Als eine junge Frau einen neuen Job bei einem geheimnisvollen Ministerium antritt, ahnt sie nicht, dass dieser schwüle Sommer ihr Leben für immer verändern wird. Denn das Ministerium der Zeit hat das geschafft, was niemand jemals für möglich hielt: Menschen durch die Zeit zu transportieren. Und so soll sie dem eigentlich 1847 verstorbenen Polarforscher Commander Graham Gore das Ankommen im lärmenden London des 21. Jahrhunderts erleichtern.
Während er sich an mit den Wundern der Moderne wie Toilettenspülungen und Spotify vertraut macht, muss sie ihn damit konfrontieren, dass sich die Welt nicht unbedingt nur zum Guten gewandelt hat. Und als sei nicht alles ohnehin kompliziert genug, entwickelt sich aus dem anfänglichen Unbehagen weit mehr als nur eine tiefe Freundschaft. Doch das Ministerium hat seine ganz eigenen Pläne mit dem Zeitreisenden und plötzlich verschieben sich heute, morgen und gestern, und was die beiden zusammengeführt hat, droht sie nun mit aller Macht auseinanderzureißen… (Verlagsinfo)
Die Autorin
Kaliane Bradley ist eine britisch-kambodschanische Autorin und Lektorin. Ihre Kurzgeschichten sind in verschiedenen Magazinen erschienen. Sie ist Gewinnerin des Harper’s Bazaar Short Story Prize 2022 und des V. S. Pritchett Short Story Prize 2022. »Das Ministerium der Zeit« ist ihr erster Roman und erscheint in über 25 Ländern. Kaliane Bradley lebt in London. (Verlagsinfo)
Handlung
Eine junge namenlose Frau hat sich innerhalb der britischen Regierung auf eine Stelle beworben, deren Aufgabenbereich sie überrascht, als sie angenommen wird: Das Ministerium der Zeit hat vorgenommen, die physischen und psychischen Auswirkungen von Zeitreisen zu untersuchen. Es sammelt Personen aus kritischen, aussichtlosen Situation und bringt sie ins London des 21. Jahrhunderts.
Hier beginnt der Aufgabenbereich der jungen Frau. Als „Brücke“ bezeichnet, soll sie solche „Zeitreisenden“ in vielerlei Hinsicht betreuen, aber auch für ein Jahr beobachten. „Überwachen“ wäre wohl der bessere Ausdruck. Die Brückenbeamtin bekommt den viktorianischen Offizier Graham Gore zugewiesen.
Er war an der gescheiterten Polarexpedition von Sir John Franklin beteiligt, die 1845 die Nordwestpassage suchen wollte. Gore wurde 1847 durch ein Zeitportal in die Londoner Gegenwart geholt. Der „Zeit-Tunnel“ war durch ein Stahlnetz gesichert, aber er erschoss trotzdem zwei der Beamten, als sie ihn holen wollten.
Phase 1 (Eingewöhnung)
Nun leben die Beamtin und Gore im gleichen Haus, aber selbstverständlich in getrennten Zimmern. Als Viktorianer achtet Gore sehr auf Sitte und Anstand, aber auch auf ein gewisses Maß an Tabakkonsum. Zu gerne würde er gerne auf die Jagd gehen. Aber mit neuen Mio. Menschen um ihn herum wäre das schwierig. Es ist schon nervenaufreibend genug, sich mit Spotify und anderen modernen Errungenschaften der Neuzeit vertraut zu machen. Dass alle, die an seiner Expedition teilnahmen, umgekommen sind, trifft ihn als harter Schlag.
Phase 2 (Vernetzung)
Gore erkundet die Stadt, vor allem die Parks und Strommasten. Schließlich nimmt ihn die Beamtin mit ins Ministerium, damit er die anderen „Expats“ und Führungsoffiziere – „Handler“ genannt – kennenlernt. Als Expats werden die Zeitreisenden genannt, gerade so, als hätten sie freiwillig ihr Heimatland verlassen, um sich woanders anzusiedeln. Das versteht unsere Chronistin deshalb so gut, weil sie aus Kambodscha stammt und das Kind eines britischen Vaters und einer kambodschanischen Mutter ist.
Hier lernt Gore andere Expats kennen, die aus Jahren wie 1645, 1665, 1793 oder 1916 stammen. Da sie alle mehr oder weniger „Englisch“ sprechen, ist die Verständigung einfach. Als Offizier fällt es Gore leicht, bei den MRT-Scans mit Ronald Smythe aus dem Jahr 1916 herumzuflachsen, er könne Smythes Gedanken lesen. Arthur Reginald-Smyth, der aus der Schlacht an der Somme einen schweres Knalltrauma davongetragen hat, entspannt sich sofort. Und mit dem Brigadier vom Verteidigungsministerium unterhält er sich ebenfalls bestens. Seine Brücke merkt schnell, dass sich Gore am wohlsten unter anderen Männern fühlt. Schließlich fing er schon mit elf Jahren an, zur See zu fahren: in Aden, in der Karibik, in Australien und vielen anderen Orten.
Ende Mai dieses ersten Jahres bietet er seiner Brücke bei einer Tüte Marihuana das Du an. Obwohl er alle Eichhörnchen auf der Terrasse erschossen hat, nimmt sie das Du gerne an. Aber ein Hund, wie er ihn erbittet, kommt ihr nicht ins Haus. Es verspricht, ein schöner Sommer zu werden, wenn auch ein heißer: Auch England leidet unter dem Treibhauseffekt.
Phase 3 (Assimilation vs. Anomalien)
Gore macht vor dem Ministerium für Expatriation eine Beobachtung, für die auch seine Brücke keine Erklärung hat: Ein Mann hält einen kleinen Holoprojektor in der Hand, um etwas zu betrachten. Eine weitere Anomalie: Die Brücke kommt zu früh zu einem Meeting mit Adela, der Vizeministerin. In einem unbeobachteten Moment entdeckt sie im Papierkorb Mappen mit Berichten aller Brücken, aber allesamt sind ungeöffnet, weil das Siegel intakt ist. Sie fragt sich, wozu sie überhaupt noch ihre Berichte schreibt. Aber Adela, also „Control“, ist ihr so unheimlich und angsteinflößend, dass sie nichts sagt.
Alle Expats müssen regelmäßig zu den Checkups der Wellness-Abteilung. Diesmal entdecken die Mitarbeiter an Anne Spencer, der Frau aus dem Jahr 1793, dass sie im MRT-Scanner nicht zu sehen ist. Und auch auf sonst keinem optischen gerät. Nur für das unbewaffnete Auge ist sie noch zu sehen. Unsere Chronistin hingegen ist besorgt, weil ihr Führungsoffizier Quentin spurlos verschwunden ist; eines Tages funktionieren auch die Mailadressen nicht mehr. Sie löscht ihren Account und den zugehörigen Browser.
Ende des Sommers, als die Hitze tropische Temperatur erreicht, gelingen Commander Gore zwei Dinge: Er erlernt das Fahrradfahren und legt erfolgreich seine Prüfung als „assimilierter“ Expat ab, was bedeutet, dass er nun ungehindert die Britischen Inseln bereisen darf. Als erstes wünscht er sich ein Motorrad.
Phase 4 (Gruppenbildung)
Im Spätsommer und Herbst findet eine Gruppe von Expats zusammen, die sich nur noch bei ihren Expat-Jahren anredet, um die Geheimhaltung, die das Ministerium betreibt, umzusetzen: Graham (1847) ist Siebenundvierzig, Arthur (1916) Sechzehn, Margaret (1665) Fünfundsechzig und Cardingham (1645) Fünfundvierzig. Anne Spencer aus 1793 hat weiterhin Probleme, sich dem „Hier“ anzupassen, und bleibt für sich. An dieser Viererbande hängen wie Moleküle ihre jeweiligen Brücken. Als sich Margaret erkältet, geht das Virus reihum herum, bis alle es gehabt haben, also auch die Brücken.
Nachdem Graham und Arthur mit ihren Motorrädern zum Schlehenpflücken aufs Land gefahren sind, ohne eine Genehmigung einzuholen (hat ihre Brücke vergessen), bekommt unsere Chronistin einen Rüffel, und zwar von ihrem neuen Handler – der sich als keine andere als Adela, die Vizeministerin, entpuppt. Nun wird der „Brücke“ klar, dass Graham und Arthur überwacht worden sind. Sie muss den Rüffel weitergeben, was wiederum Graham und Arthur klarmacht, was sie eh schon geahnt haben: Sie werden durchgängig überwacht. Graham lässt seine persönliche Überwacherin wissen, wie er sie nennt: „kleine Katze“.
Phase 5 (Paarbildung)
Sobald sie gelernt haben, online zu gehen und zu telefonieren, wissen, dass sie auch dabei überwacht werden; die Browserverläufe werden regelmäßig ausgewertet. Dementsprechend ändert sich ihr Verhalten. Dadurch bekommt unsere „Brücke“ erst spät mit, dass sich Graham für einen Abschluss bei der Marineakademie bewirbt. Sie kippt vor Schreck einfach um, doch Graham fängt sie auf, was sie ganz aufregend findet: „Uff!“ (etwas Intelligenteres fiel dir nicht ein, tadelt sie sich nachher selbst.)
Die Erkältungen sind nur eine Vorwarnung auf die Katastrophen, die auf Bewohner Londons warten: Obwohl sie die Wetterwarnung vor dem anrückenden Sturm kennt, radelt unsere „Brücke“ dennoch nach Hause. Schon Kilometer vor dem Ziel erwischt sie eine Flutwelle aus rauschendem Regen. Wasserrohre brechen, Sandwälle werden errichtet. Vor ihrem London-Haus steht Graham in wasserabweisendem Mantel und mit Warnlaterne, um ihr den Weg zu weisen. Er hat die Lieferung von Sandsäcken „organisiert“, ohne das Ministerium zu informieren. Und offenbar kennt er alle in der Nachbarschaft, seine „Brücke“ aber absolut keinen.
Natürlich organisiert er auch die Weihnachtsfeier seiner Gruppe, während die „Brücke“ das Fest bei ihrer englisch-kambodschanischen Familie bringt. Dass ihre Schwester Mai jetzt als Schriftstellerin die gemeinsame Familiengeschichte auspackt, geht Mais Schwester gewaltig gegen den Strich – diese Selbstentblößung. Dabei prangert Mai lediglich den britischen Rassismus an.
Die Vergangenheit
Dies berichten die beigefügten Tagebucheinträge, Briefe usw. Von 1845 bis 1847, als Gore entführt wurde, lagen die beiden Schiffe „Terror“ und „Erebus“ in der Arktis westlich von Grönland im kanadischen Packeis fest. Anfangs versorgten die Inuit die Männer noch mit frischem Fleisch, im Austausch für Messer und dergleichen. Doch dann kam es zu einem Vorfall, der diese Begegnungen schlagartig und anhaltend beendete. Schuld daran war Gore.
Er war der beste, weil stärkste und zielsicherste Jäger – bis zu dem Tag, als ihn das Gleißen des Eises täuschte und er auf ein bewegliches Ziel zielte, das er für eine Robbe hielt. Es war ein anderer Jäger, ein Inuit. Dessen Angehörige kamen auf das Schiff. Vergeblich entschuldigten sich Offiziere in schlechtem Inuit, vergeblich offerierten sie diverse Objekte (keine Messer). Nein, die Witwe wollte nur den Mörder ihres Mannes sehen. Gore kann bis heute ihren stechenden Blick nicht vergessen. Er gleicht dem seiner halbasiatischen „Brücke“…
Phase 6 (Krise)
Endlich hat es Graham geschafft: Er wird ins britische Militär aufgenommen. Seine Brücke schaut ihm bewundernd zu, als sich ein alter Bekannter an sie heranmacht: Quentin, ihr früherer Führungsoffizier. Er sei als Spion enttarnt worden, ebenso wie jener Brigadier. Quentin will ihr nur etwas geben und steckt es in ihre Handtasche: eine Aktenmappe mit brisanten Informationen. Gleich darauf wird er von einem Scharfschützen erschossen. Die Veranstaltung versinkt in blutigem Chaos…
Mein Eindruck
Zunächst ist das Generalthema klar erkennbar: Es geht um Migration und das Einleben nach der kulturellen Verpflanzung. Die Autorin spricht da aus Erfahrung, und ihre Erfahrungen spiegeln sich in den autobiografischen Erzählungen ihrer namenlosen Heldin wider. Sie sind der wichtigste Grund, warum die Ausführungen der berichterstattenden Erzählerin so authentisch wirken.
Sie befindet sich zwar in einem neuen, in dem sie aufgewachsen ist, aber sie kann nie sicher sein, dass sie auch die geheimen Verhaltenscodes kennt. Und sie lauscht immer zurück in die Vergangenheit, wenn sie ihrer Mutter zuhört und deren Speisen isst. Gibt es also für sie eine Zukunft, lautet die Frage. In dieser Beziehung – und zu der mit Gore – liegt ein fataler Fehler.
Die Rückblenden
Eine Migration durch die Zeit ist natürlich das Nonplusultra. Ist Gore wirklich der, wofür ihn seine „Brücke“ hält oder ein ganz anderer? Dass er zwar ein Militär und Seemann ist, lässt sich nicht abstreiten, aber er ist auch noch viel mehr. Mit perfidem Hintersinn eröffnen die Tagebucheinträge Gores und die Berichte über andere Besatzungsmitglieder von „Erebus“ und „Terror“ weitere Charaktereigenschaften und Fähigkeiten Gores: Er ist ein ausgezeichneter Jäger, ein beliebter Führungsoffizier, aber leider auch ein Mörder. Er hat einen Inuitjäger getötet, sich dadurch die Unterstützung der Inuit verscherzt und so den Untergang der Expedition beschleunigt und mitverschuldet, um es mal hart zu formulieren.
Rogue Male
Auch Gores Lektüre ist sehr aufschlussreich. Er liest zehn Mal den Roman „Einzelgänger, männlich“, im Original ist der Titel vielsagender: „Rogue Male“, also männlicher Abtrünniger oder gar Schurke. Was er seiner „Brücke“ vorenthält – als Viktorianer, Offizier, Mann – wird sich später noch als hilfreich erweisen. Sie aber verfällt ganz seinem männlichen Charme (siehe das beigefügte Foto) und das führt zu Liebe, der „größten Katastrophe“ von allen. Der Eindruck von gutgläubiger Naivität, den die Erzählerin erweckt, ist aber kein Grund zu überheblichem Mitleid, sondern zu sympathischem Mitgefühl, als eine Katastrophe der nächsten folgt.
Das Ministerium
Die Zeitreisenden bzw. „Expats“ bilden ein Quartett. Es interagiert mit sich selbst, aber auch mit den Agenten und „Brücken“, die es wie Satelliten umgeben. Das ist seine Stärke, aber auch seine Schwäche. Denn die Agenten und Brücken unterstehen dem Ministerium. Die Chronistin ahnt es nicht, ihr Schützling aber schon: Es gibt Verräter und somit Agenten fremder Länder. Dass diese Agenten aus der Zukunft kommen könnten, darauf muss unsere Erzählerin erst einmal mit der Nase gestoßen werden, ja, dass ihre eigene Vorgesetzte Adela nicht nur aus der Zukunft stammt, sondern mit ihr, der Brücke, identisch ist.
Diese Enthüllungen und Entdeckungen verabreicht die schlaue Autorin in homöopathischen Dosen. Kein Leser wird überfordert, selbst dann nicht, als sich im Finale die Ereignisse überschlagen. Wird Gore mit seinem Schützling 1665 (Margaret) den Schergen und Verrätern des Ministeriums entkommen? Das darf hier nicht verraten werden. Nur eines ist absehbar: Unsere liebe „Brücke“ dürfte in jedem Fall todunglücklich sein. (Die Autorin hält sich ein Hintertürchen für eine Fortsetzung offen.)
Die Übersetzung
Die Übersetzung ist gut gelungen, aber mit manchen Ausdrücken bin ich nicht einverstanden. Auch an Druckfehlern mangelt es nicht.
S. 32: „Cairn”: Wird nicht erklärt: Grab- oder Steinhügel.
S. 39: “nicht als große[n] Tugend angesehen wird…“: Das N ist überflüssig.
S. 41: “die Zunge in der Wange“: Eins-zu-eins-Übersetzung von „tongue in cheek“: augenzwinkernd.
S. 78: “und setzte [sich] mich auf die Terrasse“: Das „sich“ ist überflüssig.
S. 82: “der in der [der] Hand gehalten wird…“: Einmal „der“ reicht völlig.
S. 101: “sondern nur redete, um sich nicht selbst zu flensen“, Google weiß zu „flensen“: „Flensen bezeichnet das fachmännische Abtrennen der Speckschicht (Blubber) von einem erlegten Wal.“ Das Wort kommt aus dem Niederdeutschen: „flinsen“, wo es „schneiden bzw. schnitzen“ bedeutet. Siehe auch „Flensmesser“.
S. 125: “oder ihre Umgebung in ihre[n] Atome aufzulösen“: Das N ist überflüssig.
S. 126: „Das Arbeitszimmer war ein[e] winzige Kammer“: Das E fehlt.
S. 128: “Windrush-Generation” von farbigen Einwanderern aus der britischen Karibik, die mit dem Schiff „HMT Empire Windrush“ Anfang der 1960er Jahre in England eintrafen. Siehe den Wikipedia-Artikel dazu ((https://de.wikipedia.org/wiki/Windrush-Skandal )).
S. 153: „Amber-Alert”: Alarmstufe gelb bzw. Bernstein.
S. 188: “defensives Othering”: Andersmachung, Fremd-Machung. Siehe die Wikipedia ((https://de.wikipedia.org/wiki/Othering )).
S. 213: “es handelt sich um eine[n] Zaubertrank…“: Das N fehlt.
S. 245: “sehr posh“: hochnäsig, weil aus der Oberschicht.
S. 255: „Durchs Fe[n]ster sah ich…“: Das N fehlt.
S. 275: „Rangliste. Sie wurde wöchentlich upgedatet.“ „aktualisiert“ wäre verständlicher.
S. 331: „Melismen der Verzweiflung“. Melisma ist ein musikologischer Fachausdruck für eine Tonfolge, die nur einer Textsilbe zugeordnet ist. Typischerweise in Chormusik oder in einer Oper.
S. 354: „spartanische Verließe“: korrekt wäre „Verliese“.
S. 370: „Rupert Brooke und Siegfried Sassoon“: Verweis auf zwei bedeutende Kriegsdichter aus dem Ersten Weltkrieg.
Unterm Strich
Der Roman lässt sich zügig lesen, denn er überzeugt vor allem mit seinen interessanten Figuren und seiner vielschichtigen Handlung. Die Liebesgeschichte, die sich zwischen der Brücke und Gore entwickelt, berührt in ihrem ganzen zwangsläufigen Verlauf. Dabei ist die Chronistin nicht mal aufrichtig zu Gore: dass ihm nämlich ein RFID-Chip eingepflanzt wurde, um ihn überall orten zu können, verschweigt sie ihm. Die absehbaren Folgen treffen sie selbst schließlich mit voller Wucht. Der Leser darf sich auf ein Drama gefasst machen, das sich folgerichtig entfaltet.
Aber es ist nicht vorhersehbar, das ist wichtig, denn so bleibt die Spannung erhalten. Denn im Ministerium, für das die Brücke arbeitet, gehen rätselhafte Dinge vor sich. Der Anschlag ist nur das heftigste Phänomen, ein Hinweis auf das, was in Wahrheit vor sich geht. Und wäre die Brücke nur ein bisschen klüger und erfahrener, so sähe die Katastrophe kommen.
Es erscheint im Rückblick nur konsequent, dass das „Ministerium der Zeit“ (das so gar nicht im Text bezeichnet wird) nicht nur Leute aus der Vergangenheit holt, sondern selbst Ziel zukünftiger Expeditionen und Agenten ist. So wie die Franklin-Expedition den arktischen Raum herausgefordert hat, so kolonialisiert das Ministerium die Zeit. Es wird aber selbst seinerseits angegriffen: von Agenten der Zukunft. Klar, dass es hier oder dort einen Verräter geben muss.
Der Roman kombiniert also viele Geschichten: eine Liebesromanze, einen Spionage-Roman, ein Porträt der Klimakatastrophe und die Geschichte einer Expat-Community, die ihre eigenen Drama erzeugt. Somit bietet der Roman für jeden Leser etwas, solange nur genügend Interesse an Charakteren besteht, die allesamt in eine unausweichliche Krise verstrickt sind.
Für die vielen Fehler der Übersetzung gibt es Punktabzug.
Gebunden: 383 Seiten
Originaltitel : The Ministry of Time, 2024
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
ISBN-13 : 9783328603535
www.Penguin.de
Der Autor vergibt: 




