Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Jean-Christophe Grangé – Im Wald der stummen Schreie

Jean-Christophe Grangé – diesen Namen verbinde ich mit Nervenkitzel, ausgefeilten Spannungsromanen, packenden Geschichten, interessanten Wendungen und Topspannung bis zur letzten Seite. Bekannt geworden durch „Die purpurnen Flüsse“ hat sich der französische Bestsellerautor inzwischen in die Riege der ganz Großen geschrieben, sodass ich mit großer Vorfreude seinem aktuellen Buch „Im Wald der stummen Schreie“ entgegen gefiebert habe. Doch leider, leider enttäuscht Grangé dieses Mal nahezu auf ganzer Linie …

Penetrante Richterin

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Philip Kerr – Die Adlon-Verschwörung [Bernhard Gunther 6]

Detektiv Gunther kommt im Berlin der 1930er Jahre kriminellen Machenschaften auf die Spur, mit denen die Nazis einen Boykott der Olympischen Spiele verhindern wollen; zwei Jahrzehnte später gerät er auf Kuba unter andere Verbrecher … – Mit gut recherchiertem aber in ihrem ersten Teil dick aufgetragenem Lokalkolorit erzählt Autor Kerr eine Geschichte, die zu sehr an einschlägigen Nazi-Klischees hängt, während der zweite, später spielenden Teil deutlich spannender und überzeugender geraten ist.
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Edmund Crispin – Heiliger Bimbam

In einem englischen Küstenstädtchen stirbt während des II. Weltkriegs ein harmloser Organist den Gifttod. Professor und Amateur-Detektiv Gervase Fen will den Fall lösen und sticht dabei in ein Wespennest unfrommer Kirchenleute, Hexen und Nazis … –  Zweiter Roman der Fen-Serie: ein Spionagethriller mit witzigen Anklängen an den britischen Schauerroman; die Synthese gelingt auf höchst unterhaltsame Weise.
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Victor Gunn – Die Lady mit der Peitsche

Gunn Lady Peitsche Cover kleinKurz nachdem Lady Gleniston dem unbotmäßigen Gärtner das Fell gerbte, liegt sie mit zertrümmertem Schädel in ihrem Schlosshotel. Doch der Gärtner hat ein Alibi, was auf die meisten Gäste nicht zutrifft und dem gewieften Mörder die Chance bietet, Chefinspektor Cromwell von Scotland Yard an der Nase herumzuführen … – Was wie eine Parodie auf den englischen Landhauskrimi wirkt, ist die auf die Spitze getriebene Befolgung sämtlicher Regeln dieses Genres: unglaublich altmodisch aber lesenswert.
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Reginald Hill – Der Tod und der Dicke [Dalziel & Pascoe 22]

Angebliche Anschläge nahöstlicher Terroristen werden von Geheimdienstleuten inszeniert, die das Gesetz in die eigenen Hände nehmen; Polizist Pascoe muss allein ermitteln, denn Kollege Dalziel liegt im Koma und ringt buchstäblich mit dem Tod … – Der 22. Fall des Duos Dalziel & Pascoe thematisiert den schmutzigen Krieg gegen den Terror. Dem Thema widmet sich Hill mit der üblichen, unvergleichlichen Mischung aus Humor und Ironie: Nicht der beste Band der Serie, aber jederzeit überaus lesenswert.
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Edmund Crispin – Mord vor der Premiere

Im englischen Kriegswinter 1940 kommt es unter den Mitgliedern einer ebenso verschworenen wie zerstrittenen Schauspielertruppe zu einigen Morden, die ein exzentrischer Oxford-Professor aufklären kann … – Erster der Gervase Fen-Thriller, die zu den letzten ‚echten‘ Vertretern des „Goldenen Zeitalters“ der angelsächsischen Kriminalliteratur gehören; ein inhaltlich vertracktes, stilistisch elegantes und verspieltes, an intelligenten Anspielungen reiches Meisterwerk.
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Williams, Amanda Kyle – Cut

_|Keye Street|-Reihe:_

Band 1: _“Cut“_

So viel Eifer ist selten. Um für ihre Keye-Street-Serie zu recherchieren, hat Amanda Kyle Williams ihren alten Job aufgegeben und arbeitete stattdessen als Privatdetektivin und Gerichtsbotin. Das hat sich gelohnt. Mit „Cut“ ist der ehemaligen Teppichhändlerin ein toller Debütroman gelungen, der vor allem durch seine Hauptfigur beeindruckt.

Keye Street hat sich ihren Kindheitstraum, als Profilerin zu arbeiten, selbst zerstört. Ihre Alkoholsucht hat ihr den angesehenen Job beim FBI gekostet. Jetzt nutzt sie ihr Wissen nur noch, um Kautionsflüchtlinge aufzutreiben und untreue Ehegatten zu überführen. Nachdem sie geschasst wurde, hat sie ihre eigene Privatdetektei eröffnet und kann sich damit ganz gut über Wasser halten.

Ihr bester Freund ist Lieutenant Rauser von der Polizei in Atlanta. Dieser bittet sie eines Tages um Hilfe, da er einen merkwürdigen Mordfall hat, bei dem er nicht weiterkommt. Keye, die ihr alter Job zur Flasche getrieben hat, ist zuerst nicht ganz wohl dabei, wieder als Profilerin zu arbeiten, doch ihre Ergebnisse sind herausragend. Sie findet heraus, dass der Mörder, der sein Opfer am hellichten Tag brutal gefoltert und anschließend umgebracht hat, dies nicht zum ersten Mal tut und weiterhin töten wird. Tatsächlich gibt es wenig später ein zweites Opfer zu beklagen. Und ein Drittes. Doch wo liegt der Zusammenhang zwischen den Taten? Obwohl sie Rausers Vorgesetzten ein Dorn im Auge ist, setzt Keye ihre akribische Arbeit fort – und gerät dabei selbst ins Visier des Mörders …

_Eine Buchreihe lebt_ von der Hauptfigur, die die einzelnen Bände miteinander verbindet und sich kontinuierlich weiterentwickelt, damit nicht nur die Story, sondern auch ihr Charakter für Höhepunkte sorgt. „Cut“ ist zwar das erste Buch, doch Autorin Williams legt ein gutes Fundament mit ihrer Hauptfigur. Keye Street ist Asiatin, die bei Adoptiveltern im tiefsten Süden aufgewachsen ist. Dieser amerikanische Landstrich ist nicht unbedingt für seine offenen Arme bekannt und als Asiatin bildet sie einen schönen Kontrast gegenüber ihren typisch amerikanischen Eltern. Ihre Vergangenheit als Alkoholikerin, ihr Werdegang und ihre raue Freundschaft mit Rauser sind bedeutende Fixpunkte von Keyes Persönlichkeit. Mit der Zeit enthüllt die Autorin immer mehr von Keyes komplizierter, durch verschiedene Erlebnisse geprägte Vergangenheit, ohne dabei ihr gesamtes Pulver zu verschießen. Es bleibt noch genug für Folgebände übrig.

Erzählt wird zumeist aus der ersten Person. Williams gelingt dabei sehr gut der Spagat zwischen Witz und Ernst. Sie bringt zwar immer wieder sarkastische und selbstironische Zwischentöne, übertreibt es aber nicht. Keye wirkt nicht wie eine Ulknudel, sondern wie eine intelligente und selbstbewusste Frau, die durchaus auch die dunkleren Seiten des Lebens kennt. Ansonsten schreibt Williams sprachgewandt und schnörkellos. Genau so, wie man sich einen guten Thriller vorstellt.

Die Handlung selbst überzeugt zum einen durch Authentizität. Man merkt der Autorin an, dass sie weiß, wovon sie schreibt. Ihre Einblicke in die Detektei beschränken sich nicht nur auf die actionreichen Jobs, sondern auch auf die Drecksarbeit. Das ist nicht immer spannend, dafür aber realitätsnah. Umso packender ist der Handlungsstrang um den Serienmörder. Die Autorin bietet alles, was man in so einem Fall erwartet: im Dunklen tappende Polizisten; einen Mörder, der mit den Ermittlern in Kontakt tritt; eine direkt betroffene Keye Street; einen sicheren Verdächtigen und eine überraschende, aber nicht unnatürlich wirkende Wendung am Schluss.

_Sicherlich gibt es_ noch Verbesserungsbedarf an der einen oder anderen Stelle, aber in der Summe ist „Cut“ ein Debüt, das sich sehen lassen kann. Amanda Kyle Williams schreibt abgeklärt, ihre Hauptfigur ist sympathisch und die Handlung vor allem aufgrund einiger Überraschungen überdurchschnittlich gut. Die eher ungewöhnlichen Recherchemethoden haben sich auf jeden Fall gelohnt.

|Gebunden, 427 Seiten
Originaltitel: The Stranger You Seek
Deutsch von Andree Hesse
ISBN-13: 978-3805250061|
[www.wunderlich-verlag.de]http://www.wunderlich-verlag.de

Kazinski, A .J. – Auserwählten, Die

Es ist doch erstaunlich, wie viel wir Menschen im Laufe unserer Evolution erreicht haben. Neben der Technik mit ihren Kommunikationskanälen und Fortschritten, haben wir weitreichende Entwicklungsschritte mit der Nanotechnologie und Medizintechnik gemacht. Seit Ende des letzten Jahrhunderts stehen wir mit der Quantenphysik vor einigen neuen Erkenntnissen, aber noch mehr offene Fragen stellen sich den Wissenschaftlern, was Raum und Zeit angeht. Gibt es mehrere Dimensionen? Dass dabei die Religion und die Wissenschaft immer mal wieder auf Konfrontationskurs gehen, bleibt nicht aus. Doch sehen wir alle die Welt nur aus einer sehr beschränkten Perspektive, als würden wir durch ein Fernglas schauen und konzentrieren uns dabei nur auf einen kleinen Ausschnitt.

Kann man Religion erforschen und ggf. mit der Wissenschaft kombinieren, um eine Basis der Zusammenarbeit zu finden? Was wissen wir wirklich? Im Grunde nicht viel, da eindeutig die Anzahl der Warum, Wieso, Was, Wann und Wer – einfach gigantisch überwiegt.

Dann ist da noch die Frage nach „Gott“! Ob nun religiös oder wissenschaftlich betrachtet – eine der elementarsten! Was passiert nach unserem Tod? Wartet da eine neue Welt auf uns, in der alles besser ist oder gehört der Tod zu Gottes Plan und ist für uns nur ein nächster Schritt? Elisabeth Kübler-Ross und Dr. Ramond Moody haben das Phänomen „Nahtod-Erlebnis“ erforscht und hinterfragt. Ihre Theorien sind ausgesprochen interessant und laden zum Nach- oder Umdenken ein.

In dem vorliegenden Roman „Die Auserwählten“ des dänischen Autorenduos A. J. Kazinski geht es um eine ganz Reihe von derartigen Theorien. Und dieser Wissenschafts- und Mystikthriller hat es wirklich in sich.

_Inhalt_

Tommaso di Barbara, ein venezianischer Polizist ermittelt in einem sonderbaren Mordfall. Das Opfer trägt ein sonderbares, blutiges Mal auf dem Rücken, das den Ermittler verstört. Als Tommaso feststellt, dass es rund um den Erdball mehrere Opfer gegeben hat, die alle mit einem ähnlichen Mal gezeichnet wurden, beginnt er alleine zu ermitteln. Sehr zum Widerwillen seiner Vorgesetzten, denn diese suspendieren ihn kurzerhand.

Tommaso ist überzeugt davon, dass der nächste mysteriöse Mordfall in Kopenhagen passieren wird. Er nimmt Kontakt zu Kommissar Niels Bentzon auf und überlässt ihm seine gesamte Ermittlungsarbeit. Eines haben diese Opfer alle gemeinsam: Sie sind gute Menschen und haben es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen, zu beschützen.

Da in Kopenhagen gerade der Klimagipfel in der Vorbereitungsphase ist, wird Kommissar und Polizeipsychologe Bentzon darauf angesetzt, um zugleich jegliche terroristische Bedrohung zu untersuchen. Da Bentzon als psychisch labil eingestuft wird, ist das für seine Dienststelle die Gelegenheit, ihn aufs Abstellgleis zu schieben. Doch Bentzon findet schnell heraus, dass er hier etwas Großem auf der Spur ist und intensiviert seine Ermittlungen. Hat es einen terroristischen Hintergrund, dass gezielt Menschen in aller Welt zu Tode kommen und von diesem Mal gezeichnet wurden?

Ihm zur Seite steht die Astrophysikerin Hannah Lund. Eine sinnliche und schöne Frau, die nicht über den Tod ihres Sohnes hinwegkommt. Sie schließt sich Bentzon an und sieht das Rätsel als mathematische Gleichung. Mit analytischen Theorien und Bentzons Idealismus ermitteln die beiden und kommen auf der Spur von 36 Gerechten. Menschen, die scheinbar das Schicksal der Welt in ihren Händen halten und es nicht wissen. Als nur noch zwei Opfer fehlen, beginnt ein atemloser Wettkampf mit der Zeit.

_Kritik_

„Die Auserwählten“ ist ein großartiger Wissenschafts- und Mystikthriller. Den beiden dänischen Autoren merkt man an, dass sie erfahrene Drehbuch- und Romanautoren sind.

Das Kernthema, die Idee von 36 Gerechten, ist nicht unbedingt neu, aber in Verbindung mit Physik und Zahlensystem bekommt „Gottes Plan“ eine gewisse Originalität. In jedem Fall fesselt der Roman, auch wenn sich die beiden Autoren viel Zeit damit lassen, die herrschenden Charaktere zu positionieren. Die beiden Polizeibeamten Tommaso und Bentzon sind in gewisser Weise Antihelden. In jedem Auftreten findet man sich selbst ein Stück wieder und sympathisiert schnell mit den beiden.

Niels Bentzon steht sich meistens selbst im Weg. Seine Ehe mit der erfolgreichen Architektin Katherine, die inzwischen in Südafrika lebt und arbeitet, ist auf Messers Schneide. Ihre intimen Gespräche finden zumeist vor dem Computer in einem Chatsystem statt und nur zu gerne geht Niels Konfrontationen aus dem Weg. Zu gerne würde er seiner Frau wieder nahe sein, doch sein großes Problem, eine ausgeprägte Reisekrankheit und Angst hält ihn davon ab, ins nächste Flugzeug zu steigen. Weiter als Berlin ist er noch nicht gekommen, und das hat schon alles von ihm abverlangt.

Doch beruflich gibt Bentzon sein Bestes. Als Polizeipsychologe hat er schon einiges gesehen und psychisch durchmachen müssen, wenn es darum ging, einen Geiselnehmer zu beschwichtigen und zu überzeugen, dass eine Aufgabe die beste Alternative ist. Doch er gilt als müde, abgebrannt und manisch-depressiv. Im Roman wirkt er allerdings überhaupt nicht so. Im Gegenteil, voller Energie und mit vollem Einsatz widmet er sich seiner neuen Aufgabe.

Die Astrophysikerin Anna und ihr Ermittlungspartner ergänzen sich wunderbar. Sie sieht die ganze Welt mit den Augen und Sinnen einer logischen Analytikerin. Hochbegabt und mit viel Feingefühl verfolgt sie die Spuren und entdeckt den Plan, nicht aber den Auslöser oder den Sinn.

Die Handlung ist auch immer wieder durch kleinere Nebenschauplätze durchwoben. Eindrucksvoll ist hier auch zu lesen, wie Bentzon eine Geiselnahme deeskaliert oder der Klimagipfel startet. So viel Detailreichtum festigt noch einmal die Klasse des Romans und vervollständigt das Lesevergnügen. Überaus spannend ist natürlich auch die Haupthandlung in denen sich Fakten und Fiktion wunderbar ergänzen. Allein schon die These der 36 Gerechten aus dem jüdischen Talmud ist eindrucksvoll beschrieben.

Auch wenn die Spannung im Laufe der Handlung immer größer wird, so ist das Ende bzw. der Ausgang ziemlich enttäuschend. Im Nachhinein relativiert sich das wieder, wenn man darüber nachdenkt, doch beim Schließen des Buches bleiben einige Fragen gänzlich unbeantwortet.

„Die Auserwählten“ ist mit Sicherheit ein Titel, der nur auf die Verfilmung wartet, denn ein solcher Thriller voller Geheimnisse lässt sich wunderbar in den Kinosaal transportieren.

_Die Autoren_

A. J. Kazinski ist das Pseudonym für das dänische Autorenduo Anders RønnowKlarlund und Jacob Weinreich. Anders RønnowKlarlund, Jahrgang 1971, arbeitet als Autor und Regisseur. Für seine Filme ist er bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Jacob Weinreich, 1972 in Århus geboren, ist Drehbuch- und Romanautor. „Die Auserwählten“ ist ihr erster gemeinsamer Roman. (Verlagsinfo)

_Fazit_

„Die Auserwählten“ ist ein brillanter Thriller und ein wahrer Pageturner. Abgesehen vom schwächeren Ende, das man später wieder relativieren wird, hat mich der Thriller absolut überzeugen können.

Wissenschaft und Religion können Hand in Hand gehen und schließen sich nicht aus. Viele Dialoge im Roman drehen sich eigentlich immer wieder um das Kernthema von „Gut“ und „Böse“. Der Roman lässt den Leser nachdenken, auch über ein evtl. Weiterleben nach unserem Tode.

Nicht nur Niels Bentzon wird am Ende des Romans seine Welt und seine Existenz mit ganz anderen Augen sehen.

Prädikat: Exzellent und absolut zu empfehlen.

|Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 608 Seiten
Originaltitel: Den sidste gode mand
Originalverlag: Politiken
Aus dem Dänischen von Günther Frauenlob
ISBN-13: 978-3453267671|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne

_A. J. Kazinski bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Auserwählten“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7308

Miller, Wade – Mord unterm Karussell

_Das geschieht:_

Die Lösung seines letzten Falls kostete drei Menschen das Leben, bescherte ihm Albträume und eine tiefe Abscheu vor Waffen. Seither übernimmt Privatdetektiv Max Thursday im südkalifornischen San Diego nur noch kleine und ungefährliche Aufträge. Sein aktueller Klient bestellt ihn kurioserweise in den Vergnügungspark „Joyland“, wo er in der Riesenschaukel auf ihn warten soll. Von dort muss Thursday mit ansehen, wie der junge Chinese David Song aus einem fahrenden Auto erschossen wird.

Leutnant Clapp von der Mordkommission übernimmt den Fall. Bei der Leiche findet sich ein Zettel, der darauf hinweist, dass Song einen unbekannten Mann namens Leon Jagger beschattet hat. Thursday will sich heraushalten, doch noch in der Mordnacht entführt ihn Davids Schwester Nancy mit Waffengewalt zum trauernden Vater Song Lee, der den Detektiv, der allmählich neugierig wird, tatsächlich engagieren kann.

Der unglückliche David pflegte zu Lebzeiten üblen Umgang. Er war dem Glücksspiel verfallen und ist offenbar in einen Gangsterkrieg zwischen Larson und Ulaine Tarrant, die brutal über ihr kriminelles Imperium herrschen, und dem Eindringling Jagger, der sein Stück vom Kuchen fordert, geraten ist.

Zwar hofft Thursday, er könne sich aus dem Konflikt heraushalten und trotzdem Davids Namen reinwaschen, doch rasch muss er bemerken, dass die ohnehin nervösen Verbrecher auf sein vorsichtiges Stochern sehr ungehalten reagieren: Versucht der Detektiv ihnen jeweils im Auftrag der Gegenseite einen Mord unterzuschieben? Sie schicken ihre Schergen aus, die Thursday eindringlich ‚befragen‘, worauf dieser, der hartnäckig weiter ermittelt, beschließt, den Schwur auf Waffenverzicht zugunsten einer Verlängerung seines Lebens zu brechen …

|Krimi-Spannung mit lässiger Eleganz|

Viel zu viele Krimis gibt es, die von der Zeit eingeholt und unter ihr begraben wurden, ohne dieses Schicksal zu verdienen. Die Klassiker Chandler, Hammett oder MacDonald werden nicht nur hierzulande immer wieder aufgelegt. Doch was ist mit den Pechvögeln, die keine Fürsprecher und Verlage finden, obwohl sich ihre Werke durchaus sehen bzw. lesen lassen?

Die Max-Thursday-Romane wurden von der zeitgenössischen US-Kritik nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern gelobt. Auch heute genießen sie ihr Renommee, und sie müssen auch in Deutschland mindestens von den Lesern zur Kenntnis genommen worden sein, denn sie sind sämtlich hierzulande erschienen. Ihre inhaltlichen wie formalen Qualitäten lassen eine Neuauflage wünschenswert erscheinen, die indes wohl nur ein Wunsch dieses Rezensenten bleiben wird.

Was ist es nun, das dieses Buch so lesenswert macht? Da ist vor allem ein Plot, der täuschend einfach wirkt aber – so gehört es sich – in die Irre führt, sodass die leicht irrwitzige aber logische Auflösung angenehm überraschen kann. Miller weiß sein Garn zu spinnen, Langeweile kommt nie auf, auch wenn so manche detektivische Ermittlung ins Leere läuft: Das gehört zum Job.

|Stimmung und Zeitkolorit|

Ein Umstand, den Miller einst womöglich für selbstverständlich hielt, hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte wie eine Vergoldung über seinen Roman gelegt: „Mord unterm Karussell“ besticht durch seine Atmosphäre. Das Buch spielt in einem Land, das den II. Weltkrieg zwar gewonnen aber noch nicht überwunden hat. Immer wieder lässt Miller die historische Gegenwart der frühen 1950er Jahre einfließen. „Joyland“ ist ein Relikt der hektischen Kriegsjahre, als Soldaten und Arbeiter in der Kriegsindustrie sich nach hartem Kampf oder Doppelschichten im Betrieb die kurze Freizeit vertreiben wollten. Die taffe Reporterin Merle Osborn gehört zu den wenigen Frauen, die nach 1945 noch nicht wieder in die Hausarbeit entlassen wurden, nachdem sie zuvor gut genug waren die in Übersee kämpfenden Männer in allen möglichen Berufen zu vertreten. Max Thursday hat selbst an der Front gedient und seine geistige Gesundheit dabei eingebüßt (s. u.)

In den klassischen, tief ’schwarzen‘ Film-Krimis dieser Ära lässt sich die Stimmung noch erfassen, die „Mord unterm Karussell“ auszeichnet. Damals muss dieser Roman sehr modern gewirkt haben. Auch heute erfreut die Abwesenheit so mancher zeitgenössischen Klischees. Die Übersetzung konnte dies bewahren und einen uralten, nur noch auf Flohmärkten zu findenden Dutzendkrimi in ein echtes, angenehm überraschendes Lektürevergnügen verwandeln.

|Das Leben kennt keine Gewinner|

Max Thursday gehört einerseits zu den geradezu klassischen Privatdetektiven: ein harter, unbestechlicher Schnüffler, der stets der Wahrheit den Vorzug vor einem bequemen Leben gibt und folglich von einem Fall auch dann nicht lassen kann, wenn dieser ihm wenig Geld aber viel Ärger bringt.

Andererseits kündigt sich mit Thursday schon ein neuer, zeitgemäßer Detektiv an, der nicht nur zum Gangsterjagen auf der Welt ist. Der II. Weltkrieg ließ auch die Unterhaltungsindustrie nicht unberührt. Zwar hatten die USA ‚gewonnen‘, doch der Preis war hoch gewesen, und nun schien man auf einen Krieg mit der Sowjetunion zuzusteuern, der jederzeit heiß werden konnte. Die Ideale der Vergangenheit hatten sich als Illusion erwiesen. Im Kino wurden nach 1945 die Krimis der „Schwarzen Serie“ zu einem eigenen Genre. Die Sünden und Schmerzen der Vergangenheit lasten hier schwer auf allen Protagonisten, denen das Schicksal nichts als Tod oder weitere Enttäuschung zu bieten scheint. Nichts ist mehr Schwarz oder Weiß, alles ist Grau.

|Vom Leben gebeutelt|

Max Thursday gehört zu denen, die nicht als siegreiche Helden, sondern als nervliche Wracks aus dem Krieg heimkehrten. Die Erinnerung daran, was er erleben und tun musste, hat ihn geprägt. Thursday will vor allem seine Ruhe, aber dafür hat er sich natürlich den falschen Job ausgesucht. Wieder ist da besagtes Schicksal, das ihn genretypisch stets dorthin führt, wo ihn wieder die fatale Entscheidung erwartet: Soll ich davonlaufen oder weitermachen? Selbstverständlich entscheidet sich Thursday für Nr. 2; er kann nicht anders, und Verfasser Wade Miller arbeitet heraus, dass genau dies auch Thursdays Problem ist. Er wird nie aufgeben und deshalb weiter verletzt werden. Dafür ‚belohnt‘ wird er mit Depressionen und Alkoholsucht.

Auch Merle Osborn kann so, wie sie Miller schildert, nur in ihrem Umfeld existieren. Sie hat die Grenzen einer alten gesellschaftlichen Schichtung überschritten, ist dank des Krieges in eine Männerdomäne vorgedrungen. Miller ist zu sehr Kind seiner Zeit, als dass er dies letztlich gutheißen könnte. So sehnt sich Osborn durchaus nach einer starken Schulter, an die sie sich in der Krise anlehnen kann. Bis es soweit – aber ohne Garantie eines Gelingens – ist, schlägt sie sich jedoch wacker und stellt eine echte Bereicherung des Figurenpersonals dar, das Miller auch sonst mit viel Liebe zum überzeugenden bis leicht absurden Detail zu zeichnen weiß.

_Autoren_

Wade Miller ist das Pseudonym des Autorenduos Robert Allison Bob Wade (geb. 1920) und H. Bill Miller (1920-1961). Die beiden seit Schultagen unzertrennlichen Freunde debütierten 1947 mit „Guilty Bystanders“, dem ersten Roman der Serie um den Privatdetektiv Max Thursday, die von der Kritik zu den besten ihrer Zeit gezählt wird. In den nächsten anderthalb Jahrzehnten schrieben Wade & Miller als „Wade Miller“ aber auch als „Will Daemer“, „Dale Wilmer“ und „Whit Masterton“ mehr als dreißig Romane, von denen immerhin neun verfilmt wurden. Unter diesen Filmen ragt hoch der Noir-Klassiker „Touch of Evil“ heraus, den 1958 Orson Welles mit Charlton Heston, Janet Leigh, Marlene Dietrich und sich selbst in den Hauptrollen inszenierte.

Als Miller 1961 völlig überraschend einem Herzanfall erlag, schrieb Wade im Alleingang weiter, beschränkte sich jedoch zukünftig auf das Pseudonym „Whit Masterton“. Sein bisher letzter Roman erschien 1979. Dem Krimigenre ist er jedoch als kundiger Spezialist und Autor der Kolumne „Spadework“ verbunden geblieben.

|Taschenbuch: 170 Seiten
Originaltitel: Fatal Step (New York: Signet 1948)
Übersetzung: A. B. Noack|
[www.ullsteinbuchverlage.de]http://www.ullsteinbuchverlage.de

Ellery Queen – Sherlock Holmes und Jack the Ripper

Queen Holmes Ripper 1989 Cover kleinIm Herbst des Jahres 1888 kreuzen sich in London die Wege von Meisterdetektiv Sherlock Holmes und Serienmörder Jack the Ripper. Holmes stellt seinen Mann, aber hat er wirklich den Richtigen erwischt? Fast acht Jahrzehnte später kommen dem berühmten Kriminalschriftsteller und Amateur-Ermittler Ellery Queen im fernen New York ernste Zweifel, und er rollt den Fall noch einmal auf … Eines der berühmtesten Sherlock-Holmes-Pastiches überhaupt, in Wort und Stimmung das Vorbild treffend, aber trotzdem eher mittelmäßig und vor allem mit überflüssigen Rahmenhandlung.
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Castillo, Linda – Blutige Stille

_Als Officer Chuck Skidmore,_ der als erfahrener Polizist gilt, routiniert seine Streife fährt, wird er durch einen durchdringenden Schrei in der Nähe des Anwesens der amischen Familie Plank aufmerksam. In der Stille der Nacht offenbart sich „Skid“ ein furchtbares Bild. Die siebenköpfige Familie der Planks ist auf bestialische Weise ermordet worden. Die beiden Söhne wurden durch Schüsse exekutiert, die Ehefrau liegt mit ihrem Baby im Arm in ihrem Blut, die tödliche Kugel hat ihren Rücken durchschlagen und sowohl sie als auch ihr Baby getötet. Ihren Ehemann wurde doch einen direkten Schuss in den Mund der Hinterkopf weggesprengt, an seiner Seite liegt eine Pistole der Marke Beretta.

Schockiert stolpert Skid durch das Haus und steuert die landwirtschaftliche Scheune an. Was ihn erwartet, wird ihn auf immer begleiten. Die beiden schon älteren Töchter sind ebenfalls tot. Doch ihre nackten Körper zeigen offensichtliche Spuren von schwerer Folter und Misshandlung. Die Polizeichefin der Gemeinde von Painters Mill glaubt nicht an die Theorie, dass der Vater durchgedreht ist und seine Familie kaltblütig abschlachtete. Die Planks waren eine tiefgläubige und konservative Familie unter den Amischen. Sie lebten in aller Bescheidenheit und hatten mit den „Englischen“ Bürgern nicht viel Berührungspunkte.

Der Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin gibt Kates Vermutungen recht. Wahrscheinlich wurde auch der Vater der Kinder ermordet. Die Spuren der Verletzung werden einige Fragen auf und im Laufe der Ermittlungen verdichten sich die Spuren, dass Mary, die älteste der beiden Töchter der Grund dieses Massakers gewesen sein muss.

Als Kate eines Abends auf eigene Faust, das Anwesen der Planks noch einmal durchsucht und sich hier auf das Zimmer von Mary konzentriert, findet sie unter eine Diele das einfache Tagebuch der heranwachsenden Frau.

Ist das Tagebuch der Schlüssel zum Mörder …?

_Kritik_

Das Buch „Blutige Stille“ weißt durchaus viele Parallelen zu „Die Zahlen der Toten“ auf. Gleich am Anfang werden im vorliegenden Titel die Toten gefunden. Ebenso die Darstellung und Beschreibung des Tatortes, was im Vorgänger ebenfalls gespiegelt der Fall war.

Wieder handelt es sich bei den Opfern um Amische und wieder einmal wird Kate mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ebenso treffen wir mit Agent Tomassetti, einen alten Bekannten, wieder.

Hier war es sehr störend, dass er wiederum vor einen Tribunal Rede und Antwort stehen musste und quasi bis auf Weiteres von seiner Dienststelle suspendiert wird. Nach seiner hilfreichen Unterstützung bei den Schlächtermorden („Die Zahlen der Toten“), die zur Ergreifung des Täters führten, sollte dieser eher belohnt als bestraft werden. Sein Einstieg in „Blutige Stille“ ist daher wenig originell.

Aber das sind nur kleinere Auffälligkeiten, die Leser, die den Vorgängertitel nicht kannten, nicht weiter in ihrem Lesevergnügen stören sollte. Und auch wenn es Parallelen gibt, so werden diese kleinen Klippen gekonnt von der Autorin durch einen enorm hohen Spannungsbogen kompensiert.

Schnell entwickelt sich, durch das langsame Vordringen des Officers, der den Ort des Massakers aufsuchen muss, und das Entsetzen, dass sich durch die Beschreibung des Tatorts breitmacht, eine schaurige Atmosphäre.

Nach und nach erfährt der Leser mehr über die Umstände der Tat. Einen großen Sprung macht die Handlung, nachdem Kate das Tagebuch des unschuldigen Mädchens findet. Sehr gut eingebaut lässt Linda Castillo die ermordete, junge Frau selbst zu Wort kommen. Dass dadurch nicht nur bei Chief Kate eine persönliche Bindung zu den Opfern entsteht, sondern auch bei den Lesern hat sie großartig auf die Bühne gebracht.

Die Einträge der jungen Frau berühren und vermitteln, was eine junge Frau empfindet, die sich in der „Rumspringa“ befindet, also die Zeit, in der sich der junge Mensch entscheiden muss, welchen Weg er in Zukunft bereit ist zu gehen. Entweder sich den Regeln und den Grundsätzen der Gemeinschaft der Amischen anzuschließen oder sich „bannen“ zu lassen, um diesem Leben abzuschwören. Damit hätte sich allerdings auch den Kontakt zur eigenen Familie erledigt. Wie weltfremd sie aufgewachsen ist und wie naiv und unschuldig sie auf die Komplimente und Verführungen eines viel älteren Mannes eingeht, ist erschreckend realistisch.

Dass sich Kate das Schicksal des Mädchens so zu Herzen nimmt und sich damit viel stärker, als gut für sie ist, sich mit Mary identifiziert, ist zwar löblich, doch manchmal nicht nachvollziehbar. Ihr Verhältnis zu Tomassetti, das nicht einfach ist, da beide ihre persönlichen Dämonen mit sich rumschleppen, wird hier auch nicht besser. Dieses Thema wird zum Glück nicht seitenfüllend behandelt und quasi nur als kleinerer Nebenschauplatz behandelt.

Die Handlung ist immer aus der Perspektive der einzelnen Protagonisten zu betrachten. Natürlich kommt Kate am meisten zu Wort, aber auch Tomassetti findet hier Gehör. Für die Handlung wäre es vorteilhaft gewesen, wenn der Ermittler Tomassetti von BCI stärker involviert gewesen wäre. So taucht er als Nebenfigur gesehen so spartanisch auf, dass man sich das auch hätte ersparen können.

Der Spannungsbogen orientiert sich direkt an den Ermittlungen, sodass hier der Leser dem Geschehen im vollen Umfang mit allen Fortschritten und Verwicklungen im Laufschritt mithalten kann. Linda Castillos Schreibstil ist konsequent sehr gut. Sie erspart sich Ausflüge in die Welt der so oft für amerikanische Thriller typischen Klischees.

Wie schon im ersten Band „Die Zahlen der Toten“ lässt die Autorin den Lesern einen intensiven Blick in die amische Glaubensgemeinschaft werfen. So fremd uns diese auch vorkommen mag, so fasziniert uns ihre schlichtes und konservatives Leben dennoch. Ohne Strom und fließend Wasser zu leben, katapultiert uns doch gefühlt, schnell in eine ganz andere Epoche. Und man bekommt einen relativ großen Respekt vor der amischen Gesellschaft, die sehr konsequent und tiefgläubig ihr Schicksal zwar selbst bestimmen, aber mit unserer Zivilisation nur minimale Gemeinsamkeiten haben.

_Autorin_

Linda Castillo, geboren 1960 in Dayton, Ohio, hat als Finanzmanagerin gearbeitet, bevor sie mit dem Schreiben begann. Sie hat bereits über zwanzig Liebesromane veröffentlicht, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. „Die Zahlen der Toten“ war ihr erster Thriller und der erste Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Sie lebt mit ihrem Ehemann, vier Hunden und einem Pferd auf einer Ranch in Texas. (Verlagsinfo)

_Hintergrundinfos_

Die Amischen sind eine täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft, deren Hauptaugenmerk auf Familie, Gemeinschaft, Gottesfürchtigkeit und Abgeschiedenheit von der Außenwelt liegt. Ihr Leben ist stark mit der Landwirtschaft verwurzelt. Technischer Fortschritt wird von den meisten Amischen abgelehnt. Neuerungen werden nur nach sehr sorgfältiger Überlegung akzeptiert.

Zum Großteil stammen die Mitglieder von Südwestdeutschen bzw. Deutschschweizern ab und sprechen untereinander überwiegend Pennsylvaniadeutsch. Die Wurzeln liegen in der reformatorischen Täuferbewegung Mitteleuropas. Sie spaltete sich 1693 von der Gruppe der Mennoniten ab. In Europa leben mittlerweile keine Amischen mehr. Aufgrund von Verfolgung wanderte der Großteil dieser Glaubensgemeinschaft im 18. Jahrhundert nach Pennsylvania (Nordamerika) aus. Die letzten amischen Gemeinden Europas schlossen sich wieder den Mennoniten an. (Quelle: Wikipedia)

_Fazit_

„Blutige Stille“ von Linda Castillo ist Thriller Literatur in Hochform. Spannend, abwechslungsreich und vor allem auch durch viele Informationen ist der Roman eine kleine Perle in diesem Genre.

Viele negative Punkte gibt es nicht: Es wäre wünschenswert, wenn im nächsten Roman vielleicht das Verbrechen auf der Seite der Amischen zu suchen und dann auch zu finden ist. Die Opferrolle sollte nun in gleich zwei Bänden, als abgeschlossen betrachtet werden. Alles andere wäre hier enttäuschend. Der Roman „Blutige Stille“ ist nicht gerade still, dafür ungemein blutig, aber so spannend, dass man nicht aufhören kann zu lesen.

Ich freue mich auf einen evtl. dritten Band der Autorin.

|Taschenbuch: 400 Seiten
Originaltitel: Pray For Silence
ISBN: 978-3-596-18451-4|
[www.fischerverlage.de]http://www.fischerverlage.de

_Linda Castillo bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Zahlen der Toten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=6910

Paretsky, Sara – Hardball

_Die |V. I. Warshawsky|-Reihe:_

(1982) „Schadenersatz (|Indemnity Only|)
(1984) „Deadlock (|Deadlock|)
(1985) „Fromme Wünsche“ (|Killing Orders|)
(1987) „Tödliche Therapie“ (|Bitter Medicine|)
(1988) „Blood Shot“ (|Blood Shot|)
(1990) „Brandstifter“ (|Burn Marks|)
(1992) „Einer für alle“ (|Guardian Angel|)
(1994) „Engel im Schacht“ (|Tunnel Vision|)
(1999) [„Die verschwundene Frau“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1727 (|Hard Time|)
(2001) „Ihr wahrer Name“ (|Total Recall|)
(2003) „Blacklist“ (|Blacklist|)
(2005) [„Feuereifer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3868 (|Fire Sale|)
(2009) _“Hardball“_ (|Hardball|)
(2010) |Body Work| (noch kein dt. Titel)

1996 erschien unter dem Titel „Windy City Blues“ (dt. unter identischem Titel) eine Sammlung von V.-I.-Warshawsky-Kurzgeschichten

_Das geschieht:_

Privatdetektivin Victoria Iphigenia Warshawski ist von einer Europareise ins heimatliche Chicago zurückgekehrt. Sie hat sich von ihrem Freund getrennt und ist pleite, weshalb sie umgehend ihre Arbeit aufnehmen will. Stattdessen muss Vic Familienpflichten und einen denkbar ‚kalten‘ Fall übernehmen. Cousine Petra, muntere 22 Jahre jung und der Fürsorge ihrer Eltern Peter und Rachel endlich entschlüpft, ist als Praktikantin für Brian Krumas tätig, der Senator des US-Staates Illinois werden möchte. Dabei scheint sie in gefährliche Kreise abgedriftet zu sein: In Vics Büro wird eingebrochen, es wird verwüstet. Die Überwachungskamera zeigt drei vermummte Gestalten, doch Vic erkennt trotzdem ihre Cousine unter den Tätern. Zur Rede stellen kann sie Petra nicht, da diese seither spurlos verschwunden ist. Detective Bobby Mallory nimmt Vic in die Zange, und zu allem Überfluss reisen Peter und Rachel an, um ihr Vorwürfe zu machen.

Als Detektivin gerät Vic an die Schwestern Ella Gadsden und Claudia Ardenne. Beide sind alt und krank. Bevor ihr Leben endet, will vor allem Claudia Gewissheit über das Schicksal ihres Neffen Lamont Gadsden, der seit 1967 verschollen ist. Vic übernimmt den aussichtslosen Fall und fahndet nach Personen, die Lamont, einen Kleinkriminellen und wohl auch ein Bandenmitglied, einst kannten. Ihre Suche führt zurück in die schwierige Zeit der Rassenunruhen, die in den 1960er Jahren auch in Chicago für bürgerkriegsähnliche Verhältnisse gesorgt hatten. Die damals geschlagenen Wunden sind auf beiden Seiten keineswegs verheilt.

Vics Ermittlungen rücken eine Reihe damals junger Männer in ein unschönes Licht. Heute sind sie vermögend, politisch einflussreich und verfügen über Mittel und Männer, unliebsame Schnüffeleien nachdrücklich zu unterbinden. Zu ihrem Kummer scheint auch Vics verstorbener Vater 1967 in düstere Machenschaften verwickelt gewesen zu sein. Bald wird es für die Detektivin allerdings wichtig, lange genug zu überleben, bis sie ihren übermächtigen Gegnern mit handfesten Beweisen entgegentreten kann …

|Stadtgeschichte im Kriminalroman|

Seit jeher schreibt Sara Paretsky nicht ’nur‘ Kriminalromane. Sie übt auf unterhaltsame Weise Kritik an politischen und gesellschaftlichen Missständen, prangert Rassismus, Diskriminierung und verstärkt den Verlust von Menschenrechten an, die spätestens seit dem 11. September 2001 von und in den USA Stück für Stück außer Kraft gesetzt wurden.

„Hardball“ bildet eine Klammer zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In einem ausführlichen Nachwort schildert Paretsky, wie sie 1966 als junge Frau nach Chicago kam, wo sie im Rahmen eines Sozialpraktikums mit Kindern arbeitete. Als politisch interessierter Mensch nahm sie die aufkommende Bürgerrechtsbewegung und die ihr feindlichen Gegenströmungen unmittelbar wahr – ein Sommer, den sie die prägende Zeit ihres Lebens nennt.

Viele der von der Autorin selbst erlebten Ereignisse fließen in „Hardball“ ein. Wer damals dabei war, erinnert sich gut – im Positiven wie im Negativen, da die Unruhen jenes Jahres die Menschen zwang, Stellung zu beziehen. Die Entscheidung pro oder contra Gleichberechtigung spaltete Gemeinden, Freundschaften, Familien. Die daraus resultierenden physischen Wunden sind nur oberflächlich verheilt.

Paretsky vermeidet simple Schwarz-Weiß-Zeichnungen. ‚Böse‘ weiße Rassisten kämpfen daher nicht gegen ‚edle‘ schwarze Bürgerrechtler. Eine der Gruppen, die 1967 Martin Luther King beschützten und Kinderhorte einrichtete, mutiert im Roman zur Straßengang der „Anacondas“, die ihre Drogen an Menschen aller Hautfarben verkaufen und auch in Sachen Mord ohne Vorurteile sind.

|Geschichte und Gegenwart|

1967 scheint für einen Großteil heutiger Leser in der Urzeit zu liegen. Tatsächlich stellen vier Jahrzehnte kein Menschenalter dar. Wer damals jung aber schon aktiv war, ist heute älter, kann aber immer noch aktiv sein. Paretsky geht von der Prämisse aus, dass einige damals Steine werfende, Hassparolen schreiende Männer zu prominenten Mitgliedern der Chicagoer High Society aufgestiegen und damit automatisch ehrenwert geworden sind.

Doch sie haben einen Mord begangen und bei der Vertuschung weitere Kapitalverbrechen begangen, die auch das Establishment nicht dulden kann, sollte die Öffentlichkeit Wind davon bekommen. Deshalb – so Paretsky – werden die Betroffenen wie vor vierzig Jahren gewalttätig. Inzwischen hat sich die Palette ihrer Möglichkeiten freilich erweitert. Sie müssen sich nicht mehr selbst die Hände schmutzig machen. Die enge Verknüpfung von Geld und Macht ermöglicht die Instrumentalisierung von Polizei und Justiz. So genügt es, V. I. Warshawski vage die Verwicklung in terroristische Umtriebe zu unterstellen, um eine mächtige Maschinerie in Gang zu setzen, die nicht nur Paretsky an Kafka erinnert.

Auf der Strecke bleiben Gerechtigkeit und Moral. Beinahe rührend wirkt Warshawski, die sich immer wieder als Verfechterin altmodisch scheinender, dem globalisierten 21. Jahrhundert nicht zweckdienlicher Werte positioniert. Dabei ist sie weder zurückhaltend oder zimperlich nach Gutmenschen-Art, sondern provozierend deutlich und stets bereit, auch unschöne Dinge beim Namen zu nennen.

|Der Preis der Freiheit – der Job|

V. I. Warshawski ist keine einfach gestrickte oder besonders sympathische Figur. Sie ist jähzornig, ein Kontrollfreak, voreilig, widerborstig aus Prinzip. Damit erhebt Paretsky sie nicht zur Weltenretterin und rettet sie vor einer unrealistischen Idealisierung. Sie lässt Warshawski ihren Preis für die Offenheit zahlen, die diese für sich beansprucht. In „Hardball“ lässt sie die entsprechenden Sünden Revue passieren: Eine Karriere im Staatsdienst hat sie sich aufgrund ihrer Kompromisslosigkeit verbaut, der Aufbau einer einträglichen Firma gelingt ihr nicht: Ihre beachtlichen kriminologischen Fähigkeiten investiert Warshawski immer wieder in Fälle, die ihren Gerechtigkeitssinn ansprechen aber dem Kontostand schaden. Dieses Mal lässt sie sich auf das besonders aussichtslose Unterfangen einer Personenfahndung ein, deren Ziel seit Jahrzehnten verschollen ist.

Dank kann Warshawski selten erwarten; in dieser Hinsicht geht es ihr wie den klassischen Detektiven des Genre-Krimis. Selbst die Mutter des verschwundenen Lamont Gadsden honoriert Warshawskis Mühen keineswegs. Wie üblich zahlt die Detektivin buchstäblich drauf. Beschädigtes Inventar, Streit und Körperverletzung gehen auf eigene Rechnung.

|Der Preis der Freiheit – privat|

Auch privat ist V. I. Warshawskis Leben eine Dauerbaustelle. Wieder einmal ist eine Beziehung in die Brüche gegangen. Selbst enge Freunde – ihre Zahl hält sich ohnehin in Grenzen – kommen nicht umhin, Warshawkis ausgeprägte Eigenheiten und vor allem ihre Ungeduld als Ursachen anzusprechen. Das Ergebnis sind kurzfristige Depressionsphasen, aus denen Warshawski indes niemals lernt.

Deshalb lässt sie sich auch im 13. Band der Serie vom steinalten Nachbarn Mr. Contreras und von ihren beiden Hunden auf der Nase herumtanzen. Als Verstärkung kommt dieses Mal die aufreizend lebenslustige Cousine Petra hinzu, die der Detektivin den Verlust jugendlicher Unbekümmertheit besonders deutlich signalisiert.

Auf 500 eng bedruckten Buchseiten ist genug Platz für eine unheilvolle Reise in die Warshawskische Familiengeschichte. Vic vergöttert die Mutter und verehrt den Vater. An dessen Vergoldung kratzt die Realität kräftig: Die Suche nach Wissen birgt stets das Risiko, mit unerwarteten und unwillkommenen Informationen konfrontiert zu werden. Vic muss lernen, dass ihr Vater nur ein Mensch war.

|Viel Altes, ein wenig Neues|

Vor gut recherchiertem Hintergrund erzählt Paretsky eine gediegene Kriminalstory bekannten Musters. Auch Vic Warshawski führt kein so aufregendes Leben, dass 13 Bücher mit originellen Geschichten gefüllt werden könnten. Vertraute Feindbilder werden neu arrangiert, bekannte Figuren tauchen auf. Der Leser will Warshawskis Welt zwar durcheinandergewirbelt aber keinesfalls zerstört sehen. So ist Mr. Contreras inzwischen angeblich über 90 Jahre alt, zeigt aber weiterhin keinerlei Anzeichen körperlichen oder geistigen Verfalls. Offenbar besitzt diese penetrante Figur eine eigene Fangemeinde.

Der Fortbestand zwischenmenschlicher Ungerechtigkeiten und eine unkonventionelle Heldin sorgen im Bund mit soliden Plots für Kriminalromane, deren Unterhaltungswert unter einem gewissen Tiefgang nicht leidet. Auf diese bewährte Weise kann (und wird) Sara Paretsky ihre Serie problemlos fortsetzen.

_Autorin_

Sara Paretsky (geb. am 8. Juni 1947 in Ames, Iowa) wuchs in Lawrence, Kansas, auf. 1966 zog sie nach Chicago, arbeitete sie als Sekretärin und begann sich zu engagieren: Dies waren die Jahre, in denen die Jugend der USA gegen den Krieg in Vietnam, den Rassismus im eigenen Land und für die Menschenrechte protestierte. Paretsky fügte dem noch ihren Kampf für die Rechte der Frau hinzu. Konsequent verwirklichte sie diese für die eigene Person, studierte Wirtschaft und Geschichte, promovierte 1977 und arbeitete bis 1985 als Verkaufsmanagerin einer großen Versicherungsgesellschaft.

1986 beschloss Paretsky eine Laufbahn als hauptberufliche Schriftstellerin. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits drei Romane um Vic Warshawsky, eine Privatdetektivin in Chicago, verfasst, die von den beruflichen und persönlichen Erfahrungen ihrer geistigen Mutter profitierte. Sara Paretsky gehört zu den Autorinnen, die in den 1980er Jahren dem Genre wichtige Neuimpulse gaben. Der ehrwürdige Kamillentee-Lady-Thriller wurde endlich ergänzt vom modernen „Privat-Eye“-Krimi, dessen Protagonistinnen nicht als Abziehbilder ihrer hartgesottenen männlichen Vorbilder agierten, sondern überzeugend eigene Wege gingen.

Paretskys V. I. Warshawski hat inzwischen die meisten fiktiven Detektiv-Kolleginnen (und eine wahrhaft schauerliche Hollywood-Verfilmung) überlebt und hält ihre Ideale weiterhin eisern hoch. Die Autorin gründete außerdem die „Sisters in Crime“, eine Organisation, die weibliche (Nachwuchs-) Autoren fördert und deren erste Präsidentin sie war.

|Taschenbuch: 512 Seiten
Originaltitel: Hardball (New York : G. P. Putnam’s Sons 2009)
Übersetzung: Monica Bachler
ISBN-13: 978-3-8321-6160-6

Als eBook: Juli 2011
ISBN-13: 978-3-8321-8563-3|
[www.saraparetsky.com]http://www.saraparetsky.com
[www.dumont-buchverlag.de]http://www.dumont-buchverlag.de

Macken, John – Underground Killer

_Die |Reuben Maitland|-Serie:_

(2007) „Blutcode“ (|Dirty Little Lies|) – Mira TB
(2008) „Die Genspur“ (|Trial By Blood|) – Mira TB
(2009) _“Underground Killer“_ (|Breaking Point|) – Knaur TB 50878
(2010) |Control| (noch kein dt. Titel)

_Das geschieht:_

Nachdem Dr. Reuben Maitland unerlaubterweise ein von ihm entwickeltes aber noch in der Erprobung befindliches Programm zur Identifizierung psychopathisch veranlagter Krimineller zum Einsatz gebracht hatte, wurde er seines Amtes als Leiter von „GeneCrime“, einer forensischen Abteilung des „Criminal Investigation Department“ (CID) in London, enthoben und entlassen. Seitdem entwickelt Maitland „Psychopath Selection“ privat weiter. Allerdings halten ihn seine Nachfolgerin Dr. Mina Ali sowie Detective Chief Inspector Sarah Hirst, die an seine Arbeit glauben, heimlich auf dem aktuellen Wissensstand und versorgen ihn mit Genproben potenzieller Unholde.

Ali ist es, der auffällt, dass eine eigentlich längst gelöschte Datenbank im „GeneCrime“-Speicher ihren Platz gewechselt hat und mächtig angeschwollen ist. Sie enthält Namen von Personen, die im Zusammenhang mit begangenen Verbrechen befragt wurden. Offenbar hat jemand diese Daten mit kürzlich erfolgten Gesetzesverstößen abgeglichen und dabei Maitlands Software missbraucht. Das Ergebnis ist eine Liste von Männern, die als potenzielle Psychopathen gelten müssen.

Maitland, Ali und Hirst sind alarmiert, zumal derjenige, der dies anonym und illegal tat, damit begonnen hat, diese Männer unter Druck zu setzen, um den Killer in ihnen zu wecken. Der böse Plan ging anscheinend bereits auf: In der U-Bahn von London hat ein Unbekannter damit begonnen, Fahrgäste mit Hilfe heimlich im Gedränge verabreichter Giftinjektionen zu töten.

Während unter der Bevölkerung von London, die auf die „Tube“ als Transportmittel angewiesen ist, Panik ausbricht, versuchen Maitland und seine wenigen Vertrauten den unsichtbaren Gegner zu stellen. Doch wem können sie trauen? „GeneCrime“ hat eine undichte Stelle, die der Drahtzieher zur systematischen ‚Aktivierung‘ weiterer Psychopathen nutzt …

|Der Killer-Code im Reagenzglas|

Der Psychopath und der Forensiker sind ein Dream Team des modernen Kriminalromans. Was die Hannibal Lecters der literarischen Welt in diversen Unterhaltungsmedien anrichten, wird von CSI-Spezialisten unter Nutzung modernster technischer und naturwissenschaftlicher Methoden aufgedeckt.

In der Regel geschieht dies, nachdem die böse Tat bereits geschehen und der Schurke geflüchtet ist. John Macken postuliert nunmehr eine Methode, mögliche Metzelbolde bereits lange vor dem ersten Stich auszusieben. Auf diese Idee ist er natürlich weder als einziger noch als erster Autor gekommen. In der Wissenschaft wird tatsächlich in dieser Richtung geforscht; ein Erfolg käme derzeit allerdings dem Finden des Heiligen Grals gleich.

Ist ‚das Böse‘ in den Genen angelegt? Kann es erkannt und womöglich getilgt werden? Muss man sich damit bescheiden, entsprechend vorbelastete Pechvögel unter scharfe Beobachtung zu stellen? Wie sieht es mit den ethischen Aspekten einer funktionierenden Früherkennung aus? Darf man noch unbescholtene Menschen vorsichtshalber separieren? Darf man im Interesse der potenziellen Opfer darauf verzichten?

Schon diese wenigen und eher willkürlich gestellten Fragen machen deutlich, wie brisant das Thema ist – und dass es sich für eine unterhaltsame Umsetzung als Kriminalroman förmlich anbietet. John Macken alias Professor Chris McCabe verfügt zudem über das humanbiologische Wissen, um die Realität unter Einsatz plausibel klingenden Technobabbels glaubhaft zu extrapolieren.

|Kaninchen in der U-Bahn|

Während die Forschung faktisch weiterhin in den Kinderschuhen steckt, lässt Macken wenigstens in der Fiktion einen Großversuch anlaufen. Auch in seiner selbst geschaffenen Welt bildet das geschriebene Gesetz die Grenze: Entsprechende Versuche am Menschen bleiben streng verboten, zumal Macken dies zum idealen Sprungbrett für seine Geschichte wird.

Verrückte Wissenschaftler teilen mit dem gemeinen Verbrecher die Eigenschaft der Ungeduld. In unserem Fall haben jene, die Reuben Maitlands Software missbrauchen, keine Lust zu warten, ob den als mögliche Psychopathen eingestuften Personen von selbst die Hirnsicherungen herausfliegen. Sie helfen nach – und dies auf eine Weise, die des Lesers Langmut trotz der damit verbundenen Spannung auf eine harte Probe stellt, denn nur dort, wo Macken die Fäden zieht, dürfte ein so krude umgesetztes Prozedere zum gewünschten Erfolg führen.

Geniale Planmäßigkeit wird hinter dem Projekt Psychopathen-Erweckung nicht erkennbar. So wie es die heimlichen Verursacher anstellen, die ihre Zielpersonen regelmäßig verprügeln, würde sich wahrscheinlich jedes Opfer in einen Wüterich verwandeln, was den Sinn des Verfahrens schon diesseits der Frage, wie dies als Geheimnis gewahrt bleiben könnte, in Frage stellt. Diese Feststellung lässt sich nicht mit dem Hinweis auf den ‚Action-Faktor‘ parieren, der dem Prügeln & Morden innewohnt. Macken selbst bedient sich der Wissenschaft mit einer Sorgfalt, die sein Plot insgesamt vermissen lässt. Die Diskrepanz ist zu groß, um unerkannt zu bleiben.

|Das Labor als Hexenkessel|

Glaubhaft ist Macken in der Beschreibung gruppendynamischer Prozesse. Er kennt die akademische Welt aus eigener Erfahrung und weiß deshalb, wie gründlich falsch das Bild vom Elfenbeinturm ist, der sich ruhig und erhaben über die schnöde Alltagswelt erhebt. Die Realität ist eben nicht nur Forschung zur Schaffung von Wissen, sondern ein Hauen & Stechen um begrenzte finanzielle Mittel und begehrte Posten, wie es auch in der Politik oder der Industrie üblich ist. Abhängigkeiten fügen sich gefährlich zu Charakterschwächen und schaukeln sich in unserem Fall zu einer modernen Version der Frankenstein-Tragödie auf.

Macken bleibt in dieser Hinsicht erfreulich sachlich in seinen Figurenzeichnungen. Das Instrument des (schwarzen) Humors, den schreibende Kollegen wie Reginald Hill, Ian Rankin oder Stuart MacBride belebend und ablenkend in ihre Krimi-Serien einfließen lassen, ist ihm fremd. Man vermisst es nicht, dass Wissenschaftler und Polizisten sich keinen Wettlauf um das schrägste Bonmot liefern.

|Privatleben ist die Hölle|

Leider meint Macken seiner Leserschaft ausführliche Einblicke in die Privatleben seiner Hauptfiguren schuldig zu sein. Wie man sich denken kann, ist vor allem Ruben Maitland ein Mann am Rande des ständigen Nervenzusammenbruchs. Schon bevor die Handlung einsetzt – „Underground Killer“ ist der dritte Band einer Serie -, hat ihn das Schicksal gleich mehrfach niedergeknüppelt.

Um sich darüber zu informieren, ist die Kenntnis der Vorgängerbände überflüssig; Macken lässt seine Figuren ausgiebig über vergangene und gegenwärtige Seelennöte, Missverständnisse u. a. Zwischenmenschlichkeiten reden, diskutieren und streiten; kein Wunder, dass die Bände 1 und 2 hierzulande von einem Verlag veröffentlicht wurden, der sein Programm unter das Motto |“Große Gefühle und Nervenkitzel für alle“| stellt.

Macken-Thriller stellen eine kühl kalkulierte und auf den höchstmöglichen Verkaufserfolg getrimmte Mischung aus Krimi (für „ihn“?) und Seifenoper (für „sie“?) dar. Dieses Rezept ist keineswegs verwerflich, doch Macken gelingt es nicht, beide Fraktionen harmonisch unter einen Hut zu bringen. Seine emotional aufgeladenen Abschweifungen verärgern denjenigen Leser, der stärker die Elemente Science & Crime goutiert. Umgekehrt wirken die Konflikte, in die Macken seine Figuren verwickelt, wie von einer Liste abgehakt. Selbstverständlich wird die Hire-&-Fire-Beziehung zwischen Maitland und Sarah Hirst sorgfältig für die kommenden Bände konserviert. Und natürlich meint Macken mit einem ’schockierenden‘ Finaltwist schließen zu müssen, der den Eindruck unterhaltsamer Mittelmäßigkeit, den „Underground Killer“ trotz aller Einwände zu wahren wusste, beinahe noch verspielt.

_Autor_

„John Macken“ ist auch „John McCabe“, und beide sind sie Professor Chris McCabe, der 1990 seinen Abschluss in Genetik an der „University of Sheffield“ machte und 1995 in diesem Fach an der „University of Birmingham“ promovierte.

Der frischgebackene Dr. McCabe spezialisierte sich auf den Einsatz molekulargenetischer Techniken in der Humanmedizin. Er arbeitete zunächst für die „Division of Medical Sciences“ der Universität Birmingham. Einem kurzen Zwischenspiel an der „UCLA School of Medicine“ in Los Angeles folgte ein Ruf als Dozent an die „University of Birmingham“. Seit 2010 hat McCabe dort eine Professorenstelle inne.

1998 veröffentlichte McCabe unter dem Pseudonym John McCabe einen ersten Kriminalroman, dem regelmäßig weitere folgten. Für die Romane um den Forensiker Reuben Maitland, die ab 2007 erscheinen, wählte er das Pseudonym John Macken.

Obwohl er regelmäßig Krimis publiziert, ist McCabe hauptberuflicher Wissenschaftlicher und Dozent (mit einer eindrucksvoller Liste veröffentlichter Fachartikel) geblieben. Seine Romane schreibt er in der knappen Freizeit. Mit seiner Familie lebt Chris McCabe in den englischen Midlands.

|Taschenbuch: 415 Seiten
Originaltitel: Breaking Point (London, Bantam Press, 2009)
Übersetzung: Christine Gaspard
ISBN-13: 978-3-426-50878-7

Als eBook: Mai 2011 (Knaur eBook)
ISBN-13: 978-3-426-41263-3|
[www.knaur.de]http://www.knaur.de

Alpert, Mark – Crash

_|David Swift|:_

Band 1: „Die Würfel Gottes“
Band 2: _“Crash“_

Das Universum ist ein einziges Computerprogramm, unglaublich kompliziert – aber mithilfe der Einheitlichen Feldtheorie zu manipulieren. Und diese sagenumwobene Feldtheorie hat Albert Einstein einst gefunden. Nur sein Ururenkel, der autistische Michael Gupta, kennt sie und bewahrt Stillschweigen, weil sein Adoptivvater David Swift ihm klargemacht hat, wie wichtig es ist, diese Formel niemandem zu verraten.

Doch eine fanatische Gruppe, die sich die „Wahren Gläubigen“ nennt, ist hinter der Formel her, um mit ihrer Hilfe den Urknall zu wiederholen. Bruder Cyrus, der Anführer der Sekte, möchte damit die Welt von all dem Bösen reinigen und einen Neustart hinlegen. Das Programm dazu hat er schon geschrieben, nur einige Lücken befinden sich noch darin, die mithilfe der Einheitlichen Feldtheorie zu füllen sind. Und so entführt er Michael Gupta kurzerhand und droht dem Jungen, ihn umzubringen, wenn er ihm die Formel nicht verrät. In die Enge getrieben, verrät Michael Gupta schließlich die fehlenden Bruchstücke der Formel, mit deren Hilfe Bruder Cyrus den Urknall wiederholen möchte.

Davids Adoptiveltern, der Wissenschaftshistoriker David Swift und die Physikerin Monique Reynolds, sind Bruder Cyrus stets auf den Fersen, um ihren Sohn und damit auch die Welt zu retten.

_Der drohende Weltuntergang_

„Crash“ ist bereits der zweite Wissenschaftsthriller aus der Feder des Astrophysikers Mark Alpert. Während jedoch sein Erstlingsroman „Die Würfel Gottes“ noch ziemlich spannend ausgefallen ist – wenn man denn hingenommen hat, dass Albert Einstein die immer noch gesuchte Einheitliche Feldgleichung gefunden hat und diese die Welt zerstören könnte -, übertreibt Mark Alpert es im zweiten Anlauf ziemlich. Zunächst beginnt das Buch noch recht spannend: Der 19-jährige Michael Gupta wird entführt, weil eine Gruppe Fundamentalisten weiß, dass er die Einheitliche Feldtheorie im Kopf hat. Da der geneigte Leser bereits aus Alperts Debütwerk weiß, dass diese Formel eine gewisse Brisanz besitzt, baut sich dadurch schon Spannung auf. Als sich dann auch noch Michaels Eltern auf die Suche nach ihrem Adoptivsohn machen, steigern sich Spannung und Tempo immer weiter.

Doch dann erklärt uns Mark Alpert recht bald den Plan der „Wahren Gläubigen“ – nämlich die Wiederholung des Urknalls. Theorie dahinter ist, dass die Welt ein einziges Computerprogramm ist, das man mit einer Flut von Daten zum Absturz bringen könne. Und hier kommt die Feldtheorie ins Spiel, die den fehlenden Baustein bietet, um diese Datenflut ins Rollen zu bringen und damit das Universum auszulöschen. Dazu hat Bruder Cyrus ein abstruses Programm geschrieben, dessen Lücken Michael Gupta nun füllen soll.

Aus meiner Sicht scheitert Alpert schon an dieser Idee hinter seinem Buch, denn selbst für Leser mit physikalischem Hintergrund dürfte dieser Ansatz zu abstrus sein, um wirklich die Spannung zu halten und die Leser weiter ans Buch zu fesseln.

Natürlich gibt es in Alperts Buch auch bereits einen schon funktionierenden Quantencomputer – wen wundert es? – der heutzutage noch reine Theorie ist. Zwar gibt es Lösungsansätze, die einmal zu seiner Realisierung führen könnten, doch alles nur im Labormaßstab und unter Laborbedingungen. Darüber hinaus bringt Mark Alpert das Excalibur-Programm ins Spiel: In den 80er-Jahren unterstützte Edward Teller ein Programm zur Raketenabwehr. Demzufolge sollten sowjetische Interkontinentalraketen mittels Hochenergie-Laserstrahlen abgeschossen werden, die von einer Nuklearexplosion im Weltraum angetrieben würden. Die Reste dieser Versuchsanlagen will sich die Gruppe der Wahren Gläubigen nun zunutze machen, um einen „Universums-Neustart“ zu erzeugen.

Echt abgefahren, einfach nur hanebüchen und definitiv zu viel des „Guten“.

_Abgestürzt_

Abgestürzt ist am Ende natürlich nicht das Universum – wie könnte es anders sein? – sondern Mark Alpert mit seinem zweiten Thriller. Nach halbwegs vielversprechendem Beginn bringt er Charaktere ins Spiel, die einfach nur eindimensional und klischeebesetzt sind und mit denen man wirklich nicht mitfiebert. Am abgefahrensten ist aber die Idee hinter dem Buch, nämlich die, dass das Universum ein riesiges Computerprogramm ist, das man einfach mal so zum Absturz bringen und damit das Tor zum Himmelreich öffnen könnte. Nein, das mag in irgendwelchen Theorien zwar möglich sein, ist aber so weit hergeholt, dass mich dieses Buch weder mitreißen noch interessieren konnte. Ich musste mich zum Weiterlesen zwingen und war echt enttäuscht, was Mark Alpert uns hier bietet. Bleibt zu hoffen, dass er in seinem nächsten Buch auf dem Teppich bleibt …

|Klappenbroschur: 448 Seiten
Originaltitel: The Omega Theory
ISBN-13: 978-3-442-20388-8|
[www.randomhouse.de/pageundturner]http://www.randomhouse.de/pageundturner

Ronald A. Knox – Die drei Gashähne

knox-gashaehne-cover-1962-kleinHat sich Mr. Mottram selbst mit Gas umgebracht oder wurde er auf geschickte Art ermordet? Ein Versicherungsdetektiv und ein Polizist ermitteln manchmal gemeinsam, manchmal getrennt und decken einen gänzlichen unerwarteten Tathintergrund auf … – Einer der ganz großen Klassiker des britischen „Whodunit“-Krimis hat als ebenso intelligentes wie witziges Spiel mit den Regeln des Genres seinen Unterhaltungswert ungemildert bewahren können.
Ronald A. Knox – Die drei Gashähne weiterlesen

Parrish, P. J. – Knochenacker, Der

_|Louis Kincaid/Joe Frye|-Serie:_

(2000) |Dark of the Moon|
(2001) |Dead of Winter|
(2002) |Paint It Black|
(2003) |Thicker Than Water|
(2004) |Island of Bones|
(2005) |A Killing Rain|
(2006) |An Unquiet Grave|
(2007) |Das Gebeinhaus| (|A Thousand Bones|)
(2008) _|Der Knochenacker|_ (|South of Hell|)
(2010) |The Little Death|

_Das geschieht:_

Ein neuer Fall führt Privatdetektiv Louis Kinkaid aus Florida im Winter des Jahres 1989 in den Süden des US-Staates Michigan. Dort bemüht sich Detective Jake Shockey von der Mordkommission der Polizei Ann Arbor, das Schicksal von Jean Brandt aufzuklären. Sie verschwand vor neun Jahren spurlos von der einsamen Farm nahe eines Ortes mit dem vielsagenden Namen Hell, auf der sie an der Seite ihres gewalttätigen Ehemann Owen ein bitteres Dasein fristete.

Shockey, der damals ein Verhältnis mit Jean hatte, vermutet, dass Owen sie umgebracht und irgendwo auf den 25 Hektar der Farm begraben hat. Er will endlich Gewissheit und auch Rache, denn Owen, der wegen eines anderen Verbrechens im Gefängnis sitzen musste, wurde gerade entlassen und will auf seine Farm zurückkehren, wo er möglicherweise Jeans Leiche endgültig verschwinden lassen wird.

Kinkaid will helfen, zumal ihn dieser Fall in die Nähe seiner Freundin Joe Frye führt. Mit ihr führt er eine Fernbeziehung, seit sie aus Karrieregründen nach Michigan gegangen ist. Als Sheriff kann sie ihm Türen öffnen, die Kinkaid sonst verschlossen blieben.

Wie befürchtet taucht Owen auf seiner Farm auf. Dort hat Kinkaid bei einer Durchsuchung Amy, die 13-jährige Tochter der Brandts, entdeckt; Owen hatte sie schon vor Jahren bei seiner Schwester Geneva untergebracht, die nun gestorben ist. Amy kehrte auf die Farm zurück, weil sie von Erinnerungen an eine grausame Bluttat geplagt wird, deren Zeugin sie werden musste. Kinkaid, Frye und Shockey glauben, endlich eine Spur zur verschollenen Jean entdeckt zu haben, und bemühen sich, die verworrenen Erinnerungen des verstörten Mädchens zu entschlüsseln. Sie stehen unter Druck, denn Vater Owen beansprucht das Sorgerecht für seine Tochter, der nach einer Rückkehr auf die Farm womöglich ebenfalls ein gewaltsames Lebensende droht …

_Spannung von der Stange_

„South of Hell“ lautet der Titel dieses Romans, des in der Originalausgabe bereits neunten einer Serie, die auf dem deutschen Buchmarkt wieder einmal irgendwo einsetzt und den Leser daher immer wieder zwingt sich zusammenzureimen, was dem US-Publikum längst bekannt ist. Diesbezügliche Informationen betreffen in erster Linie das Dreigespann der Figuren Louis Kinkaid, Joe Frye und Mel Landete, eines Ex-Cops, der einst mit Frye zusammen war und heute mit Kinkaid zusammenarbeitet.

Womit klar ist, dass wir es hier mit einem Kriminalroman zu haben, der den privaten Gefühlsstürmen der Protagonisten mindestens ebenso breiten Raum bietet wie der Krimi-Handlung. Diesem Aspekt widmen wir uns weiter unten und bleiben zunächst beim Krimi. Der ist eher routiniert als einfallsreich geplottet und läuft problemlos auf jenem Schienenstrang, den vor allem jene Leser bereisen, die Spannungslektüre im Rahmen bekannter Lese-Erlebnisse vorziehen.

Der etwas anspruchsvollere Leser (auch „Kritiker“ oder „Querulant“ genannt) kann mit Fug & Recht einwenden, dass „Der Knochenacker“ eine handwerklich sauber und kalkuliert zusammengestellte Sammlung bewährter aber eben tausendfach präsentierter Thriller-Elemente bildet.

|Die Hölle ist manchmal tiefer als gedacht|

Freilich weiß auch das Verfasser-Duo um diese Tatsache und entwickelt einen gewissen Ehrgeiz, dem abgestandenen Gebräu trotzdem eine eigene Geschmacksnote einzurühren. Sie soll sich aus einem Quäntchen Mystery entwickeln, die jedoch – hier lässt sich Angst vor der eigenen Courage entdecken – zumindest anfänglich ‚logisch‘ begründet wird.

So scheint die labile Amy zwar einen Draht ins 19. Jahrhundert zu besitzen, doch könnte es sich auch um eine lebhafte aber fehlgeleitete Fantasie halten – ein Kunstgriff, der aufgrund der Intensität der Visionen eher Feigenblattfunktion besitzt, zumal ihre ‚Realität‘ in einem sicherlich als Überraschung geplanten Finaltwists plötzlich bestätigt wird.

Immerhin bringt der Handlungsstrang um ungerächt gebliebenes Unrecht aus der US-Sklaven-Ära wenigstens ein Moment des Unerwarteten ins Geschehen, das dieses inzwischen bitter nötig hat. Routine-Ermittlungen, Kompetenzstreitigkeiten, Indiziensuchen: Diese Aktivitäten, die doch das Salz in der Suppe eines Polizei-Thrillers bilden, werden recht lieblos abgehakt.

|Seelenqualen und Liebeskummer|

Wie Gewitterwolken schieben sich stattdessen Emotionen in den Vordergrund, wo sie sich etwa ab Seite 200 in einem Unwetter entladen, das überhaupt kein Ende mehr finden will; schließlich hat dieser Wolkenbruch eine achtbändige Vorgeschichte, die seine Wut noch anschwellen lässt. Louis Kincaid ist bereits solo ein von den Autorinnen dramatisch zerrissener Charakter: schwarz und im Süden der USA ansässig, wo die Hautfarbe gern rassistische Attacken auslöst, die ausgiebig in die Handlung einfließen. Da dies in der Darstellung sattsam bekannten Mustern folgt, will sich beim Leser das gewünschte Gefühl von Empörung und Mitleid nicht recht einstellen.

Aber die Verfasserinnen legen ordentlich nach: Just wird Kincaid mit einem bisher unbekannten Sprössling konfrontiert. Selbstverständlich hat er sich als Vater nicht mit Ruhm bekleckert, was nach dem Willen der Autorinnen peinigende Rückblenden und die erneut ausführliche Schilderung einer allmählichen Annäherung sowie der damit verbundenen Seelennöte rechtfertigt.

Weiterhin in der Schwebe ist die On/Off-Beziehung zwischen Kincaid und Joe Frye, was beim Stand Band 9 nun wirklich lächerlich ist aber vom Publikum offenbar so gewünscht wird, das weiterhin mit diesen beiden Königskindern, die einfach nicht zueinander kommen können, mitbarmen möchte.

Hinzu kommt Amy, deren Schicksal sicherlich dem letzten hartgesottenen Leser die Tränen in die Augen treibt: Mutter verschollen, vermutlich ermordet; Vater ein Säufer und Schläger; Pflegemutter wirr im Kopf & tot im Bett. Zu allem Überfluss machen sich jetzt auch noch Geister in ihrem geplagten Schädel breit, denen eine Psychologin gütig aber verschwommen hinterher forscht.

Als Dreingaben gibt’s noch den einsamen Polizisten Shockey, der ebenfalls sein Familienleben versaut hat, wie er wiederum seitenstark zu Protokoll geben darf, und Margi, derzeitige Sandsack-Freundin des fiesen Owen Brandt, die uns selbstredend auch ihre traurige Biografie erzählt. Im Hintergrund aber per Telefon präsent bleibt dieses Mal Mel Landete, obwohl in dieser Menge gepeinigter Seelen ein zusätzlicher armer Tropf gar nicht auffallen würde.

|Finales Durcheinander ersetzt Erzählstruktur|

Irgendwann merken unsere Autorinnen, dass die Seite 400 nahe und der Kriminalfall keinen Schritt weitergekommen ist. Also setzen sie diesbezüglich zu einer Art Endspurt an. Owen Brandt, bisher ein redneckiger Kretin und Maulheld, mutiert zum messerschwingenden Amokläufer, der fast sämtliche Hauptfiguren (sowie die Logik) niedersticht, was aber beim Zielpublikum dieses Romans als ‚Action‘ durchgehen mag.

Damit es mit dem Faktor Bedrohung klappt und der Erzählkreis sich schließt (bzw. übers Knie gebrochen werden kann, bis er sich irgendwie rundet), treffen sämtliche Beteiligten schließlich auf der Brandt-Farm zusammen, die abermals als Geisterhaus mit 1001 geheimen Luken und Verstecken herhalten muss. Anschließend stolpert man möglichst unüberlegt durch das Gelände, um dem schnaubenden Brandt vor die Klinge zu geraten.

Das Ende kommt gewaltreich, aber dann wird es wieder versöhnlich. Schließlich müssen noch diverse lose Fäden ’spannend‘ in das lockere Plot-Gewebe eingewoben werden. Offene Fragen bezüglich des Kriminalfalls werden immerhin beantwortet, offene Beziehungen bleiben weiterhin konserviert, denn auch in den folgenden Serien-Bänden sollen wieder Hände gerungen und Tränen zerdrückt werden. Im Zeitalter der Plattbrunst-Vampire und „Romantic Thriller“ könnte dieses Konzept auch in Deutschland funktionieren und P. J. Parrish genug Leser/innen finden, um die neuen sowie – Gott bewahre, aber der hält sich der Bestseller-Hölle schlau fern – womöglich die früheren Bände der Serien zur Erscheinung zu bringen.

_Autorinnen_

Hinter dem Pseudonym „P. J. Parrish“ verbergen sich – nicht sehr intensiv, da sie dieses ‚Geheimnis‘ u. a. auf ihrer Website lüften – die Schwestern Kristy Montee und Kelly Nichols, geboren in Detroit im US-Staat Michigan.

Kristy, die Jüngere, arbeitete zunächst in ihrer Heimatstadt für eine Vorort-Zeitschrift, wo sie die „Seiten für die Frau“ betreute. Diesem Job blieb sie treu, als sie 1972 zum „Sun-Sentinel“ nach Fort Lauderdale wechselte.

In ihrer Freizeit schrieb Kristy vier Liebesromane, die veröffentlicht wurden. Nachdem sie ihren Job verloren hatte, wechselte sie auf Anraten ihres Agenten zum Kriminalroman. Sie tat sich mit ihrer Schwester Kelly zusammen, die in der Spielcasino-Szene tätig gewesen war und sich nach ihrer Scheidung ebenfalls aber erfolg- bzw. verlegerlos als Autorin von Lovestorys versucht hatte.

Die Zusammenarbeit brachte im Jahre 2000 „Dark of the Moon“, den ersten Roman einer Serie um den Kriminalpolizisten Louis Kincaid hervor, dessen Privat- und Liebesleben – hier ließ das Verfasser-Duo mit sicherem Blick auf das weibliche Publikum die Schmalzpresse weiterlaufen – mindestens ebenso turbulent und problematisch ist wie sein Job.

Kristy Montee lebt mit ihrer Familie weiterhin in Fort Lauderdale, während Kelly Nichols nach Michigan zurückgekehrt ist, wo sie in bzw. am Houghton Lake lebt.

|Taschenbuch: 479 Seiten
Originaltitel: South of Hell (New York : Pocket Star Books/Simon & Schuster 2008)
Übersetzung: Charlotte Breuer u. Norbert Möllemann
ISBN-13: 978-3-426-50108-5|
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Camilleri, Andrea – Netz der großen Fische, Das

_Das Netz der Strippenzieher: sizilianische Charade_

Der Sohn eines führenden Politikers wird des Mordes an seiner Verlobten angeklagt. Diese wiederum war die Tochter eines mächtigen politischen Gegners. Als die Nachricht beim Fernsehsender RAI in Palermo eingeht, hält Programmdirektor Michele Caruso die Meldung zurück, um weitere Informationen abzuwarten. Denn er weiß nur zu gut um das weitreichende Netz der im Verborgenen agierenden Herrscher der Insel. Jener heimlichen Machthaber, denen der mysteriöse Todesfall gerade recht kommt, um skrupellos ihre politischen Interessen durchzusetzen: mittels der verbalen Raffinesse der Medien … (Verlagsinfo)

Dieser Krimi wurde mit dem Premio de Novela Negra 2009 ausgezeichnet.

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene, aber in Rom lebende Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur. Er hat dem italienischen Krimi die Tore geöffnet.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor. Er ermittelt in komplett erfundenen, aber „echt“ erscheinenden Orten wie Vigàta und Monte Lusa.

Der vorliegende Krimi handelt allerdings ohne Montalbano, der nur nebenbei erwähnt wird.

_Handlung_

Manlio Caputo ist der Sohn eines führenden Mitglieds einer sizilianischen Linkspartei, aber auch der Verlobte von Amelia Sacerdote, der Tochter eines mächtigen Abgeordneten der Gegenpartei – eine brisante Kombination. Da nun Amalia in ihrer neuen Wohnung ermordet aufgefunden wird, sehen sich Staatsanwalt Di Blasi und Commossario Bonanno gezwungen, gegen Manlio zu ermitteln. Dass er einen entsprechenden Bescheid zugestellt bekommt, wird schnell in der Gerüchteküche von Palermo bekannt. Aber ist es wahr? Und überhaupt: Welche Konseuqnzen hat das? Denn ein Ermittlungsbescheid ist ja noch längst keine Festnahme,.

Das überlegt auch Michele Caruso, der Held dieser Geschichte. Der gute Michele ist Programmdirektor der Lokalredaktion des TV-Senders RAI in Palermo. Zur Verwunderung seines Chefs Alfio Smecca weigert sich Michele, diese Nachricht zu bringen. Der Grund erscheint ihm stichhaltig: Es gibt keine offizielle Bestätigung.

In der Folge hat Michele zunehmend den Eindruck, als sei Alfio eifrig damit beschäftigt, an seinem Stuhl sägen. Aber Michele hat einen Trumpf im Ärmel: Er vögelt Giuditta, Alfios werte und scharfe Gattin. Auf diesem Umweg bekommt er mit, dass Alfio etwas im Schilde führt. Und die Stunden mit Giuditta versüßen ihm den Schmerz, den er wegen des Weggangs seiner Frau Giulia leidet. Denn Giulia hat sich aus unerfindlichen Grüßen kürzlich mit dem aufstrebenden Anwalt Massimo Troina zusammengetan. Wird er sie je zurückbekommen? Sie will sich nicht scheiden lassen – das ist ein Lichtblick.

Natürlich verfolgt Michele den Fall Sacerdote/Caputo mit Argusaugen. Denn schon bald trägt ihm sein eigenes Informationsnetzwerk zu, dass der Vater von Amalia den Anwalt gewechselt habe. Statt des erfahrenen Familienanwalts sei es nun Massimo Troina – schau an: der Geliebte seiner Frau. Und Troina laviert sich so durch. Denn eines ist oberfaul: Sacerdote, der Vater der Ermordeten, ist der Stiefbruder eines Mafiabosses!

Dass Michele die Nachricht NICHT gebracht hat, wird an höherer Stelle positiv vermerkt. Insbesondere sein Noch-Schwiegervater, der mächtige Senator Stella, der mit Sacerdote in einer Partei ist, lobt Michele über den grünen Klee und verspricht ihm in einer denkwürdigen Begegnung, die Dinge für seinen Sohn einzurichten.

Schon bald bemerkt Michele, der sich die Ohren spitzt und die Augen aufsperrt, wie sich bei der größten Bank der Insel ein Umsturz anbahnt: Der Vorstandsvorsitzende tritt „aus persönlichen Gründen“ zurück. Einfach so. Nun rauscht es aber in der Info-Pipeline. Wer wird sein Nachfolger? Der Aufsichtsrat muss erst ein neues Vorstandsmitglied wählen und einen neuen Vorsitzenden. Da erfährt Michele, dass ein beträchtliches Aktienpaket der Bank den Besitzer gewechselt hat. Und dreimal darf er raten, wer der neue Besitzer ist …

Unterdessen fallen ihm an Alfios und Giudittas Verhalten Ungereimtheiten auf. Könnte es sein, dass nicht nur er Giuditta aushorcht, sondern diese auch ihn? Womöglich hat sie sogar einen zweiten Lover! Während sich die Lage für Michele Schrittchen für Schrittchen bessert, kommt er einem Komplott gegen ihn auf die Spur. Ob ihm auch diesmal Senator Stella helfen kann?

_Mein Eindruck_

Die verschlungene Handlung, in deren Ruhepunkt Michele Caruso steht, kann es glatt mit der Komplexität chandlerscher Krimidramen à la „The Big Sleep“ aufnehmen. Doch Camilleri ist viel leichter zu lesen. Sein Text besteht zu 99,9% aus Dialogen. Das einzige Problem, das der Leser lösen muss, ist die Zuordnung der vielen Namen. Wer ist denn nun schon wieder Alletto oder Galetto? Hier leistet die vorangestellte Namensliste unschätzbare Dienste. So findet man sich doch noch zurecht und kann die Zuspitzung der Handlung entgegensehen.

Dieses dichte Geflecht von Beziehung ist der Normalzustand für Sizilien. Denn hier kann man nicht einfach so eine Ermittlung im luftleeren Raum durchführen, wie es sich wohl Commissario Bonanno in seinen Träumen vorstellt. Schon bald sieht er sich abgelöst, und sein Chef, der Staatsanwalt Di Blasi, gibt ungefragt eine Entschuldigung für seinen Rücktritt ab. Wer sich nun vor Verwunderung die Augen reibt, kennt eben Sizilien nicht. Alles hat mit allem zu tun.

Wenn nun eine Ermittlung fast eingestellt wird und gleichzeitig ein großes Aktienpaket der größten Bank den Besitzer wechselt, so erscheint dies nur für den unbedarften Außenstehenden ein zufälliges Übereintreffen zu sein. Doch weit gefehlt! Man ahnt es schon: Michele Caruso muss die Zeichen der Zeit lesen wie ein verschlüsseltes Buch und sich ständig seinen Reim darauf machen. Denn sonst ist es bald mit seiner eigenen Stellung vorbei.

Es kann nicht verwundert, dass Programmdirektor Michele Caruso alles andere als ein „außenstehender, kritischer Beobachter“ ist, sondern sich bereits auf eine politische Seite geschlagen, nämlich auf die seines Schwiegervaters, des Senators. Folglich ist Michele beileibe kein Akteur im Geschehen, sondern ein zurückhaltender Kommentator und allenfalls Kulissenschieber.

Sein mitternächtlicher Kommentar zu einer personellen Veränderung auf der Politbühne ist schon das Äußerste, zu dem er sich hinreißen lässt. Auch dies wird von den relevanten Stellen jedoch positiv vermerkt. Wenn Michele über die richtige Präsentationsweise einer News seitenlang diskutiert, so ist dies nicht Selbstzweck, sondern ein Wink des Autors, wie hier die Politik Nachrichten macht.

Dennoch ist der Opportunist Michele kein Unsympath, sondern im Gegenteil ein Women’s Man. Er mag den Sex mit Giuditta, doch sein Herz hängt weiter an Giulia, seiner immer noch Angetrauten. Sex ist Zeitvertreib, doch Liebe ist etwas anderes. Während Sex mit Giuditta sich zunehmend als geschäftlicher Austausch von Informationen etabliert, werden ihm beim Anblick der schlafenden Giulia die Knie schwach. Und als Giulia zu ihm zurückkehren will (warum wohl?), da sieht es für den Sex mit Giuditta nicht mehr so gut aus. Zumal sich die Lady als Doppelagentin entpuppt.

_Unterm Strich_

Dies ist kein Krimi mit Commissario Montalbano, folglich wird auch höchst selten gegessen (und wenn doch, dann äußerst unappetitlich). Dies hier ist das Kontrastprogramm zu den lockeren und heiteren Abenteuern Montalbanos. Hier spielt die Musik im knallharten Geflecht zwischen Politik, Behörden und Medien.

Michele, der opportunistische Held, spricht immer wieder von einer Maschine („màcchina“ heißt aber auch „Auto“), die in Fahrt geraten ist und der man sich nicht in den Weg stellen sollte, will man nicht unter die Räder kommen. Das Ränkespiel der zahlreichen Akteure ist zu durchschauen, die Fühler sind in alle Richtungen auszustrecken. Doch wer zu hohe Ansprüche stellt und womöglich sogar ein Drehbuch schreiben will, der hat sein Todesurteil bereits über sich selbst gesprochen. Alles muss unter der Decke bleiben. Das ist die oberste Regel.

Und die arme Amalia Sacerdote – wird ihr Gerechtigkeit zuteil? Man will es fast nicht glauben, aber es geschieht tatsächlich. Die Notizbücher Amalias mit allen Terminen und Adressen sind zwar verschwunden (worden), aber der Staatsanwalt kann sich noch an einen Namen erinnern. Als er Amalias Wirtsleute vorladen lässt, kristallisiert sich ein Verdacht gegen einen nahezu unsichtbaren Dritten heraus. Darf man Anklage erheben? Knifflige Frage. Zur allgemeinen Verwunderung darf man. Fall gelöst, Manlio Caputo entlastet.

Wie gesagt, ist der Krimi sehr flott zu lesen, weil er fast nur aus Dialogen besteht. Ich habe lediglich ein paar Stunden dafür gebraucht. Das Schwierigste ist das Zuordnen und Auseinanderhalten von Namen. Nach einer Weile tauchen jedoch immer die gleichen Pappenheimer auf, und das Zuordnen geht schon flotter vonstatten. Ach ja: Und ein Happy-End gibt es auch. Wer hätte das gedacht?

|Hardcover: 219 Seiten
Originaltitel: La Rizzagliata (2009)
Aus dem US-Englischen von Moshe Kahn
ISBN-13: 978-3785724187|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de

_Andrea Camilleri bei |Buchwurm.info|:_

|Commissario Montalbano:|
01 [„Die Form des Wassers“ 306
02 [„Der Hund aus Terrakotta“ 315
03 [„Der Dieb der süßen Dinge“ 3534
04 [„Die Stimme der Violine“ 321
05 [„Das Spiel des Patriarchen“ 312
06 [„Der Kavalier der späten Stunde“ 670
07 [„Das kalte Lächeln des Meeres“ 594
08 „Die Passion des stillen Rächers“
09 [„Die dunkle Wahrheit des Mondes“ 4302
10 [„Die schwarze Seele des Sommers“ 5474
11 [„Die Flügel der Sphinx“ 5875
12 [„Die Spur des Fuchses“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6461

[„Der zweite Kuss des Judas“ 654
[„Die Rache des schönen Geschlechts“ 659
[„Der falsche Liebreiz der Vergeltung“ 1812
[„Von der Hand des Künstlers“ 2315
[„Die Pension Eva“ (Lesung) 4971

Agatha Christie – Alter schützt vor Scharfsinn nicht

Zwei pensionierte Geheimagenten stoßen auf eine geheime Botschaft, die ein altes Verbrechen anprangert; neugierig will das Paar dieses Rätsel lösen, doch das Stochern in der Vergangenheit macht jene nervös, die genau dies fürchten … – Dieses Spätwerk zeigt die „Queen of Crime“ nicht in Hochform; zwar ist der Plot sauber geknüpft, doch die Umsetzung fällt ungewöhnlich geschwätzig aus und bleibt ohne Höhepunkt: eher eine philosophische Reflexion als ein (spannender) Kriminalroman.
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Leimbach, Alida – Wintergruft

_Inhalt_

Der Pfarrer Udo Meierbrink wohnt zusammen mit seiner Frau Heike in der Gemeinde Sandfelde unweit von Osnabrück, wo sie sich eine Pfarrstelle teilen. Eines Tages findet Heike heraus, dass Udo eine Affäre hat. Nach einem heftigen Streit setzt sie sich wütend und verletzt in ihr Auto und braust davon. Das war das letzte Mal, dass Udo sie gesehen hat. Am nächsten Morgen findet er einen Abschiedsbrief, in dem sie ihm mitteilt, dass sie sich von ihm trennen will. Udo zweifelt aber an der Echtheit des Briefes und ihn überkommt ein sehr ungutes Gefühl. Er geht zur Polizei, um seine Frau als vermisst zu melden. Dort wird er aber nur belächelt. Dennoch wird die Vermisstenanzeige aufgenommen, die erst mal einfach im Aktenschrank verschwindet. Allerdings wird nach einiger Zeit das Auto von der Pfarrerin verlassen auf einem Pendlerparkplatz gefunden, in dem ein blutverschmierter Drehmomentschlüssel liegt. Endlich fängt die Polizei an, zu ermitteln …

_Kritik_

„Wintergruft“ von Alida Leimbach ist ein gut zu lesender und interessanter Kriminalroman, der aus der Sicht eines Beobachters geschrieben wurde. Die Kapitel sind kurz gehalten und die Sätze flüssig und verständlich.

Toll finde ich, dass von verschiedenen Charakteren das Umfeld und die Gefühle dargestellt werden. Da wäre zum einen der Pfarrer, Udo Meierbrink, der eindeutig die Hauptperson des Buches ist. Eigentlich liebt er seine Frau schon länger nicht mehr und ist seiner Geliebten verfallen. Nach dem Verschwinden seiner Frau macht er sich dennoch sehr große Sorgen und denkt des Öfteren an sie. Dann gibt es die ehrgeizige und egoistische, aber dennoch nette Nadine Wagenbach. Sie ist die Geliebte des Pfarrers und hofft auf eine gemeinsame Zukunft mit ihm. Einige Dinge werden auch aus Sicht der überaus neugierigen und aufdringlichen Eva Siebkötter beschrieben. Diese ist die Putzfrau der Meierbrinks und steckt überall ihre Nase rein. Sie putzt eigentlich immer nur dort, wo sie meint, etwas Interessantes zu finden. Des Weiteren erfährt man auch etwas aus dem Leben der zwei ermittelnden Polizisten, Birthe Schöndorf und Daniel Brunner, beruflich wie auch privat. Beide Charaktere finde ich sehr sympathisch.

Insgesamt werden die Protagonisten mit Ihrem Gefühlsleben und Handeln gut beschrieben. Vieles kann man sich bildlich gut vorstellen. Zuerst ist es allerdings nicht ganz einfach, die Personen alle zuzuordnen, aber nach einer kurzen Zeit des Einlesens wird es durchsichtiger. Sobald man die Charaktere miteinander verknüpfen kann, liest sich das Buch sehr leicht. Je mehr man gelesen hat, desto spannender wird die Geschichte.

Außer der am Anfang etwas wirren Darstellung der Personen, kann ich persönlich keine weitere negative Kritik äußern. Zum Schluss konnte ich das Buch kaum noch beiseitelegen, da ich endlich wissen wollte, wie es ausgeht.

_Autor_

Alida Leimbach, geboren 1964 in Lüneburg und aufgewachsen in Osnabrück, lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt am Main. Nach einigen Jahren beruflicher Tätigkeit als Übersetzerin studierte sie noch einmal: evangelische Theologie, Germanistik und Englisch. Alida Leimbach ist Mitglied der Autorenvereinigung „Mörderische Schwestern“. Mit „Wintergruft“ gibt sie ihr Debüt als Romanautorin. (Verlagsinfo)

_Fazit_

„Wintergruft“ von Alida Leimbach ist eine fesselnde Geschichte, die es auf jeden Fall zu lesen lohnt. Für mich vielleicht nicht zuletzt auch aus dem Grund, dass ich Osnabrück kenne und somit einige beschriebene Orte persönlich schon gesehen habe.

Super ist, dass man wirklich bis zum Schluss nicht weiß, ob die vermisste Pfarrerin vielleicht doch noch lebt oder wer der eventuelle Mörder sein könnte. Ich hatte zwischendurch den einen oder anderen beim Lesen des Buches in Verdacht, aber keiner von denen war es letztendlich.

Es ist ein wirklich gelungener Kriminalroman mit einem überraschenden Ende.

|Taschenbuch: 470 Seiten
ISBN-13: 978-3839212011|
[www.gmeiner-verlag.de]http://www.gmeiner-verlag.de

_Nadine Stifft_

Adler-Olsen, Jussi – Erlösung

_Carl Mørck:_

Band 1: „Erbarmen“
Band 2: [„Schändung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6561
Band 3: _“Erlösung“_
Band 4: „Journal 64“ (noch ohne dt. Titel)

„Erlösung“ – so heißt dieser dritte Krimi aus dem Sonderdezernat Q, und eine Erlösung war es wohl für alle Fans, die sehnsüchtig auf Nachschub aus Jussi Adler-Olsens Feder gewartet haben. Auch der dritte Fall, den Carl Mørck und seine Kollegen zu lösen haben, ist ziemlich knifflig und bereits einige Jahre alt: Eine verwitterte Flaschenpost, die offensichtlich mit Blut geschrieben war und nun kaum noch zu entziffern ist, erreicht das Sonderdezernat Q aus Schottland, wo sie einige Jahre unbemerkt im Fenster gestanden hatte. Mørck und vor allem seine Kollegen Assad und Rose machen sich die Flaschenpost zu ihrer Herzensangelegenheit – mannshoch wird sie in Kopieform an die Wände geklebt, um immer wieder Buchstaben zu ergänzen. So entziffern die drei nach und nach den Hilferuf eines kleinen Jungen, der gemeinsam mit seinem Bruder bereits vor Jahren entführt worden ist.

Mit etwas Glück und viel Geduld bekommen die Mitarbeiter des Sonderdezernats dem Entführungsfall auf die Spur und erfahren, dass der Flaschenpostschreiber von seinem Entführer ermordet worden ist. Doch seine Eltern haben diesen Mord nie zur Anzeige gebracht, weil der Mörder ihnen gedroht hat, dann noch weitere Kinder von ihnen zu entführen und zu ermorden. Was Mørck und seine Kollegen allerdings nicht ahnen: Der Mörder von damals hat bereits das nächste Geschwisterpaar in seiner Gewalt. Wieder will er eine große Geldsumme von den Eltern erpressen, doch dieses Mal hat er einen fatalen Fehler begangen: Er hat Unterschlupf bei einer Frau gesucht und ihren Computer angezapft, die IT-Expertin ist und seine Spuren auf ihrem Rechner sofort entdeckt hat. Durch Zufall steht sie kurz darauf vor den Türen der Familie, deren zwei Kinder entführt worden sind. Gemeinsam mit den verzweifelten Eltern versucht sie, dem Entführer ein Schnippchen zu schlagen.

Die Frau des Entführers muss derweil um ihr Leben bangen. Oft allein gelassen und von ihrem Mann und wie eine Gefangene gehalten, beschließt sie eines Tages, in die fast schon vergessenen Umzugskisten zu schauen, die ihr Mann in einem unbenutzten Zimmer ihres Hauses abgestellt hat. Dort allerdings findet sie Dinge über ihren Mann heraus, die sie ihm nie zugetraut hätte und die ihr zum Verhängnis werden, als ihr Mann entdeckt, dass seine Frau sich an den Umzugskisten zu schaffen gemacht hat.

Doch die Geschwister und die verzweifelte Ehefrau sind nicht die einzigen Personen, die in diesem Buch um ihr Leben fürchten müssen, Jussi Adler-Olsen lässt noch weitere Menschen in Lebensgefahr geraten …

_Aller guten Dinge sind drei_

Mit großen Erwartungen habe ich diesen dritten Fall aus dem Sonderdezernat Q aufgeschlagen, da ich die beiden vorigen Fälle bereits mit großer Begeisterung gelesen habe. Auch der dritte Band beginnt rasant: Ein kleiner Junge schwebt gemeinsam mit seinem Bruder in Lebensgefahr, nur knapp kann er eine verzweifelte Flaschenpost loswerden, in der er um Hilfe bittet – nicht ahnend, dass diese erst Jahre später geöffnet und entziffert wird. Das Schicksal des Jungen ist besiegelt, doch in dem Moment, in dem Adler-Olsen in die eigentliche Romanhandlung einsteigt, hat der Entführer bereits die nächsten Geschwister im Visier. Und so erleben wir mit, wie er sich mit der Familie anfreundet, sich in deren Glaubensgemeinschaft einschleicht, das Vertrauen der Eltern und Kinder gewinnt und schließlich die beiden liebsten Kinder entführt. Der Junge und das Mädchen sind in Todesangst, die Eltern verzweifelt, denn sie haben das Geld nicht, das der Entführer als Lösegeldsumme verlangt. So entschließen sie sich zu einer verzweifelten Rettungsaktion, bei der mehr als eine Person ihr Leben lassen wird…

Zeitgleich sind Mørck und die Mitarbeiter des Sonderdezernats Q damit beschäftigt, die verwitterte Flaschenpost zu entziffern. Nur Buchstabe für Buchstabe können sie den Text zusammensetzen. Und mit jedem Buchstaben, der dem Lückentext hinzugefügt wird, kann Jussi Adler-Olsen die Spannung steigern. Schließlich finden Mørck, Assad und Rose bzw. ihre „Zwillingsschwester“ Yrsa, die für Rose einspringt, die Familie der entführten Jungs und erfahren, dass der Schreiber damals ermordet worden ist.

Sukzessive durchschauen die Ermittler die Taten und den Entführer, erfahren, in welchem Klientel er seine Opfer sucht und mit welchen perfiden Methoden er sich das Schweigen der Opfer erkauft. Durch die vielen Szenenwechsel und die Tatsache, dass wir nur ganz allmählich die Hintergründe erfahren und den Täter kennen lernen und da es immer mehr Menschen gibt, um deren Leben wir fürchten müssen, steigert Adler-Olsen die Spannung immer weiter. Ich konnte das Buch wirklich kaum noch aus der Hand legen, weil ich unbedingt wissen wollte, wer denn nun das Buch überleben würde.

Zu bemängeln ist allerdings, dass Jussi Adler-Olsen sich häufig in Nebenschauplätzen verliert, die mit der eigentlichen Handlung rein gar nichts zu tun haben und absolut fehl am Platze sind. Immer wieder beispielsweise erwähnt er den Vorfall aus der Vergangenheit, bei der Mørck und zwei seiner Kollegen in einen Hinterhalt geraten sind. Ein Kollege ist gestorben, einer schwer verletzt worden und Mørck als Dritter wurde ins Sonderdezernat versetzt, um ihn aus dem Wege zu haben. Was aber damals vorgefallen ist und wer die drei verraten hat, ist bis heute nicht klar und langsam mag man darüber auch nichts mehr hören, weil Adler-Olsen nichts weiter als Andeutungen zu bieten hat und diesen auch nie etwas Neues hinzufügt.

Auch die Geschichte mit den Brandstiftungen, an denen die Polizei arbeitet und für die auch das Sonderdezernat Q einige Aufgaben erledigt, ist nur Nebenhandlung, die mit den Entführungsfällen nichts zu tun hat und die am Ende im Sande verläuft. Zwar erfährt der Leser, worum es bei den Brandstiftungen gegangen ist, doch interessiert das einen nicht die Bohne, weil man ja eigentlich nur wissen will, was mit den Entführungen los ist. Hätte man das Buch um diese bestimmt 100 oder 150 Seiten gekürzt, wäre der Spannungsbogen perfekt gelungen, so hängt er zwischenzeitlich immer wieder durch – das hätte nicht sein müssen!

_Personelle Schwächen_

Leider schwächelt Jussi Adler-Olsen ganz klar in der Zeichnung seiner Charaktere. Allen voran ist Carl Mørck zu nennen, der eigentlich immer nur „Unsympathiepunkte“ sammelt. Statt zu arbeiten, möchte er eigentlich lieber die Füße hochlegen und die Augen schließen. Ständig ist er genervt von seinen Mitarbeitern und Vorgesetzten, die es doch tatsächlich wagen, ihm Arbeit auf den Schreibtisch zu legen oder die tatsächlich ihre Arbeit erledigen! Privat möchte er seine Noch-Frau mit allen Mitteln loswerden und bietet seinem Sohn daher sogar Geld, damit er einen anderen Mann für eine Noch-Frau findet. Seine Liebelei mit Mona nervt nur und man würde ihm das Liebesglück auch eigentlich gar nicht gönnen.

Assad hat irgendwas zu verbergen. Er wohnt nicht dort, wo er gemeldet ist und hat irgendwelche Querelen mit einem anderen Polizisten, der sich daraufhin versetzen lassen möchte. Doch wer Assad eigentlich ist, wo er wohnt und was er mit dem anderen Polizisten abzumachen hat, verrät uns Adler-Olsen nicht – warum also diese ganzen Andeutungen? Mich nervt es langsam unendlich, dass Jussi Adler-Olsen immer nur Andeutungen macht, denen aber nie neue Informationen hinzufügt. Irgendwann sollte er all diese Baustellen einfach mal dichtmachen und seinen geduldigen Lesern verraten, was es mit all den Andeutungen auf sich hat.

Auch Rose nervt in diesem Buch von Seite zu Seite mehr. Da sie keine Kritik verträgt, meldet sie sich eines Tages krank und schickt ihre angebliche Zwillingsschwester Yrsa, um ihre Arbeit zu erledigen, da sie auf das Geld angewiesen ist. Yrsa läuft in schrägen Klamotten rum und legt noch einige andere merkwürdige Eigenarten an den Tag, die sie nicht sonderlich authentisch erscheinen lassen. Und schlussendlich merkt Mørck, dass es sich bei Yrsa um Rose handelt – was für ein Schwachsinn!

Mit derlei Abstrusitäten lenkt Jussi Adler-Olsen nur vom eigentlichen Fall ab, nervt seine Leser zunehmend und bremst den Spannungsbogen aus. Leider steht er sich oftmals selbst im Wege. Würde ein fähiger Lektor diese Geschichtchen heraus kürzen, würde das den Büchern wirklich gut tun!

_Erlöst_

Nach fast 600 Seiten erlöst uns Jussi Adler-Olsen und verrät uns, wer die Geschichte überlebt und wer hinter den Entführungen steckt. Bis zum finalen Showdown dreht er noch mal das Tempo auf und kreist seinen Entführer immer mehr ein – das ist wiederum ganz gut gelungen. Bis auf die erwähnten Abstriche gefiel mir der Spannungsbogen gut. Abzüge gibt es aber ganz klar in puncto Charakterzeichnung, denn hier weiß ich gar nicht, welcher der Charaktere mir am allerwenigsten gefällt, da alle so merkwürdige Eigenarten haben, dass ich eigentlich nicht sonderlich viel von ihnen erfahren möchte. Schade, dass Adler-Olsen hier dermaßen in die „Trickkiste“ greift, authentische Charaktere würden seinen Büchern besser anstehen. So reicht es leider nicht zu einer Höchstnote, auch wenn mir das Buch unter dem Strich durchaus gut gefallen hat.

|Taschenbuch: 592 Seiten
Originaltitel: Flaskepost fra P
ISBN-13: 978-3423248525|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

_Jussi Adler-Olsen bei |Buchwurm.info|:_
[„Erlösung“ (Hörbuch) 7215