Nathan Active ist ein Staatspolizist in Alaska. Der Trooper findet sich langsam am Polarkreis zurecht und kommt einem Umweltverbrechen auf die Spur – mit unorthodoxen Methoden.
Der Autor
Stan Jones stammt aus und lebt in Anchorage, der größten Stadt in Alaska. Als Spezialist für Umweltfragen, Zeitungs- und Radio-Journalist sowie leidenschaftlicher Buschpilot hat er die Erfahrungen gesammelt, die man nun in seinen Romanen wiederfindet. Er arbeitet an weiteren Büchern über den eigenwilligen Inupiat-Cop Nathan Active und dessen Abenteuer am Polarkreis. Stan Jones – Weißer Himmel – Schwarzes Eis. Ein Fall für Nathan Active weiterlesen →
Ein junger Mann wird auf dem Grundstück eines New Yorker Industriemagnaten auf Long Island zusammengeschlagen und ins Wasser des Atlantiks geworfen. Weil die Täter kommen ungeschoren davonkommen, nimmt der Bruder des Opfers das Gesetz in die eigene Hand, allerdings nicht mit einer Winchester oder Uzi, sondern mit den Mitteln Justitias.
_Der Autor_
James Patterson ist der Autor zahlreicher Nummer-1-Bestseller. Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt.
Patterson ist extrem fleißig. Seine letzten Romane nach „3rd Degree“ waren „Sam’s Letters to Jennifer“, „London Bridges“, „Honeymoon“, „Maximum Ride“ und „4th of July“ (die Fortsetzung dieser Reihe). Im Juli 2005 erscheint „Lifeguard“.
Nähere Infos finden sich unter www.twbookmark.com und www.jamespatterson.com. Regelmäßig wird aus dem Buch auch ein Audiobook oder E-Book gemacht: Patterson kann überall dabei sein.
_Handlung_
Peter „Rabbit“ Mullen wird eines Morgens tot am Strand eines exklusiven Grundstücks auf Long Island gefunden. Die korrupte Polizei sagt, er sei ertrunken oder habe Selbstmord begangen. Doch Peters Familie ist überzeugt, dass er dazu nie fähig gewesen wäre: Es muss Mord gewesen sein. Und das belegt auch der Befund der Gerichtsmedizinerin.
Für Peters Bruder Jack, ein Anwaltspraktikant und Student der Rechte, ist klar: Der Mord soll von einem mächtigen Mann vertuscht werden. Barry Neubauer ist ein Spielwarenfabrikant, der als Multimilliardär rauschende Feste in seinem feudalen „Strandhaus“ auf Long Island zu geben pflegte. Peter Mullen half dabei stets aus, indem er die edlen Karossen der Reichen und Schönen einparkte und ein nettes Trinkgeld kassierte. Sein Bruder Jack ist seit einem Jahr mit Neubauers Tochter Dana liiert.
Dies alles ändert sich mit Peters Tod. Jacks Bemühen, den Mord als solchen aufzudecken, führt ihn schnurstracks in die Katastrophe: Job weg, Freundin weg, Vater an Herzinfarkt verstorben, Freunde von Unbekannten bedroht, die Gerichtsmedizinerin eingeschüchtert und umgedreht – die Wahrheit bleibt unterm Teppich.
Doch bei solch radikalem Wandel kommt es darauf an, was man daraus macht, denn jede Veränderung ist auch eine Chance. Jack gewinnt in Pauline eine neue Freundin, die ihm zu einem neuen Job verhilft und dabei unterstützt, sein Studium als Drittbester seines Jahrgangs abzuschließen.
Die Gelegenheit, mit den Neubauers und ihrer brutalen Clique abzurechnen, ergibt sich endlich, als Jack per Zufall mitten in New York City den totgeglaubten Freund von Peter sieht: Sammy Giamalva war Peters Komplize, wenn dieser die Schönen und Reichen (auch Neubauer selbst) sexuell verwöhnte. Und Sammy machte dabei viele, viele Fotos …
_Mein Eindruck_
Der direkte Anlass, dieses Buch zu schreiben, könnten die Prozesse um O.J. Simpson und ähnliche Berühmtheiten sein. Dass Simpson teilweise freigesprochen wurde (zumindest von der Mordanklage), empörte viele Amerikaner, die nun ihr Vertrauen in das Rechts- und Justizsystem ihrer Nation verloren. Es sah so aus, als hätten die Mächtigen das Recht gekauft und die Mittellosen würden vom Recht nicht mehr geschützt. Kurzum: Das Ende der Demokratie stand kurz bevor. Im Buch selbst wird direkt auf diese bedauerlichen Vorgänge verwiesen. Dass die Bush-Administration auch den Datenschutz abgeschafft hat (mit dem Patriot Act), dürfte zu einer weiteren Verunsicherung beigetragen haben.
Jack Mullen, der Ich-Erzähler über weite Strecken hinweg, nimmt das Gesetz, das er von der Pike auf gelernt hat, selbst in die Hand: Die letzten hundert Seiten bestehen aus einer nicht rechtmäßig einberufenen Gerichtsverhandlung, die im Fernsehen der Nation übertragen wird. Ich werde nicht verraten, wie der Prozess ausgeht, aber die Tatsache, dass eine solche Verhandlung nur außerhalb der legitimierten Gerichte stattfinden kann, spricht doch Bände.
|Die Ko-Autoren|
Warum haben Patterson und de Jonge – wie schon einmal zuvor – auch an diesem Buch kollaboriert? Ich stelle mir vor, dass de Jonge, ein Journalist beim „New York Times Magazine“ und anderen Publikationen, entweder schon ein fertiges Manuskript hatte, es aber zu lang war, oder die entsprechende Faktenrecherche für Pattersons Idee erledigte. Patterson ist ja nicht gerade bekannt dafür, die Schickeria von New York City aufs Korn zu nehmen. Wenn er schon konkret werden muss, dass lieber anhand von Dr. Alex Cross in Washington, D.C. Würde man jedoch „The Great Gatsby“ auf Patterson-Format stutzen, so bliebe sicherlich nicht viel von diesem Meisterwerk übrig.
|Speed-Reading|
Ohne Pattersons Markenzeichen wäre aus diesem Roman nur ein weiterer Dutzendroman über Long Island geworden. Doch die superkurzen Kapitel verleihen der Story nicht nur Speed, sondern sorgen auch für einen spannenden Cliffhanger-Schluss nach dem anderen. Als Folge will der Leser natürlich wissen, wie es weitergeht und blättert schnell um. Die Prosa ist direkt und schnörkellos, ohne den Leser geistig oder sprachlich zu fordern. In nur einem Tag sind die 300 Seiten verschlungen. Spätestens.
|Schwächen|
Diese Technik macht das Buch nicht per se gleich interessanter: Die Machenschaften der Long-Island-High-Society kann man sich auch ohne Thrillerbeleuchtung und weitere Anstrengung gut vorstellen. Man denke nur an die beiden Kennedys in den Sechzigern und ihre Eskapaden. Tatsächlich sind es vielmehr die Aktionen der Figuren auf der Seite Neubauer vs. Mullen als die Entwicklung der Figuren an sich, die das Buch unterhaltsam machen. Die Gerichtsverhandlung fördert ein schockierendes Detail der Wahrheit nach dem anderen ans Tageslicht.
Der Roman will einfach nur kompetente Spannungsliteratur sein, nicht etwa fundiertes Gesellschaftsporträt mit kritischem Ansatz. Insofern befriedigt der Roman ein nicht spezifisch amerikanisches Bedürfnis und muss daher durch die Konzentration auf Long Island und New York City die amerikanischen Leser direkter ansprechen.
Eine Menge US-Mythen kommen ins Spiel: Freiheit des Unternehmertums, der Palast am Meer als Machtdemonstration, das Abenteuer verbotener Sexspiele als Symbol zu großer Freiheit, dicke deutsche Autos als Symbole von Reichtum und wirtschaftlicher Vereinnahmung durch die deutsche Autoindustrie. Zudem werden eine Menge Ressentiments wiedergekäut, die dem deutschen Leser mitunter sauer aufstoßen, so etwa der deutsche Ausdruck „obere Klassen“ im englischen Text – das klingt, als würden die Autoren Karl Marx zitieren. Und das ist im Land des freien Unternehmertums natürlich verpönt.
|Robin Hood mit anderem Namen|
Jack Mullen ist eine Art Robin Hood oder Michael Kohlhaas, kämpft er doch gegen ein unfähig gewordenes System, das ihm keine Gerechtigkeit zu verschaffen vermag. Dies ist eine uramerikanische Haltung, denn die Kolonisatoren und Staatsgründer waren ja Rebellen gegen das als ungerecht empfundene Kolonialregime der britischen Krone. Die beiden Autoren, die Jack Mullen und seine Freunde erfunden haben, können eigentlich nicht anders, als ihn siegen zu lassen. Aber das sollte man möglichst selbst nachlesen.
_Unterm Strich_
Es gibt gute Thriller, und es gibt Patterson. Er ist bereits eine Klasse für sich. Jeder Leser muss selbst entscheiden, ob ihm de Jonges/Pattersons windschnittiger Gesellschaftsthriller behagt, der auf das typische Speed-Reading-Format zurechtgestutzt wurde, sozusagen auf Drehbuchformat.
Weil es kaum eine psychologische Entwicklung gibt, entwickelt der Leser keine weitergehende emotionale Bindung zu den Hauptfiguren Mack, Jack und Peter Mullen. Folglich zählt allein die Story, nicht so sehr die Frage, ob Gerechtigkeit das Leben für die Mullens und ihre Freunde besser machen wird. Nach dem Ende des Schein-Prozesses ist denn auch schnell die Luft raus.
|Originaltitel: The beach house, 2002
Übersetzung durch Edda Petri|
_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_
[„Das Pandora-Projekt“ 3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“ 4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“ 2389
[„Honeymoon“ 3919
[„Ave Maria“ 2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“ 1683
[„Mauer des Schweigens“ 1394
[„Stunde der Rache“ 1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“ 1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“ 1149
[„Vor aller Augen“ 1087
[„Tagebuch für Nikolas“ 854
[„Sonne, Mord und Sterne“ 537
[„Rosenrot Mausetot“ 429
[„Die Wiege des Bösen“ 47
[„Der 1. Mord“ 1361
[„Die 2. Chance“ 1362
[„Der 3. Grad“ 1370
[„4th of July“ 1565
[„Die 5. Plage“ 3915
Rauschgift und Diamanten – eine tödliche Mischung, wie sich für manchen Vietnamveteranen herausstellt. Bill Meadows hat das zwar zu spät gemerkt, seinem früheren Mitsoldaten aber einen brisanten Hinweis hinterlassen. Und wieder einmal versuchen zahlreiche offene und versteckte Gegner, Detective Harry Bosch an der Aufklärung des Todes von Bill Meadows zu hindern. Michael Connelly – Schwarzes Echo (Harry Bosch 1) weiterlesen →
Kenna ist schockiert als sie erfährt, dass ihre beste Freundin Mikki einen Mann heiraten will, den sie gerade erst kennengelernt hat. Kurzerhand macht sie sich auf den Weg nach Sydney, um die beiden zu überraschen. Doch sie wollen zum Surfen, also bleibt Kenna nichts anderes übrig, als sie zu begleiten. An der abgelegenen Ostküste Australiens trifft sie auf eine Gruppe ungleicher Menschen, die sich fernab der Zivilisation einen Rückzugsort geschaffen hat und alles tut, um ihn vor der Außenwelt zu bewahren. Hier zählen nur die Wellen, das Wetter und die Gezeiten. Doch das Küstenparadies birgt ein dunkles Geheimnis und schnell wird klar: niemand verlässt die Bucht lebend. (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
“Blutige Bucht” ist von Anfang an herrlich beklemmend, rätselhaft sowie spannend. Die unheilvolle Atmosphäre ist durchweg greifbar, denn die paradiesische Bucht namens Sorrow Bay bietet jede Menge Gefahren: Ein nahezu undurchdringliches Waldstück mit Giftschlangen, Spinnen, Klippen sowie Gewässer mit starker Strömung. Aber auch die undurchsichtigen Bewohner der Bucht tragen zur bedrohlichen Stimmung bei – schließlich ist der Mensch das grausamste Tier.
Dem Münchener Chirurgen Gregor Gropius stirbt nach einer Lebertransplantation der Patient weg: ein Kunstfehler? Keineswegs! Es war Mord: Die Leber war vergiftet. Wie sich zeigt, war der Tote ein ganz besonderer Patient: Er hatte das Grab Jesu gefunden …
_Der Autor_
Philipp Vandenberg, geboren 1941 in Breslau, landete gleich mit seinem Debütroman „Der Fluch der Pharaonen“ einen Bestseller. Viele seiner Romane und Sachbücher beschäftigen sich mit Archäologie. Vandenberg lebt mit seiner Frau abwechselnd in einem oberbayerischen Dorf oder in der Burganlage von Burghausen.
Weitere Titel: Der Pompejaner; Sixtinische Verschwörung; Das Pharaokomplott; Das fünfte Evangelium; Der grüne Skarabäus; Der Schatz des Priamos; Der Fluch des Kopernikus; Der Spiegelmacher; Purpurschatten; Der König von Luxor; Der Gladiator.
_Handlung_
Gregor Gropius, ein gut verdienender Chirurg an einem Münchner Klinikum, gerät schwer in die Bredouille, als ihm bei einer Leberverpflanzung der Patient stirbt. Gropius kann es nicht fassen, als sich herausstellt, dass die von einem anonymen Spender stammende Leber mit einem Insektizid vergiftet worden war. Obwohl man ihm einen Mord nicht zutraut, wird der Professor erst einmal beurlaubt. Schließlich will man keine anderen Patienten beunruhigen.
Zunächst hat Gropius seinen Oberarzt Dr. Fichte nicht im Verdacht, mit dem Mord etwas zu tun zu haben, aber das ändert sich, als er einen Privatdetektiv einschaltet. Der gesteht ihm, zuvor für seine Frau Veronique Gregors Leben ausspioniert zu haben, um ihr einen Scheidungsgrund zu liefern. Der Detektiv ertappt Dr. Fichte mit Dr. Plasskow, einem Golfkollegen Gropius‘. Er folgt den beiden nach Prag, wo sich zeigt, dass sie einen schwunghaften Organhandel betreiben und illegale Transplantationen durchführen. Und Fichte befindet sich in Begleitung von … Veronique. Macht das „geldgierige Frauenzimmer“ Geschäfte mit der tschechischen Organmafia?
Nach einigen unbequemen, aber ergebnislosen Fragen von Seiten der Münchener Sonderkommission kann sich Gropius einem anderen Kontakt widmen. Die Witwe des Ermordeten, die Kunstmaklerin Felicia Schlesinger, steht der Hinterlassenschaft ihres Gatten etwas hilflos gegenüber. Ihr Mann Arno war Archäologe und führte sein eigenes Leben an den diversen Grabungsstätten. Dort, in Israel, hatte er auch eine Geliebte, wie Felicia zu ihrer Erbitterung erfährt. Gropius besucht Felicia in ihrem Haus am Tegernsee, bemerkt, dass ihr eine Bombe geliefert wurde und transportiert diese mit seinem Wagen weg – mit knapper Not entkommt er dem Anschlag.
Für ihn (und den Bundesnachrichtendienst) stellt sich die Frage, wem der Anschlag galt: ihm oder Felicia? War es eine Warnung, da Felicia kurz vor der Detonantion angerufen wurde? Um jeden Zweifel auszuräumen, beschließt Gropius, die Spur aufzunehmen, die in Arno Schlesingers Vergangenheit. Diese führt zunächst nach Berlin und Turin, wo er jedoch gefangen genommen wird. Einen Tag später ist Professore de Luca, der Wissenschaftler, den er besuchen wollte, ebenfalls tot. Gropius entkommt nur, weil sein Tod den Hintermännern nichts nützen würde. Vielleicht führt er sie auf weitere Spuren.
Nun will es Gropius, der allmählich an seiner Aufgabe wächst, wirklich wissen. Während er sich zunehmend von Felicia Schlesinger entfremdet, erweist sich die Italienerin Francesca Colella, die er in Berlin und Turin antraf, als große Hilfe. Als die Bombenleger auch noch ihren Mann töten, hält sie sich an Gropius, denn er scheint zu wissen, wo’s langgeht.
In Israel stößt er endlich auf entscheidende Hinweise: Schlesinger hatte dort die Gebeine eines gewissen „Jeshua Sohn von Joseph Bruder von Jakobus“ gefunden, besser bekannt als Jesus von Nazareth. Kurz nachdem er die katholische Kirche damit erpresst hatte, erfolgte der Anschlag, der ihm die Leber zerriss. Kurz darauf landete er auf Gropius‘ OP-Tisch, doch die Gebeine Jesu wurden von einer weiteren Bombe vernichtet …
Nun meint der Vatikan, Gropius besitze die Forschungsergebnisse Schlesingers: die „Akte Golgatha“. Gropius‘ Gegner ist jedoch nicht nur die mächtige Kurie des Vatikans, sondern auch eine christliche Geheimorganisation, deren rätselhaftes Kürzel IND den Bundesnachrichtendienst in Verwirrung gestürzt hat: In nomine domini – „im Namen des Herrn“.
_Mein Eindruck_
Diesen Medizin-, Archäologie- und Religionsthriller mit Dan Browns Bestsellern „Sakrileg“ und „Illuminati“ zu vergleichen, liegt nahe. Doch der Versuch erweist sich schon bald als fruchtlos. Während Brown die geheime Geschichte des Religionsgründers erfindet und die des Abendlandes umschreibt (bzw. sich dazu früherer Autoren bedient), dienen Jesu Gebeine lediglich als Aufhänger für einen ganz normalen Thriller. Gropius‘ Erkenntnisse, die er sich stets mühsam in persönlichem Einsatz erkämpfen muss, führen zwar wie bei einer Schnitzeljagd zu weiteren Anhaltspunkten und Informationsquellen, verändern aber sein Weltbild nicht. Für Brown ist das alte Europa nur ein Palimpsest, das überschrieben wird – für Gropius ist es sein Lebensmilieu, über dessen Tellerrand er nicht hinausblickt.
Dennoch stellen Gropius und sein Erfinder Vandenberg am Schluss ein wenig verwundert fest, dass sich die Figur ganz schön verändert hat. Das ist auch für den Leser recht interessant, denn es lehrt eine Erfahrung, die man nicht aus Geheimschriften entziffert: Die Liebe des Lebens muss man sich erkämpfen.
Die erste Frau hat sich Gropius quasi gekauft, mit Reichtum an Finanzen und Wissen. Vroni, Veronika oder Veronique – schon bald entfremdete er sich von ihr. Er nahm sich die hübsche, geile Rita, eine Röntgenassistentin am Klinikum, die stets kam, wenn er sie rief: ein Betthase.
Doch die Schlesinger-Katastrophe ändert alles. Weder mit entfremdeten Gattinnen noch mit Betthasen lassen sich umfassende Probleme lösen wie das, vor dem Gropius jetzt steht: dem drohenden Ende seiner Karriere aufgrund einer ungeklärten Mordanklage. Leider erweist sich auch die Witwe Schlesingers nur begrenzt als hilfreich: Sie mag zwar gut im Bett sein, doch das Wissen, betrogen worden zu sein, macht sie verbittert.
Doch die Welt ist bekanntlich voll hübscher Frauen. Aber welcher kann Gropius trauen? Der Geliebten Schlesingers, Sheba Yadin, wohl kaum. Aber dann ist da noch die junge, attraktive Witwe Francesca Colella. Sie erweist sich als Gefährtin, die mit Gropius durch dick und dünn geht – bis zum Schluss. Sie ist sowohl mutig, schlagfertig als auch verständnisvoll. Als Italienerin hat sich auch ein großes Herz. Und sie kann warten, bis Gropius endlich auch seine Gefühle für sie zulässt.
Alles in allem hat dieser Roman zwar mehr mit echten Menschen zu tun, weil er den Figuren eine Tiefe und Breite zugesteht, die man in rasanteren Thrillern à la USA vermisst. Doch andererseits ist auch dieser Roman verpflichtet, den Leser zu unterhalten. An Vandenberg ist kein Wellershoff oder Schlink verlorengegangen: Sein Held Gropius ist kein Grübler, sondern mehr und mehr ein James Bond, der aus so mancher Falle herauslaviert und sogar mehreren Explosionen entgeht. Dass seine Bettgefährtinnen alles andere unansehnlich sind, schadet seinem Image gewiss nicht.
_Unterm Strich_
Ich konnte diesen Roman in wenigen Tagen lesen, da er nicht sonderlich anspruchsvoll ist. „Die Akte Golgatha“ ist ein einigermaßen spannend erzählter Thriller, der sich in den Bereichen Medizin (Organmafia), Archäologie (Israel) und Religion (Vatikan, IND-Orden) tummelt – allesamt Themen, die in Mode sind (spätestens seit „Jesus-Video“). Was den Leser wie den Helden verwirrt, ist die Verquickung all dieser Bereiche. Man fragt sich zunächst, wohin dies alles führen soll. Doch die Lösungen der Rätsel werden bis zur letzten Seite geliefert. Es bleiben keine losen Fäden zurück. Das nenne ich saubere Arbeit.
Angesichts der Fülle erotischer Begegnungen liegt der Vergleich mit James Bond nahe. Doch bei Bond gehören hübsche Frauen mit zwielichtigen Absichten gewissermaßen zum obligaten Inventar. Gropius hingegen – der nur auf Gattin und Geliebte zurückblicken kann – muss erst einmal seine Erfahrungen sammeln. Und das gestaltet sich interessanter als befürchtet. Diese Frauen sind keine Abziehbilder, sondern ebenbürtige Mitspielerinnen.
Merkwürdig ist jedoch, dass es keineswegs um das Schicksal der Welt oder wenigstens um den Untergang des Abendlandes geht. Zwar beißt hier und da jemand ins Gras, schon klar, aber die Eskalation reicht nicht in allerhöchste Ränge und aus den Liebesaffären werden keine Melodramen. Das macht die Geschichte ein klein wenig glaubwürdiger: Sowas könnte jedem von uns passieren (das nötige Kleingeld vorausgesetzt).
|Anmerkungen zur Sprache|
Damit die Figuren zum Leben erwachen, muss sich der Autor der richtigen Sprache befleißigen, sowohl in den Dialogen wie auch in den Beschreibungen. Doch schon für meine Generation der Sechziger- und Siebziger-Jahre-Männer klingen manche Satzkonstruktionen des 1941 geborenen Autors zu gestelzt. Das mag man in München ja anders sehen, wo man Latein noch in Ehren hält, doch in anderen Gegenden und Käuferschichten dürfte das auf weniger Verständnis stoßen. Mehrmals konstruiert Vanderberg Konditionalsätze, die statt ein „wenn/falls“ voranzustellen, ein „so“ benutzen. Das klingt nach Kanzleisprache.
Auch mit seinen Sprachbildern habe ich meine Mühe gehabt. Sprachbilder bestehen aus Redewendungen, Redensarten, Sprichwörtern, Vergleichen usw. Von manchen hat man völlig den Ursprung vergessen. Um solche geht es.
Als die Witwe Schlesinger erstmals auf Seite 59 auftritt, verwendet sie für ihr Aussehen den Ausdruck „in Schutt und Asche“ statt „Sack und Asche“. Das ist natürlich völliger Unsinn, denn in Schutt und Asche können nur Gebäude und dergleichen liegen. Viele Seiten später verwendet der Autor den Ausdruck korrekt. Es war also nur ein Ausrutscher. Aber der Lektorin Daniela Bentele-Hendricks fiel er nicht auf.
Bauchschmerzen bereitete mir auch der Ausdruck „im Trüben fischen“. Dies tut ausgerechnet die honorige Sonderkommission Schlesinger in München. Meistens wird dieser Ausdruck mit zwielichtigen Organisationen in Verbindung gebracht. Ich hätte lieber den Ausdruck „im Dunkeln tappen“ (S. 344) verwendet, um eindeutig klarzumachen, was gemeint ist: dass nämlich die Polizisten nichts herausgefunden haben. „Im Trüben fischen“ geht auf eine Fabel von Aesop zurück und bedeutet im eigentlichen Sinne, sich aus einer unklaren Lage einen Vorteil zu verschaffen (der Fischer wirbelt den Schlamm im Wasser auf, um dieses zu trüben, damit ihm die Fische leichter ins Netz gehen).
Berlin, 1989. Ria Nachtmann hat ihre große Liebe geheiratet und sich als Spionin zur Ruhe gesetzt. Ihre Tochter Annie verfolgt derweil einen gewagten Plan: Sie will eine Doku des DDR-Widerstands drehen und sie in den Westen schmuggeln. Als sie und ihr Freund Michael dabei versehentlich zwei Männer einer KGB-Geheimoperation filmen, gerät alles außer Kontrolle. Der in Dresden stationierte russische Agent Wladimir Putin hängt sich an ihre Fersen. Mutter und Tochter stehen bald zwischen allen Fronten und müssen erkennen, dass es um nichts weniger geht als um den Sturz der DDR-Regierung und die Zukunft Deutschlands. (Verlagsinfo) Titus Müller – Der letzte Auftrag (Die Spionin 03) weiterlesen →
Jules Tannberg übernimmt von seinem Freund „Caesar“ die Nachtschicht beim Begleittelefon – einem Service, den Frauen anrufen können, wenn sie alleine auf dem nächtlichen Heimweg sind und sich unwohl fühlen. Während er auf den ersten Anruf wartet, läuft im Hintergrund im Fernsehen eine Folge von „Aktenzeichen XY … ungelöst!“, in der sie nach dem sogenannten Kalender-Killer suchen – einem Mörder, der seinen Opfern mit Blut ihr Sterbedatum an die Wand schreibt. Dann klickt es in der Leitung und Jules nimmt einen Anruf entgegen, der zur folgenschwersten Unterhaltung seines Lebens wird. Sebastian Fitzek – Der Heimweg weiterlesen →
Der Erfinder Clyde Wynant ist verschwunden, als seine Sekretärin Julia Wolf ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden wird. Wer ist der Mörder? Wynants Tochter Dorothy? Oder Wynants geschiedene Frau Mimi Jorgensen, die die Sekretärin (und Geliebte) ihres Ex-Mannes gehasst hatte? Und wo ist Wynant selbst? Da erhält Wyannts Anwalt Herbert Macaulay einen Brief von seinem verschwundenen Mandanten. Exdetektiv Nick Charles übernimmt den rätselhaften Fall, seine Frau Nora und sein Hund Asta helfen ihm tatkräftig. Dashiell Hammett – Der dünne Mann. Ein Fall für Nick Charles weiterlesen →
In New Mexico versieht Jim Chee bei der Stammespolizei der Navajo-Indianer seinen Dienst. Über Funk hört er mit, wie sein Freund und Kollege Delbert Nez einem anderen Autofahrer hinterherfährt und lacht. Doch Delbert trifft nie am Treffpunkt ein. Als sich Jim Chee auf die Suche macht, findet er Delbert sterbend in einem brennenden Auto vor – und einen alten Indianer mit einer rauchenden Pistole nicht weit entfernt. Für das FBI ist der Fall sonnenklar: Der Mörder ist der alte Schamane. Doch für Chee ergeben sich immer mehr Fragen, je näher er sich mit dem Rätsel dieses Mordes befasst …
_Der Autor_
Tony Hillerman (27.5.1925 bis 26.10.2008) war ein vielfach ausgezeichneter amerikanischer Kriminalschriftsteller und Autor von Sachbüchern über das Indianerland im Südwesten. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Krimis um die Stammespolizei der Navajos. Sie wurden regelmäßig verfilmt.
|Die Leaphorn und Chee Reihe:|
1) The Blessing Way (1970) ISBN 0-06-011896-2
2) Dance Hall of the Dead (1973) ISBN 0-06-011898-9
3) Listening Woman (1978) ISBN 0-06-011901-2
4) [People of Darkness (1980)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8119 ISBN 0-06-011907-1
5) The Dark Wind (1982) ISBN 0-06-014936-1
6) The Ghostway (1984) ISBN 0-06-015396-2
7) Skinwalkers (1986) ISBN 0-06-015695-3
8) A Thief of Time (1988) ISBN 0-06-015938-3
9) Talking God (1989) ISBN 0-06-016118-3
10) Coyote Waits (1990) ISBN 0-06-016370-4
11) Sacred Clowns (1993) ISBN 0-06-016767-X
12) The Fallen Man (1996) ISBN 0-06-017773-X
13) The First Eagle (1998) ISBN 0-06-017581-8
14) Hunting Badger (1999) ISBN 0-06-019289-5
15) The Wailing Wind (2002) ISBN 0-06-019444-8
16) The Sinister Pig (2003) ISBN 0-06-019443-X
17) Skeleton Man (2004) ISBN 0-06-056344-3
18) The Shape Shifter (2006) ISBN 978-0-06-056345-5
|Filmographie:|
1) The Dark Wind (1991)
2) Skinwalkers (2002)
3) Coyote Waits (2003)
4) A Thief of Time (2004)
5) Skinning the Night: American Mystery (DVD)
Die Übersetzungen der Krimis erscheinen bei Rowohlt.
_Handlung_
Stammespolizist Jim Chee hat einen langen Arbeitstag hinter sich und freut sich auf eine gemütliche Tasse Kaffee mit seinem befreundeten Kollegen Delbert Nez. Doch dazu soll es nicht kommen. Irritiert hört Jim über den immer wieder unterbrochenen Funk mit, wie Delbert beginnt, einen Wagen zu verfolgen. Es soll sich um den Verrückten handeln, der angefangen, eine bestimmte Bergkette weiß anzustreichen. Jim hört Delbert belustigt auflachen, bevor der Funkkontakt vollends abbricht.
Im vereinbarten Café taucht Delbert nicht auf. Nervös fährt Jim los, um ihn zu suchen. Er muss irgendwo an der Route 33 stehen. Kurz bevor er einen Lichtschein bemerkt, sieht er, wie der Jeep eines vietnamesischen Schullehrers aus der Nähe abbiegt, aber nicht auf Jim reagiert. Der Lichtschein rührt nicht von einem Lagerfeuer her, sondern von Delbert Nez’s Einsatzfahrzeug, das in hellen Flammen steht. Sein Kollege sitzt noch darin, mit zwei Löchern in der Brust.
Jim Chees anschließender Einsatz macht Schlagzeilen. Wie er sich die linke Hand verbrannte, als er die Fahrertür des Wagens aufzog, um den Insassen mit der Rechten herauszuziehen. Doch Nez ist noch angeschnallt. Die ganze Aktion führt dazu, dass Chee für mehrere Wochen im Krankenhaus landet. Doch sein Einsatz ist noch nicht beendet. Er nimmt einen alten Navajo fest, der mit einer Whiskeyflasche und einer Pistole im Hosenbund die Landstraße entlangschlendert. Ashie Pinto leistet bei seiner Festnahme keinen Widerstand. Er sagt nur immer wieder. „I am ashamed – ich schäme mich.“
Aber mehr leider auch nicht. Die Pistole in seinem Gürtel erweist sich als die Tatwaffe. Für die zuständige Bundespolizei – jedes Reservat liegt auf Bundesbesitz – ist der Fall sonnenklar: Es kommt nur Ashie Pinto als Täter infrage. Aber Jim Chee fragt sich, wieso ein so angesehener Schamane – ein Kristallseher – wie der über 80 Jahre alte Ashie Pinto ohne fahrbaren Untersatz die rund 320 Kilometer zwischen seinem Wohn- und seinem „Fundort“ bewältigt hat. Es muss noch jemand anderen geben, der als Zeuge oder gar als Mittäter vor Ort gewesen sein muss. Neugierig macht sich Jim auf die Suche …
Lt. Joe Leaphorn von der Stammespolizei der Navajo erhält Besuch von zwei Frauen. Der Witwer, der seine geliebte Frau Emma durch eine langwierige Krankheit verlor, starrt neugierig auf die Visitenkarte der einen Frau: Prof. Louisa Bourebonette von der Uni Flagstaff in Arizona. Die Professorin drückt sich sehr deutlich und entschlossen aus. Im Unterschied zu der anderen Frau. Mrs. Keeyaneeh ist mit Ashie Pinto verwandt, eine Navajo. Beide weigern sich zu glauben, dass der alte Schamane etwas mit dem Mord an Officer Nez zu tun haben könne. In der Tat weisen sie auf einige Ungereimtheiten hin.
Zu seinem größten Bedauern sieht Lieutenant Joe Leaphorn keine Möglichkeit, diesen Fall, für den ja nur das FBI zuständig ist, an jemand anderen abzugeben. Jim Chee, der tapfere Held, liegt ja noch bandagiert im Krankenhaus. Und das FBI hat so schlampig ermittelt, dass in der Akte nicht einmal der Jeep vermerkt ist, den Chee gesehen hat. Und so macht sich Leaphorn an die Arbeit, um einen Fall zu untersuchen, mit dem er offiziell nichts zu tun hat und an dem bereits Jim Chee arbeitet.
Von unterschiedlichen Seiten arbeiten sich die beiden Polizisten an die unglaubliche Wahrheit heran, die zu diesem rätselhaften Verbrechen an einem Cop geführt hat …
_Mein Eindruck_
In dieser Folge der Chee & Leaphorn-Serie geht es um die Leute, die an der Navajo-Kultur und am Indianerland interessiert sind. Dieses Interesse kann sich positiv auswirken oder schlimme Folgen haben. Da sind zunächst die Akademiker wie Prof. Bourebonette, aber es gibt auch Leute wie Dr. Tagert, ein Historiker und sein Assistent Redd Odell.
|Alte Zeiten|
Immer wieder ackert beispielsweise Jim Chee die Erzählungen Ashie Pintos durch, die dieser Dr. Tagert auf Band aufnehmen ließ. Zunächst scheint die Transkription, die Odell anfertigte, ganz in Ordnung zu sein, doch als Chee sie mit dem O-Ton vergleicht, stößt er auf eine bemerkenswerte Lücke. Diese betrifft den Tatort, an dem Delbert Nez ums Leben kam.
Pinto erzählt dem seit Wochen verschwundenen Tagert von einer Zeit vor mindestens 80 bis 100 Jahren, als die Navajo und Pueblo noch gegen die Ute-Indianer selbständig vorgehen durften, um sich gegen Viehdiebstahl zu wehren. Angeführt von einem Navajo, holten Pueblo-Männer ihr gestohlenes Vieh zurück. Doch dann kam es in dem Malpais-Land, auf dem Delbert Nez starb, zu einer Begegnung mit Weißen.
Diesen Weißen galt das Interesse von Dr. Tagert und Redd Odell. Es sollte sich um Butch Cassidy und seinen letzten Kumpel handeln. Und Butch Cassidy sollte die Beute von seinem letzten, gescheiterten Beutezug dabei gehabt haben. Die Weißen nutzten das Indianerland als Versteck. Leider suchten sie sich ausgerechnet jene Felsformation aus, die als Wohnstätte von Coyote gilt.
|Coyotes Land|
Coyote, einer der heiligen Leute der mythischen Vorzeit der Navajo, ist bei vielen Stämmen des Südwestens als Trickster bekannt. Er ist der Außenseiter unter den Mächten. Seinem Rat ist nicht zu trauen, denn er sagt das eine und tut das andere. Wie Pinto, der Schamane, es Chee im Knast haarklein erklärt, sind alle Anhänger von Coyote „skinwalker“: Sie sehen außen wie Menschen aus, doch inwendig sind sie etwas anderes. Landläufig bezeichnen die Navajo sie auch als Hexer. Nach jedem Kontakt mit ihnen muss eine Reinigungszeremonie an jedem praktiziert werden, der mit ihnen zu tun hatte.
In seiner Chronik erwähnt Pinto, dass alle Navajo und Pueblo, die mit den beiden Weißen der Gegend zu tun hatten, gereinigt wurden, doch ihr Anführer unterzog sich auch einer Geisterreinigung. Pinto beschrieb den Ort ganz genau, wo die Weißen sich versteckten. Tagert und Odell kapieren sofort: Hier wartet ein Schatz darauf, gehoben zu werden. Und Coyote freute sich schon auf neue Opfer. Nur dass es für Weiße keine Reinigungszeremonie geben kann. Das Unheil nahm seinen Lauf. Aber war auch Delbert Nez verflucht?
|Vernunft|
Auch wenn Chee als angehender Schamane an die Mythologie glaubt, Lt. Leaphorn tut es nicht. Er ist ein Rationalist. Er glaubt keinen Moment an uralte Flüche, die sich an allen, die an diesen Ort rühren, bewahrheiten. Er glaubt daran, dass man die Wahrheit erkennen kann, wenn man nur seinen Blickwinkel ändert, indem man den Standort ändert. Als er dies tut, entdeckt er, wer der verrückte Felsenmaler ist. Und dieser stellt sich als der wichtigste Zeuge heraus, den die Stammespolizei bislang aufgetrieben hat.
|Das FBI|
Obwohl dies ja gar nicht der Fall der Stammespolizisten ist. Es ist der Fall des FBI. Der Autor lässt kein gutes Haar am FBI. Jeder Mann, der einen originellen Gedanken hat, liberal ist oder für schlechte Publicity sorgt, wird beim FBI automatisch geschasst. Und natürlich mischt man sich nicht in die Arbeit der anderen Dienste ein. Wie etwa der CIA. Und die CIA scheint ihre Hand über jenen vietnamesischen Schullehrer zu halten, den Chee in der Nähe des Tatorts gesehen hat. Doch der Lehrer war in seiner Heimat ein Oberst der südvietnamesischen Streitkräfte, der eng mit der CIA zusammenarbeitete. Folglich war für das FBI tabu. Was ihm aber nicht hilft: Eines Tages findet man ihn tot in seinem Haus. Mit seinem eigenen Blut hat er zwei Botschaften an die Wand geschrieben, eine davon für Chee …
|Flüchtlinge|
Die Parallele ist unübersehbar. Auch der Oberst ist ein Flüchtling, der im spärlich besiedelten Indianerland ein Versteck suchte, genau wie Butch Cassidy und sein letzter Helfer. Es hat beiden nichts genützt. Sie hatten niemanden, der sie schützte. Denn dies ist auch das Land, das von Klapperschlangen beschützt wird. Vor 80 Jahren wollte kein Navajo auf Kriegszug gehen, weil die Schlangen noch auf der Jagd waren. Keiner wollte riskieren, von einer gebissen zu werden.
Und auch heute noch erfahren Jim Chee und seine Freundin janet Pete hautnah, wie nah die Schlangen sind. Aber Jim Chee ist erfahren genug, sich mit einer Schlange zu verbünden und so Coyote zu überlisten. Denn der gierige Weiße, der sich als Leichenfledderer und Schatzsucher betätigt, hat keinen Respekt vor Schlangen, besonders dann nicht, wenn sie ihn von seiner Beute abhalten wollen. Und so zahlt er eben den Preis. Wie sagt doch Jim Chee an einer Stelle? „Coyote wartet – und er ist immer hungrig.“
|Wahrheit|
Wer hat nun aber Office Delbert Nez erschossen und verbrannt? Obwohl er ständig mit bandagierter linker Hand herumläuft, ist es Jim Chee gelungen, eine ganz Reihe Verdächtiger zu ermitteln. Da ist der verrückte Felsenmaler, da ist der vietnamesische Lehrer, schließlich der verschwundene Dr. Tagert und sein Helfer Odell, schließlich noch Ashie Pinto. Nur mit Leaphorns Hilfe gelingt es ihm, alle Aussagen zusammenzufügen und noch einen Showdown zu überleben. Schließlich eilt Chee zum Gerichtssaal, um einen alten Mann vor dem Knast zu bewahren. Doch dort erlebt er eine Überraschung. Denn Coyote bekommt immer, was und wen er haben will. Und er kann warten.
_Unterm Strich_
Diesmal habe ich drei Tage für diesen Krimi gebraucht. Nach einem furiosen Auftakt, der darin gipfelt, dass Jim Chee seinen Freund Nez vor dem vollständigen Verbranntwerden bewahrt und Ashie Pinto verhaftet, plätschert die Handlung vor sich hin. Zunehmend hegen die beiden unabhängig ermittelnden Polizisten Chee und Leaphorn Zweifel, dass Pinto den Mord begangen haben kann. Selbst wenn er doch mit einer fast vollständig geleerten Flasche besten Whiskeys aufgegriffen wurde. Aber es muss Zeugen gegeben haben. Diese finden sich in der Tat, und zwar mehr als genug, um zwei weitere Morde aufklären zu können.
|Schatzsucher|
Der Fan, der sich für das Indianerland im Südwesten der USA interessiert, wird aufhorchen, wenn er auch vom Ende eines der berühmtesten Banditen aller Zeiten liest: Butch Cassidy und sein Kumpel Sundance Kid lieferten die Vorlage für einen der erfolgreichsten Western überhaupt. Paul Newman spielte den Cassidy und Robert Redford den Kid. Ihre Hole in the Wall Bande raubt so manchen Zug aus, bis die Pinkerton-Detektei, aus der das FBI hervorging (so schließt sich der Kreis im Roman), sie nach Bolivien vertrieb.
Dort soll die Miliz sie erschossen haben. Im Roman finden tagert & Co. beweise für eine Rückkehr der beiden – und zumindest Cassidy soll im Navajo-Reservat mit einem Schatz sein Ende gefunden haben. Diesen Schatz zu heben, treibt die stets gierigen Weißen an. Und natürlich können sie sich nicht einigen, wie sie die Beute ihrer Leichenfledderei aufteilen sollen. Was verhängnisvolle Folgen hat.
Diese Vorgeschichte herauszufinden, dauert seine zeit, und Jim Chee steht, als Invalider, unter keinerlei Zeitdruck. Wochen vergehen. Auch Leaphorn, der Rationalist, sieht sich keineswegs gedrängt, dem FBI in die Quere zu kommen, ganz im Gegenteil: Er wird davor ausdrücklich gewarnt. Aber keiner der beiden Cops kann es mit seinem Gewissen vereinbaren, einen Stammesangehörigen, der möglicherweise unschuldig ist, einfach so verurteilen zu lassen. Und so kommt das eine zum anderen.
Zum Vergnügen des Lesers arbeiten die zwei Cops nicht zusammen, wie es weiße Cops täten. Vielmehr sind sie einander keineswegs grün. Leaphorn betrachtet Chee als ruhelosen Grünschnabel, der das Unmögliche versucht: Schamane und Cop zugleich zu sein. Chee sieht sch von Leaphorn bevormundet und sogar verdächtigt. Offensichtlich habe die beiden eine Runde Gesprächstherapie nötig. Die uns zum Glück erspart bleibt.
Wie gesagt, herrscht zwischen dem furiosen Auftakt und dem feinen Showdown in Coyotes Felsformation recht wenig Action, sondern viel Rätselraten und Ermittlungsarbeit. Wer dafür zu ungeduldig ist, sollte sich temporeicheres Lesefutter suchen. Wer indianische Geduld mitbringt, wird mit einem feinen Indianerkrimi belohnt.
Schöner kann der Tag gar nicht beginnen, denkt sich Oberinspektor Chen, bis er nur wenige Schritten später über eine übel zugerichtete Leiche stolpert. 17 rituelle Axtwunden: Ist der Tote dem Geheimbund der Triaden zum Opfer gefallen? Kaum im Kommissariat, erhält Chen jedoch einen anderen Auftrag: Er soll eine amerikanische Kollegin während ihres Aufenthalts in Shanghai begleiten – eine politisch heikle Mission.
Gemeinsam müssen sie die hochschwangere Wen finden, deren Mann in New York als Kronzeuge gegen einen gefürchteten Triaden-Boss vor Gericht steht und erst aussagen will, wenn seine Frau in die USA ausreisen darf. Doch die Chinesin ist spurlos verschwunden. Das ungleiche Ermittlerpaar macht sich auf die gefährliche Suche in die dunkelsten Ecken des Reichs der Mitte. (Verlagsinfo) Qiu Xiaolong – Die Frau mit dem roten Herzen. Ein Inspector Chen Krimi weiterlesen →
In New Mexico versieht Jim Chee bei der Stammespolizei der Navajo-Indianer seinen Dienst. Eine Weiße meldet den Diebstahl von Erinnerungsstücken, doch als ihr Mann zurückkehrt, zieht er die Anzeige zurück. Der Polizeichef der Weißen warnt Jim, die Finger von der Sache zu lassen. Doch wer würde glauben, dass der Bestohlene ein Hexer ist? Nur Navajos, oder?
Und was könnte dies alles mit dem Tod und Verschwinden des Sohnes jenes Navajo-Schamanen zu tun haben, mit dem der Bestohlene ein enges Verhältnis hatte? Wer würde einen krebskranken Mann mit einer Bombe töten wollen? Jim Chee sucht im Malpais nach Antworten. Er ahnt nicht, dass dort bereits ein Mörder auf ihn wartet.
Der Autor
Tony Hillerman (27.5.1925 bis 26.10.2008) war ein vielfach ausgezeichneter amerikanischer Kriminalschriftsteller und Autor von Sachbüchern über das Indianerland im Südwesten. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Krimis um die Stammespolizei der Navajos. Sie wurden regelmäßig verfilmt.
Kriminalromane im Diné
The Blessing Way, 1970 (Wolf ohne Fährte, 1972)
Dance Hall of the Dead, 1973 (Schüsse aus der Steinzeit, 1976)
Listening Woman, 1978 (Das Labyrinth der Geister, 1989)
People of Darkness, 1980 (Tod der Maulwürfe, 1982)
The Dark Wind, 1982 (Karo Drei, 1984, unter dem Titel Der Wind des Bösen, 1989)
The Ghostway, 1984 (Das Tabu der Totengeister, 1987)
Skinwalkers, 1986 (Die Nacht der Skinwalkers, 1988)
A Thief of Time, 1988 (Wer die Vergangenheit stiehlt, 1990)
Talking God, 1989 (Die sprechende Maske, 1990)
Coyote Waits, 1990 (Der Koyote wartet, 1992)
Sacred Clowns, 1993 (Geistertänzer, 1995)
The Fallen Man, 1996 (Tod am heiligen Berg, 1998)
The First Eagle, 1998 (Die Spur des Adlers, 2000)
Hunting Badger, 1999 (Dachsjagd, 2001)
The Wailing Wind, 2002 (Das goldene Kalb, 2003)
The Sinister Pig, 2003 (Dunkle Kanäle, 2004)
Skeleton Man, 2004 (Der Skelett-Mann, 2006)
The Shape Shifter, 2006 – ISBN 978-0-06-056347-9
Verfilmungen
Canyon Cop (The Dark Wind), 1991, Regie: Errol Morris, Hauptrollen: Lou Diamond Phillips (Jim Chee) und Fred Ward (Joe Leaphorn)
In einer Filmreihe des US-amerikanischen Senders PBS von Executive Producer Robert Redford und mit Wes Studi (als Joe Leaphorn) und Adam Beach (als Jim Chee) in den Hauptrollen entstanden die Filme
Skinwalkers, 2002,
Coyote Waits, 2003,
A Thief of Time, 2003.
Im Juni 2022 veröffentlichte AMC die Fernsehserie Dark Winds, die auf Hillermans Roman Das Labyrinth der Geister basiert und von Graham Roland entwickelt wurde. Die Hauptrollen spielen Zahn McClarnon und Kiowa Gordon.
Die Übersetzungen der Krimis erscheinen bei Rowohlt, Goldmann und im Unionsverlag, CH.
Handlung
Jim Chee ist bei der Stammespolizei der Navajo-Indianer in ihrer Reservation bei Albuquerque, New Mexico. Eigentlich hat er nur mit Vorfällen zu tun, die aus dem Stammesterritorium stattfinden, aber da manche Ecken des Reservats, das größer ist als Neu-England, seltsam zwischen Navajo- und weißem Besitz aufgeteilt sind, ist es unvermeidlich, dass auch mit weißen Sheriffs kooperiert. Er ist jung und studiert immer noch die sonderbaren Wege des Weißen Mannes, die so ganz anders sind als die eines Navajo. Eines Tages, so plant Jim, wird er ein Heilsänger seines Stammes sein, ein Schamane.
Rosemary Vines ist die zweite Gattin von B.J. Vines, einem durch Uranfunde reich gewordenen Großwildjäger. Dessen Haus steht auf Indianerland. Jim bewundert das Grab eines Navajo namens Dillon Charley, das sich im Garten von Vines‘ Haus befindet. Mrs. Vines meldet einen Einbruchdiebstahl und bietet Jim eine Belohnung von nicht weniger als 3000 Dollar, wenn er die Stahlkassette, in der sich ein paar Erinnerungsstücke ihres Mannes befinden sollen, zurückbringt, bevor dieser von einem Aufenthalt zurückkehrt. Die Kassette befand sich in einem aufgebrochenen Safe im Trophäenraum des Jägers. Nichts sonst wurde angerührt. 500 Dollar kriegt Jim sofort, den Rest im Erfolgsfall. Eine hübsche Summe für ein paar Memorabilien.
Als Jim mit dem weißen Sheriff, einem alten Kerl namens Gordo (= Dicker) Sena, über diese Sache spricht, ergeben sich Verdachtsmomente. Sena ist ein langjähriger Feind von Vines und Dillon Charley, und zwar seit einer Sache vor 30 Jahren. Dieser Dillon Charley war ein Schamane, der den verbotenen Peyote-Kult praktizierte. So soll er nach dem Glauben seiner Anhänger, die sich „Volk der Finsternis“ (s. Titel) nannten, einen Sprengstoffunfall vorausgesehen haben, bei dem Senas älterer Bruder Robert getötet wurde. Sena gibt Charley die Schuld, und weil Vines Charley unterstützte, wurde auch Vines zu Senas Feind.
Vines kehrt zurück und sagt, alles sei ein Irrtum gewesen. Es sei zwar etwas gestohlen worden, aber das sei völlig wertlos. Und bietet 200 Dollar für Jim als Aufwandsentschädigung. Vines ist umgekehrt auch Senas Feind, denn er verdächtigt ihn, damals seinen eigenen Bruder umgebracht zu haben. Allmählich beginnt sich Jim zu wundern, ob in diesem Fall irgendjemand die Wahrheit sagt.
Als er Dillon Charleys Sohn Emerson sucht, der ebenfalls dem Peyote-Kult angehört, erfährt, dass sich Emerson krebskrank in das Krebsbehandlungszentrum die Uniklinik von Albuquerque begeben hat – und dass in genau diesem Moment sein Pickup in die Luft gesprengt worden sei, wobei sechs Menschen, die diesen gerade abschleppen wollten, getötet wurden. Diese ständigen Explosionen beginnt Jim allmählich auch, interessant zu finden.
Nun sucht er Emersons Sohn Tomas, der halb Navayo und halb Navajo ist. Ein Beamter sagt, Tomas sei halb verrückt und habe Visionen, weil er ständig Peyote nimmt. Jim findet Tomas auf eine Auktion von selbstgewobenen Navayo-Teppichen und -Decken, die ein Texaner leitet. Tomas, der völlig normal und zurechnungsfähig wirkt, findet das Verschwinden der Leiche seines Vaters vor zwei Tagen bedauernswert. Davon hört Jim zum ersten Mal. Wie kann in der Welt des weißen Mannes eine Leiche spurlos verschwinden? Dass sich die Cops nicht darum kümmern, wundert ihn nicht. Indianerangelegenheiten haben stets die niedrigste denkbare Priorität. Seinen wachsamen Augen fällt ein hellblonder Weißer auf, der sich ebenfalls suchend umschaut – und der nach der Auktion mit Tomas spricht.
Weil Tomas ihm verraten hat, wo die von ihm geraubte Metallkassette zu finden ist, fährt er mit der Weißen Mary Landon, die er auf der Auktion kennegelernt hat, hinaus ins Malpais, das „schlechte Land“, wie es die Spanier vor Jahrhunderten tauften. Dort erhebt sich ein uralter Vulkan, auf dessen Lavamassen nur die härtesten Pflanzen und genügsamsten Tiere gedeihen. Hier hat Tomas in einer Spalte die Kassette versteckt.
Jim Chee und Mary erleben eine böse Überraschung. Tomas ist erst wenige Minuten tot, und sein Mörder, der blonde Mann, hat es partout darauf abgesehen, unerwünschte Zeugen zu beseitigen …
Mein Eindruck
Der Auftraggeber des blonden Killers ist darauf erpicht, ein dunkles Geheimnis zu schützen und geht dafür über Leichen. Zunehmend nimmt der Buchtitel „Volk der Finsternis“ eine zweite, sinistre Bedeutung an, eine Bedeutung, die nur auf Weiße zutrifft. Es ist Jim Chees Aufgabe, diese ihm fremde Denkweise des weißen Mannes zu ergründen. Nur so kann er das Motiv verstehen, dass den blonden Mann antreibt und das 30 Jahre zuvor sechs Menschen das Leben kostete, verstehen.
Dass das Verbrechen noch weitergeht, belegen die Tode der damals Überlebenden: Sie starben alle durch Krebs. Wie kann das sein, wundern sich die Krebsärzte. Dies ist das zweite Geheimnis, das Jim aufdecken muss. Die Navajo glauben, die Ursache für diese Tode seien Sünden, die das Krebsopfer zu einem Hexer, einem Brujo, gemacht haben. Wie sich herausstellt, kehrt diese Denkweise das Verhältnis zwischen Opfer und Täter um. Aber in der Navajo-Kultur gibt es (noch) keine Vorstellung von absichtlich hervorgerufenem Krebs.
Der Autor macht den Leser durch die Figur des Jim Chee, eines Grenzgängers, mit der Mythologie und Denkweise der Navajo bekannt, wenn auch nicht vertraut – dafür wäre ein anderes Werk vonnöten. Durch die heiligen Wesen Changing Woman und Talking God haben die Navajo Lehren erhalten, wie sie Harmonie (beauty) in allen Lebensdingen erreichen und erhalten können. Diese Haltung ist dem Konkurrenzdenken des weißen Mannes diametral entgegengesetzt. Was das gegenseitige Verständis umso schwieriger macht.
Aber durch First Man kam auch die Sünde in die Welt der Menschenwesen. Er wurde zum Hexer, indem er sich selbst umbrachte und dann wieder neu erschuf. Dies war nötig, weil er die beiden Kardinalsünden des Inzests und des Verwandtenmordes nicht begehen konnte, denn schließlich existierte First Man allein auf der Welt. Dieses Konzept der Selbstvernichtung und Auferstehung erweist sich für Jim Chee als der andere Schlüssel zum Verständnis dessen, was es mit der gestohlenen Kassette auf sich hat.
Der erste Schlüssel ist einfach: Es ist simple Gier. Eine Denkweise, die einem Navajo fremd, einem Weißen aber geläufig ist. Und Gier hat in diesem verschlungenen Fall fast ein Dutzend Menschen getötet …
Vielfach stößt der Leser auf den Navajo-Glauben an die Geisterwelt und die Hexerei. Obwohl Jim Chee, der Heilsänger werden will, an diese Tradition glaubt, steht er ihr kritisch gegenüber, denn er hat Anthropologie und Soziologie bei den Weißen – und sie selbst – studiert. Sein späterer Partner Leaphorn, der hier nur am Rande erwähnt wird, ist noch kritischer und rationaler eingestellt. Sie kommen aber nicht umhin, sich mit den tödlichen Folgen dieses Glaubens auseinanderzusetzen, ganz gleich, ob sie nun daran selbst glauben oder nicht.
Der Originaltitel „People of Darkness“ bezieht sich nicht nur auf ein Volk, sondern auf dessen Totem, den Maulwurf. Dieser lebt im Reich der Dunkelheit und beherrscht die sechste Himmelsrichtung, den Nadir. Dillon Charley, der Schamane, soll diesen Kult gegründet haben, erzählt man Jim zunächst. Doch dann erfährt er, dass es vielmehr der Weiße B. J. Vines, der Dillon und seinen Anhängern die Amulette mit der Form des Totemtiers gab. Und diese Amulette trugen sie stets in ihrem Medizinbeutel bei sich.
Der gewiefte Krimi-Leser wird sofort eine Verbindung zwischen diesen Amuletten, den toten Indianern und den Uranfunden herstellen. Doch für Jim Chee ist dies alles nicht so einfach: Er braucht Beweise. Ganz besonders dann, wenn Leichen anfangen zu verschwinden …
Unterm Strich
Ich habe diesen Hillerman-Krimi in nur einem Tag gelesen. Die Sprache ist wie die Handlung einfach zu verstehen. Der Plot beginnt mit einer Explosion und führt stetig zu einem spannenden Höhepunkt. Die zahlreichen neuen Begriffe aus der Navajo-Kultur und Mythologie kann sich der Leser aus dem Buch selbst erschließen, selbst wenn sich daraus kein zusammenhängendes Bild ergibt.
Jim Chee ist der Führer in dieses unbekannte Land, und unsere Stellvertreterin ist die energische Mary Landon, der durchaus weiß, wie man ein Gewehr handhabt. Aus den Dialogen ergeben sich nicht nur Erkenntnisse zu den Navajos, sondern auch zu den Rätseln des anliegenden Falles. Leider ergibt sich aus der Beziehung dieser beiden Hauptfiguren keine romantische Liebesgeschichte. Offenbar verschwindet Mary wieder, denn Jim Chees Partner ist fortan Lt. Leaphorn von der Stammespolizei. Das werde ich bei den nächsten Hillerman-Krimis überprüfen. Sie liegen schon bereit.
Die Hillerman-Krimis kann ich empfehlen. Sie sind wie die von Robert B. Parker (siehe meine ca. 60 Berichte zu Parker) täuschend einfach gestrickt, führen aber zu überraschenden Ergebnissen. Zudem führen sie den Leser zu neugierig machenden Erkenntnissen, wenn Weiße und Ureinwohner miteinander zu tun haben. Denn die Navajo spiegeln die Mentalität der Weißen, die sie besiegten und beraubten, kritisch wider und erlauben dem weißen Leser, sich selbst und seine soziale Umgebung mit anderen Augen zu sehen.
Kein Wunder also, dass der Autor von den Navajo mit höchsten Auszeichnungen und Ehren bedacht wurde. In Albuquerque ist eine Bibliothek nach ihm benannt. Dass die Fantasyautorin Ursula K. Le Guin, Schöpferin von ERDSEE, nur Hillerman-Krimis liest, leuchtet mir völlig ein. Navajos sind für Weiße wie Aliens: rätselhaft, aber mit einer kompletten Mythologie ausgestattet, die ganz anders als die der Weißen ist.
Ein eiskalter Mörder tötet Flitterwöchner noch in der ersten Hochzeitsnacht – um herauszufinden, was das Schlimmste ist, das jemand tun kann. Doch alle weibliche Opfer verbindet etwas, und das ist der Schlüssel zur ungewöhnlichen Aufklärung des Falls. Denn diesmal wird nicht ein Einzelner wie Dr. Alex Cross aktiv, sondern gleich ein ganzer Klub von couragierten Frauen: der Mordklub.
Dies ist der erste Roman in einer neuen Reihe, die einfach von eins aufwärts durchnummeriert ist. Der 1. Band heißt daher „1st to die“, der nächste „2nd chance“, „3rd degree“ und so weiter.
_Handlung_
Lindsay Boxer ist die einzige Inspektorin in der Mordkommission des San Francisco Police Department (SFPD). Da muss sie manchmal ganz schön hart im Nehmen sein. So wie jetzt, denn nichts hat sie auf den Horror der Flitterwochenmorde vorbereitet. Der erste passiert im gleichen Hotel, in der auch die Hochzeit stattfand. Der zweite passiert verwirrenderweise draußen auf dem Land, im berühmten Weinbaugebiet des Napa Valley. Beide Male wurden an den schönen und wohlhabenden Opfern, die kurz vor ihrem Honeymoon Trip standen, grausame sexuelle Handlungen vorgenommen. Sie wurden nicht nur getötet, sondern auch in jeder Weise entwürdigt.
San Francisco ist dementsprechend geschockt und will schnell Aufklärung der Untaten und die Ergreifung des Monsters. Das ist leichter gesagt als getan. Zum Glück gelingt es ihr, eine neugierige junge Journalistin auf ihre Seite zu ziehen und mit ihr und Claire, Lindsays bester Freundin, einer Gerichtsmedizinerin, einen Klub der Detektivinnen zu gründen. Später ziehen sie noch eine Staranwältin hinzu – wer hätte das gedacht? Schon bald zeitigt das Puzzlespiel der Frauen erste Erfolge.
Doch Lindsay hat auch ein ganz privates Problem, das sie unmittelbar bedroht: Ihr Arzt entdeckt bei ihr eine Blutkrankheit, eine zunehmende Knappheit an roten Blutkörperchen. Als Folge des resultierenden Sauerstoffmangels kippt sie ab und zu in Stresssituationen einfach um. Gut, dass sie einen neuen Freund hat: Chris Raleigh. Nachdem sie ihr Misstrauen überwunden hat, erweist sich der Nichtpolizist Raleigh an ihrer Seite als wahre Stütze. Doch wie kann man eine Beziehung aufbauen, wenn man die wichtigste Wahrheit nicht sagen kann, weil dadurch die Beziehung zum Scheitern verurteilt wäre?
In diesen Zweifrontenkrieg Lindsays platzt die Nachricht eines weiteren Honeymoon-Mordes wie eine Bombe: Der Mörder hat im fernen Cleveland zugeschlagen. Treibt er nun im gesamten Land sein Unwesen? Als die Videoaufnahmen das Gesicht des ungebetenen Hochzeitsgastes enthüllen, traut Lindsay ihren Augen kaum: Der Killer ist eine weltbekannte Persönlichkeit. Wie soll sie ihn zur Strecke bringen?
Wer wird als Erster mit dem Sterben dran sein: das nächste Opfer, der Killer oder – Lindsay?
_Mein Eindruck_
[„Rosenrot Mausetot“ 429 hatte mich mit seinem hammerharten Schluss absolut umgehauen. Daher wagte ich nicht zu hoffen, dass Patterson ein weiteres Mal dieses Kunststück fertigbringen würde. Und dem ist auch so: „Der 1. Mord“ geht viel weiter in die Breite und drückt weitaus stärker auf die Tränendrüsen als „Rosenrot Mausetot“. Dieses Buch ist ergreifend. Dennoch bleibt das Buch spannend bis zur letzten Szene, weil es dem Autor gelingt, immer wieder mal ein neues Karnickel aus dem Hut zu zaubern; eine neue Wendung, auf die der Leser nicht – und die Hauptfigur schon gar nicht – vorbereitet ist.
Was sich schon bei „Rosenrot Mausetot“ anbahnte, setzt sich hier verstärkt fort: Nicht mehr heroische Männer wie Alex Cross stehen im Mittelpunkt des Geschehens, sondern vielmehr starke Frauen. Doch auch diese sind aufeinander angewiesen, sowohl beruflich wie auch privat, wie Lindsays Krankheit zeigt, sonst würden sie scheitern. Die Anwältin beispielsweise wird benötigt, um sich überhaupt an den prominenten Killer heranzuwagen – und dennoch setzt sie ihre Karriere dafür aufs Spiel.
Was ich hier um den Erhalt der Spannung willen nicht sagen darf, aber mit das Wichtigste am Buch ist, ist natürlich der Mörder. Die ersten vier Morde begeht er sowohl skrupellos als auch in erniedrigender Absicht. Dennoch will er etwas herausfinden: Was ist das Schlimmste, was man tun kann? Beim dritten Doppelmord mischt sich eine persönliche Beteiligung in die Tat, eine Art Rachsucht. Natürlich überrascht uns der Autor: Im Handumdrehen haben wir es mit mehr als nur einem möglichem Täter zu tun, aber welcher ist der richtige? Menschen können sich verkleiden. Bis zum Schluss bleibt diese ungewisse Spannung erhalten, und man kann nur um die Unversehrtheit Lindsays bangen.
|Patterson, der bessere Koontz?|
Patterson kennt seine Schauplätze aus dem Effeff, als ob er selbst dort gewesen sei. Man nimmt ihm die Akkuratheit seiner Beschreibungen ohne Weiteres ab. Und wo der Hintergrund als sicher gilt, kann bekanntlich im Vordergrund alles Mögliche passieren.
Mit der Betonung der emotionalen und sozialen Dimension des Verbrechens begibt sich Patetrson auf das Spielfeld eines anderen bekannten Spannungsautors, auf das von Dean Koontz. Koontz hat sich wegbewegt vom Übernatürlichen, Unerklärlichen hin zu höchst seltsamen Praktiken der Psychologie, dem Wahnsinn von Serienkillern. Bei Pattersons Killern hat dieser Wahnsinn noch Methode: dahinter steckt der Wunsch zu erkennen und zu schocken.
Glücklicherweise sind seine Büchern noch wesentlich dünner und schneller zu lesen als die Ziegelsteine, die Koontz in letzter Zeit produziert hat. Die superkurzen Kapitel, das Markenzeichen jedes Patterson-Romans, erlauben praktisch keine Atempause. Auch die 350 Seiten von „Der 1. Mord“ waren in drei Tagen verschlungen.
|Originaltitel: 1st to die, 2001
Aus dem Amerikanischen von Edda Petri|
_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_
[„Das Pandora-Projekt“ 3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“ 4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“ 2389
[„Honeymoon“ 3919
[„Ave Maria“ 2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“ 1683
[„Mauer des Schweigens“ 1394
[„Stunde der Rache“ 1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“ 1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“ 1149
[„Vor aller Augen“ 1087
[„Tagebuch für Nikolas“ 854
[„Sonne, Mord und Sterne“ 537
[„Rosenrot Mausetot“ 429
[„Die Wiege des Bösen“ 47
[„Der 1. Mord“ 1361
[„Die 2. Chance“ 1362
[„Der 3. Grad“ 1370
[„4th of July“ 1565
[„Die 5. Plage“ 3915
John Cotton ist ein Reporter im Capitol eines US-Bundesstaates. Als ein Kollege in der zentralen Eingangshalle zu Tode kommt, beginnt Cotton nachzuschauen, welcher großen Story der Kollege auf der Spur sein wollte. Er stößt in ein Wespennest und liest schon bald die Nachricht von seinem eigenen Tod …
_Der Autor_
Tony Hillerman (27.5.1925 bis 26.10.2008) war ein vielfach ausgezeichneter amerikanischer Kriminalschriftsteller und Autor von Sachbüchern über das Indianerland im Südwesten. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Krimis um die Stammespolizei der Navajos. Sie wurden regelmäßig verfilmt.
|Die Leaphorn-und-Chee-Reihe:|
1) The Blessing Way (1970) ISBN 0-06-011896-2
2) Dance Hall of the Dead (1973) ISBN 0-06-011898-9
3) Listening Woman (1978) ISBN 0-06-011901-2
4) [People of Darkness (1980)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8119 ISBN 0-06-011907-1
5) The Dark Wind (1982) ISBN 0-06-014936-1
6) The Ghostway (1984) ISBN 0-06-015396-2
7) [Skinwalkers (1986)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8152 ISBN 0-06-015695-3
8) A Thief of Time (1988) ISBN 0-06-015938-3
9) Talking God (1989) ISBN 0-06-016118-3
10) [Coyote Waits (1990)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8120 ISBN 0-06-016370-4
11) Sacred Clowns (1993) ISBN 0-06-016767-X
12) The Fallen Man (1996) ISBN 0-06-017773-X
13) [The First Eagle (1998)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8141 ISBN 0-06-017581-8
14) Hunting Badger (1999) ISBN 0-06-019289-5
15) The Wailing Wind (2002) ISBN 0-06-019444-8
16) The Sinister Pig (2003) ISBN 0-06-019443-X
17) Skeleton Man (2004) ISBN 0-06-056344-3
18) The Shape Shifter (2006) ISBN 978-0-06-056345-5
|Filmographie:|
1) The Dark Wind (1991)
2) Skinwalkers (2002)
3) Coyote Waits (2003)
4) A Thief of Time (2004)
5) Skinning the Night: American Mystery (DVD)
Die Übersetzungen der Krimis erscheinen bei Rowohlt.
_Handlung_
John Cotton ist seit neun Jahren ein erfahrener Parlamentsreporter im Capitol eines US-Bundesstaates. Der Mann aus Santa Fé sehnt sich zwar nach der reinen Wüstenluft seiner Heimat, doch das Geld muss er woanders verdienen. Hin und wieder bandelt er mit einer netten Frau aus dem riesigen Verwaltungsapparat des Capitols an. Derzeit ist Janet Janoski seine Favoritin, und sie ist neugierig, ob er ernstere Absichten hegt.
Wieder einmal stehen die Senatorenwahlen bevor, und jede Eingabe ins Landesparlaments wird mit Argusaugen beobachtet und unter dem Aspekt der Wahlkampftaktik bewertet. Gouverneur Roarks schärfster Rivale ist Senator Eugene Clark, und der macht eine Eingabe, um den Bau von Autobahnen zu verbessern. Keine große Sache, denkt Cotton zunächst, doch schon bald soll er seine Meinung ändern.
Am Ende dieses Tages torkelt sein Kollege Merrill McDaniels zur Bürotür herein, wo Cotton seine Sätze in das Telexgerät tippt, damit sie noch in die Abendausgabe der „Tribune“ kommen. Es ist ungefähr 21:30 Uhr, als Mac behauptet, er sei einer Riesenstory auf der Spur, deie einige Köpfe rollen lassen werde. Einen kleinen Teil davon werde er aus freundschaftlichen Gründen Cotton zukommen lassen. Kleine Dienste unter Brüdern sozusagen. Kaum ist Mac zur Tür hinaus, als ein anderer Typ Macs Notizblock sucht. Mit einem oder zwei davon zieht er wieder ab.
|Ein Tod im Haus|
Es ist 21:45 Uhr, und Cotton tippt gerade den letzten Absatz seines Berichts in die Telexmaschine, als er einen dumpfen Schlag hört. Er eilt hinaus und erkennt auf dem Boden der Rotunde der Eingangshalle einen dunklen Körper liegen. Als er die vier Stockwerke hinabsteigt und nähertritt, entdeckt er, dass es sich um die Leiche seines Freundes handelt. Kann Mac wirklich betrunken übers Geländer gefallen sein, fragt er sich? Sehr unwahrscheinlich.
Bei der Suche nach dem aktuellsten Notizblock Macs wird Cotton fündig – diesen hat der andere Typ nicht entdeckt, weil er hinter den Schreibtisch gefallen war. Rätselhafte Zahlen und Kurzschrift lassen Cotton grübeln. Am nächsten Tag berät er sich mit Janet Janoski. Mac war einer Sache dran, in deren Mittelpunkt das Straßenbauministerium stand. Mit Janet wird Cotton in den dortigen Archiven fündig: Hier sind die Zahlen, die sich Mac notierte. Aber was haben sie zu bedeuten? Allenfalls könnte man daraus ablesen, dass es einen korrupten Ingeneur namens H.L. Singer gibt, der für die Straßenbaufirma Reevis-Smith Bedarfe und Material manipuliert. Aber 90.000$ sind bei einem Gesamtbudget von 13 Mio. $ nur Peanuts. Wo soll hier Macs große Story sein, fragt sich Cotton.
|Ein Tod im Fluss|
Er sitzt gerade bei einer Partie Poker, als das Telefon klingt und eine Redaktion nach dem Verbleib von William Robbins, genannt Whitey, fragt. Wenig später bringt die Presseagentur Associated Press die Meldung, dass John Cotton mit seinem Wagen tödlich verunglückt sei. Zum Glück kann Cotton den Irrtum aufklären: Whitey hatte sich seinen Wagen geliehen. Diesen fand man in einem Fluss, nach dem Fahrer werde noch gesucht.
Ein Polizeibeamter gibt Cotton am folgenden Tag zu bedenken: War der Überholvorgang, bei dem Whitey in seinem, Cottons, Wagen auf einer Brücke von der Straße gedrängt wurde, vielleicht in Wahrheit ein Mordversuch, der wie ein Unfall aussehen sollte? Der Laster, der dafür benutzt wurde, wurde gestohlen, und zwar von einer Baufirma, die Cotton inzwischen gut kennt: Reeves-Smith. Allmählich weigert sich Cotton, an Zufälle zu glauben.
|Die „Bombe“|
Roarks rechte Hand Wingerd bittet Cotton zu sich. Er fragt, woran er und Mac arbeiten, denn dies sei eine besonders prekäre Zeit für Roark. Der Abgeordnete ist kurz davor, sich als Gegenkandidat zum Senatsposten des Bundesstaats aufstellen zu lassen. Quid pro quo, verspricht Wingerd, und Cotton erzählt ihm, woran er arbeitet. Keine große Story. Dennoch bietet ihm Wingerd einen Posten in Roarks Wahlkampfteam an. Cotton lehnt zu zögern ab – das sei nichts für ihn, selbst wenn er damit doppelt so viel verdienen könne.
Am Abend bekommt Cotton einen anonymen Anruf. Er hat gerade eine Zigarrenkiste auf seinem Esstisch geöffnet. Eine kleine Explosion war die Folge. Die Kiste enthält ein Foto, das Cotton von hinten zeigt. Man beobachtet ihn. Aber wer ist „man“? Der Mann am Telefon droht ihm, ihn umzulegen, sollte Cotton nicht am nächsten Morgen ins Flugzeug steigen und nach Hause zurückfliegen. Die kleine Explosion sei nur ein kleiner Vorgeschmack gewesen.
|In den Bergen|
Cotton nimmt die Warnung erst einmal ernst und fliegt zurück in seine Heimatstadt Santa Fé. Die uralte Geschichte der ältesten spanischen Gründung nördlich des Rio Grande ist überall vorzufinden, doch was fehlt, sind die Leute aus seiner Vergangenheit. Also tut er das, wozu er eigentlich hergekommen ist und fährt in die Berge zum Forellenangeln.
Seltsamerweise taucht hier genau jener Mann auf, der im Flieger sein Sitznachbar war und mit ihm so leutselig geplaudert hat. Er nennt sich Adams und will ein Handelsvertreter sein, so harmlos, dass John ihm seinen Zielort an einem bestimmten Forellenbach verriet. Aber, so fragt sich John nun, wieso trägt Mr. Adams nun eine roten Jägerjacke und hält ein Scharfschützengewehr mit Zielfernrohr im Anschlag – und ausgerechnet da, wo John angelt?
Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt. Doch Cotton hat den Vorspiel, die örtlichen Gegebenheiten zu kennen – und eine Angelrute zu besitzen, die sich geschickt einsetzen lässt …
_Mein Eindruck_
Das Thema dieses sehr frühen Roman von Tony Hillerman aus dem Jahr 1970 – damals war er immerhin erst 45 – ist das Berufsethos des Reporters. Der Originaltitel gibt das Ideal vor: Die Fliege an der Wand – sie sieht und hört alles, ist aber unparteiisch und berichtet objektiv. John Cotton wird jedoch zur Zielscheibe von finsteren Hintermännern und muss feststellen, dass er Teil seiner eigenen Story geworden ist. Nun ist er nicht mehr die Fliege an der Wand, sondern alles, was er zu berichten hat, ist quasi mit Vorbehalt versehen.
Er versucht sich durch Beschaffung von weiteren Beweisen und Zeugenaussagen aus dem Netz zu befreien, das sich immer enger um ihn zusammenzieht. Wem kann er noch vertrauen, wer wurde noch nicht gekauft? Er vertraut sich seinem Chefredakteur an, einem kalten Hund, er vertraut sich Janet Janoski an, die gerüchteweise die Geliebte des Gouverneurs Roark ist. Wird sie sein Manuskript seinem Chefredakteur übergeben, fragt er sich, als er zur letzten Station seiner Suche nach der Wahrheit fährt – was sich als fataler Irrtum herausstellt …
Das Ideal des objektiven, unvoreingenommenen Reporters lässt sich nach diesem Finale nicht mehr aufrechterhalten. Letztlich ist auch der Reporter Teil jener Gesellschaft, die er über dunkle Machenschaften aufzuklären versucht. Cottons Hoffnung besteht darin, dass die Wahrheit, die er zu transportieren hofft, zur politischen Willensbildung beiträgt. Das ist ein Trugschluss, wie sich zu seinem Leidwesen erweist. Selbst der einzige Mensch, dem er Unparteilichkeit unterstellt, ist nämlich einer der Drahtzieher. John Cottons Leben hängt an einem seidenen Faden. Und dieser Faden heißt Janet Janoski.
|Die drei Tage des Cotton|
Das Buch hat mich an Sydney Pollacks Paranoiathriller „Die drei Tage des Condor“ aus dem Jahr 1975 erinnert. Der Film erschien zwei Jahre nach der Watergate-Affäre, Hillermans Roman drei Jahre davor. Dennoch geht es jedes Mal um Korruption und dunkle Machenschaften, mal in der Landesregierung, mal in den Geheimdiensten der USA. Beides Mal erscheint die Demokratie, wie sie von den Gründervätern geplant worden war, also völlig pervertiert und unterminiert. Nicht das Volk (griechisch „demos“) herrscht („kratein“), sondern die Behörden, die es geschaffen hat, um es zu regieren und zu schützen.
SPOILER!
Die Spur, der John Cotton folgt, führt zunächst zu den Behörden, die den Bau der Autobahnen leiten und ausführen. Doch mit dem Beton, der dabei benutzt worden sein soll, wurden auch Straßen für Ferienanlagen erstellt. Ferienanlagen, die einer privaten Organisation gehören. Wieso sollten Steuergeldern in Privattaschen fließen, fragt sich Cotton, wenn nicht zur persönlichen Bereicherung von Hintermännern, die womöglich etwas mit der Mafia in Chicago zu tun haben?
Doch der Wahnwitz hat damit kein Ende, denn letzten Endes, so erfährt er, dient diese Konstruktion dazu, den Wahlkampf Roarks um den Senatorenposten zu bezahlen. Nun stellt ihn sein Gewährsmann vor die Wahl: Wer ist der bessere Mann – Roark oder Clark, der eindeutig für das organisierte Verbrechen arbeitet? Wird John Cotton, der am liebsten ein unparteiischer Beobachter wäre, die richtige Wahl treffen? Oder wird man ihm diese Wahl aus der Hand nehmen?
_Unterm Strich_
Der Einstieg in diesen frühen Krimi Hillermans war äußerst schwierig. Wer sich nicht mit den Bezeichnungen für die politischen und parlamentsbürokratischen Posten auskennt, sollte gar nicht erst damit anfangen. Zum Glück habe ich damit bereits ein wenig Erfahrung, v. a. durch Jeffrey Archer Parlamentsthriller. Außerdem ist es hilfreich, ein wenig über die zwei großen Parteien der Republikaner und Demokraten B escheid zu wissen.
Dass der Autor nie sagt, in welcher Stadt John Cotton arbeitet, macht meines Erachtens nichts. Man kann sich schnell ausrechnen, dass mit den Twin Cities, in der seine „Tribune“ erscheint, die Doppelstadt Minneapolis & St. Paul am Missouri gemeint ist. Folglich erscheint es plausibel, dass im dortigen Norden meist ein kaltes Sauwetter herrscht.
Es steht in krassem Gegensatz zu dem sonnigen Santa Fé, nach dem sich Cotton sehnt. Die Episode in der Mitte des Buches, die dort spielt, bildet szenisch wie auch sprachlich einen Gegenpol zum Rest des Buches: friedliche Natur pur, in die der Mensch wie ein Raubtier einbricht. Aber nun verfügt John Cotton quasi indirekt über den Beweis, dass die Sache, hinter der er her war, kein kleiner, sondern ein großer Fisch ist – sozusagen eine Riesenforelle. Das Finale war so packend, dass es mich vom Schlafengehen abhielt – was nicht jeden Tag vorkommt.
Ein Glück nur, dass sich Hillerman von dieser Art der Paranoia-Literatur der siebziger Jahre losgerissen hat. Vielleicht war die Konkurrenz durch Joseph Heller und Norman Mailer zu groß, aber er fand in der Landschaft von New Mexico, in der Santa Fé liegt, das ideale Terrain für seine Indianerkrimis um Jim Chee und Joe Leaphorn.
„The fly on the wall“ ist meines Wissens noch nicht übersetzt worden. Es gibt auch keine wirkliche Notwendigkeit dafür, denn erstens ist das hier geschilderte Milieu für einen deutschen Leser schwierig zu verstehen, zweitens erscheint mir das Thema der politischen Korruption in Regierungskreisen mittlerweile als wenig relevant. Das kann sich aber mit dem nächsten Korruptionsskandal schon wieder ändern – man denke nur an die schwarzen Kassen der CDU, für die einst Kanzler Kohl vor dem Ausschuss des Bundestages aussagen musste.
Englisch-Niveau: Erfordert beste Sprachkenntnisse des amerikanischen Englisch.
Navajo Tribal Police Krimi: Eine Frage der Identität
Margaret Billy Sosi hat von ihrem Großvater einen alarmierenden Brief bekommen, und sie macht sich sofort auf den Weg zu seinem Hogan. Doch als sie ankommt, ist ihr Großvater verschwunden. Haben die Gorman-Brüder etwas damit zu tun, die ein krummes Ding gedreht und bei ihm Zuflucht gesucht haben?
Eine halbe Million Dollar aus Drogendeals, bewacht von drei skrupellosen Kerlen mit automatischen Waffen. Für die Berufsverbrecherin Crissa Stone und ihr Team gehört der Raub des Geldes noch zu den einfachsten Übungen. Als das Aufteilen der Beute schiefgeht, entkommt Crissa dem Kugelhagel allerdings nur knapp. Mit einem Seesack voll gestohlenem Geld befindet sie sich auf der Flucht.
Gejagt wird sie von brutalen Handlangern eines Drogenbosses und einem ehemaligen Cop aus Detroit, der seine eigenen tödlichen Pläne verfolgt. Crissa will ihnen das Geld auf keinen Fall überlassen. Auch als sie und ein Kind in Lebensgefahr geraten und ihre Verfolger sie in die Enge treiben, kämpft Crissa weiter. (Verlagsinfo)
Jahrelang hat CIA-Agent Mitch Rapp sein Land gegen die Terroristen verteidigt und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Doch als in Saudi-Arabien jemand einen Preis auf seinen Kopf aussetzt und seine Frau einem Attentat zum Opfer fällt, eskaliert die Lage. Zwischen Wut und tiefster Verzweiflung schwankend, macht sich Rapp schließlich auf, die Schuldigen zu finden. Die Spur führt nach Europa … (Verlagsinfo)
In den Zeiten des globalen Terrorismus verfolgen die Geheimdienste der Länder ihre ganze eigenen Interessen und operieren umso mehr in einer Grauzone der Gesetzgebung. Die Männer und Frauen der Geheimdienste leisten oftmals gefährliche Arbeit und tragen ein enormes Risiko für Leib und Leben, aber auch ihre nächsten Angehörigen, ihre Freunde, Bekannten und Verwandten und nicht zuletzt die Ehepartner und Kinder sind gefährdet, sollte jemals irgendeine feindliche Fraktion die eigentliche Identität aufdeckt.
Im Fadenkreuz des weltweiten Terrors. Völlig unvorbereitet wird Geheimagent Mitch Rapp vom amerikanischen Präsidenten ins mediale Rampenlicht gezerrt. Nach jahrelanger Arbeit im Schatten kennt plötzlich jeder Terrorist auf der Erde sein Gesicht und seinen Namen. Rapp zieht sich hinter die Kulissen zurück. Doch es dauert nicht lang, bis ein Team der Navy SEALs auf den Philippinen in einen tödlichen Hinterhalt gerät und er zur Rückkehr an die Krisenherde der Welt gezwungen ist. Ein Verräter in der eigenen Regierung führt die Welt an den Rand der Vernichtung. Mitch Rapp im Kampf gegen einen übermächtigen Feind. Erstmals in ungekürzter Übersetzung. (Festa-Verlagsinfo)
Als die französische Tierforscherin Diane Thiberge einen kleinen Jungen aus Indonesien adoptiert, ahnt sie noch nicht, dass ihr Leben damit zu einem tödlichen Abenteuer wird. Denn der kleine Lü-sian ist nicht irgendein Straßenkind, sondern ein Schamane: ein „Wächter“.
_Der Autor_
Grangé ist der Autor des verfilmten Thrillers [„Die purpurnen Flüsse“ 936 (1998). 1961 in Paris geboren, arbeitet er als freier Journalist für diverse Magazine, darunter Paris-Match, Gala, Sunday Times, Observer, El País, Spiegel und Stern. Seine Reportagen führten Grangé zu verschiedenen ursprünglich lebenden Völkern wie den Tuareg, den Pygmäen und den Mongolen. In der Mongolei kam er nach Verlagsangaben auch mit Schamanenstämmen in Kontakt, die im vorliegenden Buch eine Rolle spielen.
_Handlung_
|Eine interessante Frauenfigur|
Mit der Tierforscherin Diane Thiberge hat Grangé eine interessante Frauenfigur geschaffen. Weil Diane als Hippiekind ihren Vater nicht kennt, lernt sie, ihre Mutter aufgrund ihrer wechselnden, wahllosen Liebschaften abzulehnen. Den Gipfel dieser Zurückweisung erlebt Diane im Alter von 14 Jahren: Ihre Mutter, Sibylle, ist nach einem Abendessen mal wieder mit einem ihrer Männern losgezogen, ohne sich um Diane zu kümmern, die zu Fuß nach Hause geht. Dabei muss sie etwas so Schreckliches erlebt haben, dass sie die Erinnerung daran wie in eine Stahlkammer einschloss – es muss wohl eine Vergewaltigung oder etwas Ähnliches sein.
Fortan duldet Diane keinerlei Berührungen oder gar Liebkosungen mehr, lässt sich schon gar nicht auf Männer ein. Sie widmet sich der Erforschung des Jagdverhaltens der Raubtiere – besonders Löwinnen faszinieren sie. Und sie wird Europameisterin in einer Kampfsportart namens Wing Tsun, um sich künftig gegen eventuelle männliche Übergriffe schützen zu können. Man könnte Diane, benannt nach der Jagdgöttin, als moderne Amazone bezeichnen.
Doch ihre biologische Uhr tickt unbarmherzig. Als sie 30 wird und noch kein Kind hat, lehnt sie die Reproduktionsmedizin ab: Sie will nichts in sich eindringen lassen. Folglich entscheidet sie sich für die Adoption. Als sie jedoch wegen ihres Ledigseins für die Rolle der Adoptivmutter für ungeeignet gehalten und abgelehnt wird, muss sie ihren Stiefvater Charles Helikian um Hilfe bitten. Er ist ein psychologischer Berater von höchsten Kreisen der Politik, der Finanz- und Wirtschaftswelt. Ihr Antrag wird in erstaunlich kurzer Zeit bewilligt.
In einem obskuren Waisenhaus auf den Andamaneninseln im Indischen Ozean erhält sie einen Jungen, den sie Lucien nennt, weil er immer „Lü-sian“ sagt. Auch die Heimvorsteherin weiß nicht, woher er stammt. Diane erlebt in Paris mit Lucien die seit langer Zeit schönsten Tage. Er kann singen und tanzen, doch seine Sprache versteht niemand.
|Das Unheil schlägt zu, und nicht nur einmal|
Nach einem Abendessen bei ihrer verhassten Mutter ist Diane so verstört, dass sie auf der Ringautobahn von Paris einen schweren Unfall baut: Von der Gegenfahrbahn war ein riesiger Lastzug auf ihre eigene Fahrbahn durchgebrochen. Im strömenden Regen sieht sie den Lastzug zu spät … Sie findet ihren kleinen Sohn halbtot unter dem Lastzug. Im Krankenhaus stellt man fest, dass er im Koma liegt.
Die schier untröstliche Diane bekommt mitgeteilt, dass ihr Sohn bald sterben wird, und so gewährt sie einem fremden Arzt, der sich als Rolf van Kaen aus Deutschland vorstellt, die Erlaubnis, mit Akupunktur zu arbeiten. Wundersamerweise erholt sich Lucien daraufhin, während niemand den Arzt aus Deutschland zu kennen scheint. Wenig später findet man seine Leiche, auf bizarre Weise getötet: Sein Herz war explodiert, weil ihm jemand die Halsschlagader abgedrückt hatte – von innen …
Der Polizeiinspektor sagt, dass ein Rolf van Kaen 1969 bis 1972 an einem geheimen Kernfusionsprojekt der Russen, einem sogenannten „Tokamak“, in der nördlichen Mongolei beteiligt gewesen war. Ist es Zufall, dass Lucien als ein „Türkmongole im Alter von fünf Jahren“ und seine Sprache als die eines „Mongolen vom Stamme der Tsewenen“ identifiziert wird? Die Tsewenen sind vom Aussterben bedroht. Haben der Tokamak und die Tsewenen etwas miteinander zu tun?
Das, was Lucien singt, ist der Trancegesang eines Tsewenen-Schamanen. Dessen Funktion besteht darin, bei der Herbstjagd den Scout zu spielen, der die Jagdtiere mit Hilfe des Zweiten Gesichts aufspürt. Dianes Sohn, der nun Lüü-Si-An (Wächter) genannt wird, ist ein ganz besonderes Kind. Aber nicht das einzige seiner Art. Und auf seinen Fingerkuppen steht seitenverkehrt eingebrannt das Datum „20. Oktober 1999“.
|Zum Showdown|
Diane – und dem Rest der Welt – bleiben also offenbar nur noch wenige Tage Zeit, bis etwas Entscheidendes passiert – das womöglich mit Kernfusion zu tun hat. Und deshalb muss sie dringend in die Äußere Mongolei fliegen, bevor noch mehr Menschen sterben, und herausfinden, was es mit dem Tokamak auf sich hatte. Von dem Polizeiinspektor erfährt sie per Mail, dass alle Ermordeten mit parapsychologischen Experimenten der Russen in Zusammenhang standen. Das entsprechende Forschungslabor lag direkt unter dem „steinernen Kreis“ des Kernfusionsreaktors.
Nach langer, anstrengender Reise muss Diane erkennen, wer letzten Endes hinter den Morden, den Wächtern und den parapsychologischen Experimenten an den Schamanen der Tsewenen steckt. Die Erkenntnis erklärt die Tragödie ihres Lebens und zwingt sie zu einem verzweifelten Kampf auf Leben und Tod.
_Mein Eindruck_
Grangés Roman ist sehr schwer zu definieren; keine Schublade will auf das passen, was da auf den Leser zukommt. Was zunächst wie eine eigenartige Biografie beginnt und sich zu einer Mordserie ausweitet, wird unversehens zu einem ethnografischen Abenteuer, das in einen wissenschaftlichen Albtraum zurückführt und als Konsequenz zu einem Zweikampf Mensch gegen Tier zwingt.
Was die Handlung nicht nur enorm spannend, sondern unter anderem auch so interessant macht, ist der Umstand, dass die Amazone Diane eine streng logisch denkende Wissenschaftlerin ist, die kaum Gefühle zulässt, geschweige irgendwelchen esoterischen Humbug wie etwa Hellseherei, Telepathie oder gar Psychokinese.
Doch im Zuge ihrer eigenen Nachforschungen, die sich als gefahrvoll und leichenträchtig herausstellen, muss sie das Unvorstellbare akzeptieren: Dass der verhängnisvolle Unfall durch Telekinese von dritter Seite herbeigeführt wurde. Als sie weiteren Schamanen wie ihrem Adoptivsohn begegnet, ist sie gezwungen, noch weitere Phänomene als existent anzuerkennen, die sie zuvor radikal abgelehnt hatte. Phänomene aus der Parapsychologie, aber noch viel mehr, als die westliche Wissenschaft sich je träumen lassen würde.
Ich dachte, Grangé würde dort aufhören, wo Robert Holdstocks Romane „Mythago Wood“ und „Lavondyss“ beginnen: die Auferstehung der Geisterwelt. Auf den letzten Seiten des Grangé-Buches wurde ich eines Besseren belehrt: Die Grenzlinie, wo Mensch und Tier, Menschenwelt und wilde Natur aufeinandertreffen, verschwindet und das eine geht in das andere über. Natürlich wird nicht jeder Leser bereit sein, diese Grenzlinie zu überschreiten. Man betrachte den Rest dann eben als Fantasy.
Auch wenn man so manches als dichterische Freiheit akzeptieren kann, so steht doch fest, dass der Autor selbst die mongolischen Schamanen besucht hat. Und dass Schamanen von Jakuten, Samojeden und anderen ihre Weltsicht und ihr Wissen mit ihren nordamerikanischen Vettern teilen. Denn diese Indianer sind ja lediglich während der Eiszeit ausgewanderte Stämme, die die Beringstraße überquerten. Der Exodus wird u. a. in dem Ethno-Roman „Die Zeit des Wolfs“ von Gear & Gear packend und lebendig geschildert.
|Der politische Hintergrund|
Meines Wissens bringt der Autor das erste Mal die Verbrechen der Roten Armee gegen die mongolische Zivilbevölkerung zur Sprache. Der Aufstand von 1932 wurde niedergeschlagen; es gab 40.000 Tote auf mongolischer Seite. 1960 folgte die Welle der Zwangskollektivierung, die den Nomaden ihre Lebensgrundlage entzog und sie, wie einst die Prärieindianer, zu entwurzelten Abhängigen und Bettlern machte. Außerdem unterzogen skrupellose sowjetische Wissenschaftler zahllose Schamanen, also die Vertreter von Heilkunde und Stammesgedächtnis der sibirischen und mongolischen Völker, illegalen und grausamen Experimenten.
Vielleicht sagt dem einen oder anderen Leser „Der Archipel Gulag“ etwas – er wurde in Alexander Solschenitzyns Romanen zur Sprache gebracht: eine Reihe von Konzentrationslagern, in denen Dissidenten und andere unliebsame Zeitgenossen unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepfercht wurden. Die meisten dieser Insassen starben. Und wie Grangé behauptet, bestand diese menschenfeindliche Praxis auch noch während der Tauwetterphase der sechziger Jahre und später. Das sind relativ schwere Anklagen, die der Autor hier erhebt. Man kann nur hoffen, dass sie begründet sind.
_Unterm Strich_
Ich habe den Roman in drei Tagen geschafft. Er ist einfach und jederzeit verständlich erzählt, gibt unendlich viele Rätsel auf und spart nicht mit Überraschungen und Enthüllungen. Außerdem mag ich solche Ethnothriller, die vor einem wissenschaftlichen Hintergrund spielen. Die Hauptfigur Diane sorgt für Interesse und ist beinahe frei von Klischees.
Natürlich gehört das Buch zur Unterhaltungsliteratur. Daher wird man tief schürfende Nabelschauen der Protagonisten vergeblich suchen, wie man das von deutschen Autoren so gewöhnt ist. Vielmehr setzt der Autor einen bewährten Trick ein: Die Außenwelt spiegelt die Innenwelt. Beschreibungen der Natur und die Reaktion auf Naturphänomene reflektieren metaphorisch das Befinden des jeweiligen Betrachters – der meist die Hauptfigur Diane ist. Und so weiß der Leser ausreichend Bescheid darüber, wie sie sich fühlt.
Die Übersetzung ist geradezu makellos, und es gibt kaum einen Druckfehler im ganzen Buch. Beinahe ein Wunder in unserer Zeit.
|Originaltitel: Le Concile de Pierre, 2000
Aus dem Französischen übersetzt von Barbara Schaden|
Bei Filmen und Romanen kommt es nicht selten vor, dass der Zuschauer oder Leser sich denkt: Nette Story, aber realistisch ge- und beschrieben ist das nicht wirklich, denn das kann so gar nicht passieren. Doch manchmal, Jahre später, erweisen sich einige Autoren geradezu als prophetisch. Nehmen wir mal den Terrorismus als Beispiel: Tom Clancy, seines Zeichens Autor von Action- und Politthrillern, ließ ein Passagierflugzeug auf das Pentagon abstürzen – am 11. September 2001 wurde dieses Szenario brutale Wirklichkeit und veränderte auf immer die Welt.
Es gibt seit diesem tragischen Tag eine zunehmende Menge von Romanen, die das Thema Terrorismus förmlich ausschlachten. Die meisten davon legen eine einseitige „Gut gegen Böse“-Sichtweise an den Tag und urteilen vorschnell, ohne wirklich geschichtliche Hintergründe zu kennen oder einzubeziehen, und aufgegriffene Halbwahrheiten machen dieses Ärgernis nur noch schlimmer.
Was fast allem amerikanischen Autoren gegeben ist, das ist ein strikter und unerschütterlicher Glaube an die eigene Nation und ihren Krieg gegen den Terrorismus, egal mit welchem Mitteln dieser geführt wird. Die arabischen Staaten werden hier gern beharrlich als die absolut „Bösen“ klassifiziert. Vince Flynn – Der Angriff (Mitch Rapp Thriller 03) weiterlesen →
Ein alter Mann will sich für längst vergessenes Unrecht rächen und den norwegischen Kronprinz ermorden. Ihm kommt ein psychisch derangierter Polizeibeamter auf die Spur, die tief in die Vergangenheit und die aktuelle Neonazi-Szene des Landes führt … Eindrucksvoller Krimi mit dem skandinavisch üblichen sozialkritischen Touch, aber ohne Wallander-Tristesse, sondern spannend und mit trockenem Witz erzählt. Jo Nesbø (Nesboe)- Rotkehlchen (Harry Hole 3) weiterlesen →
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