Archiv der Kategorie: Rezensionen

Stephen King: Wolfsmond (Der Dunkle Turm 5)

Weiterhin ziehen Revolvermann Roland von Gilead und seine Gefährten dem Dunklen Turm entgegen, der Zentrum und Stütze des Universums darstellt. In der Mittwelt – Ort der Handlung – tun sich Dimensionsportale, Zeitfallen u. a. Hindernisse auf. Zusätzlich aufgehalten wird die Gruppe von den Bewohnern eines Grenzdorfes, das von einer Horde maskierter Finsterlinge belagert wird. Gemeinsam nimmt man den Kampf gegen eine gewaltige Übermacht auf … – Der fünfte Band der „Dark-Tower“-Serie ist ein Episoden-Epos mit enormen Längen, das Substanz durch Geschwätz, nur vorgeblich geheimnisvolle Andeutungen und das Recycling früheren King-Werken ersetzt. Zwar gelingen dem Verfasser durchaus fesselnde Szenen, die aber durch generellen Leerlauf entwertet werden: ein Buch für jene, die wissen wollen, wie‘s weitergeht. Stephen King: Wolfsmond (Der Dunkle Turm 5) weiterlesen

Edward Gibbon – Verfall und Untergang des Römischen Imperiums (erstmals vollständig übersetzt in 6 Bänden)

Die vorliegende Ausgabe enthält in fünf Bänden die Kapitel I-XXXVIII bis zum Ende des Römischen Reiches im Westen einschließlich der ›Allgemeinen Betrachtungen über den Untergang des Reiches im Westen‹ sowie sämtlicher Fußnoten, Nachweise und Anmerkungen des Autors. Damit liegt dieser Teil von Gibbons Werk zum erstenmal seit 1837 ungekürzt und in einer neuen, zeitgemäßen Übersetzung vor.
Der sechste Band der dtv-Ausgabe enthält ausführliche Informationen zu Leben und Werk des Autors und zur Rezeptionsgeschichte sowie Bibliografie und Register.

Die Ausgabe entspricht den Bänden 1-3 des Gesamtwerks, die zuerst zwischen 1776 und 1781 in London veröffentlicht wurden. Gibbon betrachtete das Werk hiermit zunächst als abgeschlossen und wollte eine Fortsetzung von der Reaktion der Öffentlichkeit abhängig machen. (Verlagsinfo)
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Max Allan Collins – CSI Las Vegas: Tod im Eis

Das geschieht:

„Never change a winning team“, lautet eine alte Binsenweisheit, die sich dieses Mal jedoch nicht verwirklichen lässt. Die bewährte Nachtschicht-Besatzung des „Crime Scene Investigation” (CSI) Las Vegas muss dieses Mal getrennt arbeiten, d. h. Tatorte sichern und meist quasi unsichtbare oder sogar unmögliche Spuren untersuchen. Gil Grissom, der Chef, und seine Kollegin Sara Sidle nehmen an einer Konferenz im fernen und winterlichen Bundesstaat New York teil.

Zurück bleiben Grissoms Stellvertreterin Catherine Willows und ihre Mitarbeiter Warrick Brown und Nick Stokes. Sie werden mit einem seltsamen Leichenfund konfrontiert: Weit außerhalb von Las Vegas wurde in der Wüste eine tote Frau gefunden. Der Mörder hat sich viel Mühe gegeben, die Spuren seiner Untat zu vertuschen: Sorgfältig hat er die Leiche eingefroren und sich nun erst ihrer entledigt. Max Allan Collins – CSI Las Vegas: Tod im Eis weiterlesen

Stroud, Jonathan – Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

In einer Welt, in der Zauberer die Regierung bilden und ein zwei Klassensystem regelt, wer zu der privilegierten magischen Schicht gehört, wächst der junge Nathanael auf und wird – wie es sich gehört – von einem Magier als Lehrling aufgenommen. Bald merkt der Junge, dass sein Talent weitaus größer ist als sein altbackener vorsichtiger Lehrmeister vermutet, ja sogar, dass er in jungen Jahren schon seinem Meister voraus ist. Heimlich studiert er die verbotenen Werke und alle Versuche des Meisters, ihn durch Angst und Drohungen einzuschüchtern, scheitern kläglich. Der spießige und kleinbürgerliche Zaubermeister ist ein Beamter von niedrigem Stand, der sich bei den hohen Tieren der Regierung einschmeicheln will und mehr durch Gefälligkeiten und Kriecherei Karriere macht als durch magisches Talent. Das wird dem Jungen spätestens klar, als ein besonders fieser hochrangiger Besucher sich über ihn lustig macht. Blind vor Wut und Enttäuschung will er sich rächen, beschwört ein paar nervige Kleinstdämonen, doch die sind keine Gegner für den fiesen Magier. Der wiederum ist extrem sauer und fährt mit dem Kind Schlitten, während sein Meister zuschaut. Nun ist der Hass in dem Zauberlehrling geboren und der Racheplan steht schnell fest. Doch dazu braucht es einen etwas mächtigeren Dämon. Flugs macht Nathanael sich daran und beschwört den Dschinn Bartimäus.

Bartimäus hätte natürlich vieles lieber getan als einem rotznäsigen Lümmel von Zauberlehrling zu Diensten zu sein. Mit allen Mitteln versucht er sich der Beschwörung zu erwehren, doch zwecklos. Er muss gehorchen. Dabei ist die Aufgabe alles andere als einfach. Doch Bartimäus ist zwar nicht der mächtigste Dämon, dafür einer der listigsten. Und so gelingt es ihm auch, den Plan des Jungen auszuführen. Aber wenn der Dämon glaubt, damit hätte es sich auch, dann irrt er sich. Denn ohne es zu wissen, hat sein Beschwörer einen Plan der finstersten Sorte aufgedeckt und die mächtigen Magier, die dahinter stehen, sind ziemlich sauer. Und so stecken Bartimäus und Nathanael in echten Schwierigkeiten.

Der Roman gehört zu einer kleinen Reihe von Büchern, die als Debüt des Schriftstellers Jonathan Stroud in den Staaten Furore gemacht haben. Bereits kurz nach dem Erscheinen wurde das erste Buch für 20 Länder lizenziert. Dabei ist jedoch die Nähe zu einer anderen Erfolgsserie wohl eher von Bedeutung als eine ungeheure schriftstellerische Leistung, die ich hier nur bedingt feststellen kann.

Üblicherweise verzichtet ein Kritiker auf einen Vergleich. Doch da der Vertrieb des Buches sich daran orientiert und zugleich eine Menge tatsächlicher Parallelen existieren, muss man den Roman in Bezug zu der Reihe „Harry Potter“ sehen. Vertrieblich ist „Bartimäus“ sicherlich das Buch, welches überhaupt als Nachfolger des Fantasy-Jugend-Bestsellers gesehen werden kann. Wir haben England als Lokation, einen jungen Zauberlehrling und fiese Magier als Gegner. Das war es allerdings auch. Einem Vertrieb mag das reichen, doch einem Kritiker nicht.

„Bartimäus“ ist ein rundum eigenständiges Buch, das nicht nur besser geschrieben, sondern auch tiefgehender als der erste |Harry Potter|-Band ist. In dem Buch findet man alles, was ein spannendes Werk ausmacht und zudem noch eine Menge Gesellschaftskritik und Nachdenkenswertes. Der Autor nutzt die Außensicht des Dämons auf die Welt der Menschen, um kritisches Gedankengut zu verbreiten. Während die „Muggles“ bei Roawling als Menschen zweiter Klasse liebevoll akzeptiert werden, bricht der Dämon Bartimäus eine Lanze für die magisch Unbegabten. Nathanael argumentiert wie ein kleiner Rassist für das faschistische Regime der Magier über die Menschheit. Durchgehend schildert der Roman aus zwei abwechselnden Perspektiven nicht nur das Abenteuer, sondern auch die alternative Welt. So wird dem Leser nicht nur die Sicht des überzeugten Zauberlehrlings beigebracht, man erhält zusätzlich noch die fast wortwörtliche Vogelperspektive des Dämons.

Faszinierend ist dabei noch der schriftstellerische Kniff, in zwei unterschiedlichen Zeitebenen zu beginnen, die sich passend zum Spannungshöhepunkt treffen. Ab dieser Eskalationsstufe nimmt der Roman dermaßen an Fahrt auf, dass ein Weglegen des Buches zur Qual wird.

„Bartimäus“ ist sicherlich kein literarisch wertvolles Vollkornbrötchen, sondern eher ein luftig leichtes Weißbrot; schnell konsumiert mit mangelndem Sättigungsgefühl. Dementsprechend bekommt man Hunger nach mehr und glücklicherweise liefern Autor und Verlag noch weiteres Lesefutter. Wer sich nicht vor der Sucht nach spannenden Büchern fürchtet, der sollte hier zugreifen.

_Jens Peter Kleinau (jpk)_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht, dem großen deutschsprachigen Onlinemagazin für Fantasy, Science-Fiction, Horror und Rollenspiele.|

Nigel Marven & Jasper James – Monster der Tiefe. Im Reich der Urzeit

Eine Zeitreise in sieben Etappen führt einen wagemutigen Tierfilmer in die Meere der irdischen Vergangenheit. Im Auftrag des Lesers taucht Nigel Marven in geheimnisvolle Tiefen, um deren gewaltige Bewohner aufzuspüren. Im Ordovizium (vor 450 Mio. Jahren) treffen wir auf Seeskorpione und Monumental-Tintenfische in schultütenspitzen Schutzschalen, im Devon (vor 360 Mio. Jahren) auf einen Albträume verursachenden, brechscherenkiefrigen Knochenpanzerfisch. In der Trias (vor 230 Mio. Jahren) erobern die Dinosaurier die Ozeane, im Jura (vor 155 Mio. Jahren) beherrschen sie diese, in der Kreide (vor 75 Mio. Jahren) verwandelt eine Flut bizarrer Riesensaurier die Weltmeere in das Aquarium des Teufels. Im Eozän (vor 36 Mio. Jahren) haben ebenfalls nicht handzahme Säugetiere diesen Lebensraum übernommen, aber im Pliozän (vor 4 Mio. Jahren) lehrt sie ein omnibusgroßer Haifisch das Fürchten.

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Felten, Monika – Elfenfeuer

„Deutscher Phantastik-Preis“, ruft der helle Aufkleber auf schwarz-weißem Cover-Hintergrund (eine alte Burg, von Dunkel umhüllt). Deutscher Phantastik-Preis? Von wem vergeben? Da schweigt des Covers Höflichkeit … Nun ja – Preis, immerhin. Also lesen wir es doch mal.

Prolog: Die Nebelelfe Shari beobachtet, wie in der Finstermark, dem unwirtlichen Gebiet nördlich des Reiches Thale, Truppen zusammengezogen werden. Es ist der übliche Dunkle Herrscher, diesmal heißt er An-Rukhbar, und natürlich will er Thale erobern. Leider kann Shari die Elfen, Menschen und Druiden nicht mehr warnen …

Erstes Buch, viele Jahre später: Erzählt wird die Geschichte des Mädchens Ilahja, die in Zusammenhang steht mit der Prophezeiung des letzten Druiden von Thale, Anthork. Der sagte An-Rukhbar voraus, dass einst beim Schein der Zwillingsmonde ein Kind geboren werde, das ihn stürzen würde. An-Rukhbars Magie macht seitdem – eigentlich – alle Frauen unfruchtbar, aber hin und wieder eben doch nicht so ganz. Ilahja, die als Kind von einer geheimnisvollen Unbekannten vor dem Tod gerettet wurde, wird natürlich die Mutter dieses Kindes sein, und natürlich verhindern alle Machenschaften des Obersten Kriegsherren Tarek und des Meistermagiers Asco-Bahrran nicht, dass es zur Welt kommt. Zumal die Herren immer nach einem Sohn suchen lassen. Pech – diesmal darf ein Mädchen die Welt retten.

Zweites Buch: Das Mädchen heißt Sunnivah, wuchs bei den letzten Priesterinnen der Gütigen Göttin auf und wird nun geweiht. Ach ja: Die Gütige Göttin wurde von An-Rukhbar in ein magisches Gefängnis gesperrt, und er hat auch ihren Stab der Weisheit geraubt, ohne den sie fast machtlos ist. Sunnivah muss also den Stab zurückgewinnen und die Göttin befreien. Ihre Aufgabe darf sie gemeinsam mit Naemy, einer der letzten Nebelelfen, mit der Kriegerin Fayola und Vhait, dem Sohn des Obersten Kriegsherren, lösen (Vhait hat sich von seinem Vater losgesagt, als ihm klar wurde, wie grausam dieser ist).

Drittes Buch: Showdown. Rebellenarmeen, dämonische Halbwesen, Schlacht um Nimrod, Sunnivahs Aufstieg zum Himmelsturm; nur dort kann der Stab zurückgegeben werden (der Berg – ein beliebtes Symbol in der Fantasy …).

Zusammengefasst: nichts wirklich Neues. Doch das lässt sich gegen die meisten anderen Fantasy-Romane auch einwenden. Hell und Dunkel, Queste, Reifen des Helden/der Heldin, Prüfungen, Qualen, Kämpfe, Sieg. Aber warum liest man Romane wie „Der Engelsturm“ (Williams), „Grüner Reiter“ (Kirsten Britain) oder „Bannsänger“ (ADF) mit angehaltenem Atem und ohne sie wegzulegen – obwohl sie doch genauso vorhersehbar sind? Und warum weckt ein Roman, der immerhin den „Deutschen Phantastik-Preis“ erhielt, diese Anteilnahme nicht? Monika Felten erzählt einfach zu glatt (und manchmal, wie am Ende des dritten Buches oder im Epilog, hart an der Fürstenroman-Grenze). Richtig gefährlich wird es nie und somit auch nicht richtig spannend. Doch das ist es nicht allein – auch die Charaktere bleiben blass, sind „die üblichen Verdächtigen“; ich konnte nicht mit ihnen fühlen. Konflikte werden ebenso schnell gelöst, wie sie herbeigeführt werden; innere Kämpfe finden selten statt, und wenn ja, dann glaubt man sie kaum. Fantasy für Brave: Gib dir nur Mühe, dann klappt s auch. Ereignis auf Ereignis, Hürde auf Hürde, aber nichts davon vermag wirklich Angst um die Helden zu machen; und eine graue Wölfin sowie ein legendärer Riesenvogel sorgen dafür, dass sich auch die letzten Gefahren in Nichts auflösen. Kein Vergleich zu Szenen wie der am Rande der Schicksalsklüfte, als Frodo den Ring nicht hineinwerfen will – und die Welt praktisch am Ende ist. Auch nicht zu jener, in der die Helden auf dem Engelsturm stehen und begreifen, dass die Prophezeiung von den drei Schwertern sie die ganze Zeit in die Irre geführt hat. Da kann noch alles passieren, ist alles offen (auch hier weiß man ja, dass es gut ausgehen wird, aber wie bloß??). Doch wenn die dämonischen Cha-Gurrline über Feltens Gefährten herfallen, ist klar, dass die Wölfin und/oder der Vogel es schon richten werden – von vornherein …

Um nicht missverstanden zu werden: Es handelt sich bei diesem Buch um flüssig erzählte, handwerklich saubere Fantasy, die man sich durchaus auf einer Bahnfahrt zum Zeitvertreib gönnen kann. Und es gibt Dutzende Bücher, auch aus dem anglophonen Raum, die langweiliger oder schlechter erzählt oder beides sind. Insofern kann man für „Elfenfeuer“ das Prädikat „Akzeptabler Durchschnitt“ vergeben. Bloß: Dieses Buch hat den „Deutschen Phantastik-Preis“ bekommen. Was eine Frage und/oder eine Vermutung offen lässt. Die Frage: Ist bei der Preisvergabe alles richtig gelaufen – hat die Jury alle relevanten Bücher gelesen? Die Vermutung: arme deutsche Fantasy …

_Peter Schünemann_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

de Camp, Lyon Sprague – H. P. Lovecraft – Eine Biographie

Was lange währt, wird gut? Auf die ungekürzte Ausgabe der Lovecraft-Biographie mussten die deutschen Leser über 27 Jahre warten; 1975 schon hatte Lyon Sprague de Camp sie verfasst. Dem Wissbegierigen blieb nur, sich mit „Der Einsiedler von Providence – Lovecrafts ungewöhnliches Leben“ zu begnügen, einer Sammlung von Essays und Erinnerungen, die 1992 bei |Suhrkamp| erschien; und irgendwann, laut Boris Koch in „Mephisto 22“, erschien auch eine stark gekürzte Taschenbuchausgabe der Biographie. Nun aber liegt uns das vollständige Werk vor, ein 640-Seiten-Monument ohne Bilder (dafür mit vielen Fußnoten).

Eigentlich, so der Autor im Vorwort, wollte August Derleth dieses Buch schreiben – doch er starb, bevor er es in Angriff nehmen konnte. Also machte sich LSdC, der schon Artikel über Lovecraft und dessen Kollegen veröffentlicht hatte, an diese Aufgabe. Das erscheint einem legitimiert, da Sprague de Camp seit Jahren die |Conan|-Serie Robert E. Howards weiterschreibt, zum Teil nach dessen Entwürfen; Howard aber war ein enger Brieffreund Lovecrafts und zählte mit diesem und Clark Ashton Smith zu den „drei Musketieren des |Weird Tales|“, des Pulp-Magazins, ohne das wir vieles nicht hätten, wohl auch Lovecraft nicht. Kurios ist aber, dass de Camp bei intensiven genealogischen Nachforschungen tatsächlich auf seine entfernte Verwandtschaft mit HPL stieß (etwa so, wie Bilbo mit Pippin verwandt ist, glaube ich).

Doch kann man dem Autor auch zustimmen, wenn er meint, für diese Aufgabe vielleicht sogar besser geeignet zu sein: „Wo Derleth Lovecraft fast bis zur Vergötterung bewunderte, hatte ich das Gefühl, mich dem Thema objektiver nähern zu können.“ Richtig? Jedenfalls erweist sich de Camps Blick als ebenso anerkennend wie kritisch. Er würdigt sehr wohl Lovecrafts Leistungen als Erfinder guter Geschichten, als Schöpfer des |Cthulhu|-Mythos oder als Inspirator anderer; er sieht aber auch seine Schwächen auf literarischem Gebiet, allen voran die berüchtigte „Adjektivitis“. Der Leser findet im Buch kurze Inhaltsangaben zu den meisten Geschichten (ohne dass immer der Schluss verraten wird) und eine Bewertung der Texte, die oft herausfordert. Auch mit dem Schöpfer der Texte geht Sprague de Camp ins Gericht, er lässt weder Lovecrafts Unwillen (und Unfähigkeit?) aus, sich in der Erwerbswelt durchzusetzen, noch seine rassistischen Tiraden (die mitunter Hitler oder Goebbels alle Unehre machen). Andererseits betont er aber auch HPLs persönliche Konzilianz und Großzügigkeit sowie seine enorme autodidaktische Bildung und Vielseitigkeit. Er geht den Wurzeln in Kindheit und Erziehung nach, die einen Menschen von 25 sich als „alt“ und „Großvater“ bezeichnen ließen, und er verzweifelt beinahe über Lovecrafts „Talent“, sich nicht zu vermarkten. (Hier kann übrigens der angehende oder es sein wollende Schriftsteller einiges aus der Erfahrung des Profis mitnehmen, der sich seinen Rang – und sein Auskommen! – hart erkämpfen musste; man multipliziere die Schwierigkeiten aber, denn man lebt in Deutschland.)

Vieles wird präzise aufgelistet; wir erfahren ganze Tagesabläufe, Reiserouten, Einnahmen-Ausgaben-Bilanzen und dergleichen mehr. Es entsteht das Bild eines „Gentleman“, der nach dem Ideal des vermögenden vielseitigen Dilettanten lebte, ohne aber Vermögen zu haben; der sich (zu) lange an einer auf immer entschwundenen Vergangenheit und ihren Traditionen wie Vorurteilen orientierte; der nicht bereit war, von seinen Überzeugungen abzurücken. Hier trifft Sprague de Camp gut den Ton zwischen Unverständnis und Anerkennung; weder bejaht er vehement Lovecrafts hartnäckigen Widerstand gegen den Kommerz, noch lehnt er ihn rigoros ab. Ebenso steht es mit der Beurteilung des exzessiven Briefschreibers und Amateurjournalisten HPL; die enorme Leistung wird anerkannt, aber immer wieder kommentiert mit einem „Hätte er in dieser Zeit lieber Geschichten geschrieben …!“

So ist diese Biographie ein sehr persönliches Buch, das sich (so weit möglich) um Objektivität bemüht. Es macht Lovecraft und viele Personen seiner Umgebung lebendig, zeigt Zeitumstände, Widrigkeiten und Erfolge, ist farbig und engagiert verfasst, liest sich von Anfang bis Ende flüssig, lässt keine Langeweile aufkommen. Sein einziger Makel: sein Alter; in fast dreißig Jahren, sollte man meinen, hat die Forschung sich weiterbewegt, so dass Zeit für eine neue Betrachtung wäre. Hat sie noch niemand geschrieben? Wenn doch, wäre eine weitere Veröffentlichung wünschenswert. Aber vielleicht hat es noch keiner gewagt, sich mit Lyon Sprague de Camps Buch zu messen; das wäre alles andere als ein leichtes Geschäft.

_Peter Schünemann_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Suzuki, Kôji – Ring III – Loop

Die Welt irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft: Das ringförmige MHCV-Virus löst den Erreger der AIDS-Pest als unheilbaren Massenkiller Nr. 1 ab. Vor allem in Nordamerika und Japan erkranken die Menschen an einer neuen Sorte Krebs, der sich trotz fortgeschrittener Heilungsmethoden nicht stoppen lässt.

Auch die Eltern des Medizinstudenten Kaoru Futami aus Tokio sind betroffen. Der erst 20- Jährige sucht verzweifelt nach Rettung. Eine Reihe mysteriöser Zufälle führt ihn auf die Spur des bizarren „Loop“-Projekts. Fast vier Jahrzehnte zuvor hatten Forscher in den Vereinigten Staaten und Japan mehr als 1,2 Millionen Computer zusammengeschaltet, um eine Simulation künstlichen Lebens zu erschaffen. Das Experiment glückte zunächst und schuf eine Welt, die zum Spiegelbild der Realität wurde. Bevölkert wurde der „Loop“ schließlich von „Menschen“, die nie ahnten, dass sie nur im Inneren einer digitalen Matrix existierten.

Das „Loop“-Projekt scheiterte, als eine virtuelle Epidemie ihre Bewohner befiel und aussterben ließ. Das Grauen trug die Gestalt einer jungen Frau namens Sadako Yamamura, die es mit Hilfe eines trickreich verseuchten Videobandes in die künstliche Welt brachte. Schließlich bestand der „Loop“ nur noch aus Yamamura-Kopien und starb schließlich aus. Das Projekt wurde abgebrochen, sein Schöpfer, der Amerikaner Christopher Eliott, zog sich in die wissenschaftliche Emigration zurück.

Doch ist der „Loop“ wirklich „tot“? Kaoru kommt der schreckliche Verdacht, dass der „Ring“-Virus gar nicht Ergebnis einer natürlichen Mutation ist, sondern ursprünglich aus dem „Loop“ kam. Wenn dem so ist, müssten sich in den Unterlagen des Projekts Hinweise auf seine Bekämpfung finden lassen. Kaoru macht sich deshalb auf in die USA. In der Wüste New Mexicos stößt er auf das, was er gesucht hat. Allerdings ist die Wahrheit hinter dem „Loop“-Mirakel ist weitaus grotesker als der gesunde Menschenverstand es sich träumen ließe – und Kaoru entpuppt sich als Schlüssel zur einzigen Hoffnung für die Menschheit, die in einer bizarren Verschmelzung zwischen Realität und Simulation liegt …

Erfolge in Serie – seien sie geschrieben oder verfilmt – unterliegen wie die Protagonisten unserer Geschichte einem Fluch: Sie verlieren an Wirkung und schwächen sich zur Routine ab. Auch [„Ring II – Spiral“ 251 bestätigte diese alte Binsenweisheit aufs Bedauerlichste. Das drosselt die Erwartungen, die sich an eine weitere Fortsetzung knüpfen.

Überraschung: „Ring III – Loop“ ist ein sauber geplotteter und flott geschriebener Lesespaß, der den allzu routinierten Vorgänger glatt vergessen lässt. Tatsächlich ist der dritte (und bisher letzte) Roman der „Ring“-Reihe womöglich der beste. Dafür gibt es mehrere Gründe.

So gefällt vor allem Suzukis Bereitschaft, sich von den Wurzeln seiner Saga zu lösen. [„Ring“ 170 begann als Gruselgeschichte um eine ermordete, von den Toten rächend auferstehende Geisterfrau, die sich der (zum Zeitpunkt ihres Erscheinens) modernen Technik bediente, um Schrecken und Tod über ihre Opfer zu bringen. Später löste Science-Fiction den Horror ab: Sadako Yamamura „outete“ sich als personifizierte Inkarnation eines intelligent gewordenen Virus‘, der sich die Menschenwelt untertan machen wollte.

Dies lesen und sich fragen, wie es jetzt noch weitergehen könnte, lag nahe. Verfasser Suzuki ließ sich vier Jahre Zeit. Ihm gelang es in der Tat, eine logische Fortsetzung für seine Geschichte zu finden. Das muss freilich an dieser Stelle betont werden, denn inzwischen ist Suzuki ein Opfer der Zeit geworden: „Loop“ scheint die Imitation der Hollywood-Blockbuster-Trilogie „Matrix“ zu sein, so zahlreich sind die inhaltlichen Parallelen. Tatsächlich ist es höchstens umgekehrt, denn „Ring III“ war früher da. Offenbar haben sich eher die Wachowski-Brüder „inspirieren“ lassen …

Wobei die Idee der simulierten zweiten Realität ohnehin ein alter Hut der Science-Fiction ist. Daniel F. Galouye hat mit „Simulacron-3“ (dt. „Welt am Draht“/“Simulacron-Drei“) 1964 sicherlich den (verfilmten) Klassiker geschaffen. Der von der Kritik verehrte Philip K. Dick hat diese Idee gleich mehrfach kongenial durchgespielt, vielleicht am effektvollsten 1969 mit [„Ubik“ 652 (dt. „Ubik“).

Auch Suzuki hat also das Rad nicht erfunden, aber er weiß es im Rahmen seiner Möglichkeiten geschickt rollen zu lassen. Selbstverständlich könnte man mäkeln – über den allzu kunstlosen Erzählstil, die nur scheinbar dreidimensionalen Figuren, über die unnötige Reise nach USA, die vollständige Entzauberung des Yamamura-Mythos … Doch was ist die „Ring“-Saga eigentlich? Doch „nur“ Unterhaltungs-Handwerk, eine spannende Geschichte, die hier mutig ein neue Wendung nimmt und nicht nur ihre gelungene Fortsetzung, sondern auch eine zufriedenstellende Auflösung erfährt.

Dass „Ring III“ in der Zukunft spielt, wird übrigens nur am Rande deutlich. Science-Fiction kommt höchstens ins Spiel, wenn Suzuki (halbwegs) glaubhaft Technobabbel kreiert, wo virtuelle Welten oder Klone geschaffen werden. Politisch und gesellschaftlich hat sich sonst offenbar auf der Erde nichts Gravierendes getan.

Es klang bereits an: Von liebgewonnenen Figuren der „Ring“-Folgen 1 und 2 müssen wir uns verabschieden. Ein Trostpflaster schenkt uns der Verfasser jedoch: Der allzu neugierige Journalist Asakawa, die böse Sadako Yamamura sowie der zynische Ryuji Takayami tauchen in einer ausführlichen Rückblende auf, die (da war Suzuki im zweiten Teil wesentlich ungeschickter) nicht einfach eine Nacherzählung der Vorgeschichte ist, sondern diese gleichzeitig des besseren Verständnisses wegen und zur Erinnerung erzählt und gleichzeitig in ihren neuen, veränderten Handlungsrahmen stellt.

Ansonsten treffen wir – nicht ohne Grund, wie wir schließlich erfahren – in der Person des Kaoru Futami die typische „Ring“-Hauptfigur wieder: Der junge Mann ist eigentlich nur neugierig (bzw. in diesem Fall wissbegierig), ein Jedermann, der eher zufällig in das bedrohliche Geschehen verwickelt wird und dabei mächtig einstecken muss. Eine unglückliche Liebesgeschichte gehört ebenfalls zum Plot, während es dieses Mal keinen guten Freund an der Seite des Helden gibt.

Die japanische Welt ist dem westlichen Leser in „Ring III“ nur mehr bedingt fremd. Suzuki hat seine Geschichte „globalisiert“, lässt sie auf vielen Seiten sogar in den USA spielen. Nur noch selten finden sich die interessanten Eigenheiten der japanischen Gesellschaft. Weiterhin Unzufriedenheit dürfte bei den weiblichen Lesern die traditionelle asiatische „Unterwürfigkeit“ der auftretenden Frauen hervorrufen.

Christopher Eliott zieht als ebenso weiser wie undurchsichtiger „Gottvater“ aus dem Hintergrund die Fäden. Wie er seinen „Sohn“ zur Rettung der Welt schickt, weist durchaus Parallelen zur biblischen Geschichte auf, was zweifellos beabsichtigt ist und immer noch dazu taugt, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen und der Kritik Vielschichtigkeit vorzugaukeln.

Suzuki Kôji wird uns auf dem Cover inzwischen nicht mehr als „Japans Antwort auf Stephen King“ verkauft, sondern hat es zu „Japans Bestsellerautor #1“ gebracht; praktisch, wenn ein Land so weit entfernt und fremdartig ist, dass sich solche Behauptungen kaum überprüfen lassen … So enthusiastisch dröhnt jedenfalls die Werbung, die stets auf der Suche nach einer Schublade für neue, kommerziell noch unerprobte Talente ist.

Ob Kôji im Land der aufgehenden Sonne tatsächlich den zugewiesenen Ruhm genießt, müssen wir glauben oder nicht. Was wir wissen: Bis 1991 kannten auch die Japaner Kôji nicht. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen. Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte Kôji 1990 einen (japanischen) „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab ab 1991 seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 diesen Roman verfilmte. Trotz vieler Änderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg, der selbstverständlich mehrfach fortgesetzt wurde sowie die übliche verwässerte Hollywood-Interpretation erfuhr.

Wen es drängt, sich tiefer in das „Ring“-Universum ziehen zu lassen, sei auf die zahlreichen einschlägigen Websites verwiesen. Ihrem Rezensenten gefiel am besten http://ringworld.somrux.com – außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren.

Ruth Rendell – Dunkle Wasser

Das geschieht:

Kingsmarkham ist eine Kleinstadt in der britischen Grafschaft Sussex. In diesem Spätherbst haben sintflutartige Regenfälle den Kingsbrook und die anderen Flüsse über die Ufer treten lassen. Ganze Landstriche versinken in den Fluten, ein Ende der Wolkenbrüche ist nicht abzusehen. Auch dem Haus von Chief Inspector Reginald Wexford droht die Überflutung. Der Kriminalist ist daher abgelenkt, als dem Dezernat für Kapitalverbrechen ein seltsames Vorkommnis gemeldet wird: Die Geschwister Giles (15) und Sophie (13) Dade sind verschwunden. Ebenfalls vermisst wird Joanne Troy, eine Freundin der Familie, die ein Auge auf sie halten sollte.

Während Vater Roger, ein strenger und humorloser Mann, das Verschwinden seiner Kinder vor allem als Ärgernis zu betrachten scheint, verfällt Mutter Katrina der Hysterie und vermutet Sohn und Tochter irgendwo ertrunken in den Hochwasserfluten. Ein bei der Suche angeschwemmtes Shirt von Sophie könnte dies bestätigen, aber Wexford glaubt eher an eine Entführung. Ruth Rendell – Dunkle Wasser weiterlesen

Matute, Ana María – vergessene König Gudú, Der

Dicke Fantasy-Romane fordern wohl geradezu schicksalhaft den Vergleich mit dem Werk eines gewissen J. R. R. Tolkien heraus. (Dünne übrigens auch. Aber dicke eher.) So konnte es nicht ausbleiben, dass Ana María Matutes 590-Seiten-Buch das x-hundertste „Tritt-das-Erbe-an“-Prädikat bekam. Fairerweise muss hinzugefügt werden: nicht vom Verlag selbst. Die Leute, die das Buch herausbrachten, scheinen wohl gewusst zu haben, dass hier etwas doch sehr von Tolkien Verschiedenes ans Licht gelangt ist. Aber wer einmal unter amazon.de nachschaut, der wird finden, dass sowohl Redaktion als auch Leser den berühmt-berüchtigten Vergleich bemühen, der in diesem Fall so fehlgeht wie nur irgend möglich. Denn schon ein Anlesen der ersten Seiten verrät, dass Matutes Diktion, Aufbau der Geschichte und Absicht sich deutlich von denen Tolkiens im „Herr der Ringe“ unterscheiden. Was kein Tadel sein soll; aber man kann Wein und Bier, Erdbeeren und Tomaten nun einmal nur im Allgemeinen miteinander gleichsetzen. Das Allgemeine heißt hier: Fantasy. Heißt also: große Themen mit den Augen des Träumers und des Kindes betrachten und ein wunderbares „Was-wäre-wenn“-Spiel spielen. Liebe und Tod, Treue und Verrat, Gut und Böse sind natürlich Motive, die seit dem Gilgamesch-Epos überall und immer wiederkehren; der Fantasy-Schreiber aber hat seine besondere, verfremdende Sicht auf diese Alltagsdinge.

Zur Geschichte Gudús: Sie geht so bald noch nicht richtig los. Geboren wird der Kleine auf S. 219; auf S. 256 wird er durch einen Zufall – eine Fügung des Schicksals? – zum König des Reiches von Olar. Der sterbende König Volodius liebt ihn nicht sonderlich, ebenso wenig wie seine Mutter, Königin Ardid – die einem unterworfenen Volk entstammt und Volodius nur geheiratet hat, um Rache nehmen zu können; da war sie erst sieben Jahre alt. Doch auch diese Hochzeit findet recht spät statt; zuvor muss man noch weitere Herrscher und Geschichte(n) Olars kennenlernen. Die Meinungen hierüber mögen geteilt sein: Wer an halb legendenhaften, halb historischen Erzählungen seinen Spaß hat, wird jede Seite genießen, wer allerdings eine stringente Handlung mit |action| erwartet, wird diesen Teil wohl überblättern. Ana María Matute, meine ich, hat diesen langen Anlauf nicht umsonst gewählt; es geht ihr darum zu zeigen, wie die Biographie eines Menschen schon durch die Biographien seiner Vorfahren geformt wird, und es geht ihr um die Verbindung von Geschichte und Menschenschicksalen. So haben wir es hier mit einem Werk zu tun, das sich eher mit den Gesta Danorum des Saxo Grammatikus vergleichen lässt, jener bis in die mythische Vorzeit zurückgreifenden Geschichte der dänischen Herrscher. Vor allem das Thema des Strebens nach unumschränkter Macht prägt das Buch – Volodius ist ein Machtmensch, Gudú will zum Herrscher der gesamten bekannten Welt werden. Und der einzige gute Prinz, Nobel (die redenden Namen stören ein wenig), erleidet das Schicksal aller, die nicht um Macht, sondern um Liebe bemüht sind – er stirbt. Mit seinem Tod endet dieses Buch, das ja eigentlich nur ein erster Teil ist. Gudú, auf der Höhe seiner Macht, hat sich an Prinzessin Naivia gerächt, die ihn zurückwies, und hat auch seiner klugen, machtbewussten Mutter gezeigt, wer hier der Herr im Hause ist. Den Opfern bleibt nur der Rückzug in eine Märchenwelt, in das Land der Phantasie jenseits des Todes.

Insgesamt lässt sich sagen, dass dieses Buch weit mehr Märchenmotive aufweist als die meisten anderen Fantasy-Bücher. Darin unterscheidet es sich auch von Tolkiens Werk, das episch-legendär geprägt ist. „Der vergessene König Gudú“ hat seinen eigenen Reiz (der sich freilich nicht jedem und manchem recht spät erschließen mag). Vergleiche bringen da wenig, sie wecken nur Erwartungshaltungen, die dann enttäuscht werden könnten; dieses Buch ist sehr besonders. Ana María Matutes Neigung zur starken Verfremdung der Realität und zum Aufbau einer Traumwelt, die mir schon bei ihren Kurzgeschichten („Seltsame Kinder“, Insel-Verlag Leipzig 1979) gefallen hat, kommt hier häufig zum Tragen und macht das Lesen zu einem Erlebnis eigener Art.

_Peter Schünemann_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Klaas, Peter – Vogelspinnen

Bevor man mit der Aufnahme von irgendwelchen Hausgenossen beginnt, sollte man sich gut informieren. Da ist das Wälzen eines oder mehrerer Sachbücher natürlich immer empfehlenswert. Gerade für Vogelspinnen gilt das besonders, denn über kaum ein anderes Tier kursieren so viele Schauermärchen, Halbwahrheiten und blanker Unfug. Doch auch wer Vorurteile oder Ängste abbauen und seine eventuell vorhandenen Bildungslücken über die faszinierenden Achtbeiner zu schließen gedenkt, kommt um Literatur nicht herum. Das Problem: Obwohl Vogelspinnen schon recht lange bekannt sind und die ersten Arten im Ausklang des 19. Jahrhunderts ausführlicher erforscht und beschrieben wurden, ist dieser Wissenschaftszweig, was die korrekte Katalogisierung und Genealogie angeht, noch recht jung und befindet sich auch heute noch im konstanten Fluss. Seit 1989 versucht Peter Klaas ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen.

Selbst unter Züchtern und Betreibern von Zoogeschäften herrscht immer noch teilweise Uneinigkeit, was die korrekte Haltung und Pflege von Spinnen generell angeht, von selteneren Arten mal ganz zu schweigen. Jeder hat da – wie so oft – seine Meinungen und Ansichten. Es werden immer noch bislang unbekannte Vogelspinnen entdeckt. Zudem ändert sich die Rassenzuordnung und die Einsortierung vermeintlich unlängst bekannt geglaubter Arten weiterhin, da sich die bisherigen (nicht nur aber hauptsächlich) partiell als falsch herausstellten. Damit hat sich Klaas nicht nur Freunde in der Szene gemacht, einige werfen ihm Regelungswut und Profilierungssucht vor. Inwieweit solche oft recht unsachlich geäußerten Vorwürfe gerechtfertigt sind, vermag ich nicht zu beurteilen – da schwingt aber sicher eine gute Portion Neid mit.

_Der Autor_
Peter Klaas ist Leiter des Insektariums des Kölner Zoos und beschäftigt sich seit Jahren ausführlich mit den Vertretern der Gattung Theraphosinae, den Vogelspinnen. Er pflegt und züchtet sie auch privat und bereist immer wieder die Herkunftsländer, um die Tiere in ihrem natürlichen Habitat zu beobachten. Ihm gelingen dabei einige sehr beachtenswerte Entdeckungen. 1989 erscheint sein viel beachtetes Erstlingswerk „Vogelspinnen im Terrarium“, wo er einige der bis dato herrschenden Falschinformationen ausräumt und somit auch gleichzeitig den Grundstein für die private Spinnenhaltung hierzulande legt. Er gilt als Pionier auf dem Gebiet. Vor dieser Zeit ist die Pflege von Vogelspinnen außerhalb von Zoos allenfalls ein Thema für exzentrische Sonderlinge – wenn überhaupt. Klaas ist immer mal wieder zu Gast auf Symposien und Conventions, wo er Vorträge über Spinnen und ihre Lebensräume hält, welche er des Öfteren bereist.

_Das Buch_
Beide bislang erschienen Bücher gelten als Standardwerke der Thematik und sind im |Eugen Ulmer|-Verlag als A4-Hardcover mit Hochglanzseiten erschienen. Sein derzeit neuestes Werk beschäftigt sich zu Beginn mit Körperbau, Herkunft, Pflege und Zucht von Vogelspinnen im Allgemeinen. Dieser Part richtet sich vornehmlich an Einsteiger in die Materie, bietet aber auch dem vorgebildeten Leser hier und da ein paar interessante Fakten und Kniffe. Der Schreibstil ist nicht wissenschaftlich hoch gestelzt, gut verständlich, kommt aber insgesamt recht trocken rüber. Sicherlich kein Buch, das man aus lauter Vergnügen mal liest, sondern eher zur Hand nimmt, wenn man etwas nachschlagen will – wirkliches Interesse ist also zwingend Grundvoraussetzung, Vorkenntnisse hingegen nicht. Nach der Lektüre dieses Teils weiß man schon prinzipiell alles, was man so wissen sollte, wenn man sich mit den Tieren beschäftigen oder sie gar pflegen/züchten möchte.

In der zweiten Hälfte stellt Klaas einige ausgesuchte Arten im Detail vor, die in seinem Erstling von 1989 entweder noch fast unbekannt oder zuvor inkorrekt bezeichnet/einsortiert waren. Hier werden die Tipps und Informationen zu den Arten schon etwas spezieller, oft finden sich auch schöne Fotos – zum Teil – aus freier Wildbahn daneben, wodurch man sich dann auch ein Bild von dem entsprechenden Tier machen kann. Die Betonung liegt hier eindeutig auf „einige“, denn so besonders üppig fällt der Arten-Teil, was die darin besprochenen Spinnen angeht, nicht gerade aus. Auch sind längst nicht alle Arten einer Rasse verzeichnet, sondern nur ausgewählte. Informationen zur Haltung und eventuell – falls überhaupt angegeben – Eignung für Anfänger oder über den Charakter finden sich nicht tabellarisch, sondern müssen aus dem Volltext entnommen werden. Das finde ich persönlich etwas unpraktisch und hätte in Form eines (kleinen) Steckbriefs für jedes Tier für mehr Übersicht auch (und gerade) unter interessierten Anfängern gesorgt.

Apropos Übersicht: Da Klaas (und Schmidt) für eine Vielzahl von Umbenennungen in letzter Zeit verantwortlich sind, ist es aber lobenswert, dass die alten Synonyme und Handelsbezeichnungen bei den aufgeführten Arten ebenfalls genannt werden, ansonsten würde heilloses Durcheinander zwischen alter und neuer Ordnung entstehen, denn vielerorts (hauptsächlich im Ausland, doch auch hierzulande) werden häufig noch die alten Bezeichnungen verwendet. Verwirrend genug, dass mehrmals bei einigen Arten auf Klaas‘ erstes Buch verwiesen wird, wo zum Teil noch die alten Namen verwendet werden. Die alphabetische Sortierung von A(scanthoscurria) bis X(enestis) ist in Ordnung – jedenfalls solange man weiß, wie die gesuchte Spinne wissenschaftlich heißt. Wem nur der Handelsname bekannt ist, der hat ein kleines Problem mit dem Finden. Es ist dafür aber sehr hilfreich, dass neben dem Namen auch die Herleitung des selbigen – meist aus dem Lateinischen oder Griechischen entlehnt – aufgeschlüsselt wird. So wird schon mal klar, warum eine Spinne mit ihrem wissenschaftlichen Namen eben genau so heißt.

Nun erhebt das Buch auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ist keine Pflegeanleitung jeder existenten Vogelspinnenart, doch ist man (vor allem als Newbie) für einen einigermaßen breiten Überblick beinahe gezwungen, sich auch noch das erste Buch zuzulegen, was – man ahnt es – ebenfalls knapp 40 Euro kostet, bei nahezu identischem Umfang. Mein Vorschlag wäre, beide Bücher zu kombinieren, vernünftig zu lektorieren und dann als erschwinglichen Taschenbuch-Ratgeber herauszugeben. Dass so etwas geht und dabei auch mehr Übersichtlichkeit durchaus machbar ist, beweist der bei |Mergus| erscheinende, mehrbändige „Aquarien-Atlas“, bei ähnlich gelagerter Thematik. Auch hier befinden sich nicht alle Fischarten in einem Band (geht bei diesem Umfang auch gar nicht), doch sieht hier zum Beispiel – anhand eines Steckbriefs – auch der Neuling schon auf einen Blick die wichtigsten Informationen.

Schon kurz nach der Ersterscheinung 2003 ging das aktuelle Buch in die zweite, komplett überarbeite Auflage. Dennoch ist der Ausgabe ein ganzes DIN-A4-Blatt mit Errata beigelegt, die man zunächst – trotz der Überarbeitung – erst nach Drucklegung entdeckt hat. Hierbei handelt es sich großteils um falsche Bilder/Bildlegenden und kleinere Macken im Text. Leider hat der Lektor auch mit dem Einleger immer noch nicht alle Missgriffe ausgemerzt (oder gar neue produziert?): Es befinden sich weiterhin eine ganze Reihe Rechtschreibfehler darin, die ziemlich augenfällig und vollkommen unnötig sind. Kein Ruhmesblatt für die „komplett überarbeitete Ausgabe“ eines relativ anspruchsvollen Sachbuchs, das mit den wenigen Seiten und einem Preis von 39.90 Euro immerhin ordentlich teuer ist.

_Das Fazit_
Die Aufmachung des Buches ist recht gelungen, die Bebilderung sehr schön, doch muss man als Erstes dem Verlag Schludrigkeit nachsagen, denn in einer überarbeiteten Ausgabe gleich eine ganze lose Seite mit Korrekturen beizulegen und dann immer noch nicht alle Fehler beseitigt zu haben, ist definitiv schlampig. Preislich inakzeptabel ist es sowieso. Vom Inhaltlichen her gibt’s auch ein bisschen was zu bekritteln, was nicht in der Sachlichkeit der Informationen liegt, sondern in der leicht drögen und unübersichtlichen Präsentation in zweispaltigem Volltextformat, ein paar mehr und aussagekräftigere Eckdaten in Tabellenform zu jeder Rasse wären durchaus wünschenswert gewesen. Das, was drin steht, ist aber kompetent dargestellt und hat Hand und Fuß. Das gilt sowohl für den allgemeinen Teil als auch für die beschriebenen Arten, allerdings fehlen eine Menge bei Terrarianern beliebter und bekannter Spinnen schlichtweg. Conclusio: Leider nur bedingt empfehlenswert.

Michael Connelly – Kein Engel so rein (Harry Bosch 8)

In Los Angeles wird die Leiche eines vor Jahrzehnten ermordeten Kindes entdeckt. Ein engagierter Polizist weigert sich den Fall zu den Akten zu legen und gerät darüber mit seinen Vorgesetzten und den Medien in Konflikt … – Der achte Harry-Bosch-Roman besticht weniger durch einen verzwickten Plot als durch die quasi dokumentarische Darstellung des modernen Polizeialltags. Im Vordergrund steht die Aufklärung eines Verbrechens, dessen Tragik die genretypischen Verfolgungsjagden und Schießereien weitgehend überflüssig macht.  Michael Connelly – Kein Engel so rein (Harry Bosch 8) weiterlesen

Carol O’Connell – Falscher Zauber [Mallory 5]

Eine Gruppe berühmter Bühnenmagier wird vom Tod heimgesucht. Polizistin Mallory, ermittelt ein Rachemotiv, das tief in die Vergangenheit zurückführt. Der Täter muss einer der Illusionisten sein. Da diese zwar alt aber überaus fähig sind, täuschen sowohl Verdächtiger als auch potenzielle Opfer die Polizei mit immer neuen Zaubertricks, während die Leichen sich mehren … – Der fünfte der Mallory-Krimis verblüfft erneut mit Thriller-Härte und surrealen Zügen sowie mit unkonventionellen Figuren, kann aber nur bedingt an die grandiosen Vorgängerbände anschließen.
Carol O’Connell – Falscher Zauber [Mallory 5] weiterlesen

Rainer Eisfeld/Wolfgang Jeschke – Marsfieber. Aufbruch zum Roten Planeten. Phantasie und Wirklichkeit

Eisfeld Jeschke Marsfieber Cover kleinDer Mars: Faszination und Schrecken

Dieses Buch bietet einen Streifzug durch die Geschichte der Marsforschung. In zehn Kapiteln wird sie konterkariert durch die Dokumentation des Einflusses, den der rote Planet auf Kunst, Literatur und Film nahm. Die Darstellung setzt zeitlich nicht in der Vorzeit oder der Antike, sondern mit dem Beginn der Neuzeit oder präziser: mit dem Beginn der modernen Astronomie Ende des 16. Jahrhunderts ein. Die Instrumente dieser Epoche ermöglichten zum ersten Mal einen direkten Blick auf den Mars und signalisierten den Start seiner wissenschaftlichen Erforschung.

Frisch erworbenes Wissen wirft stets weitere Fragen auf und befördert ganz neue Dimensionen des Irrtums. Das „Marsfieber“ schreibt in dieser Hinsicht ein eigenes Kapitel. Noch viele Jahrhunderte blieben die Teleskope erdgebunden. Aufgrund der astronomischen Entfernung blieb das Bild vom Mars buchstäblich vage. Wie man das, was man nicht richtig sehen konnte, durchaus guten Gewissens erfand, stellt eine Lektion in wissenschaftlicher Fantasie dar: Eisfeld und Jeschke drucken viele Marskarten ab. Sie zeigen eine Marsoberfläche, die es niemals gab. Rainer Eisfeld/Wolfgang Jeschke – Marsfieber. Aufbruch zum Roten Planeten. Phantasie und Wirklichkeit weiterlesen

Gentle, Mary – Aufstieg Karthagos, Der (Die Legende von Ash 2)

Mary Gentle’s „Der Aufstieg Karthagos“ ist die Fortsetzung ihres Auftaktromanes des „Ash“-Zyklus, „Der Blaue Löwe“. Das englische Original „Ash: A Secret History“ wurde für die deutsche Übersetzung auf vier Bände aufgeteilt, was angesichts des enormen Umfangs (2326 Seiten) durchaus angebracht ist.

Worum geht es? Um ein Mittelalter, das nicht sein darf, denn es ist völlig anders als die bekannte Geschichte.

Die Söldnerführerin Ash tritt in die Dienste Herzog Karls von Burgund, dem letzten Fürsten Europas, der noch nicht von den karthagischen Invasionsstreitkräften besiegt oder zum Bündnis genötigt wurde. Ein Unding – Westgoten in Karthago, kein Papst in Rom, Mailand und Venedig niedergebrannt in einem Kreuzzug |gegen| das christliche Europa?

So wie dem Leser geht es auch Dr. Pierce Ratcliff, der aus einer Autobiographie Ashs und anderen zeitgenössischen Quellen diesen historischen Schwachsinn übersetzt. Bedenklich ist nur: Die in seinen Schriften beschriebenen Golems existieren – man hat Reste davon vor Tunis ausgegraben! Eine Sensation – doch plötzlich werden Ratcliffs Quellen unter Fiktion geführt, nicht mehr unter historisch anerkannten Werken. Ratcliff ist verblüfft – das ist genauso unmöglich, wie mechanische Golems, eine Invasion von in Karthago residierenden Westgoten und Ash’s Fähigkeit, Ratschläge eines an einen militärischen Taktikberater erinnernden „Steingolems“, der in Karthago seinen Standort hat, in ihrem Kopf als Stimme zu vernehmen.

Starker Tobak – ein Einstieg mit dem zweiten Band der Reihe ist nicht zu empfehlen, wer Interesse an diesem Phantastikroman hat, der einen einzigartigen Mix aus historischem Roman, Fantasy und Science-Fiction darstellt, findet nähere Details zum bemerkenswerten Lebenslauf der Autorin und den Beginn der Ash-Saga in der Rezension zum ersten Roman, [„Der Blaue Löwe“ 303.

„Der Aufstieg Karthagos“ beginnt im wahrsten Sinne des Wortes mit der Schlacht bei Auxonne: Burgund wird vernichtend geschlagen – man wähnte sich dank der Kanonen in offener Feldschlacht überlegen, doch die karthagischen Golems bedienen Katapulte schnell und effizient, die schlimmere und entscheidende Überraschung sind jedoch Golems, die griechisches Feuer in der Form moderner Flammenwerfer einsetzen und so das Schlachtenglück zugunsten der Karthager wenden. Ash wird verwundet und gefangengenommen, auf Anordnung des Steingolems wird sie umgehend nach Karthago verschifft – sie erfährt nur den fatalen Ausgang der Schlacht, über das Schicksal ihrer Truppe wird sie jedoch im Unklaren gelassen.

In Karthago wird sie dem Emir Leofric vorgestellt, der sich sehr für sie interessiert: Nur die von ihm gezüchtete „Faris“ (hier gleichbedeutend mit „General“) sollte die Stimme des Steingolems hören können, als Endprodukt jahrhundertelanger Zucht.

Neben seiner Menschenzucht betreibt Leofric auch noch eifrige Zuchtexperimente mit apart gefärbten Ratten. Ash erfährt, dass sie verwandt ist mit dem großen Propheten Gundobad, einem der wenigen wahren Wunderwirker der Menschheit, der das Land um Karthago in eine Wüste verwandelt und den Heiligen Stuhl verflucht hat; kein Papst überlebte seine Ernennung länger als drei Tage seither – Gundobad selbst wurde verbrannt. Aber eine seiner Töchter überlebte im fernen Karthago, sie war zwar nicht fähig Wunder zu wirken, aber sie konnte die Stimme des Steingolems hören…

Der erste Golem wurde von einem Rabbi aus Prag aus dem roten, sandigen Lehm der Wüste erschaffen, während der Herrschaft des Emirs Radonik. Der Steingolem wurde zuletzt vom Rabbi erbaut, ohne Körper, ein riesiger Kopf auf einem Podest, aber der Sprache fähig und intelligent – anfangs ein besserer Schachcomputer. Doch bald wird sich der Steingolem als unglaublich findiger Stratege und Ratgeber herausstellen, der den Goten unschätzbare Dienste erweist – und den Aufstieg des Hauses Leofric begünstigt, das seitdem meist den König-Kalifen stellt oder in seinem engsten Machtkreis mitregiert.

Die weitere Geschichte ist unklar: Angeblich soll der Rabbi die Karthager verflucht haben, seitdem liegt Nordafrika unter ewigem Zwielicht, nur Wärme erreicht noch den Boden, aber Getreide wird aus Südspanien importiert, da es nicht mehr wächst in dem dämmrigen Restlicht – Kinder reicher Familien werden ebenfalls im sonnigen Ausland großgezogen.

Diesen Fluch kann man nach Angaben des Steingolems nur rückgängig machen, indem man Burgund zerstört… plus die üblichen Hetzereien gegenüber Heiden und Andersdenkenden; ist dies geschehen, wird Karthago angeblich wieder erblühen.

Die Karthager haben sich Jahrzehnte auf die Invasion Europas vorbereitet – mit der Geburt einer „Faris“ aus Leofrics Zuchtprogramm haben die Legionen auch den perfekten Kommandeur, der stets auf den taktischen Rat des Steingolems zurückgreifen kann, unabhängig von der Distanz und unmittelbar vor Ort.

Mit diesem Wissen darf Ash Karthago nicht mehr verlassen – und Leofric möchte herausfinden, warum auch sie den Steingolem hören kann. Er beschließt, sie zu sezieren… zu Ash’s großem Glück setzen sich ihr feiger Gatte Fernando, der zu den Karthagern übergelaufen ist, und ihr Kompaniepriester Godfrey für sie ein. Er kann ihr auch Nachricht aus der Heimat bringen, demnach Teile des „Blauen Löwen“ Auxonne überlebt haben und nun in Dijon zusammen mit dem verwundeten Herzog Karl belagert werden.

Ash wird natürlich aus Karthago entkommen: Wer ihr hilft, was genau geschehen wird – all das möchte ich nicht verraten. Nur soviel: Hinter dem Steingolem stecken die FERAE NATURAE MACHINAE – die „wilden“ Maschinen, eine unglaublich fremde und feindselige Existenzform. All diese Hintergründe wird Ash in diesem Roman erfahren.

Von den vier Ash-Romanen hat mich dieser am meisten fasziniert. Die im ersten Band noch wenig überzeugende Ash kann als einzelne Gefangene Gefühle zeigen, der Leser wird mit ihren düsteren Gedanken und Sorgen konfrontiert. Nach wie vor werden die Gespräche zwischen Dr. Ratcliff und seiner Lektorin Anna in der Gegenwart in E-Mail-Form geführt, dieses Mal tritt jedoch das Streitgespräch, ob diese Geschichten der Wahrheit entsprechen könnten, hinter Ash’s Erlebnisse in der Vergangenheit zurück, die einen wesentlich größeren Raum einnehmen. Ratcliff’s Kommentare sind wie bereits im ersten Band immer wieder in die Geschichte eingestreut, wenn es um mittelalterliche und erklärungsbedürftige Sachverhalte geht.

Emir Leofric und sein Eugenik-Programm sind abscheulich, er behandelt seine Rattenzucht besser als seine menschlichen Sklaven. Fast schon zynisch ist Leofric’s Fehlschluss, warum seine Zuchtratten so zahm sind – er hält es für ein Zuchtergebnis, der Leser weiß jedoch, dass es an dem Sklavenmädchen Violante liegt, welches sich liebevoll um die kleinen Ratten kümmert, ihre einzigen Spielgefährten – auf dieser gefühlsmäßigen Ebene versagt der analytische Verstand Leofrics. Hier konnte ich mir eine Assoziation mit dem berüchtigten Nazi-Dr. Mengele nicht verkneifen. Er ist jedoch eher eine Nebenfigur, Ash’s Gefangenschaft und ihre damit einhergehende tiefergehende Charakterisierung machen den Großteil des ersten Drittels aus. Sie und damit der Leser gewinnen Einblick in die Motive der getäuschten Westgoten.

Der Clou ist jedoch der Schluss des Buches: Wer H. P. Lovecraft kennt und liebt, weiß den Grusel zu schätzen, den seine „großen Alten“ verbreitet haben. Die „wilden“ Maschinen, deren ungewöhnlichen „Körper“ ich hier nicht verraten möchte, jagen Ash einen ähnlichen Schrecken ein, der sogar bei der abgebrühten Hauptfrau für Muffensausen sorgt.

Die Geschichte kommt mit diesem Roman so richtig in Fahrt, Ash gewinnt an Profil, flucht weniger lästig oft und derb als im ersten Band und der wilde Genremix wird immer interessanter. An diesem Roman habe ich wenig zu kritisieren – der Folgeband wird leider ein ziemlicher Durchhänger, „Der Aufstieg Karthagos“ ist jedoch gerade wegen der vielen Elemente und der tiefen Einblicke in die Hintergründe der beste Teilroman. Nach wie vor wird man jedoch nicht erfahren, warum die wilden Maschinen Burgund zerstört sehen wollen – Karthago attackiert Burgund unter falschen Voraussetzungen, das ewige Zwielicht breitet sich immer weiter aus, anstatt zurückzugehen.

Was auch immer diese „Maschinen“ planen – ihre Feindseligkeit ist offenkundig, ihre Motivation noch nicht – der Mangel an Informationen dazu geht auch Ash ziemlich an die Nieren, die kurz wieder in ihr altes, derbes Sprachmuster zurückfällt, welches den Zustand treffend beschreibt:

„Scheiße, wir sind keine Söldner, sondern Pilze… Man hält uns im Dunkeln und füttert uns mit Pferdescheiße…“

Derbe und schwarzhumorige Sprüche der Söldnertruppe erlebt man in diesem Roman jedoch weniger – er steckt schon rein thematisch voller Horror, erst Ash’s Gefangenschaft bei Leofric, dann der Schock über die wilden Maschinen. So bedrückend diesmal die Handlung auch ist, sie geht schwungvoll voran und es werden interessante Details enthüllt, die den weiteren Verlauf des Vierteilers prägen werden. „Der Aufstieg Karthagos“ ist in meinen Augen eindeutig der beste Teilroman des Ash-Zyklus.

DIE LEGENDE VON ASH

Band 1: [Der Blaue Löwe 303 (ISBN 3404283384)
Band 2: DER AUFSTIEG KARTHAGOS (ISBN 3404283406)
Band 3: Der steinerne Golem (ISBN 3404283430)
Band 4: Der Untergang Burgunds (ISBN 3404283457)

Das englische Original:
Ash – A Secret History (ISBN 1857987446)

Dawkins, Richard – entzauberte Regenbogen, Der. Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie

Isaac Newton ist an allem Schuld. Seit er vor Jahrhunderten schon seine Mitmenschen darüber aufklärte, wie ein Regenbogen zustande kommt, wird er als Repräsentant einer elitären, allzu neugierigen, gottlosen Bande von Zeitgenossen geschmäht, die es sich zum Ziel gesetzt hat, eine Welt der Wunder und Rätsel in einen seelenlosen Monumental-Mechanismus zu verwandeln. Dichter, Kirchenleute, denkfaule Dummköpfe und natürlich Volkes Stimme schimpf(t)en laut ob solcher Blasphemie und nutzten gleichzeitig die Gelegenheit, den Forschern – weltfremde, gutes Geld verschwendende, d. h. „echte“ Arbeit scheuende Elfenbeinturmbewohner – die Eierköpfe zu waschen.

Im derzeitigen Klima einer wirtschaftlichen Rezession in der westlichen Welt sind solche Vorurteile lebendiger denn je. Wieso es keinen Grund gibt sich den Ignoranten, den Sparschweinen und den Sauertöpfen zu beugen, versucht schon seit Jahren der Evolutionsforscher Richard Dawkins deutlich zu machen. Er vertritt die Meinung, dass die wahre Faszination der Natur nicht in dem liegt, was der Mensch in sie projiziert, sondern in ihrer Realität: Der Regenbogen wird durch seine Erklärung nicht „entzaubert“. Statt dessen öffnet die Deutung dem Interessierten eine völlig neue Dimension: Die Natur verwandelt sich plötzlich vom Spielball manipulierender Dogmatiker, selbst ernannter Vordenker oder skrupelloser Geschäftemacher in ein für sich selbst stehendes Wunderland schier unbegrenzter Möglichkeiten.

Dies nachzuvollziehen ist keine einfache Aufgabe. Schon im Vorwort macht der Verfasser seinen Lesern keine Illusionen: Hier werden keine leicht verdaulichen Informationshäppchen geliefert. Der Leser muss das Hirn schon anwerfen und benutzen, sonst klappt es nicht mit der Datenübertragung. Das darf man jedoch nicht zu streng nehmen: Dawkins bemüht sich um eine allgemein verständliche Sprache, die selbst hoch komplexe Prozesse erfassbar macht, ohne dass dafür die naturwissenschaftliche Realität mit Füßen getreten wird. Die angenehme Überraschung: Es funktioniert.

Mit „Die betäubende Wirkung des Vertrauten“ bereitet Dawkins das Terrain für das Folgende vor. Er schildert in lebhaften Worten die Einzigartigkeit der realen Schöpfung, die wundergläubige oder zaghafte Gesellen gegen selbst erdachte Spinnereien einzutauschen bereit sind. Bereits hier wird Dawkins‘ Argumentation klar: Die Klarheit ist dem Verharren im Bekannten, scheinbar Bewährten allemal vorzuziehen, ohne dass darunter die Eindruckskraft der Schöpfung leidet.

Statt dessen nimmt sie zu, und dies zu vermitteln sollte nicht nur Aufgabe, sondern auch Anliegen derer sein, die nicht mit der Wissenschaft, sondern eher mit der Feder umzugehen wissen. „Im Salon der Herzöge“ erzählt von der nach Auffassung des Verfassers unnötigen, ja schädlichen Unverträglichkeit von Forschern und Dichtern. Dawkins lässt einen „natürlichen“ Konflikt nicht gelten, sondern verweist erneut auf die Herausforderung, die Realität in Worte zu fassen.

Auf diese Weise vorbereitet beschreiten wir nun an Dawkins Seite diverse Wunderwelten. „Strichcodes in den Sternen“ überschreibt der Verfasser jenes Kapitel, das uns das Wesen des Universums näher bringt. Von Newtons Beobachtung, dass ein gläsernes Prisma das Licht in eine genau zu definierende Palette von Farben bricht, bis zur Entdeckung, dass sich so Aussagen auch über die Struktur unendlich weit entfernter Sterne treffen lassen, spannt sich das Spektrum – Dawkins‘ erster überzeugender Beweis dafür, dass der Realist der Welt mindestens so viel Poesie abgewinnen kann wie der Träumer.

„Strichcodes in der Luft“ führt in eine weitere Wunderwelt ein – die des Schalls, der sich ähnlich entwirren und zur Lösung mannigfacher Probleme und Fragen einsetzen lässt. Für den Leser, der dennoch hartnäckig nach dem „Nutzen“ von Forschung fragt, verfasste Dawkins den Beitrag „Strichcodes vor Gericht“, was sicherlich die Fans der diversen „CSI“-Fernsehkrimis sogleich aufhorchen lässt.

„Märchen, Geister, Sternendeuter“ leitet den vielleicht spannendsten Abschnitt dieses Buches ein. Es geht um jene, die den Regenbogen nicht erklären, ihn aber auch nicht entzaubern, sondern ihn um des eigenen Vorteils missbrauchen – und um jene, die missbraucht werden wollen, weil sie lieber in einer Hokuspokuswelt angeblicher „Wunder“ als im Hier und Jetzt leben. Dawkins ist ein Mann, der keine Rücksicht auf den Zeitgeist nimmt, der Astrologie, Parapsychologie, New-Age-Gewaber und UFO-Esoterik schätzt oder gar der Wissenschaft vorzieht. Wieso dem so ist und warum er dies als echte Gefahr (z. B. im Zusammenhang fundamentalistischer Unterdrückungs-Religion) betrachtet, weiß er hier und im Kapitel „Berechnete Schauer“ sehr deutlich zu machen.

„Wolkige Symbole von höchster Romantik“ straft die moderne „Voodoo Science“ ab. Sie kleiden abstruse Theorien in wohl klingende Worte und missbrauchen die Realität, indem sie diese nach eigenem Gusto verbiegen. Das Nachsehen haben wieder einmal die redlichen, aber leider grauen, weil weniger wortgewandten, von den Medien missachteten, lobbylosen Labormäuse, deren auf langwierigen Nachforschungen basierende Urteile einfach nicht „attraktiv“ genug für die breite Öffentlichkeit ausfallen.

Dann wird es Ernst. Dawkins, der Evolutions-Spezialist, wählt den eigenen Fachbereich, um den Zauber der wissenschaftlich fundierten Realität im Detail zu belegen. Er wählt ein schwieriges, aber auch hochaktuelles Thema, denn es geht um Gene. „Der egoistische Kooperator“ berichtet von der aus brachialökologischer Sicht höchst unbeliebten Tatsache, dass sich das Leben auf der Erde primär per Konflikt weiterentwickelt und keineswegs eine übergeordnete „kosmische Intelligenz“ es kooperieren lässt. Harte Fakten beschreiben den Weg des Lebens, dem romantische Interpretationen höchstens nachträglich und zwanghaft übergestülpt werden können.

„Das genetische Totenbuch“ ist ein „Friedhof“ von Genen, die womöglich ursprünglich wichtige Aufgaben erfüllten, aber inzwischen ihre Bedeutung verloren haben. Ihre Deutung ermöglicht vielleicht einen Blick in die Vergangenheit. „Die Welt wird neu verwoben“ leitet in die Gegenwart über. Dawkins führt aus, dass unser Gehirn die Welt weniger registriert als übersetzt. Seine unglaubliche Leistungsfähigkeit lässt sich eben nicht oder nur bedingt durch den Vergleich mit dem technischen Wunderwerk Computer erklären. Das Gehirn hat zur Interpretation tausendfacher Umwelteinflüsse seine eigenen Methoden entwickelt; es schafft sich schon seit Äonen seine „virtuelle Realität“, die wir nur zum Teil entschlüsseln können, aber bereits bestaunen sollten.

Unter dem flappsigen Titel „Ein Ballon zum Denken“ spekuliert Dawkins darüber, wie das Gehirn seine einzigartige Kraft entwickelt haben könnte. Das lässt ihn letztlich den Kreis schließen, denn es war genau dieses Hirn, das ein Buch wie dieses ermöglichte, welches stellvertretend für die „richtige“ Art steht, sich die Welt zu erschließen. Noch einmal hält Dawkins sein Plädoyer gegen Augenwischerei und Aberglaube und für die Poesie der (naturwissenschaftlichen) Realität.

Und er hat zumindest die Realisten unter seinen Lesern überzeugt. Dawkins ist ein Romantiker. Das gibt er zu; dass für ihn die Poesie zur Naturwissenschaft gehört, macht schon der (manchmal allzu) reichliche Einsatz von Zitaten bekannter Literaten wie Shakespeare, Keats & Co. deutlich. Dies unter Beweis zu stellen, ist schließlich auch sein aktuelles Vorhaben.

Jenen, die Augen haben zu sehen und Ohren zu hören, legt Dawkins eine Fülle überzeugender Beweise dafür vor, wieso man unter der gemütlichen „Akte X“-Decke hervor und an die frische Luft der blanken Tatsachen sollte. Diese Luft mag einem zwar zunächst kalt ins Gesicht blasen, aber sie macht den Kopf klar, statt das Hirn mit lauwarm vorgewärmten und -gekauten, aber eben erfundenen „Fakten“ zu verkleistern. Dies wird übrigens nur der unverbesserliche Weltverschwörungstheoretiker als Arroganz verstehen, denn Dawkins bemüht sich auch, den Mechanismen nachzuspüren, die Pseudowissen so attraktiv wirken lassen.

In einem ist Dawkins freilich konsequent. Überhaupt kein Verständnis bringt er für jene gefährlich dummen Zeitgenossen auf, die Wissenschaft nur unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt gelten lassen wollen. Auf diese Weise lässt sich leicht ein neues geistiges Mittelalter erzeugen; der Verfasser kann beunruhigend gute Argumente dafür anführen.

Wichtiger noch: Dawkins ruft jene, die hinter die Kulissen der Natur schauen wollen, zur Standhaftigkeit auf. Allzu mürbe sind die Vertreter „unnützer“ Wissenschaften bereits geworden; sie neigen dazu sich dem Urteil der „Realisten“ zu beugen, das eigene Wissen zu verleugnen, es in Frage zu stellen. Dawkins steuert dagegen, legt die Ungeheuerlichkeit dieser Verkehrung aller Werte offen: Wer viel weiß, solle nicht stolz im Sinne von überheblich, sondern selbstbewusst und froh durchs Leben schreiten, so sein Rat, denn er oder sie habe allen Grund dafür. Auf Unwissenheit oder gar Ignoranz brauche man sich dagegen überhaupt nichts einbilden.

Das ist nicht nur Balsam für geplagte Eierkopf-Seelen, sondern ein schlichtes Faktum: Obwohl die Wissenschaft – die schließlich von Menschen betrieben wird – der Menscheitsgeschichte ihren Teil an Irrtümern, Tragödien und Verbrechen zugefügt hat, lässt sich ihr fundamentaler Anteil am Fortschritt nicht leugnen. Deshalb gibt es keinen Grund, sich falschen Kritikern zu beugen oder sich gar von pseudo-ökologischen Bilderstürmern und fanatisierten Weltverbesserern gängeln zu lassen. (Damit es klar ist: Dawkins setzt diese nicht mit Umweltschützern oder anderen konstruktiven Gruppen gleich.) Selbst wenn man im Detail nicht mit dem Verfasser übereinstimmen mag (der sich manchmal vom gerechten Zorn gar zu sehr hinreißen lässt), ist sein Werk doch wie ein einsamer Leuchtturn über einer See der Ignoranz und lohnt deshalb die Lektüre, auch wenn manchmal der Kopf dabei zu schmerzen beginnt; es ist ein gutes Gefühl, das Hirn wirklich in Gang zu setzen …

Richard Dawkins wurde 1941 in Nairobi geboren. Die Familie verließ Kenia 1949 und kehrte nach England zurück. Dort studierte Richard in Oxford. Seinen Abschluss als Zoologe machte er 1962, blieb aber zunächst in Oxford, um als Doktorand für und mit dem berühmten Ethnologen Nikolaus Tinbergen zu arbeiten. 1967 ging Dawkins nach Kalifornien und lehrte in Berkeley, kehrte aber 1970 als Dozent nach Oxford zurück.

Sein erstes Buch („The Selfish Gene“; dt. „Das egoistische Gen“) erschien 1976 und wurde sogleich ein internationaler Sachbuch-Bestseller. Es folgten „The Blind Watchmaker“ (dt. „Der blinde Uhrmacher“) und 1982 seine Fortsetzung „The Extended Phenotype“. Weitere Erfolge: „River Out of Eden“ (1995, dt. „Und es entsprang ein Fluss in Eden“), „Climbing Mount Improbable“ (1996, dt. „Gipfel des Unwahrscheinlichen“) und „Der entzauberte Regenbogen“.

Schon früh setzte sich Dawkins dafür ein, Wissen dort, wo es angebracht war, allgemein verständlich zu vermitteln. Folgerichtig ist er der erste Inhaber des 1995 ins Leben gerufenen „Charles Simonyi Chair of Public Understanding of Science“.

Gleichzeitig bemühte sich Dawkins um die Vermittlung zwischen Wissenschaft und Literatur, die er persönlich nicht im Widerstreit sieht. Für seine Bemühungen nahm ihn 1997 die „Royal Society of Literature“ auf.

Weitere Fakten zu Leben und Werk lässt sich folgender Website entnehmen: http://www.brainyencyclopedia.com/encyclopedia/r/ri/richard__dawkins.html

Russel, Mary Doria – Sperling / Gottes Kinder

Manche Bücher geistern einem noch durch den Kopf, auch wenn sie schon lange ausgelesen wurden und im Regal stehen. Diese beiden gehören dazu, auch wenn sie sicherlich vom Thema her nicht jeden ansprechen werden.

Hauptsächlich geht es in den beiden Erstlingswerken von Mary Doria Russel um den Glauben zu Gott. Aber es sind nun keine tiefreligiösen Bücher, in denen dem Leser aufgezeigt wird, dass er doch gefälligst zu glauben habe und Gott auf alle Fälle existiere. Viel mehr stehen hier der Mensch und die verschiedenen Auswirkungen des Glaubens auf ihn im Mittelpunkt.

Am Anfang steht der Empfang von Musik aus dem All. Wunderbare Musik, die eindeutig nicht menschlichen Ursprungs sein kann. Die Öffentlichkeit ist begeistert, doch bald fängt man an zu zweifeln. Ist das wirklich Musik aus dem All? Kommt sie wirklich von einer anderen Rasse? Vielleicht ist alles ja auch ein Riesenschwindel?

Während man also noch das Hin und Her einer eventuellen Expedition zum Ausgangsort der Musik, dem Planeten Rakhat, diskutiert, bereitet die Gesellschaft der Jesuiten in aller Stille und mit Segen des Papstes ein eigenes Unternehmen vor. Eine kleine Gruppe von acht Leuten unterschiedlicher Fachrichtungen soll sich auf den Weg nach Rakhat machen und nach dem Ursprung der Musik forschen. Das Unternehmen gelingt, die Gruppe landet wohlbehalten auf Rakhat. Nach einigen Erkundungen stoßen sie auf ein einheimisches Dorf.

Sie werden von den Runa aufgenommen und erkunden nun die Gewohnheiten und das Leben in dem Runa-Dorf. Doch es muss noch eine zweite Rasse existieren, da man keinerlei Anzeichen findet, dass die Runa singen oder die Möglichkeit einer Übertragung in den Weltraum haben. Eines Tages taucht ein Händler im Dorf auf. Er gehört zu den Jana’ata, der zweiten intelligenten Rasse auf Rakhat. Durch ihn erfährt die Gruppe einiges mehr, als es ihnen bisher durch das Studium des Dorfes möglich war.

Die Unterschiede zwischen Runa und Jana’ata sind erheblich. Die Runa sind Vegetarier, während die Jana’ata Fleischfresser und auch dementsprechend anatomisch anders entwickelt sind. Jana’ata wohnen und arbeiten in Städten, Runa leben in dörflichen Ansiedlungen. Auch stellt sich heraus, dass die Jana’ata für die Musik verantwortlich sind, herausragend ist hier ein Hlavin Kitheri.

Nach und nach begreift die Jesuitengruppe aber auch, dass die Runa für die Jana’ata nur intelligentes Nutzvieh ist. Es werden verschiedene Arten von den Jana’ata gezüchtet. Zum Arbeiten und dem Erhalt der Grundversorgung der Jana’ata, dann um ihnen in ihren Städten zu dienen, als Mätressen und schließlich auch als Nahrung.

Da die Runa gezüchtet werden, werden auch die Geburten vorgeschrieben. Als aber von der Jesuitengruppe Gärten angelegt werden, verbreitet sich diese Idee unter den Runa rasend schnell. Bisher mussten sie zu ihren Feldern sehr weite Wege zurücklegen, nun hat man die Versorgung direkt vor der Tür. Als Folge des zunehmenden Essens und der abnehmenden Arbeit werden die Runa sexuell sehr aktiv und vermehren sich ungeplant. Als die Regierung der Jana’ata dies mitbekommt, schickt man Soldaten in die Dörfer, um den nicht geplanten Nachwuchs der Runa zu töten. Dies schauen sich die Menschen aber nicht tatenlos an.

Als man auf der Erde einige Zeit keine Nachricht von Rakhat mehr empfangen hat, sendet man ein zweites Schiff hinterher, um nach den verschollenen Menschen zu suchen. Man findet nur noch ein einziges Mitglied der ersten Gruppe, Jesuitenpater Emilio Sandoz. Seine Hände sind verkrüppelt, er leidet schwer an Skorbut und wird in einer dunklen Kammer gefangen gehalten. Man bringt ihn auf das erste Schiff und programmiert es so, dass es selbständig zurück zur Erde fliegt.

Als er dort eintrifft, immer noch schwerkrank und psychisch gestört, wirft die Öffentlichkeit ihm Prostitution und Mord vor. Vorwürfe, die durch Berichte der zweiten Gruppe an die Erde entstanden. Die Jesuiten schaffen es aber, ihn erst einmal in Sicherheit zu bringen. Wenn Emilio Sandoz geheilt ist, will man in einer internen Befragung herausbekommen, was eigentlich geschehen ist.

Soweit zum ersten Teil. Allerdings entspricht dieser kurze Überblick nicht im Geringsten der Komplexität der Handlung.

Sehr interessant fand ich die Erzählweise der Autorin. Sie beginnt mit der Rückkehr Sandoz‘ zur Erde und rollt dann anhand der Befragung die Geschehnisse auf Rakhat vor dem Leser auf. Aufgrund dieser Erzählweise wurde das Buch am Ende so spannend, dass ich es kaum noch aus der Hand legen wollte.
Ansonsten ist es eigentlich ein recht ruhiges, aber nie langweiliges Buch. Das erste Viertel des Buches spielt noch vor der Mission nach Rakhat und die Autorin nimmt sich hier Zeit, um dem Leser die handelnden Charaktere nahezubringen. Dies gelingt ihr meisterhaft. Die Gruppe um Emilio Sandoz wurde mir so vertraut, als würde ich sie selber schon lange kennen.

Nachdem ich mit „Sperling“ fertig war, konnte ich die Auszeichnung mit dem |Arthur C. Clarke Award| wirklich nachvollziehen. {Anm. d. Ed.: In Deutschland bekam das Werk den |Kurd-Laßwitz-Preis| 2001 als bestes fremdsprachiges Werk.}

Dementsprechend begeistert, fing ich danach auch gleich mit dem zweiten Band, „Gottes Kinder“, an.

Wieder geht es um das Schicksal von Emilio Sandoz. Aufgrund der Geschehnisse auf Rakhat wollte und konnte er nicht mehr an Gott glauben und legte so das Amt des Priesters nieder. Er lernte eine Frau mit einer bezaubernden Tochter kennen, verliebte sich in sie und wollte sie heiraten. Eigentlich hätte alles gut werden können, doch der Papst ordnet in Einverständnis mit dem Oberhaupt der Jesuiten eine neue Mission nach Rakhat an. Auch Emilio wird gefragt, ob er sich daran beteiligen will, doch er lehnt dies sehr rigoros ab. Schließlich zeigt er sich bereit, die neuen Crewmitglieder mit der Sprache der Runa und der Jana’ata vertraut zu machen und ihnen beizubringen, was man über Rakhat wissen muss.

Als Vorbereitungen der Mission soweit abgeschlossen sind, steht Emilio kurz vor seiner Hochzeit. Doch er wird nie vor den Altar treten. Auf Geheiß des Papstes entführt man Emilio und bringt ihn an Bord des Schiffes. Man setzt ihn unter Drogen und startet nach Rakhat.

Dort hat sich mittlerweile einiges verändert. Das starre Regel- und Adelssystem der Jana’ata wurde von Hlavin Kitheri verändert und reformiert, während die Runa eine Revolution gegen die zahlenmäßig unterlegenen Jana’ata begonnen haben.

Den ersten Teil des Buches las ich mit genauso viel Begeisterung wie den Schluss des ersten Bandes. Wieder erzählt die Autorin die Geschehnisse zeitversetzt. Während die Erlebnisse Emilios chronologisch ablaufen, erfährt der Leser in Rückblenden und zukünftigen Gesprächen, was sich in der Zwischenzeit auf Rakhat ereignet hat.

Allerdings hat es Mary Doria Russell nicht ganz geschafft, das Buch durchweg auf dem sehr guten Level des ersten Bandes zu halten. Die Passagen um Emilio Sandoz sind spannend, gut geschrieben, lesen sich sehr gut. Im Gegensatz dazu sind die Passagen, die auf Rakhat spielen, zwar nicht uninteressant, aber merkwürdigerweise waren sie manchmal schon etwas langweilig. Alles in allem ist aber auch „Gottes Kinder“ ein sehr gutes Buch und man muss es wirklich gelesen haben, wenn man „Sperling“ schon kennt.

Doch warum geht es in diesen beiden Büchern nun um den Glauben? Schlüssel hierzu ist die Person des Emilio Sandoz. Als Kind wuchs Emilio in Armut auf und fand dann bei den Jesuiten ein neues Zuhause. Emilio absolvierte die Schule und wurde schließlich Priester. Aber seine Ausbildung ging noch weiter und schließlich wurde er ein hervorragender Sprachwissenschaftler. In dieser Eigenschaft fliegt er auch mit nach Rakhat. Als man dort ankommt, ist Emilio fest davon überzeugt, dass Gott existiert und er ihn an diesen wunderbaren Ort geführt hat.

Als aber die Jana’ata anfangen, die unschuldigen Kinder der Runa zu töten und er einschreitet, wird er gefangengenommen. Er muss die Soldaten auf ihrer Mordtour durch die Dörfer begleiten, muss das Fleisch der getöteten Runakinder essen, um zu überleben.

Durch verschiedene Missverständnisse seitens der Jana’ata gelangt Emilio dann an den Hof von Hlavin Kitheri, wo es zu jenen Geschehnissen kommt, durch die sein Glaube an Gott endgültig zerstört wird.

Doch wie verhält es sich mit seinem Glauben, als er zwangsweise die nächste Mission nach Rakhat mitmachen und an den Ort seiner Alpträume zurückkehren muss? Dazu sage ich nur: |Lesen!|

_Fazit:_
Ich erwähnte einleitend ja schon, dass es keine tiefreligiösen Bücher sind, obwohl der Glaube an Gott eine große Rolle spielt. Gerade in dieser Verpackung hat es mir aber sehr viel Spaß gemacht, mich mit diesem Thema zu beschäftigen und ich bin mir auch sicher, dass ich „Sperling“ und „Gottes Kinder“ nicht zum letzten Mal gelesen habe.

Mit diesen beiden Büchern erwartet den Leser, der sich darauf einlässt, ein Leseerlebnis der besonderen Art. Es sind wirklich Ausnahmebücher, die sich wohltuend vom doch manchmal schon recht zähen Einheitsbrei der heutigen Science-Fiction-Veröffentlichungen abheben. Meine Lesempfehlung für alle!

_Jens Pauling_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

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Das Manuskript eines kühnen Forschers weist dem Hamburger Geologen Otto Lidenbrock, seinem Neffen Axel und dem Isländer Hans den Weg zum Mittelpunkt der Erde. Er beginnt im Krater eines erloschenen Vulkans auf Island und führt steil hinab in eine bizarre, keineswegs tote, sondern von durchaus gefährlichen Kreaturen bewohnte Unterwelt, die unseren Reisenden stets neue, aufregende Abenteuer beschert – Nostalgischer Klassiker der Phantastik von einem der Urväter des Genres; nach mehr als einem Jahrhundert frisch und faszinierend: Lesefutter für alle Fans verlorener Welten.
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Das Buch – und zugleich der erste Roman „Rocannons Welt“ – beginnt mit einer wunderschönen Geschichte, einer Kombination aus „Science-Fiction im eigentlichen Sinne samt ihren traditionellen Requisiten […] und einem von poetischer Nostalgie durchdrungenen Kunstmärchen, einer Fantasy mit ihren Mythen und Legenden, in ihrem sagenhaften Raum […] und ihrer ebenso sagenhaften Zeit“: Die junge, schöne Semley von Hallan sucht in dieser Geschichte ein wertvolles Geschmeide, welches ihrem Geschlecht einst verloren ging. Dazu muss sie vom Planeten Fomalhaut, auf dem ihre Rasse ein mittelalterliches Leben voller Kämpfe und Schwierigkeiten führt, zu dem acht Lichtjahre entfernten New South Georgia fliegen, wo die Kostbarkeit in einem Museum ausgestellt wird.

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