
In ferner Zukunft beherrschen die Lords der sogenannten „Instrumentalität“ die Erde. Die Menschen leben zumeist in geschützten Städten, mit Ausnahme der „Heillosen“, die in der Wildnis den Bestien ausgesetzt sind, und der Untermenschen unter der Erdoberfläche. Dies sind die Geschichten von Individualisten, die sich außerhalb der Komfortzone stellen, die die Lords eingerichtet und verordnet haben: Romantiker, aber auch Helden.
Der Autor
Cordwainer Smith war das Pseudonym von Paul Myron Anthony Linebarger (1913-66), einem Professor an der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität, China-Experten (er beriet die US-Regierung) und Autor eines vielbeachteten Buchs über psychologischen Kriegsführung.
Seine wichtigsten Werke:
1) You will never be the same (1963, Stories)
2) Space Lords (1965, Stories, dt. als “Herren im All“ bei Suhrkamp)
3) Under Old Earth (1970, Stories)
4) Star Dreamer (1971, Stories; dt. als “Sternträumer” bei Suhrkamp)
5) Norstrilia (1975, Roman)
6) The Instrumentality of Mankind (1978, Stories, dt. als „Die Instrumentalität der Menschheit“, Moewig 1982)
7) The Planet Buyer (1964, Roman, dt. als “Der Planetenverkäufer”, 1979))
8) The Underpeople (1968, dt. als “Die Untermenschen”, 1980))
Beide Romane wurden von Smiths Witwe leicht gekürzt unter dem Titel “Norstrilia” herausgegeben.
9) Quest of the Three Worlds (1966, Sammlung)
Deutsch: Rückkehr nach Mizzer. Übersetzt von Thomas Ziegler. Droemer Knaur (Knaur Science Fiction & Fantasy #5733), 1981, ISBN 3-426-05733-6.
10) Ria (1947, als Felix C. Forrest)
11) Carola (1948, als Felix C. Forrest)
12) Atomsk: A Novel of Suspense (1949, als Carmichael Smith)
13) The Rediscovery of Man: The Complete Short Science Fiction of Cordwainer Smith (1993)
Die Erzählungen
1) Die Frau, die in der Seele segelte (The Lady who sailed the Soul, 1963)
Helen America ist die Tochter einer Frauenrechtlerin, die den Namen des Vaters nie preisgab. Dennoch wächst helen zu einer selbstbewussten und klugen jungen Frau heran, die in einem Universum, das von der weisen „Instrumentalität“ beherrscht wird, ihren Platz sucht. Seltsamerweise denkt sie, ihre Bestimmung bestünde darin, eine Seglerin zu sein. Raumsegler, das weiß jeder, werden vom Druck des Sonnenlichts angetrieben und brauchen daher 40 Jahre, bis sie den nächsten Stern erreichen. Will Helen also ihre Jugend wegwerfen für ein Abenteuer?
Keineswegs, stellt sich bei ihrer Ankunft heraus. Sie ist 40 Jahre lang mit dem Körper eines Cyborgs gesegelt, weil sie sich verliebt hatte. Er war und ist ein Segler: Herr-nicht-mehr-Grau. Sie lernte ihn auf der Neuen Erde kennen, doch dort fühlte er sich nicht wohl. Er akzeptierte ihre Liebe, doch er dachte, er verdiene sie nicht, und wies ihren Heiratsantrag ab. Also segelte sie ihm nach. Und siehe: Als sie trotz aller Fährnisse auf seiner Welt eintrifft, so ist dies für ihn Beweis ihrer Liebe genug, und er nimmt ihren Heiratsantrag an. Und obwohl ihr Körper bereits 60 Jahre alt geworden ist, leben sie noch zusammen weitere 100 Jahre, wie üblich.
Doch selbst noch auf ihrem Sterbebett beharrt sie darauf: Er sei ihr auf dem Segel-Schiff, der „Seele“, leibhaftig auf halber Strecke erschienen, um ihr einen wertvollen Rat zu geben – und sie die restlichen 20 Jahre zu begleiten. Wer wollte, wer könnte es ihr ausreden?
Mein Eindruck
In einem geordneten Universum, in dem es keine Gefahren mehr gibt, begibt sich Helen America auf einen gewagten Segeltörn durch den Raum. Sie setzt alles für ein Ziel aufs Spiel: ihre Liebe zu beweisen und ihn wiederzusehen, den Segler, dem ihr Herz gehört. Auf einer Ebene ist dies eine sehr romantische Geschichte, doch es gab auch eine dunkle Seite: Helen muss große Schmerzen leiden und fast zu einer Maschine werden. Durch diese ausbalancierte Kombination wird aus Kitsch große Kunst.
2) Seher leben vergeblich (Scanners live in vain, 1948/1950)
In ferner Zukunft beherrschen die Lords der sogenannten „Instrumentalität“ die Erde. Die Menschen leben zumeist in geschützten Städten, mit Ausnahme der „Heillosen“, die in der Wildnis den Bestien ausgesetzt sind. Die hochentwickelte Technologie der Lords hat Raumschiffe erschaffen, die die verschiedenen Erden miteinander verbinden. Doch um die Raumschiffe gefahrlos betreiben zu können, mussten zwei neue Gattungen der Spezies Mensch geschaffen werden: die nichtintelligenten Habermänner und die intelligenten Checker.
Ein Phänomen, das „Die große Pein des Weltraums“ genannt wird, lässt Normalsterbliche während des Raumflugs sterben: Ihr Körper verkraftet die Pein nicht, die entweder radioaktive Strahlung oder Kälte oder beides sein könnte. Mit Hilfe des Habermann-Apparats werden Menschen, die sich dazu bereiterklärt haben, ihrer Organe und Haut entkleidet und diese durch künstliche Apparate und Stoffe ersetzt. Das Ergebnis dieser Umwandlung sind zunächst die Habermänner; sie steuern die Schiffe durch die große Pein, denn ihre Nerven sind tot: Sie hören, sehen, tasten usw. nur durch Apparate.
Die Checker (oder, laut der Suhrkamp-Übersetzung, Seher) sind eine Weiterentwicklung der Habermänner, denn sie verfügen erstens über die Fähigkeit, einander und Menschen von den Lippen ablesen zu können und sich in ihrer geheimen Bruderschaft mit Zeichen zu verständigen. Es gibt nicht mehr als sechs Dutzend von ihren. Außerdem steht ihnen die Methode des Cranchierens zur Verfügung, um ihre Beschränkungen zu überwinden und menschliche Gefühle zu empfinden: Sie können selbst sprechen. Leider hält dieser Sonderzustand nie länger als ein paar Stunden oder Tage an.
Martel ist Sehr Nr. 34 und als einziger der Checker verheiratet; es ist ihm gelungen, Luci in einem gecrachten Zustand der andauernden Überlastung zu freien und zur Frau zu gewinnen. Luci loiebt ihn wirklich, obwohl sie oftmals monatelang auf seine Rückkehr von einem Raumflug ins Auf-und-Hinaus warten muss. Seine engsten Freunde sind Taschang und Parizianski.
Martel hat gerade gecrancht, als ihn ein Notruf der höchsten Dringlichkeit vom Obersten Seher Vomact erreicht: Er soll in gecranchtem Zustand an einem Geheimtreffen der Checker teilnehmen. Rund 40 erstaunte Checker erfahren von Vomact, dass es einem gewissen Adam Stone, einem Menschen, gelungen sei, die „Große Pein“ auf einem Raumflug zu überwinden. Das bedeute, dass fortan Habermänner und Checker passé seien. Sofort wird der Tod dieses Mannes gefordert. Vomact lässt darüber abstimmen.
Martel ist darüber nicht nur empört, sondern auch besorgt. Was die Checker vorhaben, sei Mord, ruft er – doch keiner hört ihn. Doch was noch schlimmer sei: Die Eigenmächtigkeit der Checker greift in das rechtliche Territorium der Lords der Instrumentalität ein, und das werden diese nicht hinnehmen. Die Folge des Mordes könnte die Auflösung des Ordens der Checker sein – und sogar ihre komplette Eliminierung, als wären sie nichts weiter als dumme Habermänner!
Nur Tschang stimmt nicht für den Tod, während Martel durch Vomact für disqualifiziert erklärt wird – er sei ja gecrancht und somit unzurechnungsfähig und dienstunfähig. Parizianski wird zum Henker bestimmt und losgeschickt. Sobald man Martel wieder losgelassen hat und er mit Tschang hat sprechen können (der jede Hilfe verweigert), eilt Martel in die befestigte Stadt, um Adam Stones Leben zu retten. Wird er noch rechtzeitig am zentralen Raumhafen eintreffen, um das Verbrechen zu verhindern, das über das Schicksal von Welten entscheidet?
Mein Eindruck
Das Universum der Instrumentalität, das Cordwainer Smith erschuf, hat nicht Seinesgleichen, und deshalb erfordert es erst einmal ein wenig Mühe, sich hineinzufinden. Wir sind heute allerdings daran gewöhnt, in Begriffen wie Robotern, Androiden oder Replikanten zu denken, weil Philip Dick und Isaac Asimov diese Bereiche erschlossen haben. Deshalb ist eine Umstellung nötig, um uns „Habermänner“ als Roboter und „Checker“ als Androiden vorzustellen. Selbst wenn dies sehr ungenaue Übereinstimmungen sind, können sie doch als Einstieg in die Vorstellungswelt dienen.
Eine ganze Weile war mir allerdings der Unterschied zwischen Habermännern und Checkern nicht klar, bis nach etlichen Seiten eben diese Unterschiede aufgelistet wurde – natürlich nicht fein säuberlich als Checkliste, sondern mitten im Erzähltext. Und ich hoffe, ich habe alles richtig verstanden. Auch der Begriff der „Großen Pein“ ist schwammig und nur durch Vermutung zu erschließen. Merkwürdig, dass eine so fortschrittliche Technik wie die des überlichtschnellen Raumflugs (sondern würden die Flüge Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern!) nicht in der Lage ist, solchen Phänomenen auf den Grund zu gehen.
Mitten in der Versammlung der Checker hatte ich den Eindruck, dass es eigentlich keine Handlung im üblichen Sinne gibt. Doch das stellte sich zum Glück als Irrtum heraus, denn der unabdingbare Konflikt, der eine Handlung antreibt, entsteht im Verlauf dieser Versammlung, bis sich am Schluss Martel zum Verrat entschließt. Das Finale ist geprägt von Erkenntnis und Konfrontation, wie es sich gehört. Dadurch gerät die ungewöhnliche SF-Story – der Autor bot sie den führenden Magazinen seiner Zeit vergeblich an – doch noch in ein zufriedenstellendes Fahrwasser.
Hinweis: „Checker sind passé“ ist Teil 2 des Story-Zyklus „Sternenträumer“, der bei Suhrkamp als Taschenbuch komplett vorliegt. Bei Suhrkamp heißt die Geschichte „Seher leben vergeblich“ und ist sehr stilvoll und fehlerfrei übersetzt.
3) Das Spiel „Ratte und Drache“ (The Game of Rat and Dragon, 1955)
Die Erde der Zukunft wird von der „Instrumentalität“ gesteuert und schickt ihre Kolonisten- und Handelsschiffe hinaus zu anderen Welten. Doch die Menschheit befindet sich im Krieg. Die Gegner sind die Aliens, die unversehens aus den Tiefen des Raums und der Zwischendimensionen auftauchen. Sie hinterlassen Tod oder Wahnsinn unter den Passagieren der Schiffe.
In einem Rüstungswettlauf entwickelte die Menschheit Waffen und Taktiken, um den Angriffen der „Drachen“ zu begegnen. Die Geschütze sind mit Laser und einer Art Photonuklearbombe ausgestattet, doch der Schuss muss innerhalb von Millisekundenbruchteilen erfolgen. Dazu sind nur Telepathen in der Lage. Sie steuern das Geschütz: Sie sind die Lichtschützen.
Aber sie brauchen Hilfe, um die Langsamkeit des menschlichen Gehirns auszugleichen. Diese Hilfe bieten die „Partner“, freundliche Kreaturen. Sie sind uns als Katzen bekannt. Nunmehr herrscht Zuversicht unter den Menschen, die meisten Angriffe abwehren zu können. Doch der Dienst der Lichtschützen ist hart: Underhill und Woodley brauchen nach einer halben Stunde im Gefecht erstmal zwei Wochen Urlaub.
Und wieder einmal zieht Underhill ins Gefecht, begleitet von seiner Partnerin Lady May. Ein Kampf auf Leben und Tod…
Mein Eindruck
Das Besondere an dieser bekannten Story ist weniger die entworfene Zukunft oder die Idee, Katzen als telepathische Kampfgefährten einzusetzen, sondern vielmehr die Verbindung aus Aktion und Gefühl. Bevor die Aktion beginnen kann, durchlaufen Underhills Gefühle eine ganze Skala von Nuancen, so dass man keinesfalls von einem physischen Kampfgeschehen sprechen kann. Kampf ist vielmehr eine spirituelle Erfahrung. Diese teilt der Mensch mit einem anderen Lebewesen. Dass dies eine Katze ist, ist ein notwendiger Vorteil.
Am Schluss erfährt man den hohen Preis, den der Mann zahlt. Keine lebende Menschenfrau kann sich mit dieser Partnerin vergleichen. Folglich hassen die Menschenfrauen die Katzen. Und da der Mann weder das eine noch das andere bekommt, ist der ultimative Preis Einsamkeit.
4) Das ausgebrannte Gehirn (The Burning of the Brain, 1959)
Die Zeit der Raumsegler ist vorüber, nun werden interstellare Go-Schiffe von telepathischen Kapitänen mit Willenskraft gesteuert. Magno Tagliano ist so ein Kapitän, und es gab nie einen fescheren und vertrauenswürdigen. Doch gerade ihm stößt das größte vorstellbare Unglück zu: Er strandet zwischen den Sternen im Nirgendwo. Und mit ihm sämtliche Passagiere des Luxusliners.
Seine Frau Dolores Oh ist insofern ungewöhnlich, als sie keines der Verjüngingsmittel nehmen will, sondern gemäß ihrem tatsächlichen biologischen Alter aussieht: „Eine Vogelscheuche“, denkt ihre junge, knackige Nichte Dita, die mitfliegt. Wie sich herausstellt, gibt es einen Funken Hoffnung. Wenn Magno Tagliano die Erinnerung an Sternpositionen aus dem Präkortex seines Gehirns holt, so verliert er zwar laufend Gehirnzellen, doch er könnte das Schiff in bewohnte Gegend zurücksteuern. Dolores und Dita helfen ihm dabei.
Und so kommt es, dass er wie weiland Helen America und Herr-nicht-mehr-Grau ein großes Opfer bringt, um der Liebe seines Lebens nahe zu sein…
Mein Eindruck
Ähnlich wie die Geschichte von Helen America ist auch diese Erzählung sehr romantisch. Doch statt auf körperlicher Ebene spielt sich hier das Drama auf telepathisch-geistiger Ebene ab. Anders als erwartet ist nicht Dolores Oh die sich aufopfernde Heldin, sondern ihre junge Nichte Dita.
Da sich die Handlung auf einer sehr abstrakten Ebene, eben Telepathie, abspielt, ist die Vorstellungskraft des Lesers in besonderem Maß gefordert.
5) Alpha Ralpha Boulevard (dito, 1961; auch als „Die Weissagung des Abba-Dingo“)
14.000 Jahre in der Zukunft hat die Instrumentalität alles geregelt. Doch unter Lord Jestocost und Lady Alicia More (aus der Story „Die Ballade von der verlorenen K’mell“ von 1965) ändert sich einiges. Die Tasmanier bekommen die Cholera zurück, und auch andere Bürger dürfen der fernen Vergangenheit teilhaftig werden. So kommt es, dass sich Paul und Virginie, seine große Liebe, zu Franzosen des 20. Jahrhunderts ummodeln lassen. Sie sprechen „Altfranzösisch“ und haben ihre Gemeinsprache vergessen.
Das bringt einige unverhoffte Probleme mit sich. Als sie sich auf eine untere Ebene zu den Homunkuli und Tiermenschen begeben, versteht man dort ihre telepathischen Befehle nicht mehr. Wenigstens rettet sie die Katzenfrau K’mell (s.o.) vor dem Schlimmsten. In einem französischen Café „Zur fettigen Katze“ lernen sie einen Kellner aus dem Elsass kennen.
Dieser bringt Virginie auf einen Gedanken und ein Vorhaben, das sich als verhängnisvoll erweisen soll: ein Spaziergang über den verruchten Alpha Ralpa Boulevard, der neun Kilometer hinauf zu Virginies Ziel führt: dem Abba-dingo, dem antiken Computer mit der Orakelfunktion. Dieser hat ihr vorhergesagt, sie werde hier mit Paul sein – vor zwölf Jahren…
Mein Eindruck
Der Boulevard ist keine gewöhnliche Straße: Er führt steil in die Höhe, und zwar neun Kilometer. Hier ist alles möglich, das die Lords abgeschafft haben: Freiheit, Angst, aber auch Tod. Dieser exotische Zustand, der für uns Alltag ist, erscheint Paul und Virginie wie ein Albtraum. Kann dies real sein? Es gibt nicht mal Essen und Trinken, wenn man einen Laternenmasten anspricht oder darauf schlägt…
Der Computer ist tatsächlich ein Orakel. Er widerholt seine Prophezeiung, die er seinerzeit gegenüber Viriginie gemacht: Sie will herausfinden, ob sie eine Marionette der Lords oder doch ein freies Wesen mit eigenem Willen ist. Dazu ist sie hergekommen, auf diesen verrückten Trip. Die Antwort bestätigt ihre Freiheit. Doch der Preis ist hoch. Paul bekommt nämlich eine ganz andere Antwort: „Du wirst Virginie noch 21 Minuten lieben.“ Die verschweigt er ihr zwar natürlich, aber das Schicksal ist nicht azuhalten.
„Boulevard“ ist eine tolle, verrückte und ungestüme Geschichte, die man unbedingt zweimal lesen sollte, um alle Details würdigen zu können.
6) Denk blau, zähl bis zwei (Think Blue, Count Two, 1962)
In direkter Fortsetzung zu Helen Americas Abenteuer (siehe oben) spielt auch diese Geschichte an Bord eines Raumseglers. Der Segler hat das Ziel „Wereld Schemeningen“ und bringt auf Wunsch der Siedler lauter SCHÖNE Menschen zu ihnen. Wiesi ist so ein schöner Mensch: ein 15-jähriges Mädchen, das auf der Alten Erde als die Schönste der Schönen bezeichnet worden wäre, gabe es eine Modelshow dafür.
In weiser Voraussicht und aus leidvoller Erfahrung ist Wiesi auf besondere Weise psychologisch präpariert worden, sollte irgendetwas schiefgehen. Und tatsächlich geht etwas nach rund 320 Jahren schief: Der Pilot (siehe Helen America) fällt aus, ob durch Selbstmord oder Herzinfarkt ist unerheblich. Die Maschinen veranlassen, dass zwei der 30.000 Passagiere aus ihrem Kälteschlaf geweckt werden. Trece und Talatashar stellen fest, dass sie die Roboter, die das zerrissene Segel – es ist mehrere tausend Quadratkilometer groß – reparieren sollen, nicht allein programmieren können. Also wecken sie Wiesi. Doch was kann sie? Rein gar nichts. Da rastet Talatashar aus.
Der Auslöser für seinen Wahnsinn ist aber nicht die Aussicht auf einen nahen Tod, sondern sein Hass auf alle Mädchen – Mädchen wie Wiesi. Nachdem er Trece ausgeschaltet hat, will er nun auch das wehr- und ahnungslose Mädchen leiden lassen und schließlich töten. Als sich Wiesi schließlich mit dem eigenen Tod konfrontiert sieht, tritt ihr eingebauter Verteidigungsmechanismus in kraft. Sie sagt im Geiste einen eingeprägten Merkspruch auf:
„Lässt ein Mann dir keine Ruh,
Schöne Frau,
Dann denk blau,
Zähl bis zwei,
Und such dabei
Die roten Schuh.“
Ein virtueller Mann tritt auf einmal aus dem äußeren Weltraum ins Raumschiff und schwingt eine virtuelle Peitsche. Doch der blutige Striemen, der auf Talatashars Handgelenk erscheint, ist alles andere als virtuell, sondern sehr real. Wie kann das sein? Ist Wiesi nun gerettet – oder wird alles nur noch schlimmer?
Mein Eindruck
Man merkt, dass hier ein Meister der psychologischen Konditionierung erzählt. Der Autor wusste bestimmt alles über posthypnotische Befehle und Gehirnwäsche. Um darüber Bescheid zu wissen, musste er erst einmal lernen, wie der menschliche Geist und vor allem das Unterbewusstsein funktionieren. Nicht nur nach Freud, sondern ganz allgemein.
Es ist sicher kein Zufall, dass der verunstaltete Talatashar sich an einem Mädchen rächen will, aber wofür? Und deshalb ist es kein Zufall, dass seine virtuelle Mutter auftritt und ihm die Meinung geigt. Das bringt ihn wieder zur Vernunft. Aber woher kommen der geheimnisvolle Mann mit der Peitsche und später der Raumschiffkapitän?
Diese Avatare – also computergenerierte Abbilder – werden von einer kleinen Box erzeugt, die ein psychologischer Wächter vor dem Abflug installiert hat. Und zwar an einem Ort, an dem Talatashar, der alle Psycho-Kontrollboxen inklusive seiner eigenen über Bord geworfen hat, nicht nachschauen würde. (Psycho-Kontrollboxen sind obligatorisch in der Kultur, die von den Lords der Instrumentalität kontrolliert wird. Alles andere würde uns doch sehr wundern.)
Wiesi lernt, dass Talatashar nicht mehr er selbst ist, sondern von einer dunklen Macht in seinem tiefsten Innern gesteuert wird. Sobald diese Macht in mehreren Szenen zurückgedrängt worden ist, kommt sie auch wieder mit ihm aus. Schließlich wandern sie gemeinsam auf Wereld Schemeningen ein. Die Romantik hat also auch in dieser Story eine bittere Seite, wie so häufig bei Smith.
7) Unter der alten Erde (Under Old Earth, 1966)
„Es gibt zuviel Glück unter den Menschen“, behauptet Lord Sto Odin. Seine Mit-Lords und -Ladys protestieren, denn war es nicht von Anfang an das hehrste Ziel der Instrumentalität, den Menschen das Gkück zu bringen? Schon, meint der betagte Lord, der nur noch 77 Tage zu leben hat, aber die Menschen sterben aus: Es mangelt ihnen an Energie und Vitalität, um Kinder in die Welt zu setzen. Solche Eigenschaften finde man hingegen in der „Region“, in der verbotenen Unterwelt, bei den Tiermenschen. Und deshalb werde er sich jetzt dorthin begeben, um herauszufinden, warum das so ist und ob es dort Hoffnung gibt. Wieder sind die Kollegen entsetzt. Aber wer kann den ältesten lebenden Lord daran hindern, zu tun, was er will?
Zwei Robot-Legionäre tragen den greisen Lord in einer Sänfte in die Tiefe der „Region“. Flavius, ein Geheimhistoriker, und Livius, ein General und Psychiater, haben die psychischen Eigenschaften zweier Menschen aus uralter Zeit geerbt, aber sie wissen auch über die „Region“ Bescheid. Dort gebe es einen „Gott“, und sein Name sei Echnaton, der „Sonnenjunge“. Er verehre die Sonne als göttlich. Interessant, meint Lord Sto Odin. Er fordert seine Träger auf, seine Ichpuppe aufzustellen: Dieser Replik überträgt er seine Schmerzen. Weiter geht’s.
In der tiefsten Tiefe gelangt der Lord vor ein rieisges, gotisches Portal. Es wird von einer unbekleideten und haarlosen jungen Frau bewacht. Sie nennt sich Santuna, die Geliebte des Sonnenjungen. Sie ist frustriert, denn ihr Geliebter tanzt seit Tagen zu unirdischen Rhythmen. Die Macht, diese Rhythmen zu dirigieren, verleiht ihm ein Quantum außerirdisches Metall namens Congohelium, das er um den Oberarm trägt. Der Lord weist Santuna an, das Weite zu suchen, denn gleich würde es hier zu einigen Veränderungen kommen. Der Roboter Livius bringt sie an die Oberfläche. Flavius hingegen macht seine Waffen bereit.
Kaum tritt der Lord unter den Torbogen, erstarrt sein Körper unter dem Einfluss der wilden Musik und des Congoheliums. Der Tänzer wird auf ihn aufmerksam und beginnt, sich mit ihm zu befassen. Er ahnt wohl nichts von der Gefahr, in der er schwebt…
Mein Eindruck
Diese Erzählung unterscheidet sich nicht nur durch die doppelte oder dreifache Länge von den anderen in diesem Band, sondern auch durch den langsamen, geradlinigen Aufbau. Dieser Struktur fordert vom Leser viel geduld und eine lange Aufmerksamkeitsspanne. Der Lord trifft nämlich eine Unmenge von Vorbereitungen für die Begegnung mit dem Räuber des gefährlichen Congoheliums, dem Tänzer und Sonnenjungen.
Die Verbindung zwischen dem Tänzer und dem Lord scheint lange zurückzuliegen. Der Junge kommt von den exzentrischen Douglas Ourang-Welten, und der Lord hatte seinerzeit vor ihnen gewarnt du sie abschotten wollen. Läuft ihre Begegnung nun auf eine Vergeltungsaktion hinaus? Das ist mir nicht ganz klar geworden, ebenso wie die Natur jenes Wesens, das sich des Tänzers bedient, um mit dem Lord in Kontakt zu treten. Es erscheint nie, als wäre es ein Marionettenspieler.
Wie auch immer: Es kommt zu einer finalen Konfrontation, in der sich der Lord – mit seinem letzten Atemzug – als schlauer als jenes Wesen erweist. Santuna entkommt als einzige und wird später unter dem Namen Lady Alice More bekannt, die Gefährtin des Lords Jestocost in der sehr romantischen Geschichte „Die Ballade der verlorenen K’mell“. Sie sind alle Geschichten des Autors miteinander verwoben.
8) Verbrechen und Ruhm des Kommandanten Suzdal (The Crime and the Glory of Commander Suzdal, 1964)
Kommandant Suzdal ist ein Erforscher fremder Welten und dringt diesmal ans andere Ende der Galaxis vor, vielleicht sogar darüber hinaus. Natürlich ist er nicht die ganze Zeit wach, sondern lässt künstliche, in Würfeln gespeicherte Persönloichkeiten wie etwa Sicherheitsoffiziere den Flug seines Einmannschiffes überwachen.
Als sie ihn wecken, ist die Kacke bereits am Dampfen: Die Außenhülle des Schiffes leidet unter einer Invasion fremder Wesen, die männlichen Menschen verblüffend ähnlich sehen. Es handelt sich um Arachosianer, deren Welt ausschließlich von Männern bewohnt wird. Nach der Auslöschung allen weiblichen Lebens auf ihrer Welt infolge Strahlung haben sie im Laufe ihrer gesellschaftlichen und biologischen Evolution einen Hass auf alle Menschen entwickelt, die von Frauen geboren wurden. Deshalb greifen sie Suzdals Schiff an.
Was tun? An diesem Punkt folgt nun das wahrhaft kosmoserschütternde Verbrechen Suzdals: Er erschafft aus den Gendatenbanken eine Katzenrasse und schickt diese zwei Millionen Jahre in die Vergangenheit, von wo sie auf dem Mond von Arachosia allmählich Intelligenz entwickelt. Und weil er dieser Rasse Verehrung für „normale“ Menschen eingeprägt hat, kommt ihm nun ihre Flotte gegen die Arachosianer zu Hilfe.
Das mag zwar ein hübscher Trick sein, um sich aus der Patsche zu helfen, doch bringt es Suzdal trotzdem vors Kriegsgericht der Instrumentalität, die über die Erde und ihre Kolonien herrscht. Das Gericht nimmt ihm erst seinen Rang, dann sein Leben, schließlich aber seinen Tod, so dass er nach Shayol, dem Höllenplaneten, verbannt wird. Doch für die Klopten, jenen Katzenwesen vom Arachosia-Mond, ist er ein verehrungswürdiger Mensch, und dort währet sein Ruhm ewiglich.
Mein Eindruck
Auf recht ironische Weise arbeitet der Autor heraus, dass ein und dieselbe Tat sowohl Ruhm als auch Bestrafung einbringen kann. Dabei kommt uns diese Tat gar nicht mal so kriminell vor: Was soll daran so schlimm sein, eine Rasse zu erschaffen, indem man ihre Vorfahren in die Vergangenheit schickt? Witzig ist höchstens, dass es sich im Ergebnis um intelligente Katzen handelt, so als ob die Evolution nur lange genug müsste, um endlich Intelligenz hervorzubringen.
Was die bekannte Erzählung so besonders macht, ist die Art und Weise, wie sie erzählt wird. Das Urteil über Sudal wird praktisch schon vorweggenommen, obwohl wir noch gar nicht wissen, worum es sich bei seinem „Verbrechen“ handelt. Das steigert natürlich erstens die Spannung und fordert usn zweitens heraus, uns ein eigenes Urteil bilden zu wollen. Beide Effekte werden glänzend erreicht.
Die Übersetzung
Die Übersetzung durch den renommierten Übersetzer Rudolf Hermstein ist vielfach sehr gut gelungen, wirkt aber nach allen den Jahren – sie wurde zuerst 1975 publiziert – reichlich angestaubt, vielleicht sogar auf junge Leser unverständlich. Es gibt zum Glück eine neuere beim Heyne-Verlag.
S. 241: „…in ein Glück, daß keinen Ausweg und keine Hoffnung läßt.“ Aus „daß“ müsste das Relativpronomen „das“ werden.
S. 245: „.die selbstmörderische Verwegenheit seine[s] Ganges.“ Das S fehlt.
Unterm Strich
Viele dieser ausgefallen erzählten und ungewöhnlich ideenreichen Erzählungen erscheinen immer wieder in Anthologien. Das sind gewöhnlichen die am wenigsten sperrigen Texte, die der Leser selbst versteht, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen sind. Dazu gehören: „Seher leben vergeblich“, „Das Spiel ‚Ratte und Drache'“ sowie „Suzdal“. Ich würde noch „Alpha Ralpha Boulevard“ hinzunehmen, das selten zu finden ist, aber umso mehr literarischen Reiz hat: Hier sind die Ideen noch weitreichender, aber dennoch eingebettet in eine romantische Love-Story.
Die übrigen Texte weisen Querverbindungen auf, die es ratsam machen, sie gemeinsam zu lesen – das erhöht das Verständnis, aber auch ihren Reiz. So besteht ein direkter Zusammenhang zwischen „Die Frau, die in der Seele segelte“ und „Denk blau, zähl bis zwei“ einerseits, und andererseits zwischen „Seher leben vergeblich“ und „Das ausgebrannte Gehirn“. Der letzte Text, „Unter der alten Erde“, knüpft an die Geschichten in „Herren im All“ an, so etwa an „Die Ballade von der verlorenen K’mell“.
Der Leser sollte wissen, dass er bzw. sie sich auf ein Leseabenteuer jenseits der eingefahrenen und aktuell vermarkteten Erzählformen und Ideen-Pools begibt, wenn er dieses Buch aufschlägt. In den sechziger Jahren geschrieben, sprengten diese Lexte die damaligen Lesegewohnten ebenso wie heute und standen der New Wave gedanklich näher als etwa Dinosaurier wie Asimov und Heinlein.
Hier gibt es abenteuerlustige Frauen ebenso wie wollüstige Männer, tragische Figuren ebenso wie romantische – für klassische Beziehungen ist gesorgt. Während sich Adam und Eva immer noch bekämpfen wie eh und je, hat sich während der 15.000 Jahre der „Instrumentalität“ doch einiges an der Gesellschaft und Technik geändert. Ob diese Rahmenbedingungen auch die Liebe und den Tod verändert haben, das untersucht der Autor in seinen Geschichten.
Seinen Einfluss kann man nicht hoch genug ansetzen, aber er ist heute wie damals eine Herausforderung. Ihr habe ich mich erst nach 20 Jahren, die ich dieses Buch bereits besitze, zu stellen gewagt. Es hat sich gelohnt.
Fazit: vier von fünf Sternen
Taschenbuch: 290 Seiten,
O-Titel: Star Dreamer, 1971;.
Aus dem US-Englischen von Rudolf Hermstein.
ISBN-13: 978-3518378939
www.suhrkamp.de
Der Autor vergibt: 



