Dunkle Wolken ziehen auf am ganz persönlichen Himmel des irischen Detektive Rob Ryan, als er die Details des neuesten Falls hört, den er und seine Partnerin Cassie Maddox bearbeiten sollen: Eine Zwölfjährige wurde erschlagen und missbraucht auf einem alten Opferaltar auf einer Ausgrabungsstätte bei dem Städtchen Knocknaree gefunden. Was Ryan allerdings wirklich zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass diese Ausgrabungsstätte und der umliegende Wald der Ort sind, in dem vor zweieinhalb Jahrzehnten seine beiden besten Freunde verschwunden sind. Ryan selbst wurde damals nach langer Suchaktion mit blutigen Kleidern und Amnesie gefunden, während Jamie und Peter verschollen blieben. Das mutmaßliche Verbrechen wurde nie aufgeklärt.
Ryan, der nach der traumatischen Erfahrung nach England zur Schule geschickt wurde und die Kleinstadt seiner Kindertage nie wieder gesehen hatte, begibt sich nun mit gemischten Gefühlen zurück an den alten Tatort. Wüssten seine Vorgesetzten davon, dass er ein persönliches Interesse hat, in Knocknaree zu ermitteln, müssten sie ihn von dem Fall abziehen. Ryan weiß das nur zu gut, also enthält er ihnen diese Information vor. Cassie, die davon weiß, deckt sein Schweigen.
In Knocknaree warten alte Geister und neues Grauen auf Ryan und Cassie. Während die junge Frau allerdings mit einigermaßen klaren Sinnen an die Ermittlungen heran gehen kann, wird Ryans Nervenkostüm auf empfindliche Weise auf die Probe gestellt: Die Umgebung bedrückt ihn, seine Unfähigkeit, sich an etwas Relevantes zu erinnern, zermürbt ihn, und alte, längst vergessene Befürchtungen heben ihr hässliches Haupt. Ryan steuert dem Nervenzusammenbruch entgegen. Als ihm schließlich aufgeht, dass er dem Täter ganz nah ist, ist noch lange nicht heraus, ob er in seinem labilen Zustand nicht viel mehr kaputtmachen wird, als er zu helfen imstande ist …
_Kritik_
Tana French ist eine Wortkünstlerin. All das, was sie sagen möchte, umwebt sie mit einem feinen Schleier aus wohlgesetzten Formulierungen: Sie lockt und erklärt, verführt und verletzt, stößt fort und zieht an. Introspektive Erläuterungen, sachtes Philosophieren über Sinn und Zweck von Begebenheiten wechseln sich ab mit dem raschen, leichten Wortgeplänkel zwischen den Partnern und Freunden Ryan und Cassie und sind letztlich doch nur Überbau für die Dunkelheit des Verdorbenen. Es ist ein düsterer Zauber, den French wirkt, und doch folgt man ihr gern. Auf Ryans Spuren stolpert man in ein Netz aus Manipulation und Intrige, das man ebenso wenig erkennen konnte wie er und das umso erschreckender wirkt, als es am Anfang kaum ernstzunehmen wirkte.
Ich beneide Tana French um ihren Stil. Sie schafft es mit spielerischer Leichtigkeit, moderne Umgangssprache und gehobenen Sprachgebrauch miteinander zu verweben, während verschiedene ihrer Kollegen schon mit ersterem ein Problem haben. Hier wirkt nichts bemüht; jedes Wort findet sicher seinen Platz, und so ergibt sich am Ende ein Mosaik, das an linguistischer Schönheit und psychologischer Monstrosität seinesgleichen sucht.
Es ist jede Menge Trauer in diesem Erstling, Wut, Unverständnis und Wehmut, aber auch Witz, Freundschaft, Liebe, Nähe. Es ist eine Komposition, wie sie selten zu finden ist, und ich bin froh, dass ich sie genießen durfte.
_Fazit_
„Grabesgrün“ hat mich vollkommen in seinen Bann gezogen. Mein persönliches Fazit lautet, dass dieses Buch in jedes Regal gehört und jeder, der es nicht liest, wirklich etwas verpasst. Ich habe schon ziemlich viele Kommentare gelesen, die meine ehrfürchtige Begeisterung widerspiegelten, allerdings las ich auch verschiedentlich, dass das Buch langweilig bzw. zu lang sei oder vom Stil her nicht gefiel. Das will mir zwar nicht in den Kopf, aber es ist schon so, dass French mit einigen Dingen Neuland betritt. Hier ist nichts 08/15, es werden keine alten Schemata notdürftig befüllt, und wer auf Explosionen, literweise Blut, atemlos kurze Sätze und Showdown auf Seite 295 steht, der wird vermutlich enttäuscht sein, ja.
Sollten Sie aber einen wirklich spannenden, düsteren Krimi zu schätzen wissen und zu jenen gehören, die wie ich verzückt auf originelle Formulierungen starren und dann mit dem Buch in der Hand durch die Wohnung laufen, um das Ganze jemandem zu zitieren, der gerade nicht weglaufen kann, dann ist „Grabesgrün“ perfekt für Sie.
|Gebundene Ausgabe: 672 Seiten
ISBN-13: 978-3502101918
Originaltitel: In the Woods
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann|
http://www.fischerverlage.de
http://www.tanafrench.com
_Actionreich: Schnitzeljagd auf Shakespeares Spuren_
Bei bizarren Morden in Stratford-on-Avon werden den Opfern, darunter einem Literaturprofessor, Zeilen aus Shakespeares Stück „Titus Andronicus“ auf den Leib gebrannt. Der Geheimdienst des Oberhauses bittet Holmes und Watson, die Verschwörung, die dahinter vermutet wird, zu zerschlagen. Ihr Weg führt sie in den Vatikan, auf ein schottisches Schloss, in die Saint Paul’s Cathedral in London und natürlich in Shakespeares Gruft. Es gelingt Holmes auf sensationelle Weise, das Rätsel um die Identität des berühmten Dichters zu lösen.
_Der Autor_
J. J. Preyer wurde 1948 in Steyr, Österreich, geboren. Nach einem Studium der Germanistik und Anglistik übte er eine Lehrtätigkeit in der Jugend- und Erwachsenenbildung aus. Ab 1976 arbeitete er als Lektor in Großbritannien, gründete 20 Jahre später den |Oerindur|-Verlag und gab unter anderem Romane von C. H. Guenter heraus.
Weitere Werke:
– Sherlock Holmes und die Freimaurer (BLITZ-Verlag)
– Das Kennedy-Rätsel (mit Cisa Cavka; BLITZ-Verlag)
_Handlung_
Der Geheimdienstchef des britischen Oberhauses, Sir Alexander Sisley, und zudem ein Logenbruder von Holmes und Watson, besucht Holmes in dessen Alterssitz, einem Hotel an der Küste von Sussex. Bei diesem Gespräch ist auch der Sohn von Prof. James Moriarty dabei; Stephen ist ein angehender Schriftsteller und tatsächlich auch der Chronist eines Großteils der vorliegenden Ereignisse. Anders als sein Vater ist er jedem Verbrechen abhold und Holmes für den Sieg über seinen Vater dankbar. Leider spricht er dem Alkohol in einem großen Maße zu.
Sisleys spricht von einer Verschwörung gegen das rechtmäßige Königshaus und seine Institutionen. Merkwürdig sind dabei ein paar Morde in Stratford-on-Avon, der Heimatstadt des Dichters William Shakespeare. Den Opfern, darunter einem Literaturprofessor, wurden dabei Verse aus den Stücken Shakespeares eingebrannt. Aber da waren sie zum Glück bereits tot. Seitdem gehen in Stratford Furcht und Schrecken um. Holmes nimmt selbstverständlich den Auftrag der Regierung an, schickt aber lieber seinen Freund Watson nach Stratford, damit dieser über die Vorgänge berichtet.
|In Stratford|
Watson gerät im Februar in die Vorbereitungsphase für die neue Saison, die im April beginnt. Das heißt, dass noch kein einziges Stück öffentlich aufgeführt wird, sondern nur Proben stattfinden. Aber an manchen Kleinbühnen werden Best-of-Zusammenstellungen dargeboten, die sehr gut besucht sind, so etwa die Zähmung der Widerspenstigen, das Liebeswerben des alten Malvolio um seine junge Herrin und dergleichen mehr. Bei dieser Gelegenheit tritt ein Trio von Frauenrechtlerinnen auf, die Freiheit für Frauen fordern und das Stück „Der Widerspenstigen Zähmung“ verdammen. Sind das schon Verschwörer, fragt sich Watson. Schon bald wird der Schauspieler Charles Wolseley, Vater der frischvermählten Braut Kitty und Darsteller des Titus Andronicus, vermisst.
Watson macht nähere Bekanntschaft mit der Tochter des ermordeten Literaturprofessors Robin Wilcher. Die junge Myra ist die Tochter von dessen 55 Jahre altem Assistenten Prof. Jonathan Hall. Sie kennt sich bestens mit Shakespeares Stücken aus, so etwa mit „Titus Andronicus“, einer wahren Schlachtplatte aus der frühen Schaffensperiode. Ist das krude Stück wirklich von dem Mann aus Stratford, oder hat es nicht doch Christopher Marlowe geschrieben, bekanntlich ein Spion im Dienste der Königin?
In der folgenden Nacht dringt ein Unbekannter durch einen Geheimzugang des offenen Kamins in Watsons Hotelzimmer ein, doch Watson, der alte Soldat, schläft nur mit einem Auge. Mit seiner zuverlässigen Webley-Pistole schießt er dem Eindringling ins Knie, dass dieser sofort Reißaus nimmt. Ein Brenneisen mit der Zeile „Hat der Himmel mehr als eine Sonne?“, das er im Kaminfeuer erhitzen wollte, lässt er fallen. Der Geheimgang führt über Umwege ins Freie. Watson zieht um.
Myra Hall war die Freundin des gemischtrassigen Regisseurs Robert Norton, bevor sie Hall heiratete, und hatte mit ihm einen Shon namens Ashley. Norton inszeniert jetzt den „Titus Andronicus“ neu, aber mit einer Aussage über den Rassismus im Stück: Der Liebhaber der Gotenkönigin ist ein Mohr und ihrer beider Kind ein Mischling. Dieses Kind wird auf der Bühne mit einem Schwert aufgespießt. Als Watson mit Myra in Robert Nortons Büro geht, stoßen sie auf dessen Leiche, gebrandmarkt und mit einem Schwert aufgespießt. Die Zeile lautet diesmal: „Den gottverdammten Mohr bringt vor Gericht“.
Myra bedauert den Tod ihres Verlobten sehr und nimmt Ashley bei sich und ihrem Vater auf. Sie vertrauen sich Dr. Watson an und zeigen ihm, was Prof. Wilcher entdeckt hatte: eine geheime Landkarte von Hinweisen (S. 91). Darauf stehen folgende Namen:
1) Trinity (= Holy Trinity Church zu Stratford, wo sich Shakespeares Gruft befindet);
2) Sterling (eine Stadt und ein Schloss in Schottland);
3) Westminster, was möglicherweise die Westminster Abtei meint, wo sich eine Büste des Dichters befindet;
4) Monument: das Stuart-Monument in Rom, meint Myra.
Kurz nach dieser erstaunlichen Entdeckung brennt nach einer Explosion das Hotel nieder, in dem Watson noch kurz zuvor gelegen hatte. Es ist einfach zu viel für ihn; er ruft Holmes zu Hilfe, der dem Ruf folgt. Zum Glück hält man nun Watson allgemein für tot, umgekommen in den Flammen des Hotels. Dabei logiert er quicklebendig auf einem Hausboot. Doch nicht für lange: Nachdem sie Myra Hall in ihr Vertrauen gezogen haben – sie ist hocherfreut, Watson am Leben zu sehen, und küsst ihn! -, setzen sie alle Hebel in Bewegung, um mit Hilfe eines Fachmanns in die Gruft des Dichters einzubrechen.
Wird sich dessen auf der Grabplatte eingravierter Fluch bewahrheiten, der jeden, der seine Knochen zu bewegen versucht, mit dem Tod bedroht?
_Mein Eindruck_
Diese Sherlock-Holmes-Pastiche liest sich so flott und leicht wie ein Heftchen-Roman und weist genauso wenig überflüssiges Material auf. Vielleicht war der Roman zunächst als Nachfolger für das Buch „Sherlock Holmes und die Freimaurer“ vom selben Autor geplant. Er liest sich jedenfalls wie eine Fortsetzung, kann aber eigenständig bestehen und vom Leser ohne Vorkenntnisse verstanden werden. Es wird zwar etliche Male auf die Freimaurer Bezug genommen, doch eine tiefere Kenntnis als die für die Allgemeinbildung übliche (man sollte schon mal von der Existenz der Logen gehört haben) ist nicht erforderlich. Das erleichtert die Lektüre erheblich.
Anspruchsvoller wird die Geschichte mit der Einführung der Shakespeare-Zitate. Die zugehörigen Stücke – es sind die zentralen und bedeutendsten Stücke des Dichters – setzt der Autor mit Recht als bekannt voraus, denn schließlich weiß der Leser allein schon durch den Titel, was auf ihn zukommt. Das große Rätsel der Identität des Dichters sollen die Stücke lösen helfen.
Allerdings bezieht sich die Handlung in erster Linie auf das blutige Stücke „Titus Andronicus“, das in Stratford am Memorial Theatre geprobt wird. Geschickt versteht es der Autor, die Hinweise des Stückes auf den möglicherweise wahren Schreiber der Stücke zu beziehen (sinnigerweise sind alle TITUS-Zeilen vom Autor selbst übersetzt – traue dem, wer will). So soll es um einen dunkelhäutigen Mischling gehen, der möglicherweise zwei Väter hat. Aber ist es gestattet, so mir nichts, dir nichts von einem Stück auf die Biografie des wahren Schreibers zu schließen? Ich finde dies ein wenig gewagt. Dr. Watson geht es genauso.
Aber dieser Wahnsinn, wenn es denn einer ist, hat Methode. Und diese führt die Figuren zu einem großen Erfolg, nämlich der Entdeckung eines bislang unbekannten Shakespeare-Stücks mit dem Titel „Elizabeth“. Der Autor scheut sich nicht, etliche Verse daraus als Weltneuheit in eigener „Übersetzung“ zu präsentieren. Wohl dem also, der seinen Shakespeare kennt und nicht auf diesen Schwindel hereinfällt. Aber hübsch und charmant ist diese Fiktion denn doch.
|Die Lösung ist elementar, Watson!|
Nun erhebt sich die berechtigte Frage, was denn die Identität eines Dichters des 16. und 17. Jahrhundert, bitteschön, mit der Verschwörung gegen die Legitimität der englischen Krone zu tun haben soll. Die Antwort kann nur auf eine Weise lauten: Shakespeare war nicht der Schreiber jener Stücke (oder zumindest nicht der besten), sondern vielmehr war es eine königliche Majestät, die nicht vor dem Zeilenschinden zurückschreckte. Als Throninhaber ist er selbstverständlich für die englische Krone relevant. Und wer weiß? Womöglich findet sich in seiner Gruft noch weiteres ketzerisches Material!
Deshalb führen Sherlock und der Autor die zwei Liebenden Stephen Moriarty und Myra Hall in einem furiosen James-Bond-Showdown zu eben diesem entscheidenden Ort, wo sich allerlei Geheimnisse lüften lassen. Und selbstredend taucht auch der Gegner hier auf, der so viele gebrandmarkte Leichen auf dem Gewissen hat – und um ein Haar auch den guten Dr. Watson. Dies ist aber nur das actionreiche Vorspiel zur eigentlichen Konfrontation mit Sherlock Holmes. Die findet wieder im vermeintlich so friedlichen Provinzkaff Stratford statt.
Den Bösewicht hat sich der erfahrene Krimikenner eigentlich gleich ausrechnen können, doch er wird niemals auch nur mit einem Sterbenswörtchen verraten, bevor die Szene dafür bereitet ist, komplett mit Feuerzauber, Pistole und tödlichem Ausgang. Dieser Sherlock-Krimi arbeitet mit allen Finessen und Zutaten, so dass ich mich bestens unterhalten fühlte.
|Tabus|
In einem genüsslich stets ans Licht gezerrten Subtext beutet der Krimi mehrere Tabus aus. Da wäre zunächst das rassische, nämlich die Verbindung zwischen einer weißen Frau (Myra Hall) und einem schwarzen Mann, hier dem Regisseur Robert Norton. Diese früher verbotene Verbindung ist ein Echo der gleichen Verbindung zwischen der Gotenkönigin Tamora in „Titus Andronicus“ und ihrem „Mohr“, aber auch eine Parallele zu Königin Maria Stuart und ihrem Liebhaber Daniele Rizzio, der vor ihren Augen bestialisch hingemeuchelt wurde. Der Autor deutet an, dass Maria später einen seiner Mörder, Bothwell, heiratete. Das Kind mit den zwei Väter aus dieser Zeit war König James I. Stuart, der nach Elizabeths Tod England und Schottland regierte – ein Mischling auf dem Thron?!
|Homosexualität|
Das zweite alte Tabu, das der Krimi immer wieder streift, ist die Homosexualität. Der Sohn des Schauspielers Charles Wolsely, der beinahe verbrannte Maler William, wird mit Homosexualität in Verbindung gebracht, aber auch mit Wahnsinn. Da er aber aus einer Schauspielerfamilie stammt, könnte dieser Wahnsinn vorgetäuscht sein.
Weit wichtiger aber ist die unterstellte gleichgeschlechtliche Neigung bei William Shakespeare. In einem seiner berühmtesten Sonette „Shall I compare thee to a summer day?“, das der Autor des Krimis selbst übersetzt hat (wiederum ist Vorsicht angebracht), bewundert der Dichter einen Mann, fällt aber über Frauen ein verachtungsvolles Urteil. Das ist natürlich ungerecht, und wie der verheiratete Dichter dazu kam, bleibt so lange ein Rätsel, bis der wahre Urheber dieses Sonetts offenbart wird: eine königliche Majestät mit entsprechender Neigung!
|Geschlechtertausch|
Das dritte Tabu besteht im Geschlechtertausch, und es steht in engem Zusammenhang mit Homosexualität. Es ist hoffentlich bekannt, dass es den Theaterproduzenten zur Zeit Shakespeares (1564-1616) bei Todesstrafe verboten war, Frauen als Schauspieler einzusetzen. Das ist ja auch der reizvolle Kitzel in dem OSCAR-prämierten Film „Shakespeare in Love“, in dem es eine edle Dame aus Liebe wagt, sich als Mann zu verkleiden, um neben ihrem Angebeteten auftreten zu können. Das verleiht der Sterbeszene in „Romeo und Julia“ erst die rechte Würze!
Es ist schade, dass der Autor die Möglichkeiten dieses Aspektes nicht für seine Handlung ausgeschöpft hat. Myra Hall wäre dafür geradezu prädestiniert: Sie ergreift die Initiative, besorgt sich auf eigene Faust einen geheimen Code, fährt nach Schottland und dringt Bond-mäßig in das königliche Schloss und die entsprechende Gruft der Stuarts ein. Sie scheut auch nicht davor zurück, einen Revolver zu handhaben.
Solche Amazonen suchte ich in Klaus-Peter Walters Sherlock-Pastiche „Sherlock Holmes im Reich des Cthulhu“ vergebens. Dort bleiben Männer quasi unter sich, was auf Dauer doch ziemlich langweilig ist. Mit Peter Prange bin ich einer Meinung: „Frauen machen das Leben spannend und bunt. Sie sind die geborenen Romanfiguren.“ (siehe mein [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=97 mit Peter Prange.)
|Dan Brown lässt grüßen|
In „Titus Andronicus“ werden Tabus am laufenden Band gebrochen, so dass auch beispielsweise Kannibalismus vorkommt. Aber das ist kein Handlungselement für den Krimi. Auch die Tatsache, dass der Mörder im Krimi Leute am laufenden Band brandmarkt, verhilft dem einen oder anderen Leser zu einem Kick. Mich erinnerte dieses Motiv viel zu sehr an Dan Browns „Illuminati“, um es amüsant zu finden. Auch die Szene, in der Watson entscheidende Hinweise auf einer Seidentuch-Landkarte präsentiert werden, könnte ich mir in einem Thriller mit Robert Langdon bestens vorstellen.
_Unterm Strich_
Ich fand diesen Holmes-&-Watson-Krimi recht kurzweilig und actionreich – wie in einem Heftchenroman passiert ständig etwas und die Szenen wechseln sehr rasch. Und doch verliert der Autor nie den Faden in seinem dichten Geflecht aus Querverbindungen, und verrät auch die Identität des Mörders nicht vor dem entscheidenden Moment. Die Identität Shakespeares wird natürlich schon viel früher gelüftet, und daraus ergeben sich etliche Schlussfolgerungen. Zudem hat der Vorschlag des Autors einiges für sich.
Das ist aber nicht entscheidend für den Erfolg der Geschichte auf einer inhaltlichen Ebene. Vielmehr ist auschlaggebend, dass die Motivation des Mörders bzw. Verschwörers, wie der Geheimdienstchef ihn bezeichnet, nachvollziehbar ist. Damit steht und fällt das gesamte Gebäude aus Fiktionen. Mir jedenfalls gelang es durchaus, dieses Motiv nachzuvollziehen. Es handelt sich um Rache und Verachtung. Ein Motiv, das in „Titus Andronicus“, aus dem der Mörder per Brandzeichen zitiert, eine grundlegende Rolle spielt. So kommt eines wunderbar gefügt zum anderen.
Schade, dass sich der Autor nicht stärker bemühte, Szenen und Locations auszumalen, um dem Format des Romans stärker gerecht zu werden. Aber immerhin gibt es mehrere Spannungs- und Motivbögen, die alle sauber abgeschlossen werden. Das kann man nicht von jedem Buch behaupten.
Auch die Ähnlichkeit zu Dan Browns Thrillern ist mir aufgefallen. Sie mag heutzutage unvermeidbar sein, aber man hätte sie vielleicht besser verschleiern können. Wenigstens hat sich Dan Brown noch nicht an Shakespeare vergriffen – das kommt womöglich noch. Insofern kann der Autor einiges an Originalität für sich in Anspruch nehmen, von seiner eigenen Übersetzung der Shakespeare-Verse aus „Elizabeth“, das wir bis dato noch nicht kannten, mal ganz abgesehen.
|Criminalbibliothek, Band 2
256 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-89840-278-1|
http://www.BLITZ-Verlag.de
http://www.oerindur.at/preyer.hth
„New York, New York“ sang Frank Sinatra einst und der Big Apple hat uns bis heute nicht losgelassen. In seinem Thriller „Im Schlund des Drachen“ nimmt Colin Harrison den geneigten Leser mit auf eine Reise durch die Stadt, die niemals schläft …
Die Chinesin Jin Li leitet in New York die Reinigungs- und Aktenvernichterfirma ihres großen Bruders Chen. Der wiederum nutzt diese auch zu unlauteren Zwecken: Industriespionage. Einige der Akten, die eigentlich nicht für fremde Augen bestimmt sind, werden von Jin Li abgeschöpft und analysiert, um ihrem Bruder Insidertipps für den Aktienhandel nach China zu schicken.
Doch eines Tages kommt man ihr auf die Schliche. Als sie mit zwei Mitarbeiterinnen der Firma abends unterwegs ist, werden die beiden Mexikanerinnen brutal umgebracht. Jin Li kann fliehen, doch sie glaubt, dass der Anschlag ihr gegolten hat und informiert ihren Bruder. Chen kommt sofort nach Amerika, aber nicht um seine Schwester zu schützen, sondern um seine eigene Haut zu retten. Er findet heraus, dass der Ex-Feuerwehrmann Ray Grant in Jin Lis Leben eine große Rolle gespielt hat und zwingt ihn nach seiner Schwester zu suchen. Doch das erweist sich als alles andere als einfach und fordert noch mehr Menschenleben in einem eng verwobenen Geflecht aus finsteren Machenschaften und Gefälligkeiten …
„Im Schlund des Drachen“ weiß eigentlich nicht so genau, was für ein Buch es sein möchte. Ein Thriller oder doch eher eine belletristische Diashow von New York? Harrison versucht beides zu vermengen. Er scheitert nicht daran, aber er wird dem Ganzen auch nicht wirklich gerecht. Das Problem ist, dass die Abschnitte, die er der Beschreibung der Lebenszustände von Arm und Reich in New York widmet, häufig recht lang sind und die Handlung unterbrechen. Davon abgesehen bieten sie teilweise nichts Neues. Man kennt diese Sachen schon aus Filmen oder Büchern, selbst wenn man die Stadt noch nicht besucht hat.
Die Thrillerhandlung wird dadurch in die Länge gezogen. Dadurch, dass die Geschichte außerdem aus der Perspektive mehrerer Personen erzählt wird, fällt es schwer, einen konsistenten Handlungsstrang auszumachen. Man kann natürlich einwenden, dass Harrison die Geschichte einfach in ihrer ganzen Breite darstellen wollte, aber Jin Lis Flucht, Rays Suche, die Aktienprobleme eines alten Mannes, die Ermittlungen von Rays Vater, der Amerikabesuch von Chen und die Probleme einer Führungskraft eines Pharmakonzerns – das ist ein bisschen viel. Es macht die Handlung anschaulich, aber leider zerfällt sie dadurch auch stark, was zu Lasten der Spannung geht.
Die Personen werden trotz ihrer Vielzahl gut eingeführt und Harrison stellt ihre Gedanken, Gefühle und Handlungen sehr ausführlich dar. Für einen kurzen Moment ist man ihnen ganz nahe und lernt sie gut kennen. Auch wenn der Autor eine gewisse Distanz zu den Figuren aufrecht erhält, sind sie es, die das Buch lesenswert machen. Ihre Originalität äußert sich vor allem durch große charakterliche Tiefe und eine sehr authentische Darstellungsweise, die Harrison packend und mit genau den richtigen Worten untermalt.
Überhaupt hat Harrison ein Händchen für die richtigen Worte. Sein Schreibstil ist flüssig und treffsicher. Das Besondere ist seine Art, die Stadt zu beschreiben. Hier holt er häufig weit aus und wird manchmal fast ein bisschen poetisch, wie ein außenstehender Beobachter, der nicht viel damit zu tun hat, sich aber hinein fühlen kann. Die Handlungselemente, in denen es um den eigentlichen „Fall“ geht, sind hingegen knapper gehalten, was aber nicht unbedingt schlechter bedeutet. Auch sie sind sehr gut geschrieben und wären sicherlich zu einem herausragenden Thriller verschmolzen, wenn Harrison die Handlung etwas kompakter dargestellt hätte.
Dadurch ist „Im Schlund des Drachen“ nicht unbedingt der spannendste Thriller, aber er ist doch recht gut gelungen. Der Schreibstil und die Personen zeigen, was Harrison drauf hat und wieso seine anderen Bücher so hoch gelobt werden.
|Originaltitel: The Finder
Aus dem Amerikanischen von Anke und Eberhard Kreutzer
445 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3426198674|
Cornelia Reads erster Kriminalroman [„Schneeweißchen und Rosentot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5079 hat der Autorin viel Lob eingebracht. Mit „Es wartet der Tod“ sollte das nicht anders sein und zwar nicht nur, weil Madeline Dare wieder mit von der Partie ist.
Madeline Dare, eine achtundzwanzigjährige Frau mit ungewöhnlicher Vorgeschichte, ist Lehrerin an einer Privatschule in den Bergen von Massachusetts. Auf der Santangelo Academy sollen kriminelle, drogenabhängige und schwer erziehbare Jugendlichen wieder auf den richtigen Weg geführt werden. Doch die Methoden dazu sind fragwürdig. Dr. Santangelo, der Gründer der Schule, ist ein Exzentriker, der zu sektenartigen Ritualen neigt und der auch von den Lehrern ein völliges Aufgehen in den Regeln der Lehranstalt fordert. Regelmäßige Gruppentherapiesitzungen, Rauch- und Kaffeeverbot sind nur ein Teil dieser merkwürdigen Vorgänge.
Madeline kommen immer mehr Zweifel an der Santangelo Academy, als sie erfährt, dass Mooney und Fay, zwei ihrer Schüler, ein Kind erwarten. Mooney vertraut sich ihr an und erzählt von ihrer Angst, dass Santangelo oder Fays Eltern sie zwingen könnten, das Kind auszutragen, was sie beide nicht wollen und können. Da sie mit Beruhigungspillen voll gepumpt werden, sind die Aussichten, dass das Kind gesund ist, gering und der Ärger wäre auf jeden Fall beträchtlich. Doch bevor sie eine Lösung für das Problem finden, werden die beiden während einer Geburtstagsfeier ermordet. Jemand hat ihre Drinks vergiftet – und dabei auch den von Madeline erwischt und ihr Fays Kette in die Tasche gesteckt. Die Polizei glaubt deshalb, dass die junge Lehrerin in den Fall verwickelt ist, doch das lässt diese nicht auf sich sitzen …
Der englische Originaltitel „Crazy School“ beschreibt das Buch wesentlich besser als die deutsche „Übersetzung“. Cornelia Read bringt den Wahnsinn der Santangelo Academy gekonnt auf den Punkt: Merkwürdige Rituale, psychischer Druck, gestörte Teenager und noch gestörtere Lehrer – ohne Rücksicht auf Verluste schildert die Autorin, wie eine Privatschule aussehen könnte, wie sie sich gibt und was hinter den Kulissen abläuft. Ihre Darstellungen sind so realistisch, dass dem Leser ein Schauer über den Rücken läuft. Viele Elemente erinnern an Gerüchte und Geschichten, die man über Sekten hört, vor allem die Stellung Santangelos. Er wird als Person so unberechenbar und beklemmend geschildert, dass nicht nur Madeline es mit der Angst zu tun bekommt.
Die Handlung ist unglaublich dicht und spannend erzählt. Die Beschreibungen der Schule sind stets kurz, aber sehr intensiv und vieles vermittelt Read nicht über Erklärung, sondern indem sie es in die Handlung integriert. Der Leser erlebt es durch Madelines Augen mit – und zieht seine eigenen Schlüsse, auch was die Morde angeht. Hierbei führt Read den Leser und die Hauptperson gekonnt an der Nase herum. Sie baut Überraschungen, Sackgassen und Action ein, ohne dabei zu stark ins Krimigenre abzurutschen. Insgesamt ist die Handlung nämlich erfreulich belletristisch gehalten. Berichte über den Schulalltag, Schlagabtäusche zwischen Madeline und ihrem Ehemann und Madelines wachsende Ahnung, dass in der Schule etwas nicht stimmt, wechseln sich mit dem eigentlichen Krimigeschehen ab, überwiegen es häufig sogar. Trotzdem hat das Buch keine Längen. Es geht Schlag auf Schlag und ist unglaublich mitreißend.
Das liegt sicherlich auch an der fabelhaften Ich-Erzählerin. Madeline ist alles, was man sich als Leser nur wünschen kann: anders, überraschend, frech, schlagfertig, witzig, unterhaltsam. An dieser Stelle könnten noch eine Menge andere Adjektive stehen und selbst dann würden sie nicht ausreichen, um Madeline zu beschreiben. Von ihrem Wesen her ist sie erfrischend anders, vor allem für einen Krimi. Allein ihr Humor und ihre Schlagfertigkeit sorgen dafür, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Das gilt im Übrigen auch für andere Personen: Amüsante Dialoge sind Reads Steckenpferd. Mit „Es wartet der Tod“ kann man tatsächlich eine Menge Spaß haben. Der Roman sprüht nur so vor Energie, Wortwitzen und tollen Beschreibungen. Hinzu kommt Reads Lakonie, ihre Treffsicherheit bei der Wortwahl und ihr Abwechslungsreichtum.
„Es wartet der Tod“ ist wohl einer der überraschendsten Krimis des Jahres. Eine fantastische Hauptfigur mit viel Humor und eine Handlung, die trotz des großen Anteils an Belletristik unglaublich spannend ist – Cornelia Read sollte man im Auge behalten.
|Originaltitel: Crazy School
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
337 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3423247535|
Emily Wallace ist aufgeregt: Sie darf tatsächlich die Anklage im Fall von Gregg Aldrich führen, der seine Ehefrau, die berühmte Schauspielerin Natalie Raines, erschossen haben soll. Die junge Frau wirft sich mit aller Kraft in die Arbeit: Noch ist sie Assistenzstaatsanwältin, aber wenn sie jetzt alles richtig macht, dann steht ihrer Karriere ein kräftiger Schub bevor.
Sie hat keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Er stand schon immer unter Verdacht, mit Natalies Tod etwas zu tun zu haben, die sich zum Zeitpunkt ihres Todes von ihm hatte scheiden lassen wollen. Doch man hat ihm nie etwas beweisen können, bis sich jetzt plötzlich, drei Jahre später, ein Zeuge gefunden hat. Kein besonders Vertrauen erweckender Zeuge, zugegeben, aber er hat eine unwiderlegbare Geschichte, die den Angeklagten schwer belastet.
Emily feilt an ihren Verhören und Plädoyers, und es läuft gut für die Juristin, bis der Angeklagte selbst zu Wort kommt. Dann zeigen sich Risse in der glatten Fassade: Kann Emily tatsächlich noch aus ganzem Herzen an die Schuld des Mannes glauben? Widerstrebend gesteht sie sich ein, dass eventuell doch mehr hinter dem Tod der Schauspielerin steckt als Eifersucht – tatsächlich hat sie das Gefühl, dass sich im Dunkeln eine ganz andere Geschichte verbirgt, düsterer, weniger alltäglich, mit Wurzeln, die tief in der Vergangenheit stecken.
Das unheimliche Gefühl, das sie die ganze Zeit über begleitet, stammt allerdings nicht allein von dem Fall her, der ihr über den Kopf zu wachsen droht: Auch in ihrer unmittelbaren Nähe bereitet sich eine Katastrophe vor, die sie keinesfalls kommen sehen kann.
Um Emily zieht sich ein unsichtbares Netz zusammen, und unversehens findet sich die Jägerin in der Rolle der Gejagten wieder …
_Kritik_
Mary Higgins Clark hat zuverlässig einen weiteren unheimlich spannenden Thriller abgeliefert. Trotz verschiedener Perspektiven wird genug Raum für Zweifel jeglicher Art gelassen, und die einzelnen Personen gehen dem Leser jeweils auf ganz eigene Art und Weise ans Herz, genauso, wie die Einblicke in das kranke Gemüt eines Psychopathen unmittelbares Gruseln auslösen.
Clark schreibt stilistisch nicht bombastisch, aber rund und flüssig: Ihre Wortwahl lässt den Leser schnell über die kurzen Kapitel hinweg fliegen, und das ist bei ihrer Art von Buch das einzig Richtige. Schlangensätzen oder komplizierten Konstruktionen kann zwar eine ganz eigene Schönheit innewohnen, aber deren müßige Betrachtung würde bei der atemlosen Spannung, die Clark aufbaut, doch nur hinderlich wirken. Die schnellen Szenenwechsel erhöhen das Erzähltempo und lassen den Leser mit befriedigender Geschwindigkeit auf den Knalleffekt am Ende zu sausen.
Die Charaktere, die diese Autorin erschafft, sind auch in diesem Roman von hoher Glaubwürdigkeit, sowohl mit ihren guten Seiten als auch mit ihren bösen. Und doch kann es immer wieder zur Überraschung kommen, wenn plötzlich eine Maske fällt und sich das Böse in einer vollkommen neuen Form zeigt.
Auch die Art, wie sich zwei Pflanzen des Verbrechens unbemerkt aufeinander zu entwickeln, ohne die jeweils andere wahrzunehmen, bis sich letztendlich ihre Zweige ineinander verstricken, ist wunderschön subtil gelöst.
_Fazit_
Die Lady of Crime hat diesem ihrem Ehrentitel einmal mehr alle Ehre gemacht. „Denn niemand hört dein Rufen“ jagt dem geneigten Leser nicht nur einen Schauer über den Rücken. Man schwankt auch dauernd in seiner Parteinahme und verdächtigt mal diesen und mal jenen.
Mary Higgins Clark gehört zu Recht zu den erfolgreichsten Thrillerautorinnen unserer Tage; es kommt einfach nicht vor, dass eines ihrer Bücher öde, langweilig oder vorhersehbar ist. Auch wird die Vorstellungskraft der Leser nicht überstrapaziert; eher ist es so, dass der jeweilige Fall aus einem Blickwinkel beleuchtet wird, der für alle ersichtlich ist. Dass diese einfachste Lösung aber selten die Richtige ist und sich in den Schatten noch ganz andere Tatsachen verbergen, wird Schritt für Schritt aufgezeigt, und wie sich das Bild dann wandelt, ist immer wieder ein hübsch anzusehender Zaubertrick.
Wenn Sie Thriller mögen, kommen Sie an Mary Higgins Clark nicht vorbei. Vielleicht explodiert hier nicht andauernd etwas, aber das tut der Spannung keinen Abbruch.
|Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Originaltitel: Just Take My Heart
aus dem Amerikanischen von Andreas Gressmann und Karl Heinz Ebnet
ISBN-13: 978-3453266070|
http://www.randomhouse.de/heyne
http://www.maryhigginsclark.com
_Mehr von Mary Higgins Clark auf |Buchwurm.info|:_
[„Und hinter dir die Finsternis“ 4283
[„Requiem für einen Mörder“ 3108
[„Nimm dich in acht“ 2042
[„Mein ist die Stunde der Nacht“ 1981
[„Hab Acht auf meine Schritte“ 1799
[„Denn vergeben wird dir nie“ 378
Laura Gottberg, Münchner Kommissarin und Mutter zweier Halbwüchsiger, kann ihr Glück noch kaum fassen: Zwei volle Wochen kann sie nun einzig und allein mit Commissario Angelo Guerrini verbringen. Trotz aller Unwägbarkeiten haben die beiden viel beschäftigten Polizisten es geschafft, gleichzeitig Urlaub zu bekommen. Und den wollen sie zusammen verbringen: Es ist das erste Mal in ihrer inzwischen zweijährigen Beziehung, dass sie sich so lange Zeit am Stück sehen.
Angelo hat Laura mitgenommen in das Ferienhaus seiner Kindheit. Es liegt in einem noblen Resort an der toskanischen Küste, und Angelo fällt erst vor Ort auf, dass die Idee vielleicht nicht perfekt war: Die eine oder andere unschöne Erinnerung an seine Kindheitsferien kommt wieder hoch – ob es tatsächlich so gut ist, Laura dabeizuhaben? Er will sie ja nicht verschrecken.
Ehe Guerrini entscheiden kann, wie er mit den metaphorischen Leichen aus seiner Vergangenheit umgehen soll, trifft Laura beim Schwimmen auf eine tatsächliche. Guerrini explodiert: Er hat Urlaub und will nichts mit dem Toten zu tun haben! Doch als der ihm tatsächlich den Gefallen tut zu verschwinden und einer der Resortwächter gleich mit ihm, ist auch Guerrini klar, dass sie nun nicht mehr so tun können, als sei nichts passiert.
Ohne Anhaltspunkte strecken Angelo und Laura ihre Fühler aus, einzig geleitet von jahrzehntelang geschultem polizeilichen Instinkt, und tappen blindlings in ein Spiel hinein, das eine Nummer zu groß für sie ist und in dem ein Menschenleben nicht viel zählt.
Als der geheimnisvolle Fall dann auch noch Verbindungen zu Angelos weniger schönen Jugenderinnerungen aufzuweisen beginnt, ist der Urlaub wirklich völlig im Eimer: Der Commissario muss fürchten, dass der Fall seine Fangarme bis in seine eigene Familie hinein ausgestreckt und Narben hinterlassen hat. Zum Glück hat er Laura dabei, die bereit ist, mit ihm Schulter an Schulter bei Bedarf auch das organisierte Verbrechen herauszufordern …
_Kritik_
Felicitas Mayall hat mit der Beschreibung des Resorts einmal mehr Großes geschaffen: Wie sie die oberflächliche Schönheit beschreibt, die doch so trügerisch ist wie Treibsand, das ist ganz wunderbar gelungen. Die Atmosphäre, die ständig zwischen beschaulich und bedrohlich schwankt, ist ebenso gut herausgearbeitet wie die Stimmung zwischen Laura und Angelo, die sich so gern öffnen wollen und es doch nur unter Schwierigkeiten schaffen, bedrängt von äußeren Einflüssen und inneren Bedenken.
Auch die beschränkte Zahl der Personen vor Ort, die alle – durch die Urlaubssituation? Oder aus düstereren Gründen? – seltsam unwirklich erscheinen, lädt die Spannung noch auf. Wer von ihnen ist ein Verbrecher? Ist noch ein Ermittler vor Ort? Wo ist dieser Wachmann? Welche Rolle spielt der einsiedlerische alte Dichter, der fast das ganze Jahr hier verbringt? Und lässt Angelo sich in seinem Verdacht von alten Antipathien leiten oder steckt hinter seiner lebenslang gehegten Abneigung mehr?
Ein feines Netz aus Fragen legt sich um die gemeinsamen freien Tage der beiden Kommissare mittleren Alters und zwingt sie, ihre moralischen Pflichten und Ansichten neu zu beleuchten, so dass der Fall auf einer weiteren, tieferen Ebene die Erforschung des eigenen Selbst bedeutet – während direkt daneben die geliebte Person dasselbe tun muss. Werden sie mit den Antworten leben können?
Viele dieser Fragen benötigen eine behutsame Antwort, und umso größer ist die Überraschung, wenn die beiden Protagonisten einen krassen Angriff mit einer ähnlich heftigen Handlung reagieren – aber es ist so verflixt gut gemacht!
_Fazit_
Felicitas Mayall ist eine außergewöhnliche Stimme im vielfältigen Chor deutscher Kriminalautorinnen. Sie ist eine Meisterin im Erschaffen und Vermitteln von Atmosphäre, und sie macht es dem Leser dadurch leicht, sich mit ihren Büchern vollständig aus dem Alltag zu verabschieden. Wie schon ihre vorherigen Werke, kann ich auch „Die Stunde der Zikaden“ jedem Krimileser ans Herz legen – und jedem, der die Darstellung einer halbwegs realistischen, zögerlichen Liebe zu schätzen weiß, an der gearbeitet wird. Und jedem, der sich gern von Beschreibungen gefangen nehmen lässt. Und – ach Himmel, eigentlich gibt es keinen Grund, aus dem irgendwer es nicht lesen sollte. Tun sie’s einfach, Sie werden es nicht bereuen.
|Gebundene Ausgabe: 398 Seiten
ISBN 13: 978-3463405513|
http://www.rowohlt.de
_Mehr von Felicitas Mayall auf |Buchwurm.info|:_
[„Hundszeiten“ 6009
Seit sie als Kind miterleben musste, wie die Großmutter in einem Anfall von Irrsinn ihre Geschwister niedermetzelte, ist Madeleine Poel selbst eine psychisch gestörte Frau, die sich zu einer bemerkenswert erfolgreichen Serienmörderin gemausert hat. Sie tötet nicht, um sich damit zu brüsten, sondern macht sich an alte Frauen ohne Familie und Freunde heran, die sie an ihre Großmutter erinnern, freundet sich mit ihnen an und macht sich ihnen unentbehrlich, während sie ihnen tödliche Pflanzengifte verabreicht, deren Dosis sie ständig steigert. Haben die Opfer ihr alle Vermögenswerte überschrieben, macht Madeleine ein Ende mit ihnen, schlüpft in ihre Identitäten, macht auch Haus und Mobiliar zu Geld und zieht in eine andere Stadt, wo sie ihr tödliches Spiel neu beginnt.
Die Polizei kommt ihr auf die Spur, als nahe Chelmsford in der Grafschaft Essex ein Sportwagen in den Wald rast und dabei eine weibliche Leiche entdeckt wird. Sie wird als Violet Chambers identifiziert, was für arge Verwirrung sorgt, hebt die doch offensichtlich tote Frau immer noch Geld von ihrem Konto ab und schreibt sogar Karten. Detective Chief Inspector Mark Lapslie übernimmt den Fall, obwohl er aufgrund einer exotischen Krankheit, die ihn Geräusche buchstäblich schmecken lässt, gesundheitlich und psychisch stark angeschlagen ist. Zur Seite gestellt wird ihm nur die unerfahrene Emma Bradbury. Schon bald argwöhnt Lapslie, dass man ihnen die Ermittlungen ‚von oben‘ schwermacht. Wichtige Unterlagen werden heimlich kopiert und die Beamten überwacht.
Auf unorthodoxe Weise versucht Lapslie sich Klarheit zu verschaffen und seine Gegner bloßzustellen. Die Zeit drängt, denn in Madeleines Spinnennetz zappelt bereits ein neues Opfer …
_Serienmord britisch unterkühlt_
Nicht nur, aber vor allem seit Hannibal Lecter seine Zähne in diverse (immer kochkundig durchgebratene) Pechvögel schlug, hat sich der Serienkiller zur Inventarfigur des modernen Thrillers gemausert. Es existiert sogar ein eigenes Subgenre, in dem sich absolut durchgeknallte aber merkwürdigerweise trotzdem geniale Meuchelbolde beim Versuch förmlich überschlagen, sich gegenseitig in der Kreation absurder und möglichst geschmackloser Folter- und Mordmethoden auszustechen. Das Ergebnis lässt sich viel zu oft und nicht unerwartet in einem Wort zusammenfassen: lächerlich!
Den ‚echten‘ Serienmörder machen vor allem sorgfältige Planung und Zurückhaltung erfolgreich. Er – oder in unserem Fall sie – hat Methoden entwickelt und verfeinert, die ihn unter dem Radar der Polizei arbeiten lässt. Auch die Mitmenschen werden doppelt getäuscht – als Opfer und als ahnungsloser Hintergrundchor, zwischen dessen Mitgliedern der Killer förmlich verschwindet.
Der eher dem Spektakulären zugeneigte Leser mag dies langweilig finden. In der Tat muss sich ein Schriftsteller mehr Mühe geben, einen ’nur‘ raffinierten Mörder spannend ins literarische Leben zu rufen, als einen irren Primetime-Schlitzer. Wenn dieses Kunststück gelingt, ist die Wirkung freilich nachhaltiger; Nigel McCrery stellt dies mit „Kaltes Gift“ unter Beweis.
_Mord ist k/ein unterhaltsamer Akt_
Dabei spart er nicht an grausigen Details. Madeleine liebt es, ihre Opfer dabei zu beobachten, wie sie sich in Giftqualen winden, und wir Leser sind bei diesen hässlichen Lebensenden dabei. Es fehlen auch nicht die heute so beliebten Seziersaal-Sequenzen, wobei McCrery faulige Leichen detailfroh zu beschreiben weiß. Dabei schreitet er durchaus selbstzweckhaft zur Tat, vermeidet aber jederzeit, Madeleine in eine schäumende Schreckensgestalt zu verwandeln.
Madeleine ist total verrückt, und Madeleine ist eine kranke Frau. Diese Dualität darzustellen, ist schwierig. McCrery gelingt es; immer wieder ertappt sich der Leser dabei, wie er Mitleid mit dieser Frau empfindet und ihr die Daumen drückt, dass der aktuelle Coup gelingt. Das liegt an der perfiden Beiläufigkeit, mit der Madeleine mordet. Sie hat kein schlechtes Gewissen, und sie geht sehr gewissenhaft vor. Noch beeindruckender als ihre Kenntnis floraler Gifte ist ihr Talent zur Mimikry. Sie verschmilzt förmlich mit der Persönlichkeit ihrer Opfer und hat durchaus ihre Probleme damit. McCrery schildert diesen Prozess ungemein eindringlich.
_Mord hat seinen eigenen Geschmack_
Die Madeleine in „Kaltes Gift“ ist eine Serienmörderin im Anfangsstadium des endgültigen geistigen Zerfalls. McCrery zieht eine diesbezügliche Parallele zu ihrem Jäger. Inspector Lapslie ist seinerseits ein Gefangener seines eigenen Gehirns. Es verwandelt ein Geräusch in einen Geschmack – eine Krankheit, gegen die es keine Heilung gibt und die ihr Opfer isoliert. Lapslie hat seine Familie verlassen müssen und droht auch seine Arbeit und damit seinen letzten Halt zu verlieren. Anders als Madeleine findet er einen Weg, sich mit seinem Zustand zu arrangieren.
Allerdings würde die Geschichte auch ohne Lapslies Leiden problemfrei funktionieren. „Kaltes Gift“ profitiert von McCrerys profunder Kenntnis des modernen Polizeialltags; der Autor war selbst viele Jahre Polizist. Leider konnte er der Versuchung nicht widerstehen, seinem Helden ein Handicap aufzuerlegen, das ihn ‚interessanter‘ (und telegener?) machen und seine Persönlichkeit vertiefen soll. So dankbar man dem Verfasser ist, dass er dies nicht versucht, indem er Lapslie und Bradbury (die faktisch kaum eine Rolle spielt) zu einer tragischen Liebesbeziehung zwingt, muss man doch zu dem Schluss kommen, dass die Lapslie-Geschichte, die lange parallel zu, aber unverbunden mit dem Madeleine-Strang verläuft, mit diesem in Sachen Intensität und Überzeugungskraft nicht mithalten kann.
_Alles Böse kommt von oben_
Den eigentlichen Minuspunkt setzt indes dick ein seltsamer Subplot um ministerielle Intrigen, der hinter dem eigentlichen Geschehen herhinkt, bis ihm McCrery kurz vor dem Finale endlich ein Aufholen gestattet. Mit diesem plump gestrickten Komplott scheint der Verfasser jene Prise Gesellschaftskritik über seine Geschichte streuen zu wollen, die ein ‚richtiger‘ Kriminalroman heutzutage mitbringen muss. Die beiläufigen und nie wirklich in die Handlung integrierten Tücken staatlich legitimierter Schlipsschurken schaden dem Roman sehr.
Die Erklärung ist im Grunde einfach: McCrery plante Lapslie als Helden einer neuen Krimi-Serie. Die beschriebenen Beimischungen, zu denen sich noch die Beziehung des Inspectors zu seinem ‚besten Feindfreund‘, einem melancholisch gewitztem Gewaltverbrecher, sowie die aufkeimende Freundschaft zu einer körperbehinderten Pathologin gesellen, sind Investitionen in die Zukunft – Elemente, die in den nächsten Bänden ein seifenoperliches Eigenleben entwickeln werden. Originell ist das nicht, und ob es weiterhin spannend wird, bleibt abzuwarten. Von „Kaltes Gift“ wird dem Leser jedenfalls Madeleines Höllenfahrt im Gedächtnis bleiben – und das zu Recht!
_Der Autor_
Nigel McCrery wurde 1953 in London geboren. In Englands Hauptstadt war er später neun Jahre als Polizeibeamter tätig, was ihm in seiner zweiten Karriere sehr hilfreich war. McCrery studierte in Cambridge und arbeitete dann für die BBC. Dort entwickelte dort die Figur der Gerichtsmedizinerin Dr. Samantha Ryan. Sie fand 1996 ihren Weg ins Fernsehen und wurde dort vor und hinter der Kamera außergewöhnlich sorgfältig und kundig in Szene gesetzt.
Als Serie spielfilmlanger, lose verbundener Episoden, entwickelte sich „Silent Witness“ zum Straßenfeger und wurde (bis 2004) mit Amanda Burton in der Rolle ihres Lebens (und ab 2004 in neuer Besetzung) fortgesetzt. McCrery selbst schloss die Reihe 2003 ab, sodass andere Autoren die Drehbücher verfassten, was aber dem Erfolg keinen Abbruch tat.
Es folgten einige Einzel-Thriller, bis McCrery 2007 eine neue Serie um den beruflich und privat tüchtig gebeutelten Inspector Mark Lepslie startete. Neben diesen Romanen verfasste McCrery eine Reihe von Sachbüchern über polizeiliche und militärische Themen.
Die Mark-Lepslie-Romane von Nigel McCrery:
(2007) Kaltes Gift („Still Waters“)
(2009) „Tooth and Claw“ (noch kein dt. Titel)
Mehr von Nigel McCrery auf |Buchwurm.info|:
[„Denn grün ist der Tod“ 363
[„Die Fremde ohne Gesicht“ 2506
_Impressum_
Originaltitel: Still Waters (London : Quercus 2007/New York : Pantheon Books 2007)
Übersetzung: Ilse Bezzenberger
Deutsche Erstausgabe (gebunden): April 2009 (Droemer Verlag)
378 Seiten
EUR 16,95
ISBN 978-3-426-19791-2
http://www.droemer-knaur.de
Laura Gottberg, zweifache alleinerziehende Mutter und Kommissarin, kann ihr Glück kaum fassen: Ihre Kinder Sofia und Luca sind in Sprachferien in England, und sie hätte theoretisch noch ein bisschen Zeit für sich, um zur Ruhe zu kommen und aufzutanken, und dann entspannt ihren Freund, den Commissario Angelo Guerrini, empfangen zu können.
Praktisch aber herrscht in München in diesem Sommer eine derartige Gluthitze, dass an Entspannung nicht zu denken ist. „Erholsamer Nachtschlaf“ sind nur mehr zwei Worte ohne Bedeutung, und die Sterblichkeitsrate vor allem alter Menschen steigt rapide an.
Laura und ihre Kollegen haben alle Hände voll zu tun, bei den vielen Todesfällen am Ball zu bleiben. Für Laura gewinnt auch ein etwas älterer Fall durch die Wiederverfügbarkeit eines Zeugen an Bedeutung. Was aber ihr wie auch all ihren Kollegen besondere Kopfschmerzen bereitet, ist die Tatsache, dass die Hitze sich auf ganz München so seltsam auswirkt. Alle sind gereizt, unkonzentriert – gewaltbereiter als sonst.
Durch einen Zufall lernt Laura am Isarufer einen Obdachlosen kennen, Ralf. In einem Nebensatz erwähnt er eine Gruppe, die sich am Fluss herumtreibt und die man besser meiden sollte.
Bald darauf wird Laura an die Isar gerufen: Ein Obdachloser wurde zu Tode geprügelt. Der Kommissarin fährt der Schreck in die Glieder: Hat Ralf seine eigene Warnung in den Wind geschlagen?
Berichte von nächtlichen Zusammenrottungen werden laut, von Menschen, die sich treffen, Reden halten, Lieder singen, die längst verboten sind. Der alte Fall Lauras und die neue bedrohliche Situation scheinen durch unsichtbare Fäden miteinander verwoben, und die Androhung von Gewalt hängt über der schwül-heißen Stadt wie eine düstere Gewitterwolke. Es ist klar, dass alles auf irgendeinen Punkt der Entladung hinausläuft, und Laura fragt sich schaudernd, wer danach noch stehen wird …
_Kritik_
Laura Gottberg steckt diesmal in einer Kombination aus Fällen, die aus dem Ruder zu laufen drohen. Während einer etwas wieder aufleben lässt, das längst vergangen sein sollte, stecken die Wurzeln des anderen tatsächlich tief in der Vergangenheit, und Laura muss wie bei einer Zwiebel Schicht um Schicht abtragen.
Die Fast-Fünfzigerin ist übrigens eine sympathische Hauptperson, manchmal etwas zu harsch, aber letztlich herzensgut. Und da ihre Mitarbeiter das auch wissen, gibt es zwar Reibereien, aber selten ernstlich Krach.
„Hundszeiten“ besticht durch die bedrückende Atmosphäre der sonnenheißen Großstadt, durch die aufgeladene, träg-hysterische Stimmung, in der jeder ein bisschen neben der Spur ist. Wer kann sich nicht noch gut an diesen Sommer erinnern, den die Medien als „Glutsommer“ titulierten und in dem den Radiohörern und Fernsehzuschauern an manchen Tagen nahe gelegt wurde, das Haus erst abends zu verlassen? Mayall fängt all diese Erinnerungen ein und verwebt sie mit den Fällen, die sie ihrer Protagonistin zu knacken gibt.
Nebenher hat Laura zusätzlich zu aller Gereiztheit auch noch mit dem Gedanken an die zögerliche, wenngleich innige Beziehung mit Guerrini zu kämpfen: Wie viel Raum will sie ihm in ihrem Leben lassen? Braucht sie ihn? Möchte sie sich überhaupt noch einmal auf so etwas einlassen? Und hat sie denn noch eine Wahl?
Wie üblich stellt Mayall ihrer Protagonistin diese und alle anderen Fragen stilistisch nicht nur einwandfrei, sondern wunderschön.
_Fazit_
„Hundszeiten“ ist der fünfte Fall, in dem Laura Gottberg von Felicitas Mayall auf die Pirsch geschickt wird. Schon der Erstling („Die Nacht der Stachelschweine“) war beeindruckend aufgrund der vielfältigen Variation leiser Töne und eines souveränen Sprachgebrauchs der Autorin, die sich nie im Ton vergriffen und stimmige, einprägsame Bilder geschaffen hat.
Dieses unbestreitbare Talent hat sich bis jetzt noch verfeinert; „Hundszeiten“ ist eine großartige Komposition fein abgestimmter Zutaten. Versprochen: Wenn Sie das Buch zur Hand nehmen und sich in die Beschreibungen vertiefen, werden Sie völlig desorientiert sein, wenn Sie wieder hochgucken. Und ganz abgesehen von diesen Glanzpunkten, die mich hier zu den wildesten Lobeshymnen hingerissen haben, handelt es sich bei diesem Roman um einen ausgesprochen spannenden Krimi mit einem Thema, das bedauerlicherweise viel zu aktuell ist.
Nach dem II. Weltkrieg versucht Privatdetektiv Gunther einen beruflichen Neuanfang, doch einer seiner ersten Aufträge führt ihn zurück in die nazibraune Vergangenheit, deren kriminelle Vertreter und Seilschaften sich in der jungen Bundesrepublik etabliert haben und Gunther für einen perfiden Plan missbrauchen… – Der neue Roman der Bernhard-Gunther-Reihe fesselt mit Zeitkolorit, ärgert durch seinen schwachen Plot und scheitert mit dem Versuch, das Phänomen des deutschen Verdrängens & Vergessens der Nazi-Jahre fassbar zu machen: lesbar, aber keine Offenbarung. Philip Kerr – Das Janus-Projekt [Bernhard Gunther 4] weiterlesen →
Dass Charlie Huston sich auf verzwickte Geschichten über sympathische Verlierertypen versteht, hat er bereits mit seiner Hank-Thompson-Trilogie bewiesen. Nach seinem Ausflug in blutsaugende Gefilde mit der Vampir-Reihe um Joe Pitt kehrt Huston ein Stück weit wieder zurück zu den Wurzeln.
Hustons neue Romanreihe handelt wieder von einem echten Loser-Typen, der, kaum dass er seinen Hintern dann doch endlich mal vom Sofa erhebt, auch schon gleich in dicken Schwierigkeiten steckt.
Eigentlich hat Ex-Lehrer Webster Filmore Goodhue sich ein gemütliches Leben als leidenschaftlicher Müßiggänger aufgebaut. Würde da sein Kumpel und Mitbewohner Chev nur nicht immer an ihm herummosern. Da Chev aber nun einmal Webs letzter noch nicht vergraulter Freund ist, beugt Web sich schließlich dem Generve und nimmt den Job an, den Chevs Kumpel Po Sin ihm anbietet: Er steigt bei dessen „Clean Team“ ein.
Und so findet Web sich schon am nächsten Morgen – seinem ersten Arbeitstag – in einer herunter gekommenen Wohnung mitten in einem Heer von Kakerlaken wieder und trägt Tüten voller Exkremente zu einem Müllcontainer. Das „Clean Team“ ist halt auf Reinigungsarbeiten der ganz besonderen Art spezialisiert: Tatortreinigung. Wo immer beispielsweise ein Selbstmörder bei seinem Ableben all zu viel Dreck hinterlässt, gibt es Arbeit für das „Clean Team“. Sie machen Wohnungen wieder bewohnbar, putzen penibel jeden noch so kleinen Blutspritzer von den Tapeten und das alles so korrekt und diskret wie möglich.
Doch Tatortreinigung scheint in Los Angeles ein hart umkämpftes Terrain zu sein. Web gerät schon bald zwischen die Fronten rivalisierender Tatortreinigungsunternehmen. Und als wäre das nicht schon genug, handelt er sich schnell weitere Schwierigkeiten ein. Schon bei seinem zweiten Auftrag verguckt Web sich in Soledad, die Tochter eines steinreichen Selbstmörders aus Malibu. Ihr zur Liebe fährt er dann auch auf eigene Faust des Nachts mit dem Reinigungswagen zu einem schäbigen Motel, wo seine Fähigkeiten als Tatortreiniger gefragt sind. Damit handelt Web sich allerdings noch viel größere Schwierigkeiten ein und so nimmt der Schlamassel seinen Lauf …
Von Haus aus ist Charlie Huston Drehbuchautor und das kann er auch bei seinen Romanen nie so ganz verbergen. Er pflegt einen Stil der schnellen Schnitte und hat eine sehr direkte und gradlinige Art zu Erzählen. Das resultiert wie von selbst in einem hohen Erzähltempo. Gepaart mit der Vorliebe von Hustons Protagonisten für eine rüde, vulgäre Ausdrucksweise ergibt das Ganze einen Stil, der, dank Hustons lakonischer Art zu Erzählen, ein wenig an Filme wie „Pulp Fiction“ denken lässt.
Es ist eben auch Hustons Hang zur Ironie, der seine Antihelden so sympathisch macht. Das funktionierte bei Hank Thompson schon wunderbar und auch mit Webster Goodhue funktioniert es prächtig. Web lümmelt eigentlich tagein tagaus auf dem Sofa in dem schmierigen Tattoostudio seines Freundes Chev herum, der immer wieder mittels kleiner Botengänge versucht, Web dazu zu animieren, mal den Hintern vom Sofa zu erheben – mit mäßigem Erfolg.
Web war vor seinem Sofa-Leben Lehrer, möchte diese Zeit aber lieber abhaken und vergessen. Für ihn gibt es kein Zurück mehr, aber da es sich ohne Geld schlecht lebt und man schließlich nicht ewig seine zugekiffte Mutter anschnorren kann, ergreift Web die Chance, die sich ihm durch Chevs Kumpel Po Sin bietet: Den Umstieg in eine gänzlich andere Branche.
Tatortreinigung ist eine Sparte, wie sie einfach wunderbar passend für einen echten Antihelden á la Charlie Huston ist. Ein Berufszweig, wie er eigentlich nur in den USA existieren kann. Wenn Po Sin und sein „Clean Team“ Gehirnmasse von Tapeten und Schränken kratzen, wirkt das so surreal wie in einem Film der Coen-Brüder. Charlie Hustons Romane haben die Angewohnheit, sich vor dem inneren Auge wie ein rasanter, schwarzhumoriger Kinofilm abzuspulen.
Die Geschichte, in die Web sich dank seines neuen Jobs verstrickt, gibt dem Plot einen Großteil seines Tempos. Web wird ohne viel eigenes Zutun in einen krummen Deal hinein gezogen, aus dem er nicht so leicht heraus kommt, ohne um irgendjemandes Leben fürchten zu müssen. Und so entwickelt sich eine rasante, nicht immer ganz unblutige Geschichte, die sich größtenteils spannend und temporeich liest und den Spannungsbogen bis zum Ende auf hohem Niveau hält, wenngleich Huston seinem Protagonisten diesmal eine längere Warmlaufphase gönnt, als beispielsweise noch in [„Der Prügelknabe“ 1469 .
Charlie Huston ist sicherlich nicht unbedingt ein Autor, der für seinen Tiefgang bekannt ist, aber er schreibt unterhaltsame, temporeiche Geschichten, die sich anfühlen wie Kinofilme. Auch „Das Clean Team“ reiht sich in die Reihe sympathischer Antihelden-Geschichten ein, die Huston mit der Hank-Thompson-Reihe angefangen hat, wenngleich „Das Clean Team“ im Vergleich zum Auftaktroman „Der Prügelknabe“ aus der Hank-Thompson-Reihe dann doch den Kürzeren zieht. „Der Prügelknabe“ und auch der Nachfolger [„Der Gejagte“ 1518 ist im Vergleich zu „Das Clean Team“ dann doch noch etwas rasanter und lässt auch Hustons Humor noch besser durchschimmern.
Bleibt unterm Strich ein durchaus guter Eindruck zurück. „Das Clean Team“ ist in jedem Fall ein unterhaltsamer, leicht schwarzhumorig angehauchter und sympathischer Antihelden-Roman. Dennoch wird der Eindruck dadurch etwas getrübt, dass man weiß, dass Huston es schon mal besser gemacht hat. Die drei Romane aus der Hank-Thompson-Reihe „Der Prügelknabe“, „Der Gejagte“ und [„Ein gefährlicher Mann“ 3142 legen die Latte auf jeden Fall sehr hoch und so schafft Huston es dann doch nicht ganz, das hohe Niveau seiner Vorgängerromane zu erreichen.
|Taschenbuch: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3453407305
Originaltitel: |The Mystic Arts of Erasing all Signs|
Übersetzt von Alexander Wagner|
http://www.heyne.de/
Die Suche nach einem verschwundenen Arzt führt Privatdetektiv Parker in die Niederungen einer gut organisierten Päderasten-Bande, die sich ihres Verfolgers mit allen Mitteln zu erwehren sucht … – Das schwierige Thema wird düster und ein wenig zu bedeutungsschwanger aber gewohnt spannend und außergewöhnlich – auch Geister u. a. jenseitige Geschöpfe mischen sich ins Geschehen – dargeboten: kein Höhepunkt der Serie aber weiterhin überdurchschnittlich unterhaltsam. John Connolly – Der Kollektor [Charlie Parker 6] weiterlesen →
Grant MKenzie, gebürtiger Schotte, später nach Kanada übergesiedelt und dort als Journalist tätig – nicht sonderlich spektakulär. Doch McKenzie hat auf dem so genannten ‚Deadbody Beat‘ gearbeitet und hatte die hässliche Aufgabe, bei rätselhaften Morden und brutalen Übergriffen als erster Pressemann an Ort und Stelle zu sein. Die Erfahrungen, die er dort in den vergangenen 25 Jahren hat machen dürfen und müssen, erwiesen sich letzten Endes auch als prägend für seine erste Romanarbeit. „Die Stimme des Dämons“ ist nun über den |Heyne|-Verlag auch für den deutschen Markt zugänglich gemacht worden.
_Story_
Für Sam White hätte es ein gewöhnlicher Feierabend werden sollen. Doch als der einstige Schauspieler und nun als Kaufhaus-Security tätige Familienvater nach seinem Nachtdienst nach Hause kommt, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Dort, wo am letzten Abend noch sein Haus stand, ist ein riesiger Krater – und die beiden Leichen, die im Inneren gefunden werden, lassen darauf schließen, dass Sams Frau und Tochter während der Explosion ausgelöscht wurden.
Als Sam auf dem Polizeirevier realisiert, dass er vor dem absoluten Nichts steht, klingelt sein Handy. Ein verrückter Psychopath eröffnet ihm, dass seine Familie noch lebt und Sam sie wiedersehen darf, wenn er einige Aufträge für ihn erfüllt und ihm letzten Endes eine Million Dollar verschafft. Mit größtem Respekt vor den Folgen lässt sich White auf den schmutzigen Deal ein und lernt alsbald den ehemaligen Chirurgen Zack Parker kennen, der sich ihm als Partner anvertraut. Denn auch Zack wird vom den brutalen Killer bedroht und gezwungen, sein grausames Spiel mitzuspielen, über Leichen zu gehen und schier alles zu tun, nur um seine Familie wieder zurückzubekommen.
Als Parker und White schließlich kooperieren und ihre Blutspur durch den Untergrund von Portland ziehen, erwecken sie erneut das Interesse der Cops, die ihnen fortan auf den Fersen sind. Als das unfreiwillig zusammengewürfelte Team auf immer heftigeren Widerstand stößt und ihnen gleichzeitig auch die Zeit wegrennt, beschließen sie, in die Offensive zu gehen und ihren Jäger zu überlisten. Mit Hilfe eines Obdachlosen, der mit beiden die Highschool-Bank gedrückt hat, stoßen sie auf erste Spuren und entdecken schließlich, dass es nur allzu logisch ist, dass die Wahl auf sie fiel. Doch mit diesem Bewusstsein sind ihre Frauen und Kinder noch längst nicht gerettet …
_Persönlicher Eindruck_
„Die Stimme des Dämons“ dürfte ein Psycho-Thriller ganz im Geiste des legendären John Saul sein, der nicht nur einmal die seelischen Abgründe des menschlichen Daseins in seinen Geschichten erforschte, sondern auch jederzeit ein gewisses Horror-Flair in seinen Romanen etablierte. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt nun auch Grant McKenzie, dessen Debütroman sich einerseits durch ein sehr hohes Tempo, andererseits aber auch durch zwei richtig gute Protagonisten, die zwar ab und zu nicht in Gänze glaubwürdig agieren, dem Leser im Laufe ihres unmoralischen Wettbewerbs aber dennoch ans Herz wachsen.
Die Story als solche hingegen ist zunächst nicht sonderlich originell; einen gestörten Psychopathen, der seine Opfer von einem Schreckensschauplatz zum nächsten jagt, hat die jüngere Thriller-Historie schon mehrfach erleben dürfen, zwei völlig aus dem Leben gerissene Hauptfiguren, die sich in ihrer neuen Situation erstaunlich gut zurechtfinden, ebenfalls. Was macht den Plot bzw. dessen Qualitäten also aus?
Tja, diese Frage lässt sich im Nachhinein nicht vollkommen befriedigend beantworten. Die Auflösung des Backgrounds ist der Brisanz der Story nicht gänzlich würdig, die manchmal schon zu leichtsinnigen Schritte, die unsere Protagonisten beim Kampf gegen das organisierte Verbrechen unternehmen, hingegen wirken zwar gewissermaßen unkonventionell, aber in manchen Passagen der Handlung auch wieder nicht authentisch. Dass Sam in keiner Phase der Story den Kopf verliert, wirkt ebenso wenig glaubwürdig wie die teils recht hilflosen Ermittlungsarbeiten der beiden Cops Hogan und Preston, deren flottes Vokabular aber wenigstens etwas Lockerheit in die Sache hineinbringt. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob die zwischenzeitlich eingeworfenen Kommentare für den Spannungsaufbau tatsächlich förderlich sind. Also noch mal: Was macht „Die Stimme des Dämons“ am Ende trotzdem noch zu einer durchweg lesenswerten Geschichte?
Nun, es sind wohl vorrangig das hohe Tempo und die brillant inszenierte Interaktion zwischen den Handelnden. Die Story wird von immer neuen Highlights gezeichnet und gibt dem Leser kaum Anlass zum Verschnaufen. Lediglich das Finale könnte hier noch eine Spur spektakulärer aufbereitet sein, um die Sache rund zu bekommen. Doch abgesehen davon ist McKenzies Roman-Debüt dank seiner reißerischen Elemente ein überzeugender Beitrag zu einem Genre, das von Saul, Koontz und Co. maßgeblich geprägt wurde.
Was als Mordversuch an zwei Polizisten begann, entwickelt sich zu einer mehrmonatigen Jagd auf einen brutalen Verbrecher, der sich findig der Fahndung immer wieder zu entziehen weiß, bis seine Verfolger doch obsiegen … – Scheinbar dokumentarisch im Ton, singt der Verfasser das Loblied einer Polizei, die unaufhaltsam und unerbittlich dem Gesetz Genüge verschafft: ein interessantes Zeitdokument im Gewand eines routiniert geschriebenen, spannenden Kriminalromans.David Knight – Der Fall 561 weiterlesen →
|“Wenn Ronnie Wilson beim Aufwachen geahnt hätte, dass er in wenigen Stunden tot sein würde, wäre seine Tagesplanung wohl etwas anders ausgefallen.“| So beginnt Peter James seinen vierten Krimi um Detective Superintendent Roy Grace. Wilson nämlich hat am 11. September 2001 vormittags einen Termin in einem der Türme des World Trade Center. Er verspätet sich und wird Zeuge, wie ein Flugzeug in den ersten Turm rast. Doch Wilson hat nur seinen Termin im Kopf, denn sein alter Freund Donald Hatcook soll ihm helfen, da Wilsons Geschäfte nicht gut laufen. Bevor er aber zu seinem Geschäftstermin gehen kann, trifft ein weiteres Flugzeug auf den zweiten Turm. Schlagartig ändert sich Ronnie Wilsons Leben …
Sechs Jahre später flüchtet Abby Dawson vor einer unbekannten Angst. Sie verschanzt sich in ihrer Wohnung und beobachtet die Straße vor dem Haus stets genau, bevor sie es wagt, die Wohnung zu verlassen. Doch an einem Tag im Oktober 2007 ist die Treppe durch Bauarbeiten versperrt und Abby muss den alternden Fahrstuhl nehmen – ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Denn mittendrin stürzt er ab, fängt sich, hängt aber nur noch schief in den Seilen. Abby ist in Panik, zudem hat ihr Handy keinen Empfang und der Notruf funktioniert nicht. Als dann von oben ein Poltern zu hören ist, muss sie fürchten, dass jemand auf dem Fahrstuhl steht und zu ihr in die Kabine steigen will.
Ebenfalls im Oktober 2007 will Roy Grace gerade in sein verdientes Wochenende starten, als ein Telefonanruf all seine Pläne zunichte macht. In einem Abwasserkanal wurde eine Leiche entdeckt. Also begibt er sich bei strömendem Regen zum Fundort und steigt in den Kanal hinab. Dort erwartet ihn ein ziemlich verwestes Skelett, an dem noch einige lange blonde Haare haften . genau die Haarfarbe von Graces Ehefrau Sandy, die vor Jahren spurlos verschwunden ist. Weitere Hinweise deuten darauf hin, dass es sich um Sandy handeln könnte . Alter und Geschlecht stimmen überein. Hat Roy Grace nach jahrelanger Suche nun seine Ehefrau wieder gefunden?
Kurz darauf wird in Australien in einem schlammigen Fluss eine weitere Leiche entdeckt – eingesperrt im Kofferraum eines Autos, das am Boden des Flusses liegt. Hängen diese Dinge miteinander zusammen? Und wenn ja, wie?
_Verwirrspiel_
In „So gut wie tot“ führt uns Peter James so lange an der Nase herum wie in keinem anderen Roy-Grace-Krimi. Er präsentiert uns mehrere Charaktere, zwei Frauenleichen auf zwei verschiedenen Kontinenten und Handlungsstränge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Doch natürlich geschieht hier nichts zufällig und alles hängt eng miteinander zusammen. Lange dauert es allerdings, bis wir beginnen zu ahnen, wie die Figuren und Handlungen in Zusammenhang stehen, und auch dann wirft uns Peter James nur einzelne Puzzleteile hin, die wir mühsam zu einem Gesamtbild zusammen setzen müssen. Aber wie schon in seinen anderen Romanen reißt er uns von der ersten Seite an mit. Denn zunächst gilt es natürlich zu klären, wie Ronnie Wilson zu Tode kommt. Als wir ihn am 11. September 2001 vormittags zu den Zwillingstürmen des World Trade Center begleiten, ahnen wir, was geschehen dürfte. Doch dann betritt er die Türme gar nicht. Was also geschieht mit Ronnie Wilson? Wir werden es erfahren, allerdings erst im weiteren Laufe des Buches.
Von Kapitel zu Kapitel wechselt Peter James die Schauplätze und erzeugt dadurch ein rasantes Erzähltempo, besonders bedrohlich wirkt die Fahrstuhlszene mit Abby Dawson, die definitiv große Angst hat, und zwar nicht nur vor dem Absturz des Lifts, sondern auch vor einem anderen Menschen. Denn zwischendurch empfängt sie eine beängstigende SMS, die ihr mitteilt, dass jemand weiß, wo sie sich auffhält – doch wer? Es dauert lange, bis wir erfahren, vor wem und vor was Abby davon läuft, und als wir es erfahren, ist es für Abby fast schon zu spät, denn ihr Widersacher steht bereits vor ihrer Wohnungstür und bald schon mitten in ihrer Wohnung …
Die toten Frauen dagegen bergen zunächst wenig Spannungspotenzial, da sie bereits seit Jahren tot sind und wir sie vermutlich auch gar nicht kennen. Je mehr Informationen wir allerdings über die toten Frauen erhalten, umso vollständiger wird das Bild, das wir uns von den Geschehnissen machen können. Sie spielen natürlich eine ganz wichtige Rolle für den zu klärenden Fall.
_So spannend wie selten_
Peter James hat einfach ein glückliches Händchen für einen (fast) perfekten Spannungsbogen. Langeweile ist bei seinen Büchern ein Fremdwort, und auch bei dem vorliegenden Krimi konnte ich nur eine Durststrecke entdecken, und zwar als Abby Dawson auf ihren Widersacher trifft, um das Leben ihrer Mutter fürchten muss und vor ihrem Widersacher flüchtet. Hier zieht sich die Geschichte ein wenig, aber glücklicherweise zieht Peter James dann irgendwann das Tempo auch wieder an. Faszinierend an seinen Büchern ist, dass James immer etwas Neues einfällt. Meist sind es nicht die klassischen Mordserien, die es aufzuklären gilt, sondern viel komplexere Zusammenhänge bzw. es sind überhaupt keine Morde aufzuklären, wie in James‘ „Stirb ewig“, wo Menschen lediglich durch einen Unfall zu Tode kommen. So hebt sich Peter James immer wieder deutlich vom Durchschnitt ab.
Hinzu kommt die Figur des Detective Superintendent Roy Grace, den wir nun schon zum vierten Mal begleiten dürfen. Dieses Mal jedoch steht er eher im Hintergrund, die anderen handelnden Figuren – allen voran Abby Dawson – erhalten deutlich mehr Gewicht. Doch das schadet Grace überhaupt nicht, allerdings wünsche ich mir schon, im nächsten Buch wieder mehr über den Ermittler zu erfahren. Dieses Mal steht die Suche nach seiner Frau Sandy sehr im Hintergrund. Zwar spukt sie deutlich in seinem Kopf herum, als der Verdacht besteht, dass er sie nun tot im Abwasserkanal gefunden haben könnte, doch natürlich ist es so einfach nicht. Ganz am Ende hält Peter James jedoch noch eine Überraschung für uns parat, die sich gewaschen hat. Das Buch endet mit einem Paukenschlag, der es mir schwer macht, auf den fünften Band zu warten.
_Mehr davon_
Zum vierten Mal hat Peter James mich erfolgreich in seine Roy-Grace-Welt entführt, die ich nur schwer wieder verlassen konnte. Hat man mit einem Buch erstmal begonnen, mag man es nicht mehr zur Seite legen. „So gut wie tot“ reiht sich perfekt in die Roy-Grace-Reihe ein und macht jetzt schon Lust auf den fünften Fall, den der Detective Superintendent hoffentlich bald zu lösen hat!
[„Stirb ewig“ 3268
[„Stirb schön“ 3154
[„Stirb schön“ 3680 (Lesung)
[„Nicht tot genug“ 4844 (Lesung)
[„Mein bis in den Tod“ 2493
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391
Reiche Familien mit düsteren Geheimnissen sind beileibe keine Seltenheit in der Literatur. „Kein Zeichen von Gewalt“ von Jorun Thørring ist ein weiterer Roman, der diese Konstellation aufgreift. In ihm hat Orla Os, die norwegische Sonderermittlerin bei der Pariser Polizei, ihren zweiten Auftritt.
Adam Fabre, Besitzer einer Modelagentur und Ehemann der Tochter der angesehenen Pariser Familie Tesson, verschwindet eines Tages spurlos. Anfangs glauben Orla und ihre Kollegen noch, dass er mit einer seiner Geliebten abgehauen ist, doch wenig später finden sie seinen Wagen auf einem verlassenen Parkplatz. Von Fabre finden sie zwar immer noch nichts, dafür liegt eine ermordete junge Frau auf dem Rücksitz. Sie zeigt keine Anzeichen von Gewalteinwirkung, ihre Identität scheint niemand zu kennen.
Als Orla und ihre Kollegen Fabres Familienleben und Umfeld ausleuchten, kommen einige unschöne Geheimnisse ans Tageslicht. Die Modelagentur scheint keineswegs eine Modelagentur zu sein, Fabres Sekretärin benimmt sich wie eine High Society-Lady, obwohl sie bettelarm ist, und die Vergangenheit von Fabres Schwägerin Juliette ist auch nicht ganz sauber. Hinzu kommt seine Ehefrau, eine kalte und abweisende Person, und sein Vater, der sofort einen Anwalt einschaltet und sich reichlich zugeknöpft zeigt.
Wenig später findet man Adams Leiche im Hause seines Geschäftspartners Georges Lambert. Lambert ist hingegen verschwunden. Adam und das fremde Mädchen sollen nicht die einzigen Toten bleiben …
Nicht nur das Familienmotiv in „Kein Zeichen von Gewalt“ ist schon häufig benutzt worden. Auch der Aufbau der Geschichte erinnert an viele andere Bücher. Zeitgleich finden zwei Handlungsstränge statt. Der gegenwärtige in Paris und einer, der in den 60er Jahren in Algerien beginnt und mit dem gegenwärtigen Erzählstrang nach und nach zusammen fließt. Dieses Gegeneinanderlaufen verschiedener Zeiten und die Verwurzlung eines gegenwärtigen Mordfalls in der Vergangenheit ist nichts Neues. Thørring weiß zwar sicher mit diesem Aufbau umzugehen, aber richtig spannend ist die Geschichte trotzdem nicht. Obwohl die norwegische Autorin eine Vielzahl an Verdächtigen mit dubiosem Hintergrund einführt, fehlt es an überraschenden Wendungen. Die Dichte und Intensität an möglichen Mördern macht allerdings einiges wieder wett.
Orla Os ist, wie der Name schon sagt, ursprünglich Norwegerin, lebt aber schon seit geraumer Zeit in Paris. Sie hat dort studiert und geheiratet, ist aber mittlerweile Witwe. Dieses Zusammentreffen zweier Nationalitäten gibt dem Buch einen interessanten Anstrich. Thørring lässt häufig norwegische Kultur einfließen, übertreibt es damit jedoch nicht. Ihre Hauptfigur bleibt trotzdem etwas blass. Im Vordergrund steht die Kriminalgeschichte, nicht die Ermittlerin. Da die Handlung aber gut aufbereitet ist, schmerzt dies nicht sehr stark.
Was allerdings ein bisschen schade ist, ist die Darstellung der Familien Fabre und Tesson. Sie ist doch etwas plump. Die Geheimnisse, die dem Leser als solche verkauft werden, sind in dieser Form schon häufiger vorgekommen. Die Familienmitglieder selbst sind zwar gut ausgearbeitet, aber wenig originell. Dies vermindert die Spannung und führt dazu, dass „Kein Zeichen von Gewalt“, auch dank des einfachen, sachlichen Schreibstils, gut zu lesen ist, aber nicht wirklich im Gedächtnis bleibt.
An dem zweite Buch mit der Ermittlerin Orla Os gibt es handwerklich nichts auszusetzen. Es ist gut geschrieben, die Handlung ist zwar nicht immer spannend, aber gut gemacht und auch Orla ist recht sympathisch. Allerdings fehlt es dem Buch auf weiten Strecken an Originalität.
|Originaltitel: Tarantellen
Aus dem Norwegischen von Sigrid Engeler
378 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3423211666|
Nachdem Cornelia Read mit [„Schneeweißchen und Rosentot“ 5079 ein durchaus beachtenswertes Debüt abgeliefert hat, liegt nun das Nachfolgewerk „Es wartet der Tod“ vor, in dem der Leser erfährt, was seit den Geschehnissen im ersten Roman in Madeline Dares Leben so vor sich geht …
Nach den nervenaufreibenden Ereignissen vor einem Jahr (nachzulesen in „Schneeweißchen und Rosentot“) hat Madeline Dare immer noch an den Folgen zu knabbern. Grund genug für eine berufliche Neuausrichtung und einen anständigen Tapetenwechsel, und so hat sie die Zeitungsredaktion in Syracuse gegen eine Privatschule in den Berkshires eingetauscht, an der sie als Hilfslehrerin Geschichte unterrichtet.
Doch so ganz wohl fühlt Madeline sich in ihrer Rolle nicht. Das liegt sicherlich nur zum Teil an den Schülern, die allesamt zur schwer erziehbaren Sorte gehören. Die Santangelo Academy ist die letzte Hoffnung leidgeprüfter, gut betuchter Eltern, die angesichts der psychischen Störungen ihrer Kinder gerne jeden Preis bezahlen, damit die Kinder gut untergebracht sind.
Was hinter den Mauern von Santangelo vor sich geht, scheint die meisten Eltern im Detail eher wenig zu interessieren, Hauptsache es wird überhaupt etwas getan. Und so ist Madeline eine der Wenigen, die angesichts der teils höchst fragwürdigen Unterrichts- und Erziehungsmethoden stutzig wird.
Es herrscht eine ganz eigentümliche Atmosphäre an der Santangelo Academy, wo einerseits die ständigen Therapiesitzungen (die auch für die Lehrkräfte fester Bestandteil des Alltags sind) ein Klima der Offenheit und Vertrautheit hervorrufen sollten, andererseits aber viel mehr eine giftige Atmosphäre ständigen Misstrauens in der Luft liegt.
Madeline versucht sich davon nicht beeinflussen zu lassen und trotzdem ein gutes Verhältnis zu ihren Schülern aufzubauen. Das gelingt ihr insofern, als dass ihr Schüler Mooney sie ins Vertrauen zieht, als sich herausstellt, dass seine Freundin Fay schwanger ist. Kurze Zeit später ist das Liebespaar tot – vergiftet. Was zunächst nach Selbstmord aussieht, weckt sofort Madelines Instinkte. Sie ist sich sicher, dass die Beiden auf gar keinen Fall Selbstmord begangen haben und versucht selbst Beweise zu finden, die ihre Mordthese stützen …
Mit „Es wartet der Tod“ scheint Cornelia Read einen Teil ihrer eigenen Biographie in die Waagschale zu werfen, zumindest geht dies aus der Widmung am Anfang des Romans hervor. Ein wenig verwunderlich ist Madelines berufliche Umorientierung allerdings schon. Was mich aber am meisten gewundert hat ist, dass fast sämtliche Lehrer von Santangelo keinen pädagogischen Hintergrund haben. Gerade für ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche, wo es eben nicht um reine Wissensvermittlung geht, sondern viel mehr um den psychologischen und pädagogischen Ansatz, kommt mir das sehr merkwürdig vor.
Zeitlich ist das Buch Ende der Achtziger Jahre angesiedelt und auch inhaltlich erinnert Read immer wieder an die Scharlatanerie der New-Age-Zeit in den Siebzigern. In diesem Dunstkreis scheint man auch Santangelo mit seiner „pädagogischen“ Ausrichtung einordnen zu müssen, denn anders sind viele der praktizierten Methoden und auch der bunt zusammengewürfelte „unpädagogische“ Personalstab wohl nicht zu erklären.
Wie bereits im Vorgängerroman pflegt Read auch hier wieder einen geradezu lockeren Plauderton, der durchzogen ist von einer feinen sarkastischen Ader. Schon „Schneeweißchen und Rosentot“ war kein Krimi von der Stange, sondern viel mehr ein belletristischer Roman um einen Kriminalfall. Ähnlich verhält es sich auch in diesem Roman.
Der Plot nimmt sich Zeit, um Fahrt aufzunehmen, Protagonisten und Örtlichkeiten werden erst einmal ausgiebig beleuchtet und es dauert, ehe überhaupt erst einmal richtig Spannung aufkommt. Dass sich der Roman dennoch locker und flott herunterlesen lässt, liegt an Reads erfrischendem Erzählstil und daran, dass Madeline eine so von Grund auf sympathische Protagonistin ist. Sie hat seit dem Vorgängerroman nichts von ihrem Charme eingebüßt.
Das Zusammenspiel zwischen den unterschiedlichen Figuren, zwischen Madeline und ihren Schülern, zwischen Madeline und ihrer besten Freundin und Kollegin Lulu oder auch die Sticheleien mit Hassobjekt Mindy sorgen dafür, dass die erste Romanhälfte bis zum Auftauchen der beiden Leichen unterhaltsam bleibt. Man hätte diesen Teil zwar sicherlich hier und da straffen können, aber dennoch hält Read den Leser bei der Stange.
Read dreht zwar spät an der Spannungsschraube, dafür aber umso kräftiger. Auf einmal überschlagen sich die Ereignisse und ehe Madeline sich versieht, steht sie auch schon im Zentrum des Geschehens. Der Fall bleibt bis ganz zum Ende spannend und entschädigt damit mühelos für den gemütlichen Start.
Bleibt unterm Strich ein insgesamt positiver Eindruck zurück. Mit „Es wartet der Tod“ hat Cornelia Read einen Roman abgeliefert, der mit dem Debüt „Schneeweißchen und Rosentot“ durchaus mithalten kann, wenngleich ich das Debüt noch einen kleinen Tick besser fand. Read punktet wieder einmal mit ihrem lockeren Erzählstil im Plauderton und ihrem trockenen Humor. Der Krimiplot braucht wie schon im Vorgänger etwas Zeit um auf Touren zu kommen, entwickelt sich dann aber mit ungebremster Spannung bis zum Ende. Wer etwas übrig hat für einen unterhaltsamen Mix aus Belletristik und Krimi, der kann mit Cornelia Read auch bei ihrem zweiten Roman nicht viel Falsch machen.
|Originaltitel: |Crazy School|
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
337 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3423247535|
Mit Mickey Francis „Mick“ Ballou verbindet Privatdetektiv Matthew Scudder eine lange, enge und seltsame Freundschaft, denn der irischstämmige Gangsterboss ist ein brutaler Mann, der nicht nur in New York City viele Feinde grausam zu Tode brachte. Doch als Freund ist Ballou jemand, auf den man sich unbedingt verlassen kann, was Scudder schon mehrfach das Leben gerettet hat.
Nun soll er Ballou helfen, nachdem der zwei seiner ‚Angestellten‘ tot in einem Lagerhaus fand, wo sie Diebesgut abholen sollten. Dort wurden sie regelrecht hingerichtet. In der Tat glaubt sich Ballou seit einiger Zeit herausgefordert und bedroht, ohne seinen Gegner namhaft machen zu können. Scudder lässt vergeblich seine Verbindungen spielen. Als er schon aufgeben will, wird er von zwei Strolchen überfallen, bedroht und aufgefordert, Ballou seinem Schicksal zu überlassen. Als sie anfangen, ihn zwecks Festigung dieser Botschaft zu verprügeln, wehrt sich Scudder und kann seinen Peinigern eine Lektion erteilen.
Damit ist auch er auf die Todesliste des unsichtbaren Verfolgers gerutscht. Nur einem Zufall verdankt es Scudder, dass er einem Mordanschlag entkommt, bei dem stattdessen einer seiner ältesten Freunde auf der Strecke bleibt. Einen Tag später besucht er Ballou in dessen Kneipe, als ein Überfall mit Schnellfeuergewehr und Bombe erfolgt.
Obwohl ihm die Polizei im Nacken sitzt, schweigt Scudder eisern, während er seine Nachforschungen neu aufnimmt. Endlich hat er Erfolg, doch der Mann, der buchstäblich Ballous Kopf will, ist definitiv seit über dreißig Jahren tot. Das hält Scudder und Ballou nicht davon ab, privat mit dem scheinbaren Geist abzurechnen …
_Das Gesetz muss draußen bleiben_
Angesichts der Tatsache, dass auf den 300 (immerhin eng bedruckten) Seiten dieses Romans 28 Menschen ihr Leben gewaltsam lassen (falls ich richtig gezählt habe), trifft das originale „Everybody Dies“ den Nagel eher auf (oder die Kugel in) den Kopf als der deutsche Titel. Andererseits passt auch „Verluste“ zu dem gleichzeitig ultrabrutalen und wehmütigen Geschehen.
Der Plot ist eher Nebensache; primär der kritische und im Krimi die gespiegelte Realität suchende Leser sollte ihn nicht zu ernst nehmen. Eine Fehde dürfte sich nicht nur angesichts der erwähnten Opferstrecke kaum so problemlos und vor allem polizeifrei durchexerzieren lassen wie von Block geschildert. Gerade zwei Szenen widmet der Verfasser der genretypischen Konfrontation zwischen dem Detektiv und den offiziellen Ordnungshütern, doch das wirkt eher pflichtschuldig und bleibt folgenlos für die Handlung.
Die spielt in jener Grauzone, in die Autor Block die Alltagswelt seines dienstältesten Serienhelden im Laufe der Jahre verwandelt hat. Scudder begann 1976 in „The Sins of the Fathers“; dt. „Mord unter vier Augen“) noch recht konventionell zu ermitteln. Der Ex-Cop, der nach einem fatalen Fehlschuss zu saufen begann, war in seiner menschlichen Schwäche bei unvermindert ausgeprägten kriminologischen Fähigkeiten durchaus eine Klischeefigur des Krimi-Genres. Diese Ebene verließ Scudder erst allmählich, oder besser ausgedrückt: Die Figur wurde im Denken und Handeln vielschichtiger.
_Die menschliche Meta-Ebene_
Wobei Block vor allem in moralischer Hinsicht konsequent einen Sonderweg eingeschlagen hat. Scudder ist ein Mann, der sich vom ethischen Primat der gesellschaftlichen Mehrheit abgekoppelt hat und sich an Regeln hält, deren Alltagstauglichkeit er real erfahren und überprüft hat. Stimmen diese Regeln mit dem geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetz nicht überein, werden sie von ihm nur insoweit berücksichtigt, dass ihn die Missachtung nicht ins Gefängnis bringt.
Was eigentlich einen kriminellen Opportunisten auszeichnen müsste, wirkt bei Scudder durchaus überzeugend. Er hat das Gesetz für sich von allen politisch, juristisch oder medial verursachten Überwucherungen befreit und auf ein erprobtes Grundwerk zurückgebaut, das Selbstjustiz, Notwehr ohne polizeiliche Überprüfung oder die Freundschaft zu einem Kapitalverbrecher zulässt.
Womit die Liste der Gesetzesverstöße, derer sich Scudder allein in „Verluste“ schuldig macht, noch längst nicht abgeschlossen ist. Dem muss man sich als Leser beugen oder die Lektüre aufgeben. Leicht wird das aber nicht fallen, denn Scudder hat gute Gründe, um seinen persönlichen Weg zu begründen. Dass man darüber hinaus seine sehr brutalen Racheaktionen billigt, liegt daran, dass es stets nur echten Abschaum erwischt. Das funktioniert mit dieser Präzision nur im Roman und verärgert hier den Gutmenschen, an dessen Adresse sich Blocks Scudder-Geschichten sehr offensichtlich nicht richten.
_Das Alter als Summe von Entscheidungen_
Er mag sich versöhnlich gestimmt fühlen, wenn er zur Kenntnis nehmen kann, wie breit der Raum ist, den Block seinen Protagonisten zum Philosophieren (und Räsonieren) lässt. „Verluste“ ist der 14. Roman der Scudder-Serie. Seinen Detektiv lässt der Autor chronologisch altern, so dass Scudder in diesem 1998 veröffentlichten Buch auf eine mehr als drei Jahrzehnte währende ‚Literaturgeschichte‘ zurückblickt. Da New York City sein permanenter Standort blieb, wird jede Fahrt durch diese Stadt per se zu einer Erinnerungstour.
Das Alter spielt eine katalytische Rolle. Viele Figuren gehören zum Stammpersonal der Scudder-Serie. Sie haben viel und oft gemeinsam durchgemacht, was tiefe Spuren hinterlassen hat. Scudder selbst spürt, dass seine Kräfte nachlassen. Den Anschluss an die digitale Welt der Gegenwart hat er hoffnungslos verloren. In seiner Arbeit hält er sich an eine klassische und zeitlose Ermittlungspraxis, für die er nicht unbedingt einen Computer oder ein Handy benötigt. Wenn das nicht mehr reicht, greift Scudder auf ein kleines aber bewährtes Netzwerk von Helfern zurück.
Wenn das Ende näher rückt, beginnt der Mensch sich zu fragen, was er aus seinem Leben gemacht hat. Nicht nur Scudder denkt so. Mehrfach weist er darauf hin, dass „Verluste“ eigentlich Mick Ballous Geschichte erzählt. Der alternde Schwerverbrecher wird von besagter Frage gequält, weil ihm die Antworten nicht gefallen. Für eine Weile zieht er sich sogar in ein Kloster zurück, aber Block ist kein Gartenzwerg-Moralist: Ballou ist und bleibt Ballou. Ebenso geläutert wie notfalls mordlüstern kehrt er in die Geschichte zurück.
_Schweigen wäre manchmal wirklich Gold!_
Lakonie und Redseligkeit sind zwei Eigenschaften, die nicht nur auf den ersten Blick schwer zusammenkommen. Fast gelingt Block dieses Kunststück, wenn er seine Figuren ausgiebig über ihre Gefühle sprechen lässt, ohne sie dadurch der Lächerlichkeit preiszugeben. (Anmerkung: Nicht die Gefühle sind dabei das Problem, sondern das schauerlich oft fehlende Talent von Schriftstellern, diese adäquat zu schildern.) Ballou und Scudder erschießen Strolche, ohne zu fackeln, Gattin Elaine gestattet ihrem Matthew das Fremdgehen – oh ja, sie sind alle erfahren und weise und cool genug, um sich über die Klippensprünge ihrer Leben auslassen zu können.
Der Kritik gefällt so etwas, denn es verleiht dem Krimi ‚literarische‘ Qualitäten, die er zwar nicht nötig hat, die ihn aber offenbar trotzdem adeln, wenn sie denn gefunden werden. Wahrscheinlich schreibt Block ohnehin, wie und was er für richtig hält. Unabhängig davon hätte er die Flut der Lebensbeichten eindämmen sollen. Es irritiert, wie rasch man lernt, während des Lesens das Nahen jener Stellen zu erkennen, an denen Block den Gang herausnimmt und seine Figuren im Leerlauf schwadronieren lässt.
Angesichts der Generalqualitäten dieses Buches ist das freilich eine lässliche Sünde. Mit seiner Scudder-Serie hat Lawrence Block als Schriftsteller einen Punkt erreicht, an dem er seinem Publikum zuverlässig Lesestoff einer Qualität liefert, die anscheinend zu gut für die Buchfabriken und Bestsellerlisten dieser Welt ist. Peinlich viele Jahre wurden nicht nur die Scudder-Romane nicht mehr in Deutschland verlegt. Die bunte Welt der Kleinverlage ermöglicht nun Blocks Rückkehr. Zwei weitere Scudder-Bücher hat der Autor nach „Verluste“ noch geschrieben. Genügt diese Info als Wink mit dem Zaunpfahl?
_Der Autor_
Lawrence Block, geboren am 24. Juni 1938 in Buffalo (US-Staat New York) gehört zu den Schriftstellern, die nicht zwischen „Literatur“ und „Krimi“ unterscheiden und trotzdem – oder gerade deshalb – ein Werk von bemerkenswert konstanter Qualität vorlegen. Das ist umso erstaunlicher, als Block ein ungemein fleißiger Autor ist und Kunst und Quantität sich angeblich ausschließen.
Noch während seines Studiums veröffentlichte Block 1957 erste Kurzgeschichten. Ab 1959 arbeitete er u. a. Kolumnist und sichtete für einen Verlag eingehende Manuskripte, bevor er freier Schriftsteller wurde. In einem halben Jahrhundert entstanden mehr als 50 Romane und 100 Kurzgeschichten. Block schrieb unter Pseudonymen wie Jill Emerson, Chip Harrison, Paul Kavanagh oder Sheldon Lord und schuf bisher fünf Serien, unter denen die um den Regierungsagenten Evan Tanner (1966-1998), den auf Kunstraub spezialisierten Dieb und unfreiwilligen Privatdetektiv Bernie Rhodenbarr (ab 1977) und vor allem die um den Privatdetektiv und Alkoholiker Matthew Scudder (ab 1976) feste Bestandteile der Kriminalliteratur sind.
Für seine Arbeit wurde Block mit allen wichtigen Preisen ausgezeichnet. Neben seinen Kriminalromanen verfasst er auch Softpornos, Artikel und Sachbücher (u. a. über das Schreiben) und hat das Drehbuch zum Tobe-Hooper-Splatter „The Funhouse“ (1981, dt. „Kabinett des Schreckens“) geschrieben.
Über seine Arbeit informiert Lawrence Block auf der ausgezeichneten Website: http://www.lawrenceblock.com.
_Impressum_
Originaltitel: Everybody Dies (New York : William Morrow & Co. 1998/London : Orion 1998)
Dt. Erstausgabe: Februar 2008 (Shayol Verlag/Funny Crimes 3906)
Übersetzung: Katrin Mrgulla
296 Seiten
EUR 14,90
ISBN-13: 978-3-926126-75-7
http://www.shayol.biz
_Mehr von Lawrence Block auf |Buchwurm.info|:_
[„Abzocker“ 5378 (Hörbuch: Hard Case Crime)
[„Falsches Herz“ 5707
Mit Thriller-Feinklost wie „Ewige Nacht“, „Höllensturz“ und „Das Erbe des Bösen“ setzte sich der finnische Bestseller-Autor Ilkka Remes in der vergangenen Dekade selber ein Denkmal. Wenig komplexe, straighte und richtig harte Kost ist das Spezialgebiet des 1962 geborenen Schriftstellers, der inzwischen ein Abonnement auf die vordersten Listenplätze gebucht hat. Doch Remes kann auch anders: Mit „Operation: Ocean Emerald“ veröffentlichte er vor geraumer Zeit auch seinen ersten entschärften Thriller, speziell für das jugendliche Publikum entwickelt. Dessen Erfolg bestätigte ihn schließlich darin, auch auf dieser Ebene fortzufahren. Mit „Schwarze Kobra“ ist nun sein zweites Projekt für den Jugendbuchmarkt veröffentlicht worden.
_Story:_
Der 14-jährige Aaro Nortamo beschäftigt sich bereits seit einigen Monaten mit der Faszination von Sportwetten und hat hierbei speziell den britischen Markt ins Visier genommen. Mittels eines Internet-Chats lernt er die gleichgesinnte Gemma Dolan kennen und nutzt die Gelegenheit eines Trips zu seiner Tante nach London, um diesen Kontakt weiter auszubauen. Doch bevor sich Aaro versieht, wird er in ein Komplott von verheerender Tragweite hineingezogen. Gemmas Vater plant den Einstieg in ein Atomkraftwerk und möchte mit dem Diebstahl eines Plutoniumstabs die britische Regierung unter Druck setzen. Und ausgerechnet Aaro, dessen körperliche Statur bestens für die Mithilfe geeignet scheint, wird ausgewählt, den Einsatztrupp hierbei zu unterstützen.
Nachdem Gemma ihn in eine Falle gelockt und die Entführung vorbereitet hat, ahnt Aaro allerdings erst, in welchen Skandal er unbewusst hineingezogen wurde. Mehrere Fluchtversuche scheitern, und auch wenn der Sohn des legendären finnischen Kommissars Timo Nortamo die Hoffnung schon fast aufgegeben hat, sieht er noch eine letzte Chance: Er muss Gemma auf seine Seite ziehen und an ihre Vernunft appellieren. Als die Mannschaft schließlich aus eigenen Reihen verraten wird, scheint der verbliebene Rettungsanker tatsächlich zu greifen …
_Persönlicher Eindruck:_
Die eigensinnige Eigenschaft, vor dem Genuss eines neuen Schmökers nicht den Backprint zu lesen, um nicht schon zu viele Details über den Verlauf der Handlung zu erspähen, hat sich im Falle von Ilkka Remes‘ aktuellem Roman als Initiator für etwas Verwirrung entpuppt. Denn nicht der bislang für den Stammleser bewährte Hauptakteur Timo Nortamo nimmt in „Schwarze Kobra“ das Zepter in die Hand, sondern sein erstaunlich reifer, 14-jähriger Sohn Aaro, der zwar schon in „Ewige Nacht“ einen größeren Auftritt hatte, insgesamt aber eher eine Randfigur in den Nortamo-Romanen gewesen war. Ihn nun in die Position des Hauptakteurs zu setzen, birgt natürlich gewisse Risiken, zuvorderst natürlich jenes, dass hier Erwartungen durch den erwachsenen Leser gesetzt werden, die Aaro womöglich gar nicht halten kann – denn in der Tat: den souveränen Protagonisten mimt der Sprössling in dieser Geschichte nicht.
Überhaupt präsentiert sich Remes in „Schwarze Kobra“ nicht in Bestform. Die Story ist definitiv von zu vielen Zufällen durchsetzt, und man muss gerade deshalb immer wieder staunen, wie naiv die Charaktere teilweise agieren und reagieren. An vorderster Front steht natürlich der junge Aaro, der sich nach Strich und Faden vorführen lässt und in die Rolle des Helden, die ihm eigentlich auf den Leib geschneidert werden soll, zu keinem Zeitpunkt hineinwachsen kann. Diese Position übernehmen, wenn auch unfreiwillig, die Schurken, mit denen sich Aaro notgedrungen einlassen muss. Nicht etwa, dass ihr Handeln moralisch vertretbar ist, geschweige denn ihre Aggressionen Lob und Anerkennung verdienen. Doch wenigstens agieren sie zielstrebig und nachvollziehbar und lassen sich nicht in stete Lethargie treiben wie der vermeintliche Hauptdarsteller.
Dieser hat von den Qualitäten seines offenkundigen Vorbilds, seines Vaters, nicht sonderlich viel geerbt. Er verhält sich stets unsicher, unterlegen und ist in seinem Denken oft getrieben und schließlich auch wieder sehr eingeschränkt. Die sich ihm bietenden Fallen nimmt er immer wieder hin, und auch die Naivität, die seinen Charakter prägt, ist nicht das eigentliche Merkmal einer starken Hauptfigur. Kurzum: An Aaro Nortamo hat Ilkka Remes bei der Konzeption dieses Romans keine gute Arbeit geleistet.
Doch auch die übrige Geschichte ist schwammig und beraubt sich durch ihren strikt linearen Aufbau eines großen Teils der möglichen Spannung. Die Wendungen erwecken einen arg sterilen Eindruck, und auch sonst wirken die Entwicklungen der Story von der Stange konstruiert, aber nicht sonderlich originell oder gar fortschrittlich. Zwar legt Remes den Schwerpunkt seiner Handlung am Ende auf das ungleiche Verhältnis zwischen Gemma und Aaro, jedoch kann er sich dies alleine deswegen nicht wirklich leisten, da die Tragweite des Plots sowie dessen brisante Inhalte keine solchen Prioritätenverschiebung dulden. Der Atomtransport wird zwar über viele Kapitel zum Schwerpunkt deklariert, fühlt sich in dieser Position aber nicht sonderlich wohl – und das ist ein Problem, das sich leider durch den kompletten Roman zieht.
Was am Ende bleibt, ist sicherlich eine Spur von Enttäuschung, aber auch die Erkenntnis, dass Remes nicht gut daran tut, ein solch schwerwiegendes Kernthema derart abzuschwächen, dass es trotz seiner Tragweite zur Jugendsache geraten soll. Die Diskrepanzen zwischen Inhalt, Themenwahl und Darstellung sind einfach zu groß, so dass „Schwarze Kobra“ als Lektüre bis zuletzt nie richtig in Fluss geraten will. Sicher, jüngere Leser werden auch das geringe Potenzial an diesem Roman schätzen. Aber wer Remes und dessen Qualitäten kennt, weiß auch, dass der finnische Starautor weitaus mehr draufhat als das, was er in diesem Buch zustande bringt.
|Originaltitel: Musta Kobra
Aaro Nortamo Band 2
299 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-71348-1|
http://www.ilkka-remes.de
http://www.dtv.de
http://www.ilkkaremes.com
Archie Sheridans erster Fall begann vor zehn Jahren. Als die ersten Leichen gefunden wurden, alle schrecklich verstümmelt, wurde die Vermutung schnell zur erschreckenden Erkenntnis, dass es sich hier um einen Serienkiller handeln musste.
Für Portland wurde die Mordserie zu einem Alptraum. Die Ermittler können keine Muster erkennen, zu unterschiedlich sind die Opfer in ihrer sozialen Herkunft, ihrem Alter, ihrer Rasse und ihrer Vergangenheit. Nach welchen Details sucht sich der Mörder seine potenziellen Opfer aus?
Überall im Land findet man Opfer und die Polizei, zunehmend unter Druck gesetzt, bildet um Archie Sheridan herum die Sonderkommission „Beauty Killer“. Profiler des FBI und die Soko fahnden fieberhaft nach dem Täter, um der Mordserie ein Ende zu machen, doch erst nach zehn Jahren weiß Archie, wer der Täter ist: Die Psychologin Gretchen Lowell, die ebenfalls ein Mitglied der Soko-Einheit „Beauty Killer“ war, betäubt und entführt Archie und foltert diesen über zehn Tage hinweg. Gretchen Lowell bricht den Ermittler physisch wie auch psychisch, unter unvorstellbaren Qualen; immer rettet die Psychopathin Archie am Rande des Todes, nur um ihn erneut zu foltern.
Letztlich ist es aber Gretchen selbst, die sich mit einem Telefonanruf den Behörden stellt und damit Archies Leben rettet. Doch nach diesen qualvollen Tagen in Gretchens Keller ist sein Leben ein Trümmerhaufen. Seine Frau Debbie und seine Kinder verliert Archie, er ist nicht mehr der Gleiche. Gretchen hat etwas in ihm getötet und zugleich geweckt. Selbst zwei Jahre nach der Verhaftung der Psychopathin Gretchen besucht Sheridan jeden Sonntag seine Peinigerin im Gefängnis unter strengster Aufsicht und Sicherheitsvorkehrungen. Gretchen spielt mit dem Mann, den sie liebt und hasst, und gibt Archie immer wieder zur „Belohnung“ Hinweise darauf, wo sich weitere Opfer befinden und was sie mit ihnen gemacht hat, bevor sie diese grausam getötet hat – ein makaberes Katz-und-Maus-Spiel mit der schönen und faszinierenden Serienmörderin.
Als in Portland jugendliche Mädchen verschwinden und wenig später tot aufgefunden werden, entscheidet sich Archie Sheridan, zu seiner alten Einheit zurückzukehren, um den Serientäter schnellstens zu finden. Archie übernimmt die Leitung seiner Soko, und obwohl er noch immer unter seelischen Qualen leidet, sind Arbeit und Ablenkung vielleicht die beste Therapie für ihn. Die Zeit drängt; drei Leichen junger Mädchen hat man schon ermordet aufgefunden, und ein viertes wurde gerade erst direkt vor der Highschool entführt.
Archies Team ist fast das gleiche wie vor zwei Jahren. Nur die junge Journalistin Susan Ward als ständige Vertreterin der Presse soll die Ermittlungen begleiten. Sie wittert eine große Story, die sie schnell berühmt machen könnte, denn neben den Ermittlungen soll sie ebenso eine Story über Archie schreiben und in seiner Vergangenheit graben.
Im Laufe der Ermittlungen an ihrer alten Highschool und der ersten Begegnung mit der Inhaftierten wird aber ebenso ein Teil ihrer eigenen Vergangenheit ans Licht gebracht, und das macht sie angreifbar und zum Mittelpunkt von Gretchens grausamen Plänen …
_Kritik_
Man könnte meinen, dass Gretchen Lowell verwandt ist mit Dr. Hannibal Lecter, doch Gretchen ist grausamer, intelligenter und raffinierter. Sie tötet, weil sie es aufregend findet, weil sie Gefallen daran findet und so meint, ihr Leben intensiver zu gestalten. Die Qualen ihrer Opfer, deren Ängste und auch das letzte Fünkchen Hoffnung auf Rettung kostet sie vergnügt und genüsslich aus. Ihre Form von Sadismus und Brutalität ist einzigartig.
Perfide spielt die Serienmörderin nicht nur mit ihren „Patienten“. Als wunderschöne und intelligente Soziopathin verführt und manipuliert Gretchen. Nur bei Archie bringt sie ein gewisses Maß an Mitgefühl und Verständnis auf. Sie fühlt sich hingezogen zu dem Mann, der sie jagt, und nennt ihn gerne „Liebling“.
Die Autorin Chelsea Cain hat mit den Figuren Gretchen und Archi zwei sehr unterschiedliche Protagonisten geschaffen, die eine fatale Abhängigkeit aneinander kettet. „Furie“ ist ein explosiver Thriller, der schon nach den ersten Seiten zeigt, wohin es geht. Es gibt satte Gewaltszenen; gerade in den Rückblenden, in denen Gretchen Archie foltert, ihm Nägel in den Brustkorb hämmert oder ihm bei vollem Bewusstsein die Milz herausoperiert, um sie Archies Partner Henry Sobol als Lebenszeichen zukommen zu lassen, sind drastisch erzählt. Doch Gretchen wirkt auf uns dabei faszinierend als Person, in ähnlich morbider Weise wie die Darstellung eines Dr. Lecter.
In den Rückblenden lässt Chelsea Cain Archie Sheridan die Folter aus seiner Perspektive erzählen, und damit umgeht die Autorin die Haupthandlung und bewirkt den Effekt, dass sich der Roman immer spannender entwickelt. „Furie“ ist dabei in drei Teilen aufgebaut. Die Ermittlungen der Soko, die das Ziel verfolgt, das Treiben des Serienmörders zu stoppen, sind inhaltlich detailliert und sehr fesselnd erzählt. Die Journalisten Susan Ward, ein Paradiesvogel im Nachrichtengeschäft, als Zentrum des zweiten Handlungsstranges wirkt anfangs in sich verloren, sehr unsicher, aber immer mit dem Ziel vor Augen, mit ihrer Arbeit über Archie erfolgreich zu sein und damit Aufmerksamkeit und Annerkennung zu erhalten. Den dritten Teil bilden die Rückblenden, in denen Gretchen den Ton angibt und das brutale Martyrium Archies erzählt wird. Auch wenn dieser Part inhaltlich am wenigsten Raum einnimmt, so wird sich der Leser mit absoluter Sicherheit primär daran erinnern. Exemplarisch für den Roman sind die Begriffe Obsession und Kontrolle, um die es sich in allen Haupt- und Nebenhandlungen dreht.
Doch es gibt noch etwas, das ausgesprochen faszinierend erzählt wird: Manipulation aus dem Gefängnis heraus. Selbst aus der Zelle spielt Gretchen mit ihren Schachfiguren auf ihrem Spielfeld und ist jedem immer einen Zug voraus. Das weiß und akzeptiert Archie, denn nur so kann er sich selbst und andere retten.
„Furie“ ist ein klassischer Thriller der Moderne, der es mit anderen ähnlichen Romanen absolut aufnehmen kann. Das Tempo ist durchschnittlich, die Gewalt und das Zusammenspiel Gretchens und Archies in ihrer Darstellung indes nicht ohne. Inhaltlich spannend und vielseitig, gibt es nur wenig auszusetzen. Die Ermittlungsarbeit und Fahndung nach dem neuen Serienkiller wirkt ab und an etwas träge, doch da die verschiedenen Handlungsstränge abwechseln, lässt sich das wohl verschmerzen.
Der Leser wird dabei, wie es manchmal bei Thrillern, aber eher bei Kriminalromanen der Fall ist, mitermitteln können. Nach und nach tauchen gleich mehrere Tatverdächtige auf. Die Lösung dieses Rätsels offenbart sich allerdings erst am Ende – jedenfalls glaubt man das, aber Gretchen ist immer für eine Überraschung gut und lässt ihre Marionetten sich gern etwas verwirren.
Archie Sheridan als zweiter Hauptcharakter ist schwer zu analysieren. Im Grunde ist er tot, in Gretchens Keller gestorben und ähnlich wie Frankensteins Monster aus zahlreichen Bruchstücken zusammengesetzt. Seine Verlorenheit und seine tiefe Verletztheit münden in eine Traurigkeit, die man mitfühlen kann. Anders verhält es sich mit seiner obsessiven Abhängigkeit gegenüber seiner Peinigerin: ein Psychogramm, das faszinierend auf den Leser wirkt und das dieser durchaus nachvollziehen kann.
_Fazit_
Chelsea Cains „Furie“ ist ihr Thrillerdebüt, und ein grandioses obendrein. Wenn die „Furie“ losgelassen wird, so gibt es kein Halten mehr. Das Böse ist und bleibt vielschichtig und faszinierend und hat in der Person Gretchens sein Werkzeug gefunden.
Ich kann die Lektüre sehr empfehlen. Das „Stockholm-Syndrom“, unter dem Archie leidet, ist für sich genommen zwar keine neue Romanidee, dafür aber die Figur Gretchens in diesem Spiel, die süchtig nach mehr machen kann. Der mittlerweile dritte Roman [„Gretchen“ 5872 erschien folgerichtig im Oktober 2009 bei |Limes|.
Hochspannung ist hier garantiert, denn nicht zuletzt hat Chelsea Cain ihre Tochter darum gebeten, den Roman erst zu lesen, wenn sie erwachsen ist. Der Leser wird am Ende feststellen, dass sie hiermit Recht hat.
_Die Autorin_
Chelsea Cain, geboren 1972, verbrachte ihre Kindheit auf einer Farm in Iowa. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalismus und arbeitet als freie Autorin. Nach einigen preisgekrönten Jugendbüchern ist „Furie“ ihr Debüt im Thrillergenre, mit dem sie auf Anhieb die „New York Times“-Bestsellerliste eroberte. Chelsea Cain lebt mit ihrer Familie in Portland, Oregon.
Neun Männer machen sich mit dem Schiff |Per se| auf die lange Reise nach Südamerika, wo sie Aluminiumoxid laden sollen. Doch einige der Männer hüten ein dunkles Geheimnis. Saeli wird von einem Unbekannten mit dem Leben seiner Familie erpresst und soll Rauschgift von Südamerika nach Island schmuggeln. Mehrere Besatzungsmitglieder planen eine bewaffnete Meuterei, nachdem Gerüchte die Runde machen, nach denen die Reederei ihre Verträge kündigen will.
Jónas hat seine Frau ermordet und will deren Bruder als Matrosen an Bord bringen. Doch der liegt tot im Straßengraben, und an seiner Stelle betritt Jón „Satan“ Karl das Schiff. Karl ist in der isländischen Unterwelt kein Unbekannter, und als seine Identität an Bord bekannt wird, sind die restlichen Besatzungsmitglieder alles andere als erfreut. Doch nachdem die Funkanlage des Schiffes und der Motor sabotiert wurden und Piraten die |Per se| entern, ist Jón Karl die letzte Hoffnung der Männer …
_Meinung:_
Für seinen Thriller „Das Schiff“ erhielt Stefán Máni den isländischen Krimipreis 2007, und das nicht zu Unrecht. Allein der ausgeklügelte, raffinierte Handlungsablauf ist bemerkenswert und hebt sich erfrischend von dem üblichen Thriller-Mainstream ab, der sich gerade bei amerikanischen Schriftstellern aus Serienkillern zusammensetzt, die sich in ihrer Perfidie gegenseitig zu übertreffen versuchen. Máni erstellt zielsicher neun eindrucksvolle Psychogramme von Männern, die das Schicksal auf engstem Raum zusammengeschweißt hat.
Die unbekannte Größe ist selbstverständlich Jón Karl, der in der isländischen Unterwelt nur „Satan“ genannt wird. Natürlich spielt der Zufall in Mánis Roman eine große Rolle, doch sind es gerade diese kleinen Fügungen des Schicksals, die auch im Leben immer wieder für Überraschungen sorgen. Gespräche und Handlungen der einzelnen Personen wirken absolut glaubwürdig und der Spannungsbogen wird vom Autor langsam, aber stetig aufgebaut, fällt dabei nie ab und gipfelt im Überfall moderner Piraten, wie sie tatsächlich auch heute noch die Weltmeere unsicher machen. Allein auf hoher See, der Willkür der Naturgewalten ausgesetzt, entwickelt sich wie von selbst eine beklemmende Atmosphäre, die es allein schon wert ist, das Buch zu lesen.
„Das Schiff“ wird nach dem Ablegen der |Per se| schnell zum Schauplatz eines düsteren Kammerspiels, bei dem der Leser nie weiß, von wem eigentlich die größte Gefahr ausgeht. Jón Karl ist sicherlich der skrupelloseste Mitreisende, aber zugleich auch der besonnenste, während Jónas und seine meuternden Kollegen von Angst und Unsicherheit getrieben sind. Und dann ist da noch der Heizer, der den dunklen Gottheiten aus Lovecrafts Cthulhu-Mythos huldigt und darüber den Verstand verloren zu haben scheint. Stil und Handlungsaufbau merkt man häufig an, dass H. P. Lovecraft zu den Idolen von Máni gehört und sein Roman dem Meister des Schreckens Tribut zollt.
|“Was ewig schläft, ist nicht tot …“| ist ein bedeutungsschwangerer Satz, der an den tentakelbewehrten Gott Cthulhu in der unterirdischen Stadt R’lyeh gemahnt. Das Schiff selbst wird zum alles verschlingenden Moloch, der den Verstand der Männer gierig aufsaugt, und der Überlebenskampf der restlichen Männer in der feindlichen Umwelt der Antarktis erinnert an Lovecrafts großartige Novelle [„Berge des Wahnsinns“. 4779
Die Übersetzung von Tina Flecken ist sehr sorgfältig und gekonnt durchgeführt worden und erklärt darüber hinaus, weshalb sich alle Personen im Roman duzen. Das Hardcover wurde auf hochwertigem Papier gedruckt. Den Schutzumschlag ziert ein Foto, dessen Motiv nicht nur die stürmische See zeigt, mit der die Männer zu kämpfen haben, sondern auch die aufgewühlte Psyche der Charaktere symbolisiert.
_Fazit:_
„Das Schiff“ ist ein durch und durch packendes Lesevergnügen, das den Leser bis zur letzten Seite in Atem hält. Die Stärken des Autors liegen in der Ausarbeitung der Charaktere und der beklemmenden Atmosphäre an Bord des Schiffes.
_Der Autor:_
Stefán Máni wurde 1970 in Reykjavík geboren. Aufgewachsen ist er in Ólafsvík in West Island. Bevor er mit dem Schreiben begann, arbeitete er als Gärtner, Tischler und Buchbinder, in der Fischindustrie und auch als Sozialarbeiter mit Jugendlichen und in psychiatrischen Kliniken. „Das Schiff“ ist sein siebter Roman.
|Originaltitel: Skipid; Island 2006
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
414 Seiten, gebunden
ISBN-13: 9783550087400|
http://www.ullstein.de
_Florian Hilleberg_
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