
Freeman Wills Crofts – Es war Mord weiterlesen
Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis
Gerritsen, Tess – Totengrund
_Die |Maura Isles & Jane Rizzoli|-Serie:_
Band 1: [„Die Chirurgin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1189
Band 2: [„Der Meister“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1345
Band 3: [„Todsünde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=451
Band 4: [„Schwesternmord“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1859
Band 5: [„Scheintot“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3913
Band 6: [„Blutmale“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4107
Band 7: [„Grabkammer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5740
Band 8: _“Totengrund“_
Dr. Maura Isles, eine Ärztin und führende Wissenschaftlerin am Pathologischen Institut in Boston, ist im Grunde eine einsame Frau. Ihre Ehe wurde geschieden, und obwohl sie in ihrem Beruf eine anerkannte und bekannte Persönlichkeit ist, ist sie im privaten Leben eher zurückgezogen und einsam. Detective Jane Rizzoli ist eine ihrer wenigen, aber vielleicht die engste Freundin, die sie hat.
Maura Isles ist unzufrieden mit ihrer Situation, besonders mit ihrem Freund Daniel Brophy, einem Priester, der es noch nicht geschafft hat, sich nach zwei Jahren für sie zu entscheiden. Seine Berufung scheint die Kirche zu sein, die ihm bis jetzt so viel Schutz und Sicherheit geboten hat. In einem offenen Gespräch erkennen beide, dass es so nicht weitergehen kann, doch zu einer finalen Entscheidung, wie immer diese auch auszusehen hat, fehlt anscheinend beiden der Mut.
Auf einer Fachtagung im winterlichen Wyoming kommt Maura auch nicht wirklich innerlich zur Ruhe, doch auf ihrer Konferenz trifft sie auf einen alten Studienkollegen, Doug Comley. Ein Sunnyboy und ein fürchterlich idealistischer, überoptimistischer Mann, der Maura einlädt, ihn, seine Tochter und ein befreundetes Pärchen auf einem Skiausflug zu begleiten. Nach kurzer Überlegungszeit willigt Maura doch noch ein, und zu fünft machen sich sie auf den Weg in die Berge. Maura fühlt sich indessen wie das fünfte Rad am Wagen. Doug Comley ist der unumstrittene Anführer dieser Gruppe.
Doch der Ausflug wird zur Tragödie, als der Geländewagen vom Weg abkommt und sich im Schnee festfährt. Besiegt von den Gewalten der Natur, setzt die kleine Gruppe den Weg zu Fuß fort. In der Hoffnung, Hilfe zu finden, folgen sie einem kleinen Weg, der sie in ein abgelegenes Dorf führt. In dieser unwirtlichen Landschaft wirken die Häuser merkwürdig deplatziert, und noch mysteriöser wird es, als die Gruppe um Maura feststellt, dass hier offensichtlich niemand mehr lebt. Doch die Spuren, die sie finden, weisen darauf hin, dass hier noch vor kurzen Menschen gelebt haben müssen. Die Küchentische sind gedeckt und selbst die Speisen liegen noch auf den Tellern, als wären die Bewohner nur kurz oder plötzlich aus dem Haus gegangen. In den benachbarten Häusern sieht es nicht anders aus, aber hier gibt es am Fuße einer Treppe Blutflecken und sie finden auch den Kadaver eines verendeten deutschen Schäferhundes, der keine offensichtliche Wunden aufzeigt.
Wer und vor allem was ist den Einwohnern hier passiert? Als bei einem Versuch das Auto zu bergen, der Freund von Doug schwer verletzt wird und droht zu sterben, versucht Doug ganz alleine, in die dreißig Kilometer entfernte nächste Siedlung zu gelangen. Maura bleibt zusammen mit Dougs Tochter, dem verletzten Arlo und seiner Freundin in dem verlassenen Dorf zurück.
Inzwischen sorgt sich Mauras Freund Daniel um seine Partnerin, die nicht wie erwartet nach Boston zurückgekehrt ist. Telefonisch ist Maura ebenfalls nicht zu erreichen und auf die Nachrichten auf ihrer Mailbox reagiert sie nicht. Verzweifelt und voller Sorge sucht er Hilfe und Rat bei Mauras Kollegin und Freundin Jane Rizzoli und ihrem Mann Gabriel, der beim FBI tätig ist. Zusammen finden sie schnell heraus, dass der Mietwagen von Maura nicht zurückgegeben wurde. Als wenig später ein ausgebrannter Wagen in einer Schlucht gefunden wird, dessen Insassen nur noch verbrannt geborgen werden können, findet der Bergungstrupp unter den Trümmern auch Teile von Mauras Gepäck, und eine der Toten ist eine Frau im Alter von Maura …
_Kritik_
Der achte Fall des Duos Isle/Rizzoli ist ein recht persönlicher, und in „Totengrund“ ist eindeutig die Pathologin Dr. Maura Isle die Person, um die sich alles dreht und wendet. Auch in ihrem privaten Umfeld kriselt es. Sie hat genug davon, im Schatten der Kirche zu stehen und darauf zu hoffen, dass sich ihr Freund letzten Endes für sie entscheidet.
Tess Gerritsen wählt als Handlungsort das verschneite und unwirtliche Wyoming und lässt Maura unter Lebensgefahr ein Abenteuer bestehen, das in dieser Reihe einzigartig bleiben wird. In der Handlung wird Maura immer wieder vor eine Wahl gestellt und sie muss sich behaupten, gegen die Naturgewalten, gegen ihr Alter Ego, all das führt sie an ihre psychischen wie auch physischen Grenzen.
Auch wenn die Spannung sich auf den knapp 415 Seiten von Kapitel zu Kapitel steigert, so ist das Finale leider allzu offensichtlich. Nein, das ist keine Kritik, denn die Atmosphäre des Romans ist eine besondere, und ganz sicher auch durch das Gespensterdorf mit all seinen Rätseln eine willkommene Abwechslung.
Die Autorin lässt den Leser mit einer beklemmenden Stimmung beim Lesen des Buches zurück. Dass Maura als Hauptdarstellerin in diesem Drama natürlich Opferschutz hat, versteht sich von selbst, aber das Quartett ihrer Mitreisenden steht ständig unter „Beschuss“ und sie selbst im Mittelpunkt des Geschehens. Dass zwischenmenschliche Konflikte innerhalb dieser nicht einfachen Gruppe aufkommen und sich die Lage immer wieder bühnengerecht präsentiert, ist für die Handlung nicht von Interesse, allerdings wird damit den Figuren ein „Hauch“ von Leben gegeben.
Als wirkliche Kritik kann ich nur sagen, dass sich mir das Schicksal der vier Mitreisenden in „Totengrund“ als nicht wirklich aufgearbeitet darstellt. Diese monströse Klippe lässt Tess Gerritsen einfach stehen, und zwischen Leben und Tod schwebend, ist mir der Übergang dann doch zu schnell erfolgt. Auch Dougs aufopfernder Alleingang endet so plötzlich, wie er ihn angefangen hat. Hier wäre es viel vorteilhafter gewesen, wenn man nach dem Splitting dieser Gruppe die jeweiligen Perspektiven besser beschrieben hätte, als sie einfach fallen zu lassen. Dass Jane Rizzoli hier erst im zweiten Teil auftritt, ist nicht weiter verwunderlich oder gar spektakulär, zu sehr wird der Leser von Mauras Gefühls- und Schneewelt eingenommen werden.
_Fazit_
„Totengrund“ von Tess Gerritsen ist ein starker Titel mit einer lebendigen und einer sehr abwechslungsreichen Handlung, die durch Überraschungen und Wendungen zu überzeugen versteht.
Irgendetwas hat man ja immer zu bemängeln, diesmal nicht an der Handlung, sondern es wäre vielleicht mal außer der Reihe positiv gewesen, wenn der Roman an Volumen deutlich ausgeprägter gewesen wäre. Handlungsspielraum gab es zur Genüge.
Geschickt ist allerdings von Tess Gerritsen, dass sie es hier versteht, in der Handlung Haken zu schlagen, quasi vom Weg abzugehen und per Abzweigung einen völlig neuen Handlungsstrang komplett mit Lösung zu übergeben!
Der nächste Roman aus der Reihe könnte auf „Totengrund“ aufbauen, doch gewiss nur, wenn sich die Autorin dazu entschließt, das Privat- und Liebesleben Maura Isles weiter auszubauen und eventuell mit der Haupthandlung zu kombinieren.
„Totengrund“ von Tess Gerritsen ist ein Garant für den vorbildlichen und plastischen Aufbau einer komplexen Handlung, die durch Originalität und Spannung zu überzeugen weiß.
In jedem Fall ist „Totengrund“ eine Steigerung, gemessen an den letzten beiden Titeln der Autorin.
|Hardcover: 416 Seiten
Originaltitel: Killing Place (UK) / Ice Cold (USA)
ISBN-13: 978-3809025764|
[www.randomhouse.de/limes]http://www.randomhouse.de/limes
_Tess Gerritsen bei |Buchwurm.info|:_
[„Roter Engel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1783
[„Akte Weiß: Das Geheimlabor“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2436
[„Girl Missing“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6757
Lars Kepler – Der Hypnotiseur
Vor den Toren Stockholms wird an einem Sportplatz die Leiche eines brutal ermordeten Mannes entdeckt. Kurz darauf werden Frau und Tochter ebenso bestialisch getötet aufgefunden. Offenbar wollte der Täter die ganze Familie auslöschen. Doch der Sohn überlebt schwer verletzt. Als Kriminalkommissar Joona Linna erfährt, dass es ein weiteres Familienmitglied gibt, eine Schwester, wird ihm klar, dass er sie vor dem Mörder finden muss.
Er setzt sich mit dem Arzt und Hypnotiseur Erik Maria Bark in Verbindung. Er will, dass Bark den kaum ansprechbaren Jungen unter Hypnose verhört. Bark hatte sich jedoch wegen eines traumatischen Erlebnisses geschworen, niemals mehr zu hypnotisieren. Aber es geht hier um ein Menschenleben. Es gelingt ihm schließlich, den Jungen zum Sprechen zu bringen. Was er dabei erfährt, lässt ihm das Herz gefrieren …
(Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
In Schweden abgefeiert und in Deutschland vom Verlag als „Der wohl wichtigste Kriminalroman seit Langem“ beworben, geht „Der Hypnotiseur“ von der ersten Seite an in die Vollen. Hier wird nicht auf ein Verbrechen hingearbeitet, es gab schon eins, besser noch, der Leser wird direkt in dem Moment in die Handlung geworfen, als das Blut der grausam ermordeten Opfer noch nicht getrocknet ist.
Nachdem der Leser also erstmal geschockt wurde, erfährt er im Anschluss die offenbar leider nie ausbleibenden Psycho-Thriller-Klischees eines immer von der Gesellschaft oder sonstigen Dämonen gebeutelten armen, armen Protagonisten. Wobei eigentlich Kommissar Joona Linna ermittelt und der Hypnotiseur Erik Maria Bark der mit den Problemen ist. Das bremst immer mal wieder die rasante Thrillerfahrt, denn eigentlich möchte man ja wissen, wer der Täter ist, ob er noch mal zuschlägt und was der auf dem Buchrücken angekündigte Überlebende unter Hypnose zu dem Verbrechen zu sagen hat. Stattdessen haben alle irgendwie so ihre Probleme mit sich, mit den Kollegen oder einfach mit allen.
Warum also erzählen uns die Autoren so viel Unwichtiges über das Umfeld des Hypnotiseurs? Entweder um Seiten zu füllen, oder weil sie noch etwas mit ihm vorhaben. Und das haben sie. Erik Maria Bark hat mehr mit diesem Mordfall zu tun, als ihm bewusst oder lieb ist. Und schnell wird auch sein zuvor immer wieder beschriebenes persönliches Umfeld in Form seiner Frau und seines Sohnes Teil des Ganzen.
Eine spannende Jagd nach einem cleveren Killer hält Linna auf Trab und nicht nur der Hypnotiseur muss um sein Leben fürchten.
Die Autoren
Lars Kepler ist das Pseudonym von Alexandra und Alexander Ahndoril. |Der Hypnotiseur|, ihr Krimidebüt, war in Schweden sensationell erfolgreich und das Buchereignis des Jahres. Der Roman erscheint in über dreißig Ländern. Das Ehepaar lebt mit seinen drei Kindern in Stockholm.
(Verlagsinfo)
Mein Fazit:
Ob dieser Roman wirklich „wichtig“ ist, muss jeder selber für sich entscheiden, spannend ist er allemal, wenn auch ziemlich brutal. Zartbesaitete können die deutlichen Verletzungsbeschreibungen der Opfer problemlos überlesen, Hartgesottene nehmen alles mit, was blutig und abgetrennt ist. Freunde von Sebastian Fitzek greifen hier zu.
Und wenn der Roman in Deutschland und ab nächstem Jahr auch im englischsprachigen Raum so erfolgreich wird wie in seinem Heimatland, dann erleben wir Joona Linna sicher auch bald im Folgeroman „Paganinikontraktet“ in deutscher Sprache.
Hardcover: 638 Seiten
Originaltitel: Hypnotisören (2009)
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
ISBN-13: 978-3-7857-2426-2
www.luebbe.de
Der Autor vergibt: 



James, Rebecca – Wahrheit über Alice, Die
_Inhalt_
Katherine ist ein stilles Mädchen ohne Freunde. Das ist sie nicht immer gewesen, doch seit eine Katastrophe über ihr Leben hereingebrochen ist, hat sie sich völlig verändert. Sie will niemanden kennen, schleicht wie ein Geist durch ihre Schule. Und nichts könnte sie mehr überraschen als eine Einladung zum Geburtstag von Alice. Ausgerechnet von Alice, dem schönen, exaltierten Mädchen aus ihrer Klasse! Alice wird achtzehn und scheint besonders viel Wert auf Katherines Anwesenheit zu legen. Widerstrebend gibt das Mädchen nach und erlebt zum ersten Mal seit dem schrecklichen Tag einen schönen Abend.
Sie klammert sich bald an die neue Freundschaft, auch wenn sie Alice manchmal nicht einzuschätzen weiß. Warum schlägt die Freundin manchmal so vollkommen über die Stränge? Was für ein Fatalismus treibt sie in diesen besonderen Situationen an? Warum ist sie so gemein zu ihrem Freund, der ein toller Mensch ist und ihr offensichtlich zu Füßen liegt? Warum kann sie es nicht ertragen, wenn sie nicht im Mittelpunkt steht? Und warum vergibt man ihr immer wieder, egal, was sie tut?
Katherine möchte an Alice‘ Güte glauben und findet stets neue Entschuldigungen für sie. Und doch beschleicht sie im Laufe der Zeit die Vermutung, dass sie selbst nicht die Einzige ist, die ein Geheimnis mit sich herumträgt.
Nach dem einen oder anderen Hieb unter die Gürtellinie beschließt Katherine instinktiv, eine neue, schöne Entwicklung lieber für sich zu behalten, damit sie unter Alice‘ unberechenbarem Temperament nicht etwa zerdrückt wird, ehe sie wirklich zu wachsen beginnen konnte. Was diese Entscheidung allerdings für Auswirkungen haben soll, kann sie nicht vorausahnen. Und über all dem Befremdlichen liegt drückend der Schatten der trostlosen Vergangenheit …
_Kritik_
Wenn der Prolog nicht wäre, der etwas viel Schwerwiegenderes andeutet, könnte man sich glatt auf den ersten Seiten fragen, ob man hier in einem Teenie-Roman gelandet ist. Siebzehnjährige hat Schwierigkeiten, soso, aha. Na, das wird bestimmt vergehen auf der Party, von der die Rede ist.
Nur nach und nach erfährt man, dass die Schwierigkeiten, in denen Katherine steckt, etwas härterer Tobak sind als der Durchschnitt: Ihre Schwester ist tot, liest man, ermordet, ihre Eltern verzweifelt, ihr Leben aus dem Gleichgewicht.
Beim Erzählen springt die Autorin zwischen den verschiedenen Abschnitten hin und her, fügt Puzzleteilchen zusammen aus der Jetzt-Zeit, der Alice-Zeit und der Katastrophen-Zeit. Quälend langsam nur erblüht eine Blume des Bösen, wenn man erfährt, was geschehen ist.
Die Oberflächlichkeit der ersten Kapitel, in denen Katherine vor der Welt ihre wunde Seele zu verstecken versucht, das Treiben der Jugendlichen, ihre Partys, der Alkohol, die Liebeleien – all das bietet einen faszinierenden Kontrast zu den gefährlichen Untiefen der jungen Mädchenfreundschaft und zu dem Dunkel, das in Katherine lauert und darauf wartet, zuzuschlagen, wenn sie glücklich zu sein versucht. Da man weiß, dass Katherine keine unbelastete Siebzehnjährige ist, passt sie nicht so recht in das Bild der Normalität, die um sie herum brodelt; der Eindruck des Mädchens vor diesem Hintergrund ist auf verstörende Weise schräg, ihre Anpassungsversuche herzzerreißend.
Fast schon wirkt es passend, dass auch Alice einen leichten seelischen Hau zu haben scheint, doch die unmerkliche Erleichterung darüber wandelt sich sehr schnell in etwas ganz anderes. Die verschiedenen Stufen der Entwicklung, die Katherine durchläuft, sind nachvollziehbar gestaltet; dass man um ihr Verhängnis weiß, macht eine ganz besondere Tragik aus.
_Fazit_
„Die Wahrheit über Alice“ ist extrem spannend geschrieben und geht an die Schmerzgrenzen, aber nicht, ohne immer irgendwo einen kleinen Hoffnungsschimmer aufzuzeigen.
Rebecca James hat eine belastete, unsichere und doch starke Protagonistin erschaffen und ein Geflecht aus einerseits eiskalten und andererseits wärmenden Fäden erschaffen, an denen das Mädchen sich entlang hangeln muss.
„Roman“, weiß der Umschlag. „Thriller“ trifft es besser. Wenn es den Leser erst einmal gepackt hat, legt er dieses Buch nicht mehr aus der Hand. Lesen!
|Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Originaltitel: The Thruth about Alice
Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
ISBN-13: 9783805250030|
[Rowohlt Verlag / Wunderlich]http://www.rowohlt.de/sixcms/list.php?page=ro_fl_verlagsseiten&sv[title]=wunderlich
[www.rebeccajamesbooks.com]http://www.rebeccajamesbooks.com
Richard Montanari – Septagon

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Scholder, Christoph – Oktoberfest
_Der internationale Terrorismus_ ist seit dem 11. September 2001 allgegenwärtig. Schon viele Nationen und Großstädte sind Opfer von ideologisch verblendeten Terroristen geworden, und zumeist waren es zivile Ziele wie in New York, Madrid und Tokio. Auch in Russland, so erinnern wir uns gut, kam es zu Anschlägen in der Schule in Beslan, als tschetschenische Terroristen etwa 1100 Menschen, hauptsächlich Kinder, in ihrer Gewalt hatten. Die Situation eskalierte und offiziellen Meldungen zufolge gab es bei dieser Geiselnahme über 300 Todesopfer zu beklagen.
Hier in Deutschland ist die Bedrohung durch Terrorismus zurzeit recht groß. Die Geheimdienste vermuten reelle Pläne für Attentate auf zivile oder gar politische Ziele. In jedem Fall kann man davon ausgehen, dass es wohl Ziele sind, die eine größtmögliche Opferzahl und damit auch die wahrscheinlich größte Aufmerksamkeit garantieren.
Jetzt zur Weihnachtszeit wäre eine gut platzierte Bombe auf dem Nürnberger Christkindlmarkt der Alptraum unseres Staates und seiner Behörden! Doch welche Präventionsmaßnahmen schützen uns, und wenn, können sie uns wirklich vor den Plänen radikaler Terroristen schützen? Ein klares „Nein“ ist hier leider die einzig logische Antwort. Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz, höchstens eine zeitliche Verschiebung, aber gegen Menschen, denen ihr eigenes Wohl und das ihrer Mitmenschen leidlich egal ist, kann man sich nicht schützen.
Vor zwei Monaten, und damit pünktlich zum alljährlichen Oktoberfest in München, auch im Volksmund als „die Wiesn“ tituliert, erschien der Thriller „Oktoberfest“ von Christolph Scholder. Dessen literarische Sprengkraft versprach den einen oder anderen nervösen Spaziergang durch die Reihen und Bänke innerhalb der Festzelte. Nicht wenige Münchner Tageszeitungen und deren Berichte hinterließen ein Schaudern und ein beklemmendes Gefühl, besonders bei den Lesern, die wenige Tage zuvor das Buch in ihren Händen hielten und sich in ihrer Fantasie die Schreckensvisionen des Autors als reelle Gefahr vorstellten. Eine bessere PR-Arbeit gab es nicht für den ebenfalls in München ansässigen Verlag |Droemer Knaur|.
Ein Terrorakt auf deutschem Boden, und als Schauplatz das traditionelle Münchner Oktoberfest gewählt – für die Münchner und deren Stadtobere ist das alles andere als alltäglich. Ebenso könnte man hier den Kölnern den Spaß am Karnevalsumzug nehmen, das wäre für die Jecken ebenso eine indiskutable Bühne. Christoph Scholder ist aber ein Schelm, ein talentierter obendrein, der es versteht, mit Spannung ein wenig Schrecken zu verbreiten, aber ohne prophetische Talente zu offenbaren.
_Inhalt_
Wie jedes Jahr laufen schon im späten Frühling die Vorbereitungen für das Oktoberfest auf der Theresienwiese in München auf Hochtouren. Der personelle und logistische Aufwand bedeutet viel Stress, aber auch die Möglichkeit, sich zu profilieren und natürlich auch zu profitieren. Es gibt unzählige Aufträge, die jedes Jahr für die Lieferanten, Speditionen und Großhändler ausgeschrieben werden, ein Millionengeschäft für die Glücklichen, die diese Chance wahrnehmen können.
Doch was niemand weiß, unter den Männern, die hier munter die Bierzelte hochziehen, Leitungen verlegen und die Wasserversorgung aufbauen: Es befinden sich 90 Elite-Soldaten vor Ort, aktive Speznas-Soldaten der russischen Armee unter der Führung des charismatischen Oleg Blochin. Doch ab diesem Augenblick sind sie keine Soldaten mehr, sie sind zu Söldnern geworden, die nur wenig später die deutsche Bundesregierung erpressen werden.
Oleg Blochin, der von seinen Männern verehrt und respektiert wird, gilt als äußerst brutal und verfolgt sein Ziel mit allen Mitteln. Er stellt der deutschen Regierung ein Ultimatum: Entweder beschafft der Staat Rohdiamanten im Wert von zwei Milliarden Euro oder es wird ein Kampfgas freigesetzt und tausende von Menschen sterben auf äußerst spektakuläre und qualvolle Weise. Für die Bundesregierung, die seit Jahrzehnten keinerlei Bedrohung durch Terroristen zu fürchten hatte, ist es ein Alptraum. Wie soll sich der Bundeskanzler verhalten? Ein Staat darf keine Schwäche zeigen, darf sich nicht beugen unter dem idealistischen Joch krimineller Massenmörder, die durch Terror Angst und Schrecken verbreiten!
Schnell wird innerhalb der Regierung reagiert, in München werden die ersten Krisenstäbe einberufen und man ahnt bereits, dass man neben den Spezialkräften von der GSG9 eventuell auch die Bundeswehr aktivieren sollte.
Als eine Einheit der Polizei vorschnell ein Zelt stürmen will, um die Terroristen unschädlich zu machen und die dort gefangen gehaltenen Menschen zu retten, zeigt es sich, wie überaus penibel und vorausschauend die Geiselnehmer sich vor Angriffen von außerhalb geschützt haben. Mit brutaler und eiskalter Taktik töten die ehemaligen Soldaten durch den Gaseinsatz die Besucher eines Zeltes und die Polizisten gehören gleich mit zu den ersten Opfern.
Als Ass im Ärmel der Regierung wird nun Wolfgang Härter in die Krisensituation berufen. Härter ist Kapitän zur See und Chef der wohl geheimsten Abwehrtruppe des deutschen Geheimdienstes – „Alpha & Omega“. Deren Existenz ist nur dem Verteidigungsminister geläufig, die letzten Einsätze sind nicht bekannt, doch es scheint, als wäre Härter die einzige Lösung, um eine Katastrophe auf der Wiesn gar nicht erst stattfinden zu lassen …
_Kritik_
„Oktoberfest“ von Christoph Scholder ist sein Debüt im Thriller-Genre. Der Autor scheint ein Perfektionist zu sein, das beweist alleine schon der Aufbau der Handlung. Mit einem präzisen Sinn auch für das kleinste Detail beschreibt der Autor, wie die Befehlsketten des Krisenstabes aufgestellt sind oder auf welchem Stand die Waffen- und Fernmeldetechnik ist. Hier weiß der Leser, dass der Autor ganze Arbeit geleistet hat mit seinen Recherchen.
Auch wenn „Oktoberfest“ ein fiktiver Thriller ist, so wirkt dieser sehr schnell authentisch, nicht zuletzt aufgrund der mikrofeinen Einzelheiten. Wann aus der Spannung eines Romans für Menschen brutaler Ernst werden kann, ist nicht vorhersehbar, aber gar unmöglich ist die Idee eines Christoph Scholders auch wieder nicht.
Eine solche Geiselnahme kommt einem Selbstmordkommando recht nahe. Doch auch hier ist die minutiöse Vorbereitung prophylaktisch zu sehen, denn sonst, das wissen auch die Geiselnehmer, wäre diese riskante Operation von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Welchen Background die Geiselnehmer haben, zeigt sich in einigen Zeitsprüngen in die Vergangenheit. Sehr ausführlich wird hier erzählt, wie brutal das Vorgehen der Soldaten in Afghanistan ist und wie die Einheit Jahre später im Tschetschenienkrieg in der hart umkämpften Stadt Grosny agiert.
Christoph Scholder nimmt in „Oktoberfest“ langsam an Fahrt auf. Es dauert ein wenig, bis man auf der Wiesn ankommt und Zeuge der Geiselnahme wird. Man könnte fast schon sagen, dass der Vorgeschichte zu viel Platz eingeräumt wurde.
Der Plot um eine Geiselnahme ist auch in der Spannungsliteratur nichts Neues oder Überraschendes. Christoph Scholder schreibt zwar spannend und fesselnd, aber hin und wieder gilt es die eine oder andere Klippe weitläufig zu umschiffen, an der sich die Spannungsmomente brechen. Es gibt wenige Momente, die dem Leser den Atem beim Lesen nehmen, da es immer ein wenig an Zeit benötigt, bevor wirklich Spannung aufkommt. Es gibt einige heikle Situationen auch für Wolfgang Härter, der bei einem Befreiungsversuch als Einziger überlebt. Das ist eine der spannendsten Passagen in diesem Buch. Vielleicht sind auch der Klappentext und das auffällige Cover daran schuld, dass der Leser eine zu hohe Erwartungshaltung an den Titel hat, doch mehr als ein solider, zeitweise spannender Thriller ist „Oktoberfest“ nicht.
Ein deutliches und allzu offensichtliches Manko ist, dass der Autor sich gerne und recht oft an einigen Filmen und Büchern orientiert. Dem einen oder anderen werden schnell und in aller Deutlichkeit einige Szenen bekannt vorkommen. Auch die Ähnlichkeit der charakterlichen Konzeption eines Kapitäns zur See wirft unweigerlich eine Verwandtschaft zu James Bond auf. Sein britischer Kollege diente hier wohl als Vorbild; keine Seltenheit möchte man annehmen, aber muss es denn so offensichtlich sein?
Die Bösewichte wirken leider auch stereotypisch und überzeugen auch nicht durch viel Originalität, einzig und allein die Ausflüge in die Vergangenheit werfen hier Spannung ab. Zum Ende der Handlung hin und zur finalen Konfrontation erwartet den Leser auch nichts Überraschendes. Eher zügig ist dann auch Schluss, und das, was bleibt, kann in Enttäuschung münden.
_Fazit_
„Oktoberfest“ von Christoph Scholder ist ein solider und zeitweise spannender Thriller, der für ein Debüt gut, aber deutlich ausbaufähig ist.
Die Spannung verliert aufgrund der Detailverliebtheit des Autors viel an Möglichkeiten. Allerdings muss auch lobend erwähnt werden, dass der Autor offensichtlich weiß, worüber er schreibt. Deutlich überzogen dagegen wirkt der Charakter unseres Helden, der zwar nicht die Lizenz zum Töten benötigt, aber doch wie der kleine Bruder von James Bond wirkt.
Mit wenigen Ecken und Kanten ausstaffiert, suggeriert der Autor seinem Helden die relative Unsterblichkeit und Überheblichkeit. Eine feinere Charakterzeichnung bei allen Protagonisten wäre hier dienlicher gewesen.
„Oktoberfest“ ist auch im Dezember zu empfehlen. Trotz leichter Debüt-Fehler würde ich mich trotzdem freuen, bald ein neues Buch des Autors in den Händen zu halten. Aller Anfang ist bekanntlich schwer, und auch wenn hier der Weg das Ziel sein mag, so ist erkennbar, dass sich der Autor auf einem sicheren Pfad bewegt.
|Hardcover: 640 Seiten
ISBN-13: 978-3426198889|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de
MacBride, Stuart – Dark Blood
_Der Opfergang des Monsters, eine Tragikomödie_
Der Seniorenschänder Richard Knox aus Newcastle hat seine Gefängnisstrafe abgesessen, doch in seinem neuen Domizil am Rande Aberdeens wird er entdeckt und zum Objekt gewalttätiger Proteste. Die Aberdeen Cops müssen hinnehmen, dass ein Kommissar aus Newcastle „ein Auge auf die Dinge hat“. Als jedoch Knox verschwindet und Danby entführt wird, gerät die Lage völlig außer Kontrolle.
_Der Autor_
Stuart MacBride war schon alles Mögliche: Ein Grafikdesigner, dann ein Anwendungsentwickler für die schottische Ölindustrie und jetzt Kriminalschriftsteller. Mit seiner Frau Fiona lebt er in Nordostschottland. Seine Krimis um Detective Sergeant Logan McRae spielen in Aberdeen. Mehr Infos finden Sie unter [www.stuartmacbride.com]http:// www.stuartmacbride.com
|Werke:|
1) „Cold Granite“ (2005) = [„Die dunklen Wasser von Aberdeen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2917
2) „Dying Light“ (2006) = [„Die Stunde des Mörders“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3739
3) „Broken Skin“ (2007) = [„Der erste Tropfen Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4940
4) „Blind Eye“ = „Blinde Zeugen“
5) „Flesh House“ (2008) = [„Blut und Knochen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5792
6) „Halfhead“ (2009) – noch ohne dt. Titel
7) _“Dark Blood“_ (2010) – noch ohne dt. Titel
8) „Shatter the Bones“ (2011) – noch ohne dt. Titel
_Handlung_
Der Jahresanfang in Aberdeen ist diesmal saukalt, und ständig fegen Schneegestöber über Hügel, Straßen und Küste. Doch auch in diesem Dreckswetter soll Detective Sergeant Logan „Lazarus“ McRae nach einem Elektriker namens Steve Polmont suchen. Schließlich ist Steve so etwas wie der Neffe von Logans Vorgesetzter Detective Inspector Steel. Dieser lesbischen Hexe kann Logan einfach nichts entgegensetzen. Als rumpelt er jetzt mit seinem alten klapprigen Fiat auf die Baustelle, wo der Edinburgher Gangster Malcolm „Malk the Knife“ Maclennon mehrere hundert Reihenhäuser errichtet, mitten in Aberdeens grüner Lunge.
|Betonleichen|
Im ersten Anlauf findet Logan nur mehrere Hinweise, dass Steve Polmont vor ein paar Tagen verschwunden ist. Der Polier weint ihm keine Träne nach, weil Polmont angeblich einige Dinge mitgehen ließ. Dass Logan vom Handlanger des Poliers, einem verdächtigen Individuum mit einem Rottweiler, unsanft gedrängt wird, die Baustelle zu verlassen, macht ihn erst stutzig und dann ärgerlich. Er kommt mit einem Leichenhund wieder – und wird fündig.
Sehr zum Missvergnügen des Baustellenleiters lässt er mit Spezialwerkzeug einen ganzen Betonblock aus dem Fundament eines Hauses schneiden – und siehe da: Unter dem Klotz klebt eine Leiche. Die Gerichtsmedizinerin Isobel Macalister, Logans Ex und frischgebackene Mama, erklärt die Leiche für die von Steve Polmont. Aber wer hat den kleptomanen Elektriker auf dem Gewissen? Logan hat da einen leisen Verdacht …
|Der Schänder muss weg!|
Allerdings wird Logan einem anderen Team zugeteilt, das damit betraut ist, den entlassenen Häftling Richard Knox zu bewachen und zu bemuttern. Knox hat in Newcastle und den schottischen Lowlands mehrere Senioren geschändet, sodass ihn deren Angehörigen lieber tot als frei sehen, selbst noch nach Dutzend Jahren. Knox wählt als erstes Domizil das Haus seiner Großeltern. Angeblich hat er Gott gefunden. Er betet jedenfalls oft genug vor dem elektrischen Kaminfeuer.
Dem Kommissar, der aus Newcastle gekommen ist, erzählt er jedenfalls nichts über seine damalige Zeit. Danby hängt trotzdem herum, um „ein Auge auf die Dinge zu haben“, wie er behauptet. Doch auf die direkte Frage Logans antwortet er, Knox habe seinen Freund Billy Adams auf dem Gewissen, zumindest moralisch, wenn schon nicht physisch.
Doch von seinem Freund Colin Miller bei der Zeitung erfährt Logan eine ganz andere Story: Knox war der Kassenwart des Newcastler Gangsters „Mental Mikey“ und habe in dessen Auftrag mehrere Millionen Pfund beiseitegeschafft. Hinter diesem Nest-Ei seien jetzt einige Leute aus Newcastle her, nachdem Mental Mikeys gerade den Löffel abgegeben hat. Und wer weiß, denkt Logan: Vielleicht will ja auch DSI Danby seinen Schnitt dabei machen.
|Doppelter Verschwindeakt|
Während vier Cops auf Richard Knox aufpassen, soll Logan eine rätselhafte Überfallserie auf Juwelierläden sowie das Auftauchen von Falschgeld und gefälschten Waren aufklären. Das hält ihn einigermaßen auf Trab, doch unversehens geraten die Dinge an der Medienfront außer Kontrolle: Als Colin Miller den Aufenthaltsort von Richard Knox von dessen alter Englischlehrerin erfährt, weiß es sofort ganz Aberdeen. Die Protestmenge versammelt sich, gibt sich aber schon bald nicht mehr mit Protest zufrieden: Benzinbomben fliegen, kurz nachdem Knox unter Bewachung das Haus verlassen hat.
Unter dem Bildmaterial, das die Medienmeute geschossen hat, stößt Logan auf zwei bekannte Gesichter: Es sind die Angehörigen von zweien der Opfer. Späte Rache – oder steckt mehr dahinter? Als erst Knox aus dem neuen Versteck verschwindet und dann auch noch DSI Danby aus seinem Hotel entführt wird, gerät die Lage vollends außer Kontrolle. Und Detective Inspector Steel ist unabkömmlich, weil gerade das erste Kind ihrer Lebenspartnerin zur Welt kommt, eine Frühgeburt.
Offensichtlich ist wieder alles der Initiative von DS Logan McRae überlassen, um einen Fall nach dem anderen aufzuklären, inklusive eines Showdowns auf jener unheilvollen Baustelle …
_Mein Eindruck_
„Dark Blood“ soll eigentlich eine Geschichte über ein Monster sein. Das Monster ist Richard Knox, der sich an mehreren älteren Herren sexuell vergangen haben soll. Nun ist Knox freigelassen worden und diverse Herrschaften der zwielichtigen Unterwelt – aber auch andere – hätten gerne mal ein Wörtchen mit ihm gesprochen. Das ist eine der vier Seiten im Umgang mit einem Monster: Man will es entweder benutzen, heilen, wegsperren oder töten. Alle vier Aspekte sind im Buch zu finden, so etwa der gewalttätige Protest der Menge vor Knox‘ Haus.
Während sich die Cops aufgeregt auf diesen Protest konzentrieren und dümmlich durch die ausgebrannte Ruine des Hauses stolpern, sollten sie sich viel besser um die unsichtbare Gefahr kümmern: um jene Leute, die das Monster für ihre Zwecke benutzen wollen. Die Schwierigkeit der Cops dabei besteht allerdings darin, diese Leute überhaupt zu erkennen. Dummerweise sind die meisten Cops derartig betriebsblind und in eigene Querelen verstrickt, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Als die Katastrophen hereinbrechen, kommt natürlich jede Vorkehrung zu spät.
Diesen Mechanismus kann man mit einem weinenden Auge beklagen und anprangern (das erledigt bereits Colin Miller in der Tageszeitung) oder verlachen. Dazu verleitet uns der Autor in seiner Geschichte. Die besten Cops wie etwa Logan McRae werden von ihren Vorgesetzten zusammengestaucht, wenn sie auch nur die geringste Initiative zeigen, und getadelt, wenn sie die Vorschriften verletzen.
Nicht genug damit, gibt es in der Truppe auch Pappenheimer, die sich Lorbeeren verdienen wollen und dafür über Leichen gehen. Einer dieser Saubermänner fälscht beispielsweise McRaes Unterschrift, um sein verhängnisvolles Treiben zu tarnen. Verständlicherweise ist McRae stocksauer, als er dies herausfindet, und will dem Saubermann an die Wäsche. Dafür gibt es einen Rüffel für unkollegiales Verhalten.
Während sich die Cops ständig selbst ein Bein stellen und McRae wie Don Quichotte gegen Windmühlen kämpft, machen sich die bösen Jungs über Knox und Danby her. Dieses Trio begleitet die Handlung ständig. Aber der Leser darf sich vom Autor nicht an der Nase herumführen lassen. Das Denken in Klischees wird vom Autor regelmäßig mit bösen Überraschungen bestraft. Die bösen Jungs entpuppen sich als die Guten – sofern es das überhaupt gibt.
So scheint DSI Danby zu den Kerlen mit den weißen Hüten zu gehören. Aber auch er will nur Knox dazu benutzen, an die Millionen von Gangsterboss Mental Mikey heranzukommen. Dies macht ihn zumindest zu einem Angehörigen der Grauzone. Merke: So wie die Cops um McRae nur Menschen sind, so trifft dies auch für Egoisten in den oberen Rängen zu. Jeder will sein Pfund Fleisch von Knox abhaben, egal ob der nun ein Monster ist oder nicht. Die Welt ist, wie sie ist: egoistisch, voller Täuschungen und stets darauf aus, dir ein Bein zu stellen. Selbst der Showdown findet in einem wütenden Schneesturm statt.
|Humor ist, wenn man trotzdem lacht|
Aber es kann auch lustig zugehen – wenn man schottischen Humor mag. Und der kann ganz schön sarkastisch und schräg sein. So befragt McRae in einer wundervollen Szene einen mutmaßlichen Juwelendieb in dessen schäbigen Wohnwagen. Danny Saunders lebt mit seiner Freundin Stacy Gardner zusammen, die ein Kind erwartet. In einer nahezu bizarren Entwicklung von Klamauk-Horror stellt sich nicht nur Danny als hammerschwingender Polizistenschreck heraus, sondern auch die harmlos erscheinende Stacy. Eine Bratpfanne schwingend versetzt sie Logan McRae eins auf die Rübe, bis er seinem zweiten Vornamen „Lazarus“ alle Ehre machen muss.
Ein weiteres Dauerelement, das für Ironie sorgt, ist McRaes Vaterschaft. Oh ja, in „Blind Eye“ hat er sich von seiner Chefin Steel dazu „überreden“ lassen, ihrer Lebensgefährtin Susan, die niemals selbst auftritt, ein Kind zu machen. Während Steel eifersüchtig und neidisch auf seine Zeugungsfähigkeiten ist, wacht sie mit Argusaugen über die Schwangerschaft ihrer Ehefrau Susan. Bis dann endlich der große Tag der, äh, Früh-Geburt kommt und Steel fortan unabkömmlich im Krankenhaus über „ihr“ Erstgeborenes wacht. McRae hat Glück, dass er zur Begutachtung des Ergebnisses eingeladen wird. Voilà, dies ist Jasmine! Na, stolz?
_Unterm Strich_
„Dark Blood“ hat mich zunächst dadurch enttäuscht, dass es längst nicht die emotionale Wucht von „Flesh House“ entfaltet. Die Fälle von Richard Knox und Steve Polmont scheinen eher der skurrilen Art des Verbrechens anzugehören. McRaes Verfolgung von Lappalien wie Falschgeld, Juwelenraub und gefälschten Markenartikeln wirkt auch nicht gerade schwerwiegend und zielführend.
Im Gegenteil: Sie wirken eher ablenkend, so als ob die zentrale Story um die Entführung von Knox und Danby vom Autor als zu dünn erachtet wurde, um einen Roman komplett zu tragen. Glücklicherweise hängt einiges zusammen, und im Rahmen des Polizeialltags dürfen auch Lappalien nicht fehlen. Sie dienen der Auflockerung, leider lenken sie auch vom Wesentlichen ab.
Allerdings erklären sie, wieso McRae, unser Held à la Don Quichotte, ständig Zusammenhänge übersieht, Botschaften missversteht, Nachrichten unterdrückt und ignoriert und auch sonst überaus unzureichend erscheint. Der Autor scheint der Meinung zu sein, dass auch Cops wie McRae nur allzu menschlich sind. Sie sind keine einzelgängerischen Übermenschen wie Inspector Rebus oder andere Superschnüffler. Ganz im Gegenteil: Allzu oft kommen sie unter die Räder. Und am Schluss wird McRae natürlich – wieder mal – gekreuzigt. Buchstäblich.
|Taschenbuch: 469 Seiten
ISBN-13: 978-0007244621|
[www.harpercollins.com]http://www.harpercollins.com
MacBride, Stuart – Flesh House
_Hannibal Lecter lässt grüßen_
Als im Aberdeener Hafen ein Container entdeckt wird, in dem sich gefrorenes Menschenfleisch befindet, löst dieser Fund die größte Menschenjagd in der Geschichte der Stadt aus Granit aus. Schon vor 20 Jahren wurde der „Flesher“ als Serienkiller gejagt; er schlachtete seine Opfer im ganzen Königreich, bis Ken Wiseman schließlich hinter Gitter gebracht wurde. Aber elf Jahre später kam er in der Berufung wieder frei. Seitdem sterben wieder Menschen. Und nicht irgendwelche, sondern Angehörige der damaligen Ermittlung. Detective Sergeant Logan McRae kommt es vor, als wäre dieser Fall ein wenig komplizierter, als jeder im Kommissariat zu glauben scheint …
_Der Autor_
Stuart MacBride war schon alles Mögliche: ein Grafikdesigner, dann ein Anwendungsentwickler für die schottische Ölindustrie und jetzt Kriminalschriftsteller. Mit seiner Frau Fiona lebt er in Nordostschottland. Seine Krimis um Detective Sergeant Logan McRae spielen in Aberdeen. Mehr Infos finden Sie unter [www.stuartmacbride.com]http:// www.stuartmacbride.com
|Werke:|
1) „Cold Granite“ (2005) = [„Die dunklen Wasser von Aberdeen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2917
2) „Dying Light“ (2006) = [„Die Stunde des Mörders“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3739
3) „Broken Skin“ (2007) = [„Der erste Tropfen Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4940
4) „Blind Eye“ = „Blinde Zeugen“
5) „Flesh House“ (2008) = [„Blut und Knochen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5792
6) „Halfhead“ (2009) – noch ohne dt. Titel
7) „Dark Blood“ (2010) – noch ohne dt. Titel
8) „Shatter the Bones“ (2011) – noch ohne dt. Titel
_Handlung_
Detective Inspector David Insch ist nicht glücklich. Der Zwei-Meter-Hüne mit Übergewicht überwacht eine Durchsuchung von Proviantcontainern im Aberdeener Hafen. Offenbar wurden in den Lebensmitteln, die für die Bohrinseln bestimmt waren, menschliche Überreste gefunden. Was ihn so auf die Palme bringt, ist indes nicht das tiefgefrorene Händchen oder Schenkelchen, sondern Isobel McAlister, die Pathologin, die sich weigert, wie allen anderen zu kuschen, wenn er pfeift. Ganz im Gegenteil: Die „Eiskönigin“, wie sie hinter vorgehaltener Hand genannt wird, stürmt wenige Stunden später in sein Büro und haut ihm eine runter. Er hat angedeutet, sie würde ihre Arbeit nicht korrekt, zu langsam oder gar mit Behinderungsabsicht machen. Fortan nimmt er sich vor ihr in Acht.
Das Fleisch gehört Cash & Carry Thompson, und die wiederum hat es unter anderem von der Metzgerei Andrew McFarlanes. Noch ein wunder Punkt in David Ischs Biographie. Denn McFarlane, der seit dem Verschwinden seiner Frau Kirsty mittlerweile 20 Jahre lang dem Teufel Alkohol huldigt, ist der Schwager von Ken Wiseman – und den hat Insch mehrere Jahre lang gejagt, damals, 1987 bis 1990. Bis Wiseman, der landesweit Menschen getötet und geschlachtet haben soll, wegen eines Verfahrensfehlers freigelassen wurde.
Wenn also jetzt menschliche Überreste in Essen auftauchen, kann eigentlich nur Wiseman dahinterstecken. Darüber braucht Isch nicht zweimal nachzudenken. Für ihn ist und bleibt Wiseman der „Flesher“, der Fleischer. Es gibt sogar ein Buch über den Flesher: „Smoak with Blood“ von James McLaughlin, dem Sohn von zwei Opfern, die 1987 verschwanden (im Prolog).
Aber obwohl er McFarlane in Gewahrsam nimmt und dieser seine Unschuld und Unwissenheit beteuert, kommt es zu weiteren Morden: Inschs damaliger Mentor Brooks unternimmt einen Freiflug vom Dach eines Hochhauses – ohne Fluggerät und mit etwas Nachhilfe von Ken Wiseman. Insch ist sofort auf hundertachtzig und verstärkt die Suche. Er nimmt Wisemans Zellennachbar Robertson in die Mangel und setzt auch Logan McRae auf ihn an. Doch Logan hat ein Problem mit Angus Robertson: Das ist der Mann, der ihm vor wenigen Jahren (in „Cold Granite“), 23 Mal in den Bauch gestochen hat, bis er fast verblutete. Immerhin sagt Robertson, dass Wiseman seinerzeit eine Frau tötete. Aber wer war sie? Robertson will sich nicht erinnern können.
Alle Schritte, die Insch und sein Team unternehmen, werden mittlerweile von dem BBC-Fernsehreporter Alec, einem kleinen fetten Mann, begleitet. Sein Tic ist es, vor einer Aufnahme immer „Action!!“ zu rufen. Das finden die Polizisten völlig unangebracht. Um die Anspannung noch etwas zu steigern, hat Isch den jetzigen Chef des Polizeidezernats West Midlands, Faulds, aufs Auge gedrückt bekommen. Faulds soll mit Insch und Steel, den lokalen Kommissaren, zusammenarbeiten, doch was passiert? Logan wundert es nicht, dass sich die drei erst einmal zoffen, besonders was den Kurs und die Prioritäten dieses Falls angeht. Er selbst ist wieder mal der Dumme: Alle wollen, dass er für sie arbeitet – das bedeutet eine astronoimische Anhäufung von Überstunden.
Nach einer weiteren Rangelei brummt der übergeordnete Detective Chief Superintendent, „Bald Brian“ Bain, Insch zwei Tage Suspendierung vom Dienst auf. Doch als Insch am dritten Tag nicht zurückkehrt, ist jeder insgeheim froh darüber. Am vierten Tag schaut Logan einfach mal so nach dem Rechten. Auf sein Klingeln passiert jedoch nichts: Stille. Am fünften Tag nimmt er Faulds und TV-Reporter Alec mit, um bei Insch nach dem Rechten zu schauen.
Er trifft exakt in jenem Moment vor Inschs Haus auf dem Land ein, als dessen Range Rover losfährt. Logan sofort hinterher, über die Landstraße, an Traktoren und Maschinen vorüber. Dann die Entdeckung: Am Steuer des Range Rovers sitzt gar nicht Insch, sondern ein anderer, wahrscheinlich Wiseman. Was kann er Insch und dessen Familie (Gattin, drei Töchter) angetan haben?
In einer wilden Verfolgungsjagd quer durch die Botanik, die BBC-Mann Alec in helle Begeisterung versetzt, braust Logan Wiseman hinterher …
Tags darauf sind alle überzeugt, den Flesher gefangen zu haben. Während er von allen – außer Steel – gelobt wird, fragt sich Logan jedoch, ob er hätte verhindern können, dass Sophie starb. Wiseman hingegen beteuert seine Unschuld: „Ich bin nicht der Flesher!“ Und lacht Insch aus. Der jedoch sinnt auf blutige Rache für das Erlittene, besonders für den Tod der kleinen Sophie.
Da verschwindet ein neues Opfer, in seinem Haus entdeckt man ein Blutbad. Hat der Flesher erneut zugeschlagen?
|Unterdessen|
Heather Inglis sitzt allein in ihrer dunklen Metallzelle und redet mit den Toten. Heather ist entführt worden, zusammen mit ihrem Mann Duncan. Wo mag ihr kleiner Sohn Justin jetzt sein? Geht es ihm gut, fragt sie sich. Duncan ist verletzt worden, als man sie entführte. Ihm nützt all sein Wettern und Wüten nichts. Sie muss Zeuge seines Sterbens werden. Aber in ihren Tagträumen bleibt er bei ihr. Er nimmt sie vor dem DUNKEL in Schutz.
Das DUNKEL fordert seinen Tribut. So wie von Mr. New, einem Entführten, der auch gewütet hat, bis der Lärm ihrem Kerkermeister, der nie ein Wort sagt und ihr zu essen gibt, zu viel wurde … Nun gehört auch Mr. New zum Chor der Stimmen in Heathers Kopf. Und das DUNKEL fordert weiterhin ihre Unterwerfung. Heather ist zu schwach, um sie zu verweigern. Sie isst …
_Mein Eindruck_
Dreieinhalb Jahre nach seinem fulminanten Erstling „Cold Granite“ von 2005 ist Stuart McBride mittlerweile beim Fernsehen angekommen. Seine Geschichten werden auf dem Kanal ITV3 gezeigt, und dieser zeichnete ihn mit einem Award aus. Also verwundert es den regelmäßigen leser nicht, als auf einmal ein BBC-Reporter im Roman auftaucht, der die Arbeit der Kriminaler von Aberdeen dokumentieren will.
Ein weiteres unübersehbares Merkmal für solche öffentliche Aufmerksamkeit sind die zahlreichen Fotos von Zeitungsmeldungen über die Mordserien des Fleshers und über das Buch „Smoak with Blood“ (aus einem alten Sinnspruch des 17. Jahrhunderts, natürlich aus der Fleischergilde). Diese Fotos suggerieren uns, dass es den Fall des Fleshers, der über 20 Jahre hinweg tätig war – mit 17 Jahren Pause – tatsächlich existierte. Ich habe dies nicht nachgeprüft, aber die Tatsache, dass eine fiktive Figur wie Colin Miller als Autor eines dieser Zeitungsartikel abgedruckt ist, lässt mich an deren Echtheit zweifeln. Wenn sie jedoch alle fiktiv sind, so lässt dies auf einen ungeheuren Aufwand schließen, den sich der Autor diesmal gemacht hat. (Aber er verdient ja auch inzwischen entsprechend viel.)
Fiktiv oder nicht – feststeht, dass der Flesher-Fall, den Detective Inspector Insch mit Ken Wiseman identifiziert, ungeheuer spannend ist. Es ist natürlich unser heimlicher Hel, der sich von solchen Voreingenommenheiten nicht blenden lässt und den Fakten, sowohl in der Gegenwart als auch vor 20 Jahren (1987), auf den Grund geht. Damals wurde ganz klar das Gesetzt gebrochen, um Wiseman hinter Gitter zu bringen. Soll es diesmal genauso laufen? Er weigert sich, dies zuzulassen, was ihn unweigerlich in Inschs Schusslinie bringt …
DI Steel ist wie zuvor darauf bedacht, andere für sich rackern zu lassen und dann den Ruhm einzustreichen. Bis es Logan zu blöd wird, er sich Fauld und DC Rennie schnappt und auf eigene Faust ermittelt. Meist im Schlachthaus. Das Besondere, Magen umdrehende Thema ist diesmal Kannibalismus. Erst werden die Opfer fachgerecht mit einem Bolzenschussgerät getötet, dann fein säuberlich zerlegt und anschließend verwertet, etwas durch Kochen. Als dieser Sachverhalt endlich in den Gazetten von Aberdeen landet, graust es den Leuten, die ach so gerne Schweinekoteletts und Burger essen. Die Drähte laufen bei der Polizei und dem Gesundheitsdienst heiß. Allgemeiner Aufruhr sorgt dafür, dass nur noch Importfleisch, Vegetarisches und Meeresfrüchte auf den Teller kommen.
Passend zu Jonathan Safran Foers Buch „Tiere essen“ führt uns der Autor diesmal ins Schlachthaus. Dort erfahren wir endlich, was eigentlich aus den nicht essbaren Bestandteilen der Viecher wird, die geschlachtet werden. Ich will das hier nicht ausbreiten; es schlägt einem auf den Magen. Im Schlachthaus, dem Abattoir, findet passenderweise auch der furiose Showdown statt, wobei Logan dem Täter dicht auf den Fersen ist. Und hier sehen wir auch Heather Inglis wieder, deren seltsamen Leidensweg wird durch das ganze Buch hindurch mit verfolgen durften.
Hätten Insch und Brooks vor 20 Jahren ihren Job richtig gemacht, wäre der wahre Flesher schon damals gefasst worden. Denn die Fakten waren alle vorhanden; man hätte sie bloß zusammenfügen müssen. Als Logan und Rennie endlich diese Aufgabe erledigen, stellt sich auch die einzige Identität des Täters heraus, die einen Sinn ergibt. Und diese Erkenntnis ist einfach umwerfend. Auch für den Leser, das kann ich versprechen.
|Schräger Humor|
Die scheinbare Objektivität, die die Foto-Dokumentation suggeriert, findet ihr Gegengewicht in der radikalen Subjektivität, die wir mit Heathers Tagträumen, ihrem Wahnsinn, präsentiert bekommen. Und das Gleichgewicht findet sich auch wieder zwischen der harten Polizeiarbeit, die vor allem Logans und Rennies Schulern lastet, und ihrem Privatleben.
Dieses Privatleben sorgt regelmäßig für Erheiterung, allerdings mehr von der ironischen und sarkastischen Sorte – schottischer Humor eben. So läuft beispielsweise eine Wette gegen Insch: Wann wird er durchdrehen und jemandem die Fresse polieren? Dummerweise ist Logan dabei sowohl der Gewinner – er setzt auf den richtigen Tag – als auch der Verlierer: Er ist Inschs Opfer.
Auch Rennie kriegt sein Fett weg. Rennie ist total in die süße Laura verliebt, weil die so einen Kanone im Bett ist. Nach ein paar Wochen schon will er sie heiraten. Logan schaut sich die Kleine mal genauer an und zieht den richtigen Schluss. Er will Rennie, dem Rangniederen, eigentlich nicht den Spaß am Sex verderben, aber dessen Vorwurf, dass er selbst der „dirty old man“ sei, kann er nicht auf sich sitzen lassen. Er zeigt Rennie die süße Laura in ihrem natürlich Lebensraum: An der Schule …
Auch Detective Inspector Steel, sonst immer die taffe Kommissarin, hat ihre liebe Not: Sie hat einen Heiratsantrag bekommen. Oh nein, nicht von Logan, denn Steel ist ja lesbisch, nein, von ihrer Freundin Susan. Während sie sich mit ihrer kratzenden Unterwäsche herumplagt, mal sie sich aus, was wohl als Nächstes kommt: Kinder. Oh Graus, diese kleinen Monster!
Tja, dabei kann ihr Logan nicht helfen, denn er hat ja diesbezüglich sein eigenes Päckchen zu tragen. Er und Jackie haben sich vor 18 Monaten getrennt, genauer: nach dem Fall mit dem Vergewaltiger, der zugleich der Stürmerstar des Aberdeener Fußballvereins war (in „Broken Skin“, s. o.). Logan versucht Jackie Watson, seiner Ex, klarzumachen, dass es nicht an ihrer Fehlgeburt lag, die sie danach erlitt. Er liebe sie einfach nicht, sagt er ihr ins Gesicht. Und bekommt dafür ihre Faust auf die Nase … Man sollte sich nicht mit einem weiblichen Ninja anlegen; Jackie gehört zum schnellen Einsatzkommando (SEK).
_Unterm Strich_
Wem sich beim Thema Schlachthaus und Kannibalismus nicht sogleich der Magen umdreht, wird mit einem trickreich und gekonnt angelegten Kriminalroman belohnt, der am Schluss nicht nur mit überraschenden Wendungen, sondern auch mit einem packenden Showdown aufwartet. Während die Fotostrecken und Zeitungsausschnitte Objektivität und Authentizität suggerieren, führt uns der Wahnsinn Heather Inglis‘ direkt ins Herz der Finsternis. Es erweist sich als einfach unmöglich, das Buch hundert Seiten vorm Schluss aus der Hand zu legen.
|Kannibalismus|
Der Autor weist mit diesem darauf hin, dass es seit 400 Jahren in Aberdeen die Fleischerzunft gibt und dass seitdem das Verhackstücken von Tierleichen eine ehrenwerte Tätigkeit ist. Allerdings zeigen die Zeitungsausschnitte, dass die Zunft ebenfalls einiges auf dem Kerbholz hat. Und vielleicht will der Autor auch den einen oder anderen Leser dazu anregen, mal darüber nachzudenken, was aus all den bedauernswerten Tieren gemacht wird – und das auch Menschen letzten Endes nur Tiere sind, die andere Tiere essen. (Das Fleischessen war nicht immer so intensiv wie heute, aber darauf geht der Autor nicht ein.) Aber in der Höhle des Fleshers wird Heather Zeugin dessen, was es bedeutet, einen Menschen binnen dreißig Minuten in leckeres Bratenfleisch zu zerlegen. (Na, noch hungrig?)
Hannibal Lecter lässt schön grüßen. Kein Wunder, dass er mehrfach genannt wird, wenn es um das Thema Kannibalismus geht. Typisch für den schottischen Humor ist allerdings, dass das grausige Thema nicht nur anrührend, sondern auch mit ätzendem Sarkasmus behandelt wird, der die Absurdität so mancher Situation an den Tag legt. Das habe ich sehr an diesem Roman geschätzt.
|Gestiegener Anspruch|
Dieser Band der Serie ist längst nicht so bissig und witzig wie die Anfangsbände, dafür ist der Ansatz diesmal ein anderer: Dokumentation vs. Tiefenpsychologie, Polizeikritik, Medienkritik („Action!!“), Traditionskritik (die Zunft) und vieles mehr. Der Anspruch, den der Autor an sich selbst stellt, ist offenbar gestiegen, sonst würde er nicht solchen Aufwand treiben. Andererseits wird er inzwischen verfilmt.
Der große Erfolg schottischer Autoren wie Val McDermid und Sir Ian Rankin hat ungeheure Mengen von Geld in die Verlagskassen gespült, die Fernsehsender und Produktionsgesellschaften lechzen nach TV-Erfolgen wie „Die Methode Hill“ (O-Titel „Wire in the blood“). Kein Wunder, dass sich ein Autor wie MacBride solchen Forderungen nicht verschließen kann und will. Mehrfach präsentiert er in „Flesh House“ Szenen wie aus einem Drehbuch, mit verteilten Rollen und Regieanweisungen, einem Maximum an Ökonomie in der Inszenierung aller anderen Szenen.
Das ist meist flott und reich an „Action!!“, aber auch die ruhigen Passagen dürfen nicht fehlen. Das war auch schon in McDermids „Schlussblende“ so, als sie das Schicksal eingesperrter Entführungsopfer schilderte. Es ist also keineswegs alles Show, was MacBride präsentiert. Und am Schluss überlegt es sich der Leser vielleicht zweimal, ob er seinen Sonntagsbraten so wahnsinnig lecker findet …
|Taschenbuch: 595 Seiten
ISBN-13: 978-0007244553|
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MacBride, Stuart – Dying Light
_McRae, der Loser: Erfolgreich gegen jede Hoffnung_
In Abderdeen ist Detective Sergeant Logan McRae mit gleich drei Fällen befasst. Es beginnt mit Rosie Williams, ausgezogen und zu Tode geprügelt, die man unten an den Docks findet. Am anderen Ende der Stadt verbrennen sechs Menschen in einem Haus – jemand hat die Haustür zugeschraubt und Benzinbomben in die Fenster geworfen. Menschen verschwinden spurlos. Und schließlich muss sich Logan fragen, wie so sich ein angesehener Journalist wie sein Freund Colin Miller mit einem Typen einlässt, der offenbar für einen Gangsterboss aus Edinburgh arbeitet …
_Der Autor_
Stuart McBride war schon alles Mögliche: ein Grafikdesigner, dann ein Anwendungsentwickler für die schottische Ölindustrie und jetzt Kriminalschriftsteller. Mit seiner Frau Fiona lebt er in Nordostschottland. Seine Krimis um Detective Sergeant Logan McRae spielen in Aberdeen. Mehr Infos finden Sie unter [www.stuartmacbride.com]http:// www.stuartmacbride.com
|Werke:|
1) „Cold Granite“ (2005) = [„Die dunklen Wasser von Aberdeen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2917
2) „Dying Light“ (2006) = [„Die Stunde des Mörders“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3739
3) „Broken Skin“ (2007) = [„Der erste Tropfen Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4940
4) „Blind Eye“ = „Blinde Zeugen“
5) „Flesh House“ (2008) = [„Blut und Knochen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5792
6) „Halfhead“ (2009) – noch ohne dt. Titel
7) „Dark Blood“ (2010) – noch ohne dt. Titel
8) „Shatter the Bones“ (2011) – noch ohne dt. Titel
_Handlung_
Zuerst schraubt der Pyromane die Haustür zu, solange keiner was merkt, dann wirft er die Benzinbomben durch die Fenster im oberen Stockwerk des heruntergekommenen, besetzten Hauses. Während die Schreie anfangen und das Dach nach unten zu sinken beginnt, öffnet er seinen Hosenschlitz und holt sich munter einen runter. Ah, wie sie brutzeln und schreien …
Detective Sergeant Logan McRae von der Polizei in Aberdeen hat sich schon mal besser gefühlt, als er diesen Morgen seinen Dienst antritt. Bei seiner letzten Aktion gegen Diebe oder Hehler – es gab nur einen Tipp – ist sein Kollege Trevor Maitland schwer verwundet worden und liegt auf der Intensivstation. Die Dienstaufsicht in Gestalt von Mr. Napier droht, ihm den Arsch aufzureißen, gibt ihm aber noch eine letzte Chance: In der Vermassler-Schwadron, die von Detective Inspector Steel befehligt wird. Steel ist nicht nur eine Kettenraucherin, sondern auch eine Lesbe, die an ihren männlichen Kollegen stets etwas auszusetzen hat. Kann es schlimmer kommen? Es kann.
Unten bei den Docks, nahe dem Straßenstrich, wurde die Leiche von Rosie Williams gefunden, einer Prostituierten, die Logan kannte. Der Killer hat sie ausgezogen und zu Tode geprügelt. Als sie Rosies Freund Jamie McKinnon suchen, stoßen Logan und Steel erst auf Susie, Jamies Schwester. Die führt sie unwissentlich direkt zu Jamie, dessen Flucht sie zu verhindern wissen. Haben sie ihren Prostituiertenkiller?
Kurz nach diesem Erfolg ruft Inspector Insch Logan zu der Sache mit dem niedergebrannten Haus hinzu. Logan fällt sofort auf, dass dies genau jene Gegend ist, in der die Bande, die Maitland niederschoss, ihr Hauptquartier hatte. Logan verfügt über die seltene Fähigkeit, sich in den Täter hineinzuversetzen. Was würde er tun, wenn er Feuer gelegt hätte und auf die Schreie lauschte? Genau. Logan findet das vollgespritzte Taschentuch in der einzig möglichen Ecke. Immerhin haben sie jetzt eine DNS-Probe.
Wenige Tage später findet eine Spaziergängerin im „Wald der Skulpturen“ eine weitere erschlagene Prostituierte, Michelle Wood. Nicht weit davon liegt ein toter Labrador in einem Koffer – eine Fingerübung, wie Logan es nennt: Der Killer hat die Hurenmorde geübt. Mittlerweile ist der Straßenstrich in Aufruhr: Warum tun die Bullen nicht endlich was? Das Einzige, was Logan einfällt und was er Steel vorschlagen kann: Als Prostituierte verkleidete Polizistinnen sollen den Täter anlocken und so fangen. Steel, die Ketteraucherin mit dem faulen Mundwerk, wird sofort sarkastisch und tauft diese Schnapsidee „Operation Cinderella“. Sie haben maximal fünf Tage Zeit.
Unterdessen wird in einem weiteren Haus Feuer gelegt. Während sich beim Ersten herausstellte, dass ein bekannter Drogendealer dabei ums Leben kam, ist es diesmal eine scheinbar völlig unbescholtene Familie. Logan ist der Erste, der die Leiche hinter der eingeschlagenen Haustür findet. Mittlerweile befindet sich Jamie McKinnon im Krankenhaus: Er hat versucht, sich im Gefängnis umzubringen. Aber er kommt vom Regen in die Traufe: Zwei Gentlemen statten ihm einen Besuch ab, den er nicht so schnell vergisst, wie Logan und Steel finden. Jamies Finger sind gebrochen und in seinem Enddarm befindet sich ein Viertelkilo bestes Crack-Kokain. Offenbar möchte jemand, dass er das Gefängnis damit versorgt, wenn er dorthin zurückkehrt. Das wissen die Cops zu vereiteln.
Auf dem Ü-Video des Hospitals kommt Logan eines der beiden Gesichter bekannt vor. Er hat den hochgewachsenen Kerl, der Jamie die Finger gebrochen hat, schon in einem Pub im Gespräch mit Colin Miller gesehen. Colin ist Journalist bei der Tageszeitung von Aberdeen und ein Freund. Colin hat auch Logans Ex, die Pathologin Isobel McAlister, „geerbt“. Der Kerl, den Logan, kommt entsprechend seinem Akzent nicht aus der Stadt, sondern aus Edinburgh, wo bekanntlich der Gangsterboss Malcolm Maclennan das Sagen hat, den alle nur „Malk das Messer“ nennen. Was wollen Malks Abgesandte in Logans Stadt aufziehen? Wohl keinen Verein der christlichen Wohlfahrt, sondern eher ein Drogengeschäft.
Während sich Operation Cinderalla hinzieht, kann Logan Colin breitschlagen, ihm die Adresse der beiden Gangster zu verraten. Mit Großaufgebot lässt Steel auffahren und die beiden hopsnehmen. Sie darf sie nach schottischem Recht sechs Stunden ohne Anklage verhören und ohne ihnen einen Anwalt zu geben. Die Zeit wird knapp, als die beiden mauern. Die Cops ahnen nicht, dass sie die beiden Ziehsöhne Maclennans vor sich haben.
Um die Wartezeit totzuschlagen, nimmt sich Logan einer Vermisstenanzige an. Mrs. Ailsa Cruickshank Manns Gavin sei spurlos verschwunden, heißt es. Bei dieser Ermittlung stößt Logan unerwartet auf eine heiße Spur im Fall der toten Nutten …
_Mein Eindruck_
Ermittlungen sind einander in aller Welt etwas ähnlich, was wohl in der Natur der Sache liegt. Deshalb muss ein Krimiautor darauf achten, wer die Ermittler sind und vor allem, wo und unter welchen Umständen sie ihre Arbeit tun. Logan McRae, genannt Lazarus, arbeitet in Aberdeen, einer der reichsten und zugleich mörderischsten Metropolen des Vereinigten Königreichs. Die Ölindustrie hat jede Menge Kohle in die Stadt gebracht, die explosionsartig ins ländliche Umland wuchert, doch das Geld lockt auch Drogenhändler und andere Verbrecher an, die ihren Anteil absahnen wollen. Ob es wohl nur am schlechten Wetter liegt, dass es hier mehr Morde pro Kopf gibt als in Wales und England zusammen?
Ein weiterer wichtiger Unterschied, der Logans Arbeit bestimmt, ist das spezielle Strafverfolgungs- und Justizsystem, das in Schottland gilt. Mehrmals im Buch weist Logan seine „Kunden“ süffisant darauf hin, dass alle die Krimis, die sie so eifrig lesen, nur für England Gültigkeit haben, nicht aber im schönen Schottland. Hier bläst buchstäblich ein anderer Wind. Nur Val McDermid lässt er noch gelten, denn sie stammt aus Kirkcaldy, Schottland.
Eine der Folgen dieses andersartigen Systems ist die, dass ein Verhafteter keinen Anwalt gestellt bekommt. Nein, Sir! Erst wenn es den braven Polizisten gefällt, ihm oder ihr einen Anwalt zuzugestehen. Klingt absurd, ist aber Realität. Eine weitere Besonderheit ist der Titel des Staatsanwalts, der einen Haft- oder Durchsuchungsbefehl ausstellen muss, bevor die Bullen tätig werden können: Procurator Fiscal. Klingt eher nach einem Finanzbeamten als nach dem Vertreter der Anklage. Aber keine Angst: Die Assistentin eines solchen PF kann richtig süß und humorvoll sein, wie Logan bald am eigenen Leib zu spüren bekommt. Und hab ich schon erwähnt, dass (drittens) alle Cops unbewaffnet sind? Nun, das erweist sich, als es hart auf hart kommt, als strategischer Nachteil.
Logan, Steel, Insch und all die anderen sind keine perfekten Ermittlungsmaschinen, sondern vielmehr allzu menschliche Vermassler. Sie können von Glück sagen, wenn sie eine Maus in einer Falle fangen. Hartnäckigkeit und Verbohrtheit scheinen eher die Stärke der hochwohlgeborenen Inspectors zu sein, unter denen Logan zu dienen hat. Sie weisen deutliche Macken auf: Steel ist eine kettenrauchende, lesbische Zynikerin, die an nichts mehr glaubt außer an die Privilegien ihres Standes. Und Insch futtert am laufenden Süßigkeiten, bis er so fett wie ein Elefant ist.
Glasklar, dass solchen Figuren eigentlich kein Erfolg zuzutrauen ist, deshalb tut Logan sein Bestes, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen – was so viel Absurditäten schon schwer genug ist. Er schiebt 22-Stunden-Schichten, bis er halbtot ins Bett fällt, und selbst am Wochenende, wenn er mit der Polizistin Jackie Watson shoppen geht, lässt er sich noch „überreden“, seine Pflicht zu tun. Und es gibt immer ein Druckmittel gegen ihn, beispielsweise die Dienstaufsicht.
|Gewalttätigkeit|
Die Umgebung, in der er sich wie ein Fisch im Wasser bewegt, ist ein raues Pflaster. Aberdeen war schon immer eine Seefahrerstadt, aber jetzt kommen auch noch Neureiche und Drogendealer hinzu. Logan ist an Brutalität gewöhnt und kann selbst mal zuschlagen (wenn keiner zuschaut), aber was er nun zu sehen bekommt, übersteigt jedes Maß: abgefackelte Häuser mit Menschen darin; zu Tode geprügelte Prostituierte; gefolterte Menschen wie seinen Freund Colin Miller. Kein Wunder also, dass ihn Albträume heimsuchen. Es sei denn, Jackie bringt ihn auf andere, interessantere Gedanken.
|Drastische Sprache |
Diese Brutalität ist ein Markenzeichen der Krimis von Stuart MacBride. Der Leser sei gewarnt. Er akzeptiert die grausigen Szenen oder er lässst die Finger davon. Das gilt auch für die raue Sprache des Originals (über die Übersetzung kann ich mir kein Urteil erlauben). Da wird am laufenden Band „shite“, „fuck“ oder „bloody“ gerufen und geflucht, dass ein Henker schamrot werden würde. Hinsichtlich des drastischen Fluchens hält sich der Autor aber auffällig zurück.
|Furien in Mariengestalt|
Das eigentlich so attraktive Markenzeichen, das mir die Lektüre zu einem Vergnügen gemacht hat, ist der sarkastische Sprachwitz. Es gibt jede Menge Beispiele, aber sie hier aufzuführen wäre eine Zumutung für den guten Geschmack. Auffällig fand ich jedoch, dass die drastischsten Sprachbilder von weiblichen Figuren verwendet werden. Die Frauen in diesem Roman stehen den Kerlen in keinster Weise nach, wenns ums Fluchen und Schimpfen geht. Wenn schon mit den Schotten nicht gut Kirschen essen ist – wie ich anno 1984 selbst festgestellt habe – so gilt das für die Frauen aus der Arbeiterklasse noch viel weniger.
Aber der Autor will nicht diskriminierend sein. Frauen der angeblich besser verdienenden Klasse führen sich letzten Endes ebenso mörderisch auf wie die angeblich unter ihnen stehenden Evastöchter. Und das sorgt am Schluss für eine oder zwei schockierende Wendungen.
Dies wäre kein schottischer Krimi, wenn nicht wenigstens ein oder zwei Honoratioren Federn lassen müssten. Ian Rankin hat es mehrfach vorexerziert, z. B. in „Ehrensache“. Der eine Ehrenmann ist Andrew Marshall, ein Stadtrat, der in der Zeitung gerne über die Fehler der Polizei herzieht. Doch wie sich herausstellt, besucht er Prostituierte, um mit ihnen harte Pornospiele zu treiben. Auch wenn die betreffende Prostituierte erst 13 Jahre alt ist. Der andere „Ehrenmann“ ist der vergötterte Ehemann Gavin Cruickshank, der es aber nicht nur mit der Göttergatin trieb, sondern auch mit der Rezeptionistin und einer Stripperin. Der Autor erspart dem bürgerlichen Leser wirklich nichts. Auch nicht in seinen anderen Krimis.
_Unterm Strich_
Logan McRaes drei simultane Ermittlungen sind spannend, abwechslungsreich und grenzen mitunter an Don Quichottes Kampf gegen Windmühlen. Wie in einer absurden Komödie tricksen sich die Figuren gegenseitig aus und einer ist immer der Dumme: Logan natürlich. Er merkt sogar selbst, dass er den anderen dabei hilft, doch als er dann auf eigene Faust ermittelt, Erfolg hat und gelobt werden soll, stellt er sich selbst ein Bein. Sieht so aus, als wäre dieser sympathische Loser selbst sein größter Feind. Aber wozu hat er Freunde wie seine patente und kuschelige Jackie?
|Gewalt|
Die drei Fälle, die ihm (und somit uns) so undurchsichtig erscheinen, sind mehr oder weniger miteinander verwickelt. Und dennoch gilt der alte Ermittlergrundsatz: Es ist alles anders, als es scheint. Die Details mögen blutig erscheinen, doch die Gewalt, wenn sie mal ausgeübt, ist es nicht: Keiner wird aufgeschlitzt, um Tonnen von Blut zu verspritzen. Solche Szenen gehören in Splatter-Romane, und „Dying light“ ist gewiss keiner. Der Grusel entsteht vielmehr im Kopf des Lesers, der sich vorstellen soll, was die Täter – es sind ja mehrere – alles mit ihren Opfern angestellt haben. Diese Vorstellung ist schon schlimm genug.
|Sprachwitz|
Ich möchte nicht verschweigen, dass ich diesen spannenden Krimi in nur zweieinhalb Tagen gelesen, weil er auch sehr witzig ist. Abgesehen von der Absurdität, ist es vor allem der Sprachwitz des Originals, der mir ausnehmend gut gefiel. Die sprachlichen Witze ließen zwar im letzten Drittel zugunsten der Spannung nach, sind aber immer noch sehr ausgefallen.
|Taschenbuch: 528 Seiten
ISBN-13: 978-0007193165|
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Child, Lee – Trouble (Jack Reacher 11)
_|Jack Reacher|:_
Band 1: „Größenwahn“
Band 2: [„Ausgeliefert“ 905
Band 3: [„Sein wahres Gesicht“ 2984
Band 4: [„Zeit der Rache“ 906
Band 5: [„In letzter Sekunde“ 830
Band 6: „Tödliche Absicht“
Band 7: [„Der Janusmann“ 3496
Band 8: [„Die Abschussliste“ 4692
Band 9: [„Sniper“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5420
Band 10: „Way Out“
Band 11: _“Trouble“_
Band 12: „Nothing to Lose“ (2008; noch kein dt. Titel)
Band 13: „Gone Tomorrow“ (2009; noch kein dt. Titel)
Band 14: „61 Hours“ (2010; noch kein dt. Titel)
Band 15: „Worth Dying For“ (2010; noch kein dt. Titel)
Mit der Figur des eisenharten Jack Reacher hat Lee Child einen Charakter geboren, der an Härte und Gewalt seinesgleichen sucht. Jeder Psychologe würde bei dem geistigen Status des ehemaligen Elitepolizisten zweifelsfrei die Diagnose „Soziopath“ stellen, dazu noch erweitert um ein hohes Maß an ausgeprägter Gewaltbereitschaft. Um es auf den Punkt zu bringen: Jack Reacher ist ein hochgefährlicher Mann, der aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner militärischen Ausbildung zu einer tödlichen Waffe werden kann.
Man ist also besser dran, wenn man diesen Einzelgänger nicht zum Feind hat, sonst steigt die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, in exorbitante Höhen.
Lee Child involviert seinen (Anti-)Helden Jack Reacher in seinem neuesten Roman „Trouble“ diesmal viel persönlicher als in seinen letzten Auftritten.
_Inhalt_
Jack Reacher ist ruhe- und rastlos. Persönliches Eigentum oder Statussymbole sind ihm fremd und bedeuten ihm wenig. Weder hat er einen festen Wohnsitz, noch eine Familie, an die er sich bindet. Auf sich alleine gestellt, dabei aber auch nicht unglücklich, lässt er sich durch die Städte treiben, ohne wirklich ein Ziel vor Augen zu haben.
Er lebt von seinen Ersparnissen, die aber langsam zur Neige gehen, und er weiß, dass er bald irgendeinen Job annehmen muss. Jedenfalls ist dies allzu ersichtlich, wenn er seinen aktuellen Kontostand betrachtet. Doch als er eines Tages in Portland, Oregon, auf seinen Kontoauszug blickt, staunt er nicht schlecht, denn sein Kontostand ist durch die Gutschrift einer Bareinzahlung um 1030 $ angestiegen. Nach kurzer Überlegung ist ihm klar, dass es sich hier nicht um einen Irrtum oder einen Fehler der Bank handeln kann. Die Zahl 1030 ist eine persönliche und dadurch direkte Botschaft, die ihn nun erreicht hat. Der ehemalige Offizier einer militärischen Sondereinheit wird mit diesem Notrufcode konfrontiert, den er seit Jahren nicht mehr vernommen hat.
Als Reacher seine frühere Kollegin Frances Neagley kontaktiert und aufsucht, offenbart sich ihm eine verstörende und beängstigende Erklärung: Einer seiner Kollegen und ebenfalls Mitglied der Sondereinheit, die Reacher geleitet hat, ist tot. Calvin Franz wurde gefoltert, seine Beine mit brutalen Schlägen gebrochen, und wenig später wurde er über der Wüste Nevadas aus einem Helikopter in den sicheren Tod gestürzt.
Eiskalte Wut überkommt Jack Reacher. Niemand wirft einen seiner besten Freunde und Kollegen aus großer Höhe kaltblütig aus einem Helikopter. Für Reacher sind die Mörder wandelnde Tote, sie wissen es nur noch nicht. Zusammen mit Frances Neagley ruft er die überlebenden Mitglieder seiner alten Einheit zusammen, doch auch hier, so erfahren sie wenig später, sind nicht mehr alle am Leben. Es gibt Vermisste, die sich trotz aller Anstrengungen nicht mehr auffinden lassen.
Für Jack Reacher und die überlebenden Mitglieder seiner alten Einheit wird es nun persönlich, und getrieben von Wut rüsten sie sich zu einem vernichtenden Rachefeldzug. Egal, wer der Gegner auch sein mag – Reacher wird zum Todesengel …
_Kritik_
Wer schon einige Romane der „Jack Reacher“-Serie aus der Feder des Autors Lee Child gelesen hat, weiß, dass der Sonderermittler nicht zimperlich ist mit seinen Mitteln und Methoden, um gegebenenfalls Gerechtigkeit walten zu lassen.
Doch in „Trouble“ ist der Titel durchaus ernst gemeint und ein Fingerzeig für die Handlung des Romans. Für Jack Reacher wird es nun persönlich, und da versteht der recht zynische und ohnehin humorlose Mann keinen Spaß.
Aber Jack Reacher, so kalt, grausam und brutal er auch immer sein mag – hier werden ihm durch die Einberufung des ehemaligen Teams auch sein eigener Charakter und seine sehr individuelle Entwicklung wie ein Spiegel vor Augen geführt. Seine ehemaligen Kollegen haben Fuß fassen können, draußen in der „normalen“ Zivilisation. Sie haben sich durch hochbezahlte Jobs in der Gesellschaft akklimatisiert. Viele sind verheiratet, haben Kinder und dadurch auch einen festen Wohnsitz. Solche Bindungen kann Reacher nur schwerlich nachvollziehen, doch zeigt es sich, dass hinter einer rauen Schale auch ein weicher Kern existieren kann. In einigen Dialogen wird durchaus offensichtlich, dass Jack Reacher neidisch auf seine Kollegen ist, die ihre Nische gefunden haben, natürlich mit allen angenehmen und auch unangenehmen Begleiterscheinungen des täglichen Lebens.
Jack Reacher ist außerordentlich wütend, und nur noch getrieben von Rachegedanken, ist ihm jedes Mittel recht, um die Mörder seiner Freunde zu liquidieren. „Trouble“ ist um einiges härter, als man es ohnehin schon aus den anderen Bänden der Serie kennt. Dass Rache süß sein kann, interessiert Reacher nicht. Für ihn ist Rache ein Gericht, das entweder scharf gewürzt oder aber auch eiskalt serviert wird, ohne sich den Luxus einer Vor- und Nachspeise zu gönnen. Seine Konzentration und Willenskraft scheint übermenschlich zu sein, und, einem zuverlässigen Uhrwerk gleich, ticken Reacher und sein Team wie eine Zeitbombe.
Auch in „Trouble“ hält sich Reacher nicht lang mit Worten auf. In Sekundenbruchteilen spielt er sich als Ankläger, Richter und Henker auf, sodass der eine oder andere Leser durchaus mit Schrecken feststellt, dass Reacher hier zwar der „Good Guy“ ist, aber manchmal durch einen Ausflug in sein „Bad Boy“-Auftreten nicht gerade durch Sympathie punktet. Auf seinem Rachefeldzug hinterlässt er schon einmal „verbranntes Land“, aber so richtig tangiert es ihn nicht, es ist ihm total egal.
Seine Kollegen dagegen zeigen schon mal Verletzlichkeit und Sensibilität, auch wenn sie wie ihr alter und neuer Chef nur auf Rache aus sind. In „Trouble“ wird offensichtlich, welche Führungsfigur Jack Reacher in seinem alten Beruf war, und mit welcher Person ihn mehr als berufliche Interessen verbanden. Aber das sind auch schon die wesentlichen charakteristischen Merkmale Reachers. Sicherlich mehr als in den anderen Romanen, aber ebenso sicher ist „Trouble“ in erster Linie einer der härtesten Thriller dieser Serie.
Seine drei anderen Kollegen überzeugen durch ganz unterschiedliche, aber auch ausgeprägte Eigenschaften, doch sind sie nichts anderes als willkommene Werkzeuge und lassen sich gerne von Jack Reacher an die Hand nehmen. Die Handlung ist erstklassig spannend, manchmal allerdings gibt es kleinere Klippen, die der Autor aber geschickt umschifft, wenn er dem Leser die Dialoge zwischen den Charakteren vor Augen hält und somit einiges aus der Vergangenheit präsentiert.
Explosiv und auch hier im Verhältnis zu den anderen Romanen wie „Sniper“ und „Way Out“ speziell gelagert, konzentriert sich Lee Child nicht nur auf einen abschließenden Showdown. Als Schwachpunkt anzusehen sind diesmal die Gegner Reachers, die bei ihm Nachhilfestunden in Brutalität und Kaltblütigkeit buchen könnten. Etwas blass und hilflos wirken diese manchmal und mit der Situation sichtlich überfordert. Ein „Bösewicht“, der in der gleichen Liga wie Reacher selbst spielt, ist bestimmt schwierig zu konzipieren, doch es wäre auch interessant zu sehen, wie sich Reacher gegen einen gleichwertigen Gegner verhält!
_Fazit_
„Trouble“ lebt von und mit seiner Figur des Jack Reacher. Mit dieser Figur erschuf Lee Child einen Charakter, der wohl in der literarischen Thrillerwelt seinesgleichen suchen muss.
Spannend und abwechslungsreich, überzeugt „Trouble“, ohne ins Klischeehafte abzudriften. Lee Childs Stil überzeugt, doch wohin soll die Reise von Jack Reacher wohl noch gehen? Wann könnte der Gegner kommen und vor allem, wer könnte der Gegner sein, der den Militärpolizisten wirklich herausfordert? In „Trouble“ konnte der Leser schon erleben, wie psychopathisch Reacher sein kann, und hier zeigen sich erschreckende Züge im Charakter. Aber vielleicht ist das genau der Kernaussage des Autors.
„Trouble“ bietet Spannung und Action auf höchstem Niveau. Brutal, eiskalt, unmenschlich – aber ein Garant für Gänsehaut. Hart, härter – Reacher … eine Steigerung, die Programm zu sein scheint.
Prädikat: Lesen Sie „Trouble“ und lernen Sie weitere dunkle Eigenschaften von Jack Reacher kennen. Kristallklar zu empfehlen.
|Hardcover: 448 Seiten
Originaltitel: Bad Luck and Trouble
ISBN-13: 978-3764503550|
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Ed McBain – Kings Lösegeld
_Das geschieht:_
Schon in jungen Jahren schuftete Douglas King, Kind armer Eltern und geboren in einem verrufenen Viertel der Großstadt Isola, in der Schuhfabrik Granger. Mit eiserner Disziplin und rücksichtslos hat er sich seinen Weg nach ganz oben gebahnt. Nun steht er vor der Erfüllung seines Herzenswunsches: King kann und wird die Aktenmehrheit und damit die Fabrik übernehmen. Freilich musste er nicht nur sein gesamtes Geldvermögen einsetzen, sondern auch seinen beträchtlichen Besitz verpfänden, um die erforderliche Summe aufzubringen. Platzt das Geschäft, ist Kings Ruf als erfolgreicher Manager dahin und er selbst finanziell ruiniert.
Genau jetzt schlagen die Kleinkriminellen Sy Barnard, Eddie Folsom und seine Ehefrau Kathy zu. Barnard will groß absahnen und plant die Entführung von Bobby, Kings achtjährigem Sohn. Er überredet Eddie mitzumachen, wozu dieser ohne Kathys Wissen bereit ist, denn 500.000 Dollar Lösegeld locken. Doch die unerfahrenen Kidnapper begehen einen kapitalen Fehler: Sie schnappen sich nicht Bobby, sondern Jeff, den Sohn von Kings Chauffeur Charles Reynolds.
Als sich der Schrecken legt, sieht Barnard keinen Grund, die Entführung abzubrechen. King soll für Jeff zahlen. Die Gangster sehen ihn in der Verpflichtung. Genauso geht es Kings Gattin Diane und den Polizisten vom 87. Revier, die mit dem Fall betraut wurden. Deshalb fallen die Beteiligten aus allen Wolken, als King sich weigert: Er kann und will seinen Traum vom Besitz der Schuhfabrik nicht aufgeben. Zwingen kann man ihn nicht, und dem moralischen Druck hält er Stand. Für Steve Carella und seine Kollegen herrscht Alarmstufe Rot. Die Kidnapper dürfen nicht erfahren, dass sie kein Geld bekommen werden. Ohnehin kommt es innerhalb der Bande zum Streit, denn Kathy ahnt, dass Barnard nicht vorhat, Jeff lebendig freizulassen …
_Ein Autor verschafft sich Freiraum_
Ed McBains Kriminalromane um das 87. Polizeirevier enthalten immer ein moralisches Element. In den frühen Werken war es – aus heutiger Sicht – noch recht deutlich und ein wenig aufdringlich. Später verpackte McBain seine Anliegen eleganter und wurde wohl auch ein wenig zynischer; gänzlich mochte er aber nicht auf die Moral von der Geschicht‘ verzichten. „Kings Lösegeld“ ist der 10. Roman um das genannte Revier – 54 wurden es insgesamt – und entstand 1959. Moral stand damals hoch im Kurs, wobei sich ein Gutteil Bigotterie in die Rechtschaffenheit mischte, mit der die braven Bürger auf jene hinabblickten, die ins Straucheln gerieten.
McBain machte da nicht mit. Allerdings war er kein ‚großer‘ Autor, sondern schrieb Unterhaltungsromane. Davon lebte er und musste sich deshalb mit seiner Kritik zurückhalten. Dass er seine Kriminalgeschichten nicht in einer realen Großstadt, sondern in einer fiktiven Metropole spielen ließ, war dabei hilfreich. Isola wurde zwar ein Spiegelbild von New York, doch hier war McBain Herr über seine eigene Welt. Was hier schief lief, musste der empfindliche Leser nicht auf die Realität ’seiner‘ USA beziehen.
|Der reiche Mann liebt sein Geld|
Denn McBain bot mit „Kings Lösegeld“ in mehrfacher Hinsicht durchaus harten Tobak. Da war vor allem die Kardinalfrage nach dem Wert eines Menschenlebens. McBain scheute nicht davor zurück, ein Kind in Lebensgefahr zu bringen. Unabhängig von der Zahlung des Lösegelds wird Jeff die Entführung nicht überleben. Daran lässt der Verfasser keinen Zweifel. Auf diese Weise schürt er die Spannung – wie kann Jeff gerettet werden? – und verschärft gleichzeitig die Gewissensqualen, in denen sich Douglas King windet.
McBain kennt kein Erbarmen. King muss Farbe bekennen. Ausflüchte werden ihm nicht gestattet. Wie würdest du dich entscheiden? Diese Frage stellt McBain auch seinen Lesern, was er geschickt mit der Handlung verknüpft. Als King seine Entscheidung fällt, unterwirft er sich nicht der gängigen Moral, sondern folgt seinem Egoismus. Dafür zahlt er einen hohen Preis: Seine Frau, sein Sohn und die Polizei verachten ihn. Reynolds, Jeffs Vater, demütigt sich in einer schwer erträglichen Szene und fleht seinen Chef an, das Geld zu zahlen. Er bleibt dabei der klägliche Wurm, als den ihn McBain charakterisierte, und King verliert noch den Rest seiner Integrität.
McBain schafft es, seine Leser verstehen zu lassen, wieso King ist, wie er ist bzw. wie er geschaffen wurde. King ist selbst ein Opfer. Seine Menschlichkeit hat er dem finanziellen und gesellschaftlichen Aufstieg geopfert. Angesicht der dabei erfahrenen Erniedrigungen ist es ihm unmöglich, das Erreichte aufs Spiel zu setzen.
|Die Kehrseite der Medaille|
Kidnapper rangieren in der Verbrecherwelt tief unten. Gewalt gegen Kinder sorgt sogar unter Kriminellen für Abscheu. Politisch korrekt hätte McBain Jeffs Entführer als Tiere in Menschengestalt schildern müssen. Solche plumpen Vereinfachungen erspart der Verfasser sich und seinem Publikum. Höchstens der brutale und zum Kindsmord bereite Sy Barnard scheint in diese Kategorie zu fallen, aber auch er überrascht im Finale mit unerwarteter und echter Emotionalität.
Im Zentrum stehen Eddie und Kathy Folsom. Eddie ist Douglas Kings dunkles Spiegelbild – ein Mann, der nach oben will, weil er es ganz unten nicht mehr aushält. Dabei treibt Folsom nicht reiner Eigennutz. Er will seiner Kathy ein Leben bieten, das sie ‚verdient‘. Sie war bisher problemlos einverstanden damit, dass er dies als Räuber und Dieb versuchte. Doch nun hat Eddie eine Grenze überschritten. Kathy muss ihren moralischen Status neu definieren. Sie wird aktiv, will Jeff, sich und Eddie retten. Dafür begibt sie sich notfalls selbst in Lebensgefahr.
„Kings Lösegeld“ endet versöhnlich aber nicht ‚happy‘. Das Schlimmste kann verhindert werden. Nicht alle Entführer enden im Gefängnis. Douglas King muss weder seinen finanziellen noch moralischen Bankrott erklären. Diane kann zu ihm und in ihr luxuriöses Heim zurückkehren – eine ironische Note, mit der McBain das Finale seiner Sentimentalität entkleidet. „King’s Ransom“ lautet der Originaltitel, den er seinem Roman gab. Dies bedeutet nicht nur „Kings Lösegeld“, sondern auch „Kings Erlösung“. Sie wird ihm zuteil, aber McBain lässt offen, ob er sie wirklich verdient hat. Zumindest die Polizisten des 87. Reviers sind da skeptisch.
|Männer des Gesetzes|
Sie sind zwar alle wieder dabei, spielen aber dennoch Nebenrollen und beschränken sich vor allem auf ihre Arbeit, die McBain, der Meister des „police procedural“, gewohnt penibel und trotzdem spannend beschreibt. Aus heutiger Sicht wirken die Methoden veraltet, aber im zeitgenössischen Rahmen funktionieren sie gut genug, um den Kidnappern auf die Spur zu kommen. Einmal mehr macht McBain deutlich, dass Polizisten keine maschinenhaften Vertreter von Law & Order, sondern Menschen sind. Steve Carella ist es dieses Mal, der keinen Hehl aus seiner Verachtung gegenüber King macht, bis er von einem Vorgesetzten zur Ordnung gerufen wird.
Was den Leser heute erstaunt, ist die Tatsache, dass offenbar niemand die geforderten 500.000 Dollar aufzubringen gedenkt, die Douglas King ausgeben soll. Lässt das Gesetz unvermögende Entführungsopfer völlig im Stich? Schießt keine Behörde dieses Geld vor? Leider geht McBain auf diesen Aspekt nicht ein. An der beachtlichen Leistung des Verfassers, der auf weniger als 180 Seiten schnörkelfrei und ohne Längen eine Vielzahl menschlicher Dramen durchspielt, ändert dies freilich nichts.
|Eine ungewöhnliche Verfilmung|
Vier Jahre nach der Veröffentlichung wurde „Kings Lösegeld“ verfilmt – allerdings nicht in den USA, sondern in Japan. Meisterregisseur Akira Kurosawa (1910-1998) faszinierte die Frage, ob der ‚Wert‘ eines Kindes am Vermögen des Vaters zu messen ist. Als |Tengoku to jigoku| (dt. |Zwischen Himmel und Hölle|) inszenierte er mit seinem Schauspieler-Favoriten Toshirō Mifune (1920-1997) eine 143 Minuten lange Mischung aus Krimi und Drama, die nicht zu Kurosawas Glanzleistungen gezählt wird, aber durch die für diesen Regisseur typischen urjapanischen und ‚westlichen‘ Film-Elemente das Beste beider Kino-Welten unterhaltsam vereint.
_Autor_
Ed McBain wurde als Salvatore Albert Lombino am 15. Oktober 1926 geboren. Dies war in den USA in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kein Name, der einem ehrgeizigen Nachwuchsschriftsteller hilfreich gewesen wäre. Also ‚amerikanisierte‘ sich Lombino 1952 zu Evan Hunter und schrieb ‚richtige‘ Bücher, d. h. Literatur mit Botschaft und Anspruch, darüber hinaus Kinderbücher und Drehbücher.
Da sich der Erfolg in Grenzen hielt, wählte Vollprofi Hunter ein neues Pseudonym und verfasste als „Ed McBain“ den ersten der von Anfang an als Serie konzipierten Kriminalromane um das 87. Polizeirevier. Schnelles Geld sollten sie vor allem bringen und ohne großen Aufwand zu recherchieren sein. Deshalb ist Isola mehr oder weniger das Spiegelbild von New York, wo Lombino im italienischen Getto East Harlems groß wurde. Aber Hunter bzw. McBain kochte nicht einfach alte Erfolgsrezepte auf. Er schuf ein neues Konzept, ließ realistisch gezeichnete Polizisten im Team auf ‚richtigen‘ Straßen ihren Job erledigen. Das Subgenre „police procedural“ hat er nicht erfunden aber entscheidend geprägt.
1956 erschien „Cop Hater“ (dt. „Polizisten leben gefährlich“). Schnell kam der Erfolg und es folgten bis 2005 54 weitere Folgen dieser Serie, der McBain niemals überdrüssig wurde, obwohl er ’nebenher‘ weiter als Evan Hunter publizierte und als McBain die 13-teilige Serie um den Anwalt Matthew Hope verfasste. Mehr als 100 Romane umfasste das Gesamtwerk schließlich – solides Handwerk, oft genug Überdurchschnittliches, geradlinig und gern fast dokumentarisch in Szene gesetzt, immer lesenswert -, als der Verfasser am 6. Juli 2005 einem Krebsleiden erlag.
Taschenbuch: 173 Seiten
Originaltitel: King’s Ransom (New York : Simon & Schuster 1959)
Übersetzung: Gitta Bauer
Deutsche Erstausgabe: 1961 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 817)
[keine ISBN]
Bisher letzte Ausgabe: August 1994 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 10657)
ISBN-13: 978-3-548-10657-1
www.ullsteinverlage.de
www.edmcbain.com
Läckberg, Camilla – Engel aus Eis
_Erica Falck und Patrik Hedström:_
Band 1: [„Die Eisprinzessin schläft“ 3209
Band 2: [„Der Prediger von Fjällbacka“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2539
Band 3: „Die Töchter der Kälte“
Band 4: [„Die Totgesagten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5860
Band 5: „Snöstorm och mandeldoft“ (noch ohne dt. Titel)
Band 6: _“Engel aus Eis“_
Band 7: „Sjöjungfrun“ (noch ohne dt. Titel)
Band 8: „Fyrvaktaren“ (noch ohne dt. Titel)
Mit „Engel aus Eis“ liefert die Schwedin Camilla Läckberg nunmehr ihren fünften Krimi rund um die sympathischen Protagonisten Erica Falck und Patrik Hedström in Deutschland ab. Die Vorgängerromane waren fast durch die Bank weg sehr gelungen, lediglich mit ihrem letzten Werk „Die Totgesagten“ konnte sie das hohe Niveau nicht mehr so ganz halten. Ein Ausrutscher? Oder setzt sich diese Entwicklung mit „Engel aus Eis“ weiter fort?
_Der Handlungsabriss im Klappentext_ klingt vielversprechend. Der pensionierte Geschichtslehrer Erik Frankel wird ermordet in seinem Haus aufgefunden. Frankel war in Neonazikreisen äußerst unbeliebt – vor allem auch, weil sein Bruder Axel sein Leben dem Aufspüren alter Nazischergen gewidmet hat. So vermutet die Polizei den Täter im Umfeld der Neonazis.
Erica ist geschockt, als sie von der Ermordung Frankels erfährt, hatte sie ihn doch noch vor wenigen Wochen um Hilfe gebeten, weil unter den wenigen Habseligkeiten, die sie von ihrer Mutter Elsy in einer Kiste auf dem Dachboden gefunden hat, auch ein mysteriöser Naziorden war. Ericas Interesse ist geweckt, und obwohl sie sich eigentlich voll und ganz in ihre Arbeit stürzen wollte, solange die Elternzeit von Ehemann Patrick dauert, beginnt sie mit Nachforschungen.
Erica und ihrer Schwester Anna war ihre Mutter immer ein Rätsel. Elsy war immer distanziert, kühl und wirkte abwesend. Erica hat sich deswegen oft gefragt, ob sie ihre Mutter überhaupt richtig gekannt hat. Als Erica nun herausfindet, dass Elsy und Erik in ihrer Jugend befreundet waren, beschließt sie tiefer zu graben und fragt sich schon bald, ob das Motiv für den Mord nicht vielleicht eher in der Vergangenheit, als in der Gegenwart zu finden ist. Unterstützt wird sie in ihren Nachforschungen von Patrik, der mit seiner Elternzeit und seiner damit verbundenen Auszeit aus dem Polizeidienst sichtliche Schwierigkeiten hat …
_Wie bei jedem Läckbergschen Roman_ fällt auch bei „Engel aus Eis“ der Einstieg sehr leicht. Schnell taucht man in die Geschichte ein und hat die Figuren lebhaft vor Augen. Erika ist mit ihrer Familie ein liebgewonnenes Herzstück der Reihe geworden und man freut sich als Leser regelrecht über jedes Wiedersehen. Diesmal ist Patrick dran, mit der Elternzeit, aber da nun mal wieder in einem Mord zu ermitteln ist, ist er hin- und hergerissen. Einerseits möchte schauen, dass bei den Ermittlungen der Kollegen alles gut läuft, andererseits will er gerne seine Zeit mit seiner Tochter Maja verbringen. Das sorgt immer wieder für Spannungen zwischen Erica und Patrik.
Sehr schön ist auch, dass Camilla Läckberg mit „Engel aus Eis“ an einer Stelle ansetzt, die in früheren Romanen immer ein Mysterium war. Das sehr unterkühlte Verhältnis zwischen Elsy und ihren beiden Töchtern Erica und Anna ist immer wieder angedeutet, aber nie näher ausgeleuchtet worden. Läckberg geht damit einer Frage nach, die so manchen angestammten Leser schon beschäftigt haben dürfte. Da die persönliche Entwicklung der Figuren im Umfeld von Erica kontinuierlich weiter verläuft, sei jedem Neueinsteiger zur chronologischen Lektüre der Läckberg-Romane geraten.
Spannung baut die Schwedin kontinuierlich auf. Sie nimmt sich zwar immer wieder Zeit für Betrachtungen ihrer Haupt- und Nebenfiguren, dreht aber ganz nebenbei auch ständig an der Spannungsschraube. Der Plot ist in viele einzelne Erzählstränge aufgesplittet, zwischen denen Läckberg hin- und herspringt, was sich sehr positiv auf den Spannungsbogen auswirkt. Zusätzlich wirft sie immer wieder einen Blick zurück in die Zeit zwischen 1943 und 1945, um zu erzählen, wie es Ericas Mutter und ihrer Clique in jungen Jahren ergangen ist.
Was Läckbergs Romane neben dem spannenden Verlauf dank der beständigen Perspektivenwechsel ausmacht, ist die menschliche Seite. Läckbergs Figuren wirken sehr authentisch und zu keinen Zeitpunkt überzeichnet. Unterhaltsame Schilderungen des Alltags der Protagonisten sind nicht bloß Füllmaterial, sondern ein markantes Merkmal ihrer Romane. Immer wieder schafft sie Platz für intime Augenblicke, die Einblick in das Seelenleben ihrer Figuren ermöglichen und würzt das Ganze mit ihrer augenzwinkernden Sichtweise. Besonders an Patriks Vorgesetztem Bertil Mellberg hat Läckberg stets ihre humoristische Seite ausgelebt. Das ist auch diesmal wieder der Fall, allerdings zeigt sie dem Leser Mellberg diesmal auch von einer ganz anderen Seite, was eine schöne Bereicherung ist.
Positiv fällt auch Paula auf, die ihren Dienst in Fjällbäcka neu angetreten hat und eine echte Bereicherung für die dortige Polizei darstellt. Mit Paula hat Läckberg wieder einmal eine Figur geschaffen, die man schnell ins Herz schließt und die man für die Zukunft nicht mehr missen möchte. Auch der Fall an sich ist sehr überzeugend konstruiert. Die Geschichte bleibt bis zum Finale spannend und die Auflösung besticht durch ihre Plausibilität.
_Bleibt unterm Strich_ also nur jede Menge Lob. Nachdem Läckberg mit „Die Totgesagten“ ein wenig geschwächelt hat, läuft sie nun mit „Engel aus Eis“ wieder zu alter Form auf und legt einen rundum gelungenen Krimi vor, der zu den besten gehört, die sie belang geschrieben hat. Erica und Patrik bleiben uns hoffentlich noch lange erhalten, und wenn Camilla Läckberg auf dem jetzigen Niveau weiterschreibt, darf man sich schon auf viele weitere schöne Schmökerstunden freuen, in denen man auf Reise ins schwedische Fjällbäcka gehen darf.
|Hardcover: 503 Seiten
Originaltitel: Tyskungen
Aus dem Schwedischen von Karin Frey
ISBN-13: 978-3-471-35015-7|
[www.ullsteinbuchverlage.de/listhc]http://www.ullsteinbuchverlage.de/listhc
Iain McDowall – Reich und tot
Für den Briefträger begann der Tag ganz friedlich. Doch ein Einschreiben ändert dies. Denn als er bei den Mortimers ein solches abgeben will, findet er die Leiche der schwer misshandelten Jenny Mortimer. Die Autopsie fördert Spuren eines Elektroschockers zutage, doch solche Waffen sind in Großbritannien verboten. Wie also ist der Mörder an einen solchen gelangt? Jennys Ehemann Gus Mortimer ist sofort der Tatverdächtige Nummer eins, da er noch am Abend zuvor seine Ehefrau an den Haaren von einer Party weggeschleift hat, weil sie ihm dort eine Affäre mit dem Gärtner gestanden hat. Dieser trauert nun um seine Geliebte und macht sich Vorwürfe, weil er nicht vor Ort war, als Jenny ihrem Mann gestanden hat, dass sie ihn verlassen will.
Chief Inspector Jacobson und Detective Sergeant Kerr plagt nicht nur dieser eine Fall, denn ein gewalttätiger Sexualstraftäter ist entlassen worden und auf Wunsch nach Crowby gezogen, wo ehemalige Opfer von ihm wohnen. Als die Einwohner der Stadt dies herauskriegen, muss die Polizei einen wilden Mob bändigen, doch der Straftäter zieht es vor, seinen Bewachern zu entkommen und sein Glück auf eigene Faust zu probieren.
Da sind Probleme vorprogrammiert, die auch nicht lange auf sich warten lassen. Als dann auch noch die zweite Leiche aufgefunden wird, ermitteln Jacobson und Kerr auf Hochtouren …
_Tödlicher Ehestreit?_
Bevor uns Iain McDowall mit den Mortimers bekannt macht und den ersten Mordfall geschehen lässt, präsentiert er uns zunächst Jacobson und seine Kollegen, die sich um den entlassenen Sexualstraftäter Robert Johnson sorgen müssen, der auf eigenen Wunsch nach Crowby – sozusagen seine alte Wirkungsstätte – zurück kehrt. 12 Stunden am Tag soll er auf Schritt und Tritt bewacht werden, damit er nicht rückfällig wird, doch kann die Polizei in Crowby dies überhaupt leisten? Schon bald lernen wir auch Jenny Mortimer kennen, die ihrem Ehemann endlich reinen Wein einschenken und ihm von ihrer Affäre berichten will. Dazu hat sie die Party bei Bekannten ausersehen, weil sie hofft, dass ihr Mann dort die Fassung bewahrt und sie in Ruhe lässt. Doch weit gefehlt – er zerrt sie an den Haaren von der Party, und am nächsten Morgen fährt Gus Mortimer zur Arbeit, während seine Frau tot in der Einfahrt liegt. Was ist geschehen?
Das scheint auf den ersten Blick klar: Gus Mortimer, der ohnehin zu Gewaltausbrüchen neigt, hat seine Frau erst sexuell misshandelt und dann ermordet. Davon ist die Polizei überzeugt und versucht daher mit gesammelten Kräften, Mortimer den Mord nachzuweisen. Auch alle Indizien sprechen gegen den gehörnten Ehemann. Als der zweite Mord geschieht, liegt die Sache ebenso klar. Genauso schnell wie beim ersten Mord ist ein Tatverdächtiger gefunden. Geht das nicht alles viel zu einfach? Das mag der Leser zwar denken, doch der Polizei fällt das nicht ein. Und leider fällt auch dem Autor Iain McDowall das nicht ein, denn obwohl sich die Ermittlungen ständig im Kreise drehen und er sie in aller Ausführlichkeit schildert, kommen kaum neue Erkenntnisse hinzu, die dem Fall neue Würze geben oder dem Buch eine gewisse Spannung verleihen.
Spannung scheint hier ohnehin ein Fremdwort. Denn Iain McDowall macht einen zweiten Schauplatz auf, indem er Robert Johnson ins Feld führt. Auch die Geschichte um den entlassenen Straftäter beschreibt McDowall in nervenzehrender Ausführlichkeit, die dem Leser alle Geduld abverlangt, die dieser bereit ist aufzubringen. Der Leser erfährt, was Johnson plant und wie er seine Tage verbringt, wie die Beschattung vonstatten geht und wie die Einwohner der Kleinstadt herausfinden, wer neuerdings in ihrem Kreise haust. Wir lernen eine unsympathische Journalistin kennen, die auf Teufel komm raus herausfinden will, wo sich Johnson genau versteckt. Und dann kommt es natürlich schlussendlich zum Eklat, als einige Männer Selbstjustiz verüben wollen. Doch was hat das mit dem eigentlichen Mordfall zu tun? Gute Frage. Leider lautet die Antwort: „Rein gar nichts!“ Und das ist neben der fehlenden Spannung das zweite Manko des Buches. In epischer Breite führt Iain McDowall diese Geschichte aus, die vom eigentlichen Thema nur ablenkt und am Ende rein gar nichts mit den Mordfällen zu tun hat. Da wundert es nicht weiter, dass Spannung in diesem Buch Fehlanzeige ist.
Das nächste Manko sind die beiden Hauptfiguren des Buches, nämlich die Ermittler Kerr und Jacobson. Mag sein, dass McDowall diese im ersten Roman aus dieser Ermittlerreihe vorgestellt hat. In diesem Buch jedoch erfahren wir gerade einmal, dass Kerr eine außereheliche Beziehung pflegt und dass Jacobson in jeder nur erdenklichen Situation eine Schachtel B+H öffnet, um mal wieder eine Zigarette zu rauchen. Als er zur gefühlt 27. Zigarette eines Kapitels greift, hat auch der desinteressierteste Leser verstanden, dass Jacobson starker Raucher ist und will es eigentlich nicht genauer wissen.
Der Mordfall an sich birgt leider rein gar keine Faszination oder Spannung. McDowall stellt uns sofort einen Tatverdächtigen vor, und was soll ich sagen? Wir lernen nie einen anderen kennen, und am Ende gibt es auch keinen anderen. Ja wie langweilig ist das denn, wenn völlig geradlinig das gesamte Buch darauf hinausläuft, dass der erste Tatverdächtige am Ende der Schuldige ist? Nichtmal ansatzweise versucht Iain McDowall, seine Leser oder auch seine Ermittler auf eine falsche Spur zu bringen. Ganz im Gegenteil, ab und an gibt es neue Hinweise, die wieder nur auf den einen Tatverdächtigen führen, aber leider bringt all dies die Geschichte kein bisschen voran. So ziehen sich die 350 Seiten zäh wie Kaugummi dahin und man wünscht sich als Leser nichts anderes, als möglichst bald von dieser Qual erlöst zu werden.
Um es kurz zu machen: „Reich und tot“ gehört zu den langweiligsten Krimis, die ich je gelesen habe. Weder schafft Iain McDowall es, auch nur ein Fünkchen Spannung zu erzeugen, noch stellt er uns sympathische Charaktere vor. Dieses Buch birgt keine Überraschungen, sodass man am Ende nur völlig emotionslos registriert, dass der gehörnte Ehemann nun tatsächlich der Täter war. Dass der zweite Tatverdächtige schlussendlich unschuldig ist und jemand anderes für den zweiten Mord verantwortlich war, nimmt man zwar noch wahr, aber interessieren tut es einen eigentlich nicht mehr. Mit diesem Buch macht McDowall leider gar keine Werbung für seine Bücher …
|Taschenbuch: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3423212267
Originaltitel: |Making a Killing|
Deutsch von Werner Löcher-Lawrence|
_McDowall beim Buchwurm:_
[Der perfekte Tod]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5292 (Hörbuch)
Katzenbach, John – Professor, Der
Schockierende Inhalte zu entblößen, ist die eine Sache, sich der Schockwirkung bewusst zu sein die andere. Läuft es jedoch darauf hinaus, dass der Schockeffekt die einzige nennenswerte Triebfeder ist, die sogar dahingeht, den Inhalt dessen zu vertünchen, was eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, sind Bedenken absolut angebracht.
Damit leiten wir schließlich zu John Katzenbachs aktuellem Thriller „Der Professor“ über, der sich mit einigen gewagten Thematiken auseinandersetzt, sicherlich auch schockiert, letzten Endes aber ganz und gar außer Acht lässt, was eigentlich hinter der Story stecken sollte; nämlich ein knallharter Kriminalroman, der als Psycho-Thriller getarnt, für Aufsehen sorgen sollte. Dies tut „Der Professor“, soweit darf man vorgreifen, schließlich auch. Allerdings auf einem ganz anderen, weniger vorteilhaften Niveau …
_Story:_
Für den alternden Pathologie-Professor Adrian Thomas kommt das Urteil nicht unerwartet, scheint aber vernichtend. Als bei ihm eine besondere Form der Altersdemenz diagnostiziert wird, scheinen die Tage seines Lebens gezählt. Längst ist er nicht mehr bereit, das Dilemma seiner verstorbenen Angehörigen alleine zu tragen, doch nun scheint der letzte Sargnagel für ihn parat zu liegen – und er denkt an Selbstmord. Doch noch auf dem Heimweg wird Thomas Zeuge einer ungewöhnlichen Begebenheit. Ein junges Mädchen wird offenkundig von einem Pärchen in einen Lieferwagen gezerrt und entführt. Was nun?
Der Professor entschließt sich schließlich dazu, seine eigene Krise zurückzustellen und die verbliebene Geisteskraft zu nutzen, um die jugendliche Jennifer wieder aufzustöbern. Allerdings kann er seine Krankheit nur schwer verbergen, so dass Terri Collins, die zuständige Ermittlerin, sich nicht so recht auf eine Kollaboration mit dem Professor einlassen mag. Doch Thomas ist fest davon überzeugt, seinen Job kompromisslos fortzusetzen. Denn er ist es am Ende, der in dieser Sache nichts mehr zu verlieren hat. Nicht einmal mehr sein Leben …
_Persönlicher Eindruck:_
Um es gleich vorwegzunehmen: „Der Professor“ ist ein Buch, das sich durchaus gut liest und einen Fluss bietet, dem man so schnell eigentlich gar nicht entkommen mag. Die Story hat eine angenehme Struktur, die Wechsel sind flüssig, die vielen Szenen schließlich ein Sinnbild für die Vielseitigkeit dessen, was Katzenberg in seinem aktuellen Werk beschreiben mag. Aber, und auch das leuchtet ein, dies alleine reicht keinesfalls, um den hohen Anspruch, den man mittlerweile an den Bestseller-Autoren Katzenberg haben darf, zu befriedigen.
Leider stellt sich nämlich schon relativ schnell heraus, dass es in „Der Professor“ vorrangig darum geht, das menschliche Grauen in einer alternierenden Variante darzustellen und vor allem die Abgründe des kranken Fetischs des 21. Jahrhunderts ins Gedächtnis zu rücken. Katzenberg beschäftigt sich heuer mit einer ganz besonderen Form der pornografischen Darstellung, dem Snuff-Metier, welches oft zur Legende stilisiert wurde, aber gerade aufgrund des rasanten Fortschritts in der digitalen Medienlandschaft präsenter denn je ist. Und gerade ein solches Thema bedarf etwas mehr als einer plumpen, gewaltverherrlichenden und vor allem sehr oberflächlichen Betrachtung. Traurig daher, dass dieser Umstand dem Autor bei der Konzeption dieses Buches entgangen ist.
Inhaltlich will „Der Professor“ dabei offenkundig Grenzen der Vernunft sprengen und auf einer Ebene aufrütteln, die unser gesamtes Zeitalter in Frage stellt. Dass sich weltweit tausende Menschen daran ergötzen, wie in einem Real-Life-Format ein junges Mädchen eingesperrt, gefoltert, misshandelt und schließlich vergewaltigt wird, ist harter Tobak, der alleine inhaltlich schon extrem schockiert. Katzenbachs Problem besteht allerdings nun darin, diese knallharten Fakten auch in eine Story einzubauen, bei der man nicht ständig den Eindruck haben muss, dass sie ohne derart verschreckende Elemente ihren Wert voll und ganz aufgeben würde. Aber hier scheitert der Autor massiv, da es ihm einfach nicht gelingt, die tiefgreifend brutalen Details in einen lebendigen Thriller einzubauen. Immer wieder kristallisiert sich die Alibiwirkung der Ereignisse heraus, sei es nun in Passagen, in denen die Handlung als solche wieder feststeckt, oder aber in den Szenen, in denen sie an Glaubwürdigkeit verliert. Beides ist in fast jedem Kapitel der Fall, was sicherlich auch auf die eher unbefriedigende Inszenierung zurückzuführen ist. Obwohl hier kein krankes Interesse geweckt werden soll, sind die Episoden um Jennifers Befinden im Verlies eher Reißbrett-Geschichten ohne jedwede Langzeitwirkung. Das abschreckende Element soll alleine durch den Fakt betont werden, geht aber in der Performance des Autors vollends verloren. Man hat manchmal sogar das Gefühl, dass viele inhaltliche Entwicklungen quasi selbstverständlich sind und lediglich aufgesogen werden müssen, ohne dass Katzenbach hierbei jedoch berücksichtigt, welche pikante Geschichte er seinem Publikum tatsächlich erzählt. Und das ist nur eine der vielen fragwürdigen Seiten von „Der Professor“.
Derweil ist der Titelheld Adrian Thomas nämlich in seiner Charakterentwicklung immer weniger glaubhaft. Seine Demenz wird eigentlich in der gesamten Story gutgläubig überspielt, da ihn das Adrenalin ständig aufputscht. Hin und wieder wird in einer weiteren Alibi-Funktion davon gesprochen, wie schwierig ihm plötzlich verschiedene Situationen und Aktionen fallen, doch letzten Endes ist auf den nur hintergründig kranken Professor immer Verlass – und das gibt Anlass zu der Tatsache, dass hier mit vielen provokanten Dingen gearbeitet, am Ende aber nur weniges davon brauchbar in die Story integriert wird.
Ein letzter Makel ist der sehr zähe Spannungsaufbau, sofern man überhaupt davon sprechen darf. Im Grunde genommen ist man der Handlung immer einen Schritt voraus, da Katzenbach seinem Publikum die Bälle passend zuspielt und gar keinen Raum für spontane Breaks lässt. Das Gros der inhaltlichen Wendungen ist vorhersehbar und wird lediglich durch die Schockwirkung mancher Szenen ein bisschen aus den Angeln gehoben. Es ist ein bisschen mager, was der Autor im Pool seiner vorzeigbaren Argumente vorzuweisen hat, gerade vor dem Hintergrund der schweren Thematik. Deshalb wird man auch kaum jemandem verdenken können, „Der Professor“ schon frühzeitig aus der Hand zu legen. Sieht man nämlich einmal von der dramatischen Finalszene ab, wird man nichts verpassen, was außerhalb von Effekthascherei und lahmen Charakterzeichnungen noch geschehen wird. Okay, ein paar Klischees womöglich noch, aber dass Katzenbach einen ehemaligen Sexualstraftäter im Stillen zum Helden der zweiten Halbzeit kürt, sagt eigentlich schon genug über das Dilemma dieses Romans aus. Und daher bleibt das Fazit auch konsequent: Dieses Buch muss man sicher nicht gelesen haben!
|Taschenbuch: 560 Seiten
Originaltitel: What Comes Next
ISBN-13: 978-3426198247|
[www.droemer-knaur.de/home]http://www.droemer-knaur.de
_John Katzenbach bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Anstalt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=2688
[„Der Patient“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=2994
[„Das Opfer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=3414
[„Der Fotograf“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=4360
[„Das Rätsel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=4627
[„Das Rätsel“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=5843
[„Die Rache“ (Lesung]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=6463
Carter Dickson (= John Dickson Carr) – Hinter den Kulissen

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Kastura, Thomas – geheime Kind, Das
Nach „Der vierte Mörder“ und „Das dunkle Erbe“ legt Thomas Kastura mit „Das geheime Kind“ sein drittes Buch mit Kommissar Klemens Raupach vor.
Raupach wird zusammen mit seiner Kollegin Photini Dirou zu einem Mord in einer Schrebergartenanlage gerufen. Otto Wintrich, ein arbeitsloser Alkoholiker, wurde dort auf einem Grundstück erschlagen. Neben ihm findet man einen Brocken Haschisch. Ein Mord im Drogenmilieu? Immerhin: Der Neffe der Besitzer des Grundstücks arbeitet nicht nur als Taxifahrer, sondern dealt auch, aber eine Verbindung zu Wintrich lässt sich zuerst nicht herstellen.
Doch auch Wintrichs Familie – seine Lebensgefährtin Vera Bahlinger und ihre drei Kinder – scheint ihre Geheimnisse zu haben. Tödliche Geheimnisse? Oder hat vielleicht Veras Ex-Mann, ein zwielichtig wirkender Gastronom, etwas mit dem Mord zu tun? Von Otto schien er jedenfalls nicht besonders begeistert gewesen zu sein. Raupach und seine Kollegen ermitteln in alle Richtungen, doch erst, als eine Babyleiche am Rhein gefunden wird, ergibt sich eine Spur …
Kastura hat mit „Das geheime Kind“ einen ruhigen, aber dennoch mitreißenden Krimi geschrieben, der sich nicht weit von seinem Genre entfernt, innerhalb dessen aber durchaus herausragt. Der Autor erzählt den Fall geradlinig und lenkt nur selten davon ab. Er deckt nach und nach Verdächtige auf, von denen jeder ein Motiv haben könnte. Der Leser kann gut mitraten, die Spannung baut sich allmählich auf. Doch obwohl der Täter tatsächlich unter den Verdächtigen zu finden ist, macht Kastura es nicht so einfach. Die Auflösung erfolgt stückweise und hält noch einige gelungene Überraschungen parat.
Das Privatleben von Raupach und Dirou wird ebenfalls beleuchtet, allerdings nie in einem störenden Ausmaß. Der Fall steht im Vordergrund, doch Raupachs Gedanken und Gefühle werden neben der Ermittlungsarbeit ebenfalls dargestellt. Kastura macht allerdings nicht den Fehler, seinen Kommissar zu nachdenklich zu zeichnen. Raupach hat zwar den einen oder anderen melancholischen Gedanken, wirkt aber trotzdem geerdet und aufgeschlossen. Photini Dirou hat zwar weniger Auftritte als ihr Chef, hat aber trotzdem eine tragende Rolle inne. Vor allem aus dem Zusammenspiel zwischen ihr und ihrem Vorgesetzten entstehen tolle Momente im Buch.
Zusammengehalten wird die Geschichte von Kasturas gekonntem Schreibstil. Dass der Autor auch als Journalist tätig ist, merkt man. Er beherrscht es mit einem verständlichen, großen Wortschatz, Sachverhalte treffend zu beschreibend. Mit wenigen Worten bringt er das, was er sagen möchte, stets auf den Punkt. Er wirkt aber dabei nie distanziert oder zu nüchtern. Im Gegenteil ist das Buch sehr locker geschrieben, manchmal auch unterschwellig humorvoll. Gelungen ist auch die Perspektive von Nicolas, Veras an Asperger-Syndrom leidenden Sohn. Der Autor erzählt sehr anschaulich, was in dem Jungen vorgeht.
„Das geheime Kind“ von Thomas Kastura ist ein sehr gut geschriebener, spannender Krimi, der jeden Krimi-Fan überzeugen sollte.
|Gebunden: 376 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-19864-3|
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Mankell, Henning – Chinese, Der
_Eine winterliche Mordnacht_
In einer Winternacht im Jahr 2006 geschieht im kleinen Dorf Hesjövallen das grausamste Verbrechen, das es in Schweden je gegeben hat. Nahezu alle Dorfbewohner werden am nächsten Morgen brutal abgeschlachtet aufgefunden – ganze Familien ausgelöscht. Nur ein Ehepaar und eine verwirrte Frau haben diese Mordnacht überlebt. Die Polizei ist geschockt, findet aber schnell den vermeintlich Schuldigen. Der gesteht die bestialische Tat, erhängt sich aber im Gefängnis, bevor die Polizei sein angebliches Tatmotiv aufgedeckt hat.
Auch die Richterin Birgitta Roslin aus Helsingborg wird auf dieses unglaubliche Verbrechen aufmerksam. Sie entdeckt, dass vermutlich auch die Pflegeeltern ihrer Mutter unter den Getöteten sind. Da Birgitta ohnehin krank geschrieben ist und über ungewohnte Freizeit verfügt, macht sie sich auf eigene Faust an die Nachforschungen und pfuscht der Polizei in Hesjövallen mitunter kräftig ins Handwerk, indem sie beispielsweise des Nachts Tagebücher aus dem Elternhaus ihrer Mutter entwendet. Durch Zufall führt ein rotes Band, das nach der Mordnacht im Dorf gefunden wird, sie zu einem geheimnisvollen Chinesen, der eines Abends in Hesjövallen aufgetaucht ist, in einem Chinarestaurant gespeist und in einem kleinen Hotel übernachtet hat und anschließend wieder vom Erdboden verschwunden ist. Obwohl die Polizei inzwischen ihren Verdächtigen dingfest gemacht hat, gibt Birgitta Roslin nicht auf, da sie nicht an die Schuld dieses Mannes glauben kann. Ihre Nachforschungen führen sie schließlich gar bis nach Peking, wo sie im Vorfeld der Olympischen Spiele eine unglaubliche Entdeckung macht und dabei langsam dem Motiv für das grausame Verbrechen in Hesjövallen auf die Spur kommt …
_Eine Geschichte der Rache_
Ein hungriger Wolf führt uns zu Beginn dieser Geschichte in das verwaiste Dorf, in dem fast alle Bewohner auf grausamste Weise ums Leben gekommen sind. Kurz darauf werden diese Verbrechen entdeckt und wir befinden uns praktisch mitten im Geschehen. Mit hohem Tempo entwickelt Henning Mankell zunächst seine Erzählung und präsentiert uns insbesondere die Hauptfigur des Romans – Birgitta Roslin. Diese eigensinnige Richterin ist der Polizei von Anfang an ein Dorn im Auge, da sie auf eigene Faust Ermittlungen anstellt und den ermittelnden Beamten immer mindestens einen Schritt voraus ist. Doch dann präsentiert die Polizei der Öffentlichkeit einen Verdächtigen, an dessen Schuld Birgitta Roslin von Anfang an nicht glauben kann. Das spornt sie immer mehr an, dem Geheimnis dieser grausamen Tat auf die Spur zu kommen. Da kommt es ihr gerade Recht, dass ihr Arzt sie krank schreibt und sie zudem etwas Abstand von ihrem Ehemann braucht, da ihre Ehe deutlich abgekühlt ist. Die Tagebücher, die Birgitta Roslin im Elternhaus ihrer Mutter entwendet, führen sie auf eine wichtige Spur, nämlich den Eisenbahnbau in den USA im 19. Jahrhundert, wo viele Chinesen unter widrigsten Bedingungen ihre Arbeit verrichtet haben. Wie allerdings diese Geschichte mit den Morden in Hesjövallen zusammen hängt, begreift Birgitta Roslin erst, als sie eine Freundin nach Peking begleitet und sich dort auf die Suche nach dem Chinesen macht, der in der besagten Mordnacht in der Nähe von Hesjövallen in einem Hotel abgestiegen ist.
Nach rasantem und spannendem Beginn schaltet Mankell schon nach 140 Seiten mindestens zwei Gänge zurück. Nun erzählt er in epischer Breite die Geschichte drei chinesischer Brüder, die nach dem Tod ihrer Eltern ihr Glück im chinesischen Kanton versuchen. Doch statt einer gut bezahlten Arbeit finden sie dort nur Armut und Verzweiflung, bis der eine Bruder ihren vermeintlichen Retter trifft, der ihnen Arbeit verspricht. Eines Abends holt dieser die drei Brüder ab. Als er jedoch merkt, dass der eine von ihnen krank ist, lässt er ihn umgehend ermorden – die anderen beiden Brüder entführt er auf ein Schiff, das sie in die USA bringt, wo sie beim Eisenbahnbau helfen müssen. Nur einer der Brüder überlebt dies und kann eines Tages nach China zurück kehren. Doch auch dort widerfährt ihm großes Unglück, sodass er Rache schwört und seine Erlebnisse für seine Nachkommen in einem Tagebuch festhält …
Henning Mankells Geschichte zieht weite Kreise. Wie die Geschichte dreier chinesischer Brüder mit den Morden in einem kleinen schwedischen Dorf zusammen hängt, bleibt über weite Strecken des Buches im Dunkeln, was den Spannungsbogen deutlich abflachen lässt. Die Motivation, die Geschichte der drei unglücklichen Brüder zu lesen, ist über weite Strecken ausgesprochen gering, da Mankell uns in diesem Moment keinerlei Anhaltspunkte gibt, was dies mit den Morden von Hesjövallen zu tun hat. Wie beides zusammen hängt, erfahren wir zwar zu einem späten Zeitpunkt, doch auch da scheint es ziemlich weit hergeholt, die Geschichte aus dem 19. Jahrhundert als Motiv für die Morde heran zu ziehen. Birgitta Roslin findet in Peking nicht nur den Zusammenhang zwischen dem Chinesen und den schwedischen Morden heraus, sondern deckt zudem wahnwitzige politische Machenschaften auf. Mir persönlich hat Henning Mankell in diesem Roman zu viele Baustellen aufgemacht, denn in Peking wird Birgitta Roslin offenbar die ganze Zeit beschattet, eines Tages wird ihr die Handtasche gestohlen und dann macht sie ausgerechnet die Bekanntschaft mit der Schwester desjenigen, der für die Gräueltaten in Hesjövallen verantwortlich ist. Ein bisschen viel des Zufalls?
Mich konnte das Konstrukt des vorliegenden Romans nicht wirklich überzeugen, auch wenn Henning Mankell zumindest in dem Handlungsstrang rund um die sympathische und engagierte Richterin Birgitta Roslin eine gewisse Portion Spannung aufbauen kann. Andere Passagen lesen sich allerdings fast schon zäh wie Kaugummi und zu jedem Zeitpunkt hätte ich das Buch locker an die Seite legen können, auch wenn Mankell wie üblich immer wieder Cliffhanger einstreut, die einen zumindest für eine gewisse Zeit wieder ein wenig an das Buch fesseln. Ich hätte mir gewünscht, dass man etwas eher hinter die Zusammenhänge blicken kann und dass diese nicht ganz so arg weit hergeholt erscheinen. Natürlich hat Henning Mankell wieder einmal ein heißes politisches Eisen herausgefischt, doch diese Thematik mit einem Massenmord in Schweden zu verknüpfen, erscheint mir arg konstruiert. Insgesamt unterhält „Der Chinese“ zwar ganz ordentlich, aber verglichen mit Mankells anderen Büchern ist das vorliegende Buch eher eines der schwächeren.
|Taschenbuch: 608 Seiten
ISBN-13: 978-3423212038
Originaltitel: |Kinesen|
Deutsch von Wolfgang Butt|
_Henning Mankell beim Buchwurm:_
[Der Feind im Schatten]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6316
[Mörder ohne Gesicht 143
[Hunde von Riga 95
[Die Pyramide (Hörbuch) 567
[Die Brandmauer 704
[Die Rückkehr des Tanzlehrers 1058
[Mittsommermord (Hörbuch) 1196
[Tea-Bag 1360
[Vor dem Frost 1714
[Wallanders erster Fall (Hörbuch) 1905
[Die fünfte Frau 2162
[Der Mann mit der Maske (Hörbuch) 2437
[Der Mann, der lächelte (Hörbuch) 2610
[Der Tod des Fotografen 2761
[Mörder ohne Gesicht (Hörbuch) 2791
[Hunde von Riga (Hörbuch) 3191
[Begegnung am Nachmittag (Hörbuch) 5437
Ian Fleming – James Bond 007: Goldfinger

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Slaughter, Karin – Entsetzen
_Inhalt_
Special Agent Trent vom Georgia Bureau of Investigations, das Ähnlichkeit mit dem staatlichen FBI besitzt, aber in diesem Fall nur auf Landesebene verantwortlich ist, ist ein erfolgreicher Beamter mit eigenwilligen Methoden und einem Sinn für Details, die andere vielleicht übersehen.
Trent ist Legastheniker, und damit sind geschriebene Sätze für ihn meist ein kompliziertes Rätsel, das er nur angestrengt und hochkonzentriert zu lösen vermag. Doch im Alltag und auch in seinem Beruf weiß sich der intelligente Beamte zu helfen. Ein kleines digitales Diktiergerät in seiner Anzugtasche ist sein ständiger, hilfreicher Begleiter. Auf einfache Notizblöcke verzichtet er.
Auf seinem Computer im Büro hat er sich eine Spracherkennungssoftware installiert, die er für seine Berichte benutzt. Bisher konnte er all das verschleiern, seine direkte Vorgesetzte weiß von seiner Behinderung, doch er steht unter ihrem Schutz, denn sie weiß, über welche Talente er verfügt.
In Polizeikreisen ist Will Trent nicht unbedingt beliebt. Als interner Ermittler spielte er immer alleine auf seiner persönlichen Bühne, und nun, nach seiner letzten Ermittlung, bei der er gegen korrupte Kollegen ermittelte, ist sein Ruf nicht gerade gestiegen. Den Stempel eines Verräters in den eigenen Reihen wird man nicht mehr so schnell los.
Doch in seinem nächsten Fall bekommt er eine Partnerin an die Seite, eine junge Frau im Rang eines Detective des Atlanta Police Departments. Ihre Mutter wurde durch die Ermittlungen von Trent vom Dienst suspendiert und später entlassen. Trent und Faith ermitteln in einem mysteriösen Fall, der Fragen aufwirft, die sich bisher keiner erklären kann.
Als Abigail Compano von einer Tennisstunde nach Hause kommt, eröffnet sich ihr ein grausames Bild. Ihre Tochter liegt voller Blut und mit verdrehten Gliedern tot vor ihr. Ein junger Mann stürzt auf die verschreckte Mutter zu, panisch und voller Angst wehrt sich die junge Frau gegen den vermeintlichen Mörder ihrer Tochter. Mit den Waffen einer verzweifelten Frau in Todesangst wehrt sie sich und es gelingt ihr, den jungen Mann mit ihren eigenen Händen zu erwürgen.
Als Trent und Faith Mitchell mit ihren Ermittlungen beginnen, ist nichts so, wie es scheint. Der junge Mann war scheinbar nicht der Mörder. War er eventuell ein Freund der getöteten jungen Frau, der zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war und helfen wollte, oder hatte er doch etwas mit der grausamen Tat zu tun?
Als der gerichtliche Pathologe die Leiche der jungen Frau untersucht, wird schnell klar, dass das ermordete Mädchen nicht die Tochter von Abigail und Paul Compano ist. Aber wo ist Emma nun? Wer hat sie entführt?
Für Will Trent und Faith Mitchell wird es ein Kampf gegen die Zeit. Zusammen ermitteln sie in diesem undurchsichtigen Mordfall. An der Highschool und der Technischen Universität in Atlanta konzentrieren sich ihre Ermittlungen auf Freunde und Mitschüler der beiden toten Schüler …
_Kritik_
Karin Slaughter schubst Will Trent in einen komplizierten, mysteriösen Fall, der die Leser in einen spannenden Thriller katapultiert. Nichts ist, wie es scheint, immer wieder summieren sich die Details zu einem wirren Schachbrett, auf dem jeder Schachzug wiederum eine neue Perspektive wiedergibt.
„Entsetzen“ ist ein gut gewählter deutscher Titel für diesen Roman. Karin Slaughter schreibt nicht nur spannend, sondern auch so emotional, dass der Leser sich mit den Ängsten und den Hoffnungen der Protagonisten mehr als gut identifizieren kann. Die Ängste der Eltern und die Verzweiflung der Mutter, die in Notwehr den jungen Mann getötet hat, der wahrscheinlich nur verstört und verletzt selbst nach Hilfe suchte. Oft wird sich der Leser fragen: Was ist nun Realität und was kann nur verwirrende Fiktion sein? Wer lügt oder verschleiert die Wahrheit? Der Grat zwischen Wahrheit und Betrug ist nur ein schmaler Strich. Was übrig bleibt, ist ein nebeliger Sumpf, der dem Leser nur die finstersten Abgründe präsentiert.
Der Roman entwickelt sich recht langsam, oder sagen wir besser: die Autorin lässt die Handlung wohlüberlegt aufbauen, und so wird das Buch von Seite zu Seite packender und mysteriöser.
Die Protagonisten hat die Autorin Karin Slaughter sorgfältig konzipiert. Special Agent Will Trent ist der klassische Antiheld, der aber sympathisch und nicht ohne Schattenseiten seiner Persönlichkeit auftritt. Nicht nur sein berufliches Umfeld gleicht einem Minenfeld, auch in seiner Vergangenheit und seiner gegenwärtigen privaten Umgebung stellt sich ihm die eine oder andere Herausforderung.
Mit seiner neuen Partnerin Faith Mitchell muss sich der Einzelgänger zusammenraufen. Faiths Mutter, auch eine Polizistin, wurde durch die Ermittlungen Trents gezwungen, ihre Karriere zu beenden. Etwas, was Faith nicht versteht, bzw. von dem sie nur die eine Seite der Medaille kennt, und nun ist sie gezwungen, mit dem Mann zusammenzuarbeiten, der das Leben ihrer Mutter zum Negativen verändert hat.
Viele einzelne verwendete Faktoren bilden einen hervorragenden Roman, der sich auf die Charaktere konzentriert und so die Geschichte realistisch widerspiegelt. Aufs Penibelste ausgewogen, überlässt die Autorin nichts dem Zufall.
Es gibt nicht viele Nebenhandlungen, der Roman konzentriert sich auf die Ermittlungsarbeit und der Leser wird es als erholsam erachten, wenn Will sich zu Hause mit seiner Freundin austauscht oder Faith an der Beziehung zu ihrem Sohn feilt, der auch an einer der Universitäten studiert.
Das Zusammenspiel von Will Trent und Faith Mitchell ist alles andere als einfach. Doch die Dynamik des Duos überzeugt, es sind beides Charaktere, die innerlich sensibel und nach außen hin hart agieren. Ihre Vergangenheit spielt im Grunde keine Rolle, doch für die Entwicklung der beiden zu einer ermittlerischen Einheit ist diese unbedingt von Bedeutung.
_Fazit_
„Entsetzen“ von Karin Slaughter ist ein emotionaler Thriller, der durch Menschlichkeit kristallklar überzeugt. Atemlose Spannung, komplexe Charaktere und eine dynamische Handlung, die immer wieder Überraschungen bereithält, versprechen großartiges Kopfkino.
„Entsetzen“ ist der zweite Roman um den Ermittler Will Trent, aber nicht der letzte. Ich freue mich darauf, bald mehr von dem Duo Trent und Mitchell zu lesen.
Der Name Karin Slaughter ist schon längst Garant für spannende Unterhaltung, und doch schafft sie es mit diesem Roman erneut, sich zu steigern.
_Karin Slaughter bei |Buchwurm.info|:_
[„Dreh dich nicht um“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1083
[„Belladonna“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1881
[„Vergiss mein nicht“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2402
[„Schattenblume“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2434
[„Schattenblume“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2434
[„Gottlos“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3875
Philip Sington – Das Einstein-Mädchen

Genau hier setzt Philip Sington mit seinem Roman an, dessen Geschichte damit beginnt, dass 1932 in einem Wald in Berlin eine bewusstlose junge Frau gefunden wird. Als sie aus dem Koma erwacht, erinnert sie sich an nichts, und da niemand die Frau kennt, wird sie von der Presse zunächst einmal „Einstein-Mädchen“ getauft – schließlich fand sich in ihrer Manteltasche der Programmzettel eines Vortrags von Albert Einstein.
















