Püstow, Hendrik / Schachner, Thomas – Jack the Ripper – Anatomie einer Legende

Wohl kaum ein Kriminalfall der Geschichte beschäftigt die Menschen auch heute noch so sehr wie die Morde von „Jack the Ripper“. Im Spätsommer und Herbst 1888 versetzte ein unbekannter Täter die Menschen des Londoner East Ends in Angst und Schrecken. Innerhalb weniger Wochen ermordete er mindestens fünf Frauen, allesamt Prostituierte, die sich auf den Straßen von Whitechapel ihren Lebensunterhalt verdienen mussten.

Über kaum einen Täter in der Kriminalgeschichte dürfte so sehr spekuliert worden sein wie über „Jack the Ripper“. An Theorien zu den Morden mangelt es nicht – höchstens an stichhaltigen Theorien. Im Laufe der Geschichte machten diverse Verdächtige die Runde. Mal soll die Spur der Morde bis ins britische Königshaus hinaufreichen, mal will jemand angeblich die Tagebücher von „Jack the Ripper“ gefunden haben, und mal macht sich eine renommierte Krimiautorin auf, im Namen der Aufklärung für viel Geld den Nachlass eines wichtigen Künstlers der damaligen Epoche unwiederbringbar zu zerstören. Gerade vor dem Hintergrund der Whitechapel-Morde von 1888 gibt es immer wieder skurrile Theorien und sonderbare Ereignisse, die zur Mythenbildung ihren Teil beisteuern.

Einen neuen Täter präsentieren auch Henrik Püstow und Thomas Schachner in ihrem im |Militzke|-Verlag erschienenen Buch „Jack the Ripper – Anatomie einer Legende“ nicht. Auch ansonsten kommt ihr Buch eher unspektakulär daher. Püstow und Schachner haben sich aber auch ein gänzlich anderes Ziel auf die Fahnen geschrieben, eines, das gerade unter Ripperologen wohl eher selten ist: Ganz nüchtern widmen sie sich lediglich den Fakten. Sie rekonstruieren die Fälle anhand der damaligen Presse und der Polizeiakten. Sie skizzieren den Ablauf der Verbrechen neu, lassen die damaligen Zeugen zu Wort kommen und versuchen möglichst genau die letzten Schritte der Opfer nachzuvollziehen.

Die Verdächtigen, die nach den unterschiedlichen Ripper-Theorien für die Taten verantwortlich sein könnten, stellen sie jeweils kurz vor und erläutern in einer Pro-und-contra-Liste, was für und was gegen die Tätertheorie spricht. Nun sollte man meinen, eine solche objektive, lediglich auf Fakten basierende Betrachtungsweise wäre nichts Neues, in Sachen „Jack the Ripper“ ist sie allerdings ein Novum.

Allein die Tatsache, dass Püstow und Schachner selbst keiner Tätertheorie anhängen, ist schon eher ungewöhnlich, war es doch unter Ripperologen sonst meist üblich, die Whitechapel-Morde so darzustellen, dass sie zur individuell gehegten Tätertheorie passen. Die beiden Autoren bleiben in ihrer Betrachtungsweise bis zum Schluss objektiv, und genau das macht dieses Buch nicht nur einmalig, sondern auch zu einem wichtigen Werk zum Thema „Jack the Ripper“. Püstow und Schachner zeigen auf, was wirklich zu den Fällen bekannt ist, sie rekonstruieren die Fälle minutiös und prüfen bekannte Tätertheorien auf ihre Stichhaltigkeit.

Das, was dieses Buch so wertvoll macht, ist auch die Tatsache, dass man sich einen wunderbaren Überblick zu dem Thema verschaffen kann. Sind die meisten Ripper-Publikationen stets sehr subjektiv gefärbt, so erfährt man bei Püstow und Schachner, was man als gesichert ansehen kann und was nicht. Hinzu kommt, dass die beiden Autoren Material gesichtet haben, das bislang kaum Eingang in die Literatur zum Thema gefunden hat. Laut Verlagsangaben lagen den beiden die kompletten Polizeiakten vor, teilweise gar bislang ungesehenes Material. Ergänzt haben sie das mit den damaligen Meldungen der Presse, teils auch der deutschsprachigen.

Püstow und Schachner schildern den Fall aus der damaligen Sicht und skizzieren damit auch sehr plastisch die Verhältnisse und Lebensumstände der Menschen im Londoner East End nach. Die Fakten werden nachvollziehbar dargelegt und der Stil der beiden Autoren liest sich so locker und fesselnd, dass die Lektüre sich recht angenehm gestaltet. Allzu zart besaitete Gemüter werden das in Anbetracht der teils sehr unappetitlichen Bilder und Schilderungen von den Autopsien sicherlich anders sehen, aber das trifft wohl auf so ziemlich jedes Buch zum Thema „Jack the Ripper“ zu. Die Morde an sich sind halt eine unappetitliche Angelegenheit, bei der es nichts zu beschönigen gibt.

Auch Püstow und Schachner können zur Aufklärung der Morde am Ende keine allzu neuen Erkenntnisse beitragen, die wesentlich größere Klarheit bringen. Was neu ist, ist die Entlarvung der Urheberschaft des so genannten „Dear Boss“-Briefes, der damals überhaupt erst den Namen „Jack the Ripper“ ins Spiel gebracht hat. Laut Püstow und Schachner ist der Absender nicht der Mörder selbst, wie sonst immer gemutmaßt wurde, sondern ein findiger Journalist.

Zum Thema „Jack the Ripper“ hat Püstows und Schachners Werk eine unabstreitbare Eignung zur Basisliteratur: Objektiv in der Betrachtungsweise, fundiert in der Vielzahl an Quellen und stets kritisch in der Beurteilung gängiger Theorien. Die beiden Autoren beleuchten den Themenkomplex auf erfrischende und bei der Thematik durchaus ungewohnte Art und Weise, klammern sie sich schließlich nicht an die verkaufsfördernde Wirkung spektakulärer Tätertheorien. Ihre nüchterne und klare Herangehensweise hat einen geradezu wissenschaftlichen Charakter, der dem Buch eine Glaubwürdigkeit verleiht, die man sonst bei Büchern zum Thema „Jack the Ripper“ oft mit der Lupe suchen muss.

Die beiden Autoren haben sich schon jahrelang mit dem Thema „Jack the Ripper“ beschäftigt. Henrik Püstow hat schon viele Aufsätze zum Thema veröffentlicht. Thomas Schachner stellte das größte deutsche Webportal zum Thema „Jack the Ripper“ auf die Beine und ist zusätzlich aktiv an der weltweit größten „Ripper“-Website www.casebook.org beteiligt. Zudem hat er die „Jack the Ripper“-Konferenz in Baltimore 2003 mitorganisiert.

Fazit: Was Püstow und Schachner in „Jack the Ripper – Anatomie einer Legende“ zusammengetragen haben, ist absolut lobenswert – sachlich, kritisch und glaubwürdig. Den Täter können auch sie nicht präsentieren, aber welcher seriöse Forscher mag heutzutage damit noch aufwarten? Was sie aber schaffen, ist ein objektiver Überblick, der gerade im Bereich der deutschsprachigen „Jack the Ripper“-Literatur stets gefehlt hat.

Und so kann man Püstow und Schachner auf jeden Fall schon mal attestieren, dass sie ein lesenswertes Grundlagenbuch zum Thema abgeliefert haben, das ungleich wertvoller ist als so manche abstruse oder spektakuläre Theorie, egal ob sie von Stephen Knight stammt oder von Patricia Cornwell. Püstow und Schachner geben der Thematik den nüchternen und sachlichen Blick auf die Tatsachen zurück, der in der versuchten Aufklärung der Verbrechen in den letzten Jahrzehnten viel zu oft gefehlt hat.

Das deutschsprachige Informationsportal zum Thema „Jack the Ripper“:
[www.jacktheripper.de.]http://www.jacktheripper.de
http://www.militzke.de/

Dark, Jason – John Sinclair – Schach mit dem Dämon (Folge 6)

Billy Conolly wird am Tag vor der Geburtstagesfeier seines besten Freundes von Alpträumen heimgesucht, in denen finstere Dämonen Besitz von ihm ergreifen. Er miss ihnen jedoch keine große Bedeutung bei, denn schließlich hat der Kollege von Geisterjäger John Sinclair in letzter Zeit schon öfter mit der dunklen Seite zu tun gehabt, so dass eine Verarbeitung der Ereignisse legitim ist. Jedoch bekommt er nicht mit, dass die Dämonen sich bereits in sein Haus eingeschlichen haben. Auf dem Schachbrett, dem Geburtstagsgeschenk für seinen Kumpel Sinclair, bewegt sich nämlich eine Figur unbeachtet durch seinen zwischenzeitlichen Besitzer …

Am nächsten Tag feiert John dann seine Party, zu der all seine Freunde und Kollegen eingeladen sind. Alle sind in ausgelassener Feierstimung und zelebrieren insgeheim auch noch den Sieg über Verbrecherkönig Alex Terrace, bis sich dann plötzlich die Ereignisse überschlagen. Bereits am frühen Morgen hatte John einen Anruf mit einer drohenden Botchaft bekommen, und schon jetzt scheinen die finsteren Mächte ihre Pläne umzusetzen. Suko, Sinclairs Freundin Jane und das Ehepaar Sheila und Bill Conolly werden durch einen Sog vom Dämon Octavio in eine andere Dimension entführt, in der es kein menschliches Leben mehr gibt. Inmitten von Mutaten und schrecklichen Monstern suchen die Gefangenen nach einem Portal zur Heimatwelt, sind aber ohne fremde Unterstützung der Willkür der dämonischen Bruten hilflos ausgesetzt.

John begibt sich alsbald auf die Suce nach seinen verschwundenen Freunden und schafft es tatsächlich, Octavio zu einer diplomatischen Lösung zu bewegen. Seine Freunde können gerettet werden, wenn sich Sinclair auf ein gemeines Spiel einlässt, nämlich ein Schachmatch gegen den Dämon. Die einzige Bedingung: Johns Freunde übernehmen selber den Part der Spielfiguren und müssen sich dabei mit einigen mächtigen Gegnern herumschlagen. Werden die Gefährten des Geisterjägers dieses gefährliche Spiel überleben?

_Meine Meinung_

Wow, das ist ja mal wieder eine Einleitung nach Maß: Bereits das erste Auftauchen des Dämons jagt einem einen kalten Schauer über den Rücken und versetzt einem gleichzeitig einen Schrecken, denn die neueste Ausgeburt der Hölle scheint noch viel geschickter zu sein als all ihre Vorgänger, die den Kampf gegen den berüchtigten John Sinclair verloren haben. Octavio ist zudem auch hinterlistiger und packt den Geisterjäger an seiner schwächsten Stelle, nämlich bei seinen Freunden, die hier unfreiwillig und unschuldig in den schier ewig währenden Kampf zwischen Sinclair und der Unterwelt gezogen werden. Octavio will allerdings nur den Kopf Sinclairs, und hierzu ist ihm jedes noch so fiese Mittel recht.

Die Rahmenhandlung dieses Hörspiels ist schlichtweg perfekt, und zum x-ten Male bekommt man den Eindruck, dass sich Jason Dark mit diesem vertonten Heftroman ein weiteres Mal übertroffen hat. Bei „Schach mit dem Dämon“ begeistert aber nicht nur der sagenhaft dargestellte Kampf zwischen Gut und Böe, sondern auch die vielen neun Elemente, die man sich für diese Geschichte ausgedacht hat. Octavio ist zwar keine derart einschüchternde Erscheinung wie einst der Mann mit dem Janus-Kopf, doch dafür faszinieren in diesem Hörspiel der Zauberspiegel, der eine Reise in andere dimensionen erlaubt, sowie das überdimensionale Schachspiel, bei dem die Figuren von lebenden Objekten gestellt werden.

Zudem ist der Plot wirklich spitzenmäßig aufgebaut; verschiedene Ereignisse kündigen die Ankunft eines weiteren Dämons an, jedoch kann man nur mutmaßen, in welcher Erscheinungsform, wann und wo er auftreten bzw. was sein Kommen bewirken wird. Als er dann urplötzlich sein Unwesen bei der Geburtstagsparty des Geisterjägers treibt, ist die Spannung am Siedepunkt, doch schon folgt ein völlig neuer Gedankenstrang, bei dem ein kompromissloser Gangster den Spiegel von Octavio stehlen möchte. Wer sein Auftraggeber ist, was er mit dem Spiegel beabsichtigt und vor allem was am Ende aus ihm wird, bleibt bis zum Schluss im Verborgenenen. Und während der Hörer noch über diese Ereignisse grübelt, nimmt Sinclair die Jagd auf, stellt sich seinem eigentlichen Verfolger und ergreift den letzten sich bietenden Strohhalm zur Rettung seiner Freunde – die wiederum in der fremden Umgebung auf verlorenem Posten zu stehen scheinen.

Hier passiert wirklich unheimlich viel, so dass „Schach mit dem Dämon“ eindeutig die bis hierher umfangreichste Story aus dem Sinclair-Universum ist. Gleich eine ganze Reihe Sub-Plots vefeinern die Geschichte und werden Stück für Stück zusammengefügt, dabei auch immer wieder mit wunderbaren Soundeffekte und düsteren Musikeinspielungen verfeinert. Nach und nach fügen sich die Dinge dann zusammen, wobei sich Master Dark dieses Mal mehrere Optionen für spätere Geschichten offen lässt und nicht jeden Part der Handlung auflöst. Es würde mich daher absolut nicht wundern, würden wir in einer der späteren Folgen wieder auf den mysteriösen Spiegel treffen …

„Schach mit dem Dämon“ ist erneut eine Steigerung und zum wiederholten Male die wohl beste Sinclair-Episode bis dato. Unterlegt von sehr starken Klangeffekten, stellt Dark bzw. das Hörspiel-Team das finsterste Spiel im Leben des Geisterjägers dar und ihn auf eine enorm harte Probe. Jeder falsche Gedanke könnte einen seiner Freunde zum Opfer haben, jede falsche Bewegung den eigenen Tod bedeuten. Spannung bis zum Geht-nicht-mehr, super Sprecher und eine erneut sehr erfrischende Story – das sind die Eigenschaften, deretwegen man „Schach mit dem Dämon“ keinesfalls im Händlerregal stehen lassen sollte. Ich liebe diese Serie!

http://www.sinclairhoerspiele.de/

_|Geisterjäger John Sinclair| auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Anfang“ 1818 (Die Nacht des Hexers: SE01)
[„Der Pfähler“ 2019 (SE02)
[„John Sinclair – Die Comedy“ 3564
[„Im Nachtclub der Vampire“ 2078 (Folge 1)
[„Die Totenkopf-Insel“ 2048 (Folge 2)
[„Achterbahn ins Jenseits“ 2155 (Folge 3)
[„Damona, Dienerin des Satans“ 2460 (Folge 4)
[„Der Mörder mit dem Januskopf“ 2471 (Folge 5)
[„Schach mit dem Dämon“ 2534 (Folge 6)
[„Die Eisvampire“ 2108 (Folge 33)
[„Mr. Mondos Monster“ 2154 (Folge 34, Teil 1)
[„Königin der Wölfe“ 2953 (Folge 35, Teil 2)
[„Der Todesnebel“ 2858 (Folge 36)
[„Dr. Tods Horror-Insel“ 4000 (Folge 37)
[„Im Land des Vampirs“ 4021 (Folge 38)
[„Schreie in der Horror-Gruft“ 4435 (Folge 39)
[„Mein Todesurteil“ 4455 (Folge 40)
[„Die Schöne aus dem Totenreich“ 4516 (Folge 41)
[„Blutiger Halloween“ 4478 (Folge 42)
[„Ich flog in die Todeswolke“ 5008 (Folge 43)
[„Das Elixier des Teufels“ 5092 (Folge 44)
[„Die Teufelsuhr“ 5187 (Folge 45)
[„Myxins Entführung“ 5234 (Folge 46)
[„Die Rückkehr des schwarzen Tods“ 3473 (Buch)

Azzarello, Brian / Lee, Jim / Williams, Scott – Superman – Die Rückkehr 1

„Superman – Die Rückkehr“ ist eine neue Kurzserie aus dem Marvel-Universum, in der die Reihe „Für das Morgen“ (aus „Die Rückkehr von Superman 1-3“) aufgearbeitet wird. Die eher nachdenkliche und weniger actionbeladene Serie wurde von niemand Geringerem als Kult-Autor Brian Azzarello erschaffen, der sich mit Jim Lee und Scott Williams zudem prominente Unterstützung hinzuholte. |Panini Comics| veröffentlicht das Ganze nun in zwei Sammelbänden; der erste ist frisch auf dem Markt.

_Story_

Superman geht hart mit sich ins Gericht; auf der ganzen Welt sind Millionen Menschen verschwunden, und der Superhald gibt sich selber für dieses fürchterliche Ereignis die Schuld. Der beliebte Mann mit den überirdischen Kräften zieht sich daraufhin vollkommen zurück und bemüht sogar die Hilfe eines Priesters, mit dem er über eine verheerende Sünde spricht. Ein Jahr ist es nun her, seit eine ganze Bevölkerungsschicht wie vom Erdboden verschluckt ins Jenseits befördert wurde, und immer noch stellen sich für den stählernen Helden viele Fragen, primär die Frage nach dem Warum.

In mehreren Rückblicken erinnert er sich an kriegerische Auseinandersetzungen und Kämpfe mit einem seltsamen Wesen namens Equus, einem Monster, dessen wahre Identität selbst den furchtlosen Superman in Schock versetzt. Gleichzeitig erzählt er dem Pater von seinen Bedenken und den daraus resultierenden Selbstzweifeln, bis sich die Lage dann für beide Parteien immer mehr zuspitzt. Ist Superman tatsächlich für das Verschwinden von Millionen Menschen verantwortlich? Was ist in der Vergangenheit wirklich geschehen? Und welche Rolle spielt die Justice League, die sich in dieser kritischen Zeit gegen den blau-roten Helden stellt? Superman steht vor seinem vielleicht schwerwiegendsten Kampf überhaupt.

_Meine Meinung_

Der erste Band von „Die Rückkehr“ beginnt bereits relativ vielversprechend. Nachdem Autor und Zeichner in einem Vorwort ihre Ambitionen verdeutlicht haben, steigt die Geschichte mit sehr schönen Hochglanz-Illustrationen ziemlich rasant ein und zeigt den bekannten Actionhelden von einer überraschend nachdenklichen Seite. Superman hat viel von seiner heroischen Ausstrahlung einbüßen müssen und wirkt fast zerbrechlich, wenn er mit dem sehr ruhigen Priester kommuniziert. Ihm liegt eine Last im Genick, der er alleine nicht mehr Herr werden kann, und so holt sich ausgerechnet der unbesiegbare Superman Unterstützung bei einem Geistlichen.

Doch die Angelegenheiten, die in diesem Gespräch erörtert werden, bringen das Gemüt des Superhelden kaum wieder in Wallung; man blickt gemeinsam zurück auf die Zeit des Krieges, der durch Manipulation ein vorläufiges Ende genommen hat. Erste Zweifel werden wach, und je mehr sich Superman an die Details erinnert, desto deutlicher wird auch wieder die Erinnerung an eine bestimmte Maschine, die er mit den rätselhaften Ereignissen in Verbindung bringt – bis ihm dann das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe ein weiteres Mal vor Augen geführt wird.

Ich will nun gar nicht an den Qualitäten eines Brian Azzarello zweifeln, aber die Storyline für diesen Comic ist jetzt nicht gerade berauschend. Erst einmal wird der Autor dem Heldencharakter des Superman in keiner Weise gerecht. Die zurückgezogene Darstellung des Hauptdarstellers will auch gar nicht so richtig zu ihm passen und schadet auch dem Wert der Identifikationsfigur, die Superman ausgehend von diesem Comic auch nicht sein kann. Er ist ein schwacher Held, überall unbeliebt und sehr stark mit sich selbst, nicht aber mit dem Leid anderer Leute beschäftigt.

Damit einher geht, dass die Geschichte nur eher schleppend voranschreitet. Ob es nun am Mangel an Action oder am komplexeren Aufbau der Serie liegt, irgendwie kommt Azzarello nicht so richtig in die Gänge und verkompliziert den Plot zusätzlich auch noch durch zahlreiche Einsprengsel aus der storybezogenen Vergangenheit. „Die Rückkehr 1“ hat bisweilen mehr von einer melancholischen Erzählung als von der Story eines Actionstars an sich und lässt somit auch die meisten Versuche, einen annehmbaren Spannungsbogen zu kreieren, im Sande verlaufen.

Natürlich will man zum Schluss wissen, welche Pläne Superman hat und wie weit er „Für das Morgen“ gehen wird, aber weil sich innerhalb des Buchs so viele unzureichend beantwortete Fragen auftun und man sich über die einzelnen Flashbacks an zu vielen Nebenschauplätzen aufhält, statt die Handlung mal adäquat voranzutreiben, ist das Interesse an der Geschichte nur noch der Vollständigkeit halber geblieben. Eine wirklich innovative Idee, geschweige denn eine allzu fortschrittliche Story bietet dieser neue Superman-Sammelband jedenfalls nicht. Und auch wenn der zweite Band logisch betrachtet mehr Action aufbieten müsste als der behäbige erste Comic, kann ich mir schwer vorstellen, dass die Handlung noch mal richtig Fahrt aufnehmen wird.

Superman funktioniert also doch nur, wenn er seine Körperkräfte gegen einige widrige Monster einsetzen darf; ist seine Rolle aber nicht die einer Identifikationsfigur, so wie in diesem Band, fällt es unheimlich schwer, mit dem von Lee sehr detailgetreu gezeichneten Helden zu sympathisieren und ihn auch als gebeuteltes Vorbild zu akzeptieren. Klar, es ist sicherlich einen Versuch wert gewesen, mal näher in die Psyche des Protagonisten zu schauen und ihn in Phasen zu betrachten, in denen sein Seelenleben stark angeschlagen ist, aber dann wäre es auch wünschenswert gewesen, wenn die Story dann doch irgendwann mal Fahrt aufgenommen hätte. So hingegen ist es ein interessantes Projekt, dessen magere Umsetzung weder dem Charakter des (Anti?-)Helden noch dem Ruf des Autors gerecht wird. Lediglich die beiden Zeichner agieren in „Superman – Die Rückkehr 1“ auf gewohnt hohem Niveau.

http://www.paninicomics.de/

Gerber, Michael – Barry Trotter und die schamlose Parodie

Die höchste Form des Lobes ist bekanntlich das Plagiat, auf die Parodie kann das bedenkenlos ausgeweitet werden. Wenn man der groß angelegten Verballhornung durch schreibende Scherzkekse anheimfällt, hat man es in den Bekanntheits-Olymp geschafft. Was J. K. Rowling mit ihren Harry-Potter-Publikationen trefflich gelungen ist, versucht Michael Gerber, seit Veröffentlichung des ersten Bandes seiner Potter-Parodie im Jahre 2002, immer noch zu erreichen. Wobei er den damaligen Hype geschickt ausnutzte, um mit seiner Publikation in JKRs Kielwasser mitzusegeln. Jüngst sollte übrigens auch C. S. Lewis‘ „Chroniken von Narnia“ nicht vor ihm sicher sein.

Aus „Barry Trotter and the unauthorized parody“ (US-Originaltitel), wurde in England ein verkaufsförderndes „shameless“. Hieran lehnten sich die beiden Übersetzer an und übernahmen das „schamlos“ für den Titel der deutschen Ausgabe, die erstmals 2003 bei |Goldmann| als Hardcover erschien. Die günstigere Taschenbuchausgabe ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Die Story mit ihren schrägen Figuren fand offenbar so viel Anklang, dass Michael Gerber „… und die überflüssige Fortsetzung“ nachschob (dt. VÖ 11/2005), und ein Prequel („… und der unmögliche Anfang“ – voraussichtliche VÖ 07/2006) wird auf der Website von |Random House| bereits angekündigt.

_Der Autor_

Michael Wer? Sein parodistisches Coming-out „What we talk abbout when we talk about Doughnuts“ dürfte hierzulande jedenfalls weitgehend unbekannt sein. Gerber – Baujahr 1970 – schrieb bisher für seinen täglichen Broterwerb ansonsten für den „New Yorker“ und das „Wall Street Journal“; was er da so genau vor sich hintippselte – ob nun absolut bierernst oder als Ulknudel vom Dienst -, verrät uns die Autoren-Verlagsinfo leider nicht. Er selbst sieht sich humoristisch eher in der Ecke Monthy Pythons; wie jeder weiß, Kult-Institution an trockenem und skurrilem Humor. Very british eben. Ziemlich große Schuhe, um (ausgerechnet auch noch als Amerikaner) hineinzuschlüpfen.

_Zur Story_

Das Leben auf der Zauberschule Hogwash könnte für den 22-jährigen Oberfaulpelz Barry Trotter so schön sein. Könnte. Direktor Alpo Bumblemore gewährte ihm lebenslanges Wohnrecht im Schloss, denn der ist immer ebenso klamm wie das olle Gemäuer selbst. Barry hatte der Autorin J. G. Rollins seine Abenteuer aus der Zauberwelt erzählt, insbesondere seinen Dauerzwist mit dem Doofen Lord Valumart, was diese zu einer sagenhaften Buchreihe ausschlachtete. Die dabei abfallende Kohle und der Ruhm brachten zunächst alle in Hogwash weiter. Fanpost, massenhaft willig zu poppende Muddel-Groupies und ein Leben vollkommen ohne Job – sprich: Existenzangst.

Leider ist Barry – wiewohl ein talentierter Zauberer – nicht ganz der Saubermann aus den Romanen, und mit Geld umgehen kann er schon gar nicht. Außerdem gibt sich sein vollkommen bekloppter Patenonkel Serious Blech die allergrößte Mühe, bei äußerst fragwürdigen Geschäftsbeteiligungen möglichst viel Kohle zu verbrennen. Barrys Geld versteht sich – und der lässt sich auch fast jedes Mal belabern und anpumpen. In der Konsequenz verscherbelt Barry allerhand Zeugs aus der Zauberwelt an Muddel. Sein letzter Coup allerdings war ein Schuss nach hinten: Er hatte der Boulevardpresse (natürlich gegen Zaster) den Weg nach Hogwash gesteckt.

Jetzt tummeln sich Fan-Scharen von stinkenden Nichtmagiern vor (und in) dem Schloss herum, urinieren (sowie Schlimmeres) auf dem ehemals sauber gepflegten Rasen und beschmieren die altehrwürdigen Hallen mit obszönen Graffities. Lediglich das Seeungeheuer und die Päderasten-Pappel scheinen wenigstens noch ein wenig Spaß aus der Situation ziehen zu können. Bei allen anderen liegen die Nerven nahezu blank. Erst recht, als die Ankündigung kommt, dass die Wagner Brothers einen Kinofilm über Barry planen. Noch mehr Muddels, die das Schloss auf der Jagd nach Andenken Stein für Stein demontieren. Die hielte selbst der stärkste VerpissDich-Zauber nicht ab.

Das Ende von Hogwash!? Bumblemore setzt Barry die Pistole – ähem, den Zauberstab auf die Brust: Film verhindern oder aus der Schule fliegen! Für den hochverschuldeten Barry wäre die einzige Alternative, sich einen richtigen Job zu suchen. Schluss mit laissez-faire. Alles sträubt sich in ihm dagegen und das Fragrufzeichen auf seiner Stirn pocht auch dieser Tage immer heftiger. Hat Der-der-stinkt etwa die teutonische Hand im Spiel? Zunächst gilt es jedoch für das alte Triumvirat sich zusammenzurotten, sein treudoofer Freund Lon Measley (nach einem Unfall nur noch mit einem Hundehirn ausgestattet) und die nymphomane Hermeline Cringer begleiten Barry. Sie wollen J.G. Rollins entführen und damit den Stopp des Films erzwingen.

_Meinung_

Zu Beginn liest sich das Ganze ganz gut an und die Gags sind nette kleine und vor allem wohldosierte Rippenstöße in Richtung des Originals. Undogmatische Potter-Fans, die Verballhornungen aller Art an ihrem Helden nicht als Häresie sehen, werden anfänglich ob des spitzbübischen Humors doch den einen oder andern Schenkelklopfer antreffen. Leider geht’s dem Buch, wie so vielen anderen: Nicht etwa Ideenmangel ist das Problem, sondern eher das Gegenteil. Zu viele schräge Einfälle, die nach Sicht des Autors unbedingt mit hineinmüssen, tun der Story selten Gutes. Die Gefahr, in einer simplen Aneinanderreihung von platten Albernheiten zu landen, ist groß.

Zur Mitte hin nimmt dann schon die Dichte der vermeintlich witzigen Passagen zu, die ihr Komik-Potenzial verstärkt aus üblen Körpergerüchen und Ähnlichem schöpfen. Wobei hier zu sagen ist, dass alles fein sauber bleibt und Michael Gerber keine verbalen Entgleisungen in Richtung Fäkalsprache oder irgendwelcher Obszönitäten unterlaufen. Das überlässt er weitgehend der – mehr oder minder schmutzigen – Phantasie seiner Leser. Man spürt durch die dauernde Verzettelei ein wenig den Zwang zum Ende hin, die erzähltechnische Kurve zu kriegen und dabei unbedingt noch ein paar Lacher mit dem Holzhammer einzupassen, wobei es besser gewesen wäre, die ohnehin skurrile und teils unübersichtliche Story einfach mal laufen zu lassen.

_Fazit_

Alles in allem eine dennoch witzig geratene Parodie. Die an sich krude Story ist hierbei eigentlich eher nebensächlich und mit der heißen Nadel genäht, sie dient nur als Transportmittel für das angepeilte Gagfeuerwerk. Obschon sie recht gut und mit subtilen Seitenhieben auf den Potter-Hype anfängt, wobei Gerber kaum ein Klischee auslässt, flacht das Ganze bereits zur Mitte hin hab und kann sich am Ende noch gerade so eben über die Runden retten. Mit dem Witz ist das so eine Sache – es kann auch einfach zu viel des Guten sein. Wenn Gerber in die Liga von Monthy Python oder Douglas Adams aufsteigen will, hat er noch so einiges zu lernen, gute Ansätze zeigt er durchaus schon.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „Barry Trotter and the unauthorized parody“
Simon & Schuster, New York / 2002
Übersetzung: Heinrich Anders und Tina Hohl
Europa/Goldmann, Hamburg 2003
Taschenbuch ca. 258 Seiten
ISBN: 3-4424-5815-3
http://www.randomhouse.de/goldmann/

Neal Asher – Skinner: Der blaue Tod

Drei sehr unterschiedliche Wesen treffen sich auf dem Wasserplaneten Spatterjay. Sie schließen eine Zweckgemeinschaft, verfolgen aber trotzdem ihre eigene Pläne, ohne zu ahnen, dass sie selbst nur Schachfiguren in einem weitaus größer angelegtem Ränkespiel um Macht und Geld sind und nicht unbedingt überleben sollen … – Richtig guter, ‚altmodischer‘ Science Fiction-Abenteuerroman, der einfach nur unterhalten will, ohne sich oder seine Leser dabei für dumm zu verkaufen.
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Taylor, Michael Ray – Höhlen. Expeditionen in die faszinierenden Innenwelten an Land, unter Wasser und im Eis

Im Jahre 2000 begab sich ein Team der Firma MacGillevray Freeman Film, Spezialisten für die Herstellung von IMAX-Filmen, auf eine Nabelschau ins Innere unserer Erde. Unterstützt von der National Geographic Society wurde ein abenteuerliches Projekt realisiert: Zum ersten Mal sollte die komplizierte Technik, mit deren Hilfe außergewöhnlich scharfe und farbintensive Aufnahmen möglich sind, in Höhlen eingesetzt werden, die nicht nur unter der Erde und damit im Dunkeln, sondern teilweise sogar unter Wasser oder im Gletschereis lagen.

Vom Ewigen Eis des Nordens bis in die warmen Meere Mittelamerikas ging die Fahrt, die in diesem Buch beschrieben wird, das eine Mischung aus Expeditionsbericht und Sachbuch darstellt. Als „Blickfang“ und Identifikationsfiguren für die Zuschauer wurden Hazel Barton und Nancy Aulenbach, zwei junge und in ihrem Metier erfolgreiche, aber auch optisch ansprechende Höhlenforscherinnen angeheuert, welche für eine bezahlte Forschungsreise gern in Kauf nahmen, vor der Kamera ihrem Job nachzugehen. Der Wissenschaftsjournalist Michael Ray Taylor schloss sich der Expedition an und sammelte parallel zu den Filmaufnahmen das Material für sein hier vorgelegtes Buch. Es gliedert sich in drei Großkapitel, die sich an den drei Höhlentypen orientieren, die auf dieser Erde vorkommen: Höhlen im Eis, unter Wasser und im Felsen.

„Eis: ins Herz von Grönland“ (S. 12-67): Viele Kilometer dick sind die Eisschichten, welche die meisten Gebiete der größten Insel dieser Welt bedecken. Vor allem im Sommer, wenn die Sonne sogar in diesen eisigen Breiten für Wärme sorgt, beginnen Schmelzbäche Rinnen, Schluchten und Höhlen in das Eis zu fräsen. Dies ist der Zeitpunkt, auf den einige Spezialisten unter den Naturforschern gewartet haben, können sie doch nur auf diese Weise in die Welt unter dem Eis eindringen, das ansonsten undurchdringlich weil hart wie Eisen bleibt. Angetrieben werden sie nicht durch Abenteuerlust. Wissenschaftliche Neugier treibt sie hinab in die Tiefe – ein gefährliches Unterfangen, denn Eis ist ein Material, das sich in Nichts auflösen, zusammenstürzen oder rasant neu bilden kann. Eishöhlen sind deshalb ständigen Veränderungen unterworfen, die eine Expedition dem Irren durch ein einsturzgefährdetes Labyrinth gleichen lassen. Doch der Einsatz lohnt sich, denn dort, wo man normalerweise nur öde Kälte erwartet, gibt es Leben. Einzeller und anderes mikroskopisch kleines Getier sowie Kreaturen, deren Einteilung in den Stammbaum des Lebens schwer fällt, tummeln sich hier unten und gedeihen prächtig. Sie erweitern die Grenzen dessen, was die Forschung bisher als Lebensraum definierte, gewaltig. Plötzlich wirken auch fremde Welten wie der Mars oder der Jupitermond Europa nicht mehr absolut lebensfeindlich: Es ist dem Leben offenbar nicht nur theoretisch möglich, unter solchen Extrembedingungen zu existieren.

„Wasser: Flüsse unter Yucatan“ (S. 68-133): Diese Theorie findet auch an einem ganz anderen Ort Bestätigung. Die mittelamerikanische Halbinsel Yucatan ist ein riesiger Schweizer Käse, unter dessen dünner Erd- und Felsoberfläche ein gewaltiges Höhlensystem im stützenden Gesteinssockel ausgewaschen wurde. Nachdem der Meeresspiegel in der Vergangenheit angestiegen ist, liegt es heute unter Wasser. Oft künden nur „Cenotes“, riesige runde Löcher dort, wo die Decke eingestürzt ist, von ihrem Vorhandensein. Riesige Flüsse erstrecken sich unter einem Regenwald, in dem es kaum offene Wasserflächen gibt. Die Höhlenwelt im Wasser ist warm aber dunkel und keineswegs ohne Leben. Die Besucher finden hier neue, bemerkenswert an ihre seltsame Umwelt angepasste Lebewesen, die in geradezu bizarren Symbiosen „zusammenarbeiten“ und so den Anforderungen genügen, die ihre Heimat an sie stellt. Deren Erforschung ist sogar noch riskanter als der Gang ins Eis, muss sich der Mensch doch in ein Element wagen, das ihm die wichtigste Grundlage für seine Existenz versagt: den Sauerstoff, auf den er anders als die Wesen, die er in der Tiefe sucht, keineswegs verzichten kann. Soll dann auch noch gefilmt werden, werden die logischen Anforderungen für einen Tauchgang zu einem Albtraum.

„Erde: Klettern und Kriechen“ (S. 134-203): Höhlen in Felsen erweisen sich endlich einmal als stabil. Dies macht ihre Erforschung freilich nicht einfacher, denn in der Regel finden sich die für die Forschung besonders interessanten Stellen exakt dort, wo kaum ein Hinkommen möglich ist. Viele hundert Meter geht es durch das rote Gestein von Arizona in düstere, gähnende Schlünde oder durch sargenge Schlupfgänge hinab in den Bauch des Planeten, aus dessen Wänden womöglich giftige Gase oder gar Säuretropfen quellen. Aber selbst hier hat das Leben seine eigenen Wege gefunden. Absonderliche Geschöpfe mit nie vermuteten Fähigkeiten werden hier entdeckt; womöglich verbergen sie in ihrem Inneren Heilstoffe gegen menschliche Krankheiten, welche die Medizin revolutionieren können.

Die Forschung als Abenteuer verpackt, kann durchaus das Interesse wecken (oder Sponsorenbörsen öffnen). Nur die echten Ignoranten winken ab, aber ihnen bleibt das Reich der Jamba-Jingles & Privat-TV-Komiker, dessen Grenzen sie hoffentlich nie überschreiten. Freilich ist es durchaus möglich, dass sogar einige dieser (im Kopf) Hartgesottenen durch dieses Buch angelockt werden. Höhlen üben auf Menschen eine eigentümliche Faszination aus. Sie fürchten sich entweder vor der Enge, der Dunkelheit, dem Unbekannten, das sich dort verbergen mag, oder sie werden magisch angezogen auf der Suche nach Schätzen, welche in diesem Fall aus wissenschaftlichen Erkenntnissen bestehen. Möglicherweise spielt ja eine kollektive Erinnerung an jene fernen Zeiten eine Rolle, in denen der Mensch in Höhlen wohnte. Es sind indes nie so viele gewesen, wie man heutzutage annimmt; Höhlen mit Lebensqualität sind nicht gerade zahlreich.

Erstaunlich viele Kreaturen sehen das allerdings anders. Tief unter der Erdoberfläche gibt es bizarre Ökosysteme, die sich der Mensch bis vor kurzer Zeit nicht hätte träumen lassen. Höhlen stellen das ideale Versuchslabor der Natur dar. Hier existieren alle nur denkbaren Extrembedingungen: extreme Hitze oder Kälte, Trockenheit, Nässe, Atmosphären mit Gasen, die man für giftig gehalten hatte, die manche Bakterien jedoch zum Leben benötigen; die frische Luft ist es, die sie töten würde. Kein Wunder also, dass diese Spezialisten Spitznamen wie „Klingone“ tragen: Sie muten außerirdisch an – und geraten damit zu Hoffnungsträgern jener, welche auf den Planeten und Monden unseres Sonnensystems allzu gern Leben fänden. Wie es aussieht, könnten sie Recht behalten.

Die Suche nach solchen Wesen ist unter den beschriebenen Umständen schwierig. Michael Ray Taylor weiß für sein Buch davon zu profitieren. Er muss nur beschreiben, was sich vor seinen Augen in diversen Höhlen abgespielt hat, und könnte sich dabei sogar die Mühe sparen, dies ebenso präzise wie knapp und lesenswert zu tun (was er glücklicherweise nicht macht): Die Aufmerksamkeit des Lesers wird sofort auf 135 bemerkenswerte Fotos gelenkt.

Die IMAX-Technik gehört vermutlich bald zu den Sackgassen der Technikgeschichte. Gewaltige Kameras müssen mit überdimensionalen Filmrollen gefüllt werden. Für die entstandenen Werke wurden sogar eigene Kinos mit entsprechenden Leinwänden gebaut: IMAX-Bilder sind riesig, farbintensiv und unglaublich detailscharf. Bis auch hier die digitale Revolution Einzug hält, gehören sie zu dem Feinsten, was man dem menschlichen Auge bieten kann. Durchweg auf feines Kunstdruckpapier gedruckt, spiegeln die ausgewählten Aufnahmen das Dargestellte mit spektakulärer Intensität wider.

„Höhlen“ ist auch ein Bericht über eine Reise in ferne und fremde Länder. Er hilft begreiflich zu machen, wieso der Mensch Informationen über solche Expedition liebt: Sie führen dorthin, wo noch niemand zuvor war. Es gibt sie noch, die berühmten „weißen Flecken“ auf der Landkarte. Heute werden sie denjenigen, die es vorziehen, den mit der Erforschung verbundenen Strapazen aus dem Weg zu gehen, sogar ins Haus gebracht. „Höhlen“ ist so dicht am Geschehen, dass man leicht vergisst zu berücksichtigen, dass diese Bilder im Grenzbereich des Lebens entstanden. Obwohl sich Verfasser Taylor nach Kräften bemüht, die Gefährlichkeit von Höhlen angemessen darzustellen, ist ihm klar, dass die vielleicht größte Gefahr erst durch Film und Buch heraufbeschworen wird. Nicht grundlos werden die Zugänge zu vielen Höhlen sorgfältig geheim gehalten. Die hier angesiedelten Ökosysteme sind fragil, die laienhaften Besucher tölpelhaft oder offen zerstörungswütig. Vor allem fällt es ihnen schwer zu begreifen, dass in einer Höhle jeder Schritt bedacht sein will; es könnte sonst der letzte werden.

„Höhlen“ ist in jeder Beziehung ein monumentales Werk. Damit die Bilder wie beschrieben zur Geltung kommen können, wurde ein Buchformat von 23 x 30 cm (Hochformat) gewählt. Das Ergebnis hat seinen (Kauf-)Preis, doch hier gibt es einen Tipp: „Höhlen“ wird nunmehr antiquarisch angeboten. Mein Exemplar erwarb ich für weniger als die Hälfte des ursprünglichen Preises. Unter diesen Umständen ist es beinahe unmöglich, einen Kauf zu verhindern …

Der amerikanische Journalist und Buchautor Michael Ray Taylor ist Dozent für Journalismus an der Henderson State University im US-Staat Arkansas. Er nimmt an Expeditionen teil und hat sich auf die Erforschung von Höhlen spezialisiert, von denen er inzwischen ca. 600 besucht hat. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Suche nach den „Extremspezialisten“ unter deren Bewohnern – den Nanobakterien. Als Wissenschaftsjournalist arbeitet Taylor u. a. für die Website des Discovery-Channels (www.discovery.de bzw. www.discovery.com) und als Berater für Dokumentarfilme dieses Hauses, für die National Geographic Society sowie für andere Fernsehsender.

Die National Geographic Society informiert unter der Adresse http://www.nationalgeographic.de über ihr Buchangebot.

Poe, Edgar Allan – Schwarze Stunde, Die (1)

Mit „Die Schwarze Stunde“ hat das noch junge Hörspiel-Label |Hörspiele Welt| vor einiger Zeit eine Serie ins Rennen geschickt, die sich ausschließlich mit den düsteren Seiten der menschlichen Seele auseinander setzt. Mystische Begebenheiten, seltsame Geschehnisse und allerlei Rätselhaftes sollen thematisiert werden, und dies anhand alter Literatur-Klassiker.

Für den ersten Teil haben sich die Macher dabei direkt einmal an einen der bekanntesten und wichtigsten Vertreter der Weltliteratur heranbegeben, nämlich an niemand Geringeren als Edgar Allan Poe. In vier Kurzgeschichten, darunter auch das bekannte Stück „Der Geist des Bösen“, wird dem Meister der dunklen Poesie gehuldigt, dies aber leider nicht in dem Maße, wie die Legende es verdient hätte. Irgendwie ist es nämlich nicht sonderlich gut gelungen, die Atmosphäre der Geschichten in den Lesungen wiederzugeben …

„Die Schwarze Stunde 1“ beginnt nach kurzer musikalischer Einleitung gleich mit der längsten Erzählung, „Das Fass Amontillado“. Hier geht es um einen rachsüchtigen Mann, der einem berüchtigten Kleingannoven seine Taten heimzahlen möchte, obwohl er eben jenen auch zu seinem engeren Bekanntenkreis zählt. Also lädt er ihn ein, füllt ihn mit den verschiedensten Tropfen ab, führt ihn schließlich in ein düsteres Versteck und überlässt ihn dort seinem Schicksal.

Nun, rein inhaltlich ist dies sicher keine schlechte Geschichte, allerdings werden hier schon einige Defizite offenbar, mit denen letztendlich alle Erzählungen zu kämpfen haben: Es mangelt an Lebendigkeit! Statt einen spannenden Plot aufzubauen, was sicherlich sehr gut möglich gewesen wäre, verfällt das Sprecherteam zu oft in eine Art Berichtform, der es die gesamte Dauer über an einem echten Höhepunkt mangelt. Man bemüht sich zwar, etas Geheimnisvolles in die Stimme zu legen, aber zum einen ist das Ende der Geschichte eh schon sehr schnell zu erahnen, und zum anderen baut man fast jeden Satz mit der gleichen Betonung auf, so dass selbst die wirklich interessanten Details nicht als solche zu erkennen sind.

In der zweiten Story namens „Das ovale Portrait“ wird ein merkwürdiges Bild geschildert, von dem sich die erzählende Person völlig in ihren Bann gezogen fühlt. Das Portrait gleicht einer unwiderstehlichen Versuchung, die einen fesselt und einnimmt, später dann nicht mehr loslässt. Bis in den unerwarteten Tod hinein.

Ähnlicher Aufbau, gleiche Misere: „Das ovale Portrait“ ist mehr Bericht als Gruselgeschichte, und dies auf einem leider künstlich hohen, sprachlichen Niveau. Man findet hier sicherlich einige Original-Zitate wieder, die aber in ihrer extremen Betonung die gesamte Atmosphäre killen. Und dabei ist die Geschichte in diesem Fall zumindest noch recht spannend gestaltet worden … Na, ja. immerhin eine kleine, wenn auch kaum entscheidende Besserung.

Erzählung Nummer drei ist die wohl bekannteste auf dieser CD; „Der Geist des Bösen“ ist ein Klassiker aus der Feder Poes und beschäftigt sich mit der Frage nach der Natur des Bösen. Der Erzähler analysiert die Faszination, die hinter der Finsternis steckt, charakterisiert dabei die menschliche Seele und ihre dunklen Flecken und trifft dabei voll ins Schwarz. Endlich kann man von schauriger Atmosphäre reden, und das trotz des philosophischen Ansatzes, der sich hinter diesem Stück verbirgt. Auch die eher zurückhaltende Darbietung des Sprechers ist in diesem Fall sehr angebracht und passt zum ersten Mal während dieses Releases auch zum Inhalt. Zweifelsohne die beste Geschichte auf „Die schwarze Stunde 1“.

Im letzten Stück wird – der Titel „Schatten“ sagt bereits alles – der Schatten und seine finstere Erscheinungsform angesprochen. Wohlgemerkt: angesprochen, aber nicht mehr. Im Gegensatz zur vorangegangenen Erzählung handelt es sich hierbei nämlich nur um einen schwachen Lückenbüßer, dessen langweilige Umsetzung ebenfalls zu wünschen übrig lässt. Hätte man sich auch gerne sparen können!

Vier Geschichten, viermal Edgar Allan Poe, aber nur einmal wirklich überzeugend. Das vorrangige Problem beim ersten Teil von „Die Schwarze Stunde“ ist, dass man sich nicht so richtig entscheiden kann, ob man nun ein Hörbuch oder doch ein Hörspiel kreieren will. Für Ersteres fehlt das spannende Element, für Letzteres ist viel zu wenig Leben in der Sache. Und mit diesem Zwiespalt sinkt „Die Schwarze Stunde“ ziemlich heftig ab und wird schließlich zu einer Persiflage ihres eigenen Namens. Leider ungewollt. Das ist nicht Poe, wie man ihn liebt!

http://www.hoerspiele-welt.de/

John Sandford – Tödliches Netz

Sein enormes Fachwissen sollte Jack Morrison in den Dienst der Firma AmMath stellen, die Verschlüsselungs-Software für die US-Regierung herstellt und dabei einige Schwierigkeiten hat. Da man in seiner Person auch einen notorischen Hacker engagiert hat, ist es kaum verwunderlich, dass Morrison neugierig einen intensiven Blick auf besagte Software wirft und erkennt: Hier entsteht etwas ganz und gar Illegales. Das hätte er besser gelassen, denn Sicherheitschef St. John Corbeil fackelt nicht lange mit Schnüfflern. Morrison wird ermordet, sein Tod als missglückter Überfall eines bewaffneten Datendiebes ausgegeben. Er ist nicht der erste Pechvogel seiner Branche, der auf diese Weise endet.

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Jablonski, Carla / Nagula, Michael / Gaiman, Neil / Bolton, John – Verlassene Stätten (Die Bücher der Magie, Band 5)

In einer düsteren Zukunft existiert der mächtigste Magier seiner Zeit, Timothy Hunter, als ein verbitterter, bösartiger Mann, der mit Kriegen Geld verdient, Dämonen Partner nennt und verzweifelt versucht, seine Jugendfreundin Molly nach seinen Vorstellungen neu zu erschaffen. Doch diese Zukunft ist in Auflösung begriffen. Die Ursachen dafür liegen in einer Vergangenheit, in der Tim und Molly zu echten Freunden und Geliebten werden. Und so reist der Dämon Barbatos zurück in der Zeit mit den Auftrag, die Liaison zu verhindern.

Die Gelegenheit bietet sich, als Tim Molly die kleinen, hölzernen Freunde seiner Jugend, die beiden Narls Crimpel und Tanger, auf ihrem verlassenen Fabrikgelände vorstellen will (vgl. Band 4: „Konsequenzen“). Molly und Crimple werden „durch“ ein Puppenhaus in ein Reich entführt, das „Spielwiese der Dämonen“ genannt wird, wo sie in die Gefangenschaft großer, rosa Dinosaurier sowie einer verknöcherten Gouvernante geraten, welche Molly in eine lebende Puppe verwandeln will.

Tim bedient sich seiner Kräfte als „Öffner“, um gemeinsam mit Tanger den Verschwundenen zu folgen. „Drüben“ werden die zwei jedoch getrennt, und so muss Tim vorerst allein auf sich gestellt den seltsamen Bewohnern und Gefahren dieser Dimension trotzen, ohne dabei seine Identität einzubüßen und seine Freunde zu vergessen.

Deutete sich schon insbesondere im dritten und vierten Band das große Potenzial dieser Serie an, so hält Band fünf dieses unausgesprochene Versprechen. Fantastische Wesen, die eine nicht minder fantastische Welt bevölkern, humorvolle Dialoge, eine originelle, locker geschriebene Story und – vor allem – zwei starke Protagonisten machen „Verlassene Stätten“ zu einem großen Lesevergnügen.

Anfangs stutzt man ein wenig, weil zwischen „Konsequenzen“ und dem vorliegenden Roman ein deutlicher Bruch – oder besser Sprung – in Timothys Entwicklung insofern erkennbar wird, als er seine Magie auf einmal signifikant besser und gezielter einsetzen kann, ohne dass dafür eine nachvollziehbare Erklärung geliefert wurde. Aber dieses Zögern ist nur von kurzer Dauer, denn schnell wird deutlich, worum es der Autorin eigentlich geht: um die Beziehung zwischen Tim und Molly, um Liebe, Vertrauen und Integrität. Die Magie, Tims Fähigkeiten sind nicht mehr als Beiwerk, was sehr gelungen anhand von Mollys Reaktionen illustriert wird. Den Zaubereien zollt sie ähnlich viel Anerkennung wie Ohrenwackeln oder lustigen Grimassen: nett wenn man es kann, aber nicht wirklich wichtig.

Von den beiden Hauptfiguren ist ganz eindeutig Molly der „straightere“ Charakter. Wo Tim zweifelt und unsicher ist, weiß sie genau, was sie will; sie ergreift die Initiative, wenn Tim zögert, und vertritt ihre Meinung mit Nachdruck. Doch nicht nur Molly erweist sich als durch und durch emanzipiert von allen Rollenklischees, auch in Tims Verhalten und Denken manifestiert sich kaum eine Spur von männlichem Machismo; und wenn doch, so wird dieses durch die äußeren Umstände konterkariert. Hier liegt ein zentraler Unterschied zu den vergleichbaren „Harry Potter“-Büchern Rowlings, in denen sich die Protagonisten weitgehend noch geschlechterrollenkonform verhalten. Der andere Unterschied besteht darin, dass Tim im Gegensatz zu Harry keine Erlöserfigur ist, die von anderen gleichsam angebetet wird, sondern ein authentischer, glaubwürdiger Junge.

Über die beiden Hauptfiguren sollte man die beiden Narls nicht vergessen. Crimple und Tanger sind so putzig und warmherzig gezeichnet, dass sie mich unwillkürlich an die liebenswert arglosen Schöpfungen Tove Janssons erinnern. Furchtsam und naiv haben sie ihre ganz eigenen Vorstellungen von der Welt außerhalb ihres kleinen Horizontes.

Wirkten die ersten Romane der Reihe noch überhastet, so hat die Autorin mittlerweile das richtige Tempo gefunden. Zwar schreitet die Handlung nach wie vor schnell voran, aber allein die Fülle der Ideen lässt die Zeit subjektiv langsamer vergehen und die Geschichte länger erscheinen, als sie ist. Stilistisch ist der Roman mit seinem einfachen Satzbau eher für Jugendliche konzipiert; dennoch sollte jeder jung gebliebene Erwachsene an diesem Buch viel Freude haben, vermittelt es doch eine Leichtigkeit und einen „Sense of Wonder“, der vielen 500-Seiten-Schinken abgeht.

Fazit: Humorvolle und tiefgründige, mit leichter Hand geschriebene Urban-Fantasy. Skurrile Wesen in einer originellen Story. Definitiv das bisherige Highlight des „Timothy Hunter“-Zyklus. Sehr empfehlenswert.

© _Frank Drehmel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.X-Zine.de/ veröffentlicht.|
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Verdini, Tony / Mutti, Luigi / Quesada J. / Middleton, J. / Teranishi, R. – NYX (100 % Marvel 22)

Kiden Nixon ist ein ziemlich schwieriger Teenager. Das junge Mädchen ist mangels richtiger Erziehung schon relativ früh auf die schiefe Bahn geraten und experimentiert auch schon seit einiger Zeit mit Drogen herum. Vor allem der Tod ihres Vaters, der in einem Kugelhagel von Gangstern ermordet wurde, hat ihr zu Schaffen gemacht und diese Entwicklung begünstigt. Andererseits ist der frechen Göre so ziemlich alles gleichgültig. So hat sie nicht nur eine lockere Zunge, sondern ist auch nie abgeneigt, wenn es darum geht, Mitschüler zu provozieren.

In einer der jüngsten Fehden kommt es dabei zu einer wüsten Prügelei mit dem Ghetto-Jungen Hector, der bei nächster Gelegenheit eine Waffe zieht und damit auf Kiden zielt. Wie durch ein Wunder kann Kiden noch ausweichen, und die Kugel trifft ihre Lehrerin. Doch das Mädchen begreift, dass dieses Wunder eigentlich eine ganz andere Ursache hat; Kiden wird sich bewusst, dass sie über ganz besondere Kräfte verfügen muss und taucht auch sofort nach dieser beinahe tödlichen Auseinandersetzung unter, um diese ungeahnten Mächte in sich selber zu erforschen.

Ruhe findet Kiden aber nicht, denn plötzlich taucht der Geist ihres verstorbenen Vaters auf und fordert sie dazu auf, ihre Lehrerin aufzusuchen und zu ihm zu bringen. Diese wiederum ist nicht begeistert, das geflohene Mädchen wiederzusehen, lässt sich aber dennoch auf ein erstes Friedensangebot ein. Kiden erzählt ihr daraufhin von ihren verborgenen Kräften und der Vermutung, eine Mutantin zu sein. Doch ihre mittlerweile sehr melancholische Lehrerin glaubt ihr nicht, zumal die Vorstellung auch recht merkwürdig ist. Dann aber gerät das Leben der beiden ein weiteres Mal aus den Fugen, und bevor sie sich versehen, zeigt ihnen die Realität ein Bild ihrer selbst, von dem sie vor wenigen Tagen noch nicht mal zu träumen gewagt hätten …

_Meine Meinung_

Teil 22 der „100% Marvel“-Reihe spielt ein wenig abseits des gewöhnlichen Marvel-Universums und präsentiert auch keine der bekannten Charaktere innerhalb der Handlung. „NYX“, eine abgeschlossene Serie, die hier mit allen sieben Episoden komplett aufgefahren wird, wirft stattdessen einige sozialkritische Themen auf und beschäftigt sich mit dem Leben in den New Yorker Ghettos und dem Umfeld in dieser Region. Natürlich treiben sich hier allerhand finstere Gestalten herum, allerdings ist auch die eigentliche (Anti-)Heldin in dieser Umgebung aufgewachsen und mitten in das Zwielicht aus Drogen und High-School-Bandenkriegen geraten, das ihre Entwicklung maßgeblich geprägt hat. Der Mord an ihrem Vater hat ihr schließlich den Rest gegeben und ihr gleichzeitig jegliche Hoffnung auf eine friedliche Zukunft genommen.

Kiden ist immer mehr vom rechten Kurs abgekommen, legt sich grundsätzlich mit jedem an und wird wegen ihres rebellischen Charakters zum gemiedenen Außenseiter. Selbst in ihrer Familie findet sie keinen richtigen Anschluss mehr, nicht zuletzt weil sie den neuen Freund ihrer Mutter nicht respektiert und akzeptiert. Ihr Leben steht auf der Kippe und scheint auch plötzlich ausgelöscht, als Kiden einer tödlichen Kugel ausweichen kann und diesen Moment wie in Zeitlupe an sich vorbeiziehen sieht.

Da entdeckt sie ihre geheimen Kräfte, entdeckt, dass Dinge in ihr stecken, mit denen sie ihr
Schicksal positiv beeinflussen und vielleicht doch noch auf ihrem tristen, vorbestimmten Lebensweg etwas bewegen kann. Doch Kiden gerät auch weiterhin von einer Verlegenheit in die nächste, zieht Probleme magisch an und stürzt auch ihre bereits gebeutelte Lehrerin in das nächste Chaos – und das ist dieses Mal tatsächlich tödlich.

Eins vorweg: Keiner der hier vorgestellten Charaktere kann auch nur im Geringsten mit den ‚richtigen‘ Helden des Marvel-Universums mithalten, und deswegen finde ich es auch ziemlich unglücklich, die Serie innerhalb der „100 % Marvel“-Reihe zu bringen, denn an diese hat der geneigte Leser doch ganz andere Erwartungen. Dabei ist der Comic gar nicht mal so schlecht und aufgrund der vielen Szenenwechsel partiell auch ziemlich komplex, lässt es andererseits aber auch ein wenig an Flair vermissen. Die Atmosphäre ist nämlich weder richtig düster noch wirklich beklemmend, zur gleichen Zeit aber auch weit davon entfernt, euphorisch zu werden. „NYX“ liegt stimmungstechnisch irgendwo dazwischen und kommt deswegen auch irgendwie nie so richtig in Fahrt. Zudem sind die Sub-Plots auch nicht wirklich gut ausgereift und wirken streckenweise wie ein Klotz am Bein der Geschichte. Zar fügt sich zum Ende hin alles logisch zusammen, aber da die Spannung eigentlich immer nur in der direkten Nähe der Hauptfigur Kiden präsent ist, wären Nebenschauplätze wie die Geschichte von Bobby Soul und seinem kranken kleinen Bruder nicht wirklich nötig gewesen – es sei denn, dem Autor ist es ausschließlich darum gegangen, das miese Leben im Ghetto näher zu beleuchten.

Schade finde ich auch, dass Kiden als Mutantin nie so richtig ins Spiel kommt. Ihre Kräfte werden offenbar, aber sie setzt sie nicht immer in den richtigen Momenten (wenn denn überhaupt mal) ein. Zusammenhänge zu den „X-Men“ erfordern aus diesem Grunde auch eine größere Fantasie, selbst wenn der Name der beliebten Mutantentruppe auf dem Cover prangt. Verwandtschaften sind jedenfalls ausgeschlossen …

Nun, schlecht ist „NYX“ nun auch nicht, immerhin ist die Handlung zu keiner Zeit vorhersehbar, und auch das Mindestmaß an Spannung wird erreicht. Aber mit dem Hintergrund, in dieser Reihe schon weitaus bessere Comics gelesen zu haben, kann ich Band 22 trotzdem nur bedingt weiterempfehlen.

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Turner, Michael / Loeb, Jeph – Soulfire 0

Bei „Soulfire“ haben sich zwei der bekanntesten amerikanischen Comic-Autoren, nämlich Jeph Loeb und Michel Turner, zusammengetan. Die Serie ist eine der ersten Projekte auf Turners hauseigenem Verlang |Aspen MLT Inc.|, den er einige Zeit nach seiner schweren Erkrankung zur Jahrtausendwende gegründet hat. In Deutschland erscheint die Reihe nun über den |Infinity|-Verlag. Und dort scheint sie auch sehr gut aufgehoben, denn in Sachen Hochglanz-Comics ist man von diesem Hause ja schon Herausragendes gewöhnt, so zum Beispiel die legendäre „Spawn“-Serie. Ob „Soulfire“ jedoch auch diesen Stellenwert erreichen wrd, bleibt abzuwarten. Das Potenzial ist jedenfalls schonmal vorhanden.

_Story_

Einst war die Welt ein gewaltiges Paradies, in dem Menschen und Drachen zusammenlebten. Es herrschte Friede zwischen den Völkern, und die Magie ruhte in Harmonie. Dann jedoch trat der machtbesessene Rainier auf den Plan, korrumpierte die Drachen, zerstörte den Frieden und leitete durch seine bösartigen Eingriffe das Ende der paradiesischen Welt ein. Gut und Böse existierten wieder, und in einer großen Schlacht wurde all das zerstört, wofür Menschen und Drachen jahrhundertelang gekämpft hatten. Nur wegen eines Mannes …

Das erste Heft der Reihe ist, wie eigentlich üblich, nur eine kurze Einleitung zur später folgenden Story und bekommt innerhalb der knappen 28 Seiten auch nicht viel Freiräume zur Entwicklung. Es ist die Ausgabe 0 und somit auch ein knapper Abriss der Vorgeschichte, deren Konsequenzen die Hauptakteure in den folgenden Magazinen noch zu spüren bekommen werden.

Beschrieben werden das Ende des Friedens und der Aufstieg des kompromisslosen Schwertkämpfers Rainier, der sich aus reiner Gier gegen die alten Gefährten auflehnt und selbst Instanzen besiegt, die noch nie jemand vor ihm im Kampf überlebt hat. Es ist die Stunde des Bösen und der Anbeginn einer düsteren Zeit, jedoch auch nur eine leise Andeutung dessen, was möglicherweise noch folgen wird. Denn so schnell man in die Story hineingefunden hat, wird man auch wieder abrupt mit der letzten Seite konfrontiert und somit mit dem vorläufigen Abschluss. Und dabei hat die Geschichte noch nicht einmal richtig begonnen …

Es sieht schon sehr viel versprechend aus, was Michael Turner und Jeph Loeb hier kreiert haben, auch wenn ich noch keine Bewertung für die gesamte Serie abgeben will. Dafür bewegt sich in diesem ersten Comic nämlich noch zu wenig. Lediglich zu den gigantischen Zeichnungen möchte ich mich äußern, denn diese haben einen sehr starken Eindruck hinterlassen. Turner selber hat zum Pinsel gegriffen und vor allem die tollen, seitengroßen Riesenausschnitte, von denen Band 0 beherrscht wird, mit herrlichen Illustrationen gefüllt.

Sprechblasen sind daher auch erstmal Mangelware; Tuner lässt die Kraft der Bilder sprechen und füllt die Texte nur selten mit viel Inhalt. Persönlich finde ich das auch eine gute Idee, denn wo die tollen Hochglanzzeichnungen an anderer Stelle schon mal gerne von überdimensionalen Sprechblasen verdeckt werden, sind in „Soulfire“ alle Details erkennbar und der Wert der Zeichnungen auch so hoch, wie es eigentlich in jedem Comic sein sollte. Sehr schön!

Warten wir also ab, wie sich die Geschichte weiterentwickelt; nach den tollen Zeichnungen im einleitenden Heft freue ich mich schon auf eine Menge Action und weitere starke Helden wie den hier eingeführten Rainier. Fantasy-Freunde sollten sich auf jeden Fall mal mit dieser andernorts ebenfalls hochgepriesenen Serie beschäftigen.

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James White – Gefangene des Meeres

Während des II. Weltkriegs treffen auf hoher See Menschen und Außerirdische zusammen. Beide Gruppen geraten in Not und müssen einander helfen, um überleben zu können … – Ein kleiner Klassiker der Science Fiction, der nicht schleimiges Grauen aus dem All gegen bis an die Zähne bewaffnetes Erdenvolk antreten lässt. Stattdessen präsentiert der Verfasser lebendige Figuren in einer spannenden, intelligenten, ungewöhnlichen Story, die durch ihren versöhnlichen Grundton und Einfallsreichtum besticht.
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Interview mit Alisha Bionda

|Die Autorin, Herausgeberin und Lektorin Alisha Bionda wurde in Düsseldorf geboren, lebt derzeit auf Mallorca und gehört mittlerweile fest zur deutschsprachigen Phantastik-Szene. Bekannt ist sie unseren Lesern neben ihrer Redaktionsarbeit vor allem durch ihr Wirken beim BLITZ-Verlag. Mehr über sie und ihre vielfältige Arbeit erfahrt ihr im nun folgenden Gespräch, das Gastautor Florian Hilleberg mit ihr führte.|

_Florian Hilleberg:_
Wie kam der Kontakt mit dem BLITZ-Verlag zustande?

_Alisha Bionda:_
Ich stand mit Jörg Kaegelmann schon 1999 kurz in Kontakt, der sich aber verloren hatte. Dann bot ich ihm vor vier Jahren einige meiner Manuskripte an. Da er auch eine Mitarbeiterin in einigen Bereichen des Verlages suchte und ein anderer Autor – der zu der Zeit ebenfalls im BLITZ-Verlag veröffentlichte – auch hier auf der Insel lebt, entschloss sich Jörg Kaegelmann, mir 2002 einen Besuch abzustatten. So kam unser erneuter Kontakt zustande. Unsere Zusammenarbeit ist seither stetig gewachsen und hat sich immer mehr gefestigt. Wir sind uns in den wesentlichen Dingen und Ansichten sehr ähnlich, üben aber auch gegenseitig konstruktive Kritik – alles, was zu einem guten Team gehört.

_Florian Hilleberg:_
Wie sieht ein Arbeitstag bei dir aus und wie eng sind die Termine gelegt? Hast du überhaupt einen „richtigen“ Feierabend?

_Alisha Bionda:_
Einen richtigen Feierabend in dem Sinne, dass ich zu einer bestimmten Zeit den Mac ausschalte, habe ich nicht. Aber das bleibt mir selbst überlassen. Der schönste Aspekt dieses Berufes ist es, dass man die freie Wahl hat. In allem. Ebenso, wie lange ich arbeite und welche Projekte ich durchführe. Da habe ich BLITZ einiges zu verdanken, und ich bin an Erfahrung reicher geworden. (Auch was menschliche Verhaltensweisen angeht.) Ich gebe zu, dass ich oft zu lange |wirke|. Aber das liegt vor allem daran, dass ich erstmals in meinem Leben einen Beruf ausübe, der mir richtig Spaß macht, und ich darüber hinaus ein Mensch bin, der sich ohnehin immer sehr einsetzt. Es liegt natürlich auch immer an den Zusammenarbeiten. Bei BLITZ ist z. B. eine kleine Familie entstanden, durch das Lektoratsteam (TTT), das ich vor vier Jahren gegründet habe, durch die Zusammenarbeit mit dem Setzer und den Grafikern, aber auch den Autoren. Das funktioniert alles sehr gut und auf freundschaftlicher Ebene.

Wie mein Arbeitstag aussieht, bestimmt immer meine Wochenplanung – und das, was an Projekten gerade anliegt. Das kann man so pauschal nicht sagen. Aber grob ist es so, dass ich meist tagsüber meine Verlagstätigkeiten ausübe und abends/nachts schreibe. Da muss ich sagen, dass die Termine immer enger beieinander liegen. Aber das ist natürlich. Und man kann ja froh sein, wenn die Auftragslage halbwegs stimmt. Da ich sehr diszipliniert und belastbar bin, kann ich aber mit Fug und Recht sagen, dass ich mehr schaffe, als das manch anderer kann.

_Florian Hilleberg:_
Wie entspannst du dich am besten?

_Alisha Bionda:_
Die Frage kann ich nicht so einfach beantworten. Ich entspanne mich, wenn ich beispielsweise meinen Morgen oder Abend am Meer starte/beende, mit meiner Windhunddame Jamila am Strand entlanggehe, einen Cappu und Zigarillo in meinem Stammcafé am Meer genieße und dort in einem Buch (meist Rezensionsbücher) schmökere.

Hin und wieder zieht es mich hier ins Gebirge. Natur ist für mich Entspannung.
Es kommt für mich oft auf die Intensität des Augenblicks an – das kann ich nicht pauschal beantworten.

Am besten entspanne ich mich in der Gesellschaft der wenigen Menschen, die mich erreichen. Die kann man aber an einer Hand abzählen, umso wichtiger sind sie mir. Und ich hoffe immer, sie wissen das. Darunter sind zwei Menschen, denen ich mich besonders verbunden – nein, dem einen zugehörig fühle. Sie bereichern mein Leben, und auch wenn ich an sie denke, bewirkt das in mir eine Form der Entspannung.

_Florian Hilleberg:_
Kannst du dir die Serien und Reihen, die du lektorierst, aussuchen? Wie viel Spielraum hast du in Hinsicht auf Gestaltung und Änderungen der Bücher?

_Alisha Bionda:_
Grundsätzlich kann ich das natürlich aussuchen, weil es ja reine Auftragsarbeiten sind. Ich bin keine fest bezahlte BLITZ-Kraft. Aber es besteht eine Absprache mit dem Verlag, dass möglichst einheitlich lektoriert werden soll, und so gibt es da feste Regeln. Und ich versuche, gewisse Titel selbst zu lektorieren. Nun kommt es aber vor, dass ich an der einen oder anderen Serie selbst mitschreibe, da muss ich dieses Lektorat vergeben. Was den Spielraum angeht, so liegt das in der Ethik des Berufes. So, wie man nicht in seine Kinder hinein-, sondern herauserziehen soll, sollte ein Lektorat den Text eines Autors unterstützen und nicht zu Tode lektorieren – oder nach dem eigenen Geschmack vergewaltigen. Die Autoren bei BLITZ werden in das Lektorat mit einbezogen, soweit das von Verlagsseite vertretbar ist. Die Gestaltung sprechen Jörg Kaegelmann und ich ab, wir haben uns das in etwa aufgeteilt. Das ergibt einen Sinn.

_Florian Hilleberg:_
Mit „Wolfgang Hohlbeins Schattenchronik“ ist dir ein großer Wurf gelungen; welchen Anteil hatte dabei der Namensgeber der Serie?

_Alisha Bionda:_
Einen wesentlichen insoweit, dass sie nie diese enorme Beachtung erfahren hätte. Durch die Zusammenarbeit mit Weltbild, die Jörg Kaegelmann initiiert hat, erreicht die Serie einen Zuspruch, den sie aber ohne Wolfgang Hohlbeins Herausgabe nicht erzielt hätte. Im Zuge dessen prüft er natürlich jeden Titel und ist somit nicht nur ein Namensgeber, und daher für alle, die mit der Serie zu tun haben, ein Ansporn, sie in seinem Sinne weiterzuführen.

Alles in allem bin ich ihm da zu großem Dank verpflichtet!

_Florian Hilleberg:_
Serien über weibliche Vampire sind mittlerweile keine Seltenheit mehr, ich denke da an „Vampira“ und „Vampir-Gothic“, die neue Serie von Martin Kay. Auch im Kino kann man starke Vampirinnen in Filmen wie „Underworld“ bewundern. Wieso hast du dich trotz der großen Konkurrenz entschieden, ebenfalls einer Untoten die Hauptrolle zu geben?

_Alisha Bionda:_
Wahrscheinlich, weil ich nie einen Vampira-Roman gelesen habe. Mittlerweile besitze ich zwei Vampir-Gothicbände, die ich aber aus Zeitmangel noch nicht lesen konnte.

Warum ich einer Untoten die Hauptrolle gegeben habe? Im Grunde ist sie es nicht wirklich. Ihr Gefährte Calvin hat einen ebenso großen Anteil, wie auch andere Charaktere der Serie. Es ist eine immer mehrschichtigere Vampirgesellschaft / Schattenwesenwelt, die wir schaffen. Um Dilara dreht es sich zwar, aber ich würde sie nicht als alleinige Hauptperson bezeichnen.

_Florian Hilleberg:_
Ist das Konzept der „Schattenchronik“ auf eine bestimmte Anzahl von Bänden ausgelegt, oder lasst ihr (du und die anderen Autoren) euch da überraschen?

_Alisha Bionda:_
Wir planen immer in Zweijahresabständen. So werden Jörg Kleudgen und ich in den nächsten Wochen die Bände 13 bis 20 konzipieren. Mit Jörg entwickele ich die Serie ab Band 4 zusammen weiter. Bei ihm möchte ich mich hier mal bedanken, weil er wirklich immer zur Stelle ist, wenn ich ihn zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten |nerve| und ihm mit „kannst du mal dies“ und „kannst du mal das“ oder „sollen wir nicht noch hier mal eben eine Dilara-Kurzgeschichte schreiben?“ komme. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Immerhin hat er einen stressigen Beruf mit wechselnden Arbeitszeiten, eine Frau, seine Band |The House of Usher| inklusive Auftritte, auch im Ausland. Aber er hat noch nicht einmal in den letzten Monaten zu mir gesagt: „Jetzt reicht es aber, Alisha!“ Man kann das nicht genug würdigen. Daher erwähne ich es.
Zurück zur Serienplanung: Was die Ideen angeht und die Lust am Schreiben, so sind wir alle so motiviert und voller Ideen, dass es eine Endlosserie werden könnte. Das entscheidet daher letztendlich der Leser.

_Florian Hilleberg:_
Wie viele Autoren werden an der Serie mitschreiben, und ist ein Roman von Wolfgang Hohlbein eingeplant?

_Alisha Bionda:_
Bisher war mein Wunsch immer zwei Co-Autoren, die ja vorhanden sind, aber ich habe noch die ein oder andere Idee. Da kann man sich überraschen lassen!

_Florian Hilleberg:_
Bislang haben schon Marc-Alastor E.E., Jörg Kleudgen und S.H.A. Parzzival an der Serie gearbeitet. Wie kam der Kontakt zustande? Welchen Anteil haben die anderen Autoren an der Entwicklung der Serie?

_Alisha Bionda:_
Es war so, dass ich mit der Serienidee bereits einige Jahre „schwanger“ gehe und nun die Gelegenheit erhielt, sie in Angriff zu nehmen. Da habe ich Marc-Alastor E.-E. gefragt, ob er Lust hätte, an der Serie mitzuwirken. Und er |hatte|, was mich sehr glücklich stimmte, da ich ihn für ein großes Talent halte – du selbst sagtest ja letztens, dass er eine Bereicherung für die Serie war, denn du kennst ja alle sechs Bände. Er hat auch der Serie in den Anfängen durch einige Charaktere, die er geschaffen hat, wesentlichen Atem eingehaucht.

Später kam Jörg Kleudgen dazu und hat sich wundervoll eingefunden. Die Serie hat dadurch eine etwas andere Richtung eingeschlagen, weil er Marc-Alastor nicht ersetzen konnte, sollte und wollte. Aber die neue Richtung gefällt mir, weil für jeden Leser etwas dabei ist.

Dann kam wiederum S.H.A. Parzzival dazu, der den Vampircop Mick als Idee einbrachte – gewürzt mit meiner Bitte, diesem ein Voodoo-Vampir-Zwitterwesen zu geben. Insoweit haben alle drei einen Anteil an der Entwicklung der Serie. Ich möchte da keine Gewichtung vornehmen.

_Florian Hilleberg:_
Wie sieht die Mitarbeit mit anderen Autoren aus? Gibt es eine strikte Arbeitsteilung? Schickt ihr euch einzelne Abschnitte zu, die der andere weiterentwickeln muss?

_Alisha Bionda:_
Das ist unterschiedlich. Wir sprechen uns vorher ab, teilen auch auf, das geht nicht anders. Aber es besteht eine tägliche Kommunikation, daher verzahnt sich ein großer Teil der Texte automatisch, den Rest passe ich in der nachfolgenden Überarbeitung an. Es herrscht die richtige „Chemie“ zwischen uns. Das merkt man besonders bei dieser Zusammenarbeit. Aber wir arbeiten selten gemeinsam an einer Szene.

_Florian Hilleberg:_
Habt ihr vor, auch andere Wesenheiten des Horror-Genres auftreten zu lassen, z. B. Werwölfe?

_Alisha Bionda:_
Haha … Da schweige ich wie ein Grab. Ich will dem Leser doch nicht die Spannung nehmen! Aber: Bei uns ist man nie vor Überraschungen sicher!

_Florian Hilleberg:_
In der Magic Edition ist dein Roman [„Regenbogen-Welt“ 2149 erschienen. Wie und wann kam dir die Idee dazu, und warum ausgerechnet ein Mythos der Navajo-Indianer?

_Alisha Bionda:_
Die Idee kam mir schon sehr früh. Und es hatte mehrere Gründe. Ich möchte meinen Lesern zeigen, dass ich viele Facetten habe. Aber ich greife auch immer wieder Themen für Einzelprojekte auf, die mich beschäftigen oder reizen. Die sind gänzlich unterschiedlicher Natur. Sei es nun die Mythologie der Navajo-Indianer oder ein Gen-Roman. Da ist die Bandbreite bei mir recht groß. Zu den Navajos bin ich über viele Wege gekommen. Das würde zu weit führen und ist auch zu privat, weil es mit einem dunklen Kapitel meines Lebens zu tun hat. Aber: Es hat mir persönlich sehr geholfen, mich damit zu beschäftigen. Ich bin zwar überhaupt nicht esoterisch veranlagt, doch es gibt viele Dinge, die wir von der Natur lernen können, wenn wir nur richtig hinschauen … und vieles mehr.

_Florian Hilleberg:_
Kann man mit einem ähnlichen Projekt von dir in absehbarer Zeit rechnen?

_Alisha Bionda:_
Mit einem ähnlichen nicht, aber dafür mit anderen interessanten Projekten, etwa ein mystischer Mallorcaroman „Das Grab des Poeten“ mit Jörg Kleudgen, aber auch andere Co-Projekte, auf die ich mich freue. Aber sicher auch wieder Einzelromane, die bei mir immer sehr in die Tiefe gehen und während des Entwicklungsprozesses und des Schreibens – die dann einen Teil von mir beinhalten – auch in mir Spuren hinterlassen.

_Florian Hilleberg:_
Bald erscheinen auch neue Abenteuer mit „Larry Brent“ von dir und S.H.A. Parzzival. Du hattest schon einmal gesagt, dass ihr mehrere Bände zu LB schreiben wollt. Wer wird noch zu dem neuen Autorenteam gehören?

_Alisha Bionda:_
S.H.A. Parzzival und ich haben einige Titel geplant, die wir zusammen bestreiten werden. Es sollen nun weitestgehend Zyklen erscheinen. Der erste wird sich um den Dämonensohn ranken (LB 113 bis 115), danach gibt es einen Zyklus, den ich mit Christian von Aster, S.H.A. Parzzival und der österreichischen Erfolgsautorin Barbara Büchner verfasse. Weitere Zyklen sind in Planung. Wer außer S.H.A. Parzzival und meiner Wenigkeit mitschreiben wird, steht noch nicht fest. Daher lohnt sich immer ein Blick auf unsere [Verlagsseite,]http://BLITZ-Verlag.de die wir täglich auf aktuellem Stand halten. Auch unsere Vorschau ist immer sehr pünktlich online. Da kann sich jeder informieren, aber auch über den Kontaktbutton auf der Verlagsseite täglich mit uns Kontakt aufnehmen.

_Florian Hilleberg:_
Fällt es dir schwer, mit den vorgegebenen Charakteren umzugehen?

_Alisha Bionda:_
Nein, überhaupt nicht, wenngleich man sich natürlich Projekte herauspickt, die einem als Autor auch liegen. Aber man schafft ja parallel zu den vorgegebenen Charakteren auch immer neue und baut – darüber hinaus – die vorgegebenen noch aus. Da bleibt genug Raum für die schriftstellerische Entfaltung. Für Projekte, die zu enge Vorgaben machen, würde ich nicht schreiben. Das reizt mich nicht.

_Florian Hilleberg:_
Habt ihr vor, der Serie einen neuen roten Faden zu verleihen, oder verlegt ihr euch auf einzelne Fälle?

_Alisha Bionda:_
Es wird auf jeden Fall einen roten Faden geben. Wie erwähnt, sind Zyklen geplant. Ich denke, da erwarten die Larry-Brent-Leser, aber auch die Neueinsteiger interessante Titel.

_Florian Hilleberg:_
Inwieweit sprecht ihr euch mit Dan Shocker über die Entwicklung der Serie ab?

_Alisha Bionda:_
Wir sprechen uns bei jedem Band mit ihm ab.

_Florian Hilleberg:_
Die neuen Titel versprechen zumindest ein Wiederlesen mit dem Dämonensohn des Dr. Satanas. Werden auch andere alte Feinde, wie Dr. X, Mystex oder Dr. Tschang Fu wieder mitspielen?

_Alisha Bionda:_
Wir werden mit Sicherheit immer Charaktere der Serie aufgreifen. In welcher Form und welchem Umfang, richtet sich dann nach den jeweiligen Plots. Es muss ja alles stimmig sein. Ich gehe davon aus, dass wir eine gesunde Mischung aus Althergebrachtem und Neuem anbieten werden.

_Florian Hilleberg:_
Mit der „Magic Edition“ wurde eine vielversprechende Reihe beendet, welche Einzelromane verschiedener Genres vereinte. Gibt es ein ähnliches Konzept für eine neue Reihe? Oder werden in Zukunft auch einzelne Romane außerhalb einer Serie oder Reihe veröffentlicht?

_Alisha Bionda:_
Da ist derzeit nichts geplant. Es ist sinnvoll, sich auf weniges zu konzentrieren und das dann möglichst immer weiter zu verbessern und pünktlich zu bringen. Diese Politik verfolgen wir und sie greift. Das heißt aber nicht, dass wir nicht neue Ideen entwickeln. Das sieht man gerade jetzt, in Form des [„Titan-Comic“,]http://www.blitz-verlag.de/index.php?action=serie&id=39 dessen erster Band im Juni erscheint.

Im Übrigen gibt es die „Magic Edition“ ja noch bis Ende 2006. Wer flott zugreift, kann sie sich noch sichern. Wer sie komplett erwirbt, erhält auch signierte Exemplare – und hat somit in mehrfacher Sicht schöne Sammlerstücke.

_Florian Hilleberg:_
Werden in naher Zukunft weitere Bücher von dir im BLITZ-Verlag, außerhalb der Serien „Schattenchronik“ und „Larry Brent“, erscheinen?

_Alisha Bionda:_
Ich schreibe 2007 und 2008 an jeweils zwei Bänden der Serie „Titan-Sternenabenteuer“ mit und bin ansonsten immer offen für Projekte, in die ich mich auch einbringen kann. Ich muss das Gefühl haben, dem auch gerecht zu werden. Aber ich habe schon die eine oder andere Idee an den Verlag herangetragen.

Darüber hinaus gebe ich dieses Jahr noch je eine Anthologie in der „Poe“- und „Sherlock Holmes“-Reihe heraus.

_Florian Hilleberg:_
Im Herbst dieses Jahres möchtest du eine neue Internet-Seite veröffentlichen, u. a. mit Rezensionsmöglichkeiten für Bücher. Kannst du darüber ein wenig berichten? Was unterscheidet beispielsweise deine Seite von anderen Homepages dieser Art?

_Alisha Bionda:_
Das stimmt nicht so ganz. Im Herbst soll erst einmal meine neue Autorenseite programmiert werden, die ich dann selbst täglich auf aktuellem Stand halten kann. Alles andere ist noch nicht spruchreif, da sich leider Verzögerungen ergeben haben.

_Florian Hilleberg:_
Wie bist du zum Schreiben gekommen, wann stand für dich fest, selbst schriftstellerisch tätig zu werden?

_Alisha Bionda:_
Da ich, so lange ich denken kann, lese-lese-lese, habe ich auch recht früh begonnen zu fabulieren, dann tummelte ich mich jahrelang in der Literaturzeitschriftenszene, habe einige Jahre auch selbst eine herausgegeben – nach alter Undergroundmanier, was für mich mehr Herz und Seele hatte als die heutigen Hochglanzmags. Auch wenn sie alle mit tollem Layout daherkommen. Sie lassen für mich manchmal den persönlichen Fingerabdruck vermissen.

Zurück zum Schreiben: Ich habe neben meinem erlernten Beruf immer Zusatzstudien absolviert, so auch einiges in Richtung Literatur, Journalismus, aber auch Marketing. Und das andere hat sich dann natürlich entwickelt. Es vergeht kein Tag, ohne dass ich lese und schreibe. Das gehört zu meinem Leben.

Ich bin eine, die sehr intuitiv lebt und agiert. Dennoch zielstrebig. Auch wenn sich das widersprüchlich anhört, so ist es das nicht. Ich bin immer sehr authentisch – daher auch schon mal sehr unbequem – und das, was in mir ist, muss heraus: das geschriebene Wort und die Gefühle für die wenigen Menschen, die ich liebe …

Aber bei beidem bin ich nicht inflationär. Ich schreibe nicht alles und liebe nicht jeden.

_Florian Hilleberg:_
Gibt es ein Thema, außer den Vampiren, über das du am liebsten schreibst? Was wäre dein größter Wunsch, welche Projekte würdest du gerne verwirklichen?

_Alisha Bionda:_
Auch Vampire sind nicht mein Lieblingsthema. Ich bin da nicht festgelegt. Der Plot muss mich ansprechen und gefangen nehmen. Das beste Beispiel sind meine „Schattenchronik“-Bände und die „Regenbogen-Welt“. Erstere sind ja eher düster und melancholisch und letzter ein lichter phantastischer Schöpfungsroman der etwas anderen Art. Ich sage es mal so: Außer reinen Liebesromanen reizt mich so ziemlich alles. Wie im Leben: Alles zu seiner Zeit! Das sieht man auch daran, dass es Zeiten gibt, da möchte ich auf jeden Fall alleine schreiben. Und dann wiederum fruchtet gute Zusammenarbeit, aber das kann ich nur mit ganz bestimmten Personen. Ich bin nicht der Typ, der mit jedem Co-Autor zusammenarbeiten könnte und wollte. Es gibt noch zwei Wunschkandidaten, mit denen leider bisher noch nichts in der Art zustande gekommen ist, wie ich es ab Band 4 in der „Schattenchronik“ begonnen habe.

Kommen wir zu deiner Frage, was mein größter Wunsch ist. Ich bin mal so kühn und äußere gleich zwei: Ich würde gerne eine ganz bestimmte Trilogie mit Wolfgang Hohlbein zusammen verfassen. Das ist ein sehr lange gehegter Wunsch. Und ich möchte mit Marc-Alastor E.-E. eine stilistisch schöne und |ausgereifte| düstere Novelle schreiben, die mit Muße reifen soll und mit viel Liebe zum Detail geschrieben wird. Ich hoffe, ich habe zu beidem die Gelegenheit! Die Zeit wird es zeigen!

_Florian Hilleberg:_
Welche Projekte von dir sind sonst noch geplant?

_Alisha Bionda:_
Über die BLITZ-Projekte hinaus – was nicht gerade wenige sind – möchte ich für drei meiner schon vor längerer Zeit begonnenen Anthologien eine Verlagsheimat finden, was zugegebenermaßen derzeit schwer ist. Aber dennoch bleibe ich am Ball, zumal die Anthologien sehr gut sind, sowohl inhaltlich, als auch von der Aufmachung wie Innenillus/ Grafiken. Dann werde ich zusammen mit Jörg Kleudgen noch den einen oder anderen Roman verschiedener Genres (u. a. einen Fantasy-Jugendroman) verfassen. Sonstige Co-Projekte sind auch angedacht. Aber mir schwirren auch zwei Romane im Kopf herum, für die ich mir so viel Zeit lassen möchte wie für die „Regenbogen-Welt“. Beide sind völlig gegensätzlicher Natur, was mich ja ohnehin reizt. Man muss immer alle seine Möglichkeiten ausschöpfen. Nur daran wächst man. Nichts ist schlimmer und erstickender als Stagnation. Privat und beruflich.

_Florian Hilleberg:_
Woher nimmst du deine Ideen? Gibt es auch Zeiten, in denen du eine Schreibblockade hast?

_Alisha Bionda:_
Was die Ideen angeht, so ist das sehr vielschichtig. Da sprühe ich ziemlich über, und daran mangelt es mir nicht. Ich müsste so alt wie Dilara werden, um alle umzusetzen – haha … Woher ich meine Ideen nehme? Wenn ich eine bestimmte Musik höre oder unterwegs bin, oder manchmal ist es ein Satz, den ich aufschnappe oder irgendwo lese. Und daraus entsteht etwas völlig Anderes, aber es sind Ideenlieferanten. Oder wenn es Auftragsarbeiten sind, befasst man sich mit der vorgegebenen Grundidee und recherchiert. Dank Internet ist das heutzutage immer interessanter und optimaler zu handhaben. Schreibblockaden hatte ich nie, bis vor gut einem Jahr. Da war ich während meiner Vampirserienarbeit in einer persönlich sehr emotional angespannten Situation und hatte die erste (und sofort heftige) Blockade, die furchtbar war, weil es einer inneren Gefangenschaft gleichkam – für ein ansonsten so reges Wesen wie mich doppelt schwer erträglich, und bleibt mir künftig hoffentlich erspart.

Aber es hat mir gezeigt, dass auch ich nicht davor gefeit bin. Ich bin ohnehin ein Mensch, der optimaler arbeiten kann, wenn er in sich ruht, dann explodiere ich förmlich vor Energie. Gottlob ist ein Teil meiner Wesenheit fast immer so … Ich bin emotional eine recht ausgeglichene Seeleneinheit: das Energiebündel und die stille, sanfte Melancholikerin. Ich genieße beide Seiten an und in mir und hoffe, die wenigen Menschen, die mir etwas bedeuten, auch. Weil ich in beiden Wesenheiten den wenigen, mir wichtigen Menschen sehr viel zu geben habe. Aber ich räume ein, nicht alle können damit umgehen. Der ein oder andere fühlte sich da schon überfordert und hat es vorgezogen, sich aus meiner Welt zu schleichen.

_Florian Hilleberg:_
Wer Romane schreibt, kommt unweigerlich in die Lage, seine Werke im Licht der Öffentlichkeit und im Kreuzfeuer der Kritik zu sehen. Wie gehst du damit um? Zumal Kritik leider nicht immer objektiv bleibt.

_Alisha Bionda:_
Das stimmt. Generell kann ich zur Kritik sagen: |Ich trage sie wie meine Diamanten, nämlich mit Fassung|. Besonders wenn sie erkennen lässt, dass der Rezensent nichts verstanden hat oder schon krude an das Buch heranging, wie z. B. jüngst die Rezension meines Romans „Regenbogen-Welt“ bei MEDIA MANIA. Da lache ich dann eher drüber und reagiere auch nicht, weil die Rezension dann für sich selbst steht und spricht; vor allem, wenn sich derjenige auch noch darin widerspricht. Manche denken halt, wer viel liest, kann auch rezensieren. Das ist ein Trugschluss.

Man muss es gelernt haben, Texte zu analysieren. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Der Rezensent eines Fantasy-Romanes |muss| erkennen können, dass es sich um |Fantasy| handelt, in der Insekten auch gerne mal nicht zu hundert Prozent einem Sachbuch entsprechen müssen. Vor allem!, wenn es sich um eine Schöpfungsgeschichte handelt, also eben jene Insekten bereits einen menschlichen Funken in sich haben und sich im Laufe der Handlung wandeln. Das zu erkennen, gelingt halt nicht jedem. Wenn derjenige eine hochentwickelte und mit Respekt zu behandelnde Mythologie als Esoterikkram abtut – nur weil er sie nicht verstanden hat – hat er in mehrfacher Sicht gefehlt. Da ist es verschwendete Zeit, sich darüber zu ärgern. Die kann man besser nutzen.
Darüber hinaus wusste schon MRR zu sagen: |besser schlecht besprochen, als gar nicht erwähnt|.

_Florian Hilleberg:_
Du mußt von Berufswegen schon sehr viel lesen, liest du privat auch noch Bücher, und wenn ja, welche?

_Alisha Bionda:_
Ich gestehe, dass ich kaum noch privat lesen kann, aber diese wenigen Bücher genieße ich dann besonders. Sie sind eher philosophischer Natur und beschäftigen mich daher meist auch recht lange. Was das Gros der anderen Bücher angeht, die ich lese, also Rezensionsbücher, so versuche ich nur solche zu wählen, die ich auch gerne privat lesen würde.

_Florian Hilleberg:_
Hast du einen Lieblingsort, an dem du liest?

_Alisha Bionda:_
Ich lese bevorzugt in freier Natur. Also am Strand, im Wald oder Gebirge.

_Florian Hilleberg:_
Was sind deine Hobbys?

_Alisha Bionda:_
Literatur, Kunst, Musik sind die wichtigsten Eckpfeiler meiner Hobbys. Fast alles, was damit zu tun hat, interessiert mich. Ich bin zum Beispiel eine rege Konzertgängerin. Aber es gab früher in meinem Umfeld auch kaum eine Vernissage, auf der ich nicht anzutreffen gewesen wäre. Reisen würde ich auch dort eingliedern, wenngleich ich es eher als kulturelle Horizonterweiterung ansehe.

Dann habe ich bestimmte Rituale, wie ich meinen Tag hier auf der Insel beginne und ausklingen lasse. Beides am Meer. Morgens – im Sommer schwimmend – bei Sonnenaufgang (das hat etwas Meditatives, weil ich dann mutterseelenalleine im Wasser bin) und nachts, in der Dunkelheit am Meer, an den Klippen, am Strand. Ich sitze dann da, lausche der Brandung, genieße meinen Zigarillo, und egal, was am Tag war – es fällt von mir ab. Dann wünsche ich mir eigentlich nur noch eines: den Mann, den ich liebe, an meiner Seite.

_Florian Hilleberg:_
Vielen Dank für dieses Interview, Alisha, und viel Erfolg für deine Projekte.

_Alisha Bionda:_
Ich habe zu danken!

http://www.alisha-bionda.de/
http://www.blitz-verlag.de/

Heine, E. W. – Papavera – Der Ring des Kreuzritters

Die rothaarige Papavera hat es schwer. Die fünfzehn Jahre junge Herrin von Burg Falkenstein wird wegen ihrer Haarfarbe und weil sie die Gesellschaft ihres Pferdes Tassilo der von Männern vorzieht von der Bevölkerung misstrauisch beäugt. Der ältere Gaugraf von Randersacker stellt ihr dreist nach, er sieht in ihr die Gelegenheit, seinen Besitz zu mehren, denn ihr Vater ist, seit er mit einem Kreuzzug in das Heilige Land aufbrach, verschollen.

Ein geheimnisvoller Ring mit einer ungewöhnlichen Inschrift, der ihrem Vater gehört, wirft Fragen auf. Ging er etwa nicht freiwillig auf den Kreuzzug? Als Papavera von dem Gaugrafen zwecks Heirat entführt wird, aber quer durch den Bärenzwinger des Grafen entkommen kann, eskaliert die Situation. Randersacker bezichtigt sie der Hexerei und setzt einen mit ihm verwandten Inquisitor auf sie an, dem Papavera jedoch immer wieder entkommen kann, was seinen Glauben, sie sei wahrlich eine Hexe, nur noch bestärkt.

Papavera muss fliehen und macht sich auf in das Heilige Land, auf der Suche nach ihrem Vater. Gejagt vom Inquisitor, lernt sie auf der Flucht den Liliputaner und Überlebenskünstler Leichtfuß kennen, mit dem sie über Venedig, wo sie einen reizenden jungen Mann kennen lernt, bis nach Akkon reist. Ihr rotes Haar erregt unter den Moslems Aufsehen, bis hin zu Kaiser Friedrich II. und dem Sultan verschlägt es Papavera auf abenteuerliche Weise.

Der in Berlin geborene E. W. Heine arbeitete einige Jahre als Architekt in Südafrika und arabischen Ländern. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Mittelalter-Roman „Das Halsband der Taube“. Ein gewisser Hang zum Makabren zeichnet seine Werke aus, und obwohl „Papavera“ im Gegensatz zum „Halsband der Taube“ ein Jugendroman ist, geht er auch hier nicht zimperlich mit seinen Charakteren um.

„Papavera“ ist kein weichgespülter Jugendroman, für Spannung und Aufregung wird oft durch drastische physische Bedrohung oder den Tod von Nebencharakteren gesorgt, der unverhofft jeden ereilen kann. Sehr schön beschreibt E. W. Heine das Leben im Altmühltal um 1200-1250. Dabei bleibt er historisch exakt und versteht dies blendend in die Erzählung einzubauen. So leidet Papavera unter der gesellschaftlich Männern untergeordneten Rolle der Frau und der Furcht vieler Menschen vor ihrem ungewöhnlichen roten Haar.

Obwohl Heine seine Charaktere in einer altertümlichen, schroffen und rauen Sprachweise reden lässt, verwendet er oft auch moderne Redewendungen wie „Weichei“ und lässt sie bemerkenswert fortschrittlichen Gedanken nachgehen. Wie in vielen Historienromanen, denkt auch Papavera wie ein Mensch unserer Zeit, nur Nebencharaktere folgen mittelalterlichen Denkansätzen, die deshalb oft ungerechtfertigt klischeehaft und primitiv wirken. Als Fünfzehnjährige ist sie für die damalige Zeit zum Beispiel keineswegs zu jung für eine Heirat.

Die Handlung hat einen ausgeprägten Reisecharakter, vom Altmühltal über Venedig bis in das Heilige Land in die Hände der Heiden verschlägt es Papavera. Dabei nützt Heine jede Station, um neue interessante Facetten der damaligen Welt und ihrer Menschen vorzustellen. Seine humorvolle Erzählweise gefiel mir dabei besonders gut. Liebenswerte Begleiter wie Leichtfuß, das Frettchen Friederike oder der Hengst Tassilo werden intelligent in die abwechslungsreiche Handlung eingebunden und dürften nicht nur jüngere Leser entzücken. Der verfolgende Inquisitor wirkt leider etwas aufgesetzt, es ist klar, dass er nur als Kraft dient, die Papavera vorantreibt; trotz handfester Bedrohung ihres Lebens konnte ich ihn zu keiner Zeit als Gefahr ernst nehmen.

„Papavera“ ist ein intelligenter, spannender und sehr abwechslungsreicher Roman, der das Mittelalter in voller Breite vor dem geistigen Auge des Leser wiederauferstehen lässt. Leider hat E. W. Heine zugunsten jüngerer Leser einige Konzessionen hinsichtlich Ausdruckweise und Weltbild seiner Hauptfiguren gemacht, was jedoch heute so üblich ist in historischen Romanen, dass es vermutlich nur wenige stören wird. Seine makaber-humorige Ader sorgt für gute Unterhaltung und ist das i-Tüpfelchen auf einer spannenden und lehrreichen Geschichte, die am Ende ein Familiengeheimnis aufdeckt und mit einer positiven moralischen Erkenntnis aufwartet.

Wem „Das Halsband der Taube“ gefallen hat, wird auch an „Papavera“ viel Freude finden, auch wenn das Buch deutlich auf jüngere Leser zugeschnitten und dementsprechend leichter zugänglich ist.

http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/

Hyung, Min-Woo – Priest – Band 6

[Band 1 1704
[Band 2 1705
[Band 3 1707
[Band 4 1709
[Band 5 1720

Der junge Ivan trachtet weiter nach dem Geheimnis der Domas Porada und ist dem Mysterium auch schon dicht auf der Spur. Jedoch bringt er bei seinen Forschungen mit den nebulösen Kollegen aus Klerus und Wissenschaft seine Halbschwester und Geliebte Geena in tödliche Gefahr, denn Raul Priesto und seine Untertanen planen, das junge Mädchen als Opfer für die Entschlüsselung der Domas Porada darzubringen. Erst als die Forschungen ins Schwanken geraten und Priesto anordnet, die Untersuchungen für kurze Zeit zu unterbrechen, um im Vatikan weitere Informationen einzuholen, wird Ivan skeptisch.

Die Erinnerung an eine Aussage Professor Martins ist ihm noch zu deutlich im Gedächtnis, denn bereits er deutete sein Misstrauen Priesto gegenüber an. Als der Wissenschaftler dann just in dem Moment verschwindet, in dem Ivan glaubt, das Geheimnis der Domas Porada geknackt zu haben, stellt er den mysteriösen Priester zur Rede und erfährt dabei von seinen wahren Motive. Doch zu diesem Zeitpunkt ist es bereits zu spät. Gena ist bereits in den Händen der gottgläubigen Anhänger Priestos, und durch die Entschlüsselung der Domas Porada droht das Böse in diese Welt zu gelangen …

_Meine Meinung_

Die Geschichte des jungen Ivan Isaacs setzt sich fort, und sein Bündnis mit dem teuflischen Belial steht unmittelbar bevor. Doch der Junge selber weiß noch nichts von seinem zukünftigen Schicksal. Getrieben von seinem unbändigen Willen, dem Geheimnis der Domas Porada auf die Schliche zu kommen, verschleiert er die Geschehnisse in seiner unmittelbaren Umgebung und bemerkt dabei nichts von der Verschwörung, die sich selbst in seinem Beisein zügig entwickelt. Und erst als Isaacs klar sieht und die Intrigen nicht mehr zurückschlagen kann, wird er sich der nach wie vor aktuellen, enormen Tragweite der Ereignisse bewusst, kann aber nichts mehr gegen die naiven Pläne des fiesen Priesto, des neuen Mediums des gefallenen Erzengels Temozzarela, unternehmen.

Im sechsten Band endet die vorläufige Vergangenheitsbewältigung von Ian Isaacs; seine Verbindung mit der Unterwelt und seine Rache stehen bevor, und genau hier werden die Gründe für sein späteres unbarmherziges Handeln erklärt. Damit endet auch eine sehr komplexe Rahmenhandlung, die nun das letzte Puzzlestück in der Geschichte von Ivan Isaacs und seinem Gegenspieler, dem in anderen Personen weiterlebenden Geist des Erzengels, einfügt.

Was in der nächsten Episode passieren wird, lässt sich daher auch schon erahnen. Belial hat nun endlich einen Anstoßpunkt, um Ivan für seine Zwecke zu gewinnen, der wiederum wird seine Rache kaltblütig ausleben und Priesto wiederum, der die Auswirkungen der Eröffnung der Domas Porada etwas leichtsinnig und falsch eingeschätzt hat, wird mit den Folgen zu kämpfen haben und sein Gottesbild neu ordnen müssen. Es ergeben sich also mal wieder massig neue Schauplätze mitsamt der altbekannten, gefährlichen Kontrahenten, so dass für künftige Showdowns bereits jetzt gesorgt ist. Somit bewahrt sich diese Serie auch ihren Extrastatus als Ausnahmereihe und lässt den erst kürzlich heraufbeschworenen Mythos weiterleben – sowohl in der extrem stark aufgebauten Handlung als auch in den tollen düsteren Zeichnungen.

_Fazit_

Einmal mehr sorgt „Priest“ – dessen Hollywood-Verfilmung als Trilogie bereits in Arbeit ist – für Manhwa-Unterhaltung auf oberstem Niveau. Die Würfel sind gefallen, die Vergangenheit bewältigt, von nun an geht es zurück in die Gegenwart, und die verspricht in den kommenden Bänden noch erbarmungsloser und härter als schon zuvor zu werden. Wer bis jetzt noch immer nicht die Chance ergriffen hat, sich dieser faszinierenden Serie zu widmen, sollte es spätestens jetzt tun. So definiert sich Spitzenklasse beim aufstrebenden Verlag |Tokyopop|!

http://www.tokyopop.de/

Arleston, Christophe / Varanda – Loxullios Formel (Elixier 1)

Christophe Arleston ist in den Reihen von |Carlsen Comics| kein Unbekannter mehr, schließlich hat er schon mehrere Sammelbände und Serien für den deutschen Verlag lizenzieren lassen. Unter anderen zeichnet er für verschiedene Geschichte um Troy verantwortlich und hat auch die Texte zu „Die Feuer von Askell“ und „Excalibur“ beigesteuert. Gemeinsam mit Zeichner Varanda hat er unlängst eine neue Reihe begonnen, nämlich das viel versprechende „Elixier“, das nun ebenfalls über das Hamburger Verlagshaus für den deutschen Markt zugänglich gemacht wurde.

_Story_

Tolriq ist ein echter Taugenichts. Bereits zum dritten Mal wiederholt er die erste Klasse der Universität der Magie in Amporch, doch auch im erneuten Anlauf stehen die Karten schlecht für den verwegenen Charmeur. Statt nämlich Formeln zu lernen und sein Studium voranzutreiben, hüpft der junge Schüler lieber durch die Betten der holden Meiden aus Amporch, fällt aber auch damit nicht selten auf die Nase. Als dann die Prinzessin Murmillia in der Universität auftaucht, um sich selber auch weiterzubilden, sind die übrigen Kursteilnehmer nicht sonderlich angetan von ihrem neuen Gast. Lediglich Schürzenjäger Tolriq, selber mal wieder zu spät zum Unterricht erschienen, findet die hysterische Prinzessin auf Anhieb sympathisch, wird aber von der Tochter des Botschafters von Lorunde ebenso abgewiesen wie all seine Vorgänger, die ihr Glück bei der jungen Majestät versuchten.

Doch die beiden finden doch noch unfreiwillig zusammen, als die Stadt von einigen Monstern aus heiterem Himmel angegriffen und dem Erdboden gleich gemacht wird. Ausgerechnet Tolriq soll nun die Prinzessin in Sicherheit bringen, doch weder die Beschützte noch ihre Leibwächterin sind von diesem Gedanken angetan. Doch Tolriq hat auch noch eine zweite Aufgabe: Kurz vor dem Angriff der feindlichen Wesen ist ihm eine Formel für ein Elixier ungeahnter Stärke überreicht worden. Und jetzt, wo er es nicht an den Mann bringen kann, ist er alleine für das wichtige Dokument verantwortlich, ist sich dessen aber bei all seiner Schwärmerei für die widerspenstige Prinzessin gar nicht bewusst …

_Meine Meinung_

Franzosen haben einen ureigenen, sympathischen Humor bei ihren Comics, das weiß man eigentlich schon seit dem ersten „Asterix“-Band. Und genau dessen bemächtigt sich auch Christophe Arleston bei seiner neuen Reihe wieder, indem er einige sehr eigenwillige Zeichentrick-Geschöpfe kreiert, die sowohl wegen ihres Charakters als auch durch ihre Ausdrucksweise auf Anhieb charmant erscheinen. Dass dem Autor von „Elixier“ gewisse Klischees nicht fremd sind, gehört dabei mit dazu, und so sind besonders die beiden Hauptfiguren Murmillia und Tolriq mit bekannten Eigenschaften fast schon überladen worden.

Die Prinzessin zum Beispiel ist eine Zicke, wie sie im Buche steht: faul, nie zufrieden, immer forsch und niemals ohne Befehlston, dazu nicht in der Lage, sich ohne fremde Hilfe durch die Welt zu bewegen. Ohne ihre ebenso barsche Begleiterin Fauda wäre sie auf der Flucht vor den finsteren Monstern, die Amporch plötzlich heimsuchen, jedenfalls völlig aufgeschmissen. Tolriq indes ist zwar nicht grundsätzlich dumm, tritt aber in jedes sich bietende Fettnäpfchen. Er ist der Held in „Elixier“, denn auf ihm ruht eine enorme Verantwortung, vom der eventuell sogar das Schicksal der gesamten Welt abhängt. Nur weiß er davon noch wenig … noch!

Neben diesen beiden Figuren gefallen auch die detailreich vorgestellten anderen Charaktere, allen voran das kleine Glupion, das den neu zusammengefundenen Gefährten mehrmals aus der Patsche hilft, anscheinend aber auch ein ziemlich großes Geheimnis verbirgt. Zu dieser Auswahl gehören allerdings auch die vielen verschiedenen Monster, mit denen sich der unfähige Kämpfer Tolriq, die beiden Damen und ihre Begleiter aus der zwischenzeitlich aufgesuchten Herberge herumschlagen müssen, und die auch sehr schön gezeichnet wurden. Varanda hat sich nicht auf eine Spezies konzentriert, sondern eine ganze Reihe finsterer Gestalten entworfen, und das mit viel Liebe zum Detail. Gerade in den prall gefüllten Bildern, in denen die gesamte Szenerie von gegeneinander kämpfenden Horden gezeichnet ist, fällt dies sehr positiv auf.

Die Entwicklung der Handlung kann mit diesem sehr positiven Eindruck auch Schritt halten. Arleston hat einige tolle Ideen eingefügt, um diese humorvolle Fantasy-Geschichte weiterzuführen, so zum Beispiel den Allgegenwartspalast oder die Hydra, der sich die Gefährten in einem spannenden Kampf stellen müssen. Nicht zu vergessen natürlich die hier nur kurz angeschnittenen magischen Formeln und die Elixiere, mit denen man in Amporch dem Bösen gegenübertreten wollte, welche aber bislang noch nicht so zum Zuge gekommen sind. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass wir für die nachfolgenden Hefte noch einiges erwarten dürfen, denn trotz eines rasant voranschreitenden Plots scheint Teil 1 „Loxullios Formel“ nur der Anfang einer umfangreicheren, gelungenen neuen Reihe zu sein.

„Elixier“ bietet schließlich für beide Gruppen etwas: Die einen werden sich an den vielen Action-Szenen und den Fantasy-Elementen ergötzen, die anderen werden über den sympathischen Humor des Autors lachen, der sich aber auch in den witzigen Illustrationen von Zeichner Varanda zeigt. Weder am Inhalt noch an den Zeichnungen gibt es hier etwas auszusetzen! Und da Fans beider Sparten in diesem eröffnenden Band schon voll und ganz auf ihre Kosten kommen, verdient diese Serien auch eure Aufmerksamkeit.

http://www.carlsen-comics.de

Stewart, Paul / Riddell, Chris – Rook und der schwarze Mahlstrom (Die Klippenland-Chroniken VI)

Folge 1: [„Twig im Dunkelwald“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=1936
Folge 2: [„Twig bei den Himmelspiraten“ 1999
Folge 3: [„Twig im Auge des Sturms“ 2101
Folge 4: [„Twig – Fluch über Sanktaphrax“ 2161
Folge 5: [„Rook und Twig, der letzte Himmelspirat“ 2329

Mal wieder wird das Klippenland durch ein starkes Ungleichgewicht aufgerüttelt; die Wächter der Nacht, die Koboldarmee und die Harpyien kämpfen um die Vorherrschaft, nachdem Vox Verlix, dem Allerhöchsten Akademiker des Landes, die Herrschaft über Neu-Sanktaphrax entzogen wurde. Insgeheim plant der ehemalige Machthaber jedoch schon seine Rückkehr und spinnt in den Gemächern seines Palastes einige Intrigen.

Rook Barkwater bekommt von den Geschehnissen nur am Rande etwas mit, steckt aber plötzlich mittendrin im Schlamassel, als er bei einem Erkundungsflug über Gröllstadt von den Nutznießern des Krieges abgeschossen wird. Auf dem Sklavenmarkt wird er an Hestera Stachelsap verkauft, die Köchin von Vox Verlix, die zudem als Hexe verschrieen ist. Während sein neuer ‚Besitzer‘ sich redlich darum bemüht, die kriegerischen Parteien gegeneinander aufzuhetzen, damit diese sich am Ende gegenseitig zerstören, erfährt Rook interessante Dinge.

Gerüchten zufolge soll schon innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden ein gewaltiger Sturm losbrechen und Neu-Sanktaphrax in seinen Grundfesten erschüttern. Als die Wolkengucker die Befürchtungen schließlich bestätigen, überwindet Rook all seine Ängste und zieht los in den Kampf für die Zunft der Bibliothekare, die noch vor Eintreffen des schwarzen Mahlstroms evakuiert werden müssen. Doch das ist keine leichte Aufgabe für jemanden, der plötzlich nur noch den Status eines Sklaven innehat …

_Meine Meinung_

Im sechsten Teil der „Klippenland-Chroniken“ ist Rook zum ersten Mal seit Anbeginn der Serie der alleinige Held und kommt mit diesem Schicksal auch gut zurecht. Ähnlich wie Twig vor ihm wird er in dieser Episode ins eiskalte Wasser geschmissen und muss nun als schmächtiger junger Mann das gesamte Land vor dem Sturm retten. Im Vergleich zu Twig schlägt sich Rook aber noch ein ganzes Stück tapferer; er befindet sich sofort inmitten der Gefahr und muss viel zügiger handeln als der zu Beginn immer noch arg unsichere Twig. Allerdings spielen ihm die Ereignisse trotz allem immer wieder in die Hand, so dass der junge Barkwatwer die Situation selbst in der ‚Gefangenschaft‘ immerzu im Griff hat.

Daher ist „Rook und der schwarze Mahlstrom“ auch nicht mehr ganz so spannend wie der direkte Vorgänger. Mal davon abgesehen, dass man ja eigentlich schon weiß, dass die Geschichte ein Happy-End haben wird – schließlich gibt es ja auch noch eine Fortsetzung -, lassen sich viele bevorstehende Ereignisse um den Hauptakteur von vornherein absehen. Schon bei seinem Flug durchs Klippenland weiß man, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis Rook ins nächste Abenteuer geschickt wird, und so kommt es dann auch. Und diese Momente gibt es in Folge Nr. 6 dann doch relativ häufig. Spannung gibt es also hier nur in reduzierter Form.

Kaschiert werden kann dieser leichte Mangel aber einmal mehr durch die tollen Beschreibungen der Schauplätze und Personen, erneut vorgetragen von Volker Niederfahrenhorst. Wieder mal gibt es im Klippenland Neues zu entdecken, und auch wenn man die meisten (guten wie bösen) Helden schon aus älteren Episoden kennt, fügt Paul Stewart dem Ganzen immer noch neue Charaktere bei, die die Welt um Neu-Sanktaphrax spürbar beleben – in diesem Fall sind es Teile der Völker, die sich in den teils schon heftigen Auseinandersetzungen bekriegen.
Dieses Mal handelt es sich dabei jedoch nicht nur um Gerangel und leichte Grabenkämpfe, sondern schon vielmehr um echte kriegerische Auseinandersetzungen, die für manche Personen mit dem blutigen Tod enden. Und genau in diesem Punkt möchte ich auch meine Kritik ansetzen, denn die ansonsten eher fröhliche Stimmung der Serie leidet schon ein bisschen unter den etwas gewaltsameren Darstellungen, selbst wenn sie durch die Stimme von Niederfahrenhorst ein wenig verharmlost werden. Natürlich ist „Rook und der schwarze Mahlstrom“ kein Gemetzel, aber vergleichsweise hart ist die Story an manchen Ecken schon. Und da bezweifle ich ernsthaft, dass das nötig war!

Ansonsten ist aber alles wie gehabt; eine schöne Geschichte, wunderbare Figuren und viele tolle Ideen – nur die Spannung, die ist wegen der manchmal vorhersehbaren Entwicklung diesmal nicht ganz so groß. Ansonsten gilt aber ganz klar: Wer Twig und Rook auf ihren bisherigen Streifzügen durchs Klippenland begleitet hat, sollte auch mit Rook zusammen gegen den schwarzen Mahlstrom ankämpfen!

http://www.patmos.de

Goldberg, Myla – Buchstabenprinzessin, Die

Eliza Naumann ist eine mittelmäßige Schülerin. Unscheinbar schwimmt sie im Mittelfeld, bringt mittelmäßige Noten mit nach Hause und ist mittelmäßig interessiert, so dass selbst ihr Vater Saul kaum mehr darauf hoffen möchte, dass Eliza vielleicht etwas Besonderes sein könnte. Sie scheint so ganz anders als ihr älterer Bruder Aaron zu sein, dem schon von Anbeginn seiner Schullaufbahn die Begabtenförderung zuteil wurde. Für Saul ist Eliza damit eine Enttäuschung. Das ändert sich, als Eliza den Buchstabierwettbewerb an ihrer Schule gewinnt und zur Regionalausscheidung fahren darf.

Als sie auch den Regionalwettbewerb für sich entscheiden kann, steigt sie in der Gunst des Vaters, sieht der Rabbi und Kabbala-Forscher in dem jungen Buchstabiertalent doch seine Hoffnungen genährt, dass er endlich eine Gemeinsamkeit gefunden hat, die er mit seiner Tochter teilen kann. Beide teilen schließlich ihre Buchstaben-Faszination und so vertiefen Vater und Tochter sich fortan in die Geheimnisse des Buchstabierens und rücken dabei auch den Geheimnissen der Kabbala immer näher – sehr zum Leidwesen von Aaron, der sich in der Gunst des Vaters zurückgesetzt fühlt.

Das gemeinschaftliche Gitarrengeklimper von Vater und Sohn verschwindet im Ehrgeiz der Vorbereitungen auf den Nationalen Buchstabierwettbewerb völlig aus Sauls Zeitplan und damit auch Aaron fast unmerklich aus dem Leben seines Vaters. Galt er sonst in der Synagoge als Vorzeige-Jude, orientiert Aaron sich fortan an anderen religiösen Weltbildern, auf der Suche nach einem tieferen Sinn für sein Leben. Ehe Saul überhaupt etwas von der Veränderung bemerkt, hat Aaron sich auch schon einer Sekte zugewandt.

Doch Aaron ist nicht der Einzige, der sich unmerklich aus dem Familienleben der Naumanns herauszulösen beginnt. Auch Sauls Ehefrau Miriam, die als Rechtsanwältin arbeitet, entgleitet immer mehr in ihr verborgenes Dasein fernab der Familie, bis sie schließlich an ihrem geheimen Doppelleben zu zerbrechen droht. Ohne dass Saul es hätte kommen sehen, steht er eines Tages vor den Trümmern dessen, was einmal eine vorbildliche Familie war …

Myla Goldberg spinnt in ihrem Debütroman „Die Buchstabenprinzessin“ ein Familiendrama, welches das kaum spürbare, stetige Auseinanderbrechen familiärer Strukturen thematisiert. Die Naumanns sind eine Familie, in der jeder freizügig seinen eigenen Interessen nachgeht. Der Vater verrammelt sich stundenlang im Arbeitszimmer über seinen Schriften und will auf keinen Fall gestört werden, so dass er kaum mitbekommt, dass seine Tochter einen Buchstabierwettbewerb gewonnen hat, während die Mutter sich in ihrem Job verkriecht und selten pünktlichen zum Abendessen zu Hause ist.

In gewisser Hinsicht sind die Naumanns eine moderne Familie. Saul kümmert sich um Abendessen und Schulsorgen, während Miriam den Großteil des Unterhalts bestreitet. Souverän, weltgewandt und in gewisser Weise lässig wirkt das Familienleben der Naumanns. Die Eltern gehen selbstbewusst ihre Wege, nur die Kinder hadern noch mit den Tücken von Kindheit und Pubertät.

Doch wie labil das auf den ersten Blick noch so robuste familiäre Gefüge ist, zeigt Myla Goldberg innerhalb recht weniger Romanseiten. Elizas Triumph bei den Buchstabierwettbewerben bringt das empfindliche, eingespielte Gleichgeweicht zwischen den Familienmitgliedern aus der Balance. Saul widmet seine volle Aufmerksamkeit nur noch seiner Tochter und die Konsequenzen sind fatal. Goldberg zeigt, wie leicht zwischenmenschliche Beziehungen vor die Hunde gehen können, sobald sie einmal aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Die Art, wie Goldberg dem Leser ihre familiäre Beziehungsstudie serviert, ist im Großen und Ganzen wirklich gelungen. Sie macht die Charaktere greifbar und begreifbar. Wie ein Puzzle fügt sich im Laufe der Zeit das Bild einer Familie zusammen, in der die Erwachsenen immer mehr mit sich selbst als mit den anderen beschäftigt sind. Skizzenhaft entwickelt die Autorin ihre Figuren, streut Rückblenden in das Geschehen ein und springt zwischen den einzelnen Familienmitgliedern hin und her. Die Erzählung bekommt auf die Art einen erfrischenden episodenhaften Charakter.

Verhaltensweisen und Gedanken der Protagonisten werden dabei größtenteils durchaus begreiflich. Lediglich Miriam bleibt dem Leser irgendwie fremd. Sie ist eine ausgesprochen sonderbare Personen und der Plot rund um ihre Geschichte wirkt etwas überzogen und unglaubwürdig. Man wird nicht so recht warm mit ihr und auch wenn Goldberg am Ende sämtliche Facetten ihres Familiengemäldes freilegt, bleibt Miriam ein verschwommener Punkt des Bildes, der den Gesamteindruck etwas trübt.

Sprachlich macht Goldberg dagegen wieder einiges an Boden gut. Sie formuliert treffsicher und immer wieder auch mit einer gewissen Prise Witz. Sie versteht sich auf bildhafte Beschreibungen und skizziert vor dem Auge des Lesers ein recht lebhaftes Bild von Protagonisten und Handlung. So entpuppt sich „Die Buchstabenprinzessin“ als durchaus unterhaltsame Lektüre, mit einem nicht zu leugnenden sprachlichen Pepp.

Als zusätzliche Würze enthält der Roman obendrein einen kleinen Einblick in das Leben jüdischer Familien in Amerika. Goldberg schildert den Familienalltag auch unter dem Augenmerk des jüdischen Glaubens, was einen durchaus interessanten Nebenaspekt des Romans ausmacht.

Für Cineasten ist übrigens interessant zu wissen, dass „Bee Season“, wie das Buch im amerikanischen Original heißt, im letzten Jahr in Hollywood verfilmt wurde und in den US-Kinos auch schon lief. Dürfte also nur noch eine Frage der Zeit sein, wann auch der deutsche Kinogänger Richard Gere in der Rolle des Saul dabei beobachten darf, wie um ihn herum seine Familie zerfällt, während er mit seiner Tochter |Aquädukt| buchstabiert.

Bleibt als Fazit festzuhalten, dass Myla Goldberg mit „Die Buchstabenprinzessin“ ein durchaus interessantes Debüt geglückt ist. Sie skizziert ein Familiendrama mit lebhaften Figuren, von denen lediglich Miriam einen faden Beigeschmack zurücklässt. Ansonsten überzeugt Goldberg durch ihre lockere Art zu erzählen und ihre fein geschliffene Sprache, die das Buch zu durchaus unterhaltsamer Lektüre macht.

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Salvatore, R. A. / Dabb, Andrew / Seeley, Tim – Heimatland (Forgotten Realms – Die Saga vom Dunkelelf 1)

Neben der vor kurzem veröffentlichten [Comic-Adaption 2417 der „Dragonlance“-Reihe von Richard A. Knaak haben |Panini| nun eine weitere Reihe aus der Welt von „Dungeons & Dragons“ übernommen, nämlich „Die Saga vom Dunkelelf“ aus der Reihe „Vergessene Reiche“.

Verantwortlich für diese populäre Geschichte ist niemand Geringerer als R.A. Salvatore, der sich wie kaum ein zweiter Autor aus dem „Dungeons & Dragons“-Universum in diesem Genre verdient gemacht hat. Allerdings hatte Salvatore bei der Comic-Umsetzung einige Bedenken. Er selber ist schließlich bekannt dafür, seine Romane ziemlich breit auszuschmücken, und so konnte er sich nur bedingt vorstellen, ein ganzes Buch in einer knapp 150 Seiten starken Graphic Novel unterzubringen.

Die radikalen Kürzungen behagten Salvatore jedenfalls nicht, doch nachdem der Autor nun das finale Produkt begutachtete, konnte er alle Zweifel beiseite räumen. Gemeinsam mit Zeichner Tim Seeley und Skript-Autor Andrew Dabb ist es ihm tatsächlich gelungen, sein düsteres Epos in umwerfender Form zu adaptieren. Das Ergebnis, die erste Geschichte mit dem Titel „Heimatland“, ist nämlich absolut überwältigend!

_Story_

In der ewigen Dunkelheit der Höhlen von Menzoberranzan lebt das in viele Familien und Häuser gespaltene Volk der Dunkelelfen. Unterwürfig geben sie sich dem Willen ihrer Spinnegöttin Lolth hin, deren Gunst für die weiblichen Anführer der jeweiligen Völker das maßgebliche Lebenselixier darstellt. Mitten in diese Welt hinein wird der junge Drizzt als Prinz des Hauses Do’Urden geboren – und dies zu einer Zeit, in der sich der Stamm der Do’Urden im Krieg befindet. Mit einem Schlag haben seine Vorfahren das Haus Devir ausgelöscht und so ihre Position in der Rangfolge weiter verbessern können. Doch abseits des Geschehens hat ein Mann aus Devir überlebt, der nun gesichtslos durch die Höhlen von Menzoberranzan wandelt und sich geschworen hat, eines Tages Rache an denjenigen zu nehmen, die seine Familie vernichtet haben.

Während Alton Devir nach Antworten bei seinem geheimen Rachefeldzug sucht, entwickelt sich der junge Drizzt an einer Akademie zum stärksten und am meisten gefürchteten Kämpfer der Höhlenwelt. Neun Jahre harter Drill und die Einführung in die Magie haben bei dem Prinzen von Do’Urden Wirkung gezeigt, konnten ihn aber dennoch nicht einschüchtern. Drizzt steht nämlich nicht hinter den Idealen seines Volkes und akzeptiert die Morde an unschuldigen Dunkelelfen und anderen Lebewesen an der Oberfläche von Menzoberranzan nicht. Er geht seinen eigenen Weg, und das erfolgreich, jedoch nicht zum Gefallen seiner Herrin Malice, die über ein Medium erfährt, dass ein anderer Stamm die Do’Urden angreifen wird. Als sie herausbekommt, dass Drizzt bei einem Feldzug an der Oberfläche den Mord an einem Elfenkind nur angedeutet, aber nicht vollzogen hat, hält sie ihn für einen Verräter am eigenen Volk und spricht die Todesstrafe für ihn aus.

Drizzt realisiert die Bedrohung allerdings gar nicht. Er ist selber damit beschäftigt, die Widersacher aus den eigenen Reihen in die Schranken zu weisen und zu akzeptieren, dass sein Ausbilder Zaknafein gleichermaßen sein Vater ist. Erst als er erneut bei der erzürnten, jederzeit um die Gunst der Spinnengöttin buhlenden Malice vorstellig wird und mit ansehen muss, welch grausames Opfer die mörderische Anführerin der Do’Urden ihrem Volk gebracht hat, ist sich Drizzt sicher, dass er sich von der verräterischen, intriganten Sippe der Dunkelelfen lösen muss. Doch zu diesem Zeitpunkt ist es für manche bereits zu spät …

_Meine Meinung_

Nach intensiver Auseinandersetzung mit der graphischen Umsetzung dieses erfolgreichen Romans kann ich die Bedenken, die R. A. Salvatore in seinem Vorwort äußert, gut nachvollziehen. Es ist nämlich wirklich so, dass einem die 144 Seiten, die „Heimatland“ umfasst, für den sehr umfangreichen Inhalt sehr knapp erscheinen. Immerhin wird dem Leser hier die komplette Entwicklung des Hauptcharakters Drizzt von der Geburt über die erfolgreiche Ausbildung bis hin zur schicksalhaften Lösung von seinem Volke erzählt, und dies samt all der vielen Ränke und Intrigen, die über Jahre verteilt im Hintergrund ablaufen. Alleine die Vorstellung der ganzen Gruppierungen unter den Dunkelelfen erfordert schon einen gewissen umfassenden Rahmen und kann nicht mal eben so nebenbei abgehandelt werden. Ebenso muss dem Leser die Chance gegeben werden, sich ein Bild von den recht komplexen Verstrickungen in der Höhlenwelt Menzoberranzan zu machen, was gar nicht so einfach ist, wenn man mal bedenkt, über welchen vergleichsweise langen Zeitraum sich der hier vorgestellte Plot erstreckt.

Es galt also bereits im Vorfeld, Prioritäten abzustecken und Schwerpunkte zu setzen, und genau hier haben die Macher des Comics dann auch ein sehr gutes Gespür bewiesen. Trotzdem ist es aber gerade für die Fraktion, die sich noch nicht so ausführlich mit dem Thema „Dungeons & Dragons“ beschäftigt hat, mitunter sehr schwierig, anfangs Zugang zur Story zu finden, denn man ist bereits auf Seite 1 mitten im Geschehen drin und braucht fortan einige Zeit, um die einzelnen Charaktere kennen zu lernen. In rasanten Sprüngen wird so zu Beginn die Fehde zwischen den Häusern Devir und Do’Urdan nacherzählt, die als Basis für die spätere Entwicklung der guten und bösen Helden dient. Über diesen Zwist und die ersichtlichen Konsequenzen gelangt man jedoch sehr gut in die Welt der Dunkelelfen hinein und kann sich schon relativ früh mit der weiteren Entwicklung von Drizzt beschäftigen, die allerdings partiell auch in sehr großen Sprüngen dargestellt wird, bei denen manchmal mehrere Jahre überschlagen werden. Beim Erkunden der Hintergründe kann der Comic folgerichtig auch nicht ganz mit dem Roman mithalten, muss er aber auch nicht.

Dafür hat die Adaption der „Sage vom Dunkelelf“ aber ganz andere Qualitäten, zum Beispiel die spitzenmäßigen Zeichnungen von Tim Seeley sowie die durchweg düstere Atmosphäre, die vor allem durch die schwarzhäutigen Unterweltelfen ausgestrahlt wird. Das gesamte Buch ist ein einziger Schatten, sowohl auf der Handlungs- als auch auf der visuellen Ebene – wobei Schatten in diesem Falle ein positiver Begriff ist! Im Vergleich zur vorangegangenen Graphic Novel von Richard A. Knaak hat „Die Saga vom Dunkelelf“ sogar die Nase leicht vorn, weil hier die beklemmende Stimmung in der Welt der Hauptfiguren unheimlich intensive Züge annimmt und den Leser sehr eindringlich an dieses Buch fesselt. Und das kann ja auch nur dann gelingen, wenn die Umsetzung stark ist.

Allen Befürchtungen des Original-Autors zum Trotz, ist der Beginn dieser neuen Fantasy-Comic-Reihe ein echtes Schmankerl geworden, das Fans des sehr beliebten R. A. Salvatore möglicherweise zum Comic führen wird, umgekehrt aber auch die Anhängerschaft der graphisch unterlegten Literatur für die Welt von Salvatore und „Dungeons & Dragons“ begeistern sollte. Beide Seiten üben – hier erneut bewiesen – eine ungeheure Faszination aus und gehören somit auch zur Pflichtlektüre für Freunde beider Genres!

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McCrery, Nigel – Fremde ohne Gesicht , Die

Dr. Samantha Ryan, gerichtsmedizinische Gutachterin und Pathologin in der englischen Universitätsstadt Cambridge, wird an den Schauplatz eines Prominentenmordes gerufen. Das Opfer: Sophie, Gattin des Unterhausabgeordneten John Clarke. Erdrosselt liegt sie nackt und gefesselt auf ihrem Bett. Die Medien belagern die Stätte und belauern die ermittelnden Beamten. Ein Skandal liegt in der Luft, und vielleicht lässt sich den prominenten Beteiligten sogar quotenförderlich am Zeug flicken!

Zumal sich ausgerechnet Detective Sergeant Stanley Sharman für diesen Fall interessiert. Er ist ein ausgezeichneter Polizist, dessen Privatleben jedoch ein Trümmerfeld ist. Außerdem unterliegt er einem Drang zur beruflichen Selbstzerstörung. Gern würde ihn Superintendent Tom Adams endgültig kaltstellen. Er lässt ihm einen Fall weit ab vom Clarke-Getümmel übertragen: Auf einer wilden Müllkippe wurde eine skelettierte Leiche gefunden. Ein Fixer, der sich hier den „goldenen Schuss“ gesetzt hat, so heißt es.

Doch schon wieder muckt Sharman auf. Einige Indizien am Fundort deuten für ihn auf Mord hin. Da es kein Geld und keine Leute gibt, versichert sich Sharman der Unterstützung Sam Ryans, die selbst ein Hühnchen mit Adams zu rupfen hat, der bis vor einiger Zeit ihr Lebensgefährte war und sie dann für eine andere Frau verließ. Seitdem herrscht Krieg zwischen dem Superintendent und der Pathologin, der zum Tagesgespräch in den Revieren und Seziersälen von Cambridge geworden ist.

Dass Sharman Recht hat und dies dank Ryans Hilfe beweisen kann, fördert die Harmonie keineswegs. Schlimmer noch: Sharman mischt sich weiterhin auch in den Clarke-Mordfall ein. Dort hat ein anonymer Tipp inzwischen zur Festnahme des Assistenten von John Clarke geführt. Seine DNS wurde an der toten Sophie festgestellt. Sharman glaubt an ein Komplott, das der Polizei einen Sündenbock präsentieren soll. Zu seinem Schrecken muss Adams feststellen, dass dies zutreffen könnte.

Unverdrossen setzen Sharman und Ryan – inzwischen unterstützt von Sharmans Freundin, einer Prostituierten, und einem unternehmungslustigen Kunststudenten – ihre „inoffiziellen“ Ermittlungen fort. Sie locken nicht nur einen völlig neuen Verdächtigen aus seiner Deckung, sondern stoßen auf Verbindungen zwischen der Toten auf der Müllkippe und der ermordeten Sophie. Dahinter stecken Leute, die viel zu verlieren haben und wenig Rücksicht kennen. So wird aus der Suche nach der Wahrheit für Sam Ryan und ihre Mitstreiter bald ein Kampf ums Überleben, den einige Teilnehmer verlieren werden …

Zwei Morde und ihre Aufklärung – so lässt sich der Plot dieses vierten Abenteuers um die Pathologin Samantha Ryan zusammenfassen. Nichts Originelles also, aber das ändert sich rasch (auch wenn sich Verfasser McCrery da eher auf dem Holzweg befindet; dazu später Näheres). Die Hindernisse, die einer raschen Aufklärung entgegenstehen, sind primär hausgemacht: Wie die Kesselflicker raufen Kriminalpolizei, Politik und Medien. Die einen treiben Ehrgeiz und Profilsucht zur möglichst raschen Aufklärung, die anderen fürchten genau das, denn es gilt noch einige Tatsachen zu vertuschen, die kein gutes Licht auf manchen Beteiligten werfen.

Ein Prominentenmord ist kein einfacher „Fall“, das macht Nigel McCrery uns deutlich. Da ergeben sich Möglichkeiten und Gefahren, Seilschaften werden aktiviert, alte Gefälligkeiten eingefordert, neue Mauscheleien in Gang gesetzt. Wehe dem, der sich in dieser Schlangengrube „nur“ als Ermittler sieht, der vor allem das Verbrechen klären will. Wie das zu geschehen hat, das wird „von oben“ diktiert!

Diese internen Querelen zu verfolgen, ist mindestens ebenso spannend zu beobachten wie die Art und Weise, wie sich Sam Ryan und Stanley Sharman unbeirrbar auf ihren Kreuzzug für Gerechtigkeit begeben. Das ist gut so, denn mit fortschreitender Handlung wird diese leicht fadenscheinig. Die Verknüpfung des Clarke-Mords mit dem Leichenfund auf der Müllkippe ist schon konstruiert genug. Dann bastelt McCrery noch eine gar schröckliche Brücke zum Klischee-Grusel Snuff-Porno, der sich hier publikumswirksam mit dem realen Balkangrauen der unmittelbaren Vergangenheit verleimen lässt.

Die vom Verfasser gelieferten „Erklärungen“ überzeugen nicht. McCrery setzt den Plot endgültig mit einer Last-Minute-Entlarvung des Mörders in den Sand, die so unvermittelt wie lächerlich in Szene gesetzt wird. Glücklicherweise sind wir da bereits auf den letzten Seiten. Die bis dahin positive, weil spannend erzählte Story kann dadurch nur noch marginal beschädigt werden.

Der britische Kriminalroman ist mit Recht bekannt für seine gelungene Mischung aus Spannung und Alltagsrealität. Keine Deduktions-Maschinen gehen hier heldenhaft & vollautomatisch ihrem Job nach. Menschen sind es, die sich gern selbst im Weg stehen, während sich Beruf und Privatleben ständig vermischen.

Samantha Ryan ist daher ein angemessen widerborstiger Charakter. (So muss man es wohl im Zeitalter glatt gebügelter Ermittlerfiguren bezeichnen.) Sie ist ein echtes Arbeitstier und gut in ihrem Job; fast zu gut, denn sie ist sich ihres Könnens durchaus bewusst und legt großen Wert darauf, fachlich ernst genommen zu werden. Freilich neigt sie zur Kleinkrämerei. Im Kriminalroman ist das ein wertvoller Charakterzug, sticht Sam Ryan doch deshalb so manches Indiz ins Auge, das die eher nach Dienstplan agierenden Kollegen übersehen.

Dank kann Dr. Ryan dafür nur selten erwarten: Genau wie im richtigen Leben schildert Autor McCrery ein Arbeitsklima, in dem Genialität unerwünscht ist bzw. sich dem hierarchischen Denken unterzuordnen hat. Missgünstig und neidvoll beobachten die Ermittler einander. Karriere machen vor allem Streber und Arschkriecher mit den „richtigen“ politischen Verbindungen und guten Kontakten zur Presse.

Die wirklich fähigen Männer und Frauen fristen dagegen allzu oft ein frustriertes Berufsleben im Verborgenen. Stanley Sharman ist so ein Quertreiber, der sich einfach nicht anpassen kann und will. In einem US-amerikanischen Kriminalroman würde man so eine Figur vermutlich nicht entdecken: ein ruppiger, ständig die Konfrontation suchender Polizist, der privat in eine bizarre Liebesgeschichte mit einer Nutte verwickelt ist, woraus er nicht einmal einen Hehl macht. Sam Ryan leidet hingegen noch immer unter den Nachwirkungen einer hässlich gescheiterten Liebesbeziehung zu Superintendent Tom Adams, mit dem sie zur engen Zusammenarbeit gezwungen und sich dabei für eine hässliche Privatfehde keineswegs zu schade ist.

Die ständigen Streitigkeiten zwischen den handelnden Personen wirken keineswegs – auch hier ist McCrery lobenswert realistisch – katalytisch auf die Ermittlungen. Stattdessen zermürben sie und binden Energie, die besser in die Suche nach dem Mörder investiert werden sollte. Aber harmonisch ideensprühend funktioniert ein kriminalistisches Team halt nur in mittelmäßigen TV-Serien.

Das kriminalistische Prozedere ist gut recherchiert und dort, wo es nicht diversen dramatischen Zuspitzungen zum Opfer fällt (der Bulle & die Nutte; also bitte, Mr. McCrery!), überzeugend in der Schilderung – kein Wunder, war der Verfasser (geboren 1953 in London) doch selbst neun Jahre als Polizeibeamter tätig. Als akademischer „Spätberufener“ studierte er später in Cambridge (aha!), arbeitete dann für die BBC und entwickelte dort die Figur der Samantha Ryan. Sie sollte ihm Glück und klingende Münze einbringen, denn sie fand 1996 nicht nur ihren Weg ins Fernsehen, sondern wurde dort vor und hinter der Kamera außergewöhnlich sorgfältig und kundig in Szene gesetzt.

„Silent Witness“, eine Serie spielfilmlanger, lose verbundener Episoden, entwickelte sich umgehend zum Straßenfeger und wird bis heute mit Amanda Burton in der Rolle ihres Lebens fortgesetzt. McCrery kam mit dem Schreiben bald nicht mehr nach, so dass andere Autoren die Drehbücher verfassten, was aber dem Erfolg keinen Abbruch tat, da es – diese Rezension hat es wohl deutlich gemacht – viele Schriftsteller gibt, die McCrery in Sachen Einfallsreichtum das Wasser reichen können.

In Deutschland wurde „Silent Witness“ ausgerechnet von RTL, dem dümmsten aller großen Privat-TV-Sender, ins Programm aufgenommen, und fiel dort lange wohl nur den hartgesottensten Krimifreunden auf. Auch den Büchern zur Serie war das Schicksal zunächst wenig hold, wurden sie doch im |vgs|-Verlag, der sich auf Reißbrett-Romane zu billigen TV-Serien spezialisiert hat, deutlich unter Wert verheizt. Nun geschieht den Bänden zumindest im Taschenbuch Gerechtigkeit – eine Chance, die der Krimifreund nutzen sollte!

Denn Nigel McCrery zeigt sich ungewöhnlich anpassungsfähig. Wie viele Kriminalrätsel kann das beschauliche Cambridge noch hergeben? Mit wem kann sich Sam Ryan noch verkrachen? McCrery mag kein begnadeter Autor sein; er ist sich jedenfalls der Tatsache bewusst, dass er sich zu wiederholen beginnt. „Die Fremde ohne Gesicht“ legt daher das Fundament für jene Veränderungen, die in der „Silent Witness“-TV-Serie, die nach den Romanen entsteht, bereits vollzogen wurde: Dr. Ryan zieht einen Strich, kündigt ihren Job und geht nach London. Ein neuer „Spielplatz“ mit neuen Möglichkeiten tut sich damit auf.

http://www.piper.de