Andy Corcoran bittet Flaxman Low um Hilfe, da es in einem griechischen Tempel hinter seinem Haus nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheint. Angelockt von einem seltsamen Gesang unternimmt seine Gattin Sadie nachts rätselhafte Wanderungen im Schlaf. Flaxman Low beschließt, dem seltsamen Spuk auf den Grund zu gehen… (Verlagsinfo)
Die Autoren
E. & H. Heron sind ein Autorenpaar. Sein Serienheld Flaxman Low agiert in mehreren Gruselkabinett-Episoden.
Die Sprecher
Rolf Berg: Flaxman Low
Christian Rudolf: Phil Strewd
Kai Taschner: Andy Corcoran
Regine Lamster: Sadie Corcoran
Tim Kreuer: Sinclair Jr.
Die Macher
Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden bei Titania Medien Studio, bei advertunes und den Planet Earth Studios statt. Die Illustration trug Bastien Ephonsus bei.
Handlung
Im Jahr 1897 stößt ein amerikanisches Paar von Touristen auf Saddler’s Croft, ein altes Fachwerkhaus mit viel Grund und Boden, das zum Verkauf steht. Das Ehepaar schlägt sofort zu, denn Sadie Corcoran ist von dem Gemäuer begeistert – es hat sogar seinen eigenen Wald und Tempel! Andy, der Arktisforscher, zückt das Scheckbuch. Ihr britischer Freund Phil Strewd soll den Kauf einfädeln. Er versäumt es nicht, die beiden darauf hinzuweisen, dass das Haus verrufen sei: Dort spuke es. Sadies Begeisterung kennt keine Grenzen mehr. Im Oktober ziehen die Corcorans ein.
Der Auftrag
Doch schon nächsten Juni (1898) ruft Phil Strewd den Geisterjäger herbei: Flaxman Low. Sie kennen einander von einem Abend in einem Londoner Klub. Nun geht es vor allem um den Tempel auf dem Grundstück. Schon die letzten Bewohner vor den Corcorans, die Spiritisten, hielten dort ja seltsame Rituale ab und einer von ihnen kam dabei zu Tode: der Hohepriester Agoupolos. Er scheint dort seitdem zu spuken. Eine Seemann, der ihn zu exorzieren versuchte, sei ebenfalls gestorben. Grund genug für Sadie, sich in Parapsychologie zu vertiefen.
Der dritte Mann
Nun komme Sinclair, der Sohn der Nachbarn, ins Spiel, erklärt Phil. Der etwa 25 Jahre alte Mann sei aus Ceylon zurückgekehrt und habe möglicherweise eine amouröse Beziehung zu Sadie angefangen. Der etwas frustrierte Ehemann will Flaxman engagieren, um der Sache auf den Grund zu gehen: „Mittsommerwahnsinn“ nennt Andy, was Flaxman erforschen soll, nämlich den Spuk auf Saddler’s Croft.
Der Tempel
Andy berichtet: Tatsächlich erklang vor 24 Stunden pünktlich um Mitternacht in der Vollmondnacht ein hoher Tenor aus dem Tempel, und die Stimme näherte sich rasch dem Herrenhaus. Diesem Gesang ging Sadie, gefolgt von Andy, entgegen, bis sie zum Tempel gelangte. Dort nahm ein Mann sie in Empfang. Doch Andy ging dazwischen, so dass der Mann die Flucht ergriff.
Eine höllische Macht
War es Sinclair Junior? Andy konnte ihm lediglich einen Knopf vom Mantel reißen. Sadie schien nichts davon mitbekommen zu haben, denn sie ging wie hypnotisiert zurück zum Haus und erinnerte sich später an nichts. Andy ist überzeugt: „Dort im Tempel haust eine höllische Macht.“ Doch der Knopf, den er entriss, liegt ganz real in seiner Hand. Und an Sinclairs Mantel fehlt er eindeutig. Als Andy ihn diesbezüglich zur Rede stellte, antwortete der Mann nicht.
Die Ermittlung
Flaxman rät Andy, Sadie jene Tempelmelodie auf dem Klavier vorzuspielen. Dann will er Sadie sprechen, und das ist in der Tat eine ergiebige Begegnung: Sadie outet sich als Medium, das dem Spiritismus anhänge. Sinclair, ebenfalls ein Spiritist, sei ihr Seelengefährte und Ratgeber. Doch als sie auf die Wirkung, die das Licht des Vollmondes auf sie hat, zu sprechen kommt, verrät, dass sie schlecht träume. Flaxman trägt ihr auf, ein Mantra zu wiederholen, das sie zu den „guten Geistern“ führen werde. Sie geht auf ihr Zimmer, um sich auszuruhen.
Sinclair nähert sich dem Haus über die Terrasse und begrüßt Flaxman und Andy mit einem häufigen Husten. Was ist los mit ihm, fragt sich Flaxman und lädt den jungen Mann zu einem Spaziergang ein. Er führt Sinclair zum griechischen Tempel, der sich als geöffnet erweist. Der hustende Sinclair schreit auf und flüchtet. Was hat ihn vertrieben, wundert sich Flaxman.
Der Kampf
Abends ist der Himmel klar, aber eine angespannte Stimmung hängt in der Luft, wie vor einem Gewitter. Andy spielt endlich die Melodie jener Stimme aus dem Tempel, und Sadie reagiert wie hypnotisiert. Doch sie kann sich nicht erinnert, woher sie die Melodie kennt. Sie folgt einem Impuls zum Tempel, von wo eine Kontratenorstimme zu vernehmen ist. Flaxman, der ihr gefolgt ist, erblickt sie mit einem Mann, der aber viel älter als Sinclair ist: Agopoulos?!
Andy Corcoran ist Flaxman und seiner Frau gefolgt. Kaum hat er den Griechen erblickt, stürzt er sich auf den Rivalen, um ihn nach Strich und Faden zu verprügeln. Flaxman bringt die in Trance versunkene Sadie in Sicherheit, doch dann wartet er vergeblich auf Andy…
Mein Eindruck
Sobald Flaxman auf dem Gut Saddler’s Croft eintrifft, wird er Zeuge einer verzauberten Stimmung, die über den Wiesen, dem Lärchenwald und vor allem dem griechischen Tempel liegt. Sind die Spiritisten daran schuld, fragt er sich, denn noch immer erklingt Gesang aus dem Tempel, der einer seltsamen Melodie folgt. Doch an keiner Stelle wird die Verehrung einer heidnischen Gottheit wie etwa Selene oder Hekate erwähnt, die beide im antiken Griechenland mit dem Mond assoziiert wurden.
Das Rätsel ist daher ganz woanders zu suchen, erkennt der Geisterjäger. Während Sadie das Opfer des Zaubers ist, will ihr Gatte Andy ihr beistehen und den vermeintlichen Rivalen vertreiben. Doch wer ist dieser Rivale eigentlich, das ist das zentrale Rätsel. Denn Sinclair ist nicht zugegen, wenn Sadie den Tempel betritt, sondern es ist Agopoulos, der schon lange tot ist. Tatsächlich ist er es, der im Tempel zwischen zahlreichen Geistern Flaxman als „Bruder“ begrüßt. Unvermittelt fühlt sich Flaxman geschwächt, als sei er wie Sadie unter einen Bann geraten: den des Mondlichts.
Die Erklärung, wer denn nun wirklich Sadies „Verführer“ ist, soll die Verwendung einer modernen Fotokamera bringen. Flaxman und Phil Strewd bringen das Gerät erfolgreich zum Einsatz, doch das Ergebnis ist verwirrend: mal ist auf den Bildern Agopoulos zu erkennen, mal Sinclair. Die Lösung des Rätsels der doppelten Identität darf hier nicht verraten werden.
Die Inszenierung
Die Sprecher
Der Geisterjäger wird von Rolf Berg mit einer tiefen, vertrauenerweckenden Stimme gesprochen. Allerdings neigt die Figur Flaxman im letzten Viertel stets dazu, wie ein Privatdetektiv à la Hercule Poirot oder Nero Wolfe zu dozieren, wenn er seine Version der Wahrheit vorträgt. Deshalb ist es spannender, wenn man sich bis zum Schluss geduldet, um herauszufinden, wie die Geschichte für alle Beteiligten endet.
Nebenfiguren
Die Nebenfiguren verdienen durchaus Beachtung. Phil Strewd, gesprochen von Christian Rudolf, ist die Stimme der Vernunft, die von Anfang an vom Einzug in das Gut Saddler’s Croft abrät. Andy Corcoran, gesprochen von Kai Taschner, ist seine schwärmerischen Frau Sadie von Anfang an ergeben. Aber er lässt sie sich auch nicht wegnehmen, als er zu ahnen beginnt, dass Sadies Treffen mit Sinclair mehr sind als spiritistische Schwärmerei. Wo er nach seiner Prügelei mit Sadies Lover bleibt, darf hier nicht verraten werden. Any wirkt zunächst wie ein Weichei, doch der Eindruck wird durch seine Prügelei widerlegt.
Regine Lamster hatte die Rolle der Sadie Corcoran zu übernehmen, und das ist kein einfacher Part. Denn Sadie wird durch ihre spiritistischen Studien zu einer anderen: ein Medium, das leicht in Trance gerät. Dann wird aus der Täterin ein Opfer.
Tim Kreuer stellt den rätselhaften Sinclair Jr. dar, ebenfalls kein einfacher, dankbarer Part, denn Sinclair ist ja die meiste Zeit abwesend. Wie sich herausstellt, ist auch Sinclair sowohl Täter als auch Opfer. Wie das gehen soll, darf hier nicht verraten werden, aber Flaxman hat wieder mal eine interessante Hypothese auf Lager.
Geräusche
Eine schier unglaubliche Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Eine tickende Standuhr, gluckernder Tee, klappernde Teetassen, knisterndes Kaminfeuer – all diese Samples setzt die Tonregie zur Genüge ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen zu vermitteln.
Kniffliger wird die Sache, wenn die Tonregie Außengeräusche darzustellen hat. Der Tempel hat eine quietschende Tür, was schon mal ein wichtiges Signal ist. Die nächtliche Umgebung unter dem Licht des Vollmondes wird vom allseits beliebten und absolut notwendigen Ruf des Käuzchens erfüllt, und Grillen tragen konstant ihr Nachtlied bei.
Diese trügerische Idylle wird unterbrochen von hohen Schreien, Prügelgeräuschen und geisterhaftem Gelächter. Für Überraschungen ist also gesorgt.
Musik
Von einem Score im klassischen Sinn kann keine Rede mehr sein. Hintergrundmusik dient nur dazu, eine düstere oder angespannte Stimmung zu erzeugen, und zwar nur dort, wo sie gebraucht wird. Hier steigert sich die Spannung sehr dezent von Szene zu Szene, denn die Handlung besteht aus einer Abfolge von sich steigernden Rätseln. Drama wechselt sich mit Harmonie und Entspannung ab, bevor es wieder Zeit für gruseliges Drama ist. Wer nicht aufpasst, wird von solchen abrupten Wechseln kalt erwischt.
Die Melodie aus dem Tempel über ihren Zauber für den empfänglichen Zuhörer aus. Zu meinem Erstaunen handelt es sich nicht um eine der antiken Tonleitern, wie etwa die lydische oder mixolydische, sondern um eine moderne Molltonleiter, die als gesungene oder auf dem Klavier gespielte Kadenz daherkommt.
Die tiefen Bässe kommen durch den Subwoofer in einer Soundbar noch besser zur Geltung. Meine Soundbar von einem japanischen Hersteller hat, wie ich froh entdeckte, drei Bassstufen, so dass ich das Maximum an tiefen Tönen herausholen kann. Das erweist sich als günstig, denn an mehreren Stellen reizt das Klangdesign diese Bässe auf subtile Weise aus.
Das Booklet
Das Titelmotiv zeigt eine Szene, wie man sie aus dem 18. Jahrhundert zur Zeit des Rokoko kennt: ein griechischer Tempel unter einem vollen Mond (rechts oben), Beunruhigend wirkt allerdings das helle Feuer, das hinter der sitzenden Gestalt zu lodern scheint: Ist dies jene Gestalt aus der Hölle, von der Andy Corcoran gesprochen hat?
Im Booklet sind die zahlreichen Titel des GRUSELKABINETTS und der SHERLOCK HOLMES Reihe bis Frühjahr 2026 (Folge 197) verzeichnet. Es bleibt die spannende Frage, was der Verlag als Folge 200 plant! Die Vorschau wird online auf der neugestalteten Homepage bestens dargeboten. Die letzte Seite des Booklets zählt sämtliche Mitwirkenden auf.
Von Herbst 2023 bis Frühjahr 2026
185: Lovecraft: Die Musik des Erich Zann (September 23)
186: ETA Hoffmann: Der Ghoul (Oktober 23)
187: Blackwood: Die Weiden (November 23)
188: Seidel: Der Hexenmeister
189: McGraup: Heimlich
190: Grimm: Schauermärchen 1
191: Grimm & Bechstein: Schauermärchen 2 (9/24)
192: Lovecraft: Gefangen bei den Pharaonen (Okt. 24)
193: Heron: Flaxman Low – Der Fall Yand Manor House (11/24)
194: E.F. Benson: Das Geständnis des Charles Linkworth (3/2025)
195: Upward & McGraup: Heimtückisch (04/2025)
196: Heron: Flaxman Low – Saddler’s Croft (05/2025)
197: Lovecraft: Das Grauen von Dunwich (27.3.2026)
Unterm Strich
Dieser Fall für den Geisterjäger wird wieder stark von Atmosphäre, magischer Stimmung und rätselhaften Vorgängen getragen. Zunächst scheint klar zu sein, dass es hier um ein Liebesdreieck geht, doch nach einigen Auseinandersetzungen ergibt sich ein widersprüchliches Bild von dem, was Flaxman vorfindet.
Im Tempel, in dem spiritistische Sitzungen stattfanden, stößt der Geisterjäger auf gespenstische Schemen und einen Hohepriester, der ihn als Bruder begrüßt. Der Spuk dauert aber nur so lange, wie der Vollmond scheint. Daher ist die Bezeichnung „Mittsommerwahnsinn“ völlig zutreffend. Doch Flaxman hat nicht damit gerechnet, welche Wirkung eben dieses Vollmondlicht auf seine eigene Psyche ausübt…
Zauber der Selene
Ein Psychoanalytiker könnte auf die verwegene Idee kommen, dass alles mit Sadies Kinderlosigkeit zu tun hat. Andy hat kein Kind mit ihr gezeugt, also sucht sie sowohl Trost im Spiritismus, als auch einen anderen Mann, nämlich Sinclair. Fatal wirkt sich nun das sehr symbolbefrachtete Mondlicht aus, das sowohl für Wünsche und Träume, als auch für Fruchtbarkeit stehen kann. Es steht für die – hier verborgene – Mondgöttin Selene, die einige interessante und relevante Aspekte aufweist. Selenes Fruchtbarkeit ist beeindruckend: Sie gebar Endymion, dem König von Elis, 50 Kinder. Der Gott Pan verführte sie im Wald. Und Verführung ist definitiv ein Thema in dieser Hörspielfassung.
Ein Kriminalstück
Auch Krimifreunde kommen auf ihre Kosten, denn von Anfang an vermutet Andy Corcoran, dass seine Frau ein Verhältnis hat. In bewährter Schnüfflermanier deckt Flaxman unter Einsatz moderner Technologie (Fotokamera) die Wahrheit auf – die ihn aber ebenso verwirrt wie Phil Strewd, die Stimme der Vernunft in dieser kniffligen Krimikiste.
Das Hörspiel
Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Besonders die Akustik der Sequenz der Tempelszenen ist ausgefeilt und verfehlt ihre Wirkung nicht.
Die Sprecherriege für diese neue Reihe ist höchst kompetent und renommiert zu nennen, handelt es sich doch um die deutschen Stimmen von Hollywoodstars. Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für spannende Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling.
CD: über 75 Minuten
ISBN-13: 9783785787120
Titania Medien
Der Autor vergibt: 




