Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Remes, Ilkka – Erbe des Bösen, Das

_Story_

Seit langen Jahren trägt der einstige finnische Wissenschaftler Ralf ein dunkles Geheimnis mit sich herum, das ihm an seinem Lebensabend noch zum Verhängnis werden soll. Als Physiker unterstützte er seinerzeit das Nazi-Regime bei den Planungen zu einer nuklearen Waffe, bis der Krieg auch für ihn eine bittere Wende nahm. Erst jetzt holt ihn die Vergangenheit wieder ein, als er einem Brief in die deutsche Hauptstadt folgt, wo scheinbar das Versteck eines Uran-Behältnisses aufgeflogen ist, das Ralf damals im Auftrag der Nazis mit seinem Freund Hans Plögger ausgehoben hatte.

Als Ralf während seiner Deutschland-Reise spurlos verschwindet, nimmt sein Sohn Erik die Spur auf und stößt schon bald auf die ersten dunklen Wirrungen in der Biografie seines Vaters. Doch als er vom angereicherten Uran erfährt, das in einem Thüringer Waldstück versteckt sein soll, ist es bereits zu spät: Eine andere Gruppierung hat sich des Urans bemächtigt und sein Vater ist von einer weiteren anonymen Partei offensichtlich ermordet worden. Gemeinsam mit seiner Frau Katja versucht Erik Narva, die Vergangenheit des Vaters zu rekonstruieren und auch die düsteren Kapitel im Leben seiner schwedischen Mutter Ingrid Stromare aufzudecken.

Immer erschreckender werden die Zusammenhänge zwischen ihrer Zeit als Genforscherin, die selbst von Doktoren wie Mengele mit ‚Material‘ beliefert wurde, und seinem eigenen Lebensweg auf diesem Gebiet. Doch noch während Erik in der Tragödie seiner Familie herumstochert, wandert das gestohlene Uran in die Hände einer noch unbekannten Terror-Organisation, die wiederum in eine Verschwörung von größtem weltpolitischem Ausmaß verstrickt ist. Niemand ahnt, wie gefährlich das Vermächtnis von Ralf Narva letzten Endes wirklich ist …

_Persönlicher Eindruck_

Mehr als ein halbes Jahr habe ich mir die Lektüre dieses Romans aufgehoben, größtenteils in dem Wissen, dass die Romane des finnischen Starautos Ilkka Remes Episoden für ganz besondere Momente sind; eben für solche Szenarien wie den anbrechenden Winter, in dem einige seiner bisherigen Publikationen ja auch beheimatet waren. Zudem st es immer etwas besonderes, sich die Kleinode bis zuletzt zu bewahren und erst dann den Genuss zu wagen, wenn die restlichen Lasten über Bord geworfen sind.

Wie auch immer: Mit „Das Erbe des Bösen“ bewegt sich Remes auf völlig neues Terrain und verlässt seinen klassischen Thriller-meets-Krimi-Ansatz für eine sehr gewagte Geschichte, die sich einerseits auf die brisantesten Inhalte der deutschen Geschichte stützt, derweil auch kritische Themen der internationalen Außenpolitik aufgreift, schließlich aber auch mehrere menschliche Tragödien beschreibt, die insgesamt auch im Fokus der Handlung stehen. Zu diesem Anlass nimmt sich der Autor auch genügend Zeit, um seinen Themenkomplex vorsichtig und detailreich aufzubauen und ihm langsam aber sicher eine Struktur zu geben, die allen beteiligten Personen, aber auch dem Gewicht der Hintergrund-Story gerecht wird. Kontinuierlich verschärft Remes die Inhalte, gibt in gezielten Flashbacks mehr über die Vergangenheit von Rolf Narva, seiner Frau und einigen Kumpanen aus alten Tagen preis und wirft sie schließlich in ein zeitgemäßes Raster, das später das Gerüst der Handlung tragen soll.

Unterdessen ist die Geschichte gar nicht mal so komplex und verschachtelt, wie man es auf den ersten Blick vermuten mag. Die Zusammenhänge werden klar ausgearbeitet, die historischen Inhalte nahtlos in die aktuellen Entwicklungen eingeflochten, stellenweise sogar so authentisch, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion erschreckend heftig miteinander verschmelzen. Selbst bei rezitierten Begegnungen mit moralischen Verbrechern wie Hitler und Mengele bekommt man nicht den Eindruck, Remes würde hier Fakten bemühen, um seinem Roman einige künstliche Effekte zu verpassen. Dazu sind die Inhalte einerseits zu detailgerecht aufgearbeitet, andererseits aber auch zu spannend miteinander verknüpft, als das diesbezüglich auch nur ein Funke der Kritik zünden könnte.

Eine ähnlich starke Vorstellung wie bei der Integration der politischen wie historischen Fakten liefert der Schriftsteller dann auch bei der Erstellung der Charakterprofile. Da gibt es den sühnenden Rolf Narva, seinen ambitionierten Sohn Erik, der in seiner behüteten Heimat nicht mal im Ansatz erahnen konnte, welche Gräuel seine Eltern aktiv mitgestaltet haben, dann natürlich die eisige Mutter Ingrid Stromare, welche die Vorwürfe zur Beteiligung an der Rassenhygiene unbeeindruckt fallen lässt, und natürlich die vielen Nebenpersonen, denen hier ebenfalls ein spürbares hohes Gewicht zugesprochen wird, da sie gerade in den temporeicheren Passagen des Buches zu echten Stützpfeilern des Thriller-Anteils von „Das Erbe des Bösen“ werden.

Das letztendlich herausragende Element dieses Buches ist aber natürlich die unbeschreiblich mitreißende Verschmelzung dieser völlig verschiedenen Inhalte, die einerseits Unglauben ob der kühlen Recherche und der eisigen Atmosphäre auslösen, andererseits aber auch in positivem Sinne schockieren, da sie unbewusst aufrütteln, dabei aber nicht in Moralpredigten kulminieren. Auch „Das Erbe des Bösen“ ist in seiner Gesamtkonzeption ein reiner Thriller, der sich jedoch mitsamt der unzähligen Einflüsse und der gewagten, aber eben auch tadellos ausgearbeiteten historischen und politischen Inhalte zu einer Ausnahmeerscheinung im Katalog des berüchtigten Finnen entwickelt. Und nicht nur das: In keinem anderen Roman aus der Feder von Ilkka Remes lagen Entsetzen, Spannung, Schaudern und dunkel verborgenen Emotionen so nah beieinander wie in dieser Publikation. Gerade das macht „Das Erbe des Bösen“ daher auch zum Meisterwerk seiner Sparte und zur vielleicht stärksten Veröffentlichung in diesem Genre 2008!

|Originaltitel: Pahan Perimä
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
522 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-24666-8|
http://www.ilkka-remes.de
http://www.dtv.de
http://www.ilkkaremes.com

_Ilkka Remes auf |Buchwurm.info|:_

[„Ewige Nacht“ 2039
[„Das Hiroshima-Tor“ 2619
[„Blutglocke“ 3911
[„Höllensturz“ 3951

Colin Dexter – Das Rätsel der dritten Meile

Das Verschwinden eines würdigen Oxford-Professors und der Versuch einer uralten Rache lösen eine Kettenreaktion bizarrer Morde aus, deren Auflösung der Genialität eines geisteswissenschaftlich gebildeten aber sehr exzentrischen Polizeibeamten bedarf … – Spannend, witzig (oder besser: sarkastisch) und überaus anspruchsvoll: Der sechste Fall für Chief Inspector Morse gehört zu seinen besten. Mit lässiger Meisterschaft verwirrt der Verfasser seine Leser, denen bis zum grotesken aber absolut logischen Finale auf angenehmste Weise Hören & Sehen vergeht: ein „Whodunit“-Krimi der Oberklasse!
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Ketchum, Jack – Blutrot

_Handlung:_

Für Avery Allan Ludlow bricht eine Welt zusammen, als drei Jugendliche aus Bosheit und Gewaltbereitschaft seinen alten Hund Red erschießen. Ludlow möchte nichts anderes als Gerechtigkeit und muss feststellen, dass er gegen starre Gesetze, bürokratische Behäbigkeit und den Einfluss eines mächtigen Geschäftsmannes machtlos ist. Erst seine Stellungnahme vor laufender Kamera scheint Erfolg zu zeigen, doch da reagieren die Jugendlichen und ihr reicher Vater mit Gewalt und zwingen den alten Mann zum Äußersten …

_Meine Meinung:_

Hier in Deutschland wurde Jack Ketchum bekannt mit seinen Romanen „Evil“ (The Girl Next Door, 2007 mit Blanche Baker verfilmt) und „Beutezeit“ (Off Season) und steht für harten, realistischen Horror mit drastischen Gewaltdarstellungen. Obwohl „Blutrot“ (Red) ebenfalls in der Reihe |Heyne Hardcore| erschienen ist, unterscheidet sich das Buch sowohl im Plot als auch in der Umsetzung deutlich von Ketchums früheren Werken. Die Spannung ist weitaus subtiler, obwohl das Buch bereits nervenzerreißend und mit dem kaltschnäuzigen Mord an Ludlows Hund auch recht brutal beginnt.

Was folgt, ist eine logisch nachvollziehbare Kette von Interventionen seitens Ludlow, der nichts anderes möchte, als dass die jugendlichen Straftäter einer gerechten Strafe zugeführt werden und einsehen, dass ihr Handeln falsch war. Eindrucksvoll beschreibt Ketchum, wie verbohrt und eingefahren die bürokratischen Konstrukte zivilisierter Rechtsprechung bisweilen sind, vor allem, wenn es um das Recht von Tieren geht.

Avery Allan Ludlow ist kein alter Sonderling, der mit roher Gewalt das Gesetz in seine eigenen Hände nimmt. Er ist ein friedliebender Mensch, der zuvorkommend und höflich seine Anliegen an allen möglichen Stellen vorträgt, nur um festzustellen, dass der Einfluss von Geld schwerer wiegt als ein Tierleben. Der reißerische Titel, der mit dem Originaltitel „Red“ nicht das Mindeste zu tun hat, impliziert einen blutigen Rachefeldzug, den man nach den Romanen „Beutezeit“ und „Amokjagd“ auch durchaus erwarten darf. Doch wirklich blutig oder brutal geht es lediglich auf den letzten Seiten zu, und da auch nur im angemessenen und nachvollziehbaren Stil.

„Blutrot“ entpuppt sich als temporeicher, brillant geschriebener und anspruchsvoller Pageturner, den man in einem Rutsch lesen kann. Die Handlung weist keinerlei Längen auf, sieht man einmal von der Szene ab, in der Ludlow der Reporterin Carrie von seinem ersten Sohn erzählt, der im Affekt seine Mutter und seinen kleinen Bruder tötete. Diese Geschichte mutet im ersten Augenblick sehr melodramatisch an, und man ist gewillt, entnervt die Augen zu verdrehen, weil der Protagonist mal wieder ein äußerst tragisches Erlebnis mit sich herumträgt, über das er eigentlich nie spricht. Doch bei genauerer Betrachtung ist diese Geschichte sehr wichtig für die Charakterdarstellung Ludlows, denn dadurch werden seine Handlungen glaubwürdiger und wirken nicht so belehrend. Ludlow konnte seinen eigenen Sohn nicht davor bewahren, auf die schiefe Bahn zu geraten, womit der Besuch beim Vater des Jungen, der seinen Hund erschossen hat, den vorwurfsvollen Charakter verliert. Worauf es Ludlow ankommt, ist, dass der Junge sich zu seinen Taten bekennt, die Verantwortung übernimmt und sein einflussreicher Vater ihm eine angemessene Bestrafung zukommen lässt.

Ketchum hat es wieder einmal verstanden einen allzu realistischen Alptraum zu entwerfen, der nicht an den Haaren herbeigezogen ist und sich fast wie ein Erfahrungsbericht liest. Weshalb allerdings die deutsche Ausgabe in der Reihe |Heyne Hardcore| herausgekommen ist, bleibt unverständlich. Die Aufmachung ist schlicht reißerisch und unangemessen. Der plakative Titel und die einfache, aber wirkungsvolle Covergestaltung werden sicherlich viele Leser abschrecken, denen dadurch ein exzellent geschriebener, authentischer Thriller entgeht, wie man ihn selten findet. Die Papierqualität und der Satzspiegel sind dagegen von aller erster Güte.

_Fazit:_

Wieder einmal ein Volltreffer von Ketchum! „Blutrot“ ist ein anspruchsvoller und dennoch kurzweiliger Thriller mit einer mitreißenden Handlung. Gewaltdarstellungen wurden hier weitaus dosierter eingesetzt, so dass die Vermarktung unter dem Label |Heyne Hardcore| nicht gerechtfertigt erscheint.

|Originaltitel: Red; New York, 1995
Aus dem Amerikanischen von Joannis Stefanidis
271 Seiten, kartoniert
Titelgestaltung von Hauptmann und Kompanie, München-Zürich
ISBN-13: 978-3-453-67556-8|

Home Author


http://www.heyne-hardcore.de
http://www.heyne.de

_Jack Ketchum auf |Buchwurm.info|:_

[„Evil“ 2151
[„Beutezeit“ 4272
[„Amokjagd“ 5019

_Florian Hilleberg_

R. Austin Freeman – Das Auge des Osiris

Das spurlose Verschwinden eines reichen Mannes und sein absurdes Testament lösen die Frage nach dem Verbleib aus, die mit strikter Logik und der modernsten Kriminaltechnik des frühen 20. Jahrhunderts auf gänzlich unerwartete Weise beantwortet wird … – Ein früher Klassiker der Kriminalliteratur erweist sich als gemächlich und abschweifend aber spannend und erstaunlich witzig erzählter „Whodunit?“, dessen Neuauflage den deutschen Krimifans eine nostalgische Lektüre ermöglicht.
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Rankin, Ian – Ein Rest von Schuld

_Das geschieht:_

Der gefürchtete Tag naht in Riesenschritten: Detective Inspector John Rebus von der Kriminalpolizei im schottischen Edinburgh geht in Rente! Was er im Ruhestand mit sich anfangen soll, ist dem leidenschaftlichen Polizisten ein Rätsel. Mit Leib und Seele klammert er sich deshalb an seinen letzten Fall: In einem Parkhaus wurde der Dichter Alexander Todorow brutal zu Tode geprügelt. Er galt als Dissident und Kritiker des ’neuen‘ kapitalistischen Russland, das er vor vielen Jahren verlassen musste.

Der Mord an Todorow gilt als Raubüberfall. Als solchen würde ihn die Polizei gern zu den Akten legen, doch da ist Rebus vor! Mit seiner widerstrebenden Partnerin Siobhan Clarke ermittelt er eifrig in alle möglichen und auch unmöglichen Richtungen. Dabei stößt er auf Sergei Andropow, einen undurchsichtigen ‚Geschäftsmann‘, der als Mitglied einer russischen Geschäftsdelegation Edinburgh bereist. Als potenter Investor wird er von der Politik und vom Kapital fürstlich empfangen und gebauchpinselt, weshalb Rebus‘ Interesse als störend empfunden wird.

Kein Wunder, denn der Inspector entdeckt, dass Todorow und Andropow sich kannten. Darüber hinaus gibt es Verbindungen zwischen Andropow und Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty, den Unterweltboss von Edinburgh und Rebus‘ Erzfeind. Offenbar plant die schottische Mafia im Bund mit den russischen ‚Kollegen‘ ein gewaltiges Spekulationsgeschäft, an dem sich einige Politiker und Großbanker beteiligen und bereichern wollen.

Bekam Pechvogel Todorow Wind von der Sache und wurde deshalb ausgeschaltet? Erging es einem allzu neugierigen Tonstudiobetreiber ähnlich, der zur nächsten Leiche wird? Die wahre Dimension der Ereignisse stürzt Rebus in tiefe Verwirrung, denn manchmal steckt weniger dahinter, als es aussieht …

_“All good things …“_

Es ist soweit: Der 17. Fall von John Rebus wird sein letzter sein. In Schottland werden Kriminalbeamte mit dem Erreichen des 60. Lebensjahres in den Ruhestand geschickt. Da Ian Rankin Rebus in dessen 40ern erstmals ermitteln und ihn chronologisch korrekt altern ließ, ist diese Altersgrenze erreicht – ein Fehler, wie Rankin kokett zugibt, obschon er vermutlich ganz froh ist, der Fron entronnen zu sein, sich auf hohem Niveau neue Kriminalgeschichten um seinen allmählich auserzählten Helden ausdenken zu müssen. Außerdem ist das letzte Wort nicht gesprochen: Das spektakuläre und offene Ende von „Ein Rest von Schuld“ verlangt eigentlich eine Fortsetzung.

Doch erst einmal führt uns Rankin in „Ein Rest von Schuld“ ein letztes Mal vor, was wir so an Rebus schätzen – sein Talent als Kriminalist ebenso wie seine Respektlosigkeit vor Autoritäten, die sich Anerkennung nicht verdient haben, sondern sie wie ein fürstliches Privileg einfordern. Die intensive Fahndung nach dem Mörder eines russischen Dichters, der ebenso unbequem war wie der schottische Polizist, bekommt einen tragischen Unterton durch die Wehmut, die sogar der betont sachliche Rebus nicht unterdrücken kann: „Ein Rest von Schuld“ kreist immer wieder um die Frage, was einen Mann ohne echtes Privatleben erwartet, der seinen Job verlieren wird.

_“Brave, new, criminal world“_

Die Weltuntergangsstimmung spiegelt sich im ‚Fall‘ und damit in der eigentlichen Handlung wider. Einmal mehr greift Rankin das moderne bzw. ‚globalisierte‘ Verbrechen auf. Schon vor dem Banken- und Börsencrash von 2008 zeichnete sich eine Verschiebung in den weltwirtschaftlichen Strukturen ab. Während Nordamerika und Europa an Bedeutung verlieren, gewinnen Asien und die ehemals zur Sowjetunion gehörenden Staaten mehr und mehr Einfluss. Sie sind deshalb als Investoren sehr beliebt geworden, wobei die Politiker, Konzerne und Banken des Westens geflissentlich übersehen, aus welchen oft trüben Quellen sich die Vermögen der neuen Herren oft speisen. Der Zweck heiligt angeblich die Mittel, und auch dieses Geld stinkt nicht mehr, wenn es seine in sicherer Entfernung angesiedelten Empfänger erreicht hat.

Gesetze oder gar moralische Grundsätze gelten der Wirtschaftselite als lästige Hindernisse, die im Rahmen der Gewinnmaximierung strategisch eingeplant, aber möglichst nicht beachtet werden. Angesichts einer solchen Haltung ist es nur ein Schritt bis zur ‚Zusammenarbeit‘ zwischen Großkonzernen, Banken und dem organisierten Verbrechen. Rankin verankert diesen Plot an einem realen Vorfall, auf den er im Verlauf der Handlung mehrfach zurückkommt: Im November 2006 wurde Alexander Litwinenko, ein energischer Kritiker der aktuellen russischen Politik und als Ex-Agent intimer Kenner ihrer dubiosen Praktiken, vergiftet. Er starb nach einem dreiwöchigen Todeskampf; Indizien weisen darauf hin, dass sich das Kreml-Regime eines unangenehmen Kritikers entledigt hat. Ob dies zutrifft, bleibt vermutlich ewig ungeklärt, doch Rankin fand hier den Ansatz, den er für seinen Plot benötigte.

Elegant schlägt er den Bogen zum ‚heimischen‘ Verbrechen. Seit 1999 besitzt Schottland ein eigenes Parlament. Vielen Lokalpatrioten geht dies längst nicht weit genug; sie wollen Schottland von Großbritannien abkoppeln, einen selbstständigen Staat gründen und die Erdöl- und –gasvorkommen in Nordsee und Atlantik allein ausbeuten. In einem unabhängigen Schottland würden die politischen und wirtschaftlichen Karten neu gemischt: Rankin spekuliert, wie das aussehen könnte.

Freilich fährt Rankin seine schweren Geschütze dieses Mal vor allem zur Verwirrung seiner Leser auf. Der Plot ist eine große Täuschung und bietet viel Getöse, das sich im Finale in Nichts auflöst. Das wird entweder als Enttäuschung empfunden oder mit Bewunderung zur Kenntnis genommen, da Rankin ein Schlusstwist gelingt, der das zuvor Geschehene völlig auf den Kopf stellt. Zwar hört man die hoch aufgetürmte Geschichte über ihrem Fundament knirschen, wenn sie abrupt in eine gänzlich neue Richtung gerissen wird. Die Überraschung gelingt immerhin, auch wenn Rankin seinem Publikum gegenüber nicht gerade fair geblieben ist: Mit dieser Auflösung war nicht zu rechnen.

_“Keep them doggies rolling …“_

17 Rebus-Romane schrieb Ian Rankin in zwei Jahrzehnten. Sie galten der Kritik bereits in den 1990er Jahren als vorbildliche, d. h. nicht nur eine explizite Sicht auf das Verbrechen in der modernen (urbanen) Gesellschaft vertretende, sondern auch spannend, tragisch und witzig geschriebene (Kriminal-)Romane. Das schürte die Erwartungshaltung, der Rankin spätestens im neuen Jahrtausend nicht mehr mit jedem neuen Band gerecht werden konnte. Die Romane wurden länger, die Plots komplexer und verschlungener, doch die alte Intensität ließen sie vermissen. Rebus wandelte weiter am Rande der Selbstzerstörung, aber wir Leser waren uns zunehmend sicherer, das Rankin ihn nicht fallen lassen würde. Das war in den frühen Bänden erschreckend anders.

Im Vergleich mit (furchtbar) vielen anderen Schriftstellern hielt Rankin als Autor der Rebus-Krimis ein überdurchschnittliches Niveau. Den Abenteuern seiner ebenso realistisch wie liebevoll gezeichneten Figuren folgte man weiterhin gern. So könnte es Rankin noch eine ganze Weile fortsetzen. Er mag nicht mehr und legt zumindest eine Pause ein. Dass er es ernst meint, zeigte er mit „Doors Open“ (2008), dem ersten ‚Non-Rebus‘-Roman seit 1995. Weitere Pläne umfassen einen Kurzroman für die „Quick Read“-Serie sowie Comics oder besser: Graphic Novels.

Schon leiden die Rebus-Fans unter Entzugserscheinungen. In diversen Krimi-Foren wird eifrig über Fortsetzungsszenarien für die Serie diskutiert. Favorisiert wird offenbar eine Variante, die Siobhan Clarke die polizeiliche Hauptrolle übernehmen lässt, während Rebus als nun privater Ratgeber (und Unruhestifter) im Hintergrund wirkt. Dies sind indes reine Wunschvorstellungen, zu denen Rankin sich nur unverbindlich äußert.

Es gilt also tatsächlich Abschied zu nehmen. Nach der Lektüre von „Ein Rest von Schuld“ geschieht dies mit der gebührenden Wehmut, in die sich ein wenig Erleichterung mischt: Rebus tritt in Würde ab, bevor er seinen Biss verliert. Das ist so manchem anderen Serienhelden leider nicht gelungen.

_Epilog_

|“Does it really mean we’ve seen the last of Rebus? I’m still not convinced. There’s no way he’s going gentle into that dark retirement. And I still like to spend time with him. Maybe one day …“| (Ian Rankin in seinem Newsletter, Ausgabe August 2008)

_Der Autor_

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Zunächst hoffnungsvoller Poet, wechselte er als Student zur Prosa. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er unter anderem als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen nach 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins [Website]http://www.ianrankin.net ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie unter anderem mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

_Impressum_

Originaltitel: Exit Music (London : Orion Books Ltd. 2007/New York : Little, Brown and Company 2008)
Übersetzung: Giovanni u. Ditte Bandini
Deutsche Erstausgabe (geb.): September 2008 (Manhattan im Wilhelm Goldmann Verlag)
541 Seiten
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-442-54639-8
http://www.manhattan-verlag.de
http://www.ian-rankin.de

_Ian Rankin auf |Buchwurm.info|:_

[„Verborgene Muster“ 956
[„Das zweite Zeichen“ 1442
[„Wolfsmale“ 1943
[„Ehrensache“ 1894
[„Ein eisiger Tod“ 575
[„Das Souvenir des Mördern“ 1526
[„Die Sünden der Väter“ 2234
[„Puppenspiel“ 2153
[„Die Tore der Finsternis“ 1450
[„So soll er sterben“ 1919
[„Im Namen der Toten“ 4583
[„Eindeutig Mord“ 5063
[„Der diskrete Mr. Flint“ 3315

Davidsen, Leif – Feind im Spiegel, Der

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben sich 2008 zum siebten Mal gejährt. Die Bilder der brennenden Türme des World Trade Centers gingen damals um die ganze Welt und verursachten Schock und Verwirrung. Viel hat sich seitdem verändert. Die Sicherheitsmaßnahmen bei Flugreisen wurden zum Beispiel verstärkt und die Terrorabwehr ist immer stärker in den Fokus der Regierungen gerückt. Doch der normale Bürger hat längst nicht alle Auswirkungen des schon jetzt historischen Ereignisses aus dem Jahr 2001 mitbekommen. Viele Dinge liefen intern ab und betrafen weniger die Bevölkerung als vielmehr die Exekutive. Der Journalist Leif Davidsen verarbeitet in „Der Feind im Spiegel“, dem dritten Band seiner losen Trilogie, die tragischen Vorgänge aus zweierlei Perspektiven: aus der eines Kopenhageners Polizeibeamten und aus der von Vuk, einem untergetauchten früheren Berufskiller, den die CIA zum Zwecke der Terroristenfahndung einsetzt.

Per Toftlund ist ein Ex-Militär, der nun bei der Polizei arbeitet und nach den Terroranschlägen des 11. September eine Sonderermittlungstruppe leitet, die sich mit der Frage befasst, ob al-Qaida auch in Dänemark Fuß gefasst hat. Aus diesem Grund wird die junge Muslime Aischa Hussein mit ins Boot geholt, eine diplomierte Politikwissenschaftlerin, die eine Menge über den Islam weiß. Ausgestattet mit weitreichenden Befugnissen, findet Toftlunds Truppe sehr bald heraus, dass es auch in Kopenhagen entsprechende Strömungen gibt. Den Honighändler Marko Cemal haben sie in Verdacht, Geldgeschäfte für terroristische Vereinigungen zu organisieren, und glauben, dass er ein Doppelleben führt und in England als strenggläubiger Muslim auftritt, während er in Dänemark eher den Lebemann gibt. Außerdem gibt es Indizien dafür, dass er Kontakt zu einem mysteriösen Dänen hat, der in Spanien wohnt und „Thronfolger“ genannt wird. Wer dieser Thronfolger ist, wissen Per und seine Leute nicht, doch sie sind davon überzeugt, dass er eine Bedrohung darstellt …

Zur gleichen Zeit wird der Serbe Vuk, ein früherer Auftragskiller, unruhig. Er lebt mit gefälschten Papieren mit seiner Familie in Amerika und geht dort ganz normal einer Arbeit nach. Im Zuge der Aufregung nach dem 11. September kommt man ihm auf die Spur. Seine Fingerabdrücke sind bei der CIA hinterlegt und er wird festgenommen, als man seine Familie routinemäßig überprüft. Vuk gilt eigentlich als tot, seit er nach einem blutigen Zusammenstoß mit Per Toftlund in seiner früheren Heimat Dänemark verschwunden ist. Damals hat er zwei Freunde von Per getötet und dessen Frau Lise verletzt. Doch anders als erwartet, bedeutet der Zwischenfall mit der CIA keinen Ärger für ihn. Als er anbietet, Informationen über Al-Qaida-Mitglieder herauszurücken, soll er undercover nach Dänemark reisen, um dort zu ermitteln. Als Aussicht winkt ein neuer Satz gefälschter Papiere, mit dem er für immer in Amerika bleiben darf.

Ohne es zu merken, arbeiten die beiden Todfeinde Per und Vuk an dem gleichen Fall, und das auch noch in der gleichen Stadt. Ohne voneinander zu wissen, bewegen sich die beiden immer mehr aufeinander zu, bis sie sich letztendlich in die Augen sehen müssen …

Im Mittelpunkt von „Der Feind im Spiegel“ stehen die beiden Männer Per und Vuk, die aufgrund eines schicksalsträchtigen Ereignis aus dem Vorgängerbuch miteinander verbunden sind. Obwohl sie sich hassen, bemerkt man als Leser auch einige Ähnlichkeiten bei den sehr präzisen Charakterstudien, die Davidsen präsentiert. Beide sind sehr hart und würden alles tun, um ihre Familie zu beschützen. Der Gedanke der Rache ist ihnen nicht fremd und beide verfügen über einen militärischen Hintergrund, der in ihrem Denken und Handeln immer wieder durchschimmert. Der Autor räumt dem Innenleben der beiden Figuren sehr viel Platz ein. Per ist dabei noch wesentlich häufiger vertreten als Vuk – nicht nur bezogen auf seine Arbeit, sondern auch sein Privatleben wird ausgeschöpft.

Je nachdem, was man von diesem Roman erwartet, kann dieser enttäuschen oder erfreuen. Wer eine Geschichte lesen möchte, die sich mehr auf die innerlich zerrissenen Protagonisten konzentriert, dem wird „Der Feind im Spiegel“ gefallen. Wer jedoch einen spannende Thriller lesen möchte, wird vielleicht enttäuscht sein. Die Handlung ist stellenweise nicht besonders schlüssig und folgt vor allem keinem gelungenen Aufbau. Die langen Episoden aus Pers Privatleben machen es an mancher Stelle schwer, zum eigentlichen Geschehen zurückzukehren. Hinzu kommt der vorhersehbare Höhepunkt am Ende der Geschichte, der nicht besonders gut eingeführt wird. Davidsen fällt mit der Tür ins Haus, was den Leser vielleicht nicht überrascht, aber doch stört. Es passt einfach nicht sauber in den Ablauf des Geschehens.

Neben Pers Privatleben und den polizeilichen Ermittlungen legt der Autor einen Fokus auf Gedanken an und um den 11. September, was in dieser Masse nicht besonders gelungen ist. Stellenweise wirkt es wie eine persönliche Auseinandersetzung des Autors mit diesem Thema, was dem Buch wiederum einen merkwürdig subjektiven Anstrich verpasst, der ihm nicht besonders gut steht. Alles in allem kommen die handlungsrelevanten Abschnitte zu kurz, egal wie man Davidsens Ab- und Ansichten nun beurteilt. Selbst wenn man „Der Feind im Spiegel“ unter dem Gesichtspunkt liest, den Charakteren näherzukommen, wirkt die Geschichte häufig etwas überlang.

Der sichere Schreibstil macht zwar einiges wieder wett, aber zaubern kann er nicht. Inhaltliche Längen bleiben Längen, egal in welche Wörter man sie packt. Man merkt dem Autor seinen beruflichen Hintergrund an. Er schöpft aus einem großen Wortschatz und setzt diesen zu einfachen, aber sehr ausdrucksstarken Sätzen zusammen. Ihm reichen wenige Wörter, um einen Sachverhalt darzustellen. Das gilt sowohl für die Beschreibungen von Situationen als auch für die Gefühle der Protagonisten. Letztere ermöglichen einen guten Einblick in die Seelen von Vuk und Per, bleiben dabei aber recht distanziert, was wiederum zu den Persönlichkeiten der beiden passt.

Leif Davidsens „Der Feind im Spiegel“ ist eine zwiespältige Angelegenheit. Auf der einen Seite stehen der tolle Schreibstil und die interessanten Charaktere, auf der anderen die doch etwas zähe Handlung. Sie enthält zwar viele interessante Tatsachen zum 11. September – unter anderem aus der Sicht einer diplomierten Politikwissenschaftlerin mit Migrationshintergrund sowie aus jener der Polizei -, aber auch genügend Dinge, welche die Handlung eher bremsen als voranbringen. Je nachdem, welche Prioritäten man als Leser setzt, kann die Lektüre entweder sehr interessant oder eben etwas unspannend sein.

|Originaltitel: Fjenden i spejlet
Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle
Taschenbuch, 395 Seiten
ISBN-13: 978-3-423-21088-1|
http://www.dtv.de
http://www.leif-davidsen.de

Sax Rohmer – Die Feuerzunge

rohmer-feuerzunge-cover-kleinEin bizarrer Mord entpuppt sich als erster Streich eines finsteren Geheimbundes, dessen Anführer nach der Weltmacht greift. Nur ein mutiger Millionär, ein wackerer Geheimdienstmann und eine geheimnisvolle aber schöne Frau stellen sich den Schurken in den Weg … – Überaus altmodisches aber nostalgisches Garn, das gerade aufgrund seines wunderlichen Plots, seiner kuriosen Ideen und seines zwar trivialen aber nüchternen Stils lesbar geblieben ist: ein Spaß für die Freunde heimtückischer Fallen und ebensolcher Geheimbünde.
Sax Rohmer – Die Feuerzunge weiterlesen

Christa Faust – Hardcore Angel

Eine ehemalige Porno-Aktrice gerät der osteuropäischen Mafia in die Quere, überlebt das nur knapp und wird als Mörderin verdächtigt. Mit einem schlagkräftigen Gefährten nimmt sie auf der Suche nach Rehabilitation & Rache den Kampf mit den Strolchen auf … – „Noir“-ähnlicher Krimi, dessen Plot im US-Rotlichtmilieu spielt, weshalb die sich ansonsten unkonventionell gebende Autorin mit moralischen Wallungen nicht spart; dies ergibt einen unterhaltsamen, sachte ‚verruchten‘ Pulp-Thriller für Leser, die lieber gefiltert mit den hässlichen Schattenseiten der Realität konfrontiert werden möchten.
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Lauenroth, Frank – Boston Run

Doping ist ein Thema, das spätestens seit den anhaltenden Skandalen bei der Tour de France in aller Munde ist. Nach und nach sind immer mehr Fahrer positiv auf verschiedenste Substanzen getestet worden, bis das Ansehen des Radsports mehr als nur angeschlagen war. Was aber, wenn jemand eine Substanz erfindet, die man am Ende eines Rennens gar nicht mehr nachweisen kann? Genau das hat einer der Protagonisten in Frank Lauenroths neuem Roman geschafft …
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Waites, Martyn – Gnadenthron, Der

_Das geschieht:_

Keine 15 Jahre ist Jamal alt, aber schon lange familien- und heimatlos. Als Strichjunge schlägt er sich in London durch. Sein Pech bleibt ihm treu: Aus einem Hotelzimmer lässt er einen Mini-Disc-Player mitgehen, der ausgerechnet dem „Hammer“ gehört, einem in der Unterwelt gefürchteten Killer mit saphirblauem Schneidezahn, der seine Opfer auf dem „Gnadenstuhl“ zu Tode zu foltern pflegt. Seine letzte ‚Sitzung‘ hat er auf eine Mini-Disc aufgezeichnet, die Jamal mit besagtem Player in die Hände fiel.

Der Dieb weiß, was seine Beute im 21. Jahrhundert wert ist: Er wendet sich nicht an die Polizei, sondern an die Medien und verlangt viel Geld für die Disc. Als Kontaktperson fordert Jamal den Starreporter Joe Donovan. Der ist allerdings ein ausgebrannter und selbstmordgefährdeter Säufer, seit sein Sohn vor zwei Jahren spurlos verschwand. Erst das Angebot, die Ressourcen der Zeitung für eine ausgedehnte Suchaktion einzusetzen, lässt ihn wieder einsteigen.

Jamal hat sich inzwischen nach Newcastle abgesetzt. Er weiß, dass ihm Hammer auf den Fersen ist. Untergetaucht ist er ausgerechnet bei „Father Jack“, einem sadistischen Mafioso, der von Jamals Coup Wind bekommen hat. Auch Donovan gerät in Schwierigkeiten. Der Journalist Gary Myers, der einen Korruptionsskandal recherchierte, wurde von Hammer gekidnappt. Unter der Folter hat Myers auch Donovans Namen genannt, und als dieser Verbindung mit Jamal aufnimmt, setzt er sich selbst auf Hammers Liste.

Gemeinsam nehmen Donovan und Jamal den ungleichen Kampf auf, in den sich zwei schlagkräftige Privatdetektive einmischen. Als Donovan in Erfahrung bringt, dass Hammer einen Auftraggeber hat und er dessen Namen zu enthüllen droht, ist sein Leben endgültig keinen Pfifferling mehr wert. Hammer ist ihm und Jamal ganz nah, und der Gnadenstuhl steht bereit …

_Krimi aus der britischen Mitte = mittelmäßiger Krimi?_

Newcastle-upon-Thyne ist eine Stadt im Norden Englands, gelegen etwa zwischen London und Edinburgh. Als Schauplatz kriminalliterarischer Aktivitäten ist sie bisher nicht bekannt geworden, eine Tatsache, der Martyn Waites offenbar ohne weitere Verzögerung abhelfen möchte. Intensiv bemüht er dafür jene modernen Ingredienzen, die – geschickt eingesetzt – Gesellschaftskritik suggerieren und als solche wohlwollend zur Kenntnis genommen werden.

Hier sind Reizthemen wie soziale Ausgrenzung, moralische Verrohung und globalisierte Menschenverachtung die Pfunde, mit denen Autor Waites wuchern möchte. Er mischt sicherheitshalber Folter, Pädophilie und „Spurlos-verschwunden“-Melancholie hinzu. Die daraus resultierende Übertreibung ist eine trittsichere Brücke zur Lächerlichkeit. Das Böse ist für Waites darüber hinaus nicht nur Wesenszug, sondern auch prägend für das Äußere. Diese Ansicht führt zu Figuren wie „Father Jack“ und dem „Hammer“: Was jeweils als Kreatur aus der Hölle namens „Menschheit“ geplant ist, wirkt eher wie eine Karikatur.

_Das Böse wirkt blöde_

Waites gibt sich erfolgreich große Mühe mit dem Ausdenken scheußlicher und detailreich geschilderter Brutalitäten. Weil er sie durch horrorfilmkompatible Klischee-Gestalten (Satanist mit blauem Zahn, Kinderschänder mit Mastschwein-Korpus) zum Einsatz bringt, verlieren sie an Intensität und verkommen zur Masche: Folter-Thriller à la „Hostel“ oder „Saw“ sind just erfolgreich, also rankt sich diese Geschichte um den „Gnadenstuhl“, der im ersten Drittel zum Einsatz kommt und später keine Rolle mehr spielt.

Die Weißkragen-Bösewichte scheinen zunächst nicht in dieses Bild zu passen. Bei näherer Betrachtung dominiert auch hier das Klischee: Wenn im Prolog „Mephisto“ als aalglatter Herr & Meister seinen Folterknecht „Hammer“ wüten lässt, begleitet er das mit jenem hochtrabenden Geschwätz, das Quentin Tarantino für seine Film-Gangster kultiviert hat. Die angebliche Ungerührtheit des smalltalkenden Schurken soll besondere Seelenkälte suggerieren. Dieser Kniff ist inzwischen jedoch so häufig zum Einsatz gekommen, dass er seine Wirkung verloren hat. Zumindest Waites kann ihm kein neues Leben einhauchen.

_Zu „böse“ passt „tragisch“?_

Alles Leid der Welt lädt der Verfasser auf Jamals schmale Schultern. Er muss personifizieren, was falsch läuft in der modernen Großstadtwelt. Das wirkt eine gewisse Weile verstörend, weil Waites üble Dinge in klare Worte zu fassen weiß. Allmählich verliert er jedoch entweder die Konzentration oder das Interesse an Jamals Schicksal. Tritt er im letzten Drittel noch auf, wirkt das eher pflichtschuldig: Als Hauptfigur kann ihn sein geistiger Vater schwerlich spurlos verschwinden lassen.

Ins Zentrum rückt nunmehr Joe Donovan. Nicht nur in der Kriminalliteratur ist der angeschlagene Journalist, der im tiefsten Elend sich und seine Berufsehre wiederfindet, eine oft und gern eingesetzte Figur. Einmal mehr geht Waites auf Nummer Narrensicher. Also: Donovan wurde der Sohn entführt, das hat er nie verwunden, seine Ehe zerbrach, er säuft und schleppt einen gewaltigen Colt mit sich herum, den er sich von Zeit zu Zeit dramatisch an die Stirn hält. Wenn diese Charakterskizze sarkastisch klingt, dann liegt es abermals an Waites Hang zur Übertreibung.

Der Schar unserer vom Leben gar sehr gezausten Gutmenschen gesellt sich ein ungleiches Privatdetektiv-Duo hinzu. Er ist schwul und versinkt im Drogennebel, sie schleppt die Erinnerung an eine selbstzerstörerische Liebe mit sich herum. Glücklicherweise erwachen sie stets dann aus ihrem Kummer, wenn es mit brachialer Gewalt Schurkenschädel zu knacken gilt …

Möchte man die Biografie des Verfassers mit diesen grellen Effekten in Einklang bringen, ließe sich als Begründung Waites‘ beruflicher Hintergrund anführen: Er arbeitete als Schauspieler für das Fernsehen, das auch in England auf dem Standpunkt steht, dass es ein Zuviel an knackigen Klischees gar nicht geben kann. Allerdings sollte man mit solchen Verallgemeinerungen Vorsicht walten lassen; möglicherweise hat Martyn Waites einfach verinnerlicht, dass es dem Verkaufserfolg nur nützen kann, wenn seine Werke so viel wie möglich von dem berücksichtigen, was den „Thriller der Woche“ auf den Abgreif-Paletten moderner Buchhandelsketten auszeichnet …

_Autor_

Martyn Waites wurde in der Stadt geboren, in der seine Krimis spielen: Newcastle-upon-Tyne. Hinter ihm liegen jene obligatorischen Lehr- und Wanderjahre, die sich gut in der Biografie eines später erfolgreichen Schriftstellers machen. Waites listet unter anderem Jobs als Straßenverkäufer, Barkeeper und Schauspiellehrer auf. Letzteres ließ ihn die Schauspielschule in Birmingham besuchen, die er nach drei Jahren abschloss. In den nächsten Jahren arbeitete Waites viel fürs Theater. Er trat in TV-Serien und Filmen auf, wobei er über Nebenrollen nie hinauskam.

In den frühen 1990er entstanden (nie veröffentlichte) Theaterstücke und erste Kurzgeschichten. Waites liebt die Werke von US-Autoren wie James Ellroy, James Lee Burke, Andrew Vachss, Eugene Izzi und anderen Vertretern des ‚harten‘, zeitgemäßen, realistischen Krimis, den er in Großbritannien unterrepräsentiert fand. Er verinnerlichte die genannten Vorbilder und siedelte seine eigenen Geschichten in Newcastle an, wo er inzwischen nicht mehr lebte, seine Verbindungen jedoch aufrechterhalten hatte.

1997 erschien „Mary’s Prayer“, der erste Roman einer Serie um den Reporter Stephen Larkin, der mit seinen privaten Problemen mindestens ebenso heftig zu kämpfen hat wie mit seiner Arbeit, die ihn immer wieder auf die Schattenseiten der modernen Wohlstandsgesellschaft führt. Diese Problematik prägte Waites auch dem Journalisten Joe Donovan auf, der 2006 in „The Mercy Chair“ debütierte und Larkin offenbar abgelöst hat.

Über Leben und Werk informiert Martyn Waites auf seiner Website: http://www.martynwaites.com.

_Impressum_

Originaltitel: The Mercy Seat (London : Pocket Books 2006)
Übersetzung: Ulrich Hoffmann
Deutsche Erstausgabe: Juli 2008 (Knaur Taschenbuch Verlag/TB Nr. 63611)
473 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-426-63611-4
http://www.knaur.de

Laymon, Richard – Show, Die

1963 in der Kleinstadt Grandville: Der sechzehnjährige Dwight verbringt einen heißen Sommer mit seinen besten Freunden, dem vorlauten Rusty und der burschikosen Frances, genannt Slim, für die beide Jungs heimlich schwärmen, seit sie ins Teenageralter gekommen sind. Einer ihrer beliebtesten Plätze ist die Janks-Lichtung im Wald, die nach einem berüchtigten Serienmörder benannt ist, der dort vor Jahrzehnten seine Opfer begraben hatte – und die allen Kindern und Jugendlichen verboten ist.

Ausgerechnet auf dieser Lichtung hält eine Vampirshow Einzug, die angeblich ein spektakulär-erotisches Programm bietet. Vor allem Dwight und Rusty sind begierig darauf, die angekündigte Vampirin Valeria zu sehen. Obwohl die Show eigentlich nicht für Minderjährige erlaubt ist, kommen die drei mit Hilfe von Dwights Schwägerin Lee an Karten für die erste Abendvorstellung.

Kurz zuvor aber macht Slim bei den Zirkusleuten eine grausige Beobachtung. Sie flüchtet, wird jedoch gesehen. Von da an fühlen sich die drei Freunde verfolgt, jemand bricht sogar in ihre Häuser ein und hinterlässt Spuren. Trotzdem geben sie ihrer Neugierde nach und besuchen die Show – eine fatale Entscheidung, die ihr Leben verändern wird …

Richard Laymon steht für harten Horror und ausgedehnte Splatterszenen. Umso angenehmer sind seine etwas ruhigeren Werke wie der vorliegende Roman, in denen der Fokus nicht auf blutrünstiger Gewalt liegt – und erfreulicherweise wurde genau dieser mit dem BRAM STOKER AWARD ausgezeichnet.

|Gelungene Atmosphäre|

Viele großartige Romane nutzen einen heißen Sommer und die Schwelle zwischen Kindheit und Jugend oder Jugend und Erwachsensein als Kulisse für ihre Handlung, darunter moderne Horrorklassiker wie Dan Simmons‘ „Sommer der Nacht“ und Stephen Kings „Es“. Laymon greift diese nostalgische Tradition auf, was einen besonderen Zauber über das Buch legt. Identifikationsfigur ist der Ich-Erzähler Dwight, der auf den Sommer zurückblickt, der sein Leben veränderte, mit all seinen schönen wie grausamen Erfahrungen. Russell, genannt Rusty, verkörpert einen vorlauten, leicht pummeligen Jungen, der gerne Scherze auf Kosten anderer macht und unangenehme Seiten aufblitzen lässt, ohne es sich dabei je ernsthaft mit seinen Freunden zu verderben.

Slim, die sich traditionell jedes Jahr einen neuen Spitznamen verpasst, ist ein knabenhaftes Mädchen, das sich von der lässigen Bogenschützin, mit der die Jungs seit der Kindheit ihre Abenteuer erleben, allmählich zu einer jungen, begehrenswerten Frau entwickelt. Während Rusty jede Gelegenheit für obszöne Bemerkungen nutzt, verspürt Dwight ein sehnsüchtiges Verlangen und gleichzeitig die Verwirrung über die erwachsende Sexualität. Dwight macht es dem Leser leicht, sich in ihn hineinzuversetzen. Er wirkt als Dämpfer für Rustys ungehobelte Sprüche, ohne selbst immer als strahlender Held dazustehen, seine Unsicherheit gegenüber Slim und seine leisen Hoffnungen, dass sie seine aufkeimenden Gefühle erwidert, werden glaubwürdig dargestellt. Ein ebenfalls gelungenes Element ist Rustys dreizehnjährige Schwester Bitsy, ein molliges, unbeholfenes Mädchen, das offensichtlich in Dwight verliebt ist. Dwight fühlt einerseits einen Beschützerinstinkt gegenüber der ihm ergebenen Bitsy, die oft von ihrem Bruder gehänselt wird, andererseits nerven ihn ihre Bedrängungen.

Natürlich verzichtet Richard Laymon auch hier nicht auf sexuell aufgeladene Szenen, die sich jedoch im Vergleich mit anderen Werken in Grenzen halten. Mehrfach fühlt sich Dwight wie hypnotisiert von Slims Körper im zarten Bikinioberteil. Ihre mädchenhafte Ausstrahlung steht im Gegensatz zum verführerischen Körper von Lee, Dwights junger Schwägerin, die trotz ihrer knapp dreißig Jahre wie eine unkonventionelle Neunzehnjährige wirkt und nicht weniger begehrliche Blicke von den Jungs erntet, allerdings ohne dass diese Momente zu sehr ausgereizt oder aufgesetzt wirken würden.

|Viel Spannung|

Für seine Verhältnisse lässt sich Richard Laymon viel Zeit, ehe sich richtiger Horror entwickelt, dennoch wird von Beginn an Spannung aufgebaut, die sich im weiteren Verlauf sukzessive steigert. Das ist kein leichtes Unterfangen, schließlich handeln die über fünfhundert Seiten einen einzigen Tag ab, die Handlung erzählt beinahe in Echtzeit. Die undurchsichtige Vampirshow schwebt zwar von Anfang an als unheilvoller Höhepunkt im Hintergrund, doch zuvor gibt es genug andere brisante Entwicklungen, beginnend mit dem Ausflug der drei auf die verbotene Lichtung. Nach einem gefährlichen Zwischenfall ist Slim verschwunden und irgendjemand hinterlässt bedrohliche Spuren in den Häusern der Freunde. Auch um Lee müssen die Freunde bangen, zumal sie durch Unterzeichnung eines Schecks dem mysteriösen Besitzer der Vampirshow ihre Adresse gegeben hat. Die Show selbst hält nach ruhigem Beginn ein grauenhaftes Finale bereit, bei dem sich das Gemetzel für Laymons Verhältnisse aber in Grenzen hält, wenn auch eine Magen-provozierende Szene nicht fehlt.

Bemerkenswert ist allerdings, dass ausgerechnet zwei kurze, rückblickende Sequenzen, die in keinem direkten Zusammenhang mit der Handlung stehen, den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen: Zum einen ist es ein Zwischenfall an einem vergangenen Halloween, als die Freunde nachts auf einer einsamen Straße eine verstörende Begegnung machen, die, trotz oder gerade weil sie ohne Gewalt auskommt, auch den Leser gruselt. Zum anderen ist es das Auftauchen eines Cadillacs mit zwei bedrohlichen Zwillingsmännern als Insassen, die es auf Slim abgesehen haben und die, undurchschaubar wie beim ersten Mal, noch ein weiteres Mal eine Rolle spielen. Schade, dass Laymon solche Momente nicht öfter in seine Werke hat einfließen lassen, denn hier zeigt sich ein ungeahntes Talent, auf subtile Weise einen Schauder beim Leser zu erzielen.

|Nur kleine Schwächen|

Im Vergleich zur sehr ausführlichen vorherigen Handlung ist das Finale recht kurz gehalten. Die Ereignisse überstürzen sich und auch der Epilog ist sehr knapp bemessen. Vor allem stört, dass das Verschwinden einer bestimmten Person nicht weiter erläutert wird. Auch wenn es eigentlich nur eine Erklärung dafür gibt, wirkt es zu lapidar und einfallslos; wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt hätte man schon noch einbauen können. Die Handlungen der Hauptcharaktere im turbulenten Finale sind zudem, wie es für Laymon auch wiederum typisch ist, relativ abgebrüht. Einzig der lebens- und leidenserfahrenen Slim nimmt man ihre Reaktionen vollständig ab, bei den anderen bleibt ein Hauch Unrealismus und Übertriebenheit zurück.

_Als Fazit_ bleibt ein für Richard Laymons Verhältnisse wenig gewaltvoller Horrorroman mit schöner Atmosphäre und weithin gelungenen Charakteren. Abgesehen vom etwas abrupten Schluss überzeugt die Geschichte und kann trotz des Umfangs in beinahe Echtzeit mit einer großen Portion Spannung aufwarten.

_Der Autor_ Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und ist einer der meistverkauften Horrorautoren der USA. Er studierte englische Literatur und arbeitete unter anderem als Lehrer und Bibliothekar, ehe er sich dem Schreiben widmete. Im Jahr 2001 verstarb er überraschend früh und hinterließ eine Reihe von Romanen, die vor allem wegen ihrer schnörkellosen Brutalität von sich Reden machten. Nur ein kleiner Teil davon ist bislang auf Deutsch erhältlich. Zu seinen weiteren Werken zählen u. a. „Rache“, „Parasit“, „Im Zeichen des Bösen“ und „Vampirjäger“. Mehr über ihn gibt es auf seiner offiziellen [Homepage]http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm nachzulesen.

|Originaltitel: The Travelling Vampire Show
Originalverlag: International Scripts / Schlück
Übersetzt von Thomas A. Merk
Ausgezeichnet mit dem Bram Stoker Award
Taschenbuch, 528 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-67512-4|
http://www.heyne-hardcore.de
http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm

_Richard Laymon auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Spiel“ 3491
[„Die Insel“ 2720
[„Rache“ 2507
[„Vampirjäger“ 1138
[„Nacht“ 4127
[„Das Treffen“ 4499
[„Der Keller“ 5289

Koontz, Dean – Todeszeit

_Mitch Rafferty_ führt ein zufriedenes Leben: Er ist mit seiner großen Liebe Holly glücklich verheiratet und liebt seinen Job als Gärtner. Alles ändert sich, als ihn ein Anruf auf der Arbeit erreicht. Ein Unbekannter erklärt, dass Holly entführt wurde. Mitch soll binnen sechzig Stunden zwei Millionen Dollar auftreiben und darf nicht die Polizei verständigen – ansonsten wird Holly sterben. Zum Beweis dafür, dass die Entführer es ernst meinen, erschießen sie gleich darauf einen Spaziergänger vor seinen Augen.

Mitch ist verzweifelt, schließlich besitzt er nur ein paar tausend Dollar Ersparnisse, was die Entführer sogar wissen. Um Holly nicht zu gefährden, verschweigt er das Verbrechen gegenüber der Polizei. Leider scheint einer der Ermittler zu ahnen, dass Mitch mehr über den Mord weiß, dessen Zeuge er wurde. Zudem haben die Verbrecher alle Vorkehrungen getroffen, um ihn im Fall von Hollys Tod als ihren Mörder darzustellen.

Während Mitch fieberhaft überlegt, wie er die Vorgabe erfüllen kann, erhält er neue Anweisungen. Offenbar besitzen die Entführer eine genaue Vorstellung davon, wie er an das Geld kommen soll. Bald stellt Mitch fest, dass er nicht nur permanent überwacht wird, sondern auch Teil eines perfiden Plans ist. Und er beschließt zurückzuschlagen …

_Thriller und Horror_ sind die Domänen von Erfolgsautor Dean Koontz. In diesem Roman fehlen die Geister und Dämonen – was ihn jedoch nicht weniger beängstigend macht.

|Spannung und rasanter Einstieg|

Unbekannte Verbrecher entführen einem den liebsten Menschen und fordern ein utopisches Lösegeld – binnen zweieinhalb Tagen. Keine Frage, dass diese Ausgangssituation den Leser packt und er wissen will, wie Mitch Rafferty diese schier unmögliche Aufgabe bewältigt. Im Gegensatz zu Mitch scheinen die Gangster genau zu wissen, wie er an die Summe gelangen kann, ebenso wie sie offenbar sein Leben, sein Umfeld, seinen Kontostand und sein Haus in- und auswendig kennen. Nicht nur Mitch, auch der Leser fragt sich, weshalb die Forderung ausgerechnet ihn trifft, und umso überraschter ist man, als sich der Grund dafür herausstellt. Koontz spart nicht mit Wendungen, die sich gerne auch mal um hundertachtzig Grad drehen und allen bisherigen Anschein zunichte machen.

Besonders quälend ist die Unsicherheit darüber, wer in Mitchs Umfeld in die Machenschaften eingeweiht ist, sodass er nicht einmal dem ermittelnden Polizeibeamten zu trauen wagt. Erfreulicherweise sind Mitchs Aktionen, mit denen er sich gegen die Gangster wehrt, kaum von Zufall geprägt; schön realistisch ist beispielsweise sein ungeschickter Umgang mit Schusswaffen. Die Handlung selbst ist geradlinig und temporeich angelegt, ohne große Abschweifungen oder Ruhepausen – eine Einladung zum zügigen Lesen und eine Aufforderung, sich in die Lage des Protagonisten zu versetzen und sich zu fragen, zu welchen Handlungen man selbst an seiner Stelle bereit wäre.

|Überwiegend gelungene Charaktere|

Das Interesse an einem Roman steht und fällt meist mit dem am Protagonisten, und so tut Dean Koontz gut daran, ihn als sympathischen Durchschnittstypen darzustellen, der eine ideale Identifikationsfigur bietet. Leider braucht es eine Weile, bis man nähere Einzelheiten über Mitch Rafferty erfährt, die ihm das nötige Profil verleihen. Diese Differenzierung setzt erst etwa ab Seite 100 ein, als er seinen Eltern einen Besuch abstattet. Ab diesem Zeitpunkt ist Mitch nicht mehr einfach nur der Gärtner mit der geliebten Ehefrau, sondern man wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, einem äußerst komplizierten Familienverhältnis mit experimentierfreudigen Eltern. Daniel und Kathy Rafferty haben keine Mühen gescheut, um ihre fünf Kinder zu außergewöhnlichen Intellekten zu erziehen, was so seltsame bis grausame Methoden wie regelmäßige IQ-Tests und eine schalldichte Dunkelkammer beinhaltete und als Ergebnis bei Mitch in keine Akademikerlaufbahn, sondern nur in ein distanziertes Eltern-Kind-Verhältnis mündete.

Holly ist der krasse Gegensatz dazu; eine nicht sehr facettenreiche, aber liebevolle Ehefrau, die angesichts ihrer Lage nie ihre Würde und ihre Hoffnung verliert. Interessant ist auch eine der Entführer-Figuren, die den Dialog mit Holly sucht und dabei einen sehr unorthodoxen Eindruck hinterlässt, der schwer einzuordnen ist.

|Kleine Schwächen|

Zumindest eine der Wendungen wird in der zuvor stattfindenden Handlung eindeutig zu wenig vorbereitet. Ihre Darstellung hinterlässt einen unbefriedigenden bis unrealistischen Eindruck und ist zu sehr auf Effekt ausgelegt. Ein paar geschickt versteckte Andeutungen wären hier von Vorteil gewesen. Zudem kann Koontz es offenbar nicht lassen, doch zumindest eine kurze übernatürliche Szene einzubauen, die aber einen leicht kitschigen Eindruck hinterlässt in ihrem Versuch, die übergroße Verbundenheit von Mitch und Holly zu demonstrieren.

Letztes Manko ist das sehr knapp geratene Ende. Ein Epilog von wenigen Seiten präsentiert eine Zusammenfassung der letzten Jahre, und es ärgert den Leser, wie beiläufig verschiedene Entwicklungen dort abgehandelt werden, zumal fraglich ist, wie sich einige Ereignisse offenbar in Wohlgefallen aufgelöst haben – realistischer wäre es nämlich gewesen, wenn es hier noch einige Probleme und Schwierigkeiten zu bewältigen gegeben hätte.

_Als Fazit_ bleibt ein solider und vor allem temporeicher Thriller, der mit einer interessanten und zugleich erschreckenden Grundidee spielt. Der Hauptcharakter ist sympathisch und lädt zum Mitfiebern ein. Ein paar Schwächen verhindern die Erstklassigkeit des Romans, für alle Freunde des Genres ist er dennoch empfehlenswert.

_Der Autor_ Dean Koontz, geboren 1945 in Pennsylvania, gehört mit bislang über 400 Millionen verkauften Buchexemplaren zu den erfolgreichsten Horrorschriftstellern Amerikas. Vor seiner Karriere arbeitete er als Lehrer und veröffentlichte zwischendurch immer wieder Kurzgeschichten und Romane, zunächst mit geringem Erfolg. Der Durchbruch gelang ihm mit „Flüstern in der Nacht“, es folgten zahlreiche Bestseller, darunter Werke wie „Unheil über der Stadt“, „Ort des Grauens“, „Intensity“, „Trauma“, „Der Wächter“, „Todesregen“ und die |Frankenstein|-Trilogie.

|Originaltitel: The Husband
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
444 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-26552-3|

Home Page


http://www.heyne.de/
http://www.dean-koontz.de/

_Dean Koontz auf |Buchwurm.info|:_

[„Todesregen“ 3840
[„Die Anbetung“ 3066
[„Seelenlos“ 4825
[„Irrsinn“ 4317
[„Frankenstein: Das Gesicht“ 3303
[„Kalt“ 1443
[„Der Wächter“ 1145
[„Der Geblendete“ 1629
[„Nacht der Zaubertiere“ 4145
[„Stimmen der Angst“ 1639
[„Phantom – »Unheil über der Stadt«“ 455
[„Nackte Angst / Phantom“ 728
[„Schattenfeuer“ 67
[„Eiszeit“ 1674
[„Geisterbahn“ 2125
[„Die zweite Haut“ 2648

Lee Child – Sniper (Jack Reacher 9)

Ein scheinbarer Massenmord durch einen übergeschnappten Ex-Scharfschützen entpuppt sich als raffiniert eingefädelte Verschwörung, die zu entwirren es wieder einmal der unkonventionellen und selten legalen Methoden des ehemaligen Militärpolizisten Jack Reacher bedarf … – Ein klassischer „Whodunit?“ als moderner Action-Thriller: Die beiden scheinbar nicht kompatiblen Genres nahtlos miteinander zu einem ungemein spannenden und temporeichen Roman verschmolzen zu haben, ist ein neues Meisterstück des Verfassers; das neunte Reacher-Abenteuer belegt nachdrücklich, dass diese Reihe noch längst nicht ausgeschrieben ist!
Lee Child – Sniper (Jack Reacher 9) weiterlesen

Nicole Drawer – Das Messer in der Hand

Bei einer, die es wissen muss, liest man doch gleich um so lieber. Autorin Nicole Drawer war früher Oberkommissarin in Hamburg und hat unter anderem Psychologie studiert. Mit „Das Messer in der Hand“ erscheint bereits der zweite Band um die Polizeipsychologin Johanna Jensen, und auch dieses Mal ist für ein gewisses Maß an Spannung gesorgt.

Eines Nachts wird in Hamburg eine blutüberströmte Frau mit einem Messer in der Hand aufgegriffen. Nicht weit von ihr entfernt findet man die Leiche eines Privatdetektivs, doch Manuela Kranz ist verwirrt, leidet an einer retrograden Amnesie. Sie kann sich an nichts erinnern, doch trotzdem ist die Sachlage für die Polizei so gut wie klar. Alle Indizien sprechen dafür, dass Manuela, die Frau eines reichen Bauunternehmers, die Täterin ist. Doch Johanna glaubt an solch eine einfache Lösung nicht. Sie betreut die Frau und versucht ihr zu helfen, sich an besagte Nacht zu erinnern.

Nicole Drawer – Das Messer in der Hand weiterlesen

Hurwitz, Gregg – Blackout

Als Krimiautor Drew Danner im Krankenhaus erwacht, erwarten ihn zwei Nachrichten. Die gute: Er hat einen epileptischen Anfall überlebt und ihm wurde der verursachende Gehirntumor erfolgreich entfernt. Die schlechte: Er wurde in der Wohnung seiner Exfreundin gefunden, die erstochen neben ihm lag. Drew selbst kann sich an nichts erinnern und wird zunächst schuldig gesprochen. In der Berufung erreicht er bald darauf einen Freispruch – wegen Unzurechnungsfähigkeit; sein Tumor wird als Auslöser für die Tat verantwortlich gemacht.

In der Öffentlichkeit wird Drew nach wie vor von vielen als Mörder angesehen, ebenso von der Polizei. Er stellt eigene Nachforschungen an in der Hoffnung, dass vielleicht doch ein anderer die Tat begangen und inszeniert hat. Kurz darauf geschieht ein zweiter Mord an einer Frau mit vielen Übereinstimmungen. Sofort wird Drew verdächtigt – doch er kann ein Alibi vorweisen.

Gleichzeitig geschehen rätselhafte Dinge in seinem Umfeld: Gegenstände verschwinden aus seinem Haus, Türen stehen plötzlich offen und jemand verpasst ihm im Schlaf eine Schnittwunde am Fuß. Immer stärker wird für Drew der Verdacht, dass der wahre Mörder ihm die Tat anhängen will …

Nach seinen Erfolgen mit „Die Scharfrichter“ und dem Nachfolger „Die Sekte“ legt Gregg Hurwitz hier den dritten Streich auf Deutsch vor, erneut ein Thriller, diesmal aber ohne Verbindung zu den früheren Werken.

|Spannung bis zum Schluss|

Gleich in doppelter Funktion wird Drew Banner zum Ermittler: Zum einen gilt es, den Mörder von Kasey Broach zu finden, der alles so arrangiert hat, dass Drew auf den ersten Blick wie der Täter aussehen muss, inklusive seinem Blut am Tatort. Zum anderen drängt es Drew danach, zu erfahren, ob er wirklich in geistiger Umnachtung seine Exfreundin erstochen hat oder ob, so seine leise Hoffnung, schon zu diesem Zeitpunkt jemand die Szenerie manipulierte, um vielleicht eine Reihe von Serienmorden auf ihn abzuwälzen. Dabei stehen Drew glücklicherweise mehr Möglichkeiten zur Recherche zur Verfügung als dem Durchschnittsbürger – als Krimiautor steht er in Verbindung mit Experten, die ihm Untersuchungsergebnisse und Informationen liefern können. Andererseits kämpft er seit seinem Freispruch mit den Blicken und bösen Sprüchen der Öffentlichkeit; nur wenige Bürger ziehen seine Unschuld in Betracht – die Ermittler Kaden und Delveckio machen keinen Hehl daraus, dass sie den Freispruch bedauern, seine Freundin verlässt ihn, Familie besitzt Drew nicht mehr. Was ihm bleibt, ist ein buntgewürfelter Haufen alter Freunde, auf den er sich verlassen muss.

Originell ist vor allem die Grundidee, dass Drew selbst nicht weiß, ob er möglicherweise ein Mörder ist oder nicht, und wie er, wenn es so sein sollte, mit dieser Tat umgehen soll. Der Anklage nach hat ihn eine gehässige Anrufbeantworter-Nachricht seiner Exfreundin so in Rage versetzt, dass er sie erstach; tatsächlich aber kann sich Drew trotz der Trennung nicht vorstellen, Hass auf Genevieve entwickelt zu haben. Stattdessen leidet er unter ihrem Tod und will auch ihretwegen die Wahrheit herausfinden. Bei der Auflösung bleiben keine offenen Fragen für den Leser zurück, das Motiv ist einleuchtend, wenn auch sehr ungewöhnlich für einen Thriller.

|Interessante Nebencharaktere|

Am besten gelungen ist die Darstellung von Caroline, einer klinischen Therapeutin in einer Jugendanstalt. Miss Caroline entpuppt sich als entstellte Schönheit, deren Gesicht von Narben durchzogen ist. Noch bevor Drew den Hintergrund dafür erfährt, ist er fasziniert von der immer noch attraktiven Frau, die sichtlich auf Professionalität bedacht ist und mit der sich allmählich eine Beziehung anbahnt.

Etwas zu klischeehaft geraten ist dagegen Junior, der vierzehnjährige Sprayer aus der Anstalt, der zufällig als Tatortzeuge ein verdächtiges Auto gesehen hat. Junior benimmt sich übertrieben abgeklärt und feuert Drew zu heiklen Nachforschungen an, scheinbar unbeeindruckt von jeglicher Gefahr; eher die Karikatur eines Ghettokids, auch wenn er für witzige Einlagen sorgt. Vielschichtiger sind dagegen Preston und Lloyd, zwei hilfreiche Freunde. Preston ist Drews Verleger, ausgestattet mit übertriebenem Selbstbewusstsein und immer für spitzfindige Bemerkungen gut, dem Drew zufällig im Laufe der Handlung hinter die Kulissen schaut und dabei überraschende Erkenntnisse gewinnt. Lloyd ist Mitarbeiter der Spurensicherung – einst stets als Berater für Drews Romane gut und jetzt Experte der Anklage – hin- und hergerissen zwischen heimlichen Hilfeleistungen für Drew in Sachen Haar- und Fingerabdruck-Analyse, Befürchtung vor Entdeckung durch Kollegen und am schwerwiegendsten der Pflege seiner krebskranken Frau Janice, die mit dem Tod kämpft.

|Kleine Schwächen|

Ein Manko des Romans ist der teilweise wirklich unpassende Humor, den Ich-Erzähler Drew in die Handlung einbringt. Drews selbstironischer Unterton wirkt sympathisch, vor allem, wenn man den Eindruck gewinnt, dass er seine Situation mit Galgenhumor betrachtet. Dagegen ist es kontraproduktiv, wenn er in jeder noch so ungünstigen Lage erst mal eine schlagfertige Antwort gibt. Vor allem gegenüber den ihm schlecht gesonnenen Polizisten Kaden und Delveckio gibt er sich betont locker und macht spaßige Bemerkungen, auch wenn er in Gewahrsam genommen und wie ein Mörder behandelt wird – eine übertriebene Lockerheit, die nicht mehr realistisch ist.

Der andere Punkt ist der teilweise verwirrende Anfang, der mit Rückblenden beginnt. Die Haupthandlung setzt nach seinem Freispruch ein. Der Leser ist zu dem Zeitpunkt noch gar nicht über die vergangenen Ereignisse im Bilde, erfährt erst nach und nach, weshalb Drew überhaupt im Gefängnis saß, sondern konzentriert sich zunächst auf seinen ersten Tag in Freiheit; erst auf Seite 35 setzt dann der Rückblick auf den Mord und seine Verhaftung ein. Dritter Punkt ist eine konstruierte Szene, was Genevieves Tod angeht; so gut sich dieses Element in die nachfolgenden Ereignisse einfügt, so unwahrscheinlich ist es, dass jemand auf diese Weise vorgehen würde.

_Als Fazit_ bleibt ein unterhaltsamer Thriller mit ungewöhnlicher Ausgangslage, der weitgehend spannend ist und mit teilweise interessanten Nebencharakteren aufwarten kann. Ein paar kleine Schwächen wie unpassender Humor schmälern allerdings den guten Gesamteindruck.

_Der Autor_ Gregg Hurwitz wuchs bei San Francisco auf und studierte zunächst Englische Literatur und Psychologie in Harvard und Oxford, ehe er sich dem Schreiben widmete. Dazu verfasste er Drehbücher, veröffentlichte literarische Artikel über sein Spezialgebiet Shakespeare und hielt Lehrgänge über das Schreiben. Auf Deutsch erschienen bisher „Die Scharfrichter“ und „Die Sekte“.

|Originaltitel: The Crime Writer
Aus dem Amerikanischen von Wibke Kuhn
ISBN-13: 978-3-426-19771-4|

Homepage


http://www.droemer-knaur.de

_Mehr von Gregg Hurwitz auf |Buchwurm.info|:_

[„Die Scharfrichter“ 3295
[„Die Sekte“ 4403.

Donald E. Westlake – Mafiatod

Ein junger Ex-Soldat will den mysteriösen Mord an seinem Vater aufklären und gerät zwischen die Fronten eines Mafiakriegs, in dem er sich nur mit äußerster Brutalität behaupten kann und trotzdem hintergangen wird … – Früher Reißer des fleißigen Handwerkers Westlake, dessen zeitloser Schwung den unwahrscheinlichen Plot ausgleichen kann: kein Highlight des Genres aber nie langweilig.
Donald E. Westlake – Mafiatod weiterlesen

Thórarinsson, Árni (Thorarinsson, Arni) – Todesgott

Ein kleiner Tapetenwechsel kann doch eigentlich niemandem schaden. Das sieht Einar, der Held aus Árni Thórarinssons Krimi „Todesgott“, allerdings ein wenig anders. Er wird von seinem eingebildeten Chefredakteur ins ländliche Akureyri versetzt, um die dortige Lokalredaktion voranzubringen, und ist nicht gerade glücklich darüber. Die Provinz nervt ihn, die Artikel über Schulaufführungen und Straßenbefragungen ebenfalls. Nur gut, dass die Kleinstadt weit weniger langweilig ist, als Einar erwartet hat …

Alles beginnt damit, dass Einar über den Unfalltod der Frau eines Süßwarenunternehmers zu berichten hat. Die Tote ist bei einem Betriebsausflug aus einem Boot gefallen und ertrunken. Sie war vollgepumpt mit Medikamenten und man sagt ihr nach, sie wäre depressiv und tablettenabhängig gewesen. Niemand glaubt an einen unnatürlich Tod bis auf die Mutter der Verunglückten. Sie lebt im Altersheim und wird von allerlei Zipperlein geplagt. Einar kann ihr den Gefallen nicht abschlagen und beginnt, sich um die Geschichte zu kümmern.

Etwa zur gleichen Zeit verschwindet der Gymnasiast Skarphéinn. Er sollte die Hauptrolle im Theaterstück der Schule spielen und wird wenig später ermordet auf einer Müllkippe gefunden. Einar nutzt seine Kontakte zur örtlichen Polizei und versucht, dem Täter selbst auf die Spur zu kommen. Dies gestaltet sich nicht unbedingt einfach, denn Skarphéinn war unglaublich beliebt, scheint keine Feinde zu haben. Doch Einar, dem in der Provinz sowieso langweilig ist, lässt sich nicht kleinkriegen. Er wirbelt ordentlich Dreck auf, was ihn mehr als einmal beinahe den Kragen kostet …

„Todesgott“ lebt vor allem durch die Hauptperson Einar. Dieser berichtet aus der ersten Person und reichert seine Sichtweise mit einem guten Schuss Humor an. (Selbst-)Ironisch und um keine Sprachspielerei verlegen führt er den Leser durch die Geschichte und bügelt dabei einige Schwächen in der Handlung aus. Einars Bemerkungen über Land und Leute erheitern immer wieder, genau wie die häufige Verwendung von Metaphern. Der Autor tut sich und dem Leser den Gefallen, die Sprachbilder nicht zu bemüht zu gestalten, sondern sehr elegant und sie ganz unbeschwert einzuflechten. Einars Büro wird dementsprechend immer nur als „der Schrank“ betitelt. Den Papagei, den Einar zusammen mit seiner Wohnung gemietet hat, bezeichnet der Journalist immer wieder als seine Frau, was zu der einen oder anderen lustigen Situation führt.

Die Geschichte selbst orientiert sich weniger an der Bezeichnung Krimi. Vielmehr folgt sie Einars Alltag, in den zufällig ein, zwei Leichen integriert sind. Das ist auf der einen Seite originell, auf der anderen aber nicht immer spannend. Wer es gerne von vorne bis hinten schlüssig und stringent mag, der wird an „Todesgott“ nur wenig Freude haben. Dafür ist das Buch zu zerfasert und konzentriert sich zu stark auf Einar. Einige Nebenhandlungen sind überflüssig, und wenn man den eigentlichen Kriminalfall einmal genauer betrachtet, ist dieser auch nicht besonders gelungen. Allerdings kommen all diese Negativpunkte nicht gegen den guten alten Einar an. Sein Humor, sein lustiger Erzählstil und sein sympathischer Charakter sorgen dafür, dass man „Todesgott“ trotzdem gerne liest, auch wenn die Handlung an der einen oder anderen Stelle vielleicht hinkt.

Man darf das jetzt aber nicht falsch verstehen. Der Roman von Árni Thórarinsson ist kein schlechtes Buch. Einar ist ein Protagonist, wie man ihn selten findet, und Thórarinssons Schreibstil ist nicht zu verachten. Die Handlung ist zwar nicht immer gelungen, aber Handlung alleine macht noch kein gutes Buch. „Todesgott“ punktet in anderen Bereichen, und dort nicht zu knapp. Wer es gerne witzig und originell mag, der ist mit diesem Buch mehr als gut beraten.

|Originalitel: Tími nornarinnar
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
413 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3-426-19743-1|
http://www.droemer.de

Villatoro, Marcos M. – Mania

FBI-Agentin Romilia Chacón erlebt in „Manía“ nicht den ersten persönlichen Schicksalsschlag. In [„Minos“, 2626 dem zweiten Band der Reihe um die temperamentvolle Agentin, brachte sie den Mörder ihrer Schwester zur Strecke, nun hat sie es mit dem Killer ihres ehemaligen Liebhabers Chip Pierce zu tun – und mit Tekún Uman, einem Drogenbaron, der in ihr die Liebe seines Lebens sieht.

Romilia ist schockiert, als sie nur wenige Stunden, nachdem sie bei Chip war und seinen Heiratsantrag abgelehnt hat, einen Anruf ihrer Chefin erhält. Ihr Liebhaber und Mentor wurde in seinem Haus ermordet und sie war vermutlich die Letzte, die ihn gesehen hat. Alle Indizien weisen darauf hin, dass Tekún Uman, der Drogenboss, Pierce ermordet hat. Uman hat eine Vorliebe für Giftpfeile und Pierce wurde mit einem getötet.

Außerdem hätte Uman auch ein Motiv. Es ist ein offenes Geheimnis in FBI-Kreisen, dass der Dealer schwer in Romilia verliebt ist und jeder glaubt an ein Eifersuchtsdrama. Jeder – bis auf Romilia. Diese ist sich ihren Gefühlen gegenüber Uman zwar nicht sicher, doch sie weiß, dass er nicht so gehandelt hätte. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass er ihr jetzt sympathischer ist. Als er sie entführen lässt, weil er sie in Gefahr wägt, wird Romilia sogar richtig sauer. Trotzdem hilft sie ihm, Chips Mörder zu suchen und damit den Mann, der Uman ins Verderben stürzen will. Doch wer ist der Täter? Und welche Verbindungen hat er zu einer Sekte fundamentalistische Christen, die bereits einen Bombenanschlag in LA zu verantworten hat?

Fundamentalistische Christen und südamerikanische Drogenbarone – diese Mischung klingt auf den ersten Blick kurios. Auch wenn die beiden Ereignisse anfangs etwas orientierungslos nebeneinander stehen, verbinden sie sich gegen Ende zu einem zumindest befriedigenden Kriminalfall. Wohltuend ist, dass Villatoro nicht noch einmal das Motiv des Serienmörders aufgreift, aber die Handlung ist letztendlich nur mäßig spannend. Einige Dinge werden zu schnell abgehandelt, die Lösung des Falls hätte durchaus länger und verdichteter sein können. Trotz einiger seichter Stellen kommt aufgrund des flotten Tempos keine Langeweile auf, allerdings ist negativ anzumerken, dass „Manía“ ohne Vorwissen der beiden Vorgängerbände nur schwer zu verstehen ist. Einige der Handlungsstränge, die in [„Furia“ 3870 und „Minos“ ihren Anfang nahmen, werden konsequent und sauber weitergeführt. Davon hat der Fan zwar viel – und Villatoro etabliert eine tolle Krimireihe -, es erschwert aber den Quereinstieg.

Nach wie vor fantastisch ist Villatoros Serienheldin Romilia Chacón, die mit ihrer Mutter und ihrem achtjährigen Sohn mittlerweile in L.A. lebt und FBI-Agentin geworden ist. Die temperamentvolle junge Frau ist ruhiger geworden, nachdem sie Minos, den Mörder ihrer Schwester, zur Strecke gebracht hatte, was ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens war. Trotzdem gehen manchmal die Pferde mit ihr durch und Villatoro weiß dies so zu beschreiben, dass man es ihm abkauft und Romilia ins Herz schließt.

Romilia ist gleichzeitig eine sehr nachdenkliche und wagemutige, anpackende Person, was der Handlung neben ruhigen auch einige actionreiche Momente verschafft. Ihre Herkunft aus El Salvador wird sehr häufig thematisiert und beschäftigt sie alltäglich. Dadurch wird ihr Charakter sehr farbig und lebendig, für die meisten deutschen Leser vermutlich auch exotisch. Romilia hebt sich angenehm ab von aalglatten, erfolgreichen und beinahe perfekten Heldinnen vieler amerikanischer Krimis und Thriller. Sie ist bodenständig, gehört einer ethnischen Minderheit an und überrascht dadurch, dass sie die Grautöne, die bei einer Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere gerne außer Acht gelassen werden, besonders gut zum Klingen bringt.

Mit Marcos M. Villatoros Schreibstil verhält es sich ähnlich wie mit seiner Protagonistin. Abgesehen von kurzen Einschüben, die Tekún Umans Sicht der Dinge widerspiegeln, erzählt er aus Romilias Perspektive in der ersten Person. Er wählt dazu nüchterne Worte, die eine unaufgeregte, manchmal düstere, aber nie hoffnungslose Stimmung erzeugen. Er schreibt unglaublich dicht und nah an der Hauptperson. Für den Leser ist es so, als ob er direkt in Romilias Kopf säße und sie bei ihren Abenteuern hautnah begleite. Er kann sich mit der jungen Frau identifizieren, was mit dazu beiträgt, dass die Reihe so gelungen ist.

„Manía“ hat vielleicht keine perfekte Handlung zu bieten, aber Hauptfigur und Schreibstil sorgen dafür, dass der Leser sich auch in den dritten Band der Reihe um Romilia Chacón verliebt.[„Minos“ 2626 ist nach wie vor der ungeschlagene Toptitel von Marcos M. Villatoro, doch „Manía“ ist ein würdiger Nachfolger.

|Originaltitel: A Venom Beneath the Skin
Aus dem Amerikanischen von Sigrun Zühlke
Taschenbuch, 318 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-63967-2|
http://www.knaur.de

_Marcos M. Villatoro bei |Buchwurm.info|:_

[„Furia“ 3870
[„Minos“ 2626

Harry Carmichael – Geflohen aus Dartmoor

Ein flüchtiger Gefangener will nach einem letzten erfolgreichen Coup aussteigen, doch seine Pläne zerschlagen sich sämtlich: Er ist verdammt, sein Schicksal wird ihn richten … – Konventioneller Krimi mit recht penetranter „Crime-doesn’t-pay!“-Moral, der in seinem letzten Drittel eine überraschende Wende nimmt und an Tiefe gewinnt: kein Klassiker, nur angetrocknetes Lesefutter.
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Cortez, Donn – Closer

_Das geschieht:_

Vor drei Jahren hat ein Serienkiller die gesamte Familie des Kunstmalers Jack Salter auf grausamste Weise ausgelöscht. Der ist daraufhin zum unerbittlichen Rächer mutiert. Er sucht den Unhold, doch in dem Wissen, dass noch viele andere Mörder ihr Unwesen treiben, hat Jack seinen Rachefeldzug auf alle in den USA und Kanada aktiven Psychopathen ausgeweitet. Er jagt sie systematisch, lockt sie in die Falle und sperrt sie in seinen privaten Folterkeller. Dort müssen sie ihm ihre Untaten gestehen. Mit der Leiche des schließlich getöteten Mörders werden die dabei entstehenden Tonaufnahmen der Polizei zugespielt.

Die Medien, die Gesetzeshüter und die Angehörigen der Mordopfer haben Jack längst ins Herz geschlossen, da er die Monster auslöscht, die man auf legale Weise oft kaum dingfest machen kann. Mann nennt ihn den „Closer“, denn Jack sorgt dafür, dass die Akten der Mörder geschlossen werden können.

Jack ‚arbeitet‘ auch deshalb so effektiv, weil er sich auf die Unterstützung der Prostituierten Nikki verlassen kann, der er einst das Leben rettete. Gemeinsam haben sie bereits diverse Serienkiller gestellt und ausgeschaltet. Jetzt steht Jack vor seiner größten Herausforderung: Er konnte die geheime „Jagdrevier“-Website infiltrieren, die Webmaster „Dschinn-X“ als Netzwerk für Serienmörder eingerichtet hat. Hier können sie als „Rudel“ miteinander kommunizieren, mit ihren Gräueltaten prahlen und ‚Jagdtipps‘ austauschen.

Wenn Jack die Nicknames der Teilnehmer entschlüsselt, kann er auf einen Schlag ein halbes Dutzend äußerst erfolgreicher Killer eliminieren. Darunter ist auch der „Patron“, in dem Jack den Mörder seiner Familie erkennt. Er gibt sich als „Dschinn-X“ aus und versucht seine Gegner zu täuschen und auszuspionieren. Doch die sind misstrauisch und sehr gewieft, wenn es um ihre Sicherheit geht. Nikki macht sich zudem Gedanken über Jacks psychische Verfassung. Die grausamen Folterverhöre haben ihre Spuren hinterlassen. Ist Jack noch der objektive Rächer, oder hat er das Lager gewechselt und ist selbst zum Lustmörder geworden …?

_Wenn schon, denn schon …_

Verkaufsbewährte Namen und grell angepriesene Unbekannte dominieren den deutschen Krimi-Buchmarkt. Gemeinsamer Nenner ist viel zu oft die mittelmäßige Qualität dieser Elaborate. Man muss wirklich entschlossen sein und über die Fähigkeit verfügen, Enttäuschungen gleich im Salventakt an der Leserseele abprallen zu lassen, will man in diesem Einheitsbrei nicht nur rühren, sondern etwas wirklich Lohnendes gleich Lesenswertes finden.

Wobei „lesenswert“ ja nicht unbedingt „neu“ oder gar „originell“ bedeuten muss. Beide Attribute kann Donn Cortez für „Closer“ sicher nicht beanspruchen. Das lässt sich aber selten so gut verschmerzen wie in diesem Fall. „Closer“ ist Handwerk pur und fern jeder klassischen Qualität, wie das diejenigen, die zwischen ‚Schund‘ und ‚Literatur‘ zu differenzieren pflegen, nur zu gern und angewidert bestätigen werden. Aber „Closer“ macht Spaß. Selten liest man einen Thriller, der nicht nur als Pageturner konzipiert wurde, sondern diesen Anspruch auch erfüllen kann. Dabei hat Donn Cortez im Grunde nur zwei bewährte Regeln beherzigt: Beherrsche deinen Job – das Schreiben – und gib dort Gas, wo die Wankelmütigen zaudern.

Der Vigilant mit seinem Drang zur Selbstjustiz gehört nicht nur in den USA zum festen Inventar der Unterhaltungsmedien. Zu verlockend ist der Gedanke, auf dem Weg zum ‚gerechten‘ Urteil eine Abkürzung zu nehmen, das scheinbar notorisch liberale und auch den überführten Übeltäter schützende Gesetz zu umgehen und die Strafe als Rache zu zelebrieren: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Selten wird dieses Prinzip so kompromisslos durchgespielt wie in „Closer“. Cortez arbeitet wie der Regisseur eines Horror-B-Movies mit intensiven Splatter-Einlagen. Zwar schwelgt er nicht in Blut & Gedärmen, doch er beschränkt sich nicht auf Andeutungen: Wenn Jack und das „Rudel“ foltern, dann erfahren wir, was sie ihren Opfern antun.

_Unter Blut und Schweiß kaum auseinanderzuhalten_

Das geschieht nicht (nur) als Service für die Fans des aktuell beliebten Folter-Pornos à la „Saw“ oder „Hostel“. Tatsächlich beschreibt Cortez ’nur‘ den entsetzlichen „Bind-Torture-Kill“-Alltag realer Serienkiller und lässt diese zusätzlich darüber reflektieren. Wenn die plakativen Sitzungen ausführlicher Foltersitzungen auszuufern drohen, ersetzt Cortez sie lieber durch fiktive ‚Essays‘, in denen „Dschinn-X“, „Gourmet“, „Patron“ oder „Road-Rage“ über ihren ‚Job‘ philosophieren. Das Entsetzen speist sich aus dem sachlichen Tonfall, in dem sie über schauerlichste Gräuel diskutieren.

Auf einer zweiten Handlungsebene ist „Closer“ die mindestens ebenso dramatische Höllenfahrt eines Mannes, der dem folgenschweren Irrtum unterliegt, er könne seinen inneren Frieden wiederfinden, indem er die Welt von ihren Dämonen befreit. „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Dieser berühmte, fast schon zur Plattitüde verkommene Aphorismus Friedrich Nietzsches (Nr. 146; „Jenseits von Gut und Böse“, 1886) trifft den Nagel auf den Kopf. Jack hat die Grenze womöglich überschritten. Diese Frage stellt sich stellvertretend für den Leser Nikki, die nicht nur Jacks Partnerin bei der ‚Jagd‘ ist, sondern auch die Stimme der Vernunft verkörpert, für die Jack taub geworden ist. Wenn er foltert, dann wendet er die Methoden seiner Gegner an. Dabei bedient er sich der gleichen ‚Argumente‘ wie seine Gefangenen, wenn diese ihre Taten rechtfertigen. Kein Wunder, dass Nikki Schwierigkeiten hat, zwischen dem gleichermaßen mit Blut bespritzten Täter und seinem Opfer zu unterscheiden, wenn sie in Jacks Folterkeller schaut.

Die Ambivalenz des Mannes Jack, der im Grunde als Sympathiefigur dargestellt ist, wird von Cortez vorbildlich in den Dienst seiner Geschichte gestellt. Die Sprache ist nüchtern, kein Zeigefinger wird erhoben, keine Kompromisse werden gemacht; es wird erklärt, aber nicht gewertet. Eine literarische Verfremdung der grausigen Fakten findet nicht statt. Dem Leser wird kein Hintertürchen gelassen.

Prompt und vom Verfasser natürlich methodisch geweckt, stellt sich Unbehagen ein. Man wird zum Voyeur gemacht und muss Stellung beziehen: Ist es nicht ‚richtig‘, dass eingefleischte Psychopathen, die dem Gesetz und seinen Hütern viel zu oft durch die Finger schlüpfen, schlicht ausgerottet werden? Cortez verdeutlicht den Preis der Selbstjustiz, und das macht er besser als jeder predigende Gutmensch.

_Mit dem Bleifuß auf dem Spannungspedal_

Im Vordergrund steht für Cortez die Geschichte. Die ist beispielhaft geplottet, weil stringent, rasant und dabei doch voller Überraschungen. Wenn Jack sich gleich mit mehreren Serienkillern anlegt, hat er, den Cortez erfolgreich als extrem organisierten und deshalb so erfolgreichen „Closer“ dargestellt hat, sich eindeutig übernommen. Das Schiefgehen eines ausgeklügelten Racheplans ist Klischee, aber so geschickt, wie hier variiert, beschert er einem Roman zuverlässig zusätzliche Spannungsschübe. Cortez wird im Finale möglicherweise zu theatralisch mit „Patrons“ Rechtfertigung seiner Schandtaten als Katalysator einer monströsen und buchstäblichen „art pour l’art“; hier orientiert sich Cortez unnötig am genialischen Metzel-Vorbild Hannibal Lecter.

Die Idee einer Website für Serienkiller ist so ‚logisch‘, dass sich tatsächlich die Frage stellt, wieso oder ob es so etwas nicht schon gibt. Schon erwähnt wurde, dass Cortez auch hier die ‚richtigen‘, d. h. erschreckenden Worte findet, wenn er seine Psychopathen chatten, über das Für und Wider verschiedener Mordmethoden beraten oder über frustrierende ‚Betriebsunfälle‘ klagen lässt. Dieser Wahnsinn hat Methode. Das lässt ihn sehr real wirken.

„Closer“ ist trotz der Geschwindigkeit, mit der die Ereignisse ablaufen, durchaus keine Hetzjagd von Mord zu Mord. Es gibt Ruhephasen, die vor allem der Erläuterung und Informationsvermittlung dienen. Sie sind sorgfältig in den Erzählfluss eingebettet. Nicht selten sprengen sie dessen Chronologie. Nicht einmal die Einleitung bleibt ohne Zeitsprünge. Was dort geschieht, wer Jack und Nikki sind und wer wen jagt, bleibt zunächst unklar. Nicht nur unsere beiden Hauptfiguren, sondern auch ihre Gegner lernen wir erst ‚bei der Arbeit‘ kennen.

Im letzten Drittel rückt Jacks Erkenntnisprozess in den Vordergrund. Er stellt sich endlich der Frage, ob „Closer“ womöglich der Spitzname eines weiteren Serienkillers geworden ist. Die Antwort fällt erneut anders aus als erwartet. Im Anschluss demonstriert Cortez, wie man den Leser mit einer ganzen Kette infam eingefädelter Schlusstwists von einer Verwirrung in die nächste stürzt: Die wahre Identität des „Patrons“ wird erfolgreich so spät wie möglich gelüftet.

Diese Tour-de-Force leitet gleichzeitig ein Happy End ein, das man nur tragisch, aber nochmals konsequent nennen kann. Es komplettiert einen Thriller, dessen Ökonomie vorbildlich ist. 400 Seiten benötigt Cortez für seine Geschichte. Sie werden mit einer Geschwindigkeit umgeblättert, die sogar den erfahrenen Leser überraschen dürfte …

_Autor_

Donn Cortez ist das Pseudonym des kanadisches Schriftstellers Don H. DeBrandt, der unter seinem Geburtsnamen Science-Fiction und Horror schreibt. „The Quicksilver Screen“, sein Romandebüt von 1992, wurde vom renommierten SF-Magazin |Locus| als Geheimtipp gehandelt. DeBrandt schrieb außerdem für |Marvel Comics|, wo er an Reihen wie „Spiderman 2099“ und „2099 Unlimited“ mitarbeitete.

Seit 2006 verfasst DeBrandt, der im kanadischen Vancouver lebt und arbeitet, Romane zur TV-Serie „CSI: Miami“. Über seine Werke informieren die Websites:

http://www.donncortez.com
http://www.sfwa.org/members/DeBrandt

_Impressum_

Originaltitel: The Closer (New York : Pocket Star Books, a division of Simon & Schuster 2004)
Übersetzung: Friedrich Pflüger
Deutsche Erstausgabe: September 2008 (Knaur Taschenbuch Verlag/TB Nr. 63703)
399 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-426-63703-6
http://www.knaur.de

Als Hörbuch: Oktober 2008 (Argon Verlag)
Sprecher: Martin Kessler
5 CDs in Brillantbox (339 min)
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-86610-548-5
http://www.argon-verlag.de

_Mehr von Donn Cortez auf |Buchwurm.info|:_

[„CSI Miami: Der Preis der Freiheit“ 5017
[„CSI Miami: Tödliche Brandung“ 5122