
Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis
Theorin, Johan – Öland
Spätsommer im schwedischen Öland, 1972: Der fünfjährige Jens verschwindet beim Spielen im Nebel und kehrt nie mehr zurück. Die Polizei vermutet, dass er im Meer ertrunken ist, doch trotz aufwändiger Suche wird er nicht gefunden. Vor allem seine Mutter, die zu dem Zeitpunkt bereits geschieden war, leidet sehr, zumal Jens ihr einziges Kind war. Sie glaubt nicht ans Ertrinken, da Jens Angst vor Wasser hatte, sondern vermutet eine Entführung.
20 Jahre später: Jens‘ Mutter Julia hat Öland verlassen. Sie hat das Verschwinden nie verwunden, lebt alleine und hofft immer noch auf eine wundersame Rückkehr. Auch zu ihrer Familie hat sie wenig Kontakt. Überraschend erreicht sie ein Anruf ihres Vaters Gerlof: Der alte Gerlof, der inzwischen im Altersheim in Öland lebt, hat anonym eine Sandale zugeschickt bekommen, die Jens beim Verschwinden getragen hat. Julia soll zurückkommen und ihm bei der Suche nach den Hintergründen helfen.
Julia folgt der Bitte und muss sich nicht nur mit der schmerzhaften Vergangenheit, sondern auch zu dem abgekühlten Verhältnis zu ihrem Vater auseinandersetzen. Zudem hält sich nach wie vor das unheimliche Gerücht, der einst als Mörder von der Insel geflohene Nils Kant habe Jens auf dem Gewissen. Als Kind tötete er angeblich seinen eigenen Bruder und auch als Erwachsener brachte er nur Unglück über den Ort. 1972 war er bereits seit einigen Jahren tot – doch manch einer behauptet, er wandere immer noch über das neblige Land. Angeblich erhielt seine Mutter Vera noch Jahre nach seiner Beerdigung Postkarten aus aller Welt wie vor seinem Tod. Ist er damals gar nicht gestorben …?
_Johan Theorin_ legt hier seinen ersten Teil des geplanten Öland-Quartetts vor, das sich jeweils den einzelnen Jahreszeiten widmen soll. Er beginnt mit dem Herbst und macht dem „Schwedenkrimi“ alle Ehre, indem er sich auf ein atmosphärisch dichtes und ruhiges Erzählen besinnt.
|Zusammenspiel von Vergangenheit und Zukunft|
Zwei eng miteinander verwobene Handlungsstränge sind es, die den Leser auf unterschiedliche Arten fesseln. Der eine spielt in den Neunzigerjahren und zeigt das Bemühen von Gerlof und seiner Tochter Julia, das Verschwinden ihres Enkels bzw Sohnes aufzuklären. Dass Jens tot ist, scheint außer Frage zu stehen, doch wer hat seine Sandale geschickt? War es ein Unfall, der nicht eingestanden wurde, oder gar Mord? Hat der Täter selbst die Sandale Gerlof zukommen lassen, war es jemand aus seinem Umfeld, soll dies eine Aufforderung zu weiteren Nachforschungen sein?
Kurz darauf kommt Gerlofs Freund Ernst bei Arbeiten im Steinbruch ums Leben – für die Polizei ein normaler Unfall eines Steinmetzes, doch daran mag Gerlof nicht glauben. Viele Jahre lang hat er mit Ernst und dem Dritten im Bunde, John Hagman, über Jens‘ Verschwinden diskutiert. Ernst glaubte an die verwegene Nils-Kant-Theorie und schien kurz vor seinem Tod Recherchen angestellt zu haben. Für Gerlof geht es nunmehr nicht nur um sein Enkelkind, sondern auch um das Schicksal seines Freundes.
Der andere Erzählstrang führt in das Leben des mysteriösen Nils Kant, der auch Jahrzehnte nach seinem Tod die Schreckgestalt der Insel geblieben ist. Die Familie Kant besitzt viel Land in Stenvik, der Vater stirbt früh und schon als Zehnjähriger fühlt sich Nils verantwortlich. 1936 ertrinkt sein jüngerer Bruder, Gerüchte über Nils‘ Beteiligung wollen nicht verstummen. Entschädigt wird er durch das enge Verhältnis zu seiner Mutter Vera, die ihm Arbeit im Steinbruch verschafft. 1945 kommt es zu einem blutigen Aufeinandertreffen mit zwei deutschen Soldaten. Nils flieht und die Schiffe und Häfen der Welt sind von nun an seine Heimat. Anfang der Sechziger wird seine Leiche in einem Sarg heimtransportiert – doch es gibt immer noch Leute, die nicht daran glauben, dass es tatsächlich Nils Kant war, der dort beerdigt wurde.
Gekonnt spielt der Autor mit einer Mischung aus dichter Atmosphäre und einer sich stetig steigernden Spannung. Geht es anfangs „nur“ um Klarheit über Jens‘ Verbleiben, scheint mit dem gewaltsamen Tod von Ernst der Fall wieder aktuell zu werden. Irgendjemand auf Öland scheint mit allen Mitteln eine Aufklärung verhindern zu wollen, während gleichzeitig irgendjemand mit dem Senden der Sandale die Vergangenheit wieder aufrollt.
Zwar bleibt der Roman immer gemächlich und verfällt nie in ein Thriller-Tempo, doch gerade gegen Ende gibt es ein paar höchst dramatische Momente, in denen die Hauptfiguren in große Gefahr geraten. Die Geschichte um Nils Kant, die immer wieder in Rückblicken kapitelweise eingeschoben wird, bricht stets an einer verheißungsvollen Stelle ab, was die Spannung erhöht. Bis kurz vor Schluss bleiben Leser wie auch Gerlof und Julia im Unklaren darüber, auf welche Weise genau Nils Kant in die Geschehnisse verwickelt ist.
|Interessante Figuren|
Überzeugend lässt der Autor den Aberglauben und das Misstrauen der Bewohner Ölands aufleben, für die Nils Kant als Unglücksrabe der Insel ein Tabu geworden ist. Aber ebenso erfährt man, dass seine Rolle nicht einfach mit der des bösen schwarzen Mannes abzutun ist, denn trotz all seiner Fehler ist auch Nils Kant eine tragische Figur, der teilweise Unrecht getan wird. Der einfältige Junge mit dem Mutterkomplex, schon früh emotional abstumpft und über sein Verschwinden hinaus von vielen gehasst wird, der für manche noch als Geist über die Ebene wandelt oder vielleicht seinen Tod vorgetäuscht hat, ist vielschichtiger, als man es auf den ersten Blick glauben mag. Am Beispiel von Nils Kant erkennt man, wie ein einzelner Mensch zum Symbol des Unglücks eines Ortes werden kann.
Sehr gut gelungen ist auch die Darstellung des alten Gerlof. Ungeachtet seiner körperlichen Beschwerden, die ihn zeitweise kaum aufstehen lassen, ist er klar im Kopf und verfolgt unbeirrt seine Suche nach der Wahrheit darüber, was mit seinem Enkel Jens und seinem besten Freund Ernst geschehen ist. Sein Motto, dass jede Geschichte ihr eigenes Erzähltempo braucht, entspricht der Konzeption des Romans. Fast zwangsläufig kommt es dadurch zu Komplikationen mit seiner ungeduldigen Tochter Julia, die mit den bedächtigen und verschleierten Aussagen ihres Vaters nicht viel anfangen kann. Die Beziehung der beiden ist geprägt von Distanz und Spannungen. Nach einem Jahr Funkstille bedeutet die gemeinsame Suche eine schwierige Annäherung, in der die beiden nicht nur einmal aneinander geraten.
|Kaum Schwächen|
Bei genauer Betrachtung lässt sich feststellen, dass die Figur Julia vor allem durch ihre Konfrontation mit Gerlof lebt, aber man ansonsten wenig über sie erfährt. Gerlof und seine Gedanken und Handlungen stehen im Mittelpunkt; er ist der Initiator, der Öland über all die Jahre nicht verlassen hat und einen stillen Plan verfolgt, wie er das Schicksal seines Enkels aufklärt, in den er Julia nur teilweise einweiht. Von Julia erfährt man hauptsächlich, dass sie sich von ihrer Familie distanziert hat; abgesehen davon bleibt sie etwas zu blass. Des Weiteren ist das Ende mit all seinen Hintergründen zwar logisch aufgebaut, aber zum einen reimt sich Gerlof ein bisschen zu viel selbst zusammen, fast wie ein kleiner Sherlock Holmes, zum anderen kommt es etwas zu plötzlich, dass eine bisher kaum beteiligte Person in den Mittelpunkt gerückt wird. Die überraschende Wendung wird vor allem von Julia etwas zu gefasst aufgenommen.
_Als Fazit_ bleibt ein sehr stimmungsvoller und größtenteils ruhiger Schwedenkrimi mit interessanten Figuren und einem gelungenen Zusammenspiel zwischen Rückblenden und Gegenwart. Von nur sehr kleinen Schwächen abgesehen ist „Öland“ ein sehr empfehlenswerter Kriminalroman, vor allem für alle Leser, die kein hohes Tempo und keine Actionszenen brauchen.
_Der Autor_ Johan Theorin, geboren 1963 auf Göteborg, kennt Öland gut aus seiner Kindheit und seinen Sommerurlauben und ließ sich durch die Landschaft zu seinem ersten Öland-Krimi inspirieren. Das Debüt wurde von den Kritiken international euphorisch aufgenommen, die Filmrechte sind bereits verkauft. Zurzeit ist der zweite Roman des geplanten Quartetts in Arbeit.
|Originaltitel: Skumtimmen
Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps
448 Seiten, gebunden|
http://www.piper-verlag.de
http://www.johantheorin.com
Arnaldur Indriðason – Codex Regius

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Smith, Tom Rob – Kolyma
Mit [„Kind 44“ 4948 hat der Brite Tom Rob Smith einen höchst spannenden Krimi vor dem Hintergrund der Stalin-Zeit abgeliefert. Nun liegt mit „Kolyma“ der Nachfolger vor, der erzählt, wie die Geschichte um den ehemaligen KGB-Agent Leo Demidow weitergeht.
Wir schreiben mittlerweile das Jahr 1956. Chruschtschows Geheime Rede sorgt für politische Unruhe in Moskau. Leo Demidow arbeitet immer noch für das geheime Morddezernat, das in diesen Tagen wieder vor einem Haufen Arbeit steht: Zwei Geheimdienstler werden ermordet. Die Taten scheinen mit der Geheimen Rede Chruschtschows im Zusammenhang zu stehen. Überlebende der stalinistischen Säuberungen prangern die Taten vergangener Tage an, und so zweifelt niemand daran, dass die beiden ermordeten Geheimstdienstler einem Racheakt zum Opfer fielen.
Leo versucht herauszufinden, wer hinter den Taten steckt, doch ist das wie üblich nicht so einfach. Seine Abteilung muss immer noch im Geheimen operieren, und auch die alten KGB-Kollegen legen ihm Steine in den Weg.
Doch schon bald bekommt der Fall für Leo eine persönliche Tragweite, als seine Adoptivtochter Soja entführt wird. Um ihre Freiheit zu erkaufen, soll Leo den Priester Lasar aus dem Gulag in Kolyma befreien. Leo hatte ihn vor Jahren verhaftet und dafür gesorgt, dass Lasar in den Gulag geschickt wurde.
Um Soja zu retten, hat Leo keine andere Wahl als sich auf den Deal einzulassen. Und so lässt Leo sich als Gefangener getarnt in das Lager am Rand Sibiriens einschleusen. Doch die Operation verläuft anders als geplant: Schon am ersten Abend wird Leo erkannt und ist schutzlos der grausamen Rache der Gulag-Häftlinge ausgeliefert …
Bereits bei „Kind 44“ lag der besondere Reiz der Geschichte in der Verquickung von Krimi und jüngerer Historie. Smith hat sich eine Epoche der Geschichte als Bühnenbild ausgesucht, die für sich genommen schon Spannung verheißt: eine Gesellschaft, die geprägt ist von ständigem Misstrauen und der Angst davor, wegen irgendeiner Kleinigkeit bei den Behörden denunziert zu werden.
Chruschtschows Geheime Rede markiert einen wichtigen Punkt in der Sowjet-Ideologie: Erstmals kritisiert die Führung selbst Stalins Taten (auch wenn die Rede wenige Monate später massiv entschärft wird) und stellt damit die Weichen für eine Entspannung der Lage. Doch der Eindruck trügt. Noch immer sitzen überwiegend Leute an den Hebeln der Macht, deren Glaube an das System unerschütterlich ist.
Leo selbst hat inzwischen seine Zweifel an eben diesem System und diese Zweifel sind natürlich nicht neu. Noch immer eckt er allein durch die Tatsache, dass er für das Morddezernat arbeitet, überall an. In den Augen der alten KGB-Kollegen ist Leo immer noch ein Verräter. Seine KGB-Vergangenheit wird Leo auch zu Hause von Adoptivtochter Soja stets unter die Nase gerieben. Für sie ist Leo immer noch der Mörder ihrer Eltern. Dass er mit seiner Frau Raisa sie und ihre kleine Schwester Elena aus dem Waisenhaus geholt hat und ihr dank seiner Stellung ein verhältnismäßig luxuriöses Familienleben bieten kann, wiegt dagegen zu wenig. Schuld und Sühne sind das beherrschende Thema des Plots.
Leo hadert also immer wieder mit seiner Vergangenheit, und das macht eben auch den Reiz dieses so ambivalent angelegten Protagonisten aus. Er wird nie so ganz der strahlende Held sein können, und so ist eben auch für reichlich Spannung gesorgt, wenn Leo dann im Gulag seiner Vergangenheit direkt in die Augen blickt. Der Teil des Plots, der in der sibirischen Eishölle von Kolyma spielt, hat so auch seinen ganz besonderen Reiz und ist einer der Spannungshöhepunkte des Romans.
Doch auch darüber hinaus hält die Spannung bis zum Ende des Romans an. Smith schwingt sich immer wieder zu neuen Spannungsmomenten auf und garniert den Plot mit unverhofften Wendungen. Dabei kommt den politischen wie auch den gesellschaftlichen Verhältnissen stets eine nicht ganz unwichtige Nebenrolle zu. Smith spannt einen nachvollziehbaren Bogen vom Anfang bis zum Ende und beleuchtet dabei das Schicksal seiner Hauptfiguren möglichst glaubwürdig und authentisch.
Sprachlich formuliert Smith gewohnt glasklar und ohne viele Schnörkel, und so ist „Kolyma“ ein spannender Thriller, der mal ganz flott an einem verregneten Winterwochenende durchgelesen ist.
Bleibt unterm Strich ein sehr positiver Eindruck zurück. Mit „Kolyma“ hat Tom Rob Smith „Kind 44“ gelungen fortgesetzt und einen durchweg spannenden Thriller abgeliefert, der besonders auch dadurch gefällt, dass ihm komplexe Hintergründe und ambivalente Protagonisten zugrunde liegen. Dies ist kein schlichter „Junk-Food-Thriller“, sondern Unterhaltung auf durchaus hohem Niveau, die dennoch so konsequent spannend erzählt ist, dass man die Finger kaum von dem Buch lassen kann. Wer „Kolyma“ liest, sollte aber möglichst auch „Kind 44“ schon kennen, da die Figurenentwicklung auf die Geschehnisse im Vorgängerroman aufbaut.
|Originaltitel: ›The Secret Speech‹, Simon & Schuster (London) 2009
Übersetzung von Armin Gontermann
480 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3-8321-8089-8|
http://www.dumont-buchverlag.de
Thomas Muir – Kabine B 55

Rankin, Ian – Kinder des Todes, Die
_Inspektor Rebus: Der Elefant im Porzellanladen_
Ein Mann erschießt zwei Schulkinder, verletzt ein drittes schwer und tötet sich anschließend selbst. Alles an diesem Amoklauf erinnert die Bewohner des Städtchens South Queensferry an das Massaker von Dunblane. Sie fragen sich: Was hat den ehemaligen Elitesoldaten Lee Herdman nur zu dieser Tat getrieben? Inspector John Rebus von der Kripo Edinburgh ahnt beim Auftauchen von zwei Militärermittlern, dass der Fall noch weitere Rätsel birgt. Die Suche nach den Hintergründen führt ihn nicht nur zu den kriminellen Jugendlichen der kleinen Stadt, sondern in die eigene Vergangenheit beim Militär. Aber je näher er der Wahrheit kommt, desto dunkler wird der Abgrund, in den er blickt. (abgewandelte Verlagsinfo)
_Der Autor_
Sir Ian Rankin gehört zu den wichtigsten Kriminalschriftstellern der britischen Insel. Sein Inspektor Rebus macht die schottische Hauptstadt Edinburgh nun schon in zahlreichen Abenteuern sicherer – soweit man ihn lässt! Für „Die Kinder des Todes“ wurde Rankin mit dem Deutschen Krimipreis 2005 ausgezeichnet. Die englische Königin verlieh ihm für seine Verdienste um die Literatur den „Order of the British Empire“. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Edinburgh.
Ian Rankin auf |Buchwurm.info|:
[„Verborgene Muster“ 956
[„Das zweite Zeichen“ 1442
[„Wolfsmale“ 1943
[„Ehrensache“ 1894
[„Ein eisiger Tod“ 575
[„Das Souvenir des Mördern“ 1526
[„Die Sünden der Väter“ 2234
[„Puppenspiel“ 2153
[„Die Tore der Finsternis“ 1450
[„So soll er sterben“ 1919
[„Im Namen der Toten“ 4583
[„Eindeutig Mord“ 5063
[„Der diskrete Mr. Flint“ 3315
[„Ein Rest von Schuld“ 5454
_Handlung_
Detective Sergeant (DS) Siobhan Clarke wundert sich über ihren Vorgesetzten Detective Inspector John Rebus: Seine Hände sind verbrüht. Oder verbrannt? Er lässt sich immer neue Erklärungen einfallen, was sie nicht gerade beruhigend findet. Ebenso wenig wie der Umstand, dass er denjenigen Mann besucht, der sie, Siobhan, seit Wochen piesackte – und der nun verbrannt in seiner Wohnung aufgefunden wird. Wenige Stunden, nachdem Rebus ihn verließ. Hat Rebus etwas mit dem Brand zu tun? Das fragen sich auch seine Vorgesetzten und suspendieren ihn nach wenigen Tagen vom Dienst. Die Sache ist ein gefundenes Fressen für die Sensationsreporter wie Steve Holly, der sich an die Fersen der Bullen geheftet hat. Ebenso wie Holly liebt es auch der Politiker Jack Bell, die Polizei als unfähig hinzustellen.
Und jetzt wird schon wieder ein grausiger Fall von Waffenmissbrauch entdeckt. Ein Amokläufer ist in die Schule des Städtchens South Queensferry eingedrungen, hat zwei der Schüler mit Kopfschüssen exekutiert und einen dritten – den Sohn von Jack Bell – schwer verletzt, bevor er sich selbst richtete. Alle halten Lee Herdman, den Täter, für durchgeknallt, aber Rebus ist insgeheim anderer Ansicht. Hätte ein Irrer derart präzise Kopfschüsse abfeuern können? Andererseits war Herdman ein ehemaliger Elitesoldat, der beim Special Air Service (SAS) diente, was dem Pendant zur deutschen GSG9 entspricht. Rebus wollte selbst vor Jahren mal in diese Truppe aufgenommen werden, bestand aber die unmenschliche psychologische Prüfung nicht.
Rebus ist auch durch eines der Opfer in den Fall verwickelt: Derek Renshaw war der Sohn seines Cousins Allan, mit dem er in seiner Kindheit spielte. Dereks Schwester Kate setzt sich nun gegen Waffenmissbrauch ein und unterstützt die Kampagne von Jack Bell. Rebus warnt sie als gutmeinender Onkel, doch sie hört nicht auf ihn. Das zweite Opfer war der Sohn eines Richters, doch dieser Vater bewahrt nach wie vor Haltung. Als Rebus herausfindet, dass an der Schule Waffen gelagert wurden und die älteren Schüler wie Derek regelmäßig Kadettenübungen durchführten, taucht eine engere Verbindung zu Herdman auf. Die Schüler trafen den Wasserskilehrer und Exsoldaten regelmäßig auf Partys. Sind Drogen und Sex im Spiel?, fragt sich Rebus.
Das Militär hat zwei Ermittler geschickt. Whiteread ist eine eiserne Lady mit Haaren auf den Zähnen, doch ihr junger Begleiter Simms ist unbedachter und lässt sich zu gehässigen Bemerkungen über Rebus‘ Erfolglosigkeit und Suspendierung hinreißen. Das macht Rebus überhaupt nichts aus: Sein Kollege Bobby Hogan hat ihn lediglich als „Berater“ angefordert, nicht als offiziellen Ermittler. Er kann also tun, was ihm beliebt. Und so besorgt er sich mit Hilfe von Siobhan Clarke die Militärakte von Herdman, die unverschlossen in Simms‘ Hotelzimmer liegt. Na, na, wie leichtsinnig. Denkt’s und kopiert sie klammheimlich. Ein Blatt wurde „auf Anweisung entnommen“. Der SAS hat also etwas zu verbergen, wie es aussieht.
In der Personalakte ist von Herdmans Einsatz bei einem Rettungstrupp auf der schottischen Insel Jura die Rede. Der Reporter Steve Holly tut ihm einen Gefallen und recherchiert kurz mal bei Google (Rebus steht mit Computern auf Kriegsfuß). 1995 stürzte ein Helikopter des Militärs, der mit ranghohen Offizieren an Bord Richtung Nordirland flog, auf Jura ab. Dem Piloten wurde die Schuld gegeben, und Soldaten suchten in den Inselbergen die sterbliche Überreste und Hubschrauberwrackteile. Was fand Herdman, das nicht verraten werden darf? War es etwas, womit er seine Boote bezahlte?
Zusammen mit Siobhan lässt sich Rebus von einem Bekannten Herdmans zur Insel Jura fliegen …
_Mein Eindruck_
Dieser Krimi von Ian Rankin macht mal wieder deutlich, warum er so erfolgreich ist: seine Kombination aus Wagemut, Anteilnahme und kriminalistischer Kleinarbeit. Dafür steht Inspektor John Rebus, und der Originaltitel weist schon darauf hin: „A Question of Blood“ – eine Frage des Blutes.
Dass Blut dicker ist als Wasser, weiß jeder, der sich mal für ein Geschwister oder die Verwandten eingesetzt hat. Und so ergeht es nun auch Rebus, der sich um den verlorenen Neffen Derek Renshaw und dessen Schwester Kate sorgt, aber auch um ihren Vater Allan, der sich auf einmal wieder mit Kinderspielsachen seine Zeit vertreibt. Es ist Rebus ein Herzensanliegen, den Tod von Derek aufzuklären. Dafür steigt er nicht nur hinab in die Niederungen der Jugendkultur, inklusive Spanner-Websites, sondern spannt auch die moderne Simulationstechnik ein.
Die Blutspuren am Tatort, so ergibt die Simulation, stimmen in keiner Weise mit den Aussagen von James Bell überein, dem überlebenden Opfer von Herdmans Amoklauf. Und es gibt noch weitere Widersprüche. Aber Rebus wird zunehmend klar, dass es eine Eifersuchtsaffäre ist, die das Blut des Todesschützen derart in Wallung gebracht hat, dass er zur Waffe griff. Um diese Zusammenhänge zu begreifen, stützt sich Rebus auf seine einzigartige Fähigkeit: kriminalistische Intuition und Kombinationsgabe. Und sobald er diese Einsicht erhalten hat, schreckt er vor nichts zurück, um seiner Überzeugung gemäß zu handeln – auch nicht beim Vorgehen bei Parlamentsabgeordneten. Nichts ist Rebus heilig (außer vielleicht der Produktionsweise von gutem Whisky). Für den Leser ist es stets ein Fest, wenn heilige Kühe geschlachtet werden.
Zu solchen heiligen Kühen gehört zweifellos auch der Special Air Service, der auf der Insel wie hierzulande die GSG9 verehrt wird, jene Elitetruppe, die das entführte Flugzeug in Mogadischu stürmte und befreite. Der SAS ist gleichbedeutend mit dem Militär, und dessen abgesandte Ermittler erweisen sich als abgebrüht und nicht zimperlich beim Einsatz brutaler Methoden. Rebus bemüht sich nicht um Fairplay ihnen gegenüber, und so dauert es nicht lange, bis sie auf seinen Köder anbeißen, geradezu verzweifelt, wie es ihm erscheint. Zum Glück hat er einen Zeugen dabei, so dass Schlimmeres als eine Prellung verhütet wird.
Der Autor führt uns Rebus zu Anfang als eine Art Clown und Tolpatsch vor: zwei umwickelte Hände, die ihn hilflos machen. Doch der Schein trügt: Sobald Rebus wieder Herr der Lage ist, kann er immensen Schaden anrichten – oder Nutzen, je nachdem, auf welcher Seite des Gesetzes man steht. Das wissen leider auch seine Vorgesetzten, allen voran Gillian Templer, ebenfalls eine eiserne Lady, und deren Vorgesetzte. Einen Cop unter Mordverdacht ziehen sie sofort aus dem Verkehr, aber das ficht Rebus nicht an: Er arbeitet einfach ehrenamtlich weiter, für seinen guten Freund Bobby Hogan nämlich. Der ist zufällig ebenfalls Ermittler.
Rebus und seine Chauffeuse DS Siobhan Clarke (ausgesprochen [schiwå:n], weshalb jeder kumpelhaft „Shiv“ zu ihr sagt) verbinden zwar keine Blutsbande, aber dafür etwas ebenso Starkes: Loyalität unter Kollegen, wenn nicht sogar menschliche Zuneigung, die sie aber unter einem Mantel von ruppigen Umgangsformen und Frotzeleien zu verbergen wissen. Zu mehr kommt es nicht, obwohl beide Single sind und sich abends auch mal bei Rebus treffen. Aber zwischen ihnen liegt auch die Kluft unterschiedlicher Generationen. Er mag die Band |Hawkwind| aus den Siebzigern, sie mag |Mogwai| aus den Achtzigern und Neunzigern. Und beide trennt die Kluft zur neuesten Generation.
Diese moderne Generation soll das eigentliche Thema des Krimis sein, suggeriert der deutsche Titel. Doch wir erfahren relativ wenig über sie. Das liegt aber nur am Ermittler, der mit Goths, Jazzfreunden, Waffenfetischisten und Dealern wenig mehr anzufangen weiß, als sie eines Verbrechens zu überführen – oder sie dazu zu benutzen, andere eines Verbrechens zu überführen. Hier liegt meines Erachtens ein Schwachpunkt des Romans. Der Autor hat oder gewährt (vielleicht aus Platzgründen) zu wenig Einsicht in die Jugendkultur Edinburghs. Das hätte wohl nur mit einer Schilderung aus subjektiver Sicht behoben werden können. Das aber hätte die Erfindung einer entsprechenden Hauptfigur erfordert, und so etwas wäre für einen Rebus-Krimi sehr ungewöhnlich gewesen.
Am Schluss gibt es ein spannendes Finale, wie sich das gehört. Wir bangen mit Rebus um die tapfere und unerschrockene Siobhan Clarke, die sich womöglich an Bord eines Flugzeugs befindet, das ein krimineller Selbstmörder steuert. Mehr soll nicht verraten werden.
|Die Übersetzung|
Claus Varrelmann macht seine Sache recht gut. Besonders bei sämtlichen Realien wie Ortsnamen, Whisky- und Bierbezeichnungen ist er makellos. Probleme hatte ich nur, wenn er mir unbekannte DEUTSCHE Wendungen verwendete. Dazu gehört der Ausdruck „auf Zuwachs gekauft“. Nein, das ist kein neues dubioses Finanzmarktprodukt, sondern bedeutet lediglich, dass der Träger eines Kleidungsstücks noch in dieses hineinwachsen muss. Und was bitte ist eine „Victor-Meldrews-Stimmung“ (S. 196)? Manchmal wäre eine kleine Fußnote angebracht gewesen, um solche Details zu erläutern.
Des Weiteren gibt es ein paar Druckfehlerchen. Statt „Grampains“ (S. 332) sind die „Grampians“ gemeint, die Berge von Schottland. Statt „Barcadi-Cola“ (S. 346) sollte es wohl richtiger „Bacardi-Cola“ heißen, also Cola mit Rum.
Diese Angaben beziehen sich auf die Hardcoverausgabe von |Manhattan|. Vielleicht wurde die neuere Taschenbuchausgabe von |Goldmann| in dieser Hinsicht nachgebessert.
_Unterm Strich_
Man kann sich fragen, warum der Autor für die Lösung eines Falles fast 550 Seiten braucht. Die Antwort lautet, dass es nicht nur um einen Fall geht, nämlich den Amoklauf an der Schule, sondern um nicht weniger als vier Fälle, die alle gleichzeitig recherchiert werden. Sie hängen alle miteinander zusammen, wie Rebus und Clarke mit der Zeit feststellen. Das Leben ist eben kein Bühnenstück, für das ein einziger roter Faden ausreicht, sondern voller Zufälle und Unwägbarkeiten.
Aber Rebus ist eh nicht der Typ des One-track-minds, des Mannes mit Scheuklappen, der wie ein Rennpferd nur einer vorgegebenen Bahn folgt, um möglichst schnell ans Ziel zu gelangen. Hat er in seinem Alter (Mitte fünfzig) gar nicht nötig. Seine Interessen sind vielfältig. Manchmal ermittelt er breit gestreut in alle Richtungen und stößt so auf unvermutete Zusammenhänge. Manchmal, wie in [„Ehrensache“, 1894 schnüffelt er nur so aus Neugier – und stößt unweigerlich auf Leichen, die niemand finden soll.
Auch nicht bei der Polizei, wie der Krimi [„Die Tore der Finsternis“ 1450 zeigte. Darin wird ein korrupter Bulle gejagt, der daher den Spieß umdreht und Rebus & Clarke bedroht. Hier, in „Die Kinder des Todes“, stellt der Autor die karrieregeilen Inspektoren vom Drogendezernat DMC als Volltrottel dar. Im Augenblick ihres vermeintlich größten Triumphes arbeitet Rebus gerade an der Aufklärung ihres Falles, in einer völlig anderen Richtung allerdings.
Ansonsten wundert sich der Leser nur noch darüber, dass der Autor so viel Schleichwerbung für schottische und britische Musikgruppen macht. Von |Led Zeppelin| dürft so mancher gehört haben, vielleicht sogar von |Hawkwind| (der SF-Autor Michael Moorcock wirkte bei ihnen mit), aber auch von |Mogwai|? Vielleicht wird Ian Rankin ja vom schottischen Tourismusministerium gesponsert. Nicht umsonst ist das jährliche |Edinburgh Music Festival| ja weltbekannt.
|Originaltitel: A Question of Blood, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Claus Varrelmann
Hardcover-Ausgabe bei |Manhattan| 2004:
543 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-442-54550-6
Taschenbuch-Ausgabe bei |Goldmann| 2006:
544 Seiten, Broschur
ISBN-13: 978-3-442-46314-5|
http://www.ian-rankin.de
http://www.goldmann-verlag.de
http://www.manhattan-verlag.de
Arthur W. Upfield – Der schwarze Brunnen
Ein defektes Flugzeug lässt Kriminalinspektor Napoleon Bonaparte, genannt „Bony“, in der Ödnis des nordwestlichen Australien stranden. Agar’s Lagune besteht aus zehn Wohnhäusern, einem baufälligen Hotel und einer Kneipe; die einzige Sehenswürdigkeit besteht aus einem Ring leerer Flaschen, den trinkfreudige Viehzüchter, Schafhirten und Goldsucher im Laufe vieler Jahre um das Örtchen aufgeschüttet haben.
Aus Bonapartes unfreiwilligem Zwischenaufenthalt wird ein Kriminalfall, als Fernfahrer Sam Laidlaw 170 km nördlich von Agar’s Lagune den Jeep des Polizeiwachtmeisters Martin Stenhouse findet; der Fahrer hockt mit durchschossenem Herzen am Steuer. Allem Anschein nach hat Jacky Musgrave, Stenhouses Fährtensucher – ein Aborigine -, seinen Chef umgebracht und ist anschließend in die Wüste und eventuell zu seinem Stamm geflüchtet. Arthur W. Upfield – Der schwarze Brunnen weiterlesen
Ed McBain – Neun im Fadenkreuz
In diesen Frühlingswochen wird die Bürgerschaft der US-Großstadt Isola durch eine Mordserie erschüttert: Ein Scharfschütze erschießt mit seinem Präzisionsgewehr offenbar wahllos Menschen. Die Beamten Steve Carella und Meyer Meyer vom 87. Polizeirevier, denen der Fall übertragen wird, können trotz intensiver Ermittlungen keine Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern erkennen.
Der Druck auf die Polizisten steigt mit der Zahl der Leichen. Panik greift um sich, denn der Täter mordet unerbittlich weiter und bleibt dabei unsichtbar. Erst der Zufall zeigt den Zusammenhang: Alle Opfer wirkten vor vielen Jahren in einer College-Theateraufführung mit. Dass diese bizarre Tatsache der Schlüssel zum Geschehen ist, wird den Beamen bewusst, als weitere Darsteller sterben, bevor sie ausfindig gemacht werden können. Ed McBain – Neun im Fadenkreuz weiterlesen
Irtenkauf, Dominik – Holmes und das Elfenfoto (Sherlock-Holmes-Criminal-Bibliothek, Band 6)
_Auf den Spuren Sir Arthur Conan Doyles_
1920 erschien im |The Strand Magazine| ein Artikel unter dem Titel „Epochales Ereignis – Feen fotografiert“. Demzufolge hatten drei Jahre zuvor zwei Mädchen aus der englischen Grafschaft Cottingley mit der Kamera ihres Vaters Aufnahmen voneinander gemacht, auf denen auch lebhafte Feenwesen zu sehen waren. Der Verfasser des Artikels war kein anderer als Sir Arthur Conan Doyle, der sich inzwischen vom Bewunderer des rational analytischen Denkens, wie es auch seine wohl berühmteste Figur, der Detektiv Sherlock Holmes, verkörpert, zum bekennenden Spiritisten gewandelt hatte. Abgesehen davon, dass der Glaube an die Echtheit der Fotos als Beweis der Existenz von Feen den eloquenten Ruf des Autors untergraben hat, gestand die inzwischen 83-jährige Elsie Wright erst Ende des 20. Jahrhunderts ein, dass die Fotos von den „Cottingley Fairies“ mithilfe auf stabilem Karton nachgezeichneter Kinderbuchillustrationen entstanden und damit Fälschungen waren. Für Arthur Conan Doyle kam dieses Geständnis ein halbes Jahrhundert zu spät. Er nahm seine Überzeugung mit ins Grab.
Der Autor Dominik Irtenkauf hat sich zweifellos von dieser Episode im Leben Doyles, die scheinbar im Widerspruch zu dem wissenschafts- und technikbegeisterten Abschnitt der Menschheitsgeschichte zu stehen scheint, für sein Romandebüt „Holmes und das Elfenfoto“ inspirieren lassen. Nachdem sich Doktor Watson eine Zeit lang völlig auf seine Arbeit als praktizierender Arzt und auf seine Ehefrau konzentriert hat, fehlen ihm nach seinem Auszug aus der Baker Street 221b schließlich die Abenteuer, welche er mit seinem Freund, dem genialen Sherlock Holmes, stets auf den Spuren des Verbrechens erlebt hat. Aber es genügt bereits ein spontaner Besuch in der alten Wohnung, und schon befindet sich Dr. Watson wieder mitten ein einem neuen Fall des Detektivs. Dieser hat sich gerade des angesehenen Adligen und Politikers Lord Suffrey angenommen, welcher mit Hilfe von Fotos, die ihn in kompromittierenden Situationen mit leichten Mädchen zeigen, erpresst wird.
Scheinen die Fakten zunächst auf eine gewöhnliche Erpressung hinzudeuten, entwickeln sich jedoch die Beschattung des zwielichtigen Fotografen und der Tatsache, dass eine Mätresse des Lords plötzlich zerstückelt sowie merkwürdig kostümiert und geschminkt im Park aufgefunden wird, zur Jagd auf eine mysteriöse Sekte, welche die Rückkehr des Paradieses in Gestalt des mythischen Elfenlandes Albion im Gegensatz zur unsicheren Zeit der sozialen und politischen Umbrüchen des 19. Jahrhunderts predigt. Nun ist Sherlock Holmes nicht mehr nur auf den Spuren von Erpressern oder eines dubiosen Kunsthändlers unterwegs, sondern muss sich neben der Suche nach einem wahnsinnigen Mörder auch mit den Möglichkeiten der neuen Technik der Fotografie und der Manipulierbarkeit der nur scheinbar die Realität reproduzierenden Bilder beschäftigen.
Der Autor Dominik Irtenkauf mischt in seinem 2009 im |BLITZ|-Verlag erschienen Roman „Holmes und das Elfenfoto“ mit Phantastik und klassischer Detektivgeschichte zwei Genres, die auf den ersten Blick nicht gerade kompatibel erscheinen – jedenfalls wenn man von den Ursprüngen der Geschichten Sir Arthur Conan Doyles als „Erzählungen vom logischen Denken“ ausgeht. Die wenig realitätsbezogene Welt der Feen und Elfen der fantastischen Literatur trifft auf die Welt der Kriminalgeschichte, in der nach Einschreiten des Detektivs alles Mysteriöse oder Rätselhafte auf seine stets irdische und einem menschlichen Plan entsprungene Ursache zurückgeführt wird. Da diese Sherlock-Holmes-Pastiche zeitlich nur ein gutes Stück nach der Heirat Dr. Watsons angesiedelt ist, steckt hinter alledem natürlich das geniale Verbrechergehirn der ewigen Nemesis des Detektivs, seines Erzfeindes Professor Moriarty. Wie Doyle selbst, geht auch Irtenkauf dabei nicht ins Detail, sondern postuliert, dass der Handel mit den vorgeblich künstlerischen erotischen Fotografien vor allem ein Geschäft der Londoner Unterwelt ist und der Napoleon des Verbrechens zweifellos dahintersteckt.
Auf der anderen Seite setzt sich der Autor mit dem Mythos „des kleinen Volkes“ der Elfen auseinander, das die britischen Inseln dereinst gemeinsam mit den Menschen bewohnt haben, von ihnen jedoch verdrängt worden sein soll. Bezeichnend ist, dass die einzigen Personen, die diesen Mythos für zweifelsfrei real halten, ein geistig Behinderter und einige Sektenmitglieder sind. Der Sektenführer benutzt den Mythos, um Macht auszuüben und Bewunderer um sich zu scharen. Um seinen perversen Mordgelüsten nachgehen zu können, macht er sie glauben, dass in den vorgeblich unreinen Prostituierten Elfen eingeschlossen wären, die man aus deren Körpern befreien müsse. Leider versucht der Autor die Existenz der Elfenwelt offenzuhalten und wie Dr. Watson auf eine „Grauzone“ zwischen Realität und Fantasie zu verweisen. Dabei steht innerhalb der Handlung die Feen-Einleitung ebenso isoliert wie das Elfentheaterstück oder die Elfenbücher, die wie der gesamte Mythos nur zur Flucht der Menschen vor den Problemen ihres Alltags in eine andere Welt dienen.
Viel interessanter ist jedoch die Verarbeitung der Hoffnung der Menschen, die in der Technik- und Wissenschaftsbegeisterung des ausgehenden 19. Jahrhunderts den Möglichkeiten der Evolution oder der Fotografie entgegengebracht wurden. Ganz in der Tradition Doyles, der in seinen Kurzgeschichten neueste Innovationen der Technik wie beispielsweise die Bedeutung von Fingerabdrücken aufgenommen hat, spekulieren die Charaktere in „Holmes und das Elfenfoto“ über das Potenzial der Fotografie. Zum einen wird sie als unschätzbar für die Anlage einer Verbrecherkartei gesehen. Es werden jedoch auch Überlegungen dahingehend angestellt, ob man mit ausreichend Fotomaterial bereits vom Aussehen her einen Prototyp des Verbrechers ausmachen könnte. Deutlich wird ebenfalls die rasante Entwicklung, die eben nur Familienporträts bei besten Lichtverhältnissen hervorbringt, aber schon ein paar Jahrzehnte später bereits mithilfe ausgeklügelter chemischer Prozesse Manipulationen in ungeahnten Ausmaßen zulässt, die nur bei sehr gründlicher Untersuchung der Aufnahmen zutage treten und trotzdem nicht bewiesen werden können. Faszinierend scheinen auch die Möglichkeiten, die sich mit Darwins Evolutionstheorie und der beginnenden anatomischen Forschung am Menschen plötzlich bieten. So beschäftigt sich die Wissenschaft in „Holmes und das Elfenfoto“ mit der Rückführung der Arten auf mögliche Urtypen und deren hypothetischem Überleben, wie man es aus Doyles [„The Lost World“ 1780 (1912) kennt. Irtenkauf nutzt die Gelegenheit, einem Wissenschaftler, welcher derlei Spekulationen für absurd hält, einen ironischen Seitenhieb auf Conan Doyles erfolgreiche Publikation in den Mund zu legen.
Solche ironischen Momente gelingen dem Autor, weil er viel kulturelles Hintergrundwissen einbringt und Wert auf Kleinigkeiten legt. Ein weiteres Beispiel dafür ist die semantische Verwandtschaft des namens Suffrey mit dem englischen „to suffer“, das eine Fülle von Assoziationen auslösen kann. Tatsächlich ist es der Lord, der sich „leidend“ dünkt, wobei er materiell mit Geld und Ländereien durchaus sehr gut gestellt ist. Einzig seine Sexualität auszuleben, ist ihm mit seiner traditionell zur Weiterführung des Stammbaums, zur Repräsentation oder zur Bewunderung ihres Ehemannes erzogenen Ehefrau scheinbar nicht gegönnt. Möge mancher Mann auch darunter leiden – ironisch gebrochen an den Problemen der restlichen Charaktere des Romans wirkt selbst dieses „Leid“ schon wieder lächerlich.
Was ebenfalls bereits auf den ersten Seiten der eigentlichen Kriminalgeschichte positiv auffällt, ist, dass der Autor den Ton der ursprünglichen Sherlock-Holmes-Geschichten getroffen hat. So kann der Leser ohne langwieriges Einlesen in den Roman eintauchen. Natürlich steht von Vornherein außer Frage, dass der Detektiv das Rätsel lösen wird und der Reiz der Geschichte in einer Vielzahl von Zusammenhängen besteht, die von Holmes (und dem Leser) entwirrt werden müssen. Dennoch wünscht man sich, der Autor würde den Leser hier etwas mehr an die Hand nehmen, damit er nicht ständig ebenso im Dunkel der mysteriösen Vorgänge herumtappt wie Dr. Watson.
Möglicherweise hat der mit knapp 30 Jahren noch recht junge Autor aus purer Lust am Schreiben und Ausprobieren weitere Erzählstile in den Roman eingeflochten. Doch gerade eine Straffung in diesen Abschnitten hätte dem in Teilen recht langatmigen Werk zu mehr Spannung verholfen. Geeignet wäre beispielsweise eine Reduzierung des Wortlauts der wiedergegebenen Vorträge gewesen. Auch auf die Wiedergabe des Theaterstücks hätte verzichtet werden können, da es den Lauf der Handlung bremst. Der Ausflug in die Irrenanstalt ist eher interessant als dramaturgisch notwendig. Die Darstellung des Lebens von Lords Suffrey in Schottland oder die Überlegungen der Prostituierten hinsichtlich ihrer in Ansätzen emanzipierten Freundin bringen die Handlung ebenfalls nicht voran. Der durch die Reise nach Europa verlängerte Schluss nach der Überführung der Mörder bringt für den Leser keine neuen Erkenntnisse und lässt das erlösende Moment der Überführung des Mörders verpuffen.
Irtenkauf hat sich vorgenommen, Sherlock Holmes wie seinen Schöpfer über „Kräfte auf dieser Welt, die sich vehement dem rationalistischen Zugang entziehen“ stolpern zu lassen und stellt sich damit selbst ein Bein, denn Sherlock Holmes ist nicht Arthur Conan Doyle, und offene Fragen passen nicht zur unfehlbaren Denkmaschine Holmes. Sicherlich besitzt die Verknüpfung von Phantastik und Ratio einen gewissen Reiz, aber es liegt in der Natur der traditionellen Detektivgeschichte, der Holmes und Watson entsprungen sind, dass dem Fantastischen eine rationale Erklärung zugrunde liegt. Demzufolge ist es dem |BLITZ|-Verlag gelungen, das Sherlock-Holmes-Universum mit diesem Roman der „Sherlock-Holmes-Criminal-Bibliothek“ zu bereichern, aber auf die Verknüpfung mit den nicht völlig aufgelösten fantastischen Elementen muss man sich einlassen, um an „Holmes und das Elfenfoto“ gefallen zu finden.
|160 Seiten, Pulp-Paperback
ISBN-13: 978-3-89840-216-3|
http://www.blitz-verlag.de
_Mehr von Dominik Irtenkauf auf |Buchwurm.info|:_
[„Worträtsel“ 4212
[„Der Teufel in der Tasche“ 2657
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Rossmann, Eva – Verschieden
Die Kombination aus Küche und Kriminalfall ist nicht unbedingt selten. Dass eine Krimiautorin aus Freude am Kochen einfach mal eine Ausbildung zur Köchin macht und auch als solche arbeitet, dagegen schon. Eva Rossmann, Autorin der Mira-Valensky-Krimis, hat’s getan und überrascht in ihren Büchern nicht nur mit guten Geschichten, sondern auch mit kulinarischen Köstlichkeiten.
In „Verschieden“, dem achten Buch um die vorwitzige Journalistin Mira, dreht sich alles um die Ehe. Während die kochbegeisterte Protagonistin kurz davor steht, den Bund fürs Leben einzugehen, ist ihre Fotografin Gerda gerade dabei, sich scheiden zu lassen. Ihr Mann, ein erfolgreicher Arzt, reagiert darauf nicht gerade positiv. Er ist fest davon überzeugt, dass Gerdas Wiedereinstieg ins Berufsleben schuld an der Krise ist, und beginnt, im gemeinsamem Umfeld gegen Gerda zu hetzen und ihr das Leben schwer zu machen.
Gerda ist verzweifelt, vor allem, weil sie als Schuldige dasteht. Sie hat eine Affäre mit einem Drehbuchautor, was während des Scheidungsverfahrens nicht besonders gut ankommt. Ihr Mann nutzt dies natürlich prompt aus. Doch das nützt ihm nicht mehr viel, denn wenig später wird er in einem Steinbruch ermordet aufgefunden.
Der Verdacht fällt sofort auf Gerda, da der Tod ihres Exmanns ihr am meisten nützen würde. Mira glaubt selbstverständlich nicht an die Schuld ihrer Fotografin. Zusammen mit ihrer Putzfrau Vesna macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Schuldigen. Vesnas Ambitionen, Privatdetektivin zu werden, helfen den beiden Frauen, doch nicht alle Entdeckungen, die sie machen, entlasten Gerda …
Obwohl das Buch eine übergreifende Thematik besitzt, schafft Eva Rossmann es, ihre Leser nicht mit Gedanken über Hochzeit, Ehe und Scheidung zu erdrücken. Im Gegenteil redet sie klischeefrei und mit einem guten Auge für Details von der Liebe. Man fühlt sich nie belehrt oder bevormundet und zudem wird die Handlung dadurch nicht in die Länge gezogen, was wirklich eine beeindruckende Leistung ist. Der eigentliche Kriminalfall ist recht einfach, wird aber spannend dargestellt und passt gut zu Miras Amateurermittlungen, denn wenn wir ehrlich sind, dann würde ein Verschwörungsfall von internationalem Ausmaß etwas zu übertrieben für eine Wiener Journalistin sein. Rossmann geht genau den richtigen Weg, indem sie Mira einen recht alltäglichen Fall zuschiebt, den diese mit gegebenen Mitteln lösen kann. Dadurch wirkt die Geschichte sehr realistisch und natürlich.
Rossmann zeichnet ihre Protagonistin nicht als Superheldin, sondern als sympathische, witzige und manchmal forsche Journalistin, die ihre Nase gerne in die Angelegenheiten anderer steckt. Mira erzählt aus der Ich-Perspektive und lässt dabei immer wieder ihre eigenen, sehr tiefsinnigen, oft aber auch witzigen Ansichten einfließen. An der einen oder anderen Stelle wird sie auch mal wütend, aber alles wirkt wie aus einem Guss und direkt von der Hauptfigur erzählt.
So etwas funktioniert natürlich nur, wenn der Schreibstil mitspielt. Das tut er in diesem Fall. Eva Rossmanns Erfahrung als Journalistin schimmert immer wieder durch. Sie versteht es, mit einem großen Wortschatz und klaren Satzstrukturen einfach, aber dennoch unterhaltsam zu erzählen. Besonders ihr Sprachwitz und Miras humorvolle Bemerkungen sorgen für Höhepunkte im Erzählfluss. Der Plaudertonfall, den die Autorin anschlägt, ist insgesamt sehr angenehm und passt zur Persönlichkeit der Erzählerin, die stark im Vordergrund steht, die Geschichte aber nicht erschlägt.
„Verschieden“ ist ein einfach aufgebauter, aber wunderbar erzählter Krimi aus Wien, in dessen Mittelpunkt eine sehr sympathische, freche Journalistin steht. Ihre Gedanken verleihen der Geschichte sehr viel Frische und sorgen für das eine oder andere Lächeln beim Leser.
|237 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-404-15947-5|
http://www.bastei-luebbe.de
http://www.evarossmann.at
Graham, Patrick – Evangelium nach Satan, Das
War Jesus nur ein Mensch oder vielleicht wirklich der Sohn des einzigen Gottes? Vielleicht war er beides zugleich? Die Existenz des historischen Jesus ist zweifelsfrei durch die Forschung bewiesen. Seine Qualen am Kreuz sind uns durch verschiedene Quellen geschildert und finden auch ihren Platz in den vier offiziellen Evangelien. Doch sowohl diese Quellen als auch die Forschungsresultate und Schlussfolgerungen werden weiterhin hitzig diskutiert. Die Wahrheit über das Wirken Jesu und seinen Tod am Kreuz wird weiterhin nicht nur gläubige Christen, sondern auch Geschichts- und Religionswissenschaftler aus aller Welt beschäftigen.
Sein Opfer-Tod und das spätere Wirken seiner Jünger legten den Grundstein des am weitesten verbreiten Glaubens und bilden das Fundament des christlichen Abendlandes, wie wir es kennen. Die katholische Kirche und mit ihr der Vatikan bauten ausgehend von diesen Anfängen ihre wirtschaftliche, staatliche und natürlich religiöse Macht immer weiter aus und beriefen sich dabei vornehmlich auf die vier überlieferten Evangelien. Die Christen jeglicher Nationalität glauben an das göttliche Himmelreich, das ewige Leben und die Vergebung aller Sünden, die wir jemals begangen haben. Hoffnung ist etwas, das wir uns um jeden Preis bewahren wollen. Hoffnung auf Frieden, Liebe und Vergebung.
Doch was hätte uns die Kirche überliefert, wenn die Kreuzigungsgeschichte gänzlich anders verlaufen wäre? Der franco-amerikanische Autor Patrick Graham hat sich in seinem erstem Roman das über Nacht zu einem Bestseller geworden, ein ganz anderes Szenario ausgedacht.
_Inhalt_
Nach endlosen Qualen und Folter durch die römischen Soldaten wird Jesus auf Golgatha ans Kreuz geschlagen. Seinen Glauben hat er trotz aller Schmerzen nicht verloren, doch wenig später fühlt er sich von seinen himmlischen Vater im Stich gelassen und schwört in seiner Wut und Angst Gott ab. Vor den Augen seiner Mutter und den Römern verwandelt sich Jesus in einem dämonisch, brüllenden Janus, den König der Hölle und Gebieter über die dämonischen Herrscharen.
Diese grausam anmutende Überlieferung wurde niedergeschrieben und als „Evangelium nach Satan“ lange Jahre von der Kirche geheimgehalten. Die Veröffentlichung würde die Grundfesten des christlichen Glaubens und natürlich die Position Jesus als Gottes menschgewordenen Sohn erschüttern. Milliarden von gläubiger Menschen würden ihre Hoffnung auf Erlösung verlieren und die gesamte Welt in ein Chaos stürzen, dessen Auswirkungen schwer vorstellbar sind.
Doch Satan sieht seine Zeit gekommen, sein Evangelium zu veröffentlichen, ein Ziel, das er seit Jahrhunderten verfolgt. Seine Diener, allen voran der Seelendieb Kaleb, versuchen das Evangelium in die dämonischen Klauen zu bekommen. Unterstützt werden Satan und seine bösen Engel durch eine Geheimgesellschaft, deren Einfluss bis in die höchsten Kreise der Kirchenkurie reicht.
Maria Parks, Special Agent des FBI, wird ungewollt in die Suche nach dem „Evangelium des Satans“ und damit in ein dunkles und böses Spiel katapultiert. Ihre seltene Gabe, die nach einen verehrenden Unfall zutage trat, bei dem sie ihren Lebensgefährten und ihr Kind verlor, will sich Satan nutzbar machen. Diese Gabe ermöglicht es Maria, Opfer von Gewaltverbrechen in ihren letzten Minuten zu erspüren, alle Empfindungen wie Angst, Schmerz und Verzweiflung werden zu ihren eigenen. Nacht für Nacht wird sie von diesen für sie mehr als realen Träumen gemartert.
Doch diese opferreiche Gabe ermöglicht es Maria auch, als Profilerin beim FBI Massenmörder und Serienkiller aufzuspüren. Als in ihrem Geburtsort Hattiesburg vier junge Frauen spurlos verschwinden, übernimmt Maria den Fall und wird selbst bald Opfer des satanischen Serienmörders. Maria findet die Frauen, die lebendig ans Kreuz genagelt wurden, und sie selbst erleidet später das gleiche grausame Schicksal, wird aber in letzter Minute von Sonderkräften des FBI befreit und kann den Teufelsanbeter erschießen.
Wieder aus dem Krankenhaus entlassen und genesen, glaubt Maria nicht daran, dass dieser verrückte Satanist wirklich tot ist, auch wenn sie die Leiche auf dem Obduktionstisch gesehen hat. Bei ihren weiteren Ermittlungen stellt sich heraus, dass die ermordeten Frauen Nonnen waren und zu dem Orden der Weltfernen Schwestern gehörten. Dieser Orden hat es sich zur Aufgabe gemacht, für den Vatikan Texte und Schriften mit ihren Leben zu schützen, die gefährlich für das Christentum werden könnten, sollten sie in die falschen Hände fallen und veröffentlicht werden.
Maria recherchiert in der Vergangenheit und geht den Spuren Kalebs nach, die bis in das 13. Jahrhundert zurückreichen. In den Wirren der Pest verschwand das Evangelium des Satans, doch Kaleb war ihm immer dicht auf den Fersen. Zur Seite stand ihm dabei stets die geheime Bruderschaft mit dem Namen „Schwarzer Rauch des Satans“, zu der seit Jahrhunderten viele mächtige Männer und Frauen zählen, deren Ziel es ist, einen eigenen Papst auf den Stuhl Petri zu setzen.
Auf der Welt mehren sich derweil satanische Zeichen, und der vatikanische Exorzist Carzo hat alle Hände voll zu tun, doch durch seinen Vorgesetzten im Vatikan weiß er, worum es bei all dem Bösen geht. Gemeinsam mit Maria versucht er Satans Plan aufzuhalten.
_Kritik_
Ob man als Leser nun an Gott und den Teufel glaubt oder nicht, man kann sich vom dem vorliegenden Thriller durchaus fesseln lassen, doch bedarf es für die Lektüre starker Nerven. Nicht nur der Spannung wegen, sondern weil der Grad der geschilderten Brutalitäten bemerkenswert detailliert beschrieben wird und das Resultat durchaus als gewalttätiger Splatter durchgehen könnte.
Patrick Grahams Mysterythriller ist spannend, aber der Autor hat sich zu sehr auf die Gewaltszenen in seiner Story verlassen. Es offenbaren sich keine wirklich profunden Kenntnisse der Religionsgeschichte; sicherlich ist die Theorie einer Abkehr Jesus von Gottes Seite ein origineller Ansatz, wird aber in diesem Fall etwas zu phantastisch propagiert.
Es gibt zwei Handlungsstränge und zwei Zeitzonen in Grahams Erzählung. Im Prolog erfährt der Leser viel aus der Vergangenheit der Weltfernen Schwestern, die von dem Dämon Kaleb aufgesucht und hingeschlachtet werden, der auf der Suche nach der unheiligen Schrift ist. Ein spannender Teil wie auch die nachfolgenden Rückblenden in die Vergangenheit es zeigen. Die Gegenwart wird natürlich durch das Wirken der FBI Profilerin Maria Parks und den Exorzisten Carzo geprägt, die zwar erst jeder für sich versuchen, Satan aufzuhalten, doch irgendwann zusammenarbeiten müssen, um überhaupt eine Chance haben zu können. Marias Gabe bildet dabei die größte Kraft und effektivste Waffe gegen den alten Feind, die allerdings auch eine dunkle Seite hat.
Graham konzipierte seine Charaktere recht eindimensional, bis auf Maria Parks, deren Verzweiflung und innere Leere sehr gut zum Ausdruck kommen. Sie ist eine wahrlich verlorene Seele, die persönliche Verluste zu erleiden hatte und ihr Leben nun der Aufgabe widmet, grausamen Verbrechern das Handwerk zu legen. Ihre Visionen werden realistisch und nachvollziehbar präsentiert, ganz im Gegensatz zu der sonst recht abstrusen Handlung, die zudem noch selbst für einen phantastischen Thriller unglaubwürdig ist.
Carzo der Exorzist ist ihr gläubiger Partner bei dieser Jagd, der für seinen Glauben ebenfalls persönliche Opfer bringen muss und dabei recht stark auftritt. Leider erfährt man recht wenig von seiner Vergangenheit, doch er und Park geben in jedem Fall ein kraftvolles Duo ab.
Grahams große Leidenschaft soll sein Wissensdurst rund um die Religionswissenschaft sein, doch finde ich die Romangrundlage eher lückenhaft recherchiert und aufgearbeitet. Sein Wissen um die Vorgänge und Abläufe im Vatikan sowie den Exorzismus ist hierbei durchaus solide, bietet jedoch nichts Neues für den Leser.
Der Nervenkitzel und das Grauen entstehen nicht durch das boshafte und hintertriebene Wirken der Dämonen, sondern nur durch ihre grausamen und blutigen Taten, die manches Mal nur schwer zu ertragen sind; auch Marias Visionen aus der Sicht des leidenden Opfers sind regelrecht brutal. „Das Evangelium nach Satan“ präsentiert sich phasenweise wie eine unzensierte Fortsetzungsfolge „Akte X“ oder „Supernatural“, nur leider etwas unausgegoren, unverhältnismäßig komponiert und nicht konsequent durchdacht.
_Fazit_
Die Atmosphäre des Grauens wird in diesem Schmöker durch die beschriebenen Qualen und die Folter durch die Dämonen hervorgerufen, die ihre Opfer physisch verstümmeln und bis aufs Blut quälen, nicht jedoch durch langanhaltende und handwerklich trickreich aufgebaute Spannung, die konstant aufrechterhalten wird.
Der Klerus wird sich wegen dieses Romans nicht wirklich die spärlichen Haare raufen, denn weder beschreibt der Autor unvertraute Interna noch greift er eine Theorie auf, die inhaltlich so spannend und informativ dargestellt wurde, dass sie Fragen im Leser aufwerfen könnte. „Das Evangelium nach Satan“ ist lediglich ein weiterer, wenn auch recht spannender Thriller, der zahlreiche inhaltliche Lücken und in sich unlogische Fragestellungen aufwirft und daher in der Gesamtschau nur wenig unterhalten kann. Detailreiche und blutige Beschreibungen von Qual und Folter lassen sich aber wohl dennoch gut genug verkaufen.
_Der Autor_
Patrick Graham, geboren 1968, war bis zu einem Unfall Flugpilot und arbeitet seitdem als internationaler Unternehmensberater. Seine größte Leidenschaft gehört aber der Religionsgeschichte. Daraus resultiert auch sein Debütroman, „Das Evangelium nach Satan“, der ein internationaler Bestseller wurde und den begehrten „Prix Maison de la Presse“ erhielt. Zurzeit schreibt Patrick Graham seinen zweiten Thriller.
|Originaltitel: L’evangile selon Satan
Übersetzung: Adam Hall
651 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-442-37125-9|
http://www.blanvalet-verlag.de
Preyer, J. J. – Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung
_Holmes oder nicht Holmes_
Der Meisterdetektiv Sherlock Holmes hat sich in ein kleines Hotel in Sussex zurückgezogen. Er hat die 70 überschritten und ist so wohlhabend, dass er sein Hotelzimmer, weite Reisen und seine Wohnung in der Baker Street problemlos finanzieren kann. Zu seinen Freunden zählen neben Doktor Watson auch Stephen Moriarty, der Sohn eines seiner größten Widersacher.
Sherlock Holmes‘ beschauliches Leben als Hotelgast und Wahlonkel für den fünfjährigen Rory wird jedoch unterbrochen, als ihn der englische Geheimdienst wegen eigentümlicher Morde in der Shakespeare-Geburtsstadt Stratford-upon-Avon – die in Josef Preyers Roman „Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung“ als „Stratford-on-Avon“ (so der Name des zugehörigen Verwaltungsdistriktes) bezeichnet wird – konsultiert.
Dort wurde Literaturprofessor Jonathan Hall ermordet und zudem im wörtlichen Sinne mit einem Shakespeare-Zitat gebrandmarkt aufgefunden. Während Sherlock Holmes, Dr. Watson und Stephen Moriarty die Spur des Täters aufnehmen, die sie über Shakespeares Grab, London und Rom schließlich in eine Geheimkammer in den alten Königspalast nach Edinburg führt, werden noch mehr Morde dieser Art verübt, um das lange gehütete Geheimnis der wahren Identität von William Shakespeare zu bewahren.
J. J. Preyer reiht sich mit seiner wilden Mixtur aus Indianer Jones‘ Kristallschädeln, Dan Browns reißerischen Verschwörungstheorien und Shakespeare-Zitaten in eine Vielzahl von Sherlock-Holmes-Pastiches ein, welche Sir Arthur Conan Doyles Detektiv seit dem Wegfall des Urheberrechts in alle möglichen Länder der Welt, in den Weltraum und sogar in verschiedene Zeiten verschlagen hat. Der Autor kam über eine Trilogie von Freimaurer-Romanen auf den Stoff seines ersten Sherlock-Holmes-Romans „Holmes und die Freimaurer“ (2006). Mit „Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung“ betritt er ein literaturwissenschaftliches Feld voller Spekulationen und wählt mit dem Hauptbezug zu Shakespeares „Titus Andronicus“ ein Jugendwerk, das aufgrund seiner für Shakespeare untypisch flachen Charaktere, der bizarren Handlung und der unglaublichen Brutalität immer wieder Zweifel an der Urheberschaft hervorgerufen haben.
Referenzen auf „Titus Andronicus“ sind für einen Krimi durchaus geeignet, da das Stück praktisch nur aus Morden und anderen Gräueltaten besteht. Doch abgesehen davon wird seit dem 18. Jahrhundert zu beweisen versucht, dass William Shakespeare nicht der Autor der ihm zugeschriebenen Werke ist. Einige Thesen wie die unterschiedliche Schreibweise des eigenen Namens bei Unterschriften und die Tatsache, dass kein einziges handschriftliches Original erhalten geblieben ist, greift Preyer in seinem Roman auf. Doch entgegen der Tradition der Anti-Stratfordianer, deren Spekulationen über Francis Bacon und Christopher Marlowe bis hin zu Königin Elisabeth reichen, entwickelt Preyer eine neue spannende Idee, die durchaus schlüssig erscheint, wenn man sich mit dieser Problematik bisher nicht beschäftigt hat.
Der Autor schickt nun also Sherlock Holmes in das Rennen um die Auflösung der wahren Identität William Shakespeares und natürlich des Rätsels um den Mörder mit der offensichtlichen Affinität zu Shakespeares Werken. Neben Holmes gibt es weitere Ermittler: Dr. Watson ist in Stratford vor Ort. Stephen Moriarty und die Literaturwissenschaftlerin Myra Hall, deren Familie selbst von den Morden betroffen ist, reisen in Sherlock Holmes‘ Namen einer Spur der Shakespeare-Verschwörung nach Italien und Schottland hinterher. Des Weiteren ist ein zwielichtiger Archäologe namens Dan Symmons mit von der Partie. Auch in der starken Reisetätigkeit und dem daraus resultierenden Tempo erinnert der Roman eher an Thriller oder Spionagewerke.
Die Geschichte wird nicht traditionell von Dr. Watson, sondern von Stephen Moriarty erzählt. Somit muss der Autor sich zwar nicht mit einer Anlehnung an Doyles Erzählstil belasten, büßt jedoch einen Großteil Atmosphäre ein. Moriarty ist kein ehrfürchtiger Bewunderer des Detektivs, der wenigstens Bruchteile von dessen Glanztaten an die Öffentlichkeit übermitteln möchte, sondern schreibt aus psychologischen Gründen, die sich dem Leser jedoch nicht völlig erschließen, weil sie nur damit erklärt werden, dass er ein Problem mit seiner Abstammung vom „Napoleon des Verbrechens“ (Professor Moriarty) hat.
Obwohl Preyer sowohl mit Verweisen auf die Unsterblichkeit der Personen von Shakespeares Stücken als auch mit der Übertragung dessen auf die Unsterblichkeit von Sherlock Holmes sowie Erwähnungen von gewissen exzentrischen Marotten des großen Detektivs nicht geizt, gelingt es ihm nicht, seinen Holmes überzeugend darzustellen. Im Grunde hätte es hier auch jeder andere Name sein können, was jedoch weniger verkaufsfördernd gewesen wäre. Zudem arbeitet der Autor mit kurzen Szenen, abrupten Übergängen und wenigen Beschreibungen, so dass der Leser allein auf seine eigenen Vorstellungsfähigkeiten zu bauen gezwungen ist. Preyer setzt dabei entweder auf die Wirkung archetypischer Orte wie Grabkammern, traditionelle Theaterbauten und Hotelzimmer oder altbekannter Orte wie die Bakerstreet 221B. Was jedoch in einer Shortstory legitim ist, wirkt in diesem Roman eher, als mangle es dem Autor an literarischen Fertigkeiten. Sherlock-Holmes-Fans werden daher von „Sherlock Holmes und die Shakespeare-Verschwörung“ weniger angetan sein als die Freunde von Verschwörungstheorien und temporeich verpackten Bildungshäppchen.
|Criminalbibliothek, Band 2
256 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-89840-278-1|
http://www.BLITZ-Verlag.de
Guthrie, Allan – Post Mortem
_Das geschieht:_
Robin Greaves, wenig erfolgreicher Kleinkrimineller im schottischen Edinburgh, ist beim aktuellen Coup, dem Überfall auf ein Postamt, stark abgelenkt: Sein Partner und bester Freund Eddie Soutar hat ihm Hörner aufgesetzt. Greaves will sich rächen, Eddie und die untreue Carol umbringen und die Beute für sich allein behalten.
Allerdings könnte es sein, dass Eddie und Carol umgekehrt ähnliche Pläne hegen. Man belauert einander, aber die Lage eskaliert an anderer Stelle, als der nervöse Greaves während des Postraubs eine Angestellte tötet: Aus dem (übrigens erfolgreichen Überfall) wurde Mord, der die Polizei sehr viel eifriger fahnden lässt.
Sein eigentliches Problem kennt das verkrachte Trio indes noch gar nicht: Die so unglücklich geendete Angestellte wurde abgöttisch von ihrem Sohn geliebt. Gordon Pearce ist ein schweigsamer Mensch, der seine Gefühle vor allem gewalttätig zeigt. Er hat wegen Mordes zehn Jahre gesessen und ist zurzeit als Schuldeneintreiber und Knochenbrecher für den Kredithai Cooper tätig. Kurz: Pearce ist niemand, den man sich zum Feind machen sollte.
Greaves ahnt nicht, dass Pearce eifrig nach ihm sucht. Er hat außerdem keine Ahnung, dass die beiden erfolglosen Privatdetektive Gray und Kennedy zufällig Wind vom Raub bekommen haben und planen, den Räubern das Geld abzulisten. Zu schlechter Letzt erscheint ein mordgieriger Psychopath auf der Szene. Es kommt, wie es kommen musste: Irgendwann kreuzen sich die Wege der Beteiligten mit ungemein ungesunden Folgen für Leib und Leben …
_Ein Trip nach Edinburgh … oder in die Hölle_
„Post Mortem“ – das ist ein spannender, rasanter, schwarzhumoriger Gangsterkrimi sowie eine perfekte Lektion für Pessimisten: Das Leben kann gar nicht so schlecht sein, dass es nicht noch schlimmer werden könnte. In dieser Hinsicht ist Autor Guthrie ungemein einfallsreich. Ihm fällt immer ein unerwarteter Haken ein, den die Handlung schlagen kann. Wer glaubt, dass die obige Inhaltsangabe zu viel verrät, sei beruhigt: Die richtig absurden Querschläge blieben unerwähnt …
Gangster bleiben unter sich; die ’normale‘ Welt haben sie nie kennengelernt, oft wurden sie bereits in ihr Milieu hineingeboren. Kriminell zu sein, ist kein moralisches Problem, sondern die typische Lebensform. Haftstrafen sind natürlich unbeliebt, werden aber einkalkuliert. Die Furcht vor dem Gesetz trifft sich mit dessen Gleichgültigkeit in einer breiten Grauzone. Längst hat die Polizei kapituliert. Wer es mit seinen Missetaten nicht übertreibt, bleibt in der Regel ungeschoren. Die Abspaltung einer ‚Unterschicht‘, die mit dem Rest der Gesellschaft nur mehr denselben Planeten teilt, ist für Guthrie offensichtlich eine feste Größe. Cooper, Pearce, Greaves und die anderen Figuren im „Post Mortem“-Trauer- und Schauerspiel existieren in ihrer Parallelwelt, in der die Rechte des Stärkeren und die ‚Regeln‘ des organisierten Verbrechens gelten.
_Pech ist eine feste Größe_
Verlierer sind Verlierer, und lehnen sie sich gegen ihr Schicksal auf, geraten sie erst recht in Bedrängnis: Die Welt des Allan Guthrie ist kein erfreulicher Ort. Verbrechen lohnt sich hier nur für den schlauen, rücksichtslosen Cooper, der seine ebenso kriminellen aber weniger gut aufgestellten Zeitgenossen über den Tisch zieht und ausbeutet.
Sie erwarten freilich gar nichts anderes und fügen sich in ein System, das sie entweder ignoriert oder als nutzlosen Menschenballast aussortiert, was Guthrie zu interessanten, aber erschreckenden Figurenzeichnungen inspiriert. Pearce sehnt sich verzweifelt nach Zuneigung. In der Trübsal, die seine Alltagswelt darstellt, hat er sich einen bizarren persönlichen Ehrenkodex erhalten, der die Unterstützung der Schwachen ebenso vorsieht wie blutige Rache für Muttermord. Pearce hat nie gelernt zu differenzieren; auf Herausforderungen reagiert er stets heftig. Die Folgen sind entsprechend spektakulär: |“Hinter den Scheiben im Café im Erdgeschoss saßen kleine Gruppen um Tisch. Sie aßen, tranken, plauderten und lachten. Sorglos, unbekümmert, zufrieden … Am liebsten wäre Pearce vom Bus gesprungen und hätte durch das Glas Backsteine auf die grinsenden Wichser geschmissen, ihr behagliches Leben mit etwas Schrecken versetzt, die hauchdünne Membran zwischen Freude und Schmerz zerfetzt.“| (S. 183)
Greaves ist, obwohl intellektuell ein wenig besser gestellt als Pearce, das bösartige Gegenstück zu diesem. Seine ganze Liebe galt einst der klassischen Musik, denn Greaves stand am Beginn einer großen Karriere als Pianist, bis eine Krankheit ihm buchstäblich die Hände lähmte. Ohne Stütze durch die Familie, ist er immer tiefer gerutscht – wie tief, das enthüllt uns Guthrie in einem brillanten Schlusstwist, der zwar ziemlich abgehoben ist, aber zur angenehmen Abwechslung endlich einmal wirklich überraschen kann.
_Unglück kann unterhaltsam sein_
Das könnte alles sehr trübsinnig stimmen und auch im entsprechenden Mollton geschrieben sein, ist es erfreulicherweise aber nicht. „Post Mortem“ ist reich an einem derart staubtrockenen Humor, dass man sich oft fragt, ob die entsprechende Passage komisch sein sollte: |“Während Roy [ein Gastwirt] auf Antwort wartete, sagte er: ‚Nur so interessehalber, ihr seid nicht zufällig daran interessiert, einen lebenden Hummer zu kaufen? … Kumpel von mir hat’n Dutzend Hummer, die er verticken will … Ich hab gesagt, ich hör mich mal um.'“| (S. 221)
Pearce balanciert auf einem schmalen Grat zwischen Irrwitz und Irrsinn, wenn er sich blind und taub für gesellschaftliche Regeln oder Gesetze seinen Weg bahnt. Als Greaves zum Mörder wird, geschieht dies unter so bizarren Umständen, dass man sich das Lachen kaum verbeißen kann. Eddie Soutar, der scheinbar schamlose Ehebrecher, muss zu seinem Verdruss die schöne Carol als durchtriebenes Psycho-Wrack mit panischer Sexfurcht entdecken. Im ohnehin zunehmend von der Tücke des Objekts bestimmten Spiel mischen auch noch zwei Privatdetektive mit, die in jeder Beziehung keine Zierden ihres im Krimi-Genre meist hoch gelobten Berufsstands sind.
_Klingt das nicht recht vertraut?_
„Post Mortem“ – was soll eigentlich dieser nichtssagend ‚übersetzte‘ Titel, der sich mit dem Inhalt nur über viele Ecken gedacht halbwegs in Einklang bringen lässt? – liest sich ausgesprochen unterhaltsam. Dennoch stellt sich im Laufe der Lektüre eine gewisse Irritation ein: Dieser Roman liest sich über weite Strecken wie eine Variation von Guthries [„Abschied ohne Küsse“ 5086 („Kiss Her Goodbye“), der indes erst ein Jahr später als „Post Mortem“ und nur in Deutschland vor dem Vorgänger erschien.
Es liegt nicht nur daran, dass beide Krimis in der gleichen Welt spielen. Pearce wirkt wie ein etwas ‚zivilisierterer‘ Bruder von Joe Hope („Abschied“); Ailsa Lillie spiegelt sich in Tina, der Nutte mit dem gusseisernen Herzen (bzw. umgekehrt); Wucherer Cooper tritt sowohl in „Post Mortem“ als auch in „Abschied“ auf.
Man könnte argumentieren, dass sich in der privaten, isolierten Edinburgher Unterwelt, die sowohl Pearce als auch Joe Hope ‚beheimatet‘, die Ereignisse quasi wiederholen müssen. Möchte man das trotzdem zweimal lesen? Ja, möchte man, denn im letzten Drittel gewinnt „Post Mortem“ ein eigenes Profil.
Letztlich ist Guthries Erstling der ‚bessere‘ Roman. Obwohl ihre diversen Stränge lange nebeneinander herlaufen, ist die Handlung dichter, und sie fügt sich zu einer perfekten Geschichte. Der Autor ignoriert den auch im modernen Krimi leider üblich gewordenen Hang zum Wortschwall und ist – der Kalauer sei gestattet – im Ausdruck geizig wie ein Schotte, trifft aber immer präzise auf den Punkt. Obwohl sich die Ereignisse bald förmlich überschlagen, kommt Guthrie denn auch nach nicht einmal 300 großzügig bedruckten Seiten zum Ende. Hut ab!
Die deutsche Ausgabe von „Post Mortem“ ist nicht nur stolze einhundert Seiten stärker als das Original, sondern auch fest gebunden. „Abschied ohne Küsse“ erschien noch in der Reihe „Hard Case Crime“ als Taschenbuch. Der Titel war offensichtlich erfolgreich genug um den Versuch zu wagen, Guthrie ‚auszugliedern‘, sein Werk preislich höher anzusetzen sowie es dort im Verlagsprogramm zu platzieren, wo es die ’seriöse‘ Kritik eher zur Kenntnis zu nehmen geruht.
_Autor_
Allan Guthrie wurde 1965 als Allan Buchan auf den schottischen Orkney-Inseln geboren. Die meisten Lebensjahre verbrachte er indes in der Großstadt Edinburgh, wo er noch heute wohnt und arbeitet.
Einen ersten Roman stellte Guthrie bereits 2001 fertig. Er arbeitete zu diesem Zeitpunkt in der Filiale einer britischen Buchhandelskette. Einen Verlag fand er lange nicht, erst 2004 wurde Guthries Debüt unter dem Titel „Two Way Split“ veröffentlicht; dies freilich nicht in England, sondern in den USA. Auch „Kiss Her Goodbye“ erschien 2005 jenseits des Atlantiks in der Reihe der „Hard Case Crimes“. Da diese sich auch in England einiger Beliebtheit erfreute, wurde Guthrie endlich auch im eigenen Land zur Kenntnis genommen; dass „Kiss Her Goodbye“ sowohl für einen „Edgar Allan Poe Award“ als auch für einen „Anthony“ und einen „Gumshoe Award“ nominiert wurde, dürfte mit eine Rolle gespielt haben.
Allan Guthrie ist dem ’schwarzen‘ Krimi treu geblieben. Seine Romane spielen in einem gemeinsamen Kosmos. Die Hauptpersonen des einen Buches können jederzeit als Nebenfiguren in einem anderen Werk auftreten. Inzwischen gilt Guthrie als neue, aber etablierte Stimme des englischen bzw. schottischen Kriminalromans, was er mit einer wachsendem Zahl von Literaturpreisen belegen kann.
_Impressum_
Originaltitel: Two-Way Split (Rockville/Maryland : Point Blank Press 2004/Edinburgh : Polygon, an imprint of Birlinn Limited 2005)
Übersetzung: Gerold Hens
Dt. Erstausgabe (gebunden): September 2008 (Rotbuch Verlag)
285 Seiten
EUR 16,90
ISBN-13: 978-3-86789-043-4
http://www.rotbuch.de
_Mehr von Allan Guthrie auf |Buchwurm.info|:_
[„Abschied ohne Küsse“ 5086
[„Abschied ohne Küsse“ 5272 (Hörbuch)
Remes, Ilkka – Erbe des Bösen, Das
_Story_
Seit langen Jahren trägt der einstige finnische Wissenschaftler Ralf ein dunkles Geheimnis mit sich herum, das ihm an seinem Lebensabend noch zum Verhängnis werden soll. Als Physiker unterstützte er seinerzeit das Nazi-Regime bei den Planungen zu einer nuklearen Waffe, bis der Krieg auch für ihn eine bittere Wende nahm. Erst jetzt holt ihn die Vergangenheit wieder ein, als er einem Brief in die deutsche Hauptstadt folgt, wo scheinbar das Versteck eines Uran-Behältnisses aufgeflogen ist, das Ralf damals im Auftrag der Nazis mit seinem Freund Hans Plögger ausgehoben hatte.
Als Ralf während seiner Deutschland-Reise spurlos verschwindet, nimmt sein Sohn Erik die Spur auf und stößt schon bald auf die ersten dunklen Wirrungen in der Biografie seines Vaters. Doch als er vom angereicherten Uran erfährt, das in einem Thüringer Waldstück versteckt sein soll, ist es bereits zu spät: Eine andere Gruppierung hat sich des Urans bemächtigt und sein Vater ist von einer weiteren anonymen Partei offensichtlich ermordet worden. Gemeinsam mit seiner Frau Katja versucht Erik Narva, die Vergangenheit des Vaters zu rekonstruieren und auch die düsteren Kapitel im Leben seiner schwedischen Mutter Ingrid Stromare aufzudecken.
Immer erschreckender werden die Zusammenhänge zwischen ihrer Zeit als Genforscherin, die selbst von Doktoren wie Mengele mit ‚Material‘ beliefert wurde, und seinem eigenen Lebensweg auf diesem Gebiet. Doch noch während Erik in der Tragödie seiner Familie herumstochert, wandert das gestohlene Uran in die Hände einer noch unbekannten Terror-Organisation, die wiederum in eine Verschwörung von größtem weltpolitischem Ausmaß verstrickt ist. Niemand ahnt, wie gefährlich das Vermächtnis von Ralf Narva letzten Endes wirklich ist …
_Persönlicher Eindruck_
Mehr als ein halbes Jahr habe ich mir die Lektüre dieses Romans aufgehoben, größtenteils in dem Wissen, dass die Romane des finnischen Starautos Ilkka Remes Episoden für ganz besondere Momente sind; eben für solche Szenarien wie den anbrechenden Winter, in dem einige seiner bisherigen Publikationen ja auch beheimatet waren. Zudem st es immer etwas besonderes, sich die Kleinode bis zuletzt zu bewahren und erst dann den Genuss zu wagen, wenn die restlichen Lasten über Bord geworfen sind.
Wie auch immer: Mit „Das Erbe des Bösen“ bewegt sich Remes auf völlig neues Terrain und verlässt seinen klassischen Thriller-meets-Krimi-Ansatz für eine sehr gewagte Geschichte, die sich einerseits auf die brisantesten Inhalte der deutschen Geschichte stützt, derweil auch kritische Themen der internationalen Außenpolitik aufgreift, schließlich aber auch mehrere menschliche Tragödien beschreibt, die insgesamt auch im Fokus der Handlung stehen. Zu diesem Anlass nimmt sich der Autor auch genügend Zeit, um seinen Themenkomplex vorsichtig und detailreich aufzubauen und ihm langsam aber sicher eine Struktur zu geben, die allen beteiligten Personen, aber auch dem Gewicht der Hintergrund-Story gerecht wird. Kontinuierlich verschärft Remes die Inhalte, gibt in gezielten Flashbacks mehr über die Vergangenheit von Rolf Narva, seiner Frau und einigen Kumpanen aus alten Tagen preis und wirft sie schließlich in ein zeitgemäßes Raster, das später das Gerüst der Handlung tragen soll.
Unterdessen ist die Geschichte gar nicht mal so komplex und verschachtelt, wie man es auf den ersten Blick vermuten mag. Die Zusammenhänge werden klar ausgearbeitet, die historischen Inhalte nahtlos in die aktuellen Entwicklungen eingeflochten, stellenweise sogar so authentisch, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion erschreckend heftig miteinander verschmelzen. Selbst bei rezitierten Begegnungen mit moralischen Verbrechern wie Hitler und Mengele bekommt man nicht den Eindruck, Remes würde hier Fakten bemühen, um seinem Roman einige künstliche Effekte zu verpassen. Dazu sind die Inhalte einerseits zu detailgerecht aufgearbeitet, andererseits aber auch zu spannend miteinander verknüpft, als das diesbezüglich auch nur ein Funke der Kritik zünden könnte.
Eine ähnlich starke Vorstellung wie bei der Integration der politischen wie historischen Fakten liefert der Schriftsteller dann auch bei der Erstellung der Charakterprofile. Da gibt es den sühnenden Rolf Narva, seinen ambitionierten Sohn Erik, der in seiner behüteten Heimat nicht mal im Ansatz erahnen konnte, welche Gräuel seine Eltern aktiv mitgestaltet haben, dann natürlich die eisige Mutter Ingrid Stromare, welche die Vorwürfe zur Beteiligung an der Rassenhygiene unbeeindruckt fallen lässt, und natürlich die vielen Nebenpersonen, denen hier ebenfalls ein spürbares hohes Gewicht zugesprochen wird, da sie gerade in den temporeicheren Passagen des Buches zu echten Stützpfeilern des Thriller-Anteils von „Das Erbe des Bösen“ werden.
Das letztendlich herausragende Element dieses Buches ist aber natürlich die unbeschreiblich mitreißende Verschmelzung dieser völlig verschiedenen Inhalte, die einerseits Unglauben ob der kühlen Recherche und der eisigen Atmosphäre auslösen, andererseits aber auch in positivem Sinne schockieren, da sie unbewusst aufrütteln, dabei aber nicht in Moralpredigten kulminieren. Auch „Das Erbe des Bösen“ ist in seiner Gesamtkonzeption ein reiner Thriller, der sich jedoch mitsamt der unzähligen Einflüsse und der gewagten, aber eben auch tadellos ausgearbeiteten historischen und politischen Inhalte zu einer Ausnahmeerscheinung im Katalog des berüchtigten Finnen entwickelt. Und nicht nur das: In keinem anderen Roman aus der Feder von Ilkka Remes lagen Entsetzen, Spannung, Schaudern und dunkel verborgenen Emotionen so nah beieinander wie in dieser Publikation. Gerade das macht „Das Erbe des Bösen“ daher auch zum Meisterwerk seiner Sparte und zur vielleicht stärksten Veröffentlichung in diesem Genre 2008!
|Originaltitel: Pahan Perimä
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
522 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-24666-8|
http://www.ilkka-remes.de
http://www.dtv.de
http://www.ilkkaremes.com
_Ilkka Remes auf |Buchwurm.info|:_
[„Ewige Nacht“ 2039
[„Das Hiroshima-Tor“ 2619
[„Blutglocke“ 3911
[„Höllensturz“ 3951
Colin Dexter – Das Rätsel der dritten Meile

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Ketchum, Jack – Blutrot
_Handlung:_
Für Avery Allan Ludlow bricht eine Welt zusammen, als drei Jugendliche aus Bosheit und Gewaltbereitschaft seinen alten Hund Red erschießen. Ludlow möchte nichts anderes als Gerechtigkeit und muss feststellen, dass er gegen starre Gesetze, bürokratische Behäbigkeit und den Einfluss eines mächtigen Geschäftsmannes machtlos ist. Erst seine Stellungnahme vor laufender Kamera scheint Erfolg zu zeigen, doch da reagieren die Jugendlichen und ihr reicher Vater mit Gewalt und zwingen den alten Mann zum Äußersten …
_Meine Meinung:_
Hier in Deutschland wurde Jack Ketchum bekannt mit seinen Romanen „Evil“ (The Girl Next Door, 2007 mit Blanche Baker verfilmt) und „Beutezeit“ (Off Season) und steht für harten, realistischen Horror mit drastischen Gewaltdarstellungen. Obwohl „Blutrot“ (Red) ebenfalls in der Reihe |Heyne Hardcore| erschienen ist, unterscheidet sich das Buch sowohl im Plot als auch in der Umsetzung deutlich von Ketchums früheren Werken. Die Spannung ist weitaus subtiler, obwohl das Buch bereits nervenzerreißend und mit dem kaltschnäuzigen Mord an Ludlows Hund auch recht brutal beginnt.
Was folgt, ist eine logisch nachvollziehbare Kette von Interventionen seitens Ludlow, der nichts anderes möchte, als dass die jugendlichen Straftäter einer gerechten Strafe zugeführt werden und einsehen, dass ihr Handeln falsch war. Eindrucksvoll beschreibt Ketchum, wie verbohrt und eingefahren die bürokratischen Konstrukte zivilisierter Rechtsprechung bisweilen sind, vor allem, wenn es um das Recht von Tieren geht.
Avery Allan Ludlow ist kein alter Sonderling, der mit roher Gewalt das Gesetz in seine eigenen Hände nimmt. Er ist ein friedliebender Mensch, der zuvorkommend und höflich seine Anliegen an allen möglichen Stellen vorträgt, nur um festzustellen, dass der Einfluss von Geld schwerer wiegt als ein Tierleben. Der reißerische Titel, der mit dem Originaltitel „Red“ nicht das Mindeste zu tun hat, impliziert einen blutigen Rachefeldzug, den man nach den Romanen „Beutezeit“ und „Amokjagd“ auch durchaus erwarten darf. Doch wirklich blutig oder brutal geht es lediglich auf den letzten Seiten zu, und da auch nur im angemessenen und nachvollziehbaren Stil.
„Blutrot“ entpuppt sich als temporeicher, brillant geschriebener und anspruchsvoller Pageturner, den man in einem Rutsch lesen kann. Die Handlung weist keinerlei Längen auf, sieht man einmal von der Szene ab, in der Ludlow der Reporterin Carrie von seinem ersten Sohn erzählt, der im Affekt seine Mutter und seinen kleinen Bruder tötete. Diese Geschichte mutet im ersten Augenblick sehr melodramatisch an, und man ist gewillt, entnervt die Augen zu verdrehen, weil der Protagonist mal wieder ein äußerst tragisches Erlebnis mit sich herumträgt, über das er eigentlich nie spricht. Doch bei genauerer Betrachtung ist diese Geschichte sehr wichtig für die Charakterdarstellung Ludlows, denn dadurch werden seine Handlungen glaubwürdiger und wirken nicht so belehrend. Ludlow konnte seinen eigenen Sohn nicht davor bewahren, auf die schiefe Bahn zu geraten, womit der Besuch beim Vater des Jungen, der seinen Hund erschossen hat, den vorwurfsvollen Charakter verliert. Worauf es Ludlow ankommt, ist, dass der Junge sich zu seinen Taten bekennt, die Verantwortung übernimmt und sein einflussreicher Vater ihm eine angemessene Bestrafung zukommen lässt.
Ketchum hat es wieder einmal verstanden einen allzu realistischen Alptraum zu entwerfen, der nicht an den Haaren herbeigezogen ist und sich fast wie ein Erfahrungsbericht liest. Weshalb allerdings die deutsche Ausgabe in der Reihe |Heyne Hardcore| herausgekommen ist, bleibt unverständlich. Die Aufmachung ist schlicht reißerisch und unangemessen. Der plakative Titel und die einfache, aber wirkungsvolle Covergestaltung werden sicherlich viele Leser abschrecken, denen dadurch ein exzellent geschriebener, authentischer Thriller entgeht, wie man ihn selten findet. Die Papierqualität und der Satzspiegel sind dagegen von aller erster Güte.
_Fazit:_
Wieder einmal ein Volltreffer von Ketchum! „Blutrot“ ist ein anspruchsvoller und dennoch kurzweiliger Thriller mit einer mitreißenden Handlung. Gewaltdarstellungen wurden hier weitaus dosierter eingesetzt, so dass die Vermarktung unter dem Label |Heyne Hardcore| nicht gerechtfertigt erscheint.
|Originaltitel: Red; New York, 1995
Aus dem Amerikanischen von Joannis Stefanidis
271 Seiten, kartoniert
Titelgestaltung von Hauptmann und Kompanie, München-Zürich
ISBN-13: 978-3-453-67556-8|
http://www.heyne-hardcore.de
http://www.heyne.de
_Jack Ketchum auf |Buchwurm.info|:_
[„Evil“ 2151
[„Beutezeit“ 4272
[„Amokjagd“ 5019
_Florian Hilleberg_
R. Austin Freeman – Das Auge des Osiris

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Rankin, Ian – Ein Rest von Schuld
_Das geschieht:_
Der gefürchtete Tag naht in Riesenschritten: Detective Inspector John Rebus von der Kriminalpolizei im schottischen Edinburgh geht in Rente! Was er im Ruhestand mit sich anfangen soll, ist dem leidenschaftlichen Polizisten ein Rätsel. Mit Leib und Seele klammert er sich deshalb an seinen letzten Fall: In einem Parkhaus wurde der Dichter Alexander Todorow brutal zu Tode geprügelt. Er galt als Dissident und Kritiker des ’neuen‘ kapitalistischen Russland, das er vor vielen Jahren verlassen musste.
Der Mord an Todorow gilt als Raubüberfall. Als solchen würde ihn die Polizei gern zu den Akten legen, doch da ist Rebus vor! Mit seiner widerstrebenden Partnerin Siobhan Clarke ermittelt er eifrig in alle möglichen und auch unmöglichen Richtungen. Dabei stößt er auf Sergei Andropow, einen undurchsichtigen ‚Geschäftsmann‘, der als Mitglied einer russischen Geschäftsdelegation Edinburgh bereist. Als potenter Investor wird er von der Politik und vom Kapital fürstlich empfangen und gebauchpinselt, weshalb Rebus‘ Interesse als störend empfunden wird.
Kein Wunder, denn der Inspector entdeckt, dass Todorow und Andropow sich kannten. Darüber hinaus gibt es Verbindungen zwischen Andropow und Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty, den Unterweltboss von Edinburgh und Rebus‘ Erzfeind. Offenbar plant die schottische Mafia im Bund mit den russischen ‚Kollegen‘ ein gewaltiges Spekulationsgeschäft, an dem sich einige Politiker und Großbanker beteiligen und bereichern wollen.
Bekam Pechvogel Todorow Wind von der Sache und wurde deshalb ausgeschaltet? Erging es einem allzu neugierigen Tonstudiobetreiber ähnlich, der zur nächsten Leiche wird? Die wahre Dimension der Ereignisse stürzt Rebus in tiefe Verwirrung, denn manchmal steckt weniger dahinter, als es aussieht …
_“All good things …“_
Es ist soweit: Der 17. Fall von John Rebus wird sein letzter sein. In Schottland werden Kriminalbeamte mit dem Erreichen des 60. Lebensjahres in den Ruhestand geschickt. Da Ian Rankin Rebus in dessen 40ern erstmals ermitteln und ihn chronologisch korrekt altern ließ, ist diese Altersgrenze erreicht – ein Fehler, wie Rankin kokett zugibt, obschon er vermutlich ganz froh ist, der Fron entronnen zu sein, sich auf hohem Niveau neue Kriminalgeschichten um seinen allmählich auserzählten Helden ausdenken zu müssen. Außerdem ist das letzte Wort nicht gesprochen: Das spektakuläre und offene Ende von „Ein Rest von Schuld“ verlangt eigentlich eine Fortsetzung.
Doch erst einmal führt uns Rankin in „Ein Rest von Schuld“ ein letztes Mal vor, was wir so an Rebus schätzen – sein Talent als Kriminalist ebenso wie seine Respektlosigkeit vor Autoritäten, die sich Anerkennung nicht verdient haben, sondern sie wie ein fürstliches Privileg einfordern. Die intensive Fahndung nach dem Mörder eines russischen Dichters, der ebenso unbequem war wie der schottische Polizist, bekommt einen tragischen Unterton durch die Wehmut, die sogar der betont sachliche Rebus nicht unterdrücken kann: „Ein Rest von Schuld“ kreist immer wieder um die Frage, was einen Mann ohne echtes Privatleben erwartet, der seinen Job verlieren wird.
_“Brave, new, criminal world“_
Die Weltuntergangsstimmung spiegelt sich im ‚Fall‘ und damit in der eigentlichen Handlung wider. Einmal mehr greift Rankin das moderne bzw. ‚globalisierte‘ Verbrechen auf. Schon vor dem Banken- und Börsencrash von 2008 zeichnete sich eine Verschiebung in den weltwirtschaftlichen Strukturen ab. Während Nordamerika und Europa an Bedeutung verlieren, gewinnen Asien und die ehemals zur Sowjetunion gehörenden Staaten mehr und mehr Einfluss. Sie sind deshalb als Investoren sehr beliebt geworden, wobei die Politiker, Konzerne und Banken des Westens geflissentlich übersehen, aus welchen oft trüben Quellen sich die Vermögen der neuen Herren oft speisen. Der Zweck heiligt angeblich die Mittel, und auch dieses Geld stinkt nicht mehr, wenn es seine in sicherer Entfernung angesiedelten Empfänger erreicht hat.
Gesetze oder gar moralische Grundsätze gelten der Wirtschaftselite als lästige Hindernisse, die im Rahmen der Gewinnmaximierung strategisch eingeplant, aber möglichst nicht beachtet werden. Angesichts einer solchen Haltung ist es nur ein Schritt bis zur ‚Zusammenarbeit‘ zwischen Großkonzernen, Banken und dem organisierten Verbrechen. Rankin verankert diesen Plot an einem realen Vorfall, auf den er im Verlauf der Handlung mehrfach zurückkommt: Im November 2006 wurde Alexander Litwinenko, ein energischer Kritiker der aktuellen russischen Politik und als Ex-Agent intimer Kenner ihrer dubiosen Praktiken, vergiftet. Er starb nach einem dreiwöchigen Todeskampf; Indizien weisen darauf hin, dass sich das Kreml-Regime eines unangenehmen Kritikers entledigt hat. Ob dies zutrifft, bleibt vermutlich ewig ungeklärt, doch Rankin fand hier den Ansatz, den er für seinen Plot benötigte.
Elegant schlägt er den Bogen zum ‚heimischen‘ Verbrechen. Seit 1999 besitzt Schottland ein eigenes Parlament. Vielen Lokalpatrioten geht dies längst nicht weit genug; sie wollen Schottland von Großbritannien abkoppeln, einen selbstständigen Staat gründen und die Erdöl- und –gasvorkommen in Nordsee und Atlantik allein ausbeuten. In einem unabhängigen Schottland würden die politischen und wirtschaftlichen Karten neu gemischt: Rankin spekuliert, wie das aussehen könnte.
Freilich fährt Rankin seine schweren Geschütze dieses Mal vor allem zur Verwirrung seiner Leser auf. Der Plot ist eine große Täuschung und bietet viel Getöse, das sich im Finale in Nichts auflöst. Das wird entweder als Enttäuschung empfunden oder mit Bewunderung zur Kenntnis genommen, da Rankin ein Schlusstwist gelingt, der das zuvor Geschehene völlig auf den Kopf stellt. Zwar hört man die hoch aufgetürmte Geschichte über ihrem Fundament knirschen, wenn sie abrupt in eine gänzlich neue Richtung gerissen wird. Die Überraschung gelingt immerhin, auch wenn Rankin seinem Publikum gegenüber nicht gerade fair geblieben ist: Mit dieser Auflösung war nicht zu rechnen.
_“Keep them doggies rolling …“_
17 Rebus-Romane schrieb Ian Rankin in zwei Jahrzehnten. Sie galten der Kritik bereits in den 1990er Jahren als vorbildliche, d. h. nicht nur eine explizite Sicht auf das Verbrechen in der modernen (urbanen) Gesellschaft vertretende, sondern auch spannend, tragisch und witzig geschriebene (Kriminal-)Romane. Das schürte die Erwartungshaltung, der Rankin spätestens im neuen Jahrtausend nicht mehr mit jedem neuen Band gerecht werden konnte. Die Romane wurden länger, die Plots komplexer und verschlungener, doch die alte Intensität ließen sie vermissen. Rebus wandelte weiter am Rande der Selbstzerstörung, aber wir Leser waren uns zunehmend sicherer, das Rankin ihn nicht fallen lassen würde. Das war in den frühen Bänden erschreckend anders.
Im Vergleich mit (furchtbar) vielen anderen Schriftstellern hielt Rankin als Autor der Rebus-Krimis ein überdurchschnittliches Niveau. Den Abenteuern seiner ebenso realistisch wie liebevoll gezeichneten Figuren folgte man weiterhin gern. So könnte es Rankin noch eine ganze Weile fortsetzen. Er mag nicht mehr und legt zumindest eine Pause ein. Dass er es ernst meint, zeigte er mit „Doors Open“ (2008), dem ersten ‚Non-Rebus‘-Roman seit 1995. Weitere Pläne umfassen einen Kurzroman für die „Quick Read“-Serie sowie Comics oder besser: Graphic Novels.
Schon leiden die Rebus-Fans unter Entzugserscheinungen. In diversen Krimi-Foren wird eifrig über Fortsetzungsszenarien für die Serie diskutiert. Favorisiert wird offenbar eine Variante, die Siobhan Clarke die polizeiliche Hauptrolle übernehmen lässt, während Rebus als nun privater Ratgeber (und Unruhestifter) im Hintergrund wirkt. Dies sind indes reine Wunschvorstellungen, zu denen Rankin sich nur unverbindlich äußert.
Es gilt also tatsächlich Abschied zu nehmen. Nach der Lektüre von „Ein Rest von Schuld“ geschieht dies mit der gebührenden Wehmut, in die sich ein wenig Erleichterung mischt: Rebus tritt in Würde ab, bevor er seinen Biss verliert. Das ist so manchem anderen Serienhelden leider nicht gelungen.
_Epilog_
|“Does it really mean we’ve seen the last of Rebus? I’m still not convinced. There’s no way he’s going gentle into that dark retirement. And I still like to spend time with him. Maybe one day …“| (Ian Rankin in seinem Newsletter, Ausgabe August 2008)
_Der Autor_
Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Zunächst hoffnungsvoller Poet, wechselte er als Student zur Prosa. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.
Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er unter anderem als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus.
Ian Rankins Rebus-Romane kamen nach 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.
Ian Rankins [Website]http://www.ianrankin.net ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie unter anderem mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.
_Impressum_
Originaltitel: Exit Music (London : Orion Books Ltd. 2007/New York : Little, Brown and Company 2008)
Übersetzung: Giovanni u. Ditte Bandini
Deutsche Erstausgabe (geb.): September 2008 (Manhattan im Wilhelm Goldmann Verlag)
541 Seiten
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-442-54639-8
http://www.manhattan-verlag.de
http://www.ian-rankin.de
_Ian Rankin auf |Buchwurm.info|:_
[„Verborgene Muster“ 956
[„Das zweite Zeichen“ 1442
[„Wolfsmale“ 1943
[„Ehrensache“ 1894
[„Ein eisiger Tod“ 575
[„Das Souvenir des Mördern“ 1526
[„Die Sünden der Väter“ 2234
[„Puppenspiel“ 2153
[„Die Tore der Finsternis“ 1450
[„So soll er sterben“ 1919
[„Im Namen der Toten“ 4583
[„Eindeutig Mord“ 5063
[„Der diskrete Mr. Flint“ 3315
Davidsen, Leif – Feind im Spiegel, Der
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben sich 2008 zum siebten Mal gejährt. Die Bilder der brennenden Türme des World Trade Centers gingen damals um die ganze Welt und verursachten Schock und Verwirrung. Viel hat sich seitdem verändert. Die Sicherheitsmaßnahmen bei Flugreisen wurden zum Beispiel verstärkt und die Terrorabwehr ist immer stärker in den Fokus der Regierungen gerückt. Doch der normale Bürger hat längst nicht alle Auswirkungen des schon jetzt historischen Ereignisses aus dem Jahr 2001 mitbekommen. Viele Dinge liefen intern ab und betrafen weniger die Bevölkerung als vielmehr die Exekutive. Der Journalist Leif Davidsen verarbeitet in „Der Feind im Spiegel“, dem dritten Band seiner losen Trilogie, die tragischen Vorgänge aus zweierlei Perspektiven: aus der eines Kopenhageners Polizeibeamten und aus der von Vuk, einem untergetauchten früheren Berufskiller, den die CIA zum Zwecke der Terroristenfahndung einsetzt.
Per Toftlund ist ein Ex-Militär, der nun bei der Polizei arbeitet und nach den Terroranschlägen des 11. September eine Sonderermittlungstruppe leitet, die sich mit der Frage befasst, ob al-Qaida auch in Dänemark Fuß gefasst hat. Aus diesem Grund wird die junge Muslime Aischa Hussein mit ins Boot geholt, eine diplomierte Politikwissenschaftlerin, die eine Menge über den Islam weiß. Ausgestattet mit weitreichenden Befugnissen, findet Toftlunds Truppe sehr bald heraus, dass es auch in Kopenhagen entsprechende Strömungen gibt. Den Honighändler Marko Cemal haben sie in Verdacht, Geldgeschäfte für terroristische Vereinigungen zu organisieren, und glauben, dass er ein Doppelleben führt und in England als strenggläubiger Muslim auftritt, während er in Dänemark eher den Lebemann gibt. Außerdem gibt es Indizien dafür, dass er Kontakt zu einem mysteriösen Dänen hat, der in Spanien wohnt und „Thronfolger“ genannt wird. Wer dieser Thronfolger ist, wissen Per und seine Leute nicht, doch sie sind davon überzeugt, dass er eine Bedrohung darstellt …
Zur gleichen Zeit wird der Serbe Vuk, ein früherer Auftragskiller, unruhig. Er lebt mit gefälschten Papieren mit seiner Familie in Amerika und geht dort ganz normal einer Arbeit nach. Im Zuge der Aufregung nach dem 11. September kommt man ihm auf die Spur. Seine Fingerabdrücke sind bei der CIA hinterlegt und er wird festgenommen, als man seine Familie routinemäßig überprüft. Vuk gilt eigentlich als tot, seit er nach einem blutigen Zusammenstoß mit Per Toftlund in seiner früheren Heimat Dänemark verschwunden ist. Damals hat er zwei Freunde von Per getötet und dessen Frau Lise verletzt. Doch anders als erwartet, bedeutet der Zwischenfall mit der CIA keinen Ärger für ihn. Als er anbietet, Informationen über Al-Qaida-Mitglieder herauszurücken, soll er undercover nach Dänemark reisen, um dort zu ermitteln. Als Aussicht winkt ein neuer Satz gefälschter Papiere, mit dem er für immer in Amerika bleiben darf.
Ohne es zu merken, arbeiten die beiden Todfeinde Per und Vuk an dem gleichen Fall, und das auch noch in der gleichen Stadt. Ohne voneinander zu wissen, bewegen sich die beiden immer mehr aufeinander zu, bis sie sich letztendlich in die Augen sehen müssen …
Im Mittelpunkt von „Der Feind im Spiegel“ stehen die beiden Männer Per und Vuk, die aufgrund eines schicksalsträchtigen Ereignis aus dem Vorgängerbuch miteinander verbunden sind. Obwohl sie sich hassen, bemerkt man als Leser auch einige Ähnlichkeiten bei den sehr präzisen Charakterstudien, die Davidsen präsentiert. Beide sind sehr hart und würden alles tun, um ihre Familie zu beschützen. Der Gedanke der Rache ist ihnen nicht fremd und beide verfügen über einen militärischen Hintergrund, der in ihrem Denken und Handeln immer wieder durchschimmert. Der Autor räumt dem Innenleben der beiden Figuren sehr viel Platz ein. Per ist dabei noch wesentlich häufiger vertreten als Vuk – nicht nur bezogen auf seine Arbeit, sondern auch sein Privatleben wird ausgeschöpft.
Je nachdem, was man von diesem Roman erwartet, kann dieser enttäuschen oder erfreuen. Wer eine Geschichte lesen möchte, die sich mehr auf die innerlich zerrissenen Protagonisten konzentriert, dem wird „Der Feind im Spiegel“ gefallen. Wer jedoch einen spannende Thriller lesen möchte, wird vielleicht enttäuscht sein. Die Handlung ist stellenweise nicht besonders schlüssig und folgt vor allem keinem gelungenen Aufbau. Die langen Episoden aus Pers Privatleben machen es an mancher Stelle schwer, zum eigentlichen Geschehen zurückzukehren. Hinzu kommt der vorhersehbare Höhepunkt am Ende der Geschichte, der nicht besonders gut eingeführt wird. Davidsen fällt mit der Tür ins Haus, was den Leser vielleicht nicht überrascht, aber doch stört. Es passt einfach nicht sauber in den Ablauf des Geschehens.
Neben Pers Privatleben und den polizeilichen Ermittlungen legt der Autor einen Fokus auf Gedanken an und um den 11. September, was in dieser Masse nicht besonders gelungen ist. Stellenweise wirkt es wie eine persönliche Auseinandersetzung des Autors mit diesem Thema, was dem Buch wiederum einen merkwürdig subjektiven Anstrich verpasst, der ihm nicht besonders gut steht. Alles in allem kommen die handlungsrelevanten Abschnitte zu kurz, egal wie man Davidsens Ab- und Ansichten nun beurteilt. Selbst wenn man „Der Feind im Spiegel“ unter dem Gesichtspunkt liest, den Charakteren näherzukommen, wirkt die Geschichte häufig etwas überlang.
Der sichere Schreibstil macht zwar einiges wieder wett, aber zaubern kann er nicht. Inhaltliche Längen bleiben Längen, egal in welche Wörter man sie packt. Man merkt dem Autor seinen beruflichen Hintergrund an. Er schöpft aus einem großen Wortschatz und setzt diesen zu einfachen, aber sehr ausdrucksstarken Sätzen zusammen. Ihm reichen wenige Wörter, um einen Sachverhalt darzustellen. Das gilt sowohl für die Beschreibungen von Situationen als auch für die Gefühle der Protagonisten. Letztere ermöglichen einen guten Einblick in die Seelen von Vuk und Per, bleiben dabei aber recht distanziert, was wiederum zu den Persönlichkeiten der beiden passt.
Leif Davidsens „Der Feind im Spiegel“ ist eine zwiespältige Angelegenheit. Auf der einen Seite stehen der tolle Schreibstil und die interessanten Charaktere, auf der anderen die doch etwas zähe Handlung. Sie enthält zwar viele interessante Tatsachen zum 11. September – unter anderem aus der Sicht einer diplomierten Politikwissenschaftlerin mit Migrationshintergrund sowie aus jener der Polizei -, aber auch genügend Dinge, welche die Handlung eher bremsen als voranbringen. Je nachdem, welche Prioritäten man als Leser setzt, kann die Lektüre entweder sehr interessant oder eben etwas unspannend sein.
|Originaltitel: Fjenden i spejlet
Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle
Taschenbuch, 395 Seiten
ISBN-13: 978-3-423-21088-1|
http://www.dtv.de
http://www.leif-davidsen.de
Sax Rohmer – Die Feuerzunge

Sax Rohmer – Die Feuerzunge weiterlesen













