„Geheimdienste, die über Leichen gehen. Eine Regierung, die schweigt. Eine junge Journalistin, die die Wahrheit sucht – aktueller, brisanter und kritischer kann ein Thriller gerade nicht sein.
Carla Bergmann, als junge Praktikantin neu in der Lokalredaktion der Morgenpost, geht einer Meldung im Polizeibericht nach und stößt auf Ungereimtheiten. Bei regimekritischen Exilrussen wurde eingebrochen. Es liegt nahe, dass der russische Geheimdienst dahintersteckt. Aber warum wollten deutsche Behörden den Fall vertuschen?
Nachdem ein Informant vor Carlas Augen ermordet wird, erhält sie Unterstützung von Jan Koller, Hauptstadtkorrespondent der Morgenpost und einstmals gefeierter Investigativjournalist. Alle Spuren führen nach Kiew. Welche Rolle spielt dort ein großer deutscher Rüstungskonzern?“ (Verlagsinfo)
Der Autor
Horst Eckert, 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren, lebt seit vielen Jahren in Düsseldorf. Er arbeitete fünfzehn Jahre als Fernsehjournalist, u.a. für die »Tagesschau«. 1995 erschien sein Debüt »Annas Erbe«. Seine Romane gelten als »im besten Sinne komplexe Polizeithriller, die man nicht nur als spannenden Kriminalstoff lesen kann, sondern auch als einen Kommentar zur Zeit« (Deutschlandfunk). Sie wurden unter anderem mit dem Marlowe-Preis und dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)
Romane
Annas Erbe, Grafit, Dortmund 1995, ISBN 978-3-89425-053-9.
Bittere Delikatessen, Grafit, Dortmund 1996, ISBN 978-3-89425-059-1.
Aufgeputscht, Grafit, Dortmund 1997, ISBN 978-3-89425-078-2
Finstere Seelen, Grafit, Dortmund 1998, ISBN 978-3-89425-218-2.
Die Zwillingsfalle, Grafit, Dortmund 2000, ISBN 978-3-89425-238-0
Ausgezählt, Grafit, Dortmund 2002, ISBN 978-3-89425-265-6.
Purpurland, Grafit, Dortmund 2003, ISBN 978-3-89425-284-7.
617 Grad Celsius, Grafit, Dortmund 2005, ISBN 978-3-89425-297-7.
Der Absprung, Edition Nautilus, Hamburg 2006, ISBN 978-3-89401-497-1
Königsallee, Grafit, Dortmund 2007, ISBN 978-3-89425-654-8.
Sprengkraft, Grafit, Dortmund 2009, ISBN 978-3-89425-660-9.
Schwarzer Schwan, Grafit, Dortmund 2011, ISBN 978-3-89425-667-8.
Schwarzlicht, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg 2013, ISBN 978-3-8052-5057-3.
Schattenboxer, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg 2015, ISBN 978-3-8052-5079-5.
Wolfsspinne, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg 2016, ISBN 978-3-8052-5099-3.
Der Preis des Todes, Wunderlich, Reinbek bei Hamburg 2016, ISBN 978-3-8052-0012-7.
Im Namen der Lüge, Heyne, München 2020, ISBN 978-3-453-43966-5.
Die Stunde der Wut, Heyne, München 2021, ISBN 978-3-453-44103-3.
Das Jahr der Gier, Heyne, München 2022, ISBN 978-3-453-42637-5.
Die Macht der Wölfe, Heyne, München 2023, ISBN 978-3-453-44175-0
Nacht der Verräter (Heyne, 2024)
Kurzgeschichten (Auswahl)
Juwelen am Hellweg in: Mehr Morde am Hellweg, Grafit 2004 (nominiert für den Friedrich-Glauser-Preis 2005)
Wege zum Ruhm in: Blutgrätsche, Grafit 2006 (nominiert für den Friedrich-Glauser-Preis 2007)
Handlung
Als Carla Bergmann als Praktikantin neu in der Lokalredaktion der führenden Düsseldorfer Lokalzeitung „Morgenpost“ ihren ersten Arbeitstag antritt, darf niemand wissen, dass sie erstens eine verurteilte Klima-Aktivistin war und zweitens, dass sie dafür fünf Monate Knast absitzen musste. Nein, die „Morgenpost“ ist ein ehrenwertes und einflussreiches Blatt. Ist sie das wirklich?
Ihre erste Story
Sie lernt Starjournalist Jan Koller, den Hauptstadtkorrespondenten der Morgenpost, kennen, der sie dezent davor warnt, sich als Kaffee-Holerin missbrauchen zu lassen. Tut sie dann auch nicht und recherchiert erstmal den Polizeibericht. Da war ein Einbruch ganz in der Nähe des Pressehauses. Die Pressesprecherin des Polizeipräsidiums wimmelt sie ab: Da sei nichts gewesen, und die zwei Verdächtigen seien freigelassen worden. Da kümmere sich jetzt der Staatsschutz drum.
Ja, was denn jetzt? Sehen die Leute heute schon Phantome, fragt sich Carla. Sie ruft ihren ehemaligen Mitaktivisten Paul an, der mittlerweile in der Cyber-Abteilung der Polizei arbeitet. Auch er will nicht auffliegen. Aber er hat eine Adresse für sie. Ein gewisser Andreas Feldkamp habe den Einbruch gemeldet. Einbruch bei wem?, fragt Carla. Wie sich herausstellt, handelt es sich um das Büro der ukrainischen Dissidentenzeitschrift „Pravda Naroda“. „Schöne Grüße an Marina!“, wünscht Feldkamp. Und die gibt Carla auch gerne weiter.
Dissidenten
„Pravda Naroda“ – das sind Marina und Oxana, die im Februar 2022 nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine aus Russland flüchten mussten. Es liegt nahe, dass der russische Geheimdienst hinter dem Einbruch steckt. Aber es gab noch einen dritten Mann, und der ist seit dem „Einbruch“ untergetaucht: Artem Woronin schreibe für Exilrussen. Dem russischen Geheimdienst würde man ja den „Einbruch“ – es scheint nichts zu fehlen – zutrauen, aber warum sollten deutsche Behörden wie der Staatsschutz den Fall vertuschen wollen, fragt sich Carla.
Freunde der Stadt
Woronin wolle Carla treffen, melden Oxana und Marina. Aber zuvor muss Carla anlässlich des Beginns des Karnevals am 11.11. die Lokaljournalistin spielen. Sie begibt sich zu einem ortansässigen Rüstungskonzern und erhascht ein kurzes Statement des Pressesprechers. Sie stutzt: Der Konzern habe bei der Stadtverwaltung „Stakeholder“. Wie auch immer: Das Zitat kommt ins Blatt.
Explosive Lage
Endlich kann sie Woronin treffen. Treffpunkt sind die Morgenpost-Arkaden bzw. deren Tiefgarage. Der Lift ist extrem langsam, und das rettet Carla das Leben. Erst wird auf Woronin geschossen, dann explodiert sein Wagen. Vor ihren Augen. Jede Hilfe kommt zu spät, doch Carla macht mit ihrem Handy Fotos. Dann zerrt jemand die geschockte Frau in Sicherheit, wo sie das Bewusstsein verliert…
Mein Eindruck
Nachdem ihr Informant vor Carlas Augen ermordet worden ist, erhält sie emotionale wie auch berufliche Unterstützung von Jan Koller. Alle Spuren führen nach Kiew. Welche Rolle spielt dort der große deutsche Rüstungskonzern Global Solutions und dessen Tochterfirma Atalante Systems? Auf der Suche nach der Wahrheit stoßen Carla und Jan auf immer größere Widerstände, selbst im eigenen Haus. Und schneller, als es ihnen bewusst ist, befindet sich auch ihr eigenes Leben in Gefahr.
HyperWar
Der Autor packt eine ganze Reihe heißer Eisen an. Das heißeste ist wohl die Rolle, die deutsche Rüstungskonzerne im Ukraine-Krieg spielen. Sie scheinen die Ukraine als Testfeld zu benutzen, um neue Waffen wie Drohnen und KI-Programme erproben zu können. Das ist an Zynismus kaum zu überbieten. Aber der Autor entwickelt daraus das neue Konzept des HyperWar: Eine Kombination aus physischem, KI- und Cyberkrieg. Das ist im Grund schon das, was inzwischen stattfindet – und was sich auch im Iran-Krieg bereits zeigt.
Der Haken dabei ist allerdings, dass der HyperWar nicht vor Landesgrenzen haltmacht, sondern sich auf ganze Regionen, wenn nicht sogar den kompletten Globus ausweitet. Die NATO bemüht sich um Eindämmung und wird dafür verspottet und geschmäht. Doch es ist abzusehen, dass weitere Akteure in den Konflikt hineingezogen werden. Als lachender Dritter dürfte China eigene Initiativen ergreifen…
Im Minenfeld
Ein in der Nähe des HyperWar befindliches Minenfeld ist der Konflikt zwischen den Völkergruppen Russen versus Ukrainer. Der Übergang ist fließend, wie man an Woronin sehen kann: Der Exil-Russe ist zum Teil auch Ukrainer und befindet sich nun in einer moralischen Klemme. Wem soll er seine Geheimnisse anvertrauen? Jan Koller gelingt es nicht, diese Geheimnisse aus Kiew herauszuschmuggeln. Es bleibt spannend bis zum Finale, denn es ist nicht ausgemacht, ob hinter Woronins Ermordung wirklich die Russen stecken.
Medien-Krieg
Jan Koller spielt eine ebenso wichtige Rolle wie die titelgebende Praktikantin. Und in seiner Rolle als freischaffender Star-Journalist kann er auf der höchsten Ebene der Medienbranche agieren. Auch hier oben tobt eine Art Krieg – um den Profit, den die Publikationen abwerfen sollen. Eine Elefantenhochzeit zwischen „Morgenpost“ und der (fiktiven) Finke-Gruppe soll noch mehr Jobs einsparen helfen. Wird es wirklich dazu kommen, fragt sich Koller. Seine eigene Chefredakteurin kommt eines Tages nicht ins feudale Büro und ist auch sonst nicht zu erreichen. Ist die das erste Opfer des Medienkriegs?
Textschwächen
S. 108: „Und weißt du schon etwas von der [die] Spurensicherung?“ Das Wörtchen „die“ ist überflüssig.
S. 190: „Du knirsch[s]t. Da höre ich, Du ruinierst dir die Zähne.“ Da knirscht also jemand mit den Zähnen. Das S fehlt.
S. 328: „Janimm dich, Kleo“, sagte er.“ Gemeint ist Jan Koller. Warum er „Janimm dich“ statt „Benimm dich“ sagt, weiß wohl nur der Autor.
Unterm Strich
Ich habe diesen Politthriller in kürzester Zeit gelesen. Ich bin sicher, dass man die rund 380 Seiten innerhalb eines Tages bewältigen kann. Die Schrifttype ist groß und leicht lesbar, so dass die Augen nicht ermüden. Die kurzen 87 Kapitel verführen zum raschen Weiterblättern, so dass die Lektüre wie im Flug vergeht. Solche Bücher hätte man vor 50 Jahren an Bahnhofskioske gesehen, auf 160 Seiten eingezwängt.
Mein Interesse weckten auch die verschiedenen Themen, die von aktuellster Brisanz sind, und die lebhaft und glaubwürdig gezeichneten Figuren. Carla soll eine „Praktikantin“ sein? Da lachen ja die Hühner! Eine Frau, die es gewagt hat, sich als „Klimakleberin“ einem startenden Airbus A380 entgegenzustellen, kann es auch mit Agenten aufnehmen. Im Laufe der Handlung wird ihr Nervenkostüm mehrmals auf die Probe gestellt. Sie entwickelt sich unter Jans Ägide ganz erheblich weiter, bis sie gegen Schluss einem Konzernvorstand ein paar ziemlich brisante Fragen an der Kopf zu werfen wagt.
Was sich in Düsseldorf abspielt, steht an Spannung dem, was Jan Koller in Kiew passiert, in nichts nach. Sie sind hinter ihm her!, erkennt Jan, sobald er den USB-Stick in die Hand gedrückt bekommen hat. Ein Freund von Woronin hat dessen Daten für diesen Notfall aufbewahrt, nun ist es Jans Job, sie außer Landes zu schmuggeln. Jederzeit können Drohnen oder sogar Raketen am Himmel auftauchen, um ihn zu jagen.
Bezeichnend ist das zynische Bild, dass der Bundesverteidigungsminister und dessen Pressereferentin abgeben: Sie sind keine Freunde der Vierten Gewalt, ganz im Gegenteil: Schadenfroh klingen die Kommentare der Referentin über Jans zerfledderten Zustand. Na, und wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
Es ist eine harte und lebensgefährliche Branche, in der Jan da agiert. Das Buch ist daher einer ukrainischen Journalistin gewidmet, die im Juli 2023 Richtung Front reiste, um Schicksale von Zivilisten aufzuklären. Sie wurde gefangengenommen und in Melitopol und Taganrog gefoltert. Erst Februar 2025 wurde ihre Leiche den Ukrainern zurückgegeben. In den ersten drei Kriegsjahren starben dreizehn Journalisten im Kriegsgebiet, so der Autor im Nachwort.
Taschenbuch: 381 Seiten.
ISBN-13: 9783453443259
Der Autor vergibt: 




