Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Lupton, Rosamund – Liebste Tess

_Inhalt_

Beatrice beginnt einen Brief an ihre Schwester Tess, auf den sie nie eine Antwort erhalten wird, wie sie weiß: Tess ist tot. Selbstmord, sagen Polizei, Psychiater und selbst die Mutter. Schwachsinn, weiß Beatrice. Niemals – niemals! – hätte Tess sich das Leben genommen, dafür hat sie es zu sehr wertgeschätzt, selbst in dunklen Stunden.

Auf ihrer von allen Seiten behinderten Suche nach der Wahrheit beginnt Beatrice, sich zu verändern. Nichts ist mehr wichtig als herauszufinden, wer der Mörder der geliebten jüngeren Schwester ist. Bald steht Beatrice völlig allein da, allein mit sich, mit ihren Gedanken, mit ihrer Angst und mit dem Brief an Tess, in dem sie schildert, wie sie der Geschichte des angeblichen Selbstmordes auf den Grund zu gehen versuchte. Beatrice verletzt Regeln, überschreitet unsichtbare Grenzen, streift ihren eigenen schützenden Kokon ab, während ihrer immer rabiater werdenden Nachforschungen. Der Tod der Schwester erschafft einen völlig neuen Menschen, ermöglicht Beatrice einen Blick über den Tellerrand. Erstaunt stellt sie fest, wie mutig sie eigentlich ist.

Beatrice ist es schließlich egal, welche Brücken sie hinter sich verbrennt. Alle anderen müssen Unrecht haben, weil das Einzige, dessen sie sich noch sicher ist, das Bild der Verstorbenen ist, das sie im Herzen trägt. Später, wenn die Wahrheit ans Licht gekommen ist, kann man sich immer noch mit den Trümmern beschäftigen, die sie während der Suche hinterlassen hat. Was Beatrice nicht mit einrechnet, ist eine folgenschwere Tatsache: Wenn sie tatsächlich richtig liegt mit ihrer Vermutung, dann ist dort draußen jemand, der vor der Auslöschung eines Menschenlebens nicht zurückschreckt. Dieser Jemand kann es nicht gutheißen, wenn sich ein anderer so penetrant an seine Fersen heftet. Und wenn niemand ihre Vermutungen Ernst nimmt, dann kann auch niemand sie vor der Gefahr schützen, die von dem Unbekannten ausgeht …

_Kritik_

„Liebste Tess“ beginnt als spannender Krimi und sorgfältiges, liebevolles Psychogramm zweier unterschiedlicher Schwestern. Es fesselt direkt von Anfang an; die Protagonistinnen – denn durch die warmen Erinnerungen Beatrices sind es sind zwei, obwohl Tess bereits tot ist – stehen dem Leser direkt vor dem Auge, heben sich gegenseitig hervor durch ihre Unterschiedlichkeit. Naturgemäß sorgt die Form des Romans, der lange Brief, dafür, dass alles über Introspektion vermittelt wird. Diese Umsetzung ist schlichtweg genial gelungen, es ist großartig, den Prozess nachzuvollziehen, den Beatrice durchmacht: Von der emotional sorgfältig abgeschotteten Businessfrau, deren über Jahre hinweg unmerklich gewachsener Panzer durch den jähen Schmerz über den Verlust der Schwester Risse bekommt, die sich im Laufe der Zeit mit jedem Regelbruch, mit jeder Neuverortung alter klischeehafter Betrachtungen vertiefen, bis schließlich die äußere Hülle ganz wegbricht und ein neuer, verwundbarer Mensch da steht, bei dem man nicht weiß, ob er dem Wahnsinn anheim fällt oder sich in erneuerter Stärke streckt. Allein für diese Beschreibung würde ich der Autorin am liebsten tonnenweise Preise verleihen: Sie ist so unmittelbar, psychologisch glaubwürdig und lebensnah gelungen, dass das Lesergehirn nicht anders kann, als in Loblieder auszubrechen.

Aber das ist ja nur ein Teil des Romans; die Krimihandlung steht dem in Güte nichts nach. Der Fall ist so derartig verwickelt, dass man wirklich überhaupt keine Ahnung hat, worum es gehen könnte, und sich gemeinsam mit der Protagonistin in wilden Anschuldigungen gegen alles und jeden ergeht. Man kombiniere das Ganze mit einem traumschönen Stil voller unverbrauchter, aber eingängiger Bilder, die individuell wirken und die Persönlichkeiten der Helden nochmals unterstreichen, und mit einem Ende, das ein absoluter Knalleffekt ist, und hat einen der besten Erstlinge, die man sich nur wünschen kann.

_Fazit_

Es gibt wenig mehr zu sagen. „Liebste Tess“ ist ein Wahnsinnsroman, den nicht zu lesen einem Verlust gleichkäme. Lesen!

|Gebundene Ausgabe: 383 Seiten
Originaltitel: Sister
Aus dem Englischen von Barbara Christ
ISBN-13: 9783455402841|
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[www.rosamundlupton.com]http://www.rosamundlupton.com

Battles, Brett – Profi, Der

_Das geschieht:_

Jonathan Quinn ist ein „Cleaner“ im Agentenmilieu. Für seine Auftraggeber untersucht er geplante Treffpunkte, organisiert Überwachungen oder ‚reinigt‘ Tatorte von entlarvenden Indizien. Er ist nie neugierig und will nur das Notwendige über einen Job wissen, weshalb er sich länger gehalten hat als viele Kollegen. In letzter Zeit arbeitet Quinn exklusiv für das „Office“, das – vielleicht – dem US-Geheimdienst angegliedert ist. Leiter Peter schickt ihn ins winterliche Colorado, wo Quinn den Tod von Robert Taggert untersuchen soll, der offenbar beim Brand seines Ferienhauses umkam.

Quinn hegt Zweifel, die sich verstärken, als er im Kofferraum von Taggerts Wagen die Leiche einer „Office“-Kurierfrau findet. Dennoch kehrt er auf Peters Wunsch nach Los Angeles zurück, um auf weitere Anweisungen zu warten. In seinem Haus wird Quinn schon in der folgenden Nacht vom Cleaner Gibson überfallen, der sich als Killer Geld dazuverdienen möchte: Auf Quinn wurde ein Kopfgeld ausgesetzt. Da Gibson seine Attacke nicht überlebt, bleibt Quinn ratlos zurück.

Kurz darauf werden die Agenten des „Office“ systematisch ausgelöscht. Nur Peter bleibt verschont. Quinn flüchtet mit seinem ‚Lehrling‘ Nate nach Saigon. Dort lebt seine alte Freundin Orlando, der allein er noch vertraut. Ebenfalls auf seiner Seite ist anscheinend Cleaner Duke, der Quinn bittet, ihn bei einem Überwachungsauftrag in Berlin zu unterstützen. Quinn wittert eine Falle, sagt aber zu.

Noch in Vietnam ermittelt Quinn den serbischen Kriegsverbrecher, Psychopathen und Mietkiller Borko als möglichen Mann hinter den Anschlägen. Auf den trifft er in Berlin, wo er wie befürchtet in eine Falle läuft. Erneut kann Quinn entkommen, aber Orlando und Nate wurden offenbar von Borko gefangen, weshalb der einsame Cleaner sein beachtliches Fachwissen einsetzen muss, um sich und seine Gefährten zu retten …

_Parallelwelt im Zwielicht_

Niedergeschriebene Gesetze sollen Ordnung in den komplexen und komplizierten Alltag des zwischenmenschlichen Zusammenlebens bringen. Allerdings halten sich die Bösewichter dieser Welt nicht an diese Regeln, während die Gutmenschen, die sich gegen solche Spielverderber durchaus zur Wehr setzen dürfen, bei deren Verfolgung besagte Gesetze beachten müssen. Das ist natürlich schwierig und unfair, weshalb die Guten sich seit jeher Gedanken darüber machen, wie man – selbstverständlich nur zum im Dienst der gerechten Sache – diese lästigen Gesetze umgehen kann.

Die Lösung an sich ist einfach: Man gründet einen „Geheimdienst“ und entzieht dessen Aktivitäten der Kontrolle der Justiz, so gut es geht. Unter diesem Gesetzmantel darf zwar eigentlich dennoch nicht getrickst, gefoltert oder gemordet werden, aber hier wandelt jeder Geheimdienst ein altehrwürdiges Sprichwort so ab: „Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß“. Solange man sowohl den eigentlichen Gegner (= Schurkenstaat, Mafia, Schmuggelring) als auch die Justiz, die Medien u. a. lästige Gutmenschen mit Foto-Handys in Schach hält, kann man schalten und walten, wie man will.

Verschwiegenheit und Heimlichtuerei gehen im Agentenmilieu deshalb nicht nur arbeitstechnisch nahtlos ineinander über. Wer beide Künste beherrscht und sich zudem keine Illusionen über die Loyalität seines Arbeitgebers macht, kann gut abkassieren. Ob Geheimdienste freiberufliche Agenten anheuern, so wie Söldner sich für Gefechtsaktionen werben lassen, entzieht sich meiner Kenntnis; es ist auch unwichtig: Brett Battles stellt die Möglichkeit so glaubwürdig dar, dass sie die von ihm ersonnene Geschichte trägt.

|Wann bleibt die Zeit zum Spionieren?|

Auch ohne einen ausgeprägten James-Bond-Faktor lebt der Agenten-Thriller durch die Faktoren Tarnen und Täuschen. Wenn man verfolgt, wie Jonathan Quinn sich rund um den Globus geheime Identitäten, Konten und Schlupfwinkel angelegt hat, fragt man sich, wie er die Zeit gefunden hat, sich das dafür notwendige Geld und Knowhow zu verschaffen. Nur um auf dem aktuellen Stand zu halten, was ihm im Fall der Fälle Schutz bieten soll, müsste er rund um die Uhr beschäftigt sein.

Aber der Faktor Logik ist paradoxerweise gerade im scheinbar so realistischen Agenten-Thriller nur vorgeblich dominant. Wichtiger als die Frage nach der Herkunft der im Bedarfsfall aus dem Hut gezauberten Waffen, Hightech-Instrumente oder falschen Pässe ist ihre bloße Existenz. ‚Realismus‘ wird lieber in die Beschreibung tatsächlich vorhandener Orte investiert; so bewegt sich Quinn durch ein Berlin, in dem Autor Battles penibel jede Straße so beschreibt, wie sie sich im Stadtplan finden lässt.

Die Weltgewandtheit des Helden spiegelt sich ebenso in kundigen Anmerkungen wie dieser wider, dass Taxis in Deutschland immer von der Firma Mercedes hergestellt werden. In Saigon trinkt Quinn Tiger-Bier, in Berlin ein Hefeweizen: Agenten sind Kosmopoliten, die ihre Wurzellosigkeit durch eine Kenntnis von Ländern und Leuten ausgleichen, welche Brett Battles als leidenschaftlicher Weltreisender in seine Romane einfließen lässt.

|Der Mann ohne Eigenschaften|

Einsamkeit macht unangreifbar. Diese ‚Erkenntnis‘ ist zu einem zentralen Klischee des Agenten-Thrillers geworden. Battles treibt es auf die Spitze: Selbst der Name seines Helden ist nicht echt. Ansonsten entspricht Quinn völlig dem Bild des einsamen Wolfes: Er lebt allein, hält die Augen stets weit offen und beim Essen eine feste Wand im Rücken, hat keine Hobbys und vermeidet Angewohnheiten, die ihn in einen fixen und damit verräterischen Lebenswandel verwickeln.

Wie ernst der Job des Agenten ist, kann Quinn nicht oft genug betonen. Um ihn dies verlautbaren zu lassen, führt Battles die Figur des Cleaner-Lehrlings Nate ein. Dieser ist jung und genretypisch dumm, weil allzu lebenslustig und unbeschwert. Nate sorgt für Fehler, die Quinn nie machen darf, weil es die Hauptfigur beschädigen würde, und stellt jene Fragen, die dem Leser ebenfalls im Kopf herumgehen. Obwohl Quinn seinen Lehrling betont rüde behandelt, ist völlig klar, dass hier ein enges Mentor-Schützling-Verhältnis mit Vater-Sohn-Kontext besteht.

Selbstverständlich ist Quinn ein Profi, der ungerührt Folteropfer entsorgt und Blutseen aufwischt, ohne dabei gegen Gerechtigkeit und Moral zu verstoßen. Quinn gibt sich betont desillusioniert, nennt sich selbst aber einen Patrioten und handelt entsprechend. Die Rolle des echten Finsterlings bleibt dem Klischee-Schlächter Borko vorbehalten, der als „Serbe“ zumindest vom US-Durchschnittsleser mit dem „Araber“, dem „Südamerikaner“ oder dem „Nazi“ in jenen Topf geworfen werden, in dem die Feinde der Vereinigten Staaten schmoren sollten.

Für einen emotional beherrschten Mann schwelgt Quinn zudem sehr ausführlich in Gefühlen. Fürs Herz (und mögliche weibliche Leser) baut Battles eine Lovestory ein, die natürlich unglaublich kompliziert ist und ihre beiden Protagonisten in unausgesprochener Liebe einander umkreisen lässt: Es soll ‚knistern‘ aber nicht lodern – noch nicht, denn „Der Profi“ ist der Start einer ganzen Serie und eine gut gekühlte Orlando sicherlich noch haltbar für weitere Verwicklungen.

|Der Weg ist das Ziel|

Worum es in unserer Geschichte faktisch geht, ist sozusagen nebensächlich. Es ist viel spannender, Quinn & Co. über Ozeane und Kontinente flüchten zu sehen, wobei sie Strolche austricksen, vertrimmen und umlegen, während sie ständig raffiniert ausgetüftelten Todesfallen entkommen.

Die Rasanz der Handlung verbirgt nicht die Oberflächlichkeit eines Plots, der auf Quinn fokussiert ist, der nebenbei Steinchen für Steinchen das Mosaik einer Verschwörung zusammensetzt, während er hauptsächlich für die oben skizzierten Action-Elemente sorgt. „Der Profi“ outet sich damit als handwerklich professionell zubereitetes aber simples Lesefutter, dessen schematische Machart manchmal ein wenig zu deutlich durchschimmert. Doch wieso sollte Battles sein Pulver schon in einem Roman verschießen, der eine Serie startet? Wenn für ihn alles gut läuft – und (bisher) zwei weitere „Quinn“-Abenteuer belegen, dass dem so ist -, kann der Autor ohne große Veränderungen seines Arbeitsprinzips noch manche Fortsetzung stricken.

_Autor_

Brett Battles informiert zwar auf einer eigenen Website über seine Arbeit als Schriftsteller (s. u.), hält sich aber über sein Privatleben bedeckt. Bekannt ist nur, dass Battles in Südkalifornien geboren wurde, aufwuchs und weiterhin dort ansässig ist, wenn er nicht gerade auf einer seiner Weltreisen ist.

|Taschenbuch: 416 Seiten
Originaltitel: The Cleaner (New York : Delacorte Press 2007)
Übersetzung: Edith Walter
ISBN-13: 978-3-442-46633-7
Als eBook: ISBN-13: 978-3-641-02443-7|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann
[www.brettbattles.com]http://www.brettbattles.com

Schneider, Bernward – Spittelmarkt

_Story_

Berlin im Herbst 1932: Der renommierte Rechtsanwalt Eugen Goltz steht kurz vor der Abreise nach New York, als er von einem Schlägertrupp überrascht und übel zugerichtet wird. Die Gründe für den Überfall sind nicht ersichtlich und beschäftigen ihn zunächst auch nicht weiter, da ein weitaus bedeutsamerer Auftrag an ihn herangetragen wurde. Er soll im Auftrag des einst befreundeten Bankiers Philipp Arnheim die Scheidung mit dessen Gattin Florence besiegeln und hierzu ein Dokument beschaffen, über dessen Inhalt Goltz jedoch nichts weiß.

An Bord der „Bremen“ realisiert der Anwalt schließlich, dass seine Reise von Beginn an unter keinem guten Stern steht. Der Mord an einen Professor sowie die eigenartigen Gestalten, die sich in seinem Umfeld bewegen, machen ihn stutzig. Als Florence jedoch kurz nach seiner Ankunft tot aufgefunden wird und eine Schönheit, die sich als Filmdarstellerin vorstellt, ihn mit erotischen Phantasien umgarnt, wird ihm bewusst, dass er schnell nach Berlin flüchten muss, um nicht weiter in den Fall hineingezogen zu werden.
Dort angelangt beginnt für Goltz aber erst der Spießrutenlauf; die Spuren des Attentats auf Florence Arnheim führen in die Gesellschaft der Brüder und Schwester, denen auch Eugens Schwester Doris angehört, und die auch ihn endgültig für sich gewinnen will. Goltz ist jedoch fest entschlossen, dem okkulten Zirkel fernzubleiben, lässt sich aber dennoch darauf ein, einer ihrer Sitzungen beizuwohnen – bis ihm schließlich bewusst wird, welche Ziele dieser Orden tatsächlich verfolgt. Doch als ihr spirituelles Oberhaupt Adolf Hitler in einer Hauruck-Aktion den Posten des Reichskanzlers übernimmt, ist es für eine Offenbarung des Gesehenen zu spät. Und für eine Flucht offenbar ebenfalls …

_Persönlicher Eindruck_

Keine leichte Kost, die sich Bernward Schneider für seinen aktuellen Roman ausgesucht hat – so viel steht bereits nach wenigen Seiten seiner Geschichtsreise in die frühen 30er statt. Der Autor versucht im Rahmen einer historischen Aufarbeitung prägnanter Ereignisse der deutschen Politik eine Kriminalgeschichte zu etablieren, die solch pikante Themen wie Hitlers Machtergreifung als Basis nutzt und die okkulten Vorlieben einiger NSDAP-Gerätschaften ebenso einflechtet. Überdies aber auch Charaktere einfügt, die trotz ihres fiktiven Fundaments einen ähnlichen Stellenwert gewinnen sollen – und damit ist die Handlung insbesondere im zweiten Abschnitt massiv überfordert.

Dabei tritt Schneider zunächst recht anständig in Szene. Die Überfahrt nach New York sowie die merkwürdigen Ereignisse in der US-amerikanischen Metropole bieten reichlich Futter für eine verzwickte Kriminalhandlung, zumal sich der Autor zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht in die Karten schauen lässt, wie sich die eigentliche Motivation des Plots konstituiert. Erst die Rückkehr nach Deutschland, bei der die eigentliche Aufklärungsarbeit beginnt, führt ein undurchsichtiges Verwirrspiel an, welches sich alsbald als chaotische Faktensammlung mit völlig spannungsarmen Sequenzen und einer müden, inhaltlich stellenweise stark ausgelatschten Story entpuppt. Goltz beginnt eher widerwillig damit, erste Nachforschungen anzustellen und vor allem seine fleischlichen Gelüste nach der hübschen Irene Varo zu befriedigen, deren einziges Aufeinandertreffen in New York jedoch bis auf Weiteres ihre letzte Zusammenkunft sein soll. Er interviewt selbst seine Schwester, mit der er selbst vor einigen Jahren ein sexuelles Verhältnis hatte, ist jedoch schnell wieder abgestoßen von deren esoterisch-beklemmenden Weltbild, das jedoch genau mit jener Ansehung übereinkommt, die seine offensichtlichen Gegenspieler ebenfalls angenommen haben. Also widmet sich Eugen Goltz nichtsdestotrotz dem eigenartigen, anscheinend jedoch inzwischen sehr mächtigen Orden, lässt sich verführen, nutzt aber auch die Schwelle zur Mitgliedschaft dazu, sich letzte Informationen zu verschaffen. Doch der plötzliche Aufstieg der Partei zerstört nicht nur für ihn alles, wofür er in den letzten Tagen eingetreten ist – und macht ein sicheres Leben in seiner Kanzlei am Berliner Spittelmarkt künftig unmöglich.

Es sind vor allem Fakten, die diese Erzählung umrahmen und ihr gelegentlich auch die Atmosphäre rauben. Die Story hat ein paar gute Ansätze, die jedoch nicht vertieft werden können, da man gelegentlich an den Rand der historischen Gegebenheiten gedrängt wird und dementsprechend zur Wahrung der Tatsachen intervenieren muss. Dass selbst reale Personen wie Hitler Gastauftritte in „Spittelmarkt“ haben, macht die Sache für den Autor nicht einfacher, was schließlich auch dazu führt, dass seine Herangehensweise Stück für Stück verkrampfter wirkt. Der Fortschritt einiger Stränge, gerade zum Ende hin, wirkt stellenweise arg erzwungen, infolge dessen auch zunehmend unglaubwürdiger, wenngleich zumindest das Tempo in dieser letzten Phase zu nimmt. Doch bis dorthin ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen und die vielen bisweilen würzigen Themen nicht mehr bereit, zu der Symbiose zu verschmelzen, die Schneider ihnen zugedacht hat. Inzest, okkulte Magie, Erotik und ein Kriminalfall von höherem Rang – das hört sich in der Summe interessanter an, als es in „Spittelmarkt“ geschildert wird. Und somit verschwimmt sowohl der historische Wert der Geschichte, als auch die Bedeutsamkeit der größtenteils lahmen, wenn auch interessant endenden Kriminalstory.

|Broschiert: 372 Seiten
ISBN-13: 978-3839210994|
[www.gmeiner-verlag.de]http://www.gmeiner-verlag.de

Alan Bradley – Mord ist kein Kinderspiel (Flavia de Luce 2)

Flavia de Luce:

01 „Mord im Gurkenbeet“
02 „Mord ist kein Kinderspiel“

Im Leben der 11-jährigen Flavia de Luce kehrt auch nach ihrem ersten aufgeklärten Fall keine Ruhe ein. Sie verbringt tagträumend einen schönen Nachmittag auf dem Friedhof, als sie plötzlich ein Schluchzen vernimmt. Sie schaut nach und sieht eine junge rothaarige Frau auf einem Grabstein liegend und weinend. Flavia geht zu der Frau, namens Nialla, um ihr zu helfen. Sie erzählt Flavia, dass sie die Gehilfin des berühmten Puppenspielers Rupert Porsons sei und beide mit ihrem Wagen in der Nähe liegen geblieben wären und der Puppenspieler sei auf dem Weg, um Hilfe zu holen. Da kommt auch schon der Vikar Denwyn Richardson zu der kleinen Gruppe und bietet ebenfalls seine Hilfe an.

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Hammer, Agnes – Dorfbeben

Wegen seines überempfindlichen Gehörs lebt der neunzehnjährige Mattes nicht mehr in der Großstadt Köln, sondern bei seiner Oma und seiner jungen unkonventionellen Tante Lena auf dem Dorf. Nach einem Klinikaufenthalt findet er hier im ländlichen Auroth die nötige Ruhe. Nebenbei spielt er in seiner Band Keyboard, schwärmt für die Bassistin Vane, schreibt melancholische Lieder und verdient sich etwas Geld beim Orgel spielen.

In diesem dörflichen Alltag geschieht plötzlich ein Mord. Mitten auf dem Gemeindeausflug wird während einer Chorprobe Mattes Nachbar, der angesehene Jakob Bähner, erstochen aufgefunden. Verdächtigt wird zunächst der jähzornige Busfahrer Bruno, der Jakob gefunden hat, aber ein klares Motiv gibt es nicht; die Ermittlungen laufen schleppend an, denn die Dorfbewohner verschließen sich gegenüber der Polizei.

Wenig später entdeckt Mattes auf dem Probenmitschnitt Stimmen, die auf den Mörder hinzuweisen scheinen. Zusammen mit der ebenfalls hörbegabten Lena, die bereits als forensische Sprachanalytikerin für die Polizei arbeitete, kommt er der Aufklärung immer näher. Die beiden stoßen auf jahrzehntealte Geheimnisse hinter der Dorfidylle und geraten bei ihren Nachforschungen in Lebensgefahr …

_Ein Mord in der biederen Dorfidylle_ und dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart ihre Schatten werfen, sind althergebrachte Zutaten für einen Krimi. Dass sich Agnes Hammers „Dorfbeben“ trotz dieses konventionellen Settings als mehr als souveräner Kriminalroman erweist, liegt vor allem den originellen Protagonisten, allen voran das Gespann Mattes und Lena.

Mattes ist ein ungewöhnlicher Neunzehnjähriger, der nach seinem Zusammenbruch Ruhe braucht und dem sein übersensibles Gehör ständig Streiche spielt. Seit ein paar Jahren lebt er auf dem Dorf, ohne rechte Zukunftsperspektive, verdient sich ein Taschengeld mit der Musik und fühlt sich meist als Versager. Die nur wenige Jahre ältere Lena bildet eine gelungene Ergänzung: Ihren Job bei der Polizei verlor sie, nachdem sich herausstellte, dass ihre Analysen fast ausschließlich auf ihrem Gehör statt auf nachweisbarem Computermaterial beruhten. Während ihre Mutter sich um ihre Zukunft sorgt, präsentiert sich Lena als unbekümmerte, spontane junge Frau, die gerne unkonventionelle Wege einschlägt. Trotz ihrer gegensätzlichen Art verstehen sich Mattes und Lena wunderbar, nicht nur das akustische Talent eint sie. Auf unterschiedliche Arten sind sie beide Außenseiter, misstrauisch beäugt von manchen, ruhelos mit einem ungeraden Lebensweg. Andere wichtige Personen in Mattes‘ Umfeld sind vor allem die ruhige Bassistin Vane, für die er insgeheim alle Liebeslieder schreibt und der gutmütige Priester Achim, dem er sein Wissen über Musik verdankt. Die weiteren Dorfbewohner sind eine reizvolle Mischung aus verschrobenen und eigenbrötlerischen Charakteren – der trunksüchtige Bruno, die Klatschtanten Elli und Martha, die gouvernantenhafte Irmgard. Die Autorin zeichnet ein in vielen Szenen amüsantes Bild von der Dorfgemeinschaft, das nach dem Mord auch bedrohliche Züge einer verschlossenen Gemeinschaft erhält.

Sind die Dorfbewohner anfangs noch vor allem liebenswert und amüsant, kristallisiert sich bald heraus, dass einer für einen Mord verantwortlich sein muss. Die Polizei stößt auf Schweigen, ausgerechnet der jähzornige Bruno, den man sich am ehesten als Täter vorstellen kann, scheint unschuldig zu sein. Sowohl Mattes als auch Lena fühlen sich gedrängt, zur Aufklärung beizutragen. Der Mitschnitt der Chorprobe zur Zeit des Mordes enthüllt Wortfetzen, die möglicherweise einen Schlüssel zu den Hintergründen bieten. Es ist nur ein Strohhalm, an den sich Mattes und Lena klammern, doch sie verfolgen ihre Spur beharrlich weiter. Drohbriefe und eine tote Katze lassen sie nicht davon abbringen, sondern ermutigen sie nur in ihren Nachforschungen. Sie stoßen dabei auf gut gehütete Geheimnisse, auf einen mysteriösen Todesfall und eine Vergangenheit mancher Dorfbewohner, die bis ins Dritte Reich und die Zeit der Konzentrationslager zurückführt. Der Leser erhält zusätzlichen Aufschluss durch kurze Rückblenden, die schlaglichtartig einzelne Szenen aus der Vergangenheit erhellen. Was anfangs noch zusammenhanglos zu Gegenwart wirkt, ergibt allmählich einen immer deutlicheren Sinn.

Zu kritisieren gibt es an diesem Roman wenig; die Bezeichnung „Thriller“ auf dem Cover lässt vielleicht andere Erwartungen zu: Über weite Strecken bewegt sich die Handlung in gemächlichen Gefilden, erst gegen Schluss überstürzten sich die Ereignisse und hält thrillertypische Dramatik Einzug. Es dominieren vorwiegend die leisen Töne, wer sich ständig neue Wendungen erhofft, wird unter Umständen enttäuscht. Das Ende kommt vielleicht ein bisschen zu kurz und an manche Informationen gerät Mattes ein bisschen zu zufällig, aber insgesamt gibt es kaum nennenswerte Kritikpunkte.

_Als Fazit_ bleibt ein leiser Dorfthriller mit interessanten Hauptfiguren, der durchweg gut unterhält und sich leicht lesen lässt. Die Atmosphäre wird gut eingefangen und wer ruhige Romane schätzt, ist bei kaum nennenswerten Kritikpunkten mit diesem Werk gut beraten.

_Die Autorin_ Agnes Hammer, Jahrgang 1970, wuchs im Westerwald auf und studierte anschließend Germanistik und Philosophie. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin arbeitete sie in einer Einrichtung für sozial benachteiligte Jugendliche. Weitere Werke sind „Herz, klopf“ und „Bewegliche Ziele“.

|Taschenbuch: 277 Seiten
ISBN-13: 978-3839001196|
[www.script5.de]http://www.script5.de

Calder, J. M. – Wer keine Gnade kennt

_Das geschieht:_

Wie es sich gehört, sind Lieutenant Solomon „Solly“ Glass von der Mordkommission und Staatsanwältin Tuesday Reed damit beschäftigt, die Straßen von New York vom Abschaum zu säubern. Aktuell grämt sie sich, weil es ihr misslang, den Drecksack Mallick möglichst lange hinter Gittern zu bringen; er hatte bei einem Überfall dem braven Studenten Nick Stevens hohnlachend einen Schraubenzieher ins Genick gejagt und ihn dadurch vom Kopf abwärts gelähmt; ein weichlicher Richter brummte Mallick nur fünf Jahre auf. Cop Glass ermittelt im Fall des Mafia-Schlägers Benny Salsone, der mit Kugeln förmlich gespickt wurde, obwohl weder ein Gangsterkrieg tobt noch bevorzustehen scheint. Auch Malone, Glass‘ junger Partner, ist gut beschäftigt mit dem Mord am Kinderschänder und Ex-Sträfling Gordon Jacobs, den auf einem Parkplatz mehrere tödliche Kugeln trafen.

Die Arbeit fällt doppelt schwer, weil a) Tuesday sich in ihrem Job aufreibt und von ihrem nichtsnutzigen Gatten betrogen wird, b) Solly mit seinen Gefühlen ringt, die er der schönen Staatsanwältin heimlich entgegenbringt (was schlechten Gewissens – Tuesday ist ein gutes Mädchen! – erwidert wird) und c) Malone ein Dummkopf ist.

Wenigstens arbeitet das Polizeilabor zufriedenstellend. Es stellt fest, dass Jacobs und Salsone durch Kugeln fielen, die aus derselben Waffe abgefeuert wurden. Während längst der dümmste Leser weiß, was dies bedeutet, grübelt Glass noch manche Seite, bis auch er erkennt: Vigilanten gehen um und üben Selbstjustiz! Da es nur Pack trifft, das den Tod verdient hat, müssen noch einige Strolche ins Gras beißen, bis der unbestechliche Glass und der trottelige Malone einem organisierten Kopf-ab-Zirkel auf die Spur kommen, der im Namen der Gerechtigkeit zu korrigieren versucht, was verblendete Gutmenschen angerichtet haben …

_Verbrechen kann so langweilig sein!_

Klingt die oben einleitende Einführung in den Handlungsinhalt ein wenig gallig? Gut, denn sie spiegelt damit wider, was der Rezensent während jener Plackerei empfand, zu der seine Lektüre dieses Mal ausartete. Selbst der Vielleser trifft nicht oft auf einen Roman wie diesen, dessen Verfasser wahrlich keine Gnade kennt und sein Publikum mit einem Machwerk traktiert, das nur aus Klischees, Geschwafel und Psycho-Gebrabbel besteht. Es liegt nicht am eingefädelten Verbrechen. Selbstjustiz geht als Thema völlig in Ordnung. Erst in der Umsetzung trennt sich die Spreu vom Weizen. J. M. Calder drischt – um im Bild zu bleiben – nur leeres Stroh. Selten liest man einen Thriller, der in Handlung, Figurenzeichnung und Stimmung so deutlich abpaust, was fähigere Autoren mit echtem Leben füllen konnten.

Natürlich liegt es nahe, die selbst dem deutschen Leser auffällige Unkenntnis des US-amerikanischen Polizei- und Justizalltags der Herkunft des Verfassers anzulasten, der im fernen Australien lebt und arbeitet. Indes zeigen Autoren wie Lee Childs, dass es durchaus möglich ist, trotz ausländischer Herkunft überzeugende Thriller zu kreieren, die in den Vereinigten Staaten spielen. Dies ist nicht nur eine Frage der Recherche, sondern auch des Talents sowie der Entscheidung, was man eigentlich schreiben möchte: einen Krimi, eine Liebesgeschichte oder eine Klage über das Diktat des Bösen in einer vor ihm kapitulierenden, hoffnungslos dysfunktionalen Gesellschaft.

|Papiertiger & Pappkameraden|

Der Leser muss sich durch endlose Passagen kämpfen, in denen Calder die Biografien seiner Protagonisten aufrollt. Diese haben mit dem Geschehen wenig oder gar nichts zu tun und sind vor allem blasse Kopien jener einschlägigen Jammergeschichten, die wir aus tausend TV-Krimis kennen – und zwar aus den schlechten ihrer Art. Ohne Sinn für Verhältnismäßigkeit begräbt Calder die Figuren förmlich unter Klischees. Solly hat nicht nur einen Hang zur klassischen Literatur, die er gern selbstgefällig zitiert, um seine Kollegen wie Deppen dastehen zu lassen, sondern er ist 1) Jude und muss sich u. a. von fiesen Mafia-Paten rassistisch beschimpfen lassen, hat 2) seine über alles geliebte Gattin tragisch verloren, ist 3) darüber zeitweise verrückt geworden, vegetiert 4) als notorischer Sauertopf in selbst gewählter Einsamkeit, obwohl ihn sogar deutlich jüngere Kolleginnen anhimmeln, wird 5) von seiner Mutter unter Druck gesetzt, endlich wieder zu heiraten und eine Familie zu gründen, und muss 6) die infantilen Witze seines dümmlichen Bruders ertragen, ohne dabei in Gelächter auszubrechen (was aufgrund der Bartlänge dieser Scherze keine grundsätzliche Herausforderung darstellen sollte). Die Liste ist keineswegs vollständig; der Verfasser addiert immer neue Plagen dazu.

Ähnlich ergeht es der armen Tuesday Reed, die nicht nur betrogen wird und heimlich liebt, sondern Tag und Nacht arbeitet, deshalb die Familie vernachlässigt, darüber ein schlechtes Gewissen bekommt, obwohl sie dem Gatten dennoch eine bereitwillige Liebhaberin sowie dem Töchterlein eine gute Mutter ist und trotzdem die knappe Freizeit aufwendet, um den Opfer des Justizsystems tröstend zur Seite zu stehen. Auch hier folgen weitere Misslichkeiten, die Calder seinem Publikum ganz wichtig im pseudo-dramatischen Tonfall und vor allem ausführlich darbietet.

Wenn dem Verfasser überhaupt etwas gelingt, so ist es die Zeichnung zweier Figuren, die unsympathischer kaum sein könnten. Weniger Aufwand treibt Calder mit den Nebenfiguren. Malone ist und bleibt ein Handlanger, der mit offenem Mund die genialischen Einfälle seines Meisters registriert und dessen illegalen Eigentouren deckt. Besonders lächerlich misslingt die Figur des Paten Caselli, den Calder wohl in einer Mafia-Geisterbahn – sollte es so etwas geben – aufgetan hat. Darüber hinaus dürfen Pechvögel, die von Gangstern gepiesackt wurden, Leidensgeschichten hart am Rande der absoluten Lächerlichkeit erzählen.

|Strolche tilgen & damit durchkommen|

Der Selbstjustiz-Thematik unserer Geschichte verdanken wir nicht nur ein dickes Bündel weiterer Klischees, sondern auch einen schamlos aus dem Hut gezogenen Schlusstwist, den kein Leser erwarten kann oder möchte, weil er absolut logikfrei ist sowie hässliche Ausfälle gegen eine Justiz reitet, die Lustmörder, Vergewaltiger und andere Tiere nicht wegsperrt, sondern ihnen nach viel zu wenigen Haftjahren eine neue Chance gibt, während ihre vergessenen Opfer ein durch Angst und Wut zerfressenes Dasein fristen müssen.

Die ‚logische‘ Konsequenz ist nach Calder klar und folgt nicht nur Volkes Stimme: „Gabriel-Gesellschaft“ nennt er die Gruppe der Rächer, die ihr alttestamentarisches Gerechtigkeitsempfinden zum Einsatz bringen, „wenn Gott schläft“. Selbstjustiz ist folglich ein Vorgriff auf himmlische Vergeltung und geht damit in Ordnung. Ein sträflich langweiliger und umständlich in die Länge gezogener Law-and-Order-Thriller erhält auf diese Weise doch seine eigene Stimme: Ihr Klang ist hässlich, und ihre Botschaft wäre niederträchtig, ginge der Autor nicht gar so hölzern vor.

_Autor/en_

J. M. Calder ist ein Pseudonym, das sich die Autoren John Clanchy und Mark Henshaw vermutlich nicht gaben, um die Verantwortung für ihre unterdurchschnittlichen Thriller zu verschleiern, obwohl dieser Gedanke sich jenen aufdrängt, die ihre Werke kennen. John Clanchy wurde in Melbourne geboren, ist aber seit 1975 in Australiens Hauptstadt Canberra ansässig. Er arbeitete einige Jahre in der Studentenbetreuung der Australian National University und wechselte später in die Graduiertenförderung. Daneben schrieb Clanchy Romane und Kurzgeschichten, für die er diverse Literaturpreise einheimste.

Mark Henshaw wurde in Canberra geboren. Er arbeitete zunächst als Übersetzer und hielt sich lange in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Ausländern auf. „Out of the Line of Fire“ (dt. „Im Schatten des Feuers“), sein Romanerstling, erschien 1989. Dieses Buch und weitere Werke wurden ebenfalls mit Preisen ausgezeichnet,

Mitte der 1990er Jahre beschlossen Clanchy und Henshaw unglücklicherweise, sich gemeinsam an einem Thriller zu versuchen. „If God Sleeps“ (dt. „Wer keine Gnade kennt“) wurde 1997 veröffentlicht, 2006 erschien „And Hope to Die“ (dt. „Ich töte, was du liebst“), ein ähnlich langatmiger und gefühlsduseliger zweiter Krimi um Solomon Glass.

|Taschenbuch: 381 Seiten
Originaltitel: If God Sleeps (Ringwood/Victoria : Signet/Penguin Books 1997)
Übersetzung: Anja Schünemann
ISBN-13: 978-3-499-24827-6

Als eBook: Juni 2010 (Rowohlt Digitalbook)
ISBN-13: 978-3-644-42651-1|

[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de

McDermid, Val – Ein kalter Strom

_Rauhe Sitten in Berlin & eine verhängnisvolle Lüge_

Deutschland. Ein Psychopath, der als Kind von seinem Großvater schwer misshandelt wurde, quält aus Rache seine Opfer und ertränkt sie anschließend. Mit Vorliebe bestraft er Psychologen dafür, dass sie in anderer Leuten Seele herumpfuschen. Der Profiler Tony Hill soll den Wahnsinnigen aufspüren und gerät selbst ins Visier des Serienmörders. Zur gleichen Zeit ist Kommissarin Carol Jordan, Tonys Freundin, einem internationalen Drogenring mit Sitz in Berlin auf den Fersen. Das Ermittlerduo stößt bei seinen Nachforschungen auf Grausamkeit und Gewalt. Durch eine tragische Verkettung von Umständen bringt Tony Carol in Lebensgefahr …

_Die Autorin_

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association.

„Tony Hill & Carol Jordan“-Reihe:
1) [„Das Lied der Sirenen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1498
2) „Schlussblende“
3) „Ein kalter Strom“
4) „Tödliche Worte“

Weitere Romane:

5) [„Echo einer Winternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=703
6) [„Die Erfinder des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2602
7) [„Das Moor des Vergessens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6607
8) „Ein Ort für die Ewigkeit“
9) [„Nacht unter Tag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6201

„Kate Brannigan“-Fälle (in chronologischer Reihenfolge):
1) „Abgeblasen“ (1992)
2) „Skrupellos“ (1994)
3) „Das Kuckucksei“ (1996)
4) „Clean Break“ (1997)
5) „Das Gesetz der Serie“ (1998)
6) „Luftgärten“ (1999)

_Handlung_

Kommissarin Carol Jordan bewirbt sich bei Europol und gerät an Morrigan. Der will jedoch keine gewöhnliche Polizistin, sondern eine Geheimagentin, die undercover ermittelt. Carol ist einverstanden, als Eignungstest an einem Rollenspiel mitzumachen. Allerdings könnte sie ein wenig psychologische Beratung gut gebrauchen, findet sie und wendet sich an ihren Exfreund Tony Hill, den sie zuletzt vor zwei Jahren sah.

|Schottland|

Tony Hill hat seine Impotenz an der Seite der netten Lehrerin Frances in St. Andrews überwinden. Deshalb trifft er sich mit ihr in der Kneipe, um ihre Befehle von Morrigan zu lesen. Sie soll sich in eine andere Person hineinversetzen. Das musste sie bislang noch nie tun. Aber Tony ist sicher, dass sie das draufhat. Dann begeht er einen schweren Fehler: Er stellt sie Frances vor. Die Lehrerin checkt sofort, dass sie eine alte Flamme Tonys vor sich hat. Schon nach wenigen Tagen, als Carol erneut auftaucht, wirft sie Tony hochkant hinaus, bevor er noch „Moment mal!“ sagen kann.

|London|

Carol hat den Test bestanden, jetzt geht wirds ernst. Morrigan legt ihr das Foto eines Drogenringleiters vor: Tadeusz Radecki, Pole aus altem Adel, aber weltgewandt und westeuropäisch orientiert, lebt in Berlin. Zusammen mit dem Serben Darko Krasic organisiert er den Schmuggel von Drogen, Waffen und illegalen Migranten in ganz Europa. Hochlukratives Geschäft, aber wie wickelt er es ab? Jetzt der Clou: Radeckis Geliebte Katharina Basler starb vor wenigen Wochen, aber Carol sieht aus wie deren Zwillingsschwester! Wenn sich also Carol an den Typen ranmacht, um einen Deal einzufädeln, soll er sich in sie verlieben und so eine Blöße geben, die die Cops ausnützen können. Das Risiko für Carol: maximal. Aber das sagt ihr Morrigan natürlich nicht ins Gesicht.

Tony besucht Carol in ihrer Londoner Wohnung, bevor sie nach Berlin abreist. Sie skizziert ihm ihren Plan, als Menschenschmugglerin bei Radecki aufzutreten. Obwohl Tony sie vor der Belastung warnt, ist sie bereit, das Risiko einzugehen. Sie stärken einander emotional, und wer weiß – vielleicht wird sogar mehr draus.

|Den Haag, Europol-Hauptquartier|

Petra Becker ist die deutsche Europol-Kontaktfrau aus Berlin und besucht Carol vor dem Einsatz, um tagelang alles mit ihr vorzubereiten. Petra outet sich als Lesbe, womit Carol kein Problem hat, und kennt eine andere Lesbe: die niederländische Kommissarin Marijke van Hasselt. Die habe einen ähnlichen Mann wie Tony Hill tot in Rotterdam aufgefunden: Den experimentellen Psychologen Pieter de Groot. Petra ist die Parallele zu einem anderen Mord aufgefallen, der in Bremen an Margarethe Schiller begangen wurde, eine Psychologin an der dortigen Uni. Könnte es sich um den Beginn einer Serie handeln? Carol gibt ihr den Tipp, sich an Tony zu wenden, um ein Täterprofil zu erstellen.

Wie sich herausstellt, hat Tony die Ermordete in Bremen gekannt und kommt selbst an den Tatort. Sofort schaut er sich Beckers Unterlagen über die zwei Morde an und erfährt wenige Tage später, dass es einen dritten Mord in Köln gegeben hat. Dieser Täter kommt ganz schön was rum, und immer trifft es Kollegen aus seiner eigenen Zunft. Das macht ihn besorgt. Denn nun ist diese Sache persönlich. Doch in Köln hat sich der Killer einen Ausrutscher erlaubt: Aus Wut hat er das Opfer vergewaltigt.

|Berlin|

Unterdessen hat Carol den großen Boss kennengelernt, doch Radecki gibt sich keine Blöße: Er spielt den unschuldigen, ahnungslosen Videothekenbetreiber, der er auch noch ist. Natürlich lässt er inzwischen Krasic den Hintergrund dieser angeblichen „Catherine Jackson“ überprüfen, die seiner toten Geliebten wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Im Laufe der Wochen lernen sich Carol und Tadeusz immer besser kennen und bauen Vertrauen auf. Carol spielt mit dem Feuer, während sie ihn aushorcht. Er schmuggelt Drogen, Waffen und Menschen mit einem unauffälligen Verkehrsmittel: Mit Binnenschiffen, die auf Europas weitverzweigtem Kanalnetz überallhin gelangen – und kaum kontrolliert werden. Verdammt clever, findet Carol. Aber wann kommen wir endlich ins Geschäft?

|Den Haag|

Petra Becker informiert Tony, dass der Täter zwar vielleicht etwas mit der finsteren Stasi-Vergangenheit zu tun haben könnte, dass aber die Verbindung zu den psychologischen Experimenten noch viel tiefer reichen könnte: Zu den Nazis. Es dürfte wohl bekannt sein, dass die braunen Schweine alle möglichen Experimente mit Menschen aller Gruppen anstellten, von Dr. Mengele bis zu ganz speziellen Instituten. Alle Unterlagen darüber lagern auf Schloss Hohenstein, das selbst Stätte solcher Rassenversuche war. Die Opfer erzählten und wiederholten das, was man ihnen angetan hatte. Vielleicht rächt sich der Killer nun an allen Angehörigen der Folterergruppen, nämlich den Psychologen? Aber dann müsste sein Großvater eines der Opfer der Versuche gewesen sein.

|Köln|

Auf Schloss Hohenstein darf Tony die Listen der Kinder kopieren und sie mit Verdächtigen abgleichen, die unter den Binnenschiffern in Europa zu finden sind. Denn alle Taten wurden in Städten an Flüssen oder an der Küste begangen. Der Täter ist also offenbar ein Seemann. Doch als er den Gesuchten endlich findet, gerät er in Kontakt mit der Organisation, die Tadeusz Radecki leitet. Und der sieht einen solchen Schnüffler gar nicht gern. Besonders dann nicht, wenn dieser seine Nase auch noch in das Berliner Hotelzimmer einer gewissen „Catherine Jackson“ gesteckt hat …

_Mein Eindruck_

Ein erstaunlicher Wechsel des Schauplatzes überrascht den Leser als Erstes: Es geht nach Deutschland. In jenes finstere Reich, wo einst Stasi und Nazis schalteten und walteten und dabei bekanntlich ein schreckliches Erbe hinterließen, das jedes Jahr aufs Neue ins Gedächtnis gerufen wird, egal ob durch Prozesse oder Skandale. Nun reckt diese Hydra erneut einen ihrer Köpfe: den Serienmörder, der es auf experimentelle Psychologen abgesehen hat.

Das ist natürlich das Stichwort für einen Fachmann wie Tony Hill, der unter seinen Kollegen natürlich auch engere Bekannte hat, so etwa Dr. Margarethe Schiller in Bremen. Es ist also ein nachvollziehbares persönliches Interesse, das ihn nach Deutschland bringt. Aber auch Petra Becker und natürlich Carol Jordan gilt sein teils berufliches, teils privates Interesse. Nur wegen dieser Verquickung seiner Interessensebenen kann es dazu kommen, dass seine Schnüffelei überhaupt die Interessen von Tadeusz Radecki tangiert und diesem verdächtig und bedrohlich erscheint: Was will dieser Typ auf seinen Schiffen, wenn nicht die Ladung untersuchen? Ironischerweise liegt Tony nichts ferner als das.

Durch diese Kontingenz geraten sowohl Tony Hill als auch Carole Jordan in Lebensgefahr. Tadeusz will die Probe aufs Exempel machen und schließt mit dem gefangengesetzten Tony quasi eine Wette ab. Wenn Tonys Lüge stimmt, dann wird Carol mit Tadeusz schlafen. Wenn sie aber ablehnt, dann ist sie ebenfalls eine Schnüfflerin und Tony muss, weil er gelogen hat, sterben. Das kann man doch verstehen, oder? Es kommt zu einem ziemlich spannenden Abend, bei dem Carols Verhalten über Tonys Lüge entscheidet.

VORSICHT, SPOILER!

Zartbesaitete Gemüter seien eindringlich vor der Brutalität gewisser Szenen gewarnt, die nach Carols und Tonys Enttarnung folgen. Eine Autorin wie Val McDermid, die in der englischen Krimiszene eine bedeutende Schlüsselstellung innehat, gibt sich nicht mit Scheinheiligkeiten und Kinkerlitzchen ab. Vielmehr setzt sie auf eine realistische, geradezu detailgetreue Darstellung der Polizeiarbeit, zeigt aber auch das gewalttätige Verhalten der Gegenseite.

In Carols Fall gehört dazu die mehrfache Vergewaltigung, die uns aber LIVE erspart bleibt. Nicht so hingegen die Folter an Tony: Die spannende Frage, ob Carol wie Tony liquidiert wird, bleibt bis zum Höhepunkt offen. Doch danach gilt es noch, den Serienmörder zu fassen. Oder soll er etwa davonkommen? Und obendrein hat Carol noch eine Rechnung mit Morrigan offen – er hat sie reingelegt.

Am Schluss steht die Frage, welche Folgen die Gewalt, die man ihren Körpern angetan hat, haben wird. Werden sie aussteigen und sich zur Ruhe setzen, um Lachse zu züchten? Wohl kaum, denn dazu liegt ihnen Recht und Ordnung viel zu sehr am Herzen. Aber als Geheimagentin werden wir Carol Jordan wohl nicht so bald wieder sehen. Und wir sind froh zu erfahren, dass Tony wieder als Profiler arbeiten will.

_Unterm Strich_

Jeder Fall von Tony Hill und Carol Jordan stellt die Autorin vor die Herausforderung, wie sie es schaffen soll, dass sie die beiden Welten, in denen sich die beiden Ermittler unabhängig voneinander bewegen, sich einander berühren lässt. Diesmal ist der Kontakt dieser Welten derart tragisch und verhängnisvoll, dass beide Ermittler in Lebensgefahr geraten. Ist es Ironie des Schicksals oder grandiose Blödheit zu nennen, dass Tony Hill den Gangster in die Quere kommt, gegen die Carol in Berlin ermittelt? Alles hängt vom Wissensstand ab, über den Tony verfügte. Und der war nun mal denkbar gering.

In ihrer ungewohnten Opferrolle laufen jedoch Tony und Carol zu großem Format auf: Sie decken einander, ertragen übelste Gewalt, stehen dennoch zueinander – von Helden kann man nicht mehr verlangen, höchstens noch die Opferung des Lebens. Aber da sie beide keine Soldaten sind, kommt das nicht infrage. Und so geht die Aufarbeitung der Nazi-Altlasten doch noch weiter.

|Taschenbuch: 624 Seiten
Originaltitel: The Last Tempatation (2002)
Aus dem Englischen übersetzt von Doris Styron
ISBN-13: 978-3426502495|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

James, Peter – Und morgen bist du tot

_Die „Roy Grace“-Serie:_

01 [„Stirb ewig“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3268
02 [„Stirb schön“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3154
03 [„Nicht tot genug“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5969
04 [„So gut wie tot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6003
05 _“Und morgen bist du tot“_
06 „Dead like you“ – noch ohne dt. Titel –

Ein Mann, der zum letzten Mal sein Motorrad besteigt. Seine Frau, die im sechsten Monat schwanger ist. Ein junges Mädchen, das dringend eine Spenderleber braucht. Ihre Mutter, die alles dafür tun würde, ihrer Tochter eine solche zu beschaffen. Ihr Vater, der auf einem Baggerschiff arbeitet, das eine Leiche aus einem Abbaugebiet fischt. Ein Unfall, der zu einem endlosen Stau im morgendlichen Berufsverkehr führt. Ein junges rumänisches Mädchen, das auf der Straße lebt und nachts an einem Heizungsrohr schläft. Und Detective Superintendent Roy Grace, der einen gewaltigen Kater hat und fürchten muss, dass seine Freundin Cleo ihm eine Hiobsbotschaft zu überbringen hat. Dies sind die einzelnen Zutaten für den fünften „Roy Grace“-Fall, den ich bereits mit Spannung erwartet hatte.

_Im Mittelpunkt der_ Geschichte steht die schwerkranke Caitlin, die dringend eine neue Leber braucht. Sie ist ein rebellischer Teenager, der seine Mutter oftmals zur Verzweiflung bringt, dennoch würde Lynn Beckett alles für ihre todkranke Tochter tun. Als sie erfahren muss, dass Caitlin dringend eine Leber braucht, um das diesjährige Weihnachtsfest, das bereits kurz bevorsteht, noch zu erleben, bricht für Lynn eine Welt zusammen. Doch dann erhält sie schnell die frohe Botschaft, dass Caitlin einen Teil einer Spenderleber bekommen kann. Sie begleitet ihre Tochter ins Krankenhaus, nur um dort zu erfahren, dass die Leber leider nicht für zwei Spenden reicht und Caitlin das Nachsehen hat. Die Zeit rennt, denn Caitlin geht es immer schlechter und schlechter. Da kommt ihr Freund Luke auf die Idee, sich im Internet nach Transplantationsfirmen umzusehen, über die man ein Organ kaufen kann.

Zur gleichen Zeit arbeitet Caitlins Vater Malcolm auf einem Baggerschiff, das die Leiche eines jungen Mannes zu Tage fördert. Roy Grace wird mit dem Fall beauftragt und erfährt bald, dass dem jungen Mann lebenswichtige Organe entnommen wurden. Handelt es sich um eine Seebestattung, bei der der Leichnam abgetrieben ist? Mysteriös erscheint aber, dass der junge Mann nur wenige Stunden vor seinem Tod noch eine Mahlzeit zu sich genommen hat. Das spricht gegen eine Organspende, da oftmals viele Stunden vergehen, bis die Transplantationsteams vor Ort sind, um die Organe zu entnehmen. Was also ist dem jungen Mann passiert? Als an derselben Stelle kurz darauf zwei weitere Leichen gefunden werden, denen lebenswichtige Organe fehlen, deutet alles auf Organhandel hin. Und da führt die Spur nach Rumänien. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn dort haben die Menschenhändler bereits ihre nächsten Opfer im Visier …

_Wertlose Menschen?_

Wieder einmal schlägt Peter James von Beginn an ein hohes Erzähltempo an. Jedes Kapitel widmet er einem anderen Handlungsstrang und meistens endet ein Kapitel mit einem Cliffhanger, der es in sich hat. Somit fliegt man anfangs über die Seiten, zumal erst spät klar wird, worauf Peter James hinaus will – nämlich auf den Menschenhandel und die Organspende. Er macht klar, wie viele Menschen in Großbritannien sterben müssen, weil nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan für sie gefunden wurde. In anderen Ländern wie Spanien dagegen muss man der Organspende aktiv widersprechen. Da aber in Großbritannien ein steter Mangel an Spenderorganen besteht, blüht dort der Organhandel. Für zig tausend Pfund können sich verzweifelte Menschen das passende Organ kaufen, das sich die illegalen Transplantationsfirmen von jungen Menschen holen, die sie in Rumänien auf der Straße aufgesammelt und nach England geschleust haben. Liest man über derlei Praktiken, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Ganz neu ist dieses Thema natürlich nicht, doch Peter James schafft eine neue Sicht darauf, indem er uns auf der einen Seite die kranke Caitlin und ihre völlig verzweifelte Mutter vorstellt und auf der anderen Seite die junge Simona, die auf den Straßen Bukarests lebt und nicht mehr viel Hoffnung hat – bis sie eine gut gekleidete deutsche Frau kennen lernt, die ihr eine Zukunft in England verspricht und sie außer Landes bringt. Beide jungen Frauen stellt uns Peter James so vor, dass wir sie beide ins Herz schließen und dadurch in den Zwiespalt kommen, dass wir beiden eine gesunde Zukunft wünschen.

Peter James macht daraus einen Wettlauf mit der Zeit: Caitlin geht es immer schlechter, eine mögliche Transplantation scheitert, weil das Organ doch nicht gut genug ist, um es zu teilen. Stattdessen beschließt Caitlins Mutter Lynn, Kontakt mit einer Transplantationszentrale in Deutschland aufzunehmen und eine Leber zu kaufen – in dem Glauben, dass sie von einem Unfallopfer stamme. Der Leser weiß es aber besser, da er ja bereits Bekanntschaft mit Simona gemacht hat. Diese beginnt von einer Zukunft in England zu träumen – vielleicht als Barkeeperin in einer Cocktailbar? Sie malt sich ihre Zukunft mit ihrem Freund Romeo in England aus und vertraut der deutschen Frau vollkommen, ohne zu ahnen, dass diese nur an Simonas Organen interessiert ist.

Etwas schade fand ich, dass der Spannungsbogen trotz des wichtigen Themas und der dramatischen Geschichte etwas abflacht, da man als Leser ohnehin nicht weiß, ob man mit Caitlin oder mit Simona mitfiebern soll. Beide Mädchen sind einem sympathisch. So versucht die Polizei zwar verzweifelt, Simona zu retten, aber als Leser fiebert man nicht mehr so recht mit, da einem bewusst ist, dass damit Caitlins Hoffnung sterben würde.

_Eine neue Zukunft_

Auch für Detective Superintendent Roy Grace geht es um seine Zukunft: Hat er in den anderen Bänden immer noch intensiv nach seiner Frau Sandy gesucht, die vor etlichen Jahren spurlos verschwunden ist, so beginnt er in diesem Buch, sich von seiner Frau zu lösen. Cleo eröffnet ihm, dass sie ein Kind von ihm erwartet und Grace beschließt, seine Frau nun endlich für tot erklären zu lassen. Doch dann kommt es in München zu einer unerwarteten Begegnung …

Mir gefiel, dass Roy Grace jetzt endlich beginnt, in die Zukunft zu schauen und mit der Vergangenheit abzuschließen. Das Kind, das Cleo und er erwarten, ist endlich der Anstoß, sich von Sandy zu lösen. Dennoch hoffe ich nach wie vor, dass Roy Grace eines Tages erfährt, was mit Sandy geschehen ist, nachdem der Leser nun bereits einen kleinen Einblick in Sandys neues Leben erhalten hat. Doch nach wie vor tappt man weitestgehend im Dunkeln, da Peter James uns bislang nicht verraten hat, aus welchem Grund Sandy damals spurlos verschwunden ist.

In diesem Buch gewinnt auch der unbeliebte Kollege Norman Potting eine sympathische Seite, indem er ehrlich mit Roy Grace über seine unglückliche Ehe spricht und sich tatkräftig in die Ermittlungen stürzt und sehr wichtige Beiträge dazu liefert. Nur Glenn Branson ist nach wie vor der unglückliche Mann, der noch nicht mit seiner gescheiterten Ehe abgeschlossen hat – auch wenn seine Frau nun offensichtlich einen neuen Freund hat.

_Und morgen kommt ein neuer Fall_

Unter dem Strich konnte mich das vorliegende Buch leider nicht ganz überzeugen. Peter James lese ich ausgesprochen gerne, weil er unglaublich packende Bücher schreibt, die oftmals ein ganz neues Licht auf ein Thema werfen bzw. etwas völlig Neues im Thriller-Genre darstellen. Mit dem fünften Fall rund um Detective Superintendent Roy Grace hat James allerdings erstmals nicht viel Innovatives zu bieten. Das Thema Menschenhandel ist zwar sehr brisant, dennoch hat Peter James hier nicht so viel Ideenreichtum bewiesen wie in seinen anderen Roy-Grace-Romanen. Interessant fand ich, dass man in diesem Buch mit beiden Seiten mitfiebert, nur leider führte das auch dazu, dass der Spannungsbogen abflachte, weil man Caitlin durchaus die (illegale) Spenderleber gönnen würde. Ein weiteres Manko des Buches ist, dass man recht schnell die Zusammenhänge ahnt und somit nur noch die Frage im Raum steht, ob Simona und/oder Caitlin gerettet werden können. Große Überraschungen erwarten einen am Ende also nicht mehr. Ich hoffe, dass Peter James in seinem nächsten „Roy Grace“-Fall wieder eine Schippe mehr auflegt, denn, obwohl „Und morgen bist du tot“ durchaus spannend und unterhaltsam war, bin ich doch von Peter James Besseres gewöhnt.

|Hardcover: 528 Seiten
Originaltitel: |Dead Tomorrow|
ISBN-13: 978-3502101970|
http://www.fischerverlage.de/page/scherz

_Peter James bei |Buchwurm.info|:_
[„Mein bis in den Tod“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2493
[„Stirb schön“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=3680
[„So gut wie tot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5711

Jussi Adler-Olsen – Schändung

Mit „Schändung“ legt der dänische Autor Jussi Adler-Olsen nun den Nachfolgeroman zu seinem vielgepriesenen Debüt „Erbarmen“ vor. Adler-Olsens Chefermittler Carl Mørck rollt am Schreibtisch seines Büros im Keller der Kopenhagener Polizei für das Sonderdezernat Q alte, ungelöste Fälle auf. Ihm zur Seite stehen sein Assistent Hafez el-Assad und die ihm neu zugeteilte Sekretärin Rose.

Jussi Adler-Olsen – Schändung weiterlesen

Oelker, Petra – Nacht des Schierlings, Die

_|Rosina und Claes|:_

01 „Tod am Zollhaus“
02 „Der Sommer des Kometen“
03 „Lorettas letzter Vorhang“
04 „Die zerbrochene Uhr“
05 „Die ungehorsame Tochter“
06 „Die englische Episode“
07 „Der Tote im Eiskeller“
08 „Mit dem Teufel im Bunde“
09 „Die Schwestern vom Roten Haus“
10 _“Die Nacht des Schierlings“_

_Inhalt_

Hamburg, 1773: Das Leben ist kompliziert geworden für Molly, die Tochter des verstorbenen Konditormeisters, seit ihre Mutter wieder geheiratet hat. Nicht nur, dass sie ihren Vater vermisst – die Situation im ehemals so fröhlichen Haus ist angespannt. Der neue Meister versteht es blendend, sich in der Stadt Feinde zu machen, und so steht Weddemeister Wagner vor einem Rätsel mit vielen möglichen Antworten, als der leblose Körper des Mannes frühmorgens im Fleet entdeckt wird. Noch ehe sich tatsächlich herausstellt, ob der Mann einem Mord oder einem Unfall zum Opfer gefallen ist, fliegen die Gerüchte nur so durch die Stadt.

Rosina Vinstedt, ehemalige Komödiantin, nun verheiratete brave Bürgerin und Detektivin aus leidenschaftlicher Neugierde, muss einen doppelten Schlag verkraften: Der Fokus der Ermittlungen liegt ausgerechnet auf Muto, dem Akrobaten der Beckerschen Komödiantengesellschaft – auf dem Jungen also, den sie hatte aufwachsen sehen, der wie ein kleiner Bruder für sie war. Während Rosina wie eine Löwin kämpft, um den Verdacht von Muto abzulenken, erscheint auch ein anderer den hamburger Mitbürgern verdächtig: Claes Herrmanns, Rosinas Freund und Gönner, soll sich in jener Nacht eigentümlich verhalten haben, und hatte der Klatsch nicht einmal eine pikante Verbindung zur Stieftochter des Toten geschaffen?

Während der sonst so angesehene Kaufmann und seine reizende Frau Anne herausfinden können, wer tatsächlich ihre Freunde sind und wer plötzlich die Straßenseite wechselt, verstricken sich Wagner und Rosina immer tiefer in die Geschichte des toten Konditormeisters und finden heraus, dass es unter all den Schichten aus Klatsch noch etwas ganz anderes gibt. Speziell für den Weddemeister wird die Ermittlung aber zum Balanceakt, denn wo ein reicher Kaufmann verdächtigt wird, mischt sich gern die Politik ein und pfeift dem treuen Kettenhund, um ihn zu zeigen, welchen Weg er einschlagen soll. Und das mag Wagner so gar nicht …

_Kritik_

Rosinas zehnter Fall vereint all die liebgewordenen alten Freunde wieder: Die Gesellschaft, mit der die junge Komödiantin durch das Land gezogen war, nimmt einen längeren Aufenthalt in Hamburg und hat so jede Menge Möglichkeit, Probleme zu bekommen.

Es macht immer wieder Spaß, auf Petra Oelkers Pfaden durch das Hamburg des achtzehnten Jahrhunderts zu wandern; nicht nur, dass sie sich in ihren Beschreibungen an die Originalkarten hält, nein, sie beleuchtet immer neue Aspekte der damaligen Gesellschaft. Diesmal ist es besonders das Apothekerwesen, das sie bei ihrer sorgfältigen Recherche genau unter die Lupe genommen hat, und die Beschreibungen führen den Leser direkt in die dunklen Räume, in denen Medizin, Quacksalberei und Wunderglaube so nahe beieinander liegen.

Petra Oelker ist unnachahmlich gut in Beschreibungen; ohne aufdringlichen Lehrauftrag vermittelt sie interessant und nachvollziehbar Fakten, während sie ihre fiktive Geschichte erzählt. Eine weitere Stärke der Autorin sind die Charaktere; alle haben sie ihre kleinen Eigenheiten, die sie unverwechselbar machen, ihre Hoffnungen, Ängste, Wünsche, Stärken, Schwächen und Prinzipien. Und wenn diese Dinge bei Nebenfiguren auch nur kurz angerissen werden – denn Oelker verliert sich nicht in Nebensächlichkeiten -, so hat man doch immer das Gefühl, die jeweilige Person zu kennen.

Ein angenehmer, dem Genre des historischen Kriminalromans angemessener Stil rundet das durchweg positive Bild ab: Es gibt keine Stelle, an der man schmerzlich das Gesicht verziehen müsste, weil die Autorin sich im Tonfall vergriffen hätte. Nach zehn Fällen für Rosina hat sie da wohl auch Routine.

_Fazit_

Wer historische Romane auf hohem Niveau mag und Petra Oelker noch nicht kennt, sollte dieses Versäumnis schnellstmöglich korrigieren. Sie ist ganz klar eine der besten auf diesem Gebiet im deutschsprachigen Raum und verknüpft mit ihren Fähigkeiten Erzählkunst, Stilsicherheit, historisches Wissen und Menschenkenntnis zu immer neuen spannenden Abenteuern liebevoll ausgearbeiteter Helden.

|Taschenbuch: 480 Seiten
ISBN-13: 978-3499254390|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
[www.petra-oelker.de]http://www.petra-oelker.de

Rickman, Phil – Turm der Seelen, Der

_Die „Merrily Watkins“-Romane:_

01 „Frucht der Sünde“
02 [„Mittwinternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6067
03 [„Die fünfte Kirche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6283
04 _“Der Turm der Seelen“_
05 „Der Himmel über dem Bösen“
06 „Die Nacht der Jägerin“ (Januar 2011)
07 „The Smile of a Ghost“ (noch kein dt. Titel)
08 „Remains of an Altar“ (noch kein dt. Titel)
09 „The Fabric of Sin“ (noch kein dt. Titel)
10 „To Dream of the Dead“ (noch kein dt. Titel)
11 „The Secrets of Pain“ (noch kein dt. Titel)

_Inhalt_

Merrily Watkins, Beraterin für spirituelle Grenzfragen des Bistums Herefordshire, wird gleich zweimal um Hilfe gebeten: Die streng gläubigen Eltern der vierzehnjährigen Amy glauben, dass ihre Tochter besessen ist. Tatsächlich verhält sich das Mädchen ausgesprochen unnormal – aber ob tatsächlich das Böse dahinter steckt? Und in einem alten Hopfenturm soll es spuken. Der Besitzer bittet Merrily um einen Exorzismus.

Beide Geschichten entwickeln ein beunruhigendes Eigenleben, das Merrily nur nach und nach durchdringt. Die unheimliche Historie des Hopfenturms führt mehrere Generationen zurück bis zu Differenzen zwischen den Anwohnern und Saisonarbeitern der Roma, und nach und nach legt Merrily den Kern dessen frei, was nach so langer Zeit noch nach Rache sucht. Da man ihr Informationen vorenthält, gerät Merrily unvorbereitet in die Nähe von etwas, das überraschend stark, alt und unversöhnlich ist. Als wäre das nicht kompliziert genug, trifft sie Lol wieder, den sensiblen Musiker, den sie vor einiger Zeit getroffen und beinahe geliebt hätte. Ist es Zufall, dass er in der Gegend ist? Und inwieweit ist er in die Geschehnisse um den Hopfenturm verstrickt?

Kein Wunder, dass sie bei all dem Stress kaum Zeit hat, sich um ihre Tochter Jane zu kümmern. Die Sechzehnjährige hat eigene Probleme, mit denen sie sich herumschlagen muss. Eines davon betrifft Eirion, den stoischen Waliser, mit dem sie seit einigen Monaten liiert ist: Wie soll es mit ihnen weitergehen? Teils geht es Jane nicht schnell genug, teils wird es ihr zu rasant, zu erschreckend ernst mit dem Jungen. Und so ganz nebenbei stolpert sie auch noch in den zweiten Fall, den ihre Mutter zu bearbeiten hat: Die möglicherweise besessene Amy geht auf Janes Schule – und sie hat ein Geheimnis, das aus dem Ruder zu laufen droht …

_Kritik_

Der vierte Fall für Hochwürden Merrily Watkins bringt Dinge in Bewegung, die im letzten Band („Die fünfte Kirche“) auf der Stelle traten. Ab und an fragte man sich schon, ob Merrily irgendwann auch mal ein Erfolgserlebnis haben wird, und jetzt endlich erscheint sie mal ein bisschen souveräner. Lol wieder zu treffen, ist ein wenig wie das Wiedersehen mit einem alten Freund, aber ungleich spannender ist einmal mehr die Entwicklung Janes. Wie Rickman, der selbst keine Tochter hat, die komplizierten Prozesse im Innern einer Heranwachsenden darstellt, ist unglaublich. Mit Eirion ist ein passender Gegenpart zu dem impulsiven Mädchen geschaffen worden, und die alternativen spirituellen Strömungen zur anglikanischen Kirche unter den Jugendlichen in der englischen Provinz, sind einmal mehr nicht nur interessant dargestellt, sondern auch überraschend realitätsnah: Der Wiccaglauben ist die am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft der britischen Inseln momentan.

Rickman schreibt stilistisch sauber und dem unterschiedlichen Hintergrund seiner Protagonisten gemäß sowohl passend als auch originell. Die Geschichte der Roma-Arbeiter ist spannend und unmittelbar erzählt, und mit ihnen als Medium ist es fast noch einfacher als sonst, Rickman die untrennbare Verknüpfung von Wissenschaft und Übernatürlichem abzunehmen. Wobei das ja nie ein Problem war: Rickman schlingt die Stränge aus Alltäglichkeiten, kleinen Sorgen und Freuden, aus normaler menschlicher Niedrigkeit und aus Geistererscheinungen so sorgfältig umeinander, dass sie als homogenes Ganzes erscheinen und ein sehr eigenes, zwingendes Muster ergeben.

_Fazit_

Phil Rickmans Reihe um Merrily Watkins und ihre Tochter Jane ist eine gelungene Melange aus Mystery und Krimi, innovativ erdacht und gefällig niedergeschrieben. Die eine oder andere Länge verzeiht man gern, und „Der Turm der Seelen“ selbst hat mir noch einmal mehr Kurzweil bereitet als der vorangegangene Band der Reihe.

Wer sich unter der Mischung einer sehr bodenständigen Exorzismusbeauftragten und unerklärlichen Phänomenen noch nichts vorstellen kann, wer den kalten Schauer des Unheimlichen genauso mag wie die Introspektionen zweier sehr eigener junger Frauen, der sollte hier unbedingt zugreifen. Rickman ist ein sehr, sehr guter Erzähler, und seine Geschichten sind alles andere als alltäglich.

|Taschenbuch: 624 Seiten
Originaltitel: The Cure of Souls
Aus dem Englischen von Karolina Fell
ISBN-13: 978-3499253331|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
[www.philrickman.co.uk]http://www.philrickman.co.uk

Pauly, Gisa – Gestrandet

_Die „Mamma Carlotta“-Romane:_

1. Fall: „Deine Spuren im Sand“
2. Fall: _“Gestrandet“_
3. Fall: „Tod im Dünengras“
4. Fall: „Flammen im Sand“

_Inhalt:_

Ein Sylt-Krimi

Ein neuer Fall für Mamma Carlotta.

Kommissar Erik Wolf steht vor einem Rätsel: Warum wurde Magdalena Schilling so gewaltsam umgebracht? Zumal der Hauptverdächtige Mathis Schilling, der Neffe der Toten, ein perfektes Alibi hat. Zu allem Überfluss findet sich am nächsten Tag im versiegelten Haus des Opfers eine weitere Leiche. Mamma Carlotta, Eriks italienische Schwiegermutter, die wieder einmal auf der norddeutschen Ferieninsel zu Besuch ist, mischt sich unverzüglich in die Ermittlungen ein – schließlich handelt es sich bei der zweiten Toten um ihre nette Reisebekanntschaft aus dem Flugzeug … In Gisa Paulys humorvollem Sylt-Krimi treffen zwei Temperamente aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. (Verlagsinfo)

_Handlungsabriss und Meinung:_

Carlotta Capella – Mamma Carlotta – tritt bester Laune zum zweiten Mal ihre Reise nach Sylt an, um ihren Schwiegersohn Erik Wolf und ihre Enkel Carolin und Felix zu besuchen. Im Flugzeug plaudert sie in ihrer einnehmenden Art auf die nette Donata Zöllner, die ihre Freundin aus Jugendtagen (Magdalena Feddersen) besuchen will, ein.

Bei ihrem Schwiegersohn angekommen, bringt Mamma Carlotta wieder ordentlich frischen Wind in den Haushalt und meint mit Entsetzen festzustellen, dass sich Erik Wolf in die verheiratete Valerie Feddersen (sehr hübsch, blond, schlank, langhaarig) verguckt hat – Valerie, die auch noch mit Mamma Carlottas verstorbenen Tochter befreundet war. Doch erst einmal trifft Mamma Carlotta alle wieder, mit denen sie bei ihrem ersten Besuch Bekanntschaft geschlossen hat – allen voran Fietje Tiensch, der Strandwärter, und Tove Griess, der Imbissstubenbesitzer.

Da geschieht ein Mord: Magdalena Feddersen, die Freundin von Mamma Carlottas Flugzeugbekanntschaft Donata, wird tot aufgefunden. Ihr Schädel wurde mit großer Wucht zertrümmert. Mathis Feddersen, der Neffe der Toten und Valeries Mann, der das Erbe gut gebrauchen kann, ist der Haupttatverdächtige. Donata reagiert erstaunlich emotional auf den Tod ihrer Jugendfreundin, trotzdem sie sich fast vierzig Jahre nicht gesehen haben. Mehr noch, sie bittet Mamma Carlotta um Hilfe, sie wolle aus dem Haus der Ermordeten etwas „holen“, verhält sich alles in allem sehr sonderbar. Doch nicht nur sie, sondern auch Valerie.

Dann ist da noch Bestsellerautor Gero Fürst, der auf Sylt ein Haus hat und auf der Insel weilt, um ein Buch zu schreiben. Carolin ist ein großer Fan des Schriftstellers und möchte sich Bücher von ihm signieren lassen. So sucht sie ihn zusammen mit Mamma Carlotta in seinem Haus auf. Durch eine List wird Carolin die Schreibkraft des Autors, der durch eine Handverletzung nicht selbst schreiben kann, und Mamma Carlotta bietet sich an, in seinem Haushalt nach dem Rechten zu sehen, weil sie Valerie bei ihm gesehen hat und einen Streit zwischen ihr und Gero Fürst, mit dem sie sehr vertraut zu sein scheint, beobachtet hat.

So beginnt Mamma Carlotta erneut zu „ermitteln“ – erst recht, als auch Donata ermordet wird … und der Fall zeigt bald, dass viel mehr dahintersteckt und weit in die Vergangeheit hineinreicht. Denn auch Donatas berühmter Mann (Schauspieler) und auch der Tod ihres Sohnes Manuel vor vielen Jahren scheinen eine Rolle zu spielen …

Auch Mamma Carlottas zweiter Fall ist ein Page-Turner, der jedoch nicht auf Effekthascherei, sondern auf muntere Erzählkunst und auf Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen setzt – das Gewinnende an Gisa Paulys Krimis. Ihr Charaktere sind es, die uns und somit der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten: dass sich zum Beispiel in einem Mann mit ungepflegtem Bart ein belesener Geist verbergen kann; aber auch, dass einen die Vergangenheit nie vollends loslässt.

Bereits nach dem ersten Satz hat Mamma Carlotta den Leser wieder gepackt, und das bleibt bis zum letzten Wort so. Und wieder springt es den Leser förmlich an, dass dies Stoff für eine unterhaltsame, humorige, aber auch spannende TV-Krimiserie wäre.

Die Aufmachung des Bandes ist, wie von |Piper| gewohnt, erstklassig und ohne Fehl und Tadel. Wer sich gut und mit einem Augenzwinkern unterhalten lassen will, sollte sich den „Mamma Carlotta“-Romanen nicht entziehen.

_Fazit:_

Auch Mamma Carlottas zweiter Fall ist ein Pageturner, spart aber nicht mit humorigen Zwischenschlenkern und einem Blick hinter die menschliche „Kulisse“ – absolut empfehlenswert!

|Broschiert: 302 Seiten
Titelfoto von Franz Bischof, buchcover.com
Titelgestaltung von Büro Hamburg
ISBN-13: 9783492251181|
[www.piper.de]http://www.piper.de
[www.gisa-pauly.de]http://www.gisa-pauly.de

_Gisa Pauly bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Tote am Watt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6369

Rickman, Phil – Mittwinternacht

_Das geschieht:_

Als Witwe, alleinerziehende Mutter und Pfarrerin der Gemeinde Ledwardine in der westenglischen Grafschaft Herefordshire ist Merrily Watkins eigentlich ausgelastet. Doch Michael „Mick“ Hunter, der junge, energische Bischof ihrer Diözese Hereford, setzt sie außerdem ins Amt des Bistums-Exorzisten ein. Kanonikus Dobbs, der es bisher innehatte, vertritt in Sachen Spuk und Teufelswerk allzu mittelalterliche Ansichten, und zu allem Überfluss scheint er in letzter Zeit wunderlich zu werden. Dennoch gedenkt er seinen Platz nicht zu räumen. Er intrigiert gegen die ungeliebte Konkurrentin und macht Merrily das Leben möglichst schwer.

Damit steht er nicht allein, obwohl Bischof Micks Interesse an Merrily in eine andere Richtung zielt. Obwohl verheiratet, will er sehr offensichtlich mit der hübschen Pfarrersfrau anbändeln. Mit dem Bischof möchte sich Merrily ungern anlegen. Für weiteres Ungemach sorgt Teenager-Töchterlein Janes. Sie bemüht sich, die Mutter mit dem Alt-Rocker Laurence „Lol“ Robinson zu verkuppeln. Lol hat allerdings mehr als ein Auge für die esoterisch verwirrte Katherine Moon geworfen, die auf das einsam gelegene Gehöft der Familie gezogen ist, obwohl sich dort einst der Vater umbrachte. Dieser geistert nach Katherines Auskunft angeblich durch die Wälder. Wenig später liegt sie tot in ihrer Badewanne.

Merrily kämpft inzwischen gegen eine wahre Gespensterplage. Überall in Hereford und Umgebung geht es plötzlich um, sodass die frischgebackene Exorzistin kaum mit dem Austreiben nachkommt. Dann tauchen auch noch Satanisten auf, die damit beginnen, abgeschiedene Kirchen durch schwarzmagische Praktiken zu entweihen. Als in diesem Umfeld ein toter Mann gefunden wird, tritt Detective Chief Inspector Annie Howe auf den Plan. Sie bittet Merrily um Unterstützung, was diese nicht ablehnen kann. Als Jane in den Bann einer Druiden-Sekte gerät, ist der Teufel endgültig los …

_Donnerwetter, Potz Blitz & Teufelsspuk!_

Manchmal gerät man an ein Buch, das man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann – dies nicht, weil es spannend und gut geschrieben wäre; das Gegenteil ist der Fall, und der daraus resultierende Zustand kann am besten als „Faszination des Grauens“ beschrieben werden. „Mittwinternacht“ liegt inhaltlich soweit neben der Spur, dass man weder glauben kann noch mag, was einem da vorgesetzt wird. Tatsächlich bildet sogar die gesamte Merrily-Watkins-Serie einen Korpus von (derzeit) zehn dickleibigen Romanen (Fortsetzung folgt), die in einer Welt spielen, in der Geisterspuk, Erdstrahlen, Seelenwanderungen u. a. Phänomene kein Hokuspokus, sondern (bitterernst genommene) Realitäten sind.

Bis der spirituell nüchterner als der Rickman-Fan gestimmte Leser sich darauf eingestellt hat, so gut dies eben möglich ist, vergeht eine Weile. Dieser Prozess ist objektiv nicht unkompliziert, denn Merrily Watkins lebt in keinem fantastischen Paralleluniversum. Hereford stellt ein fiktives aber getreues Abbild der Realität dar, wie der Verfasser in einem Nachwort offenbart. Literarisch ist Hereford eine dieser im englischen Krimi beliebten Kleinstädte, in denen die große Welt sich überschaubar widerspiegelt. Hinter vornehmen Fassaden spielt sich interessant Böses und Unanständiges ab, und als Pfarrersfrau ist Merrily in der idealen Position, sich überall dort Zutritt zu verschaffen, wo sich gerade solches plus Kriminelles abspielt.

Womit nicht (nur) das eifrige Mobbing und Intrigieren gemeint ist, dem sich Merrily ausgesetzt sieht. Dies gehört zu den zwischenmenschlichen Konflikten, mit denen moderne Kriminalromane auf Länge gebracht werden: Emotionaler Seifenschaum ist leicht zu schlagen, und vor allem die weiblichen Leser scheinen süchtig nach ihm zu sein. Nein, hier geht es um Verbrechen, die primär übersinnlich daherkommen. Vorzeitlich gestimmte Heiden und Satanisten schleichen durch die Diözese Hereford, wo sie sich klischeegerecht finster verhalten, d. h. Kirchen schänden, Krähen killen sowie jene Menschenkinder umbringen, die ihnen auf die Schliche kommen, wenn sie zu schlechter Letzt Luzifer und seine Dämonen heraufbeschwören, die doch in dem aktuellen Geister-Getümmel definitiv überflüssig sind.

|Viel Feind‘, wenig Ehr’|

Schon im ersten Roman ‚ihrer‘ Serie hatte Merrily privat und priesterlich viel um die Ohren. In „Mittwinternacht“ mutiert sie zur Getriebenen. Der fesche Bischof sieht in ihr die ideale Geliebte, ein düpierter Kanoniker belegt sie mit einem Fluch, die Tochter gerät unter keltische Heiden und ist auch sonst eine altkluge Landplage, verknöcherte Chauvinisten nehmen sie in ihrem Job nicht ernst, ständig rufen von Geistern gepeinigte Pfarrkinder an, und schwenkt sie dann vor Ort eifrig Weihwasserwedel u. a. Exorzisten-Inventar, drehen ihr die Spukbolde die lange Nase und wollen partout nicht weichen.

Der nüchterne Leser (s. o.) verfolgt diese Prüfungen eine Weile, dann gibt er auf und nimmt es mit Humor. Schon Merrily selbst ist höchstens als Karikatur zu ertragen. Als solche passt sie auch viel besser in die groteske Welt, die Autor Rickman ihr schuf. Dort spielt sie eine erstaunlich passive Rolle. Merrily ist offensichtlich harmoniesüchtig, was übel ist in einer Dorfgemeinschaft, die vor allem aus selbstsüchtigen, boshaften und notorisch schwatzhaften Gesellen beiderlei Geschlechts besteht. Die gutgläubige Pfarrersfrau rennt in jedes offene Messer, schaut dabei verdutzt, legt sich erschöpft in ihr Bett und rappelt sich Minuten später wieder auf, weil der nächste undankbare Kunde sie anruft. Schnell möchte man diese rückgratarme Gutfrau tüchtig beuteln, auf dass sie endlich kontert, wie es ihre lästigen Bittsteller und Lästlinge verdienen: mit einem kräftigen Arschtritt!

|Säusel, säusel …|

Doch solche Anwandlungen überkommen nur diejenigen Leser, die immer noch nicht begriffen haben, dass Phil Rickman keine Geschichte erzählen, sondern nur plaudern möchte. „Mittwinternacht“ ist ein „Lady-Thriller“. Das Verbrechen und seine Aufklärung stehen nicht im Mittelpunkt, sondern sind exotisches Beiwerk. Wichtiger und offenbar aufregender sind die Expeditionen in seelische Untiefen. Sie werden ergänzt durch die genannten Ausflüge ins Übernatürliche, die ebenfalls Würze in ein Geschehen bringen, das auf diese Weise Spannung generiert, die der auf eine stringente Handlung geeichte Purist beim besten Willen nicht nachvollziehen kann.

Er findet sich schiffbrüchig auf einem Meer sinnfreien Gefasels und Geplappers, das sich um aufgebauschte Möchtegern-Problemchen und Als-ob-Aufregungen dreht. Fiebrig raunend deutet der Verfasser Enthüllungen an, die niemals kommen oder unter einem neuen Schwall beliebiger Nichtigkeiten erstickt werden. Dies gilt auch für den berühmten roten Faden, was „Mittwinternacht“ zu einem Buch werden lässt, das man lesen kann, ohne sich um Kapitel oder Seitenzahlen zu kümmern: Die Ereignisse wabern konturlos vor sich hin, ohne konkret auf einen Höhepunkt hinzuführen.

Den gibt es zwar, doch er wird quasi pflichtschuldig geliefert. Die losen Fäden werden gepackt und grob zu einem finalen Knoten geschürzt. „Mittwinternacht“ wird zum Dan-Brown-Gemunkel en miniature. In Hereford offenbart sich das Wirken einer Verschwörer-Gruppe, die mindestens seit der Eisenzeit aktiv ist und den heidnischen Naturglauben der Ahnen gegen die christlichen Emporkömmlinge verteidigt. Das wird vom Verfasser so bierernst und gleichzeitig ungeschickt in Szene gesetzt, dass sich nunmehr endgültig die Spreu (= diejenigen, die atemlos weitere Merrily-Watkins-Mystery-Thriller verschlingen werden) vom Weizen (= diejenigen, die genau dies fürderhin vermeiden werden) trennt. Dreimal darf geraten werden, welcher Gruppe dieser Rezensent sich anschließen wird …

_Autor_

Phil Rickman wurde in der nordenglischen Grafschaft Lancashire geboren. Er arbeitete viele Jahre als Journalist für Radio und Fernsehen. Aktuell moderiert Rickman die Sendung „Phil the Shelf“, in der er Bücher vorstellt.

In seinen Reporterjahren lernte Rickman das englisch-schottische Grenzland und Wales kennen und schätzen. Ihn faszinierte vor allem die Folklore dieser Regionen, die er im Zusammenhang mit historischen Fakten sieht. Anfang der 1990er Jahre begann Rickman Romane zu schreiben. Sein Erstling, der Horror-Roman „Candlelight“, erschien 1991 noch unter einem Pseudonym.

Rickman wechselte bald zum Kriminalroman, ohne deshalb von seinen mystischen Vorlieben zu lassen. Das Übernatürliche ist auch in seiner Serie um die anglikanische Priesterin Merrily Watkins stets präsent, die Rickman 1998 startete. Sie brachte ihm den Durchbruch und wird bis in die Gegenwart seitenstark fortgesetzt.

Mit seiner Ehefrau lebt Rickman in der kleinen wallisischen Ortschaft Hay-on-Wye. Über seine Aktivitäten informiert er auf [seiner Website]http://www.philrickman.co.uk .

Die „Merrily Watkins“-Serie erscheint in Deutschland im Rowohlt Verlag:

(1998) „Frucht der Sünde“ |(„The Wine of Angels“)| – RoRoRo 24905
(1999) [„Mittwinternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6067 |(„Midwinter of the Spirit“)| – RoRoRo 24906
(2001) [„Die fünfte Kirche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6283 |(„A Crown of Lights“)| – RoRoRo 24907
(2001) „Der Turm der Seelen“ |(„The Cure of Souls“)| – RoRoRo 25333
(2003) „Der Himmel über dem Bösen“ |(„The Lamp of the Wicked“)| – RoRoRo 24334 (noch nicht erschienen)
(2004) „Die Nacht der Jägerin“ |(„The Prayer of the Night Shepherd“)| (noch nicht erschienen)
(2005) |“The Smile of a Ghost“| (noch kein dt. Titel)
(2006) |“Remains of an Altar“| (noch kein dt. Titel)
(2007) |“The Fabric of Sin“| (noch kein dt. Titel)
(2008) |“To Dream of the Dead“| (noch kein dt. Titel)
(2011) |“The Secrets of Pain“| (noch kein dt. Titel)

|Taschenbuch: 576 Seiten
Originaltitel: Midwinter of the Spirit (London : Pan Macmillan Ltd. 1999)
Übersetzung von Karolina Fell
ISBN-13: 978-3-499-24906-8|

|eBook (Rowohlt Digitalbuch)
ISBN-13: 978-3-644-42061-8|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de

Eric Shepherd – Mord im Nonnenkloster

shepherd-mord-nonnenkloster-cover-1984-kleinAls sich in einer Klosterkirche ein Mord ereignet, muss sich ein Inspektor von Scotland Yard nicht nur mit der Spurensuche, sondern auch mit der exotischen Realität einer geistlichen Einrichtung auseinandersetzen … – Aus heutiger Sicht zwar ein wenig (zu) fromm aber immerhin in Kenntnis sowohl der beschriebenen Verhältnisse als auch des Krimi-Genres, weiß der Verfasser Spannung mit (schwarzem) Humor zu mischen: ein nostalgisch verstaubter Klassiker der Genres.
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Reichs, Kathy – Blut vergisst nicht

_Die |Temperance Brennan|-Serie:_

Band 01: „Tote lügen nicht“
Band 02: [„Knochenarbeit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1229
Band 03: [„Lasst Knochen sprechen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1479
Band 04: „Durch Mark und Bein“
Band 05: „Knochenlese“
Band 06: „Mit Haut und Haar“
Band 07: [„Totenmontag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=937
Band 08: [„Totgeglaubte leben länger“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2083
Band 09: [„Hals über Kopf“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4806
Band 10: „Knochen zu Asche“
Band 11: „Der Tod kommt wie gerufen“
Band 12: „Das Grab ist erst der Anfang“
Band 13: _“Blut vergisst nicht“_

[„Bones – Die Knochenjägerin: Tief begraben“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3355

Die verflixte 13 – man mag den Aberglauben nicht zu stark heraufbeschwören, doch angesichts der jüngsten Entwicklungen in den „Tempe Brennan“-Romanen von Kathy Reichs ist es nicht ganz abwegig, dass die insgesamt bereits 13. Ausgabe um die forensische Anthropologin eine Schlüsselrolle in der einst so erfolgsverwöhnten Karriere der Bestseller-Autorin einnehmen wird. Denn gerade in den letzten beiden Episoden musste man Reichs einen gewissen Hang zum Infotainment, nicht jedoch zur überzeugenden Thriller-Kunst attestieren. Und genau diesen Schritt gedenkt Reichs in ihrem aktuellen Roman zu intensivieren – weshalb „Blut vergisst nicht“ nicht ganz zu Unrecht wieder ins Kreuzfeuer der Kritik gerät.

_Story:_

Ein sechzigjähriger Taucher kommt bei einem Unfall unter Wasser auf tragische Art und Weise ums Leben. Kein ungewöhnlicher Fall für die Anthropologin Tempe Brennan, die lediglich Ungeschick und Unglück beim Verlust des Schnorchels als Grund für den unerwarteten Tod des betagten Mannes vermutet. Als die das Team der Spurensuche bei einer Routineuntersuchung jedoch herausfindet, dass es sich bei dem Verstorbenen um James ‚Spider‘ Lowry handeln soll, nimmt der Fall eine unverhofft komplexe Wendung an. Lowry wurde nämlich Ende der Sechziger als Opfer eines Hubschrauberabsturzes schon einmal als tot beklagt, sodass die Genanalyse des verstorbenen Tauchers für die beteiligten Beamten ein undurchschaubares Rätsel ist. Brennan setzt sich mit der Behörde zur Auffindung vermisster Kriegsopfer auf Hawaii in Verbindung und erreicht hierbei die Exhumierung eines weiteren Absturzopfers von 1968. Doch statt einer Klärung des Sachverhalts kommt es zu weiteren verschachtelten Aussagen, die den Widerspruch des zweifachen Todes immer weiter forcieren. Hinzu kommen merkwürdige Verbindungen in die lokale Drogenszene, die Brennans Ausflug in das Inselparadies alsbald zu einer gefährlichen Angelegenheit machen – die nicht gerade dadurch erleichtert wird, dass ihre beziehungsgestresste Tochter sowie ihr Ex-Liebhaber Ryan ebenfalls aufkreuzen und auch das private Umfeld der Anthropologin zu einem echten Pulverfass machen …

_Persönlicher Eindruck:_

Nehmen wir die positiven Fakten vorweg: Die Story fußt auf einigen brillanten Ideen, ist in ihrem Grundstock auch wirklich schön ausgearbeitet und hat auf der Spannungsebene ein Potenzial, welches problemlos mit den bisherigen Highlights aus dem Reichs/Brennan-Katalog mithalten kann. Hinzu kommen viele geschickte Wendungen, die den Leser auf immer neue Fährten führen und zudem auch den Handlungskomplex um viele Nuancen erweitern, von denen der Plot schlussendlich auch profitieren kann. So weit, so gut also. Allerdings ist die eigentliche Aufarbeitung der Story, analog zu den Entwicklungen der vorherigen Romane, nunmehr noch hektischer und inzwischen darauf fokussiert, Brennans Fachwissen bzw. generell die Arbeiten der Gerichtsmedizin und unzähliger anderer Organisationen näher darzustellen und dies als Basis des Romans zu nutzen. Dem entgegen ist der Ansatz, eine Geschichte zu erzählen, in die man schließlich besagte Facheinrichtungen einführt und deren Bedeutung im Rahmen der Spannungsaufbaus klärt, scheinbar nur noch ein Relikt älterer, berechtigt erfolgreicherer Tage.

Reichs genießt offenkundig ihre eigene Recherchearbeit und streckt die Beschreibungen von Örtlichkeiten, Begebenheiten und Institutionen weit über jenes Maß hinaus, welches man von einem temporeichen Thriller erwartet – und ertragen möchte. Dass die Handlung schließlich immer suspektere Züge annimmt und in vielen Passagen überhaupt nicht mehr authentisch wirkt, ja Reichs nicht nur einmal bereit ist, die Fäden aus der Hand zu geben, damit ihre Abhandlungen über den Vietnamkrieg oder die Organisation zur Identifikation von Kriegsopfern auch genügend Raum bekommen, ist stellenweise erschreckend, da schlicht und einfach nicht mehr viel von der Klasse übrig bleibt, die seinerzeit Werke wie „Knochenarbeit“ oder „Durch Mark und Bein“ auszeichneten. Wo sind die inhaltliche Tiefe, die prickelnden Momentaufnahmen und vor allem diese subtile Spannung hin? Diese Frage keimt im Verlauf des Buchs mehr als nur einmal auf.

Doch statt die Sache wieder ins Lot oder vor allem die durcheinander gewürfelten Elemente wieder in Reihe zu bringen, wird die Autorin immer mehr zum Opfer ihrer eigenen Hektik. Plötzlich drängen weitere Nebenspielwiesen in die Story, die zwar den losen Zusammenhang zu den vorherigen Büchern herstellen – nämlich die Techtelmechtel mit Ryan bzw. ihre eigene Familiengeschichte – die aber bei der Überfrachtung der Erzählung alles andere als produktiv sind. So ist zum Beispiel die Liebelei von Brennans Tochter völlig belanglos und unnötig in den Plot eingebunden und bekommt hierbei Freiheiten, die man lieber für den eigentlichen Fall hätte nutzen sollen. Ähnlich gestaltet es sich bei den sehr faktischen Darstellungen diverser Behörden, die zwar als Randnotizen relativ interessant sind, aber die Geschichte auch nicht derart auf Trab bringen, wie der schlichte, kompaktere Ansatz.

Die Schwerpunktverschiebung ist schließlich auch das größte Dilemma in „Blut vergisst nicht“. Kathy Reichs berichtet stellenweise mehr, als dass sie erzählt und scheint sich selber nicht so ganz sicher, ob sie nun herausforderndes Entertainment oder nüchternes Infotainment betreiben möchte. Beide Sparten werden in diesem Roman abgedeckt, doch da weder die Prioritäten ersichtlich sind, noch ein konkreter roter Faden im Spannungsaufbau bestätigt werden kann, verrennt sich die einstige Garantin literarischer Gourmetware wieder einmal in den vielen Facetten, die ihr Buch abdeckt. Kompakter hätten wir es gerne gesehen, den Fokus mehr auf das gerichtet, was den Kern des Inhalts ausmacht. Denn dann hätte „Blut vergisst nicht“ jene überragende Erzählung werden können, die in der objektiven Inhaltsangabe suggeriert wird. Aber mit derartigen Hypothesen kann und will man sich eben nicht zufriedengeben – nicht einmal als nicht ganz so kritischer Liebhaber der bis dato zwölf veröffentlichten „Brennan“-Romane!

|Hardcover: 384 Seiten
Originaltitel: Spider Bones
ISBN-13: 978-3896673244|
[www.randomhouse.de/blessing]http://www.randomhouse.de/blessing]

McDermid, Val – Lied der Sirenen, Das

_Fesselnd: der verhängnisvolle Gesang der Sirene_

Vier Männer werden in Bradfield tot aufgefunden, alle vor ihrer Ermordung auf das Grausamste gefoltert und verstümmelt. Als der Profiler Tony Hill zum Ermittlungsteam von DCI Carol Jordan hinzugezogen wird, gerät er plötzlich selbst ins Visier des Wahnsinnigen und muss ein ganzes psychologisches Können aufbieten, um sein Leben zu retten.

Der Krimi gewann den Gold Dagger Award für den besten Kriminalroman des Jahres 1995.

_Die Autorin_

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association.

„Tony Hill & Carol Jordan“-Reihe:
1) [„Das Lied der Sirenen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1498
2) „Schlussblende“
3) „Ein kalter Strom“
4) „Tödliche Worte“

Weitere Romane:

5) [„Echo einer Winternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=703
6) [„Die Erfinder des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2602
7) [„Das Moor des Vergessens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6607
8) „Ein Ort für die Ewigkeit“
9) [„Nacht unter Tag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6201

_Handlung_

Detective Inspector Carol Jordan steht neben Detective Sergeant Don Merrick im Regen und starrt auf die grausam verstümmelte Leiche eines Kollegen: Sie weiß es noch nicht, aber es handelt sich um Damian Connolly. Dies ist schon die vierte derart verstümmelte Männerleiche in Bradfield, und immer am Montag taucht alle acht Wochen so eine auf. Connolly wurde zwischen Müllcontainern hinter der Schwulenbar „Queen of Hearts“ gefunden. Gegenüber liegen Künstlerateliers. Hat keiner was gesehen?

Jordans Ermittlergruppe wird zum Versuchskaninchen für die Anwendung der Theorien von Profiler Tony Hill gemacht. Das schmeckt nicht jedem, aber Jordan ist bereit, es mit Hills Serientätertheorien zu versuchen. Vielleicht kommen sie ja damit weiter. Tom Cross hingegen hält nichts von Hills Methode, und das wird zu tragischen Konsequenzen führen.

Während Jordan und Hill die vier Fälle durchgehen, kommen sie einander näher, denn beide sind ledig. Als sie ihn einmal besucht, und eine Frau mit einer verführerischen Stimme auf seinen Anrufbeantworter spricht, ist sie peinlich berührt und will gehen, weil sie nicht in sein Privatleben eindringen will. Er wehrt ab, denn bei der Frau, mit der er Telefonsex hat, handle es sich um ein wissenschaftliches Projekt. Er sagt nicht, dass es für ihn auch eine Therapie seiner Erektionsprobleme darstellt. Das sagt er ihr erst, als alles vorüber ist.

Als Don Merrick in einer Sadomaso-Bar einen Typen ablehnt und von einem anderen angesprochen wird, wird dies zu einem Durchbruch. Fitnessstudiobetreiber Stevie behauptet, er habe alle vier Opfer gekannt; da sie alle nicht schwul waren, halte er die Morde für „Betriebsunfälle“. Na, so was. Ist er vielleicht der Schwulenkiller, den die Sensationspresse „Handy Andy“ getauft hat? Kaum hat Don mit Stevie das Lokal verlassen, um ihn aufs Revier zu nehmen, wird er jedoch von hinten niedergeschlagen.

Zum Glück sind Kollegen ganz in der Nähe, die sowohl den Angreifer als auch Stevie festnehmen. In der Vernehmung sieht es immer schlechter aus für Stevie, und die Durchsuchung seiner Wohnung fördert noch mehr belastendes Material zutage. Dabei wollte er der Polizei doch bloß helfen. Assistant Chief Constable Brandon lässt ihn frei, weil die Beweise nicht ausreichen.

Tom Cross ist schwer frustiert und wird sogar suspendiert. Er ist sicher, „Handy Andy“ erwischt zu haben und sagt dies auch gegenüber einer Sensationsreporterin: Eine Herausforderung an den wahren Killer, falls es ihn gibt. Nach einem Fluchtversuch kommt Stevie in U-Haft und wird dort vergewaltigt.

Eine fünfte Leiche taucht auf, die sich als Werk eines Trittbrettfahrers erweist. Die Lage in Bradfield gerät offenbar außer Kontrolle. Unterdessen sieht Stevie McConnell nur noch einen Ausweg, Jordan erzielt einen Durchbruch und Tony Hill erhält überraschenden Besuch von der verführerischen Frau am Telefon: Angelica will jetzt mehr als nur mit ihm reden …

_Mein Eindruck_

In diesem Krimi führt die bekannte britische Autorin das Gespann Carol Jordan und Tony Hill erstmals zusammen. Und die beiden erweisen sich als äußerst effektiv in ihrer Zusammenarbeit. Zudem kommen sie sich auch privat recht nahe, doch Tony Hill ist kein einfacher Charakter, er verbirgt etwas vor ihr. Nicht nur wird er als empfindsamer Mensch (wie wir alle) dargestellt, sondern auch noch mit einer verhängnisvollen Neigung: Telefonsex. Er ist keineswegs süchtig, doch was die Dame Angelica ihm bietet, ist zu gut, um es ablehnen zu können. Dass er bereits auf ihr „Lied der Sirenen“ hereingefallen ist, bemerkt er leider zu spät. Mehr darf nicht verraten werden.

Carol hat von ihm den Tipp bekommen, dass der wahre Täter – und nicht etwa Stevie McConnell – etwas mit Computern und Kommunikationselektronik zu tun haben könnte. Zum Glück ist Carols Bruder Michael einschlägig vorbelastet und vermittelt entsprechende Kontakte. Es geht um ein interessantes Spiel namens 3D-Discovery, bei dem der Spieler die Köpfe der Figuren durch Fotos von realen Personen ersetzen kann. Cool, nicht wahr? Doch wenn diese Personen bereits getötete Opfer sind, erhält das Spiel seinen ganz eigenen, makaberen Charakter.

Die Autorin zeichnet sich durch ein besonders tiefes Verständnis für die Polizeiarbeit aus, wie sie schon mehrfach bewiesen hat. Diesmal zeigt sie, wie sich bestimmte Polizisten so in eine falsche Annahme verrennen und auf einen falschen Verdächtigen festlegen können, dass nicht nur die Arbeit der Cops behindert wird, sondern auch ein Unschuldiger zu Tode kommt. Die (sehr realistisch dargestellten) Schreie des vergewaltigten Stevie McConnell hätten verhindert werden können, wenn gewisse Cops nicht so stur gewesen wären – oder wenn der Druck der Öffentlichkeit geringer wäre.

Hier spielen die Medien eine ganz besondere Rolle. In ihrer Jagd nach einer heißen Story übt die Reporterin Penny Burgess nicht nur Druck auf die Polizeiführung aus, sondern interviewt auch die Leute mit der falschen Meinung. Sie scheut sich auch nicht, mit Cops ins Bett zu gehen. Dabei erfährt sie dann auch noch, wie die Polizeiführung die Presse an der Nase herumführt. Prächtig! Dass Penny Burgess davon nicht entzückt ist, kann man sich denken. Leider ist ihre Arbeit alles andere als konstruktiv bei der Auffindung des wahren Täters. Ja, perfiderweise gibt sie auch noch einem Trittbrettfahrer den nötigen Vorwand, um einen Mord einem anderen in die Schuhe zu schieben.

Die Handlung gipfelt in einer packenden Szene, in der Tony Hill alle seine kunstvolle Psychologie aufbieten muss, um seinen Hals zu retten. Denn Angelica ist eine Sirene, die wie in Homers Odyssee auf einer Insel lebt, die mit Knochen bedeckt ist …

_Unterm Strich_

Die Handlungsbeschreibung klingt nicht so, als ginge es hier um etwas Weltbewegendes, doch der Eindruck täuscht. Es geht um eine Art Justizirrtum, dem ein Unschuldiger zum Opfer fällt. Die Ermittlungen in der Randgruppe der Homosexuellen und Sadomasos fordert die Cops ganz besonders heraus, auch im physischen Einsatz. Mit einem sehr ungewöhnlichen Täter führt die Autorin nicht nur die Cops lange an der Nase herum.

Und in diesem Krimi führt die Autorin erstmals das erfolgreiche Ermittlergespann Tony Hill, seines Zeichens Profiler, und Carol Jordan, die taffe und aufstrebende Polizistin zusammen, nicht nur beruflich, sondern auch privat. Wenn ich mich nicht täusche, bekam „Tony Hill“ im britischen Fernsehen mit „Die Methode Hill“ eine eigene Fernsehserie, die auch bei uns erfolgreich im ZDF lief.

|Taschenbuch: 479 Seiten
Originaltitel: The Mermaids Singing (1995)
Aus dem Englischen von Manes H. Grünwald
ISBN-13: 978-3426624296|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

Margie Orford – Todestanz

Inhalt

Dr. Clare Hart geht einem schwierigen Beruf nach: Sie sucht vermisste Kinder. Häufig genug findet sie sie, und fast immer sind sie bereits tot. Ihr Job hinterlässt seine Spuren, aufhören kann sie indes nicht: Südafrika ist ein hartes Pflaster, und nachdem sie weiß, was tagtäglich geschieht, kann sie die Augen vor dem Elend nicht mehr verschließen.

Ein anderer, der das Elend kennt, ist Riedwaan Faizal, Polizist und Ermittler in einer Eliteeinheit, die sich dem Kampf gegen die Bandenkriminalität verschrieben hat. Diesem Kampf ist seine Ehe zum Opfer gefallen – seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen, und als sie ihm eines Tages verweigerte, seine Tochter Yasmin zu sehen, hat er das Mädchen aus Verzweiflung entführt. Wie dumm das tatsächlich war, stellt sich heraus, als Yasmin eines Abends nach dem Ballettunterricht spurlos verschwindet: Niemand glaubt daran, dass Riedwaan seine Tochter nicht irgendwo versteckt hat, um ihren bevorstehenden Umzug mit der Mutter nach Kanada zu verhindern.

Margie Orford – Todestanz weiterlesen

McDermid, Val – Erfinder des Todes, Die

_Der Autorenkiller: eine makabre Art von Literaturkritik?_

Eine Mordserie rafft einen bekannten Krimiautor Englands nach dem anderen dahin, pikanterweise nach genau jener Methode, die die Betroffenen zuvor in ihren Büchern so eloquent geschildert haben. Verwechselt der Täter etwa Dichtung und Wahrheit?
Profilerin Fiona Cameron bangt zunehmend um ihren Lebensgefährten, den Thrillerautor Kit Martin. Schon bald bewahrheiten sich ihre schlimmsten Alpträume. Und die Polizei ist natürlich wieder mal auf dem Holzweg …

_Die Autorin_

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association.

„Tony Hill & Carol Jordan“-Reihe:
1) [„Das Lied der Sirenen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1498
2) „Schlussblende“
3) „Ein kalter Strom“
4) „Tödliche Worte“

Weitere Romane:

5) [„Echo einer Winternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=703
6) [„Die Erfinder des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2602
7) [„Das Moor des Vergessens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6607
8) „Ein Ort für die Ewigkeit“
9) [„Nacht unter Tag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6201

_Handlung_

Fiona Cameron ist Profilerin und hat als Täterpsychologin mit ihren Tipps der Metropolitan Police schon so manchen Serientäter finden helfen. Seit ihr kleine Schwester Leslie vor Jahren ermordet wurde, ohne dass man den Täter aufspüren konnte, lastet ein dunkler Schatten – ihre Dämonen – auf Fionas Seele. Die Tätigkeit als Profilerin verschafft ihr Erlösung. Bislang hat sie hervorragend mit Steve Preston zusammengearbeitet, doch seit dem letzten Fall gehen sie getrennte Wege.

Als der „Hampstead-Heath-Mörder“ soll Francis Blake in diesem Londoner Park Susan Blanchett, Mutter von Zwillingen, vergewaltigt und ermordet haben. Allerdings wird Blake vor dem Gericht Old Bailey freigesprochen. Der Grund: Die Polizei, also Preston, habe unlautere Ermittlungsmethoden eingesetzt. Blake, der acht Monate lang in Haft war, fordert Entschädigung für die Zerstörung seines Lebens. Kann man ihm nicht verdenken, deshalb wird er überwacht. Er wird später noch wichtig.

Während Steve Preston also immer noch den wahren Mörder Susan Blanchetts und anderer Vergewaltigungsopfer sucht, beunruhigt Fiona Cameron eine andere Serie von Morden. In Edinburgh wurde der schwule Krimiautor Drew Shand ermordet aufgefunden. Seltsamer folgte der Tathergang fast genau jenem Szenario, das Shand in seinem Serienkiller-Roman „Copycat“ gezeichnet hatte – die Morde Jack the Rippers. Dieser Mord erschüttert Fionas Lebensgefährten: Kit Martin ist selbst Krimiautor und war Shands Kumpel. Erst Fionas Besorgnis um ihn führt ihm die Möglichkeit vor Augen, selbst zum Ziel des Killers zu werden.

Als sowohl er als auch seine Kollegin Georgia lester einen Drohbrief erhalten, ist Fiona verständlicherweise alarmiert. Angeblich sollen die beiden Arbeiten kopiert haben – Blödsinn. Im Internet findet sie die Site „Murder behind the headlines“ (Mord hinter den Schlagzeilen) und stößt auf weitere Informationen. Weniger später wird die Autorin Jane Elias tot aufgefunden – ermordet nach einem Schema aus ihrem Roman „Death on arrival“.

Als auch Georgia vermisst wird, schaltet Fiona Chefinspektorin Duvall von der Metropolitan Police ein. Doch die springt auf einen Typen an, der ihre Pressekonferenz massiv stört, indem er sich als Urheber der Mordserie an Krimiautoren denunziert. Dieser Charles Radford lenkt die Duvall derartig ab, dass sie wichtige Hinweise in andere Richtung missachtet. Steve Preston ist es mit Hilfe einer von Fiona empfohlenen Profilerin, Terry Fowler, gelungen, einen Verdächtigen, einzukreisen: Gerard Coyle könnte der wahre „Hampstead-Heath-Mörder“ sein.

Die Lage spitzt sich dramatisch zu, als Fiona in Edinburgh weilt: Ihr Geliebter Kit Martin wird entführt und soll nach dem Schema aus seinem Roman „The blood painter“ in einem Ferienhaus sterben: Der Täter will ihm das Blut so lange abnehmen und damit die Wände bemalen, bis das Opfer stirbt. Als Fiona die Gefahr erkennt, in der Kit schwebt, ist es schon fast zu spät.

Kann sie noch rechtzeitig zu Kit gelangen, um seinen Tod zu verhindern? Und wer verbirgt sich hinter seinem Entführer?

_Mein Eindruck_

„Die Erfinder des Todes“ ist ein wirklich ausgefuchst clever konstruierter Thriller, der aber einem bekannten Strickmuster folgt. Man führe den Leser auf eine Fährte, die sich zunächst als Irrweg erweist. Dann stelle man eine zweite, scheinbar separate Serie von Taten in den Vordergrund, der von Fährte Nummer 1 ablenkt. Irgendwann werden sich die beiden Handlungsstränge derartig negativ stören, dass der Leser wirklich mit der Hauptfigur – in diesem Fall Fiona – zu zweifeln beginnt, ob das alles noch gut ausgehen kann. An diesem Punkt lasse man der Action sämtliche Zügel schießen, bis es einen oder besser noch zwei Showdowns geben kann.

Val McDermid folgt dem vielfach erprobten Strickmuster auf sehr erfolgreiche Weise. Allerdings ist ihr Anliegen ein ganz anderes, als irgendwelche blutigen Morde bis ins Detail zu schildern, zu sezieren und aufzuklären, wie das etwa Thomas Harris („Das Schweigen der Lämmer“) gemacht hat.

Denn diesmal geraten die Krimiautoren als „Erfinder des Todes“ selbst in die Schusslinie. Und die letzten Absätze, in denen Fiona Resümee zieht, machen klar, warum der Täter die Autoren auf dem Kieker hat. Sie machen die Profiler zu allmächtigen Halbgöttern, die zu allem fähig sind. Und wenn sie dann bizarrste Serienmorde aufklären, glauben die Leser – und später die Kino- und TV-Zuschauer der Verfilmungen – sogar noch, dass die Morde nicht so schlimm sein können: Es gibt ja Leute, die sie aufklären und die Täter der Gerechtigkeit zuführen können.

Der Autorenkiller übt eine makabre Art von Literaturkritik: Er demonstriert den Autoren am eigenen Leibe, wie es sich anfühlt, selbst à la livre ermordet zu werden. Das hat einen gewissen ironischen Charme. Aber es verdeckt das ernsthafte Anliegen der Autorin, die Leser aufzurütteln, zwischen erfundenen und realen Morden und Polizisten bzw. Profilern zu unterscheiden. Man kann ihr zum Vorwurf machen, sie setze selbst die kritisierten Methoden ein. Das haut aber nicht hin, denn weder schildert sie die Greueltaten noch werden diese schon verfilmt.

_Unterm Strich_

„Die Erfinder des Todes“ ist ein ungewöhnlich spannendes Krimiwerk. Geschrieben von einer Kennerin sowohl der Polizeiarbeit wie auch der Krimischreibergemeinde, weiß das Buch sowohl zu unterhalten als auch aufzuklären. Und der actionreiche Showdown in den schottischen Bergen schadet auch nicht. Ich kann das Buch jedem Krimi- und natürlich jedem McDermid-Fan wärmstens empfehlen.

|Taschenbuch: 540 Seiten
Originaltitel: Killing the Shadows (2000)
Aus dem US-Englischen von Doris Styron
ISBN-13: 978-3426622476|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

McDermid, Val – Schlussblende

_Die Methode Hill: vorhersehbar, aber spannend & beklemmend_

Es gibt nichts Schrecklicheres, als die Wahrheit zu kennen, und niemand hört zu. Die junge Polizistin Shaz Bowman ist Mitglied eines Elite-Polizeiteams, das das Verschwinden von 30 Mädchen aufklären soll. Als sie einen berühmten TV-Star verdächtigt, wird sie ausgelacht – und wenig später ermordet. Für den Profiler Tony Hill beginnt ein persönlicher Rachefeldzug, bei dem nicht klar ist, wer Jäger und wer Gejagter ist.

_Die Autorin_

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association.

„Tony Hill & Carol Jordan“-Reihe:
1) [„Das Lied der Sirenen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1498
2) _“Schlussblende“_
3) „Ein kalter Strom“
4) „Tödliche Worte“

Weitere Romane:

5) [„Echo einer Winternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=703
6) [„Die Erfinder des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2602
7) [„Das Moor des Vergessens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6607
8) „Ein Ort für die Ewigkeit“
9) [„Nacht unter Tag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6201

_Handlung_

Die Polizistin Carol Jordan und ihr Exfreund, der Profiler Tony Hill, gehen wieder getrennte Wege. Carol leitet eine Polizeidienststelle im ländlichen Seaford, West Yorkshire, als dort eine Serie von Brandstiftungen erfolgt und „die Neue“ ganz schlecht dastehen lässt. Sie wird sowieso von ihren Kollegen kritisch beäugt. Ihr Förderer und Mentor, Polizeichef John Brandon, empfiehlt ihr, einen Profiler hinzuzuziehen, doch beim Gedanken an eine Wiederbegegnung mit Tony sträubt sich alles in ihr. Sie setzt vorerst auf Überwachung und Beschattung, doch als dabei eine Polizistin vom Brandstifter getötet wird, regt sich ihr Gewissen, und sie gibt sich selbst die Schuld.

|Der Profiler|

Unterdessen kommt Tony Hill mit seinem Lehrkurs „Profiling von Serientätern“ ganz gut voran. Er ist jetzt einer Sondereinheit zugeteilt. Die Polizisten in seinem Kurs sind jung und ehrgeizig, jedenfalls die meisten. Er ahnt nicht, dass Sharon „Shaz“ Bowman in ihn verliebt ist und herausgefunden hat, dass er in Bradfield selbst zum Opfer eines Sexualmörders geworden ist (siehe „Das Lied der Sirenen“). Er gibt den Kursteilnehmern eine knifflige Aufgabe aus dem echten Leben.

Carols Besuch überrascht ihn positiv, doch er lädt sie gleich dazu ein, als kompetente Frau vom Fach an dem Kurs teilzunehmen und die Leistungen zu beurteilen. Leon Jackson, einer der Teilnehmer, liefert keine besonders überzeugende Analyse ab, doch Shaz Bowman tritt mit einer überzeugenden Analyse auf: Sieben Teenagermädchen wurden in den letzten sechs Jahren ermordet, die alle Ähnlichkeiten aufweisen, so etwa in ihrem sozialen Umfeld und in ihrem Aussehen. Hinzukommt ein bemerkenswerter externer Faktor: Sie alle besuchten kurz zuvor eine der Wohltätigkeitsveranstaltungen des ehemaligen Spitzensportlers Jacko Vance.

Leon und Co. finden diesen Verdacht absurd. Seine Frau hätte doch was merken müssen oder? Na, also. Vergessen wir’s. Aber Shaz vergisst nicht. Vielmehr ruft sie Chris Devine an, eine Freundin, die schon mal mit Jacko Vance zu tun hatte und dessen Sekretärin Betsy kennt: Chris und Betsy sind lesbisch. Als Shaz die Telefonnummer von Vance erbittet, warnt Chris sie vor möglichen Folgen.

Am Montag darauf will Simon McNeal, Shaz‘ Freund, Tony Hill sprechen: Er sorgt sich um Shaz. Sie ist nicht zu vereinbarten Dates gekommen. Sie fahren zusammen zu Shaz‘ Wohnung und entdecken eine grausam zugerichtete Leiche. Der toten Shaz fehlen die Augen und die Ohren. Auf ihrem Bauch liegt ein Computerausdruck: Er zeigt die drei weisen Affen, die nicht sehen, nichts hören und nichts sagen. Eine deutliche Warnung!

|Die Gefangene|

Unterdessen hockt Donna Doyle, eine junge Schülerin aus Northumberland, wimmernd vor Angst in einer finsteren Zelle. Sie tadelt sich selbst, dass sie ins Auto dieses Mannes gestiegen ist, angetan mit ihrem besten Kleid. Aber was er dann in seiner Werkstatt mit ihr getan hat … Ihr zerquetschter Unterarm beginnt sich zu entzünden. Sie hat Hunger und Durst. Wird sie jemand rechtzeitig finden?

_Mein Eindruck_

Der Fall führt Tony Hill und seine Schüler auf die Spur eines Serienmörders, der sich hinter seiner Fassade eines prominenten TV-Stars und Exspitzensportlers verschanzt. Kein Wunder, dass sich unterbelichtete Superintendents wie der Schotte McCormack – wunderbar borniert dargestellt von Detelf Bierstedt – nicht an den Promi rantraut, und wenn überhaupt, lässt er sich gleich einwickeln. Er hat vielmehr die Klasse von Tony Hill auf dem Kieker, und nur weil er Hill nichts anhaben kann – Hill ist kein Cop – lässt er ihn (vorerst) laufen. Stattdessen gibt er eine Fahndung nach Shaz Bowmans Freund Simon raus. McCormick ist ein typischer Aktionist: Solange es so aussieht, als täte er was, ist alles in Ordnung, auch wenn es das Falsche ist.

Der Fall führt aber auch Tony Hill und Carol Jordan erneut zusammen, und das auf eine unerwartet romantische Weise. Sie stellen erstaunt fest, dass sie nicht nur einiges füreinander übrighaben, sondern dass sie sich gegenseitig in der Bewältigung der Arbeit helfen können. Schließlich führt dann die letzte heiße Spur zum Versteck des Mörders, und dieses liegt, wie es der Zufall und die Autorin wollen, beinahe im Zuständigkeitsbereich von Carol Jordan.

Die Spannung steigt bis zum Finale, denn nicht nur fragt sich der Leser, ob die Hilfe für Donna Doyle noch rechtzeitig eintrifft, sondern auch, ob die drei Jungprofiler Simon, Leon und Kaye vom Mörder überrascht werden, als sie dessen Versteck betreten, um Donna zu suchen!

_Unterm Strich_

Diese Story, die vor 13 Jahren veröffentlicht wurde, ist sicher eine prima Vorlage für eine Folge in der „Tony Hill“-TV-Serie und funktioniert hinsichtlich aller Abläufe ziemlich glaubwürdig und glatt. Das Problem ist nur, dass der Ausgang schon lange vorher feststeht: Der Mörder, dem wir seine Lügen nicht abnehmen, wird gefasst, soviel ist klar.

Natürlich müssen alle Beteiligten erhebliche Widerstände, mitunter auch aus den eigenen Reihen (McCormack), überwinden, um zum Ziel zu gelangen. Doch dieses Ziel steht von vornherein fest und wird meiner Ansicht nach auch allzu rasch erreicht. Doch wer spannende Unterhaltung sucht und denkt: „In der Kürze liegt die Würze“, der wird mit „Schlussblende“ ausgezeichnet bedient.

|Taschenbuch: 480 Seiten
Originaltitel: The Wire in the Blood (1997)
Aus dem Englischen von Klaus Fröba
ISBN-13: 978-3426502488|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

S. A. Steeman – Die schlafende Stadt

Kriminalinspektor Malaise stolpert in ein flämisches Städtchen und dort in ein mysteriöses Familien- und Morddrama, das trotz seiner Ermittlungen weitere Opfer fordert … – Formal wie inhaltlich ein vom Zahn der Zeit tüchtig angeknabberter Krimi, dessen hübsch bizarrer Plot durch die klischeehafte Zeichnung der Figuren und eine mehr als sieben Jahrzehnte alte und hölzerne Übersetzung stark beeinträchtigt wird.
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