsache, dass Jonathan am Tagesgeschehen offensichtlich keinen Anteil mehr nimmt und erst nach Sonnenuntergang aus seinem Zimmer kommt, stört nichts das gepflegte Zusammenleben im Haushalt Barrett. Zwar tobt draußen immer noch der Unabhängigskeitskrieg, allerdings scheint dieser eher unangenehm störend als wirklich gefährlich zu sein. Denn auf wundersame Weise schafft es immer nur Jonathan, vor die Flinte (Stichwaffe, stumpfen Gegenstand – man füge eine Waffe seiner Wahl ein) eines Soldaten oder Söldners zu laufen. So wird er niedergeschossen, niedergestochen, niedergeschlagen und entführt.

Außer auf Jonathans anhaltendes Unwohlsein aufgrund von lebensbedrohlichen Verletzungen, konzentriert sich die Handlung auf seine Schwester Elisabeth. Zwei neue Gäste haben sich nämlich im Hause niedergelassen und zwischen Elisabeth und Lord James Norwood entwickeln sich ziemlich schnell zarte Bande, die in einer Hochzeit enden. So besteht „Der endlose Tod“ über weite Strecken aus Teegesellschaften, zivilisierten Unterhaltungen und dem Nähen von Hochzeitskleidern. Doch wäre es glücklicherweise zu einfach, die eheliche Idylle unberührt zu lassen, und so muss Jonathan auf den letzten Seiten des Romans die Ehre seiner Schwester retten.

„Der endlose Tod“ kann mit seinem Vorgänger nicht mithalten. Die meisten Figuren sind bekannt (tatsächlich werden nur Norwood und seine Schwester neu eingeführt) und das Gleiche gilt für das Setting in Long Island. Jonathan bewegt sich ständig von seinem Haus zu einer Kneipe oder durch finstre Wälder zum Haus der Geliebten seines Vaters. Viel Neues wird der Leser also nicht erfahren. Auch zu Jonathans vampirischem Zustand wird kaum etwas hinzugefügt. Mittlerweile hat Jonathan zwar seine Kräfte und Möglichkeiten ausgiebig getestet, doch nutzt er sie kaum.

Und genau hier liegt der erzählerische Knackpunkt des Romans. Elrod benutzt in ihrem Roman nicht einmal das Wort „Vampir“. Jonathan weiß also nicht, was er ist (was durchaus seine Spannungsmomente hat). Doch auch er sollte festgestellt haben, dass er nicht so leicht zu töten ist. Dass er bereits tot und begraben war, weder einen Herzschlag noch eine nennenswerte Atmung hat, sollte Jonathan eigentlich ausreichend Indizien liefern. Elrod wirft ihren Protagonisten ständig in Situationen, die für einen normalen Menschen gefährlich, wenn nicht gar tödlich wären. Für einen Vampir jedoch sind sie bloße Unterhaltung. Und so mag beim Leser nicht wirkliche Empathie aufkommen, wenn Jonathan mal wieder angeschossen wurde. Weiß er doch (im Gegensatz zu Jonathan selbst), dass eine Schusswunde ihm nichts anhaben kann. Und so freuen sich Jonathan und sein Vater jedes Mal über die wundersame Genesung, der Leser aber rollt nur die Augen.

„Der endlose Tod“ bietet also gegenüber seinem Vorgänger kaum etwas Neues. Die Handlung wird weitergeführt, doch plätschert sie diesmal etwas zu bedächtig dahin, um so zu fesseln wie der erste Band. Stattdessen liefert Elrod Charakterstudien ihrer handelnden Figuren und lädt den Leser ein, an der Familiengeschichte der Barretts teilzuhaben. Leider scheint die Tatsache, dass es sich beim Sohn der Familie um einen Vampir handelt, hier nur eine Nebenrolle zu spielen.

Wenn Vampirfans also gegenüber „Der rote Tod“ nichts Neues erfahren werden, so ist „Der endlose Tod“ doch ein überzeugender historischer Roman. Gerade durch ihre durchdachten und überzeugenden Charaktere schafft es P. N. Elrod, dem Amerika des ausgehenden 18. Jahrhunderts Leben einzuhauchen. Ihr Unabhängigkeitskrieg ist eine ziemlich unehrenhafte Sache, die von Schurken und Söldnern ausgetragen wird, wobei die Bewohner der Gegend in jedem Fall die Verlierer sind, weil sie ständig zwischen die Fronten geraten. Jede Seite versucht, die Einwohner mit unlauteren Mitteln um Nahrung und Vieh zu erleichtern – eine Tatsache, die Jonathan im ersten Band das Leben kostete.

„Der endlose Tod“ schafft es also leider nicht, den Grad der Spannung zu erzeugen, der noch dem „roten Tod“ eigen war. Doch ist das Buch trotzdem unterhaltsam, wenn man es als Historienroman liest. Dann überzeugen vor allem die sympathischen und glaubhaften Charaktere und deren Interaktion miteinander. Dass P. N. Elrod in diesem Band so vorsichtig mit ihrem vampirischen Protagonisten umgeht, heißt zum Glück aber bei weitem nicht, dass sie dessen Potenzial schon erschöpft hätte. Jonathan ist immer noch auf der Suche nach Nora Jones, von der er hofft, dass sie ihn offiziell in seinen vampirischen Zustand einweihen kann. Er weiß mittlerweile, dass sie sich vermutlich in Italien aufhält, doch ist die internationale Post im 18. Jahrhundert noch nicht wirklich flott, und so erhält er in „Der endlose Tod“ noch kein erhellendes Lebenszeichen von ihr. Doch vielleicht im dritten Teil?

Patterson, James – Tagebuch für Nikolas

Gleich zu Beginn von „Tagebuch für Nikolas“ lernt man Katie Wilkinson kennen, die einsam in ihrer Badewanne sitzt, umgeben von ihrer Katze Guinevere und ihrem Labrador Merlin, die sie aber nicht über ihre Trennung hinwegtrösten können. Sie muss an das Tagebuch denken, das ihr einstiger Freund Matt ihr überlassen hat, ein Tagebuch seiner Frau Suzanne an ihr gemeinsames Kind Nikolas. Doch wie kann das sein? Wie konnte Katie nur so glücklich sein mit Matt und auf eine gemeinsame Hochzeit hoffen, wenn er doch eine Frau und ein Kind hat, obwohl er ihr immer versichert hat, dass er nicht verheiratet ist?

Das Tagebuch wird es erklären.

Suzanne widmet ihrem Sohn Nikolas ein Tagebuch, in welchem sie ihm von ihrer Vergangenheit und ihrer Liebe zu Matt erzählt. Suzanne war einst eine erfolgreiche Ärztin am |Massachusetts General Hospital|, als sie bereits im Alter von 35 Jahren einen Herzanfall erleidet und am Herzen operiert werden muss. Nur vier Wochen nach dem Herzanfall verlässt ihr Lebensgefährte Michael sie, und Suzanne beschließt ihr Leben umzukrempeln, ihren stressigen Job aufzugeben und zieht nach Martha’s Vineyard, wo sie während ihrer Kindheit sämtliche Sommerferien mit ihren Großeltern verbracht hatte.

Dort übernimmt Suzanne eine kleine Arztpraxis und genießt das Leben in Strandnähe, sie trifft einen ehemaligen Freund wieder und freundet sich immer mehr mit dem Mann an, der ihr Haus renovieren soll. Spaßeshalber wird er immer nur Picasso genannt, doch eigentlich heißt er Matt und wird einmal der Vater ihres Sohnes Nicholas sein. Suzanne und Matt verlieben sich ineinander, sind glücklich und heiraten schließlich. Irgendwann kommt dann auch Nikolas auf die Welt und macht ihr Glück perfekt.

Wirklich perfekt? Oder was wird passieren, das Matt dazu bringt, eine Beziehung zu Katie zu beginnen? Welche Erklärungen beinhaltet das Tagebuch?

Zugegebenermaßen habe ich eine kleine Schwäche für schnulzige Liebesromane und auch Liebesfilme, was dazu geführt hat, dass ich Nicholas Sparks’ sämtliche Bücher mit Tränen in den Augen verschlungen habe und immer sehnsüchtig auf neue Werke warte, damit ich mich wieder in wunderschöne Fantasiewelten begeben kann. Doch kann James Patterson Sparks das Wasser reichen, wo er doch sonst in ganz anderen Genres schreibt?

Schon der Inhalt des Buches klingt stark nach einer triefenden Schnulze, die bereits nach zwanzig Seiten auf das unweigerliche Happyend hinarbeitet. Zwischendurch werden gekonnt einige tragische Schicksale wie die Trennung von Matt und Katie oder auch Suzannes Herzanfall eingestreut, um dem Buch etwas mehr an Realitätssinn zu verleihen, doch konnte mich dies alles nicht überzeugen. Hätte mich jemand nach den ersten paar Kapiteln gefragt, wie ich mir das Ende des Buches ausmale, so hätte ich ihm genau das Ende vorhergesagt, wie Patterson es in seinem Buch niederschreibt, es gibt für meine Begriffe in dieser Erzählung leider keine Überraschungen, sodass Sparks-Kenner spitzfindig nach wenigen Seiten das Buch durchschaut haben dürften.

Die Geschichte um Katie wird aus der Sicht eines außen stehenden Erzählers geschrieben, das Tagebuch liest sich logischerweise in Ich-Form aus Sicht von Suzanne. Anfangs fand ich den Sprung vom Erzähler zur Ich-Form etwas verwirrend, aber die Sprünge werden durch ein neues Kapitel und die Freiseiten entsprechend deutlich gekennzeichnet. Verwirrender dagegen fand ich das Auftauchen eines zweiten Matt. Bereits im ersten Kapitel um Katie erfährt der Leser, dass sie von ihrem geliebten Matt verlassen worden ist, der ihr aber Suzannes Tagebuch überlassen hat. Im Tagebuch taucht dann auch recht schnell ein Matt auf, doch plötzlich eröffnet Suzanne dem Leser, dass sie sich in den Maler „Picasso“ verliebt hat und er der Vater von Nikolas ist. Erst später wurde dann klar, dass auch Picasso Matt heißt. Der andere Matt spielt aber später gar keine Rolle mehr, warum also tauchte er überhaupt auf und warum musste er auch noch den gleichen Namen erhalten? Das stiftet unnötig Verwirrung, zumal man beim Lesen eines Liebesromans ja nicht immer ein großes Maß an Aufmerksamkeit mitbringt.

Das Tagebuch ist immer wieder unterbrochen durch Anreden an den geliebten Nikolas beziehungsweise an den starken Ritter Nikolas oder auch den kleinen Prinzen. Allein diese Anredeformen an Nikolas wirken schon ein wenig übertrieben, aber noch kitschiger wird schließlich das allumfassende Glück, das Matt und Suzanne zusammen erleben. Dazu eine kleine (willkürlich herausgegriffene) Leseprobe:

|“Ich musste daran denken, was Matt in der Nacht, als er mir den Heiratsantrag machte, zu mir gesagt hatte: „Ist es nicht ein unermessliches Glück, dass es dich noch gibt und dass wir zusammen glücklich sein können?“ Ja, es war ein unglaubliches Glück, und dieser Gedanke ließ mich schauern, als ich dort am Abend unserer Hochzeit neben Matt stand.“|

In diesem Stil ist nahezu das gesamte Tagebuch geschrieben, Redewendungen wie „unermessliches Glück“ oder „Ich liebe dich“ zählen hier sicherlich zu den am häufigsten verwendeten Floskeln überhaupt. Das Tagebuch ist schwärmerisch, überschwenglich, verträumt und steckt voller Glücksmomente, die im Rahmen des kurzen Buches dennoch etwas zu häufig hervorgehoben werden. Gut, ein Liebesroman sollte triefen und das Wunder der Liebe lobpreisen, aber muss es gleich so übertrieben werden? Muss auf jeder Seite explizit erwähnt werden, wie sehr Matt und Suzanne sich geliebt haben und dass ihr Sohn das perfekteste Wesen auf der Welt ist, das bereits im Alter von weniger als einem Jahr sprechen und laufen kann? Ich erhebe nicht den Anspruch von Realitätsnähe bei einer Liebesschnulze, aber ich hatte auch gerade beim Lesen anderer Rezensionen über dieses Buch den Eindruck, dass „Tagebuch für Nikolas“ für mehr gehalten wird als eine verkitschte Liebesgeschichte, die von vorne bis hinten absehbar ist, und das kann ich nicht nachvollziehen. Ich bemerke weder große literarische Leistungen von Seiten Pattersons noch eine besonders kreative und innovative Liebesgeschichte oder eine Story, die mich am Ende überraschen kann. Wo ist dieses Buch also mehr als eine ganz normale Schnulze?

Als verträumter Liebesroman mag „Tagebuch für Nikolas“ sehr unterhaltsam und nett sein, ich kann aber nicht behaupten, dass mich das Buch schwer beeindruckt hätte. Es ist nicht immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen“, aber auch die erwähnten tragischen Schicksale werden so überdramatisiert, dass sie für mich einem Rosamunde-Pilcher-Roman entnommen sein könnten. Solche tragischen Ereignisse machen einen Liebesroman für meine Begriffe nicht zu einem großen literarischen Werk, sondern sie gehören irgendwo zu solchen Schnulzen dazu, denn in den meisten Kitschromanen steht das große Glück erst am Ende einiger Schicksalsschlägen, oder nicht?

Mir persönlich sind nicht einmal die Charaktere besonders ans Herz gewachsen, da sie einfach zu unmenschlich gut waren. Matt scheint der absolute Traummann zu sein, der seiner Traumfrau jeden Wunsch von den Augen ablesen kann und einfach nur perfekt ist, doch gibt es so jemanden wirklich? Ich konnte auch Katies Trauer und ihre Wut nicht mitfühlen, da die Geschichte meiner Meinung nach für solche Gefühle recht abgedroschen ist. Die Personen werden uns durch die Erzählung der Geschichte schon näher gebracht, aber sie werden zu einseitig dargestellt und ihre Fehler gar nicht erwähnt, sodass sie künstlich wirken und daher auch von mir kein Mitleid erhalten konnten.

Das Buch unterhält gut, entlockt uns zwischendurch eventuell die eine oder andere Träne, berührt vielleicht ein wenig, entführt seine Leser für zwei bis drei Stunden in romantische Welten, ist dann aber sicherlich wieder schnell vergessen. Um es kurz zu sagen: ein typischer und kitschiger Liebesroman, der nicht mit Überraschungen aufwarten kann und auch nicht weniger schnulzig ist als beliebige andere Liebesromane zuvor.

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“ 3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“ 4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“ 2389
[„Honeymoon“ 3919
[„Ave Maria“ 2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“ 1683
[„Mauer des Schweigens“ 1394
[„Stunde der Rache“ 1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“ 1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“ 1149
[„Vor aller Augen“ 1087
[„Tagebuch für Nikolas“ 854
[„Sonne, Mord und Sterne“ 537
[„Rosenrot Mausetot“ 429
[„Die Wiege des Bösen“ 47
[„Der 1. Mord“ 1361
[„Die 2. Chance“ 1362
[„Der 3. Grad“ 1370
[„4th of July“ 1565
[„Die 5. Plage“ 3915

Uther, Hans-Jörg (Herausgeber) – Märchenschatz

„Märchenschatz“ ist eine von mehreren Sammlungen, die Hans-Jörg Uther herausgegeben hat. Hier geben sich Märchen aus so ziemlich allen Teilen des deutschsprachigen Raumes ein Stelldichein, darunter allseits bekannte wie „Dornröschen“, „Aschenputtel“ oder „Die Sterntaler“, aber auch andere wie „Die Geschichte von der Metzelsuppe“, „Bruder Lustig“ oder „Der Bärenhäuter“, wobei manches Märchen, dessen Titel dem Leser unbekannt schien, sich beim Lesen unter Umständen als alter Bekannter entpuppt, der hier nur im Kleid einer lokalen, leicht variierten Version auftaucht. Zu dieser Gruppe der weiträumig und dabei leicht unterschiedlich erzählten Geschichten gehören unter anderen „Der Deserteur mit dem Feuerzeug“ (bei Grimms: „Das blaue Licht“), „Vom Vogel Fenus“ („Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“) und „Das Märchen vom Knüppel aus dem Sacke“ („Tischlein, deck dich“). Manch einem, der Preußlers „Krabat“ gelesen hat, mag der „Zauberwettkampf“ bekannt vor kommen. Am meisten überrascht hat mich aber das Märchen „Der arme Schuster“, das in abgewandelter Form eine Geschichte aus 1001 Nacht erzählt! Wie diese Geschichte aus dem Orient ins Donauland kam oder umgekehrt, wäre eine interessante Frage.

Die Unterschiede zu den allseits bekannten Versionen, die meist von den Gebrüdern Grimm aufgeschrieben wurden, reichen von kaum spürbar, wie bei „Hans Wohlgemut“ („Hans im Glück“), über deutlich, wie bei „Die Geiß mit ihren zehn Zicklein und der Bär“ („Der Wolf und die sieben Geißlein“), bis gravierend bei „Das kleine Rotkäppchen“.

In den meisten Fällen betreffen diese Unterschiede lediglich die Ausführung, ohne die zugrunde liegende Aussage zu verändern. Aber nicht immer: Das Märchen vom Rotkäppchen zum Beispiel endet hier ganz aprupt an der Stelle, an der das Rotkäppchen gefressen wird! Kein Happyend!

Nun sind Märchen nicht einfach nette Geschichten, die man sich eben erzählt. Märchen erfüllen einen bestimmten Zweck. Der eine ist der psychologische. Oft wurde den Märchen vorgeworfen, sie seien so grausam, und es wurde fleißig daran gebastelt, sie zu entschärfen. Heute sind Psychologen der Meinung, dass Märchen grausam sein sollen! Märchen helfen dabei, mit Ängsten fertig zu werden. Kinder empfinden es als ermutigend, wenn Hänsel und Gretel die böse Hexe besiegen, und das auch noch ganz allein.

Der andere ist der pädagogische. Märchen lehren, dass der Gute immer gewinnt, der Böse immer verliert, dass es sich also nicht lohnt, böse zu sein. Genau dieser Punkt ist aber bei der hier erzählten Rotkäppchenversion ausgehebelt! Kein Jäger kommt, um das – zugegebenermaßen ungehorsame und leichtsinnige – Rotkäppchen zu befreien. Der Grundtenor lautet eher: Geschieht ihr recht! Die unschuldige Großmutter bleibt dabei völlig unbeachtet. Dadurch erhält die Geschichte einen Touch von Struwwelpeter-Pädagogik, die inzwischen allerdings stark umstritten ist. Rotkäppchen hat keine Gelegenheit mehr, aus ihrem Fehler zu lernen. Und der Wolf, der doch noch viel böser ist als Rotkäppchen, kommt ohne Strafe davon.

Außer den klassischen Volksmärchen finden sich aber auch Tiergeschichten und Schwänke, so zum Beispiel „Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“ und „Die sieben Schwaben“. Allen Geschichten gemeinsam ist, dass sie in der typischen Märchensprache belassen wurden, die zum Flair eines Märchens einfach dazugehört. Das wirkt sich gerade bei den beiden vorgenannten äußerst positiv aus, da die wörtliche Rede teilweise sogar die entsprechende Mundart verwendet.

Natürlich lesen sich manche Passagen dadurch etwas umständlich. Das Buch in einem Rutsch durchzulesen, ist anstrengend. Kleine Kinder werden gelegentlich eine Erklärung brauchen, ältere Kinder, die selber lesen, möglicherweise auch, sofern sie nicht aus ihrer Vorlesezeit bereits Märchenerfahrung haben. Aber das gibt sich rasch.

Illustriert ist der Band mit einfachen Bleistiftzeichnungen, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und sich vor allem durch Schlichtheit und einem Blick fürs Detail auszeichnen. Sie wurden von Otto Ubbelohde, einem hessischen Zeichner, für eine Ausgabe der Grimmschen Hausmärchen gefertigt und geben nicht nur Szenen aus den jeweiligen Märchen wieder, sondern auch Ausschnitte aus der damaligen Zeit, zum Beispiel in Kleidung und Einrichtung, und runden damit die Gesamterscheinung hervorragend ab.

Insgesamt eine interessante und schön gestaltete Ausgabe abseits der verwässerten und teilweise lieblos hingeklatschten Billigsammlungen, allerdings halte ich es für empfehlenswert, dass im Falle kindlicher Leser die Eltern mit den Kindern über das Gelesene sprechen. Aus eigener Erinnerung weiß ich, dass Kinder vieles gar nicht so deutlich und scharf empfinden wie wir Erwachsenen. Es sind aber auch nicht alle Märchen gleich einfach zu verstehen. Gerade im Falle von „Rotkäppchen“ oder auch der „Mär vom Marchandelbaum“ und der „Eiche am Elbufer“ wäre ein Erfragen des Gelesenen hilfreich, um zu sehen, wie die Kinder mit der Geschichte klargekommen sind.

Hans-Jörg Uther ist Professor für Literaturwissenschaft an der Uni Essen und außerdem in der Erzählforschung tätig. In der Liste der von ihm veröffentlichten Sammlungen finden sich auch „Sagenschatz“, „Märchen vom Glück“, [„Die schönsten Märchen und Geschichten zur Weihnachtszeit“ 775 und „Das große Buch der Fabeln“. Außerdem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift |Fabula|.

Dave J. Pelzer – Sie nannten mich »Es«

Manche Bücher erzählen eine grausame Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, die uns beim Lesen einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen. Zuletzt hatte „Mia“ von Liza Marklund bei mir diese Wirkung hervorgerufen, doch nun habe ich „Sie nannten mich Es“ gelesen und fand es mindestens ebenso schockierend …

Stationen einer Kindheit

Das kurze und dünne Buch ist in sieben verschiedene Kapitel eingeteilt, die wichtige Stationen in Dave Pelzers Leben darstellen. Gleich zu Beginn erlebt der Leser Daves Rettung mit. Endlich haben die Schulkrankenschwester und der Schuldirektor genug gesehen von Daves blauen Flecken und Verletzungen, die selbstverständlich nicht von Unfällen stammen. Die beiden verständigen die Polizei und lassen Dave aus der Schule abholen. Zunächst muss er eine Aussage über seine Erlebnisse machen, anschließend ist er jedoch frei – frei von seiner gewalttätigen Mutter, die ihn permanent gequält hat.

Dave J. Pelzer – Sie nannten mich »Es« weiterlesen

Chevalier, Tracy – dunkelste Blau, Das

Amis haben für gewöhnlich ein ziemlich seltsames Bild von uns Europäern und wehe sie ziehen dauerhaft hierher, dann kann es eigentlich nur Komplikationen und Verwicklungen geben. Sogar solche, die bis ins 16 Jh. zurückreichen. So ergeht es Tracy Chevaliers Protagonistin, als sie mit ihrem Mann berufsbedingt nach Frankreich übersiedelt. Dem Text auf dem Buchrücken nach bietet es sich an, die Geschichte spontan als einen der derzeit höchst beliebten klerikalen Thriller einzustufen. Ein Irrtum. So viel zur Erwartungshaltung. Ob und inwieweit der Eindruck des Teasers beabsichtigt ist, um auf der Welle mitzuschwimmen, soll einmal dahingestellt sein. Doch worum handelt es sich bei dem Roman „Das dunkelste Blau“ nun eigentlich wirklich?

_Die Autorin_
Tracy Chevalier ist gebürtige Amerikanerin des Jahrgangs 1962, wuchs in Washington D.C. auf und lebt heute in London. Vor ihrem Creative-Writing-Studium an der East Anglia University, das sie 1994 abschloss, arbeitete die Quereinsteigerin als Lektorin für Nachschlagewerke. Weitere von ihr erschienene Romane: „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (List, TB 06/2001), „Wenn Engel fallen“ (List, TB 10/2003) und „Der Kuss des Einhorns“ (List, HC 02/2004). [Quellen: Verlagsinfo und amazon.de]

_Zur Story_
Ella Turner und ihren Mann Rick zieht es nach Frankreich. Er ist ein gefragter Architekt und arbeitet an einem Projekt in Toulouse, das sicher mehrere Jahre in Anspruch nehmen wird. Somit ist der Umzug nach Frankreich in ein verschlafenes Nest in den französischen Chevennen ein recht dauerhaftes Unterfangen. Ausgesucht hat das neue, abseitige Domizil jedoch Ella, deren Familie vor Generationen aus Frankreich nach Amerika übersiedelte und ihren Namen von Tournier in Turner änderte. Seit ihrer Ankunft in Land des Weichkäses und ihrer Ahnen wird sie von immer wieder dem gleichen Albtraum heimgesucht, in welchem die Farbe Blau eine immens wichtige und traurige Rolle spielt. Zugleich üben die beiden, Nachwuchs zu bekommen, doch gerade der Sex macht die Albträume nur noch schlimmer und intensiver. Ihrem Mann offenbart sie sich jedoch nicht.

Da sie als Hebamme im Gastland nicht praktizieren darf, weil ihr dafür die Zulassung fehlt, und Rick sehr mit seinem Job beschäftigt ist, sucht sie sich Ablenkung. Sie fühlt sich als Fremdkörper im Dorf – man schneidet sie gepflegt in der Nachbarschaft, obwohl sie sich redlich Mühe gibt, ihr verschüttetes Französisch stetig aufzubessern und sich anzupassen. Sie fühlt sich hier auch irgendwie „zuhause“. Es hilft nichts. Kurzum, sie hat niemanden, mit dem sie sich austauschen könnte. Keine Freunde, keine Verwandten. Lediglich ein Cousin in der relativ nahen Schweiz, den sie bislang noch nicht persönlich kennen gelernt hat. Getrieben von innerer Unruhe – vorerst als selbst auferlegte Beschäftigungstherapie – fängt sie enthusiastisch an, ihre Familiengeschichte zu recherchieren und herauszufinden, warum sie im Traum in blitzsauberem Französisch Bibelzitate von sich geben kann.

Ella spürt, dass die Geschichte ihrer Ahnen mit dem stets wiederkehrenden Traum in direktem Zusammenhang steht. Ihre Intuition gibt ihr Recht, doch stellen sich Erfolge beim Wühlen nach alten Dokumenten nur schleppend ein. Dafür findet sie im hiesigen Bibliothekaren Jean-Paul einen zunächst widerwilligen und abweisenden Mitstreiter, der ihr dann aber immer tatkräftiger unter die Arme (und später auch unter den Rock) greift. Das Auffinden einer alten Familienbibel aus dem Besitz der Tourniers bringt sie endgültig auf die Spur eines schrecklichen Verbrechens, das Jahrhunderte zurückliegt. Genauer gesagt aus der Zeit, als die Protestanten Frankreichs – die Hugenotten – unter dem immer mehr um sich greifenden Katholizismus zu leiden hatten und vertrieben wurden. Mitten in dieser Welt des (Aber-)Glaubens spielte sich eine Tragödie in der Familie ab, die Ella in der Jetztzeit so viel Kopfzerbrechen bereitet …

_Meinung_
Schon zu Beginn des Romans erhält der Leser einen Einblick in die Vergangenheit. Genauer gesagt in die Familiengeschichte derer von Tournier, von denen Ella abstammt. Zunächst kann man sich auf die recht wirren und in schneller Zeitrafferfolge präsentierten Fetzen aus der Familienhistorie allerdings keinen klaren Reim machen. Das legt den Grundstein für später immer deutlicher zu Tage tretende Analogien und Parallelen zwischen Ella und ihrem Pendant aus dem 16. Jahrhundert: Isabelle de Moulin. Anfänglich sind diese Flashbacks noch sauber durch Kapitel von der Geschichte in der Gegenwart getrennt, später überschneiden sich die Stränge in schnellerer Abfolge und mogeln sich gegen Ende sogar absatzweise in den Plot. Als weitere Unterscheidung erzählt Chevalier Ellas Geschichte in der Ich-Form, Isabelles Part hingegen beobachtend in der dritten Person.

Man hat den Eindruck, dass besonders Isabelle rudimentäre übersinnliche Fähigkeiten besitzt – zumindest was ihre Connection zu Ella angeht, stimmt das auch irgendwo. Chevalier deutet vermeintlich vorhandene Hexenkünste in diesem Zusammenhang allenfalls nur an. Zum Teil auch recht deutlich, wie beim Bild des immer wieder auftauchenden Wolfes, den Isabelle ganz selbstverständlich als Reinkarnation und Sinnbild ihrer toten Mutter versteht, die helfend in ihr Leben eingreifen will. Leider werden einige dieser vielversprechenden Ansätze in letzter Konsequenz nicht genügend genutzt, um dem Plot mehr Substanz zu verleihen. Solche Festlegungen, ob hier nun tatsächlich paranormale Mächte am Werk sind, oder doch alles nur Aberglaube ist, bleiben dem Leser überlassen. Der kleine Schuss Mystery verpufft ziemlich wirkungslos.

Die wichtige (wie ich finde) Frage, warum die beiden Frauen auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind, bleibt auch am Ende der Geschichte nur vage angedeutet. Wie so vieles. Das gilt auch und speziell für die Personenzeichnung. Die Figuren sind bis auf Ella sehr zweidimensional beschrieben und vegetieren als gesichtslos und vorhersehbar agierende Schablonen vor sich hin. Selten lässt sich Chevalier mal zu detaillierteren Beschreibungen ihrer Charaktere und deren Motive hinreißen. Überraschungen in deren Handeln braucht man demzufolge auch nicht zu erwarten, auch von der Protagonistin nicht. Vollkommen linear entwickelt sich die Geschichte genau in die Richtung fort, wie man es sich beim Lesen gedacht hat. Mit Ausnahme der vielen „toten Links“, d. h. Nebenhandlungen, die aus unerfindlichen Gründen einfach nicht weiterverfolgt werden und frei schwebend irgendwo in der Luft enden.

Man ist versucht, „Das dunkelste Blau“ ziemlich schnell als „Frauenroman“ abzustempeln, und tatsächlich bedient der Roman einige der beliebten Klischees, die diesem häufig zu Unrecht negativ konnotierten Begriff andichtet werden. Eine Dreiecksbeziehung gefällig? Geht klar! Die alte In-der-Fremde-doch-noch-ne-beste-Freundin-gefunden-Leier? Biddeschön, kommt sofort! Sex? Verkauft sich immer gut und ist im Doppelpack auch billiger. Okay, wollen wir mal nicht so ungerecht sein und einräumen, dass sich der Schnulzfaktor in erträglichem Rahmen bewegt. Natürlich landet die von ihrem Mann unverstandene und vernachlässigte (Die Klischees bitte nacheinander eintreten – Danke!) Ella mit dem Nebenbuhler – nebst einem ganzen Sack voller Gewissensbisse – in der Kiste. Beinahe zufällig. Vollkommen ungewollt und unerwartet. Hust. Die Beschreibungen der horizontalen Vergnüglichkeiten fallen harmlos aus, da gibt’s Deftigeres – erotisch sind sie aber auch nicht.

Den Leser dürstet es natürlich, das Kuddelmuddel am Ende aufgelöst zu wissen. Wer mit wem und wie und warum überhaupt. Nach den ganzen Sackgassen in der Handlung wähnt man sich im Recht, die Auflösung des Rätsels zu erfahren. Das gelingt Chevalier aber nur zum Teil, die Geschichte und der damit verbundene tragische Mordfall in der Familie Tournier während der Hugenotten-Vertreibung im Jahre Fuffzehnhundertpiependeckel bleibt ungesühnt. Die Schuldigen werden nicht bestraft, de facto erfährt man eigentlich gar nichts weiter. All die kleinen eingearbeiteten Hinweise sind für die Katz bzw. für den Wolf. Den Reißwolf. Dass das letzte Drittel ganz besonders mit der heißen Nadel geklöppelt wurde, bemerkt man an einigen Inkonsistenzen, stellvertretend etwa das plötzliche Auftauchen der Figur Lucien, den Chevalier schlichtweg vergessen hat, zuvor in irgendeiner Form vorzustellen.

Die mühselig aufgebaute und konstruierte Handlung in der Vergangenheit ist historisch ganz gut recherchiert, doch vergeudet Chevalier hier um des lauen Finales in der Gegenwart Willen jede Menge Potenzial, mehr in die Tiefe zu gehen. Die böse Schwiegermutter, der patriarchische Ehemann (Volle Deckung – schon wieder tief fliegende Klischees!), ja, selbst Isabelle, der man so arg und übel mitgespielt hat – immerhin eine wichtige Schlüsselfigur – verschwinden in bester Cliffhanger-Manier schlussendlich im Vakuum der Story. Absolut unbefriedigend. Stattdessen gibt’s ein versöhnliches (aber wenig überraschendes) Schlag-auf-Schlag-Ende für Ellas Albträume, den Beziehungsstress und die Akklimatisierungsprobleme in der neuen Heimat. Und verständnisvolle Verwandte hat sie auf einmal auch gefunden, zusätzlich zur neuen besten Freundin – versteht sich.

_Fazit_
Würde man die ganzen Platitüden streichen, die in losen Enden münden, wär’s eine schöne und übersinnlich angehauchte Novelle geworden. Alternativ dazu wäre eine detailliertere Ausarbeitung der vorhandenen guten Ansätze dazu angetan gewesen, aus dem Roman viel mehr heraus zu kitzeln. So jedoch überwiegt das recht uninteressante Füllwerk, um als recht plattes Transportmedium für die sich anbahnende Romanze zu dienen. Wischiwaschi. Wer aufgrund des Covertextes mit einem sakralen Thriller vom Schlage eines Eco oder Brown rechnet, sei gewarnt.

„Das dunkelste Blau“ ist eine – im wahrsten Sinne des Wortes – triviale Criminal-Love-Story mit einem kleinen Touch von Mystery, den Tracy Chevalier aber leider nur oberflächlich streift. Dank der unscharfen Figurenzeichnung und der vorhersehbaren Handlung sicherlich keine schwere Kost und zwischen Suppe und Kartoffeln schnell durchgelesen. Empfehlenswert höchstens als seichte Bettlektüre für schlaflose Genre-Liebhaber. Wer Gehaltvolleres mag, macht einen Bogen um diese künstlich aufgepumpte und dadurch recht unausgegoren wirkende Kurzgeschichte.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „The Virgin Blue“
Penguin, London 1996
Deutsche Erstveröffentlichung: dtv München 1999
Übersetzung: Agnes C. Müller
ISBN: 3-423-20702-7 (2. ungekürzte TB Neuauflage 05/2004)

Ildikó von Kürthy – Freizeichen

Einen Namen im Frauenbuchgenre hat sich die Stern-Journalistin Ildiko von Kürthy durch ihr Erstlingswerk „Mondscheintarif“ gemacht, welches bereits wenig schmeichelhaft verfilmt wurde. Mit „Freizeichen“ hat sie ihren dritten Roman veröffentlicht, der ebenfalls im |Wunderlich|-Verlag erschienen ist und nun als Taschenbuch bei |rororo| vorliegt.

Der Leser befindet sich gleich zu Beginn mitten in einem Gedankenmonolog der Hauptperson Annabel wieder, die sogleich berichtet, dass sie nun endlich vor dem Problem steht, sich zwischen zwei Männern entscheiden zu müssen. Eigentlich ist sie bereits seit viereinhalb Jahren mit Ben zusammen, doch im Alltag ist die Leidenschaft flöten gegangen und Annabel fragt sich nun, ob diese Beziehung so noch Sinn ergibt. Kurzentschlossen – eine Fettanalysewaage und Max Frisch haben ihren Teil dazu beigetragen – fährt sie für ein paar Tage zu ihrer reichen Tante nach Mallorca, um dort über ihre Beziehung und ihre Frisur nachzudenken. Auf Mallorca angekommen, muss sie feststellen, dass ihr Koffer nicht mitgeflogen ist und ihre überschüssigen dreieinhalb Kilo sich vielleicht doch nicht so günstig verteilen, wie ihre Freundin Mona ihr das immer wieder versichert.

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Nicholas Sparks – Du bist nie allein

Spätestens durch seinen Roman „Weit wie das Meer“, der unter dem Titel „Message in a bottle“ mit Kevin Costner verfilmt worden ist, hat Nicholas Sparks sich einen Namen gemacht durch seine unvergleichlichen Liebesromane. Seine Bücher zeichnen sich durch blumige Sprache und eine meist tragische Liebesgeschichte aus, doch in seinem neuen Buch „Du bist nie allein“ (auf Englisch: „The Guardian“) wagt Sparks einen Spagat zwischen zwei Genres. Seine Intention war dabei die Verbindung einer großen Liebe mit der Gefahr, wobei der Schwerpunkt allerdings für Sparks auf der Liebesbeziehung liegen sollte.

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Uther, Hans-Jörg (Hrsg.) – schönsten Märchen und Geschichten zur Weihnachtszeit, Die

Märchen und Geschichten gehören zur Advents- und Weihnachtszeit wie Lebkuchen oder Kerzenlicht. Diese besondere Sammlung trägt dieser Stimmung Rechnung, wenn auch auf ungewöhnliche Art. Literarische Werke von Theodor Storm, E.T.A. Hoffmann, Oscar Wilde und Theodor Fontane geben sich ein Stelldichein mit Volksmärchen aus Irland, Norwegen, dem Odenwald und der Lüneburger Heide. Alle haben mehr oder weniger mit Weihnachten zu tun, und sei es auch nur ganz am Rande.

Die ersten drei Geschichten über Frau Holle, Nikolaus und Christkind gehören zusammen und erzählen in ganz eigener Weise, wie das Christkind nach Europa kam. Die Mischung aus heidnischen Überlieferungen und christlichem Gedankengut ist für manchen vielleicht überraschend und gewöhnungsbedürftig, gleichzeitig aber auch Darstellung eines Übergangs. Gerade zu einer Zeit, als viele Menschen nicht lesen und schreiben konnten, wurde noch viel in Bildern und Symbolen gedacht, insofern spiegelt sich hier die Christianisierung einer Volksseele, die uns so nicht mehr bewusst ist, weil wir inzwischen schon so lange in einer christlichen Umgebung aufwachsen.
Außer diesen dreien ist lediglich „Das Tannenbäumchen“ ein echtes Weihnachtsmärchen. Die übrigen Volksmärchen haben ihren Bezug zu Weihnachten nur im Zeitpunkt der Handlung, die sich selbst nicht unbedingt um Weihnachten dreht.
Die literarischen Texte dagegen rücken Weihnachten als Fest wesentlich stärker in den Mittelpunkt. Die meisten sind gar nicht als Weihnachtsgeschichten geschrieben, da sie aber großteils für diesen Band onehin zu lang wären, wurden die entsprechenden Abschnitte als Auszüge aufgenommen oder der Text wurde ggf. gekürzt. So entstanden Momentaufnahmen in den unterschiedlichsten Stimmungen, von ausgelassener Fröhlichkeit in „Weihnachtsabend“ aus Wilhelm Raabes „Die Chronik der Sperlinggasse“ über Melancholie in „Da stand das Kind am Wege“ aus Storms „Immensee“ bis hin zu Verzweiflung in Tiecks „Weihnacht-Abend“.

Insgesamt fand ich die Auswahl der Texte recht gelungen, mit zwei kleinen Ausnahmen. „Die verwünschte Burg“, ein irisches Elfenmärchen, spielt zwar an Weihnachten, es fehlt ihr aber im Hinblick darauf jegliches Flair, irgendwie passt sie nicht in den Kontext des Buches. Außerdem wirkt sie gegen Ende abgehackt und hinterlässt das Gefühl, dass das doch nicht alles gewesen sein kann. Ich vermisste einen Kern in der Geschichte. „Der Wolf angelt“ erwähnt das Wort Weihnachten überhaupt nicht, und obwohl die Geschichte an sich nicht wirklich schlecht war, fragte ich mich, warum sie in diese Sammlung aufgenommen wurde. Auch hier fehlt der Bezug zum eigentlichen Thema des Buches.
Oscar Wildes „Der glückliche Prinz“ spielt ebenfalls nicht ausdrücklich an Weihnachten, was in diesem Fall aber überhaupt nicht stört, da die Aussage der Geschichte zu Weihnachten passt.
Entgegen der gängigen Kurzbeschreibung nicht enthalten sind „Die Schneekönigin“ und „Väterchen Frost“, was ich vor allem angesichts der erwähnten beiden „Fehlgriffe“ äußerst bedauerlich finde.

Positiv aufgefallen ist mir, dass die Texte sprachlich nicht überarbeitet wurden, bzw. dass Uther sie nicht in modernes Deutsch übertragen hat. In vielen modernen Ausgaben haben die Märchen dadurch einen Großteil ihres Zaubers verloren.
Dasselbe gilt für die zwölf Illustrationen, die dezent in Schwarzweiß gehalten sind und teilweise aus alten Quellen wie dem Augsburger Bilderbogen stammen. Auch das Bild des Schutzumschlags ist schön gemacht, ganz unaufdringlich und nicht so schreiend grell, wie es heute auch bei Weihnachtssachen bereits oft der Fall ist.
Außerdem hat das Buch ein Quellenverzeichnis, was für mich vor allem im Hinblick auf die Textausschnitte und gekürzten Texte interessant war. Wer Interesse an den vollständigen Texten hat, weiß also, wo er suchen muss.

Alles in allem ein hübsches Bändchen für ein paar ruhige Minuten vor dem brennenden Kamin oder beim Schein von Adventskerzen. Wer etwas sucht, um in der Hektik des Vorweihnachtsgetriebes seine eigentliche Weihnachtsstimmung wiederzufinden, liegt hier bestimmt nicht falsch. Zum Vorlesen für Kinder ist das Buch allerdings nur bedingt geeignet. Die literarischen Texte sind naturgemäß sprachlich und inhaltlich ein paar Stufen zu hoch, aber auch die Volksmärchen sind nicht alle uneingeschränkt kindergeeignet. Am ehesten lassen sich die Märchen um Frau Holle und das vom Tannenbäumchen vorlesen, die stammen aber auch aus einem Kinderbuch mit Weihnachtsmärchen. Der damaligen Zeit entsprechend klingen sie stellenweise etwas kitschig, Kinder wird das aber wohl nicht stören.

Hans-Jörg Uther ist Professor für Literaturwissenschaft an der Uni Essen und außerdem in der Erzählforschung tätig. Er hat eine ganze Liste von Märchensammlungen veröffentlicht, darunter „Sagenschatz“, „Märchenschatz“, „Märchen vom Glück“ und „Das große Buch der Fabeln“. Außerdem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift Fabula.

http://gutenberg.spiegel.de/raabe/sperling/sperling.htm
http://gutenberg.spiegel.de/storm/immensee/immensee.htm
http://gutenberg.spiegel.de/fontane/ellernkl/ellernkl.htm
http://gutenberg.spiegel.de/etahoff/floh/floh01b.htm
http://gutenberg.spiegel.de/arndt/msarndt/avenstak.htm

Bret Easton Ellis – American Psycho

Bret Easton Ellis’ Kultroman „American Psycho“ hält den amerikanischen Yuppies der 80er Jahre ein hässliches Spiegelbild vor und vermittelt als Nebenprodukt dem mittelständischen Leser mit drei Hypotheken die beruhigende Botschaft, dass ein Job an der Wall Street und ungezählte Kreditkarten kein Garant für ein glückliches und erfülltes Leben sind. Nun ist diese Erkenntnis heutzutage weder überraschend noch neu, doch wie Ellis seine Abrechnung mit dem amerikanischen Traum an den Leser bringt, war seinem Verlag |Simon & Schuster| bei der Erstveröffentlichung des Romans im Jahre 1991 einen Skandal wert. Er hatte dort bereits zwei Romane veröffentlicht und für „American Psycho“ einen Vorschuss erhalten. Als das Buch jedoch auf den Markt kam und der Chef von |Paramount| (zu dessen Konzern |Simon & Schuster| gehört) in einer Zeitung Auszüge aus dem Roman las, ließ er „American Psycho“ vom Markt nehmen und die bereits gedruckten Exemplare einstampfen. Dies löste natürlich eine noch größere Kontroverse über den Inhalt des Buches und eine eventuelle Zensur von Seiten des Verlags aus, bis sich der Vintage-Verlag|Ellis’ Buch annahm und den Roman neu herausbrachte.

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Nicholas Christopher – Franklin Flyer

Der junge US-Amerikaner Franklin Flyer, ein Abenteuer und Erfinder, wird in den 1930er Jahren in eine Nazi-Verschwörung verwickelt. Später steigt er zu einem der reichsten Männer des Landes auf, während er gleichzeitig als Geheimagent im Dienst der Regierung die Welt bereist und dabei haarsträubende Abenteuer erlebt … – Ein ‚literarischer‘ Abenteuerroman. Was das sein soll, muss der Leser selbst entscheiden. Objektiv beurteilt ist „Franklin Flyer“ ein fabelhaft geschriebenes, sehr unterhaltsames, mit einprägsamen Figuren besetztes Stück ‚Edel-Pulp‘. Überflüssig wirken diverse übernatürliche Elemente, weil sie gar zu deutlich als intellektuelle Spielerei ohne echten Handlungsbezug erkennbar sind. Nicholas Christopher – Franklin Flyer weiterlesen

Dunne, Dominick – Zeit des Fegefeuers

|Originaltitel: A Season in Purgatory|

Anfang der Siebzigerjahre lernt der weitgehend mittellose Harrison Burns auf der katholischen Eliteschule Milford den charismatischen Constant Bradley kennen, der einer reichen Unternehmerfamilie entstammt. Zwischen den ungleichen Jungen entsteht eine tiefe Freundschaft und Burns verbringt zunehmend mehr Zeit mit Constant und dessen Familie. Auf deren Landsitz Scarborough lernt er im Laufe der Zeit auch die Schattenseiten und Uneigenheiten des herrischen und skrupellosen Vaters sowie der Schwestern und Brüder von Constant kennen. Gerald Bradley findet als neureicher Emporkömmling trotz aller finanziellen Zuwendungen und Spenden keine Achtung in der alteingesessenen, feinen Ostküsten-Gesellschaft, wozu auch die Gerüchte über seine mehr als zwielichtigen Partner aus New Yorker Mafiakreisen und dubiose Geschäftspraktiken beitragen. Seine Frau Grace setzt alles daran, in der kirchlichen Gesellschaft zu Ehren zu kommen und lebt in einem Dauerzustand religiöser Verblendung, während Gerald seine Söhne mit allen Mitteln in hohe politische Ämter manövrieren will.

Als besonders aussichtsreich gilt der gut aussehende Constant mit seinem einnehmenden Wesen und der Fähigkeit, Menschen zu blenden und zu manipulieren. Aber die dunklen Seiten von Constant sind noch weit bedrohlicher, im Alkoholrausch erschlägt dieser nach einem Tanztreffen der örtlichen Debütantinnen die junge Winnifred Utley, die zwar seiner Einladung zu einem nächtlichen Treffen im Wald gefolgt ist, dann aber seinen sexuellen Wünschen offenbar nicht geneigt war. Der hochmoralische Burns hilft ihm zwar zunächst bei der Beseitigung der Spuren, leidet danach aber unter enormen Gewissensbissen. Gerald Bradley besticht den Jungen mit der Zahlung seines Studiums sowie einem einjährigen Aufenthalt in Europa, worauf sich Burns und Constant dann endgültig aus den Augen verlieren.

17 Jahre später ist Burns ein gefeierter Schriftsteller und Constant auf dem Weg in das amerikanische Repräsentantenhaus. Der alternde Gerald Bradley will Burns, der bereits früher einmal eine Rede für Constant geschrieben hat, zu einem Buch über Familie, Moral und andere Grundwerte überreden, das unter Constants Namen erscheinen und ihm den Weg in die große Politik ebnen soll. Wider besseres Wissen lässt sich Burns zu einem Familientreffen auf dem mittlerweile nach Southampton verlegten Landsitz überreden, bei dem sein lange gehegter Groll gegen seine eigene Mittäterschaft und die Machenschaften der Bradleys endlich ausbricht und sich die Situation dramatisch zuspitzt. Burns teilt sich schließlich den Behörden mit und es kommt zum Prozess gegen Constant, in dessen Verlauf jeder seine ganz persönliche Abrechnung präsentiert bekommt.

„Zeit des Fegefeuers“ ist kein Kriminalroman. Statt um die Aufklärung einer Straftat geht es um Schuld und Sühne, Ehre und Gewissen, moralische Grundwerte des Einzelnen und der Gesellschaft. Dies entwickelt sich langsam und subtil, und über einige Passagen hinweg ist der Unterschied zu einer der typischen, überladenen Familiensagen nicht mehr allzu groß. Die Vielzahl der Personen und deren familiäre Zusammenhänge werden allesamt sehr ausführlich dargestellt, obwohl der Anteil einiger Protagonisten an der eigentlichen Geschichte eher nichtig ist. Bis auf die fast lächerlich anmutende Szene von Burns Kampf mit dem „Hausmafioso“ der Bradleys ist die Geschichte jedoch schlüssig und nachvollziehbar und überzeugt durch eine besondere Atmosphäre und Spannung.

Dominick Dunne schreibt seit 1980 einen Erfolgsroman nach dem anderen, ein Großteil davon wurde verfilmt. Seine Werke gelten zumeist als kritische Beobachtungen der amerikanischen Gesellschaft und werden in den USA zuweilen mit denen Truman Capotes verglichen.

Conroy, Pat – Herren der Insel, Die

Erzählt wird die Geschichte einer Familie, die von Liebe und Hass, von Zärtlichkeit und Gewalt zerstört und zusammengehalten wird. Als die Dichterin Savannah Wingo nach einem erneuten Selbstmordversuch in einer psychiatrischen Klinik von der Therapeutin Susan Lowenstein behandelt wird, macht diese sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer berühmten Patientin und holt deren Zwillingsbruder Tom nach New York. Tom Wingo übernimmt die Aufgabe, die er seit jeher unfreiwillig inne hat – er ist das Gedächtnis von Savannah. Mit Widerwillen und in Erinnerung an Schweigegelöbnisse seiner Mutter gegenüber, beginnt er die Lebens- und Leidensgeschichte der Wingokinder zu erzählen.

Aufwachsend auf Melrose Island, einer kleinen Insel vor South Carolina, lernen sie das Handwerk des Krabbenfischens von ihrem Vater Henry Wingo, einem einfachen, zur Gewalttätigkeit neigenden Mann, und den Sinn für die Natur von ihrer Mutter Lila, einer ehrgeizig aufstrebenden Frau. Zwischen den Eltern tobt ein immerwährender, mal schwacher, mal heftiger Krieg. Luke, Savannah und Tom entwickeln jeder für sich unterschiedliche Verhaltensmuster, um die nicht vorhersehbaren elterlichen Schlachten, in die sie mit hineingezogen werden, zu verarbeiten. Der Älteste, Luke, ist der Tatkräftige unter den Dreien. Er lenkt die Gewalttätigkeit des Vaters auf sich, um seine Geschwister zu schützen, er greift zum Gewehr, um gegen ihn zu kämpfen, während Tom die Leichtigkeit des Vergessens anstrebt, unterstützt von den Worten seiner Mutter, die alle Kinder zum Schweigen verdammt. Sein Ziel ist es, ein normaler Durchschnittsbürger zu werden, was ihm leider nicht gut gelingt. Savannah hingegen driftet in bedrohliche Wahnvorstellungen ab, hat massive Gedächtnislücken und verwandelt mit Toms Hilfe die traumatischen Erlebnisse in poetische Verse, die sie zwar zu einer erfolgreichen Dichterin machen, aber ihre zerbrochene Seele nicht heilen können, so dass sie in kurzer Zeit mehrere, immer ernster werdende Selbstmordversuche unternimmt. Über allem schwebt das Wort „Callenwolde“, das der Schlüssel zu Savannahs Heilung zu sein scheint, dessen Geschichte jedoch in Tom fest eingeschlossen ist.

Aber auch in der Gegenwart sieht es nicht besser aus: Henry Wingo, unfähig seiner Frau das zu geben, was sie will, zerbricht an der Scheidung, während Lila ihren Aufstieg in die gehobenere Schicht nach langer Planung geschafft hat. Luke wurde als Amokläufer bei polizeilicher Gegenwehr erschossen. Toms Frau hat einen Liebhaber und will sich von ihm trennen, er selbst ist arbeitslos und unzufrieden mit sich. Zynisch und verbittert kämpft er gegen sich selbst, gegen seine eigene Familie und auch gegen die Therapeutin. Savannah liegt im lebensbedrohlichen Zustand in der Klinik und ist wieder einmal auf die Hilfe ihres Bruders angewiesen. Selbst die Therapeutin Susan Lowenstein hat private Probleme, die sie nicht bewältigen kann.

Nach und nach dringt Dr. Lowenstein in die Schreckensgeschichte der Wingos ein, macht sich an die schwere Aufgabe, das Siegel der Verschwiegenheit zu durchbrechen und die Heilung mittlerweile nicht nur von Savannah in Angriff zu nehmen, sondern auch von Tom und nicht zuletzt von sich selbst.

Pat Conroy, aus South Carolina stammend und zur Zeit in Rom lebend, schuf ein Buch, das herzzerreißender und denkanregender kaum sein kann. Lebhaft erzählt er in einem ständigen Wechsel von wunderschönen, verträumten und kalten, selbstzerstörerischen Bildern die Geschichte einer psychoanalytischen Selbstfindung, die den Leser unwillkürlich dazu bringt, auch mal in sich selbst hineinzuhorchen, um vielleicht eine schnelle Analyse seiner eigenen Lebenssituation zu vollziehen.

Erfolgreich verfilmt wurde das Buch unter dem Titel „Der Herr der Gezeiten“ von und mit Barbra Streisand, die die Therapeutin Susan Lowenstein spielt, mit Nick Nolte an ihrer Seite als Tom Wingo.

_Leseprobe:_

|“Ich wünschte, es gäbe keine Geschichte, über die hier zu berichten wäre. Lange Zeit habe ich so getan, als hätte meine Kindheit nicht stattgefunden. Ich hielt sie tief in meiner Brust verschlossen. Nein, ich konnte sie nicht herauslassen, ich folgte dem fragwürdigen Beispiel meiner Mutter. Gedächtnis ist auch eine Sache des Willens, und ich entschied mich gegen mein Gedächtnis. Da ich die Liebe zu meiner Mutter und meinem Vater brauchte, trotz all ihrer menschlichen Schwächen und Gebrechen, konnte ich es mir nicht leisten, sie unverblümt auf die schweren Vergehen anzusprechen, die sie an uns Kindern begangen hatten. Ich konnte sie nicht verantwortlich machen oder ihnen die Schuld an schweren Fehlern geben, die sie nicht hatten verhindern können. Sie hatten ihre eigene Geschichte, eine Geschichte, an die ich mich nur mit Zärtlichkeit und Schmerz zugleich erinnere und die mich all ihre Vergehen an den eigenen Kindern verzeihen ließ. In Familien gibt es kein Verbrechen, das nicht vergeben werden könnte.

Nach Savannahs zweiten Selbstmordversuch besuchte ich sie in New York in einer psychiatrischen Klinik. Ich beugte mich zu ihr hinab, um sie in europäischer Manier auf beide Wangen zu küssen. Nachdem ich tief in ihre erschöpften Augen geblickt hatte, stellte ich ihr eine Reihe von Fragen – wie stets, wenn wir uns nach langer Trennung wiedersahen.

‚Wie war dein Familienleben, Savannah?‘ erkundigte ich mich im Tonfall eines Interviewers.

‚Hiroshima‘, flüsterte sie.

‚Und wie war dein Leben, seit du den sicheren, warmen Schoß deiner fürsorglichen, einträchtigen Familie verlassen hast?‘

‚Nagasaki‘, antwortete sie mit einem bitteren Lächeln um den Mund.“|