Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

James, Peter – So gut wie tot

|“Wenn Ronnie Wilson beim Aufwachen geahnt hätte, dass er in wenigen Stunden tot sein würde, wäre seine Tagesplanung wohl etwas anders ausgefallen.“| So beginnt Peter James seinen vierten Krimi um Detective Superintendent Roy Grace. Wilson nämlich hat am 11. September 2001 vormittags einen Termin in einem der Türme des World Trade Center. Er verspätet sich und wird Zeuge, wie ein Flugzeug in den ersten Turm rast. Doch Wilson hat nur seinen Termin im Kopf, denn sein alter Freund Donald Hatcook soll ihm helfen, da Wilsons Geschäfte nicht gut laufen. Bevor er aber zu seinem Geschäftstermin gehen kann, trifft ein weiteres Flugzeug auf den zweiten Turm. Schlagartig ändert sich Ronnie Wilsons Leben …

Sechs Jahre später flüchtet Abby Dawson vor einer unbekannten Angst. Sie verschanzt sich in ihrer Wohnung und beobachtet die Straße vor dem Haus stets genau, bevor sie es wagt, die Wohnung zu verlassen. Doch an einem Tag im Oktober 2007 ist die Treppe durch Bauarbeiten versperrt und Abby muss den alternden Fahrstuhl nehmen – ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Denn mittendrin stürzt er ab, fängt sich, hängt aber nur noch schief in den Seilen. Abby ist in Panik, zudem hat ihr Handy keinen Empfang und der Notruf funktioniert nicht. Als dann von oben ein Poltern zu hören ist, muss sie fürchten, dass jemand auf dem Fahrstuhl steht und zu ihr in die Kabine steigen will.

Ebenfalls im Oktober 2007 will Roy Grace gerade in sein verdientes Wochenende starten, als ein Telefonanruf all seine Pläne zunichte macht. In einem Abwasserkanal wurde eine Leiche entdeckt. Also begibt er sich bei strömendem Regen zum Fundort und steigt in den Kanal hinab. Dort erwartet ihn ein ziemlich verwestes Skelett, an dem noch einige lange blonde Haare haften . genau die Haarfarbe von Graces Ehefrau Sandy, die vor Jahren spurlos verschwunden ist. Weitere Hinweise deuten darauf hin, dass es sich um Sandy handeln könnte . Alter und Geschlecht stimmen überein. Hat Roy Grace nach jahrelanger Suche nun seine Ehefrau wieder gefunden?

Kurz darauf wird in Australien in einem schlammigen Fluss eine weitere Leiche entdeckt – eingesperrt im Kofferraum eines Autos, das am Boden des Flusses liegt. Hängen diese Dinge miteinander zusammen? Und wenn ja, wie?

_Verwirrspiel_

In „So gut wie tot“ führt uns Peter James so lange an der Nase herum wie in keinem anderen Roy-Grace-Krimi. Er präsentiert uns mehrere Charaktere, zwei Frauenleichen auf zwei verschiedenen Kontinenten und Handlungsstränge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Doch natürlich geschieht hier nichts zufällig und alles hängt eng miteinander zusammen. Lange dauert es allerdings, bis wir beginnen zu ahnen, wie die Figuren und Handlungen in Zusammenhang stehen, und auch dann wirft uns Peter James nur einzelne Puzzleteile hin, die wir mühsam zu einem Gesamtbild zusammen setzen müssen. Aber wie schon in seinen anderen Romanen reißt er uns von der ersten Seite an mit. Denn zunächst gilt es natürlich zu klären, wie Ronnie Wilson zu Tode kommt. Als wir ihn am 11. September 2001 vormittags zu den Zwillingstürmen des World Trade Center begleiten, ahnen wir, was geschehen dürfte. Doch dann betritt er die Türme gar nicht. Was also geschieht mit Ronnie Wilson? Wir werden es erfahren, allerdings erst im weiteren Laufe des Buches.

Von Kapitel zu Kapitel wechselt Peter James die Schauplätze und erzeugt dadurch ein rasantes Erzähltempo, besonders bedrohlich wirkt die Fahrstuhlszene mit Abby Dawson, die definitiv große Angst hat, und zwar nicht nur vor dem Absturz des Lifts, sondern auch vor einem anderen Menschen. Denn zwischendurch empfängt sie eine beängstigende SMS, die ihr mitteilt, dass jemand weiß, wo sie sich auffhält – doch wer? Es dauert lange, bis wir erfahren, vor wem und vor was Abby davon läuft, und als wir es erfahren, ist es für Abby fast schon zu spät, denn ihr Widersacher steht bereits vor ihrer Wohnungstür und bald schon mitten in ihrer Wohnung …

Die toten Frauen dagegen bergen zunächst wenig Spannungspotenzial, da sie bereits seit Jahren tot sind und wir sie vermutlich auch gar nicht kennen. Je mehr Informationen wir allerdings über die toten Frauen erhalten, umso vollständiger wird das Bild, das wir uns von den Geschehnissen machen können. Sie spielen natürlich eine ganz wichtige Rolle für den zu klärenden Fall.

_So spannend wie selten_

Peter James hat einfach ein glückliches Händchen für einen (fast) perfekten Spannungsbogen. Langeweile ist bei seinen Büchern ein Fremdwort, und auch bei dem vorliegenden Krimi konnte ich nur eine Durststrecke entdecken, und zwar als Abby Dawson auf ihren Widersacher trifft, um das Leben ihrer Mutter fürchten muss und vor ihrem Widersacher flüchtet. Hier zieht sich die Geschichte ein wenig, aber glücklicherweise zieht Peter James dann irgendwann das Tempo auch wieder an. Faszinierend an seinen Büchern ist, dass James immer etwas Neues einfällt. Meist sind es nicht die klassischen Mordserien, die es aufzuklären gilt, sondern viel komplexere Zusammenhänge bzw. es sind überhaupt keine Morde aufzuklären, wie in James‘ „Stirb ewig“, wo Menschen lediglich durch einen Unfall zu Tode kommen. So hebt sich Peter James immer wieder deutlich vom Durchschnitt ab.

Hinzu kommt die Figur des Detective Superintendent Roy Grace, den wir nun schon zum vierten Mal begleiten dürfen. Dieses Mal jedoch steht er eher im Hintergrund, die anderen handelnden Figuren – allen voran Abby Dawson – erhalten deutlich mehr Gewicht. Doch das schadet Grace überhaupt nicht, allerdings wünsche ich mir schon, im nächsten Buch wieder mehr über den Ermittler zu erfahren. Dieses Mal steht die Suche nach seiner Frau Sandy sehr im Hintergrund. Zwar spukt sie deutlich in seinem Kopf herum, als der Verdacht besteht, dass er sie nun tot im Abwasserkanal gefunden haben könnte, doch natürlich ist es so einfach nicht. Ganz am Ende hält Peter James jedoch noch eine Überraschung für uns parat, die sich gewaschen hat. Das Buch endet mit einem Paukenschlag, der es mir schwer macht, auf den fünften Band zu warten.

_Mehr davon_

Zum vierten Mal hat Peter James mich erfolgreich in seine Roy-Grace-Welt entführt, die ich nur schwer wieder verlassen konnte. Hat man mit einem Buch erstmal begonnen, mag man es nicht mehr zur Seite legen. „So gut wie tot“ reiht sich perfekt in die Roy-Grace-Reihe ein und macht jetzt schon Lust auf den fünften Fall, den der Detective Superintendent hoffentlich bald zu lösen hat!

|Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3502100713
Originaltitel: |Dead Man’s Footsters

_Peter James auf |Buchwurm.info|:_

[„Stirb ewig“ 3268
[„Stirb schön“ 3154
[„Stirb schön“ 3680 (Lesung)
[„Nicht tot genug“ 4844 (Lesung)
[„Mein bis in den Tod“ 2493
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391

Thørring, Jorun – Kein Zeichen von Gewalt

Reiche Familien mit düsteren Geheimnissen sind beileibe keine Seltenheit in der Literatur. „Kein Zeichen von Gewalt“ von Jorun Thørring ist ein weiterer Roman, der diese Konstellation aufgreift. In ihm hat Orla Os, die norwegische Sonderermittlerin bei der Pariser Polizei, ihren zweiten Auftritt.

Adam Fabre, Besitzer einer Modelagentur und Ehemann der Tochter der angesehenen Pariser Familie Tesson, verschwindet eines Tages spurlos. Anfangs glauben Orla und ihre Kollegen noch, dass er mit einer seiner Geliebten abgehauen ist, doch wenig später finden sie seinen Wagen auf einem verlassenen Parkplatz. Von Fabre finden sie zwar immer noch nichts, dafür liegt eine ermordete junge Frau auf dem Rücksitz. Sie zeigt keine Anzeichen von Gewalteinwirkung, ihre Identität scheint niemand zu kennen.

Als Orla und ihre Kollegen Fabres Familienleben und Umfeld ausleuchten, kommen einige unschöne Geheimnisse ans Tageslicht. Die Modelagentur scheint keineswegs eine Modelagentur zu sein, Fabres Sekretärin benimmt sich wie eine High Society-Lady, obwohl sie bettelarm ist, und die Vergangenheit von Fabres Schwägerin Juliette ist auch nicht ganz sauber. Hinzu kommt seine Ehefrau, eine kalte und abweisende Person, und sein Vater, der sofort einen Anwalt einschaltet und sich reichlich zugeknöpft zeigt.

Wenig später findet man Adams Leiche im Hause seines Geschäftspartners Georges Lambert. Lambert ist hingegen verschwunden. Adam und das fremde Mädchen sollen nicht die einzigen Toten bleiben …

Nicht nur das Familienmotiv in „Kein Zeichen von Gewalt“ ist schon häufig benutzt worden. Auch der Aufbau der Geschichte erinnert an viele andere Bücher. Zeitgleich finden zwei Handlungsstränge statt. Der gegenwärtige in Paris und einer, der in den 60er Jahren in Algerien beginnt und mit dem gegenwärtigen Erzählstrang nach und nach zusammen fließt. Dieses Gegeneinanderlaufen verschiedener Zeiten und die Verwurzlung eines gegenwärtigen Mordfalls in der Vergangenheit ist nichts Neues. Thørring weiß zwar sicher mit diesem Aufbau umzugehen, aber richtig spannend ist die Geschichte trotzdem nicht. Obwohl die norwegische Autorin eine Vielzahl an Verdächtigen mit dubiosem Hintergrund einführt, fehlt es an überraschenden Wendungen. Die Dichte und Intensität an möglichen Mördern macht allerdings einiges wieder wett.

Orla Os ist, wie der Name schon sagt, ursprünglich Norwegerin, lebt aber schon seit geraumer Zeit in Paris. Sie hat dort studiert und geheiratet, ist aber mittlerweile Witwe. Dieses Zusammentreffen zweier Nationalitäten gibt dem Buch einen interessanten Anstrich. Thørring lässt häufig norwegische Kultur einfließen, übertreibt es damit jedoch nicht. Ihre Hauptfigur bleibt trotzdem etwas blass. Im Vordergrund steht die Kriminalgeschichte, nicht die Ermittlerin. Da die Handlung aber gut aufbereitet ist, schmerzt dies nicht sehr stark.

Was allerdings ein bisschen schade ist, ist die Darstellung der Familien Fabre und Tesson. Sie ist doch etwas plump. Die Geheimnisse, die dem Leser als solche verkauft werden, sind in dieser Form schon häufiger vorgekommen. Die Familienmitglieder selbst sind zwar gut ausgearbeitet, aber wenig originell. Dies vermindert die Spannung und führt dazu, dass „Kein Zeichen von Gewalt“, auch dank des einfachen, sachlichen Schreibstils, gut zu lesen ist, aber nicht wirklich im Gedächtnis bleibt.

An dem zweite Buch mit der Ermittlerin Orla Os gibt es handwerklich nichts auszusetzen. Es ist gut geschrieben, die Handlung ist zwar nicht immer spannend, aber gut gemacht und auch Orla ist recht sympathisch. Allerdings fehlt es dem Buch auf weiten Strecken an Originalität.

|Originaltitel: Tarantellen
Aus dem Norwegischen von Sigrid Engeler
378 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3423211666|

http://www.dtv.de

Read, Cornelia – Es wartet der Tod

Nachdem Cornelia Read mit [„Schneeweißchen und Rosentot“ 5079 ein durchaus beachtenswertes Debüt abgeliefert hat, liegt nun das Nachfolgewerk „Es wartet der Tod“ vor, in dem der Leser erfährt, was seit den Geschehnissen im ersten Roman in Madeline Dares Leben so vor sich geht …

Nach den nervenaufreibenden Ereignissen vor einem Jahr (nachzulesen in „Schneeweißchen und Rosentot“) hat Madeline Dare immer noch an den Folgen zu knabbern. Grund genug für eine berufliche Neuausrichtung und einen anständigen Tapetenwechsel, und so hat sie die Zeitungsredaktion in Syracuse gegen eine Privatschule in den Berkshires eingetauscht, an der sie als Hilfslehrerin Geschichte unterrichtet.

Doch so ganz wohl fühlt Madeline sich in ihrer Rolle nicht. Das liegt sicherlich nur zum Teil an den Schülern, die allesamt zur schwer erziehbaren Sorte gehören. Die Santangelo Academy ist die letzte Hoffnung leidgeprüfter, gut betuchter Eltern, die angesichts der psychischen Störungen ihrer Kinder gerne jeden Preis bezahlen, damit die Kinder gut untergebracht sind.

Was hinter den Mauern von Santangelo vor sich geht, scheint die meisten Eltern im Detail eher wenig zu interessieren, Hauptsache es wird überhaupt etwas getan. Und so ist Madeline eine der Wenigen, die angesichts der teils höchst fragwürdigen Unterrichts- und Erziehungsmethoden stutzig wird.

Es herrscht eine ganz eigentümliche Atmosphäre an der Santangelo Academy, wo einerseits die ständigen Therapiesitzungen (die auch für die Lehrkräfte fester Bestandteil des Alltags sind) ein Klima der Offenheit und Vertrautheit hervorrufen sollten, andererseits aber viel mehr eine giftige Atmosphäre ständigen Misstrauens in der Luft liegt.

Madeline versucht sich davon nicht beeinflussen zu lassen und trotzdem ein gutes Verhältnis zu ihren Schülern aufzubauen. Das gelingt ihr insofern, als dass ihr Schüler Mooney sie ins Vertrauen zieht, als sich herausstellt, dass seine Freundin Fay schwanger ist. Kurze Zeit später ist das Liebespaar tot – vergiftet. Was zunächst nach Selbstmord aussieht, weckt sofort Madelines Instinkte. Sie ist sich sicher, dass die Beiden auf gar keinen Fall Selbstmord begangen haben und versucht selbst Beweise zu finden, die ihre Mordthese stützen …

Mit „Es wartet der Tod“ scheint Cornelia Read einen Teil ihrer eigenen Biographie in die Waagschale zu werfen, zumindest geht dies aus der Widmung am Anfang des Romans hervor. Ein wenig verwunderlich ist Madelines berufliche Umorientierung allerdings schon. Was mich aber am meisten gewundert hat ist, dass fast sämtliche Lehrer von Santangelo keinen pädagogischen Hintergrund haben. Gerade für ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche, wo es eben nicht um reine Wissensvermittlung geht, sondern viel mehr um den psychologischen und pädagogischen Ansatz, kommt mir das sehr merkwürdig vor.

Zeitlich ist das Buch Ende der Achtziger Jahre angesiedelt und auch inhaltlich erinnert Read immer wieder an die Scharlatanerie der New-Age-Zeit in den Siebzigern. In diesem Dunstkreis scheint man auch Santangelo mit seiner „pädagogischen“ Ausrichtung einordnen zu müssen, denn anders sind viele der praktizierten Methoden und auch der bunt zusammengewürfelte „unpädagogische“ Personalstab wohl nicht zu erklären.

Wie bereits im Vorgängerroman pflegt Read auch hier wieder einen geradezu lockeren Plauderton, der durchzogen ist von einer feinen sarkastischen Ader. Schon „Schneeweißchen und Rosentot“ war kein Krimi von der Stange, sondern viel mehr ein belletristischer Roman um einen Kriminalfall. Ähnlich verhält es sich auch in diesem Roman.

Der Plot nimmt sich Zeit, um Fahrt aufzunehmen, Protagonisten und Örtlichkeiten werden erst einmal ausgiebig beleuchtet und es dauert, ehe überhaupt erst einmal richtig Spannung aufkommt. Dass sich der Roman dennoch locker und flott herunterlesen lässt, liegt an Reads erfrischendem Erzählstil und daran, dass Madeline eine so von Grund auf sympathische Protagonistin ist. Sie hat seit dem Vorgängerroman nichts von ihrem Charme eingebüßt.

Das Zusammenspiel zwischen den unterschiedlichen Figuren, zwischen Madeline und ihren Schülern, zwischen Madeline und ihrer besten Freundin und Kollegin Lulu oder auch die Sticheleien mit Hassobjekt Mindy sorgen dafür, dass die erste Romanhälfte bis zum Auftauchen der beiden Leichen unterhaltsam bleibt. Man hätte diesen Teil zwar sicherlich hier und da straffen können, aber dennoch hält Read den Leser bei der Stange.

Read dreht zwar spät an der Spannungsschraube, dafür aber umso kräftiger. Auf einmal überschlagen sich die Ereignisse und ehe Madeline sich versieht, steht sie auch schon im Zentrum des Geschehens. Der Fall bleibt bis ganz zum Ende spannend und entschädigt damit mühelos für den gemütlichen Start.

Bleibt unterm Strich ein insgesamt positiver Eindruck zurück. Mit „Es wartet der Tod“ hat Cornelia Read einen Roman abgeliefert, der mit dem Debüt „Schneeweißchen und Rosentot“ durchaus mithalten kann, wenngleich ich das Debüt noch einen kleinen Tick besser fand. Read punktet wieder einmal mit ihrem lockeren Erzählstil im Plauderton und ihrem trockenen Humor. Der Krimiplot braucht wie schon im Vorgänger etwas Zeit um auf Touren zu kommen, entwickelt sich dann aber mit ungebremster Spannung bis zum Ende. Wer etwas übrig hat für einen unterhaltsamen Mix aus Belletristik und Krimi, der kann mit Cornelia Read auch bei ihrem zweiten Roman nicht viel Falsch machen.

|Originaltitel: |Crazy School|
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
337 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3423247535|

http://www.dtv.de
http://www.corneliaread.com

Block, Lawrence – Verluste

_Das geschieht:_

Mit Mickey Francis „Mick“ Ballou verbindet Privatdetektiv Matthew Scudder eine lange, enge und seltsame Freundschaft, denn der irischstämmige Gangsterboss ist ein brutaler Mann, der nicht nur in New York City viele Feinde grausam zu Tode brachte. Doch als Freund ist Ballou jemand, auf den man sich unbedingt verlassen kann, was Scudder schon mehrfach das Leben gerettet hat.

Nun soll er Ballou helfen, nachdem der zwei seiner ‚Angestellten‘ tot in einem Lagerhaus fand, wo sie Diebesgut abholen sollten. Dort wurden sie regelrecht hingerichtet. In der Tat glaubt sich Ballou seit einiger Zeit herausgefordert und bedroht, ohne seinen Gegner namhaft machen zu können. Scudder lässt vergeblich seine Verbindungen spielen. Als er schon aufgeben will, wird er von zwei Strolchen überfallen, bedroht und aufgefordert, Ballou seinem Schicksal zu überlassen. Als sie anfangen, ihn zwecks Festigung dieser Botschaft zu verprügeln, wehrt sich Scudder und kann seinen Peinigern eine Lektion erteilen.

Damit ist auch er auf die Todesliste des unsichtbaren Verfolgers gerutscht. Nur einem Zufall verdankt es Scudder, dass er einem Mordanschlag entkommt, bei dem stattdessen einer seiner ältesten Freunde auf der Strecke bleibt. Einen Tag später besucht er Ballou in dessen Kneipe, als ein Überfall mit Schnellfeuergewehr und Bombe erfolgt.

Obwohl ihm die Polizei im Nacken sitzt, schweigt Scudder eisern, während er seine Nachforschungen neu aufnimmt. Endlich hat er Erfolg, doch der Mann, der buchstäblich Ballous Kopf will, ist definitiv seit über dreißig Jahren tot. Das hält Scudder und Ballou nicht davon ab, privat mit dem scheinbaren Geist abzurechnen …

_Das Gesetz muss draußen bleiben_

Angesichts der Tatsache, dass auf den 300 (immerhin eng bedruckten) Seiten dieses Romans 28 Menschen ihr Leben gewaltsam lassen (falls ich richtig gezählt habe), trifft das originale „Everybody Dies“ den Nagel eher auf (oder die Kugel in) den Kopf als der deutsche Titel. Andererseits passt auch „Verluste“ zu dem gleichzeitig ultrabrutalen und wehmütigen Geschehen.

Der Plot ist eher Nebensache; primär der kritische und im Krimi die gespiegelte Realität suchende Leser sollte ihn nicht zu ernst nehmen. Eine Fehde dürfte sich nicht nur angesichts der erwähnten Opferstrecke kaum so problemlos und vor allem polizeifrei durchexerzieren lassen wie von Block geschildert. Gerade zwei Szenen widmet der Verfasser der genretypischen Konfrontation zwischen dem Detektiv und den offiziellen Ordnungshütern, doch das wirkt eher pflichtschuldig und bleibt folgenlos für die Handlung.

Die spielt in jener Grauzone, in die Autor Block die Alltagswelt seines dienstältesten Serienhelden im Laufe der Jahre verwandelt hat. Scudder begann 1976 in „The Sins of the Fathers“; dt. „Mord unter vier Augen“) noch recht konventionell zu ermitteln. Der Ex-Cop, der nach einem fatalen Fehlschuss zu saufen begann, war in seiner menschlichen Schwäche bei unvermindert ausgeprägten kriminologischen Fähigkeiten durchaus eine Klischeefigur des Krimi-Genres. Diese Ebene verließ Scudder erst allmählich, oder besser ausgedrückt: Die Figur wurde im Denken und Handeln vielschichtiger.

_Die menschliche Meta-Ebene_

Wobei Block vor allem in moralischer Hinsicht konsequent einen Sonderweg eingeschlagen hat. Scudder ist ein Mann, der sich vom ethischen Primat der gesellschaftlichen Mehrheit abgekoppelt hat und sich an Regeln hält, deren Alltagstauglichkeit er real erfahren und überprüft hat. Stimmen diese Regeln mit dem geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetz nicht überein, werden sie von ihm nur insoweit berücksichtigt, dass ihn die Missachtung nicht ins Gefängnis bringt.

Was eigentlich einen kriminellen Opportunisten auszeichnen müsste, wirkt bei Scudder durchaus überzeugend. Er hat das Gesetz für sich von allen politisch, juristisch oder medial verursachten Überwucherungen befreit und auf ein erprobtes Grundwerk zurückgebaut, das Selbstjustiz, Notwehr ohne polizeiliche Überprüfung oder die Freundschaft zu einem Kapitalverbrecher zulässt.

Womit die Liste der Gesetzesverstöße, derer sich Scudder allein in „Verluste“ schuldig macht, noch längst nicht abgeschlossen ist. Dem muss man sich als Leser beugen oder die Lektüre aufgeben. Leicht wird das aber nicht fallen, denn Scudder hat gute Gründe, um seinen persönlichen Weg zu begründen. Dass man darüber hinaus seine sehr brutalen Racheaktionen billigt, liegt daran, dass es stets nur echten Abschaum erwischt. Das funktioniert mit dieser Präzision nur im Roman und verärgert hier den Gutmenschen, an dessen Adresse sich Blocks Scudder-Geschichten sehr offensichtlich nicht richten.

_Das Alter als Summe von Entscheidungen_

Er mag sich versöhnlich gestimmt fühlen, wenn er zur Kenntnis nehmen kann, wie breit der Raum ist, den Block seinen Protagonisten zum Philosophieren (und Räsonieren) lässt. „Verluste“ ist der 14. Roman der Scudder-Serie. Seinen Detektiv lässt der Autor chronologisch altern, so dass Scudder in diesem 1998 veröffentlichten Buch auf eine mehr als drei Jahrzehnte währende ‚Literaturgeschichte‘ zurückblickt. Da New York City sein permanenter Standort blieb, wird jede Fahrt durch diese Stadt per se zu einer Erinnerungstour.

Das Alter spielt eine katalytische Rolle. Viele Figuren gehören zum Stammpersonal der Scudder-Serie. Sie haben viel und oft gemeinsam durchgemacht, was tiefe Spuren hinterlassen hat. Scudder selbst spürt, dass seine Kräfte nachlassen. Den Anschluss an die digitale Welt der Gegenwart hat er hoffnungslos verloren. In seiner Arbeit hält er sich an eine klassische und zeitlose Ermittlungspraxis, für die er nicht unbedingt einen Computer oder ein Handy benötigt. Wenn das nicht mehr reicht, greift Scudder auf ein kleines aber bewährtes Netzwerk von Helfern zurück.

Wenn das Ende näher rückt, beginnt der Mensch sich zu fragen, was er aus seinem Leben gemacht hat. Nicht nur Scudder denkt so. Mehrfach weist er darauf hin, dass „Verluste“ eigentlich Mick Ballous Geschichte erzählt. Der alternde Schwerverbrecher wird von besagter Frage gequält, weil ihm die Antworten nicht gefallen. Für eine Weile zieht er sich sogar in ein Kloster zurück, aber Block ist kein Gartenzwerg-Moralist: Ballou ist und bleibt Ballou. Ebenso geläutert wie notfalls mordlüstern kehrt er in die Geschichte zurück.

_Schweigen wäre manchmal wirklich Gold!_

Lakonie und Redseligkeit sind zwei Eigenschaften, die nicht nur auf den ersten Blick schwer zusammenkommen. Fast gelingt Block dieses Kunststück, wenn er seine Figuren ausgiebig über ihre Gefühle sprechen lässt, ohne sie dadurch der Lächerlichkeit preiszugeben. (Anmerkung: Nicht die Gefühle sind dabei das Problem, sondern das schauerlich oft fehlende Talent von Schriftstellern, diese adäquat zu schildern.) Ballou und Scudder erschießen Strolche, ohne zu fackeln, Gattin Elaine gestattet ihrem Matthew das Fremdgehen – oh ja, sie sind alle erfahren und weise und cool genug, um sich über die Klippensprünge ihrer Leben auslassen zu können.

Der Kritik gefällt so etwas, denn es verleiht dem Krimi ‚literarische‘ Qualitäten, die er zwar nicht nötig hat, die ihn aber offenbar trotzdem adeln, wenn sie denn gefunden werden. Wahrscheinlich schreibt Block ohnehin, wie und was er für richtig hält. Unabhängig davon hätte er die Flut der Lebensbeichten eindämmen sollen. Es irritiert, wie rasch man lernt, während des Lesens das Nahen jener Stellen zu erkennen, an denen Block den Gang herausnimmt und seine Figuren im Leerlauf schwadronieren lässt.

Angesichts der Generalqualitäten dieses Buches ist das freilich eine lässliche Sünde. Mit seiner Scudder-Serie hat Lawrence Block als Schriftsteller einen Punkt erreicht, an dem er seinem Publikum zuverlässig Lesestoff einer Qualität liefert, die anscheinend zu gut für die Buchfabriken und Bestsellerlisten dieser Welt ist. Peinlich viele Jahre wurden nicht nur die Scudder-Romane nicht mehr in Deutschland verlegt. Die bunte Welt der Kleinverlage ermöglicht nun Blocks Rückkehr. Zwei weitere Scudder-Bücher hat der Autor nach „Verluste“ noch geschrieben. Genügt diese Info als Wink mit dem Zaunpfahl?

_Der Autor_

Lawrence Block, geboren am 24. Juni 1938 in Buffalo (US-Staat New York) gehört zu den Schriftstellern, die nicht zwischen „Literatur“ und „Krimi“ unterscheiden und trotzdem – oder gerade deshalb – ein Werk von bemerkenswert konstanter Qualität vorlegen. Das ist umso erstaunlicher, als Block ein ungemein fleißiger Autor ist und Kunst und Quantität sich angeblich ausschließen.

Noch während seines Studiums veröffentlichte Block 1957 erste Kurzgeschichten. Ab 1959 arbeitete er u. a. Kolumnist und sichtete für einen Verlag eingehende Manuskripte, bevor er freier Schriftsteller wurde. In einem halben Jahrhundert entstanden mehr als 50 Romane und 100 Kurzgeschichten. Block schrieb unter Pseudonymen wie Jill Emerson, Chip Harrison, Paul Kavanagh oder Sheldon Lord und schuf bisher fünf Serien, unter denen die um den Regierungsagenten Evan Tanner (1966-1998), den auf Kunstraub spezialisierten Dieb und unfreiwilligen Privatdetektiv Bernie Rhodenbarr (ab 1977) und vor allem die um den Privatdetektiv und Alkoholiker Matthew Scudder (ab 1976) feste Bestandteile der Kriminalliteratur sind.

Für seine Arbeit wurde Block mit allen wichtigen Preisen ausgezeichnet. Neben seinen Kriminalromanen verfasst er auch Softpornos, Artikel und Sachbücher (u. a. über das Schreiben) und hat das Drehbuch zum Tobe-Hooper-Splatter „The Funhouse“ (1981, dt. „Kabinett des Schreckens“) geschrieben.

Über seine Arbeit informiert Lawrence Block auf der ausgezeichneten Website: http://www.lawrenceblock.com.

_Impressum_

Originaltitel: Everybody Dies (New York : William Morrow & Co. 1998/London : Orion 1998)
Dt. Erstausgabe: Februar 2008 (Shayol Verlag/Funny Crimes 3906)
Übersetzung: Katrin Mrgulla
296 Seiten
EUR 14,90
ISBN-13: 978-3-926126-75-7
http://www.shayol.biz

_Mehr von Lawrence Block auf |Buchwurm.info|:_

[„Abzocker“ 5378 (Hörbuch: Hard Case Crime)
[„Falsches Herz“ 5707

Remes, Ilkka – Schwarze Kobra

Mit Thriller-Feinklost wie „Ewige Nacht“, „Höllensturz“ und „Das Erbe des Bösen“ setzte sich der finnische Bestseller-Autor Ilkka Remes in der vergangenen Dekade selber ein Denkmal. Wenig komplexe, straighte und richtig harte Kost ist das Spezialgebiet des 1962 geborenen Schriftstellers, der inzwischen ein Abonnement auf die vordersten Listenplätze gebucht hat. Doch Remes kann auch anders: Mit „Operation: Ocean Emerald“ veröffentlichte er vor geraumer Zeit auch seinen ersten entschärften Thriller, speziell für das jugendliche Publikum entwickelt. Dessen Erfolg bestätigte ihn schließlich darin, auch auf dieser Ebene fortzufahren. Mit „Schwarze Kobra“ ist nun sein zweites Projekt für den Jugendbuchmarkt veröffentlicht worden.

_Story:_

Der 14-jährige Aaro Nortamo beschäftigt sich bereits seit einigen Monaten mit der Faszination von Sportwetten und hat hierbei speziell den britischen Markt ins Visier genommen. Mittels eines Internet-Chats lernt er die gleichgesinnte Gemma Dolan kennen und nutzt die Gelegenheit eines Trips zu seiner Tante nach London, um diesen Kontakt weiter auszubauen. Doch bevor sich Aaro versieht, wird er in ein Komplott von verheerender Tragweite hineingezogen. Gemmas Vater plant den Einstieg in ein Atomkraftwerk und möchte mit dem Diebstahl eines Plutoniumstabs die britische Regierung unter Druck setzen. Und ausgerechnet Aaro, dessen körperliche Statur bestens für die Mithilfe geeignet scheint, wird ausgewählt, den Einsatztrupp hierbei zu unterstützen.

Nachdem Gemma ihn in eine Falle gelockt und die Entführung vorbereitet hat, ahnt Aaro allerdings erst, in welchen Skandal er unbewusst hineingezogen wurde. Mehrere Fluchtversuche scheitern, und auch wenn der Sohn des legendären finnischen Kommissars Timo Nortamo die Hoffnung schon fast aufgegeben hat, sieht er noch eine letzte Chance: Er muss Gemma auf seine Seite ziehen und an ihre Vernunft appellieren. Als die Mannschaft schließlich aus eigenen Reihen verraten wird, scheint der verbliebene Rettungsanker tatsächlich zu greifen …

_Persönlicher Eindruck:_

Die eigensinnige Eigenschaft, vor dem Genuss eines neuen Schmökers nicht den Backprint zu lesen, um nicht schon zu viele Details über den Verlauf der Handlung zu erspähen, hat sich im Falle von Ilkka Remes‘ aktuellem Roman als Initiator für etwas Verwirrung entpuppt. Denn nicht der bislang für den Stammleser bewährte Hauptakteur Timo Nortamo nimmt in „Schwarze Kobra“ das Zepter in die Hand, sondern sein erstaunlich reifer, 14-jähriger Sohn Aaro, der zwar schon in „Ewige Nacht“ einen größeren Auftritt hatte, insgesamt aber eher eine Randfigur in den Nortamo-Romanen gewesen war. Ihn nun in die Position des Hauptakteurs zu setzen, birgt natürlich gewisse Risiken, zuvorderst natürlich jenes, dass hier Erwartungen durch den erwachsenen Leser gesetzt werden, die Aaro womöglich gar nicht halten kann – denn in der Tat: den souveränen Protagonisten mimt der Sprössling in dieser Geschichte nicht.

Überhaupt präsentiert sich Remes in „Schwarze Kobra“ nicht in Bestform. Die Story ist definitiv von zu vielen Zufällen durchsetzt, und man muss gerade deshalb immer wieder staunen, wie naiv die Charaktere teilweise agieren und reagieren. An vorderster Front steht natürlich der junge Aaro, der sich nach Strich und Faden vorführen lässt und in die Rolle des Helden, die ihm eigentlich auf den Leib geschneidert werden soll, zu keinem Zeitpunkt hineinwachsen kann. Diese Position übernehmen, wenn auch unfreiwillig, die Schurken, mit denen sich Aaro notgedrungen einlassen muss. Nicht etwa, dass ihr Handeln moralisch vertretbar ist, geschweige denn ihre Aggressionen Lob und Anerkennung verdienen. Doch wenigstens agieren sie zielstrebig und nachvollziehbar und lassen sich nicht in stete Lethargie treiben wie der vermeintliche Hauptdarsteller.

Dieser hat von den Qualitäten seines offenkundigen Vorbilds, seines Vaters, nicht sonderlich viel geerbt. Er verhält sich stets unsicher, unterlegen und ist in seinem Denken oft getrieben und schließlich auch wieder sehr eingeschränkt. Die sich ihm bietenden Fallen nimmt er immer wieder hin, und auch die Naivität, die seinen Charakter prägt, ist nicht das eigentliche Merkmal einer starken Hauptfigur. Kurzum: An Aaro Nortamo hat Ilkka Remes bei der Konzeption dieses Romans keine gute Arbeit geleistet.

Doch auch die übrige Geschichte ist schwammig und beraubt sich durch ihren strikt linearen Aufbau eines großen Teils der möglichen Spannung. Die Wendungen erwecken einen arg sterilen Eindruck, und auch sonst wirken die Entwicklungen der Story von der Stange konstruiert, aber nicht sonderlich originell oder gar fortschrittlich. Zwar legt Remes den Schwerpunkt seiner Handlung am Ende auf das ungleiche Verhältnis zwischen Gemma und Aaro, jedoch kann er sich dies alleine deswegen nicht wirklich leisten, da die Tragweite des Plots sowie dessen brisante Inhalte keine solchen Prioritätenverschiebung dulden. Der Atomtransport wird zwar über viele Kapitel zum Schwerpunkt deklariert, fühlt sich in dieser Position aber nicht sonderlich wohl – und das ist ein Problem, das sich leider durch den kompletten Roman zieht.

Was am Ende bleibt, ist sicherlich eine Spur von Enttäuschung, aber auch die Erkenntnis, dass Remes nicht gut daran tut, ein solch schwerwiegendes Kernthema derart abzuschwächen, dass es trotz seiner Tragweite zur Jugendsache geraten soll. Die Diskrepanzen zwischen Inhalt, Themenwahl und Darstellung sind einfach zu groß, so dass „Schwarze Kobra“ als Lektüre bis zuletzt nie richtig in Fluss geraten will. Sicher, jüngere Leser werden auch das geringe Potenzial an diesem Roman schätzen. Aber wer Remes und dessen Qualitäten kennt, weiß auch, dass der finnische Starautor weitaus mehr draufhat als das, was er in diesem Buch zustande bringt.

|Originaltitel: Musta Kobra
Aaro Nortamo Band 2
299 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-71348-1|
http://www.ilkka-remes.de
http://www.dtv.de
http://www.ilkkaremes.com

_Mehr von Ilkka Remes auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Erbe des Bösen“ 5468
[„Ewige Nacht“ 2039
[„Das Hiroshima-Tor“ 2619
[„Blutglocke“ 3911
[„Höllensturz“ 3951
[„Hochzeitsflug“ 5689

Cain, Chelsea – Furie

Archie Sheridans erster Fall begann vor zehn Jahren. Als die ersten Leichen gefunden wurden, alle schrecklich verstümmelt, wurde die Vermutung schnell zur erschreckenden Erkenntnis, dass es sich hier um einen Serienkiller handeln musste.

Für Portland wurde die Mordserie zu einem Alptraum. Die Ermittler können keine Muster erkennen, zu unterschiedlich sind die Opfer in ihrer sozialen Herkunft, ihrem Alter, ihrer Rasse und ihrer Vergangenheit. Nach welchen Details sucht sich der Mörder seine potenziellen Opfer aus?

Überall im Land findet man Opfer und die Polizei, zunehmend unter Druck gesetzt, bildet um Archie Sheridan herum die Sonderkommission „Beauty Killer“. Profiler des FBI und die Soko fahnden fieberhaft nach dem Täter, um der Mordserie ein Ende zu machen, doch erst nach zehn Jahren weiß Archie, wer der Täter ist: Die Psychologin Gretchen Lowell, die ebenfalls ein Mitglied der Soko-Einheit „Beauty Killer“ war, betäubt und entführt Archie und foltert diesen über zehn Tage hinweg. Gretchen Lowell bricht den Ermittler physisch wie auch psychisch, unter unvorstellbaren Qualen; immer rettet die Psychopathin Archie am Rande des Todes, nur um ihn erneut zu foltern.

Letztlich ist es aber Gretchen selbst, die sich mit einem Telefonanruf den Behörden stellt und damit Archies Leben rettet. Doch nach diesen qualvollen Tagen in Gretchens Keller ist sein Leben ein Trümmerhaufen. Seine Frau Debbie und seine Kinder verliert Archie, er ist nicht mehr der Gleiche. Gretchen hat etwas in ihm getötet und zugleich geweckt. Selbst zwei Jahre nach der Verhaftung der Psychopathin Gretchen besucht Sheridan jeden Sonntag seine Peinigerin im Gefängnis unter strengster Aufsicht und Sicherheitsvorkehrungen. Gretchen spielt mit dem Mann, den sie liebt und hasst, und gibt Archie immer wieder zur „Belohnung“ Hinweise darauf, wo sich weitere Opfer befinden und was sie mit ihnen gemacht hat, bevor sie diese grausam getötet hat – ein makaberes Katz-und-Maus-Spiel mit der schönen und faszinierenden Serienmörderin.

Als in Portland jugendliche Mädchen verschwinden und wenig später tot aufgefunden werden, entscheidet sich Archie Sheridan, zu seiner alten Einheit zurückzukehren, um den Serientäter schnellstens zu finden. Archie übernimmt die Leitung seiner Soko, und obwohl er noch immer unter seelischen Qualen leidet, sind Arbeit und Ablenkung vielleicht die beste Therapie für ihn. Die Zeit drängt; drei Leichen junger Mädchen hat man schon ermordet aufgefunden, und ein viertes wurde gerade erst direkt vor der Highschool entführt.

Archies Team ist fast das gleiche wie vor zwei Jahren. Nur die junge Journalistin Susan Ward als ständige Vertreterin der Presse soll die Ermittlungen begleiten. Sie wittert eine große Story, die sie schnell berühmt machen könnte, denn neben den Ermittlungen soll sie ebenso eine Story über Archie schreiben und in seiner Vergangenheit graben.

Im Laufe der Ermittlungen an ihrer alten Highschool und der ersten Begegnung mit der Inhaftierten wird aber ebenso ein Teil ihrer eigenen Vergangenheit ans Licht gebracht, und das macht sie angreifbar und zum Mittelpunkt von Gretchens grausamen Plänen …

_Kritik_

Man könnte meinen, dass Gretchen Lowell verwandt ist mit Dr. Hannibal Lecter, doch Gretchen ist grausamer, intelligenter und raffinierter. Sie tötet, weil sie es aufregend findet, weil sie Gefallen daran findet und so meint, ihr Leben intensiver zu gestalten. Die Qualen ihrer Opfer, deren Ängste und auch das letzte Fünkchen Hoffnung auf Rettung kostet sie vergnügt und genüsslich aus. Ihre Form von Sadismus und Brutalität ist einzigartig.

Perfide spielt die Serienmörderin nicht nur mit ihren „Patienten“. Als wunderschöne und intelligente Soziopathin verführt und manipuliert Gretchen. Nur bei Archie bringt sie ein gewisses Maß an Mitgefühl und Verständnis auf. Sie fühlt sich hingezogen zu dem Mann, der sie jagt, und nennt ihn gerne „Liebling“.

Die Autorin Chelsea Cain hat mit den Figuren Gretchen und Archi zwei sehr unterschiedliche Protagonisten geschaffen, die eine fatale Abhängigkeit aneinander kettet. „Furie“ ist ein explosiver Thriller, der schon nach den ersten Seiten zeigt, wohin es geht. Es gibt satte Gewaltszenen; gerade in den Rückblenden, in denen Gretchen Archie foltert, ihm Nägel in den Brustkorb hämmert oder ihm bei vollem Bewusstsein die Milz herausoperiert, um sie Archies Partner Henry Sobol als Lebenszeichen zukommen zu lassen, sind drastisch erzählt. Doch Gretchen wirkt auf uns dabei faszinierend als Person, in ähnlich morbider Weise wie die Darstellung eines Dr. Lecter.

In den Rückblenden lässt Chelsea Cain Archie Sheridan die Folter aus seiner Perspektive erzählen, und damit umgeht die Autorin die Haupthandlung und bewirkt den Effekt, dass sich der Roman immer spannender entwickelt. „Furie“ ist dabei in drei Teilen aufgebaut. Die Ermittlungen der Soko, die das Ziel verfolgt, das Treiben des Serienmörders zu stoppen, sind inhaltlich detailliert und sehr fesselnd erzählt. Die Journalisten Susan Ward, ein Paradiesvogel im Nachrichtengeschäft, als Zentrum des zweiten Handlungsstranges wirkt anfangs in sich verloren, sehr unsicher, aber immer mit dem Ziel vor Augen, mit ihrer Arbeit über Archie erfolgreich zu sein und damit Aufmerksamkeit und Annerkennung zu erhalten. Den dritten Teil bilden die Rückblenden, in denen Gretchen den Ton angibt und das brutale Martyrium Archies erzählt wird. Auch wenn dieser Part inhaltlich am wenigsten Raum einnimmt, so wird sich der Leser mit absoluter Sicherheit primär daran erinnern. Exemplarisch für den Roman sind die Begriffe Obsession und Kontrolle, um die es sich in allen Haupt- und Nebenhandlungen dreht.

Doch es gibt noch etwas, das ausgesprochen faszinierend erzählt wird: Manipulation aus dem Gefängnis heraus. Selbst aus der Zelle spielt Gretchen mit ihren Schachfiguren auf ihrem Spielfeld und ist jedem immer einen Zug voraus. Das weiß und akzeptiert Archie, denn nur so kann er sich selbst und andere retten.

„Furie“ ist ein klassischer Thriller der Moderne, der es mit anderen ähnlichen Romanen absolut aufnehmen kann. Das Tempo ist durchschnittlich, die Gewalt und das Zusammenspiel Gretchens und Archies in ihrer Darstellung indes nicht ohne. Inhaltlich spannend und vielseitig, gibt es nur wenig auszusetzen. Die Ermittlungsarbeit und Fahndung nach dem neuen Serienkiller wirkt ab und an etwas träge, doch da die verschiedenen Handlungsstränge abwechseln, lässt sich das wohl verschmerzen.

Der Leser wird dabei, wie es manchmal bei Thrillern, aber eher bei Kriminalromanen der Fall ist, mitermitteln können. Nach und nach tauchen gleich mehrere Tatverdächtige auf. Die Lösung dieses Rätsels offenbart sich allerdings erst am Ende – jedenfalls glaubt man das, aber Gretchen ist immer für eine Überraschung gut und lässt ihre Marionetten sich gern etwas verwirren.

Archie Sheridan als zweiter Hauptcharakter ist schwer zu analysieren. Im Grunde ist er tot, in Gretchens Keller gestorben und ähnlich wie Frankensteins Monster aus zahlreichen Bruchstücken zusammengesetzt. Seine Verlorenheit und seine tiefe Verletztheit münden in eine Traurigkeit, die man mitfühlen kann. Anders verhält es sich mit seiner obsessiven Abhängigkeit gegenüber seiner Peinigerin: ein Psychogramm, das faszinierend auf den Leser wirkt und das dieser durchaus nachvollziehen kann.

_Fazit_

Chelsea Cains „Furie“ ist ihr Thrillerdebüt, und ein grandioses obendrein. Wenn die „Furie“ losgelassen wird, so gibt es kein Halten mehr. Das Böse ist und bleibt vielschichtig und faszinierend und hat in der Person Gretchens sein Werkzeug gefunden.

Ich kann die Lektüre sehr empfehlen. Das „Stockholm-Syndrom“, unter dem Archie leidet, ist für sich genommen zwar keine neue Romanidee, dafür aber die Figur Gretchens in diesem Spiel, die süchtig nach mehr machen kann. Der mittlerweile dritte Roman [„Gretchen“ 5872 erschien folgerichtig im Oktober 2009 bei |Limes|.

Hochspannung ist hier garantiert, denn nicht zuletzt hat Chelsea Cain ihre Tochter darum gebeten, den Roman erst zu lesen, wenn sie erwachsen ist. Der Leser wird am Ende feststellen, dass sie hiermit Recht hat.

_Die Autorin_

Chelsea Cain, geboren 1972, verbrachte ihre Kindheit auf einer Farm in Iowa. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalismus und arbeitet als freie Autorin. Nach einigen preisgekrönten Jugendbüchern ist „Furie“ ihr Debüt im Thrillergenre, mit dem sie auf Anhieb die „New York Times“-Bestsellerliste eroberte. Chelsea Cain lebt mit ihrer Familie in Portland, Oregon.

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Máni, Stefán – Schiff, Das

_Handlung:_

Neun Männer machen sich mit dem Schiff |Per se| auf die lange Reise nach Südamerika, wo sie Aluminiumoxid laden sollen. Doch einige der Männer hüten ein dunkles Geheimnis. Saeli wird von einem Unbekannten mit dem Leben seiner Familie erpresst und soll Rauschgift von Südamerika nach Island schmuggeln. Mehrere Besatzungsmitglieder planen eine bewaffnete Meuterei, nachdem Gerüchte die Runde machen, nach denen die Reederei ihre Verträge kündigen will.

Jónas hat seine Frau ermordet und will deren Bruder als Matrosen an Bord bringen. Doch der liegt tot im Straßengraben, und an seiner Stelle betritt Jón „Satan“ Karl das Schiff. Karl ist in der isländischen Unterwelt kein Unbekannter, und als seine Identität an Bord bekannt wird, sind die restlichen Besatzungsmitglieder alles andere als erfreut. Doch nachdem die Funkanlage des Schiffes und der Motor sabotiert wurden und Piraten die |Per se| entern, ist Jón Karl die letzte Hoffnung der Männer …

_Meinung:_

Für seinen Thriller „Das Schiff“ erhielt Stefán Máni den isländischen Krimipreis 2007, und das nicht zu Unrecht. Allein der ausgeklügelte, raffinierte Handlungsablauf ist bemerkenswert und hebt sich erfrischend von dem üblichen Thriller-Mainstream ab, der sich gerade bei amerikanischen Schriftstellern aus Serienkillern zusammensetzt, die sich in ihrer Perfidie gegenseitig zu übertreffen versuchen. Máni erstellt zielsicher neun eindrucksvolle Psychogramme von Männern, die das Schicksal auf engstem Raum zusammengeschweißt hat.

Die unbekannte Größe ist selbstverständlich Jón Karl, der in der isländischen Unterwelt nur „Satan“ genannt wird. Natürlich spielt der Zufall in Mánis Roman eine große Rolle, doch sind es gerade diese kleinen Fügungen des Schicksals, die auch im Leben immer wieder für Überraschungen sorgen. Gespräche und Handlungen der einzelnen Personen wirken absolut glaubwürdig und der Spannungsbogen wird vom Autor langsam, aber stetig aufgebaut, fällt dabei nie ab und gipfelt im Überfall moderner Piraten, wie sie tatsächlich auch heute noch die Weltmeere unsicher machen. Allein auf hoher See, der Willkür der Naturgewalten ausgesetzt, entwickelt sich wie von selbst eine beklemmende Atmosphäre, die es allein schon wert ist, das Buch zu lesen.

„Das Schiff“ wird nach dem Ablegen der |Per se| schnell zum Schauplatz eines düsteren Kammerspiels, bei dem der Leser nie weiß, von wem eigentlich die größte Gefahr ausgeht. Jón Karl ist sicherlich der skrupelloseste Mitreisende, aber zugleich auch der besonnenste, während Jónas und seine meuternden Kollegen von Angst und Unsicherheit getrieben sind. Und dann ist da noch der Heizer, der den dunklen Gottheiten aus Lovecrafts Cthulhu-Mythos huldigt und darüber den Verstand verloren zu haben scheint. Stil und Handlungsaufbau merkt man häufig an, dass H. P. Lovecraft zu den Idolen von Máni gehört und sein Roman dem Meister des Schreckens Tribut zollt.

|“Was ewig schläft, ist nicht tot …“| ist ein bedeutungsschwangerer Satz, der an den tentakelbewehrten Gott Cthulhu in der unterirdischen Stadt R’lyeh gemahnt. Das Schiff selbst wird zum alles verschlingenden Moloch, der den Verstand der Männer gierig aufsaugt, und der Überlebenskampf der restlichen Männer in der feindlichen Umwelt der Antarktis erinnert an Lovecrafts großartige Novelle [„Berge des Wahnsinns“. 4779

Die Übersetzung von Tina Flecken ist sehr sorgfältig und gekonnt durchgeführt worden und erklärt darüber hinaus, weshalb sich alle Personen im Roman duzen. Das Hardcover wurde auf hochwertigem Papier gedruckt. Den Schutzumschlag ziert ein Foto, dessen Motiv nicht nur die stürmische See zeigt, mit der die Männer zu kämpfen haben, sondern auch die aufgewühlte Psyche der Charaktere symbolisiert.

_Fazit:_

„Das Schiff“ ist ein durch und durch packendes Lesevergnügen, das den Leser bis zur letzten Seite in Atem hält. Die Stärken des Autors liegen in der Ausarbeitung der Charaktere und der beklemmenden Atmosphäre an Bord des Schiffes.

_Der Autor:_

Stefán Máni wurde 1970 in Reykjavík geboren. Aufgewachsen ist er in Ólafsvík in West Island. Bevor er mit dem Schreiben begann, arbeitete er als Gärtner, Tischler und Buchbinder, in der Fischindustrie und auch als Sozialarbeiter mit Jugendlichen und in psychiatrischen Kliniken. „Das Schiff“ ist sein siebter Roman.

|Originaltitel: Skipid; Island 2006
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
414 Seiten, gebunden
ISBN-13: 9783550087400|
http://www.ullstein.de

_Florian Hilleberg_

Camilleri, Andrea – Flügel der Sphinx, Die. Commissario Montalbano sehnt sich nach der Leichtigkeit des Seins

_Inhalt_

Wie so häufig beginnt der Tag für Salvo Montalbano mit einem frühen Telefonanruf: Die unbekleidete Leiche einer schönen jungen Frau wurde gefunden. Ihr Gesicht ist durch einen Schuss unkenntlich, doch auf ihrem Schulterblatt findet sich die Tätowierung eines Schmetterlings. Montalbano geht der Fall nahe: Seit einigen Jahren kann er junge Mordopfer fast nicht mehr ertragen. Und dieses Mädchen wurde erschossen und auf eine wilde Müllkippe in einem ausgetrockneten Flussbett geworfen.

Wütend und voller Elan macht der Commissario sich an die Ermittlungen, und nicht zum ersten Male ist es seine liebe alte Freundin Ingrid, die ihm einen entscheidenden Hinweis liefert. Montalbano freut sich bereits über die heiße Spur, doch bekommt er einen weiteren Tipp von einem selbst ernannten Gentleman alter Schule, dessen Erziehung etwas eigenwillig gewesen sein mag: Das Tattoo erweist sich als hilfreich, aber nicht als einzigartig.

Wer sind diese jungen Frauen, die die Schmetterlinge verbinden? Montalbano stößt im Zuge seiner Ermittlungen auf eine altruistische Gesellschaft namens „Der gute Wille“, die die Mädchen vor der Prostitution bewahren und ihnen ein solides, anständiges Leben ermöglichen möchte.

Dem zynischen Commissario kommen ein paar Dinge an dieser Geschichte bedenklich vor, und er weiß, dass er sich auf seinen Instinkt im Allgemeinen verlassen kann. Worauf er sich leider auch verlassen kann, ist die Tatsache, dass ihm in politisch brisanten Fällen von höherer Position aus Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Diesmal bricht er sich im übertragenen Sinne fast die Beine. Je mehr man ihn jedoch an der kurzen Leine hält, desto sicherer weiß er, dass er auf der richtigen Spur ist.

Und doch – auch, wenn es hier nach unlauteren Machenschaften stinkt, gibt es doch ein paar irritierende Indizien, und der Commissario streckt seine Fühler auch in eine andere Richtung aus …

_Kritik_

Das Wiedersehen mit Salvo Montalbano ist so schön wie immer. Wer das Vergnügen noch nicht hatte, dem sei es wärmstens ans Herz gelegt. Seit seinem ersten Erscheinen hat der Commissario schon so einiges durchmachen müssen, und seiner Entwicklung zu folgen, war ebenso spannend wie die Fälle, die er zu lösen hat.

Auch die übrigen bekannten Gesichter sind wieder dabei: Fazio mit dem „Einwohnermeldeamtfimmel“, der ehemalige Frauenheld Augello, nun aufopfernder, wenngleich ab und an entnervter Familienvater, Catarella mit dem kindlichen Gemüt und den überragenden Computerfähigkeiten. Dann Adelina, die zuverlässige Haushaltshilfe mit den außergewöhnlichen Kochkünsten und der notorisch kriminellen Familie, und natürlich Livia, Salvos Langzeitfernbeziehung – aber oh, es gibt Streit. Schlimmen Streit, der das Gefüge der langjährigen Beziehung ins Wanken bringt. Und es gibt Klärungsbedarf …

Glücklicherweise kommt auch die Beschreibung des großartigen sizilianischen Essens wieder einmal nicht zu kurz. Und die Mischung aus den ausgefeilten Charakteren, den verzwickten Fällen, dem umwerfenden Humor und dem unnachahmlichen Stil macht diesen Roman nicht eben überraschend, aber zuverlässig zu einem Geschenk.

Ohne zu viel zu verraten, möchte ich doch darauf hinweisen, dass, wer in dem Montalbano-Roman „Der Dieb der süßen Dinge“ die Szene mit dem groß angelegten Bluff Colonello Pera gegenüber genossen hat, auch in diesem Band nicht zu kurz kommen wird.

_Fazit_

Andrea Camilleri ist einer der ganz Großen, weise und humorvoll und ausgesprochen scharfsinnig. Es ist nicht verwunderlich, dass Salvo Montalbano eine große Fangemeinde besitzt. Nicht wenige Fans sind süchtig nach seinen Abenteuern, und für sie ist natürlich die Lektüre dieses Krimis ein Muss. Allen anderen sei dies ebenfalls dringend empfohlen.

Camilleri weiß übrigens nicht nur Kriminalromane zu schreiben: Wer also Krimis nicht mag, aber trotzdem in den Genuss des außergewöhnlichen Talents dieses Mannes kommen möchte, könnte anfangen mit der Lektüre von „Der zweite Kuss des Judas“. Sie werden sich scheckig lachen. Versprochen.

|Originaltitel: Le Ali della Sfinge
übersetzt von Moshe Kahn
ISBN: 978-3-7857-2378-4 (3-7857-2378-4)
Hardcover/Leinen mit Schutzumschlag
271 Seiten
Preis: 19,99 EUR (D), 20,60 EUR (A), 34,50 SFR (UVP)
Ersterscheinungsdatum: 09.10.2009|
http://www.edition-luebbe.de
http://www.andreacamilleri.net
http://www.andreacamilleri.de.tt
http://www.vigata.org

James, Peter – Nicht tot genug

Peter James steht für Nervenkitzel, Spannung von der ersten bis zur letzten Seite und Mordmethoden, die ihresgleichen suchen. Mit den beiden Büchern „Stirb ewig“ und „Stirb schön“ hat er sich in die Herzen der Thrillerfreunde geschrieben. So ist der Griff zum dritten Roy-Grace-Band „Nicht tot genug“ praktisch eine Pflichtübung.

_Mord oder unübliche Sexpraktiken?_

An einer Tankstelle steigt Katie Bishops Mörder in ihren Wagen. Er zwingt sie, zu sich nach Hause zu fahren, wo er die gutaussehende Katie vergewaltigt und ermordet. Die Putzfrau findet Katie schließlich mit einer Gasmaske vor dem Gesicht tot im Bett auf und verständigt die Polizei. Doch die muss zunächst die Frage klären, ob es sich um einen Mord handelt oder um ein Sexspiel, das außer Kontrolle geraten ist. Am Tatort findet sich nur die DNA von einem Mann, nämlich von Katies Ehemann Brian. Der jedoch war zur Tatzeit an einem ganz anderen Ort. Das behauptet zumindest Sophie Harrington, die Brian davon zu überzeugen versucht, dass er die Nacht mit ihr verbracht hat. Doch daran kann er sich gar nicht erinnern …

Kurz darauf wird auch Sophie ermordet, wieder finden sich Brians Spuren am Tatort, woraufhin er ins Visier der Ermittler gerät. Brian Bishop bestreitet jedoch auch dieses Mal, zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein, doch ein Video beweist das Gegenteil. Spielt Brian Bishop ein doppeltes Spiel? Oder kann er sich wirklich nicht mehr an die Morde und seine Affäre mit Sophie Harrington erinnern?

Mit viel Intuition und kriminalistischem Gespür versucht Roy Grace, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Doch auf einer Pressekonferenz begeht er einen verhängnisvollen Fehler, der eine geliebte Person in Lebensgefahr bringt …

_War der Ehemann der Mörder?_

Von Beginn an zieht Peter James seine Leser in den Bann. Gleich im ersten kurzen Kapitel lernen wir den Mörder kennen, der gerade sein erstes Opfer ins Visier genommen hat. Und dann schleicht er sich auch schon ins Auto von Katie Bishop, während die ihre Tankrechnung begleicht. Nicht lange dauert es, bis Peter James uns zudem einen Verdächtigen par excellence präsentiert, nämlich den Ehemann, der am Tag nach dem Mord seelenruhig ein Golfturnier absolviert – und zwar mit überraschendem Erfolg – und sich von der Polizei eigentlich nicht vom Grün locken lassen will. Alles spricht gegen ihn, seine DNA wurde am Tatort gefunden, Zeugen haben ihn gesehen, eine Videoaufnahme widerlegt sein Alibi. Doch obwohl alles gegen ihn spricht, glaubt Roy Grace dennoch lange an Brians Unschuld. Seine Aussagen scheinen die Wahrheit zu sein, zumindest kann Grace keine Lügen identifizieren, auch wenn er diffizile Methoden anwendet, um Brian Bishop zu überführen. Und auch als Leser fragt man sich natürlich, wie diese beiden losen Enden, die einfach nicht zusammen passen wollen, am Ende zusammen gefügt werden können.

Bis zum Schluss hält Peter James die Spannung, auch wenn die Lösung des Falls zugegebener Maßen doch recht offensichtlich ist. Einen winzigen „Schlenker“, der den Leser (und auch Roy Grace) gen Ende noch einmal an der Nase herum führt, baut Peter James noch ein, bevor er schließlich die einzig sinnvolle Lösung präsentiert. Immerhin: Dadurch, dass man die richtige Lösung vorausahnen kann, ist sie definitiv schlüssig und fällt nicht vom Himmel. Für meine Begriffe tat es der Spannung keinen Abbruch, dass man schon ahnte, was geschehen würde.

_Eine Liebe in München?_

Detective Superintendent Roy Grace hat vor Jahren seine Frau verloren. Sie ist von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden. Seitdem sucht er sie und kann sie nicht aus seinen Gedanken und Erinnerungen tilgen, obwohl Grace inzwischen erneut glücklich liiert ist. Doch dann erreicht ihn ein Anruf aus München von einem guten Freund, der Graces Frau Sandy in einem Biergarten im Englischen Garten gesehen haben will. Roy Grace kommen Zweifel, ob seine neue Liebe Cleo wirklich die alte ersetzen kann. Er muss einfach wissen, ob seine Frau tatsächlich in München lebt, er muss herausfinden, warum sie damals spurlos verschwunden ist. Also fliegt er kurzerhand mitten in den laufenden Ermittlungen nach München, um Sandy zu suchen. Dafür riskiert er sogar einen deftigen Beziehungsstreit, der die neue Liebe fast im Keim erstickt hätte.

Die Geschichte von Roy Graces verschwundener Frau zieht sich durch alle bisherigen Bände, doch noch ist keine Lösung in Sicht, denn der Besuch in München trägt keine Früchte. So erleben wir Roy Grace in diesem Band im Strudel seiner Gefühle. Obwohl er Cleo liebt, muss er einfach wissen, ob seine Frau Sandy noch lebt und was mit ihr geschehen ist. Ungeschickt versucht er, seinen Besuch in München zu vertuschen, doch Cleo durchschaut ihn sofort und ist entsprechend verletzt. Und obwohl man sie verstehen kann, fühlt man auch mit Roy Grace, da sein Gefühlschaos nur zu nachvollziehbar ist. Mir gefiel diese menschliche Seite, in der er nicht der taffe Ermittler ist, der jede Augenbewegung seines Gegenübers minutiös verfolgt, ausgesprochen gut, zeigt sie doch, dass hinter dem erfolgreichen Ermittler ein verletzbarer und unsicherer Mensch steckt. Außerdem führt diese Nebengeschichte dazu, dass man definitiv zum nächsten Band um Roy Grace greifen wird – nicht nur, weil Peter James meisterlich Spannung aufbauen kann, sondern auch, weil man wissen will, ob es Neuigkeiten aus München gibt.

_Meister der Spannung_

Auch den dritten Band um Roy Grace habe ich regelrecht verschlungen. Wieder einmal schaffte es Peter James von Anfang an, mich in einen Sog hinein zu ziehen, dem ich nicht entkommen konnte. Dieses Buch |muss| man einfach schnell durchlesen, weil man es sonst vor Spannung kaum aushält.

|Broschiert: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3596175642|
Originaltitel: |Not Dead Enough |(Bd.3)

_Peter James auf |Buchwurm.info|:_

[„Stirb ewig“ 3268
[„Stirb schön“ 3154
[„Stirb schön“ 3680 (Lesung)
[„Nicht tot genug“ 4844 (Lesung)
[„So gut wie tot“ 5711 (Lesung)
[„Mein bis in den Tod“ 2493
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391

MacDonald, William Colt – Trommeln des Teufels, Die

_Das geschieht:_

Texas um 1885: Im Clarin County unweit der Grenze zu Mexiko stoppt auf offener Strecke ein Zug der „Texas Northern & Arizona Southern Railroad Company“. Auf Anweisung des Direktors wird ein Teil der Ladung gelöscht. Wenig später ist die Fracht geraubt, die Fuhrleute sind erschossen. Die Beute: Früchte und Marmelade in Dosen.

In El Paso macht sich Eisenbahn-Detektiv Gregory Quist auf den Weg nach Clarion City, um für seine Gesellschaft dieses Rätsel zu lösen. In der kleinen Stadt gärt es; Wyatt Thornton und Judd Lombardy, die beiden reichsten Rancher im Clarin County liegen im erbitterten Streit, der auch die Bürgerschaft von Clarion City einbezieht und spaltet. Gerade wurde Lloyd Porter, Gatte von Thorntons Tochter Kate, mit zerschossenem Schädel aufgefunden; man munkelt, die ob seiner ständigen Fremdtändeleien erzürnte Kate habe persönlich zur Schrotflinte gegriffen. Aber die Zahl der Verdächtigen ohne Alibi wächst dank der allgemeinen Unbeliebtheit des Verblichenen schnell; selbst der Sheriff muss sich hier einreihen.

Quist muss ohne Rückhalt ermitteln, da er nicht weiß, wem er trauen kann. Die Gefahr für Leib und Leben steigt, als er herausfindet, was tatsächlich aus dem Zug gestohlen wurde. Während er Indizien sammelt und Zeugen verhört, hält er den Revolver stets griffbereit; eine Vorsichtsmaßnahme, die sich schon bald und dann immer wieder bewährt …

_Krimi-Western oder Western-Krimi?_

Ein Kriminalroman spielt im Wilden Westen! Das klingt zunächst ungewöhnlich, was sich allerdings schon nach kurzem Nachdenken ändert: Wieso sollte gerade der US-amerikanische Mittelwesten des 19. Jahrhunderts vom Verbrechen ausgeschlossen bleiben? Gestohlen und gemordet wurde dort auch ohne die Überspitzung durch Film- und Fernseh-Western reichlich.

Was den Zweifler tatsächlich irritiert, ist ein Mann wie Gregory Quist in einer Welt, der aus heutiger Sicht das Gesetz und seine Durchsetzung im Rahmen einer organisierten Verbrechensbekämpfung weitgehend abgingen. Der Westen galt auch deshalb als wild, weil er sich als rechtsfreier Raum darstellte. „Law West of the Pecos“, stand auf dem Schild, das Richter Roy Bean (1825-1903) auf dem Dach einer schäbigen Hütte befestigte, die gleichzeitig Saloon und Gerichtsgebäude darstellte. Faktisch vertrat Bean das Recht im texanischen Pecos County und damit in einem Umkreis von mehr als 300 Kilometern. Marshals und Sheriffs waren keine ausgebildeten Kriminologen, sondern primär Ordnungshüter. Wo auch sie nicht zur Stelle waren, nahmen die Bewohner des Westens das Recht mit blanker Waffe und festem Strick selbst in die Hand.

Aber den Pionieren folgte so schnell wie möglich das Recht. Bis es so weit war, beschäftigten die Eisenbahngesellschaften eigene Detektive. Ab 1850 konnte man die Detektive der Pinkerton-Agentur anheuern und in Texas in der Strafverfolgung ab 1823 auf die Texas Ranger zurückgreifen. Mit einem Fragezeichen muss das Fachwissen dieser Männer markiert werden, doch das war im 19. Jahrhundert nicht nur im Wilden Westen so.

_Erfahrung und gesunder Menschenverstand_

Folgerichtig ist Gregory Quist als Kriminologe vor allem Autodidakt. Was er über Sichtung und Auswertung von Indizien weiß, hat er sich selbst beigebracht. Grundsätzlich beherrscht Quist sein Handwerk, auch wenn er es auf eine rustikale, der rauen Umgebung angepassten Weise ausübt. Im Mittelwesten geht die Suche nach Spuren immer mit einem anstrengenden Pferderitt durch ein weites und gefährliches Land einher. Quist kann nicht wie sein Zeitgenosse Sherlock Holmes nach dem Frühstück einen Fall lösen und rechtzeitig zum gemütlichen Abendmahl zurück im trauten Heim sein. Er ist Detektiv und Westmann, was einen besonderen Charakter hervorbrachte: Quist ist kein weltfremder Kopfmensch; das kann er sich in seinem Umfeld nicht leisten. Seine Fähigkeit, mit einem Colt umzugehen, ist ebenso ausgeprägt wie sein Verstand.

Das ist doppelt wichtig in einem Land, dessen raue Bewohner Zeugenvernehmungen verabscheuen. Der Westerner lässt sich ungern ausfragen, und er reagiert erst recht aufbrausend, wenn er der Lüge bezichtigt wird. Wie damit aus kriminologischer Sicht produktiv umzugehen ist, belegt Quist auf recht gefährliche Weise: Er reizt unwillige Zeugen, bis sie zum Colt greifen, aber gleichzeitig ihre Zurückhaltung vergessen und redselig werden.

_Guter Wein im neuen Schlauch_

Die alten bzw. bewährten Spannungselemente des Krimis im exotischen Ambiente des Westerns zu erleben macht Freude, wenn die Elemente so geschickt und gleichzeitig unauffällig wie hier gemischt werden. Autor MacDonald sitzt fest in den Sätteln beider Genres, wenn man es – dem Anlass angemessen – ein wenig bildhaft ausdrücken möchte. ‚Sein‘ Texas gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet er mit exakt so vielen Strichen wie nötig, um der gut geplotteten und routiniert aber unterhaltsam entwickelten Handlung ihren Rahmen zu geben. Mit Fakten geizt MacDonald; sie sind einerseits nicht notwendig, während er andererseits durchaus Realität ins Geschehen einfließen lässt. So ist die Feindschaft zwischen großen Ranches, die sich in blutigen „Weidekriegen“ entladen konnte, historisch verbürgt. Stimmungsvolle Landschaftsbeschreibungen runden das positive Urteil über einen sicherlich nicht anspruchsvollen aber spannenden ‚Western-Krimi‘ ab.

_Autor_

Allan William Colt MacDonald (1891-1968), geboren in Detroit (US-Staat Michigan), war ein bekannter Autor von Western-Romanen, der außerdem zahlreiche Drehbücher für Hollywood schrieb. Berühmt wurde er mit seinen „Three Mesquiteers“, drei verwegenen Haudegen, die im Stil der berühmten „Drei Musketiere“ von Alexandre Dumas in allerlei aufregende und actionbetonte Abenteuer verwickelt werden, was die Serie auch für das Kino interessant machte. 1933 entstand eine 12-teilige „Three Mesquiteers“-Serie, in der ein junger, noch unbekannter John Wayne die D’Artagnan-Rolle übernahm.

1954 begann MacDonald eine letztlich siebenteilige Serie um den Eisenbahn-Detektiv Gregory Quist, der im Geiste eines Sherlock Holmes Kriminalfälle im Western-Milieu löst und die unterhaltsam und nicht besonders anspruchsvoll aber gekonnt historische Fakten, Western-Ambiente und Elemente des klassischen Krimis mischt.

Die Gregory-Quist-Serie:

(1954) Mascarada Pass
(1955) Destination Danger (dt. „Der Mann aus El Paso“) – GATB* A 22
(1955) The Comanche Scalp (dt. „Der Skalp des Comanchen“) – GATB A 14
(1956) The Devil’s Drum / Hellgate (dt. „Die Trommeln des Teufels“) – GATB A 17
(1958) Action at Arcanum
(1961) Tombstone for a Troublemaker
(1964) The Osage Bow / Incident at Horcado City

* Goldmann Abenteuer-Taschenbuch

_Impressum_

Originaltitel: The Devil’s Drum (Philadelphia : J. B. Lippincott Company 1956)
Übersetzung: Hans-Ulrich Nichau
Deutsche Erstausgabe: 1968 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Abenteuer-TB A 17)
189 Seiten
[keine ISBN]
http://www.goldmann-verlag.de

Norman, Hilary – Rache der Kinder, Die

Kinderspiele können grausam sein. In ihrem Thriller „Die Rache der Kinder“ beschreibt die Engländerin Hilary Norman genau so eine Situation, in der aus einem Spiel Ernst wird – mit tödlichem Ausgang.

_Die Geschichte beginnt_ damit, dass vier Kinder eines Kinderheimes sich nachts aus ihren Schlafzimmern stehlen, um in einem verlassenen Hünengrab William Goldings „Herr der Fliegen“ zu lesen. Das Buch wird zu einer Art Obsession für die vier und die Rollenspiele, die sie mit dessen Hilfe spielen, werden immer drastischer. Unter der Obhut einer Kinderheimmitarbeiterin beginnen sie, die Geschichte des Buches auf das echte Leben zu übertragen.

Jahre später sind sie erwachsen, die Spiele von Jack, Roger, Simon und Piggy – nach Helden aus dem Golding-Buch – wesentlich brutaler. Ralph, die Kinderheimmitarbeiterin, ist nach wie vor ihre Anführerin, tritt aber selten selbst in Szene. Auch nicht, als ihre „Kinder“ die Journalistin Kate und die labile Laurie entführen. Sie sind die Monster dieser Spielrunde und sollen beseitigt werden. Während Kate sich eine Abtreibung hat zuschulden kommen lassen, ist Laurie die Mutter eines behinderten Jungen. Doch anstatt ihn bei sich aufzuziehen, wohnt er in einem Kinderheim.

Was die Entführer nicht wissen: Nicht alles ist so, wie es aussieht. Kates angebliche Abtreibung war eine Fehlgeburt und Laurie wurde von ihren Eltern massiv unter Druck gesetzt, das „Malheur“ namens Sam zu vertuschen …

_Hilary Norman spielt_ in ihrem Buch außergewöhnlich geschickt mit moralischen Fragen und den Nerven des Lesers. Sie erzählt die Geschichte nämlich aus mehreren Perspektiven. Sowohl die Kinder als auch Ralph als auch die beiden Opfer kommen ausgiebig zu Wort. Während die „Herr der Fliegen“-Gruppe rückblickend vor allem ihre Entstehung erzählt, berichten Kate und Laurie aus ihrem Leben. Man lernt sie als Leser gut kennen und verstehen. Während die Entführer fest davon überzeugt sind, es bei den beiden mit Monstern zu tun zu haben, ist dem Leser klar, dass die Schuldfrage in beiden Fällen nicht so einfach beantwortet werden kann. Umso mehr fiebert man mit den beiden mit, dass sie die Entführung überleben. Norman schafft damit etwas, was in vielen Büchern selten ist: Sie fesselt den Leser an den Sessel, bis er das Buch aus der Hand legen muss, weil es zu Ende ist.

Der geschickte Aufbau bleibt nicht der einzige Pluspunkt von „Die Rache der Kinder“. Die Personen sind, wie bereits erwähnt, sehr gut ausgearbeitet. Mit wenigen Pinselstrichen schafft es die Autorin, zwei sehr unterschiedliche Frauenfiguren zu schaffen, die sehr authentisch wirken. Während Kate eine selbstbestimmte, beruflich erfolgreiche Frau ist, müht sich Laurie mit ihrem Schicksal ab. Sie lebt noch immer unter der Knute ihrer Eltern, obwohl ihr kleiner Sohn ihr ans Herz gewachsen ist, doch sie findet nicht die Stärke, ihr Leben selbst zu bestimmen.

Jack, Roger, Simon, Piggy und Ralph werden hingegen nicht so ausführlich beschrieben. Die Masken, die sie während der Tat tragen, nehmen sie auch sonst nicht ab. Auch hier appelliert die Autorin an die Eigeninitiative des Lesers. Es liegt an ihm, die Schuldfähigkeit der einstigen Heimkinder zu bewerten, deren Leidenswege anfangs kurz erläutert werden. Vieles muss man dabei zwischen den Zeilen lesen, um zu merken, dass auch die Bösen in dieser Geschichte nicht wirklich böse sind.

Geschrieben ist das Buch mit einer fast tödlichen Präzision. Norman benutzt wenige Worte und kurze, abgehackte Absätze. Trotzdem schafft sie es, ein feines Netz aus Spannung aufzubauen und alles genau so rüberzubringen, wie sie es rüberbringen möchte. Durch ihre gute Wortwahl und die Intensität ihrer Sätze beginnt der Leser automatisch, selbst mitzudenken und bestimmte Parallelen zu ziehen.

_Auch, wenn die häufigen Perspektivenwechsel_ anfangs verwirren und allgemein ein zweischneidiges Schwert sind, sind sie in diesem Fall das Beste, was diesem Buch passieren konnte. Hilary Norman konzentriert sich in ihrem Thriller „Die Rache der Kinder“ auf die notwendigsten Informationen, die dennoch ein weitreichendes Gesamtbild abgeben und vor allem eines schaffen: den Leser zum (Mit)Denken zu animieren. Fantastisch!

|Originaltitel: Ralph’s Children
Aus dem Englischen von Rainer Schumacher
365 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3404163182|
http://www.luebbe.de

Ernst, Cristoph (Roman); Jeltsch, Christian (Drehbuch) – TATORT: Strahlende Zukunft

Der TATORT begeistert seit 1970 ein Millionenpublikum, kaum ein Tag vergeht, an dem nicht mindestens eine Folge entweder in der ARD oder einem der dritten Programme gesendet wird. An solchen Tagen oder bei Gelegenheiten, an denen man keinen Zugriff auf ein Fernsehgerät hat, werden Tatort-Jünger offenbar häufig von Entzugserscheinungen geschüttelt. Der |Emons-Verlag| dealt daher seit Ende September 2009 erfolgreich mit Ersatzdrogen in Form von Buchversionen auf Basis bereits ausgestrahlter Fälle mit besonders beliebten Ermittlern. Die ersten Sechs zum Preis von je 8,95 € sind dabei so erfolgreich gestartet, dass bereits eine zweite Lage für das Frühjahr 2010 fest angekündigt wurde.

_Zur Story_

Sandra Vegener sieht keinen anderen Ausweg: Sie überfährt gezielt den Richter, der sie damals in die Psychatrie steckte und richtet sich danach selbst. Nicht jedoch, ohne der Nachwelt ein Vermächtnis zu hinterlassen. Ein Teil davon ist Hauptkommissarin Inga Lürsen, welche sie damals abwies, da sie sich für die abstrus klingende Geschichte über gefährliche Machenschaften des Mobilfunkbetreibers „2wave“ nicht recht zuständig fühlte. Die renitente Aktivistin machte die Firma unter Anderem für die tödliche Leukämieerkrankung ihrer Tochter verantwortlich und ließ keine Gelegenheit aus, gegen den Provider vorzugehen. Sie behauptete, absichtlich mit Strahlen bombardiert worden zu sein – und landete schlussendlich in der Klapsmühle. Der Fall, der eigentlich ja gar keiner ist, scheint demnach klar: Geisteskranke Amokläuferin.

Allerdings wundert Inga, dass eine Reihe der Beteiligten vom Statsanwalt bis zur Gerichtsmedizinerin simple Routinefragen allzu brüsk abschmettern und versuchen, die Sache möglichst schnell zu den Akten zu legen. Inga vertraut ihrer Intuition und stochert zusammen mit ihrem Kollegen Nils Stedefreund in den alten Geschichten herum und fördert dabei ebenso erschreckende wie erstaunliche Dinge zu Tage. Etwa ein großer Betrag, der von „2wave“ an Vegeners Ehemann Luis floss. Dazu einige brisante Querverbindungen zwischen Gutachter und Staatsanwaltschaft sowie dem Provider – bis hoch zum Bremer Senat. Richtig prekär wird die Lage aber erst, nachdem Vegeners neunzehnjähriger Sohn sich Lürsens Waffe bemächtigen kann und seinen persönlichen Rachfeldzug beginnt. Jetzt bekommen die Geheimniskrämer plötzlich arges Fracksausen.

_Eindrücke_

„Spannend von der ersten bis zur letzten Seite“ ist eine (zu) oft bemühte und abgedroschene Werbe-Platitüde. Hier trifft sie jedoch beinahe wörtlich zu, auch wenn sich nirgendwo derartiges PR-Brustgetrommel findet. Schon der anderthalbseitige Prolog ist spannend erzählt und macht somit neugierig auf die weiteren Geschehnisse auf den folgenden fast 160 Seiten. Die brechen auch mit Rasanz über das beliebte norddeutsche Ermittlerduo Lürsen/Stedefreund herein. Dabei gelingt es Christoph Ernst bei seiner Novellisierung des Drehbuchs von Christian Jeltsch, die Figuren akkurat einzufangen und darzustellen. Mit leichter Übervorteilung von Inga Lürsen, doch das ist zumindest dem kundigen Fernsehzuschauer nicht fremd. Lürsen ist nun einmal generell die Hauptfigur im Bremer Tatort – und beim Fall „Strahlende Zukunft“ (Erstausstrahlung: NDR, 2008) ganz besonders.

Nils Stedefreund ist allerdings keine plumpe Staffage, sondern eine ernst zu nehmende „supporting role“. Kurioserweise spendierte man ihm seitens des Verlags auf dem Cover keinen Vornamen. Das aber nur am Rande. Er hat Dank guter Connections einen wichtigen Beitrag zu leisten und der Leser erhält – anders als im TV – dabei auch noch einen klareren Blick in seine Gefühlswelt sowie seine Motivationen. Für Lürsen gilt dies natürlich ebenso, wenn nicht sogar ausgeprägter. Die Geschichte an sich behandelt, wie fast alle neueren Tatorte, ein aktuelles und, auch dem Wortsinne nach „heißes“ Thema: Elektromagnetische Strahlung. Darum dreht sich – aufgrund des Spannungserhalts nur grob umrissen – diese Schnitzeljagd nämlich hauptsächlich. Der Wettlauf mit dem Todesschützen in spe hält noch so manche Wendung bereit und nichts ist ganz so, wie es anfänglich scheint. Das Ende bleibt überraschend offen und könnte auch als Cliff-Hanger durchgehen.

_Fazit_

Diesen interessanten Fall in Romanform zu gießen war eine sehr gute Wahl. Eine spannend präsentierte Story mit Aktualitätsbezug, undurchsichtigen Figuren, Action und einem ziemlich unvorhersehbaren Final-Twist, das sind die Zutaten, mit welchen dieser Thriller prinzipiell sogar auch ohne das sicherlich verkaufsfördernde Tatort-Label funktionieren würde. Dass Lürsen und Stedefreund sich dann auch noch literarisch wohltransformiert die Ehre geben, wertet die Sache noch weiter auf. Zumindest für treue Fans der Serie, natürlich. Aber: Auch Neueinsteiger mit Appetit auf anständige Krimikost, welche die Figuren nicht aus dem Fernsehen kennen, dürfen gern zu diesem lesenswerten Tatort aus Bremen greifen.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

Christoph Ernst: „Strahlende Zukunft“
Begleitbuch zur gleichnamigen ARD-Serie „Tatort“
Nach einem Drehbuch von Christian Jeltsch
Emons-Verlag, September 2009
ISBN-13: 978-3-89705-666-4
160 Seiten, Broschur

MacConnell, Michael – Killer

Michael MacConnell ist eigentlich Australier, aber das hindert ihn nicht daran, seine Thriller in Amerika, genauer gesagt in der Gegend um Boston, spielen zu lassen. „Killer“ ist der erste Roman mit der FBI-Agentin Sarah Reilly in der Hauptrolle, weitere sollen folgen.

_Sarah Reilly_ ist FBI-Agentin und versucht in einem Undercovereinsatz einem Serienkiller das Handwerk zu legen. Doch etwas kommt ihr dazwischen. Bevor sie den Verdächtigen festnehmen kann, wird er ihr von mehreren Männern abgejagt, nachdem diese sie mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt haben. Verdutzt schaut sie der Gruppe Männer hinterher und erfährt am nächsten Tag, dass ihr Verdächtiger bei einem Lagerhallenbrand ums Leben gekommen ist. Wer waren die Anderen, die sie unschädlich gemacht und den Killer mitgenommen haben?

Gleichzeitig treibt ein Serienkiller in New Hampshire sein Unwesen, der schon seit Jahren unerkannt aktiv ist. Er kopiert die Vorgehensweise anderer Killer, so dass ihm die meisten Taten nicht zugeschrieben werden können. Nur einer ist ihm auf die Schliche gekommen: Harry Reilly, Sarahs Vater und eine FBI-Legende. Seit seiner Pensionierung sammelt er im Geheimen Informationen über den skrupellosen Mörder. Als der spürt, wie Harry ihm immer näher kommt, beschließt er, zu anderen Mitteln zu greifen: Er inszeniert eine Katastrophe, während der er Harry entführt. Nun liegt es an Sarah, ihn zu finden und zu befreien, doch der gewiefte Killer macht es ihr nicht einfach …

_“Killer“_ ist ein Buch voller Überraschungen. Es beginnt zwar nicht ruhig, sondern mitten in Aktion, aber erinnert dabei noch an einen konventionellen Thriller. Erst später, wenn der Autor ohne Skrupel die sympathischsten Figuren ins Jenseits schickt, wird dem Leser klar, dass er bei Michael MacConnell auf alles gefasst sein sollte. Dadurch wird die Geschichte spannend und die Wendungen sind nicht überraschend, sondern vielmehr schockierend. Sie lassen sich selten vorhersehen und sind durch große Brutalität geprägt. Der Autor schlachtet sie allerdings nicht aus. Die Beschreibungen sind nicht zu blutig, sondern nüchtern. Doch obwohl diese Ereignisse auf weiten Strecken für Spannung sorgen, kehrt sich dieser Effekt am Ende um. Der Schluss ist konzipiert wie ein großes Finale, doch leider ist er ein wenig zu viel des Guten. Zu viele Gegenspieler an einem Ort, zu viele Wendungen und zu viel Action. Nach einem mehr als viel versprechenden Anfang schwächelt „Killer“ am Ende beträchtlich.

Die Figuren erfüllen ihren Zweck, heben sich aber nicht wirklich von Charakteren ähnlicher Bücher ab. Sarah ist ein Workaholic und lässt seit dem Tod ihrer Mutter niemanden mehr an sich heran. Ihr Kollege Drew hingegen liebt sie immer noch, nachdem die beiden eine kurze Affäre hatten. Ihr Vater stellt den etwas brummigen FBI-Veteranen dar, der den Tod seiner Frau ebenfalls nicht verwunden hat und sich deshalb in den Alkohol flüchtet. Auch wenn sie nicht wirklich interessant sind, sind die Protagonisten gelungen. MacConnell versteht es, sie eher düster zu zeichnen, wodurch sie authentisch wirken und gut in eine Geschichte passen, die von perversen Serienkillern dominiert wird.

Der Schreibstil ist entsprechend ruhig und unaufgeregt. Der Autor findet stets gute Worte, um Gefühle, Situationen und das Drumherum zu beschreiben. Dadurch, dass er ab und an die Erzählperspektive wechselt, wird das Buch abwechslungsreich. Trotzdem fehlt ihm eine gewisse Originalität im Schreibstil, um zusätzlich punkten zu können.

_“Killer“ ist ein Buch_, dessen große Stärke in der actionreichen, spannenden Handlung liegt. Die Figuren ergänzen diese gut, aber insgesamt fehlt es Michael MacConnell noch an Profil, um sich von seinen Kollegen abzuheben. Für einen Debütroman ist „Killer“ jedoch sehr gelungen.

|Originaltitel: Maelstrom
Aus dem australischen Englisch von Sabine Rissmann
409 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3404162826|
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Brown, Dan – verlorene Symbol, Das

Die Existenz der Freimaurer mitsamt allen Legenden, Mythen und Verschwörungstheorien bildet den Grundstein für das neueste Buch von Dan Brown: „Das verlorene Symbol“ (The Lost Symbol).

Thema des Romans ist diesmal keine kontroverse These um Verschwörungen innerhalb des Vatikans, doch geht es um eine ebenso faszinierende Gruppierung, deren primäre Symbole der Winkel und ein Zirkel sind. Die Freimaurer, deren fünf Grundideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität darstellen, sind international in vielen „Logen“ tätig. Rituale, Losungen und natürlich auch Symbole bilden unter der Verschwiegenheitserklärung, die jedes Logenmitglied bindet, einen stabilen Grundsatz für Diskussionen. Ziel der Freimaurerei sind die fünf Ideale, die sie im Alltag und im Umgang mit anderen Menschen leben sollen. Die Humanität, die Würde des Menschen, steht über allem anderen.

Durch einschlägige Literatur und offizielle Dokumente ist dem Außenstehenden einiges bekannt, doch wie immer, wenn der Mensch Vermutungen anstellt und ihm etwas fremd vorkommt, entwickeln sich dramatische Vermutungen, die stets zwischen Dichtung und Wahrheit genug Aufmerksamkeit erhalten, um unterhaltsamen Stoff für Film und Buch zu liefern.

_Inhalt_

Robert Langdon, Professor für Kunstgeschichte mit dem Fachgebiet Symbologie an der Harvard-Universität, beginnt seinen Sonntag wie immer. Früh morgens zieht er im Schwimmbad der Uni seine fünfzig Bahnen, und beim Mahlen seiner Sumatra-Kaffeebohnen fällt ihm auf, dass sein Anrufbeantworter blinkt und somit das Hinterlassen einer Nachricht signalisiert.

Der Anrufer ist der persönliche Assistent seines alten Freundes und Mentors Peter Solomon, ein reicher und einflussreicher Mann, der, ebenso intellektuell wie Langdon selbst, nach Wahrheiten in der Wissenschaft fahndet. Zudem, das ist kein Geheimnis, ist er einer der im Rang der höchsten Freimaurer. Robert Langdon wird in aller Dringlichkeit gebeten, persönlich nach Washington zu kommen, um einen Vortrag über die freimaurerische Geschichte der Stadt zu halten.

Als Langdon mit Solomons Privatjet in Washington ankommt und den Treffpunkt aufsucht, erlebt er an diesem Tage die zweite Überraschung, denn der Saal ist leer, keine Stühle, kein Publikum – hat sich Peter Solomon einen Streich erlaubt?

Als er Solomons Privatnummer wählt, nimmt ein Unbekannter den Anruf an und erklärt, dass er Langdon genau da haben wollte, wie er es geplant hat, als plötzlich aus der Rotunde des Capitols ein heller Schrei ertönt.

Mehrere Touristen halten sich verängstigt in der Mitte der Rotunde auf, ein Junge weint, und als Langdon sich nähert und einen Blick auf den Boden wirft, wird ihm sofort klar, was die Aufregung verursacht! Auf dem Boden, auf einem Zettelspieß gesteckt, sieht er eine Hand, die den Zeigefinger und den Daumen zur Decke streckt. Langdon blickt auf einen goldenen Ring, und mit Schrecken erkennt er, dass es sich um Peter Solomons Hand handelt.

Als die CIA als dritte Partei in das Geschehen eintritt, ist die Verwirrung komplett. Ein Wahnsinniger namens Mal’akh (hebräisch für Engel) will das Geheimnis der Freimaurer für sich, die unendlichen Mysterien, die Aufschluss und Erklärung für alle Fragen geben, die die Menschheit je beschäftigt haben. Er wäre damit ähnlich wie Gott allmächtig und allwissend.

Langdon, der zwischen den Fronten steht und nur der Schwester seines Mentors und Freundes, Katherine Solomon, vertrauen kann, bleiben nur zwölf Stunden Zeit, um die alten Geheimnisse der Freimaurer und ihre Rätsel zu lösen. Auf der Suche nach dem verlorenen Symbol betritt Langdon Tempel, Kammern und Gebäude, die unmittelbar Wirkungsstätte der Freimaurer sind, und weiß dabei nicht mehr, was er glauben und wem er noch vertrauen soll …

_Kritik_

„Das verlorene Symbol“ von Dan Brown ist wie „Sakrileg“ und „Illuminati“ eine wilde Schnitzeljagd; diesmal schickt der Autor seinen Professor für Symbolik allerdings nicht durch europäische Schauplätze, sondern hat als Bühne Washington D.C. ausgewählt, ein Stück amerikanischer Geschichte und, wie sich herausstellt, auch die Vergangenheit und Gegenwart der Freimaurer-Logen.

Wirklich beachtlich und bewundernswert ist, dass es der Autor schafft, das Genre der Mystik mit all seinen Geheimnissen, Verschwörungen, Legenden und natürlich auch Symbolen wieder zum Leben zu erwecken. So mancher Leser wird nach oder sogar schon bei der Lektüre selbst anfangen zu recherchieren, um Parallelen und Fakten über die Geheimnisse der Freimaurer und ihre Logen zu ergründen. Das ist genau der Schwachpunkt des Buches. Zwar entschlüsselt Langdon das eine oder andere Rätsel, doch die Geschichte der Freimaurerei bleibt unerwähnt. Wie immer man dies auch interpretieren mag, wenigstens drückt Dan Brown den Freimaurern keinen Stempel auf und steckt sie damit willkürlich eine Schublade.

Dan Browns Tradition, Symbole ins Spiel zu bringen, die uns immer wieder begegnen, aber nicht weiter auffallen, ist spannend ausgeführt. Man könnte fast sagen: Mit den Augen Langdons erfahren wir Geschichte und Architektur aus einer ganz anderen Perspektive. Und wie auch in den Romanen zuvor hat das Touristikbüro von Washington die Chance erkannt und bietet spezielle Ausflüge zu den Schauplätzen des Romans „Das verlorene Symbol“ an. Das Marketing der Buchverlage wird sich freudig die Hände reiben.

Allerdings ist das Niveau des vorliegenden Romans deutlich gefallen. Browns Stil ist flapsiger und wirkt gelangweilter als in den vorherigen Bestsellern, nur das Tempo der Geschichte ist wie immer atemberaubend hoch und kurzweilig.

Viel abwechslungsreicher, dadurch aber zugleich störend im Aufbau der Handlung sind sowohl die immer wiederkehrenden Zeitsprünge als auch die wechselnden Perspektiven der Protagonisten. Da es etliche Erzählperspektiven gibt und dann jeweils die eine oder andere Akteur aus und von der Vergangenheit erzählt, ergibt das addiert schon mal die eine oder andere Verwirrung.

Die Protagonisten sind ähnlich konzipiert wie in den Romanen zuvor. Robert Langdon hat sich nicht viel weiterentwickelt, das eine oder andere persönliche Detail erfährt man, aber sein Wirken und Handeln stützt sich primär auf die Entschlüsslung alter Botschaften und Symbole, die wie Brotkrumen durch die Stadt gestreut sind. An seiner Seite wie immer eine selbstbewusste, attraktive Frau, die als Assistentin für den diesmal wirklich verwirrten Professor alle Hände voll zu tun hat.

„Das verlorene Symbol“ ist ein solider, durchaus spannender Roman, der gerade Neulinge, die das erste Mal zu Dan Brown greifen, begeistern wird. Inhaltlich ist er viel schwächer als die beiden anderen Romane, die in Europa spielen. Nun gut, die Leser aus den USA werden das Buch mit ganz anderen Augen lesen, da die Schauplätze quasi gerade um die Ecken liegen, dagegen wird der hiesige Fan von Langdon jenseits des Ozeans inhaltliche Spannung, Dramatik und nicht zuletzt die mystische Spannung vermissen.

_Fazit_

Der Roman wird keine so großen Wellen schlagen wie „Sakrileg“, zu wenig weiß man über die Freimaurer und deren offenen und verborgenen Botschaften, und sie sind nicht wirklich spektakulär, wenn man ohnehin gern Verschwörungen nachgeht.

Brown weiß schon, dass er mit seinem „Da Vinci Code“ viel Staub aufgewirbelt hat und sich noch immer viele Leute fragen, ob das Bild der Kirche und Jesu nicht wahrlich ein anderes ist. Daher schmunzelt man gleich zu Beginn, wenn sich Langdon dafür entschuldigt, dass er mit der Interpretation des Heiligen Grals und seiner Erben in manchen Augen einen Skandal geleistet hat. „Das war nie meine Absicht“, erklärt Langdon dazu, oder sagen wir doch besser: Dan Brown.

Das Ende des Romans ist ernüchternd, und man fragt sich bei aller Enttäuschung, was sich der Autor dabei gedacht hat. Wortspiele sind ja nun nichts Neues, aber so viel esoterisches Gehabe war dann doch etwas zu viel des Guten. „Das verlorene Symbol“ kann ich letztlich nur bedingt empfehlen. Es wird aber einige unterhaltsame Lesestunden bereiten und vielleicht noch ein paar Stunden Recherchen nach sich ziehen. Hoffentlich muss man nicht wieder fünf Jahre warten, bevor Langdon uns erneut symbolisch die Augen öffnet, diesmal wieder in alter Form.

|Originaltitel: The Lost Symbol
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und entschlüsselt vom Bonner Kreis
765 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2388-3|
http://www.luebbe.de
http://www.dan-brown.de

_Dan Brown auf |Buchwurm.info|:_

[„Illuminati“ 2106 (illustrierte Ausgabe)
[„Sakrileg – Director’s Cut“ 2361
[„Meteor“ 155
[„Diabolus“ 1064
[„Diabolus“ 1115 (Hörbuch)

Henn, Carsten Sebastian – Blut & Barolo

Nachdem die beiden liebenswerten Schnüffler Giacomo und Niccolò in ihrem ersten Fall das mysteriöse Verschwinden der Menschen in Rimella aufgeklärt haben, agieren sie in „Blut & Barolo“ nun in Turin. Dort gilt es, einen geheimnisvollen Diebstahl aufzuklären …

_Trüffeltuch_

Die Biologin Isabella wird nach Turin zum bekannten Palazzina di Caccia di Stipinigi gerufen, weil dort viel zu nah an menschlichen Behausungen ein Rudel Wölfe gesichtet wurde. So schnappt sie ihre Hunde – die verwöhnte Hündin Canini, das zierliche Italienische Windspiel Niccolò und den felligen Trüffelhund Giacomo – und macht sich auf den Weg in die große Stadt.

Im Duomo di San Giovanni hat derweil der Pharaonenhund Amadeus seinen neuen Job angetreten, nämlich die Bewachung des berühmten Grabtuchs. Seine Familie ist schon seit Urzeiten dafür zuständig, das Grabtuch zu bewachen, und nun hat Amadeus diese ehrenvolle Aufgabe frisch von seinem Großvater übernommen – als das Tuch auch schon gestohlen wird! Die anderen Pharaonenhunde verstoßen Amadeus daraufhin, so dass er sich tapfer alleine auf die Suche nach dem Tuch machen muss.

Kurze Zeit später erschnüffelt Giacomo einen für ihn himmlischen Duft, nämlich den von Trüffeln. Er geht seiner Nase nach und findet ein schmutziges Tuch, das merkwürdigerweise nach Trüffeln riecht. Doch irgendwas stimmt damit nicht. Verwirrt schnappt er es sich und trägt es zu Isabella, die es sogleich als das gestohlene Grabtuch identifiziert und die Polizei informiert. Damit aber beginnt der Ärger, denn Isabella wird als Diebin verhaftet und Giacomo, der gerade noch fliehen kann, auf Fahndungsplakaten gesucht. Canini und Niccolò werden von einem Freund Isabellas abgeholt, aber Niccolò hält es dort nicht lange aus, weil er Giacomo suchen will. Der hat unterdessen drei weitere Trüffelhunde gefunden – allerdings keine reinrassigen -, denen er sich angeschlossen hat. Auf die Straße kann sich Giacomo kaum noch trauen, weil überall Plakate mit seinem Angesicht die Straßen Turins zieren.

Aber Amadeus und Giacomo sind nicht die einzigen, die nach dem Grabtuch suchen. Dieses Mal helfen auch der Conte (ein kleiner Pekinese) und die Dachshunde mit, später kommen die Wölfe dazu, einige dubiose Menschen, und es gilt, Isabella aus der Gefangenschaft zu befreien. Große Aufgaben also für kleine Hunde …

_Die Straßen Turins_

In seinem zweiten Hundekrimi hat Carsten Sebastian Henn, der für seine Weinkrimis bekannt ist, den Schauplatz vom beschaulichen Rimella nach Turin verlegt. So tauchen neben den bekannten Hunden auch viele neue Gefährten auf, die ebenso menschliche Züge tragen wie die Hunde und Wölfe Rimellas. Je weiter die Handlung fortschreitet, umso mehr Personen und Tiere kommen ins Spiel, immer neue Grüppchen bilden sich, neue Freundschaften werden geschlossen, aber auch Feindschaften. Sehr gut gefallen hat mir die Findigkeit der Tiere, die beispielsweise daran denken, Giacomo an einem Stückchen Kohle zu reiben, damit er seinem Fahndungsbild nicht mehr so ähnlich sieht, oder die ihren eigenen Wohnbereich fluten, um ihre Feinde zu überrumpeln. Da kann man manchmal durchaus staunen.

Zu Beginn nimmt der Krimi viel Fahrt auf. Schnell erfahren wir, worum es geht – nämlich um das entwendete Grabtuch. Als Isabella in Gefangenschaft gerät und Giacomo und Niccolò voneinander getrennt werden und ganz Turin nach dem felligen Trüffelhund sucht, fiebert man mit dem sympathischen Schnüffler mit, der sich mit viel Geschick vor den Hundefängern versteckt bzw. ihnen zumindest schnell entkommen kann. Der aufzuklärende Fall ist von Anfang an überaus mysteriös, denn wer klaut ein wertvolles Grabtuch, um dann darin eine Trüffel zu wälzen und das schmuddelige Tuch in einem Baum zu verstecken – genau vor dem Palazzo, in dem zu der Zeit der bekannteste Trüffelhund weilt? Außerdem fragt man sich früh, ob die Pharaonenhunde alle mit offenen Karten spielen, denn schnell wird klar, dass zumindest Amadeus‘ Oma offensichtlich etwas zu verbergen hat. Bis etwa zur Hälfte habe ich das Buch regelrecht verschlungen.

Mit der Zeit wird die Angelegenheit aber recht unübersichtlich, denn nicht immer ist klar, mit welcher Absicht die Menschen und Tiere eigentlich nach dem Grabtuch suchen und was sie damit bezwecken wollen. Außerdem durchschaut man nicht immer die Struktur der Hundegruppen, da sich manche Freundschaften schneller zerschlagen, als man lesen kann. Besonders am Ende, als Giacomo seinen in einer Weinlaune ersonnenen Plan zur Aufklärung des Falles von all seinen Freunden und Bekannten ausführen lässt, kommt man nur schwer mit, zumal die Aufklärung etwas abstrus ausfällt. Doch Giacomo macht das wenig aus, hat er sich vorher doch in einer riesigen Barololache suhlen und davon trinken können.

_Der beste Freund des Menschen_

Warum das Buch schließlich doch amüsant zu lesen ist, sind Carsten Sebastian Henns hündische Charaktere. Giacomo habe ich bereits im ersten Hundekrimi Kennen und Lieben gelernt, aber in diesem Buch wird er mir sogar noch sympathischer. Am besten gefiel mir sein Auftritt zum Ende des Buches hin, wo er seinen Gefährten klarmacht, dass er nur dann seine bekannte Spürnase hat, wenn er edlen Wein zu trinken bekommt. Und so machen die Hunde sich erstmal dran, Giacomo zu seinem geliebten Wein zu bringen, wo er sich dermaßen betrinkt, dass er mitten in seinen Planungen einschläft. Dennoch ersinnt er in weinseeliger Trunkenheit einen atemberaubenden Plan, der nur dann funktionieren kann, wenn halb Turin auf den Beinen ist. Am Ende schien es mir, als wäre selbst Giacomo überrascht davon, dass dieser hanebüchene Plan tatsächlich funktioniert. Eine besonders sympathische Seite ist vor allem seine Fürsorge, denn das Windspiel Niccolò trägt zwar einen Hundepullover aus Teddybärenfell, doch ist es so kalt, dass ihm trotzdem friert. Damit hat der fellige Giacomo keine Probleme und hält seinem kleinen Freund daher immer den wärmenden Platz in seinem Windschatten frei und kuschelt sich an das Windspiel, damit es nicht so frieren muss.

Aber auch Niccolò gewinnt neue Facetten hinzu, denn in diesem Buch wird er zunächst von Giacomo getrennt. Und um seinen Freund wiederzusehen, kehrt das italienische Windspiel sogar der sicheren Pflege bei Isabellas Bekanntem den Rücken und begibt sich auf die unsicheren Straßen Turins. Später traut sich selbst die harmoniebedürftige und verwöhnte Canini aus der Wohnung heraus, um ebenfalls nach ihren alten Gefährten zu suchen. Im ersten Buch hätte man dies der eingebildeten Hundedame sicherlich nicht zugetraut.

_Spürnasen auf vier Beinen_

Leider kann Carsten Sebastian Henn das hohe Niveau nicht über das ganze Buch halten. Nach spannendem Anfang verzettelt er sich in der zweiten Hälfte des Buches in zu vielen Charakteren, zu vielen Intrigen und zu vielen Handlungssträngen. Hier begeht er den gleichen Fehler wie schon in seinem ersten Hundekrimi, der mir auch stellenweise zu verworren war. Punkten kann Henn dagegen wieder einmal mit seinen Hundecharakteren – allen voran mit dem sympathischen Giacomo, der zu einem späteren Punkt im Buch Teile seines wärmenden Fells einbüßen muss und dann feststellt, dass er plötzlich viel besser gucken kann. Wenn sich Henn im nächsten Hundekrimi mal auf einige wenige Handlungsstränge und handelnde Figuren (also Menschen und Tiere) beschränkt, bin ich mir sicher, dass er damit einen ganz großen Wurf landen kann.

|Broschiert: 336 Seiten
ISBN-13: 978-3471300039|

Bradley, Alan – Mord im Gurkenbeet (Flavia de Luce 1)

Es gleicht schon einer Sensation, was Alan Bradley mit seinem ersten Roman auf die Beine gestellt hat. Bereits vor Erscheinen des Buches wurde „Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“ mit dem renommierten Dagger Award für das beste Krimidebüt geehrt – und das lediglich auf der Basis des ersten Kapitels, da der Roman zum Zeitpunkt der Preisverleihung noch gar nicht fertiggestellt war. Das sind reichlich Vorschusslorbeeren, die zwar einerseits dafür sorgen, dass man seine Erwartungen nicht unbedingt tief stapelt, andererseits schwingt bei so viel Lobhudelei aber auch immer eine gewisse Skepsis mit. Kann „Flavia de Luce“ all die Erwartungen halten, die man in den Roman steckt?

_England, Anfang_ der 50er Jahre. Die elfjährige Flavia de Luce lebt zusammen mit ihren beiden älteren Schwestern Ophelia und Daphne und ihrem Vater auf dem altehrwürdigen Herrensitz Buckshaw. Flavia ist Hobbychemikerin und verbringt einen Großteil ihrer Zeit im Labor, das einer ihrer Vorfahren auf Buckshaw eingerichtet hat. Flavias große Leidenschaft gilt dabei Giften aller Art.

Dieses Wissen ist ihr unverhofft von Nutzen, als sie eines Morgens in aller Frühe im Gurkenbeet eine Leiche entdeckt. Jeder hält Flavias Vater für den Mörder und auch Flavia selbst kann sich von diesem Verdacht nicht ganz befreien, hat sie doch Abends vorher ihren Vater und den Toten lauthals streiten hören. Doch Flavia will an die Unschuld ihres Vaters glauben und stellt kurzerhand eigene Ermittlungen an.

Auf ihre kindlich unschuldige Art fragt sie allen Beteiligten und Zeugen Löcher in den Bauch, recherchiert in der örtlichen Bibliothek und durchsucht das Zimmer des Mordopfers. Sie folgt hartnäckig jeder noch so kleinen Spur und zieht in ihrer messerscharfen, rationalen Art so klare Schlussfolgerungen, dass der ermittelnde Inspektor Hewitt eigentlich vor Neid blass werden müsste.

Ihre Ermittlungen bringen Flavia auf die Spur eines alten Geheimnisses, in das auch ihr Vater verwickelt zu sein scheint. Als Flavia dann der Wahrheit ein gutes Stück näher kommt, wird es auch schon bald brenzlig für die junge Nachwuchsdetektivin …

_Die großen Erwartungen_ an „Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“ sind nicht unberechtigt. Alan Bradleys Debütroman ist in der Tat eine Bereicherung für das Genre. Natürlich erfindet Bradley nicht das Rad neu, aber mit Flavia de Luce hat er eine Titelheldin geschaffen, die vom Fleck weg sympathisch ist und in ihrer präzisen und hartnäckigen Ermittlungsarbeit und ihren messerscharfen Schlussfolgerungen ein jugendliches Detektivtrio wie die Drei ??? ganz schön alt aussehen lässt.

Flavia de Luce wirkt in ihrer kindlich unschuldigen Neugier wie eine junge Miss Marple – nur, dass sie obendrein noch eine begnadete Chemikerin ist. Raffiniert setzt Flavia sich auf ihre ganz eigene Art mit ihren Schwestern und deren ständigen Versuchen sie zu Schikanieren auseinander. Da mischt sie der großen Schwester auch schon mal Gift in den innig geliebten Lippenstift und dokumentiert die Ergebnisse dieses Versuchs mit wissenschaftlicher Präzision in ihrem Tagebuch.

Flavia ist eine Außenseiterin. Freunde scheint sie keine zu haben. Ihre beste Freundin ist Gladys, ihr Fahrrad. Ihr Lieblingsort ist ihr Labor. Flavia macht einen schrägen, etwas verschrobenen Eindruck. Im Vergleich zu ihren Schwestern schlägt sie etwas aus der Art, aber genau das macht sie so herrlich sympathisch. Man braucht keine zehn Seiten, um sie zu mögen.

Und so ist es insbesondere auch Flavias Art und ihre Sicht der Welt, die für das besondere Lesevergnügen sorgt. Gewitzt und ironisch erzählt Bradley von Flavias Ermittlungen und es ist eben auch der schräge Kontrast der Giftmischerin, die sich hinter der unschuldigen, kindlichen Fassade verbirgt, der den Charme der Geschichte ausmacht.

Der Fall entwickelt sich dabei durchaus spannend. Flavia sammelt eifrig Aussagen und Indizien und kommt schon bald auf die Spur der wahren Hintergründe der Tat. Doch Flavias Ermittlungen dienen nicht nur dazu ein Verbrechen aufzuklären, sie sorgen auch für eine ganz ungewohnte Nähe zwischen Vater und Tochter in einem ansonsten eher unterkühlten Familienleben.

Der Vater, Colonel de Luce, weiß nach dem Tod seiner Frau nicht so Recht etwas mit den drei Töchtern anzufangen. Um das Wohlergehen der Kinder scheint sich eher die Haushälterin Mrs. Mullet zu kümmern, während der Vater sich lieber im Arbeitszimmer hinter seiner Briefmarkensammlung verschanzt. Erst durch die Ermittlungen kommt Flavia ihrem Vater überhaupt einmal ein Stückchen näher und so erzählt „Mord im Gurkenbeet“ ein Stück weit auch eine tragische Familiengeschichte im Spiegel ihrer Zeit.

Alan Bradley hat mit seinem Romandebüt einen hochgradig unterhaltsamen Krimi abgeliefert, der sich flott und spannend herunter liest. Flavia ist seit Langem die sympathischste Krimiheldin, die mir untergekommen ist, und mit seiner gewitzten, ironischen Art die Geschichte zu erzählen, bewegt Alan Bradley sich nicht all zu streng innerhalb der Grenzen des Genres. Zum Ende hin entwickelt der Plot gar noch einiges an Dramatik, als Flavia im Showdown dem Mörder gegenüber steht.

_Alles in Allem_ ist „Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“ ein herausragendes Lesevergnügen. Alan Bradley hat die Vorschusslorbeeren auf seinen Roman nicht ohne Grund geerntet. Flavia ist eine Titelheldin, die vom Fleck weg sympathisch ist und durch ihre hartnäckige Ermittlungsarbeit und ihre messerscharfe Kombinationsgabe begeistert. „Mord im Gurkenbeet“ ist spannend, schräg, gewitzt und hochgradig unterhaltsam und fährt damit eine stimmige Mischung auf, die zu überzeugen weiß.

|Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3764530273|
Originaltitel: |The Sweetness at the Bottom of the Pie|
Aus dem Englischen von Gerald Jung, Katharina Orgaß

Roszak, Theodore – Schattenlichter

Dan Brown ist vermutlich einer der bekanntesten Autoren, die in ihren Büchern Spannung mit Religion verbinden. Viele haben ihn seitdem kopiert, die meisten eher weniger erfolgreich. Einer, der schon vor Brown da war, ist der Autor und Geschichtsprofessor Theodore Roszak, auch wenn sein Roman „Flicker“ in deutscher Übersetzung erst nach Brown erschienen ist. Tatsächlich wurde das Buch, auf Deutsch „Schattenlichter“, aber im Original bereits 1991 veröffentlicht – und hat vielleicht ein größeres Publikum verdient als Browns Bücher.

_Jonathan Gates_, der Ich-Erzähler, berichtet auf über 800 Seiten darüber, wie seine Liebe zum Kino entstanden ist und wohin sie ihn letztendlich führt. Dabei beginnt alles sehr harmlos in Los Angeles Mitte der 50er Jahre. Das für sein ausgewähltes Programm berüchtigte Untergrundkino Classic wird für den jungen Jonathan ein beliebter Treffpunkt. Er verliebt sich in die spröde, attraktive Clare, die Besitzerin des Kinos, und sie nimmt sich des Jüngeren an, um ihn in der Wissenschaft des Films zu unterrichten. Clare ist dabei allerdings sehr kritisch. Kommerzielle Filme sind ihr zu dumpf, künstlerische Filme häufig zu etepetete.

Der deutsche Regisseur Max Castle ist ihr beispielsweise ein absoluter Dorn im Auge. Seine Filme sind für sie Schund, da es sich hauptsächlich um B-Movies mit Titeln wie „Das Blutschloss“ oder „Graf Lazarus“ handelt. Doch Jonathan entdeckt während des Schauens, dass die Filme wesentlich mehr sind als bloß Filme. Die Beklemmung und andere negative Gefühle die sie erzeugen, sind außergewöhnlich. Max Castle wird immer mehr zu einer Obsession für Jonathan. Er möchte herausfinden, was diesen Regisseur ausgezeichnet hat und woher die Wirkung seiner Filme kommt, welche ausgefallenen Schnitttechniken er verwendet.

Clare schlägt ihm, der Filmwissenschaften studiert hat, schließlich vor, seine Doktorarbeit über Max Castle zu schreiben. Das Problem: Seine Filme sind zum Großteil verschollen. Auf der Suche nach den wertvollen Rollen spricht er mit diversen Akteuren aus Castles Leben – und entdeckt dabei, dass dieser zu einer merkwürdigen Vereinigung gehört hat, die sich „Sturmwaisen“ nennt. Und die sehen gar nicht gerne, was er da treibt …

_Das Auffälligste_ an „Schattenlichter“ ist sein Umfang. Über 800 Seiten bringt man normalerweise eher mit Fantasy in Verbindung, doch Roszak hat nichts in dieser Richtung geschrieben. „Schattenlichter“ ist vielmehr die Bibel für jeden Filmfreund, doch auch der Laie kann das Buch ohne Probleme lesen. Roszak erklärt viel, so dass man die wenigen Fachbegriffe auch versteht. Darüber hinaus wird leicht ersichtlich, wie umfangreich die Recherchen des Autors gewesen sein mussten. Das Buch strotzt nur so vor Details, wirkt aber nie überladen. Dabei wird nicht immer ersichtlich, ob diese Details fiktiv oder wahr sind. Wer nach der Lektüre des Buchs den Namen „Max Castle“ bei Wikipedia eingibt, muss nämlich enttäuscht feststellen, dass es sich dabei um einen fiktiven Regisseur handelt. Roszak beschreibt dessen Leben und auch seine Filmografie aber so anschaulich und ausführlich, dass leicht der Eindruck entsteht, dass Max Castle wirklich einmal gelebt hat.

Der Autor lässt sich sehr viel Zeit mit seiner Geschichte. Es vergehen einige Seiten, bis Max Castle überhaupt seinen ersten Auftritt hat, denn Roszak beschreibt zuerst, wie Jonathan und Clare sich kennen lernen und wie sich ihre Beziehung entwickelt. Anders als erwartet stellen diese und andere Nebenhandlungen jedoch kein Problem dar. Sie unterstützen eher noch die Spannung, weil sie die Spur Max Castle immer wieder unterbrechen, hinauszögern oder ihr ungewollt Zunder geben. Gerade am Anfang sind die Hinweise auf Castles Verbindungen zu den Sturmwaisen sehr rar gesät. Dadurch wird die Geschichte sehr mitreißend. Als Leser ist man ständig auf der Hut, damit man auch ja keinen der kleinen Hinweise verpasst. Am Ende verzichtet Roszak jedoch auf unnötige Elemente. Er wendet sich von seiner vorherigen Herangehensweise ab und beschränkt sich auf das Wichtigste. Dieser Umschwung fällt auf, dem einen oder anderen vielleicht auch negativ, doch der Autor kann dies mit seinem sauberen Schreibstil ausbügeln.

Hauptfigur und Ich-Erzähler Jonathan braucht, genau wie die Geschichte, seine Zeit, bis sein Charakter wirklich deutlich wird. Dennoch wirkt er fast das gesamte Buch lang eher wie ein Katalysator für die Geschichte als wie eine richtige Hauptfigur. Seine Gedanken und Gefühle werden häufig durch die Ereignisse, Zusatzinformationen oder Schilderungen verdrängt. Am Anfang steht sogar Clare mehr im Mittelpunkt als er und man erfährt seinen Namen erst Seiten später. Allerdings ist dies in gewisser Hinsicht auch geschickt, bedenkt man, dass Jonathan gerade in seinen Anfangsjahren als Filmstudent sehr stark von Clare beeinflusst wurde und keine eigene Meinung hatte. Das ändert sich mit der Zeit in dem Maße, in dem er immer mehr in den Vordergrund rückt.

_Ein solches Monstrum_ von Buch kann man nur erschaffen, wenn man wirklich schreiben kann. Gerade die gemächlicheren Teile des Romans würden sonst in Orgien der Langeweile ausarten. Zum Glück schreibt Roszak von der ersten Seite bis zur letzten flüssig, angenehm intelligent und sehr abwechslungsreich. Weder Humor noch Stilmittel lenken dabei von der eigentlichen Geschichte ab. Er bleibt nüchtern, aber dennoch detailliert, so dass der Leser sich alles gut vorstellen kann.

Und der Vergleich mit Dan Brown? In Anbetracht der Tatsachen, dass Roszak unglaublich gut schreibt, die Handlung weniger reißerisch, dafür aber wesentlich realistischer ist und dass er die Spannung geschickt und langsam aufbaut, besteht keine Verwechslungsgefahr. „Schattenlichter“ ist ein großartiger Roman, der viel Zeit in Anspruch nimmt, aber auch entsprechend viel zu bieten hat.

|Originaltitel: Flicker
Aus dem amerikanischen Englisch von Friedrich Mader
878 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3453525740|
http://www.heyne.de

Howe, Katherine – Hexenbuch von Salem, Das

Die Hexenprozesse von Salem sind eine traurige historische Wahrheit. In dem kleinen Ort in Neuengland kam es um 1692 zu einer ganzen Reihe von Anschuldigen, Prozessen und Hinrichtungen. Dies geriet zu einem kleinen Flächenbrand, denn die Anschuldigen breiteten sich über die Stadtgrenzen Salems hinaus aus.

Was waren die Gründe dafür, dass mehr als 200 Personen der Hexerei bezichtigt wurden und unter Folter aussagen mussten? Die Quellen und Historiker erklären, dass es viele recht unterschiedliche Gründe für die Spannungen gab, die schließlich eskalierten. In der kleinen Gemeinde Salem, die immer wieder von Indianerangriffen bedroht wurde, waren die meisten Siedler Puritaner die eine unabhängige Gemeinschaft bilden wollten, andererseits gab es noch verschiedene Interessengruppen, welche die Handelsbeziehungen um Vordergrund sahen, so dass es grundsätzlich zwei Lager mit unterschiedlichen Interessen gab.

Sicherlich spielt der Aberglaube eine ebenso wichtige Rolle. Es könnte sich auch eine Hysterie unter den Einwohnern entwickelt haben, deren Gründe eine schlechte Ernte, Krankheiten oder einfach abnormes Verhalten gewesen sein könnten.

Die junge Autorin Katherine Howe, deren Familie aus der Nähe von Salem stammt, ist verwandt mit zwei Vorfahren, die in der kleinen Stadt in Massachusetts lebten und Opfer dieser traurigen Tragödie wurden. Elisabeth Proctor wurde der Hexerei angeklagt, überlebte aber den Prozess. Elisabeth Howe dagegen wurde als Hexe in Salem gehängt.

_Inhalt_

An der Harvard Universität ist Connie Goodwin eine der besten Doktoranden. Mit Begeisterung stürzt sich in ihre Doktorarbeit, bei der es auch um die Hexenverfolgung in Neuengland gehen soll – um die Verfolgungen und die Prozesse in Salem.

Ein Anruf von Connies Mutter unterbricht die Recherchen und Nachforschungen, denn die angehende Doktorin soll den Haushalt ihrer seit nunmehr 20 Jahren verstorbenen Großmutter auflösen.

Widerwillig fügt sich Connie dem Wunsch und sucht das alte Haus auf, das dem Küstenstädtchen Marblehead angehört, ganz in der Nähe von Salem. Connie eröffnet sich ein völlig heruntergekommenes, verwahrlostest Haus, und so recht weiß die junge Frau nicht, wo sie damit beginnen soll, Ordnung in das Chaos zu bringen. Da Connie ohnehin schon in der Nähe von Salem sein muss, erhofft sie sich, in den dortigen Kirchregistern und Archiven Informationen über die Hexenprozesse zu finden. Stattdessen findet sie eine alte Bibel, in der auf einem Zettel „Deliverance Dane“ steht, sowie einen alten Schlüssel.

Neugierig beginnt sie mit den Nachforschungen über die Vergangenheit ihrer Großmutter und damit ihrer eigenen Familie. Als sie auf ein vergilbtes Pergament stößt und sie das auf die Spur eines sehr alten Buches bringt, welches Formeln und anscheinend Rezepte enthält, informiert sie ihre Mutter Grace, die nicht wirklich überrascht wirkt. Grace wusste von dem alten Folianten, der sich sehr lange im Familienbesitz befindet. Sie warnt ihre junge Tochter vor weiteren Nachforschungen, die zu gefährlich wären …

Als merkwürdige Dinge geschehen, die sich Connie rational nicht erklären kann, befindet sie sich bereits in höchster Gefahr.

_Kritik_

Katherine Howe lässt ihren Roman „Das Hexenbuch von Salem“ in zwei zeitlich unabhängigen Zeitebenen spielen. Primär wird die Handlung durch Connie in der Gegenwart erzählt, aber es kommt auch immer wieder zu Rückblenden in die Vergangenheit, in die Zeit der Hexenverfolgungen und Prozesse in Salem.

Die eigentliche Spannung findet aber in der Vergangenheit statt, hier wirkt sie viel greifbarer und atmosphärisch dichter als in der Gegenwart von Connie Goodwin. „Das Hexenbuch von Salem“ ist eher ein Frauenroman und befasst sich mit der familiären Vergangenheit der Autorin, die sich aber offensichtlich etwas schwergetan hat damit, ihrer Erzählung einen strikten Leitfaden zu geben.

Hier geht es weniger um historische Ereignisse, vielmehr handelt der Roman von okkulten Methoden. Die Autorin konzentrierte sich viel mehr auf magischen Okkultismus, was die Frage aufwirft, ob die Autorin selbst aktiv daran glaubt. Die Hexenprozesse in Salem sind nur der Türöffner für eine fantastische Geschichte, deren historische Motive und Recherchen im Schatten bleiben. Für die Handlung wäre es vorteilhafter gewesen, Connie und ihre Nachforschungen als Einleitung zu benutzen und sich nur auf die Hexenverfolgungen und Prozesse in Salem zu konzentrieren.

_Fazit_

„Das Hexenbuch von Salem“ ist nur bedingt zu empfehlen. Katherine Howe hätte ihre Geschichte lieber völlig zur Zeit der traurigen Ereignisse in Salem spielen lassen sollen. Konzentriert man sich auf diese Episoden im Roman und blendet die Geschehnisse um Connie aus, so wäre dies ein durchaus großartiger Roman geworden. Schade, denn der Roman hält so nicht das, was der Leser sich davon vielleicht verspricht. Die Erwartungshaltung war hoch, das Resultat leider ein wenig ernüchternd.

|Originaltitel: The Physick Book of Deliverance Dane
Originalverlag: Hyperion
Aus dem Amerikanischen von Judith Schwaab
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-20356-7|
http://www.katherinehowe.com
[Verlagsspezial]http://www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=16773

Schriever, Tomke – Und dann war Stille

_Durch Zufall_ ist die Hamburger Psychotherapeutin Hannah Tergarten vor wenigen Monaten in eine Geiselnahme geraten. Der Täter wurde gefasst und wartet nun auf seinen Prozess, Hannah ist zur Verarbeitung in einen einsamen Burgturm in Ostfriesland gezogen. Während sie sich auf den Prozess und ihre Zeugenaussage vorbereitet, versucht sie gleichzeitig, sich in dem kleinen Ort einzuleben.

Einer ihrer ersten Patienten ist die siebzehnjährige Anneke. Das sympathische Mädchen hat Beziehungsprobleme, da sie gern mit ihrem Schwarm Ubbo auf ein Fest gehen will, aber auch die Reaktion ihres altmodischen Vaters fürchtet. Hannah schickt sie mit ein paar guten Ratschlägen weg und misst dem Vorfall keine weitere Bedeutung bei.

Am nächsten Tag wird das Mädchen tot in der Teigmühlenmaschine der Eltern gefunden. Diagnose: Selbstmord, wohl unter Drogeneinfluss. Hannah kann nicht glauben, dass die lebenslustige Anneke sich umgebracht haben soll, ihr Verdacht fällt auf den unsympathischen Ubbo. Während ihrer Nachforschungen trifft sie den ehemaligen SEK-Beamten Enno Heeren, der bei der Geiselnahme schwer verletzt wurde und nun auf Krücken geht. Da Hannah noch unter ihrem Trauma leidet, ist sie zunächst misstrauisch, findet in Enno aber Unterstützung. Neben Annekes Tod setzt der Prozess sie unter zusätzlichen Druck und auch der Geiselnehmer hat noch eine Rechnung offen …

_“Und dann war Stille“_ bildet den Auftakt der Reihe um die Psychotherapeutin Hannah Tergarten, die gleich bei ihrem ersten Auftritt in ein mörderisches Abenteuer verwickelt wird. Schauplatz der Handlung ist Ostfriesland, das die Autorin mit dezentem Lokalkolorit einbaut und eine schöne Kulisse für ihren Roman schafft, die ein sympathisches Bild von Umgebung und Einwohnern macht.

|Spannende Handlung|

Die Spannung spielt sich auf zwei Ebenen ab, die beide unabhängig voneinander Hannahs Leben bestimmen. Da ist einmal die überstandene Geiselnahme, unter deren Nachwirkungen Hannah immer noch leidet. Während der größte Teil des Romans aus Hannahs Sicht erzählt wird, gibt es kleine Einschübe eines personalen Erzählers, der aus dem Gefängnis berichtet, in dem der Geiselnehmer Edgar Kusniz einsitzt. Dieser Teil konzentriert sich auf die Küchenhelferin Sigrid, deren Sohn einer der Insassen ist, den sie verzweifelt versucht, im Gefängnis vor Übergriffen der Mitinsassen zu beschützen. Dabei spielt Edgar Kusniz keine unwesentliche Rolle, der noch lange nicht mit seiner drohenden Verurteilung abgeschlossen hat und stattdessen einen perfiden Plan schmiedet, in den er die ahnungslose Hannah einbaut.

Zum Anderen fesselt die Frage, unter welchen Umständen die liebenswerte Anneke ums Leben kam, die der Leser nur kurz kennenlernen durfte. Es ist schwer vorstellbar, dass Anneke freiwillig Drogen genommen haben soll und auch für einen so grauenvollen Selbstmord in der Teigmaschine gibt es keinen wirklichen Anlass. Die Polizei legt den Fall jedoch schnell zu den Akten, was Hannah Tergarten umso mehr empört. Sie glaubt, dass der eiskalte Ubbo, der im Nachhinein die Beziehung zu Anneke leugnet, seine Hände mit im Spiel hatte – entweder, indem er Anneke bewusst ermordete oder, indem er ihr zumindest Drogen unter mischte, die sie unzurechnungsfähig machten. Aber Beweise zu finden ist schwer, zumal die Polizei Hannah eher für hysterisch hält und nicht alles unbedingt nur auf Ubbo hindeutet – der allerdings stellt sich offen gegen Hannah, dreht nachts auf dem Motorrad seine Runden um ihren Turm und sorgt für eine zusätzliche Bedrohung.

|Solide Charaktere|

Hannah Tergarten entpuppt sich als recht sympathische Protagonistin, die sich gewiss für eine Krimireihe eignet. Schön ist vor allem, dass sie keinen Hehl daraus macht, dass Psychologen keine Hellseher sind und sie in der Beurteilung von Menschen genauso daneben liegen kann wie alle anderen auch. Die traumatischen Erfahrungen bei der Geiselnahme hängen ihr noch deutlich nach und es ist interessant zu sehen, dass auch eine Psychotherapeutin nicht davor gefeit ist, von ihren Ängsten überwältigt zu werden. Ihr Fachwissen wird dezent untergebracht und ist angenehmer Weise nie dozierend.

Ein anfangs zwielichtiger Charakter ist der ehemalige SEK-Beamte Enno, der Hannah nach zu stellen scheint, und auch als sie seine Identität kennt, steht sie ihm noch misstrauisch gegenüber. Interessant ist seine Rolle in dem Geiseldrama, die sich sowohl Hannah als auch dem Leser erst allmählich enthüllt und seine Entwicklung vom eher finsteren Gesellen zu Hannahs Mitstreiter und Vertrauensperson. Recht vielschichtig sind auch Annekes Angehörige. Ihre Mutter Susanne erleidet an einen Nervenzusammenbruch, der streng religiöse Vater ist seltsam unnahbar, die Tante sucht Hannah in ihrer Praxis auf und weist sie auf das besorgniserregende Verhalten von Annekes kleiner Schwester Tinka hin. Hannah wird nicht warm mit dieser Familie und lässt nicht den Verdacht aus den Augen, dass auch einer von ihnen mit Annekes Tod zu tun haben könnte, und sucht doch immer wieder den Kontakt, um die Wahrheit herauszufinden.

|Ein paar Schwächen|

Auf dem Weg zur Klärung des Falls spielt immer wieder der Zufall Hannah in die Hände. Vor allem das Finale aber wirkt zu konstruiert, indem mehrere Personen zufällig zusammentreffen, was ein spektakuläres Actionszenario ergibt, aber eher Effekt haschend als realistisch ist. Etwas schwammig ist außerdem Hannahs Verhalten bezüglich der Geiselnahme: Einerseits hat sie offenbar einige Details verdrängt und leidet darunter, andererseits unternimmt sie zu wenig, um hinter die Fakten zu kommen, die sie vergessen hat. Etwas fragwürdig ist auch die Entwicklung von Liebesgefühlen zwischen Enno und Hannah, die eher plump erscheinen und nicht so recht nachvollziehbar sind. Es wirkt eher gezwungen, dass die beiden schließlich ein zaghaftes Liebespaar bilden, als dass es sich aus der Handlung ergäbe.

_Als Fazit_ bleibt ein solider Krimi, der den Auftakt der Reihe um eine Psychotherapeutin bildet. Die Handlung ist recht spannend, die Charaktere nicht uninteressant, allerdings erhebt sich der Roman letztlich nicht über den Durchschnitt hinaus. Kann man lesen, muss man nicht.

_Die Autorin_

Tomke Schriever ist das Pseudonym der Autorin Helga Glaesener. Glaesener, Jahrgang 1955, studierte zunächst Mathematik, ehe sie nach ihrem Umzug nach Ostfriesland mit dem Schreiben begann. Gleich ihr erstes veröffentlichtes Buch „Die Safranhändlerin“ brachte ihr Erfolg. Sie schreibt vor allem Historienromane wie „Safran für Venedig“, „Die Rechenkünstlerin“ und „Wespensommer“.

|Broschiert: 360 Seiten
ISBN-13: 978-3499248603|
http://www.rowohlt.de/
http://www.helga-glaesener.de/

Gardiner, Meg – Strafe, Die

Für „Die Beichte“, den ersten Thriller mit der forensischen Psychiaterin Jo Beckett, hat die Autorin Meg Gardiner viel Lob eingeheimst. Mit „Die Strafe“ hofft sie diesen Erfolg wiederholen zu können – was ihr im Großen und Ganzen auch gelingen dürfte.

_Jo Beckett_ wird eines Tages zum Flughafen gerufen. Ein Passagier gebärdet sich wie wild in einer gelandeten Maschine. Nachdem er noch im Flug versucht hat, den Notausgang zu öffnen, hat er sich im Klo verbarrikadiert und verhält sich äußerst aggressiv. Als Jo dazu kommt, tut er so, als ob nichts geschehen wäre. Wenig später hat er einen Anfall und bereits im Krankenwagen kann Jo die Diagnose stellen: Ian Kanan leidet an anterograder Amnesie. Während seine Erinnerungen unangetastet bleiben, hat eine Gehirnverletzung sein Kurzzeitgedächtnis außer Betrieb gesetzt. Er vergisst alle fünf Minuten das, was gerade passiert ist.

Woher diese Gehirnverletzung stammt, kann Kanan nicht erklären. Er arbeitete als Aufpasser für Firmenmitarbeiter im Ausland und war gerade in Südafrika auf Mission, wo anscheinend etwas schief gelaufen ist, wie Jo rekonstruiert. Das Einzige, was Kanan im Gedächtnis geblieben ist, ist die Entführung seiner Familie und das Wissen, dass er sie befreien muss – und wer schuld daran ist. Jo findet heraus, dass er bei einem dubiosen Unternehmen angestellt und außerdem früher in einer Spezialeinheit der Army war. Plötzlich hat sie es nicht nur mit einem einfachen Reisenden zu tun, der sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat, sondern mit einem unberechenbaren Scharfschützen. Zusätzlich erkranken Menschen, die mit Kanan im Flugzeug Kontakt hatten, an anterograder Amnesie. Woher hat Kanan seine Verletzung und was hat er vor?

_Meg Gardiner_ ist ein Thriller gelungen, der hauptsächlich durch seine saubere, spannende Handlung besticht. Ausgangspunkt von dieser ist das Szenario der anterograden Amnesie. Gardiner schildert anschaulich, dass ein Mensch ohne Kurzzeitgedächtnis im Alltag ziemlich aufgeschmissen ist. Alleine das zusammen mit Kanans Flucht würde schon Stoff für eine spannende Geschichte bieten, doch die Autorin setzt noch einen drauf. Dadurch, dass Kanan einen militärischen Hintergrund hat und seine eigentlichen Beweggründe lange nicht klar sind, entwickelt sich eine ganz eigene Dynamik in der Geschichte.

Gardiner nutzt diese Ausgangspunkte, um einen rasanten, spannenden Thriller zu inszenieren. Sie setzt sehr stark auf Action. Trockene Ermittlerarbeit kommt so gut wie gar nicht vor. Das mag dem einen mehr, dem anderen weniger gefallen, aber es schützt „Die Strafe“ vor unnötigen Längen und überrascht. Andere Bücher, in denen die Hauptfigur einen der Kriminalistik nahen Beruf inne hat, sind häufig nicht so kurzweilig, doch hier folgt ein Ereignis dem nächsten. Immer wieder baut die Autorin überraschende Wendungen ein und schafft es tatsächlich, den Leser an sich zu fesseln.

Trotz der Hochspannung ist das Buch aber nicht perfekt. Gardiner hinkt vor allem bei den Charakteren, während ihr flüssiger Schreibstil makellos, aber nicht gerade originell ist. Jo, die Hauptperson, bleibt trotz ihres Status ziemlich blass. Der Leser kommt ihr kaum näher. Es fällt schwer, am Ende der Geschichte zu sagen, was die forensische Psychiaterin nun ausmacht. Gut, man erfährt, dass sie ihren Ehemann verloren hat, dass sie eine ausgeflippte Schwester und einen merkwürdigen Nachbarn mit einem Affen als Haustier hat und außerdem eine Liebschaft mit einem gut aussehenden alleinerziehenden Vater. Doch ihre Charakterzüge sind nicht besonders ausgefeilt. Ihre Hobbys, Leidenschaften, Besonderheiten werden nicht erklärt. Allerdings gilt dies auch für viele andere Charaktere. Selbst Kanan, um dessen Psyche es im Buch ja geht, ist wenig zugänglich.

_“Die Strafe“_ von Meg Gardiner ist ein hochspannender Thriller mit einer originellen Geschichte, viel Action und wenig trockener Ermittlerarbeit. Das die gut geschriebene Story die fadenscheinigen Charaktere überstrahlt, spricht für die Autorin, verhindert aber, dass ihr Roman ein wirkliches Highlight ist.

|479 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3453265967|
Originaltitel: The Memory Collector
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
http://www.heyne.de
[Website der Autorin]http://www.meggardiner.com