
Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis
Connelly, Michael – Schwarzes Eis (Harry Bosch 2)

Eigentlich sollte LAPD-Drogenfahnder Cal Moore den neuesten Drogenmord untersuchen. Doch er muss seine Pläne geändert haben, denn man findet ihn eine Woche später in einer Absteige in LA: mit weggeschossenem Kopf. Auch die Abschiedsnotiz in seiner Hosentasche deutet an, dass es sich um einen Freitod handelt.
Doch der geschasste LAPD-Polizeiinspektor Harry Bosch findet bei den Ermittlungen an zwei anderen Morden heraus, dass es sich bei Moores Tod nicht um Selbstmord handelt. Wegen seiner Verbindungen zur mexikanischen Drogenmafia könnte Moore zwischen die Fronten geraten sein – oder lief sogar über. Aber warum will dann die eigentlich damit befasste LAPD-Abteilung die ganze Sache unter den Teppich kehren? Wenn Bosch nicht aufpasst, gerät er selbst zwischen die Fronten und endet wie Moore …
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Lehane, Dennis – Regenzauber
Hartgesottener Thriller um einen hemdsärmeligen Privatdetektiv, der es mit einem (oder zwei?) besonders skrupellosen Erpresser(n) zu tun bekommt. Nichts für schwache Nerven!
Ich bin auf dieses Buch gestoßen, weil es der Thrillerautor James Patterson in seinem Roman [„Roses are red“ 429 als Bettlektüre seines Helden Dr. Alex Cross erwähnt. Ich habe diese Empfehlung zu keiner Zeit bereut. Das Buch ist ein Hammer. Für die renommierte „New York Times“ ist es ein „Notable Book of the Year“ gewesen. Bemerkenswert ist es in vielerlei Hinsicht.
_Der Autor_
Seit 1994 veröffentlicht der 1966 geborene Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster. Seine jüngsten tragen die Titel „Spur der Wölfe“/“Mystic River“ (http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1340 ) und [„Shutter Island“. 1150 Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein|. Geboren in Dorchester, Massachusetts, lebt Lehane heute in der Region Boston, Massachusetts.
_Seine Helden_
Bis auf die jüngsten beiden stehen in allen Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam I + II“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.
Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.
_Handlung_
Als die 26 Jahre junge Karen Nichols das Büro von Privatdetektiv Patrick Kenzie (es gibt wohl kaum einen irischeren Namen) betritt, glaubt er, Barbie wäre eingetreten, so aus dem Ei gepellt und proper sieht Karen aus. Sie liebt ihren Verlobten Andrew abgöttisch und würde sich am liebsten einen Mittelklassewagen kaufen. (Aber das Geld reicht nur für einen popeligen Toyota Corolla) . Karen bittet Kenzie um Schutz vor einem Typen, Cody Falk, der sie verfolgt und ihr zusetzt.
Kenzie erledigt diesen Job gerne, doch als Karen sechs Monate später von einem Bostoner Hochhaus nackt in den Tod springt, ist er erschüttert. Sie hatte ihn um erneute Hilfe gebeten, doch er war zu beschäftigt gewesen. Er findet heraus, dass Karen Drogen nahm, in einer Absteige wohnte, sich prostituierte und einen Psychiater besuchte. Wie konnte es zu diesem rasend schnellen Absturz der vorbildlichen Barbiepuppe Karen Nichols kommen?
Cody Falk mag zwar ein Vergewaltiger sein, doch er hatte mir Karens Absturz nichts zu tun. Kenzie stößt auf die Spur eines meisterhaften Sadisten, der mit Karens Psychiaterin unter Decke steckte und daher alle Schwächen der jungen Frau kannte. Erst tötete er ihren Verlobten, doch dessen Tod sah aus wie die Folge eines Unfalls. Dann zahlten die Versicherungen nicht, so dass Karen pleite ging und anschaffen musste (= Gebete um Regen in der Wüste). Die Abwärtsspirale drehte sich weiter, bis sie sich schließlich umbrachte. Aber war das wirklich alles? Ein Besuch in Karens Elternhaus offenbart seelische Abgründe – und dass Karens Stiefvater, ein reicher Chirurg, erpresst wird.
Als der Erpresser Wind von Kenzies Ermittlungen bekommt, setzt er die Mafia auf ihn und seine Freundin an. Offenbar will er auch Kenzies Welt mit seinen Psychoterrormethoden aus den Angeln heben. Doch Kenzie und seine Freundin und Partnerin Angela Gennaro drehen den Spieß um.
_Mein Eindruck_
„Prayers for Rain“ kann hartgesottenen Autoren wie Raymond Chandler oder Dashiel Hammett absolut das Wasser reichen. Was diese beiden für L.A. und James Patterson für Washington, D.C., getan haben, das tut Lehane für die Region Boston, Massachusetts: spannende Ermittlungen zwischen verrückten und sonderlichen Kriminellen oder „Normalen“ sowie knallharte, schnelle Action ohne Zögern.
Dabei ist Lehanes Detektiv Kenzie kein feiner Junge, sondern kommt aus der Arbeiterschicht, hat aber einen Collegeabschluss. Doch einmal Arbeiterjunge, immer Arbeiterjunge. Sein bester Freund ist deshalb Bubba Rogowski, ein Waffenhändler und Ex-Marine. Bubba mag zwar verrückt sein und absolut skrupellos, doch wenn es um Kenzies Freundschaft geht, kann man auf ihn zählen. Bubba nimmt es mit der Mafia auf und lässt an Politikern kein gutes Haar, genau wie Kenzie. Dieses Paar ist erfrischend ehrlich. Das bedeutet, dass seine Sprechweise von keinem (Feigen-) Blättchen beeinträchtigt wird.
Auch in Gefühls- und Liebesdingen zeichnet sich „Regenzauber“ durch hohen Realismus aus. Die geschniegelten Achtzigerjahre sind längst vorüber, deshalb sieht erstens Karen Nichols so deplaciert und außerirdisch aus und zweitens hat Kenzie keinen Bock auf teuer gekleidete Kreditkartenträgerinnen wie Vanessa. Er steht auf ehrliche Frauen wie Angela Gennaro (auch wenn ihre Frisur neuerdings seltsam aussieht). Ange ist genauso hartgesotten wie er selbst, schnell, intelligent, einfühlsam und doch ohne Furcht.
|Die Sprache|
… ist mit das Wichtigste an diesem Roman, zumindest in der Originalfassung. Es ist die Sprache von Bostons bürgerlicher Unter- und Mittelschicht. Die Sprecher verschlucken daher zahlreiche Wörter genauso, wie sie es beim wirklichen Reden tun würden. Lediglich ihren jeweiligen Akzent gibt Lehane nicht wieder, denn lautmalende Sätze verstünde niemand. Ein, zwei Sätze genügen ihm als Andeutung. Wenn Angehörige der „gelehrten“ Stände sprechen – die Psychiaterin, der Chirurg – dann merkt das Leser sofort an ihren gestelzten Satzkonstruktionen. Es ist eine Genugtuung zu verfolgen, wie Kenzie & Gennaro mit solchen Gestalten kurzen Prozess machen.
|Interieurs|
Lehane legt ein auffälliges Interesse an Innenausstattungen von Häusern und Wohnungen an den Tag. Alle diese Beschreibungen nimmt man ihm unbesehen ab, denn die Details sind so realistisch aufgeführt und so irre komisch und treffend kommentiert, dass man weiß, dass er sie wohl das eine oder andere Mal selbst gesehen hat.
Dabei sind diese Interieurs recht unterschiedlich: hier das geschmacklose Tinnef-Zuhause eines Mafiagangsters, dort das Neuengland-Authentische des Chirurgen und zu guter Letzt die psychopathische Innenausstattung der Praxis der „Psychiaterin“. Die verräterischen Räume charakterisieren ihre jeweiligen Bewohner. Und mögen diese Bewohner auch noch so normal erscheinen – wir glauben ihnen kein Wort, nachdem wir die Raumbeschreibung gelesen haben.
Christian White – Das andere Mädchen
Kim Leamy, Fotografin aus Melbourne, wird aus heiterem Himmel von einem Fremden angesprochen, der Unglaubliches erzählt: Er behauptet, ihr wirklicher Name sei Sammy Went und sie sei vor 28 Jahren in einer Kleinstadt in Kentucky entführt worden. Kim hält das für einen schlechten Scherz oder eine Verwechslung, hat sie doch hier in Australien eine geborgene Kindheit verbracht. Und doch bleiben Zweifel. Zweifel, die Kim schließlich in Sammys kleine Heimatstadt in den USA führen: in eine beklemmende Welt von religiösem Fanatismus und dunklen Geheimnissen. Die Wahrheit, die Kim dort findet, ist verstörend – und tödlich … (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Aufgrund des flüssigen, unterhaltsamen Schreibstils war ich sofort in der Geschichte drin. Der Autor versteht es die Eigentümlichkeiten der Charaktere atmosphärisch in das Geschehen einzuflechten. Darüber hinaus entwickelt die ausgeklügelte Dramaturgie eine regelrechte Sogwirkung, denn Kims Recherchen in der Gegenwart und die Ereignisse um das Verschwinden der zweijährigen Sammy in der Vergangenheit, laufen quasi symmetrisch ab. Das, sich sukzessive andeutende Gesamtbild, macht „Das andere Mädchen“ spätestens ab der zweiten Hälfte zum absoluten Pageturner!
Dan Simmons – Das Schlangenhaupt

Dr. Darwin Minor ist als Spezialist für die Rekonstruktion von Unfallursachen im südlichen Kalifornien tätig. Als Gutachter wirkt er an der Aufdeckung von Versicherungsbetrügereien mit. Als er nach einem Einsatz nach Hause fährt, wird er von zwei russischen Killern verfolgt, die ihn bei 250 km/h auf einem Interstate Highway töten wollen. Das Ergebnis sind ein fliegender Mercedes und zwei tote Russen.
Nach diesem Zwischenfall wird eine Sonderkommission gebildet, in der Darwin mit der Chefermittlerin des Generalstaatsanwalts Sydney Olson gemeinsam ermittelt. Die beiden sind einem Versicherungsbetrug gigantischen Ausmaßes auf der Spur, der in höchste Kreise führt und bei dem Menschenleben bedeutungslos sind. (Verlagsinfo)
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Lehane, Dennis – Mystic River – Spur der Wölfe
Als Kinder waren sie Freunde – bis einer von ihnen von Unbekannten entführt wurde. Als er zurückkehrte, war er verändert. Nun, ein Vierteljahrhundert später, sind alle drei in einen schrecklichen Mordfall verwickelt: Nun erweist sich, wie sie zu Männern geworden sind, welche Werte sie haben – und ob einer von ihnen sterben wird.
Diesen Roman hat wieder mal Clint Eastwood – nach „Bloodwork“ – mit Starbesetzung in die Bildsprache des Films umgesetzt und zwei OSCARs dafür eingeheimst. „Mystic River“ heißt der Streifen. Dazu hat der |Ullstein|-Verlag eine neue Ausgabe von „Spur der Wölfe“ aufgelegt. Das Taschenbuch trägt im Gegensatz zur Hardcoverausgabe jedoch den gleichen Titel wie der Film: „Mystic River“. An diesem Fluss liegt Boston, Massachusetts.
|Der Autor|
Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor Dennis Lehane einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster. Seine jüngsten sind „Spur der Wölfe“/“Mystic River“ und [„Shutter Island“. 1150 „Mystic River“ ist der erste Lehane-Roman, in dem sein Team von Privatdetektiven, Patrick Kenzie und Angela Gennaro, nicht auftritt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein|.
_Handlung_
Die Geschichte entwickelt sich zielgerichtet wie ein abgeschossener Pfeil, mit unerbittlicher Konsequenz bis zu ihrem logischen Ende.
Im Mittelpunkt stehen drei Jungen, doch der Ort, wo sie aufwachsen, ist die vierte Hauptfigur. Dieser Ort ist die Grenzlinie zwischen dem Bostoner Arbeiter- und Proletenviertel „The Flats“, das direkt an einem Kanal, dem Penitentiary Channel, liegt, und dem Viertel der „besseren Leute“, The Point, liegt. Die Grenzlinie wird von der Buckingham Avenue bezeichnet, kurz Bucky genannt. Diese Örtlichkeiten werden mit höchster Detailgenauigkeit gezeichnet; sie spielen eine wichtige Rolle, auf welcher Seite jemand steht.
Jimmy Marcus und Dave Boyle stammen aus The Flats, doch Sean Devines Elternhaus steht im Point – er soll später das College besuchen. Doch ihre Väter sind Freunde und Kollegen in der Schokoladenfabrik, und so kommt es, dass die ungleichen Kinder zusammen spielen und etwas unternehmen. Jimmy Marcus hat ein tollkühnes Naturell, ist ein notorischer Lügner und Dieb. Dave Boyle ist ein blasser Junge, eine Halbwaise, der bei seiner verbitterten Mutter unter ihrer Fuchtel leben muss. Er ist stets froh, wenn er sich an Sean und Jimmy hängen kann, und Jimmy duldet ihn gewissermaßen.
Es ist 1975, als etwas Entscheidendes passiert, das alle drei verändern wird. Sie spielen gerade mitten auf der Straße, als sich ein Auto nähert, aus dem ein Mann steigt, der wie ein Polizist auftritt. Er will sie alle drei mit auf die Wache nehmen, doch Kimmy und Sean weigern sich. Nur Dave steigt tränenüberströmt in den Wagen und verschwindet. Es ist kein Polizeiauto, und der Polizist und sein Fahrer keine Bullen. Dave redet nie darüber, was sie mit ihm gemacht haben, als er vier Tage später seinen Peinigern entkommen kann und wieder in seine Nachbarschaft zurückkehrt. Von nun an ist er wie gebrandmarkt.
Im Jahr 2000 wird die blutüberströmte Leiche von Jimmy Marcus‘ 19-jähriger Tochter Katie mit eingeschlagenem Schädel und durchschossener Schulter im Park gefunden. Sie wurde nicht vergewaltigt, lediglich ihr Auto weist Gewalteinwirkung auf. Jimmy Marcus, inzwischen Ladenbesitzer in The Flats, ist wenig später kurz vor dem Ausrasten, durchbricht sämtliche Polizeiabsperrungen und identifiziert sein Ein und Alles: Ihr Körper ist bereits schwarzviolett angelaufen.
Sean Devine leitet die Ermittlungen in diesem Mordfall, muss aber bei jedem Fehler seine Suspendierung befürchten. Man hat ihn auf dem Kieker. Schon bald findet er heraus, dass Katie, ein ausnehmend hübsches Mädchen, am Abend vor ihrem Tod mit zwei Freundinnen eine wilde Zechtour durchs Viertel unternommen hatte. Sie wollte nämlich am nächsten Morgen nicht zurück in Papis Laden zur Arbeit, sondern mit ihrem Freund nach Las Vegas durchbrennen, um zu heiraten.
Dieser Freund, Brendan Harris, erweist sich als unschuldig, das heißt, er hat ein Alibi. Und sein Bruder Ron ist von Geburt an stumm. Doch auch Jimmy Marcus stellt Ermittlungen an, und seine hammerharten Schwäger von der Seite seiner Gattin unterstützen ihn nach Kräften. Es gibt nämlich zweierlei Arten von Justiz in The Flats: die lokale und die offizielle der Bullen.
Wenige Tage später trifft er Dave Boyles Gattin Celeste. Sie erzählt ihm, wie Dave am Morgen nach Katies Verschwinden in ihre Wohnung gekommen sei, blutüberströmt und mit einer verletzten Hand. Ein schwerer Verdacht fällt auf Dave – Celeste muss verrückt gewesen sein, als sie ihn belastete. Oder von Jimmys männlichem Charme betört, wie er gerne denkt.
Jimmy war einst ein schwerer Junge gewesen, ein Einbrecher, Dieb und wahrscheinlich sogar ein Mörder (er tötete Brendan Harris‘ Vater). Er leitete eine Bande und saß mehrere Jahre ab. Nun leitet er immer noch insgeheim eine Bande, scheint aber eine reine Weste zu haben. Bis er Informationen erhält, die Dave weiter belasten. Doch ist Dave wirklich schuldig? Wer ist Dave wirklich, der schizophrene Dave, der zurückgezogene Dave, der so gern dem Alkohol zuspricht, um – was? – zu vergessen?
Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, wer zuerst die Wahrheit herausfindet und Justiz an Dave Boyle übt, sei sie nun gerecht oder nicht: Jimmy Marcus oder Sean Devine.
_Mein Eindruck_
Es ist ein geradezu ein klassisches Drama, das der Autor in seinem Roman sich entfalten lässt. Alte Feindschaften zwischen Ex-Freunden und Ressentiments zwischen unterschiedlichen Klassen brechen auf. Althergebrachte Auffassungen über die Ausübung von Gerechtigkeit prallen aufeinander: The Flats gegen The Point, mit der Buckingham Avenue als Demarkationslinie.
Diese soziale Geographie, die mit so vielen Werten einhergeht, ist wie gesagt äußerst genau und einfühlsam geschildert. Die Figuren scheinen daher manchmal nicht aus eigenem Antrieb zu agieren, so als hätten sie keinen freien Willen, sondern als würden der griechische Chor mitsamt Götterriege auftreten, um sie zu ihren jeweiligen verhängnisvollen Taten zu treiben. Das gilt ganz bestimmt für Dave Boyle und Jimmy Marcus. Dave trifft sogar das Fatum, die Schicksalsgöttin persönlich – natürlich in seinen schizophrenen Albträumen – und sie scheint es nicht gut mit ihm zu meinen.
Die Bedeutung des Milieus stellt allerdings auch ein gewisses Problem dar: Denn welcher Leser kann schon Sympathie oder gar Bewunderung für einen „Helden“ empfinden, der von den beschriebenen Mächten angetrieben wird, aber kaum eigenen Willen besitzt, der ihn aus der Masse heraushebt? Daher ist es die wichtigste Aufgabe des Autors, die spezifische Psychologie seiner Hauptfiguren herauszuarbeiten, ihre unverwechselbaren Erfahrungen zu schildern (etwa Jimmys finstere Vergangenheit) und sie so als Herren ihres Schicksals darzustellen. Das gelingt ihm hervorragend. Erst daraus kann der Höhepunkt des Dramas tragische Größe erreichen. Erst dann kann der Wettlauf mit der Zeit eine spannende Rolle spielen, denn dann ist die Welt kein Uhrwerk.
_Unterm Strich_
Ich habe das Buch in wenigen Tagen gelesen. Die Handlung schreitet rasch voran, und eine wichtige Enthüllung folgt der nächsten. Wer hat die arme Katie so bestialisch zugerichtet – war es ein Psychopath, ein Betrunkener oder waren es Mutwillen und Willkür?
„Mystic River“, so hat die amerikanische Kritik erkannt, ist Dennis Lehanes Annäherung an die Great American Novel à la Philip Roth oder John Updike; allerding wird hier eine ganz andere Art von Bürgern untersucht – keine Mittelständler aus Suburbia, sondern Arbeiterklassenangehörige, die eine verschworene Gemeinschaft bilden.
Zuweilen erinnern bestimmte Auseinandersetzungen, aber auch die exakte Milieustudie an das Sachbuch „Die Gangs von New York“ von Herbert Asbury, das von Martin Scorsese verfilmt wurde. Auf jeden Fall ist es ein besonderer Thriller mit bemerkenswerten Hauptfiguren – ich kann mich noch Wochen nach der Lektüre an Jimmy Marcus erinnern: an seine Trauer, seine Wut und seinen Rachedurst.
|Originaltitel: Mystic River, 2001
Übersetzung: Andrea Fischer|
Dean Koontz – Die Anbetung (Odd Thomas 1)
Odd Thomas, ein Koch in einer Frittenbude in Südkalifornien, hat eine einzigartige Fähigkeit: Er kann die Toten sehen. Nur sehr wenige Mitmenschen wissen davon, darunter seine Freundin Stormy, eine Eisverkäuferin, und Sheriff Porter. Ein merkwürdiger Fremder taucht in Pico Mundo auf, und wegen seines Aussehens nennt Odd ihn den Pilzmann.
Den Pilzmann umgeben hyänenartige Schattenwesen, die Odd als Vorboten und Zuschauer eines fürchterlichen Todes kennt. Odd muss nicht nur seinen übernatürlichen Spürsinn einsetzen, sondern auch sein Köpfchen, denn er hat Angst vor Waffen. Kann er die sich anbahnende Katastrophe verhindern?
_Der Autor_
Dean Koontz wurde 1945 in Pennsylvania geboren, musste in seiner Jugend hungern, schrieb Schundromane für einen Hungerlohn, lernte seine Frau Gerda kennen und konnte schließlich mit ihr nach Kalifornien ziehen, wo das Ehepaar seither stets mit einem Golden Retriever zusammenlebt. Es gibt kein einziges Koontz-Buch der letzten Jahre – etwa seit „Geschöpfe der Nacht“ -, in dem nicht mindestens ein Loblied auf diese Hunderasse angestimmt wird.
Die zahlreichen Thriller und Horror-Romane des schärfsten Konkurrenten von Stephen King wurden sämtlich zu Bestsellern und in über 30 Sprachen übersetzt. Weltweit hat Koontz laut Verlag über 325 Millionen Exemplare verkauft. Leider wurden bislang nur wenige von Koontz‘ Büchern verfilmt. Die beste Verfilmung ist meiner Meinung nach „Intensity“, aber der Film strapaziert die Nerven derart, dass er höchst selten gezeigt wird.
Der |Odd|-Zyklus bislang:
1) Odd Thomas (2004, deutsch 2006 als „Die Anbetung“)
2) Forever Odd (2005, deutsch 2008 als „Seelenlos“)
3) Brother Odd (2006)
4) Odd Hours (Mai 2008)
5) Odd Passenger: mehrere Web-Episoden (Webisoden) online (auf YouTube)
6) In Odd We Trust (Juli 2008, Graphic Novel)
|Dean Koontz auf Buchwurm.info:|
[„Seelenlos“ 4825
[„Irrsinn“ 4317
[„Todesregen“ 3840
[„Frankenstein: Das Gesicht“ 3303
[„Die Anbetung“ 3066
[„Kalt“ 1443
[„Der Wächter“ 1145
[„Der Geblendete“ 1629
[„Nacht der Zaubertiere“ 4145
[„Stimmen der Angst“ 1639
[„Phantom – »Unheil über der Stadt«“ 455
[„Nackte Angst / Phantom“ 728
[„Schattenfeuer“ 67
[„Eiszeit“ 1674
[„Geisterbahn“ 2125
[„Die zweite Haut“ 2648
_Handlung_
Odd Thomas lebt in Pico Mundo, einer 40.000-Seelen-Stadt irgendwo in Südkalifornien unweit einer Luftwaffenbasis, und arbeitet hier in einer besseren Frittenbude als Garkoch. Eines Tages musste er sehr zu seinem Leidwesen feststellen, dass er die Fähigkeit besitzt, die Toten zu sehen. Jedenfalls diejenigen, die sich noch an irdische Dinge klammern, so etwa Elvis Presley, der ständig flennt. Aber er sieht auch hyänenartige Schattenwesen, die nach einem englischen Ausdruck „Bodachs“ nennt. Sie erscheinen dort, wo der Tod bald seine Arbeit verrichten wird.
Er sieht sie wieder, als sie eines Morgens in das Grillrestaurant eindringen, in dem er arbeitet, und sich die Gäste ansehen. Besonders einen umschwärmen sie: einen Weißen mit einem käsigen, schwammigen Gesicht. Odd nennt ihn bei sich den „Pilzmann“. Er spürt, dass von ihm Unheil droht. Er sieht ihn wieder, als Odd seine Freundin Stormy Llewellyn besucht, die in der Einkaufspassage Eis verkauft. Daraufhin folgt er ihm, nachdem er Chief Porter Bescheid gegeben hat. Der Sheriff ist wie ein Vater für ihn.
Vor dem Haus des Pilzmannes wartet er, bis dieser das Haus wieder verlässt. Das Eindringen ist kinderleicht. Seltsamerweise scheint die Wohnung zwei gegensätzliche Persönlichkeiten widerzuspiegeln, die eine schlampig, die andere pedantisch. Letztere zeigt sich im Büro des Pilzmannes: ein penibel geführtes Archiv von Massen- und Serienmördern. An der Wand hängen Poster von Charles Manson und Mohammed Atta, dem Anführer der Al-Kaida-Attentäter vom 11. September.
Das Allerseltsamste ist jedoch ein Raum, in dem schwarzes Nichts jedes Licht verschluckt. Nur ganz hinten scheinen zwei rote Lichter böse zu brennen. Mutig begibt sich Odd hinein und stellt fest, dass es sich nicht nur um eine andere Dimension handelt, sondern auch um eine Zeitmaschine. Er kehrt ein paar Minuten vor dem Zeitpunkt zurück, zu dem er sie betreten hat und kann sein früheres Ich sehen, wie es die Kammer betritt. Äußerst merkwürdig. Indem er ein zweites Mal hineingeht, schließt er die Kammer. Sie wird zu einem ganz normalen Raum: dem Archiv des Bösen. Und Odds Kopie verschwindet ebenfalls. Stattdessen dringen aus der Kammer weitere Bodachs hervor …
Jetzt ist Odd klar, dass seiner Stadt und all den geliebten Menschen darin schlimmstes Unheil droht. Ein prophetischer Albtraum, den er Stormy und Porter erzählt, zeigt ihm ermordete Menschen, doch wo das ist, kann er nicht erkennen. Er weiß nur, wann es passiert: Im Tageskalender des Pilzmannes ist der 15. August angestrichen, und das ist bereits am nächsten Tag.
Odd ist sicher, dass ihm weniger als 24 Stunden bleiben, um Pico Mundos Menschen vor der bevorstehenden Katastrophe zu bewahren. Doch der Gegner, mit dem er es zu tun hat, hat erkannt, dass er erkannt worden ist, und bereitet einen Gegenschlag vor …
_Mein Eindruck_
„Odd“ bedeutet im Englischen „ungleich, schräg, sonderbar“. Doch das ist das Letzte, das Odd Thomas sein will. Denn es bedeutet, einsam zu sein und jede Hoffnung zu verlieren. Er ist auf seine Freunde angewiesen, und seine Freundin Stormy liebt er innig, auch wenn sie ihn ständig triezt. Aber wie sich im Laufe der Handlung herausstellt, ist Odd um einiges normaler und menschlicher als so mancher seiner Zeitgenossen.
Das gilt natürlich für die durchgeknallten Typen, die den Anschlag vorbereiten, sowieso. Aber auch Odds Besuche bei seinem Vater, einem sorglos lebenden Sexprotz mit jungen Gespielinnen, und seiner Mutter, die partout keine Verantwortung übernehmen will und ihn mit einem Revolver verjagt, machen deutlich, dass es Schlimmeres gibt als mit Odds Gabe versehen zu sein.
|Die Gabe|
Odd selbst kann sich nicht entscheiden, ob die Gabe, Totengeister und Bodachs – sie erinnern an die „Besucher“ in „The Gathering“ – sehen zu können, ein Segen oder ein Fluch ist. Doch mit dem Helden in der Christopher-Snow-Trilogie hat Odd gemein, dass er zwar außerhalb der Gesellschaft der Normalos steht, ihr aber zu Hilfe und Beistand verpflichtet ist. Denn nur dort findet er jene menschliche Wärme, die ihm Vater und Mutter verweigerten. Dass ihn dies zu einer Art Samariter oder klassischem |Marvel|-Comics-Supermenschen macht, ist klar, ihm aber nicht bewusst. Und wenn man Odds Weg ein paar Stunden lang gefolgt ist, dann will man garantiert nicht mehr mit ihm tauschen.
|No guns!|
Wird es einmal so spannend, dass der Leser an den Nägeln zu kauen beginnt, dann legt der Ich-Erzähler wieder einmal eine seiner Denkpausen ein – und macht als nächstes etwas ganz anderes als das, was man erwartet hat. Weil seine Mutter ihn regelmäßig mit einer Pistole bedrohte, hat Odd Angst vor Waffen aller Art und benutzt Schusswaffen nur im äußersten Notfall. Er muss sich häufig mit einer alternativen Strategie aus der Patsche helfen.
Das fand ich sehr sympathisch, denn es zeigt Waffenfetischisten (von denen es in Koontz‘ Heimat jede Menge gibt), dass man sich auch auf andere Weise verteidigen kann. Überhaupt ist Odd bzw. Koontz in der Lage, die Amerikaner auch von außen in ihren Eigenarten anzusehen, was bei einem amerikanischen Unterhaltungsschriftsteller ein seltenes Phänomen ist. Vielleicht hat ja seine deutsche Frau Gerda dazu beigetragen.
|Selbstironie|
Odd ist ein Ausbund an Selbstironie. So entschuldigt er sich einmal, dass er nicht der Ritter sei, den den schrecklichen Jabberwock erlegt. Das ist ein Hinweis auf das gleichnamige Nonsensgedicht „Jabberwocky“ von Lewis Carroll, dem Schöpfer von Alice im Wunderland (es steht im zweiten Band). Warum sollte sich ein junger Mann mit einem Ritter vergleichen, den sowieso niemand ernst nehmen kann? Das ist ja gerade der Witz.
|Elvis|
Auch die Begegnungen mit Elvis „The King“ sind einerseits ironisch, andererseits von echtem Mitgefühl geprägt. Odd hat wie der King seine Mutter verloren und kann nachfühlen, wie es Elvis geht. Wie jeder, der Elvis‘ Biografie gelesen hat, liebte dieser seine Mutter Gladys über alles, doch sie starb, bevor er noch den Gipfel seines Ruhm erklommen hatte, und er geriet – wie sie gesagt hätte – auf Abwege, indem er Drogen missbrauchte und von Medikamenten abhängig wurde. Daher starb er bereits mit 42 Jahren. Der Geist des toten Elvis kann nicht von der Erde lassen, weil er hofft, durch Odd noch einmal seine Mutter sehen zu können – oder weil er fürchtet, was seine Mutter zu ihm als Tadel sagen würde, würde er ihr in die jenseitige Welt folgen. Dem Lesepublikum des Autors dürfte diese Geschichte ganz besonders nahegehen.
|Der Auftrag|
Wie in vielen von Koontz‘ Romanen kommt auch hier ein Schriftsteller vor. Zu allem Überfluss ist der fettleibige Ozzie Boone auch noch ein Autor von Krimis (die im Englischen „Mystery“ heißen, aber nichts mit Mysterien zu tun haben). Mit Odd versteht sich Ozzie ausgezeichnet, und die Unterhaltung, die sie an Ozzies Tisch führen, ist eine der vergnüglichsten, schrägsten Lektüren, die ich in den letzten Jahren genießen durfte. Nur Ozzies Kater „Terrible Chester“ bereitet Odd wirklich Sorgen, weil er ihn unverwandt anstarrt und ihm hin und wieder auf die Schuhe pinkelt. Es ist Ozzie, der Odd den Auftrag gegeben hat, über seine ungewöhnlichen Erlebnisse vor der Katastrophe am 15. August zu ein Buch zu schreiben.
|Spannung der Diskrepanz|
Dieses Buch ist durchaus spannend zu lesen, und zwar nicht bloß wegen des Attentats auf Chief Porter oder der drohenden Katastrophe, sondern weil es der Autor/Erzähler versteht, eine Art psychologische Dauerspannung zu erzeugen, indem er durch den Kontrast „Normalleben“ und „Odd-Leben“ eine Diskrepanz aufzeigt, die einen ständigen Widerspruch erzeugt, der niemals aufzulösen ist.
Und selbst dann, als Odd, der Ich-Erzähler – und mit ihm der Leser – meint, jetzt sei alles überstanden und in Butter, kann dieser Widerspruch doch nicht aufgelöst werden, ohne dass Odd verrückt wird. Daher gibt es am Schluss noch einen überraschenden Schlenker, der den Leser unvorbereitet trifft und ihn deshalb umso treffsicherer schockieren wird.
|Die Übersetzung|
Bernhard Kleinschmidt hat sehr gut übersetzt, und zwar häufig genau so, wie man sich in Deutschland ausdrücken würde, also beispielsweise mit „Denkste!“ und dergleichen. Die meisten Fehler, die ich fand, sind banale Druckfehler, so etwa auf Seite 383 „Bewohnter“ statt „Bewohner“. Auf Seite 465 fragte ich mich aber, ob das Wort „Entzückung“ nicht besser durch das geläufigere „Entzücken“ ersetzt werden sollte. Gemeint ist ja das Gleiche, aber „Entzücken“ scheint mir korrekt zu sein.
_Unterm Strich_
Wie danach in [„Seelenlos“ 4825 geht es auch in „Die Anbetung“ um das, was eine teuflische Sekte in einer (mehr oder weniger) friedlichen Stadt anstellen kann. Diesmal sind die Satanisten am Werk, im Folgeband ist es eine Sektenführerin. Die Satanisten scheinen aber sehr viel destruktiveres Potenzial zu besitzen. Sie sind geradezu eine Kombination aus Charles Manson, Timothy McVeigh (der das Verwaltungsgebäude von Oklahoma City in die Luft jagte) und Mohammed Atta.
Die Spannung rührt vor allem von der Frage her, ob es Odd, diesem seltsamen Garkoch, gelingt, die Stadt binnen 24 Stunden vor der schlimmsten Katastrophe ihrer Geschichte zu bewahren. Aber auch die Kluft zwischen Odds Leben und dem seiner Mitmenschen erzeugt eine psychologische Spannung. Es ist eine weitere Dimension der Wahrnehmung, eine Weltsicht, die so manchem Angst einjagen würde.
Odds Freundin Stormy sieht die Welt anders: Das erste Leben ist das Ausbildungslager für das nächste, das dem „Dienst“ gewidmet ist. Doch der Lohn für den Dienst erfolgt erst im dritten Leben. Nicht nur Odd zweifelt daran, ob dieser Belohnungsaufschub inklusive Sublimierung die richtige Einstellung ist, aber hey: Stormy ist damit zufrieden. Und diese Religion ist wesentlich weniger schädlich als die Teufels-Anbetung, wie sie Pico Mundo hinwegzufegen droht. Merke: Die Welt ist das, was wir aus ihr machen – Himmel oder Hölle.
Dieses fast schon philosophische Konzept zieht sich durch alle Odd-Thomas-Romane und viele andere Werke Koontz‘. Es ist erstaunlich, auf welch vielfältige Weise es ihm gelingt, das Gute oder was man landläufig dafür ausgibt, auf die Probe zu stellen. [„Irrsinn“ 4317 ist beispielsweise solch ein Roman. Und wie immer ist das sehr spannend zu lesen.
|479 Seiten (Taschenbuchausgabe)
Aus dem US-Englischen von Bernhard Kleinschmidt
ISBN der Taschenbuchausgabe August 2007: [978-3-453-43244-4]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3453432444/powermetalde-21 |
http://www.heyne.de
Guillaume Musso – Ein Wort, um dich zu retten
Seit er vor zwanzig Jahren von einem Tag auf den anderen aufhörte zu schreiben, lebt der einst gefeierte Schriftsteller Nathan Fawles abgeschieden auf der kleinen Île Beaumont. Doch die Journalistin Mathilde Monney ist fest entschlossen herauszufinden, warum der Schriftsteller sich damals aus der Öffentlichkeit zurückzog. Kurz nach ihrer Ankunft erschüttert ein grausamer Mord die Insel, die daraufhin abgeriegelt wird. Während eine fieberhafte Jagd nach dem Täter beginnt, entspinnt sich zwischen Mathilde und Nathan eine hitzige Unterredung, in der Stück für Stück die ganze Wahrheit über seine Vergangenheit ans Licht kommt und Mathilde entdeckt, dass ein grausames Geheimnis sie beide verbindet … (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
„Ein Wort, um dich zu retten“ ist eine mitreißende Mischung aus dem Streben nach Selbstverwirklichung, Reichtum und Rache, sowie den Konsequenzen, wenn dieses Streben zum Erfolg führt…
Ule Hansen – Wassertöchter

Sie lässt ihre eigenen Wunden untersuchen, um im System gezielter nach Opfern suchen zu können, die in Uwe Marquardts Täterschema passen. Und tatsächlich finden sich bald vier Opfer, die ähnliche Schnittwunden haben – doch jedes Opfer nur eine Wunde, während Emma selbst vier Wunden hat. Als sie versucht, eine Serie zu konstruieren, erkennt sie, dass noch viele Opfer fehlen müssen!
Doch kurioserweise hat Uwe Marquardt für die jeweiligen Tatzeiten wasserdichte Alibis, und dennoch ist Emma überzeugt, dass er der Täter sein muss. Doch während der Nachforschungen gerät auch Emma wieder in große Gefahr…
Ule Hansen – Wassertöchter weiterlesen
John Birmingham – Der Effekt

Am 14. März 2003 verschwinden die Vereinigten Staaten von Amerika – aber wohin? Auch Teile der angrenzenden Länder werden von einer Energiewolke erfasst, die jedes Leben vernichtet. Wer oder was könnte diesen unglaublichen Effekt ausgelöst haben, fragen sich die überlebenden Amerikaner, die eigentlich gerade in den Irak einmarschieren wollten. Dieser wiederum erklärt zusammen mit dem Iran den USA den Krieg. Für die übrig gebliebenen Amis geht es nun ums nackte Überleben. Wer dachte, mit dem Verschwinden der Amis erfülle sich sein Wunschtraum, sollte einmal etwas über die möglichen Folgen lesen.
John Birmingham – Der Effekt weiterlesen
Rose Klay – Die Tochter – deiner Vergangenheit entkommst du nicht
In Kathis Familie sind schreckliche Dinge geschehen, und alle wissen es. Die alleinerziehende Mutter hat sich damit abgefunden, eine Außenseiterin zu sein. Doch seit kurzem benimmt sich ihre Tochter Lucy seltsam. Dann verschwindet ein Mädchen, das Lucy in der Schule das Leben zur Hölle macht. Und ausgerechnet Kathi hat es als letzte lebend gesehen. Wird man sie verdächtigen? Unterstützung findet sie nur bei der neu zugezogenen Jennifer. Aber während Kathi damit beschäftigt ist, sich von dem Verdacht zu befreien und die Geister der Vergangenheit zurückzudrängen, entgleitet ihr zunehmend die Kontrolle … (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Der flüssige, ausdrucksstarke Schreibstil hat mich sofort gepackt und nicht mehr losgelassen!
Das Buch beginnt mit einem ominösen Prolog, der wirklich neugierig macht, weil er genau so abrupt endet wie er beginnt. Die Gegebenheiten ab Kapitel eins scheinen lange keinen Bezug zu diesem hintergründigen Auftakt zu haben, sodass die Leserschaft erwartungsvoll im Dunkeln tappt.
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Sarah Alderson – Meine beste Freundin
Seit Jahren hat die unscheinbare Lizzie nicht mehr an ihre ehrgeizige Kollegin Becca gedacht. Obwohl online befreundet, nahm Becca im wahren Leben kaum Notiz von ihr und verschwand nach einem schrecklichen Unfall schließlich ganz. Als Lizzie plötzlich ein Tinder-Date mit James, Beccas attraktivem Exfreund, vorgeschlagen wird, kann sie ihr Glück kaum fassen. Becca, die laut Facebook mittlerweile das perfekte Leben führt – Designstudio, erfolgreicher Ehemann, süßes Baby –, hätte doch sicher nichts dagegen. Doch mit Freunden wie Becca braucht Lizzie keine Feinde … (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Ich habe das Buch innerhalb von vierundzwanzig Stunden verschlungen, denn der Schreibstil ist flüssig und äußerst amüsant. Er strotzt nur so vor bösem britischem Humor. Lizzie, eine frustrierte Finanzangestellte, ist eine wandelnde Dramedy; ihr Innenleben ist faszinierend, da es grotesk und realitätsnah zugleich ist!
Steffen Jacobsen – Sühne

Den Mord an Hallberg soll ausgerechnet Kommissarin Lene Jensen aufklären, die noch nicht ahnt, dass ihr Mann Michael ebenfalls in den Fall verwickelt ist. Und so versuchen beide unabhängig voneinander, der mysteriösen Killerin und den Gründen für ihre Taten auf die Spur zu kommen. Aber beide geraten dabei selbst ins Visier…
Steffen Jacobsen – Sühne weiterlesen
Steph Broadripp – Die Jägerin – Auftrag
Lori Anderson ist eine toughe Frau, die versucht ihre Karriere als unerschrockene Kopfgeldjägerin in Florida von ihrer Rolle als alleinerziehende Mutter der leukämiekranken Dakota zu trennen. Doch als ihr die Krankenhausrechnungen über den Kopf wachsen, ist sie dazu gezwungen, ihre Tochter mit auf einen Job zu nehmen, der ihr einen guten Verdienst einbringt. Von nun an laufen die Dinge schief. Der Flüchtige, den sie vor Gericht bringen muss, ist niemand anderes als JT, Loris früherer Mentor – der Mann, der ihr alles beigebracht hat, was sie weiß; und auch der Mann, der die Geheimnisse ihrer düsteren Vergangenheit kennt … (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Koontz, Dean – Rabenmann, Der
_Angriff der Dämonen, Widerstand der Kinder _
Zwei Jahrzehnte ist es her, dass Alton Turner Blackwood, der Rabenmann, vier Familien brutal ermordete. Seine blutige Serie endete erst, als der vierzehnjährige Sohn der letzten Familie ihn erschoss: John Calvino.
Doch nun taucht plötzlich ein Mörder auf, der die Untaten von einst exakt kopiert. John, der damals die eigene Familie nicht mehr retten konnte und seitdem schwer gezeichnet ist, ermittelt als Polizist in dem Fall. Voller Entsetzen entdeckt er, dass der Täter offensichtlich feststeht: Es war wohl Billy Lucas, der vierzehnjährige Sohn der Familie, der seine engsten Angehörigen grausam tötete.
Als Detective hält sich John Calvino sonst nur an klare Fakten. Aber könnte dieser Junge – bislang ein braver Musterschüler – tatsächlich vom Bösen besessen sein? Und wenn ja: Wie sollten John, seine Frau, die Töchter und der bald vierzehnjährige Sohn Zach der Rache des Rabenmanns entrinnen? (Verlagsinfo)
_Der Autor_
Dean Koontz wurde 1945 in Pennsylvania geboren, musste in seiner Jugend hungern, schrieb Schundromane für einen Hungerlohn, lernte seine Frau Gerda kennen und konnte schließlich mit ihr nach Kalifornien ziehen, wo das Ehepaar seither stets mit einem Golden Retriever zusammenlebt. Es gibt kein einziges Koontz-Buch der letzten Jahre – etwa seit „Geschöpfe der Nacht“ -, in dem nicht mindestens ein Loblied auf diese Hunderasse angestimmt wird und einer ihrer Vertreter auftritt.
Die zahlreichen Thriller und Horror-Romane des Konkurrenten von Stephen King wurden sämtlich zu Bestsellern und in 38 Sprachen übersetzt. Weltweit hat Koontz laut Verlag über 400 Mio. Exemplare verkauft. Leider wurden bislang nur wenige von Koontz‘ Büchern verfilmt, so etwa „Watchers“. Die beste Verfilmung ist meiner Meinung nach „Intensity“, aber der Film strapaziert die Nerven derart, dass er höchst selten gezeigt wird.
„Der Rabenmann“ ist die direkte Fortsetzung von „Schwarze Feder“, einen Kurzroman, den es bei |Heyne| nur als Download gibt. Nähere Infos dazu finden sich im Buch, ebenso eine Leseprobe.
_Handlung_
Es ist zwei Jahrzehnte her, dass John Calvino seine Familie verlor. Sie war eine von vier Familien, die Alton Turner Blackwood, der besessene Serienmörder, auslöschte – er wurde als „Der Rabenmann“ bekannt. Dem 14-jährigen John Calvino gelang es damals, den Killer zu töten, aber erst, nachdem er seine vier weiblichen Verwandten ausgelöscht hatte. In seiner Polizeiausbildung lernte er alles über diesen Mann: Wie er vorging, wenn er seine Opfer fand und tötete, was er alles mit ihnen tat, jedes kleinste Detail.
Dies alles ist ihm präsent, als er nun in der Psychiatrie Billy Lucas besucht, der kürzlich seine ganze Familie ausgelöscht hat. Billy ist ebenfalls erst 14 Jahre alt, so wie seinerzeit John (und wie bald Johns Sohn Zach). Aber er sitzt für gewöhnlich hinter Panzerglas. Nicht so heute, denn John hat keine Furcht vor dem vierfachen Killer. Das Unheimlichste an Billy ist die Tatsache, dass er bei seiner Bluttat exakt so vorging wie Blackwood, als er die Paxtons, seine letzten Opfer, tötete. Und kann es wirklich ein Zufall sein, als Billy nun John Calvino den gleichen Grund für seine Tat angibt wie seinerzeit Blackwood: „Verderbnis“?
Bei der Besichtigung des Lucas-Hauses stellt John mit seinen feinen Sinnen mehrere Ungereimtheiten fest. Ein Fleck aus Milch und Blut schimmelt in der Küche, obwohl die Spurensicherung ihn schon längst hätte entfernen müssen; die Uhren im ganzen Haus blinken „12:00“, und alle Telefone läuten. Als er an Billys Handy geht, meint er die geflüsterte Bezeichnung „Sklave“ zu hören. So nannte Blackwood seine männlichen Opfer, damit sie ihm in der Hölle dienen würden.
Die wertvollste Entdeckung macht John im Zimmer von Billys Schwester Celine (die er vor ihrer Tötung vergewaltigte): Glöckchen als Ohranhänger, die in Blütenform klingeln können. Auf einem davon ist Blut zu sehen. Sehr beunruhigend ist allerdings, dass er auf Billys PC die Fotos seiner eigenen Familie findet. Und die jüngsten sind erst einen Monat alt. John bekommt definitiv Angst um seine Familie. „Es hat begonnen“, murmelt er, als er ins Auto steigt. Aber was es ist, ahnt er noch nicht.
|Bei den Calvinos|
John Calvino gehört nicht der gewöhnlichen 08/15-Familie an, die man in Suburbia findet. Seine Frau Nicolette ist eine sehr erfolgreiche Kunstmalerin, und ihre drei Kinder Zach (13), Naomi (11) und Minette (8) werden nicht etwa an der Schule, sondern zu Hause von Privatlehrern unterrichtet, die zu ihnen kommen, nicht umgekehrt. Das Sahnehäubchen bildet das Ehepaar, das die Mahlzeiten zubereitet. Zum Glück ist auch das Haus groß genug, um allen ein Dach überm Kopf zu bieten.
Als Nicolette heute ihre Zähne mit Zahnseide reinigt, erblickt sie erst hinter sich einen unbekannten Mann, dann vor sich im Spiegel. Der Spiegel explodiert, und sie fällt in Ohnmacht. Ungefähr zur gleichen Zeit, etwa 1:30 Uhr am Nachmittag, befindet sich Zach auf dem Zwischenboden, wo die Brenner und die Klimaanlage stehen. Er will einem finsteren Verdacht nachgehen, der ihm gekommen ist, steigt die Falltür hoch und sieht sich, bewaffnet mit einer langzinkigen Truthahngabel und einer Taschenlampe, um. Nichts.
Da geht das Licht ebenso aus wie seine Taschenlampe. Er gerät nicht in Panik, o nein, denn Zach, der in wenigen Monaten 14 Jahre alt wird, will ein Marine werden, und Marines verlieren nicht den Kopf. Niemals. Außer jetzt, als er einen Mann in der dunkelsten und kältesten Ecke spürt. Der packt ihn am Handgelenk und verdreht seine Truthahngabel, als bestünde sie aus Schokolade: „Jetzt kenne ich dich.“
Ebenfalls zur gleichen Zeit gehen Naomi und Minnie einer merkwürdigen Beschäftigung in ihrem Kinderzimmer nach. Weil sie vergangene Nacht einen unbekannten Mann im Spiegel des begehbaren Kleiderschranks gesehen haben, montiert die kleine Minnie den Spiegel ab, während Naomi noch mit ihr hadert, dass der Spiegel doch eine mögliche Tür in eine andere Welt sei, wo ihr Prinz auf sie wartet, damit sie ihm beisteht und über das Königreich herrscht.
Mit unbestechlichem Sinn für Realität macht Minnie ihrer verträumten Schwester klar, dass der Spiegel gefährlich sei. Als sie ihn auf den Boden legt, kräuselt sich dessen Oberfläche. Und als sie eine Traube darauffallen lässt, verschwindet diese. Ganz klar: Der Spiegel muss fort! Doch bevor Minnie dies tun kann, macht Naomi den Fehler, ihre Hand auf die wieder stabile Oberfläche zulegen. Eine männliche Stimme voller Hass und Zorn sagt in ihrem Kopf: „Jetzt kenne ich dich, du dumme kleine Schlampe!“
|Piper’s Gallery|
Als John Calvino die Galerie betritt, aus der der Glöckchen-Anhänger stammt, ahnt er nichts von den sinistren Vorgängen in seinem Heim. Und als ihn ein Kollege bei einem weiteren Besuch im Lucas-Haus ertappt, bekommt er unangenehme Fragen gestellt. John ist nur eines klar: Was auch immer den armen Billy Lucas besessen hat, wird sich schon bald ein neues Gefäß suchen, das es benutzen kann, um Tod und Zerstörung zu säen – denn am 25. Oktober jährt sich der Tag, an dem seine eigene Familie überfallen wurde, zum 20. Mal …
_Mein Eindruck_
Der Titel des Thrillers könnte genauso gut „Besessen“ lauten, denn um Besessenheit geht es die ganze Zeit. Billy Lucas ist für Calvino der wichtigste Zeuge, wie diese Besessenheit aussieht. Urplötzlich verwandelt sich ein netter Junge oder ein unbescholtener Zeitgenosse in ein mordendes Ungeheuer. Dieses Opfer lässt sich als Pferd bezeichnen, das geritten und an die Kandare genommen wird. Der freie Wille geht dabei natürlich flöten.
Zunächst hat es den Anschein, als sei es der teuflische Geist von Alton Turner Blackwood, der die Gewalt über Billy Lucas etc. übernommen habe. Später erfahren wir, wer oder was sich hinter „Verderbnis“ verbirgt: Es ist ein Dämon aus der Hölle. Klingt nach dem „Exorzisten“? Tatsächlich sucht Calvino einen ehemaligen Exorzisten auf. Doch Peter Abelard darf nicht mehr praktizieren, seit es der katholischen Kirche peinlich ist, die Existenz des absolut Bösen zuzugeben.
Verderbnis als Dämon zu etablieren, ist ja gut und schön, aber im Opfer muss genau dies existieren, damit Verderbnis die Lenkung übernehmen kann, sozusagen eine Lücke in der seelisch-moralischen Rüstung. Unversehens wird aus dem Horror-Thriller eine höchst moralische Parabel, aber das sollte uns bei Dean Koontz nicht verwundern, denn fast alle seine Thriller (beispielsweise „Dunkle Flüsse des Herzens“ oder „Intensity“) basieren darauf. Letzten Endes sind 95 Prozent des Horrorgenres moralische Parabeln, und das fing schon bei E. A. Poe an.
|Der Rabenmann|
Bevor wir zum Finale kommen, sollten etwas über den Anfang von „Verderbnis“ gesagt werden, genauer über Alton Turner Blackwood, den Rabenmann. In regelmäßigen Abständen ist dessen Tagebuch in Auszügen eingeschoben. Darin entdeckt der rund 14 bis 15 Jahre alte Alton die Wahrheit über seine feine Familie. Der Filmproduzent Teejay Blackwood ist sein Großvater, denkt er. Aber er ist auch sein Vater, sein Onkel und sein Bruder!
Teejay Blackwood hat es sich nämlich aus Überzeugung zur Gewohnheit gemacht, seine nächsten weiblichen Verwandten zu schwängern. Sein Ziel: die Züchtung der schönsten Frauen der Welt. Da er dies mit männlichen Nachkommen nicht tun kann, erstickt er die neugeborenen Söhne nach der Geburt und verscharrt ihre Leichen in einem nahegelegenen Wäldchen. Dort findet Alton auf seinen nächtlichen Streifzügen auch die Gebeine seiner lange und schmerzlich vermissten Mutter. Alle haben ihn angelogen, erkennt er. Warum nur musste sie sterben? „Tante“ Regina und ihre „Tochter“ Melissa, beide inzwischen schon wieder schwanger, geben die Wahrheit freimütig zu …
Auf seinen Streifzügen genoss der entstellte Alton, der nur aufgrund der flehentlichen Bitten (und des Opfers) seiner Mutter am Leben gelassen worden ist, eine bis dato unbekannte Freiheit. Er lernte alles, was die Nacht weiß (O-Titel) und was ihm ein geheimnisvoller Rabe zeigte. Freizügig tötete er jede Art von Tier, bis er zum Herrn des Waldes wurde. Bis er auf die Gebeine und die Lügen stieß.
Nun ist er nicht mehr Herr des Waldes, sondern der angehende „Rabenmann“. Doch wann er den Dämon „Verderbnis“ traf und von ihm erfüllt wurde, erzählt Koontz nicht in diesem Buch und auch nicht in dem Kurzroman „Die schwarze Feder“, den es für zwei Euro zum Download gibt und der angeblich als Vorgeschichte fungieren soll.
|Die Natur des Bösen|
Ist das Böse also eine von außen kommende Macht, die der Macht des Guten Paroli bietet? Da meinte zumindest der Philosoph Mani aus dem 3. Jahrhundert, weshalb sein Modell der Manichäismus heißt. Gut und Böse verhalten sich wie Schwarz zu Weiß, dazwischen gibt es nichts.
Dass dieses Modell nicht funktionieren kann, zeigt sich schnell. Denn wozu sonst müsste der Dämon „Verderbnis“ erst seine Opfer vorbereiten, um eine Lücke in ihrer moralischen Rüstung zu öffnen, durch die er Zugang zu ihrem Geist und ihrer Seele findet? Voraussetzung ist also auch ein Makel im Opfer. Bei John Calvino sind es seine Schuldgefühle gegenüber seinen ermordeten Anverwandten – während sie gemeuchelt wurden, hatte er Sex mit Cindy Schooner, einer 16-jährigen Schlampe aus der Nachbarschaft.
In Naomi nützt „Verderbnis“ deren mädchenhafte Schwärmerei für jede Art von Fantasy und Magie im Stile von „Harry Potter“ aus (Hogwarts wird sogar namentlich erwähnt). Naomi braucht nur von einem „Pferd“ durch einen „Flug durch die Dimensionen“ in ihr angestammtes Königreich gebracht zu werden, damit sie alles tut, was man von ihr verlangt – wenn man sich ausdrückt wie in einem ihrer Bücher. Sie wollte ja schon immer „Mylady“ genannt werden.
Zach Calvinos Schwäche ist seine Entschlossenheit, ein harter Marine zu werden, ein Macho, wie er – ebenfalls – im Buch steht. Seine Träume sind erfüllt von einem Kerl namens Al, der ihn mit seinen Schwestern unaussprechlich eklige Dinge tun lässt, bis Zach sich erbrechen muss. Und Nicolette? Ihre Schwäche ist ihre Malerei, in der sie vielfach ihre amilie festgehalten hat. Bis auf einem der Fotos ein merkwürdiger Männerumriss in einem der Spiegel auftaucht …
Die einzigen Ausnahmen sind Minette, die kleine Achtjährige, und der verstorbene Golden Retriever Willard. Seit ihrer schweren Erkrankung vor zwei Jahren kann Minette Geister sehen – und deshalb auch den Geist von Willard, dem hilfreichen Hund. Diese Fähigkeit steht nur scheinbar im Gegensatz zu ihrem Realismus, mit dem sie Naomis Schwärmerei unterminiert.
Die Familie Calvino weist also zahlreiche Schwächen auf, über die „Verderbnis“ und der Rabenmann sie angreifen können. Und sie haben Bedienstete, die wiederum Verwandte haben, die wiederum unverhofften Besuch bekommen, nachdem ihr Verhalten eine ungewöhnliche Veränderung aufweist …
|Der Haken|
Calvino ist ein Cop, und als Cop analysiert er Muster. Das Wichtigste ist die Reihenfolge und der Abstand von Blackwoods Taten: 33 Tage. Also rechnet er sich den 10. Dezember als Datum aus, an dem der Rabenmann angreifen wird. Falsch gedacht, erklärt ihm seine Frau. Hätte er nur mal (wie wir) Blackwoods Tagebuch gelesen. Die Reihenfolge Opfer, nach der Calvino rechnet, stimmt nicht. Also ist der Termin schon viel früher. Und warum nicht schon am 20. Jahrestag?
Calvino weiß also, was er zu erwarten hat. Und er weiß auch, wie das aussehen wird. Aber keiner wird ihm glauben, dass die Opfer, die Blackwoods „Pferd“ im städtischen Hospital gefunden und gefordert hat, auf das Konto eines vor 20 Jahren getöteten Geistes gehen. Doch was nützt ihm all dies Vorauswissen schlussendlich? Das ist die Frage, die das nahende Finale so spannend macht. Parallel dazu enthüllt das Tagebuch Blackwoods immer dramatischere Ungeheuerlichkeiten.
Es kommt also auf mindestens zwei Ebenen zu einer Krise, die sich in einem ausgedehnten Kampf im Hause Calvino äußern muss. Darüber werde ich natürlich nichts verraten. Nur so viel: Minette hat seit ihrem Krankenhausaufenthalt etwas aus Lego-Steinen gebaut, das Ähnlichkeit mit einem Rad hat und das nun auf unerwartete Weise zu einem Hilfsmittel wird – für eine Zeitreise …
_Die Übersetzung _
Bernhard Kleinschmidt, der inzwischen standardmäßige Koontz-Übersetzer beim |Heyne|-Verlag, hat hier wieder eine ausgezeichnete Übersetzung abgeliefert. Der Erzählstil klingt natürlich, und Umgangssprache ist kein Tabu, was sich besonders in den Dialogen zwischen den Mädchen bemerkbar macht („Jesses!“).
Allerdings sind Kleinschmidt zwei kleine Fipptehler unterlaufen. Auf S. 215 steht: „Das ist der Moment, indem in Besitz genommen wird.“ Sieht korrekt aus? Falsch gedacht. „indem“ ist ein eigenständiges Wort, das hier aber getrennt geschrieben gehört: „der Moment, in dem“.
Doch das Wort „jüngsteres“ auf S. 420 ist schon auf den ersten Blick nicht ganz koscher. Es geht um das „jüngere“ Mädchen der Calvinos, also Minette. Das „jüngste“ Mädchen wäre nicht korrekt gewesen, denn es ist ein Superlativ, der drei Vergleichsstufen erfordert. Und bei zwei Mädchen gibt es bloß zwei Stufen, also wäre „jüngere“ korrekt.
_Unterm Strich_
Das Inzestmotiv erinnert an Poes klassische Horrorgeschichte über Roderick und Madeleine Usher und ihre tabubrechende Untat, die sich nun, nach Jahren, rächen muss. Auch an Alton Turner Blackwood wurden zahlreiche moralische Verbrechen begangen, vom Inzest über ungeheure Lügen bis zum Tod seiner Mutter. Doch ist dies alles ausreichend, um ihn zum Opfer des Dämons „Verderbnis“ (er könnte auch Beelzebub, Asmodis oder Belial heißen) zu machen?
Diese Frage lässt sich mit Bestimmtheit nur aufgrund der Lektüre von „Die schwarze Feder“ beantworten. Klar ist aber, dass diese Verbrechen den Weg für den Eintritt von „Verderbnis“ gebahnt haben. Und es sollte nicht verwundern, wenn „Verderbnis“ dafür sorgen würde, dass Blackwood, der Rabenmann, sich an seiner Familie rächt und dem ganzen Inzestspuk ein blutiges Ende bereitet. Das wäre dann „Der Untergang des Hauses Blackwood“.
„Der Untergang des Hauses Calvino“ hingegen wird über 400 Seiten lang vorbereitet. Das geschieht in mehreren Stufen, in denen Calvino Gelegenheit hat, das Angriffsmuster zu erkennen (das ihm niemand glaubt), den verbleibenden Abstand bis zum Datum des Angriffs auszurechnen (wobei er sich irrt) und sich mit seiner Familie zu verschanzen (wobei der Feind schon innerhalb der Mauern lauert). Das Finale ist denn auch entsprechend actionreich und gruselig. Als Leser kann man es „in vollen Zügen“ (sogar im ICE) genießen.
|Schwächen|
Was dem europäischen Leser ein wenig sauer aufstoßen dürfte, ist die christlich-moralische Botschaft der Geschichte. „Der Exorzist 2.0“ ist es ja nicht gerade, denn sowohl der Exorzist, der außer Dienst gestellt wurde, als auch dessen Opfer sind längst nicht mehr das, was sie bei [Peter Blatty]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=516 waren. Jeder, der auch nur einigen Dreck am Stecken hat, etwa korrupte Cops oder verkappte Kindermörderinnen, ist ein potentielles „Pferd“, das der Dämon „Verderbnis“ entern und das Blackwood lenken kann.
Und wie es aussieht, ist die US-amerikanische Gesellschaft, die ihre Mittelschicht eliminiert hat, sowohl in den armen wie auch in den reichen Schichten überreif dafür, von „Verderbnis“ übernommen zu werden. Koranverbrennungen, geschändete Muslime, Abu-Ghraib – all diese Vorfälle sprechen Bände. „Verderbnis“ feiert Triumphe, fast jeden Tag.
Dean Koontz fühlt sich bemüßigt, seine – meist ältere – Leserschaft (denn die junge Generation nutzt entweder Facebook, MP3-Player oder e-Reader) explizit darauf hinzuweisen, was mit Amerika nicht stimmt. Das müsste er nicht. Er müsste auch nicht mehrmals rekapitulieren, was geschehen ist. Aber wahrscheinlich hat ihm sein Lektor gesagt, dass er das tun muss, damit seine älteren Leser kapieren, was vor sich geht und nicht den Faden verlieren. O ja, es gibt auch einen Dämon namens „Demenz“. Und auch der feiert traurige Triumphe.
|Info: What the night knows, 2010
472 Seiten plus Leseprobe
Aus dem US-Englischen von Bernhard Kleinschmidt
ISBN-13: 978-3453267350|
http://www.heyne.de
Zwei Dutzend weitere Rezensionen zum Werk von Dean Koontz findet ihr in unserer [Rezensions-Datenbank.]http://buchwurm.info/book/
Koontz, Dean – Seelenlos (Odd Thomas)
_Kampf gegen die Todesgöttin_
Odd Smith, ein Koch in einer Frittenbude in Südkalifornien, hat eine einzigartige Fähigkeit: Er kann die Toten sehen. Nur sehr wenige Mitmenschen wissen davon, doch einer seiner Freunde hat einem Außenseiter davon erzählt. Dieser Außenseiter ist gekommen, um sich Odds Fähigkeit anzueignen. Wenn er sie nicht bekommt, wird Odds bester Freund dafür mit dem Leben bezahlen. Odd muss nicht nur seinen übernatürlichen Spürsinn einsetzen, sondern auch sein Köpfchen, um Danny aus dieser Patsche zu helfen.
„Seelenlos“ ist die direkte Fortsetzung von [„Die Anbetung“, 3066 in dem Odd Thomas seinen ersten Auftritt hatte.
_Der Autor_
Dean Koontz wurde 1945 in Pennsylvania geboren, musste in seiner Jugend hungern, schrieb Schundromane für einen Hungerlohn, lernte seine Frau Gerda kennen und konnte schließlich mit ihr nach Kalifornien ziehen, wo das Ehepaar seither stets mit einem Golden Retriever zusammenlebt. Es gibt kein einziges Koontz-Buch der letzten Jahre – etwa seit „Geschöpfe der Nacht“ -, in dem nicht mindestens ein Loblied auf diese Hunderasse angestimmt wird.
Die zahlreichen Thriller und Horror-Romane des schärfsten Konkurrenten von Stephen King wurden sämtlich zu Bestsellern und in über 30 Sprachen übersetzt. Weltweit hat Koontz laut Verlag über 300 Millionen Exemplare verkauft. Leider wurden bislang nur wenige von Koontz‘ Büchern verfilmt. Die beste Verfilmung ist meiner Meinung nach „Intensity“, aber der Film strapaziert die Nerven derart, dass er höchst selten gezeigt wird.
Der |Odd|-Zyklus bislang:
1) Odd Thomas (2004, deutsch 2006 als „Die Anbetung“)
2) Forever Odd (2005)
3) Brother Odd (2006)
4) Odd Hours (Mai 2008)
5) In Odd We Trust (Juli 2008, Graphic Novel)
|Dean Koontz auf Buchwurm.info:|
[„Irrsinn“ 4317
[„Todesregen“ 3840
[„Frankenstein: Das Gesicht“ 3303
[„Die Anbetung“ 3066
[„Kalt“ 1443
[„Der Wächter“ 1145
[„Der Geblendete“ 1629
[„Nacht der Zaubertiere“ 4145
[„Stimmen der Angst“ 1639
[„Phantom – »Unheil über der Stadt«“ 455
[„Nackte Angst / Phantom“ 728
[„Schattenfeuer“ 67
[„Eiszeit“ 1674
[„Geisterbahn“ 2125
[„Die zweite Haut“ 2648
_Handlung_
Odd Thomas lebt in Pico Mundo, irgendwo in Südkalifornien unweit einer Luftwaffenbasis, und arbeitet hier in einer besseren Frittenbude als Garkoch. Eines Tages musste er sehr zu seinem Leidwesen feststellen, dass er die Fähigkeit besitzt, die Toten zu sehen. Jedenfalls diejenigen, die sich noch an irdische Dinge klammern, so etwa Elvis Presley. Doch als im letzten August ein Irrer ein Massaker in einem Einkaufszentrum anrichten wollte, da war es Odd, dem es gelang, die meisten der Eingesperrten vor der Lastwagenbombe in Sicherheit zu bringen. Bei 41 gelang ihm dies nicht, und 19 von ihnen starben, darunter auch seine Freundin Stormy.
Odd Thomas ist es inzwischen gelungen, sowohl dank seiner Freunde den Verlust zu verwinden als auch von den Medien unbehelligt zu bleiben, was er vor allem der Unterstützung durch Sheriff Wyatt Porter zu verdanken hat, der ihn wie einen Sohn behandelt. Sein bester Freund ist Danny Jessup, doch dieser intelligente junge Mann ist mit Glasknochen (vgl. „Unbreakable“) gestraft, die nicht nur leicht brechen, sondern ihn, nachdem viele Knochen ungleich zusammengewachsen sind, wie einen Krüppel aussehen lassen. Die Schmerzen, die er hat, wenn er sich bewegt, sieht man ihm natürlich nicht an.
In dieser Nacht weckt Odd Thomas die Erscheinung von Dannys Ziehvater, des Radiologen Dr. William Jessup. Der Umstand, dass Jessup nichts sagt, macht Odd klar, dass es sich um einen Geist handelt. Aber wo ist der dazugehörige Tote? Ein Gang zu Jessups Haus zeigt ihm den vermissten Körper, der übel zugerichtet ist. Von Danny jedoch keine Spur. Wurde er entführt? Nach einer kurzen Verfolgung durch die Nacht und den anbrechenden Morgen weiß Odd, wohin die Leute verschwunden sind, die Danny entführt haben. Denn Odd hat einen übernatürlichen Spürsinn für Lebende – er nennt dies seinen psychischen Magnetismus.
Die Spur führt durch ein gigantisches Wasserabflusssystem unter dem Luftwaffenstützpunkt hin zu den Hügeln, in denen die Panaminta-Indianer ein Spielcasino errichtet hatten. Ein Erdbeben ließ hier vor fünf Jahren ein Feuer ausbrechen, das aber Hotel und Spielhölle keineswegs einäscherte. Aufgrund des nachfolgenden Prozesses sind Instandsetzung und Nutzung des Komplexes unterblieben, ja, sogar untersagt. Die psychomagnetische Spur führt hierher.
Aber garantiert wird Odd bereits von Dannys Entführern erwartet. Die Geister der Toten im Casino schrecken ihn nicht, nur die lauernden Leibwächter Dannys – es müssen zwei sein – und deren Anführer, möglicherweise eine Frau, denn Odd hat ihre Fußspuren im Schwemmsand der Kanalröhren gelesen. Sein sechster Sinn warnt Odd vor den Schützen, und so nimmt er den Weg durch einen Aufzugschacht – ins zwölfte Stockwerk.
Die gute Nachricht: In Zimmer 1242 sitzt Danny tatsächlich. Odd ist froh, ihn lebend wiederzusehen. Die schlechte Nachricht: Danny sitzt auf einer Bombe und kann sich nicht davon entfernen. Die Bombe kann von der Anführerin der Kidnapper ferngezündet werden. Dieses Problem kann Odd trotz seiner vielen Talente nicht beheben. Bleiben nur das Gespräch mit der Frau, die wie Odd Thomas die Geister sehen will – und das Hoffen auf eine günstige Gelegenheit …
_Mein Eindruck_
„Odd“ bedeutet im Englischen „ungleich, schräg, sonderbar“. Doch das ist das Letzte, das Odd Thomas sein will. Denn es bedeutet, einsam zu sein und jede Hoffnung zu verlieren. Er ist auf seine Freunde angewiesen, und das ist der Hauptgrund, warum er Danny Jessup retten will. Doch dies stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Odd kann zwar viel Humor aufbringen, aber bei dieser Gegnerin ist Humor glatter Selbstmord.
Datura, so nennt sich die Frau, war mal Pornodarstellerin, bis sie von ihrem verstorbenen Mann eine Firma für Telefonsex erbte. Über diese lernte sie Danny kennen. Weil sie ein intensives Interesse an allem Okkulten hat, fand sie die Gespräche mit Danny erst dann interessant, als er ihr von Odd Thomas, seinem Freund, erzählte. Doch wo Odd seine übernatürlichen Fähigkeiten stets nur zum Guten einsetzt, will Datura mit solchen Kräften nur ihre Macht vergrößern. Sie hat bereits zwei Muskelmänner zu ihren Zombies gemacht, die ihr aufs Wort gehorchen, aber nie selbst ein Sterbenswörtchen sagen.
Als die ehemalige Pornoqueen mit einem der Totengeister des Casinos spricht, die Odd gerufen hat, enthüllt sie ihre grenzenlose Bosheit. Odd wird geradezu schlecht davon. Glücklicherweise befindet sich unter den Geistern auch ein Poltergeist, der in der Lage ist, unbelebte Objekte zu bewegen. Der von ihm entfachte Sturm aus Trümmern bringt Datura zur Räson – ein wenig. Odd hat endlich die Gelegenheit, sich abzusetzen. Später muss Datura feststellen, dass es noch einen Bewohner des Casinos gibt, und dieser betrachtet es als sein Jagdrevier und Datura demzufolge als seine Beute. So wie Datura kennt die Natur kein Erbarmen – aber auch keine Bosheit.
Wieder einmal hat Koontz sein Urthema umgesetzt: Der Kampf gegen das Böse fordert Freundschaft und Menschlichkeit gleichermaßen heraus. Diesmal haben die „Guten“ aber auch die Toten und die Natur auf ihrer Seite.
|Vorbilder|
Manche Elemente der Geschichte erinnerten mich an die Hauptfigur Christopher Snow aus „Geschöpfe der Nacht“ und „Im Bann der Dunkelheit“. Dazu gehören der sonderbare männliche Hauptdarsteller, das unterirdische Tunnelsystem, die mysteriöse Luftwaffenbasis und natürlich die Auseinandersetzung mit übernatürlichen Phänomenen. Hier ist also nichts Neues zu erhalten.
Doch von Zeitreisen und dergleichen Scherzen hat sich Koontz, der in den 1970er Jahren selbst mal Sciencefiction veröffentlichte, längst verabschiedet. Außer psychischem Magnetismus, Totengeistern und zombieähnlichen Muskelmännern kommen in den Odd-Romanen keine außergewöhnlichen Phänomene vor. Dadurch eignen sie sich auch für Leser von Mainstream-Unterhaltung, die sonst nur einen Krimi in die Hand nehmen würden.
|Autor|
Wie in vielen seiner Romane kommt auch hier ein Schriftsteller vor. Zu allem Überfluss ist der fettleibige Ozzie Boone auch noch ein Autor von Krimis (die im Englischen „Mystery“ heißen, aber nichts mit Mysterien zu tun haben). Mit Odd versteht sich Ozzie ausgezeichnet, und die Unterhaltung, die sie an Ozzies Frühstückstisch führen, ist eine der vergnüglichsten, schrägsten Lektüren, die ich in den letzten Jahren genießen durfte. Nur Ozzies Kater „Terrible Chester“ bereitet Odd wirklich Sorgen, weil er ihn unverwandt anstarrt.
|Ritter|
Odd ist ein Ausbund an Selbstironie. So entschuldigt er sich einmal, dass er nicht der Ritter sei, der den schrecklichen Jabberwock erlegt. Das ist ein Hinweis auf das gleichnamige Nonsensgedicht „Jabberwocky“ von Lewis Carroll, dem Schöpfer von Alice im Wunderland (es steht im zweiten Band). Warum sollte sich ein junger Mann mit einem Ritter vergleichen, den sowieso niemand ernst nehmen kann? Das ist ja gerade der Witz.
|The King|
Auch die Begegnungen mit Elvis „The King“ sind einerseits ironisch, andererseits von echtem Mitgefühl geprägt. Odd hat wie der King seine Mutter verloren und kann nachfühlen, wie es Elvis geht. Wie jeder, der Elvis‘ Biografie gelesen hat, weiß, liebte er seine Mutter Gladys über alles, doch sie starb, bevor er noch den Gipfel seines Ruhm erklommen hatte, und er geriet – wie sie gesagt hätte – auf Abwege, indem er Drogen missbrauchte und von Medikamenten abhängig wurde. Daher starb er bereits mit 42 Jahren. Der Geist des toten Elvis kann nicht von der Erde lassen, weil er hofft, durch Odd noch einmal seine Mutter sehen zu können – oder weil er fürchtet, was seine Mutter zu ihm als Tadel sagen würde, würde er ihr in die jenseitige Welt folgen. Dem Lesepublikum des Autors dürfte diese Geschichte ganz besonders nahegehen.
|Die Übersetzung|
Die Übersetzung durch Bernhard Kleinschmidt zeugt von großer Sorgfalt und einem breitgefächerten wie auch tiefreichenden Verständnis der amerikanischen Sprache (die sich deutlich von der britischen unterscheidet). Wie ich an dem Originaltext von „Seelenlos“ nachgelesen habe, ist Koontz ein äußerst präzise beschreibender Stilist, der selbst für die ausgefallensten Tätigkeiten und Dinge stets das einzige genau passende Wort findet.
Das stellt hohe Anforderungen an jeden Übersetzer, denn manchmal ist die deutsche Sprache nicht präzise genug, um die genaue Entsprechung liefern zu können. Dann muss sich der Übersetzer einen Ersatz einfallen lassen, der nicht plump und nach Umgangssprache klingt. Kleinschmidt ist dies durchweg überzeugend gelungen.
_Unterm Strich_
Ich habe den Roman in zwei Tagen gelesen, denn wie alle Koontz-Romane seit „Dunkle Flüsse des Herzens“ liest sich das Buch leicht, flüssig, amüsant und vor allem spannend. Das Buch ist eine Abrechnung mit den Auswüchsen des Okkultismus, der gerade auch in den Vereinigten Staaten, wo es bekanntlich viele Sekten gibt, verbreitet ist.
Datura, die den Helden stark an die hinduistische Todesgöttin Kali erinnert, ist eine abgebrühte Sektenführerin, und sie ist deshalb so furchteinflößend, weil sie die Macht besitzt, ihre Anhänger in willenlose Zombies und Henkersmaschinen zu verwandeln. Das Gleiche versucht sie natürlich auch bei Odd, doch da beißt sie auf Granit.
Wird es einmal so spannend, dass der Leser an den Nägeln zu kauen beginnt, dann legt der Ich-Erzähler wieder einmal eine seiner Denkpausen ein – und macht als Nächstes etwas ganz anderes als das, was man erwartet hat. So benutzt Odd Thomas beispielsweise Schusswaffen nur im äußersten Notfall und muss sich häufig mit einer alternativen Strategie aus der Patsche helfen.
Das fand ich sehr sympathisch, denn es zeigt Waffenfetischisten (von denen es in Koontz‘ Heimat jede Menge gibt), dass man sich auch auf andere Weise verteidigen kann. Überhaupt ist Odd bzw. Koontz in der Lage, die Amerikaner auch von außen in ihren Eigenarten anzusehen, was bei einem amerikanischen Unterhaltungsschriftsteller ein seltenes Phänomen ist. Vielleicht hat ja seine deutsche Frau Gerda dazu beigetragen.
Auch wenn der Roman für den Krimifan ein paar Längen bereithält und mir einige Elemente schon bekannt vorkamen (siehe oben), so wusste mich die Geschichte von Odd Thomas‘ zweitem Abenteuer zu fesseln und zu unterhalten. Ich werde auf jeden Fall noch sein erstes Abenteuer lesen.
|Ausblick|
Am Schluss entschließt sich Odd, sich von all den Aufregungen erholen zu wollen und einen „ruhigen“ Ort aufzusuchen. Er erhält die Erlaubnis der katholischen Kirche, der er angehört, als Laie ein Jahr lang in einem Kloster wohnen zu dürfen. Diesen Aufenthalt schildert die Fortsetzung „Brother Odd“, die bereits im Original veröffentlicht wurde.
|Originaltitel: Forever Odd, 2005
368 Seiten, Hardcover
Aus dem US-Englischen von Bernhard Kleinschmidt|
http://www.heyne.de
http://www.dean-koontz.de
Håkan Nesser – Der Kommissar und das Schweigen (Van Veeteren 5)
Ein neuer Fall für Hauptkommissar Van Veeteren: Zwei Mädchen aus einem Ferienlager verschwinden spurlos und werden wenig später tot aufgefunden. Steckt ein obskurer Sektenführer hinter den Morden? Oder hat man es mit einem unbekannten Psychopathen zu tun? Vor allem aber: Kann Van Veeteren ihn stoppen, bevor er ein weiteres Mal zuschlägt? (Verlagsinfo)
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Lisa Jewell – Der Fremde am Strand
An einem stürmischen Frühlingstag findet die alleinerziehende Mutter Alice am Strand vor ihrem Cottage einen Mann. Er erinnert sich weder, wie er dort hingekommen ist, noch, wie er heißt. Obwohl sie normalerweise keine mysteriösen Fremden bei sich aufnimmt, bietet Alice ihm ihre Hilfe an. Zur gleichen Zeit vermisst die frisch verheiratete Lily in London ihren Ehemann, und sie ist sicher, dass ihm etwas zugestoßen sein muss. Doch wie hängt all dies mit den Geschehnissen im Sommer 1993 zusammen? Jenem Sommer, der mit einem tragischen Ereignis endete, das auch jetzt, in der Gegenwart, noch weitreichende Konsequenzen hat … (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Am Anfang von „Der Fremde am Strand“ war ich fasziniert und gefesselt von den rätselhaften Begebenheiten. In der Mitte angelangt war ich dann erschüttert von der abgründigen Niederträchtigkeit des Bösewichts, und schließlich war ich – noch Stunden nach der letzten Seite – überwältigt von den tragischen Schicksalen der Leidtragenden.
B. A. Paris – Solange du schweigst
Finn und Layla: jung, verliebt, ihr ganzes Leben liegt vor ihnen. Doch auf dem Heimweg von einem Urlaub in Frankreich passiert etwas Schreckliches. Finn hält an einer Raststation und lässt Layla kurz allein im Wagen. Als er zurückkehrt, ist Layla verschwunden und wird nie wieder gesehen. Das ist die Geschichte, die Finn der Polizei erzählt. Es ist die Wahrheit. Aber nicht die ganze. (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Zwölf Jahre später ist Finn wieder glücklich, verliebt und verlobt – mit Ellen, Laylas Schwester. Doch nun berichtet ein Nachbar, Layla kürzlich gesehen zu haben und plötzlich häufen sich die Anzeichen, dass sich Layla tatsächlich in der Nähe aufhält. Zudem bekommt Finn mehrmals täglich mysteriöse E-Mails, die ihn auf die Spur von Layla bringen sollen – wer steckt dahinter? Ist Layla wirklich am Leben? Finn gerät immer tiefer in einen Strudel aus Zweifel, Misstrauen sowie Schuld, denn er könnte der Grund für Laylas Verschwinden sein, allerdings kann er seiner Erinnerung an jene verhängnisvolle Minuten auf dem Rastplatz vor über zehn Jahren nicht trauen…
Susanne Goga – Der Ballhausmörder
Es ist eine schwülheiße Sommernacht. In Bühlers Ballhaus in der Auguststraße, auch Clärchens Ballhaus genannt, wird Adele, die Garderobiere, ermordet aufgefunden. Sie wurde mit Chloroform betäubt und dann erstickt. Und der neu eingestellte Pianist ist spurlos verschwunden. Doch mindestens ebenso verdächtig scheint ihr ehemaliger Geliebter, ein Kommunist, der bei der Polizei bereits aktenkundig ist. Am Abend ihres Todes trug Adele ein kostspieliges Kleid – ein Geschenk. Aber von wem? Kommissar Leo Wechsler und seine Kollegen ermitteln in einer Welt aus Charleston, Sekt für eine Mark und hemmungslosem Amüsement.
Der siebte Band der Erfolgsserie um Leo Wechsler. (Verlagsinfo)
Inhalt und Eindrücke:
Mit dem Berlin der 1920er Jahre wird nicht selten das aufregende Nachtleben in den Ballhäusern und Clubs der Zeit assoziiert. Die goldenen Zwanziger, in denen man in der Hauptstadt immerhin die Nacht zum Tag zu machen wusste, sind eine in Literatur und Film gerne und oft dargestellte Epoche.













